„Die Schönheit der Nacht“ von Nina George

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Ich denke, wir sind uns darüber einig, dass alle Schriftsteller dieser Welt mit dem durchaus vergleichbaren Zeichenvorrat arbeiten. Es sind Buchstaben und Worte, in welcher Sprache auch immer, die auch uns zur Verfügung stehen. Im Unterschied zum Autor jedoch gelingt es uns nicht, diesen Zeichenvorrat so anzuordnen, dass daraus im Ergebnis Literatur oder Kunst entsteht. Stellen wir uns doch einfach mal eine Schmiede vor, in der Buchstaben gegossen und gehämmert werden. Sie werden anschließend im Rohformat auf dem Markt angeboten und stehen der Welt zur Verfügung. Es gibt dann Autoren, die sie polieren, aufhübschen und verzieren, sie zu Worten verbinden und das Ergebnis der Wortschöpfung als Geschichte bezeichnen. (Weiterhören? Hier…)

Die Schöheit der Nacht - PodCast bei Literatur Radio Bayern - AstroLibrium

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Es gibt jedoch auch Schriftsteller, die lediglich mit dem Rohmaterial auskommen. Mit den unbearbeiteten Buchstaben und Wörtern, die sie ohne jegliche Verzierung oder Veredelung für sich selbst sprechen lassen, indem sie Verbindungen entstehen lassen, die ausschließlich durch den Prozess des Schreibens zu Kunstwerken werden. Ich bin der Autorin Nina George bisher lesend noch nicht begegnet. In der Literatur jedoch ist es nie zu spät für ein erstes Treffen. Ihr Roman „Die Schönheit der Nacht“ gehört nun eigentlich nicht unbedingt zu den Büchern, die mich inhaltlich dazu verführen, sie lesen zu wollen. Und doch bin ich dem Ruf der Seiten gefolgt, weil ich von guten Freunden in der Bloggerszene auf den besonderen Schreibstil von Nina George hingewiesen wurde. Schon bin ich beim Bild des Schmiedes angelangt. Bei einer Autorin, die es nicht nötig hat, die Rohstoffe Buchstabe und Wort an sich zu verkünsteln oder aufzuhübschen. Ich bin bei einer Schriftstellerin angekommen, die aus der ursprünglichen Rohmaterie eine Geschichte entstehen ließ, die sich deutlich von anderen Erzählungen abhebt.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Kein einziger Satz aus der Feder von Nina George klingt gewöhnlich. Kein Absatz wirkt so, als sei er in einem ungezügelten Schreibfluss entstanden. Mit Bedacht und mit unglaublichem Gefühl scheint sie Buchstaben und Worte zu arrangieren, Bilder im Kopf des Lesers zu erzeugen und Metaphern in völlig neuem Licht erstrahlen zu lassen. Hier sind es keine gestylten Kunstworte, die dem Text Glanz verleihen. Hier ist es die Magie der Komposition, die aus Buchstaben, Worten, Sätzen, Kapiteln und Seiten etwas ganz Besonderes entstehen lässt. Würde ich auf der Suche nach Zitaten aus diesem Buch jene auswählen müssen, die mir besonders gelungen scheinen, ich müsste den Roman an dieser Stelle wiedergeben. Müsste ich hervorheben, welche Passagen des Romans mich besonders beeindruckt haben, ich wüsste nicht, worauf ich mich beschränken und reduzieren könnte.

Der wahrhaft literarische Kreis schließt sich nun in der Verheiratung dieser Gabe mit einer Geschichte, die einfach erzählenswert ist. Die Begegnung zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bildet den Rahmen der Geschichte. Claire, 44 Jahre alt, etablierte Verhaltensbiologin, verheiratet und Mutter eines Sohnes, der selbst schon ein Mann ist, begegnet in einem Pariser Hotel dem 19-jährigen Zimmermädchen Julie. Klingt an sich nicht besonders aufregend. Wäre nicht Claire gerade nach einem erotischen Tête-à-Tête mit einem unbekannten Mann auf dem Rückweg in ihr normales Leben und würde sie nicht auf diese junge Frau stoßen, die sie dabei durchschaut. Aus dem Geheimnis ihres Lebens wird ein Augenblick des stillen Verstehens. Julie wird zur Komplizin der Momentaufnahme. Zur stillen Zeugin lauten Verlangens und damit sofort zur Gefangenen der neiderfüllten Vorstellung, so stark und selbstbestimmt zu sein, wie die Frau, die ihr im Hotelflur gegenübersteht.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Zwei Generationen, zwei Frauenbilder, zwei Rollen und letztlich zwei verletzliche Menschen werden auf dem Flur zu Gefährtinnen des Augenblicks.

„Die Gewordene.
Die Werdende.“

So beschreibt Nina George die beiden Frauen. So lässt sie uns eine Distanz fühlen, die sie scheinbar trennt. Und doch ist in der Schnittmenge der beiden Persönlichkeiten die Treibladung versteckt, die aus der Geschichte einer Begegnung die Geschichte von zwei Frauen macht, die nur Alter und Zeit voneinander trennen. Im Kern ihres Wesens jedoch sind sie sich näher, als sie es selbst wahrhaben wollen. Aus der Begegnung im Augenwinkel des Erkennens wird eine Begegnung im echten Leben. Das Geheimnis in der Verborgenheit des Hotelflurs wird jetzt zum dramaturgischen Spannungsbogen, als Claire die neue Freundin ihres Sohnes kennenlernt. Julie.

Aus den Komplizinnen des Augenblicks wird mehr. Die Werdende hütet das große Geheimnis der Gewordenen. Aus Vertrauen wird Zuneigung. In der Zuneigung werden alle Fragen des Lebens beantwortet und Julie verliert ihre Scheu, nicht nur sich selbst, sondern alles zu hinterfragen, was sie bisher am Leben gehindert hat. Seite an Seite begeben sich die beiden Frauen vor dem idyllischen Hintergrund der Bretagne auf die Selbstfindungsreise ihres Lebens. Die Gewordene an der Seite ihres Ehemannes, die Werdende an der Seite ihres Zukünftigen. Tiefgründig, poetisch und metaphorisch hält uns Nina George auf Augenhöhe mit den beiden Frauen. Sie gewährt tiefe Einblicke in das verborgene Intimste und lässt uns Sehnsucht, Verlangen und existenzielle Fragen des Lebens erfühlen, als würden wir sie uns selbst stellen.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

„Vier Sorten Salz.
Das Salz des Meeres.
Das Salz der Tränen.
Das Salz des Schweißes.
Das Salz des »Ursprungs der Welt«,
wie Gustave Courbet die dunkle Blüte einer Frau nannte.“

Es sind diese vier Sorten Salz, die uns Nina George schmecken lässt. Es ist „Die Schönheit der Nacht“, die sie in ihrem Roman ans Tageslicht bringt. Es sind Gemälde von unglaublicher Tiefenschärfe, die sie mit ihren Worten malt. Es ist das Meer, in dem das Leben entdeckt wird. Es ist das Meer, das beherrscht werden kann, wenn man sich freigeschwommen hat. Es sind zwei Frauen, die das Meer miteinander neu entdecken. Die Gewordene als Schwimmlehrerin, die Werdende als Nichtschwimmerin. Es sind die Ängste, die überwunden werden. Es ist das pure Nichts der Nacht, in dem Schönheit in aller Klarheit entsteht und es sind die Entscheidungen zweier Frauen, die uns am Ende eines fulminanten und emotionalen Romans nicht mehr fremd erscheinen.

Nina George macht uns zu Seelenverwandten ihrer Charaktere. Keine ihrer Fragen lässt uns kalt. Keine Betrachtung unseres oberflächlichen Miteinanders verfehlt uns. Es ist erstaunlich, wie tief Nina George unter der Oberfläche taucht, um fündig zu werden. Es ist erstaunlich, wie atemlos wir bereit sind mit einzutauchen, obwohl wir in unserem Leben oftmals nicht gewillt sind, die vier Sorten Salz zu kosten. Und es ist einfach mehr als grandios erzählt, was die beiden Frauen in den gemeinsamen Strudel zieht. Dieses Jahr habe ich für mich zum Lesejahr des Wassers und des Meeres erklärt. Maja Lunde hat mir „Die Geschichte des Wassers“ erzählt. Ein „Meeresroman“ hat mich auf hohe See entführt. Dass „Die Schönheit der Nacht“ das Meer mit solcher Wucht an meinen Lesestrand anbranden lässt, hätte ich nie vermutet.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Ich habe „Die Schönheit der Nacht“ für mich entdeckt. Ich bin zu nachtschlafender Zeit erneut in mein Paris gereist und an der Seite von Nina George in ein Nachtleben in der Metropole an der Seine eingetaucht, das eine ganz spezielle Vitalität versprüht. Ein Leben, das in den Silhouetten einer Stadt ihre wahre Schönheit offenbart. Schönheit ist auch ein Prädikat, das man diesem Roman verleihen kann. Eine Schönheit, die jedoch der Handlung nicht im Wege steht. Nichts wirkt künstlich überhöht oder verkitscht. Hier ist Platz für Emotion, Geheimnis, Missverständnis und hemmungslose Lust am Leben.

„Wie viele Frauen ist eine Frau?
Und wie viele Jahre fließen dahin, bis eine Frau das Eigene gefunden hat?
Und hat die Zeit dann noch eine Nische für das, wer sie wirklich ist, für ihre Pläne, ihre Gedanken, für den Reichtum ihrer Fähigkeiten – oder ist die Zeit zugeziegelt mit den Dingen, die sie tagtäglich tut und tun muss?“

Gehen Sie den Fragen selbst auf den Grund. „Die Schönheit der Nacht“ hilft bei der Beantwortung, schwingt sich jedoch nicht zum Almanach der weiblichen Psyche auf. Zum Abschluss noch ein Tipp, der mich selbst schon sehr traurig stimmt. Ich wäre gerne dabei, wenn Nina George bei meinem Herzensbuchhändler aus ihrem Roman liest. Ich hätte viele Fragen und wäre sehr gespannt darauf, in welchem Tempo sie mit welchem Timbre liest, was sich mir ins Herz gebrannt hat. Vielleicht gehen ja Sie selbst zur Lesung und erzählen mir davon… Das wäre schön…

Die Schönheit der Nacht von Nina George – Die Lesung

Nina George liest in Groß-Gerau
Nina George liest aus ihrem neuen Roman „Die Schönheit der Nacht“.

Wo: Stadtmuseum Groß-Gerau
Wann: 23.05.2018
Uhrzeit: 19 Uhr, Einlass ab 18 Uhr

Preis: 10 € im Vorverkauf, 12 € an der Abendkasse. (Inklusive eines Getränks)

Karten gibt es bei in der Buchhandlung Calliebe, über das Kartentelefon 06152 910235, per Mail an info@calliebe.de oder bei der Stadtbücherei Groß-Gerau.

PS: Thomas, nimmst Du meine Rezension mit zur Lesung? In Gedanken bin ich da!

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„Die Geschichte des Wassers“ von Maja Lunde

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Ich höre noch immer das Summen der Bienen, denke sehr oft an die Konsequenzen ihres Aussterbens, vernehme Warnungen, die ungehört verhallen und kann einfach die kleine verendete Biene auf dem Cover von Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ nicht vergessen. Zu eindringlich war dieses Buch, zu intensiv wurde mir vor Augen und Ohren geführt, was doch bitte niemals Realität werden sollte. Das große Bienensterben hat bereits begonnen und doch hat vielleicht gerade dieser Roman mehr bewirkt, als so manche TV-Dokumentation. Maja Lunde ist es gelungen, das bedrohliche ökologische Thema so zu verpacken, dass es eine sehr heterogene Zielgruppe erreicht. Ein Roman, der nicht alleine stehen soll, geht es nach der norwegischen Erfolgsautorin. Sie hat den Bienenstock hinter sich gelassen und erzählt uns jetzt „Die Geschichte des Wassers“.

„Ich nannte meine Welt Erde, aber ich dachte,
eigentlich müsste sie Wasser heißen.“

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Von vier Romanen ist inzwischen die Rede, wenn Maja Lundes ökologischer Zyklus zur Sprache kommt. Die vier apokalyptischen Reiter kommen mir in den Sinn. Vorboten des Weltuntergangs. Es war Albert Einstein, dem das Zitat „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben“ zugeschrieben wird. Der erste Reiter der Apokalypse ist auf seinem Schlachtross durch unser Lesen getrabt und hat tiefe Spuren hinterlassen. Und wenn Maja Lunde jetzt über Wasser schreibt, ist es völlig klar, dass ihr zweiter Reiter wie eine Flutwelle an unseren Gestaden anlanden wird, nur um Dürre zu verbreiten. Brandaktuell ist das Thema. Ebenso aktuell, wie das Aussterben der Bienen. Und doch nehmen wir es nur am Rande wahr.

Kapstadt. Mehr muss ich nicht sagen. Die Wasserknappheit in der südafrikanischen Metropole führt schon jetzt dazu, dass man sein eigenes Wasser zum Friseur mitbringt, wenn man dort die Haare waschen lassen möchte. Sie führt dazu, dass man es danach in einem Kanister als Brauchwasser mit nach Hause nimmt, um die Toilettenspülung in Gang zu halten. Kein Problem der Unterschicht. Es trifft jeden. Und doch… was hat das mit uns zu tun? Drehen wir den Wasserhahn beim Zähneputzen zu und denken an jene Bewohner von Kapstadt? Springen wir nach vier Minuten aus der Dusche und waschen unsere Autos nur noch einmal im Jahr. Betrachten wir den Besuch einer Therme schon als Luxus und sparen uns Wasser für unsere Kinder vom Mund ab? Nein! Warum denn auch. Es fließt. Es ist billig und es ist im wahrsten Wortsinn im Überfluss vorhanden. Es ist nur Wasser. Also immer mit der Ruhe. Wasser und Bienen. Zwei Apokalypsen, zwei Botschafter des Untergangs, zwei Szenarien, die uns nicht betreffen. Punkt.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Maja Lunde räumt auch mit diesem Irrglauben auf. Die Geschichte des Wassers“ lässt kaum Spielraum für Fehldeutungen. Sie macht betroffen, obwohl Maja Lunde, wie bei den Bienen alles andere als ein Sachbuch präsentiert. Sie schreibt auch nicht über das Wasser an sich. Sie erzählt von Menschen. Sie erzählt Geschichten. Doch während ihr Bienenroman noch aus drei Erzählebenen bestand, die das Vor, Während und Nach dem Aussterben der fleißigen Bestäuber beschrieben, beschränkt sie sich nun mit zwei Handlungssträngen. Wir alle durchleben gerade die nicht vorhandene erste Ebene ihrer Geschichte. Wir erleben das Vor der globalen Wasserknappheit. Der Roman zeigt uns, wie es weitergeht, wenn wir wegschauen. Kapstadt wird zu Europa, Europa wird global und alles wird durch einen Mangel verbunden, den der Mensch kaum zu ersetzen weiß. Wasser.  

Und genau hier reißt uns Maja Lunde aus unseren Träumen. Sie beginnt im Jetzt. Sie erzählt die Geschichte der Umweltaktivistin Signe, die alle Klima-Veränderungen in ihrer Heimat, den norwegischen Fjorden am eigenen Leib erlebt, die in der Rückschau auf ihr fast siebzig Jahre währendes Leben all die Fehlentwicklungen mitbekommen hat und nun die Ausweglosigkeit erkennt. Dass ewige Eis der Gletscher wird zum Luxuseis der Schönen und Reichen, die ihre Gläser auf ein tolles Leben erheben. Die Natur wird zur Geisel der Menschheit. Flüsse werden begradigt, unterirdisch umgeleitet und Signe ergreift die wohl letzte Chance ihres Lebens, ein Zeichen zu setzen. Nicht nur für Natur und Umwelt, nicht nur für die Zukunft der Menschheit. Nein. Ein Zeichen, das zeigt, wie sehr ihr eigenes Leben vom Verrat, der Illoyalität und dem Egoismus von Menschen in ihrem engsten Umfeld geprägt war. Sie geht an Bord ihres Segelbootes und begegnet ihrem apokalyptischen Reiter auf ihrer Fahrt nach Frankreich. Die „Blau“ ist ihre Arche.

Die Geschichte des Wassers

Dieser Erzählstrang im Hier und Heute ist ein genialer Kunstgriff von Maja Lunde, weil sie uns damit verdeutlicht, dass unser gefühltes Vor der Katastrophe in Wirklichkeit das Während bedeutet. Wir wollen es nur nicht realisieren. Signes Geschichte allein ist schon in der Lage, uns zu wecken, Dinge zu sehen, die wir verdrängen. Unseren Blick zu schärfen und den belächelten Umweltaktivisten von heute mehr Vertrauen entgegen zu bringen. Maja Lunde wäre aber nicht die Maja Lunde der Bienen und des Wassers, wenn sie nicht einen entscheidenden Schritt weitergehen würde. Ein Schritt der aus den offenen Augen nun mehr entstehen lässt. Sie beschreibt eine apokalyptische Vision in der das Wasser ebenso verschwunden ist, wie einst die Bienen des ersten Romans.

Hier lernen wir David und seine Tochter Lou kennen. Wir schreiben das Jahr 2041. Wir befinden uns in einem Land in dem Wasser nicht nur knapp, sondern umkämpft ist und ein Land, in dem die verzweifelten Menschen sich auf der Flucht befinden. Wobei die Flucht eher einer ziellosen Reise gleicht. Das Ziel „Wasser“ ist unerreichbar. David durchlebt mit seiner Tochter das Horrorszenario der Wasserknappheit, sieht den Sturz der Menschen in die Hoffnungslosigkeit und doch bleibt ihm keine andere Wahl. Nach der Trennung von seiner Frau und seinem Sohn bleibt ihm nur der Weg in die großen Flüchtlingslager, um zu suchen und zu überleben. Eine heillose Flucht. Verlust, Angst und Panik gehen Hand in Hand. Bis Vater und Tochter auf einem Streifzug auf etwas stoßen, das hier absolut fehl am Platz ist. Ein altes Segelboot mitten in Frankreich. Auf dem Trockenen.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Eine tote Biene und ein gestrandetes Boot zieren diese beiden Bücher von Maja Lunde. Die wertigen Printausgaben vom btb Verlag versprechen und halten viel. Beide Romane schmiegen sich aneinander und nähren meine Hoffnung auf ein ökologisches Quartett. Vielleicht geht es ja mit Luft weiter. Vielleicht auch mit einem apokalyptischen Reiter, den wir alle noch gar nicht auf dem Schirm haben. Maja Lunde überzeugt, weil sie ein brisantes Thema einer breiten Masse von Lesern ins Stammbuch schreibt. Wir können uns den Bienen und dem Wasser nicht entziehen. Das macht die Botschaft der Romane aus. In der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag kommen die zwei Erzählstränge alleine schon durch eigene Erzählstimmen zum Tragen.

Atmosphärisch verbreitet das mehr als achtstündige Hörbuch die Stimmung der Romanvorlage. Christiane Blumhoff ist so sehr Signe, dass es schmerzt zu erahnen, wie ihre letzte Mission endete und Shenja Lacher spricht seinen Zuhörern einen David in die Seele, der vor Sorge um das Überleben seiner Tochter sich selbst und all jene zu vergessen scheint, die ihm etwas bedeuten. Der Dialog der beiden Stimmen entspricht der Geschichte in herausragender Art und Weise. Ein brillantes Hörbuch, das uns eine Tür in eine Welt öffnet deren Teil wir heute schon sind. Wir wollen es nur nicht glauben. Maja Lunde sensibilisiert uns für unausweichliche Themen. Kein erhobener Zeigefinger und keine Besserwisserei in Buchform. Sie erreicht ihre Ziele indirekt. Durch die Brust ins Herz. Der intelligenteste literarische Hinterhalt, den ich bisher erlebt habe.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Nun kann man sich die Frage stellen, ob das „System Lunde“ auch die nächsten beiden Bücher tragfähig macht, oder ob das Festhalten am Prinzip „Never change a running book“ künftige Leser sogar langweilt, weil die Methode mehrerer Perspektiven auf eine drohende Apokalypse sich irgendwann verbraucht. Eine berechtigte Frage. Es mag dann vorhersehbar sein, was Maja Lunde schreibt. Es mag absehbar sein, wie ein Roman endet, wenn er strukturell nach einer erprobten Blaupause konstruiert wird. Ich sehe trotzdem auch weiterhin viel Potenzial in ihren Geschichten, da sie eigentlich nie „Die Geschichte der Bienen“ oder „Die Geschichte des Wassers“ erzählte.

Maja Lunde erzählt Menschengeschichten und die Menschen, von denen sie uns in ganz besonderen ökologischen Rahmenbedingungen erzählt, sind diese Bücher wert. Ich habe dieses Lesejahr zu meinem Jahr des Wassers erklärt. Nun gut, man weiß ja, dass ich bloggend oft nah am Wasser gebaut habe, aber es lohnt sich auch weiter mit mir in See zu stechen. Es gibt viel zu entdecken. Folgt mir ins Büchermeer

Ihr habt Lust auf mehr Meer? Navigiert euch hier entlang…

Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter

„Wild“ – Der letzte Trip auf Erden mit Reinhold Messner

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner zuzuhören ist ein Erlebnis. Ihn zu lesen steht dem in nichts nach. Er weiß sehr genau worüber er schreibt, wenn er das Extreme beschreibt, wenn er über die Motivation von Menschen spricht, die sich Ziele gesteckt haben, von denen wir noch nicht einmal zu träumen wagen. Messner weiß dies, weil er selbst ein Besessener war, dessen Reputation noch heute auf der Bewältigung des Extremen gründet. Berge ohne Sauerstoff zu besteigen, Alleingänge und Erstbesteigungen, Rekorde über Rekorde, im ewigen Eis Spuren zu hinterlassen, das sind die Wegmarken seines Lebens, die uns an den Reinhold Messner erinnern, wie er sich selbst gerne sieht.

Aber es sind auch die Konflikte mit seinen Bergkameraden, den Männern an seiner Seite, die von seinem extremen Ego künden und den Eindruck erwecken, es mit einem Leitwolf, einem Alphatier zu tun zu haben. Keinesfalls jedoch mit einem empathischen Teamleader. Umso erstaunlicher scheint es, dass er sich in seinem neuesten Buch mit einem Menschen auseinandersetzt, der genau aus diesem Grund zu einer Legende in der Geschichte der Polar-Expeditionen wurde. Einer fast vergessenen Legende, muss man dazu sagen, denn den Ruhm erntete ein anderer, der in seinem Wesen eher dem Extrembergsteiger Reinhold Messner gleicht.

Wild von Reinhold Messner

Wild“ [waild] erzählt die Geschichte des englischen Abenteurers Frank Wild, der die Antarktis im frühen 20. Jahrhundert besser kannte als seine Westentasche. Zahllos waren seine Beteiligungen an Expeditionen zur Erforschung dieses neuen Kontinents, zahllos seine Versuche mit unterschiedlichsten Expeditionen zum Südpol vorzustoßen und ihn für sein Land in Besitz zu nehmen. Zahllos waren auch seine Kontrahenten, die in einem wahren Wettlauf zum Südpol das letzte große Ziel für Entdecker erobern und sich selbst dadurch unsterblich machen wollten. Die Geschichte von Frank Wild jedoch ist nicht die Geschichte eines Robert Falcon Scott oder eines Roald Amundsen. Wir haben es hier nicht mit einem großen Forscher zu tun, der berühmt werden möchte.

Frank Wild ist der sogenannte Zweite Mann an der Seite von Ernest Shackleton, der „Right Hand Man“ ohne den man heute wahrscheinlich über die vielen Toten berichten müsste, die Shackletons Ehrgeiz zum Opfer gefallen wären. Jenem Shackleton, der es nicht geschafft hatte, im Wettrennen um den Südpol eine wichtige Rolle zu spielen, der sogar von Robert F. Scott ausgebootet und bei Weitem übertroffen wurde. Gescheitert und frustriert beschließt Shackleton in einem letzten Anlauf und mit einem aberwitzigen Plan im Jahr 1915 die so sehr ersehnte polare Unsterblichkeit zu erlangen.

Wild von Reinhold Messner

„Der letzte Trip auf Erden“ soll ihm den Durchbruch bringen. Eine Expedition, mit der er endlich zu Weltruhm gelangen könnte. Die Durchquerung der Antarktis. Wissend um seine eigenen Fähigkeiten und Schwächen setzt Ernest Shackleton erneut auf den Mann, der als sein Stellvertreter dafür verantwortlich ist, die Mannschaft zu führen und die Männer der Expedition in bedrohlichen Situationen durch persönliches Vorbild zum Überleben zu motivieren. Frank Wild ist der symbiotische Charakter, der Shackleton im Kampf gegen die Natur komplementär zu ergänzen scheint. Ruhmsucht ist ihm fremd, Empathie scheint ihm in die Wiege gelegt worden zu sein und sein Umgang mit denen, die ihm anvertraut sind ist entscheidend für den Erfolg dieser Mission.

Shackletons „Imperial Trans-Antarctic Expedition“ scheitert krachend. Sein Schiff „Endurance“ bleibt im Packeis stecken, wird von den Eismassen zermalmt und die 28 Männer müssen sich mit Rettungsbooten einen Weg zu einer kleinen Insel erkämpfen. Dort heißt es warten und sterben oder in einer letzten aberwitzigen Aktion alles auf die Karte Shackleton zu setzen. 22 Männer bleiben im antarktischen Winter auf Elephant Island zurück, während Shackleton mit fünf Begleitern in einem der Boote losfährt, um Hilfe zu holen. Frank Wild ist es, der zurückbleibt. Als Führer der verzweifelten Gruppe, die zur Untätigkeit verurteilt ist und nichts tun kann, außer auf Hilfe zu warten.

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner stellt nun diesen Frank Wild in den Mittelpunkt. Eine Position, in der er sich sicher nicht wohlgefühlt hätte. Messner beschreibt sein Wesen, Gründe und Ursachen für seine Fähigkeit, Menschen zu führen und entwickelt dabei ein zeitloses in sich geschlossenes Bild, was charismatische Führer ausmacht. Messner schreibt über grenzenloses Vertrauen, Vorbildhaftigkeit und Bescheidenheit. Alles Wesensmerkmale über die Frank Wild zweifelsohne verfügt und die in den Tagebuchaufzeichnungen der Überlebenden belegt sind. Vier Monate dauert das Martyrium der 22 auf der Insel. Kein einziger von ihnen begeht Selbstmord, niemand wird aufgegeben, alle überleben bis zu dem Moment der Rückkehr von Ernest Shackleton.

Messner schreibt sich und seine Leser voller Ehrfurcht auf diese Insel. Er macht uns zu Schiffbrüchigen, die das Bersten der Schiffsplanken der Endurance noch im Ohr haben, die hungern, frieren und in ihrer Hoffnungslosigkeit versinken. Der Gestank der Männer macht alles mürbe, die Sehnsucht nach Wärme frisst sich ins Herz und die pure Angst beherrscht unser Schlafen. Immer wenn wir denken, es geht nicht weiter, ist da jener Frank Wild. Unerschütterlich, in sich selbst ruhend und alle Entbehrungen mit seinen Männern teilend. Loyal gegenüber dem Boss, der sicher bald kommt und ruhig, wo andere die Nerven verlieren. Reinhold Messner erweist einem Mann die Ehre, der er selbst nie hätte sein können. Reinhold Messner wäre selbst losgefahren, hätte Rettung geholt und wäre dann als Held der in die Geschichte eingegangen. Und genau das ist es, was dieses Buch so magisch macht. Nur ein Leitwolf kann einem Zweiten Mann die Ehre erweisen, weil ein Zweiter Mann nie über sich schreiben würde. Nur ein Alphatier kann auf den stärksten Charakter im Rudel zeigen. Ohne Rigth Hand Man Frank Wild wäre die Geschichte der Endurance die Geschichte eines Massengrabes auf Elephant Island.

Wild von Reinhold Messner

Ein fesselndes und nachhaltig wirkendes Buch! Wie sein „Absturz des Himmels“ bringt es uns die Leistungsfähigkeit von Menschen unter extremen Bedingungen näher und erweitert unseren Horizont, auch weil er die jeweiligen Expeditionen in ihren sozio-historischen Hintergrund einbettet. Es ist bitter für Shackleton zu erkennen, dass kaum jemand an seiner Story interessiert ist, weil Europa in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges ausblutet. Und doch ist dies auch ein Buch mit einem erstaunlichen Bruch, da Reinhold Messner ein Kapitel ausblendet, das für die Männer der Endurance mehr als traumatisch war und ewig nachwirkte. Ein Kapitel, das nicht mal das Bilderbuch von William Grill „Shackletons Reise“  ausblendet, obwohl hier die Zielgruppe Kinder sind.

Ich spreche hier von 69 Schlittenhunden die an Bord der Endurance waren. Tiere, die erschossen werden mussten, nachdem ihre Rettung ausgeschlossen war. Hunde, die der Besatzung mehr als ans Herz gewachsen waren. Teams, die blind funktioniert haben und Bindungen, die von Frank Wild zerrissen wurden, weil ihm die Aufgabe ihrer Erschießung zukam. Er selbst schrieb dazu:

Ich habe Männer gekannt, die ich an diesem Tag lieber erschossen hätte, als den schlechtesten dieser Hunde.

Einige der Männer haben ihm das nie verziehen. Ein Aspekt, den man nicht einfach vernachlässigen darf, wenn man über Frank Wild schreibt. Denn das Überleben auf der Insel war nicht harmonisch. Signifikant dafür ist auch, dass vier Überlebende von einer Liste gestrichen wurden, mit der Ernest Shackleton seine Besatzung für die Verleihung der Polarmedaille vorschlug. Unter ihnen auch der Schiffszimmermann Harry McNish.

Wild von Reinhold Messner

Von ihm wird noch zu reden sein. Er brachte die Schiffskatze Mrs. Chippy an Bord. Auch Mrs. Chippy wurde erschossen. Ihre Geschichte wurde von Caroline Alexander in einem bewegenden Buch erzählt. „Mrs. Chippys letzte Expedition in die Antarktis“ ist schon insofern erwähnenswert, weil die Autorin neben diesem Kinderbuch auch das absolute Standardwerk zur Expedition „Die Endurance“ verfasst und Elephant Island mit Reinhold Messner besucht hat. Eigentlich schließen sich hier alle Kreise. Ich mag jedoch einen Kreis öffnen und die Geschichte der Schiffskatze von einer Autorität auf diesem Gebiet rezensieren und beleuchten lassen.

Pauli vom Blog Lesende Samtpfote wird an Bord der Endurance gehen und sich auf die Suche nach den Spuren von Mrs. Chippy begeben. Hier geht’s bald weiter.

Wild wirft Fragen auf, die vielleicht die Schiffskatze der Endurance beantworten kann

„Als das Meer uns gehörte“ von Barbara J. Zitwer

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

„Aber ein schlechter Tag auf See ist besser, als der beste Tag an Land.“

Alles beginnt im Wasser, alles endet im Wasser. Der Kreislauf des Lebens definiert sich durch ein Element, das unseren Erdball und uns selbst dominiert. Lesenslang sind es den Ozeanen gewidmete Romane, die Generationen von Lesern das Gefühl geben, in einem Boot zu sitzen. Urgewalten und unerforschte Tiefen ziehen uns dabei ebenso an, wie die geheimnisvollen Lebewesen der Meere. Was in meinem Lesen mit „Moby Dick“ begann und sich im „Salz für die See“ und der Irrfahrt mit Kurs „Nordnordwest“ fortsetzte, zieht mich immer wieder magisch an, wenn ich lesend in See stechen kann.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer, erschienen bei rütten und loening, erregte in mehrfacher Hinsicht meine Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt einen Jungen, der in direkter Nähe eines tauchenden Wals völlig unbefangen zu schwimmen scheint. Ein Bild, das nicht bedrohlich wirkt, sondern viel mehr den Buchtitel widerspiegelt. Eine erste Information zum Schauplatz der Handlung, erfüllte mich mit der Hoffnung, erneut einen Roman in der Reihe meiner Lebensleseserie Leuchtturm-Literatur gefunden zu haben.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Montauk auf Long Island, nicht nur bekannt durch seine Nähe zu New York, sondern eben auch wegen des Wahrzeichens dieses Küstenstreifens, dem Montauk-Lighthouse und damit ein Buch, das ich gerne einreihen wollte in die Leuchtfeuer-Geschichten des Lesens. Romane, die auch in dunkler Lesenacht Orientierung bieten. Rettung aus tiefer Lese-Seenot garantieren. Ich wurde nicht enttäuscht. Weder vom Schauplatz, noch von der meeres-affinen Grundstimmung des Romans, und ganz bestimmt nicht vom Inhalt.

„Hier passiert die ganze Zeit so viel… Hier wird einem nie langweilig.“

Ein Zitat, das für einen ganzen Roman steht. Facettenreichtum und die Erweiterung des Erzählraums auf die Weite des Meeres verwandeln eine gut erzählte Geschichte in eine Reise für Landratten und Seeleute. Montauk wird zur Metapher für die Flucht einer Frau, die das Leben völlig überraschend aus der Bahn wirft. Montauk wird zum Ziel der Neuausrichtung und zum Ankerpunkt bei höchstem Seegang und Montauk wird für uns Leser zu einem Idyll, zur Idealvorstellung von einer kleinen heilen Welt, in der Freunde und Nachbarn noch in ihren Rollen leben. Aber auch zum Sinnbild einer untergehenden Welt, die durch ihre Nähe zu New York im kommerziellen Strom zu versinken droht.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Tess Harding, Ehefrau, Mutter eines gehörlosen Sohnes und Schuhdesign-Workaholic steht von heute auf morgen am Scheideweg ihres Lebens. Wie aus dem nichts heraus wird ihr Ehemann getötet. Sinnlos. Grundlos, Schicksal. Ihr Leben besteht nur noch aus der Sorge um Robbie, der den Tod seines Vaters nicht verkraften kann. Zu intensiv war er auf ihn, den großen Musikproduzenten, fixiert, zu stark war die Prägung und zu viele Spuren hatte der Vater im Leben seines Sohnes hinterlassen, um im Alter von nur neun Jahren verkraften zu können, was nicht zu verkraften ist.

Tess Harding steigt aus! Nicht nur der Verlust des geliebten Partners, sondern auch die Begleitumstände, die langsam ans Tageslicht kommen, zermürben sie und die Welt versinkt in einen dunklen Nebel aus Vorwürfen, Zweifeln und Selbstvorwürfen. Montauk wird zum Fluchtpunkt. Ihr Onkel Ike, sein marodes Motel und die Landschaft, die Tess aus ihrer Kindheit kennt, versprechen Zuflucht und Schutz zu bieten. Nicht ohne innere Widerstände lässt sich auch Robbie auf diesen Umzug auf Zeit ein. Sein Trauma lässt sich jedoch auf gar nichts ein. Er verschließt sich.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Wer an dieser Stelle einen typischen Entwicklungsroman auf der Grundlage eines einschneidenden Erlebnisses erwartet, der wird sich nur in Teilen bestätigt sehen. Die neuen Lebensumstände erweisen sich natürlich als heilsam für die gepeinigten Seelen. Freunde, Nachbarn und die Familie geben Halt und die Autorin führt uns schrittweise in ruhigeres Fahrwasser. Die unverbrauchten und brillant verflochtenen Kernelemente der Geschichte heben sie jedoch vom Einerlei des Üblichen deutlich ab.

Da ist ein gehörloser Junge, der die musikalische Begabung des Vaters in sich trägt, Tuba spielt, die Vibrationen der Musik wie ein absolutes Gehör empfindet und nicht nur Gebärden beherrscht, sondern auch mittels seiner implantierten Hörgeräte am Leben teilhaben kann. Ein Junge, der verzweifelt gegen den Verlust kämpft, seiner Mutter die Schuld am Schicksal gibt und darin zu versinken droht. Da ist der Meeresbiologe Kip, der auf der Suche nach dem Wunder der Walgesänge die Küste von Montauk absegelt und in Robbie ein neues Wunder kennenlernt. Einen Jungen, für den die Melodie eines Wals kein Geheimnis zu sein scheint.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Da sind die Menschen von Montauk, die gegen den Untergang ihrer Stadt kämpfen. Da ist eine Stimmung von Neubeginn, von Aufbruch und Kampf auf scheinbar verloren geglaubtem Posten. Da ist die verzweifelte Mutter, die mehr verloren hat, als nur ihren Mann. Ein zusätzlicher Verlust, der ihr Selbstwertgefühl bricht. Und da ist die Natur, da ist ein Wal, der seine Kreise zieht, Lebensfreude versprüht, obwohl auch er bedroht ist. Ein Wal, der in aller Einsamkeit das Wunder des Lebens in sich trägt. Und da sind die Zufälle des Lebens, die daran glauben lassen, dass alles wieder gut werden kann.

Und da ist eine Autorin, die auf magische Art und Weise alle zusammenführt. Den Wal mit den Menschen, die Musik der Tuba mit dem Walgesang, die Melodie von Tod und Verlust mit dem Sound von Neuanfang, die Menschen miteinander und die große Unbekannte Hoffnung mit dem scheinbar Vorherbestimmten. Barbara J. Zitwer zaubert aus dem Abgesang eines Lebens eine brillante Symphonie des Neubeginns. Dabei ist die Melodie, in der sie erzählt, dramatisch, traurig, lebensbejahend, fröhlich, zweifelnd, komisch, exzessiv und tief in sich verschlossen zugleich. Diese Melodie hat alles, was große Kompositionen brauchen. Sie erreicht die Herzen.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer – Leuchtturmliteratur