Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Expeditionskreuzfahrt. Klingt das nicht verlockend? Nun gut, in Zeiten von Corona vielleicht nicht gerade. Das bekommt die Branche sehr deutlich zu spüren. Aber waren solche Abenteuerreisen vor der weltweiten Pandemie ein reines Vergnügen? Ging man als anderer Mensch von Bord, nachdem man mit einem Postschiff der Hurtigruten im Polarmeer war? Ist ein Eisbrecher in der Lage, unser inneres Eis zu schmelzen, oder muss man sich von solchen Träumen verabschieden, weil man nicht alleine unterwegs ist, und die Gesellschaft anderer Kreuzfahrer zu legendären Havarien führen kann. Ich denke da an David Foster Wallace und seine Reportage Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne micheinen fulminanten Abgesang auf den Zauber der Kreuzfahrten und eine Generalabrechnung mit dem Massentourismus auf hoher See. Wer nach der Lektüre dieses Buche noch singt „Eine Kreuzfahrt, die ist lustig„, dem ist nicht mehr zu helfen. Weder an Land, noch zu Wasser… David hat es selbst erlebt.

Seine Schilderung des maritimen Bordalltags gleicht einer Überdosis sozialkritischer Realsatire. Seine Beobachtungen erreichen an Bord der Zenith ihren Höhepunkt, wenn er das Verhalten seiner Mitreisenden und des gezwungen lächelnden Servicepersonals in aller Klarheit aufs Korn nimmt. Legendäre Passagier-Fragen wie: „Schläft die Crew auch an Bord?“ oder „Wird man beim Schnorcheln nass?“ bilden nur den Rahmen für den Wallace´schen Schiffskörper. Schrecklich amüsant zu lesen. Umso gespannter war ich nun auf „Beinahe Alaska“ von Arezu Weitholz. Eine Expeditonskreuzfahrt von Grönland nach Alaska, die Arktis, das Polarmeer, Packeis, Eisberge, Polarlichter, Eis, Eis und nochmal Eis und die unsichtbaren Spuren der großen Entdecker. Ja, das hat mich verführt, beim Mare Verlag einzuchecken und die Autorin lesend zu begleiten.

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Was anmutet wie die Reportage einer Autorin, die sich auf einer Recherchereise im Polarmeer befindet, entpuppt sich schnell als literarischer Paukenschlag. Was ich mir auch immer von dieser Lesereise versprochen hatte, Arezu Weitholz räumt schon mit ihren ersten Worten gewaltig mit meiner Erwartungshaltung auf. Es fühlt sich so an, als würde sie mich wie selbstverständlich beiseite nehmen und mir erklären, wovon ich mich bitte verabschieden solle, bevor ich mich an Bord der MS Svalbard begebe. Das erzeugt Nähe und Vertrauen. Das dämpft nicht, das macht neugierig. Der Sog in diese Geschichte über eine Frau und das Polarmeer beginnt schon hier, mich in die Tiefe zu ziehen:

„Es wird keinen Mord geben, keine Leichen, kein Monster, keinen Unfall, keine abgefrorenen Nasen oder Zehen. Es wird niemand schneeblind werden, keiner wird ertrinken oder festfrieren, sich das Bein brechen oder einen Anfall erleiden.“

„Es wird kein Mann und auch keine Frau über Bord gehen, es wird nicht knapp, nicht eng, nur kalt und gelegentlich ein bisschen böse. Die Abgründe bleiben in den Menschen.“

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Nachdem das also geklärt ist, wendet sich die Autorin mir erneut zu und verrät, was ich zu erwarten habe. Und bei Gott, sie hat sich nicht weit aus dem Fenster ihrer Kabine gelehnt. Alles ist eingetroffen. Alles ist genau so passiert und nichts davon ist geeignet, jemals vergessen zu werden. Arezu Weitholz hat Wort gehalten und mir eine Polarreise und ihren eigenen Blick auf dieses Welt ins Herz geschrieben.

„Sie werden aus dem Fenster sehen, in ihre Bücher – und aufs Meer, Sie werden mit einem Schiff fahren und aufs Meer schauen.“

Ich habe in „Beinahe Alaska“ dieses BEINAHE schätzen gelernt und meinen Blick aufs Wesentliche gerichtet. Ich habe beinahe eine Reise unternommen, bin beinahe in der Arktis an Land gegangen, traf beinahe auf Menschen, die sich an Bord fühlten, wie die Entdecker der Nordwestpassage, sprach beinahe mit Crewmitgliedern über die Liebe zum Meer, erreichte beinahe Alaska und erkannte beinahe eine Schriftstellerin, die sich auf der Svalbard neu entdecken wollte. Ich versank beinahe erneut in meinen Büchern über Polarexpeditionen und fühlte beinahe körperlich, was es bedeuten kann, beinahe glücklich zu sein. Beinahe mag sich anhören, wie fast oder unvollendet. Nah dran und doch nicht am Ziel. Arezu Weitholz gelingt es, uns mit den vielen Beinahes unseres Lebens zu versöhnen und die Welt neu zu entdecken.

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Ja, ich habe aus dem Fenster geschaut, das Polarmeer beobachtet und in meine Bücher gesehen. Ich habe nie entdeckte Länder mit eigenen Augen gesehen und nie geküsste Typen erlebt. Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, wenn mir vor Augen geführt wurde, wie es der „Erebus“ in diesen Gewässern erging. Ich folgte der Autorin in ihre Gedankenwelt, in der es ohne feste Bezugspunkte keine Orientierung geben kann und das Leben nur dazu verleitet wird, einem einen Streich zu spielen. Im Scheitern erlebte ich die Chance neuer Herausforderungen und stand doch kurz davor auch in diesem Buch eine Meuterei zu erleben, weil zahlende Passagiere niemals zu begreifen in der Lage sind, der Natur Rechnung zu tragen. Ich stand im Dialog mit den Büchern meines Lesens, die mich schon zuvor in diese Region entführt hatten. Und ich zog erneut den „Goldenen Atlas“ von Edward Brooke-Hitching zu Rate, um den Routen der ersten Forscher im Polareis zu folgen. Alle Bücher sprachen plötzlich miteinander

Wenn Julien Blanc-Gras davon träumt, „Das Eis brechen“ zu können, zeigt uns Arezu Weiholz, was ein echter Ice-Breaker ist. Mit ihr erleben wir Touristen von ihrer schlimmsten Seite, Fremde auf wundersame Weise und Distanz mit neuem Maßstab. Dabei schreibt sich Arezu Weitholz in einen Erzählrausch, der dem Abenteuer, das auf uns wartet, gerecht wird. Wo sie kritisch mit Kreuzfahrten ins Gericht geht, bleibt kein Auge trocken. Wenn sie die Natur verteidigt, wird Green Peace blass und, wenn sie sich selbst infrage stellt, sind die Leser die einzigen an Bord, die für sie in jedwede Bresche springen würden. Innenansichten wechseln mit Außenansichten und weisen den Weg zur inneren Balance. Sprachgewaltig, romantisch, verliebt und unsicher. So erleben wir eine Frau an Bord eines Eisbrechers, der auch ihr Eis langsam beiseite schiebt. Wundervolle Literatur im Ambiente von Polarlicht und Eisbergen.

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - AstroLibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Am Ende der Reise steht fest, dass man nicht dort ankommt, wohin man eigentlich aufgebrochen war. Insofern steht diese Geschichte für das ganze Leben. Wir werden zu Entdeckern unserer eigenen Ungeduld und entschleunigen von Seite zu Seite mehr. Es sind die Gedankenspiele der Autorin, die lange nachhallen. Bilder, die sich auch im Polareis bis in unsere Gedanken vorschmelzen. Warum wird man als alleinstehend und nicht als alleinlaufend bezeichnet? Ist das Singledasein wie ein Stillstand? Wie fühlt es sich an, wenn man glaubt, andere Menschen besäßen ein Lineal fürs Glück? Und was ist das für eine Natur, die einfach unmalbar ist? Diese feinsinnige Sprache der Autorin veredelt diesen Reisebericht, in dem sie beinahe selbst sichtbar wird. Man glaubt, ihr beinahe selbst zu begegnen, wenn sie sich in ihren Gedanken treiben lässt. Immer frei, niemals im Packeis gefangen.

Das Interview mit der Autorin in der Zeitschrift der Meere No 142 von Mare liest sich wie ein Schlüssel zu einer Schatztruhe. Sie ist vieles in diesem Buch und doch ist sie eben vieles nicht. Es sind ihre Augen, die alles sehen und ihre Gefühle, die uns die Bilder näherbringen. Alleinstehend oder alleinlaufend jedoch ist sie nicht. Sie pflegt jene Distanz zur Erzählerin und Beobachterin dieser Expeditionskreuzfahrt und befreit sich auf diese Weise vom Maßstab einer Reisereportage. Beinahe hat sie damit Erfolg Beinahe hat sie mich auch davon überzeugt. Beinahe ist das ein schönes Buch. Ja, das schreibe ich hier in voller Überzeugung und bin mir ganz sicher, dass die Autorin dieses Prädikat mit einem geschmeichelten Schmunzeln akzeptieren wird. Sie hat mir beigebracht, dass beinahe mehr ist, als man vermuten könnte… Es ist das pure Glück!

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Als ich schon dachte, ich hätte die MS Svalbard mit heiler Haut verlassen, kam ein neues Buch aus dem Mare Verlag an. „Polarliebe„. Ich las es sofort im Anschluss und wurde in die Zeit der großen Entdecker zurückgeworfen, die auch Arezu Weitholz am Horizont auftauchen lässt. Erneut begann ein intensiver Dialog mit meinen Büchern, von dem hier noch die Rede sein wird. „Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ – ein Buch, das selbst meine eisigsten Tränen zu Schmelzwasser am Nordpol werden ließ.

Beinahe Alaska und Polarliebe - Mare Verlag - AstroLibrium

Beinahe Alaska und Polarliebe – Mare Verlag

Weitere Expeditionen bei AstroLibrium: Von Schiffen, Bergen und Entdeckern.

Schwitters von Ulrike Draesner

Schwitters von Ulrike Draesner - AstroLibrium

Schwitters von Ulrike Draesner

Beschäftigt man sich intensiv mit dem Roman „Schwitters“ von Ulrike Draesner, dann begegnet man der Autorin sehr schnell in den Weiten des Internets und kann ihr aufmerksam zuhören, wenn sie über die Entstehungsgeschichte ihres Romans spricht und versucht, die Deutungshoheit über ihr Buch zu behalten. Ein spannender Prozess für Lesende, wenn sich eine Autorin offensiv mit dem eigenen Roman auseinandersetzt und tiefe Einblicke gewährt, was sie inspiriert hat, über Kurt Schwitters zu schreiben. Für sie stand eine Frage im Mittelpunkt: „Wie schreibt man ein Leben?“ Wie schafft man es, die Lebensgeschichte eines Künstlers in Worte zu fassen, der sich eigentlich jeder biografischen Betrachtung verweigert hätte? Was ist „Life Writing“ und wie kann man verhindern, dass die wesentlichen Themen im Leben des großen Dadaisten nicht in der alltäglichen Banalität untergehen?

Diese Fragen haben mich in diesen Roman getrieben. Diese Konfrontation mit dem eigenen Schreiben hat mich fasziniert. Darüber hinaus bin ich Ulrike Draesner schon in ihrem „Kanalschwimmer“ begegnet und war fasziniert von der sprachlichen Brillanz ihrer Erzählung. Nun schreibt sie also über einen kunstbesessenen, exzessiv lebenden Kreativen, dessen Leben sich jeder Einordnung entzieht. Ein Mann, der nur sich selbst, nicht jedoch den Menschen in seiner Nähe treu war. Ein Mann, dem das Schreiben im nationalsozialistischen Deutschland verboten wurde, dessen bildende Kunst für alle Zeit als „entartet“ diffamiert und bloßgestellt wurde und den man zur Flucht zwang, weil es in der Heimat einfach zu gefährlich für ihn wurde. Eine Flucht, die die für ihn zu einer Odyssee ohne Wiederkehr wurde.

Schwitters von Ulrike Draesner - Astrolibrium

Schwitters von Ulrike Draesner

Es wird sehr schnell klar, wie sich Ulrike Draesner dem Künstler und Menschen Kurt Schwitters annähert. Sie schreibt nicht über ihn. Sie schreibt ihn. Sie spiegelt seine Wortwerke, Collagen, Skulpturen und Installationen in seinen Geist und lässt ihn zu Wort kommen. Er, der von der Kunst Getriebene, der Rastlose, der vom Verbot zu schreiben in die Flucht zur bildenden Kunst Gehetzte, der sich Verbarrikadierende und heimlich Erschaffende, der Unverstandene und Entartete. Er findet in der Autorin, die voller Empathie in ihn eintaucht, eine neue Stimme. Ulrike Draesner spielt mit uns und mit den Schubladen, in die wir das Buch gerne einsortieren würde. Ein Kunstroman? Sicher. Auf seine ganz eigene Weise. Ein biografischer Roman? Ganz bestimmt im Kern seines Wesens. Und doch spricht dieses Buch eine ganz andere Sprache. Hier wird zeitlos, was endlich war. Hier wird offensichtlich, was verborgen werden sollte.

Wir betreten an der Seite von Kurt Schwitters seinen Merzbau. Ein Biotop seiner Energie, ein Refugium des Staunens und ein avantgardistischer Kunstraum in der Villa in Hannover. Alltagsmüll, Fundstücke, Zeitungsschnipsel. Alles, was ihn inspiriert wird in dieser verborgenen Galerie zu Kunst. Jeder Vorwurf des Entarteten verpufft, da wir an der Seite der unsichtbar agierenden Schriftstellerin einen Zugang zu einem Menschen erhalten, der sein Publikum und letztlich auch sein Selbstwertgefühl verloren hatte. Hier wird die Kunst eines Kurt Schwitters zum Auge des Orkans, in dem er lebt. Und nicht nur das. Wir folgen den Flutwellen seiner Kreativität, beobachten die Außenwelt durch Spiegel, die er an seinem Haus angebracht hatte, um vor den braunen Schergen und ihrer Willkür gewarnt zu sein. Ulrike Draesner findet eine Erzählstimme, der man nicht entfliehen kann. Kurt Schwitters zeigt uns, wie entartet die Welt vor seiner Haustür ist.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner - AstroLibrium

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

An diesem Punkt angelangt, wird aus dem Roman ein eigenständiger Merzbau„. Hier wird alles versammelt, was den Menschen Kurt Schwitters auszeichnet, bestimmt und in Erinnerung hält. Eine Collage zwischen zwei Buchdeckeln, die ein eigenes und nachhaltiges Leben voller Botschaften entwickelt. Ulrike Drasener wird in ihrem Buch zur Wortdadaistin, die ein Erbe anzutreten scheint, das Kurt Schwitters bisher verwehrt war. Sie lässt in unglaublich intensiven Rhythmuswechseln die Menschen aus seinem Umfeld zu Wort kommen. Die Ehefrau, den Sohn, seine spätere englische Frau. Wir sind gefangen im „Merzbau“ dieses Romans, wie in einem Künstlerarchiv, und folgen dem Leben Kurt Schwitters über die Etappen seiner Flucht. Eine Collage, die ihn im Lauf der Jahre so spiegelt, wie es gewesen sein könnte. Die ihn denken lässt, wie er gedacht haben mag. Eine „Life-Writing-Collage„, die aus der Art schlägt. Wohl das größte Kompliment für einen Roman über einen Dadaisten, der als entartet galt.

Schwitters zu folgen gleicht literarischer Magie. Zu erleben, was Entwurzelung bei einem Künstler bedeutet, dessen Kunst sich im Inneren seiner Villa manifestiert, schafft unglaubliche Nähe. Ihn mit seinem Sohn auf seiner Flucht nach Norwegen zu begleiten, zeigt die Ausweglosigkeit des Unterfangens. Die Wehrmacht ist omnipräsent. Und doch erschafft Kurt Schwitters an allen Orten seiner Flucht Merzräume, die Zeugnis ablegen. Seiner Frau Helma zu folgen, die in Hannover die Stellung hält, um den Merzbau gegen die Nazis zu verteidigen, gehört zu den bewegendsten Teilen dieser Collage. Sie wird Zeugin von Deportationen, erlebt Hausdurchsuchungen der heftigsten Art und erleidet die Bombardierung ihrer Heimatstadt in einem furiosen Kapitel des Romans. Nur Kurt Schwitters lebt in einer eigenen Welt. Norwegen, England, die dortige Inhaftierung als „Enemy Alien“ und der Befreiungsschlag an der Seite einer neuen Frau lassen ihn im Verlauf des Romans in einem Licht erscheinen, das er wohl selbst niemals angemacht hätte.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

SCHWITTERS von Ulrike Draesner – AstroLibrium

Es ist ein sprachliches Bravourstück, das Ulrike Drasener gelingt, indem sie Kurt Schwitters pulsierende Rückkehr zur feinen Wortkunst zu Papier bringt. Der Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland fällt ihm kurz vor der Invasion in die Hände. In Lautschrift werden die Invasoren auf die deutsche Sprache vorbereitet und der einstig wortgewaltige Immigrant beginnt nun mit der englischen Sprache zu spielen. Hier wird Sprachkunst zur Erzählkunst. Ulrike Draesner erzählt eine Geschichte vom Verlust in den Wirren des Krieges. Sie erzählt von Untreue, Treue und Obsession. Ihr merkt man an, dass sie niemals im Sinn hatte, eine einfache Romanbiografie zu schreiben. Dafür ist „Schwitters“ zu komplex angelegt, zu facettenreich konstruiert und zu farbgewaltig in Szene gesetzt.

Was bewirkte dieses Buch in mir? Eine Frage, die mich begleitete. Nein, ich finde keinen inhaltlichen Zugang zum Dadaismus, zur Entkörperlichung von Gegenständen in einer abstrakten Umwelt. Mein Kunstverständnis findet in Franz Marc seinen Höhepunkt und auch schon seine Grenzen. Auch er galt als entartet. Seine Werke wurden mit den Collagen von Schwitters in der Ausstellung „Entartete Kunst“ vorgeführt. Würde ich nun einen Merzbau betreten, meine Perspektive wäre anders. Verständiger, emotionaler in Bezug auf die Menschen, die von dieser Kunst betroffen waren. Ulrike Draesner hat in mir etwas losgetreten, das vorher von Unverständnis charakterisiert war. Was kann in der Literatur schöner sein? Ich schaue mich um und erkenne in meiner Wohnung den Merzbau meines Lebens. Verwurzelt, immobil und vor aller Welt verborgen. Ich hoffe, dass sich Ulrike Draesner niemals in mich hinein recherchiert und denkt. Das vereint mich mit Kurt Schwitters. Diese Collage meines Lebens wäre zu tiefgründig.

Und bevor mir jemand moralisch kommt: Ja, auch ich hätte mich in Wantee verliebt, die englische Frau an der Seite von Kurt Schwitters, die nicht nur Lebensgefährtin und später dann Nachlassverwalterin wurde. Sie war alles, was ihr Spitzname impliziert.

Edith „Wantee“ Thomas hatte ihm gezeigt, dass want auch fehlen bedeutete. Englisch-logisch: Wantee hatte ihm gefehlt.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner - AstroLibrium

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

Constanze von Zeichen & Zeiten schreibt: Ein großes Buch, dem man sich wieder und wieder widmen kann und sollte, weil es so reich in vielerlei Hinsicht ist.

Schwitters von Ulrike Draesner ist für den Bayerischen Buchpreis 2020 in der Kategorie Belletristik nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Buchpreisblogger begleiten darf, werde ich auch die weiteren nominierten Titel lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November. Alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Ulrike Draesner: Schwitters (Penguin Verlag)
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik (Hanser Literaturverlage)
Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Klett-Cotta Verlag)

Warum ich schon jetzt denke, dass Ulrike Draesner einen preiswürdigen Roman geschrieben hat? Ihr gelingt mit ihren Worten etwas, das sie in ihrem Buch eigentlich ihrem Protagnisten Kurt Schwitters zugeschrieben hat:

Menschen mit Worten aus ihren Dreiteilern, Leibbindern und Uniformen schmelzen.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner - AstroLibrium

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

Buchhandlung Lesezeichen Germering - Astrolibrium

Meine Partnerbuchhandlung zum Bayerischen Buchpreis

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem - AstroLibrium

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Wissenschaftlich geprägte Romane liegen mir besonders am Herzen. Gerne folge ich den großen und kleinen Entdeckern, die unsere Welt verändert haben. Dabei sind es nicht nur Nobelpreisträger, die auf AstroLibrium tiefe Spuren hinterlassen. Es sind oftmals gerade die Gescheiterten, die Wagemutigen und Visionäre, deren Geschichten mich fesseln. Es sind vielfach die sogenannten Zweiten im Ziel, über die niemand mehr spricht und die schnell in Vergessenheit geraten. Und doch sind gerade sie es, die mit ihrem Pioniergeist den zeitlosen Erfolg der „ausgezeichneten“ Forscher erst ermöglicht haben. Es sind tragische Geschichten des Scheiterns und der Obsession, denen wir in der Literatur begegnen. Es ist die andere Seite der Nobelpreis-Medaille, die ständig im Schatten liegt und kaum Glanz verbreitet. Es sind große literarische Stoffe, die man in diesen Geschichten findet. Gut recherchiert erzählt, fällt zumindest ein wenig dieser Strahlkraft auf die Schattenseite der Naturwissenschaft…

Da kann es nicht verwundern, dass der Roman Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem meinen literarischen Entdeckerinstinkt geweckt hat. Erst im letzten Jahr habe ich das 50-jährige Jubiläum der ersten Mondlandung mit einem Special hier gewürdigt und nun komme ich natürlich auch nicht an einer Romanbiografie vorbei, die einen echten Pionier in der Geschichte der Weltraumfahrt in den Mittelpunkt stellt. Wer jedoch denkt heute schon an Hermann Oberth, wenn von der „Apollo-11-Mission“ die Rede ist? Wer schon an einen gebürtigen Siebenbürger Sachsen, wenn man sich das „Who is Who“ der deutschen Raketen-Wissenschaftler vor Augen hält, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der legendären „Operation Overcast“ im Rahmen der geheimen Aktion von den US-Streitkräften in die Vereinigten Staaten gebracht wurden? Nein, ein Hermann Oberth taucht hier viel später auf und doch gilt er als der eigentliche Godfather der Raketentechnologie.

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem - Astrolibrium

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Woran jedoch lag es, dass man den großen Vordenker des Raketenantriebs hier übersehen hatte? Dieser Frage geht Daniel Mellem auf die Spur. Und wer, wenn nicht er könnte berufener sein, um das Schicksal jenes Wissenschaftlers über ein Zeitfenster von fast 70 Jahren zu skizzieren und zu erzählen? Der promovierte Physiker gehört für mich zu den kommenden lauten Stimmen im Literaturbetrieb, weil es ihm gelingt, seine wissenschaftliche Prägung sehr nuanciert einzusetzen, um seinen Erzählfluss nicht zu überfrachten. Und wie er erzählt. Man kann sich weder dem Sog des Romans noch der Konstruktion entziehen. Um sich Hermann Oberth zu nähern, um den Menschen und Forscher zu verstehen und das Scheitern nachvollziehen zu können, muss man schon weit ausholen und einen Erzählraum gestalten, der in mehreren Raketenstufen zündet.

Daniel Mellem erzählt eine bewegende Geschichte, in der es nicht nur um Herkunft, Talent und Obsession geht. Er nähert sich in seinem Protagonisten der entscheidenden Frage nach der wissenschaftlichen Ethik und betritt ein Spannungsfeld, in dem er den Wissenschaftler Oberth auf den Prüfstand des historischen Gewissens stellt. Wie weit darf man gehen, um sich nicht an seinem eigenen Wissen zu versündigen. Zu welchen Opfern ist man bereit, um ein egoistisches Ziel zu erreichen? Ein Scheideweg, an dem auch Hermann Oberth in die falsche Richtung abbog. Daniel Mellem bricht keinen Stab über dem erfolglosen Forscher. Er weckt Verständnis für seine Entwicklung, beschreibt den Neid auf seine Weggefährten und stellt die wissenschaftliche Leistung ins Zentrum des Geschehens. Und doch lässt der Physiker und Schriftsteller keinen Zweifel daran, dass Hermann Oberth keinesfalls ein Opfer der Geschichte ist. Er wäre gerne wie jener bereitwillige Täter und Nazi-Forscher gewesen, der viel von ihm lernte und als Wernher von Braun berühmt wurde.

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem - Astrolibrium

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Der Handlungsbogen des Romans beginnt beim begeisterten Jugendlichen, der von Jules Verne fasziniert ist und doch schnell festellt, dass sich der Visionär verrechnet haben musste. Die Idee einer Reise zum Mond jedoch bleibt tief in der Fantasie eines Jungen verankert, dem aufgrund seiner Herkunft und der mehrfach wechselnden Rolle seiner Heimat in der Geschichte der Weg zu den großen Universitäten versperrt bleibt. Gegen den Willen des Vaters und später auch nur mit einer, die Raketenforschung nur tolerierenden, zweifelnden Ehefrau begibt er sich in die Sackgassen seiner Forschung. Daniel Mellem bleibt der Geschichte und den Menschen eng auf der Fährte, wenn ihm die Weltgeschichte mal wieder ein Schnippchen schlägt. Die Rakete zündet in all ihren Brennstufen. Wir begleiten Hermann Oberth bis zu den UFA-Filmstudios und zu Fritz Lang, der dessen Kenntnisse zumindest im Ansatz im Stummfilm „Frau im Mond“ auf die Leinwand bringt. Für Hermann Oberth jedoch nur ein totes Gleis. Er will mehr. Echte Raketen. Zur Not auch solche, die töten. Kriegswaffen. Er bietet sich den Nazis an.

Peenemünde. Die Vergeltungswaffe V2 . Das Aggregat 4. Hier sollten sich seine Träume erfüllen. Der Flug zum Mond könnte ja später immer noch erfolgen. Hier zeigt sich die dunkle Seite des talentierten Wissenschaftlers, der zu allem bereit ist, wenn er nur ein Mal ausprobieren darf, ob seine Theorien in der Praxis funktionieren. Es ist die erdrückende Geschichte eines Abstellgleises, von dem die Lokomotive entkommen will. Koste es, was es wolle. Der Hermann Oberth, der zu oft als Spinner verlacht wurde, will es der Welt zeigen. Sein Gewissen schaltet er aus. Die Zweifel seiner Frau Tilla legt er in das Ablagekörbchen. Das Scheitern scheint vorhersehbar. Dieser Roman greift nie zu kurz, wenn Hintergründe wichtig sind. Er schweift nicht ab, wenn es doch so leicht gewesen wäre, ins Schwadronieren zu kommen. Er bleibt präzise und doch feinfühlig, weil auch diese Geschichte ohne Leidenschaft bis zur Selbstaufgabe nicht funktioniert.

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem - Astrolibrium

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Dies ist ein absolut disziplinloser Roman. Seiner Hauptfigur Hermann Oberth wird es zum Verhängnis, dass die Raketenforschung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts keiner Disziplin der etablierten universitären Wissenschaften zuzuordnen war. Weder der Physik, noch der Aerodynamik oder dem Ingenieurswesen. Ein Pech, dem er ewig nachgetrauert hat. Hier sprengt auch der Autor den Rahmen seiner Erzählung. Es ist wie eine Wanderung auf den Grenzlinien zwischen Science Fiction und Wissenschaft. Es ist eine spannende, lehrreiche und emotionale Wanderung, die dort endet, wo eine solche Geschichte enden muss. Daniel Mellem bringt sie in ihr Ziel und wir zählen den wohl legendärsten Countdown der Geschichte der Weltraumfahrt mit.

Ein Countdown, den man nicht nur in der gebundenen dtv-Print-Ausgabe erlesen kann. Ein Countdown, der auch im Hörbuch von Der Audio Verlag eine wichtige Rolle spielt. In Sebastian Rudolph hat man einen Sprecher gefunden, dessen Stimme nicht nur versiert durch diesen atmosphärischen Roman führt. Er ist absolut stilsicher in den Dialogen, denen er viel Lebendigkeit einhaucht. Er vermag es, Hermann Oberth einen Klang zu verleihen, der einfach zu ihm passt. Und in den entscheidendsten Momenten der Hörbuchfassung wirkt es, als sei seine Stimme aus der Zeit gefallen. Hier klingt ein Countdown, als würden wir ihn in einer Liveübertragung hören. Unterbrochen nur von den Gedankengängen des Mannes, der zeitlebens von jenem Moment geträumt hat. Es sind neun Stunden dieser ungekürzten Lesung, die der Schubkraft der Romanvorlage gerecht werden. Ein Hörbuch, das keinen Nachbrenner benötigt, um diese Geschichte in die Umlaufbahn zu katapultieren.

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem - Astrolibrium

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Ich stand nicht zum ersten Mal in meinem Lesen vor der Vergeltungswaffe V2 in Peenemünde. Ich sah die aufgemalte Frau im Mond schon in einem anderen Roman. Es sind diese Momente, die ich an der Literatur so liebe. Es sind solche Momente, die im Herzen der Lesenden Bücherketten entstehen lassen, an die auch die Autoren nicht gedacht haben. Und doch stehen ihre Bücher jetzt in meiner Bibliothek nebeneinander. Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš endet an dieser Rakete…. 

Der Mond und die Literatur: Von Jules Verne bis zu Daniel Mellem. Meine absolut schwerelose Erdtrabanten-Bibliothek:

Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt
Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill
ARTEMIS“ – Leben auf dem Mond mit Andy Weir
Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano
Armstrong“ – Torben Kuhlmann revolutioniert die Raumfahrt
Die Ziege auf dem Mond“ – Stefan Beuse & Sophie Greve
Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk
Space Girls“ von Maiken Nielsen und das große Special
50 Jahre Mondlandung – Ein Literaturereignis“ und jetzt aktuell:
Die Erfindung des Countdowns“ von Daniel Mellem (Buch und Hörbuch)

Und jetzt läuft Euer Countdown: 10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem - AstroLibrium

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Frankfurter Buchmesse, digital. Eine neue literarische Welt, die uns in diesem Jahr erwartet, bringt auch ihre guten Seiten mit sich. Die Buchmessespitzen in München lässt Schriftsteller*innen in der bayerischen Metropole mit ihren Werken auftreten, die zu genau diesem Zeitpunkt in Frankfurt die Messehallen dominieren würden. Ich hatte die Ehre im Rahmen dieser Lesungsveranstaltung dieses Interview für Literatur Radio Hörbahn führen zu können, auf das ich mich besonders gefreut habe.

Die Erfindung des Countdowns - Daniel Mellem - Das Interview - Astrolibrium

Die Erfindung des Countdowns – Daniel Mellem – Das Interview

Daniel Mellem – Das Interview

Ein Gespräch über: Ethik und Wissenschaft, schreibende Physiker, fantastische Visionäre, Jules Verne, die Ausweglosigkeit der Herkunft und jenen Countdown, der unsere Welt veränderte. Hier geht´s zum PodCast.

Die Glockenbach Buchhandlung in München - AstroLibrium

Die Glockenbach Buchhandlung in München

Mein besonderer Dank gilt der Glockenbach Buchhandlung München, die spontan die Pforten öffnete und als Location für die Aufzeichnung des Interviews zur Verfügung stand. Ein absolut erlesenes Wohlfühl-Ambiente. (Das machen wir mal wieder…)

Christo and Jeanne Claude. Paris! Das Buch zur Ausstellung

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

Ein Virus hat das Jahr 2020 auf den Kopf gestellt. Besonders die Kunstwelt hat die Folgen der globalen Pandemie zu spüren bekommen. Dabei sollte gerade dieses Jahr unter dem Stern großer Kunstprojekte stehen, die uns in Staunen versetzt hätten. Paris wäre einer der absoluten Hotspots der internationalen Kunstszene geworden und viele Kunstfreunde aus aller Welt wären wohl in die Weltstadt gepilgert, um dort mit eigenen Augen zu bewundern, was nur temporär zu sehen wäre, bevor es verschwindet und in die Geschichtsbücher Einzug hält. Eines dieser Projekte wäre die Verhüllung des Arc de Triomphe durch den legendären Aktionskünstler Christo gewesen. Für den Herbst war nicht nur dieses Aufsehen erregende Projekt geplant, auch eine Ausstellung sollte das Kunst-Highlight begleiten und schon im Frühjahr im Centre Pompidou die Pforten öffnen.

Alles kam anders. Corona legte Paris ebenso lahm, wie viele andere Großstädte. An den Beginn der umfangreichen Vorbereitungen für das Großprojekt war kaum noch zu denken. Die Eröffnung der Ausstellung wurde ebenso verschoben und als man der Meinung war, es könne nicht mehr schlimmer kommen, erschütterte die Nachricht vom Tod des Künstlers die Welt. Christo war am 31. Mai im Alter von 84 Jahren in seinem Atelier- und Wohnhaus im New Yorker Stadtviertel Tribeca verstorben. Er folgte seiner Ehefrau, Muse und genialen Partnerin Jeanne-Claude elf Jahre nachdem sie am 18. November 2009 im Alter von 74 Jahren an einem Hirnaneurysma verstorben war. Man kann es nicht anders sagen. Das Künstlerpaar hatte die Welt verändert. Sie hatten in vielen gemeinsamen Aktionen Impulse gesetzt, die nicht nur von Kennern ihrer Kunst bewundert wurden. Allein der verhüllte Reichstag in Berlin zog mehr Besucher an, als das unverhüllte Monumentalbauwerk je zuvor gesehen hatte.

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

Ihren Tod zu verkraften, entwickelte sich zur wohl größten Herausforderung für den gebürtigen Bulgaren und jetzigen US-Staatsbürger Christo. Es blieb seinem Versprechen treu, „die Kunst von Christo und Jeanne-Claude auch über den Tod hinaus fortzusetzen“. So geriet der Plan eines verhüllten Triumphbogens im Herzen von Paris nicht in Vergessenheit. Als Verpackungskünstler wollte Christo dabei jedoch nicht bezeichnet werden. Dieses leicht greifbare Etikett sorgte zwar dafür, dass sich auch weniger Kunst-affine Menschen seinem Werk annähern konnten, er sah in jener besonderen Form der Aktionskunst allerdings mehr. Formen und Architektur wollte er auflösen, die Kunst von ihrem Sockel der Erhabenheit stoßen und andere Blickwinkel ermöglichen. Wer ihn jedoch in Diskussionen über den tiefen Sinn seiner Kunstwerke verstrickte, hörte oft: Es ist total irrational und sinnlos. So bleiben die Installationen von Christo und Jeanne-Claude im optischen Gedächtnis der Welt. Ob es „Umbrellas“ in Japan und Kalifornien waren, der „Valley Curtain“ in Colorado, die „Floating Piers“ auf dem italienischen Iseo-See oder der legendäre verhüllte „Pont Neuf“ in Paris. Ihre Kunst war vergänglich, nicht für die Ewigkeit und doch konnte man sich der Magie des Augenblicks nicht entziehen, dem sie einen eigenen Stempel aufgedrückt hatten.

Ist jetzt vergangen, was auf Vergänglichkeit angelegt war? Sind wir am Ende einer Kunstgeschichte angelangt, die Menschen vereinte und Blicke lenkte? Bleiben nur noch Erinnerungen, oder gibt es noch Auswege aus diesem „Dilemma der Vergänglichkeit“ einer einzigartigen, luftig leichten, alles verhüllenden Kunstform? Wer in diesen Tagen den Blick in Richtung Paris wendet, erlebt die Wiedergeburt von Christo und Jeanne-Claude. Der Traum ist nicht ausgeträumt. Er lebt weiter… 

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

Die Ausstellung Christo and Jeanne-Claude. Paris! hat im Centre Pompidou die Pforten geöffnet. Bis zum 19. Oktober kann man sie noch besuchen. Oder eben doch nicht. Paris gehört zu den Risikogebieten der Corona-Schutzmaßnahmen und es dürfte extrem problematisch sein, den Ausstellungsbesuch zu planen. Man kann sie sich aber nach Hause holen. Und nicht nur das. Der Sieveking Verlag hat mit dem Begleitbuch zur Ausstellung ein kleines Kunstwerk geschaffen, das international für Aufsehen sorgt. Dieses Buch ist eine schillernde Hommage an ein Künstlerpaar, das uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Es ist kein Ausstellungskatalog im klassischen Sinn. Es ist im tiefsten Kern der Rückblick auf ein Paris, das Christo und Jeanne-Claude so prägte, wie es selbst von den beiden Künstlern geprägt wurde.

Paris war für Christo und Jeanne-Claude in künstlerischer und privater Hinsicht von herausragender Bedeutung. Hier lernten sie sich 1958 kennen, hier skizzierten sie die ersten Ideen für gemeinsame Projekte. Hier streiften sie durch die Straßen und überzeugten sowohl die Anwohner, als auch die Stadtoberhäupter davon, im Jahr 1985 das erste Großprojekt im öffentlichen Raum realisieren zu dürfen. Die Verhüllung der Pont Neuf hat Geschichte geschrieben. Im Buch finden wir selten gezeigte Frühwerke und Studien, Skizzen, Zeichnungen und Collagen, sowie beeindruckende Fotografien vom fertigen Kunstwerk, das die Seine überspannte und die Brücke in goldene Farben hüllte. Man kann in und zwischen den Seiten die Verbundenheit der Künstler zu dieser Stadt fühlen und erkennt, was hier begann und sich mit einem Verhüllungs-Siegeszug auf der ganzen Welt fortsetzte.

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

Das großformatige Softcover-Buch „Christo an Jeanne-Claude. Paris!“ zeigt auf seinen 256 Seiten ca. 300, teils ganzseitige Abbildungen, die uns fesseln und dem Schaffen des Künstlerpaars näherbringen. Man kann es erlesen, wie eine Vernissage durch das Centre Pompidou, nur dass dieses Buch nicht der Vergänglichkeit seiner Protagonisten unterliegt. Englisch ist die Sprache des Buches. Es ist trotzdem leicht verständlich und die Begleittexte ergeben mit den Abbildungen eine polyglotte Einheit im Sinne der internationalen Kunstwelt. Das Buch hat mich dazu inspiriert, den beiden Künstlern nachzueifern und kleine Dinge mit Stoff zu verhüllen. Es ist erstaunlich, wie sehr das Gegenständliche verschwindet und zum Geheimnisvollen wird. Der Kreativität wird hier ein spürbarer Impuls verliehen. Und wenn man nicht gerade verhüllt und im Buch nach neuen Inspirationen stöbert, wird man es spätestens im nächsten Jahr zu schätzen wissen.

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

2021 wird der Arc de Triomphe nach den Plänen von Christo und Jeanne-Claude verhüllt. Es wird epochal, monumental und sentimental. Es wird das erste Wrapping-Projekt im öffentlichen Raum, das nur von ihren Ideen lebt. Es ist absehbar, dass die Kunstaktion als Erbe von Christo und Jeanne-Claude weltweite Schlagzeilen machen wird. Spätestens dann wird dieses Buch eine neue Bedeutungsebene erhalten. Es tritt dieses Erbe im Bücherregal an, es zeigt die Skizzen zum Triumphbogen und lässt uns ahnen, welche Dimension das Projekt erreichen wird. Spätestens dann wird der Wert dieses Buches emotional in die Höhe schießen. Ich kann Kunstliebhabern empfehlen, sich jetzt dieses Buch ins Haus zu holen. Verhüllt es nicht. Stöbert und flaniert auf den Seiten und dann: 2021 – schaut nach Paris und hofft mit mir gemeinsam, dass die Kunst vielleicht auch Corona verhüllen kann…

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

In einer Zeit, in der wir zum Schutz vor einer Corona-Infektion Teile des Gesichts verhüllen, sollte uns diese Kunstform näher sein, als jemals zuvor. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie Christo die Face-Wrapping-Welle künstlerisch verarbeitet hätte.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Dies ist nicht mein erster Kunst-Kontakt mit dem Verlag. Franz Marc ist schuld.

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard - AstroLibrium

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Der Krieg der Armen – Die Rezension – Hören oder lesen? Sie entscheiden selbst.

Reichen einem versierten Schriftsteller 64 Seiten aus, um den biografischen Abriss einer historischen Persönlichkeit zu skizzieren? Reicht ein solcher literarischer One-Night-Stand (ein Buch für eine einzige Nacht) aus, um seine Leser zu fesseln und sie in seinen Bann zu ziehen? Kann man in diesem Format eine nachhaltige Erzählung im historischen Kontext entwickeln? Man sollte eigentlich daran zweifeln. Wie könnte man in die Tiefe eines Charakters vorstoßen, wie die Hintergründe seines Wirkens erklären und welche Fragen ließe man am Ende offen? Ja, man könnte durchaus zweifeln, dass dies gelingen kann. Ich jedoch rief mir seine anderen Werke in Erinnerung und wusste sofort: Ja, er schafft das! Wenn es einer schafft, dann er:

Éric Vuillard, 1968 in Lyon geboren. Schriftsteller und Regisseur. Mehrfach für seine Romane ausgezeichnet. Den schriftstellerischen Höhepunkt erreichte er mit dem „Prix Goncourt„, den er 2017 für seinen Roman „Die Tagesordnung“ erhielt. Er erhebt die Stimme für die Unterdrückten, die Benachteiligten und steht in der ersten Reihe, wenn sie die Barrikaden stürmen, um zu ihrem Recht zu kommen. Seine Streitschriften sind von besonderer Relevanz für die heutige Zeit. Er ist ein Literatur-Revolutionär, wenn es darum geht, die Französische Revolution von 1789 mit der Gelbwesten-Bewegung des Jahres 2019 in eine Waagschale zu legen. Seine Worte brennen so lichterloh, wie die angezündeten Autoreifen auf den Prachtstraßen von Paris. Sein Roman „14. Juli“ lässt nicht nur Köpfe rollen. Vuillard ist der Scharfrichter, der den Armen die Hand reicht.

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Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Jetzt kehrt er zurück und legt seinen neuen Roman „Der Krieg der Armen“ in die Hände seiner Leser und Leserinnen. Es ist wohl so, wie im Klappentext beschrieben, dass wir uns mitten im Bauernaufstand der Jahre 1524 – 1525 befinden. Es ist wohl so, dass wir dem Utopisten, Theologen und Brandredner Thomas Müntzer begegnen und seine mächtige Stimme von der Kanzel vernehmen. Es ist wohl so, dass wir denken, in dieser kurzen Geschichte viel über den revolutionären Reformator zu erfahren, der die weltliche und kirchliche Obrigkeit mit Wort und Axt bekämpfte. Es ist wohl so, dass wir an seiner Seite in die Schlacht ziehen und untergehen. All dies wird erzählt und doch hat Éric Vuillard seinen Roman anders angelegt. Es ist ein Echo, dass durch die Welt hallt und von Thomas Müntzer aufgenommen und tausendfach verstärkt wird.

Vuillard wagt den Jahrhundertsprung zu den Ursprüngen des Aufschreis. Er lässt John Wycliff von der direkten Beziehung zwischen Mensch und Gott reden, in die sich die Kirche mit aller Macht hineingedrängt hat. Er lässt einen gewissen John Ball durchs Land ziehen und seine Theorien unter das arme Volk bringen. Er proklamiert den Willen Gottes als den Willen eines gerechten Gottes, der niemanden in die Knechtschaft treibt. Er lässt Wat Tyler den Steuereintreiber ermorden, der Tylers Tochter eingetrieben hat und nicht das Geld. Er lässt die von der Obrigkeit vernichteten Aufständischen und von der Kirche mit Bullen belegten Aufständischen weiterleben in Jack Cade und Jan Hus. Er lässt sie gegen den bezahlten Sünden-Ablass kämpfen, die Gewalt aller Kreuzzüge verurteilen und die wahre Liebe Gottes predigen, den nur niemand verstehen kann, weil man das Volk mit der lateinischen Liturgie geißelt.

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Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Erst dann nimmt Éric Vuillard die Lawine der befreienden Worte auf und nähert sich Thomas Müntzer. Auf den Trümmern niedergeschmetterter Aufstände scheint er die Reinkarnation aller Stimmen zu sein, die man erfolgreich zum Schweigen gebracht hatte. Jetzt brodelt der rhetorische Vulkan, jetzt bricht er aus und während zeitgleich in Eisenach ein gewisser Thomas Luther predigt, seinen ärgsten Feinden auch noch die andere Wange hinzuhalten, wird Thomas Müntzer radikal. Aus seinem Schreibkrieg ist ein Aufstand mit Waffen geworden.

„Die ganze Welt muss einen großen Stoß aushalten.“ 

Müntzer beschwört den Untergang der bekannten Welt herauf. Er kämpft gegen den Adel, die Privilegien und die Kirche, die das Volk alleine schon durch die Sprache klein hält. Er stellt sich mit den Seinen, den Armen, den Bauern, den Tagelöhnern und Leigeigenen gegen die Macht der von Gott legitimierten selbstgefälligen Würdenträger. Im Herzen die Echos der zuvor Besiegten, Geköpften und Verbrannten. Ein Erdrutsch. Vuillard schreibt gewaltig, im tiefen Bass der Revolution, wuchtig und brillant. Er lässt uns zu den Waffen greifen und zu Frankenberg in die Schlacht ziehen. Er zeigt uns, wofür es sich zu kämpfen lohnt und macht uns mit den Gemeinsten gemein. Und dann lässt er uns scheitern, wirft uns zurück in unsere Zeit und lässt uns durchatmen. Wir verstehen seine Streitschrift richtig. Wir hören das Echo von einst. Auch die Stimme eines Thomas Müntzer ist noch zu hören. Bis in unsere Zeit.

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Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Doch, wenn man genau hinhört, dann hört man eine Botschaft, die weiter trägt, als die Jahrhunderte. Die Armen hatten gute Gründe, ihre Kriege zu führen. Es war die tatsächliche und systematische Unterdrückung, die sie lebenslang knechtete. Hier setzen die Stimmen ihrer Anführer an. Sie zogen nicht in die Schlacht, wenn es nicht um ihre komplexe Existenz ging. Sie waren keine Träumer, Leugner und Fantasten. Sie folgten keinen wirren Köpfen, die nur ihr eigenes Wohl im Sinn hatten. Sie waren keine Schlafschafe, die man an der Nase herumführte und blind in die Schlacht trieb. Éric Vuillar bleibt sich und seinen Unterdrückten treu. Seine Bücher dienen nicht als Legitimation für an den Haaren herbeigezogenen Widerstand. Sein Schreiben ist den Opfern der Freiheitskämpfe gewidmet, die unsere Welt zu einer anderen gemacht haben. Wer Vuillard liest, wird sich gut überlegen, wann und wo, für wen und gegen wen er seine Stimme erhebt.

Vuillards Revolutionen haben Ursachen, denen man sozial-ethisch auf den Grund gehen kann. Sie unterscheiden sich von den Möchtegern-Revolten und den Populisten, denen man eher auf den Leim gehen kann. Vuillard lesen, heißt das Echo zu hören und zu verstehen. Was wir heute auf den Straßen hören, sind oftmals leere Hülsen, die sich niemals zum Echo eignen. Sie verhallen in der Geschichte als Spinnerei. Pflichtlektüre für kritisch denkende und empathische Menschen, denen eines fehlt:

Der Egoismus, andere zu missbrauchen, um eigene Ziele zu erreichen. Koste es, was es wolle. Lesenswert!

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard - AstroLibrium

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Ein Buch für eine Stunde – Eine Geschichte fürs ganze Leben!

Der Krieg der Armen – Eric Vuillard, Matthes & Seitz Berlin, 16 Euro, 64 Seiten, aus dem aus dem Französischen brillant übersetzt von Nicola Denis