Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa – „Nebel im August“

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Gegen das Vergessen. Unter dieser Überschrift bemühe ich mich seit Jahren, Bücher vorzustellen, die sich dem Erinnern an die Opfer des Holocaust widmen. Dabei sind es insbesondere Berichte von Zeitzeugen und Opfern selbst, deren Tagebücher und auch fiktionale Texte, die mich beschäftigen und rastlos recherchieren lassen. In einer Zeit, in der die Stimmen der Überlebenden zusehends verstummen ist es wichtig, das Erinnern nur an der Wahrheit auszurichten. Authentizität ist das Maß der Dinge, dem ich absolut alles unterordne.

Den Holocaust als reine Kulisse herzunehmen, in der man lediglich eine spannende Geschichte erzählen kann, wird weder den Opfern noch ihrem Andenken gerecht, weil immer mehr Fakten verdreht werden. Beispiel gefällig? Lesen sie einfach meine Artikel zu Czesława Kwoka und vergleichen sie zwei Bücher miteinander. Eines von ihnen, aus der Feder von Reiner Engelmann, der Wahrheit verpflichtet. Das andere Werk zeichnet sich dadurch aus, dass seine Autoren die Abläufe im Konzentrationslager Auschwitz zu dramatisieren versuchten, um sie noch besser in Szene setzen zu können.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Den Holocaust dramatisieren? Ein Gedanke, der mir die Nackenhaare aufstellt. Hier gibt es nichts zu dramatisieren und wer der Meinung ist, die brutale Massenvernichtung menschlichen Lebens bedürfe zusätzlicher Spannungsbögen, der vergeht sich wissend um diese historischen Verfälschungen an den Opfern, Überlebenden und Nachfahren. HoloKitsch. Dieser Begriff charakterisiert treffend, was eine solche Überzeichnung für mich bedeutet. Eine solche Kulissenschieberei wird der Dimension des Schreckens im Dritten Reich nicht gerecht. Und sie ist überflüssig.

Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa unter dem Titel Nebel im August“ aus der Feder von Robert Domes ist über jeden Verdacht erhaben, ein schiefes Bild eines real existierenden Opfers des Nationalsozialismus zu zeichnen. Zu intensiv hat der Autor in mühevoller Kleinarbeit recherchiert. Zu bewusst hat er Spekulation und Interpretation in seinem Buch eine Absage erteilt. Zu aufrichtig nähert er sich einem Menschen, dessen einzige Lebenszeichen heute Fotos sind, die die Zeit überdauert haben. Domes hat hier nicht dramatisiert. Sein Buch lässt die Automatismen der Euthanasie wirken und bringt Leser dazu, sich Ernst Lossa so anzunähern, wie er es zu Lebzeiten nicht erlebt hat.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

Wir müssen das Buch von Robert Domes als Roman bezeichnen, weil der Autor es mit der systematischen Auslöschung Ernst Lossas aus den Geschichtsbüchern einer Zeit zu tun hat, in der das sogenannte unwerte Leben spurlos verschwinden sollte. Hier existiert kein Tagebuch, aus dem man auf die Gefühlslage eines Jungen schließen darf. Es finden sich keine Aufzeichnungen, die über sein tatsächliches Verhalten Aufschluss geben und alle Dialoge und Interaktionen im Buch folgen dem recherchierten Bild, das sich Robert Domes von Ernst Lossa gemacht hat. Weiter geht er nicht. Der Autor kennt seine Grenzen und dichtet nichts hinzu, was nicht haltbar wäre.

Die Stationen des kleinen Jungen, der als Zigeuner in die Fänge der Nazis geriet, ziehen sich wie ein roter Faden durch den „Nebel im August“ und belegen, dass dem Euthanasieprogramm T 4 keineswegs nur behinderte oder schwerstkranke Kinder der Generation „Rassenwahn“ unterzogen wurden. Nein. Man beseitigte alles, was nicht zu 100 Prozent zur Ideologie passte. Psychisch auffällig, schwer erziehbar, aufsässig und ein Zigeuner zu sein, reichte da schon deutlich aus, um als asozialer Psychopath aus dem Kinderheim in eine sogenannte Heilanstalt verlegt zu werden.

Nebel im August – Das Leben des Ernst Lossa

So zeichnet Robert Domes den Weg des eigentlich kerngesunden Jungen bis zu dessen letzter Lebensstation nach. Ernst Lossa wurde im August 1944 ermordet. Die tödliche Injektion setzte einem Leben ein Ende, das bis zu diesem Zeitpunkt isoliert von der Welt hinter den Mauern von Irrenhäusern und Pflegeanstalten verborgen blieb. Das Verdienst des Romans „Nebel im August“ ist es, nicht nur Ernst Lossas Schicksal vor dem Vergessen zu bewahren, sondern die Euthanasie als Ganzes in den Mittelpunkt zu rücken und das perfide Vorgehen als Vorstufe des Holocaust darzustellen. Die Täter in den Euthanasie-Anstalten wurden aufgrund ihrer Erfahrungen zu den Speerspitzen der Massenvernichtung in den Konzentrationslagern.

Nebel im August“ nun in seiner filmischen Adaption zu sehen, stellte eine neue Herausforderung für mich dar. Das Buch kennend war ich davon überzeugt, dass die literarische Steilvorlage völlig ausgereicht hätte, um einen einfühlsamen Film zu drehen und hier im Klartext dieses Romans Zeichen zu setzen. Regisseur Kai Wessel scheint jedoch der eigentliche Inhalt nicht gereicht zu haben, denn neben der Orientierung am Buch muss ihm wohl das ein oder andere Element gefehlt haben, das sich nun im Film wiederfindet. Wo Robert Domes der inneren Dramatik seines Schützlings vertraut, da wird Ernst Lossa im Film zum Widerstandskämpfer gegen das System stilisiert. Wo wir nur wissen, dass er zumeist in seiner Einsamkeit gefangen war, da wird aus der kleinen Nandl im Buch plötzlich eine Hauptrolle im Film. Eine romantische Rolle zudem. Bilder, die Ernst Lossa wohl nie erleben durfte. Hier greift der Kitsch nach meinem Verstand.

Nebel im August und Sonnenschein – T4 im Brennpunkt

Damit nicht genug. Nicht belegte Wahrheiten breiten sich im Film aus, als gelte es Historisches zu korrigieren. Da versuchen Ordensschwestern die Tötung der Kinder zu verhindern (dafür finden sich keine Belege), da plant Ernst Lossa seine Flucht mit seiner Nandl und er wagt es sogar, den Direktor der Anstalt  als Mörder zu bezeichnen. An diesen Stellen hätte ich mir die intelligente Zurückhaltung eines Robert Domes sehr gewünscht. Er hat nichts beschrieben, was er nicht belegen konnte. Er ging die Schritte nicht, die den Film durch die Kulissen holpern lassen. Eine historisch belegte Geste ist dagegen nicht Teil des Films. Leser des Buches werden wissen, wovon ich spreche.

Und doch ist der Film sehenswert, da die Darsteller bestechen. Alle Nuancen des Leids von Ernst Lossa sind im genialen Schauspiel von Ivo Pietzcker fühlbar. Alleine schon Sebastian Koch als Dr. Walter Veithausen (im Buch finden wir die historischen Namen der Täter – der Film fiktionalisiert) ist es wert, sich den Film anzuschauen. Hier zeigt sich die väterlich vertrauenswürdige Fratze des Todes. Man muss ihn fast mögen. Man muss ihn fast bewundern. Unglaublich stark gespielt. Und doch bleibe ich beim Buch. Es bedarf keiner Dramatisierung der Geschichte. Sie ist dramatisch genug.

Anton und Ernst – Bücher im Dialog

Eine zweite Stimme zum Buch lichtet den Nebel: Anja schreibt auf Zwiebelchens Plauderecke: „Beim Lesen bildet sich mehr als einmal ein Kloß im Hals. Hoffnung, Wut und Trauer bilden eine Kaskade an Gefühlen, die ich beim Lesen durchlaufen habe.“

Peggy Steike hat sich der Aufgabe verschrieben, den Opfern der Euthanasie auf ihre ganz eigene Art und Weise wieder ein Gesicht zu geben. Ihr Projekt nötigt mir allen Respekt dieser Welt ab, weil ich weiß, wie viel Kraft es sie kostet. Schaut bitte bei ihr vorbei. Hier geht´s zum Atelier des Erinnerns.

Peggy Steike und die Macht der Bilder

„Die Poesie der Hörigkeit“ von Lea Singer

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

„Er ist dick, hässlich – aber es ist hoffnungslos, heute wie vor 20 Jahren habe ich den Eindruck einer schrecklich starken geistigen Verwandtschaft mit ihm, ehrlich gesagt, habe ich Angst… Es ist eine Art Gehirnvergiftung…“

Dorothea (Mopsa) Sternheim über Gottfried Benn an Betty George im September 1952

Faszination bis zur Hirnvergiftung. Zeilen, die viel andeuten, ohne etwas zu verraten. Zeilen aus der Feder einer Frau, deren Leben von der obsessiven Zuneigung zu einem Mann geprägt war, der sich ihr nie zugeneigt hatte. Zeilen aus der Feder von Dorothea Sternheim, die jeder nur liebevoll Mopsa nannte. Zeilen, die am Ende ihres bewegten Lebens zeigen, wie sehr sich das Gift der Leidenschaft in Körper und Geist eingenistet hatte und wie hilflos sie dieser fatalen Begierde gegenüberstand.

Fünfunddreißig Jahre, nachdem sie Benns Stimme zum ersten Mal gehört hatte, beendete sie einen Brief an ihn, wieder voller Ausflüchte und Unwahrheiten, mit dem Satz:

„Ich lege mich dem Meister zu Füßen.“

Dorothea (Mopsa) Sternheim an Gottfried Benn im Oktober 1952

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

Die beiden Zitate lassen auf eine lebenslange verzweifelte Leidenschaft schließen, die in ihrer Einseitigkeit unerwidert blieb. Eigentlich der perfekte Stoff für einen Roman, sollte man meinen. Wenn man jedoch die Namen der beiden Protagonisten betrachtet, dann ahnt man schnell, dass es hier keiner Fiktionalisierung bedarf, wenn man über die Widersprüchlichkeit von Gefühlen schreiben möchte. Lea Singer hat sich dieser beiden Menschen angenommen und ihnen in ihrem aktuellen Buch „Die Poesie der Hörigkeit“ ein literarisches Denkmal gesetzt, an dem man jederzeit rütteln darf.

Lea Singer stellt nicht so sehr die Hörigkeit oder die Obsession ins Zentrum ihrer Geschichte. Sie nähert sich dem Dichter Gottfried Benn und „Mopsa Sternheim, der Tochter des Bühnenautors Carl Sternheim, behutsam und versucht zu erklären was aus heutiger Sicht nicht erklärbar scheint. Tagebücher, Briefwechsel und Gedichte sind die Basis für die wuchtige Aussagekraft ihres Buches. Menschenkenntnis, tiefe Empathie, das Verständnis des historischen Kontextes und die Fähigkeit, Ursache und Wirkung in ihre molekularen Bestandteile zu zerlegen, machen aus einer geheimen Obsession das Psychogramm einer verzweifelt einsam Liebenden.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer – Mopsa Sternheim mit 12

Ich lerne Mopsa schon im Alter von 12 Jahren kennen und schlage mich schnell auf ihre Seite. Was sie bisher erlebt hat und auch im Jahr 1917 zu erleiden hat, ist prägend für ihr weiteres Leben. Schaut man sich Fotos von Mopsa aus dieser Zeit an, dann fällt ihre tiefe Verletzlichkeit auf, die alles überstrahlt. Die sexuellen Übergriffe ihres Vaters bestimmen ihren Alltag. Es gibt keinen Fluchtpunkt. Es gibt keine Privatsphäre und ihre Mutter Thea verschließt die Augen. Der einzige Mann, der sich nicht für sie interessiert und der nichts von ihr will, ist ein Gast im Hause ihrer Eltern. Gottfried Benn.

Abstoßend wirkt er und doch eilt ihm ein Ruf voraus, der die Frauenwelt seiner Zeit elektrisierte. Thea Sternheim erliegt der Faszination, himmelt den Dichter an und nimmt die Sorgen und verzweifelten Nöte der eigenen Tochter nicht wahr. Auch Mopsa verfällt dem grobschlächtigen Frauenarzt und Schriftsteller ohne sich erklären können, warum. Gottfried Benn ist unnahbar, abweisend und extrem gefühlskalt. Und doch entbrennt ein unsichtbarer Kampf zwischen Mutter und Tochter um einen Mann, der sich in der Rolle des angehimmelten Poeten mehr als gefällt.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

So beginnt 1917 eine Liebesgeschichte, die uns bis ins Jahr 1954 trägt. Einseitig und unerfüllt ist das Hoffen der jungen Mopsa. Eifersucht gegenüber ihrer Mutter Thea wird zur Triebfeder ihrer eigenen Triebe, die intellektuelle Verehrung für die Poesie des Wortmagiers übersteigt das Fassbare und mit zunehmendem Alter steigt das Maß der inneren Hörigkeit. Fortan ist es ein emotionaler Dämmerschlaf, der Mopsa einhüllt, wie das Leichentuch der Hoffnungslosigkeit. Die Weltgeschichte passt sich Mopsas Leben an. Was in der Depression des verlorenen Ersten Weltenbrandes beginnt, setzt sich in der menschenverachtenden Ideologie des Dritten Reiches fort.

Das Psychogramm Mopsa Sternheims ist so konturiert gezeichnet, dass man früh erkennen kann, wie sehr sie sich im eigenen Leben verstricken wird. Lea Singer führt uns beharrlich, drastisch und in eigenem Sprachrhythmus durch dieses zum Scheitern verurteilte Leben. Immer wieder scheint Mopsa kurz zu erwachen. Immer wieder stößt sie genau in diesen lichten Momenten jenseits der Drogen, der Gefühlskälte gegenüber anderen Männern und der Beziehungsunfähigkeit auf Gottfried Benn. Diese konstante Obsession führt sie in den Untergang.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit – Wenn Worte zu lebendigen Bildern werden (hier klicken)

Wo Mopsa Stabilität und Sicherheit sucht, wird sie bitter enttäuscht. Wo sie sich nur anlehnen möchte, trifft sie auf kalte Schultern und wo sie die letzte Chance wittert, Gottfried Benn ihre ewige Liebe zu gestehen, steht ihr die eigene Mutter erneut im Weg. Lea Singer skizziert kein Leben, sie zeichnet es und malt es aus. Wir gehen mit Mopsa in den politischen Widerstand gegen das Dritte Reich, werden mit ihr gefoltert und auch deportiert. Wir werden an ihrer Seite schwer traumatisiert aus Ravensbrück befreit und sagen mit ihr vor Gericht gegen die Täter aus. Doch immer, wenn wir hoffen, sie möge sich von Gottfried Benn lösen können, sehen wir, dass genau dieser Schritt unmöglich ist.

Lea Singers „Poesie der Hörigkeit“ hat eine ganz eigene Melodie, der man sich hingeben muss, wenn man Mopsa Sternheim kennenlernen möchte. Der Stil ihres Romans ist poetisch und verzaubernd, als würde die Autorin Traum und Alptraum mit Worten zu einer Geschichte verdichten. Gottfried Benns Gedichte bringen das Fass der überbordenden Gefühle zum Überlaufen, wenn Mopsa in ihnen nach sich selbst sucht. Ein faszinierender Künstlerroman, der in Konstruktion, Aussagekraft und Sprache hörig macht. Die Poesie der Hörigkeit wirkt wie eine Droge im Kampf gegen das Vergessen eines kleinen Mädchens, dem der eigene Vater die Sicherheit der Gefühle genommen hatte. Ein Verlust, den Mopsa nie wieder kompensieren konnte.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer im Dialog mit Der Finsternis entgegen

Auch hier sprechen Bücher miteinander. Der Weg nach Ravensbrück, die Folter in den Kellern der Gestapo in Fresnes und die markerschütternden Schreie, die sie hörte, verbinden Mopsa Sternheim mit den deportierten Widerstandskämpferinnen aus dem Buch Der Finsternis entgegen“. Sie waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort und es ist wahrscheinlich, dass sie sich nur durch ihre qualvollen Schreie begegneten. Nur trug Mopsa einen weiteren Dämon in sich: Den Dichter Gottfried Benn, den Folterknecht und Henkersmeister ihres hilfesuchenden Lebens.

Auch Constanze Matthes hat Ihren Blog Zeichen und Zeiten in hellHörigkeit versetzt.

„Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Warum sollten Jugendliche Romane lesen, die sich mit der Sklaverei zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges auseinandersetzen? Erstens ist das doch nun schon längst überholte Geschichte und zweitens haben die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama bewiesen, dass man Geschichte sehr nachhaltig korrigieren kann. Und es gibt weitere Beispiele, die deutlich zeigen, dass ein solch antiquiertes Thema nun wirklich nicht mehr en vogue ist. Selbst in Südafrika, dem Hotspot der Apartheit schrieb mit Nelson Mandela ein Präsident Geschichte, der selbst 27 Jahre lang politischer Gefangener des Landes war, das er später regierte.

Warum also sollte man jungen Lesern einen Roman empfehlen, der maximal in der Tradition von Margaret Mitchell`s „Vom Winde verweht“ daherkommen kann und nicht viel mehr als stereotype und romantisierte Kulissenschieberei betreiben kann, in der die Sklaverei letztlich nur als das Setting herhalten muss, um eine Geschichte zu erzählen, die durch Zwang, Unterdrückung und Ungerechtigkeit von außen ihre bedrohlichen und spannungsgeladenen Rahmenbedingungen sucht? Muss das sein? Gibt es kein Thema mehr, das heute ein wenig relevanter erscheint? Sklaverei ist doch längst überwunden!

Echt jetzt?

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Was haltet Ihr von dieser Schlagzeile?

Die „Washington Post“ wird bei der Pulitzer-Preisverleihung 2016 in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank geehrt, die zeigt, wie oft. warum und auf wen Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die „Post“ ermittelte dabei, dass Polizeibeamte im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Und die Tendenz ist steigend

Ihr denkt, das hat nichts mit Sklaverei zu tun? Ihr denkt, im modernen Amerika hat einseitige Polizeigewalt ganz andere Ursachen als Rassismus? Falsch! Es geht hier um all die Automatismen, die historisch verankert wurden und geblieben sind. Es geht hier um das vererbte Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Folgt man Ta-Nehesi Coates in sein Buch „Zwischen mir und der Welt“, dann erkennt man schnell, dass es auch heute noch genügend Gründe für einen schwarzen Vater gibt, seinem Sohn einen Brief zu schreiben, um ihm zu erklären, dass die Sklaverei von einst für den Rassismus von heute verantwortlich ist.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Nichts ist hier bewältigt. Nichts ist überwunden. Und genau hier liegt die Relevanz von Jugendbüchern, die sich in aller Tiefe mit Sklaverei beschäftigen. Nur wer heute die Ausmaße und die Selbstverständlichkeit der Versklavung von Menschen versteht, sieht die noch immer greifbaren Folgen und kann sich in die Lage von Menschen versetzen, die mehr als nur ihre Freiheit verloren haben, um den Reichtum ihrer Sklavenhalter zu mehren. Sie verloren alles: Ihre Identität, den freien Willen und die Menschenwürde. Es gehört zu den Privilegien unseres Lesens, diese Zeit in unser Gedächtnis zu rufen und aktiv dazu beizutragen, dass Sklaverei in jeder Form der Vergangenheit angehört.

Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter, erschienen im Königskinder Verlag ist über jeden Verdacht erhaben, sich des Themas Sklaverei als pure Kulisse zu bedienen, in der eine spannende Story erzählt werden kann. Nein. Hier geht der Autor einen sehr geraden Weg in seiner Betrachtung und Bewertung der in den Südstaaten modernsten Form der Massentierhaltung zur Ertragssteigerung in der Baumwollproduktion. Treffend führt er seinen Lesern vor Augen, wie Sklaven von ihren Besitzern betrachtet, gehalten und verkauft wurden. Die Prämissen sind eindeutig und entmenschlichend zugleich.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Parameter der Sklaverei:

* Schwarze könnten sich niemals selbst versorgen
* Sie sind auf die Weißen angewiesen, sonst würden sie verhungern
* Ungehorsam ist mit der Peitsche in den Griff zu bekommen
* Lesen und Schreiben bleibt ihnen vorenthalten, Bildung ist gefährlich
* Familien existieren nicht. Sklaven können von der Herde getrennt werden
* Eigener Verstand und eigener Wille werden Sklaven nicht zugestanden
* Arbeit unter unwürdigen Bedingungen gehört zum Alltag
* Die Religion legitimiert die Sklavenhaltung, weil es schon immer Knechte gab
* Sklaven haben nicht das Recht auf Freizügigkeit
* Sklaven haben kein Recht auf Individualität und Identität.

Reicht das? Ich denke schon. Diese Liste ist auch anhand des vorliegenden Romans endlos zu erweitern und all ihre Bestandteile charakterisieren die Ausnahmesituation in der sich Sklaven auf den Plantagen im ganzen Süden befunden haben müssen. Das ist keine Kulisse, die von Jon Walter im Sinne seines Buches zurechtgerückt wird, wie es ihm beliebt. Nein. Es ist die historische Wahrheit, die sich hier in aller Brutalität auf das Leben der Menschen auswirkt, die in seinem Roman eine Hautfarbe haben, die sie von Geburt an zu Opfern macht. Jon Walter bricht aus diesem Bild nicht aus, er romantisiert nicht und zeigt dabei zeitlos auf, was Entrechtung in aller Konsequenz bedeutet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

„Mein Name ist nicht Freitag.“ Ein Titel, der diesem Buch einen Namen gibt. Jedoch auch ein Titel der schon zeigt, dass der Verlust der Identität hier eine große Rolle spielt. Der 12-jährige Samuel verliert bei einer Sklavenversteigerung im Handumdrehen alles, was einen Menschen auszeichnet. Die Freiheit, den eigenen Namen und jede Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Seine Hautfarbe allein ist schuld. Dabei hätte er nicht verkauft werden dürfen, kam er doch als freier Schwarzer zur Welt und lebte behütet in einem Kinderheim. Das Schicksal jedoch machte einen Sklaven aus ihm und der neue Besitzer, ein ebenfalls erst 12-jähriger Sohn der Plantageneigner, gibt ihm einen neuen Namen. Freitag.

An Samuels Seite lernen wir das Leben der Sklaven auf der Plantage kennen. Hier regieren zwar nicht die stereotypen brutalen Sklavenhalter, aber die Grenzen sind ganz klar gezogen. Was niemand ahnt, entwickelt sich zum Problem. Samuel kann lesen und schreiben. Und nicht nur das. Er bringt seinen Leidensgenossen etwas bei, was aus der Sicht der Besitzer undenkbar ist. Schwarze können nicht lesen. Das ist verbrieft. Als der Krieg und die Befreiung näher rücken, beginnt das Pulverfass zu explodieren. Aus den hilflosen und untertänigen Sklaven werden selbstbewusste Menschen, die sich nun mit aller Macht auf ein Leben nach der Sklaverei vorbereiten. Ein Kampf, der Opfer kostet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Freiheit am Ende dieser Geschichte ist nicht die Freiheit, die man sich erhofft hatte. Es ist nicht die Freiheit, wie man sie eigentlich empfinden sollte. Dieser Prozess dauert bis heute an und weist eine traurige Geschichte auf. „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist ein Lehrstück für die fatale Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg. „12 Years a Slave“, „Roots“ und „Der Butler“ zeigen mit filmischen Mitteln, wie lang es dauerte, bis Freiheit so schmeckte, wie sie schmecken muss. Nicht mehr nach Blut.

Hätte Samuel in dieser Geschichte einen Vater gehabt, und hätte dieser ihm einen Brief geschrieben, er würde sich genauso lesen, wie der Brief von Ta-Nehisi Coates an seinen Sohn. Und dies genau 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nein. Sein Name ist nicht Freitag. Sein Name ist und bleibt Samuel. So sollte uns dieses Jugendbuch in Erinnerung bleiben. Samuel ist es, dessen Geschichte wir lesen und die für unzählige wahre Geschichten steht.

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Über die russische Seele zu schreiben bedeutet, sich mit den Besonderheiten und der Geschichte eines Landes und seiner Menschen auseinanderzusetzen, um dann zu erfühlen, was es für einen Russen heißt, wenn er von Heimat spricht. Nur dann ist man in der Lage zu verstehen, welche Welten aufeinanderprallen, wenn diese unverfälschte Seele auf politische Systeme trifft und instrumentalisiert wird. Nur so verstehen wir, was so gerne hinter vorgehaltener Hand und voller Vorurteile über einen historischen Kamm geschert wird. Nur wenn wir Menschen von Systemen trennen, erkennen wir die Kreise, die sich in der Geschichte geschlossen haben und solche, die bis heute offen sind.

„Russisch zu sein hieß, pessimistisch zu sein;
sowjetisch zu sein hieß, optimistisch zu sein.
Darum war das Wort Sowjetrussland ein Widerspruch in sich.“

Julian Barnes bewegt sich in seinem Roman Der Lärm der Zeit“ (Kiepenheuer und Witsch) genau auf der Grenzlinie dieser Verwerfung und konfrontiert seine Leser mit einem Menschen, der zeitlebens zwischen den Mühlsteinen dieses tiefen Widerspruchs aufgerieben wurde. Dmitri Schostakowitsch, einer der wohl berühmtesten russischen Komponisten, dessen Biographie sich liest, wie die Lebensschreibung eines Wanderers zwischen den Welten. Einerseits verfemt, bedroht, verboten, verfolgt, ausgestoßen und als gefährdend für die sowjetische Kultur eingestuft, andererseits hofiert, mit Orden und Ehren überhäuft als linientreuer Repräsentant des Kommunismus der Vorzeigekünstler einer ganzen Nation. Was für eine Gratwanderung.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes schlüpft in die Rolle des virtuosen Komponisten, der zeitlebens nur wollte, dass seine Musik einfach nur Musik sein könnte. Ein Wunsch, der ihm verwehrt wurde, weil er eben in einem Land lebte, das in seiner ideologischen Zerrissenheit und den diktatorischen Anwandlungen genau nach den Künstlern suchte, deren Musik sich für die politischen Zwecke instrumentalisieren ließ. Da liegen sich die Diktatoren dieser Welt einträchtig in den Armen, wenn es gilt „entartete Kunst“ zu brandmarken und sich der Kunst zu bedienen, die dem Machterhalt dient. Die Kriterien sind fließend, kaum zu identifizieren und der ständigen Willkür unterworfen. Kein guter Nährboden für kreative Freiheit. Kein Nährboden für Kultur. Lebensgefährlich für Freidenker.

So lernen wir Schostakowitsch kennen. Gefeiert, weltweit aufgeführt und geschätzt. Nicht nur in Leningrad eines der Aushängeschilder der Hochkultur eines Landes. Seine Werke erobern die Konzerthäuser der Welt. Alles könnte einfach sein, der Weg könnte so harmonisch verlaufen, gäbe es nicht die eine kleine Disharmonie, die das Leben von Schostakowitsch von heute auf morgen unter Vorbehalt stellt. Der 26. Januar 1936 war der Startpunkt eines heißen Ritts auf der musikalischen Rasierklinge, von dem sich der große Komponist nie wieder erholen sollte.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Die Aufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wäre sicher ein erneuter Erfolg gewesen, wäre nicht ausgerechnet der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Josef Stalin, persönlich in einer Loge Zeuge der Inszenierung gewesen. Alles wäre wie gewohnt gelaufen, hätte Stalin nicht vorzeitig das Konzerthaus verlassen und wäre nicht am nächsten Tag ein Artikel in der Prawda erschienen, der Schostakowitschs Kunst unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ zu einer volksgefährdenden Abart der wahren Kunst erklärte. Und wäre dieser Artikel nicht von Josef Stalin selbst verfasst worden, man hätte ihn vielleicht überleben können.

So jedoch kamen diese Zeilen einem Todesurteil gleich. Julian Barnes entwirft auf der Grundlage dieser Ausgangssituation das Psychogramm und eine Charakterstudie des zartbesaiteten Komponisten, dessen Saiten fortan zum Bersten gespannt sind. Mit seiner oftmals minimalistisch erscheinenden, aber umso eindringlicheren Erzählweise ermöglicht Barnes den Blick ins Innere eines Künstlers, der sich plötzlich ausgegrenzt und verfolgt sieht, wo ihm zuvor nur Zuneigung begegnete. Aus dem Treibenden wird ein Getriebener.

„Jetzt besprachen sie nicht einfach seine Musik,
jetzt schrieben sie Leitartikel über seine Existenz.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Hier ist der Roman Lärm der Zeit system- und zeitlos. Das Schicksal der Künstler, die plötzlich in die Mühlen der politischen Systeme geraten gleicht sich von Diktatur zu Diktatur und von Land zu Land. Die Mittel der Ausgrenzung und Unterdrückung fühlen sich weltweit identisch an und die psychologischen Begleiterscheinungen sind fatal. Aus Menschen werden Gejagte und das Verschwinden von Bekannten und deren Familien wird zum Damoklesschwert des eigenen Lebens. So finden wir Schostakowitsch Nacht für Nacht mit gepacktem Koffer am Fahrstuhl vor seiner Wohnung stehen. Wartend auf den Zugriff der Staatsorgane. Hoffend, dass man ihn alleine inhaftiert und verschwinden lässt, ohne auch noch Hand an seine Familie zu legen.

Ein Bild, das sich nicht nur auf dem Buchcover wiederfindet, sondern sich im Leser festsetzt. Julian Barnes folgt Schostakowitsch psychologisch und biografisch durch ein langes Leben unter sich verändernden politischen Vorzeichen. Er veranschaulicht einen Weg, der in sich unverständlich scheint. Er macht transparent, was Zwang und Angst in einem Künstler auslösen und wie leicht es letztlich ist, aus einem Opfer einen Täter zu machen. Schostakowitsch tritt nach Stalins Tod in die Kommunistische Partei ein. Seine Handlungsweisen, Ämter und Auszeichnungen lassen ihn aus heutiger Sicht als reinen Opportunisten wirken, der alles unternahm, um seine eigene Musik zur Staatsmusik im kommunistischen Umfeld zu erheben. So leicht macht es sich Julian Barnes nicht. Sein empathischer Roman ist keine Rechtfertigungsschrift für einen Irrläufer der Geschichte. „Der Lärm der Zeit“ veranschaulicht die Automatismen der Ausgrenzung und Entartung, die aus Menschen voller Harmonie blinde Schafe machen, die froh sind, einfach nur zu leben.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes präsentiert mit „Der Lärm der Zeit“ einen bedeutenden Roman, der gerade in der heutigen Zeit an Relevanz gewinnt. Er widmet sich den Fragen, wem die Kunst gehört und wie weit Opportunismus in seiner Außenwirkung gehen darf, ohne den Einzelnen nachhaltig zu beschädigen. Julian Barnes fällt kein Urteil, sondern macht es seinen Lesern leicht, den Blick hinter die Kulissen totalitärer Systeme zu werfen und zu hinterfragen, wo denn wirklich die Möglichkeiten eines Einzelnen liegen, Widerstand zu leisten. Dieses Buch beschreibt eindringlich die sympathische und bewundernswerte Seite der russischen Seele, die so oft vom Personenkult in den Dreck gezogen wurde.

Was Barnes ausblendet ist die erzielte Außenwirkung der Strategie Stalins. Musik wurde zur Waffe. Auch Schostakowitsch lieferte Munition und Zündstoff, um selbst nicht unterzugehen. Er komponierte regimetreu, ängstlich und brav. Die Musik verfehlte ihre Wirkung niemals. Seine „Sinfonie gegen den Faschismus“ wurde im August 1942 mit Lautsprecherwagen im besetzten Leningrad übertragen. Die Menschen schöpften Kraft und Schostakowitsch trug wohl erheblich dazu bei, dass Hitler schon besiegt war, bevor die Musik verklang. Die kleine Lena Muchina und Daniil Granin wissen ein Lied davon zu singen.

Man sollte auch heute noch ganz genau hinhören, was man zu hören bekommt, wenn man hinhört…

„Kunst ist das Flüstern der Geschichte,
das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes - Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes – Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

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„Salz für die See“ von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Eigentlich befinden wir uns schon fast am Ende und doch geht es jetzt erst richtig los. Wir sind in Ostpreußen und die Vorboten des Kriegsendes sind deutlich zu spüren. Während Stalingrad schon lange aufgegeben, Leningrad befreit wurde und der Winter 1944 zum treuesten Verbündeten Russlands wird, ist die Niederlage der Nazi-Armeen besiegelt. Heillos und unkoordiniert vollzieht sich der Rückzug, Kilometer um Kilometer wird der Roten Armee überlassen und es beginnt die bittere Rache für einen Krieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hatte. Und es beginnt die Rache für die Verbrechen an der Zivilbevölkerung, Misshandlungen, Morde, Massaker und Deportationen in den besetzten Gebieten.

Heillos vollzieht sich auch die Flucht der Menschen, die auf der Flutwelle besiegter Soldaten mitgetragen werden und es setzt die Flucht aus Ostpreußen ein. Das Ziel: Die Ostsee, die kleinen und großen Häfen, in denen man sich Rettung verspricht. Alles Hab und Gut mit sich tragend, auf Karren, Schlitten oder am Körper taumeln die Menschen im letzten Kriegswinter des Jahres 1944 verzweifelt den letzten Strohhalmen entgegen, die noch greifbar sind. Gotenhafen. Schiffe. Schlepper. Jollen. Mittendrin der Stolz des überheblichen Dritten Reichs. Der Passagierdampfer Wilhelm Gustloff. Evakuierung steht über allem. Rette sich wer kann und koste es was es wolle. Nur nicht in die Hände derer fallen, die sich nun als Sieger fühlen dürfen.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Ruta Sepetys widmet dieser dramatischen Fluchtwelle ihren Roman Salz für die See, erschienen im Königskinder Verlag. Dabei legt die in Michigan lebende Autorin mit litauischen Vorfahren sehr viel Wert darauf, menschliche Schicksale im historischen Kontext nicht nur greifbar, sondern fühlbar zu machen. Ein gewagtes Unterfangen, hier einerseits zu vermitteln, was es bedeutet auf der Flucht zu sein, andererseits aber auch ganz genau zu umreißen, was es heißt Schuld zu tragen, verfolgt zu werden oder auch einfach zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Sie stellt sich der Herausforderung, in empathischer Art und Weise von Menschen zu erzählen, die so authentisch wirken, als seien sie direkt aus der Zeit vor unsere Augen gefallen und dabei geschichtlich Position zu beziehen. Ihr gelingt mit „Salz für die See“ ein zutiefst humanistischer Roman, der in der Lage ist Werte zu vermitteln und Hintergründe zu verstehen, die sich auf der reinen Gefühlsebene besser verstehen lassen.

Drei Menschen wirft Ruta Sepetys in diesen Flüchtlingsstrom. Protagonisten, mit denen wir uns identifizieren können. Menschen, die sie uns ans Herz legt und denen wir durch die unwirtliche verschneite Landschaft Ostpreußens folgen. Jeder Schritt kann der letzte sein und der Einzelne verliert an Bedeutung. Gemeinsam kämpft man um das nackte Leben. Es gleicht einer Massenpanik, in der Freund und Feind kaum zu trennen sind. Gefahr droht überall. Verfolgt von der Roten Armee läuft man sehenden Auges in die Arme der Wehrmacht, die genau dort wartet, wo die Flucht ihr Ende nehmen soll. In Gotenhafen, wo Willkür und Nazi-Ideologie darüber entscheiden, wer an Bord eines der Schiffe gehen darf.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Joana, Florian und Emilia bilden das Dreieck dieser gesamten Geschichte. Ihnen schließen sich Flüchtlinge an, sie stehen im Zentrum des Sturms und stehen in vielerlei Hinsicht stellvertretend für abertausende Menschen auf dem Weg in den Untergang. Da ist Joana, die litauische Krankenschwester, die nur noch nach Hause will. Unsicher, ob sie in ihrer Heimat noch überlebende Familienangehörige findet, oder ob sie ganz allein auf der Welt ist. Schuldgefühl begleitet sie. Schuld ist ihr Jäger. Da ist Florian der mehr verbirgt, als er verrät. Ein Deserteur könnte er sein, verletzt ist er. Ein Geheimnis wiegt schwer in seinem Rucksack. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort und traf die einzig richtige Entscheidung. Schicksal ist sein Jäger. Und da ist Emilia das Bauernmädchen. Schwanger. Doch von wem? Stimmt ihre Geschichte vom liebenden Freund oder ist es möglich, dass… ? Schande ist ihr Jäger.

Die Gejagten sind aufeinander angewiesen. Sie retten einander, geben sich Halt und doch verdrängen sie im Chaos der Flucht das Wichtigste. Die Wahrheit. Mit ihnen sind Menschen unterwegs, die den Mikrokosmos der Opfer der Nazi-Diktatur darstellen. Hier liegt eine der wesentlichen Stärken des Romans, da es Ruta Sepetys gelingt, mit ihren Charakteren Geschichte zu schreiben, die lebendiger ist, als Geschichte eigentlich mit einem Roman zu vermitteln wäre. Vom Holocaust über Euthanasie bis hin zu Kunstraub reichen die Spektren dieses Romans, der sich von Seite zu Seite in den Herzen seiner Leser festbrennt.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Wer sich diesem Roman nähert, der wird ein blindes Mädchen nicht mehr vergessen und beim Anblick von Schuhen immer an den Schuh-Poeten und den kleinen Jungen denken, für den er zum Ersatz-Opa wurde. Wer diesen Roman liest, wird immer wieder verstehen können warum das Zitat „Wer Hass sät, wird Sturm ernten“ so richtig ist. Und wer sich einmal auf den Weg durch das Frische ostpreußische Haff macht, wird sich so sehr in das Schicksal von Flüchtlingen unserer Zeit hineinversetzen können. Die Autorin macht es sich selbst, ihren Protagonisten und Lesern nicht sehr leicht. Die Geschichte kostet Menschenleben auf allen Seiten. Ein Schicksal, dass auch an ihren Charakteren nicht vorbeigehen kann. Der Tod ist allgegenwärtig. Und jede Geschichte ist nur so gut, wie das personifizierte Böse, das am Ende wartet. Alfred wartet an Bord der rettenden Wilhelm Gustloff darauf, endlich seine Macht zu demonstrieren. Er hat nicht lange zu warten, bis zehntausende Flüchtlinge in die Hafenstadt stürmen und sein kleines Nazi-Licht machtvoll erstrahlen kann.

Ruta Sepetys gelingt mit „Salz für die See“ ein All-Age-Drama mit sehr fundiertem historischem Background. Menschlich vermag sie Augen zu öffnen, geschichtlich ist es beeindruckend, wie klar sie Zusammenhänge erklärt, ohne schulbuchhaft zu wirken und ihre Botschaft lässt es an Klarheit nicht missen. Im Taumel des Lesens konnte ich mich der Geschichte nicht mehr entziehen. Ich las ohne Pause, ich las zornig, ich las in Tränen und ich las fassungslos. Je näher ich der Gustloff kam, umso mehr wollte ich in die Handlung eingreifen und warnen. Diese Hilflosigkeit beim Lesen bleibt. Aus ihr kann man Kraft schöpfen, im Leben nicht hilflos sondern voller Tatendrang zu sein. Im Finale des Romans versank ich mit der Wilhelm Gustloff in der eisigen Ostsee und durfte doch erleben, dass Hoffnung unsinkbar ist.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Ich lege euch das Buch ans Herz. Es lässt niemanden kalt, auch wenn das Klima nur frostig ist. Begegnet Romanfiguren, die es so oder so ähnlich ganz bestimmt gegeben hat. Achtet auf sie und auf euch. Haltet die Augen offen und tragt vielleicht einen ganz kleinen Teil dazu bei, dass die Gustloffs unserer Zeit unsinkbar werden. Für sehr viele Menschen ist heute unser Deutschland ein solches Rettungsschiff. Unglaublich, wenn man sich überlegt, wie viele unserer Vorfahren selbst auf der Flucht waren oder dafür gesorgt haben, dass Menschen fliehen mussten. Also – Rettungsringe raus. Werft sie zu den Menschen, die Hilfe suchen und fragt nicht schon vor dem Wurf, ob sie es wert sind. Diese Frage ist unmenschlich. Das sollte man nie vergessen...

Ich trug einen Siegelring beim Lesen. Nicht irgendeinen. Er hat den weiten Weg aus Ostpreußen bis in meine Geburtsstadt Trier hinter sich. Er kam allein zurück. Er lag am 21. Oktober 1944 auf dem Boden des weltberühmten Trakehner-Gestüts. An diesem Tag begann auch die Flucht von dort ins vermeintlich rettende Gotenhafen. Einen Ring beim Lesen zu tragen, der zur besagten Zeit vor Ort seine eigene Geschichte schrieb, fühlt sich seltsam an. Er gehörte dem Bruder meines Vaters. Er starb an diesem Tag in Ostpreußen, als seine Einheit die Evakuierung der Flüchtlinge sichern sollte. Nur dieser Ring kam nach Hause. Weihnachten 1944. Er hat vibriert, als ich „Salz für die See“ las. Als wollte er mir seine Geschichte erzählen.

Salz für die See von Ruta Sepetys und Im Krebsgang von Günter Grass

Salz für die See von Ruta Sepetys und Im Krebsgang von Günter Grass

Vielleicht oder sicher sogar waren russische Menschen vor meinem Onkel auf der Flucht. Vielleicht ist es besser, dass ich nicht weiß, was dieser Ring erlebt hat. Ich weiß nur, dass es mir viel bedeutet, ihn bei mir zu haben. Er erinnert mich täglich daran, was es bedeutet, im Räderwerk einer Diktatur zermalmt zu werden. Oder sich gar freiwillig zermalmen zu lassen, weil man zu blind oder zu gutgläubig oder einfach schlecht ist. Vielleicht mögt ihr mehr zu diesem Ring erfahren… Ich schrieb darüber

Am Ende waren wir gemeinsam an Bord der Gustloff. Literatwo auf der Flucht.

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