„Bruder und Schwester Lenobel“ von Michael Köhlmeier

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Es gibt sie noch, die Autoren mit Arsch in der Hose und Philosophie im Herzen. Es gibt sie noch, die großen Erzähler, die relevante Geschichten nicht nur erzählen und sich dann in ihren Elfenbeinturm zurückziehen. Es gibt sie noch, die Schriftsteller, die in unmissverständlicher Art und Weise vorleben, was es heißt Zivilcourage zu zeigen. Wir beklagen uns häufig, dass große kritische Stimmen und Wegweiser fehlen, denen man folgen kann, wenn der Alltag im Chaos versinkt. Wir leben in einer Zeit, in der wir gerne das Hashtag #wirsindmehr vor uns hertragen und doch intensiv daran zweifeln, ob wir damit richtigliegen. Pfeifen im Wald hört sich oft mutiger an, als dieser Hilfeschrei. Und doch gibt es sie, diejenigen, die ihre Wortgewalt in die Waagschale der Menschlichkeit werfen. Egal was es sie kosten könnte.

Michael Köhlmeier wirft! Es sind jeweils große Würfe, die ihm gelingen. Er schreibt nicht nur im Klartext über den Verlust der Nächstenliebe, über das Auflodern von Hass und Neid, den Wandel der Werte innerhalb geschlossener Gesellschaften. Nein. Er lebt diese Veränderungen vor und konfrontiert die Verantwortlichen mit seiner Sicht auf die Welt, die sie gestalten. Er schrieb über Das Mädchen mit dem Fingerhut, ließ Yiza ziel- und haltlos in unser Lesen flüchten. Er führte uns mit Der Mann, der Verlorenes wiederfindet vor Augen, was wir verloren haben, ohne es wiederfinden zu wollen. Im Fernsehen erzählt er Märchen. Unwiderstehlich und niemals ohne Moral. Und, wenn es drauf ankommt, dann ist er da. Wo andere Grenzen schließen, zieht er moralische rote Linien. Wo Regierungen ausgrenzen, prangert er Politiker an.

Am 5. Mai ´18 hielt er anlässlich des Holocaust-Gedenktages im österreichischen Parlament eine denkwürdige Rede. Sie dauerte keine sieben Minuten. Man kann sich diese Rede anschauen, anhören und selbst erlesen. Ich empfehle es von Herzen, weil man in Michael Köhlmeiers Rede an die „politischen Elite“ seines Landes erkennt, was es heißt Rückgrat zu zeigen. Hier nur drei kleine Auszüge.

„Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Sondern mit vielen kleinen. Von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan.“

„Willst du es dir… des lieben Friedens willen widerspruchslos gefallen lassen, wenn ein Innenminister wieder davon spricht, dass Menschen konzentriert gehalten werden sollen?“

„Meine Damen und Herren, Sie haben diese Geschichten gehört, die von den jungen Menschen gesammelt wurden. Und sicher haben Sie sich gedacht, hätten diese armen Menschen damals doch nur fliehen können. Aber Sie wissen doch, es hat auch damals schon Menschen gegeben, auf der ganzen Welt, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben.“

Köhlmeier schreibt nicht nur Romane, er erzählt nicht nur Märchen. Er ist für mich in vielerlei Hinsicht Richtschnur und Künstler zugleich. Ein Künstler, der auch dann ein großes Publikum verdient, wenn er scheinbar „nur“ einen Roman veröffentlicht. Seinen Texten zu folgen, vermittelt das Gefühl von einem #wirsindmehr intensiver, als man es sich wünschen könnte. So muss man mein Lesen und Hören einordnen, wenn ich einer neuen Geschichte aus seiner Feder eine Heimat in der kleinen literarischen Sternwarte gebe. Und beileibe ist es nicht „nur“ ein Roman, der gerade zum Lesenhören verleitet.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Bruder und Schwester Lenobel“ (Hanser Verlag und Der Hörverlag)

Eigentlich ein Familienroman, sollte man meinen. Eigentlich ein Buch mit einer sehr spannenden Ausgangslage und damit ein umfassendes Werk über Beziehung, Zweifel und Liebe. Eigentlich trifft dies alles zu. Professor Robert Lenobel verschwindet. Seine Schwester Jetti, alarmiert durch eine Nachricht ihrer Schwägerin „Komm, Dein Bruder wird verrückt“, reist von Irland nach Wien, nur um festzustellen, dass sie zu spät in der Heimat angekommen ist. Robert ist fort. Spurlos. Was folgt ist eine Vermisstenanzeige und die Suche der beiden ungleichen Frauen nach Gründen für das Verschwinden des Mannes, der als Psychiater immun gegen eigene Lebenskrisen zu sein schien. Doch es scheint anders zu sein. Was jedoch als Midlife-Crisis abgetan werden könnte, hat einen tieferen Hintergrund, der sich wie eine Schlinge immer fester um die Handlungsstränge zieht. Literarische Erstickungsgefahr nicht ausgeschlossen.

Dass Robert Lenobel, 51, sich nach Jerusalem begeben hat, um seiner jüdischen Vergangenheit nachzuspüren, erfährt seine Schwester erst später. Was diese Suche ausgelöst haben mag, was sie für ihren Bruder bedeutet und was diese Nachricht in ihr lostritt, das ist das Grundgerüst eines Romans, der nicht nur ein Familienroman ist. Wir haben es im eigentlichen Sinne mit einem jüdischen Familienroman zu tun. Und schon wird klar, worauf es Michael Köhlmeier anlegt. Eruptionen aus der Vergangenheit sind immer noch in der Lage Erdbeben auszulösen. Ruhende Vulkane brechen plötzlich aus und begraben alles mit heißer Lava unter sich. Ein Ausbruch, der für Jetti überraschend kommt. Unerwartet ist er jedoch nicht. Dafür ist die Vergangenheit ihrer Familie zu sehr vom Holocaust geprägt.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Und schon sind wir mittendrin in einem relevanten und psychologischen Roman, der die feinen Trennlinien zwischen Vergangenheit und Gegenwart so sehr verschiebt, als hätten wir es mit der Kontinentaldrift zu tun. Im KZ ermordete Großeltern, die Mutter durch eine Evakuierung nach England zwar körperlich gerettet, aber an eine psychisch zermürbende Erkrankung verloren. Isoliert, Nervenklinik, Tod. Der Vater verschwunden. Bruder und Schwester Lenobel lebenslang gezeichnet von diesen Verwerfungen. Keine Lebensentscheidung, kein Berufsweg, keine Liebesbeziehung verläuft losgelöst von der Vita der Familie Lenobel. Kein Heute kann von jenem Damals getrennt werden.

Es ist unfassbar intensiv, was Michael Köhlmeier beschreibt. Er stößt uns nicht mit der Nase auf die Hintergründe, er lässt sie fragmentarisch erscheinen und von seinen Lesern und Hörern zu einem Bild zusammensetzen. Um zu verstehen müssen wir uns mit den Lebenswegen der Geschwister Lenobel beschäftigen. Mit ihrem Scheitern, mit ihrer Unsicherheit und nicht zuletzt mit der gestörten Beziehung, die sie verbindet. Sind ihre Bindungen stark genug, um sich gegenseitig zu retten? Kann man Vergangenes in Frieden begraben oder sind die Erinnerungen so übermächtig, dass man sich niemals lösen kann? Robert Lenobel flieht vielfach. Aus der eigenen Ehe mit einer Nichtjüdin in die Beziehung mit einer Patientin. Es sind die Brüche in seinem Leben, die auch seine Schwester an den Rand des Zusammenbruchs bringen.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Nicht ohne Moral! Das ist ein Motto dieses sprachlichen und inhaltlichen Meisterwerks. Köhlmeier flankiert die eigentliche Handlung mit Märchen. Sie strahlen aus, erlangen in wichtigen Situationen der Geschichte eine völlig neue Deutung. Er fabuliert. Er brilliert. Er besticht. Nichts ist ohne Moral. Keines der kurzen Märchen, keine Entscheidung der Protagonisten. Hier erleben wir Literatur auf eine Weise, die bewusstseinserweiternd im wahrsten Wortsinn ist. Ich habe diesen Roman völlig gebannt gelesen und ihn mir von Michael Köhlmeier vorlesen lassen. Das Hörbuch zu Bruder und Schwester Lenobel ist eine „Ohrenweide“. Wer Köhlmeier nur einmal zugehört hat, weiß was ich meine. Er liest märchenhaft.

Im Kontext der Bücher, die ich Gegen das Vergessen las, berührt er Schicksale, die durch den Holocaust lebenslang gezeichnet waren. „Ich war ein Glückskind“ zeichnet ein beklemmendes Bild der jüdischen Kinder, die nach England verschickt wurden. Hier sind wir an unsere Gegenwart erinnert. Flüchtlinge? Was wollen die hier? Deutschland galt doch als sicheres Herkunftsland. Jüdische Emigranten? Dafür sollten sie bezahlen. Sehr gut sogar. Wir wollen das heute gerne verhindern. Wir wollen so gerne mehr sein. Dazu braucht es Rückgrat. Dazu braucht es Stimmen, wie die von Michael Köhlmeier. Dazu braucht es Hoffnung und starke Bilder. Dazu braucht es auch diesen Roman, der am Ende zeigt, dass dem Damals das Jetzt folgt, dem die Zukunft schon auf der Fährte ist. Die dritte Generation der Nachkriegs-Lenobels wird zuletzt von Köhlmeier in diesen Lava-Strom geführt. Beklemmend…

Man sollte sich von dieser Geschichte „lenobelisieren“ lassen…

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Die wundervollen Leseplätze findet man bei Gartentisch-Design

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

„Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard – Prix Goncourt 2017

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Der renommierte französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ist ein Prädikat des guten Lesens. So habe ich es bisher empfunden. Hier wird kein Buch mit einem Etikett versehen, dessen Qualität man spätestens dann anzweifelt, wenn man nichts versteht. Manche Literaturpreise schrecken mich eher ab. Diese Auszeichnung empfinde ich als Brandbeschleuniger für meine literarische Neugier. Und dies nicht grundlos. Bisher hat mich noch kein Preisträger enttäuscht. Ich nenne hier nur Beispiele:

2006 Jonathan Littell – „Die „Wohlgesinnten
2010 Laurent Binet – „HHhH – Himmlers Hirn heißt Heydrich“ – Kategorie Debut
2011 Alexis Jenni – „Die französische Kunst des Krieges
2016 Leila Slimani – „Dann schlaf auch du

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Diese jeweils besten französischsprachigen Romane eines Jahres rütteln auf und bewegen zugleich. Sie thematisieren (für mich sehr überraschend) häufig die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die vielfältigen Verstrickungen der globalen Politik in eine Zeit, die man ansonsten in Frankreich lieber nicht mehr beschreiben würde. Und doch ist es ein großer Literaturpreis, der die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern sie auch noch prämiert. Nunja. Immerhin mit symbolischen 10 Euro, aber trotzdem ist der Prix Goncourt als ältester französischer Literaturpreis nicht nur bei Autoren heiß begehrt. (Ihr könnt diese Rezension auch hören)

Die Tagesordnung von Éric Vuillard – Als Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Kann es da verwundern, dass nun auch der Preisträger des Jahres 2017 in meine Bibliothek aufgenommen wurde? Nein. „Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard passt genau in mein literarisches Beuteschema. Diesmal in mehrfacher Hinsicht. Ein Thema, an dem ich einfach nicht vorbeikomme, ein Literaturpreis, den ich nicht ignorieren kann und ein Cover, das mich mehr als neugierig macht. Keine Überraschung also, dass ich meine Tagesordnung des guten Lesens um einen Roman von Matthes & Seitz Berlin erweiterte, mich erwartungsfroh ins Buch stürzte und sofort ergründen wollte, was denn der gute alte Gustav Krupp von Bohlen und Halbach so staatsmännisch strahlend auf diesem Buch zu suchen hat. Wer hier einen stahlharten Wirtschaftsroman erwartet, der sieht sich mehr als getäuscht. Viel interessanter ist es vielleicht, dass dieses Bild einen der 24 Hauptangeklagten des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher des Nazi-Regimes zeigt.

Der in sämtlichen vier Punkten Angeklagte wurde jedoch niemals verurteilt, weil sein bedenklicher Gesundheitszustand eine Eröffnung des Verfahrens verhindert hatte. Und nun spricht man in Frankreich wieder über eine Zeit, in der sich Menschen vierfach schuldig gemacht haben? Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Nun wird ein Roman ausgezeichnet, der alte Wunden aufreißt und die Schuldigen in neuem Licht erscheinen lässt. Wie soll das bitte gehen? Wie kann das auf 117 Seiten funktionieren und wo ist der literarische Aspekt einer solchen Tagesordnung, deren Geheimnisse schon längst enzyklopädisch abgehandelt sind?

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Éric Vuillard besticht alleine schon damit, dass er die Zeit zwischen Machtergreifung und Machtverlust der Nazis auf genau diesen magischen 117 Seiten bündelt, ohne hier in den Jargon eines Sachbuches zu verfallen oder in epischer Breite abzuschweifen. Er packt die Geschichte bei ihrem Extrakt und verdichtet das Konzentrat angereichert mit Namen und Fakten zu einer Momentaufnahme mit einer Belichtungszeit von 12 Jahren. Manche Gestalten verwischen bei dieser Art der Fotografie, einige Figuren hinterlassen kaum Spuren und andere sind auch nach Jahren noch scharf zu sehen, weil sie immer wieder an der gleichen Stelle auftauchen. Éric Vuillard skizziert die Automatismen einer Diktatur, er lässt Einschüchterung und Machtspiele wie einen perfekt einstudierten Tanz erscheinen. Dabei legte er das Stakkato der mörderischen Marschmusik unter seine, in jeder Hinsicht brillant erzählte, Aufführung. 

Es sind 24 Industrielle, die Hitler mit Finanzspritzen an die Macht spritzen. Es sind unpolitische Firmenmagnaten, die sich Gewinn versprechen, die denken, etwas steuern zu können, das sonst aus dem Ruder läuft. Es sind 24 Superreiche, die profitieren statt verlieren wollen. Und doch sind es für Éric Vuillard nur 24 Abziehbildchen im Album der vergangenen Unmenschen. Was bleibt sind die Firmen selbst. Was bleibt ist der schier unglaubliche Reichtum, den man trotz eines verlorenen Krieges anhäufen konnte. Was bleibt ist das müde Naserümpfen über die Ansprüche der ehemaligen Zwangsarbeiter. Was bleibt ist die saubere Weste des Konzerns. Was bleibt ist die Übelkeit, die Vuillard in unserem Geschichtsverständnis hinterlässt.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

„Die Tagesordnung“ vereint alle Marionetten der historischen Vergangenheit zu einem skurrilen Kasperletheater, in dem die witzige Figur mit der Klatsche die größte Klatsche hat und gar nicht witzig ist. Éric Vuillard reißt den Nazi-Schergen die Masken vom Gesicht und blendet sich durch seine Zeitscheiben mit einer Präzision eines Laser-Pointers, der uns einschneidende Erkenntnisse aufzeigt. Zentral erleben wir den Ablauf des vermeintlichen Anschlusses von Österreich an das Deutsche Reich. Zentral können wir kaum glauben, was wir lesen. Zentral zeigt uns Éric Vuillard brutal auf, dass es nicht die Fakten, sondern eben Fake-News waren, die eine ganze Welt in einen Krieg zogen. Damit gelingt es ihm, unsere heutige Wahrnehmung auf „Die Tagesordnung“ zu setzen, genau hinzuhören, hinzuschauen, Skurriles nicht als oberflächlich, sondern als Intention zu verstehen.

Es sind große 117 Seiten, die hinter mir liegen. Es sind 117 Seiten, die dazu führen, dass man Sekundärliteratur um „Die Tagesordnung“ schart. Es ist ein schmales Buch, das es ganz schön dick hinter dem Einband hat. Man kann dieses Buch unterschätzen. Man kann denken, alles schon mal gelesen zu haben. Man kann es für eine Geschichte halten, die mit uns nichts mehr zu tun hat. All dies kann man. Aber man hält diese Sicht der Dinge nicht lange durch. Spätestens wenn man liest, wie die Angeklagten Nazis in Nürnberg ihr Schauspiel offen belächeln. Wie ertappte Kinder beim Schummeln. Leider hat dieses miese Schauspiel mehr Opfer gefordert als alle Kriege der Welt zusammen. Haltet die Augen auf und setzt das auffällig Unauffällige auf die Tagesordnung.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard und andere Konferenzen

Vieles Stand auf der Tagesordnung, Nichts ging ohne Konferenzbescheinigung. Auch nicht am Wannsee, wie man später leidvoll erfahren musste. „Die Wannseekonferenz

„Der Umweg“ – Luce d´Eramo – Eine Faschistin unter Nazis

Der Umweg von Luce d´Eramo

Das Lesen und Schreiben „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust sind die wesentlichen inhaltlichen Triebfedern der kleinen literarischen Sternwarte. Ich bin ständig auf der Suche nach authentischen Zeitzeugenberichten, die das Erinnern in uns wachhalten, und den Opfern des NS-Regimes ein Gesicht geben. Ihre Identität und ihre Würde sollten Andersdenkenden, Andersgläubigen, Andersfühlenden, Behinderten, Homosexuellen und besonderen, als Untermenschen definierten Volksgruppen kollektiv genommen werden. Entrechtung, Entmenschlichung und Ausgrenzung wurden auf ihre Fahnen geschrieben. Die Hemmschwelle zum industriellen Massenmord wurde auf die Art und Weise systematisch in der Gesellschaft gesenkt. Aus Tätern wurden reflexartig nur noch Befehlsempfänger und der Rest hat nichts gewusst.

Alle Zeitzeugenberichte sind immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, die Rolle der Opfer dramatisch zu überhöhen, in Details zu übertreiben und den Verfasser selbst zur Ikone aller Opferbilder zu stilisieren. Misstrauen regiert. Beweise sind Mangelware, weil die Nazi-Bürokratie alles ebenso akribisch dokumentierte, was sie zum Kriegsende hin systematisch vernichtete. Und so geraten Opferberichte in den Zweifronten-Krieg einer Geschichtsinterpretation, die zumeist nur Pro und Contra kennt. Zweifel wird es immer geben, außer es gelingen wahre Husarenritte, die Beweise für die Nachwelt bewahren. Wilhelm Brasse ist hierfür wohl das beste Beispiel. Hätte der Fotograf von Auschwitz nicht tausende von Portraitfotos von Deportierten vor den Flammen gerettet, sie wären schon längst vergessen. Sein Zeitzeugnis ist zweifelsfrei authentisch. Schade, dass ich auch heute noch erleben muss, wie sehr vergleichbare Opferberichte angezweifelt und als Fake bezeichnet werden.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Was aber, wenn ein solcher Zeitzeugen-Opfer-Bericht so gar nicht in die üblichen Standards passt? Was, wenn er gar nicht von jemandem geschrieben wurde, der den ideologischen Rasterfahndungs-Klischees der Nazis entsprach? Was, wenn er aus der Feder einer Frau stammt, die das nationalsozialistische Deutschland als Idealbild einer modernen faschistischen Gesellschaft betrachtete und die ihr Heimatland Italien verließ, um sich in Deutschland davon zu überzeugen, dass die Gerüchte über Verbrechen und Konzentrationslager jeder Grundlage entbehren? Was, wenn die Verfasserin Bilder von Hitler und Mussolini im Gepäck hatte, weil sie nicht ohne ihre ideologischen Idole in das Land der Verheißung reisen wollte. Was, wenn die Autorin eine bekennende Faschistin war? Glauben wir ihr dann? Ich bin gespannt.

Wir sollten. Besonders unter diesen Voraussetzungen. Denn was der in Frankreich geborenen und aufgewachsenen und nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit ihren Eltern in die eigentliche Heimat Italien zurückgekehrten Luce d´Eramo zustieß ist nicht repräsentativ, unvergleichbar und absolut einzigartig. Ihr autobiografischer Roman „Der Umweg“ (Klett-Cotta) eröffnet uns eine bisher nie dagewesene Sichtweise auf ein Land am Rande des Untergangs. Eine Perspektive jedoch, die eher dazu gedacht war, seine Regierung zu verteidigen und mit schlimmen Gerüchten aufzuräumen. Eine Faschistin, die sich 1944 im Alter von 18 Jahren als Freiarbeiterin nach Deutschland meldet, gerät selbst in die Fänge der von ihr bewunderten Diktatur. Eine junge Frau voller Ideale wird zum Opfer, weil sie sich gegen die himmelschreienden Ungerechtigkeiten auflehnt, die sie zuvor nicht wahrhaben wollte. Vom Saulus zum Paulus im Dritten Reich. Ein Bericht voller Widersprüche und Ausrufezeichen. Das Zeitzeugnis einer Desillusionierten.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Luce d´Eramo war erst viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Lage, über ihre Erlebnisse zu berichten. Chronologisch geordnet ist es nicht, was wir in ihrem Buch lesen. Chronologisch sind lediglich die Zeitpunkte, zu denen sie von ihrer Erinnerung eingeholt wurde. In dieser Reihenfolge sind sie angeordnet. Und doch ist es sinnvoll, diese Bilder ihrer Vernissage nicht umzuhängen, sie in die Phasen des Lebens einzureihen, sondern sie in ihren Widersprüchen wirken zu lassen. Was im Buch im KZ Dachau beginnt, hat eine Vorgeschichte. Was eine junge Flüchtende 1944 in München erlebt hat eine Vorgeschichte. Diese Vorgeschichte voranzustellen würde dem Erlebten nicht gerecht. Die volle Wucht der Erkenntnis reift mit dem wachsenden Wissen um alle Zusammenhänge dieser bemerkenswerten Odyssee. 

Wie wird aus der freiwilligen Arbeiterin in den Fabriken der IG Farben in Frankfurt Höchst in letzter Konsequenz eine Gefangene im KZ Dachau? Was führt eine junge Frau dazu, diesem Lager zu entfliehen, in welchen illegalen Orbit im Hagel der alliierten Bomben taucht sie in München ein, was führte zu ihrer Deportation und wie gelang ihre Flucht bis nach Mainz, warum war sie dort zur falschen Zeit am falschen Ort und wieso stürzte ein Mauerrest gerade auf sie und nahm ihr zeitlebens die Möglichkeit ihre Beine zu bewegen? Was macht aus der linientreuen und nach Bestätigung suchenden jungen Faschistin in den Lagern der IG Farben eine Kämpferin für Gleichberechtigung und wie reagiert ihre Familie auf die Erkenntnisse eines Mädchens, dem alle Illusionen geraubt wurden? Hier schärft sich der Blick des Außenstehenden. Fassaden bröckeln und auch ideal wirkende Ideale werden zum Opfer der Machtgier. Die Welt der IG Farben besteht auf Freiarbeitern voller Ambitionen und Zwangsarbeitern, die dort gehalten werden wie Tiere. Russische und polnische Kriegsgefangene, Aufständische aus dem Warschauer Ghetto, inhaftierte Partisanen und französische Kriegsgefangene bilden den Kosmos in dem die kriegswichtige Produktion auf menschenverachtende Methoden zurückgreift.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Hier wird aus der freiwilligen Faschistin die Kollaborateurin mit vielen Privilegien. Hier erlebt die junge Italienerin die Zustände, in denen die Zwangsarbeiter vor sich hin vegetieren. Hier regt sich ihr Gewissen. Hier wird sie zur Zeugin von Zuständen, die sie niemals wahrhaben wollte. Hier begehrt sie auf. Hier wechselt sie die Seite und schließt sich den „Bolschewiken“ an. Am untersten Rand der Nahrungskette angekommen, wird sie fast zur Märtyrerin für die Rechte der Gefangenen. Hier wird aus der Faschistin eine verzweifelt Zweifelnde, eine Hassende und Kämpfende. Hier wendet sich das Schicksal von Luce d´Eramo. Aus einer Anhängerin wird eine registrierte Gegnerin. Sie wird nach Italien repatriiert. Dort von der SS festgesetzt und nach Dachau deportiert. Hier beginnt „Der Umweg“ auf dem sie erneut nach Deutschland verbracht wird. Fortan wird sie, die ehemals Linientreue, zur Alliierten der Verzweifelten.

Was nun bei den Nazis als menschlicher Abschaum gilt, entwickelt sich zu treuen Weggefährten durch eine unglaubliche Odyssee. Eine Irrfahrt, die man als Leser auf sich nehmen sollte. Die Läuterung der Faschistin vollzieht sich nicht schlagartig, jedoch mehr als nachhaltig. Dass Luce d´Eramo den Zweiten Weltkrieg überlebte hat sie jenen zu verdanken deren Schicksal sie bezweifelte. „Der Umweg“ könnte einen Ausweg aus dem allzu linearen Denken darstellen. Perspektivwechsel und eigenes Erleben. Das ist es, was wir Populisten von heute wünschen. Eine Fahrt in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer, eine Nacht in Aleppo, zwei Monate im Status asylsuchend, abgeschoben in eine Heimat, die keine Sicherheit bietet. Es sind diese Perspektiven, die wir uns für die Menschen wünschen, die auch heute noch Kollaborateure der Unmenschlichkeit sind.

Der Umweg von Luce d´Eramo – Zurück in Dachau – Mehr als eine Impression…

Ich lese und schreibe weiter Gegen das Vergessen an. Ich suche nach wie vor die großen und kleinen wahren Geschichten aus einer Zeit, vor deren Wiederholung immer noch gewarnt werden muss. Populisten verbergen ihre wahren Absichten gut. Sie sind immer wieder in der Lage, Automatismen zu nutzen, Ideologien zu verbiegen und sich durch das Verbreiten von Angst unersetzlich zu machen. Populisten brauchen niemals Lösungsansätze. Sie brauchen nur die Unzahl von „Neins“ und „Abers“. Ihnen wünsche ich zahllose Luce d´Eramos. Begeisterte Anhänger, die schnell merken wohin der Hase läuft. „Der Umweg“ ist unter Berücksichtigung dieser besonderen Rahmenbedingungen ein wichtiges Buch, das „Gegen das Vergessen“ kämpft und die individuelle Geschichte von Menschen zutage fördert, die wir ansonsten vergessen würden.

Diesen Umweg habe ich gerne gemacht. Er zeigt mir, wie sehr die Betroffenen, egal ob nun als Opfer, Mitläufer oder Täter lebenslang mit der Verarbeitung der Geschichten ihres Lebens beschäftigt sind. Die schonungslose Offenheit mit der eigenen Erinnerung sticht besonders aus diesem Zeitzeugenbericht heraus. Luce d´Eramo gesteht sich und uns gegenüber ein, wie lange es gedauert hat, klar zu sehen, Wahres von Illusionen zu trennen und im Ergebnis die Tatsachen für sich sprechen zu lassen. Das Eingeständnis der Autorin, sich jahrelang selbst belogen zu haben, um mit ihrer Geschichte leben und sie verarbeiten zu können, macht aus einem ganz normalen Buch ein Standardwerk zu den großen Themen unserer Zeit. Ideologisch populistische Verführung und die Folgen für Linientreue und Gradlinige. Meine Gradlinigkeit ist durch eine rote Linie definiert, der Luce d´Eramo mehr Kontur verliehen hat.

Vor wenigen Tagen führte mich Der Umweg nach Dachau. Ein wichtiger Moment.

Freiwillig im KZ – Wahrlich kein Einzelfall

Freiwillig ins Konzentrationslager? Kein Einzelfall in der Geschichte.

 

„Belladonna“ von Daša Drndić – Ein Vermächtnis

Belladonna von Daša Drndić

„Habent sua fata libelli“. Bücher haben ihre Schicksale. Dieses Zitat aus dem alten Gedicht von Terentianus Maurus hat sich in meinem Lesen schon oft bestätigt. Bücher tragen nicht nur ihre jeweils erzählte Geschichte in sich. Sie werden nicht losgelöst von den situativen Rahmenbedingungen des Lesens aufgenommen und verändern sich im Lauf der Zeit. Deutungen sind schicksalhaft von den Entwicklungen der Geschichte und dem Verständnis der Leser abhängig. Bücher als zeitlos zu bezeichnen, bedeutet also eher, ihnen eine konstante Aussagekraft bei sich ständig verändernden Gegebenheiten zu attestieren. Egal, wann man sie liest, egal, welche politische oder soziale Strömung sie tangiert, ihre Botschaft bleibt tragfähig und relevant.

Belladonna“ von Daša Drndić ist in jeglicher Hinsicht ein schicksalhaftes Buch. Der kroatischen Autorin gelingt in ihrem letzten Werk ein vielschichtiger Abgesang auf die zerrissene Geschichte ihres Heimatlandes. Zugleich verknüpft die am 05. Juni 2018 verstorbene bedeutende literarische Stimme ihren großen Roman „Sonnenschein“ mit einer an Aktualität und Zeitlosigkeit kaum zu übertreffenden Geschichte, die uns erneut zeigt, dass sich Geschehenes und Erlebtes wiederholen kann. Was in „Sonnenschein“ mit der verzweifelten Suche nach verschleppten und der Identität beraubten jüdischen Kindern nach dem Holocaust begann, setzt sich in „Belladonna“ mit den Ursachen und Folgen des Zusammenbruches Jugoslawiens und der Renaissance einer Ideologie fort, die bereits für den Völkermord im Zweiten Weltkrieg verantwortlich war.

Belladonna von Daša Drndić

Es sind die ideologischen Wellenbewegungen, die Daša Drndić antrieben. Es sind die Parallelen und Muster, die man erkennen kann, wenn man nur genau hinschaut. Es ist der leise und doch unüberhörbare Unterton einer nationalsozialistischen Doktrin, die nicht auszurotten ist. Hier legt die Autorin die Finger in alle offenen Wunden, bricht mit allen nationalen Legenden ihrer kroatischen Heimat und hält uns damit den Spiegel für die eigene Blindheit vor. Ebenso fragmentarisch wie sich reale Geschichte im täglichen Leben zeigt, konstruiert sie ihren Roman. Ebenso in seine Einzelteile zerlegt präsentiert sie uns ihren Protagonisten Andreas Ban, der in der finalen Krise seines Lebens alles dem Vergessen entreißen will, was die Gesellschaft erfolgreich verdrängt hat.

Er, der Schriftsteller, der nicht mehr schreibt. Der Fremdenführer, der niemanden mehr führt. Der Psychologe, der nicht mehr analysiert. Er, der Intellektuelle ist nicht mehr sichtbar. Aus den offiziellen Ämtern verdrängt, der Lehrtätigkeit enthoben, an den Rand einer Gesellschaft gedrängt, die sich national neu erfinden möchte und doch der aufmerksame Beobachter dessen, was wirklich in Kroatien und Serbien geschah, als in den 1990er Jahren die ungeliebte gemeinsame Heimat Jugoslawien in ihre Einzelteile zerbrach. Er, Andreas Ban, lehnt sich in der Einsamkeit eines Sehers gegen den Krebs auf, der ihn so zerfrisst, wie der Nationalismus das Innere seiner Heimat verzehrt. Hier tauchen sie schemenhaft am Rande seiner Wahrnehmung auf: die Verantwortlichen für den neuerlichen Völkermord, die Täter und deren Nachfahren von einst, die nach vielen Jahrzehnten des Exils nach Hause kommen, um wiederentstehen zu lassen, wovon sie ewig gestrig träumten.

Belladonna von Daša Drndić

Daša Drndić macht aus dem von allen Seiten Ungewollten den Heilsbringer einer gemeinsamen Zukunft. Wäre nur jemand da, der sich noch vom Außenseiter Andreas Ban therapieren oder überzeugen ließe. Wäre nur noch jemand empfänglich für seinen zeitlosen Blick auf die Geschichte seiner Heimat. Auf die Opfer und Täter, auf zahllose Beispiele, die jenen populistischen Automatismus des Nationalismus veranschaulichen. Auf die Konsequenzen, die er hatte und immer haben wird. Hilflos kommt sich Andreas Ban vor. Ungehört, unerhört, vergessen. Dabei sollte man gerade ihm Aufmerksamkeit schenken. Er leitet ab, er leitet her und er leitet über, was niemand wahrhaben möchte. Genozid und Ausgrenzung haben ihre Vorgeschichte. Sie liegt nur solange im Schatten, wie man den „Sonnenschein“ leugnet.

Hier gelingt Daša Drndić in literarischer Hinsicht ein brillanter Geniestreich, zitiert sie sich doch an entscheidenden Stellen des Romans selbst. Sie hebt ihr eigenes Buch „Sonnenschein“ auf die Ebene einer Referenzquelle für die Sichtweisen von Andreas Ban. Er bezieht sich in seinen fragmentarischen Erinnerungen genau auf dieses Werk, seine inhaltliche Tragweite und die humanistische Botschaft, die es so relevant für das Verstehen des nationalsozialistischen Gedankengutes macht.

In Sonnenschein liest Andreas Ban über den bekannten Grafiker Christoph Meckel und seine Bücher Suchbild. Über meinen Vater. Meine Mutter, über
Monika Göth
(Tochter des Kommandanten des KZs in Plaszów, der zum Tod
durch Erhängen verurteilt wurde), die heute nach Überlebenden der Lager
sucht, nach Opfern ihres toten Vaters Amon Göth, und sie um Verzeihung bittet.

Belladonna von Daša Drndić

Hier schlägt Daša Drndić den Bogen ihres Romans „Belladonna“ bis zurück zum Zweiten Weltkrieg. So vermag sie die wahre Rolle ihrer kroatischen Vorfahren aus der Vergangenheit ans Tageslicht zu zerren, das Versagen der Kultur, die aktive Rolle ihrer Landsleute im Holocaust und die nicht überwundenen Demütigungen durch die Sieger nach dem verlorenen Krieg. Hier zeigt sich, wie lange dieses Gedankengut im Exil vor sich hin keimte, bevor es beim Zerfall Jugoslawiens wieder neu erblühen durfte. Hier ist augenfällig, wie fatal es ist, die Folgen der Geschichte zu vergessen. Einer Geschichte unter der heute noch die Nachkommen der Opfer von einst leiden. Anreas Ban lernt sie kennen, die Menschen, die noch heute auf der Suche nach ihren Familien sind. Kreise schließen sich und werden doch gewaltsam aufgerissen. Dem verweigert er sich. Hier kämpft er beharrlich gegen die Windmühlen des Vergessens.

Und vergessen ist nur, wessen Name vergessen ist. Hier setzt Daša Drndić auch in ihrem unvergessenen Stil an ihr vorheriges Buch an. Seiten voller Namen unterbrechen das Lesen nicht, sie torpedieren es und machen aus einem Roman ein Gedenkbuch für die Opfer der Völkermorde. Sie machen aus diesem Buch eine lebendige Warnung an alle, die heute willfährig in Kauf nehmen, dass erneut solche Listen niedergeschrieben werden. Diese Namen verleihen „Belladonna“ eine unfassbare Wucht, weil sie zeigen, dass sie nicht auszumerzen sind. Sie bleiben. Sie stehen wie Geister aus der brutalen Vergangenheit auf und fordern ihren Tribut. Als Stolperstein, als Erinnerung oder eben als immer noch lebendiges Ausrufezeichen für Völkermord.

Belladonna von Daša Drndić

„Belladonna“ – Das Teufelskraut, die Irrbeere. Ein Strauchgewächs, das sein Gift in hübschen lilafarbenen Beeren verbirgt. „Belladonna“, ein Roman, der nicht in den Giftschrank gehört. Er verbirgt die todbringende Wirkung nicht. Er stellt sie sogar offen zur Schau. Dies ist kein Roman über Kroatien und Serbien. Es ist keine separatistische Geschichte einer Zersplitterung. Es ist der Sonnenaufgang, der bis heute seine dunklen Schatten wirft. Wer bei der Fußball-WM in Russland erlebt hat, wie Nationalspieler der Schweiz mit Kosovo-Albanischen Wurzeln ihre Siegtore gegen Serbien mit dem Zeigen des Doppeladlers von einst feierten, weil sie pausenlos nationalistisch ausgepfiffen und beleidigt wurden, sieht, wieviel Belladonna das ehemalige Jugoslawien noch in harmlos scheinenden Beeren verspritzt.

„Belladonna“ lässt uns vieles verstehen. „Belladonna“ lässt uns an vielem zweifeln. Unzweifelhaft ist dieses Buch das literarische Vermächtnis einer bedeutenden Autorin, die nie aufgehört hat, gegen das Vergessen anzuschreiben. Ich halte „Sonnenschein“ und „Belladonna“ für zwei der wichtigsten Bücher zur Völkerverständigung. Wir sollten nicht vergessen, sondern verstehen und immer in der Lage sein, uns über den Gräbern von einst die Hand zu reichen. Ansonsten riskieren wir, dass sich wiederholt, was nicht wiederholbar sein sollte. Im Erkennen der Automatismen liegt ein Gegengift verborgen, gegen das auch die Tollkirsche machtlos ist. Im Vergessen liegt ihre wahre Kraft. Den Gefallen sollten wir dem Gesellschaftsgift nicht erweisen.

Belladonna von Daša Drndić

Am Ende des Lesens ergänze ich eine der Namenslisten im Buch um den Namen Daša Drndić. Ich weiß, dass sie unvergessen bleibt. Ich weiß, dass ihre beiden Bücher immer wieder zu Rate gezogen werden, wenn es gilt ideologisches Gift zu bekämpfen. Ein Zitat von Daša Drndić mag uns als Mahnung und Ratschlag für die Zukunft dienen. Ich trage es in meinem Herzen, weil ich nicht Teil einer Gesellschaft sein will, die ihre Opfer in Listen erfasst.

“Am Samstag, den 19. Januar 2002 nähen sich sechzig Insassen eines Flüchtlingslagers den Mund zu. Sechzig Menschen mit zugenähten
Mündern irren durch das Lager und starren in den Himmel. Kleine
streunende Hunde springen kläffend um sie herum. Die zuständigen
Stellen verzögern es hartnäckig, die Asylanträge dieser Menschen
zu bearbeiten.“

Lieber ein Vergissmeinnicht hegen, als mit Tollkirschen vergiftet zu werden

Mein Schreiben und Lesen „Gegen das Vergessen„. Eine eigene Welt.

Eine relevante Rezension zu Belladonna ist auch auf Zeichen & Zeiten zu finden.

„Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Zeit für ein kleines Experiment? Einen literaturbasierten Perspektivwechsel? Zeit für ein paar zeitlose Gedanken, die gerade jetzt aktueller sind, als wir es uns vorstellen können und wollen? Na dann mal los.

Wie sieht ein Flüchtling die Welt? Er fühlt sich subjektiv oder objektiv verfolgt und hat Angst um sein Leben. Im Heimatland ist er umgeben von Freunden, die sich abwenden, trifft auf Ausbeuter, die das immobile Eigentum zu Spottpreisen aufkaufen und fühlt sich jenen ausgeliefert, die sich seine Flucht ins Ausland teuer bezahlen lassen. Er sieht die eigene Familie zerfallen, weil eine gemeinsame Flucht zu gefährlich ist, oder nicht jeder aus der Familie körperlich dazu in der Lage ist zu fliehen. Er trifft auf Menschen, die im puren Egoismus handeln und seine Lage ausnutzen. Schuldner entziehen sich und die Menschen, die ihn immer schon um Kleinigkeiten beneidet haben, sehen ihre Chancen steigen, sich zu bereichern.

Fluchtrouten werden erkundet. Sichere Häfen im Ausland werden gesucht und schon steht man vor den nächsten Problemen. Die Zufluchtsländer schließen ihre Grenzen. Er ist nicht willkommen, man zweifelt an den Ursachen für seine Flucht. Er ist pleite, Arbeit war ihm verboten. Seine Freizügigkeit ist eingeschränkt, es droht die Abschiebung und eine Verlegung von einem Flüchtlingslager ins nächste. Die Menschen protestieren und beneiden nun diejenigen, die ihnen den Wohlstand streitig machen könnten. Die fremde Kultur, die fremde Religion und andere harte Faktoren werden ins Feld geführt. An den Nachzug der eigenen Familie ins sichere Ausland ist nicht zu denken. Wo kämen wir da hin? Die Welle wäre nicht absehbar und nicht zu bewältigen.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Dabei sind sich die Menschen nicht darüber im Klaren, dass sie selbst schon lange auf der Flucht wären, wenn sie mit ihm tauschen müssten. Menschen, die bei jeder sich bietenden Chance die Ungerechtigkeit anprangern, nach einem starken Staat schreien, vor Überfremdung warnen und dem Zuzug durch Flüchtlinge einen Riegel vorschieben wollen. Wirtschaftsflüchtlinge oder Fluchttouristen werden sie oft genannt. Diffamierung geht mit dem Vorurteil im Partnerlook. Illegale. Sollen sich doch andere drum kümmern. Nicht mit uns. Dabei hätte man viele Menschen retten können. Dabei hätte man einfach nur aufmerksam hinschauen sollen. Blind jedoch lebt es sich besser. Wegschauen wird zur Methode. Bei den Mitläufern im Heimatland des Flüchtlings und bei denjenigen, die ihm in Zufluchtsländern helfen könnten.

Kommt euch das bekannt vor? Welche Politiker, Parteien, Länder, Regierungen oder Fakten kommen uns da in den Sinn? Worüber schreibe ich hier eigentlich? Über unser Flüchtlings-Jahr 2018? Nein. Sicher nicht. Ich gieße doch hier kein Öl ins Feuer. Will ja nicht als Gutmensch beschimpft werden und suggerieren, dass wir das schon meistern. Nein. Ich rezensiere hier einen Roman, der im Deutschland des Jahres 1938 spielt und bereits 1939 veröffentlicht wurde. Natürlich nicht in Deutschland, versteht sich. Da hätte „Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz schon lange auf den Scheiterhaufen der zu verbrennenden Bücher gelegen…

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Ein Roman von einem jüdischen Emigranten über die Judenverfolgung im Dritten Reich hätte in jener tausendjährigen Diktatur gerade zu diesem Zeitpunkt wenige Leser gefunden. Hatte man es doch gerade erst erfolgreich geschafft, nach Inkrafttreten vieler Judengesetze, die Reichskristallnacht am 9. November 1938 zum nationalen Zeichen des Aufbegehrens gegen das Judentum zu stilisieren. Da wäre das Buch eines gerade mal 24-jährigen Juden, der schon vor fünf Jahren nach Oslo geflohen war nicht wirklich ein Bestseller geworden. Immerhin schenkte man ihm ja schon in jenen Ländern, in die er sich nach Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1935 zu retten versuchte, keinen Glauben. Naja und nach Erscheinen seines Buches in England wurde er 1940 wie viele andere jüdische Flüchtlinge interniert und nach Australien deportiert. Ja, richtig gelesen.

Seine eigene Odyssee steht sinnbildlich für die Odyssee seiner Romanfigur Otto Silbermann. Nur, dass es Silbermann nach der Reichspogromnacht 1938 nicht mehr gelingt, Deutschland zu verlassen. Er mutiert zum Reisenden und erlebt seine Flucht in vollen Zügen. Die Reichsbahn und ihre Bahnhöfe werden zu seinen Refugien, in denen er doch ständig erwartet, festgenommen zu werden. Denunziation und Verfolgung von jüdischen Mitbürgern stehen ganz oben auf der Agenda dieser Tage. Ansonsten kann man das, was er erlebt nur so zusammenfassen, wie ich es in der Einleitung zu diesem Artikel versuchte. Zeitlos ist dieses Leben als Flüchtling. Zeitlos sind die Automatismen, Rahmenbedingungen und Lebensumstände für die Fliehenden. Zeitlos ist es, sie ganz allgemeingültig auf jeder Seite zu Underdogs degenerierter Gesellschaften zu machen.

„Das deutsche Volk wird mit Judenblut zusammengeklebt.“

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Otto Silbermann weigert sich, dieser Gesellschaft als Kleister zu dienen. Er begibt sich auf die Reise durch ein Land, das nicht mehr seine Heimat ist. Seine arische Frau bringt sich alleine in Sicherheit, der Sohn befindet sich in Frankreich. So erlebt er einen Kosmos aus Mitläufern, Tätern und hilfsbereiten Menschen, wobei Letztere an ein paar Fingern abzuzählen sind. Beste Freundschaften zerbrechen, Geschäftspartner wenden sich ab und der einzige verlässliche Partner für den Kaufmann Silbermann ist der Rest seines Vermögens, das er in der Aktentasche mit sich herumträgt. Doch Geld ist Fluch und Segen zugleich in diesen Tagen. Kein Geld zu haben bedeutet den sicheren Tod. Geld zu haben liefert den Häschern allerdings das nächste Argument, sich zu bedienen. Ein Teufelskreis auf den Gleisen der Reichsbahn.

Berlin, Hamburg, Aachen, Dortmund, Dresden und die belgische Grenze gehören zu den Stationen seiner Flucht. Als Silbermann seinen letzten Besitz verliert, wird die Zeit für eine Rettung knapp. Die Aktentasche mit dem Geld wird ihm gestohlen und die Zeit, die er sich hätte erkaufen können, zerrinnt wie Sand durch die Finger.

„Nun gibt es für mich keinen Zeitgewinn mehr, dachte er. Mit dem Geld hab´ ich auch mein Zeitkonto verloren.“

Ulrich Alexander Boschwitz beschreibt ein Szenario, in dem sich tausende Juden in diesen Tagen wie in einem Mahlstrom befanden. Rettung Fehlanzeige. Hoffnung und Unterstützung, Mangelware. Wie die Geschichte des jüdischen Kaufmannes endet kann man sich vielleicht denken, aber man sollte es doch selbst erlesen. Dieser Roman beantwortet viele Fragen, berührt viele Ebenen unseres Verstehens und Mitfühlens. Es ist einfach nur tragisch zu erkennen, dass wir heute wieder in Zeiten angekommen sind, in denen Menschen weltweit aus den unterschiedlichsten Gründen auf der Flucht sind. Es ist dramatisch zu erkennen, dass wir heute zu denen gehören, die sich abschotten wollen. Abschiebung, Familiennachzug, Quoten, Zurückweisung. Ach, es kommt mir so bekannt vor. Dabei hätten wir die Chance der Welt zu beweisen, was sich nachhaltig in unseren Herzen verändert hat.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Und Ulrich Alexander Boschwitz? Er schrieb diesen Roman als Flüchtling. Er wurde so behandelt, wie er es in Otto Silbermann spiegelt. Sein Roman sollte sensibilisieren und Augen öffnen. Er sollte in der Zeit der Verfolgung die Zeit verändern. Er sollte auch Leben retten. Boschwitz konnte in der Dynamik der Ereignisse dieses Werk niemals so richtig lektorieren lassen. Er hatte viele Ideen für eine endgültig überarbeitete Fassung und wollte dem Buch noch mehr Wucht und Präzision verleihen. Dies ist Peter Graf in beeindruckender Art und Weise als Herausgeber gelungen. Sein Nachwort spannt den Bogen von Ulrich Alexander Boschwitz bis in unsere Zeit. Es ist eine Hommage an den fliehenden jungen Autor, der noch so viel vorhatte im Leben.

Am 29.10.1942 wird das von der britischen Regierung gecharterte Passagierschiff M.V. Abosso nordwestlich der Azoren von einem dem deutschen U-Boot versenkt. An Bord: Ulrich Alexander Boschwitz auf dem Weg zurück nach Europa. Auf dem Weg in einen Krieg, den er nie erleben sollte. Auf dem Weg zurück von dem Kontinent, auf den man ihn deportiert hatte. Auf dem Weg auch zu einem vielversprechenden Leben als Autor und Leuchtturm gegen die Ungerechtigkeit. Er starb im Alter von 27 Jahren. Im Gepäck: das letzte von ihm verfasste Manuskript zu „Der Reisende“.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

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