„Nick Cave – Mercy on me“ von Reinhard Kleist

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Was, wenn ein Buch augenscheinlich für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben wurde und ich mich ganz sicher nicht zu dieser Gruppe zähle? Finger weg? Links liegen lassen und nicht beachten? Was aber, wenn genau dieses Buch von jemandem verfasst und illustriert wurde, der mein Lesen schon mehrfach bereichert hat? Schwere Entscheidung? Vielleicht! Nicht jedoch, wenn es sich um Reinhard Kleist handelt, weil er mich schon mit „Ein Maler zieht in den Krieg“, „Der Traum von Olympia“ und „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ nachhaltig beeindruckt hat. Wort- und bildgewaltig ist er in mein Leben getreten, hat der verzweifelten jungen Olympiahoffnung Samia Yusuf Omar, meinem Lieblingsmaler Franz Marc und einem Klassiker von Ray Bradbury mit seinen Werken neues Leben eingehaucht und nun bin ich in vielerlei Hinsicht von „Nick Cave“ überwältigt, weil die Graphic Novel aus dem Hause Carlsen Verlag mit mehr als 320 großformatigen Seiten das wohl umfangreichste Buch von Reinhard Kleist ist.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Nick Cave. Mercy on me.” Ein verheißungsvoller Titel, da ich mich auch ein wenig nach Gnade sehnte. Oder sollte ich besser sagen „Shame on me“, weil mir der Name gar nichts sagte. Ein klassischer Fall von Bildungslücke oder selektiver Wahrnehmung, wie sonst sollte ich mir erklären, dass dieser Musiker bisher nicht auf meiner Playlist in Erscheinung getreten ist. Nick Cave. Ich musste doch tatsächlich Wikipedia bemühen und erst nach einer ersten Recherche erinnerte ich mich dunkel an ein Duett mit Kylie Minogue. „Where The Wild Roses Grow“. Ja, das sagte mir was, aber scheinbar war es so, dass ich 1995 eher auf die Sängerin geachtet habe, als auf den zotteligen Punk an ihrer Seite.

Allerdings konnte ich mich noch gut an das emotionale und traurige Musikvideo über die Vergänglichkeit der Schönheit und des Lebens erinnern. Warum jedoch sollte ich mich der Graphic Novel widmen, wenn mir schon der Name des Sängers gar nichts sagte? Konnte ich denn überhaupt verstehen, was Reinhard Kleist hier illustriert und geschrieben hatte? Ich zweifelte zwar, ließ mich aber doch auf das hochwertig und aufwendig gestaltete Buch ein. Nein. Ich kann nicht nein zu Reinhard Kleist sagen. Und so begegnete ich Nick Cave zum ersten Mal in meinem Leben in einem Buch. Nicht auf der Bühne oder in einem Musikalbum, nicht auf meiner Playlist und schon gar nicht rein akustisch. Der erste Zugang zu einem Menschen, der so durch seine Musik geprägt ist, war ein optischer. Konnte das gutgehen?

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Es hat dann ein wenig gedauert, bis mir klar war, was Reinhard Kleist mit meinen Sinnen veranstaltete. Allerdings wirklich nur ein wenig, denn dann surfte ich auf einer Welle, die ich musikalisch noch nie zuvor bewältigt hatte. Ich sah die Musik von einem Musiker, ich las sie und ich wurde in sein Leben entführt, das nun in allen Facetten vor mir ausgebreitet wurde. Diese Graphic Novel ist die Playlist einer Karriere, der es nicht an tiefgründigen Lyrics fehlt. Dieses Buch rockt sich in die Seele der Leser, weil es auf jeder Seite einen anderen Rhythmus vorgibt. Mal sanft, dann wieder rebellisch und am Ende fast schon versöhnlich sentimental. Ein Buch, das man hören kann, wenn man es zulässt. Ich habe es zugelassen und bin dankbar dafür.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Reinhard Kleist schreibt und illustriert eine Hommage an seine Rock-Ikone, ohne sich dabei auf das Leben von Nick Cave zu stürzen. Biografisch ist das Buch sicherlich, aber die Perspektive ist außergewöhnlich. Wir nähern uns dem Sänger durch die Texte und Songs, die er schrieb. Wir lernen ihn durch die fiktionalen Figuren kennen, die von ihm besungen, ermordet, geliebt und vergöttert wurden. Und diese Protagonisten sind es, die Nick Cave mit ihrem Schicksal in der Musik konfrontieren. Beeindruckend, den Sänger mit jenem besungenen Killer zu erleben, den er auf den „Mercy Seat“, also auf den elektrischen Stuhl, komponierte. Emotional, das Schöne sterben zu sehen, weil es eben sterben muss. Eine Rose zwischen den geschlossenen Lippen, den Blick gerade erst gebrochen und im Wasser treibend. Kylie Minogue mit einem glanzvollen Auftritt.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Am Beispiel Nick Cave beginnen wir uns in Künstler hineinzuversetzen, die nach neuen Wegen suchen, die einzigartig und anders sein wollen, die sich vom Mainstream und seinen Grenzen lösen wollen. Wir erleben Schaffenskrisen, Blockaden und Krisen. Die Bewusstseinserweiterung durch Drogen erscheint wie das Doping bei Sportlern. Im Wettstreit mit den Kreativen dieser Welt ist die neue Idee, der zündende Funke jeweils auch die Lebensversicherung ohne die auch ein Künstler nicht existieren kann. Extrem ist hier die Individualität. Und ohne Ego geht man unter. Nur so entstehen Ikonen. Und nur diese können die Welt verändern. Hier ist Nick Cave die Metapher für Kultur in ihrer reinsten Ausprägung. Trendsetter, Weltveränderer und Lifestyle-Prototypen leben ihre Genialität nicht in mathematischen Formeln und bürokratischen Schranken. Sie leben.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Nick Cave – Mercy on me“ steht nicht allein für sich. Ein aufwendiges Artbook im Schallplattenformat begleitet die Graphic Novel. „Nick Cave & The Bad Seeds“ ist im Gesamtkontext der biografischen Annäherung an diesen Musiker nicht nur eine reine Werkstudie von Reinhard Kleist. Der Bildband zeigt vielmehr weitere Details und auch Portraits, Lebensmomente und illustrierte Hintergründe zum Leben von Nick Cave. Es sind Bücher, die sich komplementär ergänzen und meiner kleinen Bibliothek der Werke von Reinhard Kleist sehr gut zu Gesicht stehen. Aus diesen Spiegelscherben eines Sängers wird ein Spiegelkabinett mit eigenem Sound. Das Songbook eines Lebens.

Nick Cave – Artbook von Reinhard Kleist

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„Was wichtig ist“ – Eine Rede von J.K. Rowling

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Wie starten wir am besten in ein neues literarisches Jahr? Vielleicht mit Inspiration, Energie und einem scharfen Blick auf das Wesentliche. Vielleicht sollten wir mit einem Ende beginnen. Das mag ja ein wenig paradox klingen, aber in jedem Abschluss liegt auch immer ein Neubeginn verborgen, der uns in die Zukunft begleiten wird. Beginnen wir doch einfach das neue Jahr in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium mit etwas wahrhaft Wichtigem und widmen uns der Frage:

Was wichtig ist. (Die Rezension kann man auch hier hören: Literatur Radio Bayern)

Was wichtig ist von J.K. Rowling – Meine Radio-Rezension

Barack und Michelle Obama, John F. Kennedy, Mark Zuckerberg, Matt Damon, Bill Gates, Tommy Lee Jones, Ralph Waldo Emerson… Eine illustre Reihe bedeutender Menschen, die in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu Ruhm gelangt sind. Eine Gemeinsamkeit fällt auf den ersten Blick nicht auf. Sie sind Absolventen der Elite- Universität Harvard, die an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika 21000 junge Menschen pro Jahr auf ihr akademisch geprägtes Leben vorbereitet. Wenn man sich also die Reihe der prominenten Menschen anschaut, die oben aufgeführt sind und sich dann überlegt, mit wem man es zu tun hat, wenn man sich die heutigen Studenten anschaut, die Harvard Jahr für Jahr verlassen, dann weiß man, mit wem man es künftig zu tun haben könnte. Präsidenten, Schriftsteller, Weltveränderer…

Traditionell werden die Abschlussjahrgänge in einem großen Zeremoniell von der Universität verabschiedet und ebenso traditionell werden ganz besondere Menschen gebeten, im Rahmen dieser Abschlussfeier eine Rede zu halten. Am Ende einer langen Studienzeit soll eine Initialzündung erfolgen, die den künstlichen Horizont dieser jungen Theoretiker um den Blick auf das wahre Leben erweitern soll. Im Jahr 2008 trat man an eine britische Schriftstellerin heran, die als Erfindern einer der magischsten Schulen im Universum zu Weltruhm gelangt ist. Von ihr versprach man sich wohl inspirierende als auch magische Impulse aus berufenem Munde. Gemeint ist J.K. Rowing

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Ihre Vita ist beachtlich. Ihre Karriere klingt wie ein Wunder. „Harry Potter“ hat sie weltweit zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen unserer Zeit gemacht. Ein Erfolg, der sich nicht vorhersehen ließ. Eine Erfolgsgeschichte, die sie niemals so geschrieben hätte, weil Glück, Bestimmung und ein unglaubliches Durchhaltevermögen erforderlich waren, um überhaupt einen Verlag zu finden, der diese Geschichte veröffentlichen und nachhaltig vermarkten wollte. Ja, sie hat etwas zu erzählen. Was aber hatte sie im Jahr 2008 als Rüstzeug für Harvard-Absolventen im Gepäck? Wie lautete ihre Botschaft und was macht diese Rede auch heute noch so lesenswert?

„Vom Nutzen des Scheiterns und der Kraft der Fantasie.“

Diese beiden Kernthemen wollte sie in den Vordergrund stellen. Ambitioniert finde ich angesichts der zwanzigminütigen Redezeit, die ihr zugestanden wurde. Ambitioniert auch angesichts der Tatsache, dass J.K. Rowling eher dafür bekannt ist, ihre Botschaft in Enzyklopädien nicht unter sieben Bänden zu verpacken. Ambitioniert angesichts der Tatsache, dass sie sich im Vorfeld darüber im Klaren war, wer hier zu wem spricht. Der auf ihr lastende Druck war so groß, dass nur ihre selbstironische Souveränität und das klare Bekenntnis zur eigenen Unzulänglichkeit in der Lage war, das Eis zu brechen.

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Die Rede „Was wichtig ist“ liegt nun in gebundener Fassung beim Carlsen Verlag vor. Es ist das zarte Pflänzchen eines Buches, das J.K. Rowlings Worte auf 70 Seiten an Menschen weiterreicht, die nicht unbedingt über einen Harvard-Abschluss verfügen. Verziert, ausgeschmückt und untermalt ist die Rede mit Illustrationen von Joel Holland, die der Symbolkraft der Worte die metaphorische Macht der Bilder und Zeichnungen an die Seite stellt, um sie noch tiefer in unserem Bewusstsein zu verankern. Ein Zweiklang, der zeigt, dass J.K. Rowling ihre Worte nicht an die akademische Elite adressierte. Sie sprach zu Menschen, mit Menschen über Menschen. Übermenschliches erwartete sie nicht von ihren Zuhörern. Das macht den Text für uns alle zugänglich.

Im eigentlichen Sinn beinhaltet ihr Text auch keine richtungsweisende Botschaft, weil sie weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft deutet. Sie zeigt auf das Herz. Sie packt die Menschen beim Verstand und appelliert an alle Sinne. Sie lebt ihre Worte vor, weil ihr Aufruf, sich in andere Menschen hineinzuversetzen nur gelingen kann, weil es ihr an diesem Tag der Rede gelang sich in ihre Zuhörer hineinzuversetzen. In all die Unsicherheiten, den Selbstzweifel und die Angst vor einem neuen Lebensabschnitt. Sie ermutigt, ermuntert und bestärkt jene, für die das Scheitern zur Lebensgefahr mutiert.

Sie zeigt mit der Kraft der Fantasie einen Weg auf, den jeder beschreiten kann, dem die Angst vor dem Scheitern monströse Steine in den Weg legt. Und dabei theoretisiert sie nicht. Nein. Sie nimmt sich selbst als Beispiel. Ihr persönliches Scheitern. Ihre Kraft, die sie aus ihren Niederlagen zog und ihre Fantasie, die sich als Rettungsanker erwies. Aus ihrer Rede zu zitieren halte ich für nicht angebracht, da sie ein geschlossener Kreis einer sich langsam erschließenden Argumentationskette ist. Eine Kette, die wir alle gut tragen können. Eine Kette, die jedem Menschen wirklich gut zu Gesicht steht und nicht zuletzt eine Kette, die zu jedem Anlass im Leben Sinn macht und Freude schenkt. Eine Rede nicht nur für Liebhaber und Kenner von Harry Potter. Worte eines Menschen, die sich ihren Weg aus berufenstem Munde in unsere Ohren und Herzen bahnen.

Ein guter Beginn für ein neues Jahr. Zu verstehen, dass Scheitern zu unserem Weg gehört, dass wir mit der Macht unserer Fantasie gegen Ängste ankämpfen können und dass wir unser Leben nie in den Griff bekommen, weil es sonst nicht unser Leben wäre. Planbar, vorherbestimmt und alternativlos. Lasst uns auch das neue Jahr gestalten. Es steht unter einem guten Stern in der kleinen literarischen Sternwarte. Was mir für 2018 wichtig ist liegt auf der Hand. Ich möchte heute nicht wissen, wie es endet. Ich möchte gestalten und aktiv sein, mich engagieren und der Kreativität freien Lauf lassen. Nicht zuletzt verschreibe ich mich den Menschen in meiner Herzensnähe und allen Büchern, die meinen Weg kreuzen. Mein Herzensjahr 2018. Herzlichst willkommen.

Was wichtig ist von J.K. Rowling und Dasist Wasser von David Foster Wallace

J.K. Rowling erreicht mit „Was wichtig ist“ die Qualität einer Abschlussrede, die zu den legendärsten überhaupt gezählt wird.Das hier ist Wasser. Eine Anstiftung zum Denkenvon David Foster Wallace gilt als der Mutter aller Abschlussansprachen. Ich habe ihr viel Raum gegeben. Sie hat mich inspiriert und begeistert. Sie lenkt den Blick auf und in das Gegenüber, dem wir so kritisch und bissig begegnen. Empathie ist das Bindeglied zwischen beiden Reden. Mögen sie die Welt verändern.

Der Bogen und das Wichtige. Ein guter Start ins neue Jahr…

Was wichtig ist von J.K. Rowling – Ein guter Start ins Jahr

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Nun kann man schon die Tage zählen, bis Weihnachten vor der Tür steht und wir befinden uns gefühlt im Endspurt auf der Zielgeraden eines turbulenten Jahres. Hektik und Stress fressen uns auf, und manch einer von uns sinkt schon in ein paar Tagen vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum zusammen und seufzt erschöpft auf. Wir rennen, hetzen und suchen. Jagen letzten Terminen hinterher und erledigen noch ganz schnell die Weihnachtspost für unsere Lieben. „Frohes Fest und pass` auf dich auf!“ Es bleibt kaum Zeit für mehr, geschweige denn für Handschriftliches. Es wird gemailt, was das Zeug hält und zu guter Letzt kann vielleicht noch eine Sammel-WhattsApp ein paar Grüße übermitteln, die wir schlicht vergessen haben. (hörbar als Radio-PodCast)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Meine Radio-Rezension

Einen ganzen, ellenlangen Brief mit der Hand zu schreiben ist wohl aus der Mode gekommen. Dabei hat genau dieses handschriftliche Schreiben eine ebenso schöne, wie romantische Tradition. Schreiben Sie mir, oder ich sterbelegt Zeugnis davon ab. Ein Buch und seine Hörbuchadaption als Liebeserklärung an das Briefeschreiben. Ich habe diesem Gesamtkunstwerk einen warmen Platz in meiner kleinen literarischen Sternwarte eingeräumt und nun kommt eine weitere Briefedition hinzu, die mich in den letzten Tagen gefesselt und berührt hat. „In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz, herausgegeben und kommentiert von Petra Müller und Rainer Wieland, öffnet diesmal Weihnachtsbriefe berühmter Männer und Frauen für unsere Augen. Als Buch im Piper Verlag erschienen, schließt sich nun die Hörbuchedition von Random House Audio an und lässt uns bewegende und berührende Zeilen hautnah erhören.

In meinem Weihnachtsstrumpf finden sich Dein Herz, Dein Körper, Deine Seele. (Jean Cocteau an Jean Marais)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Ich habe gelesen und gehört. Bin tief versunken in Briefen, die nicht für meine Augen oder Ohren bestimmt waren und doch Zeugnis ablegen von Beziehungen, Lieben und Leidenschaften, von denen die Welt oft gar nichts erfahren durfte. Briefe voller Zartheit und Hoffnung. Briefe voller Zuneigung und Zuversicht. Jedoch auch Zeilen, von denen wir heute wissen, dass sie niemals in Erfüllung gingen. Ich reiche euch den Brieföffner für diese besondere Edition und zähle auf eure Verschwiegenheit. Wir treffen auf ganz besondere Menschen, die tiefe Spuren in unserem Lesen hinterlassen haben und zum Weihnachtsfest sollten wir an sie denken, weil sie ähnliche Wünsche hatten wie wir. Es ist ein Privileg des Lesens und Hörens, diese Zeitreise unter die Tannenbäume längst vergangener Epochen antreten zu dürfen. Folgt mir…

„Es ist schön, bedeutende Männer zu haben, und ich bin so froh, dass du einer bist!“

Was für ein Kompliment aus der Feder einer einzigartigen Frau. Liebe, Sehnsucht nach einem zweiten Kind und unendliche Zuversicht überstrahlen den Weihnachtsbrief von Zelda an ihren Mann Scott F. Fitzgerald. Wundervolle Worte, die sie ihm schrieb, als die wohl größte Liebesgeschichte der 1920er Jahre vor ihren Trümmern stand. Hier beginnt  Weihnachten 1931 die Zeit der Trennung und das dunkle Kapitel im Leben der Lebenskünstler wird aufgeschlagen. Nichts mehr von Himbeeren mit Sahne im Ritzund kaum noch eine Spur von „Für dich würde ich sterben“. Umso bewegender, den Weihnachtsbrief an eine große vergangene und unerfüllbare Hoffnung zu lesen und zu hören.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

„… ich hatte dich wirklich seit sieben Jahren unter meiner Haut und wollte nicht.“

So schreibt Erich Maria Remarque dem kleinsten und weichsten aller Nestvögelseines Lebens. Man mag es auch heute noch kaum glauben, wem diese Zeilen galten. Marlene Dietrich und Remarque verband eine fast lebenslange, wenn auch heimliche Liebe, deren Beginn in der Briefkollektion „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ für die Nachwelt enthüllt wurde. Später wurde „Die Dietrich“ für Remarque zur „Entglittenen“. Wie alles endete wissen wir heute. Ein Telegramm ans Sterbebett kam gerade noch an, bevor der Autor von „Im Westen nichts Neues“ die Augen schloss. 1937 jedoch hatte er den gewohnt wachen Blick auf das wohl ironischste Fest, das man so feiert. Er schließt mit den Worten:

„Sei gegrüßt, du Geliebte und geh nie von mir, du würdest mich zerreißen!“

Einen Hundebesuch zu Weihnachten beschreibt eine Schriftstellerin, die weltweit durch ihre Briefwechsel bekannt wurde. Helene Hanff. Die Radiobriefe aus New York an ihre Heimat England genossen Kultstatus. Zu Weihnachten nimmt sie die einfachen Verhältnisse ihres Lebens im Big Apple auf die Schippe, macht sich über den Versuch einer Baumschmückparty in ihrem Einzimmer-Apartment lustig und läutet damit schon fast das Zeitalter der Schlafcouch ein, die als Garderobe für die Besuchermäntel dient. Herrlich skurril. Herrlich auch, das Essen für die Gäste im gesamten Haus zu verteilen, weil nicht genug Platz in der eigenen Wohnung ist. Herrlich turbulent, was sie uns hier anvertraut. Die Autorin von „84, Charing Cross Road. Eine Freundschaft in Briefen“ war 1978 in wahrer weihnachtlicher Schreiblaune…

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Weihnachtsbriefe aus dem Gefängnis gab es auch. Nicht so lustig, nicht skurril und gar nicht weihnachtlich. Eher sehnend, hoffend und verzagend. Wer Rosa Luxemburg nur als ermordete Kämpferin für die Arbeiterklasse kennt, der sollte ihren Brief aus dem Jahr 1917 an Sophie Liebknecht lesen und hören. Wenn Schmerz hinter Gittern jemals spürbar wurde, dann hier. Rosa erzählt von einer Begegnung mit einem Büffel, der als Lastentier vor den Wagen gespannt wurde. Bestialisch gequält, missbraucht und doch nur still leidend. Ihr Blick auf das Tier wird zum Blick in ihre Seele. Sie schreibt den Riss in der Büffelhaut in unser Herz. Kein schönes Weihnachten. Zwei Heiligabende sollten ihr noch bleiben…

„Mutter, fall nicht in Ohnmacht… Ich komme für die Feiertage nach Hause, mit einem Mann und einem Motorrad.“

Dorothy L. Sayers schrieb einen Weihnachtsbrief, den meine Tochter nicht lesen sollte. Die Krimi-Autorin bereitet ihrer Familie 1922 eine besondere Überraschung und gerät beziehungstechnisch auf die schiefe Bahn. Sie begegnet einem mittellosen Mann, der nur ein Motorrad besitzt, schleppt ihn unter den Familien-Weihnachtsbaum und hat keine andere Erklärung als die Liebe auf den ersten Blick. Unter der Kategorie „Leben ist, was uns zustößt“ beinhaltet dieser Brief alles, wovor man seine Tochter schützen möchte. Nein. Ein Motorradfahrer kommt nicht ins Haus. Das steht fest. Das aus dieser Beziehung stammende Kind hat die Autorin übrigens bis ins hohe Alter verleugnet.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Zahllose weitere Briefe ließen sich rezensieren. Von Tucholsky, bei dem zum Fest aus Waren Gaben werden, bis hin zu Jean Paul Sartre, der seinem Spitznamen Castor (fleißiger Biber) auch an Heiligabend alle Ehre macht reicht das Spektrum der Edition. Die Briefe zu lesen ist ein entschleunigendes Fest für die Augen. Sie anhören zu dürfen verleiht der Vergangenheit Flügel, die bis unter unseren Tannenbaum reichen. Claudia Michelsen und Devid Striesow entführen uns in die weihnachtlich geschmückten und herausgeputzten Stuben berühmter Frauen und Männer. Unter die Weihnachtsbäume längst vergangener Zeit legen sie ihre Stimmen als zeitlose Geschenke für ein frohes Weihnachtsfest von heute.

Frauen- und Männerbriefe legen Zeugnis ab von Leben, die lange gelebt, Lieben, die lange geliebt und Leidenschaften, die bis in die heutige Zeit überliefert sind. Liebe und Zuversicht strahlen aus einer Vergangenheit zu uns, die uns weit entrückt vorkommt. In einer Welt, die nur von Frieden träumt stellen wir fest, dass wir den Schreibern aus der längst vergangenen Welt vielleicht näher sind, als wir denken. Haben wir andere oder ganz neue Wünsche? Ich denke nein. Bleibt noch die Frage, wer in 100 Jahren unsere Briefe liest und wie man sie in unsere Zeit einordnet. Dies übernimmt im Hörbuch mit brillanter Stimme Christian Baumann. Die Zwischentexte, die mehr als nur einordnen und moderieren, sind das Salz in der Buchstabensuppe dieser Hörbuchbriefe.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

16 Briefe sind im Hörbuch zu hören. 41 Briefe befinden sich im Taschenbuch. Es ist das perfekte Weihnachtsgeschenk für bibliophile Menschen, die alle Sinne für das Besondere öffnen können.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

„Wild“ – Der letzte Trip auf Erden mit Reinhold Messner

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner zuzuhören ist ein Erlebnis. Ihn zu lesen steht dem in nichts nach. Er weiß sehr genau worüber er schreibt, wenn er das Extreme beschreibt, wenn er über die Motivation von Menschen spricht, die sich Ziele gesteckt haben, von denen wir noch nicht einmal zu träumen wagen. Messner weiß dies, weil er selbst ein Besessener war, dessen Reputation noch heute auf der Bewältigung des Extremen gründet. Berge ohne Sauerstoff zu besteigen, Alleingänge und Erstbesteigungen, Rekorde über Rekorde, im ewigen Eis Spuren zu hinterlassen, das sind die Wegmarken seines Lebens, die uns an den Reinhold Messner erinnern, wie er sich selbst gerne sieht.

Aber es sind auch die Konflikte mit seinen Bergkameraden, den Männern an seiner Seite, die von seinem extremen Ego künden und den Eindruck erwecken, es mit einem Leitwolf, einem Alphatier zu tun zu haben. Keinesfalls jedoch mit einem empathischen Teamleader. Umso erstaunlicher scheint es, dass er sich in seinem neuesten Buch mit einem Menschen auseinandersetzt, der genau aus diesem Grund zu einer Legende in der Geschichte der Polar-Expeditionen wurde. Einer fast vergessenen Legende, muss man dazu sagen, denn den Ruhm erntete ein anderer, der in seinem Wesen eher dem Extrembergsteiger Reinhold Messner gleicht.

Wild von Reinhold Messner

Wild“ [waild] erzählt die Geschichte des englischen Abenteurers Frank Wild, der die Antarktis im frühen 20. Jahrhundert besser kannte als seine Westentasche. Zahllos waren seine Beteiligungen an Expeditionen zur Erforschung dieses neuen Kontinents, zahllos seine Versuche mit unterschiedlichsten Expeditionen zum Südpol vorzustoßen und ihn für sein Land in Besitz zu nehmen. Zahllos waren auch seine Kontrahenten, die in einem wahren Wettlauf zum Südpol das letzte große Ziel für Entdecker erobern und sich selbst dadurch unsterblich machen wollten. Die Geschichte von Frank Wild jedoch ist nicht die Geschichte eines Robert Falcon Scott oder eines Roald Amundsen. Wir haben es hier nicht mit einem großen Forscher zu tun, der berühmt werden möchte.

Frank Wild ist der sogenannte Zweite Mann an der Seite von Ernest Shackleton, der „Right Hand Man“ ohne den man heute wahrscheinlich über die vielen Toten berichten müsste, die Shackletons Ehrgeiz zum Opfer gefallen wären. Jenem Shackleton, der es nicht geschafft hatte, im Wettrennen um den Südpol eine wichtige Rolle zu spielen, der sogar von Robert F. Scott ausgebootet und bei Weitem übertroffen wurde. Gescheitert und frustriert beschließt Shackleton in einem letzten Anlauf und mit einem aberwitzigen Plan im Jahr 1915 die so sehr ersehnte polare Unsterblichkeit zu erlangen.

Wild von Reinhold Messner

„Der letzte Trip auf Erden“ soll ihm den Durchbruch bringen. Eine Expedition, mit der er endlich zu Weltruhm gelangen könnte. Die Durchquerung der Antarktis. Wissend um seine eigenen Fähigkeiten und Schwächen setzt Ernest Shackleton erneut auf den Mann, der als sein Stellvertreter dafür verantwortlich ist, die Mannschaft zu führen und die Männer der Expedition in bedrohlichen Situationen durch persönliches Vorbild zum Überleben zu motivieren. Frank Wild ist der symbiotische Charakter, der Shackleton im Kampf gegen die Natur komplementär zu ergänzen scheint. Ruhmsucht ist ihm fremd, Empathie scheint ihm in die Wiege gelegt worden zu sein und sein Umgang mit denen, die ihm anvertraut sind ist entscheidend für den Erfolg dieser Mission.

Shackletons „Imperial Trans-Antarctic Expedition“ scheitert krachend. Sein Schiff „Endurance“ bleibt im Packeis stecken, wird von den Eismassen zermalmt und die 28 Männer müssen sich mit Rettungsbooten einen Weg zu einer kleinen Insel erkämpfen. Dort heißt es warten und sterben oder in einer letzten aberwitzigen Aktion alles auf die Karte Shackleton zu setzen. 22 Männer bleiben im antarktischen Winter auf Elephant Island zurück, während Shackleton mit fünf Begleitern in einem der Boote losfährt, um Hilfe zu holen. Frank Wild ist es, der zurückbleibt. Als Führer der verzweifelten Gruppe, die zur Untätigkeit verurteilt ist und nichts tun kann, außer auf Hilfe zu warten.

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner stellt nun diesen Frank Wild in den Mittelpunkt. Eine Position, in der er sich sicher nicht wohlgefühlt hätte. Messner beschreibt sein Wesen, Gründe und Ursachen für seine Fähigkeit, Menschen zu führen und entwickelt dabei ein zeitloses in sich geschlossenes Bild, was charismatische Führer ausmacht. Messner schreibt über grenzenloses Vertrauen, Vorbildhaftigkeit und Bescheidenheit. Alles Wesensmerkmale über die Frank Wild zweifelsohne verfügt und die in den Tagebuchaufzeichnungen der Überlebenden belegt sind. Vier Monate dauert das Martyrium der 22 auf der Insel. Kein einziger von ihnen begeht Selbstmord, niemand wird aufgegeben, alle überleben bis zu dem Moment der Rückkehr von Ernest Shackleton.

Messner schreibt sich und seine Leser voller Ehrfurcht auf diese Insel. Er macht uns zu Schiffbrüchigen, die das Bersten der Schiffsplanken der Endurance noch im Ohr haben, die hungern, frieren und in ihrer Hoffnungslosigkeit versinken. Der Gestank der Männer macht alles mürbe, die Sehnsucht nach Wärme frisst sich ins Herz und die pure Angst beherrscht unser Schlafen. Immer wenn wir denken, es geht nicht weiter, ist da jener Frank Wild. Unerschütterlich, in sich selbst ruhend und alle Entbehrungen mit seinen Männern teilend. Loyal gegenüber dem Boss, der sicher bald kommt und ruhig, wo andere die Nerven verlieren. Reinhold Messner erweist einem Mann die Ehre, der er selbst nie hätte sein können. Reinhold Messner wäre selbst losgefahren, hätte Rettung geholt und wäre dann als Held der in die Geschichte eingegangen. Und genau das ist es, was dieses Buch so magisch macht. Nur ein Leitwolf kann einem Zweiten Mann die Ehre erweisen, weil ein Zweiter Mann nie über sich schreiben würde. Nur ein Alphatier kann auf den stärksten Charakter im Rudel zeigen. Ohne Rigth Hand Man Frank Wild wäre die Geschichte der Endurance die Geschichte eines Massengrabes auf Elephant Island.

Wild von Reinhold Messner

Ein fesselndes und nachhaltig wirkendes Buch! Wie sein „Absturz des Himmels“ bringt es uns die Leistungsfähigkeit von Menschen unter extremen Bedingungen näher und erweitert unseren Horizont, auch weil er die jeweiligen Expeditionen in ihren sozio-historischen Hintergrund einbettet. Es ist bitter für Shackleton zu erkennen, dass kaum jemand an seiner Story interessiert ist, weil Europa in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges ausblutet. Und doch ist dies auch ein Buch mit einem erstaunlichen Bruch, da Reinhold Messner ein Kapitel ausblendet, das für die Männer der Endurance mehr als traumatisch war und ewig nachwirkte. Ein Kapitel, das nicht mal das Bilderbuch von William Grill „Shackletons Reise“  ausblendet, obwohl hier die Zielgruppe Kinder sind.

Ich spreche hier von 69 Schlittenhunden die an Bord der Endurance waren. Tiere, die erschossen werden mussten, nachdem ihre Rettung ausgeschlossen war. Hunde, die der Besatzung mehr als ans Herz gewachsen waren. Teams, die blind funktioniert haben und Bindungen, die von Frank Wild zerrissen wurden, weil ihm die Aufgabe ihrer Erschießung zukam. Er selbst schrieb dazu:

Ich habe Männer gekannt, die ich an diesem Tag lieber erschossen hätte, als den schlechtesten dieser Hunde.

Einige der Männer haben ihm das nie verziehen. Ein Aspekt, den man nicht einfach vernachlässigen darf, wenn man über Frank Wild schreibt. Denn das Überleben auf der Insel war nicht harmonisch. Signifikant dafür ist auch, dass vier Überlebende von einer Liste gestrichen wurden, mit der Ernest Shackleton seine Besatzung für die Verleihung der Polarmedaille vorschlug. Unter ihnen auch der Schiffszimmermann Harry McNish.

Wild von Reinhold Messner

Von ihm wird noch zu reden sein. Er brachte die Schiffskatze Mrs. Chippy an Bord. Auch Mrs. Chippy wurde erschossen. Ihre Geschichte wurde von Caroline Alexander in einem bewegenden Buch erzählt. „Mrs. Chippys letzte Expedition in die Antarktis“ ist schon insofern erwähnenswert, weil die Autorin neben diesem Kinderbuch auch das absolute Standardwerk zur Expedition „Die Endurance“ verfasst und Elephant Island mit Reinhold Messner besucht hat. Eigentlich schließen sich hier alle Kreise. Ich mag jedoch einen Kreis öffnen und die Geschichte der Schiffskatze von einer Autorität auf diesem Gebiet rezensieren und beleuchten lassen.

Pauli vom Blog Lesende Samtpfote wird an Bord der Endurance gehen und sich auf die Suche nach den Spuren von Mrs. Chippy begeben. Hier geht’s bald weiter.

Wild wirft Fragen auf, die vielleicht die Schiffskatze der Endurance beantworten kann

Die „Verborgene Chronik“ (1914 – 1918) in Schrift und Ton

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Warum nicht mit meinem diesjährigen Urlaub beginnen? Warum nicht mal erklären, was mich angetrieben hat, eine 2500 Kilometer lange Reise durch Frankreich an einem Ort zu unterbrechen, der so gar nicht für Erholung und eine schöne Aussicht steht? Ein Abstecher, der nicht nur mir verdeutlichen sollte, dass für mich nicht selbstverständlich ist, was viele Touristen als völlig normal erleben. Es war nur ein kleiner Umweg der uns zu den Schlachtfeldern von Verdun führte, zum Beinhaus von Douaumont und zu den unzähligen Kriegsgräbern der Gefallenen des ersten Weltenbrandes. Es ist gerade mal 100 Jahre her, da lagen sich dort deutsche und französische Soldaten gegenüber, nur wenige Meter durch Schützengräben und Stacheldraht voneinander getrennt. Und doch vereint in der Angst vor dem nächsten Angriff, der Furcht vor Giftgas und zermürbt vom unendlich scheinenden Abnutzungskrieg.

Es ist nicht selbstverständlich dort zu stehen. Nicht für mich. Es ist nicht gänzlich selbstverständlich, in dem Nachbarland willkommen zu sein, das in den letzten hundert Jahren gleich zwei Mal von unseren Vorfahren in einen Krieg gezogen wurde. Es liegen drei Generationen zwischen den brutalen Gefechten von einst und meinem Besuch an den Gedenkstätten des Ersten Weltkrieges. Meine Großväter gehörten zu den Soldaten des Kaiserreiches, die auf diesen Schlachtfeldern ihre Spuren hinterließen und an Leib und Seele traumatisiert nach Hause kamen. Es ist für mich nicht selbstverständlich dort zu stehen. Es gäbe mich nicht, wenn auch nur einer meiner Großväter da gefallen wäre wo Unzählige ihr Leben ließen. Wenn diese Kreuze erzählen könnten, sie würden wohl vom Wahnsinn des Krieges künden. Ein hundertausendstimmiger stummer Chor. Und doch so laut, wenn man genauer hinhört.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Was fühlten diese Menschen an der Front, wie lebten sie diesen Krieg, wie erlebten und überlebten sie ihn? Eine Frage, die mich beschäftigt und der ich immer wieder auf den Grund gehe. Primärquellen helfen dabei, sich in die Situation zu versetzen. Briefe von der Front, Feldpostbriefe genannt und Tagebücher bieten einen genauen Blick auf die einzelnen Schicksale. Viele Bücher las ich zu diesem Thema. Eines wartete lange auf seine Fortsetzung. Die „Verborgene Chronik 1914“ von Lisbeth Exner und Herbert Kapfer (Galiani Verlag) war der erste Band einer chronologischen Tagebuchcollage, die zahllose private Diaristen des Ersten Weltkrieges zitiert. Alleine im ersten Teil, der sich mit dem ersten Kriegsjahr auseinandersetzt, kommen 57 unveröffentlichte Stimmen zu Wort, die ein Mosaik der Gefühlslage an der Front und in der Heimat entstehen lassen. Die einfachen Menschen, die hier nur für sich geschrieben haben und von denen meist nur die Tagebücher im Deutschen Tagebucharchiv geblieben sind, ahnten nicht, dass ihre Worte je von uns gelesen werden. Dazu waren sie nicht gedacht. Wir sollten heute vertrauensvoll mit diesen Zeitzeugnissen umgehen. Sie sind privat!

Die verborgene Chronik 1915 – 1918

Nun liegt der große finale Wurf dieser Collage vor. In einem Band haben die beiden Herausgeber alle Tagebucheinträge über die Kriegsjahre 1915 bis 1918 veröffentlicht. Und zeitgleich zu diesem historischen Zeitzeugnis von Format aus dem Galiani Verlag hat Der Hörverlag eine Gesamtausgabe der verborgenen Chronik von 1914 bis 1918 in einer zweistimmig gelesenen gekürzten Audio-Fassung veröffentlicht. Ein literarisch grandioses Großprojekt, dessen Inhalt in keinem Geschichtsbuch dieser Welt zu finden ist liegt nun als über 800-seitiges Buch und als gekürzte Lesung auf 15 CDs mit einer Laufzeit von mehr als 19 Stunden vor. Diesen Raum hat sich die Tagebuch-Kollektion verdient. Sie verleiht im wahrsten Sinne des Wortes nahezu 100 Tagebuchschreibern, die bisher im Verborgenen geblieben sind, Stimme und Gewicht.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Hier finden wir sie: Den einfachen Frontsoldaten, dessen Kriegsbegeisterung von Tag zu Tag zu schwinden beginnt, und lethargischer Resignation Platz macht. Den Offizier, der fast den gesamten Krieg in Gefangenschaft verbringt und sich darum sorgt, ob ihm gestattet wird, seine Andenken von unterwegs mit in die Heimat bringen zu können. Die jungen Mädchen, die ihre Erinnerungen niederschreiben, gefärbt vom Unterricht und im Glauben an die Zeitungsmeldungen dieser Tage. Den Armeepfarrer, der im Verlauf des Krieges alles verliert, was ihm wichtig war, der seinen gefallenen Bruder im Sarg nach Hause begleitet und anderen Trost spenden muss. Von göttlichem Beistand kann nicht mehr die Rede sein. Den Arzt, der seine Hilflosigkeit erkennt und die Frauen, die in der Heimat auf die Rückkehr ihrer Liebsten hoffen.

Aber auch skurrile Einträge lassen aufhorchen. So findet zum Beispiel der Brief von einer Ehefrau an ihren an der Front kämpfenden Mann seinen Weg ins Tagebuch eines Soldaten, der die Post kontrolliert. Sie teilt ihrem Mann mit, dass sie nun schwanger ist. Natürlich nicht von ihm. Sie habe ja auch drei Wochen nichts von ihm gehört und groß war der Schreck, als er sich plötzlich wieder meldete. Sie freue sich über das Geld, das er nach Hause schicke, weil ja alles so teuer sei und äußert sich glücklich darüber, ihn an der Front zu wissen, da er ja dort kostenloses Essen bekäme. Vielleicht käme ja das Kind tot zur Welt und dann sei alles wieder gut. Gezeichnet: Deine aufrichtige Frau. Ja, da kann man sich vorstellen, warum sich Frontsoldaten selbst erschossen haben.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Ohne Wertung durch die Herausgeber, ohne jeglichen Eingriff von außen werden wir zu Zeugen des subjektiv Erlebten. Erst die meisterliche Collage ergibt ein Bild, das sich bewerten lässt. Widersprüche, Propaganda und gezielte Fehlinformationen lassen sich identifizieren. Die Lebensumstände an der Front und die sich immer dramatischer verschlechternde Ernährungslage in der Heimat werden fühlbar. Und letztlich wird klar, worauf die Nationalsozialisten nur wenige Jahre später aufbauen konnten. Hier zeigen sich die ersten Spuren der Dolchstoßlegende einer im Felde unbesiegten Armee, die gedemütigt und nach zahllosen Opfern und Entbehrungen nur durch unfähige Politiker verraten wurde. Eine Legende, die zum Umsturz beitrug, Soldatenräte möglich machte, die Weimarer Republik stark belastete und spätestens ab 1933 gerne für die Rache am sogenannten Erzfeind Frankreich herhalten musste.

All dies lässt sich aus den Tagebucheinträgen herauslesen. Die Sinnlosigkeit des Krieges wird greifbar. Da stehen diese Dokumente den Kriegstagebüchern von Ernst Jünger in nichts nach. „Die verborgene Chronik“ erreicht ein beschreibendes Niveau das bei Walter Kempowski in seinem Echolot-Projekt über den Zweiten Weltkrieg zu Weltruhm gelangte. Nur fehlen die Prominenten, die Politiker, die Intellektuellen, die im Echolot zu Wort kommen dürfen. Hier sind es ganz kleine Gestalten am Rande unserer Geschichte, die ihre Sichtweisen vertreten. Das macht „Die verborgene Chronik“ sehr authentisch und greifbar. Das kann unseren heutigen Blick auf die Glaubwürdigkeit von Nachrichten schulen. Fake-News sind keine Erfindung unserer Zeit. Und gegen einen gesichtslosen Gegner kämpft es sich am besten. Darauf sollten wir achten.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

„Die verborgene Chronik“ in Schrift und Ton ist eine große Vereinzelungsanlage der Schicksale. Hier dominiert kein WIR oder UNS. Hier ist es der Einzelne, der ohne Pathos von seinen Ängsten berichten darf. Die Individualisierung der Erlebnisse macht den Schrecken des großen Ganzen erst richtig greifbar. Und an den zahllosen Gräbern vor Verdun stellt man sich die Frage, wie viele unerzählte Geschichten hier begraben liegen. Wie viele Generationen es nicht geben durfte, weil hier massenhaft gestorben wurde und warum man nichts daraus gelernt hat, sondern kaum 20 Jahre später erneut die Kampfstiefel auf diese verbrannte und geheiligte Erde setzte.

Was das mit meinem Urlaub zu tun hat? Ganz einfach. Ich hörte jenen zu, die noch zu Wort kommen konnten. Das ist das Verdienst der verborgenen Chronik. Ich lauschte den nie erzählten Geschichten über den Gräbern des Beinhauses von Douaumont und erzählte meiner Tochter von zwei Ländern und zwei Kriegen, von ihren Urgroßvätern in Frankreich und von Versöhnung danach. Ich erzählte ihr, der jungen Erstwählerin, wie sich Politik auf ihr Leben auswirkt. Der Antrittsbesuch eines französischen Präsidenten in unserem Land setzt heute fort, was zuvor mit freundschaftlich gereichter Hand über diesen Gräbern eingeleitet wurde. Und letztlich sind wir es, die Politik machen, weil wir bei allem Spaß dieser Welt nicht leugnen, was uns die Geschichte an Verantwortung in das Tagebuch des Erinnerns schrieb.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Der Erste Weltkrieg in der kleinen literarischen Sternwarte.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe