Die „Verborgene Chronik“ (1914 – 1918) in Schrift und Ton

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Warum nicht mit meinem diesjährigen Urlaub beginnen? Warum nicht mal erklären, was mich angetrieben hat, eine 2500 Kilometer lange Reise durch Frankreich an einem Ort zu unterbrechen, der so gar nicht für Erholung und eine schöne Aussicht steht? Ein Abstecher, der nicht nur mir verdeutlichen sollte, dass für mich nicht selbstverständlich ist, was viele Touristen als völlig normal erleben. Es war nur ein kleiner Umweg der uns zu den Schlachtfeldern von Verdun führte, zum Beinhaus von Douaumont und zu den unzähligen Kriegsgräbern der Gefallenen des ersten Weltenbrandes. Es ist gerade mal 100 Jahre her, da lagen sich dort deutsche und französische Soldaten gegenüber, nur wenige Meter durch Schützengräben und Stacheldraht voneinander getrennt. Und doch vereint in der Angst vor dem nächsten Angriff, der Furcht vor Giftgas und zermürbt vom unendlich scheinenden Abnutzungskrieg.

Es ist nicht selbstverständlich dort zu stehen. Nicht für mich. Es ist nicht gänzlich selbstverständlich, in dem Nachbarland willkommen zu sein, das in den letzten hundert Jahren gleich zwei Mal von unseren Vorfahren in einen Krieg gezogen wurde. Es liegen drei Generationen zwischen den brutalen Gefechten von einst und meinem Besuch an den Gedenkstätten des Ersten Weltkrieges. Meine Großväter gehörten zu den Soldaten des Kaiserreiches, die auf diesen Schlachtfeldern ihre Spuren hinterließen und an Leib und Seele traumatisiert nach Hause kamen. Es ist für mich nicht selbstverständlich dort zu stehen. Es gäbe mich nicht, wenn auch nur einer meiner Großväter da gefallen wäre wo Unzählige ihr Leben ließen. Wenn diese Kreuze erzählen könnten, sie würden wohl vom Wahnsinn des Krieges künden. Ein hundertausendstimmiger stummer Chor. Und doch so laut, wenn man genauer hinhört.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Was fühlten diese Menschen an der Front, wie lebten sie diesen Krieg, wie erlebten und überlebten sie ihn? Eine Frage, die mich beschäftigt und der ich immer wieder auf den Grund gehe. Primärquellen helfen dabei, sich in die Situation zu versetzen. Briefe von der Front, Feldpostbriefe genannt und Tagebücher bieten einen genauen Blick auf die einzelnen Schicksale. Viele Bücher las ich zu diesem Thema. Eines wartete lange auf seine Fortsetzung. Die „Verborgene Chronik 1914“ von Lisbeth Exner und Herbert Kapfer (Galiani Verlag) war der erste Band einer chronologischen Tagebuchcollage, die zahllose private Diaristen des Ersten Weltkrieges zitiert. Alleine im ersten Teil, der sich mit dem ersten Kriegsjahr auseinandersetzt, kommen 57 unveröffentlichte Stimmen zu Wort, die ein Mosaik der Gefühlslage an der Front und in der Heimat entstehen lassen. Die einfachen Menschen, die hier nur für sich geschrieben haben und von denen meist nur die Tagebücher im Deutschen Tagebucharchiv geblieben sind, ahnten nicht, dass ihre Worte je von uns gelesen werden. Dazu waren sie nicht gedacht. Wir sollten heute vertrauensvoll mit diesen Zeitzeugnissen umgehen. Sie sind privat!

Die verborgene Chronik 1915 – 1918

Nun liegt der große finale Wurf dieser Collage vor. In einem Band haben die beiden Herausgeber alle Tagebucheinträge über die Kriegsjahre 1915 bis 1918 veröffentlicht. Und zeitgleich zu diesem historischen Zeitzeugnis von Format aus dem Galiani Verlag hat Der Hörverlag eine Gesamtausgabe der verborgenen Chronik von 1914 bis 1918 in einer zweistimmig gelesenen gekürzten Audio-Fassung veröffentlicht. Ein literarisch grandioses Großprojekt, dessen Inhalt in keinem Geschichtsbuch dieser Welt zu finden ist liegt nun als über 800-seitiges Buch und als gekürzte Lesung auf 15 CDs mit einer Laufzeit von mehr als 19 Stunden vor. Diesen Raum hat sich die Tagebuch-Kollektion verdient. Sie verleiht im wahrsten Sinne des Wortes nahezu 100 Tagebuchschreibern, die bisher im Verborgenen geblieben sind, Stimme und Gewicht.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Hier finden wir sie: Den einfachen Frontsoldaten, dessen Kriegsbegeisterung von Tag zu Tag zu schwinden beginnt, und lethargischer Resignation Platz macht. Den Offizier, der fast den gesamten Krieg in Gefangenschaft verbringt und sich darum sorgt, ob ihm gestattet wird, seine Andenken von unterwegs mit in die Heimat bringen zu können. Die jungen Mädchen, die ihre Erinnerungen niederschreiben, gefärbt vom Unterricht und im Glauben an die Zeitungsmeldungen dieser Tage. Den Armeepfarrer, der im Verlauf des Krieges alles verliert, was ihm wichtig war, der seinen gefallenen Bruder im Sarg nach Hause begleitet und anderen Trost spenden muss. Von göttlichem Beistand kann nicht mehr die Rede sein. Den Arzt, der seine Hilflosigkeit erkennt und die Frauen, die in der Heimat auf die Rückkehr ihrer Liebsten hoffen.

Aber auch skurrile Einträge lassen aufhorchen. So findet zum Beispiel der Brief von einer Ehefrau an ihren an der Front kämpfenden Mann seinen Weg ins Tagebuch eines Soldaten, der die Post kontrolliert. Sie teilt ihrem Mann mit, dass sie nun schwanger ist. Natürlich nicht von ihm. Sie habe ja auch drei Wochen nichts von ihm gehört und groß war der Schreck, als er sich plötzlich wieder meldete. Sie freue sich über das Geld, das er nach Hause schicke, weil ja alles so teuer sei und äußert sich glücklich darüber, ihn an der Front zu wissen, da er ja dort kostenloses Essen bekäme. Vielleicht käme ja das Kind tot zur Welt und dann sei alles wieder gut. Gezeichnet: Deine aufrichtige Frau. Ja, da kann man sich vorstellen, warum sich Frontsoldaten selbst erschossen haben.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Ohne Wertung durch die Herausgeber, ohne jeglichen Eingriff von außen werden wir zu Zeugen des subjektiv Erlebten. Erst die meisterliche Collage ergibt ein Bild, das sich bewerten lässt. Widersprüche, Propaganda und gezielte Fehlinformationen lassen sich identifizieren. Die Lebensumstände an der Front und die sich immer dramatischer verschlechternde Ernährungslage in der Heimat werden fühlbar. Und letztlich wird klar, worauf die Nationalsozialisten nur wenige Jahre später aufbauen konnten. Hier zeigen sich die ersten Spuren der Dolchstoßlegende einer im Felde unbesiegten Armee, die gedemütigt und nach zahllosen Opfern und Entbehrungen nur durch unfähige Politiker verraten wurde. Eine Legende, die zum Umsturz beitrug, Soldatenräte möglich machte, die Weimarer Republik stark belastete und spätestens ab 1933 gerne für die Rache am sogenannten Erzfeind Frankreich herhalten musste.

All dies lässt sich aus den Tagebucheinträgen herauslesen. Die Sinnlosigkeit des Krieges wird greifbar. Da stehen diese Dokumente den Kriegstagebüchern von Ernst Jünger in nichts nach. „Die verborgene Chronik“ erreicht ein beschreibendes Niveau das bei Walter Kempowski in seinem Echolot-Projekt über den Zweiten Weltkrieg zu Weltruhm gelangte. Nur fehlen die Prominenten, die Politiker, die Intellektuellen, die im Echolot zu Wort kommen dürfen. Hier sind es ganz kleine Gestalten am Rande unserer Geschichte, die ihre Sichtweisen vertreten. Das macht „Die verborgene Chronik“ sehr authentisch und greifbar. Das kann unseren heutigen Blick auf die Glaubwürdigkeit von Nachrichten schulen. Fake-News sind keine Erfindung unserer Zeit. Und gegen einen gesichtslosen Gegner kämpft es sich am besten. Darauf sollten wir achten.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

„Die verborgene Chronik“ in Schrift und Ton ist eine große Vereinzelungsanlage der Schicksale. Hier dominiert kein WIR oder UNS. Hier ist es der Einzelne, der ohne Pathos von seinen Ängsten berichten darf. Die Individualisierung der Erlebnisse macht den Schrecken des großen Ganzen erst richtig greifbar. Und an den zahllosen Gräbern vor Verdun stellt man sich die Frage, wie viele unerzählte Geschichten hier begraben liegen. Wie viele Generationen es nicht geben durfte, weil hier massenhaft gestorben wurde und warum man nichts daraus gelernt hat, sondern kaum 20 Jahre später erneut die Kampfstiefel auf diese verbrannte und geheiligte Erde setzte.

Was das mit meinem Urlaub zu tun hat? Ganz einfach. Ich hörte jenen zu, die noch zu Wort kommen konnten. Das ist das Verdienst der verborgenen Chronik. Ich lauschte den nie erzählten Geschichten über den Gräbern des Beinhauses von Douaumont und erzählte meiner Tochter von zwei Ländern und zwei Kriegen, von ihren Urgroßvätern in Frankreich und von Versöhnung danach. Ich erzählte ihr, der jungen Erstwählerin, wie sich Politik auf ihr Leben auswirkt. Der Antrittsbesuch eines französischen Präsidenten in unserem Land setzt heute fort, was zuvor mit freundschaftlich gereichter Hand über diesen Gräbern eingeleitet wurde. Und letztlich sind wir es, die Politik machen, weil wir bei allem Spaß dieser Welt nicht leugnen, was uns die Geschichte an Verantwortung in das Tagebuch des Erinnerns schrieb.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Der Erste Weltkrieg in der kleinen literarischen Sternwarte.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Advertisements

„Herr Origami“ und „Sadako“ – Mein Lesemoment 2017

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Da ist er nun. Mein Lesemoment 2017. Das literarische Highlight, das man im Verlauf eines Lesejahres so sehnlich herbeisehnt. Das Buch, von dem man später sagen kann, dass es das Buch des Jahres war. Die Ursache für dieses Prädikat ist natürlich höchst subjektiv und in besonderer Weise individuell, da ein Buch alleine selten in der Lage ist, mich zu diesen Jubelstürmen aufsteigen zu lassen. Es ist die Perlenkette aus Büchern, die ein solches Werk knüpfen, es sind die Assoziationen, die es in mir auslösen und es sind die Gefühle, die es wecken muss, um mich zu diesem Urteil zu verleiten. Ich habe ihn erlebt, diesen Moment 2017, und das schon im September.

Es sind schmale 157 Seiten, die mich aufjauchzen lassen. Es ist ein Roman, der in seiner literarischen Dimension vielleicht nur mich so sehr aufrüttelt, weil er Lesegefühle mit neuem Leben erweckt, die ich bisher nur in einem meiner absoluten Herzensbücher durchleben durfte. Aber es ist auch eine Geschichte, die in der Lage ist, bibliophile und empathische Leseseelen zu bewegen, die meine Erfahrungen nicht teilen. Denn dieses Buch wird eine Lesekette auslösen, der man sich nicht verweigern kann. Hier ist er nun, mein Lesemoment des Jahres.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Herr Origami“ von Jean-Marc Ceci, erschienen bei Hoffmann und Campe, kommt in seinem Erscheinungsbild schlicht und schmal daher. Ein gefalteter Kranich, eine Wiese und zwei Bäume zieren das Buchcover. 157 Seiten warten auf ihre Leser. Zarte Seiten, die aufgrund des Buchlayouts jeweils mit japanischen Schriftzeichen eingeleitet werden und dann recht überschaubar gefüllt sind. Beim oberflächlichen Blättern kann schon der Eindruck entstehen, es würde sich um Gedichte handeln. Kurz gesagt, es ist ein kurzes Lesevergnügen. Nur eine Stunde verging zwischen der ersten und der letzten Seite. Es ist die Stunde, die ich nicht mehr vergessen werde. Es ist eine Sehnsuchtsgeschichte voller Lebensweisheit, Philosophie und mit einem Tiefgang, den man eigentlich in dem vorliegenden Format kaum erzeugen kann. Und doch gelingt es Jean-Marc Ceci auf so beeindruckende Art und Weise.

Es ist die Geschichte eines Japaners, der seine Heimat für die große Liebe seines Lebens verlassen hat. Herr Origami“ wird er genannt. Mit „Meister Kurogiko“ sollte man ihn jedoch anreden, wenn man ihm begegnet. Denn er ist ein wahrer Meister. Sein Leben hat er der Herstellung von „Washi“ gewidmet, japanischem Papier. Seine wahre Leidenschaft jedoch ist es, aus dem schönsten Papier Origami-Kraniche zu falten. Seit nunmehr 40 Jahren lebt Herr Origami in Italien. Er schöpft Papier, faltet seine Kraniche, entfaltet sie wieder und meditiert, die so entstandenen Faltlinien betrachtend. Das tiefe Geheimnis, dem dieses spirituelle Leben zugrunde liegt, heißt Liebe.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Ein einziges Mal hat Herr Origami sie gesehen. Dieser eine Augenblick hat gereicht, alle Zelte hinter sich abzubrechen und ihr zu folgen. Nur ihre Herkunft war ihm bekannt. Italien. Seit 40 Jahren nun lebt Herr Origami in der Abgeschiedenheit der Toskana und wartet auf den Moment, in dem das Schicksal ihn und die von ihm verzweifelt Geliebte wieder vereint. Die Tage des Wartens verbringt er schöpfend, faltend entfaltend und still meditierend. Bis ein unerwarteter Besuch alles ändert. Der Uhrmacher Casparo dringt in diese geschlossene Welt ein und verführt den Meister dazu, sich langsam zu öffnen und seine Geschichte zu erzählen.

Spätestens hier befand sich mein Herz im Aufruhr. Japan, schrie es. Und schon war es um mich geschehen. „Seide“ von Alessandro Baricco erzählt spiegelverkehrt, was Jean-Marc Ceci mir gerade in die Seele schreibt. Baricco lässt einen Franzosen immer wieder nach Japan reisen, um IHR zu begegnen. Der großen Liebe seines Lebens. Ein junges Mädchen, das er nur ein einziges Mal sah, dessen Stimme er nie vernahm und das sein Leben für immer veränderte. Baricco lässt seinen Hervé Joncour in das Japan seiner Sehnsucht eintauchen, ohne je die Chance zu haben, seine Geliebte zu finden.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Jean-Marc Ceci bringt nun seinerseits einen japanischen Liebenden nach Europa und verzaubert seine Leser mit der poetischen, philosophischen Erzählung, die unsere Sichtweise auf eine hoffnungslose Liebe nachhaltig verändert. Was sich hier von Seite zu Seite entwickelt ist ein fast schon meditatives Bild der inneren Balance, wo doch nur aufgewühlte Gefühle toben. In der Begegnung mit dem Uhrmacher Casparo entwickelt Ceci einen Diskurs über die Gemeinsamkeiten von Leidenschaften, Perfektion und der ewigen Suche nach den Antworten zu allen Sinnfragen des Lebens. Die Zeitvorstellung des Uhrmachers kollidiert mit der zeitlosen Dimension des Origami-Künstlers.

Auch hier schließt Herr Origami einen unsichtbaren Pakt mit einem Buch, das in seiner Entschleunigung verzaubert. „Das Kopfkissenbuch“ von Sei Shōnagon hat mir ein längst vergangenes Japan nähergebracht, das jedoch im „Herr Origami“ von Jean-Marc Ceci allgegenwärtig ist. Philosophie, Kontemplation und Spiritualität führen uns in ein Leben, in dem Abgeschiedenheit nur eine besondere Form von Leidenschaft ist. Im tiefsten Inneren beider Bücher spürt man einen japanischen Geist, der inspirierend und entschleunigend ist. Lebensweisheiten werden hier nicht nur zitiert, sie werden geprägt. Werte und Ansichten werden gelebt. Liebe wird um ihretwillen geliebt, auch wenn es so hoffnungslos erscheint wie bei Baricco oder Ceci. Selten hat ein poetischer Roman mir so viele Türen geöffnet. Selten habe ich so tiefe Verbindungen zu den Büchern meines Lebens gespürt. Und selten hat mir dabei ein Autor eine doch ganz eigenständige und wertvolle Geschichte erzählt.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci und Sadako – Ein Wunsch aus tausend Kranichen

Jean-Marc Ceci gelingt es weit auszuholen ohne dabei zu fabulieren. Nicht nur die Kunst der Papierherstellung in Japan wird hier zur Kunstform erhoben, auch das Falten dieses Papiers – für uns meist nur kreativer Zeitvertreib – wird hier über jeden Verdacht erhaben, die Zeit zu vertreiben. Hier kommt Ceci zu einer Bücherkette, die er in seinem Schreiben auslöst, die zu einen weiteren unglaublichen Lesemoment bei mir führte. Er erzählt von der Legende der tausend Kraniche. Er erzählt von einem kleinen Mädchen, dem es nicht vergönnt war, so viele Kraniche zu falten, um einen Lebenswunsch erfüllt zu bekommen. Er erzählt von „Sadako“.

Ich sprang lesend auf, griff in den SUB meiner ungelesenen Köstlichkeiten und es war mir bewusst, dass ich diesen Namen schon gehört hatte. Und da lag das Buch. Ein aktuelles Kinderbuch, erschienen im Aladin Verlag, mit Origami-Kranichen und einem jungen Mädchen im Krankenbett auf dem illustrierten Cover. Gänsehaut. „Sadako. Ein Wunsch aus tausend Kranichen“ von Johanna Hohnhold hatte mich erst vor wenigen Tagen erreicht. Nun weiß ich, dass Bücher Schicksale haben. „Habent sua fata libelli“. Es kann doch kein Zufall sein, dass ausgerechnet dieses Buch auf mich wartet. Es ist kein Zufall, davon bin ich überzeugt. Hier liegt der Zauber von „Herr Origami“ auch für Leser verborgen, die weder Seide noch das kopfkissenbuch gelesen haben. Hier weist eine Bücherkette in die Zukunft und man kann gar nicht anders, als sich Sadako ganz behutsam zu nähern.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci – Sadako – Eine wichtige Geschichte

Geht auch diesen Pakt ein, den Herr Origami für euch geschlossen hat. Besucht Sadako in Hiroshima und lasst euch in einem Kinderbuch, das viel mehr ist, von einem Mädchen erzählen, dem nicht nur in Hiroshima, sondern unter anderem auch in Köln weltweit Denkmäler gewidmet sind, die eines gemeinsam haben. Den Origami-Kranich. Lasst diese Geschichte zu. Lasst es zu, einem Mädchen zu begegnen, das ohne jede Hoffnung auf Genesung als Opfer der Spätfolgen des Atombomben-Abwurfes alle Kraft in die tausend Origami-Kraniche steckte, die ihr einer alten Legende zufolge das Leben retten sollten.

Zeitvertreib? Nein. Herr Origami und Sadako öffnen einzigartige Perspektiven auf die japanische Papierkunst. Beide Bücher öffnen neue Perspektiven auf das Leben. Vielleicht kann man jetzt nachvollziehen, warum „Herr Origami“ und „Sadako“ für mich zu einem einzigen, tief miteinander verwobenen Lesemoment wurden. Vielleicht kann man sich vorstellen, dass beide Bücher und meine eigene kleine japanische Bibliothek ein philosophisch romantisches Bündnis geschlossen haben, um mich zu verzaubern.

Darum lese ich!

Herr Origami von Jean-Marc Cec

„Marlenes Geheimnis“ von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Ich weiß, was ich mir von einem Roman aus der Feder Brigitte Riebe versprechen darf. Ich weiß, dass unter einer jeweils brillant erzählten Schicht guter Unterhaltung die Ebene verborgen liegt, die es der Historikerin erlaubt, einen Erzählraum zu gestalten, in dem sie authentisch und fundiert aus dem Vollen schöpft. Ihr aktuelles Werk „Marlenes Geheimnis“ beinhaltet diese Ebene. Sie entführt die Leser an die Schwelle des zweiten Weltkriegs und konfrontiert sie mit Menschen, die an dem Wendepunkt ihres Schicksals angelangt sind. Ein Wendepunkt, der sich nicht nur auf ihr eigenes Leben auswirkt. Ein Wendepunkt, der das Leben der nachfolgenden Generationen nachhaltig verändert.

„Ach bleib mir doch weg mit dem alten Käse von gestern. Das ist alles schon so lange her, das hat doch mit mir gar nichts zu tun.“

Das hört man immer wieder, wenn es um Geschichte geht. Man hört es gerade dann, wenn diese Geschichte unbequem sein kann. Und doch ist es so, dass nur ein einziger Blick zurück das ganze Leben beeinflussen kann. Er kann aufschlussreich sein, ganze Familien in neuem Licht dastehen lassen und Augen öffnen. Sacha Batthyany hat ein Buch darüber geschrieben, das dem Ernst der Sache gerecht wird. „Und was hat das mit mir zu tun“ ist mehr als ein Blick in den Rückspiegel der Gegenwart. Brigitte Riebe hat diese wichtige Frage in einen Roman gekleidet, der auf den ersten Blick literarisch beste Unterhaltung verspricht. Zumindest was die Oberfläche betrifft.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis“ geht jedoch schnell in die Tiefe, ohne seinen Charakter zu verlieren. Brigitte Riebe bleibt sich treu. Sie erzählt große Geschichten, die im Kleinen entstehen. Sie sensibilisiert uns mit diesen Geschichten, Sachverhalte und Gegebenes zu hinterfragen und auch einen von Empathie geprägten Blick auf das Leben zu werfen, das jenseits unseres Tellerrandes tobt. Ja, dies alles kann Unterhaltung sein. Es muss sogar Unterhaltung sein, weil man bestimmte Themen außerhalb reiner Sachbücher in Romanen platzieren muss, um Gefühlsebenen zu erreichen. Indirektes Lernen hat auch seine unterhaltsamen Seiten.

Folgen wir ihr an den Bodensee. Malerisch, idyllisch und einfach wundervoll gestaltet sie den Rahmen für eine doch eher traurige Ausgangssituation. Ein Familientreffen im beschaulichen Rickenbach steht an. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt. Besonders die Familie Auberlin, die für ihre florierende Schnapsbrennerei bekannt ist. Marlene führt die Geschäfte des Traditionshauses in dem kleinen Ort, in dem sie vor mehr als siebzig Jahren mit ihrer Mutter Eva ein neues Leben begann. Die gemeinsame Flucht und ihre Vertreibung hat sie weit hinter sich gelassen. Doch nun ist Eva tot und zur Beerdigung erwartet Marlene ihre Schwester Vicky und deren Tochter Nane. Kein leichter Weg für die beiden ungleichen Schwestern, nun am Grab der Mutter zu stehen und zu trauern.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Was sich wie ein Familienroman anhört, in dem es dann vielleicht ums gemeinsame Erbe oder vergleichbare Banalitäten geht, entwickelt sich rasant zu einer Geschichte, in der die Geschichte eine weitere Erzählebene öffnet, die Marlenes Geheimnis ist. Alles dreht sich um die Erinnerungen der verstorbenen Großmutter, in die ihre Enkelin Nane nun eintaucht. Erinnerungen, in einem Tagebuch niedergeschrieben und persönlich an die Enkelin adressiert. Evas Vermächtnis. Hier öffnet sich eine längst vergangene Welt für das junge Mädchen und sie muss erfahren, dass selbst in diesem Ort, in dem jeder jeden kennt, man sich noch lange nicht selbst kennen muss. Schicht um Schicht dringt sie tiefer vor in ein Leben, das geprägt war von Flucht und Vertreibung, von Gewalt und Angst, von Neubeginn und Schweigen und von einem Geheimnis, das die Zukunft ihrer Töchter veränderte.

Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane stellen könnte. Warum heiße ich eigentlich Christiane Julika? Warum sind meine Mutter Vicky und ihre Schwester so grundverschieden? Und warum gab es das kategorische Verbot ihrer Großmutter, mit einer Nachbarfamilie im so vertrauten Rickenbach in Kontakt zu treten? Brigitte Riebe entführt uns in einen tiefgründigen und facettenreichen Familienroman, der vielleicht gar kein Familienroman im eigentlichen Wortsinn ist. Denn dafür hätte die Verstorbene Eva Auberlin, geborene Menzel, ja eine Familie zurücklassen müssen. Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane am Ende der Geschichte nicht mehr stellt. Es muss nicht „Marlenes Geheimnis“ bleiben, was in der Vergangenheit geschah und wie sich die Geschichte auf die Auberlins von heute ausgewirkt hat. Man kann es lesen. Ich rate dazu. Aus gutem Grund und mit Nachdruck.

Bei Brigitte Riebe fällt der Apfel oftmals recht weit vom Stamm…

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe und weitere Werke

„Ikarien“ von Uwe Timm – Ein Opus Magnum

Ikarien von Uwe Timm

Um eines vorwegzunehmen, wir haben es bei „Ikarien“ von Uwe Timm mit einem der wohl fairsten Romane zu tun, den ich jemals über idealtypische gesellschaftspolitische Systeme, soziale Weltordnungen und ideologische Utopien lesen durfte. In seinem, nur zu Recht als Opus Magnum zu bezeichnenden Werk gelingt es dem Autor, eine Brücke über Epochen der Zeitgeschichte zu schlagen, auf der wir Leser traumwandlerisch zu Zeugen der Entstehung von Ideen werden, die das Zusammenleben von Menschen für alle Zeit verbessern sollten.

Fair ist dieser historisch brillant recherchierte und literarisch opulent aufbereitete Roman, weil Uwe Timm nicht stigmatisiert, vorverurteilt oder ideologisiert. Er führt uns an die Schwellen der modernen Staatstheorien und veranschaulicht brillant, worauf die Ideen der sozialen Neuordnung basierten und warum sie in ihrer Überhöhung scheitern mussten. Zuletzt zeigt der Schriftsteller in beeindruckender Weise auf, dass es im Lauf der Geschichte immer wieder gelang, selbst die allerbesten Ansätze für gesellschaftlich zwingend erforderliche Reformen aus machtpolitischen Interessen zu pervertieren und unter dem Deckmantel der perfekten und humanistischen Weltordnung Terrorsysteme entstehen zu lassen.

Ikarien von Uwe Timm

Wer den Nationalsozialismus und seine Ideologie vom Herrenmenschen bis heute nicht verstanden hat, seine Entstehung nicht nachvollziehen kann und sich auch nicht vorstellen mag, warum so viele Opportunisten sich scheinbar so willfährig in die Fänge einer Massenmordmaschinerie begeben haben, dem werden in „Ikarien“ endgültig die Augen geöffnet. Man muss sich nur auf Uwe Timm und sein Schreiben einlassen, ihm durch das Deutschland des Jahres 1945 folgen, das Kriegsende aus sich wirken lassen und sich in einen amerikanischen Jeep setzen, um im Land der Trümmerfrauen auf die Fährte der wahren Verbrecher zu kommen.

Und auch hier bleibt Uwe Timm fair, da er jenen klugen Köpfen, die ihr ganzes Leben in den Dienst neuer und bahnbrechender sozialer Strukturen gestellt haben, dieselben nicht abreißt, sondern vielmehr aufzeigt, wie sie schrittweise zu den Opfern ihrer Ideen wurden, oder sich eben durch bewusste Entscheidungen dazu machen ließen. Hier ist die Ausgangssituation von „Ikarien“ konsequent fiktionalisiert, um sich als Leser selbst in den Protagonisten hineinversetzen zu können und dann historisch verbrieften Boden zu betreten. Uwe Timm gelingt mehr als ein historischer Roman. Er weiß zu unterhalten und dabei doch seine Finger in die offenen Wunden der Geschichte zu legen. Hier wird aus gut gemeinten sozialen Idealbildern der Nährboden für Euthanasie und Holocaust.

Ikarien von Uwe Timm

Am Ende des Desasters kehrt der 25jährige deutschstämmige US-Offizier Michael Hansen in seine Heimat zurück. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wird er beauftragt sich auf die Spur eines Mannes zu begeben, der seit Jahren tot ist, aber als Vordenker der braunen Rassenideologie gilt. Der Eugeniker Alfred Ploetz. Hansen soll seine Rolle im Konzert der Wissenschaftler aufklären, die den Nazis den Weg bereitet haben, sich aller Gegner zu entledigen, die dem Regime gefährlich werden konnten. Hansen trifft in einem Münchener Antiquariat auf den langjährigen Weggefährten des Professors. Aus den akribisch dokumentierten Gesprächen entwickelt sich die intensive Lebensbeichte eines Mannes, der Alfred Ploetz aus verschiedenen Blickwinkeln zu beschreiben weiß.

Der Antiquar Wagner wird zum Zeitzeugen eines Lebensweges, der im Verlauf der Geschichte zum ideologischen Irrweg wurde. Abwegig und ohne Ausweg. Mörderisch und vernichtend. Und doch nachvollziehbar, blickt man mit Wagner auf den Moment im Leben des Eugenikers zurück, in dem das Gute nur das Beste wollte. Eine Abkehr von der Ungleichbehandlung der Menschen. Ein humanistisches Weltbild, ein Ideal, Vielfalt und unter dem Zeichen der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ein Modell für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion. Hier war es ein Roman, eine Utopie, die alles in Gang setzte, was Jahrzehnte später für den Mord an Millionen Menschen verantwortlich sein sollte.

Ikarien von Uwe Timm

Alles beginnt mit der „Reise nach Ikarien“ des Frühsozialisten Étienne Cabet. Ein Roman über die Reise eines englischen Adeligen zur Insel Ikarien fasziniert Ploetz und seinen Freund Wagner gleichermaßen. Die gesellschaftliche Utopie der grenzenlosen Gelichbehandlung und Gleichberechtigung der Menschen auf dieser Insel entspricht in ihren Grundzügen einem idealtypischen Kommunismus, der Monarchien 50 Jahre nach der französischen Revolution ins Abseits stellte. Gütergemeinschaft und Wohlfahrt sind zentrale Elemente, die Ploetz und seinem Adlatus Wagner Ende des 19. Jahrhunderts so erstrebenswert erscheinen, dass man sie verwirklichen sollte. Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem Uwe Timm seine Betrachtung eines Idealbildes beginnt.

Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem auseinanderdriftet, was in der Realität nicht funktionieren kann. Der Mensch erweist sich zu schwach, zu sehr in Konflikten verhaftet und in alten Bildern gefangen, dass schon erste Versuche scheitern. Wagner wendet sich enttäuscht dem Kommunismus zu und verschwindet Jahre später nach der Machtergreifung der Nazis im KZ Dachau. Ploetz geht einen anderen Weg. Eugenik ist sein Fachgebiet und die Gleichbehandlung des Menschen kann aus seiner Sicht nur in einer Welt garantiert werden, in der das Erbgut genutzt werden muss, um der Natur ein Schnippchen zu schlagen.

Ikarien von Uwe Timm

Von hier aus sind es nur kleine Schritte zum Chaos. Von der Züchtung des werten Lebens bis zur Vernichtung des unwerten. Von der Ausrottung des Minderwertigen bis zur Überhöhung des Herrenmenschen. Alfred Ploetz findet im Nationalsozialismus den Nährboden für seine Theorien. Die braunen Machthaber finden in ihm das Alibi für ihre perfiden Pläne. Es sind nur kleine Schritte, die von einem Roman über eine utopische Insel zu den Patientenakten eines gewissen Ernst Lossa führen. Die braune Saat geht auf und die Theoretiker verstecken sich hinter ihren guten Absichten.

Uwe Timm geht einen konsequenten Weg in seinem Roman. Er führt uns zeitlos vor Augen, was geschehen kann, wenn man sich opportunistisch andient. Er zeigt auf, wie selbstverständlich sich Machthaber bedienen und er erzählt fast nebenbei und doch so unglaublich eindringlich eine Geschichte von einem Neubeginn in den Trümmern eines zu Recht besiegten Landes. Aus wohlmeinenden Ideen werden die Extrakte von Horror und Massenmord gewonnen. Diktaturen funktionieren so. Es ist wiederholbar. Wagner weiß, wovon er redet und Hansen versteht, was er vernimmt. Dieser Roman deckt auf, wie vergewaltigte Idealbilder in der Evolution der Macht degenerieren. Ein wichtiger, in sich geschlossener und zeitloser Roman, der nicht nur Ernst Lossa gerecht wird. Lesen kann so intelligent und literarisch sein…

Ikarien von Uwe Timm – Alfred Ploetz – Vordenker und Wegbereiter des Wahnsinns

Gegen das Vergessen in der kleinen literarischen Sternwarte. Hier geht´s weiter.

„Der Junge auf dem Berg“ von John Boyne

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Seine Jungs sind anders. Das waren sie schon immer und sie werden es immer sein. John Boyne schreibt seit Anbeginn der Tage über junge Menschen, die sich von ihrem sozialen Umfeld unterscheiden und aufgrund ihrer Wesensmerkmale ausgegrenzt oder isoliert werden. Nur weil sie anders sind. Bei John Boyne lernt man als Leser nicht nur damit umzugehen, es ertragen und aushalten zu können. Man lernt auch, wie lächerlich es ist, andere auszugrenzen, weil sie nicht so ticken, aussehen, fühlen, lieben, denken wie es die Normen vorzugeben scheinen. Seine Romane waren, sind und werden stets zeitlos bleiben.

Ich habe durch ihn Barnaby, Danny, Noah, Alfie und Bruno kennengelernt. Jungs, die tiefe Spuren in meinem Lesen hinterlassen haben. Jungs, die sich in die Herzen der Leser geschlichen haben, Herzen brachen, Gänsehaut verursachten und Tränen ihren Weg ebneten. Unvergessen bleibt auch sein ältester Protagonist in Erinnerung. Tristan Sadler. Anders ist auch er. Ein Soldat im Ersten Weltkrieg. Mehr als nur befreundet mit seinem besten Kameraden. Viel mehr als das. Und doch schämt er sich seiner Gefühle. Am Ende der Scham steht ein Mantra, das Tristan Sadler allen Romanfiguren aus der Feder von John Boyne ins Stammbuch schreibt. Uns Lesern gleich mit dazu.

„Anders zu sein ist immer ein Problem, aber Du kannst es überleben – Du kannst damit zurechtkommen, ohne Dich selbst zu leugnen.“

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Krieg. Ein zentrales Thema bei John Boyne. Der Umgang mit traumatisierten Vätern, Verlust, Zerstörung und Massenmord beendeten die Kindheit einiger seiner Jungs und machten sie zu Opfern ihrer Zeit. Alfie erlebte das psychische Wrack seines Vaters am Ende des Ersten Weltkrieges und Bruno traf am dunkelsten Ort der Weltgeschichte auf einen Freund, der sein Schicksal besiegelte. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bleibt wohl das bedeutendste Werk John Boynes. Ein fiktionales Gedankenspiel, in dem das Schicksal einen der schlimmsten Täter des Holocaust auf grausame Weise bestraft. Es sind dabei immer die unschuldigsten und reinsten Herzen, die den Preis für die Untaten anderer zu bezahlen haben. Bruno folgt einem Jungen im gestreiften Pyjama. Ins Gas. In Auschwitz. Aus Neugier und Freundschaft. Sein Vater, der Massenmörder, verliert was er allen nahm. Ein Meisterwerk, dem John Boyne nun ein weiteres folgen lässt.

Der Junge auf dem Berg“, erschienen im Fischer Verlag, verdichtet erneut den Krieg und seine Folgen zu einem geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Man muss keines der Werke von John Boyne kennen, um diesen Roman in sein Herz zu schließen. Sollte man sich jedoch an Alfie und Bruno erinnern, dann wird man an einigen Stellen in diesem Roman Stiche im Leserherz empfinden, weil hier Wunden aufgerissen werden, die niemals verheilt sind. Pierrot ist “Der Junge auf dem Berg“. Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters. Keine gute Konstellation nach dem Ersten Weltkrieg. Ganz besonders nicht, wenn man in Frankreich lebt und im eigenen Vater das seelische Wrack eines besiegten und traumatisierten Menschen vor Augen hat. Alfie und Pierrot eint das Leben mit den Folgen des Krieges.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne macht uns in Der Junge auf dem Berg erneut zu den Weggefährten eines kleinen Jungen mit reinem Herzen. Sieben Jahre ist er alt, als er 1936 auf sich allein gestellt und plötzlich elternlos den Weg in ein unbestimmtes Leben antritt. Seinen besten Freund, den jüdischen Jungen Anshel und seine Heimatstadt Paris muss er nun hinter sich lassen, um in einem Waisenhaus seine Kindheit zu verbringen. Bis dahin ist Pierrots Leben so verlaufen, wie das vieler französischer Kinder. Behütet und ruhig. Als die Schwester seines Vaters den kleinen Jungen jedoch nach Deutschland holt, ändert sich alles. Die Zeit ist kritisch, das Land ist fremd und der Ort, an dem er nun leben soll ist der wohl ungewöhnlichste für eine unbeschwerte Kindheit.

Der Berghof. Hitlers Refugium bei Berchtesgaden. Die nationalsozialistische Idylle eines Ferienhauses am Rande der eskalierenden Weltpolitik. Von all dem ahnt Pierrot nichts, als er in die Gepflogenheiten des Ortes eingewiesen wird, an dem seine eigene Tante als Haushälterin arbeitet. John Boyne nähert sich authentisch und intensiv dieser abgelegenen Machtzentrale an, die nur von Zeit zu Zeit von Hitler bewohnt wurde. Und doch entstand in diesen Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg dort ein Nazitraum vor der malerischen Kulisse der Alpen. Ein Traum, der im Lauf der nächsten Jahre Schauplatz wichtiger politischer Begegnungen und braunes Auge des Nazi-Orkans werden sollte.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Aus dem kleinen französischen Jungen muss natürlich ein deutscher Junge werden, wenn er schon das Privileg genießt, auf dem Berghof leben zu dürfen. Aus Pierrot wird Peter. Und aus seiner lässigen und städtischen Kleidung wird die Knabenuniform des Jungvolks. Mit den äußeren gehen auch andere Veränderungen einher. Nur eine Frage der guten Erziehung. Nur eine Frage der Vermittlung neuer Werte. Das ist im Alter von acht Jahren doch schnell zu vermitteln. Hier ist der Geist formbar und willig. Und in der Anwesenheit des legendären Führers doch nur selbstverständlich. „Heil Hitler“ wird die Formel für das Leben auf dem Berghof. Vergessen wir Pierrot, so wie er sich selbst zu vergessen beginnt. Es lebe Peter. Peter der Große, so wie er sich selbst bald zu fühlen scheint. Diagnose des Lesers: „Zustand nach brauner Hirnwäsche“…

John Boyne bleibt sich selbst treu und wagt doch erneut viel. Er beschreibt in dem Umerziehungsprozess die Schwäche des Menschen und die scheinbare Stärke, die am Ende der Assimilation zu erwachen scheint. Aus unsicheren kleinen Jungs werden die machtgeilen Despoten der Zukunft. Gewagt ist es, diesen Roman in zwei Teilen sehen zu müssen. Einen rein fiktionalen Teil über die französische Kindheit Pierrots bis zu der Ankunft auf dem Berghof und einen zweiten authentischeren Teil, in dem Peter nun als Zaungast den historisch verbrieften Ereignissen auf dem Berghof beiwohnt. Boyne hat durch diesen literarischen Kunstgriff Fiktion und Realität vermischt und doch ist es ihm gerade dadurch gelungen, dem Nationalsozialismus die Maske der Bergidylle von der braunen Fratze zu reißen. Indoktrination wird greifbar. Flucht unmöglich. Peter wird zu einem Produkt seiner Zeit. Einer von vielen… Einer von zu vielen…

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne beantwortet in seinem Jugendbuch „Der Junge auf dem Berg“ viele komplexe Fragen der Manipulierbarkeit des Menschen, seiner Korrumpierbarkeit in Hinblick auf den Zuwachs der eigenen Macht über andere und zeigt dabei sehr deutlich die Automatismen auf, die den Einzelnen in einer solchen Situation „umkippen“ lassen. Sprachlich und inhaltlich gelingt John Boyne erneut das literarische Kunststück, seinen Roman so zu verfassen, dass er gerade von jüngeren Lesern verstanden wird. Es fällt nicht schwer, sich in Pierrot hineinzuversetzen. Es tut weh, mit ihm zu Peter zu werden. In der Scham für seine Taten und Handlungen liegt die Kraft, sich selbst aufzulehnen.

Ich möchte nicht, dass Kinder jemals wieder zu einem Peter werden. Ich mag mir nicht vorstellen, dass diese Hirnwäsche an meinen Kindern vollzogen würde. Die letzte Konsequenz des „sich Ergebens“ liegt auf der Hand. Mitläufer und Mittäter entstehen nur so. Das zeigt auch „Der Junge auf dem Berg“. Pierrot/Peter begegnet auf seinem Weg Romanfiguren, die wir aus dem Konzentrationslager in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bestens kennen. Sie stehen hier sinnbildlich für die Lebenswege, die aus den Menschen von heute die Täter der Zukunft werden lassen. Hier kreuzen Menschen den Weg eines kleinen Jungen, die viele Jahre später im KZ ihren Hass ausleben dürfen.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Ob „Der Junge auf dem Berg“ über den Berg kommt, sollten Sie selbst lesen. Der Roman trägt das Gütesiegel Boyne und wird ihm mehr als gerecht. Hintergründe und Hintergründiges zu seinem Schreiben finden Sie in meinem Interview mit diesem ganz Großen seiner Zunft. Hier

Auch Bianca und Literatwo sind beim Thema „Gegen das Vergessen“ noch längst nicht über den Berg… Hier geht´s zur Boyne-Rezension auf den Berghof.