„Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Was bleibt NACH dem Lesen? Welche Leitbilder eines Romans bleiben in Erinnerung und ist man auch nach Jahren noch in der Lage, eine große Geschichte am Lagerfeuer mit guten Freunden teilen zu können? Oder bleiben nur Fragmente, Impressionen und der Titel eines Romans, den man zum Wegbegleiter des Lesens auserkoren hat? Diese Fragen sind meine Parameter für die Nachhaltigkeit von guter Literatur. Zu viele Bücher sind durch mein Lesen gerauscht ohne tiefe Spuren zu hinterlassen. Nur die ganz guten unter ihnen geben im Kopfkino meines Lesens eine lebenslange Dauervorstellung.

Dabei kommt es auch auf die Rahmenbedingungen des Lesens an. Lese ich allein oder begebe ich mich mit wichtigen Menschen gemeinsam auf eine Lesereise? Welche Lebenssituation flankiert mein Lesen und gelingt es dem Buch, wichtige Ereignisse mit seinem Inhalt zu verbinden? All dies führt in der Rückschau dazu, dass aus einem Buch ein Herzensbuch wird. Unvergesslich eingebrannt in die Festplatte der Leserseele. Ein absoluter Volltreffer ins Herz und ein Buch, dessen Relevanz sich nicht mehr verliert.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina (Aufbau Verlag) ist ein solches Buch, da es untrennbar mit meinem Lebens- und Leseweg verbunden sein wird. Einerseits ist es ein brillant erzählter Roman über die russische Seele und die unergründliche Weite des Landes. Andererseits ist dieses Buch auch noch zutiefst politisch und beleuchtet in aller Präzision die gesellschaftlichen Umwälzungen im Großen und ihre Auswirkungen auf den kleinen Mann und die kleine Frau, die völlig unpolitisch plötzlich ins Räderwerk der Geschichte geraten.

Und es ist ein Roman, den ich nicht alleine gelesen habe. Suleika hat immer dann, wenn sie ihre Augen öffnete zwei Leser erkannt, die sie auf ihrem Weg durch Russland begleiteten. AstroLibrium und Literatwo waren in Sibirien, Bianca und ich fanden uns in endlosen Zügen wieder, wurden auf engstem Raum verschifft, deportiert und in einer der unwirtlichsten Regionen Russlands angesiedelt. Dabei ging es uns beiden gut. Wir hatten es warm unter den Lesedecken. Was man von Suleika nicht behaupten kann. Es ist ein Roman der Entbehrungen und des Verlustes, auf den wir uns sehenden Auges eingelassen haben. Es ist Suleika, der wir folgten und es ist eine Geschichte, die wir mit Mühe und Not überlebt haben.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Weit zurück sind wir gereist. In das Russland der frühen 1930er Jahre. In eine Zeit der Repressalien gegen Menschen, die der kommunistischen Partei im Weg waren. Ob wohlhabende Bauern oder einfache Landbewohner, die das kleine Stückchen Land, auf dem sie lebten als ihr eigenes betrachteten, sie alle standen dem Kollektivismus Stalins im Weg. Enteignungen und Umsiedlungen ganzer Familien fanden im großen Maßstab statt. Sibirien lautete das Ziel. Der GULAG begann, die Kinder Russlands zu fressen.

Wem die Lebensumstände russischer Bauern zu dieser Zeit nichts sagen und wer keine Vorstellung vom Frauenbild in der russischen Gesellschaft hat, der sollte sich nur ein einziges Mal in die Lage Suleikas versetzen. Wenn sie die Augen öffnet, beginnt der Tag an der Seite ihres Mannes und unter der Fuchtel ihrer Schwiegermutter, der für uns mehr als unvorstellbar ist. Bis sie die Augen wieder schließen kann, vergehen endlose und entbehrungsreiche Stunden, die schon dem Leser alle Kraft rauben. Gusel Jachina gelingt alleine schon auf den ersten 95 Seiten ihres Romans ein atemberaubender und desillusionierender Parforceritt durch den Alltag der jungen Bäuerin, die nicht ahnt, wie sehr die Kommunisten ihr Leben verändern sollten.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

An einem Punkt, an dem man glaubt, es könnte nicht schlimmer kommen, beginnt Suleikas eigentlicher Leidensweg. Der Hof wird enteignet, ihr Mann erschossen und sie selbst wird umgesiedelt. Erstmals ohne die Bevormundung durch einen Mann. Auf sich allein gestellt und heimatlos. Eine Deportation unter menschenunwürdigen Umständen entwurzelt die junge Frau. Ihr ist das Ziel unbekannt. Nur der Mörder ihres Mannes hat eine Vorstellung davon, wohin die Reise geht. Das Schicksal will es so. Der linientreue Rotarmist Iwan Ignatow führt nicht nur diesen Transport der Deportierten nach Sibirien an. Er muss sich dort seinem eigenen Schicksal stellen.

Gusel Jachina lässt uns die Seele Russlands fühlen. In aller Hoffnungslosigkeit und unter ständiger Lebensgefahr erkennen wir in Suleika und den Menschen, denen sie in ihrer Geschichte begegnet eine tiefe Spiritualität, einen unbedingten Glauben und eine Kraft, die aus der Größe eines Landes und seiner Tradition gespeist wird. Die Autorin schreibt uns hierbei Menschen ins Herz, die von großer Bedeutung sind, wenn Suleika die Augen öffnet. Der Blick der jungen Frau hat uns in ihren Bann gezogen. Ihre Stärke und die persönliche Entwicklung geben der ganzen Geschichte Halt in haltlosen Zeiten.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Unvergessen bleibt ein Arzt, der durch die Deportation aus seiner Lethargie gerissen und fast neu geboren wird. Unvergessen ein Kunstmaler, der für die Deportierten in der Kälte Sibiriens Träume von Paris entstehen lässt. Unvergessen all die Nebenfiguren im Taumel der Umsiedlung. Unvergessen auch Suleika, der die Augen in Sibirien geöffnet werden. Nicht nur für sich selbst. Nicht nur für die Menschen, die sie am Leben hielten. Auch für das größte und gleichzeitig gefährlichste Geschenk, das ihr ermordeter Mann ihr mit auf die Reise gab. Ein ungeborenes Kind….

Das ist kein Frauenroman, auch wenn er von einer unfassbaren Frau handelt. Es ist kein historischer Roman, weil er in sich geschlossen mehr als zeitlos ist. Es ist keine eindimensionale Geschichte, weil sie uns auf allen Ebenen packt. Es ist kein politischer Roman, weil er zutiefst menschlich ist. Es ist eine facettenreiche und sehr unpathetisch klingende Erzählung, die uns fühlen lässt, was russische Heimat bedeutet. Sibirien ist das Synonym für diese Geschichte. Lebensfeindlich, einsam, kalt, gefährlich und doch unergründlich schön. „Suleika öffnet die Augen“ entführte mich erneut in ein Lager“. Angela Rohr und Suleika vereint die Zeit im GULAG während des Zweiten Weltkrieges. Beide Bücher vereint die tiefe Kälte, in die sie eingebettet sind und die Wärme, die aus ihnen herausstrahlt.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina

Was bleibt von diesem Buch? Mir bleibt die gesamte Geschichte. Es bleiben die Tiefe und Weite des Landes, endlose Zugfahrten in Viehwaggons, ein Schiffsuntergang, eine schreckliche Zeit in Reisighütten und die quälende Ungewissheit, wie man dieses Buch überleben soll. Mir bleibt der gemeinsame Leseweg an der Seite von Bianca. Wir haben uns an manchen Wegmarken getrennt, an Lagerfeuern aufeinander gewartet, die vielen Winter miteinander durchfroren und Menschen hassen und lieben gelernt. Wir staunten über Gemälde, die in der Taiga entstanden und schliefen im Lazarett. Wir fanden unser kleines bescheidenes Glück an einem Ort, der alles zu verheißen schien, nur das nicht. Und am Ende der Geschichte begegneten wir uns auf einer Lichtung um einen der ganz großen literarischen Momente unseres Lesens zu erleben. Hier wurden uns die Augen geöffnet.

Suleika öffnet die Augen - Gusel Jachina - Ein gemeinsamer Weg

Suleika öffnet die Augen – Gusel Jachina – Ein gemeinsamer Weg

Wer die Seele Russlands verstehen möchte, muss die Vergangenheit kennen. Das weite Land und seine Menschen in der literarischen Reflexion bei AstroLibrium:

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„Sterndeutung“ und die kleine literarische Sternwarte

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Manchmal ist man einfach zu blind, um das Naheliegende zu erkennen. Manchmal ist man zu vertieft in den eigenen Ideen, dass man kaum realisiert, was man eigentlich geschaffen hat. Meine kleine literarische Sternwarte folgt seit Jahren einem tieferen Sinn. Buchsterne am literarischen Himmelszelt zu entdecken und Fixsterne zu finden, die auch im wahren Leben der Orientierung in dunkler Nacht dienen, das sind die Ziele, denen ich beharrlich folge. Dabei mein Lesen und Schreiben Gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust als moralische Leitlinie zu sehen, war und ist meine wichtigste Intention.

Bisher betrachtete ich beides voneinander losgelöst. Ich war zu blind zu erkennen, was ich hier im übertragenen Sinne schon mit meiner Blog-Philosophie aufgebaut und umgesetzt habe. Literarischer Sternwärter wollte ich sein. Sternbilder entdecken, in der Weite des Bücheruniversums jene Gestirne finden, die immer leuchten und dabei mein Lesen unter den Stern des Erinnerns stellen. War ich wirklich zu blind um erkennen zu können, dass ich schon mit den ersten Gedanken an meinen Blog etwas ganz anderes verwirklicht habe? Ein Buch musste mir die Augen öffnen. Ein Buch, das meinem Blog eine völlig neue Bedeutung verleiht, obwohl sie unterschwellig seit den ersten Stunden meines Schreibens hier existierte. Ich habe sie nur nicht erkannt.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung“ von Jan Himmelfarb (C.H. Beck Verlag) ist ein facettenreicher und tief angelegter Genre-Hybrid aus historischem Familienroman, Bewältigungsliteratur und aktueller Reflexion zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Dabei blickt der Autor aus der Perspektive des russlanddeutschen Aussiedlers Arthur Segall in eine Vergangenheit zurück, die von Sternen geprägt war. Ein vergangenes Leben, das unter keinem gutem Stern begann und in dem Arthur Segall nur durch Glück und Zufall davor bewahrt wurde, mit Abermillionen anderen Sternträgern im endlos erscheinenden Treck der Sterne an Sternorte gebracht und dort ausgelöscht zu werden.

Denn Arthur Segall ist Jude. Sein Geburtsort steht nicht so genau fest, da er in einem Zug die Dunkelheit der Welt erblickte. Von Licht konnte keine Rede sein, da sich dieser Zug im Oktober 1941 auf der Flucht ins russische Hinterland befand. Das Unternehmen Barbarossa hatte begonnen und die Nazis begannen ihren Feldzug mit unglaublichem Tempo und ebensolcher Brutalität. Arthur Segall ist ein Kind des Zuges. Flüchtling in einer Zeit, in der andere Züge zu rollen beginnen. Der systematische Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten beginnt und Deportationszüge in unvorstellbarer Zahl bestimmen den Fahrplan des Holocaust.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Für Arthur Segall sind es die Jahre, in denen die Nazis Menschen zu Sternträgern machen, sie danach als Sternschnuppen betrachten, um sie an den dunklen Sternorten Auschwitz, Treblinka und Sobibor für immer auszulöschen. Für Arthur sind es Jahre, an die er sich nicht eigenständig erinnern kann. Deshalb beginnt er im Alter von 51 Jahren zu recherchieren, niederzuschreiben und zu archivieren, was ihm und seiner Mutter auf der Flucht geschah, wer überlebte und wo die Wurzeln seiner Familie zu finden sind.

Er zeichnet ein Bild einer zum Tode verurteilten Generation. Er skizziert die Sterne seiner Familie, die erloschen sind, begreift das Glück, das ihm zum Überleben verhalf und beschreibt in quälenden Beschreibungen, was ihm und seiner Mutter erspart blieb. Die Abläufe der Sternenauslöschung. Die systematische und industrielle Vernichtung in einem Ausmaß, das noch immer unvorstellbar ist. Er beschreibt die Tilgung der ganzen jüdischen Galaxie vom Sternenhimmel.

„Ich habe einmal gelesen: Für die einen sind die Sterne Führer. Für andere sind sie nichts als kleine Lichter. Welche Sterne sah ich? Welche hörte ich? Alle, alle schwiegen.“

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Der Ausgangspunkt seiner Betrachtung stellt den Bruch der Geschichte dar. Das Land der Täter wurde zur neuen Heimat des damaligen Flüchtlings und nun lebt er seit der Wiedervereinigung Deutschlands in dem Land, das damals die Sterne vom Himmel holte. Und Arthur Segall lebt gut, seine Tochter studiert an einer Elite-Universität und es könnte fast besser nicht sein. Und doch zeigt sein schonungsloser Blick, was hier unter Integration verstanden wird, wie Migrationshintergründe das Leben erschweren und es neuen Zuwanderern schwer gemacht wird, ihre Identität im neuen Leben zu bewahren.

Arthur Segall beschreibt eine ganz eigene Sternzeit. Sowohl in seiner alten als auch der neuen Heimat werden Sterne immer unterschiedlichen Gruppen zugeschoben. Ein gesellschaftliches Leben ohne Underdogs scheint nirgendwo auf der Welt möglich zu sein und das Zuschieben vollzieht sich in ähnlich präziser bürokratischer Genauigkeit, mit der auch der Holocaust organisiert wurde. Überall auf der Welt sind die Nachfolger der Wannseekonferenz in den Räderwerken der Verwaltungen zu finden. Sternzeit. Es ist immer Sternzeit.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Jan Himmelfarb gelingt mit Sterndeutung ein großer und aktueller Wurf ins Herz unserer Denkkultur. Seine Deutungshoheit ist polyglott und er entlarvt die Sternzeit in all jenen Ländern, die sich selbst als weltoffen und frei bezeichnen. Und gleichzeitig ist es sein Verdienst, der Gedenkkultur neue Impulse zu geben. Seine Sternbilder sind es, die das Gedenken an einzelne erloschene Sterne erhellen. Er setzt sie ins rechte Licht und ruft dazu auf, dem Versuch seines Protagonisten zu folgen. Der Blick zurück zeigt, wo man steht, warum man genau da angekommen ist, wo man ist und wie weit man zu gehen bereit ist, um nicht mitschuldig zu werden.

Hier schließt sich der Kreis. Ich bin Sternwärter. Nicht nur weil Bücher wie Sterne sind. Nein. Ich empfinde mich seit dem Lesen dieses Buches und vor dem Hintergrund meiner Hoffnung, den Opfern des Nationalsozialismus gedenken zu können noch viel mehr in der Pflicht, erloschene Sterne mit Namen zu versehen und aktiv zu verhindern, dass Menschen Sterne zugeschoben bekommen, damit unzufriedene Gruppen sich ein wenig besser fühlen. Ich habe meine kleine literarische Sternwarte schon längst in den Dienst der Sterndeutung gestellt. Dieses Buch hat mir allerdings die Augen geöffnet und verdeutlicht, unter welch gutem Stern wir geboren sind. Lasst ihn uns teilen.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Wer die Seele Russlands verstehen möchte, muss die Vergangenheit kennen. Das weite Land und seine Menschen in der literarischen Reflexion bei AstroLibrium:

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„Mein Leutnant“ von Daniil Granin (аниил Гранин)

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit!“ Hiram Johnson (1866 – 1946)

Viel Wahres steckt in diesem Zitat. Zeitloses und Allgemeingültiges. Wahrheit scheint nicht unmittelbar zur Begriffswelt eines Krieges zu gehören, denn Wahrheit (besonders die schonungslose) hat für die Mächtigen der Welt den faden Beigeschmack, sich nicht besonders motivierend auf diejenigen auszuwirken, die man auf die Schlachtfelder der Weltgeschichte schickt. Da leidet die Motivation und auch die Mobilisierung aller Kräfte ist nicht einfach, wenn man auf dem Boden der Tatsachen bleibt.

War so. Ist so. wird immer so bleiben. Besonders interessant ist jedoch der Umgang mit Wahrheit, wenn ein Krieg beendet ist. Sieger schreiben Kriegsgeschichte und es ist unumstößlicher Fakt, dass diese Geschichte von Ruhm und Glorie getränkt ist. Was mit Lügen beginnt, kann ja nicht in Wahrheit enden. Fehler werden übertüncht, Zufälle sind plötzlich Teil der großen Strategie und sinnlose Opfer werden auf Heldenfriedhöfen der Sieger in den Himmel gehoben. Keine Anstrengung war umsonst. Alles war gewollt.

„Die Heldentat besteht darin, dass er den Befehl – Keinen Schritt zurück – ausgeführt hat. Das ist ein grausames Beispiel, aber ein Beispiel für alle.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Die Memoiren der Kommandeure zeugen von den großen Taten, während einfache Soldaten ihre Erinnerungen zu relativieren haben, da sie ja nie den Blick auf das Ganze haben konnten. Wahrheit ist relativ. Ja, sie wird sogar bewusst erzeugt und damit auch zum Instrument der Propaganda. Ein besonders signifikantes Beispiel findet sich in der jüngeren Geschichtsschreibung. „Der große Vaterländische Krieg“ der Sowjetunion gegen die Militärwalze des Dritten Reichs war an Menschenverachtung gegenüber den eigenen Soldaten kaum zu übertreffen. Stalin war ein Kriegsverbrecher an der eigenen Bevölkerung und an den Soldaten seiner Roten Armee.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde über die unmenschlichen Bedingungen geschwiegen. Stalins Verbündete wussten um die Zustände, wollten den Erfolg jedoch nicht durch Kritik aufs Spiel setzen und nach Stalins Tod gehörten die Legenden dieses „Vaterländischen Krieges“ bereits zum kollektiven Allgemeingut der Gesellschaft. Aus Lügen und der Vertuschung eigenen Versagens war historische Wahrheit geworden. Es blieben Gerüchte, Erzählungen der Veteranen und es blieben sehr wenige authentische Bücher, in denen russische Soldaten dieser gewachsenen Wahrheit die Stirn boten.

„Die Soldaten hatten ihre eigene, bittere Wahrheit: fliehende Truppen, die ihre Führung verloren hatten, eingekesselte Armeen, aus denen sie zu tausenden
in Gefangenschaft gerieten, verbrecherische Befehle von Kommandierenden,
die ihre Vorgesetzten mehr fürchteten als ihre Gegner.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

„Unser Krieg war ungeschickt, unsinnig, aber das wurde nicht gezeigt,
darüber wurde nicht geschrieben. Unser Krieg war ein anderer.“

Daniil Granin hat der Scheinhistorie seine Schützengrabenwahrheit des einfachen Soldaten entgegengesetzt. Dabei zeichnet der russische Autor ein anderes, ein neues Bild dieses Krieges aus Sicht eines jungen Mannes, der sich freiwillig zum Kriegsdienst meldet und ohne große Vorbereitung, gänzlich unbewaffnet als Volkswehrmann an die Front geworfen wird. Der Überfall der Hitler-Diktatur auf die Sowjetunion hat gerade erst begonnen und doch findet sich Daniil Graniin in einer Kampflinie wieder, die in heilloser Auflösung begriffen ist.

Das konnte nicht seine heldenhafte Rote Armee sein! Seine Helden fliehen panisch vor dem heranrückenden Feind. Die ganze Front ist in Auflösung und der Volkssturm ist schon jetzt das letzte Bollwerk gegen den Feind. Mangelhaft ausgerüstet, unbewaffnet und ohne erfahrene Führung gilt es zuerst, Waffen zu organisieren, sie einzutauschen und dann allen Mut in die Waagschale zu werfen, um den Deutschen standzuhalten. Es ist die pure Verzweiflung, die den jungen Soldaten überfällt. Die Verluste sind enorm.

„Der Tod hatte aufgehört zufällig zu sein. Zufall war es, zu überleben.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Die russische Kriegsführung war ein Verbrechen nach innen. Ein Menschenleben hatte keinen Wert. Die Masse sollte den Feind besiegen. Strategie, Taktik oder Führung basierten nur auf dem Gedanken unerschöpflicher menschlicher Ressourcen. Schon in den ersten Kriegstagen verlor die Rote Armee mehr als drei Millionen Soldaten. Welle um Welle wurden Divisionen ins Gefecht geworfen. Koste es was es wolle. Basis dieser menschenverachtenden Vorgehensweise war, dass die Soldaten mehr Angst vor ihren Vorgesetzten haben mussten, als vor den Gegnern. Dem Einzelnen wurde sehr schnell klar, dass sein Leben nichts zählte. Graniin verschwand in dieser Masse.

Wie kann man siebzig Jahre nach diesen Ereignissen darüber schreiben? Wie der abstrusen Dimension der Ereignisse begegnen und dabei sortiert chronologisch eigene Erinnerungen rekapitulieren? Daniil Granin gelingt dies mit einem doppelten Kunstgriff. Zwei Perspektiven schildern den Krieg aus eigentlich einer Sicht. „D“ ist hierbei Daniil, der einfache Soldat, der sich vor Angst in die Hosen macht, sich zu seiner Feigheit und Mutlosigkeit bekennt, der kritisiert, schimpft und an der Führung zweifelt.

Mein Leutnant“ nennt er seine zweite Sicht auf die Dinge. Daniil Granin als frisch beförderter Offizier (weil die anderen gefallen sind) ist nun plötzlich der an den Sieg und die Macht der Roten Armee glaubende Soldat, der nun selbst Verstärkung ins Gefecht wirft und Menschenleben im Schlachtkessel opfert. Als sei er mit der neuen Aufgabe in sich gewachsen, stellt sich der Leutnant seinem Krieg. Die Verteidigung der belagerten Stadt Leningrad scheint ebenso aussichtslos wie die Belagerung selbst. Hier wird nur gestorben. Verreckt.

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Doch diese Perspektiven allein genügen Granin nicht. Den beiden Soldaten stellt er einen weiteren, in die heutige Zeit entrückten Erzähler zur Seite, der nun in der tiefen Rückschau nach siebzig Jahren mit all den Klischees, Legenden und Heldengesängen aufräumen kann, die „D“ und „Mein Leutnant“ subjektiv wahrgenommen haben. Hier berichtet ein literarisches Triumvirat über die Schrecken des Krieges, wobei die eigene Armee und ihre Führung die Rollen der eigentlichen Höllenhunde einnehmen.

Ein verstörend aktuelles Buch gegen den Krieg. Ein Appell, ihn nicht zu vergessen, nicht zu verdrängen und nicht obrigkeitshörig blind zu glauben. Ein Manifest gegen die Gewalt der Worte und der Waffen und ein Buch, das inzwischen auch international für Aufsehen gesorgt hat. Daniil Granin hat an den Denkmälern einer ganzen Gesellschaft gekratzt. Einige davon hat er zum Einsturz gebracht und neue errichtet. Die einfachen und kleinen Leute rücken nun ins Licht.

Mit ihnen für mich immer unvergessen, die kleine Lena Muchina, die in Leningrad eingeschlossen war, während Daniil Granin die Stadt verteidigen sollte. Manchmal ist die ganze Welt nur ein paar Quadratkilometer groß.  Manchmal ist sie aber viel zu klein für all die Opfer, die der Kampf um wenige Meter Boden gekostet hat. Der Schriftsteller Granin erobert längst verlorenes Terrain zurück. Sein Sieg heißt Menschenwürde.

Sein Buch trägt den Namen Mein Leutnant und ist beim Aufbau Verlag erschienen.

Mein Leutnant von Daniil Granin - Gegen das Vergessen

Mein Leutnant von Daniil Granin – Gegen das Vergessen

Der Kriegsschauplatz Russland bei AstroLibrium „Gegen das Vergessen„:

Und noch eine persönliche Betrachtung aus rein familiärer Sicht

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Die „Wannseekonferenz“ von Peter Longerich – Ein Protokoll

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Manchmal werden Orte zum Synonym für bestimmte Ereignisse. Manchmal kommt es vor, dass die Geschichte einen Ort mit einem historischen Kontext verbindet und die Stigmata der Vergangenheit nie mehr gelöst werden können. Allein die Erwähnung des Ortsnamens ruft Assoziationen hervor, die mit der heutigen Realität nichts zu tun haben und für die Bewohner eher belastend sind. Woran denken wir eigentlich, wenn folgende Namen ganz zufällig erwähnt werden? Dachau. Hiroshima. Utøya. Eschede?

Woran denken wir, wenn wir heute an den Ortsteil von Berlin denken, der zu den begehrtesten Ausflugszielen der Hauptstädter gehört, weil ein Binnengewässer und ein Strandbad zum Abkühlen einladen? Woran denken wir, wenn wir das Wort „Wannsee“ hören? An die Sängerin Conny Froboes und den Refrain ihres legendären Schlagers?

Pack die Badehose ein,
nimm dein kleines Schwesterlein
Und dann nischt wie raus nach Wannsee

Das wäre schön. Aber schwingt nicht auch heute noch ein anderes Ereignis mit, wenn wir diese Zeilen trällern? War da nicht was? Haben sich nicht vor fast genau 75 Jahren einige hochrangige Uniformierte zu einer Villa am Westufer des Großen Wannsees auf den Weg gemacht, um dort ein – wir würden es heute so nennen – Meeting abzuhalten und die aus ihrer Sicht wichtigste Frage für die Zukunft ihrer Heimat zu diskutieren? Es darf aus heutiger Sicht angenommen werden, dass die Herrschaften keine Badehosen im Gepäck hatten. Ebenso sicher ist, dass dieses Treffen dafür verantwortlich war, dass aus einem Erholungsort das Synonym für den Holocaust wurde. Hier fand sie statt:

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

DIE WANNSEEKONFERENZ

Ich versuche mir das einfach mal bildlich vorzustellen. Da machen sich im Januar 1942 fünfzehn Männer auf den Weg in die damals sogenannte Reichshauptstadt Berlin. Sie packen ihre Koffer, planen ihre An- und Abreisen, werden von ihren Ehefrauen und Kindern fröhlich verabschiedet und sehr fürsorglich darauf hingewiesen, dass sie sich immer schön warm anziehen sollen (es ist ja ein kalter Winter in diesem Jahr) und dann machen sie sich mit den fröhlichen Worten „Papa ist bald wieder da und bringt euch was Schönes mit!“ auf den Weg…

Und dann treffen sie sich endlich mal wieder. Luxuriös ist das Ambiente. Neben den fünfzehn Teilnehmern an der Konferenz eilen fleißige Vertreter wichtiger Behörden und eifrige Sachbearbeiter hinzu. Die Konferenz ist perfekt vorbereitet und man will ja auch vorwärts kommen und die Zeit drängt. Mehr als einen Tag wird man nicht brauchen. Es sind ja alle Spezialisten anwesend, um schnell zu einem Ergebnis zu kommen. Man ist im dritten Kriegsjahr und nachdem eigentlich alles wie geschmiert läuft, bleibt nur noch eine Frage übrig, die schnellstens geklärt werden muss.

Ohne Wannseekonferenz kein Todeslager Auschwitz-Birkenau

Ohne Wannseekonferenz kein Todeslager Auschwitz-Birkenau

Wie kann man den bereits beschlossenen und zum Teil bereits in Gang gesetzten Völkermord an den Juden Europas bürokratisch strukturieren und organisieren?

Ja. So kann hätte man das Thema der Wannseekonferenz umreißen können, hätte man sich aus Gründen der Geheimhaltung nicht unverfänglicherer Formulierungen, wie zum Beispiel:

„Unter Beteiligung der infrage kommenden anderen Zentralinstanzen
alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher
und materieller Hinsicht für die Gesamtlösung
der Judenfrage in Europa zu treffen.“

bedient, um den finalen Eindruck zu vermeiden, hier würde der Holocaust beschlossen. Über die Tagesordnungspunkte der Konferenz herrschte lange Zeit Unklarheit. Geheim sollte bleiben, was hier im kleinen Kreis entworfen und anschließend nahezu perfekt im ganzen „Reichsgebiet“ umgesetzt wurde. Warum die Inhalte der Wannseekonferenz in vollem Umfang zugänglich sind ist leicht zu beantworten. Die akribische Recherche von unermüdlichen Historikern hat Dokumente ans Tageslicht gebracht, die eine eindeutige Bewertung der Konferenz aus heutiger Sicht ermöglicht.

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Peter Longerich, Professor für moderne deutsche Geschichte und Gründungsdirektor des Holocaust Research Centre der Universität London, hat sich als absoluter Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus einen Namen gemacht. Seine Bücher über die Politik der Vernichtung und ihre Resonanz in der deutschen Bevölkerung sind heute Standardwerke. Sein Buch Wannseekonferenz – Der Weg zur Endlösung muss hier als einer der wichtigsten Mosaiksteine in der historisch verlässlichen Aufarbeitung aller Verbrechen der Nazi-Diktatur angesehen werden.

Peter Longerich nähert sich dieser Wannseekonferenz präzise an und seziert den bis zu diesem Zeitpunkt zurückgelegten Weg der Nationalsozialisten mit dem Skalpell des Historikers, der hier allerdings nicht für Studenten oder Wissenschaftler schreibt. Es ist leicht, ihm in seiner Argumentation zu folgen, seine Herleitungen nachzuvollziehen und seinen Schlussfolgerungen zu vertrauen. Dabei ist sein Buch nicht ausufernd und bleibt an den Fakten orientiert, die in dieser gestrafften Form allerdings erneut geeignet sind, dem Leser das Grauen der geplanten, industriell betriebenen Massenvernichtung menschlichen Lebens näherzubringen.

Ohne Wannseekonferenz keine Deportationszüge - siehe Erikas Geschicte

Ohne Wannseekonferenz keine Deportationszüge – siehe Erikas Geschichte

Um die Wannseekonferenz in den historischen Kontext einreihen und bewerten zu können, arbeitet sich Peter Longerich durch das einzige Exemplar des Protokolls der Wannseekonferenz, das nach dem Krieg aufgefunden werden konnte. Seite für Seite ist es im vorliegenden Buch abgebildet und in sich unmissverständlich. Hier wird auf Linie getrimmt. Hier werden bürokratisch alle Zuständigkeiten für die Deportationen geregelt, die Zielgruppen innerhalb der jüdischen Bevölkerung nach Alter und Geschlecht ganz klar festgelegt. Es geht in der Konferenz zu, als würde man über die rein administrative Bewältigung eines Vorhabens diskutieren, das nichts mit Menschenleben zu tun hat.

Hier zeigt die deutsche Bürokratie ihre wahre Stärke, wenn sie von einem perfiden System instrumentalisiert wird. Es ist erschreckend, diesem Protokolltext zu folgen. Es ist erschreckend, in den handelnden Personen die Schlächter der kommenden Jahre zu sehen und es ist erschreckend zu erkennen, wie viele von ihnen auch nach der Tagung behaupten konnten, nichts von den Zusammenhängen geahnt zu haben.

Das Lesen von Peter Longerichs neuem Standardwerk „Wannseekonferenz – Der Weg zur Endlösung“ ist viel mehr als das Eintauchen in die Sekundärliteratur des Dritten Reichs. Es ist der gezielte Vorstoß in eine der Primärquellen, der deutlich zeigt, wozu Menschen in der Lage sind, wenn ihnen die Ideologie den Weg ebnet, das eigene rassistische Menschenbild auf unmenschlichste Art und Weise zum Holocaust werden zu lassen.

Gegen das Vergessen - Ein weiter Weg, den wir gemeinsam gehen...

Gegen das Vergessen – Ein weiter Weg, den wir gemeinsam gehen…

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„Señora Gerta“ – Die Biografie eines Lebens von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

„Ich weiß nicht, warum ich mir das alles merken kann, aber es ist da, ich sehe es vor mir in allen Details.“

[An dieser Stelle können Sie auch gerne bei Literatur Radio Bayern weiterhören]

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Das sagt Gerta Stern im Alter von über 100 Jahren. Sie ist eine polyglotte Zeitzeugin des vergangenen Jahrhunderts, hat es auf zwei Kontinenten erlebt und blickt nun voller Energie auf ein Leben zurück, das noch lange nicht ausgelebt ist. Zu vital ist sie, zu viel Energie hat sie sich für diesen Schlussspurt aufgespart. Disziplin und Haltung, die harte Schule des Balletts der frühen Jugend, zahlen sich heute aus. Gerta Stern verfügt noch heute über die perfekte Präsenz eines Menschen, der das Rampenlicht gewohnt ist. Sie hat viel zu erzählen. Ihre Biografin Anne Siegel weiß ein Buch davon zu singen.

Señora Gerta“, erschienen im Europa Verlag, sticht auch mit dem Untertitel „Wie eine Wiener Jüdin auf der Flucht nach Panama die Nazis austrickste“ ins Auge. Hier ist die vielleicht einzige Schwäche der Biografie aus der Feder von Anne Siegel zu finden, denn dieses Buch ist nicht nur auf eine wichtige, aber eben doch nur kleine Episode im Leben einer bewundernswerten Frau zu reduzieren. Dieses Buch erfüllt den Anspruch, eine komplexe Lebensgeschichte in aller Vielfalt brillant zu erzählen.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Eine Geschichte, die sehr lange gebraucht hat, um ihren Weg aus Panama zu uns zu finden und die so viel mehr beinhaltet, als den unglaublichen Mut einer Frau, der es in der entscheidenden Phase ihres Lebens gelungen war, ihren Mann vor den Nazis zu retten. Und genau hier trifft der Untertitel der Biografie ins Schwarze, bedeutet doch das dunkelste Kapitel der deutschen Vergangenheit für die Wiener Jüdin den größten Bruch ihres Lebens. Einen Einschnitt, der alles in ein Davor und Danach zerschneidet. Hier ist nicht nur das Austricksen der Nazis Schwerpunkt des Buches. Vielleicht ist es eher das Schnippchen, das Señora Gerta dem ganzen Leben schlägt, das uns in dieser Biografie fesselt und gefangen nimmt.

Um begreifen zu können, wie Gerta Stern dieses Husarenstück gelang, sollte man einfach verstehen lernen, wo sie aufwuchs, welche Werte ihr vermittelt wurden und was es für sie bedeutete, als Jüdin plötzlich entrechtet zu sein. Wenn man dieses Schicksal zu fassen bekommen möchte, dann sollte man erlesen, welche Lebenskraft diese Frau für die Zukunft schöpfte. Und wenn man dann begreifen will, warum sie auch im hohen Alter noch eine Suchende war, dann sollte man dieser Biografie folgen und ermessen, was es heißt, lebenslang auf der Suche nach der Antwort auf eine überlebenswichtige Frage zu sein:

Wer war damals jener unverhoffte Helfer in Naziuniform, der ihr half, das Leben ihres Mannes zu retten?

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel – Gemälde „Gegen das Vergessen“ by Peggy Steike

So entsteht im gemeinsamen Rückblick mit Gerta Stern eine epochale Biografie und Anne Siegel ist viel mehr als eine Chronistin. Sie betrachtet das Lebensalbum von Gerta und kitzelt angesichts der Bilder aus der Vergangenheit Emotionen, Details und Erinnerungen aus der innerlich jung gebliebenen alten Dame heraus. Was auf diese Art und Weise entsteht ist ein Mosaikbild, das sowohl die Geschichte zweier Kontinente im 20. Jahrhundert beschreibt. Es ist aber auch ein Dominospiel, das verdeutlicht, welche kleinen Steine alles in Bewegung setzen und wie persönliches Schicksal funktioniert.

Das Muster des Mosaiks reicht vom Bau des Panamakanals bis zu Charly Chaplin, es setzt sich fort in den Flüchtlingsströmen im Europa des Ersten Weltkriegs und führt von den reichen Bankiers-Dynastien der Rothschilds bis zu den Radikalisierungen, die von Gerta Stern Besitz ergreifen sollten. Eingebettet in diese Rahmenbedingungen zeichnet Anne Siegel ein gestochen scharfes, sympathisches und zutiefst menschliches Portrait einer Frau, die heute alle überlebt hat, die es zeitlebens zu schützen galt. Der Rahmen für dieses Portrait ist der Journalistin Anne Siegel ebenfalls brillant gelungen.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel – Ein Fußballprofi im KZ Sachsenhausen

Wenn wir dann vor diesem Bild stehen und denken, diese Gerta Stern zu kennen, ihr Selbstwertgefühl abschätzen zu können und schon auf dem besten Weg sind, sie zu bewundern, dann verdunkelt Anne Siegel die Szenerie und entführt uns nach Hamburg. Wir scheiben den 9. November 1938 und wir wissen, dass dieser Tag in die Geschichte eingehen wird. Ein schlechter Tag für ein jüdisches Ehepaar in der Hansestadt. Ein Tag der Gerta und ihren Ehemann, den Profifußballer Moses Stern in den Fokus des Nazis rückt. Es ist die Reichspogromnacht.

Als Moses verhaftet und ins berüchtigte KZ Sachsenhausen deportiert wird, zeigt sich, mit wem es die braunen Machthaber zu tun haben, als Gerta Stern nicht in Trauer versinkt, sondern zu handeln beginnt. Ihr liegt die ganze Welt zu Füßen. Zumindest in dem Moment, in dem sie beschließt alle Botschaften der Welt abzuklappern, um einen neuen Platz für sich und ihren Mann zu finden. Und so macht sie sich auf den Weg von einer diplomatischen Vertretung zur nächsten. Denn Gerta Stern hat einen Plan, wie sie die Nazis austricksen kann.

Als sie jedoch einem Mann in Nazi-Uniform begegnet, scheint ihr Weg am Ende zu sein. Seine Frage Haben Sie keine Angst, sind Sie Jüdin? verändert die Welt.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Es ist die unfassbare Mischung aus überbordender Lebensfreude und Angst, die aus der Biografie Señora Gerta“ eine der lesenswertesten Geschichten Gegen das Vergessen macht. Der Autorin gelingt es, Gerta Stern ins Rampenlicht ihres eigenen Lebens zu stellen. Ihr gelingt, den Mut und den Tatendrang der Wienerin in die Herzen der Leser zu schreiben. Ohne Pathos und jegliche Glorifizierung. Was ihr noch gelingt? Uns heute klarzumachen, wie sich die Welt für jüdische Mitbürger fast stündlich änderte und wie wenige Menschen sich dagegen auflehnten. Anne Siegel schreibt nicht nur die Lebensgeschichte einer bewundernswerten Frau nieder, sie erzählt auch von einer Welt der Entrechtung und Ausgrenzung. Eine Welt, die so niemals wieder entstehen darf.

Gerta Stern ist heute Ehrenbürgerin von Panama City. Sie feiert ihr Leben, weil sie auch jeden Grund dazu hat. Melancholie – Fehlanzeige. Eine Frau, an der wir uns auch heute noch ein Beispiel nehmen können. Ein Buch, an dem wir uns gerade heute noch ein Beispiel nehmen können. Und eine Autorin, die beispielhaft recherchiert, grandios erzählt und quasi en passant die wichtigste Frage im Leben Gerta Sterns beantwortet: Die Frage nach dem Mann, der ihr damals half.

Wer auch nur einen Menschen rettet, der rettet ein ganzes Volk. Dieses Zitat trägt bis in unsere Zeit. Das sollten wir nie vergessen. Panama ist überall.

Literatur "Gegen das Vergessen" - Hamburg im Brennpunkt

Literatur „Gegen das Vergessen“ – Hamburg im Brennpunkt

Liebe Gerta Stern. Es war mir eine Ehre, Ihr literarischer STERNwärter zu sein.

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