„Sechs Koffer“ von Maxim Biller

Sechs Koffer von Maxim Biller

Es gibt wohl kaum einen deutschen Schriftsteller, der in der breiten Öffentlichkeit kontroverser aufgenommen wird, als Maxim Biller. Es zieht sich wie ein roter Faden durch seine Lebens- und Literaturgeschichte, dass man ihn einerseits bejubelt und mit einer Sänfte durchs Land trägt, während man ihn gleichzeitig wie eine literarische Sau durchs Dorf treibt. Biller polarisiert. Biller provoziert und Biller weiß alles besser. Seine Auftritte im Literarischen Quartett haben ihn, den Schriftsteller und Erzähler, zu einem Kritiker werden lassen, der die Werke seiner Kollegen in ihre Bestandteile zerlegte und wertete. Das verhärtet die Fronten. Das macht aus einem Autor ein Amphibienfahrzeug im Literaturbetrieb. Schreiben und kritisieren. Ist das miteinander vereinbar? Kann man gleichzeitig fahren und schwimmen? Wie wird dann der neue Roman des Hybriden von jenen aufgenommen, deren Profession das Kritisieren ist und wie leben Kollegen damit, dass er nun den Anspruch erhebt, neutral gesehen und bewertet zu werden?

Es ist, wie es zu erwarten war. Einerseits bejubelt und auf der Sänfte der Shortlist des Deutschen Buchpreises durch die staunende Leserschar getragen, andererseits jedoch genau von jenen in die Tonne geklopft, von denen er als Kritiker stets Alles-oder-Nichts Literatur fordert, die zugleich wagemutig als auch komplex daherkommen soll. Hat hier ein subjektiv als negativ wahrgenommenes Fernseh-Image den Inhalt seines Romans überlagert? Steht Maxim Biller der alte Vorwurf im Weg, er selbst käme nicht mit Kritik zurecht? Ist es Futterneid auf der einen Seite, der zum Verriss tendiert und Verneigung vor einer wichtigen literarischen Stimme auf der anderen Seite, mit der man sich gut zu stellen hat, falls sie sich erneut zur Kritikerstimme erhebt? Kann man einen Roman, der von solchen Extremen flankiert wird eigentlich neutral betrachten? Nein. Das würde ihm nicht gerecht.

Sechs Koffer von Maxim Biller

Billers Buch bleibt Billers Buch. Maxim Biller von seinem Werk zu trennen wäre, als würde man Günter Grass als Person ausblenden, um dann sein Lebenswerk zu wiegen und zu werten. Was man jedoch können sollte, ist einem Roman eine echte Chance zu geben, selbst wenn man Vorbehalte gegen dessen Verfasser hegt. Ebenso neutral und unvoreingenommen sollte man sich einem Werk von der anderen Seite her nähern. Die Lorbeeren, die seinen Weg säumen, sollten mit Bedacht und ohne Abwägen möglicher Konsequenzen zu einem Kranz geflochten werden. Das meine ich mit neutral. Das hat eigentlich jedes Buch verdient. Und damit auch jeder Schriftsteller. Hier hilft kein grüner Klee, über den er gelobt wird. Auch keine Antipathie, gegen die er nicht anzuschreiben vermag. Ich versuche es. Keine Alles-oder-Nichts Rezension und doch vielleicht mutig genug, um dem Werk nahezukommen.

Sechs Koffer“ von Maxim Biller, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch.

Maxim Biller geht ein sehr großes Wagnis ein. Er hebt die Immunität seiner Familie auf, um einen autobiografischen Roman über ein Familiengeheimnis zu schreiben, das bis heute wie ein großer Schatten die Vita des Schriftstellers bestimmt. Insofern handelt es sich hier um einen Familienroman mit historisch verbrieftem Setting. Es geht um die Geschichte einer jüdischen Familie, der es gelang dem Kommunismus zu entfliehen, in die Welt zu ziehen und ihr großes oder kleines Glück zu machen. Einziger Makel an der Geschichte ist das Opfer, das gebracht wurde, um sich loszueisen. Irgendjemand muss den Großvater Biller verraten haben. Irgendjemand hat ihn auf dem Gewissen. Ihn, den die sowjetische Geheimpolizei aufgespürt und 1960 hingerichtet hat.

Sechs Koffer von Maxim Biller

Dabei waren es nur kleine Wirtschaftsdelikte, die man ihm nachweisen konnte. Ein paar geschmuggelte Nähmaschinen, ein bisschen Devisenschieberei. Vergehen, die in der Hochzeit des Kommunismus, und noch dazu von Juden begangen, drakonisch und endgültig bestraft wurden. Nun lastet die Frage, wer den Großvater denunziert hat auf den in alle Winde zerstreuten Billers. Verdächtig ist jeder. Jeder verdächtigt jeden. Wer kommt in Frage? Dem geht Maxim Biller in der Rolle des Ich-Erzählers nach, indem er sich in die Zeitscheiben der verworrenen Familiengeschichte begibt, um Spurensuche auf der Basis eigener Erinnerungen zu betreiben. Verdächtig sind sechs Personen. Der eigene Vater, dessen drei Brüder, die eigene Mutter und seine Tante. Sechs Verwandte kommen auf diese Weise zu Wort. Menschen, die zeitlebens auf gepackten Koffern und auf einem Geheimnis saßen, das es nun zu lösen gilt.

„Sechs Koffer“ öffnet Maxim Biller. Dabei handelt es sich für mich, bildlich gesehen, um eine umgekehrt proportional aufgebaute Matrjoschka-Puppe. Im kleinsten Koffer, den Biller aus Sicht seines erst fünfjährigen Ichs beschreibt, verbergen sich die immer größer werdenden Koffer mit immer relevanter werdendem Inhalt. Über die weite Welt hat es die Verdächtigen verstreut. In unterschiedlichen Zeitscheiben finden sich Fährten und Anhaltspunkte. Moskau hinter dem Eisernen Vorhang, Prag im Prager Frühling, ein freies westliches Hamburg, Zürich, Montreal und London. Schauplätze einer Reise, bei der die Perspektiven sich zu einem großen Verwirrspiel um Daten und Fakten, Abläufe und mögliche Motive verdichten.

Sechs Koffer von Maxim Biller

Hier rekonstruiert Maxim Biller nicht nur die Geschichte seiner Familie, sondern in besonderer Weise auch die zeitgeschichtlichen Aspekte des Untergangs einer Diktatur, die jedoch zumindest noch den Großvater des Erzählers mit sich ins dunkle Grab zieht. Ja, es liest sich spannend. Ja, das ist geheimnisvoll genug, um einem Roman in einem stabilen Geflecht aus Handlungselementen Tragkraft zu verleihen. Und nein, es ist auf keinen Fall ausufernd oder episch in die Länge gezogen, was Maxim Biller hier erzählt. Etwas mehr als 200 Seiten gönnt er sich zur Spurensuche. Nicht besonders viel Raum, um einer vielschichtigen Geschichte auf den Grund zu gehen. Nicht viel Platz für einen Plot, der Geschichte und Familie, Religion und Vorbehalte, Flucht und Kriminalität, Tod und Intrigen miteinander zu einem Ganzen verwebt. 

Verwirrend wirken Elemente, die sich dem Zugriff des Lesers manchmal zu entziehen drohen. Es ist der erst fünfjährige Maxim, der das Innenleben seiner Eltern beschreibt, als sei er praktizierender Psychologe. Es sind die Widersprüche, die als Stilmittel eines Geheimnisses in den Sichtweisen der „Verdächtigen“ versteckt werden. Es sind Lieben und Leiden, die nicht nur Ländergrenzen, sondern auch die Anstandsgrenzen deutlich überschreiten. Biller scheint es manchmal nicht um Aufklärung zu gehen. Eigentlich ist dieses Geheimnis gar nicht dafür geeignet, gelüftet zu werden. Die Gegenwart zu leben und die Vergangenheit dabei nicht übermächtig werden zu lassen, das scheint für mich eine der zentralen Botschaften des Romans zu sein. Dass es trotzdem nicht gelingt, ist ebenso typisch für diesen Roman und die Authentizität mit der er in der Vita des Autors verankert ist.

Sechs Koffer von Maxim Biller – Der fehlende siebte Koffer

Ich habe mich an manchen Stellen des Romans nicht sehr wohl gefühlt in diesem Buch. Wo ich gerne ausführlicher gelesen hätte, war es zu minimalistisch. Wo ich dem fünfjährigen Ich-Erzähler nicht folgen wollte, hat mich der spätere und reifere Biller mit seinem rückblickenden Weitblick mehr begeistert. Wo ich Atmosphärisches vermisste wurde ich vom indirekten Charisma der Erzählung überrascht. Wo ich Betroffenheit und Empathie empfand, neutralisierte sich der Autor gegenüber der eigenen Familie. Er hat auf hohem Niveau mit mir gespielt. Er hat es gewagt, in den Mittelpunkt des jüdischen Miteinanders im Familienverbund das Schachern, Schmuggeln und Zweifeln zu stellen. Er hat sich vielleicht mit diesem Roman befreit, ohne dabei zu viel preiszugeben. Wer hat den Großvater verraten? Ein Leitmotiv des Romans, dem ich gerne auf den Grund gegangen wäre. Ein Buch, das lesenswert ist, für mich jedoch mit Einschränkung.

Jedenfalls darf man nicht erwarten, dass er dieses große Familiengeheimnis löst. Diesen siebten Koffer überlässt er seiner eigenen Schwester. Ihr Buch könnte diesem Geheimnis auf den Grund gehen. „In welcher Sprache träume ich? Die Geschichte meiner Familie“ wurde in Deutschland nur wenig beachtet. Könnte es sein, dass jetzt? Wäre es möglich, dass Leser nun beginnen, diesen siebten Koffer zu öffnen? Wäre es denkbar, dass Maxim Biller hier versucht, uns einen weiteren Koffer ins Bücherregal zu schmuggeln. Das wäre, der Familientradition folgend, nur logisch, aber wäre es legitim? Ich mag seinen Roman. Er verleitet mich jedoch nicht dazu, weiter in dieser Geschichte zu graben. Er ist zweifelsohne lesenswert. Eine Buchpreis-Bindung (Verzeihung für das Wortspiel) sehe ich jedoch nicht. Da hatte ich einen anderen Favoriten

Ich mag es nicht, wenn mir am Ende einer Geschichte zum zentralen Gegenstand des Spannungsbogens erzählt wird: „Das geht niemanden etwas an. Das verstehen Sie doch, oder?“ Nö, hab` ich nicht verstanden!

Sechs Koffer von Maxim Biller auf der Shortlist. Mein Favorit ist raus…

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace – Die Anthologie

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Zehn Jahre ist es nun schon her, seit David Foster Wallace Selbstmord begangen hat. Unvergessen sind seine Werke, die sich mit jeder einzelnen Faser ihres Seins vom üblichen Mainstream abhoben. Unvergessen, der „weiße Klotz“, mit dem so viele Leser noch heute die größte Herausforderung ihres Lebens verbinden. „Unendlicher Spaß“, die wohl wichtigste Unterhaltungspatrone, die David jemals abgefeuert hat. Ein Roman, den man einfach besitzen musste, den man kaum wirklich greifen konnte und der doch so tief in meinem Gedächtnis verankert ist, weil er den eigentlichen Point-Of-No-Return meines Lesens darstellte. Fernab von allen fein konstruierten Geschichten entwickelten die Protagonisten dieses 1522 Seiten umfassenden Kultromans ein Eigenleben, das im Laufe des Lesens anderer Bücher immer wieder aufzuflackern schien. Drei Monate war ich mit diesem Werk beschäftigt. Es war für mich der Jakobsweg des Lesens. Literatur in ihrer höchsten Ausprägung. (Weiterlesen oder hören – Sie entscheiden selbst)

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace – Die Rezension fürs Ohr

Seitdem sammle ich Bücher, Essays und andere Texte von David Foster Wallace. Im Wissen um die Tatsache, dass sein Lebenswerk überschaubar und endlich ist, weiß ich den Wert einer unveröffentlichten Kurzgeschichte aus seiner Feder zu schätzen und zelebriere jeden neuen Moment in und zwischen den Zeilen seiner Kompositionen. Seit vielen Jahren schreibe ich regelmäßig über David Foster Wallace. Wir sind beide 1962 geboren. Er sprach oft darüber, dass es eine große Herausforderung im Leben ist, sich nicht schon im Alter von dreißig oder fünfzig Jahren selbst zu erschießen.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

„Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod. Sie dreht sich um die Frage, wie man dreißig oder sogar fünfzig Jahre alt wird, ohne sich die Kugel zu geben.“

Dieses Zitat stammt aus seiner legendären Abschlussrede vor Absolventen des Kenyon Colleges, die er im Jahr 2005 hielt. Nur drei Jahre, bevor er freiwillig aus dem Leben schied. Unter dem Titel „Das hier ist Wasser“ wurde diese Rede veröffentlicht und gilt seitdem als die meist-zitierte Botschaft an junge Menschen, die am Ende ihrer schulischen Ausbildung auf die Menschheit losgelassen werden. Insofern haben diese Worte nachhaltige Wirkung auf kommende Generationen. Zeitlos, weil eine Rede eben nicht nur eine Rede blieb, sondern ihren Weg in ein kleines bedeutendes Büchlein fand. Zehn Jahre ist es nun her, seit diese bedeutende Stimme für immer verstummt ist. Und doch bleibt sie unvergessen, weil der Verlag Kiepenheuer und Witsch dem Nachlass dieses bedeutenden US-amerikanischen Schriftstellers treu bleibt.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Sein Lebenswerk findet man in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach nur hier. Von den großen Werken bis zu den kleinen Texten, von ersten Auftragsarbeiten bis zu literarischen Auseinandersetzungen mit der eigenen Krankheit. Von der Langeweile bis zum Spaß. Ein Regalmeter meines Lesens gehört David Foster Wallace. Wobei ich mit jeder veröffentlichten Zeile ahne, dass es die letzte sein könnte, die publiziert wird. Der zehnte Todestag des Autors ist also in vielerlei Hinsicht Grund genug, an ihn und seine facettenreichen Texte zu erinnern. Dass man dies in Form einer Mammut-Anthologie all seiner Essays und Reportagen versucht, ist für mich eine literarische Sensation. Es sind fulminante 1088 Seiten, die fast alles umfassen, was David jemals neben seinem Hauptwerk geschrieben hat. Der Titel wird seinem Inhalt gerecht:

Der Spaß an der Sache

Es ist ein monumentales Buch, das wir in Händen halten dürfen. Es ist ein Buch, in dem sich Texte wiederfinden, die bereits als eigenständige Bücher literarisch für Furore gesorgt haben. Hier sind sie versammelt, wie an einem Lagerfeuer, das zum Gedenken an David entzündet wurde. Hier finden wir die großen und kleinen Gedankenflüge einer schriftstellerischen Karriere in einem „silbernen Klotz“ vereint. Neben seiner Rede „Das hier ist Wasser“ findet sich seine Kreuzfahrtreportage „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ und seine nachhaltig sarkastische Reportage über seinen Besuch eines Lebensmittel-Festivals. „Am Beispiel des Hummers“ ist in der Lage, aus absolut überzeugten Feinschmeckern eingefleischte Vegetarier zu machen. (Was für ein feiner Widerspruch.)

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Am 12. September jährt sich der Tag, an dem er von seiner Frau Karen Green tot in der Garage gefunden wurde zum zehnten Mal. Ohne Abschiedsbrief, umgeben von den Manuskripten und Notizen, die sein künftiges Schreiben skizzierten. Es gibt kein Grab, es gibt kein Denkmal, es bleibt nur das Sehnsuchtszeichen seiner Frau, die den Verlust mit den Worten „Hard to fill“ und einem Foto von Davids Schuhen dokumentierte. Jetzt zeigt sich in einem Mammut-Buch, dass es wirklich schwer ist, diese großen Schuhe zu füllen, die er seinen literarischen Nachfolgern hinterlassen hat. Vielen sind sie ein paar Nummern zu groß. „Der Spaß an der Sache“ zeigt nachhaltig, was einen Schriftsteller ausmacht. Ein Lebenswerk, das nicht auf einen Schlag gelesen werden muss oder soll. Hier kommt es auf die Dosierung an. Das ist der unendliche Spaß, den man mit diesem Buch haben kann.

Worauf jedoch lässt man sich ein, wenn man sich den „silbernen Klotz“ ans Bein bindet? Ist das nur etwas für wahre Foster-Wallace-Fans oder kann man es mit einem kulinarischen Ausflug in die Haute Cuisine der Literatur vergleichen, der auch für ganz normale Leser taugt? Ich bin da aufgrund meiner Leidenschaft natürlich nicht neutral. In ein gut sortiertes Bücherregal gehört zumindest ein David-Foster-Wallace. Warum also nicht einer, der ihn gleich enzyklopädisch näherbringt? Warum nicht eine nach Themen sortierte Collage eines Lebenswerkes? Und diese Themen haben es in sich.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Man findet Essyas und Texte zu den Überschriften:

Tennis
Ästhetik, Sprache und Literatur,
Politik,
Film, Fernsehen und Radio,
Unterhaltungsindustrie und
Leben

Natürlich darf hier auch Der große rote Sohn nicht fehlen. Die facettenreiche und tiefgründige Abrechnung mit der amerikanischen Porno-Industrie. Hier ist nicht nur der Sohn rot, hier wird es auch der Leser. Garantiert. Und wer noch nicht genug von einem der wesentlichen Stilmittel Davids hat, der findet im Essay „Der Moderator“ einen wohl völlig neuen Zugang zu den zahllosen Fußnoten, die schon fast zum Synonym für sein Schreiben wurden. In diesem Text kann man mit Fug und Recht behaupten, dass jene Fußnoten den Umfang des eigentlichen Inhalts der kleinen Geschichte in den Schatten stellen. 

Selbst für mich gibt es in diesem Werk noch unglaublich viel Neues zu entdecken und ich kann schon jetzt vorhersagen, dass ich mich an besonderen Tagen aus reinem „Spaß an der Sache“ mit diesem Buch auseinandersetzen werde. Einatmen, ausatmen werden die Devisen für diese neuen Begegnungen sein. Ich weiß schon jetzt, dass ich längst nicht alles verstehen werde, was David geschrieben hat. Darum geht es für mich allerdings schon lange nicht mehr. Es ist eher das „Wie“ seines Schreibens, das mich mit jeder Faser dieses Mammut-Buches fesseln und inspirieren wird.

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

Vielleicht interessiert Euch mein ganzes Foster-Wallace-Universum:

Alles ist grün – KiWi
Am Beispiel des Hummers – KiWi
Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken – KiWi
Der bleiche König hält Hof in Deutschland – Eine Vorschau auf sein letztes Buch
Der bleiche König – Die Reise durch das Buch – KiWi
Ein erstes Gedicht – Wie alles begann – The Viking Poem
Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich– Goldmann
Signifying Rappers– KiWi
The Pale King – Eine Kolumne – Pulitzerpreis – Verweigerung 2012
Unendlicher Spaß – KiWi
Unendliches Spiel – Eine besondere Hörspielaktion zum unendlichen Spaß
Unendliches Spiel – Mein Hörbuchtraum wird wahr – Der Hörverlag
Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache – KiWi
Der große rote Sohn – Kiwi

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von Daniel T. Max – KiWi (Eine Biografie)

Der Spaß an der Sache – David Foster Wallace

„Mittelreich“ von Josef Bierbichler (Buch und Hörbuch)

Mittelreich von Josef Bierbichler

Neureich, steinreich, stinkreich, mittelreich. Lasst mich bei der Buchvorstellung zum Roman „Mittelreich“ von Josef Bierbichler einfach mal mit diesen Statusbegriffen des persönlichen Wohlstands beginnen, sonst könnte man den Titel vielleicht falsch deuten und der Meinung sein, er hätte etwas mit einem Reich im Sinne von Territorium zu tun. Mittelreich bezeichnet hier eher die monetäre Grauzone zwischen Armut und Reichtum, in der man sich relativ gelassen einen Blick auf die Welt gönnen kann. Ein Zustand, der durch weitgehende Unabhängigkeit in Verbindung mit Bodenständigkeit charakterisiert werden kann. Mittelstand. Mittelreich. Aber kein Mittelmaß. Alles nur das nicht…

Und doch hat diese große deutsche Erzählung so einiges mit den Reichen zu tun, die sie umfasst. Diesmal meine ich nicht finanziell gutgestellte Menschen, sondern im historischen Kontext der Geschichte dieses Landes das Deutsche Kaiserreich und das fast unmittelbar darauffolgende Dritte Reich, das gottlob nicht die befürchteten tausend Jahre währte. Dieser Roman ist eine generationsübergreifende Familiengeschichte, die kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges so richtig Fahrt aufnimmt. Bierbichler wagt das Ungewöhnliche. Er legt einen Heimatroman voller Klischees vor, die gar keine sind, und bedient sich dabei einer pfundig urtümlichen, deftigen und bildreichen Sprache. In unseren hochliterarisch vergeistigten Zeiten der auf Hochglanz gestylten Fabulierkunst ein gewagtes Unterfangen, möchte man vielleicht auch Leser und Hörer gewinnen, die nicht unbedingt auf eine lange bayerische Familientradition zurückblicken. 

Mittelreich von Josef Bierbichler

Denn genau hierhin entführt uns Josef Bierbichler. Bayern. Eine Seewirtschaft, drei Generationen von Wirten und deren Familien, Bedienstete unterschiedlicher Schichten und Nationalitäten, bizarre Gäste und die Geschichte eines Landes als offene Klammer, die alle Handlungsstränge magisch miteinander verbindet. Wo Sprache unsichtbar und sehr zurückgezogen bleiben sollte, um nicht vom Erzählten abzulenken, da kultiviert er seine Erzählsprache zum Alleinstellungsmerkmal einer ungewohnten Authentizität, und verleiht seinen oftmals skurrilen aber doch greifbaren Charakteren unverwechselbares Leben und eine ureigene Identität.

Es fällt nicht leicht, sich auf Josef Bierbichler einzulassen. Besonders das von ihm selbst gelesene ungekürzte Hörbuch stellt mit seinen zwölf Stunden Laufzeit eine echte Herausforderung dar. Man kommt nicht leicht hinein in seine Seewirtschaft. Man muss sich an den Jargon, die Sprachfärbung und die Menschen gewöhnen, die plötzlich auf uns einreden. Dabei sind es nicht die Intellektuellen und Gestelzten, mit denen wir hier am See unsere Zeit verbringen. Es sind Menschen voller Bauernschläue, Weisheit und mit heimatverbundener Traditionsliebe. Es dauert jedoch nicht lange, bis man im Buch Fuß fasst und dahingetrieben wird. Es dauert nicht lange, bis man im Hörbuch denkt, in der Seewirtschaft am Stammtisch aufgenommen worden zu sein und alle Geschichten quasi aus erster Hand hören zu dürfen. Es dauert nicht lange und man wird Stammgast in der Wirtschaft am See.

Mittelreich von Josef Bierbichler

Es dauert nicht lange und wir fühlen, was Josef Bierbichler eigentlich erzählt. Es sind die besonderen Geschichten von den kleinen Menschen, deren Leben von Armut, Flucht, Hoffnung, unverhofftem Wohlstand und dem Verlauf der Zeitgeschichte geprägt wurde. Dabei verdeutlicht er, was es heißt, Erbe zu sein. Wenn die Seewirtschaft auch im Roman zum Erbhof für die folgenden Generationen wird, so ist dieser Roman in sich ein wahrhaftiges Erbbbuch, das aufzeigt, wie sehr unser Handeln von heute schon von unseren Vorfahren beeinflusst wurde. Dieser Roman ist Deutsche Geschichte auf eine Wirtschaft im Wandel der Zeit heruntergebrochen. Hier lernen wir am Stammtisch, was wir nicht in Geschichtsbüchern finden. Hier erleben wir Geschichte.

Wir werden Zeitzeugen der Veränderungen, als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Freizeitbegriff zu prägen beginnt. Sommerfrischler ziehen an die Seen, bevölkern in Scharen das zuvor unbesuchte bäuerliche Land. Wo die Seewirtschaft entsteht, geht in Deutschland der Begriff vom eigentlichen Arbeiter fast gänzlich unter. Was sich nun im Geist breitmacht ist Langeweile. Ein Schlendrian, der zuvor unbekannt war. Gottlob hat der Kaiser das erkannt und veranstaltet einen kurzen knackigen Krieg. Pünktlich zu den Sommerferien geht es los und zur Ernte sind ja alle wieder da. Das ist echter Weitblick. Was auf dem bayerischen Land für Unterhaltung sorgt, verändert den Lauf der Welt. Es verändert die Seewirtschaft für alle Zeit.

Mittelreich von Josef Bierbichler

Kopfschüsse und Irrenhäuser bringen die Erbreihenfolge gehörig durcheinander. So wird aus dem jüngsten Sohn Pankratz, der eigentlich lieber Künstler geworden wäre der neue Seewirt. Wie in einer veränderten Thronfolge bringt dies auch die Familien am See durcheinander. Wir erleben, wie Pankratz an der Aufgabe wächst, sehen die Jahre ins Land ziehen, hören den Ruf nach dem starken Mann, sehen wie das Blau in Bayern dem Braun im Rest des Nazi-Reiches Platz macht und lassen uns auf der Schlachtbank des Zweiten Weltkrieges zerlegen. Pankratz überlebt ihn nur mit viel Glück und führt die Seewirtschaft in die neue Zeit. Wie Strandgut der Geschichte sammeln sich Menschen um ihn, die nach dem Krieg am See angespült wurden. Vertriebene, Geschlagene und Geflüchtete. Er integriert, stellt Knechte ein und übersteht alle Krisen. Seine Kinder und seine Frau sollen es da besser haben. Katholische Internate werden zu Lebensschulen und das Wirtschaftswunder läutet eine neue Zeit ein.

Von der Geschichte geprägte bewegende Geschichten erweitern den Erzählraum. Da ist Viktor, der desertierte Soldat, den Pankratz zuerst zum Koch und dann zu einem Teil der großen Seewirtsfamilie macht. Da ist das Fräulein Zittau, das einst Herrin eines Gutshofes im Osten war und auf der Flucht vor den Russen fast alles verloren hat. Und da ist der Flüchtling Tucek, der Jahre nach dem Krieg erst erzählen kann, warum es ihn so stört, wenn man rassistische Witze über KZs und die SS macht. Voller Geschichten ist dieser Roman. Alle sind miteinander verbunden und jede für sich ist lesenswert. Wir erleben die Verdrängung der Nazi-Zeit und den hoffnungsvollen Neubeginn. Dabei sind die Kinder der neuen Generation der gefühlte Untergang der alten Ordnung. Die ewige Sehnsucht nach einem starken Deutschland, möglichst ohne Fremde, schlägt neue und gewaltige Wellen in den See. Nur Pankratz scheint sich treu zu bleiben.

„Ich war nie ein Nazi. Doch kein Nazi war ich nicht!“

Mittelreich von Josef Bierbichler

Wir erleben Deutschland neu. Wir verstehen Generationskonflikte und denken dabei auch an die Veränderungen, die unsere Eltern in kürzester Zeit verarbeiten mussten. In der Tiefe unter all jenen kleinen großen Geschichten schwelt ein Konflikt, den Pankratz nicht kommen sah. Semi, sein eigener Sohn entfremdet sich zusehends. Wobei es fast offene Feindschaft gegenüber seinen Eltern ist, die diesem Roman inhaltlich die Krone aufsetzt. Hier explodiert eine Granate, deren Lunte seit Anbeginn der Zeit zündelt. Hier schließt sich der Kreis von „Mittelreich“. Hier nehmen wir als Leser und Hörer Beichten ab und lesen Testamente. Hier erkennen wir, wo Geschichte und Ignoranz Todesurteile gefällt haben. Ein großer Roman voller relevanter Themen. Und wenn man schön leise ist und aufmerksam zuhört, dann kann man auch heute noch an den Stammtischen der Seewirtschaften im Lande zotige Witze über Flüchtlinge hören. Verleugnendes über ein Reich, in dem ja nicht alles schlecht war. Und da sitzen sie erneut: die Mittelreichen und ebnen dem neuen Denken die altbekannten Bahnen.

„Mittelreich“ ist erschienen bei Suhrkamp und „Der Audio Verlag“. Ich habe mich wechselweise in der Buch- und der Hörbuchwelt bewegt. Josef Bierbichler zuzuhören, wie er es diese Geschichte liest, ist ein absolutes Erlebnis. Und wer sich hier inspirieren ließ, der kann sich den Film Zwei Herren im Anzug anschauen. Es handelt sich hier nicht um die Verfilmung von „Mittelreich“, sondern um eine inhaltlich an die Motive des Romans angelehnte Filmfassung. Ich selbst bin schon sehr gespannt, wenn ich ihn mir nach seinem Erscheinen als DVD am 27. September anschauen werde. Bierbichler ist selbst zu sehen und nicht nur das. Er hat Regie geführt und spielt den Seewirt Pankratz in älteren Jahren. Den jungen Pankratz übernimmt Simon Donatz, der Sohn von Josef Bierbichler. Darauf darf man echt gespannt sein, wenn Familienähnlichkeit im Film als Stilmittel verwendet wird… Ich werde darüber schreiben… bald…

Mittelreich von Josef Bierbichler

„Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard – Prix Goncourt 2017

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Der renommierte französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ist ein Prädikat des guten Lesens. So habe ich es bisher empfunden. Hier wird kein Buch mit einem Etikett versehen, dessen Qualität man spätestens dann anzweifelt, wenn man nichts versteht. Manche Literaturpreise schrecken mich eher ab. Diese Auszeichnung empfinde ich als Brandbeschleuniger für meine literarische Neugier. Und dies nicht grundlos. Bisher hat mich noch kein Preisträger enttäuscht. Ich nenne hier nur Beispiele:

2006 Jonathan Littell – „Die „Wohlgesinnten
2010 Laurent Binet – „HHhH – Himmlers Hirn heißt Heydrich“ – Kategorie Debut
2011 Alexis Jenni – „Die französische Kunst des Krieges
2016 Leila Slimani – „Dann schlaf auch du

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Diese jeweils besten französischsprachigen Romane eines Jahres rütteln auf und bewegen zugleich. Sie thematisieren (für mich sehr überraschend) häufig die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die vielfältigen Verstrickungen der globalen Politik in eine Zeit, die man ansonsten in Frankreich lieber nicht mehr beschreiben würde. Und doch ist es ein großer Literaturpreis, der die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern sie auch noch prämiert. Nunja. Immerhin mit symbolischen 10 Euro, aber trotzdem ist der Prix Goncourt als ältester französischer Literaturpreis nicht nur bei Autoren heiß begehrt. (Ihr könnt diese Rezension auch hören)

Die Tagesordnung von Éric Vuillard – Als Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Kann es da verwundern, dass nun auch der Preisträger des Jahres 2017 in meine Bibliothek aufgenommen wurde? Nein. „Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard passt genau in mein literarisches Beuteschema. Diesmal in mehrfacher Hinsicht. Ein Thema, an dem ich einfach nicht vorbeikomme, ein Literaturpreis, den ich nicht ignorieren kann und ein Cover, das mich mehr als neugierig macht. Keine Überraschung also, dass ich meine Tagesordnung des guten Lesens um einen Roman von Matthes & Seitz Berlin erweiterte, mich erwartungsfroh ins Buch stürzte und sofort ergründen wollte, was denn der gute alte Gustav Krupp von Bohlen und Halbach so staatsmännisch strahlend auf diesem Buch zu suchen hat. Wer hier einen stahlharten Wirtschaftsroman erwartet, der sieht sich mehr als getäuscht. Viel interessanter ist es vielleicht, dass dieses Bild einen der 24 Hauptangeklagten des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher des Nazi-Regimes zeigt.

Der in sämtlichen vier Punkten Angeklagte wurde jedoch niemals verurteilt, weil sein bedenklicher Gesundheitszustand eine Eröffnung des Verfahrens verhindert hatte. Und nun spricht man in Frankreich wieder über eine Zeit, in der sich Menschen vierfach schuldig gemacht haben? Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Nun wird ein Roman ausgezeichnet, der alte Wunden aufreißt und die Schuldigen in neuem Licht erscheinen lässt. Wie soll das bitte gehen? Wie kann das auf 117 Seiten funktionieren und wo ist der literarische Aspekt einer solchen Tagesordnung, deren Geheimnisse schon längst enzyklopädisch abgehandelt sind?

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Éric Vuillard besticht alleine schon damit, dass er die Zeit zwischen Machtergreifung und Machtverlust der Nazis auf genau diesen magischen 117 Seiten bündelt, ohne hier in den Jargon eines Sachbuches zu verfallen oder in epischer Breite abzuschweifen. Er packt die Geschichte bei ihrem Extrakt und verdichtet das Konzentrat angereichert mit Namen und Fakten zu einer Momentaufnahme mit einer Belichtungszeit von 12 Jahren. Manche Gestalten verwischen bei dieser Art der Fotografie, einige Figuren hinterlassen kaum Spuren und andere sind auch nach Jahren noch scharf zu sehen, weil sie immer wieder an der gleichen Stelle auftauchen. Éric Vuillard skizziert die Automatismen einer Diktatur, er lässt Einschüchterung und Machtspiele wie einen perfekt einstudierten Tanz erscheinen. Dabei legte er das Stakkato der mörderischen Marschmusik unter seine, in jeder Hinsicht brillant erzählte, Aufführung. 

Es sind 24 Industrielle, die Hitler mit Finanzspritzen an die Macht spritzen. Es sind unpolitische Firmenmagnaten, die sich Gewinn versprechen, die denken, etwas steuern zu können, das sonst aus dem Ruder läuft. Es sind 24 Superreiche, die profitieren statt verlieren wollen. Und doch sind es für Éric Vuillard nur 24 Abziehbildchen im Album der vergangenen Unmenschen. Was bleibt sind die Firmen selbst. Was bleibt ist der schier unglaubliche Reichtum, den man trotz eines verlorenen Krieges anhäufen konnte. Was bleibt ist das müde Naserümpfen über die Ansprüche der ehemaligen Zwangsarbeiter. Was bleibt ist die saubere Weste des Konzerns. Was bleibt ist die Übelkeit, die Vuillard in unserem Geschichtsverständnis hinterlässt.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

„Die Tagesordnung“ vereint alle Marionetten der historischen Vergangenheit zu einem skurrilen Kasperletheater, in dem die witzige Figur mit der Klatsche die größte Klatsche hat und gar nicht witzig ist. Éric Vuillard reißt den Nazi-Schergen die Masken vom Gesicht und blendet sich durch seine Zeitscheiben mit einer Präzision eines Laser-Pointers, der uns einschneidende Erkenntnisse aufzeigt. Zentral erleben wir den Ablauf des vermeintlichen Anschlusses von Österreich an das Deutsche Reich. Zentral können wir kaum glauben, was wir lesen. Zentral zeigt uns Éric Vuillard brutal auf, dass es nicht die Fakten, sondern eben Fake-News waren, die eine ganze Welt in einen Krieg zogen. Damit gelingt es ihm, unsere heutige Wahrnehmung auf „Die Tagesordnung“ zu setzen, genau hinzuhören, hinzuschauen, Skurriles nicht als oberflächlich, sondern als Intention zu verstehen.

Es sind große 117 Seiten, die hinter mir liegen. Es sind 117 Seiten, die dazu führen, dass man Sekundärliteratur um „Die Tagesordnung“ schart. Es ist ein schmales Buch, das es ganz schön dick hinter dem Einband hat. Man kann dieses Buch unterschätzen. Man kann denken, alles schon mal gelesen zu haben. Man kann es für eine Geschichte halten, die mit uns nichts mehr zu tun hat. All dies kann man. Aber man hält diese Sicht der Dinge nicht lange durch. Spätestens wenn man liest, wie die Angeklagten Nazis in Nürnberg ihr Schauspiel offen belächeln. Wie ertappte Kinder beim Schummeln. Leider hat dieses miese Schauspiel mehr Opfer gefordert als alle Kriege der Welt zusammen. Haltet die Augen auf und setzt das auffällig Unauffällige auf die Tagesordnung.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard und andere Konferenzen

Vieles Stand auf der Tagesordnung, Nichts ging ohne Konferenzbescheinigung. Auch nicht am Wannsee, wie man später leidvoll erfahren musste. „Die Wannseekonferenz

„Der Umweg“ – Luce d´Eramo – Eine Faschistin unter Nazis

Der Umweg von Luce d´Eramo

Das Lesen und Schreiben „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust sind die wesentlichen inhaltlichen Triebfedern der kleinen literarischen Sternwarte. Ich bin ständig auf der Suche nach authentischen Zeitzeugenberichten, die das Erinnern in uns wachhalten, und den Opfern des NS-Regimes ein Gesicht geben. Ihre Identität und ihre Würde sollten Andersdenkenden, Andersgläubigen, Andersfühlenden, Behinderten, Homosexuellen und besonderen, als Untermenschen definierten Volksgruppen kollektiv genommen werden. Entrechtung, Entmenschlichung und Ausgrenzung wurden auf ihre Fahnen geschrieben. Die Hemmschwelle zum industriellen Massenmord wurde auf die Art und Weise systematisch in der Gesellschaft gesenkt. Aus Tätern wurden reflexartig nur noch Befehlsempfänger und der Rest hat nichts gewusst.

Alle Zeitzeugenberichte sind immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, die Rolle der Opfer dramatisch zu überhöhen, in Details zu übertreiben und den Verfasser selbst zur Ikone aller Opferbilder zu stilisieren. Misstrauen regiert. Beweise sind Mangelware, weil die Nazi-Bürokratie alles ebenso akribisch dokumentierte, was sie zum Kriegsende hin systematisch vernichtete. Und so geraten Opferberichte in den Zweifronten-Krieg einer Geschichtsinterpretation, die zumeist nur Pro und Contra kennt. Zweifel wird es immer geben, außer es gelingen wahre Husarenritte, die Beweise für die Nachwelt bewahren. Wilhelm Brasse ist hierfür wohl das beste Beispiel. Hätte der Fotograf von Auschwitz nicht tausende von Portraitfotos von Deportierten vor den Flammen gerettet, sie wären schon längst vergessen. Sein Zeitzeugnis ist zweifelsfrei authentisch. Schade, dass ich auch heute noch erleben muss, wie sehr vergleichbare Opferberichte angezweifelt und als Fake bezeichnet werden.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Was aber, wenn ein solcher Zeitzeugen-Opfer-Bericht so gar nicht in die üblichen Standards passt? Was, wenn er gar nicht von jemandem geschrieben wurde, der den ideologischen Rasterfahndungs-Klischees der Nazis entsprach? Was, wenn er aus der Feder einer Frau stammt, die das nationalsozialistische Deutschland als Idealbild einer modernen faschistischen Gesellschaft betrachtete und die ihr Heimatland Italien verließ, um sich in Deutschland davon zu überzeugen, dass die Gerüchte über Verbrechen und Konzentrationslager jeder Grundlage entbehren? Was, wenn die Verfasserin Bilder von Hitler und Mussolini im Gepäck hatte, weil sie nicht ohne ihre ideologischen Idole in das Land der Verheißung reisen wollte. Was, wenn die Autorin eine bekennende Faschistin war? Glauben wir ihr dann? Ich bin gespannt.

Wir sollten. Besonders unter diesen Voraussetzungen. Denn was der in Frankreich geborenen und aufgewachsenen und nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit ihren Eltern in die eigentliche Heimat Italien zurückgekehrten Luce d´Eramo zustieß ist nicht repräsentativ, unvergleichbar und absolut einzigartig. Ihr autobiografischer Roman „Der Umweg“ (Klett-Cotta) eröffnet uns eine bisher nie dagewesene Sichtweise auf ein Land am Rande des Untergangs. Eine Perspektive jedoch, die eher dazu gedacht war, seine Regierung zu verteidigen und mit schlimmen Gerüchten aufzuräumen. Eine Faschistin, die sich 1944 im Alter von 18 Jahren als Freiarbeiterin nach Deutschland meldet, gerät selbst in die Fänge der von ihr bewunderten Diktatur. Eine junge Frau voller Ideale wird zum Opfer, weil sie sich gegen die himmelschreienden Ungerechtigkeiten auflehnt, die sie zuvor nicht wahrhaben wollte. Vom Saulus zum Paulus im Dritten Reich. Ein Bericht voller Widersprüche und Ausrufezeichen. Das Zeitzeugnis einer Desillusionierten.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Luce d´Eramo war erst viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Lage, über ihre Erlebnisse zu berichten. Chronologisch geordnet ist es nicht, was wir in ihrem Buch lesen. Chronologisch sind lediglich die Zeitpunkte, zu denen sie von ihrer Erinnerung eingeholt wurde. In dieser Reihenfolge sind sie angeordnet. Und doch ist es sinnvoll, diese Bilder ihrer Vernissage nicht umzuhängen, sie in die Phasen des Lebens einzureihen, sondern sie in ihren Widersprüchen wirken zu lassen. Was im Buch im KZ Dachau beginnt, hat eine Vorgeschichte. Was eine junge Flüchtende 1944 in München erlebt hat eine Vorgeschichte. Diese Vorgeschichte voranzustellen würde dem Erlebten nicht gerecht. Die volle Wucht der Erkenntnis reift mit dem wachsenden Wissen um alle Zusammenhänge dieser bemerkenswerten Odyssee. 

Wie wird aus der freiwilligen Arbeiterin in den Fabriken der IG Farben in Frankfurt Höchst in letzter Konsequenz eine Gefangene im KZ Dachau? Was führt eine junge Frau dazu, diesem Lager zu entfliehen, in welchen illegalen Orbit im Hagel der alliierten Bomben taucht sie in München ein, was führte zu ihrer Deportation und wie gelang ihre Flucht bis nach Mainz, warum war sie dort zur falschen Zeit am falschen Ort und wieso stürzte ein Mauerrest gerade auf sie und nahm ihr zeitlebens die Möglichkeit ihre Beine zu bewegen? Was macht aus der linientreuen und nach Bestätigung suchenden jungen Faschistin in den Lagern der IG Farben eine Kämpferin für Gleichberechtigung und wie reagiert ihre Familie auf die Erkenntnisse eines Mädchens, dem alle Illusionen geraubt wurden? Hier schärft sich der Blick des Außenstehenden. Fassaden bröckeln und auch ideal wirkende Ideale werden zum Opfer der Machtgier. Die Welt der IG Farben besteht auf Freiarbeitern voller Ambitionen und Zwangsarbeitern, die dort gehalten werden wie Tiere. Russische und polnische Kriegsgefangene, Aufständische aus dem Warschauer Ghetto, inhaftierte Partisanen und französische Kriegsgefangene bilden den Kosmos in dem die kriegswichtige Produktion auf menschenverachtende Methoden zurückgreift.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Hier wird aus der freiwilligen Faschistin die Kollaborateurin mit vielen Privilegien. Hier erlebt die junge Italienerin die Zustände, in denen die Zwangsarbeiter vor sich hin vegetieren. Hier regt sich ihr Gewissen. Hier wird sie zur Zeugin von Zuständen, die sie niemals wahrhaben wollte. Hier begehrt sie auf. Hier wechselt sie die Seite und schließt sich den „Bolschewiken“ an. Am untersten Rand der Nahrungskette angekommen, wird sie fast zur Märtyrerin für die Rechte der Gefangenen. Hier wird aus der Faschistin eine verzweifelt Zweifelnde, eine Hassende und Kämpfende. Hier wendet sich das Schicksal von Luce d´Eramo. Aus einer Anhängerin wird eine registrierte Gegnerin. Sie wird nach Italien repatriiert. Dort von der SS festgesetzt und nach Dachau deportiert. Hier beginnt „Der Umweg“ auf dem sie erneut nach Deutschland verbracht wird. Fortan wird sie, die ehemals Linientreue, zur Alliierten der Verzweifelten.

Was nun bei den Nazis als menschlicher Abschaum gilt, entwickelt sich zu treuen Weggefährten durch eine unglaubliche Odyssee. Eine Irrfahrt, die man als Leser auf sich nehmen sollte. Die Läuterung der Faschistin vollzieht sich nicht schlagartig, jedoch mehr als nachhaltig. Dass Luce d´Eramo den Zweiten Weltkrieg überlebte hat sie jenen zu verdanken deren Schicksal sie bezweifelte. „Der Umweg“ könnte einen Ausweg aus dem allzu linearen Denken darstellen. Perspektivwechsel und eigenes Erleben. Das ist es, was wir Populisten von heute wünschen. Eine Fahrt in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer, eine Nacht in Aleppo, zwei Monate im Status asylsuchend, abgeschoben in eine Heimat, die keine Sicherheit bietet. Es sind diese Perspektiven, die wir uns für die Menschen wünschen, die auch heute noch Kollaborateure der Unmenschlichkeit sind.

Der Umweg von Luce d´Eramo – Zurück in Dachau – Mehr als eine Impression…

Ich lese und schreibe weiter Gegen das Vergessen an. Ich suche nach wie vor die großen und kleinen wahren Geschichten aus einer Zeit, vor deren Wiederholung immer noch gewarnt werden muss. Populisten verbergen ihre wahren Absichten gut. Sie sind immer wieder in der Lage, Automatismen zu nutzen, Ideologien zu verbiegen und sich durch das Verbreiten von Angst unersetzlich zu machen. Populisten brauchen niemals Lösungsansätze. Sie brauchen nur die Unzahl von „Neins“ und „Abers“. Ihnen wünsche ich zahllose Luce d´Eramos. Begeisterte Anhänger, die schnell merken wohin der Hase läuft. „Der Umweg“ ist unter Berücksichtigung dieser besonderen Rahmenbedingungen ein wichtiges Buch, das „Gegen das Vergessen“ kämpft und die individuelle Geschichte von Menschen zutage fördert, die wir ansonsten vergessen würden.

Diesen Umweg habe ich gerne gemacht. Er zeigt mir, wie sehr die Betroffenen, egal ob nun als Opfer, Mitläufer oder Täter lebenslang mit der Verarbeitung der Geschichten ihres Lebens beschäftigt sind. Die schonungslose Offenheit mit der eigenen Erinnerung sticht besonders aus diesem Zeitzeugenbericht heraus. Luce d´Eramo gesteht sich und uns gegenüber ein, wie lange es gedauert hat, klar zu sehen, Wahres von Illusionen zu trennen und im Ergebnis die Tatsachen für sich sprechen zu lassen. Das Eingeständnis der Autorin, sich jahrelang selbst belogen zu haben, um mit ihrer Geschichte leben und sie verarbeiten zu können, macht aus einem ganz normalen Buch ein Standardwerk zu den großen Themen unserer Zeit. Ideologisch populistische Verführung und die Folgen für Linientreue und Gradlinige. Meine Gradlinigkeit ist durch eine rote Linie definiert, der Luce d´Eramo mehr Kontur verliehen hat.

Vor wenigen Tagen führte mich Der Umweg nach Dachau. Ein wichtiger Moment.

Freiwillig im KZ – Wahrlich kein Einzelfall

Freiwillig ins Konzentrationslager? Kein Einzelfall in der Geschichte.