„Heimaterde“ – Eine Weltreise durch Deutschland

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Heimaterde. Mutterboden. Vaterland. Gedanken, die mir durch den Kopf schießen. In allen Sprachen dieser Welt, in jedem Land und für jeden Menschen lebenswichtige und unverzichtbare Begriffe. Heimat wird dabei fast in allen Sprachen mit dem Wort „Haus“ gleichgesetzt (frz. maison; span./ita. casa; lat: domum), nur das Englische holt hier so weit aus, wie unsere Sprache und beschreibt mit „Homeland“ nichts Gegenständliches, sondern eher die emotionale Bindung eines Menschen zu einem Ort. Zumeist ist es die ganz frühe Sozialisation, sind es die ersten Erinnerungen und Erlebnisse, die uns in die Heimat hineinwachsen lassen. Eine Prägung, die niemals verlorengeht.

Heimat gehört zu unserem Leben und je weiter wir uns von ihr entfernen, umso tiefer scheint sich das Gefühl zu verankern, was sie uns bedeutet. Heimatlos zu sein, ist wohl die brutalste Art und Weise, diesen Verlust als manifestiertes Gefühl zum Wegbegleiter der eigenen Zukunft machen zu müssen. Flucht, Emigration oder Vertreibung. Zeitlose Ursachen für Heimatlosigkeit. Ihre Symptome sind vielfältig. Entwurzelte Bäume kann man nur sehr schwer wieder verpflanzen. Und Integration ist nur ein Ansatz, der helfen kann, ein neues Heimatgefühl zu vermitteln. Kein Allheilmittel. Nur ein Ansatz, der nicht dazu führen darf, dass Menschen im neuen Umfeld neben ihrer Heimat auch noch ihre Identität an der Garderobe abgeben müssen.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Gerade in diesen Tagen spürt man dies deutlich. Ein Konflikt zwischen Türken, die seit Jahren in Deutschland leben und ihren sogenannten „Gastgebern“ (eine fatale und mehr als falsche Selbsteinschätzung) angesichts eines politischen Referendums in der Türkei zeigt, wie wenig wir anderen Menschen den Begriff Heimat zugestehen und wie sehr wir darauf bestehen, dass man sich doch bitte irgendwann zu entscheiden hat, wo man lebt und was man fühlt. Zwei Staatsangehörigkeiten auf der Grundlage verbriefter Freizügigkeit machen nicht heimatlos. Das erste Gefühl für Heimat bleibt unangetastet. Und so wird eine Abstimmung über die Zukunft ihrer Heimat für die meisten Türken, die mit uns, bei uns, unter uns leben zur Herzensangelegenheit, die emotional verankert ist.

Das ist nicht so schwer zu verstehen. Und doch fehlt uns manchmal der ungetrübte Blick für die Gefühlslage der Menschen in unserem Umfeld. Dabei ist Heimat losgelöst von politischer Geografie oder geostrategischer Zugehörigkeit zu sehen. Heimat ist viel mehr. Wer sich in aller Tiefe und vorurteilsfrei auf die Suche nach Heimatbegriffen und ihren emotionalen Folgen machen will, dem möchte ich ein ganz besonderes Buch ans Herz legen. „Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland“ von Lucas Vogelsang, erschienen im Aufbau Verlag, ist viel mehr als eine Momentaufnahme eines Landes im Umbruch. Dieses Buch ist die empathische und intelligente Tür zu einem gemeinsamen Haus, dessen Bewohner wir zumeist nur vom Sehen kennen. Lucas Vogelsang ändert das und macht uns miteinander bekannt.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Und nicht nur das. Er macht uns mit uns selbst bekannt. Der neutrale Beobachter Vogelsang räumt mit Klischees auf, lässt uns die Perspektive wechseln und erzählt auf Augenhöhe, weil er sich selbst nicht ausblendet. Seine Heimatgefühle sind uns nah. Es ist so bewegend, ihm in seine eigene emotionale Prägung zu folgen, nachempfinden zu können, wo Heimat für ihn beginnt und was sie in ihm auslöst. Nur lebt eben niemand ganz allein in seiner Heimat. Und genau hier beginnt der Blick aus dem Fenster auf die Menschen in seinem Umfeld. Dieses weit geöffnete Fenster bietet auch uns Einblicke in eine Welt, in der wir selbst leben, ohne sie ganz wahrhaben zu wollen. Denn die vielen Menschen aus aller Welt verbindet eines in besonderem Maße. Die Idee von Heimat.

Vogelsangs Weltreise beginnt in seiner Heimatstadt Berlin. Die Menschen machen seine Reise zur Weltreise, denn hier findet er auf kleinem Raum all jene, die das Leben umgepflanzt, entwurzelt, neu eingepflanzt oder schon seit Urzeiten hier verwurzelt hat. Hier spielt die Herkunft eine Rolle, hier vermischen sich Gefühle, Ansichten und Rollen. Hier tobt das Leben und Vogelsang hat sein literarisches Stethoskop am Puls der Zeit. Sein Buch konfrontiert uns mit dem Unerwarteten. Bilder vom „Typischen“ beginnen zu bröckeln und die Menschen, die er uns näherbringt, sind uns nicht fremd. Keineswegs sogar. Wir kennen sie und doch ist uns fremd, was sich hinter den Fassaden versteckt, an denen wir in unserer Vorstellung klettern.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Wir begegnen den Boatengs, die ohne große Perspektiven gezeigt haben, wozu man in der Lage ist, wenn man seinen Traum lebt. Wir begegnen den Menschen, für die das Vorbild dieser Ausnahmefußballer alles bedeutet. Perspektive, Hoffnung, Stolz und den Frust über die unsägliche „Nachbar-Debatte“. Jerome Boateng hat vieles gemeinsam mit einem anderen Fußballer, den der Autor trifft. Diesmal in meiner Nachbarschaft. Es ist Jimmy Hartwig, dessen Karriere immer wieder an die Grenzen der Hautfarbe stieß. Heimat ist diesen Sportlern wichtig. Hartwig trägt sie im Zwerchfell, sein Dialekt reißt die Mauern ein, die andere beharrlich hochziehen. Heimat und die Boatengs. Ein schwierig zu fassendes Thema, das nicht nur durch Nationalmannschaften zu greifen ist. Heimat leuchtet. In vielen Stadien dieser Welt.

Lucas Vogelsang räumt auf mit banalen Bildern. Er stellt uns Menschen vor, die ihre Heimat verlassen haben, um ein neues Leben zu beginnen. Und dieses neue Leben ist eine Persiflage der vorbestimmten Rollen. Da sind Kai und Ericson. Einer weiß, einer schwarz. Ihre Verbindung liegt in dem Mann begründet, der für beide der Vater war. Es klingt abwegig, was beiden geschah. Der Weiße lebte das Leben des Mannes, der ihn als Vater annahm, der Schwarze blieb bei seiner weißen Mutter und verlor den Kontakt zum leiblichen Vater. Wer spricht nun besser ghanaisch? Wer ist der echte Afrikaner? Was ist Heimat für sie und wer sagt aus voller Überzeugung: „Heimat ist dort, wo ich ein Feuer machen kann!“ Klischeemodus: aus. Das Staunen wird zum Lesebegleiter.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

„Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland“ geht mit jedem Schritt des Autors einen Schritt voran in das Niemandsland der Heimatbegriffe. Ur-Berlinerinnen, Politiker mit sogenanntem Migrationshintergrund, Tatortschauspieler, Menschen wie Du und ich, Prominente und die ganz großen Unbekannten kommen zu Wort. Deutschsein wird in seine Bestandteile zerlegt, ohne es zu zerlegen. Neugier wird geweckt und der Humor verbindet, wo andere Schranken trennen. Vogelsang schreibt brillant, verfängt sich und uns in seinen Wortspielen und zeichnet ein Muster auf die Deutschlandkarte, das man so schnell nicht vergisst.

Heimaterde. Mutterboden. Vaterland. Warum eigentlich nicht Heimatboden, Vatererde und Mutterland? Gedanken, die beim Lesen kommen. Ein Buch das die Seiten sprengt und mich nachhaltig beschäftigt. Ob in Gesprächen mit Benediktinermönchen oder mit Menschen in meinem Umfeld. Ob in Gedanken an meine eigene Idee von Heimat. Das große Verdienst dieses Buches ist die emotionale Schnittmenge zu diesem Begriff. Es ist egal woher man kommt. Die folgenden Zitate aus dem Buch stehen für uns alle. Das ist Heimat, wie wir sie in „Heimaterde“ wiederfinden.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Heimat leuchtet.
Heimat ist das Land deiner Mutter.
Heimat ist, wo ich jemanden unter der Erde liegen habe.
Heimat ist auf eine Karte gemalte Hybris. Sie klingt gut.
Heimat ist der Ort, an dem man sich am meisten aufhält.
Heimat ist dort, wo ich ein Feuer machen kann.

PS:
Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich in aller Balance tief in mir ruhe. Heimat ist das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit.
Heimat ist für mich der Lieblingsplatz meines Hundes, das Bücherregal mit meinen Schätzen und der Ort, an dem ich gerne die Augen schließen würde, wenn alles endet. Und was ist Heimat für euch?

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Heimweh kommt nach Fernweh

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Brieffreundschaft

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Dies ist die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung, die alles war, nur keine Beziehung im klassischen Sinne. Es war keine Liaison, keine Liebesgeschichte und es war mit Sicherheit keine Verbindung, die auf Lust, Anziehungskraft oder Leidenschaft in sexueller Hinsicht beruhte. Es war viel mehr. Ich schreibe hier über zwei Menschen, die einander viel zu schreiben hatten. Zwei Künstler, die in ihrer Zeit gleichwohl verehrt, als auch verachtet wurden. Eine Schriftstellerin und einen Maler, deren Lebenswege durch eine außerordentliche gegenseitige Zuneigung miteinander verwoben waren.

Else Lasker-Schüler und Franz Marc

Sie, die mäßig erfolgreiche aber sprachgewaltige deutsch-jüdische Autorin, deren avantgardistische und expressionistische Texte im frühen zwanzigsten Jahrhundert für den traditionellen Leser einen Quantensprung in der Literatur darstellten. Ihre Sprache polarisierte, Ihre Texte ließen sich nur schwer veröffentlichen und bei aller Leidenschaft für das geschriebene Wort war es ihr fast unmöglich, sich eigenständig über Wasser zu halten. Else Lasker-Schüler.

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Er, der Maler, der versuchte die Grenzen des Gegenständlichen zu sprengen, sich von Zwängen der traditionellen Malerei zu lösen und sein Heil in der Flucht suchte und eine ganz eigene Blaue Welt erschuf, in der Formen und Farben dominierten, sich aber niemals gänzlich vom Dargestellten lösten. Auch er polarisierte, wurde von der Kritik in der Luft zerrissen und doch kämpfte er nicht jenen einsamen Kampf einer Else Lasker- Schüler. Er scharte Gleichgesinnte um sich und erhob seinen Kunststil zur Stilrichtung. Er war Mitbegründer des „Blauen Reiters“ und nichts steht so sehr für sein Schaffen, wie das Blaue Pferd das im Münchner Lenbachhaus zu bestaunen ist. Franz Marc.

Die Kunst vereinte die beiden kreativen Geister. Wie sollte es auch anders sein? Franz Marc wurde von Versöhnung, einem Gedicht Else Lasker-Schülers, inspiriert. Er illustrierte es als Holzschnitt und bat sie indirekt darum, es als Versuch anzusehen, ihre Worte zu verbildlichen. Ihre Antwort muss den guten Franz Marc tief ins Mark getroffen haben, denn Else schrieb nicht im Klartext, sondern in einer eigenen poetisch-lyrischen Anwandlung, die einen Briefwechsel in Gang setzte, der auch aus heutiger Sicht zu den wohl künstlerischsten Dialogen gezählt werden muss, die je zwischen einem Maler und einer Dichterin geführt wurden.

„Ich bin Jussuf, Prinz von Theben“… so stellte SIE sich IHM vor. „Sind sie auch so schmerzlich verloren wie ich?“

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Heute würden wir das vielleicht Rollenspiel nennen. Heute wirkt dieser Dialog fremd und unwirklich, in der Zeit des künstlerischen Aufbruchs jedoch fanden zwei Suchende zueinander und in ihren jeweiligen Antworten die Entsprechung der eigenen Sehnsucht. Franz Marc antwortete auf seine Weise. Er schrieb Postkarten, die er für Else illustrierte und ihnen damit kunstgeschichtlich einen unschätzbaren Wert verlieh. Ein Selbstbildnis zeigt ihn in zärtlicher Umarmung mit seinem Blauen Pferd, das er Else nun voller Stolz präsentiert. Sie antwortete:

„Der blaue Reiter ist da – ein schöner Satz, fünf Worte – lauter Sterne…“

Von 1912 bis 1916 dauerte dieser magische Briefwechsel in Wort und Bild. Immer wenn Franz Marc lesen musste, dass der arme Prinz von Theben am Leben zweifelt, in Armut versinkt und darüber klagt, dass die Welt ihn nicht versteht, schickt er ein Bild als Trost, versehen mit aufmunternden Worten. Die Sammlung der Postkarten des Blauen Reiters zeigt einen Querschnitt durch all seine Schaffensphasen. Sie beinhaltet Werke, die es heute nicht mehr gibt. Der Turm der blauen Pferde gilt seit 1945 als verschollen und nur die wundervolle Miniatur auf der Karte an Else zeigt, wie das Gemälde gestrahlt haben muss, bevor es von Hermann Göring als entartetes Kunstwerk geraubt wurde…

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Das Kunstbuch „Else Lasker Schüler – Franz Marc. Eine Freundschaft in Briefenaus dem Prestel Verlag ist ein wahrer Kunstschatz. Es beinhaltet alle Briefe, Postkarten und Hintergründe, die diesen außergewöhnlichen Künstlerdialog zu einem Ereignis für den Leser werden lassen. Chronologisch werden wir zu Zeugen des Aufschwungs und der Krisen, die immer weiter um sich greifen. Wir sitzen gefühlt mit Else Lasker-Schüler am Schreibtisch und bewundern die vielen Miniaturen des Blauen Reiters, schauen ihr beim Schreiben ihrer Briefe über die Schulter und erkennen von Wort zu Wort und von Bild zu Bild, wie wichtig dieser Austausch für beide ist. Melancholie strahlte selten so bunt.

Für Else Lasker-Schüler waren die Miniaturen lebensrettend. Sie konnte viele ihrer Texte nur veröffentlichen, weil sie die kleinen Bilder von Franz als Illustrationen beifügte und abdrucken ließ. Und für Franz waren ihre Briefe häufig die einzigen Lichtblicke, die ihn aus dem Tunnelblick des Künstlers befreiten und ihn mit diesem literarischen Spiel inspirierten. In jeder Hinsicht, eine kreative Win-Win-Situation. Das großformatige Buch wird dieser besonderen Beziehung in besonderem Maße gerecht. Es hat bei mir Lücken geschlossen, von denen ich schon nicht mehr dachte, dass sie jemals zu schließen sind und es hat Gefühle losgetreten, die nur angesichts der originalen Handschriften und der Vielzahl der Bilder zu einer Woge des Staunens ausufern konnten.

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Ich sah mein Blaues Pferd erstmals als Fohlen, fühlte die verlorene Einsamkeit einer Schriftstellerin, die erkennt, dass sie vom Schreiben allein nicht leben kann. Ich erlebte die tiefe gegenseitige Wertschätzung und spürte die Aufrichtigkeit einer Freundschaft, die für fremde Augen wie eine wild-romantische Liebesbeziehung wirken musste. Und ganz zuletzt stürzte ich mit Else Lasker-Schüler in das tiefste Loch, in das man stürzen kann. Als Franz Marc am 4. März 1916 vor Verdun zu Tode kam, war sie es, die ihm mit ihrem Nachruf ein emotionales Denkmal setzte. Sie war es, die den Briefwechsel fiktiv fortsetzte und einen Briefroman entstehen ließ, der ihre Freundschaft überhöhte.

„Der Blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing.
Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten…
wo der Blaue Reiter ging, schenkte er Himmel.“

(Else Lasker-Schüler)

Das größte Geschenk dieses Buches ist für mich, dass auch der Briefroman unter dem Titel „Der Malik“ vollständig mitveröffentlicht ist. Hier finden wir am Ende tiefe Spuren eines gemeinsamen Schaffens, einer gemeinsamen Freundschaft und vielleicht auch Spuren von mehr. Das jedoch ist Privatsache und sollte es für immer bleiben. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass diese Leidenschaft in Wort und Bild eine tiefere Basis haben musste. Man kann dies lesen, sehen und fühlen, wenn man das Herz am rechten Fleck hat. Ich betrachte „Eine Freundschaft in Briefen“ als mein wichtigstes Buch in der Annäherung an zwei Künstler, die bis heute unvergessen sind.

Ich muss dem blauen Pferd davon erzählen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Oh nein. Ich bin diesem Buch nicht selbst auf die Spur gekommen und es ist kaum noch zu finden in der großen Welt des Buchhandels. Es ist ein Geschenk, das mich fast sprachlos gemacht hat. Anja von Zwiebelchens Plauderecke hat meine Bibliothek zu Franz Marc um dieses zentrale Herzenswerk reicher gemacht und mich gleich mit dazu. Als Liebhaber der Kunst von Franz Marc kann man ohne dieses Buch leben, es macht nur keinen Sinn. Dieser Sinn wurde mir geschenkt. Ich werde das Buch beim nächsten Besuch im Lenbachhaus bei mir haben. Mein Kraftraum des Geistes wurde um eine Ebene erweitert. Einfach danke…

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„Mein Leutnant“ von Daniil Granin (аниил Гранин)

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit!“ Hiram Johnson (1866 – 1946)

Viel Wahres steckt in diesem Zitat. Zeitloses und Allgemeingültiges. Wahrheit scheint nicht unmittelbar zur Begriffswelt eines Krieges zu gehören, denn Wahrheit (besonders die schonungslose) hat für die Mächtigen der Welt den faden Beigeschmack, sich nicht besonders motivierend auf diejenigen auszuwirken, die man auf die Schlachtfelder der Weltgeschichte schickt. Da leidet die Motivation und auch die Mobilisierung aller Kräfte ist nicht einfach, wenn man auf dem Boden der Tatsachen bleibt.

War so. Ist so. wird immer so bleiben. Besonders interessant ist jedoch der Umgang mit Wahrheit, wenn ein Krieg beendet ist. Sieger schreiben Kriegsgeschichte und es ist unumstößlicher Fakt, dass diese Geschichte von Ruhm und Glorie getränkt ist. Was mit Lügen beginnt, kann ja nicht in Wahrheit enden. Fehler werden übertüncht, Zufälle sind plötzlich Teil der großen Strategie und sinnlose Opfer werden auf Heldenfriedhöfen der Sieger in den Himmel gehoben. Keine Anstrengung war umsonst. Alles war gewollt.

„Die Heldentat besteht darin, dass er den Befehl – Keinen Schritt zurück – ausgeführt hat. Das ist ein grausames Beispiel, aber ein Beispiel für alle.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Die Memoiren der Kommandeure zeugen von den großen Taten, während einfache Soldaten ihre Erinnerungen zu relativieren haben, da sie ja nie den Blick auf das Ganze haben konnten. Wahrheit ist relativ. Ja, sie wird sogar bewusst erzeugt und damit auch zum Instrument der Propaganda. Ein besonders signifikantes Beispiel findet sich in der jüngeren Geschichtsschreibung. „Der große Vaterländische Krieg“ der Sowjetunion gegen die Militärwalze des Dritten Reichs war an Menschenverachtung gegenüber den eigenen Soldaten kaum zu übertreffen. Stalin war ein Kriegsverbrecher an der eigenen Bevölkerung und an den Soldaten seiner Roten Armee.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde über die unmenschlichen Bedingungen geschwiegen. Stalins Verbündete wussten um die Zustände, wollten den Erfolg jedoch nicht durch Kritik aufs Spiel setzen und nach Stalins Tod gehörten die Legenden dieses „Vaterländischen Krieges“ bereits zum kollektiven Allgemeingut der Gesellschaft. Aus Lügen und der Vertuschung eigenen Versagens war historische Wahrheit geworden. Es blieben Gerüchte, Erzählungen der Veteranen und es blieben sehr wenige authentische Bücher, in denen russische Soldaten dieser gewachsenen Wahrheit die Stirn boten.

„Die Soldaten hatten ihre eigene, bittere Wahrheit: fliehende Truppen, die ihre Führung verloren hatten, eingekesselte Armeen, aus denen sie zu tausenden
in Gefangenschaft gerieten, verbrecherische Befehle von Kommandierenden,
die ihre Vorgesetzten mehr fürchteten als ihre Gegner.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

„Unser Krieg war ungeschickt, unsinnig, aber das wurde nicht gezeigt,
darüber wurde nicht geschrieben. Unser Krieg war ein anderer.“

Daniil Granin hat der Scheinhistorie seine Schützengrabenwahrheit des einfachen Soldaten entgegengesetzt. Dabei zeichnet der russische Autor ein anderes, ein neues Bild dieses Krieges aus Sicht eines jungen Mannes, der sich freiwillig zum Kriegsdienst meldet und ohne große Vorbereitung, gänzlich unbewaffnet als Volkswehrmann an die Front geworfen wird. Der Überfall der Hitler-Diktatur auf die Sowjetunion hat gerade erst begonnen und doch findet sich Daniil Graniin in einer Kampflinie wieder, die in heilloser Auflösung begriffen ist.

Das konnte nicht seine heldenhafte Rote Armee sein! Seine Helden fliehen panisch vor dem heranrückenden Feind. Die ganze Front ist in Auflösung und der Volkssturm ist schon jetzt das letzte Bollwerk gegen den Feind. Mangelhaft ausgerüstet, unbewaffnet und ohne erfahrene Führung gilt es zuerst, Waffen zu organisieren, sie einzutauschen und dann allen Mut in die Waagschale zu werfen, um den Deutschen standzuhalten. Es ist die pure Verzweiflung, die den jungen Soldaten überfällt. Die Verluste sind enorm.

„Der Tod hatte aufgehört zufällig zu sein. Zufall war es, zu überleben.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Die russische Kriegsführung war ein Verbrechen nach innen. Ein Menschenleben hatte keinen Wert. Die Masse sollte den Feind besiegen. Strategie, Taktik oder Führung basierten nur auf dem Gedanken unerschöpflicher menschlicher Ressourcen. Schon in den ersten Kriegstagen verlor die Rote Armee mehr als drei Millionen Soldaten. Welle um Welle wurden Divisionen ins Gefecht geworfen. Koste es was es wolle. Basis dieser menschenverachtenden Vorgehensweise war, dass die Soldaten mehr Angst vor ihren Vorgesetzten haben mussten, als vor den Gegnern. Dem Einzelnen wurde sehr schnell klar, dass sein Leben nichts zählte. Graniin verschwand in dieser Masse.

Wie kann man siebzig Jahre nach diesen Ereignissen darüber schreiben? Wie der abstrusen Dimension der Ereignisse begegnen und dabei sortiert chronologisch eigene Erinnerungen rekapitulieren? Daniil Granin gelingt dies mit einem doppelten Kunstgriff. Zwei Perspektiven schildern den Krieg aus eigentlich einer Sicht. „D“ ist hierbei Daniil, der einfache Soldat, der sich vor Angst in die Hosen macht, sich zu seiner Feigheit und Mutlosigkeit bekennt, der kritisiert, schimpft und an der Führung zweifelt.

Mein Leutnant“ nennt er seine zweite Sicht auf die Dinge. Daniil Granin als frisch beförderter Offizier (weil die anderen gefallen sind) ist nun plötzlich der an den Sieg und die Macht der Roten Armee glaubende Soldat, der nun selbst Verstärkung ins Gefecht wirft und Menschenleben im Schlachtkessel opfert. Als sei er mit der neuen Aufgabe in sich gewachsen, stellt sich der Leutnant seinem Krieg. Die Verteidigung der belagerten Stadt Leningrad scheint ebenso aussichtslos wie die Belagerung selbst. Hier wird nur gestorben. Verreckt.

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Doch diese Perspektiven allein genügen Granin nicht. Den beiden Soldaten stellt er einen weiteren, in die heutige Zeit entrückten Erzähler zur Seite, der nun in der tiefen Rückschau nach siebzig Jahren mit all den Klischees, Legenden und Heldengesängen aufräumen kann, die „D“ und „Mein Leutnant“ subjektiv wahrgenommen haben. Hier berichtet ein literarisches Triumvirat über die Schrecken des Krieges, wobei die eigene Armee und ihre Führung die Rollen der eigentlichen Höllenhunde einnehmen.

Ein verstörend aktuelles Buch gegen den Krieg. Ein Appell, ihn nicht zu vergessen, nicht zu verdrängen und nicht obrigkeitshörig blind zu glauben. Ein Manifest gegen die Gewalt der Worte und der Waffen und ein Buch, das inzwischen auch international für Aufsehen gesorgt hat. Daniil Granin hat an den Denkmälern einer ganzen Gesellschaft gekratzt. Einige davon hat er zum Einsturz gebracht und neue errichtet. Die einfachen und kleinen Leute rücken nun ins Licht.

Mit ihnen für mich immer unvergessen, die kleine Lena Muchina, die in Leningrad eingeschlossen war, während Daniil Granin die Stadt verteidigen sollte. Manchmal ist die ganze Welt nur ein paar Quadratkilometer groß.  Manchmal ist sie aber viel zu klein für all die Opfer, die der Kampf um wenige Meter Boden gekostet hat. Der Schriftsteller Granin erobert längst verlorenes Terrain zurück. Sein Sieg heißt Menschenwürde.

Sein Buch trägt den Namen Mein Leutnant und ist beim Aufbau Verlag erschienen.

Mein Leutnant von Daniil Granin - Gegen das Vergessen

Mein Leutnant von Daniil Granin – Gegen das Vergessen

Der Kriegsschauplatz Russland bei AstroLibrium „Gegen das Vergessen„:

Und noch eine persönliche Betrachtung aus rein familiärer Sicht

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Antoine Leiris – „Meinen Hass bekommt ihr nicht“

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris

Frankreich im Zeichen der Terroranschläge des Jahres 2015. Das war mein Auftakt meines Bloggens in der kleinen literarischen Sternwarte in diesem Jahr. Vor genau zwei Jahren erfolgte der Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und nur wenige Monate später richtete sich der Hass islamistischer Attentäter auf Besucher eines Fußballländerspiels zwischen Frankreich und Deutschland, sowie auf Menschen, die an diesem Abend des 13. Novembers 2015 an verschiedenen Orten in Paris einen schönen Abend verleben wollten.

Die Leichtigkeit“ der Charlie-Hebdo-Mitarbeiterin Catherine Meurisse schildert die Ereignisse rund um das Massaker am Redaktionsteam von Charlie Hebdo. Catherine Meurisse hat mit einigem zeitlichen Abstand zu diesem 07. Januar 2015, der ihr Leben für immer verändern sollte, ihre eigene Leichtigkeit wiedergefunden und in einem mehr als schmerzhaften Prozess der Verarbeitung eine Graphic Novel veröffentlicht, die ihren Weg zurück ins normale Leben sehr intensiv thematisiert. Die Hinwendung zur Literatur und zur Kunst war für sie der Schlüssel, ein Ereignis überstehen zu können, das sie nur durch einen kleinen Zufall überlebt hatte. Für Catherine Meurisse wurde das Überleben zum eigentlichen Problem.

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris

Dass Paris im selben Jahr von einer weiteren dschihadistischen und koordiniert durchgeführten Terrorserie heimgesucht werden sollte, das war auch für Catherine unfassbar. Die Terroristen schlugen am 13. November an mehreren Orten gleichzeitig zu, töteten 130 Menschen und verletzten mehr als 350 weitere zum Teil schwer. Wer an diesem Abend das Länderspiel im Fernsehen verfolgte, die beiden Explosionen vor den Toren des Stade de France hörte, und den weiteren Berichten aus Paris folgte, der wird diese Nacht ebenso wenig vergessen, wie den 9. September 2001 in New York. Auch hier wurde die ganze Welt zu Zeugen der verheerenden Anschläge.

Sechs Explosionen erschütterten Paris, Restaurants, Bars und Cafés wurden mit Schusswaffen angegriffen und die Besucher eines Konzerts im Bataclan-Theater wurden zum größten Ziel dieser Anschlagsserie. Hier müssen sich dramatische und unglaublich brutale Szenen abgespielt haben. Mehr als 1500 Menschen befanden sich hier im Publikum eines Konzertes, als das Theater von Terroristen gestürmt wurde. 90 Menschen verloren alleine hier an diesem Abend ihr Leben. 90 Menschen, die während der Erstürmung, der anschließenden Geiselnahme und bei gezielten Hinrichtungen von kaltblütigen Mördern ausgelöscht wurden. Quälend lange drei Stunden dauerte es, bis das Bataclan endgültig befreit werden konnte. Quälende Stunden, in denen Angehörige zuhause vor den Fernsehgeräten saßen, sich überschlagenden Meldungen folgten und von der Ungewissheit erschlagen wurden.

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris

An diesem Abend zählte die Welt die Opfer der Anschläge. Sie waren noch anonym und hatten kein Gesicht, keine Geschichte und verschmolzen mit der Masse. Es ist wie so oft bei vergleichbaren Ereignissen. Erst nach Tagen treten die einzelnen Opfer ans Tageslicht, werden ihre Hinterbliebenen erkennbar und wir begreifen langsam, dass es nicht nur Zahlen sind, um die es eigentlich geht. Erst wenn die toten und Verletzten für uns erkennbar sind, wird real was vorher unfassbar schien. Für Freunde und Verwandte der Opfer ist das anders. Sie denken an ein einziges Schicksal, an den einen geliebten Menschen, um den sie sich sorgen. Sie befinden sich im Tunnelblick-Stadium.

Antoine Leiris blickte in diesen Stunden in genau diesen Tunnel des Grauens. Als wir die Fernsehbilder betrachteten war ihm klar, dass sich sein Leben bereits in diesen Minuten verändern würde. Er wusste, dass sich seine Frau im Bataclan aufhielt und zu den Besuchern des Rockkonzertes gehörte. Er wusste, dass dort Menschen ums Leben kamen und er wusste nach zahllosen erfolglosen Anrufen und SMS an seine Frau, dass sie nicht wohlbehalten entkommen sein konnte. Was wirklich mit ihr los war, das wusste er zu diesem Zeitpunkt am 13. November 2015 ab 22:37 Uhr nicht.

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris

Er wusste nur eins. Dass er warten, hoffen und bangen musste. Dass er für seinen siebzehn Monate alten Sohn alleine sorgen musste, bis Mama wieder zuhause war. Er war mit sich, seinen Ängsten und Sorgen allein und musste gleichzeitig Halt geben. Der Moment, in dem Menschen über das eigentlich Vorstellbare hinauswachsen müssen, ist hier nur skizzenhaft zu beschreiben. Antoine Leiris hat diese entscheidenden Momente im Leben seiner Familie festgehalten. Er schrieb auch, um nicht verrückt zu werden vor Angst. Was er schrieb und wie er sich auf Facebook äußerte nachdem er über den Tod seiner Frau informiert wurde, hat die Welt bewegt.

Meinen Hass bekommt ihr nicht. Diese Botschaft an die Terroristen richtete er drei Tage nach dem Anschlag von Paris. Worte, die um die ganze Welt gingen. Tiefe Worte, die keinen Vater und keine Mutter unbewegt ließen. Worte die Liebesbeweis und Klage zugleich sind. Worte der Verantwortung für den gemeinsamen Sohn. Aber gleichzeitig auch eine Kampfansage an die Verantwortlichen für solche Anschläge. Antoine Leiris verweigert den Terroristen die Genugtuung, neben seiner Ehefrau auch noch die ganze kleine Familie der Toten zerstört zu haben. Dieses Geschenk macht er ihnen nicht. Dies ist seine frühe Rache und sein Weg in eine ungewisse Zukunft für Vater und Sohn.

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht ist nun auch der Titel Buches von Antoine Leiris, das im Blanvalet Verlag erscheinen ist. Der offene Brief auf seinem Facebook-Profil ist hier eingebettet in die Aufzeichnungen des 34-jährigen Journalisten, die schon am Tag der Anschläge begannen. Anders als bei Catherine Meurisse fehlt hier jegliche Distanz zum Ereignis. Der Leser wird zum Live-Zeugen der Gefühlswelten eines Vaters, der in seiner Verzweiflung einen Weg aus der Hölle findet. Widerstand gegen den Terror kann nicht bewegender formuliert und miterlebt werden. Menschliche Größe kann greifbarer nicht sein. Die Liebe zu seiner Frau Hélène bedarf keiner weiteren Erklärung.

Antoine Leiris steht aufrecht, obwohl er sich eingesteht an diesem 13. November gebrochen worden zu sein. Keiner Zeile dieses Buches fehlt die Relevanz für unsere Zukunft unter den Vorzeichen der Terrorgefahr. Ob ich die Stärke hätte, so konsequent nicht hassen zu können und zu wollen? Ich weiß es nicht. Eine Passage aus dem Buch hat sich so tief in mir eingebrannt, dass ich hoffe, mich daran erinnern zu können, wenn es nötig sein sollte:

Ihr wollt, dass ich Angst habe,
dass ich meine Mitbürger misstrauisch beobachte,
dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere.
Verloren.
Der Spieler ist noch im Spiel.

Chapeau, Monsieur Leiris.

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris

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Die „Wannseekonferenz“ von Peter Longerich – Ein Protokoll

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Manchmal werden Orte zum Synonym für bestimmte Ereignisse. Manchmal kommt es vor, dass die Geschichte einen Ort mit einem historischen Kontext verbindet und die Stigmata der Vergangenheit nie mehr gelöst werden können. Allein die Erwähnung des Ortsnamens ruft Assoziationen hervor, die mit der heutigen Realität nichts zu tun haben und für die Bewohner eher belastend sind. Woran denken wir eigentlich, wenn folgende Namen ganz zufällig erwähnt werden? Dachau. Hiroshima. Utøya. Eschede?

Woran denken wir, wenn wir heute an den Ortsteil von Berlin denken, der zu den begehrtesten Ausflugszielen der Hauptstädter gehört, weil ein Binnengewässer und ein Strandbad zum Abkühlen einladen? Woran denken wir, wenn wir das Wort „Wannsee“ hören? An die Sängerin Conny Froboes und den Refrain ihres legendären Schlagers?

Pack die Badehose ein,
nimm dein kleines Schwesterlein
Und dann nischt wie raus nach Wannsee

Das wäre schön. Aber schwingt nicht auch heute noch ein anderes Ereignis mit, wenn wir diese Zeilen trällern? War da nicht was? Haben sich nicht vor fast genau 75 Jahren einige hochrangige Uniformierte zu einer Villa am Westufer des Großen Wannsees auf den Weg gemacht, um dort ein – wir würden es heute so nennen – Meeting abzuhalten und die aus ihrer Sicht wichtigste Frage für die Zukunft ihrer Heimat zu diskutieren? Es darf aus heutiger Sicht angenommen werden, dass die Herrschaften keine Badehosen im Gepäck hatten. Ebenso sicher ist, dass dieses Treffen dafür verantwortlich war, dass aus einem Erholungsort das Synonym für den Holocaust wurde. Hier fand sie statt:

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

DIE WANNSEEKONFERENZ

Ich versuche mir das einfach mal bildlich vorzustellen. Da machen sich im Januar 1942 fünfzehn Männer auf den Weg in die damals sogenannte Reichshauptstadt Berlin. Sie packen ihre Koffer, planen ihre An- und Abreisen, werden von ihren Ehefrauen und Kindern fröhlich verabschiedet und sehr fürsorglich darauf hingewiesen, dass sie sich immer schön warm anziehen sollen (es ist ja ein kalter Winter in diesem Jahr) und dann machen sie sich mit den fröhlichen Worten „Papa ist bald wieder da und bringt euch was Schönes mit!“ auf den Weg…

Und dann treffen sie sich endlich mal wieder. Luxuriös ist das Ambiente. Neben den fünfzehn Teilnehmern an der Konferenz eilen fleißige Vertreter wichtiger Behörden und eifrige Sachbearbeiter hinzu. Die Konferenz ist perfekt vorbereitet und man will ja auch vorwärts kommen und die Zeit drängt. Mehr als einen Tag wird man nicht brauchen. Es sind ja alle Spezialisten anwesend, um schnell zu einem Ergebnis zu kommen. Man ist im dritten Kriegsjahr und nachdem eigentlich alles wie geschmiert läuft, bleibt nur noch eine Frage übrig, die schnellstens geklärt werden muss.

Ohne Wannseekonferenz kein Todeslager Auschwitz-Birkenau

Ohne Wannseekonferenz kein Todeslager Auschwitz-Birkenau

Wie kann man den bereits beschlossenen und zum Teil bereits in Gang gesetzten Völkermord an den Juden Europas bürokratisch strukturieren und organisieren?

Ja. So kann hätte man das Thema der Wannseekonferenz umreißen können, hätte man sich aus Gründen der Geheimhaltung nicht unverfänglicherer Formulierungen, wie zum Beispiel:

„Unter Beteiligung der infrage kommenden anderen Zentralinstanzen
alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher
und materieller Hinsicht für die Gesamtlösung
der Judenfrage in Europa zu treffen.“

bedient, um den finalen Eindruck zu vermeiden, hier würde der Holocaust beschlossen. Über die Tagesordnungspunkte der Konferenz herrschte lange Zeit Unklarheit. Geheim sollte bleiben, was hier im kleinen Kreis entworfen und anschließend nahezu perfekt im ganzen „Reichsgebiet“ umgesetzt wurde. Warum die Inhalte der Wannseekonferenz in vollem Umfang zugänglich sind ist leicht zu beantworten. Die akribische Recherche von unermüdlichen Historikern hat Dokumente ans Tageslicht gebracht, die eine eindeutige Bewertung der Konferenz aus heutiger Sicht ermöglicht.

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Peter Longerich, Professor für moderne deutsche Geschichte und Gründungsdirektor des Holocaust Research Centre der Universität London, hat sich als absoluter Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus einen Namen gemacht. Seine Bücher über die Politik der Vernichtung und ihre Resonanz in der deutschen Bevölkerung sind heute Standardwerke. Sein Buch Wannseekonferenz – Der Weg zur Endlösung muss hier als einer der wichtigsten Mosaiksteine in der historisch verlässlichen Aufarbeitung aller Verbrechen der Nazi-Diktatur angesehen werden.

Peter Longerich nähert sich dieser Wannseekonferenz präzise an und seziert den bis zu diesem Zeitpunkt zurückgelegten Weg der Nationalsozialisten mit dem Skalpell des Historikers, der hier allerdings nicht für Studenten oder Wissenschaftler schreibt. Es ist leicht, ihm in seiner Argumentation zu folgen, seine Herleitungen nachzuvollziehen und seinen Schlussfolgerungen zu vertrauen. Dabei ist sein Buch nicht ausufernd und bleibt an den Fakten orientiert, die in dieser gestrafften Form allerdings erneut geeignet sind, dem Leser das Grauen der geplanten, industriell betriebenen Massenvernichtung menschlichen Lebens näherzubringen.

Ohne Wannseekonferenz keine Deportationszüge - siehe Erikas Geschicte

Ohne Wannseekonferenz keine Deportationszüge – siehe Erikas Geschichte

Um die Wannseekonferenz in den historischen Kontext einreihen und bewerten zu können, arbeitet sich Peter Longerich durch das einzige Exemplar des Protokolls der Wannseekonferenz, das nach dem Krieg aufgefunden werden konnte. Seite für Seite ist es im vorliegenden Buch abgebildet und in sich unmissverständlich. Hier wird auf Linie getrimmt. Hier werden bürokratisch alle Zuständigkeiten für die Deportationen geregelt, die Zielgruppen innerhalb der jüdischen Bevölkerung nach Alter und Geschlecht ganz klar festgelegt. Es geht in der Konferenz zu, als würde man über die rein administrative Bewältigung eines Vorhabens diskutieren, das nichts mit Menschenleben zu tun hat.

Hier zeigt die deutsche Bürokratie ihre wahre Stärke, wenn sie von einem perfiden System instrumentalisiert wird. Es ist erschreckend, diesem Protokolltext zu folgen. Es ist erschreckend, in den handelnden Personen die Schlächter der kommenden Jahre zu sehen und es ist erschreckend zu erkennen, wie viele von ihnen auch nach der Tagung behaupten konnten, nichts von den Zusammenhängen geahnt zu haben.

Das Lesen von Peter Longerichs neuem Standardwerk „Wannseekonferenz – Der Weg zur Endlösung“ ist viel mehr als das Eintauchen in die Sekundärliteratur des Dritten Reichs. Es ist der gezielte Vorstoß in eine der Primärquellen, der deutlich zeigt, wozu Menschen in der Lage sind, wenn ihnen die Ideologie den Weg ebnet, das eigene rassistische Menschenbild auf unmenschlichste Art und Weise zum Holocaust werden zu lassen.

Gegen das Vergessen - Ein weiter Weg, den wir gemeinsam gehen...

Gegen das Vergessen – Ein weiter Weg, den wir gemeinsam gehen…

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