Walden von Henry D. Thoreau – Tiny House meets Tiny Book

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Sie erleben gerade einen absoluten Boom. Sie symbolisieren, wie kaum ein zweites Lebenskonzept den Wunsch des Menschen nach Individualität und Minimalismus. Man begegnet ihnen in den sozialen Medien auf Schritt und Tritt und stellt sich unwillkürlich die Frage: „Könnte ich so leben?“ Gemeint ist das Tiny House. Wohnen auf wenigen Quadratmetern. Auf das Wesentliche reduziert, stehen diese kleinen Häuschen für das Streben nach einer Abkehr vom Wohnen in Metropolen, für eine neue Bescheidenheit in der Selbstwahrnehmung und für ein hohes Maß an Selbstverwirklichung. Noch steckt das Wohnkonzept in den Kinderschuhen. Tiny Houses gibt es zu Hauff. Einzig, es fehlt der Lebensraum, sie aufzustellen und zu bewohnen. Gesetze grenzen den Drang nach Freiheit und Flexibilität immer noch ein. Vielleicht steht jenes Tiny House von heute für die Lebensphilosophie von morgen. Doch Moment! Ist diese Idee neu? Stammt sie aus unserer Zeit und basiert auf den zwingenden Erfordernissen einer ständig wachsenden urbanen Bevölkerung?

Nein. Die Idee, die heute unter dem Schlagwort Tiny House aufgegriffen wird, ist ein alter Hut. Der Begriff ist neu. Die fast schon industrielle Großfertigung der kleinen Häuser ist neu. Naja – und angesichts der horrenden Preise für solche Wohncontainer mit einer höchst individuellen Einrichtung, kann man kaum von Minimalismus sprechen. Diese Wohnidee ist, auf den Quadratmeter gerechnet, der pure Luxus. Und doch ahmt man einen philosophischen Ansatz nach, der schon im Jahr 1845 für Aufsehen sorgte. Wirklich wahr. Wie ich schon schrieb: Ein alter Hut und eigentlich müsste man diesen holzverkleideten Container-Wohneinheiten den Namen „Walden Houses“ geben. Hier würde man an die Ursprünge der Wohnidee anknüpfen, müsste die Häuschen nur ein wenig erschwinglicher machen und schon wäre man ganz bei Henry D. Thoreau. Ihr glaubt das nicht? Kein Problem. Er schrieb darüber… Und wie er darüber schrieb!

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Walden von Henry D. Thoreau

Henry D. Thoreau (1817 – 1862), der amerikanische Philosoph und Schriftsteller war ein früher Anhänger des großen Ralph Waldo Emerson und entwickelte schon zu Beginn ihrer späteren Freundschaft ganz eigene Ideen zur Reform der Gesellschaft. Er war nicht nur ein Dichter und Denker. Thoreau war ein Mann der Tat. Sein Denken war nicht das eines Nostalgikers. Er wollte einfach nur herausfinden, wie man sich am besten über Wasser halten kann, ohne der modernen arbeitsteiligen Gesellschaft zum Opfer zu fallen. Er wollte endlich etwas Ganzes schaffen, autark sein und nicht nur Teil des Prozesses sein, an dessen Ende er nicht mehr genau weiß, welchen Anteil er am Ergebnis hatte. Er setzte die Ideen in die Tat um und wurde zum Aussteiger. Nur, dass dieser moderne Eremit nicht in einem Fass wohnte. Er zog in Richtung Walden-Pond und begann damit, sich eine kleine Hütte (Walden Hut) zu bauen. Niemand sollte ihm dabei helfen. So entstand das vielleicht erste Tiny House mit literarischem Background.

Etwa zwei Jahre lebte er im Einklang mit der Natur, nicht jedoch ohne Kontakte zur Welt außerhalb der einfachen Hütte. Er konnte sich auf dem Grundstück Emersons im wahrsten Sinn des Wortes erden. Der Zwang, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und die gesellschaftliche Erwartungshaltung fielen von ihm ab und machten seinen Kopf frei, um über diese Grenzerfahrung schreiben zu können. Walden ist das Ergebnis jener Zeit als Aussteiger aus dieser Gesellschaft, die mit der heutigen sicherlich vergleichbar scheint. Alles zielte allein auf Kommerz und Wertsteigerung ab. Der Materialismus war die einzige Geisteshaltung, der man sich zu unterwerfen hatte, um nicht unterzugehen. Der Raubbau an der Natur kennzeichnet diese Entwicklungsphase einer Ökonomie, in der wenige alles besitzen und der Rest arbeitet, um den Reichtum dieser Wenigen zu mehren. Kommt uns irgendwie bekannt vor. Spätestens die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie unserer Tage könnte schon Grund genug sein, auszusteigen und sich ein kleines Haus im Wald zu bauen…

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Walden von Henry D. Thoreau

Es ist die harrsche Gesellschaftskritik, die Thoreau in die Wälder treibt. Es ist das Bewusstsein, dass sich Menschen das Denken und Entscheiden bereitwillig abnehmen lassen, nur um in Ruhe ein einigermaßen abgesichertes Leben zu führen. Nicht jedoch mit Thoreau. Nicht mit diesem Selfmade-Geist, der selbst ausprobieren möchte, was er anderen als alternativen Lebensweg empfehlen würde. Klingt das nicht verstaubt, woran er vor 175 Jahren glaubte? Haben nicht Gewerkschaften und die Entwicklungen in der freien Welt all diese Misstände beseitigt? Ganz und gar nicht. Jeder findet in „Walden“ seinen ganz persönlichen Thoreau-Moment, dem man auch heute noch beherzt folgen kann. Eine Erkenntnis, dass sechs Wochen Lohnarbeit völlig ausreichen, um sich den Rest des Jahres um das wahre Leben zu kümmern, ist nicht weit hergeholt und könnte auch heute noch relevant sein. Würden wir alle nicht nur nach Reichtum streben.

Auch seine bildhaften Vergleiche lassen sich in unsere Zeit übertragen. Ob dies nur uns selbst betrifft, oder ob man seine Ansichten überprüfen sollte, wie man seine Kinder erzieht? Das ist jedem selbst überlassen. Nachdenkenswert sind seine Ansätze allemal. Ist Bildung ein theoretischer Prozess oder folgen wir da einem falschen Weg? Ein Beispiel gefällig?

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Walden von Henry D. Thoreau

Der Vergleich zweier junger Männer:

„Welcher von beiden hätte nach zwei Monaten größere Fortschritte
gemacht: der Junge, der sich selbst ein Taschenmesser verfertigte
aus dem Erz, das er eigenhändig ausgegraben und geschmolzen hat,
wobei er so weit als nötig Bücher zurate zog, oder der Junge, der
unterdessen Vorlesungen über Metallurgie besuchte und von
seinem Vater ein Taschenmesser geschenkt bekam?“

Henry D. Thoreau zog lieber in die einsame Wildnis am See, baute sich mit seinen eigenen Händen das bescheidene und abgelegene Refugium, um sich wiederzufinden. Nicht nur das ist ihm gelungen. Seine reinsten Gedanken haben jeden Bildersturm der Geschichte überstanden und sind so lesenswert, wie erhellend…

Ich bin seinen kreisförmigen Denkbewegungen gerne gefolgt. Thoreau zog sich in sein Schneckenhaus zurück, fokussierte, reflektiert die Gründe seines Aussteigens, ist in den kontemplativen Phasen geistreich und visionär, und dann verlässt er das Innere seines Rückzugsortes und beginnt seine Umgebung wahrzunehmen. Was wir dann mit seinen Augen sehen, seinen Worten ablesen dürfen, ist so kristallklar, als hätte ihn ein eiskalter Gebirgsbach innerlich und äußerlich gereinigt. Die Beschreibungen verlieren den Zorn des Gesellschaftskritikers und erhalten eine Eindringlichkeit, die der Natur im Umfeld seiner Hütte ein naturalistisches Denkmal setzt. Als wäre gröbstes Kaffeepulver durch einen Filter gepresst worden, so ist „Walden“ der zeitlos relevante Extrakt einer Erfahrung, die jeder für sich selbst nachvollziehen und nachempfinden kann.

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Walden von Henry D. Thoreau

Der Walden-See im Winter:

„Nach einer stillen Winternacht erwachte ich mit dem Gefühl es sei mir eine
Frage gestellt worden, die ich im Schlaf vergeblich zu beantworten versucht
hatte: was – wie – wann – wo? Doch da schaute die frühmorgendliche Natur,
in der alle Geschöpfe leben, gelassen bei mir zum Fenster herein und
machte keineswegs ein fragendes Gesicht. Ich fand beim Erwachen
eine bereits beantwortete Frage vor – Natur und Tageslicht.“

Es kann kein Zufall sein, dass Thoreaus Geschichte des ersten Tiny Houses und einer neuen Lebensphilosophie ausgerechnet im Manesse Verlag erschienen ist. Hier haben sich Autor und Verleger über die Grenzen der Zeit gefunden und sind eine Symbiose eingegangen, die Symbolcharakter hat. Welches Buch könnte besser davon erzählen, wie reinigend es sein kann, sich im Minimalismus wiederzufinden? Welchem Buchformat würde man diese Philosophie abkaufen, wenn nicht einem Tiny Book, das selbst dafür steht, nicht großformatig durchs Lesen zu gehen? Tiny House meets Tiny Book. Beide stehen für Lebensqualität und die Konzentration auf das Wesentliche. In beiden Philosophien (ob Lebens- oder Verlagsphilosophie) geht es nicht um Nostalgie. Hier ist die Zukunft fest im Blick. Es geht nicht um Größe und knallige Effekte. Es geht um den Kern aller Fragen. Kann ich so leben, kann ich so lesen? Verlockend und für mich ein wundervoller Dialog aus Geschichte und Medium.

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Walden von Henry D. Thoreau

Und im Ernst. Sollte man sich jemals für ein Tiny House entscheiden, mit welchem Buchformat ließe sich eine vergleichbar umfangreiche Bibliothek aufbauen? Da müssen schon die kleinen Großen aus dem Hause Manesse ins Tiny Regal…

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Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Ein Versteck unter Feinden - Roxane van Iperen - Astrolibrium

Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Manchmal erzählen Häuser ihre Geschichten. Es sind Geschichten über diejenigen, die sie bewohnten, die sich zuhause fühlten oder in ihnen ihre Geheimnisse verbargen. Jeder Blick in ein altes Haus gleicht dem Blick in ein Tagebuch, in dem man zwar sehr genau sehen kann, wann etwas geschrieben wurde. Die Worte jedoch sind nicht mehr da. An ihre Stelle rücken Grundrisse, Erker, Fenster, Keller und Dachgeschosse. Den Rest muss man schon selbst herausfinden. Was würden diese Wände erzählen, wenn sie reden könnten? Wie viel Glück, wie viel Blut, wie viel Freude und Leid könnten sie bezeugen, wenn wir sie zum Sprechen bringen könnten. Ruinen und verfallene Häuser sind keineswegs die legendären Lost Places der Geschichte. Sie hüten ihr Geheimnis so lange, bis jemand kommt, der in den Mauern lesen kann. Jemand, der nicht an die Renovierung denkt, sondern an jenen Zustand, in dem man das Haus vor vielen Jahren vorgefunden hätte. Dann kann man sie hören. Die Geschichten.

Ich mag solche Geschichten. Ich mag die demaskierten Gebäude, die uns in ihre Zeit entführen. In die Zeit, in der sie nicht nur Wohnraum boten, sondern selbst Geschichte schrieben. Zuletzt entlockte ich mit Simon Stranger dem Bandenkloster im Trondheim unter der Nazi-Herrschaft in Norwegen seine Geheimnisse. Erst nach dem Krieg verriet das Hauptquartier der Gestapo-Schergen, was in seinen Räumen geschah. Hier spielte sich Grausames ab, aber ohne diese Geschichte wäre der lautstarke Aufruf „Vergesst unsere Namen nicht“ von Simon Stranger wohl ungehört verhallt. Hier erzählt uns ein Schreckensort der Diktatur seine Geschichte. Roxane van Iperen geht einen anderen Weg. Sie hört ihrem neuen Haus in Holland aufmerksam zu. Sie findet doppelte Böden, Hohlräume und verborgene Kammern. Sie beginnt zu recherchieren und entlockt ihrer neuen Heimat ihre Geheimnisse. „Das hohe Nest“ (`t Hooge Nest) beginnt zu reden.

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Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Ein Versteck unter Feinden entführt uns in die Niederlande. Roxane van Iperen erzählt die wahre Geschichte von zwei jüdischen Schwestern im Widerstand. Es beginnt, wie so oft im Leben: Zufällig. Die Familie erwirbt ein Häuschen im Grünen. Im Osten von Amsterdam, idyllisch gelegen im kleinen Örtchen Naarden. Das hohe Nest sollte Heimat und Biotop für die Familie werden. Ein verwilderter Garten, das schlichte Anwesen und die etwas geheimnisvolle Aura des Hauses entfalteten ihre eigene Magie. Als Roxane van Iperen jedoch bei der Renovierung Verstecke, doppelte Wände, Luken und vergilbte Zeitungen des Widerstandes aus dem Zweiten Weltkrieg findet, lassen ihr diese Entdeckungen keine Ruhe mehr. Sie beginnt, dem Haus seine Geheimnisse zu entreißen:

Langsam, aber sicher, Zimmer für Zimmer, finden die Puzzlestücke zueinander, bis die unglaubliche Geschichte, jetzt, sechs Jahre später, auf dem Papier steht: Dieses Haus ist größer als wir. Wir sind nur Passanten, die das Glück haben, es bewohnen zu dürfen.

Ein Versteck unter Feinden - Roxane van Iperen - Astrolibrium

Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Was sich hier noch romantisch und ein wenig verklärt anhört, entwickelt sich sehr schnell zu einer Geschichte, die mehr erzählt, als nur eine jüdische Familiengeschichte in den Niederlanden. Roxane van Iperen erzählt vom jüdischen Leben, von Hoffnungen, Integration, Ängsten, Liebe und Werten. Sie beginnt im Jahr 1912 in Amsterdam. Und wie so viele Familiengeschichten beginnt auch diese mit einem Zufall. Und sie endet wie viele jüdische Geschichten in Bergen-Belsen. Was rund um den Nieuwmarkt beginnt, ist der Anfang einer Liebesgeschichte, der zwei Mädchen entspringen. Lien und Janny Brilleslijper kommen im Abstand von fünf Jahren zur Welt und wachsen in Amsterdam auf. Um all das zu verstehen, was später geschah, ermöglicht uns Roxane van Iperen einen umfangreichen Blick auf das jüdische Leben in Amsterdam. Sie beschreibt, wie abgeschottet das jüdische Viertel einerseits war, andererseits ist deutlich zu erkennen, wie sehr die niederländischen Juden in die Gesellschaft integriert waren.

Mit der Machtergreifung der Nazis im benachbarten Deutschland und mit den ersten Gerüchten über Judenverfolgungen und die diskriminierenden Nürnberger Gesetze ist es vorbei mit der Ruhe in den Niederlanden. Zwar fühlt man sich noch sicher, aber die ersten Flüchtlinge aus dem „Reichsgebiet“ verunsichern die Bevölkerung sehr. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der Besetzung ihrer Heimat beginnt dann auch das Martyrium der Familie Brilleslijper. Amsterdam unter Kontrolle. Judengesetze und Ausgrenzung aus Studium, Beruf und Gesellschaft. Wer kann, flieht. Wer nicht fliehen kann, geht in den Untergrund. Man sucht Verstecke. Jüdische Familien tauchen unter. Es formiert sich Widerstand und selbst die nichtjüdische Bevölkerung stellt sich am 24. Februar 1941 im „Februarstreik“ den Besatzern offen entgegen. Lien und Janny sind zu diesem Zeitpunkt schon im Widerstand gegen die Nazis aktiv.

Ein Versteck unter Feinden - Roxane van Iperen - Astrolibrium

Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Als man auf der Suche nach einer verborgenen Zentrale auf das Hohe Nest stößt, wird aus dem unscheinbaren Haus das Zentrum des jüdischen Widerstandes in einem besetzten Land. Ein Versteck in Naarden. Der Hochburg der Nazigrößen ihrer Zeit. Ein Versteck unter Feinden. Roxane van Iperen blättert die Geschichte vor uns auf. Sie hat alle Mosaiksteinchen zusammengetragen. Es ist eine Geschichte der Entrechtung, der schleichenden und konsequenten Ausdünnung der jüdischen Bevölkerung. Es ist eine Geschichte von Mitläufern, Verrätern, Mittätern und Tätern. Es ist eine Geschichte von Mut und Zuversicht und es ist die Geschichte zweier junger Frauen, die das Hohe Nest zum Zufluchtsort geflüchteter Juden machen. Als ihr Versteck verraten wird, findet man dort sechzehn Menschen in ihrem Versteck. Was folgt, ist die Deportation.

Es folgen Orte, die heute auf der Landkarte gegen das Vergessen jeder für sich den Holocaust symbolisieren. Westerbork, Auschwitz, Bergen-Belsen. Hier wird aus der Geschichte der beiden Schwestern mehr als die Beschreibung ihres Leidens und ihres Weges von einem Konzentrationslager ins nächste. Hier begegnen sie zum ersten Mal einer anderen jüdischen Familie, die sich in Amsterdam versteckt hatte. Hier treffen wir auf Menschen, deren Geschichte wir so gut kennen. Lien und Janny treffen auf Anne Frank und ihre Familie. Hier vereinten sich zwei Schicksalswege. Ich habe kaum weiterlesen können. Zu intensiv war meine eigene Auseinandersetzung mit dem Leben von Anne. Ich scharte die Bücher um mich, die ich über sie gelesen hatte. Ich nahm ihr Tagebuch zur Hand und ich versuchte mich für den Moment zu wappnen, in dem mir die beiden Brilleslijpers von den letzten Tagen mit Anne und Margot erzählten.

Vergebens. Alles Wappnen half nichts. Einer der traurigsten Momente meines Lesens.

Ein Versteck unter Feinden - Roxane van Iperen - Astrolibrium

Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

„Ein Versteck unter Feinden“ von Roxane van Iperen hat viele Lücken in meinem Wissen über den jüdischen Widerstand in den besetzten Niederlanden gefüllt. In jeder Beziehung ein absolut lesenswertes Buch über die Verfolgten, ihre Verfolger und ein kleines neutrales Land, das ideologisch vergewaltigt wurde. Die Autorin bleibt immer auf dem Boden der recherchierten Tatsachen. Sie hat es nicht nötig, zu dramatisieren, drückt nicht auf Tränendrüsen und emotionalisiert die Geschichte in keiner Weise. Sie stellt sich der Verantwortung, ein authentisches Zeitzeugnis abzulegen. Das spürt man ihrem sehr komplexen Schreiben an. Es ist ein zutiefst verantwortungsvolles Buch, das den Opfern des Nationalsozialismus gerecht wird. Es wirft Fragen auf, die wir heute nur für uns ganz alleine beantworten können. Hätten wir den Mut? Wären wir so selbstlos? Würden wir unser eigenes Leben hintanstellen? Würden wir uns für andere erheben?

Ich habe meine Antworten. Hier geht es zu meinem literarischen Kanon Gegen das Vergessen. Es ist wichtiger denn je, der Wahrheit ins Auge zu blicken und jeder Form von Rassismus und Antisemitismus die Stirn zu bieten.

Das besetzte Holland – Eine literarische Annäherung bei AstroLibrium.

Ein Versteck unter Feinden - Roxane van Iperen - Astrolibrium

Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Findelkind von Eva M. Bauer

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

Was macht generationsübergreifende Familiengeschichten relevant? Sind es die Geschichten prominenter Familien in historisch interessanten Zeitscheiben? Sind es in vielen Fällen einzelne Familienangehörige, die man besser einordnen kann, wenn man ihren Stammbaum kennenlernt und daraus Verhaltensweisen und Beweggründe für ihr späteres Leben ableiten kann? Sind es Opfergeschichten, die völlig harmlos beginnen und dann in den Wirren von Kriegen und Ideologien in Richtungen abdriften, die man hätte voraussehen können, wenn man nur genau hingeschaut hätte? Sind es nur diese Erinnerungen und Lebenswege, die uns Lesende hinter dem Ofen hervorlocken, oder werden wir auch hellhörig, wenn keine der genannten Voraussetzungen erfüllt ist?

Ich wurde es. Findelkind – Geschichte einer Münchner Familie von Eva M. Bauer fällt so gänzlich aus dem Rahmen, wenn man auf der Suche nach diesen Kriterien in Buchhandlungen unterwegs ist, um den eigenen Horizont zu erweitern. Was sollte mich dazu veranlassen einer Familiengeschichte meine Aufmerksamkeit zu schenken, die im Jahr 1850 begann und sich bis in unsere Zeit durch die Geschichte der Stadt München zieht, wie ein roter Faden, den man jedoch niemals wahrnehmen würde, hätte sich Eva M. Bauer nicht dazu entschlossen, ihrer Familie und insbesondere ihrer Ur-Großmutter ein kleines literarisches Denkmal zu setzen? Es war der Titel dieses Buches, der mir in aller Deutlichkeit zu sagen schien: „Lies es und schau, wie sich ein ungewolltes Kind in schwierigsten Zeiten zum Ausgangspunkt einer gewollten Familiengeschichte mausert.“

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

„Findelkind“ ist ein sympathisches Buch. Sympathisch, weil die Autorin ihre eigene Familie in dieser Geschichte nicht überhöht. Sympathisch, weil sie sich zu den Lücken in der Chronologie ihrer Ahnengalerie bekennt, weil sich niemand zuvor die Mühe gab, das Familienalbum zu sortieren und die einzelnen Bilder mit persönlichen Erinnerungen anzureichern. Sympathisch, weil sich die Autorin darüber im Klaren ist, dass wir in der Geschichte keine Meilensteine eines prominenten Münchner Lebens finden werden. Im Gegenteil. So kleinteilig, wie sie das München des aufstrebenden 20. Jahrhunderts in unverkünstelter Sprache beschreibt, so kleinteilig wirken die Generationen, die wir hier begleiten dürfen. München ist hier keine Metropole. Kein Zentrum der Kunst und keine politische Schaltzentrale. Es ist das München der einfachen und kleinen Leute, das uns ans Herz gelegt wird. Ein München, das ich so noch nicht kannte.

Tja, und dann wird aus dem Kleinteiligen ein großes Ganzes. Der Leser abstrahiert die konkrete Familiengeschichte und beginnt sich die Frage zu stellen, was es heißt, im Jahr 1850 auf den Treppen einer Kirche ausgesetzt zu werden. Man sieht nicht nur das Kind im ärmlichen Körbchen, man wird knallhart auf die hohe Kindersterblichkeit dieser Zeit hingewiesen, erlebt ein morbides München, das von regional auftretenden Seuchen heimgesucht wird und wird zum Zeugen widriger hygienischer Lebensbedingungen, die gerade der ärmeren Bevölkerung in der Stadt das Leben zur Qual machten. Sind es nur Glück und Zufall, die aus der kleinen Anna-Maria Körblin die Urmutter einer Familie im München des neuen Jahrhunderts werden lassen? Oder ist es einfach Schicksal?

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Findelkind von Eva M. Bauer

Hier wird die Geschichte des Findelkinds relevant, obwohl seine künftige Familie nie auch nur den Hauch einer greifbaren Spur in München hinterlassen hat. Hier lernen wir den wahren Wert eines ungewollten Lebens schätzen, weil wir 170 Jahre danach für uns erkennen, welche Menschen es niemals gegeben hätte, wäre jenes kleine Mädchen damals gestorben. Am seidenen Faden hingen die Ereignisse der Zukunft und jeder hat in seiner Familiengeschichte ähnlich seidene Fäden, die gehalten haben. Sonst könnte man dieses Buch nicht lesen. Nichts ist von der kleinen Anna-Maria geblieben. Es gibt keine Fotos, keine Briefe, kein Grab, nicht mal Geschichten über sie. Und doch scheint sie der unsichtbare magnetische Pol all ihrer Nachkommen zu sein, da sich alle von ihr angezogen fühlten und dorthin zurückkehrten, wo sie aufwuchs. Ein Kinderheim in der Au. Damals unwirtliches Schwemmland an der Isar. Aus dem gachen Steig wurde der Gasteig.

Als hätte dieses Quartier unsichtbare Fäden ausgeworfen und würde von Zeit zu Zeit einzelne Mitglieder der Familie nach Hause holen… Mit gleichsam magischen Kräften. Dabei war es nicht das gelobte Land, eher im Gegenteil…

Mit Anna-Maria wachsen wir in München auf. Wir arbeiten mit ihr in der Maxvorstadt, fürchten uns vor der allgegenwärtigen Cholera, erleben ihre kleine erste Liebelei, sehen sie mit ihrem zukünftigen Mann in einer kleinen Schankwirtschaft, deren Wirt Flaucher hieß und dieser ganzen Gegend damals einen Namen gab, ohne es zu wissen. Kinder kommen auf die Welt und der Stammbaum der Münchner Familie beginnt zu sprießen.

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

Erste Fotos gesellen sich zu der Geschichte. Ereignisse, die wir zu kennen glauben werden hier individuell spürbar in ihren Konsequenzen. Die Kriege und Ideologien, die das Leben einrahmen. Vom Kaiserreich über die Revolution, in die Räterepublik hinein bis zum Nationalsozialismus. Vom Drückebergergässchen bis ins Braune Haus. Nur die Familie zählt, versucht zu überleben, um nicht im Wildwasser der Epochen ertrinken zu müssen. Wir erkennen ein München im Wandel der Zeit, teils bedrohlich, teils vital und lebenslustig. Am Chinesischen Turm wird schon morgens früh getanzt. Wer arm ist, muss feiern, wenn andere schlafen. Heute? Keine Spur mehr vom Amüsement von einst. Zumindest nicht zu diesen Uhrzeiten. Es lohnt sich dieses München an der Seite dieser Familie zu entdecken. Eine sehr erhellende und persönliche Städtereise…

Ich traf auf Menschen, mit denen ich gerne mal im Biergarten geratscht hätte. Ich erlebte ein München, in dem es 1905 bereits 101 Verlage und 55 Buchhandlungen gab und bummelte stauend durch das Kaufhaus Oberpollinger, das sich wohl gerade auf die Schließung vorbereitet. Ich erlebte 1920 die Geburt von Ernestine-Walburga und zog mit ihr durch ein München, das mir von Jahr zu Jahr vertrauter erschien. Bis ganz am Ende blieb ich bei ihr. Bei der Frau, die später den Namen Bauer tragen sollte und die Mutter der Autorin dieser Geschichte wurde. Was Eva M. Bauer im letzten Kapitel der Geschichte gelingt, ist ein grandioser literarischer Parabelflug durch ihr Leben. Hier schließt sie die Kreise vom ersten Augenblick ihrer Mutter bis zum letzten Loslassen in einer so bewegenden Art und Weise, dass Geburt und Tod nicht nur verschmelzen. In diesem Buch erlangen sie einen neuen Sinngehalt. Vom Findelkind zum Wunschkind brauchte es vier Generationen. Berührend. Meine uneingeschränkte Leseempfehlung!

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

Wer das Gefühl erleben möchte, unsterblich zu sein, während die Geschichte einer Familie in einer ganz besonderen Stadt wie ein zeitloses Daumenkino vor dem inneren Auge abläuft, der ist im „Findelkind“ bestens aufgehoben!

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Findelkind von Eva M. Bauer

Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik

Hat keine Flügel, kann aber fliegen - Amili Targownik - Astrolibrium

Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik

Ihr Name ist Amili Targownik, Jahrgang 1995. Sie lebt in Israel und München, spricht vier Sprachen und studiert Sozialwissenschaften in Tel Aviv. Sie ist auf Instagram aktiv und hat mit „Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Meine Geschichte“ ihr erstes Buch veröffentlicht. Eindrücke und Leseimpressionen, sowie ihre eigenen Reaktionen auf das Feedback der Leserschaft sammelt sie unter dem Hashtag #wasmichbeflügelt. Ich bin der jungen Autorin nicht nur im Buch begegnet, ich nutzte die Chance, ihr zu schreiben und mich ein wenig mit einer jungen Frau zu unterhalten, die mich schon mit den ersten Worten ihrer Geschichte zu fesseln vermochte.

„Als Kind dachte ich, dass alle Menschen behindert geboren werden und mit achtzehn die Lizenz zum Gehen erhalten. Doch wenige Monate, nachdem meine Schwester zur Welt gekommen war, brach für mich eine Welt zusammen. Ich musste zusehen, wie sie krabbelte. Wie sie lief. Und ich musste einsehen, dass ich mich geirrt hatte. Die Lizenz zum Gehen existierte nur in meiner Vorstellung.“

Hat keine Flügel, kann aber fliegen - Amili Targownik - Astrolibrium

Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik

Als ich Amili Targownik schrieb, hatte ich keine Frau im Rollstuhl vor Augen. Ich hatte keine Begriffe, wie „zerebrale Kinderlähmung“ oder „Zerebralparese“ im Kopf, als ich ihre privaten Zeilen las. Ich trennte mich bewusst von der Vorstellung, mit einer Behinderten in Kontakt zu treten, da genau dieses Denken zu Fehleinschätzungen und falschen Voraussetzungen in der Kommunikation führt. Unbefangen wollte ich sein und schnell stellte ich fest, dass ich genau das sein durfte. Das ist das größte Handicap von Menschen ohne Handicap, das den ersten Kontakt mit Gehandicapten handicapt. Nicht bei mir. Ich habe meine Lektionen gelernt und teile die Welt nicht in gesund und krank, normal und nicht normal, behindert und nicht behindert auf. Ich sehe die Gefahren, die in solchen Verhaltensmustern verborgen sind. Vieles endet in purem Mitleid. Und genau darauf kann gerne verzichtet werden.

Mir liegt dieses Buch am Herzen, weil ich in ihm eine Autorin kennenlernte, die es schaffte, mir die Geschichte ihres jungen Lebens zu erzählen, ohne mir das Gefühl zu geben, mich für meine Gesundheit schämen zu müssen. Ganz im Gegenteil. Amili zieht ihre Leser auf Augenhöhe zu sich heran und lässt tiefe Einblicke in ihre Psyche, ihren Geist, ihr Gefühlsleben und ihr Kämpferherz zu, das sie auszeichnet. Sie schreibt nicht über das Leben im Rollstuhl, sie schreibt nicht über Alltagssituationen und keinesfalls ist sie auf der Suche nach Mitgefühl. Nein. Ich sage es ganz salopp. Dieses Mädel hat es literarisch faustdick hinter den Ohren, wenn uns Amili in ihre kleine Scheinwelt entführt und uns ihre Wegbegleiter in schweren Zeiten vorstellt. Und die kennen wir nur zu gut.

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Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik

Amili nimmt uns mit auf ihre Fluchten aus dem Alltag. Ihre Freunde sind dabei nicht von dieser Welt. Sie kommen und gehen im Lauf der Zeit, scheinen sich altersgerecht an sie zu schmiegen und begleiten sie durch ihr Leben, durch Schmerzwellen, Gefühle der Ungerechtigkeit, Alltagssorgen, aber auch in die erste Liebe, den ersten Kuss und das große erste Kribbeln im Bauch. Sie findet sich wieder in Winnie Puh, entdeckt mit Peter Pan die Sehnsucht der verlorenen Jungs und wird schließlich von einem Jungen begleitet, den wir aus Harry Potter kennen. Amilis erster heimlicher Kuss hat sehr viel mit einem gewissen Ron Weasley zu tun. Hier war ich ganz bei ihr. Hier hat Amili mein vollstes „Mitgefühl“, weil ich mich noch gut an Phasen in meinem Leben erinnern kann, die von Fantasiefreunden und Fluchten in eine Scheinwelt geprägt waren. Amili erzählt so greifbar, dass man wirklich mitfühlen kann, was diese Fantasiefreunde bedeuten.

Darüber hinaus sind ihre Perspektiven auf ihren Lebensweg überzeugend. Sie ist in der Lage, ihre Geburt zu beschreiben, wechselt die Perspektive zur Ungeborenen in lebensbedrohlicher Situation. Sie memoriert Erlebnisse, an die sie keine Erinnerungen haben kann, aber sie ist Schriftstellerin genug, um diesen Spagat zu meistern. Sie gibt allen Gefühlen Raum. Sie beschreibt den Neid auf die gesunde Umwelt, ihre Illusionen, irgendwann selbständig laufen zu können, ihren Hass auf Menschen, die sie nicht nur für körperlich, sondern auch für geistig behindert halten. Sie sprengt mit jedem Kapitel die Grenzen dessen, was sie zuvor eingeengt hat. Ihr Buch ist ein Plädoyer für jenes bedingungslose Zutrauen, das Eltern für ihre Kinder aufbringen müssen, um ihnen den Weg in die Zukunft ebnen zu können.

Hat keine Flügel, kann aber fliegen - Amili Targownik - Astrolibrium

Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik

Hat keine Flügel, kann aber fliegen“ spart neuralgische Themen nicht aus. Amili geht einen schweren Weg in ihrem Leben und in diesem Buch. Wir werden zu Zeugen ihrer fast schon zerstörerischen Beobachtung ihrer eigenen Schwester. Wir erleben an ihrer Seite den Leistungszwang in der Schule, die Gefahr des Abgestempelt-Werdens durch ein System, das Menschen gerne in Schubladen stecken würde. Aber wir sind auch in ihrer Nähe, wenn Therapeuten wahre Wunder bewirken und Amili den Raum geben, in ihren Grenzen selbst zum Wunder zu werden. Nicht aufgeben, weiterkämpfen, träumen und aufstehen, wenn man gefallen ist… All dies kann man von Amili Targownik lernen, wenn man sich auf diese junge Frau einlässt.

Ich habe beim Lesen dieses Buches oft an eine Hummel gedacht. Sie ist aus Sicht der Wissenschaft aerodynamisch gar nicht in der Lage zu fliegen. Ihre Flügel sind im Verhältnis zum Körper zu klein und entwickeln nicht genügend Auftrieb. Und doch fliegt die Hummel lustig durch die Blumenwiesen. Weil sie nicht weiß, dass sie eigentlich gar nicht fliegen kann. Bei Amili Targownik ist es genau umgekehrt. Sie weiß sehr genau, dass sie keine Flügel hat. Sie weiß, dass sie in engsten physischen Grenzen gefangen ist. Und doch erzeugt sie selbst so viel Aufwind, dass sie sich erhebt und Kunstflüge in ihrem Leben veranstalten kann. Wieviel innere Stärke braucht ein Mensch, um diesem Leistungsvermögen den Flugschein zu verschaffen? Antworten finden wir alle genau in diesem Buch. „Hat keine Flügel, kann aber fliegen„… (Penguin Verlag)

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In Erinnerung an Stefan Daniel

Ich schrieb einleitend, dass ich meine Lektion gelernt habe. Mein Lehrmeister war Stefan Daniel, dessen Buch „Hoffnung vergangen, aber…“ ich vor zehn Jahren auf dem damals noch existierenden Blog.Lovelybooks vorstellen durfte. Wir haben in der Folge dieser Interviews eine Vielzahl verrückter Dinge getan. Stefan hat mir seine Welt in ihren immer enger werdenden Grenzen vorgestellt. Und doch bleibt mir bis heute ein Satz aus seinem unerschöpflichen Fundus im Ohr.

„Ich sitze nicht im Rollstuhl.
Niemand sitzt in einem Stuhl.
Ich sitze auf meinem Rollstuhl.“

Stefan verstarb am 24. März 2020 um 10:15 Uhr in der Berliner Charité. Ich weiß, dass ihm das Buch von Amili Targownik sehr gut gefallen hätte, weil auch er über unsichtbare Flügel verfügte und so hoch flog, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Diese Rezension ist ihm liebevoll gewidmet. Stefan, Du fehlst…

Amili und Stefan – vereint im Humor, der ihre Geschichten so besonders macht.

Hat keine Flügel, kann aber fliegen - Amili Targownik - Astrolibrium

Hat keine Flügel, kann aber fliegen – Amili Targownik

Barracoon von Zora Neale Hurston [Sklaverei]

Barracoon von Zora Neale Hurston - Astrolibrium

Barracoon von Zora Neale Hurston

Sklaverei ist ein Zustand, in dem Menschen zumeist lebenslang als Handelsware oder Eigentum anderer behandelt werden. Besonders gut dokumentiert ist die Form der Leibeigenschaft im Fall der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die formale Abschaffung führte jedoch in den seltensten Fällen zu einer gesellschaftlichen Gleichstellung der befreiten Sklaven. Die Auswirkungen sind bis in unsere heutige Zeit zu spüren. Die Literatur hat einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Entrechtung der Afroamerikaner geleistet. Und doch ist noch viel zu erzählen. Es ist viel zu tun und es bleiben Fragen. Ich habe diesem Thema einen großen Schwerpunkt eingeräumt.

Zuletzt stelle ich Der Wassertänzer von Ta-Nehisi Coates vor. Meine Rezension endete mit den folgenden Worten:

Man findet viele Bücher zum Thema „Sklaverei“ auf AstroLibrium. Gerade in Zeiten eines im Wachstum befindlichen Rassismus, ein literarisches und soziopolitisches Feld, dem ich mich intensiv widme. Zum weiteren Verständnis lege ich Ihnen auch gerne den Artikel „Warum ich kein Rassist bin“ ans Herz. Mein Erbe lässt keine andere Position zu. Wenn ich ein Referenzbuch zu „Der Wassertänzer“ benennen müsste, dann wäre dies „Barracoon“ von Zora Neale Hurston. Der Erlebnisbericht des letzten Sklaven, der aus Afrika in die Vereinigten Staaten verschleppt wurde, lag 90 Jahre im Giftschrank, bevor er auch in den USA veröffentlicht wurde. Was bei Coates fiktional ist, hat in der Geschichte von Cudjo Lewis die literarische Qualität eines Augenzeugenberichts. Die Wurzeln der Sklaverei reichen tiefer, als wir glauben und sie reichen weiter, als es uns lieb sein kann. Die Buchvorstellung zu „Barracoon“ (Penguin Verlag) folgt bald…

Barracoon von Zora Neale Hurston - Astrolibrium

Barracoon von Zora Neale Hurston

Jetzt ist es soweit. „Der Wassertänzer“ liegt neben mir, und ich sehe noch immer die Bilder vor mir, die mir Ta-Nehisi Coates nachhaltig ins Gewissen geschrieben hat. Getrennte Familien, zerrissende Stammbäume, Traumatisierungen und Erniedrigungen. Ich fühlte mich lesend selbst, als wäre ich selbst ein Gegenstand. Besitz, Statussymbol, ein Tier. Man durfte seinen Hass an mir auslassen, mich vergewaltigen oder einfach so verkaufen. Was dies alles mit der menschlichen Seele machte, war egal. Auswege gab es kaum. Erst der Amerikanische Bürgerkrieg beendete die Sklaverei, ohne ihr wirklich Einhalt zu gebieten. Wer könnte besser davon erzählen, als ein Augenzeuge? Wer ist authentischer und wahrhaftiger, als ein Betroffener?

Mit „Barracoon“ von Zora Neale Hurston liegt jetzt ein Augenzeugenbericht vor, der einen dieser Sklaven zu Wort kommen lässt, der sowohl die Deportation aus Afrika, die Versklavung auf einer Südstaaten-Plantage, als auch die Befreiung erlebt hatte. Es ist Cudjo Lewis, dem die Autorin Gehör schenkte und für den sie zugleich zur Stimme wurde, indem sie seine Erzählung niederschrieb. Er selbst hätte seine Geschichte wohl nur an seine Nachkommen weitergeben können. Sein Lebensbericht hätte es auf diese Weise jedoch nicht bis zu uns geschafft. Und gerade wir sollten ihn lesen. Er ist zeitlos und relevant. Und er ist die beste Referenz zur Überprüfung fiktionaler Stoffe auf ihren Authentizitätsgehalt. Eine wichtige Funktion, da dieses Buch eine Romantisierung jeder Form von Sklaverei verhindert und ihr eine deutliche Abfuhr erteilt.

Barracoon von Zora Neale Hurston - Astrolibrium

Barracoon von Zora Neale Hurston

Trauen Sie sich und begegnen Sie dem letzten amerikanischen Sklaven, der noch von seiner Verschleppung aus der afrikanischen Heimat erzählen konnte. Lassen Sie sich auf Cudjo Lewis ein, der nicht nur vom amerikanischen Süden erzählt. Seine Geschichte beginnt, als er 1841 in Bante (Dahomey, heutiges Benin) zur Welt kommt. 1860 wurde er mit weiteren 115 Sklaven illegal nach Mobile, Alabama verschleppt. 1865 endete sein Dasein als Sklave und er lebte bis 1935 als freier Bürger in Africatown in Mobile. 1927 besuchte die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston den letzten Zeugen der Verschleppung und befragte den inzwischen 86-jährigen zu seinem Leben. Sie legte immer Wert darauf, dass nicht sie diese Geschichte erzählte. Es seien seine eigenen Worte, die sie bei ihren Begegnungen festgehalten habe. Sie habe nur immer wieder versucht, bei den einzelnen Treffen den Faden dieser Erzählung aufzunehmen und so eine Chronologie eines Lebensweges entstehen zu lassen.

Das fühlt man, wenn man sich in den Text fallenlässt. Sie moderiert ihre Gespräche mit dem ehemaligen Sklaven, sie gibt ihm Raum und unterbricht dann auch nicht mehr, wenn seine Erzählung Fahrt aufgenommen hat. Sein Tonfall und seine Sprache sind in der Originalausgabe unverkennbar, in der Übersetzung von Hans-Ulrich Möhring wird jedoch aus Cudjos Originalstimme eine gut verständliche deutsche Fassung, in der nie der Eindruck entsteht, es mit einem ungebildeten Mann zu tun zu haben. Diese Gefahr hätte jedoch bestanden, wenn der Übersetzer in eine Form von eingedeutschtem Slang verfallen wäre. Dankenswerterweise hat Hans-Ulrich Möhring diese sprachliche Klippe brillant umschifft.

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Barracoon von Zora Neale Hurston

Cudjo erzählt von lebenslangem Schmerz und Verlust. Er erzählt von der Sehnsucht nach seinem Afrika, aber auch davon, dass erst afrikanische Herrscher die Sklaverei in der freien Welt ermöglicht haben. Sie haben ihre Feinde gefangen, auf Sklavenmärkten angeboten und von weißen Sklavenhändlern außer Landes bringen lassen. Cudjo macht vor der Anklage gegen sein eigenes Volk nicht Halt. Er berichtet vom „Barracoon„, der Baracke, in der die Versklavten warten mussten, bis sie eingeschifft wurden. Hier geht auch für ihn die Reise los. Ohne Rückfahrtschein. Er wird Afrika nicht wiedersehen. Er landet auf einer Plantage, versucht das Beste aus seiner Situation zu machen, gründet in der Gefangenschaft eine Familie und lebt unter dem ständigen Vorbehalt der Willkür der weißen Besitzer. Es ist der Schmerz, den man fühlt, wenn er am Ende der eigenen Geschichte mit leeren Händen dasteht und nur Verluste beklagen kann.

Diesen Text kann man kaum noch vergessen. Er relativiert jede Sicht vom Anspruch heutiger Rassisten auf eine führende Rolle gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft. Freiheit ist ein relatives Gut. Es muss erkämpft und verteidigt werden. Hier ist die schwarze Bevölkerung der Vereinigten Staaten noch heute weitgehend auf sich gestellt. Die Initiative Black Lives Matter beweist das eindringlich. Als hätten wir nichts gelernt, sind wir immer noch bereit, andere Menschen in Schubladen zu stecken, dem Alltagsrassismus Raum zu geben und Minderwertigkeit zur Tradition zu erheben. Wenn man dieses Buch gelesen hat, wird es leichter sein, seine Haltung zu überdenken. Ein wahrhaftiger Zeitzeuge hat ein Schweigen gebrochen, das er nie verursacht hat.

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Barracoon von Zora Neale Hurston

Warum ich das betone? Seit seiner Entstehung bis jetzt lag das Buch im Giftschrank. Der Autorin warf man eine falsche Vorgehensweise vor, beschuldigte sie des Plagiats, schaffte es immer wieder, die Veröffentlichung zu verhindern. Später passte der Inhalt nicht mehr zu einem Amerika der Rassentrennung. Man ließ die Finger davon, um sie sich nicht zu verbrennen. Dass „Barracoon“ gerade jetzt erscheint und hohe Wellen schlägt, zeigt mir, dass jedes Buch seine Zeit hat. Cudjo Lewis würde sicher amüsiert sein, wenn er wüsste, welchem amerikanischen Präsidenten ein solches Werk gerade um die Ohren fliegt. Ta-Nehisi Coates und Cudjo Lewis haben eine neue Frontlinie aufgemacht. Es wird schwer, sie zu überschreiten.

Ein Kritikpunkt am Buch bleibt. Es wirkt mit seinen 220 Seiten recht umfangreich und ich war im Vorfeld sehr gespannt auf des Leben von Cudjo Lewis. Mir ist auch klar, dass ein solches Buch durch die gezielte Einleitung und Kommentierung in den Kontext unserer Zeit gestellt werden muss. Dass jedoch abzüglich von Vorwort, Einleitung und Glossar mit Danksagungen, Anmerkungen und Quellen gerade einmal 86 Seiten für die eigentliche Geschichte bleiben, fand ich persönlich zu unausgewogen. Man kann ja vorblättern, sollte allerdings nicht erwarten, dass Cudjo Lewis dieses Buch füllt. Ich bin der festen Überzeugung, dass seine Geschichte eine klaffende Lücke im Narrativ der Sklaverei schließt. Ein relevantes Buch. Sie wollen Cudjo sehen? Es sind seltene und absolut einzigartige Aufnahmen aus der Zeit, in der das Buch entstand:

Die Bibliothek zum Thema „Sklaverei“ auf AstroLibrium.

Eine lesenswerte Rezension findet ihr bei Jana im „Wissenstagebuch„…

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