„Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Warum sollten Jugendliche Romane lesen, die sich mit der Sklaverei zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges auseinandersetzen? Erstens ist das doch nun schon längst überholte Geschichte und zweitens haben die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama bewiesen, dass man Geschichte sehr nachhaltig korrigieren kann. Und es gibt weitere Beispiele, die deutlich zeigen, dass ein solch antiquiertes Thema nun wirklich nicht mehr en vogue ist. Selbst in Südafrika, dem Hotspot der Apartheit schrieb mit Nelson Mandela ein Präsident Geschichte, der selbst 27 Jahre lang politischer Gefangener des Landes war, das er später regierte.

Warum also sollte man jungen Lesern einen Roman empfehlen, der maximal in der Tradition von Margaret Mitchell`s „Vom Winde verweht“ daherkommen kann und nicht viel mehr als stereotype und romantisierte Kulissenschieberei betreiben kann, in der die Sklaverei letztlich nur als das Setting herhalten muss, um eine Geschichte zu erzählen, die durch Zwang, Unterdrückung und Ungerechtigkeit von außen ihre bedrohlichen und spannungsgeladenen Rahmenbedingungen sucht? Muss das sein? Gibt es kein Thema mehr, das heute ein wenig relevanter erscheint? Sklaverei ist doch längst überwunden!

Echt jetzt?

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Was haltet Ihr von dieser Schlagzeile?

Die „Washington Post“ wird bei der Pulitzer-Preisverleihung 2016 in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank geehrt, die zeigt, wie oft. warum und auf wen Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die „Post“ ermittelte dabei, dass Polizeibeamte im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Und die Tendenz ist steigend

Ihr denkt, das hat nichts mit Sklaverei zu tun? Ihr denkt, im modernen Amerika hat einseitige Polizeigewalt ganz andere Ursachen als Rassismus? Falsch! Es geht hier um all die Automatismen, die historisch verankert wurden und geblieben sind. Es geht hier um das vererbte Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Folgt man Ta-Nehesi Coates in sein Buch „Zwischen mir und der Welt“, dann erkennt man schnell, dass es auch heute noch genügend Gründe für einen schwarzen Vater gibt, seinem Sohn einen Brief zu schreiben, um ihm zu erklären, dass die Sklaverei von einst für den Rassismus von heute verantwortlich ist.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Nichts ist hier bewältigt. Nichts ist überwunden. Und genau hier liegt die Relevanz von Jugendbüchern, die sich in aller Tiefe mit Sklaverei beschäftigen. Nur wer heute die Ausmaße und die Selbstverständlichkeit der Versklavung von Menschen versteht, sieht die noch immer greifbaren Folgen und kann sich in die Lage von Menschen versetzen, die mehr als nur ihre Freiheit verloren haben, um den Reichtum ihrer Sklavenhalter zu mehren. Sie verloren alles: Ihre Identität, den freien Willen und die Menschenwürde. Es gehört zu den Privilegien unseres Lesens, diese Zeit in unser Gedächtnis zu rufen und aktiv dazu beizutragen, dass Sklaverei in jeder Form der Vergangenheit angehört.

Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter, erschienen im Königskinder Verlag ist über jeden Verdacht erhaben, sich des Themas Sklaverei als pure Kulisse zu bedienen, in der eine spannende Story erzählt werden kann. Nein. Hier geht der Autor einen sehr geraden Weg in seiner Betrachtung und Bewertung der in den Südstaaten modernsten Form der Massentierhaltung zur Ertragssteigerung in der Baumwollproduktion. Treffend führt er seinen Lesern vor Augen, wie Sklaven von ihren Besitzern betrachtet, gehalten und verkauft wurden. Die Prämissen sind eindeutig und entmenschlichend zugleich.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Parameter der Sklaverei:

* Schwarze könnten sich niemals selbst versorgen
* Sie sind auf die Weißen angewiesen, sonst würden sie verhungern
* Ungehorsam ist mit der Peitsche in den Griff zu bekommen
* Lesen und Schreiben bleibt ihnen vorenthalten, Bildung ist gefährlich
* Familien existieren nicht. Sklaven können von der Herde getrennt werden
* Eigener Verstand und eigener Wille werden Sklaven nicht zugestanden
* Arbeit unter unwürdigen Bedingungen gehört zum Alltag
* Die Religion legitimiert die Sklavenhaltung, weil es schon immer Knechte gab
* Sklaven haben nicht das Recht auf Freizügigkeit
* Sklaven haben kein Recht auf Individualität und Identität.

Reicht das? Ich denke schon. Diese Liste ist auch anhand des vorliegenden Romans endlos zu erweitern und all ihre Bestandteile charakterisieren die Ausnahmesituation in der sich Sklaven auf den Plantagen im ganzen Süden befunden haben müssen. Das ist keine Kulisse, die von Jon Walter im Sinne seines Buches zurechtgerückt wird, wie es ihm beliebt. Nein. Es ist die historische Wahrheit, die sich hier in aller Brutalität auf das Leben der Menschen auswirkt, die in seinem Roman eine Hautfarbe haben, die sie von Geburt an zu Opfern macht. Jon Walter bricht aus diesem Bild nicht aus, er romantisiert nicht und zeigt dabei zeitlos auf, was Entrechtung in aller Konsequenz bedeutet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

„Mein Name ist nicht Freitag.“ Ein Titel, der diesem Buch einen Namen gibt. Jedoch auch ein Titel der schon zeigt, dass der Verlust der Identität hier eine große Rolle spielt. Der 12-jährige Samuel verliert bei einer Sklavenversteigerung im Handumdrehen alles, was einen Menschen auszeichnet. Die Freiheit, den eigenen Namen und jede Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Seine Hautfarbe allein ist schuld. Dabei hätte er nicht verkauft werden dürfen, kam er doch als freier Schwarzer zur Welt und lebte behütet in einem Kinderheim. Das Schicksal jedoch machte einen Sklaven aus ihm und der neue Besitzer, ein ebenfalls erst 12-jähriger Sohn der Plantageneigner, gibt ihm einen neuen Namen. Freitag.

An Samuels Seite lernen wir das Leben der Sklaven auf der Plantage kennen. Hier regieren zwar nicht die stereotypen brutalen Sklavenhalter, aber die Grenzen sind ganz klar gezogen. Was niemand ahnt, entwickelt sich zum Problem. Samuel kann lesen und schreiben. Und nicht nur das. Er bringt seinen Leidensgenossen etwas bei, was aus der Sicht der Besitzer undenkbar ist. Schwarze können nicht lesen. Das ist verbrieft. Als der Krieg und die Befreiung näher rücken, beginnt das Pulverfass zu explodieren. Aus den hilflosen und untertänigen Sklaven werden selbstbewusste Menschen, die sich nun mit aller Macht auf ein Leben nach der Sklaverei vorbereiten. Ein Kampf, der Opfer kostet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Freiheit am Ende dieser Geschichte ist nicht die Freiheit, die man sich erhofft hatte. Es ist nicht die Freiheit, wie man sie eigentlich empfinden sollte. Dieser Prozess dauert bis heute an und weist eine traurige Geschichte auf. „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist ein Lehrstück für die fatale Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg. „12 Years a Slave“, „Roots“ und „Der Butler“ zeigen mit filmischen Mitteln, wie lang es dauerte, bis Freiheit so schmeckte, wie sie schmecken muss. Nicht mehr nach Blut.

Hätte Samuel in dieser Geschichte einen Vater gehabt, und hätte dieser ihm einen Brief geschrieben, er würde sich genauso lesen, wie der Brief von Ta-Nehisi Coates an seinen Sohn. Und dies genau 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nein. Sein Name ist nicht Freitag. Sein Name ist und bleibt Samuel. So sollte uns dieses Jugendbuch in Erinnerung bleiben. Samuel ist es, dessen Geschichte wir lesen und die für unzählige wahre Geschichten steht.

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Über die russische Seele zu schreiben bedeutet, sich mit den Besonderheiten und der Geschichte eines Landes und seiner Menschen auseinanderzusetzen, um dann zu erfühlen, was es für einen Russen heißt, wenn er von Heimat spricht. Nur dann ist man in der Lage zu verstehen, welche Welten aufeinanderprallen, wenn diese unverfälschte Seele auf politische Systeme trifft und instrumentalisiert wird. Nur so verstehen wir, was so gerne hinter vorgehaltener Hand und voller Vorurteile über einen historischen Kamm geschert wird. Nur wenn wir Menschen von Systemen trennen, erkennen wir die Kreise, die sich in der Geschichte geschlossen haben und solche, die bis heute offen sind.

„Russisch zu sein hieß, pessimistisch zu sein;
sowjetisch zu sein hieß, optimistisch zu sein.
Darum war das Wort Sowjetrussland ein Widerspruch in sich.“

Julian Barnes bewegt sich in seinem Roman Der Lärm der Zeit“ (Kiepenheuer und Witsch) genau auf der Grenzlinie dieser Verwerfung und konfrontiert seine Leser mit einem Menschen, der zeitlebens zwischen den Mühlsteinen dieses tiefen Widerspruchs aufgerieben wurde. Dmitri Schostakowitsch, einer der wohl berühmtesten russischen Komponisten, dessen Biographie sich liest, wie die Lebensschreibung eines Wanderers zwischen den Welten. Einerseits verfemt, bedroht, verboten, verfolgt, ausgestoßen und als gefährdend für die sowjetische Kultur eingestuft, andererseits hofiert, mit Orden und Ehren überhäuft als linientreuer Repräsentant des Kommunismus der Vorzeigekünstler einer ganzen Nation. Was für eine Gratwanderung.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes schlüpft in die Rolle des virtuosen Komponisten, der zeitlebens nur wollte, dass seine Musik einfach nur Musik sein könnte. Ein Wunsch, der ihm verwehrt wurde, weil er eben in einem Land lebte, das in seiner ideologischen Zerrissenheit und den diktatorischen Anwandlungen genau nach den Künstlern suchte, deren Musik sich für die politischen Zwecke instrumentalisieren ließ. Da liegen sich die Diktatoren dieser Welt einträchtig in den Armen, wenn es gilt „entartete Kunst“ zu brandmarken und sich der Kunst zu bedienen, die dem Machterhalt dient. Die Kriterien sind fließend, kaum zu identifizieren und der ständigen Willkür unterworfen. Kein guter Nährboden für kreative Freiheit. Kein Nährboden für Kultur. Lebensgefährlich für Freidenker.

So lernen wir Schostakowitsch kennen. Gefeiert, weltweit aufgeführt und geschätzt. Nicht nur in Leningrad eines der Aushängeschilder der Hochkultur eines Landes. Seine Werke erobern die Konzerthäuser der Welt. Alles könnte einfach sein, der Weg könnte so harmonisch verlaufen, gäbe es nicht die eine kleine Disharmonie, die das Leben von Schostakowitsch von heute auf morgen unter Vorbehalt stellt. Der 26. Januar 1936 war der Startpunkt eines heißen Ritts auf der musikalischen Rasierklinge, von dem sich der große Komponist nie wieder erholen sollte.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Die Aufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wäre sicher ein erneuter Erfolg gewesen, wäre nicht ausgerechnet der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Josef Stalin, persönlich in einer Loge Zeuge der Inszenierung gewesen. Alles wäre wie gewohnt gelaufen, hätte Stalin nicht vorzeitig das Konzerthaus verlassen und wäre nicht am nächsten Tag ein Artikel in der Prawda erschienen, der Schostakowitschs Kunst unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ zu einer volksgefährdenden Abart der wahren Kunst erklärte. Und wäre dieser Artikel nicht von Josef Stalin selbst verfasst worden, man hätte ihn vielleicht überleben können.

So jedoch kamen diese Zeilen einem Todesurteil gleich. Julian Barnes entwirft auf der Grundlage dieser Ausgangssituation das Psychogramm und eine Charakterstudie des zartbesaiteten Komponisten, dessen Saiten fortan zum Bersten gespannt sind. Mit seiner oftmals minimalistisch erscheinenden, aber umso eindringlicheren Erzählweise ermöglicht Barnes den Blick ins Innere eines Künstlers, der sich plötzlich ausgegrenzt und verfolgt sieht, wo ihm zuvor nur Zuneigung begegnete. Aus dem Treibenden wird ein Getriebener.

„Jetzt besprachen sie nicht einfach seine Musik,
jetzt schrieben sie Leitartikel über seine Existenz.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Hier ist der Roman Lärm der Zeit system- und zeitlos. Das Schicksal der Künstler, die plötzlich in die Mühlen der politischen Systeme geraten gleicht sich von Diktatur zu Diktatur und von Land zu Land. Die Mittel der Ausgrenzung und Unterdrückung fühlen sich weltweit identisch an und die psychologischen Begleiterscheinungen sind fatal. Aus Menschen werden Gejagte und das Verschwinden von Bekannten und deren Familien wird zum Damoklesschwert des eigenen Lebens. So finden wir Schostakowitsch Nacht für Nacht mit gepacktem Koffer am Fahrstuhl vor seiner Wohnung stehen. Wartend auf den Zugriff der Staatsorgane. Hoffend, dass man ihn alleine inhaftiert und verschwinden lässt, ohne auch noch Hand an seine Familie zu legen.

Ein Bild, das sich nicht nur auf dem Buchcover wiederfindet, sondern sich im Leser festsetzt. Julian Barnes folgt Schostakowitsch psychologisch und biografisch durch ein langes Leben unter sich verändernden politischen Vorzeichen. Er veranschaulicht einen Weg, der in sich unverständlich scheint. Er macht transparent, was Zwang und Angst in einem Künstler auslösen und wie leicht es letztlich ist, aus einem Opfer einen Täter zu machen. Schostakowitsch tritt nach Stalins Tod in die Kommunistische Partei ein. Seine Handlungsweisen, Ämter und Auszeichnungen lassen ihn aus heutiger Sicht als reinen Opportunisten wirken, der alles unternahm, um seine eigene Musik zur Staatsmusik im kommunistischen Umfeld zu erheben. So leicht macht es sich Julian Barnes nicht. Sein empathischer Roman ist keine Rechtfertigungsschrift für einen Irrläufer der Geschichte. „Der Lärm der Zeit“ veranschaulicht die Automatismen der Ausgrenzung und Entartung, die aus Menschen voller Harmonie blinde Schafe machen, die froh sind, einfach nur zu leben.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes präsentiert mit „Der Lärm der Zeit“ einen bedeutenden Roman, der gerade in der heutigen Zeit an Relevanz gewinnt. Er widmet sich den Fragen, wem die Kunst gehört und wie weit Opportunismus in seiner Außenwirkung gehen darf, ohne den Einzelnen nachhaltig zu beschädigen. Julian Barnes fällt kein Urteil, sondern macht es seinen Lesern leicht, den Blick hinter die Kulissen totalitärer Systeme zu werfen und zu hinterfragen, wo denn wirklich die Möglichkeiten eines Einzelnen liegen, Widerstand zu leisten. Dieses Buch beschreibt eindringlich die sympathische und bewundernswerte Seite der russischen Seele, die so oft vom Personenkult in den Dreck gezogen wurde.

Was Barnes ausblendet ist die erzielte Außenwirkung der Strategie Stalins. Musik wurde zur Waffe. Auch Schostakowitsch lieferte Munition und Zündstoff, um selbst nicht unterzugehen. Er komponierte regimetreu, ängstlich und brav. Die Musik verfehlte ihre Wirkung niemals. Seine „Sinfonie gegen den Faschismus“ wurde im August 1942 mit Lautsprecherwagen im besetzten Leningrad übertragen. Die Menschen schöpften Kraft und Schostakowitsch trug wohl erheblich dazu bei, dass Hitler schon besiegt war, bevor die Musik verklang. Die kleine Lena Muchina und Daniil Granin wissen ein Lied davon zu singen.

Man sollte auch heute noch ganz genau hinhören, was man zu hören bekommt, wenn man hinhört…

„Kunst ist das Flüstern der Geschichte,
das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes - Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes – Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

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„Salz für die See“ von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Eigentlich befinden wir uns schon fast am Ende und doch geht es jetzt erst richtig los. Wir sind in Ostpreußen und die Vorboten des Kriegsendes sind deutlich zu spüren. Während Stalingrad schon lange aufgegeben, Leningrad befreit wurde und der Winter 1944 zum treuesten Verbündeten Russlands wird, ist die Niederlage der Nazi-Armeen besiegelt. Heillos und unkoordiniert vollzieht sich der Rückzug, Kilometer um Kilometer wird der Roten Armee überlassen und es beginnt die bittere Rache für einen Krieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hatte. Und es beginnt die Rache für die Verbrechen an der Zivilbevölkerung, Misshandlungen, Morde, Massaker und Deportationen in den besetzten Gebieten.

Heillos vollzieht sich auch die Flucht der Menschen, die auf der Flutwelle besiegter Soldaten mitgetragen werden und es setzt die Flucht aus Ostpreußen ein. Das Ziel: Die Ostsee, die kleinen und großen Häfen, in denen man sich Rettung verspricht. Alles Hab und Gut mit sich tragend, auf Karren, Schlitten oder am Körper taumeln die Menschen im letzten Kriegswinter des Jahres 1944 verzweifelt den letzten Strohhalmen entgegen, die noch greifbar sind. Gotenhafen. Schiffe. Schlepper. Jollen. Mittendrin der Stolz des überheblichen Dritten Reichs. Der Passagierdampfer Wilhelm Gustloff. Evakuierung steht über allem. Rette sich wer kann und koste es was es wolle. Nur nicht in die Hände derer fallen, die sich nun als Sieger fühlen dürfen.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Ruta Sepetys widmet dieser dramatischen Fluchtwelle ihren Roman Salz für die See, erschienen im Königskinder Verlag. Dabei legt die in Michigan lebende Autorin mit litauischen Vorfahren sehr viel Wert darauf, menschliche Schicksale im historischen Kontext nicht nur greifbar, sondern fühlbar zu machen. Ein gewagtes Unterfangen, hier einerseits zu vermitteln, was es bedeutet auf der Flucht zu sein, andererseits aber auch ganz genau zu umreißen, was es heißt Schuld zu tragen, verfolgt zu werden oder auch einfach zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Sie stellt sich der Herausforderung, in empathischer Art und Weise von Menschen zu erzählen, die so authentisch wirken, als seien sie direkt aus der Zeit vor unsere Augen gefallen und dabei geschichtlich Position zu beziehen. Ihr gelingt mit „Salz für die See“ ein zutiefst humanistischer Roman, der in der Lage ist Werte zu vermitteln und Hintergründe zu verstehen, die sich auf der reinen Gefühlsebene besser verstehen lassen.

Drei Menschen wirft Ruta Sepetys in diesen Flüchtlingsstrom. Protagonisten, mit denen wir uns identifizieren können. Menschen, die sie uns ans Herz legt und denen wir durch die unwirtliche verschneite Landschaft Ostpreußens folgen. Jeder Schritt kann der letzte sein und der Einzelne verliert an Bedeutung. Gemeinsam kämpft man um das nackte Leben. Es gleicht einer Massenpanik, in der Freund und Feind kaum zu trennen sind. Gefahr droht überall. Verfolgt von der Roten Armee läuft man sehenden Auges in die Arme der Wehrmacht, die genau dort wartet, wo die Flucht ihr Ende nehmen soll. In Gotenhafen, wo Willkür und Nazi-Ideologie darüber entscheiden, wer an Bord eines der Schiffe gehen darf.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Joana, Florian und Emilia bilden das Dreieck dieser gesamten Geschichte. Ihnen schließen sich Flüchtlinge an, sie stehen im Zentrum des Sturms und stehen in vielerlei Hinsicht stellvertretend für abertausende Menschen auf dem Weg in den Untergang. Da ist Joana, die litauische Krankenschwester, die nur noch nach Hause will. Unsicher, ob sie in ihrer Heimat noch überlebende Familienangehörige findet, oder ob sie ganz allein auf der Welt ist. Schuldgefühl begleitet sie. Schuld ist ihr Jäger. Da ist Florian der mehr verbirgt, als er verrät. Ein Deserteur könnte er sein, verletzt ist er. Ein Geheimnis wiegt schwer in seinem Rucksack. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort und traf die einzig richtige Entscheidung. Schicksal ist sein Jäger. Und da ist Emilia das Bauernmädchen. Schwanger. Doch von wem? Stimmt ihre Geschichte vom liebenden Freund oder ist es möglich, dass… ? Schande ist ihr Jäger.

Die Gejagten sind aufeinander angewiesen. Sie retten einander, geben sich Halt und doch verdrängen sie im Chaos der Flucht das Wichtigste. Die Wahrheit. Mit ihnen sind Menschen unterwegs, die den Mikrokosmos der Opfer der Nazi-Diktatur darstellen. Hier liegt eine der wesentlichen Stärken des Romans, da es Ruta Sepetys gelingt, mit ihren Charakteren Geschichte zu schreiben, die lebendiger ist, als Geschichte eigentlich mit einem Roman zu vermitteln wäre. Vom Holocaust über Euthanasie bis hin zu Kunstraub reichen die Spektren dieses Romans, der sich von Seite zu Seite in den Herzen seiner Leser festbrennt.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Wer sich diesem Roman nähert, der wird ein blindes Mädchen nicht mehr vergessen und beim Anblick von Schuhen immer an den Schuh-Poeten und den kleinen Jungen denken, für den er zum Ersatz-Opa wurde. Wer diesen Roman liest, wird immer wieder verstehen können warum das Zitat „Wer Hass sät, wird Sturm ernten“ so richtig ist. Und wer sich einmal auf den Weg durch das Frische ostpreußische Haff macht, wird sich so sehr in das Schicksal von Flüchtlingen unserer Zeit hineinversetzen können. Die Autorin macht es sich selbst, ihren Protagonisten und Lesern nicht sehr leicht. Die Geschichte kostet Menschenleben auf allen Seiten. Ein Schicksal, dass auch an ihren Charakteren nicht vorbeigehen kann. Der Tod ist allgegenwärtig. Und jede Geschichte ist nur so gut, wie das personifizierte Böse, das am Ende wartet. Alfred wartet an Bord der rettenden Wilhelm Gustloff darauf, endlich seine Macht zu demonstrieren. Er hat nicht lange zu warten, bis zehntausende Flüchtlinge in die Hafenstadt stürmen und sein kleines Nazi-Licht machtvoll erstrahlen kann.

Ruta Sepetys gelingt mit „Salz für die See“ ein All-Age-Drama mit sehr fundiertem historischem Background. Menschlich vermag sie Augen zu öffnen, geschichtlich ist es beeindruckend, wie klar sie Zusammenhänge erklärt, ohne schulbuchhaft zu wirken und ihre Botschaft lässt es an Klarheit nicht missen. Im Taumel des Lesens konnte ich mich der Geschichte nicht mehr entziehen. Ich las ohne Pause, ich las zornig, ich las in Tränen und ich las fassungslos. Je näher ich der Gustloff kam, umso mehr wollte ich in die Handlung eingreifen und warnen. Diese Hilflosigkeit beim Lesen bleibt. Aus ihr kann man Kraft schöpfen, im Leben nicht hilflos sondern voller Tatendrang zu sein. Im Finale des Romans versank ich mit der Wilhelm Gustloff in der eisigen Ostsee und durfte doch erleben, dass Hoffnung unsinkbar ist.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Ich lege euch das Buch ans Herz. Es lässt niemanden kalt, auch wenn das Klima nur frostig ist. Begegnet Romanfiguren, die es so oder so ähnlich ganz bestimmt gegeben hat. Achtet auf sie und auf euch. Haltet die Augen offen und tragt vielleicht einen ganz kleinen Teil dazu bei, dass die Gustloffs unserer Zeit unsinkbar werden. Für sehr viele Menschen ist heute unser Deutschland ein solches Rettungsschiff. Unglaublich, wenn man sich überlegt, wie viele unserer Vorfahren selbst auf der Flucht waren oder dafür gesorgt haben, dass Menschen fliehen mussten. Also – Rettungsringe raus. Werft sie zu den Menschen, die Hilfe suchen und fragt nicht schon vor dem Wurf, ob sie es wert sind. Diese Frage ist unmenschlich. Das sollte man nie vergessen...

Ich trug einen Siegelring beim Lesen. Nicht irgendeinen. Er hat den weiten Weg aus Ostpreußen bis in meine Geburtsstadt Trier hinter sich. Er kam allein zurück. Er lag am 21. Oktober 1944 auf dem Boden des weltberühmten Trakehner-Gestüts. An diesem Tag begann auch die Flucht von dort ins vermeintlich rettende Gotenhafen. Einen Ring beim Lesen zu tragen, der zur besagten Zeit vor Ort seine eigene Geschichte schrieb, fühlt sich seltsam an. Er gehörte dem Bruder meines Vaters. Er starb an diesem Tag in Ostpreußen, als seine Einheit die Evakuierung der Flüchtlinge sichern sollte. Nur dieser Ring kam nach Hause. Weihnachten 1944. Er hat vibriert, als ich „Salz für die See“ las. Als wollte er mir seine Geschichte erzählen.

Salz für die See von Ruta Sepetys und Im Krebsgang von Günter Grass

Salz für die See von Ruta Sepetys und Im Krebsgang von Günter Grass

Vielleicht oder sicher sogar waren russische Menschen vor meinem Onkel auf der Flucht. Vielleicht ist es besser, dass ich nicht weiß, was dieser Ring erlebt hat. Ich weiß nur, dass es mir viel bedeutet, ihn bei mir zu haben. Er erinnert mich täglich daran, was es bedeutet, im Räderwerk einer Diktatur zermalmt zu werden. Oder sich gar freiwillig zermalmen zu lassen, weil man zu blind oder zu gutgläubig oder einfach schlecht ist. Vielleicht mögt ihr mehr zu diesem Ring erfahren… Ich schrieb darüber

Am Ende waren wir gemeinsam an Bord der Gustloff. Literatwo auf der Flucht.

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„Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Was bleibt NACH dem Lesen? Welche Leitbilder eines Romans bleiben in Erinnerung und ist man auch nach Jahren noch in der Lage, eine große Geschichte am Lagerfeuer mit guten Freunden teilen zu können? Oder bleiben nur Fragmente, Impressionen und der Titel eines Romans, den man zum Wegbegleiter des Lesens auserkoren hat? Diese Fragen sind meine Parameter für die Nachhaltigkeit von guter Literatur. Zu viele Bücher sind durch mein Lesen gerauscht ohne tiefe Spuren zu hinterlassen. Nur die ganz guten unter ihnen geben im Kopfkino meines Lesens eine lebenslange Dauervorstellung.

Dabei kommt es auch auf die Rahmenbedingungen des Lesens an. Lese ich allein oder begebe ich mich mit wichtigen Menschen gemeinsam auf eine Lesereise? Welche Lebenssituation flankiert mein Lesen und gelingt es dem Buch, wichtige Ereignisse mit seinem Inhalt zu verbinden? All dies führt in der Rückschau dazu, dass aus einem Buch ein Herzensbuch wird. Unvergesslich eingebrannt in die Festplatte der Leserseele. Ein absoluter Volltreffer ins Herz und ein Buch, dessen Relevanz sich nicht mehr verliert.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina (Aufbau Verlag) ist ein solches Buch, da es untrennbar mit meinem Lebens- und Leseweg verbunden sein wird. Einerseits ist es ein brillant erzählter Roman über die russische Seele und die unergründliche Weite des Landes. Andererseits ist dieses Buch auch noch zutiefst politisch und beleuchtet in aller Präzision die gesellschaftlichen Umwälzungen im Großen und ihre Auswirkungen auf den kleinen Mann und die kleine Frau, die völlig unpolitisch plötzlich ins Räderwerk der Geschichte geraten.

Und es ist ein Roman, den ich nicht alleine gelesen habe. Suleika hat immer dann, wenn sie ihre Augen öffnete zwei Leser erkannt, die sie auf ihrem Weg durch Russland begleiteten. AstroLibrium und Literatwo waren in Sibirien, Bianca und ich fanden uns in endlosen Zügen wieder, wurden auf engstem Raum verschifft, deportiert und in einer der unwirtlichsten Regionen Russlands angesiedelt. Dabei ging es uns beiden gut. Wir hatten es warm unter den Lesedecken. Was man von Suleika nicht behaupten kann. Es ist ein Roman der Entbehrungen und des Verlustes, auf den wir uns sehenden Auges eingelassen haben. Es ist Suleika, der wir folgten und es ist eine Geschichte, die wir mit Mühe und Not überlebt haben.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Weit zurück sind wir gereist. In das Russland der frühen 1930er Jahre. In eine Zeit der Repressalien gegen Menschen, die der kommunistischen Partei im Weg waren. Ob wohlhabende Bauern oder einfache Landbewohner, die das kleine Stückchen Land, auf dem sie lebten als ihr eigenes betrachteten, sie alle standen dem Kollektivismus Stalins im Weg. Enteignungen und Umsiedlungen ganzer Familien fanden im großen Maßstab statt. Sibirien lautete das Ziel. Der GULAG begann, die Kinder Russlands zu fressen.

Wem die Lebensumstände russischer Bauern zu dieser Zeit nichts sagen und wer keine Vorstellung vom Frauenbild in der russischen Gesellschaft hat, der sollte sich nur ein einziges Mal in die Lage Suleikas versetzen. Wenn sie die Augen öffnet, beginnt der Tag an der Seite ihres Mannes und unter der Fuchtel ihrer Schwiegermutter, der für uns mehr als unvorstellbar ist. Bis sie die Augen wieder schließen kann, vergehen endlose und entbehrungsreiche Stunden, die schon dem Leser alle Kraft rauben. Gusel Jachina gelingt alleine schon auf den ersten 95 Seiten ihres Romans ein atemberaubender und desillusionierender Parforceritt durch den Alltag der jungen Bäuerin, die nicht ahnt, wie sehr die Kommunisten ihr Leben verändern sollten.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

An einem Punkt, an dem man glaubt, es könnte nicht schlimmer kommen, beginnt Suleikas eigentlicher Leidensweg. Der Hof wird enteignet, ihr Mann erschossen und sie selbst wird umgesiedelt. Erstmals ohne die Bevormundung durch einen Mann. Auf sich allein gestellt und heimatlos. Eine Deportation unter menschenunwürdigen Umständen entwurzelt die junge Frau. Ihr ist das Ziel unbekannt. Nur der Mörder ihres Mannes hat eine Vorstellung davon, wohin die Reise geht. Das Schicksal will es so. Der linientreue Rotarmist Iwan Ignatow führt nicht nur diesen Transport der Deportierten nach Sibirien an. Er muss sich dort seinem eigenen Schicksal stellen.

Gusel Jachina lässt uns die Seele Russlands fühlen. In aller Hoffnungslosigkeit und unter ständiger Lebensgefahr erkennen wir in Suleika und den Menschen, denen sie in ihrer Geschichte begegnet eine tiefe Spiritualität, einen unbedingten Glauben und eine Kraft, die aus der Größe eines Landes und seiner Tradition gespeist wird. Die Autorin schreibt uns hierbei Menschen ins Herz, die von großer Bedeutung sind, wenn Suleika die Augen öffnet. Der Blick der jungen Frau hat uns in ihren Bann gezogen. Ihre Stärke und die persönliche Entwicklung geben der ganzen Geschichte Halt in haltlosen Zeiten.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Unvergessen bleibt ein Arzt, der durch die Deportation aus seiner Lethargie gerissen und fast neu geboren wird. Unvergessen ein Kunstmaler, der für die Deportierten in der Kälte Sibiriens Träume von Paris entstehen lässt. Unvergessen all die Nebenfiguren im Taumel der Umsiedlung. Unvergessen auch Suleika, der die Augen in Sibirien geöffnet werden. Nicht nur für sich selbst. Nicht nur für die Menschen, die sie am Leben hielten. Auch für das größte und gleichzeitig gefährlichste Geschenk, das ihr ermordeter Mann ihr mit auf die Reise gab. Ein ungeborenes Kind….

Das ist kein Frauenroman, auch wenn er von einer unfassbaren Frau handelt. Es ist kein historischer Roman, weil er in sich geschlossen mehr als zeitlos ist. Es ist keine eindimensionale Geschichte, weil sie uns auf allen Ebenen packt. Es ist kein politischer Roman, weil er zutiefst menschlich ist. Es ist eine facettenreiche und sehr unpathetisch klingende Erzählung, die uns fühlen lässt, was russische Heimat bedeutet. Sibirien ist das Synonym für diese Geschichte. Lebensfeindlich, einsam, kalt, gefährlich und doch unergründlich schön. „Suleika öffnet die Augen“ entführte mich erneut in ein Lager“. Angela Rohr und Suleika vereint die Zeit im GULAG während des Zweiten Weltkrieges. Beide Bücher vereint die tiefe Kälte, in die sie eingebettet sind und die Wärme, die aus ihnen herausstrahlt.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Was bleibt von diesem Buch? Mir bleibt die gesamte Geschichte. Es bleiben die Tiefe und Weite des Landes, endlose Zugfahrten in Viehwaggons, ein Schiffsuntergang, eine schreckliche Zeit in Reisighütten und die quälende Ungewissheit, wie man dieses Buch überleben soll. Mir bleibt der gemeinsame Leseweg an der Seite von Bianca. Wir haben uns an manchen Wegmarken getrennt, an Lagerfeuern aufeinander gewartet, die vielen Winter miteinander durchfroren und Menschen hassen und lieben gelernt. Wir staunten über Gemälde, die in der Taiga entstanden und schliefen im Lazarett. Wir fanden unser kleines bescheidenes Glück an einem Ort, der alles zu verheißen schien, nur das nicht. Und am Ende der Geschichte begegneten wir uns auf einer Lichtung um einen der ganz großen literarischen Momente unseres Lesens zu erleben. Hier wurden uns die Augen geöffnet.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina - Ein gemeinsamer Weg

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina – Ein gemeinsamer Weg

Wer die Seele Russlands verstehen möchte, muss die Vergangenheit kennen. Das weite Land und seine Menschen in der literarischen Reflexion bei AstroLibrium:

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„Sterndeutung“ und die kleine literarische Sternwarte

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Manchmal ist man einfach zu blind, um das Naheliegende zu erkennen. Manchmal ist man zu vertieft in den eigenen Ideen, dass man kaum realisiert, was man eigentlich geschaffen hat. Meine kleine literarische Sternwarte folgt seit Jahren einem tieferen Sinn. Buchsterne am literarischen Himmelszelt zu entdecken und Fixsterne zu finden, die auch im wahren Leben der Orientierung in dunkler Nacht dienen, das sind die Ziele, denen ich beharrlich folge. Dabei mein Lesen und Schreiben Gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust als moralische Leitlinie zu sehen, war und ist meine wichtigste Intention.

Bisher betrachtete ich beides voneinander losgelöst. Ich war zu blind zu erkennen, was ich hier im übertragenen Sinne schon mit meiner Blog-Philosophie aufgebaut und umgesetzt habe. Literarischer Sternwärter wollte ich sein. Sternbilder entdecken, in der Weite des Bücheruniversums jene Gestirne finden, die immer leuchten und dabei mein Lesen unter den Stern des Erinnerns stellen. War ich wirklich zu blind um erkennen zu können, dass ich schon mit den ersten Gedanken an meinen Blog etwas ganz anderes verwirklicht habe? Ein Buch musste mir die Augen öffnen. Ein Buch, das meinem Blog eine völlig neue Bedeutung verleiht, obwohl sie unterschwellig seit den ersten Stunden meines Schreibens hier existierte. Ich habe sie nur nicht erkannt.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung“ von Jan Himmelfarb (C.H. Beck Verlag) ist ein facettenreicher und tief angelegter Genre-Hybrid aus historischem Familienroman, Bewältigungsliteratur und aktueller Reflexion zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Dabei blickt der Autor aus der Perspektive des russlanddeutschen Aussiedlers Arthur Segall in eine Vergangenheit zurück, die von Sternen geprägt war. Ein vergangenes Leben, das unter keinem gutem Stern begann und in dem Arthur Segall nur durch Glück und Zufall davor bewahrt wurde, mit Abermillionen anderen Sternträgern im endlos erscheinenden Treck der Sterne an Sternorte gebracht und dort ausgelöscht zu werden.

Denn Arthur Segall ist Jude. Sein Geburtsort steht nicht so genau fest, da er in einem Zug die Dunkelheit der Welt erblickte. Von Licht konnte keine Rede sein, da sich dieser Zug im Oktober 1941 auf der Flucht ins russische Hinterland befand. Das Unternehmen Barbarossa hatte begonnen und die Nazis begannen ihren Feldzug mit unglaublichem Tempo und ebensolcher Brutalität. Arthur Segall ist ein Kind des Zuges. Flüchtling in einer Zeit, in der andere Züge zu rollen beginnen. Der systematische Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten beginnt und Deportationszüge in unvorstellbarer Zahl bestimmen den Fahrplan des Holocaust.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Für Arthur Segall sind es die Jahre, in denen die Nazis Menschen zu Sternträgern machen, sie danach als Sternschnuppen betrachten, um sie an den dunklen Sternorten Auschwitz, Treblinka und Sobibor für immer auszulöschen. Für Arthur sind es Jahre, an die er sich nicht eigenständig erinnern kann. Deshalb beginnt er im Alter von 51 Jahren zu recherchieren, niederzuschreiben und zu archivieren, was ihm und seiner Mutter auf der Flucht geschah, wer überlebte und wo die Wurzeln seiner Familie zu finden sind.

Er zeichnet ein Bild einer zum Tode verurteilten Generation. Er skizziert die Sterne seiner Familie, die erloschen sind, begreift das Glück, das ihm zum Überleben verhalf und beschreibt in quälenden Beschreibungen, was ihm und seiner Mutter erspart blieb. Die Abläufe der Sternenauslöschung. Die systematische und industrielle Vernichtung in einem Ausmaß, das noch immer unvorstellbar ist. Er beschreibt die Tilgung der ganzen jüdischen Galaxie vom Sternenhimmel.

„Ich habe einmal gelesen: Für die einen sind die Sterne Führer. Für andere sind sie nichts als kleine Lichter. Welche Sterne sah ich? Welche hörte ich? Alle, alle schwiegen.“

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Der Ausgangspunkt seiner Betrachtung stellt den Bruch der Geschichte dar. Das Land der Täter wurde zur neuen Heimat des damaligen Flüchtlings und nun lebt er seit der Wiedervereinigung Deutschlands in dem Land, das damals die Sterne vom Himmel holte. Und Arthur Segall lebt gut, seine Tochter studiert an einer Elite-Universität und es könnte fast besser nicht sein. Und doch zeigt sein schonungsloser Blick, was hier unter Integration verstanden wird, wie Migrationshintergründe das Leben erschweren und es neuen Zuwanderern schwer gemacht wird, ihre Identität im neuen Leben zu bewahren.

Arthur Segall beschreibt eine ganz eigene Sternzeit. Sowohl in seiner alten als auch der neuen Heimat werden Sterne immer unterschiedlichen Gruppen zugeschoben. Ein gesellschaftliches Leben ohne Underdogs scheint nirgendwo auf der Welt möglich zu sein und das Zuschieben vollzieht sich in ähnlich präziser bürokratischer Genauigkeit, mit der auch der Holocaust organisiert wurde. Überall auf der Welt sind die Nachfolger der Wannseekonferenz in den Räderwerken der Verwaltungen zu finden. Sternzeit. Es ist immer Sternzeit.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Jan Himmelfarb gelingt mit Sterndeutung ein großer und aktueller Wurf ins Herz unserer Denkkultur. Seine Deutungshoheit ist polyglott und er entlarvt die Sternzeit in all jenen Ländern, die sich selbst als weltoffen und frei bezeichnen. Und gleichzeitig ist es sein Verdienst, der Gedenkkultur neue Impulse zu geben. Seine Sternbilder sind es, die das Gedenken an einzelne erloschene Sterne erhellen. Er setzt sie ins rechte Licht und ruft dazu auf, dem Versuch seines Protagonisten zu folgen. Der Blick zurück zeigt, wo man steht, warum man genau da angekommen ist, wo man ist und wie weit man zu gehen bereit ist, um nicht mitschuldig zu werden.

Hier schließt sich der Kreis. Ich bin Sternwärter. Nicht nur weil Bücher wie Sterne sind. Nein. Ich empfinde mich seit dem Lesen dieses Buches und vor dem Hintergrund meiner Hoffnung, den Opfern des Nationalsozialismus gedenken zu können noch viel mehr in der Pflicht, erloschene Sterne mit Namen zu versehen und aktiv zu verhindern, dass Menschen Sterne zugeschoben bekommen, damit unzufriedene Gruppen sich ein wenig besser fühlen. Ich habe meine kleine literarische Sternwarte schon längst in den Dienst der Sterndeutung gestellt. Dieses Buch hat mir allerdings die Augen geöffnet und verdeutlicht, unter welch gutem Stern wir geboren sind. Lasst ihn uns teilen.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Wer die Seele Russlands verstehen möchte, muss die Vergangenheit kennen. Das weite Land und seine Menschen in der literarischen Reflexion bei AstroLibrium:

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