Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Wenn ich über verlorene Mädchen schreibe, ist es mir meist schwer ums Herz. In meinem Lesen bin ich vielen realen und fiktiven Schicksalen begegnet, die mir speziell als Vater sehr nah gegangen sind. Ich habe diesen Lost Girls eine eigene Kategorie in der kleinen literarischen Sternwarte gewidmet und habe die Suche nach ihnen nie ganz aufgegeben. Zu viele Geschichten erzählen von ihnen. Zu viele Mädchen gehen in und zwischen den Zeitfalten der Weltgeschichte verloren. Insbesondere in den dunklen und menschenunwürdigen Epochen der jüngeren Vergangenheit verlieren sich ihre Spuren. Deportationen, Genozide und die Auslöschung ganzer Familienstammbäume zeichnen dafür verantwortlich, dass sie verloren bleiben. Namenlos zumeist, ohne Identität, ohne eigene Geschichte. Ich schrieb sehr viel darüber…

Das Mädchen mit dem Poesiealbum steht stellvertretend für die realen Schicksale, die zur Zeit der Judenverfolgung unter dem Nazi-Regime zu beklagen sind. Holocaust. Ein schrecklicher Begriff für das Unaussprechliche. Mir ist bewusst, dass der Fokus auf den „Verlorenen Mädchen“ niemals die anderen Opfer ausblenden darf. Und doch bin ich, gerade als Vater einer wundervollen Tochter, emotional besonders betroffen, wenn ich ihnen begegne. Sie verdeutlichen die Wucht der Auslöschung ganzer Generationen. Sie mahnen uns und stehen für alles, was wir heute nicht mehr erleben wollen. Hier ist die literarische Aufarbeitung der Vergangenheit von besonderer Wichtigkeit. Und wem die realen Schicksale zu nahegehen, der sollte in der anspruchsvollen Fiktionalisierung eine Chance sehen, sich anzunähern. Lesen gegen die Namenlosigkeit und das ewige Vergessen ist ein gehaltvolles und wichtiges Lesen.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Ich möchte Euch heute ein besonderes Mädchen vorstellen. Und, so unglaublich diese Geschichte auch klingen mag, sie ist doch in der Lage, uns einen emotionalen und nachhaltigen Zugang zu einem Opfer des Nationalsozialismus zu gewähren. Diese unschuldige Seele erlangt im Roman von Martin Horváth eine Dimension, die in einer fiktionalisierten Figur selten zu finden ist. Sie überschreitet Grenzen des Vorstellbaren. Genau hier liegt die Stärke dieses Romans. Hier liegt die Stärke eines Romans. Denn Literatur darf alles. Sie darf Ebenen verschwimmen lassen, Illusionen und Traumbilder zur Realität erheben und Wege aufzeigen, die unser Verstand verweigert. Literatur ist hier Wegbereiter eines neuen Denkens. Dieses Mädchen wird zum Synonym für diese gewagte und doch gelungene Form der Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, die auch heute noch nach uns greift. Gebt diesem Mädchen eine Chance.

Mein Name ist Judith“. Mit diesen Worten stellt sich uns ein 10-jähriges Mädchen vor, das aus der Zeit gefallen scheint. Wir begegnen Judith im Wien des Jahres 2023. Über der Stadt hängt nach terroristischen Anschlägen der Schatten des Ausnahmezustands. Panzer auf den Brücken. Polizei an allen Ecken und Enden. Angst geht um. Der Autor León Kortner verlor bei einem der Anschläge Frau und Tochter. Seine Welt ist aus den Fugen geraten. Nun versucht er, einen Roman über eine jüdische Familie zu schreiben, die in seinem Haus eine Buchhandlung betrieb, bis sie von den Nazis vertrieben wurde. Ein Verlorener schreibt über Verlorene. Über Menschen, die zwar ihr Leben retten und ins Ausland fliehen konnten, die aber doch ein Opfer brachten, das bis heute an ihnen nagt. Sie haben die jüngste Tochter zurückgelassen. Ihr Schicksal ist ungeklärt. Judith Klein, ihr Name.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Als plötzlich ein Mädchen in der Küche von León Kortner auftaucht, sich als Judith vorstellt und in jeder Hinsicht wie eine Scheingestalt aus dem letzten Jahrhundert wirkt, kommt der Schriftsteller völlig aus dem Tritt. Sie ist zehn Jahre alt. Sie trägt altmodisch wirkende Kleidung und besteht beharrlich darauf, dass der Buchladen im Erdgeschoss ihren Eltern gehört. Nur, da ist nichts mehr. Keine Spur von der alten Buchhandlung. In tiefster Verwirrung, ob er träumt oder ob alles real ist, beschäftigt sich León Kortner mit dem Mädchen. Judith nimmt einerseits die Rolle seiner toten Tochter ein, andererseits fühlt sich León in der Lage, ihr die Geschichte ihrer verlorenen Familie zu erzählen. Ein schmerzhafter Prozess, der von Ausflüchten über Lügen bis hin zur Wahrheit führt. Die Wahrheit, die auch den Verbleib von Judith Klein erklärt.

León Kortner nimmt die Rolle des unzuverlässigen Erzählers ein. Er bezweifelt, in seinen Wahrnehmungen richtig zu liegen. Er gesteht sich selbst zu, dass Judith nur ein Geist sein kann. Ich mag diese unzuverlässige Perspektive nicht, weil sie einem Autor jede Fluchtmöglichkeit aus einem Roman ermöglicht. Martin Horváth jedoch zelebriert diese Sichtweise so intensiv, dass Realität, Trugbilder und Träume zu einem plastisch wirkenden Bild verschmelzen. Letztlich ist es egal, ob es Judith in dieser Form gibt. Wir lernen sie kennen, wir lernen die Geschichte der Kleins kennen. Schnell schließen sich alle Kreise zu den Geschichten verlorener Kinder in Zeiten von Verfolgung, Flucht und Krieg. Sehr schnell wird deutlich, was Judith mit so vielen Mädchen gemeinsam hat, die man vor dem Zugriff der Nazis retten wollte.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith von Martin Horváth ist ein äußerst ungewöhnlicher, jedoch nicht minder fesselnder Roman über Verlust, Einsamkeit und niemals verheilte Wunden aus der Vergangenheit. Wer am Verstand von León Kortner zweifelt, der sollte auch am kollektiven Verstand der Menschheit zweifeln. Aus der Geschichte zu lernen, gehört zu den absoluten Fremdwörtern unserer Gesellschaft. Auch im Wien des Jahres 2023 wird Fremdenhass zur Methode. Terror, Ideologien und Ausgrenzung bestimmen den Alltag. Daneben wirkt die Geschichte dieses Mädchens, das wie in einer Zeitschleife gefangen ist und verzweifelt nach seiner verlorenen Geschichte sucht, wie eine kleine Unwucht in der Unendlichkeit. Und doch dominiert Judith diesen Roman. Sie stellt ihre Fragen wohl für alle Kinder dieser Welt, die im Niemandsland gestrandet sind.

Martin Horváth streut Geschichten in seinen Roman ein, die sich wie ein Buch im Buch lesen. Es sind die Verarbeitungstexte von Judiths Bruder, der sich nur schreibend und ganz in sich zurückgezogen mit dem Verlust der kleinen Judith, seiner Schwester, beschäftigen konnte. Es sind diese Texte, die schwer im Magen liegen. Sie strahlen im Buch wie leuchtende Fackeln gegen das Vergessen. Wir werden von Seite zu Seite zu Zeugen eines Heilungsprozesses in der Psyche von León Kortner. Hier zeigt sich, dass man über Verlust reden und schreiben muss. Man darf nichts verschweigen, denn nur, wenn man etwas totschweigt, wird es vergessen werden. Ein sinnstarker Roman, dem eine Dynamik innewohnt, die nicht mehr lockerlässt. Ein Roman voller Bilder, die mich verstört, zerstört und wieder aufgerichtet haben.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith“ von Martin Horváth ist eine literarische Ausnahmeerscheinung auf ganzer Linie. Sprachlich präzise und doch verträumt und verwundert. In seiner vom Autor gewählten Perspektive absolut einzigartig und in der Botschaft signifikant. Wenn man an Judiths Existenz glaubt, dann sieht man tausende von Kindern vor sich, denen wir Antworten schulden. Kinder, die uns in einer Parallelwelt begleiten. Fast können wir sie sehen, in den Wohnungen, in denen sie einst lebten. In den Städten, aus denen sie vertrieben wurden. Verlorene Kinder. Verlorene Mädchen. Es würde mich beruhigen zu wissen, dass ihre Schicksale zählbar sind. Das ist nicht der Fall. Freundet Euch mit der kleinen Judith an und passt auf sie auf. Sie ist einzigartig!

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und versteckte Kinder im Holocaust.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Kinder mit Stern

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Bald werde ich mich auf einem anderen Kontinent mit verlorenen Kindern unserer Zeit auseinandersetzen. Ihre Zahl scheint wieder zu wachsen. Ob wir je ihre Fragen beantworten können? In welcher Sprache auch immer. Bald sind es mexikanische und andere südamerikanische Kinder, die auf der Suche nach ihren Eltern an einer Grenze stranden, an der man heute gerne eine Mauer errichten würde. Trump lässt grüßen.

Das „Archiv der velorenen Kinder“ – hier geht´s zur Rezension…

Das Archiv der verlorenen Kinder - Bald auf AstroLibrium

Das Archiv der verlorenen Kinder – Bald auf AstroLibrium

AstroLibrium – Best of Print und Audio 2019

AstroLibrium - Best of Print und Audio 2019

AstroLibrium – Best of Print und Audio 2019

Immer wieder gegen Ende eines von Literatur geprägten Jahres blickt man gerne zurück auf die gelesenen und gehörten Schätze der vergangenen 365 Tage. Auch dieses Jahr ist es mir gelungen, euch genau 100 Bücher und Hörbücher vorzustellen. Eine Zahl, die nicht nur eine Zahl ist, weil man sich immer wieder Ziele setzt, was man bloggend und rezensierend bewegen möchte. Und so ist das vergangene Jahr für mich der Maßstab für die Zukunft. 100. Das scheint meine Zahl zu sein, seitdem ich mich mit meinem Blog im Büchermeer bewege. Es ist wie bei einer guten alten Segelyacht. Egal wieviel Tuch man setzt, eine bestimmte vorgegebene Geschwindigkeit kann nicht mehr überschritten werden. Ich lag gut im Bücherwind in diesem Jahr. Rückblickend ist es so, dass ich mit meiner Auswahl aus dem Meer der Neuerscheinungen glücklich bin. Es ist naturgemäß immer wieder schwer, die Besten zu wählen. Und doch wage ich es auch diesmal. Meine absoluten Highlights des Jahres. Meine Top Ten Bücher und Top Five Hörbücher sind:

Bücher, gebunden, ungebunden, gedruckt, gut riechend, prall gefüllt:

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak

Fans von Markus Zusak wissen, dass kein Mainstream auf sie zukommt. Sie sind nicht überrascht, wenn sich Romane aus seiner Feder strukturell und inhaltlich deutlich von der Masse vergleichbarer Bücher unterscheiden. Diesmal – und dies ist der große Unterschied zur Bücherdiebin – haben wir es nicht mehr mit einem Jugendbuch zu tun. Hier baut der australische Autor eine Brücke, die komplex und facettenreich ist, die auf vielen literarischen Wurzeln fußt und Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu sehr aktivem und aufmerksamem Lesen zwingt. Wir haben es nicht mit leichter literarischer Kost zu tun. Wir haben es im klassischen Sinn keinesfalls mit einem Familienroman zu tun, der in einer linearen Struktur unbeschwerte Lesestunden verspricht. Nicht weniger als ein Wunder liegt in unseren Händen. Wir müssen nur an dieses Buch glauben.

Ein Roman, ohne den meine Odyssee keinen Sinn gemacht hätte und ohne den ich eine gewisse Penelope Dunbar niemals kennengelernt hätte. Gut, dass ich mich davor bewahrt habe… Hörend und lesend.

Wem das nicht ZUSAKt, dem ist nicht zu helfen…

WEST von Carys Davies - AstroLibrium

WEST von Carys Davies

 WEST“ von Carys Davies

Es gibt Bücher, die körperliche Schmerzen verursachen können. Es gibt Romane, die in der Lage sind, ihren Lesern jeden Boden unter den Füßen wegzuziehen. Es gibt SchriftstellerInnen, die keine Cliffhanger, sondern komplette Abstürze ins Bodenlose in Szene setzen. Es gibt Romane, die so viele Facetten in einer bedrohlichen Atmosphäre verdichten, dass sie sich jeder Kategorisierung entziehen. Das ist kein Western. Das ist ein Western. Das ist kein Thriller. Das ist ein Thriller. Das ist kein Midlife-Crisis-Roman. Das ist ein Midlife-Crisis-Roman. Das ist kein Frauenbuch. Das ist ein Frauenbuch. Das ist eine der größten Geschichten des Jahres! „West“ von Carys Davies. Unglaublich.

Auch viele Monate nach dem Lesen hallt dieser Roman nach. Ein unvergesslicher Showdown mit einer noch unvergesslicheren Waffe, die ein Mädchen rettet. Ich sag` ja immer wieder. Vorsicht vor strickenden Frauen.

Davies schreibt einfach CARYSmatisch….

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger - AstroLibrium

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger

Ein Roman mit „Hallowach-Effekt“. Ein Aufwachmoment der besonderen Art.

Wie man sich dieses Aufwecken vorstellen darf? Ganz einfach. John Ironmonger schreibt uns Bilder in die Seele, die uns daran zweifeln lassen, dass unsere Zukunft so aussieht, wie wir sie uns in unseren bunten Träumen vorstellen:

„Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Truthahn… Das Leben scheint es gut mit Ihnen zu meinen. Der Bauer gibt Ihnen mehr Futter, als Sie essen können. Er kümmert sich um Sie, hält Sie warm, schützt Sie vor Raubtieren… Und jeder Tag ist genau wie der Tag zuvor. Wenn Sie, als Truthahn eine Vorhersage für den nächsten Tag machen müssten, wie sähe sie aus? Wir werden nicht hungern. Denn Sie wissen nicht, dass morgen der Tag vor Weihnachten ist.“

Ein Bild, das ich nicht vergessen habe. Ein Buch, das die Wahrnehmung für globale Zusammenhänge schärft. Ein Eisenhändler (Ironmonger), der stahlharte Geschichten auf Lager hat.

Der Wintersoldat von Daniel Mason - AstroLibrium

Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat“ von Daniel Mason

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… Ja, dieses UND muss selbst erlesen werden. Ich werde diesen Roman sicherlich nicht mehr vergessen. Aus guten Gründen.

Gerade auch in meinem beruflichen Umfeld aus Medizinern und Assistenten im Sanitätsdienst der Bundeswehr hat dieser Roman für Aufsehen gesorgt. Authentisch und bewegend. So das einhellige Urteil. Ein Buch, das auch jenseits der Mason-Dixon- Linie gelesen werden sollte…

NSA von Andreas Eschbach_AstroLibrium

NSA von Andreas Eschbach

NSA“ von Andreas Eschbach

Andreas Eschbach erzählt eine unfassbare Geschichte, als hätte es sie gegeben. Was er jedoch wirklich unternimmt, ist der Versuch, uns die Augen zu öffnen, was uns alltäglich im Leben umgibt. Immer wenn wir ungläubig den Kopf schütteln und ausrufen, dass es damals gar nicht möglich war, halten wir plötzlich inne und müssen uns sagen: ABER JETZT. Diese Utopie ist das intelligenteste, mit allen Tabus brechende Buch, in dem ich in den letzten Jahren eintauchen durfte.

Man sollte sich darauf einlassen, auf die täglichen Nachrichten schauen und sich dann Gedanken darüber machen, was heute mit unseren Daten geschieht. Keine Angst… ist doch nur ein Buch…

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

Der vergessliche Riese“ von David Wagner

Nein, David Wagner hat keinen Bewältigungsroman verfasst. Dieses Buch ist auch kein Ratgeber. Es ist der zutiefst aufrechte Blick in eine Welt, die sich jedem Gesunden weitgehend entzieht und ihn dadurch hilflos macht. Würde. Dies ist die Überschrift, die für diesen Roman steht. Menschen, für die ihre Zeit stehengeblieben ist, sind begleitbar und zugänglich, wenn man seine eigene Zeit anhält. Auch wenn es frustrierend ist, dem Feind des Erinnerns täglich zu begegnen. Wer den Kampf aufgibt, verliert einen Riesen der letztlich nur gegen das Vergessen kämpft. Der letzte Satz dieses Romans bedeutet mir persönlich sehr viel, da er einen Weg weist, dem man sich am Ende zu stellen hat. Ein Ende, das dem vergesslichen Riesen gerecht wird, weil er von jenen in Erinnerung behalten wird, die ihm entgleiten. Ein wahrlich großes Buch.

Bayerischer Buchpreis 2019 für David Wagner. Eine verdiente Auszeichnung für ein Buch, das wirklich unvergesslich ist. Ich habe meinen vergesslichen Riesen tief bei mir gehabt, als ich dieses Buch las. Distanz zu wahren zu diesem Roman ist einfach nicht möglich.

Am Tag davor von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Facettenreich und unvergesslich schreibt uns Sorj Chalandon seinen Roman ins Herz. „Am Tag davor“ sollte von Buchhändlern mit einer Grubenlampe versehen und ganz besonders im sogenannten Ruhrpott ganz vorne auf den Highlight-Tischen liegen. Der Roman ist eine Liebeserklärung an einen Menschenschlag und Berufszweig, von dem man sich in den letzten Jahren immer mehr verabschieden musste. Ihr Leben und ihr Leiden, ihre Traditionen und die stoische Schicksalsergebenheit stehen hier wie ein Standbild für eine fast vergangene Epoche echter Arbeiter. Werte und Normen, Freund und Feind, Gefahr und Genuss gehen Hand in Hand durch einen wahrhaft großartigen Roman. Montan-Literatur. Der Tiefgang verspricht Schürfrechte an einem Buch, in dem ab einem bestimmten Punkt kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Lesen!

Im literarischen Quartett einstimmig bejubelt, vielfach herausragend besprochen, gibt es nun wahrlich keinen Grund mehr, Sorj Chalandon nicht zu kennen.

Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle - AstroLibrium

Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Kurt Oesterle hat einen sehr nachhaltigen Roman über einen Krieg geschrieben, der gerade mal 100 Jahre hinter uns liegt. Er bringt Krater zum Singen, ermöglicht uns Heimatabende im Niemandsland, trifft Reisevorbereitungen für einen Toten, gibt Raum für Rettung und Hoffnung. Er lässt uns in einer einfachen Bretterbude einen ganz leisen Hauch von Europa fühlen. Vielleicht das erste gemeinsame Haus, von dem man heute gerne spricht. Ein Haus mit nur einem Zimmer. Provisorisch und von Blindgängern der letzten Schlacht umgeben. Ein Haus, das es zu bewahren gilt. Auch, wenn wir gelernt haben, auf welch wackligem Boden das Ganze steht. Ein Roman mit Signalwirkung in Zeiten, in denen scheinbarer Patriotismus erneut dazu aufruft, Grenzen zu ziehen.

Ein Roman, der eine Chance verdient hat. Ich lege meine Hand für dieses Buch in jedes Trommelfeuer. 

Durchbruch von Ronan Farrow - AstroLibrium

Durchbruch von Ronan Farrow

Durchbruchvon Ronan Farrow

Es kommt nicht oft vor, dass man ein Buch in Händen halten darf, das im Bereich „investigativer Journalismus“ als Meilenstein betrachtet werden muss. Es kommt nicht oft vor, dass man sich sogar als Zeitzeuge des beschriebenen Geschehens selbst ein Bild der Ereignisse machen kann. Und es kommt nicht oft vor, dass man im eigenen Lesen auf den Ursprung einer Bewegung stößt, die sich in den letzten beiden Jahren in allen Ländern der westlichen Hemisphäre ausgeweitet hat. Gemeint ist ein Skandal im Herzen von Hollywood. Gemeint ist der systematische jahrelange sexuelle Missbrauch von Frauen in der Filmbranche. Gemeint ist Harvey Weinstein, der Medienmogul, dem zahllose Frauen vorwerfen, sie in ihrer Abhängigkeit von seiner Macht ausgenutzt und vergewaltigt zu haben. Hier beginnt, was wir heute als MeToo-Bewegung kennen.

Lesen, die Welt beobachten, Automatismen erkennen und sich nicht wundern, warum im laufenden Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump ausgerechnet die Zeugen systematisch diffamiert werden. Catch and Kill…

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Herkunft von Saša Stanišić

Das Buch Herkunft wird für mich grandios ergänzt durch das Hörbuch. Hier liest der Autor selbst. Man muss ihm zuhören, weil er sein Schreiben auf ein ganz anderes Level hebt. Er liest mit leichtem Akzent. Er liest weich, zart, unglaublich sympathisch in jeder Akzentuierung. Sein Humor wird unerhört hörbar. Eine melancholische Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte. Man möchte ihm zurufen, dass man ihn verstanden hat. Dass man selbst mit Flüchtlingen anders umgehen würde, dass man in Zukunft die Augen offenhält. Manchmal möchte man, dass Saša Stanišić einfach unser Lachen hört und unsere Nachdenklichkeit spürt. Er investiert so viel in sein Schreiben, dass man im Gefühl lebt, ihm etwas schuldig zu sein. Vielleicht begleicht dieser Artikel einen Teil meiner Schuld.

Buchpreisträger, literarische Lichtgestalt, Handke-Gegner. Literat von Format!

Hörbücher, gekürzt und ungekürzt, gelesen, gespielt, zelebriert:

Mit Markus Zusak und Saša Stanišić sind bei den bereits aufgeführten Büchern schon zwei meiner Top-Hörbuchempfehlungen enthalten. Bleiben mir also noch drei Top-Hörbücher des Jahres: 

Der dunkle Bote von Alex Beer - AstroLibrium

Der dunkle Bote von Alex Beer

Der dunkle Botevon Alex Beer

Nein, ich habe nicht das Buch gelesen. Ich bleibe hier den Hörbüchern treu. Und das aus gutem Grund. Cornelius Obonya. Reicht der Name des Sprechers aus oder muss ich weiter ausholen? Gerne. Cornelius Obonya lebt diese Buchreihe. Sie scheint den Stimmen, die aus ihm herausbrechen auf den Leib geschneidert zu sein. Er bietet alles, was die untergegangene KuK-Monarchie sprachlich und stimmlich zu bieten hat. Er lässt alle Dialekte der Wiener Unterwelt auferstehen. Serbisch, Ungarisch, das alte Wien selbst und natürlich August Emmerich, dem er eine Stimmfarbe verleiht, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man kann mit Obonya lachen und weinen, man folgt seinen Lippen, weil man ihn nicht unterbrechen möchte. Im seinem Sprachgewitter hat die Buchreihe von Alex Beer ihre kongeniale Entsprechung gefunden. Wer Obonya nur einmal gehört hat, der wird sich von der Stopptaste seines MP3-Players verabschieden.

Ohne Alex Beer keine Romane dieser Güteklasse. Ohne Cornelius Obonya keine Hörerlebnisse der besonderen Art. Ein Duo Wienfernale…

Die Jahre von Annie Ernaux - Astrolibrium

Die Jahre von Annie Ernaux

Die Jahrevon Annie Ernaux

Experimentell kam es mir vor, was ich hörte. Fragmentarisch, kaleidoskopisch und gewagt. Das waren meine ersten Eindrücke und ich hatte das Gefühl, im Vergleich zu einer Lesung oder einem traditionellen Hörspiel mit Erzähler und Akteuren sehr schwer in die Geschichte hineinzukommen. Ich hatte nicht erwartet, eine konstant tickende Uhr im Hintergrund zu hören. Ich hatte nicht erwartet, vier Stimmen zu begegnen, die in der sich ständig überlagernden und schlagwortartigen Sprechweise eher an eine moderne Performance erinnern, als die Erwartung an ein Hörspiel zu erfüllen. Das war etwas so Neues für mich, dass ich einige Anläufe benötigte, um hier Fuß zu fassen, eine Struktur zu finden und mich selbst in den Hörrhythmus zu versetzen, den „Die Jahre“ verdient haben.

Mehrfach ausgezeichnet. Ein Hörbuch, das niemals in die Jahre kommen wird…

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache von Walter Moers

Ihr trefft auf Bücherwürmer, helft dabei, dem Bücherdrachen seine Buchschuppen zu stehlen und spürt die inspirierende Macht des Orm. Ihr werdet zu Zeugen des einzigen Ormrakels, das die Welt je sah und verirrt Euch im Geflecht aus Wahrheit, Lügen und Spekulation. Und nicht zuletzt erkennt Ihr Euch im Bücherdrachen wieder, der nur aus Liebe zur Literatur existiert. Wer würde sich da nicht gerne im Ormsumpf suhlen? Eine grandiose Geschichte, die in allerbester zamonischer Tradition zu begeistern weiß. Im Hörbuch ist es erneut Andreas Fröhlich, mein stimmlicher Zamonienmeister, der alle Charaktere zum Leben erweckt. Seine Interpretation des Bücherdrachen, der nur in der Erzählung des kleinen Buchlings zu Wort kommt, ist magisch. Was die Illustrationen für das Buch sind, ist die Stimmfarbe dieses Wortkünstlers für das Hörbuch. Ich begegnete ihm auf der Leipziger Buchmesse. Ein Gespräch, das noch lange nachwirkt, weil ich in diesem Moment mit allen Stimmen Zamoniens sprach. Und nicht nur mit diesen.

Stimmzauberer liest Zamonische Charaktervielfalt. Fröhlich ist, wer Fröhlich hört.

AstroLibrium - Best of 2019

AstroLibrium – Best of 2019

Was mir noch zu sagen bleibt:

Ich danke Euch für Euer Interesse an meiner kleinen literarischen Sternwarte. Ich bin dankbar für Euer Lesen, Eure Kommentare und das vielfältige Feedback auf meine Artikel, Rezensionen oder Posts auf Facebook oder Instagram. Ich freue mich sehr auf ein neues Kapitel meines Lesens und Lebens. Ein Jahr der Veränderung steht vor der Tür. 2020. The Year of Changes. Was ich damit meine, werdet Ihr schon zum Beginn des neuen Jahres lesen können. Ich blicke nach vorne, gebe einen Ausblick auf meine Projekte, neue Bücher und Hörbücher und möchte gleichzeitig verdeutlichen, warum in wenigen Wochen eine neue Zeitrechnung für mich beginnt.

Es wäre ein Traum, Euch an meiner Seite zu wissen. Guten Bücherrutsch. Kommt gesund und glücklich ins neue Jahr.

AstroLibrium – Die literarische Sternwarte wünscht einen guten Rutsch

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra - Astrolibrium

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Mal eine Frage an die Eltern unter Euch? Woran habt Ihr bei der Namensfindung für eure Kinder gedacht? Welche Überlegungen sind Euch durch den Kopf gegangen, bis der Name Eures Sohnes oder Eurer Tochter feststand und ins Stammbuch eingetragen wurde? Familientradition, der gute Klang, Menschen aus Eurem Umfeld, Schauspieler, Sportstars oder hat der Zufall regiert? Letzteres wohl kaum. Hier werden Listen gewälzt und Ratgeber bemüht. Hier wird im Familienkreis diskutiert oder heimlich still und leise gehandelt. Wie auch immer, es ist ein nicht ganz unproblematischer Prozess, den alle Eltern noch vor Augen haben. Ein Prozess, der lange vor der Geburt des ahnungslosen Stammhalters oder der Stammhalterin beginnt.

Was, wenn es einen weiteren Einfluss gäbe, dem man sich nur kaum verweigern kann? Was, wenn es ein Versprechen gäbe? Einen letzten Wunsch, den es zu erfüllen gelte. Wenn es einen Ring gäbe, der dem künftigen Namensvetter zu übereignen wäre und sich der letzte Wille eines verstorbenen Verwandten im Stammbaum ablesen ließe. Das ist die Rahmenbedingung, mit der die schwangere Marjolijn leben muss. Im Alter von 18 Jahren hat sie genau das ihrer Großmutter versprochen. Sollte sie einem Sohn das Leben schenken, würde sie ihn nach ihrem entfernten Onkel Frans Julius Johan nennen. Ein paar Jahre später wird Marjolijn bewusst, dass ihre erste Schwangerschaft voll und ganz im Zeichen eines Bombenanschlags aus dem Jahr 1946 stehen würde.

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra - Astrolibrium

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Wie sag ich´s meinem Mann? Wie gehe ich mit dieser Situation um und was geht mir durch den Kopf, wenn sich das Damoklesschwert eines alten Versprechens zu senken beginnt? Es sind nicht nur diese Gedanken, die Marjolijn beschäftigen. Erstmals setzt sich die werdende Mutter mit ihrer Familiengeschichte und dem Mann auseinander, der zum Namensgeber ihres Sohnes wird. Ein Nationalheld immerhin. Ein Kämpfer gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg und Rächer an all jenen, die mit der Besatzungsmacht kollaboriert haben. Ihm wird ein Bombenanschlag zugeschrieben, bei dem mehr als ein Jahr nach Kriegsende ein Verräter liquidiert wurde. Was sollte heute dagegen sprechen diesem aufrechten Mann die Ehre zu erweisen, indem man seinen Namen weiterleben lässt? Eigentlich nichts.

Marjolijn van Heemstra reflektiert in ihrem Buch „Ein Name für dich“ ihre eigene Erlebniswelt. Es ist deutlich erkennbar, wie intensiv diese Geschichte autobiografisch geprägt ist. Dabei macht sie es sich nicht so leicht, einfach nur auf eine Geschichte im Narrativ ihrer Vorfahren zurückzublicken. Sie wirft unterschiedlichste Fragen auf, deren Relevanz uns durch diese Geschichte begleitet. Immer wieder stellen wir uns selbst die Frage, was man seinem Kind mit einem Namen mit auf den Weg gibt. Welche Last und welche Verantwortung, wie wegweisend eine solche Entscheidung ist und was man der ungeborenen Existenz damit aufbürdet. Erst als Marjolijn an der Familiengeschichte zu zweifeln beginnt, wird ihr die ganze Tragweite ihres Versprechens bewusst.

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra - Astrolibrium

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Jetzt beginnt die biologische Uhr zu ticken. Bis zur Geburt ihres Sohnes muss sich Marjolijn entschieden haben und sie beschließt, auf Nummer sicher zu gehen. Sie fängt an zu recherchieren. 27 Wochen bleiben ihr, eine Geschichte zu verifizieren, die in der Familie verbürgt zu sein scheint. Was aber, wenn Frans Julius Johan Heemstra kein Widerstandsheld war? Was, wenn sich erste Zweifel bewahrheiten? Was, wenn sie ihr Kind nach jemandem benennt, der das gar nicht verdient hat? Es sind aufreibende und nagende Fragen, die nun die eigene Schwangerschaft überlagern. Eigentlich sollte die werdende Mutter sich auf ganz andere Dinge konzentrieren. Vorsorgeuntersuchungen stehen an, wichtige Entscheidungen sind zu treffen und nicht zuletzt gilt es, die letzten Tage einer liebevollen Zweierbeziehung zu feiern, bevor ein Baby die Welt verändert.

Erstmals stürzt sich Marjolijn mit aller Entschlossenheit in die Kriegsgeschichte ihres Heimatlandes, durchforstet private und öffentliche Archive, verschafft sich einen Überblick über die Stimmungslage der Niederländer zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die Unterdrückung durch die Nazis hat Spuren im Volk hinterlassen und die erste Zeit nach dem Krieg offenbart, dass es einige „Ratten“ gibt, die sich durchschlängeln ohne für ihre Taten zu büßen. Kollaborateure und Verräter, Kriegsgewinnler und Profiteure in jeder Beziehung habe es geschafft, im Nachkriegsholland Fuß zu fassen. Da kann man nachvollziehen, dass der aufrechte Widerstandskämpfer von einst zur Bombe greift und der Gerechtigkeit auf die Sprünge hilft. „Unverhofft kommt oft“, so das Motto der Rache.

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra - Astrolibrium

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

„Ein Held als Blaupause für meinen Sohn!“

Allein dieses Bild ist schon verstörend. Wenn Frans Julius Johan jedoch gar kein Held war, sondern ein zielloser Rächer, dem es völlig egal war, ob die Vorwürfe gegen das Opfer stimmen? Wenn er revanchistisch um sich bombte und vielleicht falsch lag in seinen Annahmen? Diese Fragen überlagern die Schwangerschaftswochen, die wie im Flug vorbeirauschen. Zeitzeugen werden befragt, Freundinnen ihres Onkels, nahe und ferne Verwandte und nicht zuletzt auch Angehörige der Opfer. Denn dass es mehrere von ihnen gab, findet Marjolijn schnell heraus. Unbeteiligte. Völlig unschuldige. Und ob die eigentliche Zielperson ein Verräter war, steht auf immer wackligeren Beinen. Fakten und Fiktion vermischen sich zu einem Narrativ, an dem niemand offen zweifelt. Was ist Geschichte? Was ist verbrieft? Was wurde verschwiegen? Marjolijn demaskiert eine bis heute nie bezweifelte Legende.

Die biologische Uhr wird zum Tempomacher dieses Buches. Zeitsprünge kommen erschwerend hinzu, denn eine Geburt lässt sich nicht planen. Je näher der Termin rückt umso intensiver und ruheloser jagt Marjolijn den Fakten hinterher. Der bombenlegende Onkel von einst ist nicht die einzige Zeitbombe, die tickt. Hier gehen Handlungsebenen ineinander über. Vergangenheit und Gegenwart werden zur gemeinsamen Leitlinie für ein ungeborenes Leben. Marjolijn van Heemstra überzeugt mit ihrer unverblümten und emotionalen Erzählweise. Man merkt ihr an, dass hier mehr auf dem Spiel steht, als ein altes Versprechen einzulösen. Ein faszinierendes Buch über die eigene und die andere tatsächliche Wahrheit. Ein Buch über Verantwortung und den Stellenwert von Identität.

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra - Astrolibrium

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Es sind wieder die Niederlande, die mich hier eingeholt haben. Es ist Geschichte, die hier erneut greifbar wird. Es geht erneut um Kinder und Namen. Nicht meine erste Auseinandersetzung mit der Bedeutung einer Familiengeschichte. Sie beginnt in einer Zeit, in der Identitäten gestohlen und gefälscht wurden, in der man Kinder umbenannte und die „Kinder mit Stern“ per Reichserlass zu „Sara“ oder „Israel“ machte. Es beginnt in einer Zeit, in der Namen auf der Flucht verlorengehen. Ebenso wie die Familien und damit die ganze Geschichte. Es setzt sich in unserer Zeit fort, in der Nummern Namen ersetzen. Alles mit dem gleichen Ziel: Ausgrenzung.

Marjolijn van Heemstra macht aus ihrer Familiengeschichte eine zeitlos relevante Erzählung von besonderer Relevanz. Erst, wenn die Vergangenheit aufgearbeitet ist, kann sie verstanden werden. Erst, wenn sie verstanden ist, kann man Lehren ableiten. Und nicht zuletzt erkennt man an der eigenen Familiengeschichte, wie schwer es sein kann, der globalen Geschichtsschreibung zu trauen. Alles ist subjektiv. Wissenschaftler beheben hier nur die gröbsten Schäden. Am Ende des Buches steht die Entscheidung. Sie steht für das gesamte Schreiben der Autorin. Sie steht für dieses Buch. Sie ist nicht nur Weckruf sondern auch Inspiration für den allzu oft oberflächlichen Umgang mit der Frage „Wie nennen wir unser Kind?“.

Ob das Cover geeignet ist, die richtigen LeserInnen auf dieses Buch aufmerksam zu machen, wage ich zu bezweifeln. Es ist zu niedlich für die Ernsthaftigkeit des Themas.

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra - Astrolibrium

Ein Name für dich von Marjolijn van Heemstra

Die besetzten Niederlande und AstroLibrium. Eine lange gemeinsame Geschichte gegen das Vergessen:

Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ – Bart van Es
Kinder mit Stern“ von Martine Letterie
Das Tagebuch der Anne Frank“ – Anne Frank
Mein geheimes Tagebuch“ – Klaartje de Zwarte-Walvisch
Lienekes Hefte“ – Lieneke van der Hoeden

Ein Name für dich“ von Marjolijn van Heemstra / Atlantik Verlag / gebunden / 208 Seiten / dt. von Stefan Wieczorek / 20 Euro

Kinder mit Stern von Martine Letterie [Westerbork]

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

Westerbork. Nur ein Name, ein Ort, ein Begriff. Heute. Nur. Vor fast achtzig Jahren Inbegriff der NAZI-Ideologie in den Niederlanden. Ein Lager, könnte man sagen. Wenn man es verharmlosen möchte. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wurde aus diesem Namen das Schreckgespenst, ein Höllenschlund und Damoklesschwert in einem Atemzug. Zuerst für die Juden, die sich nach der Machtübernahme der Nazis in das freie Nachbarland geflüchtet hatten. Hier wurden sie zuerst zusammengeführt und konzentriert. Sie waren die ersten Opfer. Als dann die deutschen Judengesetze in den Niederlanden zur Anwendung kamen, wurde aus dem Sammellager ein Hauptbahnhof. Ein Durchgangslager für holländische Juden. Hier wurden sie, nachdem sie entrechtet und enteignet waren, inhaftiert. Eine Durchgangsstation.

Von hier aus ging es dann ins Deutsche Reich. Zielorte: Auschwitz, Sobibor, Bergen Belsen, Theresienstadt. Vernichtungslager. Holocaust-Fanale der Endlösung, die nach der Wannseekonferenz in die Realität umgesetzt wurde. Zahlen? Unvorstellbar. Nicht fassbar. 107.000 Juden, dazu Sinti und Widerstandskämpfer verließen zwischen 1942 und 1944 in endlosen Zügen diese Vorhölle zum Tod. Überlebende? Unvorstellbar und ebenso wenig fassbar. 5000 von ihnen kehrten zurück. Weitere Zahlen? Bitte nicht. Ich mag nicht mehr. 18.000 jüdische Kinder und 100 Sinti-Kinder, die nicht überlebten. Nur eine kleine Gruppe von ihnen kehrte zurück. Nur etwa 1000 Kinder überlebten. Zumeist elternlos, verwaist, ohne Angehörige. Die Letzten ihrer Familien. KINDER.

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Kinder mit Stern von Martine Letterie

KINDER. Wie mögen sie diesen Schrecken erlebt haben? Was haben sie erlebt und wie kamen die Überlebenden später damit zurecht? Fragen, die man sich immer wieder stellt. Antworten, die man kaum findet. Wie kann man Kindern und Jugendlichen heute vermitteln, wo das Grauen begann, wie leichtfertig sich viele an der Verfolgung beteiligt haben und wie wenige Aufrechte dagegen ankämpften? Muss man sie überhaupt damit konfrontieren? Ist doch schon so lange her und kommt ja auch nicht wieder vor. Ist das so? Sind nicht unsere Kinder genau in ihrem alltäglichen Umfeld erneut betroffen, wenn ihnen in Kindergärten und Schulen Kinder begegnen, vor deren Eltern man uns warnt? Geht nicht schon wieder die Angst vor Menschen um, die anders sind? Ist man bei der Suche nach den neuen Außenseitern in unserer Gesellschaft nicht schon wieder fündig geworden? Menschen mit anderer Religion, Menschen aus anderen Kulturkreisen. War da nicht was?

Wir leben in der großen Verantwortung, Kinder nicht mit populistischen Ängsten zu vergiften. Gerade wir sollten die Augen offen haben, wenn Ausgrenzung und Hass erneut Automatismen in Gang setzen, die ihresgleichen im Nationalsozialismus finden. Und Kinder dürfen nicht zu den ersten Handlangern einer Meinungsmache werden, die schon bei Erwachsenen so gut zu funktionieren scheint. Wie man Kindern erklären und vermitteln kann, was Ausgrenzung bedeutet spielt sich auf der Gefühlsebene ab. Auch wenn das Wort Empathie für sie noch nicht greifbar ist, so können wir es mit Leben und Inhalt füllen. Ein besonderes Buch aus den Niederlanden ist prädestiniert, um den noch leeren Tank des Mitgefühls mit Leben zu füllen. Sich in andere hineinversetzen. Das ist es, worum es hier geht.

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Kinder mit Stern von Martine Letterie

Kinder mit Stern von Martine Letterie (Carlsen Verlag) ist nicht nur der Versuch, in einem Kinderbuch kindgerechte Geschichten über Ausgrenzung, Angst und Verfolgung zu erzählen. In diesem, von Julie Völk gefühlvoll illustrierten Buch finden wir mehr als das. Es sind die Geschichten jüdischer Kinder, die überlebt haben und aus ihrer naiven Sicht, aus der unverfälschten und herzensreinen Kinderperspektive heraus, für Kinder erzählen, was ihnen widerfahren ist und wie es sich angefühlt hat. In Interviews haben Mitarbeiter des Erinnerungszentrums Westerbork diese Geschichten ergründet und dokumentiert. Auf diese Gespräche gehen die Geschichten, die Martine Letterie erzählt zurück. Sie beruhen auf den wahren Empfindungen der Betroffenen und erreichen auf diese Art und Weise eine Unmittelbarkeit, die schmerzhaft und lehrreich zugleich ist. 

Es sind erschreckend einfache Geschichten, in denen Rosa, Jules, Klaartje, Ruth und Bennie zu Wort kommen. Sie erzählen nichts von den politischen Hintergründen oder vom großen Ganzen. Sie berichten nur davon, wie alles begann, was sie im Lager erlebten und wie sich der Friede für sie anfühlte. Sie kommen mit kindlichen Worten zu Wort. Aus den Puzzlesteinchen ihres Erlebens setzen wir das Bild zusammen, vor dem wir uns lieber verstecken würden. Kinder jedoch sehen das Erzählte losgelöst von dem übergeordneten Schrecken. Sie vereinfachen, empfinden und fühlen die Direktheit der Geschichten, weil sie direkt angesprochen werden.

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Kinder mit Stern von Martine Letterie

Das öffnet ihre Herzen, um später die großen Zusammenhänge zu verstehen und dafür eintreten zu können, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie sehen, wie sich das tägliche Leben der jüdischen Kinder plötzlich verändert. Sie fühlen mit, wie es schmerzen muss, nicht mehr mit den alten Freunden auf den Spielplatz zu dürfen, eine andere Schule besuchen zu müssen und damit zurechtzukommen, dass sie nicht mehr mit Bussen oder Straßenbahnen fahren dürfen. An der Seite der jüdischen Kinder wird nachvollziehbar wie sehr sich Eltern verändern können, wenn sie in Angst leben. Es ist schlimm, sich mit Jules im Schrank verstecken zu müssen und mitzuerleben, wie seine Eltern abgeholt werden. Es tut weh, Abschied zu nehmen und das Scheitern der Flucht zu erleben. Es brennt sich tief im Herzen fest, wie verletzend es war, dass sich andere Menschen nur wenig für ihr Schicksal interessierten, die Augen verschlossen und sogar mithalfen, die Juden zu verraten.

Manchmal möchte man aufschreien, wenn die kindliche Sicht zu Fehlern führt, Rosa stolz darauf ist im Alter von sechs Jahren endlich ihren eigenen gelben Stern tragen zu dürfen. Oder Ruth die Menschen im Lager darum beneidet, dass sie es mit einem Zug verlassen dürfen und sich unversehens im Inneren eines Deportationstransportes nach Auschwitz befindet. Man möchte helfen, verhindern, beistehen. Gemeinsam lesend ist schnell erkennbar, wie Kinder ihren Alltag in die Waagschale werfen und überlegen, ob sie in ihrem Umfeld Ausgrenzung erlebt haben. Diese Geschichten wirken unmittelbar. Es sind traurige Geschichten. Und doch müssen sie erzählt werden, damit die Kinder, die den Holocaust nicht überlebt haben, nicht umsonst zum Opfer wurden. Wir sind es ihnen schuldig. Gegen das Vergessen.

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Kinder mit Stern von Martine Letterie

Die Geschichten überlagern sich, begegnen sich und wirken wie ein Kaleidoskop aus Bruchstücken kaputter Spiegel. Jede kleine Geschichte eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Jede Geschichte ein Ansatz, einen Moment zu finden, in dem jemand hätte helfen können. Einige Geschichten auch Beweis, wie geholfen wurde. Bewegend auch die Momente, in denen selbst die verfolgten Kinder kindlich naiv über Menschen urteilen, die anders sind. Es sind große Momente in diesem Buch, wenn man ihnen im Juden-Durchgangslager Westerbork erklärt, dass man keine Vorurteile haben soll. Hier greift das Buch nach Lesern jeden Alters. Wer auch nur eine dieser Geschichten, auch nur eines dieser Kinder im Herzen behält, der rettet all ihre Geschichten. Wer auch nur eine dieser Geschichten weitererzählt, der wird seiner Verantwortung gerecht.

Ich schließe das Buch „Kinder mit Stern“ mit Tränen in den Augen. Ich denke an die Kinder, die es nicht nach Hause geschafft haben, an deren Eltern und Familien. Ich denke an das Leben der Überlebenden nach der Befreiung und die Traumatisierungen, die sie lebenslang begleiteten. Ich denke an all die jüdischen Kinder, die ich in anderen Büchern kennenlernen durfte. Ich denke dabei besonders an Lieneke van der Hoeden und ihre Hefte, an Lien de Jong, das Mädchen mit dem Poesiealbum und an Anne Frank, die von Westerbork über Auschwitz nach Bergen-Belsen deportiert wurde. Hier muss ich innehalten. Durchatmen und meine Wut runterschlucken. Ich denke nämlich auch an Wahlplakate in unserem Land, auf denen „Islamfreie Schulen“ zum Programm gemacht werden. Und ich denke an die Menschen, die ihre Stimme dafür hergeben.

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Kinder mit Stern von Martine Letterie

Lest dieses Buch. Lest die „Kinder mit Stern“ und korrigiert euren Weg. Sonst ist es nicht ausgeschlossen, dass später einmal Kinder von euch erzählen. Von Mitläufern und Tätern, die dann wieder nichts von alledem gewusst haben wollen.

Kinder mit Stern“ von Martine Letterie / dt. von Andrea Kluitmann / Illustrationen von Julie Völk / Carlsen Verlag / 128 Seiten / ab 10 Jahren / 11 Euro

Hinterhaus – Die Annäherung an einen Romanentwurf

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Die Entstehungsgeschichten großer Romane sind oft ganz eigene Geschichten. Sie sind geeignet, eigene Bücher zu füllen, weil sie so spannend sind, wie die erdachte Erzählung selbst. Sie zeugen von der kreativen Energie, dem Wagemut und der Liebe zum geschrieben Wort, die aus einer Idee einen guten Roman entstehen lassen. Es ist oftmals ein steiniger Weg von der Initialzündung bis zur Schlussfassung eines Romans. Am Ende des Schreibens ist der Leidensweg vergessen. Die Isolation, der Verzicht und das Entsagen treten in den Hintergrund und stolze SchriftstellerInnen erheben sich wie ein Phoenix aus der Asche, um ihr Werk zu präsentieren. Der Applaus der Leser, eine gute Rezeption in der Presse und positive Rezensionen sind der wahre Lohn am Ende eines Schaffensprozesses, der Spuren hinterlassen hat.

Ein Roman ist für mich immer an seine Entstehungsgeschichte gebunden. Er ist niemals losgelöst vom situativen Kontext und der Lebenssituation seines Verfassers zu betrachten. Die Seele von SchriftstellerInnen, die sie umgebenden Universen und eine Umgebung, in der das Schreiben erst möglich wurde, werden hier zu den Ingredienzien einer lesenswerten Geschichte. Ich liebe diesen Blick hinter die Kulissen eines Romans und genieße es in die Welt der WortschöpferInnen einzutauchen, weil ich auf diese Art und Weise besser verstehen kann, was sie mir erzählen wollen. Ihre Berufung wird zu meiner Leidenschaft. Heute beleuchte ich die besondere Entstehungsgeschichte eines Romans. Ich möchte von einer Schriftstellerin erzählen, die vom Wunsch einen Roman zu schreiben angetrieben wurde. Sie ist weltbekannt, aber ihren Namen verrate ich erst später.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Man kann sie schon als Außenseiterin bezeichnen. Nicht, dass sie sich diese Rolle selbst ausgesucht hätte, aber manchmal wird man einfach an den Rand gedrängt. Das schärft die Perspektive und setzt kreative Kräfte frei, die vielleicht niemals ans Licht der Welt gekommen wären. Sie lebte zurückgezogen, fast sogar isoliert, umgeben von nur wenigen vertrauten Menschen, die ihr nur wenig Privatsphäre ließen. Und doch gelang es ihr, über Jahre hinweg ein Manuskript zu entwickeln, aus dem später ein Bestseller werden sollte. Und doch war das Resultat ihres Schreibens nicht so ausgefallen, wie sie es sich erhofft hatte. Die Schlussfassung ihres Werks unterschied sich deutlich von der Vision, die sie vor Augen hatte, als sie ihr umfassendes Manuskript neu sortierte, einer Straffung unterzog und Streichungen vornahm, weil ihre frühen Aufzeichnungen nicht in das endgültige Werk einfließen sollten.

Auf die Idee, dies zu tun, kam sie durch eine Radiosendung. Ein Minister rief dazu auf, alle privaten Briefe und Tagebücher gut aufzuheben, damit sie in einer hoffentlich friedlichen Zukunft die Geschichte seines Landes und der Menschen erzählen könnten. Der Wunsch des Politikers basierte auf Veränderungen, die sich gerade abzeichneten, sich jedoch noch nicht konkret ausgewirkt hatten. Die Zukunft im Blick. Teil der eigenen Geschichtsschreibung zu werden. Das klang gut. Besonders für das junge Mädchen, in dessen Aufzeichnungen sich seit zwei Jahren so viel Energie freigesetzt hatte. Ja, sie wollte alles aufheben. Teil der Zukunft werden und aus ihrem Manuskript einen Roman herausfiltern, der von der Welt gelesen werden sollte.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Ein Briefroman sollte es werden. In der Unmittelbarkeit der direkten Rede und in der persönlichen Ansprache an fiktive Menschen lag ihre Stärke. Sie, die seit Jahren keine Post mehr bekommen hatte, kompensierte in ihrem Schreiben nicht nur das Fehlen von sozialen Kontakten, sondern öffnete sich für alle Menschen, die in der Lage waren, sich in die Rolle der Adressatin dieser Briefe zu versetzen. Eine brillante Idee. Also blätterte sie in ihrem Manuskript zurück, strich allzu ungelenke und jugendliche Passagen, setzte einen Schlussstrich unter eine gerade aufkommende Liebesbeziehung und beginnt frei im Herzen und motiviert vom Radioaufruf den Roman ihres Lebens zu schreiben.

In knapp zweieinhalb Monaten verknappte sie ihr vorheriges Manuskript auf 215 Seiten, blieb dabei aber eng an den Texten, die sie für ihren Roman auswählte. Heute kann man dies an den Datumsangaben der Briefe ablesen, die sie ohne Änderungen in die Schlussfassung übernahm. Die Briefe an ihre Freundin, die den Kern ihres Romans bildeten, blieben Teil eines groß angelegten Tagebuches, das im Geheimen entstehen musste. Der Krieg spielt eine große Rolle, die Besetzung des Heimatlandes und die um sich greifende Entrechtung von Menschen. Jene äußere Bedrohungssituation wird zum geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Die Zeit schien Druck auf die junge Autorin auszuüben. Auch in der endgültigen Fassung des Romans wirken manche Briefe noch ein wenig ungelenk, aber sie verraten bereits jetzt viel vom Talent der aufstrebenden Nachwuchsautorin.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

„Das Hinterhaus“. Ihr Arbeitstitel für einen Roman, der uns an die Seite eines jungen Mädchens trägt, die in einem Versteck auf Befreiung hofft. Ein Mädchen, das umgeben von wenigen vertrauten Menschen in einem hermetisch verschlossenen Versteck in der täglichen Angst vor Entdeckung lebt. Ein klaustrophobischer Erzählraum, in dem es gilt Ruhe zu bewahren und unsichtbar zu bleiben. Hier öffnet die junge Autorin ihrer fiktiven Freundin ihr Herz und beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Wir erfahren auf die unmittelbarste Art und Weise alles, was in dieser lebensbedrohlichen Situation in dieser jungen Frau vor sich geht. Ängste, Zweifel, Hoffnung, Träume und Fantasien schlagen sich aus dem Versteck bis zu unseren Herzen durch und bleiben haften. Am Ende hat man das Gefühl, in einer Zeitschleife wieder am Angang angelangt zu sein. Abrupt und unvermutet endet der Roman an der Stelle des Manuskripts, an der das Mädchen zum ersten Mal von der Idee schreibt, aus dem Tagebuch einen Roman zu extrahieren. 

Mittwoch 29. März 1944
Liebe Kitty,

Stell Dir mal vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman über das Hinterhaus herausbringen würde; allein vom Titel her würden die Leute denken, es sei ein Detektivroman. Aber jetzt im Ernst. Es muss ungefähr zehn Jahre nach dem Krieg schon komisch wirken, wenn wir erzählen, wie wir als Juden hier gelebt, gegessen und geredet haben. Auch wenn ich Dir viel von uns erzähle, weißt Du nur ein ganz kleines bisschen von unserer Geschichte.

Deine Anne

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ihr Name: Anne Frank. Ihr Geburtstag der 12. Juni 1929, also heute vor 90 Jahren. Verraten und entdeckt im Hinterhof des Hauses an der Prinsengracht 263, Amsterdam, am 4. August 1944. Mit ihren Eltern ins Lager Westerbork verbracht, nach Auschwitz deportiert, von dort ins KZ Bergen-Belsen verlegt. Verstorben: im Februar oder Anfang März 1945, nur einen Monat vor der Befreiung des Konzentrationslagers durch britische Truppen.

Verzeiht mir, dass ich jetzt ein wenig angegriffen bin. Ihr Tagebuch ist seit Jahren einer der wichtigsten Wegbegleiter im Lesen und Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust. Anne Frank nimmt einen wichtigen Platz in meinem Leben und in meiner Auseinandersetzung mit Ausgrenzung und systematischem Genozid ein. Ja, ich fühle mich ihr verpflichtet. Nun, zu ihrem Geburtstag ein Buch in Händen zu halten, das ihr den größten Wunsch ihres jungen Lebens erfüllt, ist ein ganz besonderes emotional zu nennender Moment.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Anne Frank Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen“ entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Secession Verlag und dem Anne Frank Haus in Amsterdam. Übersetzt wurde das Buch aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Mit einem Essay von Waltraud Nussbaum, Literaturwissenschaftlerin und damalige Schulfreundin von Anne Frank. Nie zuvor wurde dieser Roman aus ihrem gesamten Tagebuch editiert und als eigenständiger Text veröffentlicht. Zu ihrem 90. Geburtstag schließt sich jener Kreis, der durch nationalistische Rassisten für immer zum Schweigen gebracht werden sollte.

Liebe Anne. Ein großartiger Roman. Prädikat: Besonders lesenswert. Ein Fixstern am Firmament der nie verlöschenden Literatursterne in der kleinen literarischen Sternwarte. Und jetzt zitiere ich zum Ende dieses Artikels einen meiner Lieblingsschriftsteller David Foster Wallace:

„Weinen Sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ich werde das Anne Frank Haus in diesem Jahr besuchen. Amsterdam stand schon lange auf der Wunschliste der wichtigen Reiseziele. In Gedanken werde ich Euch ganz einfach mitnehmen. Alleine schaffe ich das nicht. Ich werde berichten. Gerne könnt ihr mir Grüße und Geburtstagswünsche für Anne Frank in den Kommentaren hinterlassen. Ich werde sie bei mir haben, wenn ich das Hinterhaus betrete…

Folgt mir in die Prinsengracht. Mein Artikel zum Besuch im Anne Frank Haus.

Alles über Anne - Ein Besuch - Anne Frank Haus - Astrolibrium

Alles über Anne – Ein Besuch – Anne Frank Haus

Anne Frank Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen / dt. von Waltraud Hüsmert / 208 Seiten / Secession Verlag / Nachwort von Prof. Dr. Laureen Nussbaum / 18 Euro

Weitere Artikel zu Anne Frank und zum Holocaust in meiner kleinen literarischen Sternwarte. Zum Beispiel „Kinder mit Stern„. Lesen Sie gut.