AVUS 100 – Ein rasantes Jahrhundert – DER BILDBAND

AVUS 100 - Ein rasantes Jahrhundert - DER BILDBAND - Astrolibrium

AVUS 100 – Ein rasantes Jahrhundert – DER BILDBAND

AVUS 100 – Ein rasantes Jahrhundert

Ist es anachronistisch, im Jahrhundert der Elektro-Mobilität und des autonomen Fahrens auf die Geschichte einer Rennstrecke zurückzublicken, die von 1921 bis 1998 im Zeichen PS-starker Boliden stand? Ist es zeitgemäß, dieser Rennstrecke erneut den Nimbus der Unsterblichkeit zu verleihen und sie für ihr eigenes Jahrhundert im Wandel der Zeit zu feiern? Ist es korrekt, dies in einer Zeit zu tun, in der Fridays for Future die Welt bewegen und der Berliner Senat deutlich signalisiert, dass er an einer Ausstellung zum Jubiläum kein Interesse hat? Gibt es Zukunft ohne Geschichte? Sind die heutigen Prototypen einer schadstofffreien Zukunft denkbar ohne die vermeintlichen historischen „Dreckschleudern“ aus den Pionierzeiten des Rennsportes?

Was geht in uns vor, wenn wir den Begriff Silberpfeil hören? Was löst der Begriff „AVUS“ in uns aus? Und was würde uns verloren gehen, wenn diese magischen und in jeder Hinsicht zeitlosen Zauberwörter in Vergessenheit geraten würden? Diesen und vielen anderen Fragen widmeten sich Ulf Schulz und Sven Wedemeyer. Ihnen ist es zu verdanken, dass der AVUS (eigentlich Automobil- Verkehrs- und Übungsstraße) im Südwesten Berlins ein literarisch und optisch opulentes Denkmal gewidmet wurde. Sie haben die Geschichte einer Legende selbst in die Hand genommen, und mit dem liebevollen Blick in den Rückspiegel der Vergangenheit den Blick in die mobile Zukunft ermöglicht.

GlockenbachWelle - Bildbände, die Bände sprechen - Prestel Verlag - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bildbände, die Bände sprechen – Prestel Verlag

AVUS – ein rasantes Jahrhundert – DER Bildband erschienen im Prestel Verlag

288 Seiten
30 cm breit – 24 cm hoch
400 farbige Abbildungen
Ein Bildband, wie er im Buche steht…

AVUS 100 - Ein rasantes Jahrhundert - DER BILDBAND - Astrolibrium

AVUS 100 – Ein rasantes Jahrhundert – DER BILDBAND

Die Geschichte der AVUS stand im Mittelpunkt unserer fünften Glockenbachwelle. Wir sprachen über die Besonderheiten von Bildbänden in der heutigen Zeit, über das Wagnis solche hochwertigen und oft großformatigen Bücher zu verlegen, über die Risiken für den Buchhandel, diese Buchkunstwerke auf Büchertischen zu präsentieren und über vieles mehr rund um diese besondere Bücherwelt. Über den PodCast hinaus möchte ich an dieser Stelle einige Impressionen und Gedanken in die Welt setzen, die mich mit diesem Buch verbinden, und die im Radio-PodCast nicht thematisiert wurden. Mein Lesen begann schon lange vor dem Treffen in der Glockenbachbuchhandlung. Und so begann auch meine Recherche auf eine sehr persönliche Art und Weise….

Ich sprach im Vorfeld der Aufnahme lange mit Ulf Schulz. Er ist Enthusiast, Experte, Aficionado und AVUS-Infizierter von Kindesbeinen an. Seine Begeisterung trägt dieses Buchprojekt stellvertretend für das gesamte Team, das an diesem Jahrhundert-Bildband beteiligt war. Es gelingt den Autoren, ihr Werk nicht zu überfrachten, wobei man ständig das Gefühl hat, dass es doch so verlockend gewesen wäre, noch viel mehr zu erzählen und zu zeigen. Die konzentrierte Bescheidenheit und Fokussierung auf Wesentliches ist ein wesentlicher Erfolgsgarant des monumentalen Bildbandes. Hier ufert nichts aus. Es sind 100 Jahre, die von den Autoren an Momenten, Menschen, Rahmenbedingungen, Zeitströmungen und kulturellen Begleiterscheinungen festgemacht werden, sodass hier kein reines Rennsportbuch vorliegt, sondern ein zeitgeschichtlich relevantes Dokument über eine Legende, die heute im Stadtbild von Berlin kaum noch zu erkennen ist.

AVUS 100 - Ein rasantes Jahrhundert - DER BILDBAND - Astrolibrium

AVUS 100 – Ein rasantes Jahrhundert – DER BILDBAND

Dieses Buch hat in meinem Leben angedockt. Ich bin ein Kind des Nürburgrings. Mein Großvater sah die Silberpfeile und Stromlienrennwagen live auf der Strecke. Ich sammle seit frühester Kindheit Automodelle und nun ahne ich, dass es einen guten und literarischen Grund für diese Leidenschaft gab. Bin ich doch tatsächlich heute im Besitz ausgerechnet der Modelle, die auf dem Titelbild des Bildbandes zu sehen sind. Es war ein grandioses Gefühl, für diese Artikelbilder in meine Modellwelten einzutauchen und einen Bildband in Szene zu setzen, der ja eigentlich selbst eigene Geschichte in Szene setzt. Und wie ihm dies gelingt! Hier finden wahre Leidenschaften zusammen, nicht nur in optischer Hinsicht. Ich mag es, wenn ein Mythos zum Buch wird, die Autoren jedoch nicht sich selbst, sondern den Betrachtungsgegenstand wichtig nehmen. Nur so gelingt der Transfer, den man beabsichtigt. Die Tür zur Zukunft wird aufgestoßen, ohne jedoch mit der Tür ins Haus zu fallen oder sie lose in der Hand zu halten, weil die Verankerung in die Vergangenheit fehlt.

„AVUS 100 – Ein rasantes Jahrhundert“ ist ein Scharnier in die Zukunft. Teil einer Welt, die irgendwann nicht mehr nach Diesel oder Benzin riecht. Teil einer Welt, in der jedoch die Boliden und Traditions-Rennstrecken, die Pioniere des Autorennsports, die Entwickler der neuen Technologien, die es in die Serienproduktion geschafft haben, im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft verankert sind, die sich zukunftsfähig nennt. Diese Botschaft transportiert „AVUS 100“ in seinen durchgehend starken Impressionen und Geschichten. Dabei ist dieses Buch in vielfacher Hinsicht ein absoluter Meilenstein. Es ist in Design und Ausstattung einzigartig. Moderne Illustrationen längst nostalgischer Boliden, Menschen, die diesen Sport und die Strecke prägten, die Bedeutung der AVUS für das eingeschlossene Westberlin, die waghalsige Steilkurve, die im Laufe der Jahre so viele Opfer forderte und waghalsige Frauen, die schon früh zeigten, dass Rennsport alles ist, nur keine Männersache (echte Bahnbrecherinnen) prägen den Prachtband

AVUS 100 - Ein rasantes Jahrhundert - DER BILDBAND - Astrolibrium

AVUS 100 – Ein rasantes Jahrhundert – DER BILDBAND

Jetzt ist die Grande Dame der Autorennstrecken also 100 Jahre alt. Enthusiasten aus aller Welt feiern sie rückblickend und als Symbol eines Aufbruchs. Man kann sich diesem Jubiläum in Einbeck annähern. Die Sonderausstellung „AVUS 100“ im PS. Speicher ist immer eine Reise wert. Ihr liegt der Bildband zugrunde. Wer also nicht im realen Leben verreisen mag oder kann, der hat im Buch die perfekte Alternative, völlig autonom und schadstoffarm in die Vergangenheit zu rasen, die legendäre Steilkurve in höchstem Tempo hinter sich zu lassen, die verfallenen Tribünen zu passieren und bei einem ausgiebigen Boxenstopp den neuesten Klatsch und Tratsch von der Strecke zu erfahren. Die Fotos und Illustrationen von „Automobilist“ runden das Leseerlebnis in jeder Beziehung ab. Gentlemen und Gentle-Ladies, start your engines. Die AVUS lebt in diesem Buch weiter. Wir sind froh, mit unserer GlockenbachWelle Teil dieser Geschichte zu sein.

Last but not least: Die GlockenbachWelle goes Buchmesse. Alle Informationen zu unserem Messeauftritt vom 20. bis 24. Oktober am Bayernstand von XPLR-Media in Bavaria, in Kooperation mit dem Börsenverein des Buchhandels, Landesverband Bayern und der Bayerischen Staatskanzlei erfahren Sie auf unseren Social-Media-Kanälen, insbesondere auf Instagram. Wir sehen uns in Halle 3.1 Stand D 11.

AVUS 100 - Ein rasantes Jahrhundert - DER BILDBAND - Astrolibrium

AVUS 100 – Ein rasantes Jahrhundert – DER BILDBAND

Wir sind besonders stolz, Teil dieser besonderen Überschrift zu sein: Frankfurter Buchmesse: 5 bayerische Erfolgsstories, die Du nicht verpassen darfst. Und wir haben „AVUS 100“ bei uns am Stand. Am Buchmesse-Sonntag habt Ihr als Gäste der Frankfurter Buchmesse die Chance, diesen grandiosen Bildband bei uns vor Ort zu gewinnen. Wir halten Euch auf unseren Kanälen auf dem Laufenden, wie und wann. Bleibt am Ball…

UPDATE: Der Gewinner war der jüngste AVUS-Fan an unserem Stand. Mehr dazu auf Instagram… Jetzt ist das Buch wirklich ein Scharnier in die Zukunft, weil die Jugend der AVUS gewogen bleibt…

GlockenbachWelle - Bildbände, die Bände sprechen - Prestel Verlag - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bildbände, die Bände sprechen – Prestel Verlag

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung auch zu AVUS 100

GlockenbachWelle – Bildbände, die Bände sprechen

GlockenbachWelle - Bildbände, die Bände sprechen - Prestel Verlag - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bildbände, die Bände sprechen – Prestel Verlag

Wir sind wieder da, wo wir hingehören. In der Glockenbachbuchhandlung tief im Herzen Münchens und wir sind stolz darauf, besondere Bücher, illustre Gäste und ein paar Neuigkeiten präsentieren zu können, die weitere Wellenschläge verursachen.

Die fünfte GlockenbachWelle – Bildbände, die Bände sprechen

Eine Buchhändlerin, zwei Blogger:innen und der Prestel Verlag im Gespräch für Literatur Radio Hörbahn

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung München
Die Runde: Pamela Scholz (Buchhändlerin), Steffi Sack (Nur Lesen ist schöner), Arndt Stroscher (AstroLibrium) mit Pia Werner und Claudia Stäuble vom Prestel Verlag in München

Unterstützt von der Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Petra Schulz.

GlockenbachWelle - Bildbände, die Bände sprechen - Prestel Verlag - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bildbände, die Bände sprechen – Prestel Verlag

Was dürfen Sie von diesem Bildband-Podcast erwarten?

Wir sprechen über die Besonderheiten von Bildbänden in der heutigen Zeit, über das Wagnis solche hochwertigen und oft großformatigen Bücher zu verlegen, über die Risiken für den Buchhandel, diese Buchkunstwerke auf Büchertischen zu präsentieren und über vieles mehr rund um diese besondere Bücherwelt.

Dann werden Steffi und ich zwei Bildbände aus dem Prestel Verlag vorstellen, die es uns in ganz besonderer Weise angetan haben. Mountain Girls und AVUS 100 – Ein rasantes Jahrhundert. Unterschiedlicher können Bücher und Zielgruppen kaum sein. Anschließend lassen wir uns auf ein gewagtes „Blinddate mit Bildband“ ein. Die beiden Verlagsdamen haben eine Bildband-Neuerscheinung in ihrem Gepäck, die wir erst bei der Aufnahme des Podcasts sehen werden. Es wird spannend, ob sie uns auch hier begeistern können…. Herzlich willkommen zu unserem Dialog.

Worauf Sie sich im Podcast freuen dürfen: 

  • Ein interessantes Gespräch über das Wesen von Bildbänden.
  • Persönliches von Pia Werner aus der Presseabteilung.
  • Erhellendes von Claudia Stäuble aus der Programmleitungsperspektive.
  • Was man so liest im Verlag, wenn man die eigenen Bücher nicht liest.
  • Der Versuch, eine Podcast-Gebärdensprache zu erfinden.
  • Mein Angebot, an einer besonderen Stelle in Zeitlupe weiterzusprechen.
  • Männerbücher, die keine reine Männersache sind.
  • Frauenbücher, die in jeder Beziehung ihren Mann stehen.
  • Steffi und die Mountain Girls – Ein Bildband-Gipfelsturm.
  • In der Steilkurve der AVUS mit Ulf Schulz, mit dem ich im Vorfeld ausführlich telefonieren konnte.
  • Bildband-Tipps und Hintergründiges zum Großformatigen von Pamela
  • Ein Blinddate mit Bildband, über das auch hier nichts verraten wird. Ein erster Link führt von Literatur Radio Hörbahn zur Buchseite beim Prestel Verlag.
  • Eine emotionale Einladung nach Frankfurt am Ende des Podcasts
GlockenbachWelle - Bildbände, die Bände sprechen - Prestel Verlag - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bildbände, die Bände sprechen – Prestel Verlag

Besonders wertvoll ist erneut die Sichtweise von Buchhändlerin Pamela Scholz. Es sind nicht nur ihre Buchtipps, die das Bildband-Gespräch erweitern. Es sind Bücher, die in der Kette der vorgestellten Bildbände einfach empfohlen werden müssen.

Die Buchhändlerinnen-Tipps:

Wie Sie die Welt noch nie gesehen haben“ National Geographic
Der Atem der Berge“ – Bruckmann Verlag
Wilde Isar“ – Natur Bildband – Südbayern“ GDT 

Mehr Informationen finden Sie auf unseren Social-Media-Kanälen unter dem Hashtag #GlockenbachWelle und auf den Projektseiten der Wellenreiter:innen…

GlockenbachWelle - Bildbände, die Bände sprechen - Prestel Verlag - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bildbände, die Bände sprechen – Prestel Verlag

Hier geht`s zu unseren Projektseiten:
GlockenbachbuchhandlungNur Lesen ist schöner und AstroLibrium
sowie Literatur Radio Hörbahn
oder besuchen Sie den Prestel Verlag

Spätestens jetzt sollten Sie rasant in den Podcast starten…

GlockenbachWelle - Bildbände, die Bände sprechen - Prestel Verlag - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Bildbände, die Bände sprechen – Prestel Verlag

Last but not least: Die GlockenbachWelle goes Buchmesse. Alle Informationen  zu unserem Messeauftritt vom 20. bis 24. Oktober am Bayernstand von XPLR-Media in Bavaria, in Kooperation mit dem Börsenverein des Buchhandels, Landesverband Bayern und der Bayerischen Staatskanzlei erfahren Sie auf unseren Social-Media-Accounts, insbesondere auf Instagram. Wir sehen uns in Halle 3.1 Stand D 11.

Wir sind besonders stolz, Teil dieser besonderen Überschrift zu sein: Frankfurter Buchmesse: 5 bayerische Erfolgsstories, die Du nicht verpassen darfst. Und ganz nebenbei sind wir für den Bayerischen Buchpreis am Start. Am selben Stand.

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn - Astrolibrium

Die GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn – Ein Klick genügt…

1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart – Philipp Sarasin

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ von Philipp Sarasin, erschienen im Suhrkamp Verlag, ist in der Kategorie bestes Sachbuch für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Diese Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man #baybuch-Hintergründe, die nominierten Werke und Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Wir erwarten gespannt das Ergebnis der öffentlichen Jury-Debatte, in der am 11. November über die Preisträger:innen entschieden wird.

1977 - Eine kurze Geschichte der Gegenwart - Philipp Sarasin - nominiert - Sachbuch

1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart – Philipp Sarasin – nominiert – Sachbuch

Das ist ein spannender Sprung von einem Buch zum anderen. Während ich gerade noch Die Welt neu beginnen durfte und an der Seite von Helge Hesse ein Zeitfenster von genau fünfundzwanzig Jahren erlebte, ist es nun Philipp Sarasin, der sich nur ein einziges Jahr ausgesucht hat, um einen Zeitenwandel zu beschreiben. Hier sind es die Ereignisse und ihre Verzahnung, die sich auf die Gesellschaft auswirken, wie die große Französische Revolution. Hier prallen alte und neue Werte aufeinander. Verknappt auf ein einziges Jahr der unumkehrbaren Umwälzungen, in dem zumindest in Deutschland kein Stein auf dem anderen blieb. Und noch dazu handelt es sich um ein Jahr, das ich selbst als fünfzehnjähriger Gymnasialschüler erlebte. Im Gegensatz zu Helge Hesses Zeitscheibe von 1775 bis 1977 begebe ich mich nun als Zeitzeuge mit Philipp Sarasin zurück in ein Jahr, das ich selbst nie vergessen habe.

Es ist eine kurze Geschichte der Gegenwart, die Philipp Sarasin in 1977 skizziert. Er versucht Muster, Verbindungslinien und Ähnlichkeiten aufzuspüren, die Ereignisse in diesem Jahr miteinander verbinden. Er analysiert, seziert und rekonstruiert. Er scheint, selbst in diesem Buch, lange mit sich zu hadern, ob ein einziges Jahr repräsentativ für seine Methodik sein kann. Dann kommt er in Schwung, dann gelingt ihm eine Struktur, in der man sich zurechtfindet. Ob als Zeitzeuge oder als Spätgeborener. Mir wird sehr klar, dass ich hier Ereignissen und Menschen begegnen werde, die einst meinen Alltag bestimmt haben. Ich werde mit Begriffen konfrontiert, die einen Fünfzehnjährigen sehr bedrückten, beeinflussten und prägten. RAF, Mogadischu, Landshut, GSG-9, Hanns Martin Schleyer, Roter Herbst, Arbeitgeberpräsident. Es waren Wochen intensivster Diskussionen mit Freunden und Eltern. Es waren Monate im Gefühl einer Unsicherheit, wohin das Land driften würde. Terrorismus oder Staatsgewalt? Die Schere öffnete sich gewaltig.

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

Und genau hier prallen Autor und Leser (also ich) aufeinander. Ich erlebte (wie er) dieses Jahr als Zeitzeuge. Er jedoch schreibt nicht als solcher darüber, sondern begibt sich in die Rolle des Historikers, distanziert sich von Emotionen und Ängsten und lässt dabei doch tiefe Einblicke in sein Seelenleben zu, weil auch er sich nicht ganz von den Erinnerungen dieser Tage befreien kann. Es ist ein facettenreiches Buch, das uns der Professor für neue allgemeine Geschichte in die Hände legt. Ihm gelingt einerseits, in seinem Schreiben keine professorale Distanz aufkommen zu lassen. Ich fühle mich in keiner Weise als Gasthörer seiner Vorlesungen. Leichte Kost jedoch darf man von der Auseinandersetzung Sarasins mit dem Jahr 1977 nicht erwarten. Es ist nicht die reine Atmosphäre, die er zu erklären versucht, es ist nicht der Blick in die Seelenlandschaft der Menschen. No. Sarasin zeigt mir, dass ich als Fünfzehnjähriger die Symptome der Zeit erlebt habe. Von den Ursachen oder dem Verstehen der Zusammenhänge war ich meilenweit entfernt. Andererseits ist es genau das, was mir seither fehlte. Dieser klare Blick auf die Ereignisse hinter den Kulissen, die Zusammenhänge und mehr.

Wie bei Helge Hesse ist es auch hier die Theorie der eher zufälligen Parallelitäten von Ereignissen, die aus ihnen wahre Geschichtsbündel machen, die erst später zu erkennen und zu analysieren sind. Philipp Sarasin hält dagegen:

„Jede Gegenwart ist ein Geflecht solcher Gleichzeitigkeiten und unzähliger, disperater Ereignisse. Dieses Buch widmet sich der Frage, welche
Verbindungen es zwischen ihnen gab, welche Muster und Ähnlichkeiten… sichtbar werden, wenn man den Blick auf (fast) ein Jahr konzentriert.“

Und so erschließt sich schnell, dass es sich hier nicht um einen willkürlichen Mix aus Geschichte und Geschichten handelt. Schon in der reinen Identifizierung als relevantes Ereignis liegt hier der Schlüssel zur Decodierung der im Hintergrund verlaufenden Kette aus Parallelereignissen. Das liest sich zuweilen spannend, zuweilen ist es jedoch auch sehr anstrengend, der Argumentationskette zu folgen, bis man an ihr offensichtlich nicht offensichtliches Ende gelangt. Der neutrale Ausgangspunkt der Betrachtung, sich quasi im Leerlauf in ein bedeutungsschweres Jahr zu begeben, eint den Verfasser mit seinen Lesern. Sarasins Hintergrund jedoch untermauert und verfestigt seine Abschweifungen in Soziologie, Philosophie und Geschichte, nur um die Verbindungen später sichtbar zu machen. Ein gewagtes Unterfangen, das in den fünf groß angelegten Kapiteln recht gut gelingt. Zumal er jedem der Kapitel einen großen Geist der Geschichte voranstellt, an dem sich die anderen großen Geister geschieden hatten, und der genau im Jahr 1977 sein Leben ausgehaucht hat. Ironie der Geschichte, könnte man sagen.

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

So begeben wir uns jeweils postmortem nach dem Tod von Ernst Bloch, Fannie Lou Hamer, Anaïs Nin, Jacques Prévert und Ludwig Erhard ins Herz des Buches. Philipp Sarasin hat in mir besonders die „Offensive 77“ der RAF in Erinnerung gerufen und in einer bestechend vorgebrachten Argumentation die Entstehungsgeschichte des linken Terrors als logische Reaktion auf eher rechtskonservativ orientierte Leitlinien der politischen Grundordnung in der BRD aufgezeigt. Es gab Vorverurteilungen, es gab nie „mutmaßliche Terroristen“, es existierte keine Unschuldsvermutung, es wurde offen die Todesstrafe für die RAF-Mitglieder gefordert und in der öffentlichen Diskussion war das freie Deutschland auf dem Weg, in eine gefährliche Richtung abzudriften. Dies alles im Zusammenhang logisch verknüpft erlesen zu können, ist erhellend und wichtig zugleich, stehen wir doch immer wieder an den Wendepunkten der Geschichte und urteilen eher voreilig als überlegt. Hinter Mauern verschanzt lässt es sich gut mit Steinen werfen.

Wie Philipp Sarasin seinen „interkontinentalen Bogen“ vom deutschen Terrorismus bis zum Durchbruch der Theorie der allgemeinen Menschenrechte, dem Kampf gegen letzte Bastionen der Sklaverei in den USA, bis hin zum Selbstbild einer Generation im Verbund mit der Entwicklung des ersten Personal-Computers spannt, ist brillant und in jeder Hinsicht erhellend. Ja, dieses Jahr hat Maßstäbe gesetzt. Die Menschen haben demonstriert, terrorisiert, polarisiert. Die Gleichzeitigkeit von gesellschaftlichen Strömen ist kein Zufall. Das sieht nur so aus. Sarasin ist in der Lage das zu belegen und weist in diesem Zusammenhang auch klar darauf hin, wie wir unserer heutigen Zeit kritisch und beobachtend, handelnd und wahrheitssuchend gegenüberstehen können. Viele Bilder sind im Jahr 1977 vom Sockel gestoßen worden. Frauenbilder wurden neu geboren, in Stein gemeißelt wurden sie noch nicht. Emanzipation wurzelt in diesem Jahr. Vielleicht eine der weniger schönen Erkenntnisse des Buches, dass die feministische Wende in vielen Teilen der Gesellschaft noch nicht angekommen ist.

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

Ich wäre 1977 gerne so weit gewesen, alles zu verstehen, was Philipp Sarasin mir in seinem wegweisenden Buch erläutert. Es war nur schlichtweg nicht möglich, wie es auch nicht möglich ist, das Jahr 2021 schon heute einer solchen vergleichenden und bewertenden Analyse zu unterziehen. Der Autor macht keinen Hehl aus seiner eigenen Subjektivität in der Herangehensweise an dieses Jahr und lässt natürlich auch Kritik an seiner grundlegenden Methodik zu. Er regt dazu an, einen breiten Diskurs zu führen, in Ursachen und Wirkungen zu unterscheiden, der Parallelität der Ereignisse Beachtung zu schenken und sich vor jenen zu hüten, die mit einfachen Wahrheiten polarisieren. In dieser Hinsicht hat 1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart sicher den Preis als klares Frühwarnsystem gegen die Vereinfachung von Perspektiven und Meinungen verdient.

1977 - Philipp Sarasin - Astrolibrium

1977 – Philipp Sarasin

Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch.

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Die Welt neu beginnen von Helge Hesse

Die Welt neu beginnen - Helge Hesse - AstroLibrium

Die Welt neu beginnen – Helge Hesse

Die Welt neu beginnen – Leben in Zeiten des Aufbruchs 1775 – 1799“ von Helge Hesse – Reclam Verlag, ist in der Kategorie Sachbuch für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Diese Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man #baybuch-Hintergründe, die nominierten Werke und Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Wir erwarten gespannt das Ergebnis der öffentlichen Jury-Debatte, in der am 11. November über die Preisträger:innen entschieden wird.

Die Welt neu beginnen - Helge Hesse - nominiert - Sachbuch - Astrolibrium

Die Welt neu beginnen – Die Welt neu beginnen – nominiert – Sachbuch

Wie gerne würden wir in jedem Moment der aktuellen Weltgeschichte erleben, ob wir an einem der magischen Wendepunkte angelangt sind, die die Welt verändern. Wie gerne wären wir als Zeitzeugen ebenso schlau, wie all die Geschichtsschreiber, die ein paar hundert Jahre später nach intensivem Quellenstudium die Vergangenheit sortieren und gewichten. Nur ganz wenige Ereignisse in unserem Leben lassen darauf schließen, einen solchen Wendepunkt selbst erlebt zu haben. Ich selbst habe den 11. September 2001, den sogenannten „Nine Eleven„, so empfunden. Andere Ereignisse jedoch muss auch ich Historikern und Philosophen (und natürlich auch den jeweiligen -Innen ihrer Zünfte) überlassen. Sie haben es gelernt, die epochalen Strömungen der Geschichte in die Waagschalen ihres Wissens zu werfen, zu wiegen und in den plausiblen Kontext der wissenschaftlichen Aufarbeitung zu stellen.

Die hohe Kunst dabei ist es, diese großen Wendepunkte und Wegmarkierungen nicht schulmeisterlich, sondern perfekt recherchiert, nachweislich verbrieft, sehr versiert und unterhaltsam zugleich an die geneigte Leserschaft zu bringen. Nur dann durchbrechen solche Publikationen die Schallmauern der breiten und öffentlichen Wahrnehmung und gelangen in Reichweite von Auszeichnungen und höheren Weihen. Nur dann wird aus einem Sachbuch etwas Lebendiges. Geschichte ist keine Sache. Sie lebt in uns. Das ist dem nominierten Buch aus der Feder von Helge Hesse anzumerken. Es pulsiert in dem Moment, in dem man es öffnet… „Die Welt neu beginnen„. Ein verheißungsvoller Titel.

Die Welt neu beginnen - Helge Hesse - AstroLibrium

Die Welt neu beginnen – Helge Hesse

Warum jedoch sollten wir uns ausgerechnet heute mit den Jahren 1775 bis 1799 auseinandersetzen? Warum einem Philosophen in seine These folgen, dass genau in diesen Jahren einer der Momente aufzuspüren ist, der unsere Geschichte in ein Davor und ein Danach aufteilt? Den meisten Lesenden klingelt diese Epoche intensiv im Ohr, kann man doch den Zeitpunkt der „Französischen Revolution“ und den Sturm auf die Bastille im Jahr 1789 aus der eigenen Schulzeit rekonstruieren. Dabei ist es doch ganz leicht, eine Vielzahl von Gründen zu finden, die dieses Buch lesenswert machen. Nein, Helge Hesse legt kein trockenes Schulbuch mit Zeitschienen, Orten, Daten und Fakten vor, die sich zum Auswendiglernen so gut eignen. Wir erleben nicht schon beim ersten Blättern in „Die Welt neu beginnen“ einen anaphylaktischen literarischen Schock, der uns an unsere Schulzeit erinnert. Nein, dieses Buch kommt im modernen Gewand und in ebenso unterhaltsamem Ton daher. Eine Versuchung von der ersten Seite an…

Lassen Sie mich hier zu einem etwas ungewöhnlichen Vergleich greifen, der sich mir jedoch schnell aufgedrängt hat, als ich mich in die Zeilen stürzte. Ich empfand das Buch als „literarisch-historischen Thermomix„, dem es gelingt aus den Ingredienzien der Geschichte in Verbindung mit einer minimalistisch anmutenden 25-jährigen Garzeit ein Menü auf den Tisch zu zaubern, das neben bekannten Geschmacksmustern einige echte Überraschungen zu bieten hat. Schon die ersten kleinen Happen machen schnell klar, dass wir uns nicht auf dem Boden bekannter Kochbuchmuster bewegen, sondern in eine auf diese Art und Weise bisher unerzählte Welt abtauchen, in die sich der Autor intensiv eingearbeitet hatte… Seine Rezeptur besticht durch interkontinentale Zutaten, die in der richtigen Menge kombiniert eine Menge Schärfe in die Gedanken ihrer Zeit bringen. Es sind erste Schüsse in den noch gar nicht vereinigten Staaten von Amerika, die man im alten Europa vernimmt. Es ist ein George Washington, der über Freiheit sinniert, während er noch selbst Sklaven hält. Es ist ein Benjamin Franklin, der sich mit der Kunde vom Unabhängigkeitskampf gegen die britische Monarchie ins komplett abhängige Europa begibt. Es ist eine noch alles andere als kopflos agierende Königin Marie-Antoinette, die in Saus und Braus lebt und es sind nicht nur die Anekdoten am Rande der großen Geschichten, die uns zu neugierigen Lesenden werden lassen.

Die Welt neu beginnen - Helge Hesse - AstroLibrium

Die Welt neu beginnen – Helge Hesse

Helge Hesse präsentiert uns keine Hausmannskost, nichts leicht Vorhersehbares und schon gar kein kalorienarmes Geschichtsstudium ToGo. Die Rezeptur ist nicht leicht zu durchblicken, ergibt aber immer mehr Sinn, je weiter man sich in die Jahre der Zubereitung arbeitet. Es sind neue Menschenbilder, die überall entstehen. Es sind zarte Pflanzen der Individualisierung und Loslösung vom Herrschaftsglauben, die langsam zu wachsen beginnen. Es ist die Literatur, die den Geist befreit. Es sind die Prisen Goethe und Schiller, die das Denken erobern. Es ist der Domino-Effekt der Freiheit, der selbst festeste Steine ins Kippen bringt. Es sind die Entdecker, die der Welt ihre Geheimnisse entlocken, es ist eine Meuterei, die aus der „Bounty“ ein Abbild der Gesellschaft macht und es ist ein Wunderkind namens Mozart, das allem seine Melodie unterlegt. Es liegt an der eigentlich unsichtbaren Parallelität der Ereignisse, die Helge Hesse transparent macht, dass wir die Zusammenhänge sehen. Es sind seine Cliffhanger, die uns weiter und immer weiter voranschreiten lassen. Es sind die kleinen Narrative, die zur großen Erzählung werden. Es ist wie einer neu beginnenden Welt zuzuschauen…

Helge Hesse steigert die Temperatur von Jahr zu Jahr. Es gibt kaum ein Ventil, um den Druck entweichen zu lassen, bis sich alles in der französischen Implosion befreit. Spätestens hier sagt man sich… „Man hätte es kommen sehen müssen“. Spätestens hier erkennt man, dass schon 1789 eine Nachrichtenflut voller Fakenews über Leben und Tod bestimmt hat. Man fragt sich, wie die Revolution wohl mit Facebook verlaufen wäre. Man fragt sich immer mehr und erkennt das Unausweichliche. Die Kleinen sind plötzlich groß. Unwichtige Faktoren erlangen gigantisches Gewicht. Es sind die Kunst, der Krieg, die Dichtung, die Musik, die Diplomatie, der Adel, die Verschwendung und das immer heller leuchtende Licht aller wissenschaftlichen Disziplinen, die Europa in neuer Euphorie erscheinen lassen. Und es nicht damit getan. Die Welle geht weiter, wie die Fesselballons der Flugpioniere, die nicht nur den europäischen Himmel bevölkern.

Die Welt neu beginnen - Helge Hesse - AstroLibrium

Die Welt neu beginnen – Helge Hesse

Großartig zu lesen. Unterhaltsam erzählt. Perfekt recherchiert und pointiert. Und doch kein Buch für den Unterricht oder das Studium. Es ist ein universelles und extrem erhellendes Beispiel für eine wissenschaftliche Publikation, die Wissen schafft, sich im tiefsten Inneren allerdings nicht aufs hohe Ross setzt. Das macht Helge Hesse mehr als sympathisch. Bleibt zu hoffen, dass er weitere neuralgische Punkte identifiziert, um uns mehr zu erzählen. Sein abschließendes „Was aus ihnen wurde“ liefert so manche Steilvorlage für die Fortsetzung dieses leckeren „Geschichtshappens“. Fünf Sterne von mir und sicherlich nicht nur für den Guide Michelin eine Auszeichnung wert. Bayern hat ja einen eigenen Preis. Die Daumen sind ganz neutral gedrückt…

Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch und
hier finden Sie französisch-revolutionäre Literatur auf AstroLibrium.

Die Welt neu beginnen - Helge Hesse - AstroLibrium

Die Welt neu beginnen – Helge Hesse

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Ich habe einen schönen Specht gesehen - Michal Skibinski - Astrolibrium

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

„Ich war damals acht Jahre alt.
Die Ferien über habe ich täglich
einen Satz in mein Heft geschrieben,
eine Sache, die ich erlebt habe.
Das war meine Aufgabe, damit ich
in die 2. Klasse versetzt werden konnte. 
Das Heft habe ich immer noch.“

Michal Skibinski

Solche und ähnliche Aufgaben kennen wir vielleicht aus unserer Schulzeit. Nennt es Nachhilfe oder Nachsitzen. Egal, es kann ja nicht so schwer sein, ein paar Dinge zu Papier zu bringen, die sich in den Ferien ereignen. Für einen Erstklässler kein Problem. Das dachte sich der achtjährige Michal Skibinski auch, als er damit begann, die kleine Welt zu beschreiben, die in den großen Ferien auf ihn wartete. Und außerdem war die Belohnung sicherlich motivierend für den kleinen Kerl. Also frisch ans Werk. Er beginnt sein Tagebuch der kurzen Sätze, die eigentlich gar nicht für ihn bestimmt sind, sondern zu Beginn des nächsten Schuljahres von einem Lehrer gesichtet würden. Ob sie dabei helfen würden, ihn in eine neue Klasse zu bringen…?

Ich habe einen schönen Specht gesehen - Michal Skibinski - Astrolibrium

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

15.07. Ich war mit meinem Bruder und dem Kindermädchen am Bach.
16.07. Ich war in der Kirche.
17.07. Ein kleines Mädchen ist in die Pension gekommen, in der ich wohne.
18.07. Ich war mit meinem Freund im Wald.

Michal Skibinski schreibt schlicht, authentisch und kein Wort zuviel. Da ist er wohl wie die Schüler überall auf der Welt. Und doch liest man sich gut gelaunt in den Juli an seiner Seite hinein. Es klingt nach einer behüteten Kindheit und wie so viele Ferien, die wir vielleicht selbst erlebt haben. Wir spazieren mit Michal durch die Natur. Begleitet nur von seiner Großmutter, dem eigenen Bruder, einem Kindermädchen oder seiner Mutter. Alles fühlt sich gut an, es sind nur ein Gewitter und ein Stromausfall, die den Alltag zum Abenteuer werden lassen. Und es ist ein sonniger Julitag, der diesem Buch den Namen gibt.

28.07. Ich habe einen schönen Specht gesehen.

Ich habe einen schönen Specht gesehen - Michal Skibinski - Astrolibrium

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Ein wundervolles Buch. Mit brillanten Landschaftszeichnungen illustriert von Ala Bankroft. Jeder Doppelseite gehört ein Satz aus der Feder des achtjährigen Schülers. Unterbrochen nur von den Originalseiten aus dem Heft von Michal Skibinski. Doch was will uns dieses Buch sagen? Welche Botschaften trägt es zu uns? Nein, es ist nicht die Naivität eines Schuljungen, die uns hier zeitlos begeistern soll. Es ist unser Wissen um die Geschichte, das aus einem schönen Sommer und ein paar warmen Ferientagen im Kreise einer Familie den Abgesang auf ein normales Leben macht. Wir müssen nur die beiden wesentlichen Informationen hinzufügen, um die Sätze von Michal Skibinski im Kontext der Weltgeschichte richtig werten zu können. Ort und Zeit. 

Wir befinden uns im letzten Sommer vor dem Zweiten Weltkrieg. Wir sind in Polen. Wir schreiben das Jahr 1939. Die Schule wird nach diesen Ferien wohl nicht beginnen. Am 1. September wird die Wehrmacht das Land überfallen. In wenigen Tagen bricht die heile Welt von Michal Skibinski in sich zusammen. In wenigen Tagen werden sich alle Sätze aus seiner kindlich naiven Schülerfeder verändern. Und mit diesem Heft der ganz kleinen und einfachen Sätze macht er uns zu Zeitzeugen eines Kriegsausbruchs…

01.09.1939 Der Krieg hat begonnen.
02.09.1939 Ich bin in Milanówek angekommen.
03.09.1939 Ich habe mich vor den Flugzeugen versteckt.

06.09.1939 Sie haben in der Nähe eine Bombe abgeworfen…

Ich habe einen schönen Specht gesehen - Michal Skibinski - Astrolibrium

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Zwischen den Zeilen erleben wir eine Flucht, hören den Gefechtslärm, erleben die Wucht der Gerüchte aus den Nachrichten und sehen seine Familie, die versucht, sich in den Wirren des Krieges wiederzufinden. Die vormals strahlend blauen Illustrationen von Ala Bankroft werden zunehmend dunkler, bedrohend und apokalyptisch. Wort und Bild beginnen jetzt im Krieg Hand in Hand zu gehen. Keine Spechte mehr, keine Sonne. Es brennt. Es raucht. Und Michal schreibt weiter, als würde er immer noch hoffen, bald wieder in die Schule gehen zu können… Vergebens, wie wir heute wissen. Der Krieg ist nicht mehr zu stoppen…

Dieses reichhaltig illustrierte Buch der kleinen gewichtigen Sätze ist für mich kein Bilderbuch im klassischen Sinne. Es ist ein Hybrid-Bildband gegen das Vergessen, in dem wir zu Zeugen der Unvorhersehbarkeit von Politik und Geschichte werden, und in der Naivität des kleinen Jungen die eigene Gedankenlosigkeit gespiegelt sehen. Es ist die Welt der Erwachsenen, die eine Kindheit beendet. Es sind Kriege und Krisen, die in vielen Jahren ihre psychischen Nachwirkungen bei Kindern zeigen. Auch heute ist es in vielen Ländern fraglich, ob die Schulen nach den Ferien wieder beginnen. Vielleicht ist in genau diesem Moment ein Schulkind dabei, seine tiefen Gedanken in einem kleinen Heft für uns festzuhalten. Dieses Buch eignet sich besonders, um es mit Schulkindern zu entdecken. Es ist auch ein Buch der Hoffnung, da es zwar am 15. September 1939 endet. Nicht jedoch das Leben von Michal Skibinski. Er lebt und schließt einen Kreis, den er vor mehr als achtzig Jahren geöffnet hat. Prädikat besonders wertvoll…  

Ich habe einen schönen Specht gesehen - Michal Skibinski - Astrolibrium

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Michal Skibinski

Weitere Bücher zu meinem Zyklus „Gegen das Vergessen“ finden Sie hier…

Ich habe einen schönen Specht gesehen - Michal Skibinski

Ich habe einen schönen Specht gesehen – Gegen das Vergessen bei AstroLibrium