„Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard – Prix Goncourt 2017

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Der renommierte französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ist ein Prädikat des guten Lesens. So habe ich es bisher empfunden. Hier wird kein Buch mit einem Etikett versehen, dessen Qualität man spätestens dann anzweifelt, wenn man nichts versteht. Manche Literaturpreise schrecken mich eher ab. Diese Auszeichnung empfinde ich als Brandbeschleuniger für meine literarische Neugier. Und dies nicht grundlos. Bisher hat mich noch kein Preisträger enttäuscht. Ich nenne hier nur Beispiele:

2006 Jonathan Littell – „Die „Wohlgesinnten
2010 Laurent Binet – „HHhH – Himmlers Hirn heißt Heydrich“ – Kategorie Debut
2011 Alexis Jenni – „Die französische Kunst des Krieges
2016 Leila Slimani – „Dann schlaf auch du

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Diese jeweils besten französischsprachigen Romane eines Jahres rütteln auf und bewegen zugleich. Sie thematisieren (für mich sehr überraschend) häufig die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die vielfältigen Verstrickungen der globalen Politik in eine Zeit, die man ansonsten in Frankreich lieber nicht mehr beschreiben würde. Und doch ist es ein großer Literaturpreis, der die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern sie auch noch prämiert. Nunja. Immerhin mit symbolischen 10 Euro, aber trotzdem ist der Prix Goncourt als ältester französischer Literaturpreis nicht nur bei Autoren heiß begehrt. (Ihr könnt diese Rezension auch hören)

Die Tagesordnung von Éric Vuillard – Als Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Kann es da verwundern, dass nun auch der Preisträger des Jahres 2017 in meine Bibliothek aufgenommen wurde? Nein. „Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard passt genau in mein literarisches Beuteschema. Diesmal in mehrfacher Hinsicht. Ein Thema, an dem ich einfach nicht vorbeikomme, ein Literaturpreis, den ich nicht ignorieren kann und ein Cover, das mich mehr als neugierig macht. Keine Überraschung also, dass ich meine Tagesordnung des guten Lesens um einen Roman von Matthes & Seitz Berlin erweiterte, mich erwartungsfroh ins Buch stürzte und sofort ergründen wollte, was denn der gute alte Gustav Krupp von Bohlen und Halbach so staatsmännisch strahlend auf diesem Buch zu suchen hat. Wer hier einen stahlharten Wirtschaftsroman erwartet, der sieht sich mehr als getäuscht. Viel interessanter ist es vielleicht, dass dieses Bild einen der 24 Hauptangeklagten des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher des Nazi-Regimes zeigt.

Der in sämtlichen vier Punkten Angeklagte wurde jedoch niemals verurteilt, weil sein bedenklicher Gesundheitszustand eine Eröffnung des Verfahrens verhindert hatte. Und nun spricht man in Frankreich wieder über eine Zeit, in der sich Menschen vierfach schuldig gemacht haben? Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Nun wird ein Roman ausgezeichnet, der alte Wunden aufreißt und die Schuldigen in neuem Licht erscheinen lässt. Wie soll das bitte gehen? Wie kann das auf 117 Seiten funktionieren und wo ist der literarische Aspekt einer solchen Tagesordnung, deren Geheimnisse schon längst enzyklopädisch abgehandelt sind?

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Éric Vuillard besticht alleine schon damit, dass er die Zeit zwischen Machtergreifung und Machtverlust der Nazis auf genau diesen magischen 117 Seiten bündelt, ohne hier in den Jargon eines Sachbuches zu verfallen oder in epischer Breite abzuschweifen. Er packt die Geschichte bei ihrem Extrakt und verdichtet das Konzentrat angereichert mit Namen und Fakten zu einer Momentaufnahme mit einer Belichtungszeit von 12 Jahren. Manche Gestalten verwischen bei dieser Art der Fotografie, einige Figuren hinterlassen kaum Spuren und andere sind auch nach Jahren noch scharf zu sehen, weil sie immer wieder an der gleichen Stelle auftauchen. Éric Vuillard skizziert die Automatismen einer Diktatur, er lässt Einschüchterung und Machtspiele wie einen perfekt einstudierten Tanz erscheinen. Dabei legte er das Stakkato der mörderischen Marschmusik unter seine, in jeder Hinsicht brillant erzählte, Aufführung. 

Es sind 24 Industrielle, die Hitler mit Finanzspritzen an die Macht spritzen. Es sind unpolitische Firmenmagnaten, die sich Gewinn versprechen, die denken, etwas steuern zu können, das sonst aus dem Ruder läuft. Es sind 24 Superreiche, die profitieren statt verlieren wollen. Und doch sind es für Éric Vuillard nur 24 Abziehbildchen im Album der vergangenen Unmenschen. Was bleibt sind die Firmen selbst. Was bleibt ist der schier unglaubliche Reichtum, den man trotz eines verlorenen Krieges anhäufen konnte. Was bleibt ist das müde Naserümpfen über die Ansprüche der ehemaligen Zwangsarbeiter. Was bleibt ist die saubere Weste des Konzerns. Was bleibt ist die Übelkeit, die Vuillard in unserem Geschichtsverständnis hinterlässt.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

„Die Tagesordnung“ vereint alle Marionetten der historischen Vergangenheit zu einem skurrilen Kasperletheater, in dem die witzige Figur mit der Klatsche die größte Klatsche hat und gar nicht witzig ist. Éric Vuillard reißt den Nazi-Schergen die Masken vom Gesicht und blendet sich durch seine Zeitscheiben mit einer Präzision eines Laser-Pointers, der uns einschneidende Erkenntnisse aufzeigt. Zentral erleben wir den Ablauf des vermeintlichen Anschlusses von Österreich an das Deutsche Reich. Zentral können wir kaum glauben, was wir lesen. Zentral zeigt uns Éric Vuillard brutal auf, dass es nicht die Fakten, sondern eben Fake-News waren, die eine ganze Welt in einen Krieg zogen. Damit gelingt es ihm, unsere heutige Wahrnehmung auf „Die Tagesordnung“ zu setzen, genau hinzuhören, hinzuschauen, Skurriles nicht als oberflächlich, sondern als Intention zu verstehen.

Es sind große 117 Seiten, die hinter mir liegen. Es sind 117 Seiten, die dazu führen, dass man Sekundärliteratur um „Die Tagesordnung“ schart. Es ist ein schmales Buch, das es ganz schön dick hinter dem Einband hat. Man kann dieses Buch unterschätzen. Man kann denken, alles schon mal gelesen zu haben. Man kann es für eine Geschichte halten, die mit uns nichts mehr zu tun hat. All dies kann man. Aber man hält diese Sicht der Dinge nicht lange durch. Spätestens wenn man liest, wie die Angeklagten Nazis in Nürnberg ihr Schauspiel offen belächeln. Wie ertappte Kinder beim Schummeln. Leider hat dieses miese Schauspiel mehr Opfer gefordert als alle Kriege der Welt zusammen. Haltet die Augen auf und setzt das auffällig Unauffällige auf die Tagesordnung.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard und andere Konferenzen

Vieles Stand auf der Tagesordnung, Nichts ging ohne Konferenzbescheinigung. Auch nicht am Wannsee, wie man später leidvoll erfahren musste. „Die Wannseekonferenz

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„Der Umweg“ – Luce d´Eramo – Eine Faschistin unter Nazis

Der Umweg von Luce d´Eramo

Das Lesen und Schreiben „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust sind die wesentlichen inhaltlichen Triebfedern der kleinen literarischen Sternwarte. Ich bin ständig auf der Suche nach authentischen Zeitzeugenberichten, die das Erinnern in uns wachhalten, und den Opfern des NS-Regimes ein Gesicht geben. Ihre Identität und ihre Würde sollten Andersdenkenden, Andersgläubigen, Andersfühlenden, Behinderten, Homosexuellen und besonderen, als Untermenschen definierten Volksgruppen kollektiv genommen werden. Entrechtung, Entmenschlichung und Ausgrenzung wurden auf ihre Fahnen geschrieben. Die Hemmschwelle zum industriellen Massenmord wurde auf die Art und Weise systematisch in der Gesellschaft gesenkt. Aus Tätern wurden reflexartig nur noch Befehlsempfänger und der Rest hat nichts gewusst.

Alle Zeitzeugenberichte sind immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, die Rolle der Opfer dramatisch zu überhöhen, in Details zu übertreiben und den Verfasser selbst zur Ikone aller Opferbilder zu stilisieren. Misstrauen regiert. Beweise sind Mangelware, weil die Nazi-Bürokratie alles ebenso akribisch dokumentierte, was sie zum Kriegsende hin systematisch vernichtete. Und so geraten Opferberichte in den Zweifronten-Krieg einer Geschichtsinterpretation, die zumeist nur Pro und Contra kennt. Zweifel wird es immer geben, außer es gelingen wahre Husarenritte, die Beweise für die Nachwelt bewahren. Wilhelm Brasse ist hierfür wohl das beste Beispiel. Hätte der Fotograf von Auschwitz nicht tausende von Portraitfotos von Deportierten vor den Flammen gerettet, sie wären schon längst vergessen. Sein Zeitzeugnis ist zweifelsfrei authentisch. Schade, dass ich auch heute noch erleben muss, wie sehr vergleichbare Opferberichte angezweifelt und als Fake bezeichnet werden.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Was aber, wenn ein solcher Zeitzeugen-Opfer-Bericht so gar nicht in die üblichen Standards passt? Was, wenn er gar nicht von jemandem geschrieben wurde, der den ideologischen Rasterfahndungs-Klischees der Nazis entsprach? Was, wenn er aus der Feder einer Frau stammt, die das nationalsozialistische Deutschland als Idealbild einer modernen faschistischen Gesellschaft betrachtete und die ihr Heimatland Italien verließ, um sich in Deutschland davon zu überzeugen, dass die Gerüchte über Verbrechen und Konzentrationslager jeder Grundlage entbehren? Was, wenn die Verfasserin Bilder von Hitler und Mussolini im Gepäck hatte, weil sie nicht ohne ihre ideologischen Idole in das Land der Verheißung reisen wollte. Was, wenn die Autorin eine bekennende Faschistin war? Glauben wir ihr dann? Ich bin gespannt.

Wir sollten. Besonders unter diesen Voraussetzungen. Denn was der in Frankreich geborenen und aufgewachsenen und nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit ihren Eltern in die eigentliche Heimat Italien zurückgekehrten Luce d´Eramo zustieß ist nicht repräsentativ, unvergleichbar und absolut einzigartig. Ihr autobiografischer Roman „Der Umweg“ (Klett-Cotta) eröffnet uns eine bisher nie dagewesene Sichtweise auf ein Land am Rande des Untergangs. Eine Perspektive jedoch, die eher dazu gedacht war, seine Regierung zu verteidigen und mit schlimmen Gerüchten aufzuräumen. Eine Faschistin, die sich 1944 im Alter von 18 Jahren als Freiarbeiterin nach Deutschland meldet, gerät selbst in die Fänge der von ihr bewunderten Diktatur. Eine junge Frau voller Ideale wird zum Opfer, weil sie sich gegen die himmelschreienden Ungerechtigkeiten auflehnt, die sie zuvor nicht wahrhaben wollte. Vom Saulus zum Paulus im Dritten Reich. Ein Bericht voller Widersprüche und Ausrufezeichen. Das Zeitzeugnis einer Desillusionierten.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Luce d´Eramo war erst viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Lage, über ihre Erlebnisse zu berichten. Chronologisch geordnet ist es nicht, was wir in ihrem Buch lesen. Chronologisch sind lediglich die Zeitpunkte, zu denen sie von ihrer Erinnerung eingeholt wurde. In dieser Reihenfolge sind sie angeordnet. Und doch ist es sinnvoll, diese Bilder ihrer Vernissage nicht umzuhängen, sie in die Phasen des Lebens einzureihen, sondern sie in ihren Widersprüchen wirken zu lassen. Was im Buch im KZ Dachau beginnt, hat eine Vorgeschichte. Was eine junge Flüchtende 1944 in München erlebt hat eine Vorgeschichte. Diese Vorgeschichte voranzustellen würde dem Erlebten nicht gerecht. Die volle Wucht der Erkenntnis reift mit dem wachsenden Wissen um alle Zusammenhänge dieser bemerkenswerten Odyssee. 

Wie wird aus der freiwilligen Arbeiterin in den Fabriken der IG Farben in Frankfurt Höchst in letzter Konsequenz eine Gefangene im KZ Dachau? Was führt eine junge Frau dazu, diesem Lager zu entfliehen, in welchen illegalen Orbit im Hagel der alliierten Bomben taucht sie in München ein, was führte zu ihrer Deportation und wie gelang ihre Flucht bis nach Mainz, warum war sie dort zur falschen Zeit am falschen Ort und wieso stürzte ein Mauerrest gerade auf sie und nahm ihr zeitlebens die Möglichkeit ihre Beine zu bewegen? Was macht aus der linientreuen und nach Bestätigung suchenden jungen Faschistin in den Lagern der IG Farben eine Kämpferin für Gleichberechtigung und wie reagiert ihre Familie auf die Erkenntnisse eines Mädchens, dem alle Illusionen geraubt wurden? Hier schärft sich der Blick des Außenstehenden. Fassaden bröckeln und auch ideal wirkende Ideale werden zum Opfer der Machtgier. Die Welt der IG Farben besteht auf Freiarbeitern voller Ambitionen und Zwangsarbeitern, die dort gehalten werden wie Tiere. Russische und polnische Kriegsgefangene, Aufständische aus dem Warschauer Ghetto, inhaftierte Partisanen und französische Kriegsgefangene bilden den Kosmos in dem die kriegswichtige Produktion auf menschenverachtende Methoden zurückgreift.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Hier wird aus der freiwilligen Faschistin die Kollaborateurin mit vielen Privilegien. Hier erlebt die junge Italienerin die Zustände, in denen die Zwangsarbeiter vor sich hin vegetieren. Hier regt sich ihr Gewissen. Hier wird sie zur Zeugin von Zuständen, die sie niemals wahrhaben wollte. Hier begehrt sie auf. Hier wechselt sie die Seite und schließt sich den „Bolschewiken“ an. Am untersten Rand der Nahrungskette angekommen, wird sie fast zur Märtyrerin für die Rechte der Gefangenen. Hier wird aus der Faschistin eine verzweifelt Zweifelnde, eine Hassende und Kämpfende. Hier wendet sich das Schicksal von Luce d´Eramo. Aus einer Anhängerin wird eine registrierte Gegnerin. Sie wird nach Italien repatriiert. Dort von der SS festgesetzt und nach Dachau deportiert. Hier beginnt „Der Umweg“ auf dem sie erneut nach Deutschland verbracht wird. Fortan wird sie, die ehemals Linientreue, zur Alliierten der Verzweifelten.

Was nun bei den Nazis als menschlicher Abschaum gilt, entwickelt sich zu treuen Weggefährten durch eine unglaubliche Odyssee. Eine Irrfahrt, die man als Leser auf sich nehmen sollte. Die Läuterung der Faschistin vollzieht sich nicht schlagartig, jedoch mehr als nachhaltig. Dass Luce d´Eramo den Zweiten Weltkrieg überlebte hat sie jenen zu verdanken deren Schicksal sie bezweifelte. „Der Umweg“ könnte einen Ausweg aus dem allzu linearen Denken darstellen. Perspektivwechsel und eigenes Erleben. Das ist es, was wir Populisten von heute wünschen. Eine Fahrt in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer, eine Nacht in Aleppo, zwei Monate im Status asylsuchend, abgeschoben in eine Heimat, die keine Sicherheit bietet. Es sind diese Perspektiven, die wir uns für die Menschen wünschen, die auch heute noch Kollaborateure der Unmenschlichkeit sind.

Der Umweg von Luce d´Eramo – Zurück in Dachau – Mehr als eine Impression…

Ich lese und schreibe weiter Gegen das Vergessen an. Ich suche nach wie vor die großen und kleinen wahren Geschichten aus einer Zeit, vor deren Wiederholung immer noch gewarnt werden muss. Populisten verbergen ihre wahren Absichten gut. Sie sind immer wieder in der Lage, Automatismen zu nutzen, Ideologien zu verbiegen und sich durch das Verbreiten von Angst unersetzlich zu machen. Populisten brauchen niemals Lösungsansätze. Sie brauchen nur die Unzahl von „Neins“ und „Abers“. Ihnen wünsche ich zahllose Luce d´Eramos. Begeisterte Anhänger, die schnell merken wohin der Hase läuft. „Der Umweg“ ist unter Berücksichtigung dieser besonderen Rahmenbedingungen ein wichtiges Buch, das „Gegen das Vergessen“ kämpft und die individuelle Geschichte von Menschen zutage fördert, die wir ansonsten vergessen würden.

Diesen Umweg habe ich gerne gemacht. Er zeigt mir, wie sehr die Betroffenen, egal ob nun als Opfer, Mitläufer oder Täter lebenslang mit der Verarbeitung der Geschichten ihres Lebens beschäftigt sind. Die schonungslose Offenheit mit der eigenen Erinnerung sticht besonders aus diesem Zeitzeugenbericht heraus. Luce d´Eramo gesteht sich und uns gegenüber ein, wie lange es gedauert hat, klar zu sehen, Wahres von Illusionen zu trennen und im Ergebnis die Tatsachen für sich sprechen zu lassen. Das Eingeständnis der Autorin, sich jahrelang selbst belogen zu haben, um mit ihrer Geschichte leben und sie verarbeiten zu können, macht aus einem ganz normalen Buch ein Standardwerk zu den großen Themen unserer Zeit. Ideologisch populistische Verführung und die Folgen für Linientreue und Gradlinige. Meine Gradlinigkeit ist durch eine rote Linie definiert, der Luce d´Eramo mehr Kontur verliehen hat.

Vor wenigen Tagen führte mich Der Umweg nach Dachau. Ein wichtiger Moment.

Freiwillig im KZ – Wahrlich kein Einzelfall

Freiwillig ins Konzentrationslager? Kein Einzelfall in der Geschichte.

 

Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit von S. Drakulić

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Wenn es eine Relativitätstheorie der Buchveröffentlichungen gäbe, wäre es schon fast ein verlegerisches Dilemma, wenn in einem Jahr zwei Roman zum gleichen Thema das Licht der Bücherwelt erblicken würden. Marktsondierungen, Programmvorschauen und inoffizielle Informationen sollten eigentlich im Vorfeld dafür sorgen, solche Doppler zu vermeiden. Und trotzdem kommt es vor, dass der Leser sich verwundert die Augen reibt und beim Buchhändler mit sich ringt, was er denn nun lesen soll, wenn er sich für die Geschichte von Mileva Einstein interessiert. Nicht nur die Geschichte des großen Physik-Nobelpreisträgers ist erzählenswert. Auch die seiner ersten Ehefrau Mileva gilt als eine der großen Geschichten, die man kennen sollte.

Weiß man doch, dass hinter dem Erfolg eines Mannes sehr oft eine Ehefrau steht, die im Verborgenen wirkt, Hindernisse aus dem Weg räumt, den Rücken freihält und in jeder Beziehung den persönlichen Erfolg einem gemeinsamen Ganzen unterordnet. Es ist vielleicht dem längst überholten Rollenverständnis geschuldet, in solchen Klischees zu denken, aber es ist etwas Wahres an diesen Erfolgsgeschichten dran. Weltkarrieren werden oft nur auf dem Rücken derer ausgetragen, die als stille Helden das eigentliche Leben organisieren. Bei Karrierefrauen ist das ganz ähnlich gelagert. In der Familie des Physikers Albert Einstein jedoch stellt sich diese Hierarchie völlig anders dar. Hier gibt es viel zu erzählen, zu beleuchten und zu korrigieren. Hier ist es die Ehefrau, die schon fast ein intellektuelles Opfer bringen musste, während ihr Mann den Ruhm erntete, den man sich eigentlich gemeinsam erarbeitet hatte.

Frau Einstein von Marie Benedict und Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Interesse ist also da. Die Neugier ist geweckt und doch steht man nun mehr oder weniger ratlos vor zwei biografischen Romanen, die im Abstand von drei Monaten erschienen sind.

Frau Einsteinvon Marie Benedict (Kiepenheuer und Witsch) und
Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit“ von Slavenka Drakulić (Aufbau)

Welches Buch ist nun empfehlenswert? Welches sollte man unbedingt lesen und wo liegen die Berührungspunkte oder auch Redundanzen? Welcher Roman ist authentisch, welcher nähert sich vielleicht sprachlich oder strukturell besser an die Protagonistin an? Letztlich kann man nur subjektiv entscheiden. Klappentext und Cover. Der Rest ist eher Zufall. Als Blogger genieße ich das Privileg, beide Bücher lesen zu können. Ich traf hier die ganz bewusste Entscheidung, mich auf dieses doppelte Bücherlottchen einzulassen und anschließend beide Werke miteinander zu vergleichen. Inhaltlich bleibt den beiden Autorinnen nicht viel Spielraum. Fakten pflastern den Weg ihres Schreibens. Nicht viele Details des Lebensweges von Mileva Einstein bleiben bei einer lückenlosen Recherche verborgen. Zu prominent verlief das Leben ihres Ehemannes. Zu exponiert standen sie beide zu Beginn seiner Karriere im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Frau Einstein von Marie Benedict

Bereits im Februar habe ich „Frau Einstein“ von Marie Benedict hier ausführlich vorgestellt. Inhaltlich steckt dieser Roman den Rahmen ab, den ich erwartet hatte. Ich fand eine Geschichte, die mich fesselte und dazu antrieb, mehr wissen zu wollen. Mein Suchen nach weiteren Fakten und Hintergründen deckte sich mit der sprachlich brillant erzählten Geschichte. Ich fasse hier die inhaltlichen Schwerpunkte nur kurz zusammen, verweise aber für die genauere Betrachtung auf meine Rezension.

Mileva Marić arbeitet sich intellektuell in die höchste Riege der Wissenschaft vor, lernt den erfolgversprechenden Kommilitonen Albert Einstein kennen, verliebt sich, wird ungewollt schwanger, bricht ihr eigenes Mathematik- und Physikstudium ab, zieht sich zurück in die Rolle der im Verborgenen lebenden Mutter der gemeinsamen unehelichen Tochter, verarbeitet deren überraschenden Tod, heiratet Albert Einstein, wird zu seiner wissenschaftlichen Stütze, berechnet seine Theorien, stößt theoretische Türen auf, die er durchschreitet, wird zweifache Mutter, erlebt seinen Aufstieg als Physiker, realisiert, dass er ihre Ideen als seine verkauft, wird letztlich zugunsten einer Geliebten abgelegt und finanziell abgefunden. Einstein erhält den Nobelpreis, sie das Preisgeld, weil sie in die Scheidung einwilligt. Klingt tragisch. Ist es. Zutiefst.

Die hier zugrunde gelegte Geschichte spielt im Zeitraum zwischen 1896 und 1914. Sie beginnt mit Milevas wissenschaftlichem Aufstieg und endet am Scheidepunkt eines gemeinsamen Lebensweges mit Albert Einstein. Alles endet mit dem unerfüllbaren und unmenschlichen Katalog der Bedingungen, die er an ein Zusammenleben knüpft. Einer Forderung, der sich Mileva entziehen muss, um nicht sich selbst und ihre beiden Söhne aufzugeben. Eine Liste von Forderungen, die uns auch heute noch entsetzt:

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Beispiele dafür, was Einstein für das weitere Zusammenleben einfordert:

  • Kleider und Wäsche instand halten
  • Drei Mahlzeiten täglich ins Zimmer servieren
  • Verzicht auf alle persönlichen Beziehungen
  • Keine Zärtlichkeiten
  • Das Schlafzimmer verlassen, wenn er darauf besteht
  • Keine persönlichen Gespräche…

Damit ist der Weg für seine Geliebte und spätere Ehefrau frei. Empathie und Liebe funktionieren anders. Die Relativitätstheorie der Beziehung wird hier zur bitteren Praxis. Was bei Marie Benedict mit dieser unsäglichen Liste endet, stellt für Slavenka Drakulić den Startpunkt ihrer Auseinandersetzung mit Mileva Einstein dar. Eine aus meiner Sicht erste Überraschung in der Herangehensweise, weil sie ganz unverblümt das absehbare Ende der Beziehung zum Beginn ihres Romans erhebt. Nicht die einzige Überraschung, die ich erlesen sollte.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeitvon Slavenka Drakulić

Plötzlich stellt sich mir nicht mehr die Frage, welcher Roman der eigentlich bessere ist. Ich verdränge diesen Gedanken schnell in den Hintergrund und mir schießt die Idee in den Kopf, warum man nicht beide Bücher als sogenanntes „Einstein-Bundle“ auf den Markt gebracht hat. Warum ich so denke? Ganz einfach.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Natürlich erzählt Slavenka Drakulić zu Beginn ihres Romans, wie es zu dieser Liste und der Entfremdung kam, sie rekapituliert den gemeinsamen wissenschaftlichen Weg und gibt der Enttäuschung Milevas Raum. Der eigentliche Schwerpunkt des Buches ist nach 1914 angesiedelt. Sie erzählt, was mir nach dem Lesen von „Frau Einstein“ noch fehlte. Sie betrachtet Mileva Einstein in dem Zustand, in den sie der fatale Katalog ihres Mannes versetzt hat und von dem sie sich nie wieder erholen sollte. Bis 1933 begleiten wir Mileva Einstein auf ihrem einsamen Weg an der Seite ihrer Söhne. Aufopfernd stellt sie sich und ihre Gesundheit in den Dienst ihrer Kinder. Sehnsüchtig betrachtet sie aus der Ferne das Leben, das eigentlich ihr Leben hätte sein müssen. Das Leben Seite an Seite mit dem wohl erfolgreichsten Wissenschaftler seiner Zeit.

Auch Slavenka Drakulić beeindruckt sprachlich und inhaltlich. Beide Bücher sollte man lesen, wenn man Mileva komplex verstehen möchte. Die Dopplungen sind nicht so umfangreich, wie ich es erwartet hätte, denn aus der Schnittmenge beider Romane wird die jeweilige Ausgangsperspektive, die uns eine Frau ins Leben schreibt, deren Leben unter dem Vorbehalt des Rollenbildes seiner Zeit gelebt wurde. Ein Leben, das heute in jeder Beziehung anders verlaufen würde. Diese Romane ergänzen sich komplementär. Sie sollten nicht getrennt werden. Eine mehr als überraschende Erkenntnis, die in eine Empfehlung mündet, die ich so nicht habe kommen sehen.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

„Frau Einstein“ und „Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit“ sind zwei Teile des Bildes, das erst durch das miteinander verbundene Lesen entsteht.

„Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde“ – Eine Suche

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Ich liebe Bücher, die sich den existenziellen Lebensfragen in aller Tiefe widmen. Ich folge gerne autobiografisch angehauchten Lebenslinien, die darüber hinaus Fragen beantworten, die mich auch über das eigentliche Lesen hinaus beschäftigen. Fragen, in denen ich Muster erkenne, die andere Bücher aufrufen, mit dem gerade Erlesenen eine literarische Einheit einzugehen und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Was macht ein Krieg aus den Menschen? Wie verändern sich Bedürfnisse, Begabungen? Wie geht man mit diesen Extremsituationen um und was bleibt am Ende des Weltenbrandes von demjenigen übrig, der in ihn verwickelt wurde? Wenn die Balance verlorengeht und der pure Überlebenswille regiert, dann verlieren andere Lebensbereiche an Bedeutung…

Die Bedürfnispyramide wird neu geordnet. Eines der ersten Opfer ist die Kultur. Wer täglich um sein Leben kämpft, braucht keine Bilder oder Romane, kein kreatives Feuer und keine Fantasie. Was macht dies nur mit einem Künstler? Vernichtet es ihn oder ist es eher so, dass genau diese Extremsituationen benötigt werden, um am Ende wie ein Phoenix aus der Asche ins Licht der Erkenntnis fliegen zu können. Was wäre ein Ernst Jünger ohne seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg? Gäbe es Remarque ohne Schlacht und hätte Hemingway den Nobelpreis gewonnen, ohne sich ganz bewusst als Reporter in den Krieg zu stürzen? Was trieb den Maler Franz Marc an, sein Blaues Pferd hinter sich zu lassen, um vor Verdun von einem braunen Ross geschossen zu werden? Was wäre die Literatur oder die bildende Kunst ohne die Grenzerfahrung Krieg?

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Aus literarischer Sicht erkennen wir die Einflüsse dieser Extreme auf Autoren in den autobiographisch angehauchten Romanen, die „post bellum“ (nach dem Krieg) entstehen. Traumatisierungen werden deutlich, ein anderer Blick auf die Welt und eine neue Lust am Leben sind diesen Werken gemein. Hier ist es die bewusste Flucht in die anarchische Daseinsebene, die zu einer neuen Wahrnehmung führt. Das haben Kriege mit Drogen gemeinsam. Künstler berauschen sich. Kein Klischee, wenn man sich sehr aufmerksam in einer Kulturwelt umschaut, die bewusstseinserweiternd wirken möchte. Oft kann diese Erweiterung erst herbeigeführt werden, indem sich Maler, Sänger oder Schriftsteller selbst auf die Meta-Ebene der Wahrnehmung katapultieren. Beispiele für diese Theorie finden wir in allen Bereichen des künstlerischen Schaffens.

Dieses Thema treibt mich seit Jahren um. Es beschäftigt mich, weil es sich mir aus heutiger Sicht nicht erschließt, wie man sich freiwillig in ein martialisches Szenario, wie einen Weltkrieg begeben kann, um Inspiration aus Blut zu gewinnen. Ich verstehe nicht warum man alles hinter sich lassen kann und sogar das eigene Leben riskiert, um eine neue Sicht auf die Welt zu bekommen. Am Beispiel des Malers Franz Marc versuchte ich mich schon oft damit auseinanderzusetzen, was sich ein Künstler davon versprach, frontal im Fronterlebnis neue Fronten des Schaffens auszuloten. Ich nähere mich dem Thema niemals aus theoretischer, wissenschaftlicher (wie auch?) oder soziokultureller Sicht. Ich versuche es emotional, weil meine Bindung an die Werke von Franz Marc in jeder Beziehung eine rein gefühlsmäßige ist.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Was trieb den Schöpfer des „Blauen Pferdes“ freiwillig in den Ersten Weltkrieg? Warum schreckten ihn die Fronterlebnisse nicht ab? Warum trennte er sich von seinen expressionistischen Meisterwerken, um neue Impressionen zu finden? Was trieb ihn an, sein Blaues Pferd hinter sich zu lassen, um in der Nähe von Verdun von einem brauen Pferd geschossen zu werden? Und letztlich ist es die Frage, ob er die Sehnsucht nach seinem Meisterwerk im Gepäck hatte, als er Zeuge des großen Schlachtens wurde? Es gab wenige Antworten auf meine Fragen. Selbst im emotionalen Zwiegespräch mit dem Blauen Pferd im Lenbachhaus blieb alles um mich herum stumm. Nur eines steht für mich fest. Es wartet dort seit mehr als 100 Jahren auf die Rückkehr seines Schöpfers.

Viele Künstler verloren angesichts des Krieges schnell alle Illusionen und wurden zu erbitterten Pazifisten. Keine Spur mehr vom Pathos der eigenen Freiwilligkeit, keine Spur mehr von der Bewusstseinserweiterung. Nach dem Krieg kamen sie allesamt auf den Boden der Tatsachen zurück. Bei Franz Marc war dies anders. Für ihn büßten die Schlachten nichts von ihrer magischen Anziehungskraft ein. Distanziert und entrückt ist die Position zu sehen, in der er sich sah. Wie ein Betrachter eines Schlachtengemäldes blickt er fasziniert auf die Details des Sterbens. Anders kann man die Feldpostbriefe an seine Frau nicht lesen. Die morbide Faszination klingt verstörend…

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

„Der Leichengeruch auf viele Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste.
Ich kann ihn weniger vertragen als tote Menschen und Pferde (zu) sehen.
Diese Artilleriekämpfe haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches.
Ich bin körperlich sehr wohl, der Rotwein hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich nicht mehr.“

Wie Franz Marc „post bellum“ gemalt hätte? Eine nicht zu beantwortende Frage. Er starb am 4. März 1916 während eines Erkundungsritts nahe Verdun. Ein Granatsplitter traf am Kopf. Franz Marc verblutete. Bis zum heutigen Tag wusste ich nicht, dass auch an diesem Tag ein Skizzenbuch in seinen Satteltaschen steckte. Viel habe ich über ihn gelesen, stand vor vielen seiner Bilder. Stellte mir viele Fragen, doch als ich vor einigen Tagen das „Skizzenbuch aus dem Felde“ in einer Buchhandlung entdeckte, wollte ich kaum glauben, welcher Schatz sich da plötzlich in meinen Händen befand. Es war klar, wonach ich suchte. Nur eine Frage stand für mich im Vordergrund. Hatte Franz Marc in diesen Kriegsjahren die Sehnsucht nach seinem Blauen Pferd im Herzen? War es bei ihm, als er fiel? Eine Frage, die mir endlich beantwortet wurde.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Das „Skizzenbuch aus dem Felde“ ist ein schmales und zugleich sehr wertvolles Bändchen aus dem Sieveking Verlag. Es beinhaltet 36 Bleistiftzeichnungen, die er in den Monaten März bis Juni 1915 geschaffen hatte. Es ist ein künstlerisches Testament, das jetzt in meinen Händen liegt. Ein magisches und beklemmendes Gefühl, in ihm zu blättern. Fast so wie ein geheimes und nicht für meine Augen bestimmtes Tagebuch zu lesen. Die kleinen Skizzen sind keine Skizzen. Es sind vollständig gestaltete Gemälde, denen nur die Farbe fehlt. Es sind so typische Marc-Impressionen, wie wir sie weltweit bewundern dürfen. Ich sehe viel in diesen Skizzen. Unruhe, Rastlosigkeit und fliehende Tiere, die vor dem Krieg noch in sich ruhten. Ich sehe einen wachsamen Fuchs, nicht mehr ruhend. Springende Rehe, aufgeschreckte Hirsche. Verstört dreinblickende Tiere und eine abstrakte Formenvielfalt, die manchmal an Kandinsky erinnert. Und dann…

Dann kann ich nicht mehr… Bei all den Unterschieden zu früher, in all der ruhelosen Spannung, nach all den Formen und Strukturen der Unruhe sitze ich plötzlich vor einer Skizze, die mich in allem Hoffen bestätigt. Es ist so, als würde mir Franz Marc zurufen „Siehst Du… es war immer bei mir.“ Es sind drei Pferde. Ausschau haltend, wachend und weidend. Zum Sprung und zur Flucht bereit. Unverkennbar edle Geschöpfe, deren Sinne bis auf Äußerste geschärft sind. Und über diesen drei Pferden thront majestätisch das Ebenbild des Blauen Pferdes, das mir so viel bedeutet. Beruhigend, in sich ruhend und erhaben. Unverwundbar. Fragment schrieb Franz Marc über diese Zeichnung. Ein Bruchstück. Ein unvollendetes Kunstwerk. Ein Überbleibsel. Und was für eins. Danke.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde – Begegnungen

Man möge mir den subjektiven Umgang mit diesem Sujet verzeihen. Er ist der rein emotionalen Bindung an das wichtigste Gemälde meines Lebens geschuldet. Ich kann nicht anders. Ich verweile oft im Lenbachhaus, betrachte mein Pferd, bin ihm dankbar für seine beruhigende Ausstrahlung, die mir in schweren Zeiten Kraft gegeben hat. Und nicht zuletzt habe ich durch dieses magische Wesen viele Menschen kennengelernt. Im Leben, wie in der Literatur. Ich schrieb viele Artikel, die ohne das Blaue Pferd niemals das Licht der Welt erblickt hätten. Ich habe es meiner Tochter vorgestellt und mir dabei vorgestellt, was ich ohne diesen Ruhepol getan hätte, als es ihr nicht gut ging. Ich habe Franz Marc viel zu verdanken und stehe in seiner Schuld. Das mag vieles erklären.

Jetzt werde ich das Blaue Pferd mit einem Skizzenbuch besuchen. Ich werde ihm davon erzählen und ihm zeigen, dass es niemals vergebens gewartet hat. Ich kann nun berichten, wie wichtig Franz Marc diese Skizzen waren. Das Nachwort zu diesem Buch von Michael Semff ermöglicht einen eher versachlichten Zugang zu den Zeichnungen. Wobei der Autor hier nicht für Kunsthistoriker oder Wissenschaftler schreibt. Nein auch er muss sich wohl den Vorwurf gefallen lassen, emotional berührt worden zu sein. Nein. Das ist keine Kritik. Das ist ein Prädikat, das diesem Nachwort Nachdruck verleiht. Ich würde mich freuen, euch auf meine Welt des Blauen Reiters, des Blauen Pferdes und das „Lenbachhaus als Kraftraum meines Geistes“ neugierig gemacht zu haben. Ich muss los. Ich bin verabredet. Mit einem Pferd. Unglaublich oder?

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Schon bald geht es mit Franz Marc weiter, wenn Florian Illies mehr vom
„Sommer des Jahrhunderts 1913“ erzählt.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

„Die Sterne gab es schon vor den Menschen. Sie schienen einfach immer weiter, was auch geschah… Genauso ist für mich der Leuchtturm hier. Ich stelle ihn mir als Splitter eines Sterns vor, der auf die Erde gefallen ist. Er leuchtet, unabhängig von den Umständen: Sommer, Winter, Unwetter, Sonnenschein. Darauf kann sich der Mensch verlassen.“

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Leuchttürme. Wundervolle Metaphern für Rückzugsgebiete, Abgeschiedenheit und Wegweiser für Menschen in Not, die auf hoher See Gefahr laufen, an den Klippen des Festlandes zu zerschellen. Dieses Licht in dunkler Nacht ist viel mehr als ein Kompass im Sturm. Es ist gleichzeitig Verheißung eines sicheren Heimwegs und Navigationshilfe für die gefahrlose Orientierung auf unseren Weltmeeren. Und doch bergen Leuchttürme eine große Gefahr für jene Menschen in sich, die für dieses Licht verantwortlich sind.

Ein Leuchtfeuer erhellt nicht die Insel, auf der sich ein Leuchtturm befindet. Wenn der Leuchtturmwärter selbst nach Orientierung und Fixpunkten im Leben suchte, war er auf die eigene Charakterstärke, die Fähigkeit zum Leben in Einsamkeit und die stoische Ruhe im Bewältigen des eintönigen und fast schon automatisierten Alltags angewiesen. Kein Leben, in dem sich jeder zurechtfindet, aber in besonderen Situationen wohl einer der ganz wenigen Berufe, die alleine durch ihre lichtdurchflutete Präsenz lebensrettend sind.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Ich träume oft davon, auf einem Leuchtturm zu leben. Ich sehe stürmische Nächte, meterhohe Wellen und deren Gischt, die an meinen Felsen anbrandet. Ich genieße die Sicherheit in den festen Mauern des Hauses neben dem Leuchtturm und zelebriere die Routine, mit der Abend für Abend zur Nacht hin jenes Leuchtfeuer entzündet wird, sein rotierender Widerschein seine Signalwirkung entwickelt und das Logbuch des Wärters jede Unregelmäßigkeit auf hoher See verzeichnet. Hier würde ich gerne lesen. Hier ist jeder Tag so scharf umrissen, wie der folgende und doch gleicht kein Tag dem anderen. Hier sollte meine Bibliothek stehen. Auf meiner Insel. Hier sehe ich mich oft.

Ebenso gerne lese ich Romane, die auf Leuchttürmen angesiedelt sind. Tauche in Geschichten ein, in denen Leuchtfeuer eine wesentliche Rolle spielen und identifiziere mich gerne mit jenen Menschen, die sie bewohnten. Leuchtturmlesen“. Unter dieser Überschrift findet man in der kleinen literarischen Sternwarte alle Bücher, die ich in den zurückliegenden Jahren zu diesem Thema entdeckt und gelesen habe. Einzig ein Buch über diese Gebäude an sich fehlte mir noch. Einzig ein umfassendes Werk, das mir die Geschichte der Leuchttürme selbst offenbaren würde, hatte ich bislang nicht gefunden. Da ich mein Lesen im wahrsten Sinne des Wortes zelebriere, träumte ich oft davon ein solches Buch aufzuschlagen, in ihm zu versinken und mit ihm auf strahlende Lesereise gehen zu können    

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Manchmal werden Träume wahr…

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant, erschienen im DuMont Buchverlag, wirft seit einigen Tagen sein helles Licht auf meinen Sekretär. Es wirkt wie die Mutter aller Leuchtturmbücher und schart die Werke um sich, die mein Lesen mit den realen Lichtzeichen und ihrer facettenreichen Geschichte verbinden. Ich wollte es zuerst kaum glauben, dass diese Neuerscheinung die Erscheinung sein sollte, auf die ich so lange gewartet hatte. Doch schon ein erster Blick auf den großformatigen Band reichte bereits aus, um mich restlos davon zu überzeugen, dass ich den Wächter meines Lesens endlich gefunden hatte. Und da Leuchttürme (zumindest für mich) keine Sachen sind, ist dies auch kein Sachbuch. Das ist Buchstoff, aus dem die Träume sind.

„Wächter der See“. Was für ein gelungener Titel für ein Buch, das sein Licht auf jene Gebäude wirft, die seit Menschengedenken zahllose Leben gerettet und Katastrophen verhindert haben. Der Autor muss sich der Bedeutung dieses Werks bewusst gewesen sein, bevor er die ersten Zeilen verfasste. Liebevoll und ehrfürchtig nähert er sich dem zeitlosen Thema, spannt den historischen Bogen vom Aufstieg der Leuchttürme bis hin zu ihrer immer weiter schwindenden Bedeutung durch moderne Navigationsgeräte. Wo GPS beginnt, endet das Leuchten über dem Meeresspiegel.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Was in Ägypten mit dem Leuchtturm Pharos von Alexandria als eines der sieben Weltwunder begann erlebte zur Mitte des 19. Jahrhunderts einen Paradigmenwechsel. Automatisierung, die globale Ausstattung der Leuchttürme mit Funk und die ersatzlose Streichung der Menschen, die auf ihnen lebten, machten die Leuchtfeuer von einst zu hochtechnisierten Navigationsbausteinen eines immer komplexer werdenden Systems. Einige wenige Leuchttürme wurden trotz Radar und GPS sehr lange als nicht ersetzbar angesehen. Und doch sind die Leuchttürme von heute zumeist nur noch die Denkmäler und Relikte von einst. Nostalgisch, überholt, ihrer Bedeutung beraubt. Diese Hommage an die wohl wichtigsten Bauwerke ihrer Zeit berührt sowohl emotional als auch fachlich. Wie hat sich die Technik entwickelt, wie konnte man das Licht so weit sichtbar machen und wie lebte man auf diesen Vorposten des Festlandes? All diesen Fragen geht Grant auf den Grund.

Was er uns damit in die Hände legt ist ein absolutes Buchkunstwerk mit zahllosen historischen Illustrationen, Konstruktions- und Risszeichnungen, Bauplänen und Fotos. Es fühlt sich an, als würde man in einen Leuchtturm einziehen, wenn man das Buch in allen Facetten aufnimmt. Es fühlt sich an, als wäre man der neue Leuchtturmwärter auf dem Weg zum Ort seiner Bestimmung. Was R.G. Grant erzählt ist viel mehr, als nur die Geschichte der Leuchttürme. Er berichtet vom Leben der Menschen, für die sie Heimat wurden. Er setzt ihnen unter der Überschrift „Hüter des Lichts“ ein bleibendes Denkmal und niemand, der dieses Buch gelesen hat, wird jemals einen Leuchtturm emotionslos als reines Bauwerk betrachten.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Das gold-geprägte Licht auf dem Einband der herausragenden DuMont-Ausgabe wird mich zukünftig begleiten. Ihr werdet dieses Buch immer dann bei mir entdecken, wenn ich von Leuchttürmen lese, wenn mich meine Reise über die Wellenkämme der Weltmeere peitscht und wenn mein „Lesejahr des Wassers“ an eure Ufer brandet. Es ist Hüter und Wegweiser zugleich und zählt schon jetzt zu einem der größten Schätze meiner kleinen literarischen Sternwarte. Besucht mich auf allen Inseln meines Lesens. Findet das Licht auf dem Bishop Rock, auf Janus Rock oder in Montauk. Glaubt keinen anderen Signalen, vergesst das GPS, misstraut dem Radar. Bleibt auf Empfang, bis ihr mein Leuchtfeuer seht, das euch in den sicheren Hafen im Büchermeer bringt.

Stets unverrückt, derselbe Jahr um Jahr,
Manch’ bösen Sturm, manch’ finst’re Nacht hindurch
Unlöschbar prangt er in der Flammenburg,
Dem ew’gen Lichte gleich vor dem Altar.

Longfellow

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant