Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter

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„Wild“ – Der letzte Trip auf Erden mit Reinhold Messner

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner zuzuhören ist ein Erlebnis. Ihn zu lesen steht dem in nichts nach. Er weiß sehr genau worüber er schreibt, wenn er das Extreme beschreibt, wenn er über die Motivation von Menschen spricht, die sich Ziele gesteckt haben, von denen wir noch nicht einmal zu träumen wagen. Messner weiß dies, weil er selbst ein Besessener war, dessen Reputation noch heute auf der Bewältigung des Extremen gründet. Berge ohne Sauerstoff zu besteigen, Alleingänge und Erstbesteigungen, Rekorde über Rekorde, im ewigen Eis Spuren zu hinterlassen, das sind die Wegmarken seines Lebens, die uns an den Reinhold Messner erinnern, wie er sich selbst gerne sieht.

Aber es sind auch die Konflikte mit seinen Bergkameraden, den Männern an seiner Seite, die von seinem extremen Ego künden und den Eindruck erwecken, es mit einem Leitwolf, einem Alphatier zu tun zu haben. Keinesfalls jedoch mit einem empathischen Teamleader. Umso erstaunlicher scheint es, dass er sich in seinem neuesten Buch mit einem Menschen auseinandersetzt, der genau aus diesem Grund zu einer Legende in der Geschichte der Polar-Expeditionen wurde. Einer fast vergessenen Legende, muss man dazu sagen, denn den Ruhm erntete ein anderer, der in seinem Wesen eher dem Extrembergsteiger Reinhold Messner gleicht.

Wild von Reinhold Messner

Wild“ [waild] erzählt die Geschichte des englischen Abenteurers Frank Wild, der die Antarktis im frühen 20. Jahrhundert besser kannte als seine Westentasche. Zahllos waren seine Beteiligungen an Expeditionen zur Erforschung dieses neuen Kontinents, zahllos seine Versuche mit unterschiedlichsten Expeditionen zum Südpol vorzustoßen und ihn für sein Land in Besitz zu nehmen. Zahllos waren auch seine Kontrahenten, die in einem wahren Wettlauf zum Südpol das letzte große Ziel für Entdecker erobern und sich selbst dadurch unsterblich machen wollten. Die Geschichte von Frank Wild jedoch ist nicht die Geschichte eines Robert Falcon Scott oder eines Roald Amundsen. Wir haben es hier nicht mit einem großen Forscher zu tun, der berühmt werden möchte.

Frank Wild ist der sogenannte Zweite Mann an der Seite von Ernest Shackleton, der „Right Hand Man“ ohne den man heute wahrscheinlich über die vielen Toten berichten müsste, die Shackletons Ehrgeiz zum Opfer gefallen wären. Jenem Shackleton, der es nicht geschafft hatte, im Wettrennen um den Südpol eine wichtige Rolle zu spielen, der sogar von Robert F. Scott ausgebootet und bei Weitem übertroffen wurde. Gescheitert und frustriert beschließt Shackleton in einem letzten Anlauf und mit einem aberwitzigen Plan im Jahr 1915 die so sehr ersehnte polare Unsterblichkeit zu erlangen.

Wild von Reinhold Messner

„Der letzte Trip auf Erden“ soll ihm den Durchbruch bringen. Eine Expedition, mit der er endlich zu Weltruhm gelangen könnte. Die Durchquerung der Antarktis. Wissend um seine eigenen Fähigkeiten und Schwächen setzt Ernest Shackleton erneut auf den Mann, der als sein Stellvertreter dafür verantwortlich ist, die Mannschaft zu führen und die Männer der Expedition in bedrohlichen Situationen durch persönliches Vorbild zum Überleben zu motivieren. Frank Wild ist der symbiotische Charakter, der Shackleton im Kampf gegen die Natur komplementär zu ergänzen scheint. Ruhmsucht ist ihm fremd, Empathie scheint ihm in die Wiege gelegt worden zu sein und sein Umgang mit denen, die ihm anvertraut sind ist entscheidend für den Erfolg dieser Mission.

Shackletons „Imperial Trans-Antarctic Expedition“ scheitert krachend. Sein Schiff „Endurance“ bleibt im Packeis stecken, wird von den Eismassen zermalmt und die 28 Männer müssen sich mit Rettungsbooten einen Weg zu einer kleinen Insel erkämpfen. Dort heißt es warten und sterben oder in einer letzten aberwitzigen Aktion alles auf die Karte Shackleton zu setzen. 22 Männer bleiben im antarktischen Winter auf Elephant Island zurück, während Shackleton mit fünf Begleitern in einem der Boote losfährt, um Hilfe zu holen. Frank Wild ist es, der zurückbleibt. Als Führer der verzweifelten Gruppe, die zur Untätigkeit verurteilt ist und nichts tun kann, außer auf Hilfe zu warten.

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner stellt nun diesen Frank Wild in den Mittelpunkt. Eine Position, in der er sich sicher nicht wohlgefühlt hätte. Messner beschreibt sein Wesen, Gründe und Ursachen für seine Fähigkeit, Menschen zu führen und entwickelt dabei ein zeitloses in sich geschlossenes Bild, was charismatische Führer ausmacht. Messner schreibt über grenzenloses Vertrauen, Vorbildhaftigkeit und Bescheidenheit. Alles Wesensmerkmale über die Frank Wild zweifelsohne verfügt und die in den Tagebuchaufzeichnungen der Überlebenden belegt sind. Vier Monate dauert das Martyrium der 22 auf der Insel. Kein einziger von ihnen begeht Selbstmord, niemand wird aufgegeben, alle überleben bis zu dem Moment der Rückkehr von Ernest Shackleton.

Messner schreibt sich und seine Leser voller Ehrfurcht auf diese Insel. Er macht uns zu Schiffbrüchigen, die das Bersten der Schiffsplanken der Endurance noch im Ohr haben, die hungern, frieren und in ihrer Hoffnungslosigkeit versinken. Der Gestank der Männer macht alles mürbe, die Sehnsucht nach Wärme frisst sich ins Herz und die pure Angst beherrscht unser Schlafen. Immer wenn wir denken, es geht nicht weiter, ist da jener Frank Wild. Unerschütterlich, in sich selbst ruhend und alle Entbehrungen mit seinen Männern teilend. Loyal gegenüber dem Boss, der sicher bald kommt und ruhig, wo andere die Nerven verlieren. Reinhold Messner erweist einem Mann die Ehre, der er selbst nie hätte sein können. Reinhold Messner wäre selbst losgefahren, hätte Rettung geholt und wäre dann als Held der in die Geschichte eingegangen. Und genau das ist es, was dieses Buch so magisch macht. Nur ein Leitwolf kann einem Zweiten Mann die Ehre erweisen, weil ein Zweiter Mann nie über sich schreiben würde. Nur ein Alphatier kann auf den stärksten Charakter im Rudel zeigen. Ohne Rigth Hand Man Frank Wild wäre die Geschichte der Endurance die Geschichte eines Massengrabes auf Elephant Island.

Wild von Reinhold Messner

Ein fesselndes und nachhaltig wirkendes Buch! Wie sein „Absturz des Himmels“ bringt es uns die Leistungsfähigkeit von Menschen unter extremen Bedingungen näher und erweitert unseren Horizont, auch weil er die jeweiligen Expeditionen in ihren sozio-historischen Hintergrund einbettet. Es ist bitter für Shackleton zu erkennen, dass kaum jemand an seiner Story interessiert ist, weil Europa in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges ausblutet. Und doch ist dies auch ein Buch mit einem erstaunlichen Bruch, da Reinhold Messner ein Kapitel ausblendet, das für die Männer der Endurance mehr als traumatisch war und ewig nachwirkte. Ein Kapitel, das nicht mal das Bilderbuch von William Grill „Shackletons Reise“  ausblendet, obwohl hier die Zielgruppe Kinder sind.

Ich spreche hier von 69 Schlittenhunden die an Bord der Endurance waren. Tiere, die erschossen werden mussten, nachdem ihre Rettung ausgeschlossen war. Hunde, die der Besatzung mehr als ans Herz gewachsen waren. Teams, die blind funktioniert haben und Bindungen, die von Frank Wild zerrissen wurden, weil ihm die Aufgabe ihrer Erschießung zukam. Er selbst schrieb dazu:

Ich habe Männer gekannt, die ich an diesem Tag lieber erschossen hätte, als den schlechtesten dieser Hunde.

Einige der Männer haben ihm das nie verziehen. Ein Aspekt, den man nicht einfach vernachlässigen darf, wenn man über Frank Wild schreibt. Denn das Überleben auf der Insel war nicht harmonisch. Signifikant dafür ist auch, dass vier Überlebende von einer Liste gestrichen wurden, mit der Ernest Shackleton seine Besatzung für die Verleihung der Polarmedaille vorschlug. Unter ihnen auch der Schiffszimmermann Harry McNish.

Wild von Reinhold Messner

Von ihm wird noch zu reden sein. Er brachte die Schiffskatze Mrs. Chippy an Bord. Auch Mrs. Chippy wurde erschossen. Ihre Geschichte wurde von Caroline Alexander in einem bewegenden Buch erzählt. „Mrs. Chippys letzte Expedition in die Antarktis“ ist schon insofern erwähnenswert, weil die Autorin neben diesem Kinderbuch auch das absolute Standardwerk zur Expedition „Die Endurance“ verfasst und Elephant Island mit Reinhold Messner besucht hat. Eigentlich schließen sich hier alle Kreise. Ich mag jedoch einen Kreis öffnen und die Geschichte der Schiffskatze von einer Autorität auf diesem Gebiet rezensieren und beleuchten lassen.

Pauli vom Blog Lesende Samtpfote wird an Bord der Endurance gehen und sich auf die Suche nach den Spuren von Mrs. Chippy begeben. Hier geht’s bald weiter.

Wild wirft Fragen auf, die vielleicht die Schiffskatze der Endurance beantworten kann

„Als das Meer uns gehörte“ von Barbara J. Zitwer

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

„Aber ein schlechter Tag auf See ist besser, als der beste Tag an Land.“

Alles beginnt im Wasser, alles endet im Wasser. Der Kreislauf des Lebens definiert sich durch ein Element, das unseren Erdball und uns selbst dominiert. Lesenslang sind es den Ozeanen gewidmete Romane, die Generationen von Lesern das Gefühl geben, in einem Boot zu sitzen. Urgewalten und unerforschte Tiefen ziehen uns dabei ebenso an, wie die geheimnisvollen Lebewesen der Meere. Was in meinem Lesen mit „Moby Dick“ begann und sich im „Salz für die See“ und der Irrfahrt mit Kurs „Nordnordwest“ fortsetzte, zieht mich immer wieder magisch an, wenn ich lesend in See stechen kann.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer, erschienen bei rütten und loening, erregte in mehrfacher Hinsicht meine Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt einen Jungen, der in direkter Nähe eines tauchenden Wals völlig unbefangen zu schwimmen scheint. Ein Bild, das nicht bedrohlich wirkt, sondern viel mehr den Buchtitel widerspiegelt. Eine erste Information zum Schauplatz der Handlung, erfüllte mich mit der Hoffnung, erneut einen Roman in der Reihe meiner Lebensleseserie Leuchtturm-Literatur gefunden zu haben.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Montauk auf Long Island, nicht nur bekannt durch seine Nähe zu New York, sondern eben auch wegen des Wahrzeichens dieses Küstenstreifens, dem Montauk-Lighthouse und damit ein Buch, das ich gerne einreihen wollte in die Leuchtfeuer-Geschichten des Lesens. Romane, die auch in dunkler Lesenacht Orientierung bieten. Rettung aus tiefer Lese-Seenot garantieren. Ich wurde nicht enttäuscht. Weder vom Schauplatz, noch von der meeres-affinen Grundstimmung des Romans, und ganz bestimmt nicht vom Inhalt.

„Hier passiert die ganze Zeit so viel… Hier wird einem nie langweilig.“

Ein Zitat, das für einen ganzen Roman steht. Facettenreichtum und die Erweiterung des Erzählraums auf die Weite des Meeres verwandeln eine gut erzählte Geschichte in eine Reise für Landratten und Seeleute. Montauk wird zur Metapher für die Flucht einer Frau, die das Leben völlig überraschend aus der Bahn wirft. Montauk wird zum Ziel der Neuausrichtung und zum Ankerpunkt bei höchstem Seegang und Montauk wird für uns Leser zu einem Idyll, zur Idealvorstellung von einer kleinen heilen Welt, in der Freunde und Nachbarn noch in ihren Rollen leben. Aber auch zum Sinnbild einer untergehenden Welt, die durch ihre Nähe zu New York im kommerziellen Strom zu versinken droht.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Tess Harding, Ehefrau, Mutter eines gehörlosen Sohnes und Schuhdesign-Workaholic steht von heute auf morgen am Scheideweg ihres Lebens. Wie aus dem nichts heraus wird ihr Ehemann getötet. Sinnlos. Grundlos, Schicksal. Ihr Leben besteht nur noch aus der Sorge um Robbie, der den Tod seines Vaters nicht verkraften kann. Zu intensiv war er auf ihn, den großen Musikproduzenten, fixiert, zu stark war die Prägung und zu viele Spuren hatte der Vater im Leben seines Sohnes hinterlassen, um im Alter von nur neun Jahren verkraften zu können, was nicht zu verkraften ist.

Tess Harding steigt aus! Nicht nur der Verlust des geliebten Partners, sondern auch die Begleitumstände, die langsam ans Tageslicht kommen, zermürben sie und die Welt versinkt in einen dunklen Nebel aus Vorwürfen, Zweifeln und Selbstvorwürfen. Montauk wird zum Fluchtpunkt. Ihr Onkel Ike, sein marodes Motel und die Landschaft, die Tess aus ihrer Kindheit kennt, versprechen Zuflucht und Schutz zu bieten. Nicht ohne innere Widerstände lässt sich auch Robbie auf diesen Umzug auf Zeit ein. Sein Trauma lässt sich jedoch auf gar nichts ein. Er verschließt sich.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Wer an dieser Stelle einen typischen Entwicklungsroman auf der Grundlage eines einschneidenden Erlebnisses erwartet, der wird sich nur in Teilen bestätigt sehen. Die neuen Lebensumstände erweisen sich natürlich als heilsam für die gepeinigten Seelen. Freunde, Nachbarn und die Familie geben Halt und die Autorin führt uns schrittweise in ruhigeres Fahrwasser. Die unverbrauchten und brillant verflochtenen Kernelemente der Geschichte heben sie jedoch vom Einerlei des Üblichen deutlich ab.

Da ist ein gehörloser Junge, der die musikalische Begabung des Vaters in sich trägt, Tuba spielt, die Vibrationen der Musik wie ein absolutes Gehör empfindet und nicht nur Gebärden beherrscht, sondern auch mittels seiner implantierten Hörgeräte am Leben teilhaben kann. Ein Junge, der verzweifelt gegen den Verlust kämpft, seiner Mutter die Schuld am Schicksal gibt und darin zu versinken droht. Da ist der Meeresbiologe Kip, der auf der Suche nach dem Wunder der Walgesänge die Küste von Montauk absegelt und in Robbie ein neues Wunder kennenlernt. Einen Jungen, für den die Melodie eines Wals kein Geheimnis zu sein scheint.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Da sind die Menschen von Montauk, die gegen den Untergang ihrer Stadt kämpfen. Da ist eine Stimmung von Neubeginn, von Aufbruch und Kampf auf scheinbar verloren geglaubtem Posten. Da ist die verzweifelte Mutter, die mehr verloren hat, als nur ihren Mann. Ein zusätzlicher Verlust, der ihr Selbstwertgefühl bricht. Und da ist die Natur, da ist ein Wal, der seine Kreise zieht, Lebensfreude versprüht, obwohl auch er bedroht ist. Ein Wal, der in aller Einsamkeit das Wunder des Lebens in sich trägt. Und da sind die Zufälle des Lebens, die daran glauben lassen, dass alles wieder gut werden kann.

Und da ist eine Autorin, die auf magische Art und Weise alle zusammenführt. Den Wal mit den Menschen, die Musik der Tuba mit dem Walgesang, die Melodie von Tod und Verlust mit dem Sound von Neuanfang, die Menschen miteinander und die große Unbekannte Hoffnung mit dem scheinbar Vorherbestimmten. Barbara J. Zitwer zaubert aus dem Abgesang eines Lebens eine brillante Symphonie des Neubeginns. Dabei ist die Melodie, in der sie erzählt, dramatisch, traurig, lebensbejahend, fröhlich, zweifelnd, komisch, exzessiv und tief in sich verschlossen zugleich. Diese Melodie hat alles, was große Kompositionen brauchen. Sie erreicht die Herzen.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer – Leuchtturmliteratur

„Nordnordwest“ – In Seenot mit Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

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Herzlich willkommen an Bord der „Slangevar“. Ich begrüße Sie im Namen unserer Besatzung und wünsche Ihnen schon jetzt eine bewegende literarische Kreuzfahrt der ganz besonderen Art. Wir starten bei denkbar ungünstigen Witterungsbedingungen im malerischen Hafen der nordfranzösischen Küstenstadt Saint Malo und segeln mit voller Kraft in Richtung Großbritannien. Die „Slangevar“ ist zwar nicht das Prunkstück unserer Ärmelkanalflotte, sie bietet auch nicht sonderlich viel Platz im Inneren, Sie finden weder sanitäre Einrichtungen (abgesehen vom WC-Eimer) noch eine gescheite Bordkombüse und sie befindet sich zugegebenermaßen in einem zutiefst jämmerlichen Zustand.

Ich bitte diese Rahmenbedingungen für Ihre Lesereise zu entschuldigen und hoffe auf Ihr Verständnis, da die drei Besatzungsmitglieder in der Kürze der Zeit kein anderes Segelboot gefunden haben, das sich so leicht stehlen ließ. Meine Bord-Crew steht unter dem bewährten Kommando von Lucky, einem jungen Kleinkriminellen, der sich auf der Flucht durch Frankreich befindet. Ersparen Sie mir bitte weitere Details zu den näheren Umständen hierzu. Darüber hinaus müssen Sie sich keine weiteren Namen merken. Ich weiß selbst nicht, wie die beiden anderen Crew-Mitglieder heißen. Der Kleine ist schon seit einiger Zeit Luckys Fluchtbegleiter und das Mädchen haben sie hier in Saint Malo aufgegabelt. Mehr müssen Sie nicht wissen.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Ach so. Vielleicht ist es doch interessant für Ihre Lesereiserücktrittsversicherung zu wissen, dass nur das Mädchen über rudimentäre Segelerfahrung verfügt. Mehr würde Sie zu Beginn unserer gemeinsamen Reise nur verunsichern. Glauben Sie mir. Vielleicht erfahren Sie ja während der Überfahrt ein wenig mehr von unserer Besatzung und können sich ein eigenes Bild über deren Beweggründe machen, die zu ihrer Flucht führen. Das Logbuch dieser Reise wird geführt von Sylvain Coher und die gebundenen Reiseunterlagen tragen die Prägung dtv auf dem sturmgepeitschten Schutzumschlag.

NORDNORDWEST“ – Mehr als unseren voraussichtlichen Kurs müssen Sie sich nicht merken. Es soll ja nur eine grobe Richtungsangabe sein. Ein Anhalt. Sie verstehen?

So, jetzt da Sie an Bord sind, kann ich die Maske fallen lassen! Schluss mit lustig. Sie sind mir genauso auf den Leim gegangen, wie ich dem Klappentext zum Buch von Sylvain Coher erlegen bin. Verrückte Idee, weiter Himmel, Irrfahrt, übermüdet, hungrig und geklauter Proviant. Was vielleicht nach einer kleinen abenteuerlichen Reise dreier junger Menschen klingt, die mit einem geklauten alten Segelboot über den Ärmelkanal schippern, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als literarische Hardcore-Story, in der alles anders ist, als es zuvor den Anschein hat.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Willkommen an Bord eines Seelenverkäufers. Willkommen zu einer Reise, die Sie in den Grundfesten Ihrer Leseleidenschaft erschüttern wird. Willkommen an Bord der alten „Slangevar. Sie wären nicht der erste Leser, der hier über Bord geht oder Stunden um Stunden an Leseseekrankheit leidet. Sie lesen hier auf Wellenbergen in Windstärke 12 und können von Glück reden, wenn Sie diesen alten Pott hier mit heiler Haut verlassen. Eines werden Sie jedoch sicher nie, dafür garantiere ich! Sie werden es in Ihrem Leben nicht bereuen, den Kurs „Nordnordwest“ eingeschlagen zu haben.

Sylvain Coher geht einen literarisch ungewöhnlichen Weg, um seinen Roman vom Stapel zu lassen. Bis auf Lucky anonymisiert er seine Protagonisten. Namenlos bleiben der Kleine und das Mädchen, grundlos bleiben ihre Motive für die gemeinsame Flucht in einem Segelboot. Nur weg. Raus aus Frankreich. Das muss genügen. Distanz entsteht, wo ich als Leser eigentlich lieber Nähe empfinden würde. Es fällt schwer, sich den drei Hauptcharakteren zu nähern, in sie hineinzublicken. Dieser minimalistische Ansatz aber ist es, der ihnen auch in der Geschichte das Überleben gesichert hat.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nur weil es Lucky und dem Kleinen bis hierher gelungen ist, unsichtbar zu bleiben, sind sie so weit gekommen. Das Mädchen bringt das fliehende Duo durcheinander. Sie ist es, die sich ihnen anschließt, sich in Lucky verliebt, eine wahrhaft flüchtige und auch heftige Liaison mit ihm eingeht. Sie ist es, die jede Balance durcheinander bringt. Sie ist es, die den Kleinen auf seltsame Gedanken bringt und Eifersucht aufkommen lässt. Sie ist es aber, die segeln kann. Sie ist die Einzige an Bord, die ein Segel von einem Laken unterscheiden kann. Das Mädchen ist DER Dreh- und Angelpunkt einer Odyssee durch den Ärmelkanal.

Und genau diese wenigen Seemeilen werden zur Hölle. Ohne Navigation, ohne die nötige nautische Erfahrung und bei immer extremer werdenden äußeren Bedingungen beginnt ein Kampf ums Überleben, den wir als Leser in der Enge des Bootes hautnah miterleben. Sylvain Coher schafft hier die Nähe, die er durch die Namensverweigerung eigentlich nicht zugelassen hat. Hier fallen die Masken, hier konturieren sich Ursachen und Gründe für die Flucht. Hier eskaliert im Inneren, was außerhalb des Schiffsrumpfes zu toben beginnt. Ängste machen sich breit. Übelkeit lässt nicht locker. Ratlosigkeit ist omnipräsent und drei zufällig im gleichen Boot sitzende Menschen durchleben extreme Belastungsproben, die durch die Rahmenbedingungen noch überhöht werden.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Ich habe viel gewonnen in diesem Roman, und doch auch alles verloren. Ich bin auf Bishop Rock gelandet, nur um erkennen zu müssen, dass Leuchttürme in der heutigen Zeit nicht mehr von Leuchtturmwärtern bewohnt werden, die helfen können. Ich erlebte an mir vorbeistampfende Containerschiffe im Blindflug. Autopiloten achten nur auf die Route, nicht jedoch auf kleine Segelboote, die im Weg sein könnten. Ich erlebte einen Sturm, Hunger, Kälte, Nässe aber auch die wahre Größe eines Teams, das sich in der Gefahr zu finden scheint. Freundschaft, auch wenn sie keinen Namen trägt, trägt diese Geschichte.

Und doch hat sich in einem kleinen Moment mein ganzes Lesen verändert, als ich mitten in der Nacht aufschrak, ans Steuer hechtete und nicht glauben konnte, was dort geschehen war. Es war der Moment, in dem ich als Leser alles verlor.

Im Finale der Reise mit Kurs „Nordnordwest“ wechselt der Autor die Perspektive und wirft einen Blick auf die „Slangevar“, der das Herz implodieren lässt. Es ist ein sehr distanzierter und unerwarteter Blick, der zeigt, was nie erzählte Geschichten auslösen können. Ein neutraler und fast emotionsloser Blick, der sich im Leser verfängt, weil nur er zu deuten weiß, was fremde Augen sehen. Am Ende der Geschichte ertrank ich fast im salzigen Meer meiner Tränen. Gefühlschaos pur.

Nordnordwest von Sylvain Coher - Bücher im Dialog...

Nordnordwest von Sylvain Coher – Bücher im Dialog… Einfach klicken…

Wenn Bücher miteinander zu reden scheinen… Ein besonderer Dialog.

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Wenn ich hier von Verlust schreibe, dann steht dieser Artikel unter diesem Stern. Es ist mir eine liebevolle Ehre, diese Zeilen unserem Bordercollie „Schneeflocke“ widmen zu können, der heute nach zwölf Jahren treuer Wegbegleitung auf die andere Seite der Regenbogenbrücke gegangen ist, um dort auf uns zu warten, bis wir ihn wieder als den besten Hütehund brauchen, den die Welt je gesehen hat.

Flöckchen… 26. November 2004 – 01. Februar 2017

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„Wir sehen uns am Meer“ von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Kann die Liebe alle Fesseln sprengen?

Ist die Liebe in der Lage, Vorurteile und Prägung zu überwinden und kann sie alle Ressentiments beiseite fegen? Vermag sie mit ihren Gefühlen auch der härtesten aller denkbaren Proben zu widerstehen, oder findet die Zuneigung zu einem Menschen, der im eigentlichen Sinne zu historisch gewachsenen Feinden zählt, ihre Grenzen und wird zu ihrem Gegenteil: Abneigung, trotz aller Gefühle. Ist Liebe machtlos, wenn Schranken errichtet wurden, die das Terrain für Liebende zu Minenfeldern der eigenen Geschichte werden lassen?

Ein reales und literarisches Motiv, an dem schon die stärksten Protagonisten im Lauf der Geschichte verzweifelt sind. Nicht standesgemäße Verbindungen sind hier nur ein Aspekt der vielfältigen Verstrickungen. Politisch unmögliche Beziehungen liefern die frisch Verliebten schutzlos einem Umfeld aus, das statt Zärtlichkeit nur puren Hass mit sich bringt. Und religiös nicht miteinander vereinbare Verliebtheit prallt an den alten Konventionen ab, die der Liebe dogmatisch im Wege stehen. Ismaels Orangen von Claire Hajaj sei hier nur als besonders lesenswertes Beispiel genannt.

Ein Sieg der Liebe ist hier selten. Spätestens, wenn Liebende ihr warmes Liebesnest verlassen, realisieren sie, dass sie nicht alleine auf dieser Welt sind und schon beginnt das Gezerre aus den unterschiedlichsten Gründen. Hier endet jede Illusion. Herzen und Menschen brechen. Selbst, wenn das junge Glück weit von allen Konflikten dieser Welt entfernt ist und die kleine Insel der Emotion eigentlich keinen Nährboden für Hass oder Zweifel beheimatet. Man wird von der Welt eingeholt. Oder gibt es Ausnahmen?

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Kann es einen Ruhepol inmitten der Wirrnisse dieser Welt geben? Einen Ort, der so facettenreich und unbefangen ist, dass die zarte Pflanze der Leidenschaft erblühen kann ohne gleich einzugehen? Vielleicht hat die israelische Autorin Dorit Rabinyan die richtige Metropole entdeckt, die für eine unmögliche Liebe zum Reservat werden kann. Ich kehre an ihrer Seite nach New York zurück. In mein Brooklyn, das für mich lesend in den letzten Jahren zur zweiten Heimat wurde.

Vielen Schicksalen bin ich dort begegnet, habe die Welt der Einwanderer erlebt, bin verzweifelten Liebenden begegnet und wurde zum Zeugen dramatischer Ereignisse, die den Big Apple zum Wahrzeichen für Standhaftigkeit machten. Dieser Erzählraum ist mir sehr vertraut. Ich bewege mich auf einem Terrain, das ich mir seit Jahren erlesen habe und fühle bereits auf den ersten Seiten des Romans Wir sehen uns am Meer, dass mein Lesen immer wieder eine Heimkehr ist. Dorit Rabinyan bringt mich nach Hause.

Die Zeit, in der wir uns in ihrem Roman durch New York lesen, ist turbulent. Ein Jahr ist vergangen, seit die Türme des World Trade Centers in Schutt und Asche gelegt wurden. Ein Jahr, in dem die Angst vor Terrorismus und die Trauer um die Opfer dieser Anschläge das öffentliche Leben dominieren. Ein Jahr ist erst vergangen. Weihnachten steht vor der Tür und ich begegne zwei Menschen, die sich durch einen puren Zufall in den Straßen von New York kennenlernen. Ein Augenblick, der ihr Leben verändert.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Ihr Name ist Liat Benjamini. Sie ist 29 Jahre alt und Fullbright-Stipendiatin in den USA. Sie ist Israelin, kommt aus Tel Aviv und genießt ihren Aufenthalt in New York. Freunde haben ihr eine Wohnung überlassen und sie verbringt ihre Zeit mit der Übersetzung von wissenschaftlichen Arbeiten aus dem Englischen ins Hebräische. Liat steht mit beiden Beinen mitten im Leben, steht mit ihrer Familie in Kontakt, hat gute jüdische Freunde in New York gefunden und freut sich auf die Zeit, die sie ihrem Stipendium verdankt.

In ihrem durchgeplanten Tagesablauf gibt es nur eine kleine Unwucht. Ein Treffen mit einem Bekannten kommt nicht zustande und statt seiner erscheint sein Freund, um Liat nicht ohne Nachricht in dem Kaffee warten zu lassen. Dieser Augenblick, der erste Eindruck, die ersten Worte des fremden jungen Mannes lösen in Liat Gefühle aus, die sie sich kaum erklären kann. Viel schöner noch. Sie macht gar nicht erst den Versuch! Sie schaut ihn nur an und lässt geschehen, was nie hätte geschehen sollen.

„Wie ihn aus dem Heute heraus beschreiben, wo anfangen? Wie den ersten Eindruck jener weit zurückliegenden Augenblicke wieder herausfiltern? Wie das vollendete, aus vielen Farbschichten bestehende Porträt zurückführen auf die flüchtige blasse Bleistiftskizze, die mein Auge einfing, als es zum ersten Mal auf ihm ruhte? Wie jetzt mit ein paar Strichen das ganze Bild mit all seinen Flächen und Furchen malen?“

Kurz gesagt, es ist wahrhaftig Liebe auf den ersten Blick!

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Chilmi ist unwiderstehlich. Er ist zwei Jahre jünger als Liat, lebt schon lange in New York. Er ist zurückhaltend, wenn es gilt zurückhaltend zu sein. Er ist mutig, wenn es an der Zeit ist, mit emotionalem Wagemut zu betören. Er ist Maler und ähnelt doch selbst einem seiner Gemälde. Er ist witzig, romantisch und charmant. Sehr zögernd und scheu verlaufen die ersten Momente. Was dann folgt, ist ein Taumel der Gefühle. Als seien sie füreinander bestimmt, fließen die Worte, die zarten Berührungen, überlagern sich ihre Gedanken und aus zwei Individuen entsteht binnen weniger Stunden ein Bild, das zu vibrieren scheint.

Alles könnte so wildromantisch sein. Würden nicht tiefe Schatten das gemeinsame Bild überlagern. Denn Chilmi stammt aus Ramallah. Er ist Palästinenser und beiden ist vom ersten Augenblick völlig klar, dass ihre Gefühle keine Zukunft haben können. Nicht den Hauch einer Chance würde man einer Beziehung zwischen der Israelin und dem Araber einräumen. Zu tief sind die Gräben, zu sehr verankert die Vorbehalte zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen. Zu tiefe Wunden haben sich die Generationen ihrer Vorfahren einander zugefügt. Und all dies ohne Einsicht, dass sich jemals etwas ändern sollte oder könnte. Verbarrikadiert hinter den eigenen Mauern sind ihre Völker.

Beiden ist dies bewusst, weil sie mehr als bewusst die Schäden der gegenseitig tief angelegten Vorurteile fühlen. Und doch gelingt es ihnen fast schon spielerisch, gegen die Konflikte anzukämpfen, die sie nie persönlich ausgetragen haben. Sie flüchten sich in wilde Begierde und lassen sich in ihre Emotionen fallen. Anfänglich gelingt dies. Als jedoch die „Lieben“ zuhause zu ahnen beginnen, was im fernen Brooklyn geschieht, ist es kein Wunder, dass ein religiös-politisches Gezerre um die frisch Verliebten beginnt. Nur Liat sieht dem gelassen entgegen. Ihr Visum endet in fünf Monaten. Dann würde sie sich von Chilmi trennen und nach Israel heimkehren. Wer könnte ihr das verübeln?

Nur: Sie hat die Rechnung ohne ihre Gefühle gemacht.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Dorit Rabinyan schreibt romantisch, erotisch, politisch, mutig und stilsicher. Sie transportiert das ewig junge Romeo-und-Julia-Motiv in die Atmosphäre von Brooklyn und changiert die konkrete Bedrohung zweier verfeindeter Familien in die abstrakte und seit Generationen gewachsene Feindschaft zweier Völker. In der Hoffnungslosigkeit der Ausgangssituation liegt der Sprengstoff dieses Romans. Die Ausweglosigkeit lässt den tiefen Kampf um Normalität so kraftvoll erscheinen. Die israelische Autorin wird den hier beschriebenen Menschen gerecht, nicht Nationen, Völkern oder Religionen über die sie schreibt.

Sie lässt sich literarisch nicht vor den Karren spannen. Dieses Buch wurde von der israelischen Erziehungsministerin von der Lektüreliste der Oberstufe gestrichen. Dieses Prädikat zeigt, wie tief der gegenseitige Hass verankert ist und, dass Abweichungen von der gewollten Norm doch bitte nicht gelesen werden sollen. Es zeigt aber auch deutlich, dass dieser Roman nicht einfach gestrickt ist und die Autorin vielleicht doch in der Lage ist, in diesen wirren Zeiten den Weg zu einem Biotop der Veränderung zu weisen.

Oder wird auch Dorit Rabinyan schreibend zum Opfer aller Vorbehalte?

Amos Oz hat in „Judas“ so nachvollziehbar genau beschrieben, wo die Wurzeln dieser Feindschaft liegen. Er hat die Türen geöffnet, sich sowohl intellektuell als auch emotional von diesen Fesseln der Vergangenheit zu befreien. Über Wir sehen uns am Meer schrieb der sehr kritische Amos Oz: „Ich bin beeindruckt. Ein präziser und eleganter Liebesroman, aufs Feinste gezeichnet.“ Ich stimme ihm zu. Gebt Liat und Chilmi eine Chance, denn nur wenn wir bereit sind, diese Beziehung in unseren Herzen zu akzeptieren, werden sie die Welt verändern können.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan