Lesley M.M. Blume: „Und alle benehmen sich daneben“

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Literaturwissenschaft ist, wenn Literatur Wissen schafft. Hintergründiges kann sie vermitteln, Neues herausarbeiten und Interpretationshorizonte öffnen, die ansonsten für immer im Verborgenen bleiben würden. Wie bei archäologischen Ausgrabungen hat ein Schriftsteller, der sich durch das Sedimentgestein der Literaturgeschichte wühlt, ein Ziel vor Augen. Kein Stein bleibt auf dem anderen und selbst die kleinste Spur ist relevant. Lesley M.M. Blume hat im Paris der goldenen 1920er Jahre ihr eigenes literarisches Gräberfeld gefunden und sich Schicht um Schicht in die Tiefe vorgegraben. Ihre Funde hat sie nun veröffentlicht und wer nur einen Hauch von Interesse dafür hat, wie damals gelebt, geliebt und geschrieben wurde, der muss ihr Buch einfach lesen.

Und alle benehmen sich daneben(dtv) ist dabei das Ergebnis einer gezielten und einzigartigen Spurensuche nach den Ursprüngen der Karriere eines Schriftstellers, der als Namenloser nach Paris kam und sich vorgenommen hatte, die Welt der Literatur zu verändern. Ernest Hemingway. Lesley M.M. Blume setzt dabei nicht voraus, dass man sich zuvor intensiv mit dem späteren Literaturnobelpreisträger beschäftigt hat. Sie setzt nicht voraus, dass man sein Lebenswerk gelesen oder seine Biografie studiert hat. Sie setzt nur eines voraus: Die pure Lust am Lesen!

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

All jene, die Ernest Hemingway in seinen eigenen Büchern oder in Werken über ihn bereits begegnet sind, werden überrascht sein, was dieses biografische Standardwerk für sie bereithält. Denn ein Standardwerk ist es zweifelsohne, da es Lesley M.M. Blume auf unnachahmliche Art und Weise gelingt, nicht nur Hemingways Charakter, sondern auch seinen ersten Roman Fiesta schonungslos zu sezieren und in den Kontext aller persönlichen Verflechtungen zur internationalen Literaturszene zu setzen, die damals in Paris so schillernd strahlte, wie nirgendwo auf der Welt. „Paris. Ein Fest fürs Leben“. Unter diesem Titel schrieb Hemingway selbst über diese ersten Jahre und vielleicht ist es erst sein Originaltitel der zeigt, wie sich der aufstrebende Literat hier gefühlt haben muss. „A Moveable Feast“. Wie ein beweglicher Feiertag kam ihm sein Leben in der pulsierenden Metropole an der Seine vor. Nur war Hemingway nie in der Lage, sich nur treiben zu lassen und die Atmosphäre zu genießen. Er war getrieben von Ehrgeiz und Neid.

Der Ehrgeiz, endlich veröffentlicht zu werden und Neid auf all jene, die es bereits geschafft hatten. Hemingway war Suchender und Strebender zugleich. Er kontaktierte alle, die seinen Zielen dienlich sein konnten, verschaffte sich Zugang zu den höchsten literarischen Kreisen in Paris und versuchte in den Literatursalons zu beeindrucken. Er brachte viel mit. Den Ruf eines abenteuerlustigen und gefahrenerprobten Journalisten, ein gewisses Talent, das sich jedoch zuerst auf Kurzgeschichten beschränkte und das Charisma eines Mannes, der in der Lage sein könnte, die etablierten Büchergötter vom Olymp zu stoßen.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Dieser bewegliche Feiertag fühlte sich für den erfolgshungrigen Hemingway an, wie das Schlaraffenland der Literatur. Die ganze Welt blickte auf diese Stadt. Alles, was in der Szene Rang und Namen hatte, war hier versammelt und nur in Paris konnte es gelingen, die Kontakte für den persönlichen Durchbruch zu knüpfen. Schnell wurde Hemingway klar, dass im nur eine Kleinigkeit fehlte, um im Konzert der Aufstrebenden mitspielen zu können. Er brauchte einen Roman. Er brauchte ein Buch, das sprachlich so anders war, so sehr für den Zeitgeist einer neuen Generation stand und das in jeder Hinsicht einschlagen sollte, wie eine literarische Bombe.

Lesley M.M. Blume lässt keinen Aspekt des Lebens in den Wilden Zwanzigern in Paris außer Betracht. Sie nimmt uns an die Hand führt uns an der Seite von Ernest in die höchsten Kreise ein. Sie verschafft uns Zutritt zu Gertrude Stein, Ezra Pound und Sylvia Beach, Verlegerin und Inhaberin der legendären Buchhandlung „Shakespeare and Company“. Sie macht uns bekannt mit den Lebemännern und -frauen der Pariser Gesellschaft und überall wo wir auftauchen hinterlässt der junge Hemingway Eindruck. Er saugt alle Ratschläge auf, vermittelt den Anschein eines gelehrigen Schülers und ist schnell im Herzen einer literarischen Avantgarde angekommen, die bahnbrechend sein kann.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Wir lernen Ernest Hemingway in allen Facetten kennen. Reporter, Schriftsteller und Ehemann. Rollen, die er perfekt spielte und in denen er stets dominierte. Er zeigt schon früh, dass er gewillt ist, alles seinem Erfolg unterzuordnen. Lesley M.M. Blume entlarvt Hemingway, indem sie aus Briefen, Nachlässen und Zeitzeugnissen schöpft, indem sie die Memoiren von Zeitzeugen durchforstet und dabei schonungslos offenlegt, wie weit Hemingway zu gehen bereit war, um erfolgreich zu sein. Er kannte keine Skrupel, wenn es darum ging, sich über diejenigen lustig zu machen, die ihre Hand schützend über ihn gehalten hatten. Er war brutal gegen sich und andere. Er machte sein Umfeld nutzbar. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Lesley M.M. Blume beschreibt eine Zeit, in der sich jeder daneben benommen hat. Sei es in menschlicher, sozialer oder gesellschaftlicher Hinsicht. Skandale und Abkehr von normativen Standards gehörten zur Tagesordnung, wenn man sich Nachklang des Ersten Weltkriegs befreien und einfach nur leben wollte. Die verlorene Generation war auf dem Weg zu neuen Ufern und Ernest Hemingway war ihr literarischer Vorreiter. Er überwand die Grenzen des Schreibens, erneuerte es in seinem ganz eigenen Stil. Wie zielgerichtet er dabei vorging und wie sehr er an seiner eigenen Legende schrieb, wird im vorliegenden Buch nur zu deutlich. Er wurde der Königsmörder an seinen Freunden und Wegbereitern. Er machte sich eine Welt Untertan, die nur auf ihr zu warten schien.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Folgen Sie der Einladung von Lesley M.M. Blume zu einem grandiosen Exkurs in die Hochkultur der Literatur. Sie werden einen unglaublichen Spaß daran haben, zu erleben wie ausgeprägt das „Hase-und-Igel-Spiel“ zwischen Hemingway und F. Scott Fitzgerald war. Jenem Schriftsteller, der immer eine Nasenspitze voraus war, dessen Lebensstil dem entsprach, was Hemingway sich erträumte und dessen Romane schon veröffentlicht waren, als sein Konkurrent noch um die Veröffentlichung kleiner Stories bangen musste. Erleben Sie Hemingway im Umgang mit seinen Frauen, Geliebten und Affären. Auch hier verdeutlicht die Autorin, wofür er empfänglich und zu was er bereit war, wenn es darum ging, an seinem Mythos zu arbeiten. Für jeden Roman eine neue Frau – eine These, die nicht von der Hand zu weisen ist.

Werden Sie zu Zeugen des ultimativen Castings für Hemingways ersten Roman. Dieses Buch zeigt wie kein anderes, wer sich hinter den Romanfiguren aus „Fiesta“ verbirgt, wem Hemingway lebenslang eine gewaltige Bürde mit auf den Weg gab und wie sein direktes Umfeld darauf reagierte. Und lernen Sie die schillerndsten Gestalten des Pariser Lebens in den Zwanziger Jahren kennen. Lady Duff Twysden, Harold Loeb, Kitty Cannell und Pauline Pfeiffer. Sie alle werden bleibenden Eindruck in Ihrem Lesen hinterlassen. Und nicht zuletzt werden Sie mein Gefühl teilen und unmittelbar nach der letzten Seite von „Und alle benehmen sich daneben“ mit frisch erwachtem Eifer nach Pamplona zu reisen um voller Lesenslust „Fiesta“ zu genießen.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume – High Society

Buch, was willst du mehr? Unterhaltend, schillernd und facettenreich wie das Leben selbst, gelingt es Lesley M.M. Blume der Zeitscheibe im Leben von Ernest Hemingway Leben einzuhauchen, die für seinen späteren Erfolg von größter Bedeutung war. Nichts ist redundant, selbst wenn man andere Bücher kennt, die sich mit Hemingway in dieser Zeit beschäftigen. Lesen Sie weiter, wenn Sie das Feuer gepackt hat. In diesen Werken brennt es bücherloh:

Madame Hemingway von Paula McLain
Als Hemingway mich liebte von Naomi Wood (Rezension bei Herzpotenzial)
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway
Fiesta von Ernest Hemingway

Lesen Sie bitte jetzt, was ich über F. Scott Fitzgerald schrieb. Für dich würde ich sterben lautet der Titel einer Sammlung bisher unveröffentlichter Kurzgeschichten. Es ist ein Buch, das einen anderen Fitzgerald zeigt. Hemingway hatte ihn schon hinter sich gelassen und der Ruhm verblasste. Er kämpfte mit Kurzgeschichten um seinen Ruf!

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

„Die Poesie der Hörigkeit“ von Lea Singer

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

„Er ist dick, hässlich – aber es ist hoffnungslos, heute wie vor 20 Jahren habe ich den Eindruck einer schrecklich starken geistigen Verwandtschaft mit ihm, ehrlich gesagt, habe ich Angst… Es ist eine Art Gehirnvergiftung…“

Dorothea (Mopsa) Sternheim über Gottfried Benn an Betty George im September 1952

Faszination bis zur Hirnvergiftung. Zeilen, die viel andeuten, ohne etwas zu verraten. Zeilen aus der Feder einer Frau, deren Leben von der obsessiven Zuneigung zu einem Mann geprägt war, der sich ihr nie zugeneigt hatte. Zeilen aus der Feder von Dorothea Sternheim, die jeder nur liebevoll Mopsa nannte. Zeilen, die am Ende ihres bewegten Lebens zeigen, wie sehr sich das Gift der Leidenschaft in Körper und Geist eingenistet hatte und wie hilflos sie dieser fatalen Begierde gegenüberstand.

Fünfunddreißig Jahre, nachdem sie Benns Stimme zum ersten Mal gehört hatte, beendete sie einen Brief an ihn, wieder voller Ausflüchte und Unwahrheiten, mit dem Satz:

„Ich lege mich dem Meister zu Füßen.“

Dorothea (Mopsa) Sternheim an Gottfried Benn im Oktober 1952

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

Die beiden Zitate lassen auf eine lebenslange verzweifelte Leidenschaft schließen, die in ihrer Einseitigkeit unerwidert blieb. Eigentlich der perfekte Stoff für einen Roman, sollte man meinen. Wenn man jedoch die Namen der beiden Protagonisten betrachtet, dann ahnt man schnell, dass es hier keiner Fiktionalisierung bedarf, wenn man über die Widersprüchlichkeit von Gefühlen schreiben möchte. Lea Singer hat sich dieser beiden Menschen angenommen und ihnen in ihrem aktuellen Buch „Die Poesie der Hörigkeit“ ein literarisches Denkmal gesetzt, an dem man jederzeit rütteln darf.

Lea Singer stellt nicht so sehr die Hörigkeit oder die Obsession ins Zentrum ihrer Geschichte. Sie nähert sich dem Dichter Gottfried Benn und „Mopsa Sternheim, der Tochter des Bühnenautors Carl Sternheim, behutsam und versucht zu erklären was aus heutiger Sicht nicht erklärbar scheint. Tagebücher, Briefwechsel und Gedichte sind die Basis für die wuchtige Aussagekraft ihres Buches. Menschenkenntnis, tiefe Empathie, das Verständnis des historischen Kontextes und die Fähigkeit, Ursache und Wirkung in ihre molekularen Bestandteile zu zerlegen, machen aus einer geheimen Obsession das Psychogramm einer verzweifelt einsam Liebenden.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer – Mopsa Sternheim mit 12

Ich lerne Mopsa schon im Alter von 12 Jahren kennen und schlage mich schnell auf ihre Seite. Was sie bisher erlebt hat und auch im Jahr 1917 zu erleiden hat, ist prägend für ihr weiteres Leben. Schaut man sich Fotos von Mopsa aus dieser Zeit an, dann fällt ihre tiefe Verletzlichkeit auf, die alles überstrahlt. Die sexuellen Übergriffe ihres Vaters bestimmen ihren Alltag. Es gibt keinen Fluchtpunkt. Es gibt keine Privatsphäre und ihre Mutter Thea verschließt die Augen. Der einzige Mann, der sich nicht für sie interessiert und der nichts von ihr will, ist ein Gast im Hause ihrer Eltern. Gottfried Benn.

Abstoßend wirkt er und doch eilt ihm ein Ruf voraus, der die Frauenwelt seiner Zeit elektrisierte. Thea Sternheim erliegt der Faszination, himmelt den Dichter an und nimmt die Sorgen und verzweifelten Nöte der eigenen Tochter nicht wahr. Auch Mopsa verfällt dem grobschlächtigen Frauenarzt und Schriftsteller ohne sich erklären können, warum. Gottfried Benn ist unnahbar, abweisend und extrem gefühlskalt. Und doch entbrennt ein unsichtbarer Kampf zwischen Mutter und Tochter um einen Mann, der sich in der Rolle des angehimmelten Poeten mehr als gefällt.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer

So beginnt 1917 eine Liebesgeschichte, die uns bis ins Jahr 1954 trägt. Einseitig und unerfüllt ist das Hoffen der jungen Mopsa. Eifersucht gegenüber ihrer Mutter Thea wird zur Triebfeder ihrer eigenen Triebe, die intellektuelle Verehrung für die Poesie des Wortmagiers übersteigt das Fassbare und mit zunehmendem Alter steigt das Maß der inneren Hörigkeit. Fortan ist es ein emotionaler Dämmerschlaf, der Mopsa einhüllt, wie das Leichentuch der Hoffnungslosigkeit. Die Weltgeschichte passt sich Mopsas Leben an. Was in der Depression des verlorenen Ersten Weltenbrandes beginnt, setzt sich in der menschenverachtenden Ideologie des Dritten Reiches fort.

Das Psychogramm Mopsa Sternheims ist so konturiert gezeichnet, dass man früh erkennen kann, wie sehr sie sich im eigenen Leben verstricken wird. Lea Singer führt uns beharrlich, drastisch und in eigenem Sprachrhythmus durch dieses zum Scheitern verurteilte Leben. Immer wieder scheint Mopsa kurz zu erwachen. Immer wieder stößt sie genau in diesen lichten Momenten jenseits der Drogen, der Gefühlskälte gegenüber anderen Männern und der Beziehungsunfähigkeit auf Gottfried Benn. Diese konstante Obsession führt sie in den Untergang.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit – Wenn Worte zu lebendigen Bildern werden (hier klicken)

Wo Mopsa Stabilität und Sicherheit sucht, wird sie bitter enttäuscht. Wo sie sich nur anlehnen möchte, trifft sie auf kalte Schultern und wo sie die letzte Chance wittert, Gottfried Benn ihre ewige Liebe zu gestehen, steht ihr die eigene Mutter erneut im Weg. Lea Singer skizziert kein Leben, sie zeichnet es und malt es aus. Wir gehen mit Mopsa in den politischen Widerstand gegen das Dritte Reich, werden mit ihr gefoltert und auch deportiert. Wir werden an ihrer Seite schwer traumatisiert aus Ravensbrück befreit und sagen mit ihr vor Gericht gegen die Täter aus. Doch immer, wenn wir hoffen, sie möge sich von Gottfried Benn lösen können, sehen wir, dass genau dieser Schritt unmöglich ist.

Lea Singers „Poesie der Hörigkeit“ hat eine ganz eigene Melodie, der man sich hingeben muss, wenn man Mopsa Sternheim kennenlernen möchte. Der Stil ihres Romans ist poetisch und verzaubernd, als würde die Autorin Traum und Alptraum mit Worten zu einer Geschichte verdichten. Gottfried Benns Gedichte bringen das Fass der überbordenden Gefühle zum Überlaufen, wenn Mopsa in ihnen nach sich selbst sucht. Ein faszinierender Künstlerroman, der in Konstruktion, Aussagekraft und Sprache hörig macht. Die Poesie der Hörigkeit wirkt wie eine Droge im Kampf gegen das Vergessen eines kleinen Mädchens, dem der eigene Vater die Sicherheit der Gefühle genommen hatte. Ein Verlust, den Mopsa nie wieder kompensieren konnte.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer - AstroLibrium

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer im Dialog mit Der Finsternis entgegen

Auch hier sprechen Bücher miteinander. Der Weg nach Ravensbrück, die Folter in den Kellern der Gestapo in Fresnes und die markerschütternden Schreie, die sie hörte, verbinden Mopsa Sternheim mit den deportierten Widerstandskämpferinnen aus dem Buch Der Finsternis entgegen“. Sie waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort und es ist wahrscheinlich, dass sie sich nur durch ihre qualvollen Schreie begegneten. Nur trug Mopsa einen weiteren Dämon in sich: Den Dichter Gottfried Benn, den Folterknecht und Henkersmeister ihres hilfesuchenden Lebens.

Auch Constanze Matthes hat Ihren Blog Zeichen und Zeiten in hellHörigkeit versetzt.

„Heimaterde“ – Eine Weltreise durch Deutschland

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Heimaterde. Mutterboden. Vaterland. Gedanken, die mir durch den Kopf schießen. In allen Sprachen dieser Welt, in jedem Land und für jeden Menschen lebenswichtige und unverzichtbare Begriffe. Heimat wird dabei fast in allen Sprachen mit dem Wort „Haus“ gleichgesetzt (frz. maison; span./ita. casa; lat: domum), nur das Englische holt hier so weit aus, wie unsere Sprache und beschreibt mit „Homeland“ nichts Gegenständliches, sondern eher die emotionale Bindung eines Menschen zu einem Ort. Zumeist ist es die ganz frühe Sozialisation, sind es die ersten Erinnerungen und Erlebnisse, die uns in die Heimat hineinwachsen lassen. Eine Prägung, die niemals verlorengeht.

Heimat gehört zu unserem Leben und je weiter wir uns von ihr entfernen, umso tiefer scheint sich das Gefühl zu verankern, was sie uns bedeutet. Heimatlos zu sein, ist wohl die brutalste Art und Weise, diesen Verlust als manifestiertes Gefühl zum Wegbegleiter der eigenen Zukunft machen zu müssen. Flucht, Emigration oder Vertreibung. Zeitlose Ursachen für Heimatlosigkeit. Ihre Symptome sind vielfältig. Entwurzelte Bäume kann man nur sehr schwer wieder verpflanzen. Und Integration ist nur ein Ansatz, der helfen kann, ein neues Heimatgefühl zu vermitteln. Kein Allheilmittel. Nur ein Ansatz, der nicht dazu führen darf, dass Menschen im neuen Umfeld neben ihrer Heimat auch noch ihre Identität an der Garderobe abgeben müssen.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Gerade in diesen Tagen spürt man dies deutlich. Ein Konflikt zwischen Türken, die seit Jahren in Deutschland leben und ihren sogenannten „Gastgebern“ (eine fatale und mehr als falsche Selbsteinschätzung) angesichts eines politischen Referendums in der Türkei zeigt, wie wenig wir anderen Menschen den Begriff Heimat zugestehen und wie sehr wir darauf bestehen, dass man sich doch bitte irgendwann zu entscheiden hat, wo man lebt und was man fühlt. Zwei Staatsangehörigkeiten auf der Grundlage verbriefter Freizügigkeit machen nicht heimatlos. Das erste Gefühl für Heimat bleibt unangetastet. Und so wird eine Abstimmung über die Zukunft ihrer Heimat für die meisten Türken, die mit uns, bei uns, unter uns leben zur Herzensangelegenheit, die emotional verankert ist.

Das ist nicht so schwer zu verstehen. Und doch fehlt uns manchmal der ungetrübte Blick für die Gefühlslage der Menschen in unserem Umfeld. Dabei ist Heimat losgelöst von politischer Geografie oder geostrategischer Zugehörigkeit zu sehen. Heimat ist viel mehr. Wer sich in aller Tiefe und vorurteilsfrei auf die Suche nach Heimatbegriffen und ihren emotionalen Folgen machen will, dem möchte ich ein ganz besonderes Buch ans Herz legen. „Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland“ von Lucas Vogelsang, erschienen im Aufbau Verlag, ist viel mehr als eine Momentaufnahme eines Landes im Umbruch. Dieses Buch ist die empathische und intelligente Tür zu einem gemeinsamen Haus, dessen Bewohner wir zumeist nur vom Sehen kennen. Lucas Vogelsang ändert das und macht uns miteinander bekannt.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Und nicht nur das. Er macht uns mit uns selbst bekannt. Der neutrale Beobachter Vogelsang räumt mit Klischees auf, lässt uns die Perspektive wechseln und erzählt auf Augenhöhe, weil er sich selbst nicht ausblendet. Seine Heimatgefühle sind uns nah. Es ist so bewegend, ihm in seine eigene emotionale Prägung zu folgen, nachempfinden zu können, wo Heimat für ihn beginnt und was sie in ihm auslöst. Nur lebt eben niemand ganz allein in seiner Heimat. Und genau hier beginnt der Blick aus dem Fenster auf die Menschen in seinem Umfeld. Dieses weit geöffnete Fenster bietet auch uns Einblicke in eine Welt, in der wir selbst leben, ohne sie ganz wahrhaben zu wollen. Denn die vielen Menschen aus aller Welt verbindet eines in besonderem Maße. Die Idee von Heimat.

Vogelsangs Weltreise beginnt in seiner Heimatstadt Berlin. Die Menschen machen seine Reise zur Weltreise, denn hier findet er auf kleinem Raum all jene, die das Leben umgepflanzt, entwurzelt, neu eingepflanzt oder schon seit Urzeiten hier verwurzelt hat. Hier spielt die Herkunft eine Rolle, hier vermischen sich Gefühle, Ansichten und Rollen. Hier tobt das Leben und Vogelsang hat sein literarisches Stethoskop am Puls der Zeit. Sein Buch konfrontiert uns mit dem Unerwarteten. Bilder vom „Typischen“ beginnen zu bröckeln und die Menschen, die er uns näherbringt, sind uns nicht fremd. Keineswegs sogar. Wir kennen sie und doch ist uns fremd, was sich hinter den Fassaden versteckt, an denen wir in unserer Vorstellung klettern.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Wir begegnen den Boatengs, die ohne große Perspektiven gezeigt haben, wozu man in der Lage ist, wenn man seinen Traum lebt. Wir begegnen den Menschen, für die das Vorbild dieser Ausnahmefußballer alles bedeutet. Perspektive, Hoffnung, Stolz und den Frust über die unsägliche „Nachbar-Debatte“. Jerome Boateng hat vieles gemeinsam mit einem anderen Fußballer, den der Autor trifft. Diesmal in meiner Nachbarschaft. Es ist Jimmy Hartwig, dessen Karriere immer wieder an die Grenzen der Hautfarbe stieß. Heimat ist diesen Sportlern wichtig. Hartwig trägt sie im Zwerchfell, sein Dialekt reißt die Mauern ein, die andere beharrlich hochziehen. Heimat und die Boatengs. Ein schwierig zu fassendes Thema, das nicht nur durch Nationalmannschaften zu greifen ist. Heimat leuchtet. In vielen Stadien dieser Welt.

Lucas Vogelsang räumt auf mit banalen Bildern. Er stellt uns Menschen vor, die ihre Heimat verlassen haben, um ein neues Leben zu beginnen. Und dieses neue Leben ist eine Persiflage der vorbestimmten Rollen. Da sind Kai und Ericson. Einer weiß, einer schwarz. Ihre Verbindung liegt in dem Mann begründet, der für beide der Vater war. Es klingt abwegig, was beiden geschah. Der Weiße lebte das Leben des Mannes, der ihn als Vater annahm, der Schwarze blieb bei seiner weißen Mutter und verlor den Kontakt zum leiblichen Vater. Wer spricht nun besser ghanaisch? Wer ist der echte Afrikaner? Was ist Heimat für sie und wer sagt aus voller Überzeugung: „Heimat ist dort, wo ich ein Feuer machen kann!“ Klischeemodus: aus. Das Staunen wird zum Lesebegleiter.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

„Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland“ geht mit jedem Schritt des Autors einen Schritt voran in das Niemandsland der Heimatbegriffe. Ur-Berlinerinnen, Politiker mit sogenanntem Migrationshintergrund, Tatortschauspieler, Menschen wie Du und ich, Prominente und die ganz großen Unbekannten kommen zu Wort. Deutschsein wird in seine Bestandteile zerlegt, ohne es zu zerlegen. Neugier wird geweckt und der Humor verbindet, wo andere Schranken trennen. Vogelsang schreibt brillant, verfängt sich und uns in seinen Wortspielen und zeichnet ein Muster auf die Deutschlandkarte, das man so schnell nicht vergisst.

Heimaterde. Mutterboden. Vaterland. Warum eigentlich nicht Heimatboden, Vatererde und Mutterland? Gedanken, die beim Lesen kommen. Ein Buch das die Seiten sprengt und mich nachhaltig beschäftigt. Ob in Gesprächen mit Benediktinermönchen oder mit Menschen in meinem Umfeld. Ob in Gedanken an meine eigene Idee von Heimat. Das große Verdienst dieses Buches ist die emotionale Schnittmenge zu diesem Begriff. Es ist egal woher man kommt. Die folgenden Zitate aus dem Buch stehen für uns alle. Das ist Heimat, wie wir sie in „Heimaterde“ wiederfinden.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Heimat leuchtet.
Heimat ist das Land deiner Mutter.
Heimat ist, wo ich jemanden unter der Erde liegen habe.
Heimat ist auf eine Karte gemalte Hybris. Sie klingt gut.
Heimat ist der Ort, an dem man sich am meisten aufhält.
Heimat ist dort, wo ich ein Feuer machen kann.

PS:
Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich in aller Balance tief in mir ruhe. Heimat ist das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit.
Heimat ist für mich der Lieblingsplatz meines Hundes, das Bücherregal mit meinen Schätzen und der Ort, an dem ich gerne die Augen schließen würde, wenn alles endet. Und was ist Heimat für euch?

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Heimweh kommt nach Fernweh

(Off-Topic) – Ein Gedankenflug, der durch Heimaterde ausgelöst wurde

Off-Topic: Warum bin ich kein Rassist – Jerome und Jimmy

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Brieffreundschaft

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Dies ist die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung, die alles war, nur keine Beziehung im klassischen Sinne. Es war keine Liaison, keine Liebesgeschichte und es war mit Sicherheit keine Verbindung, die auf Lust, Anziehungskraft oder Leidenschaft in sexueller Hinsicht beruhte. Es war viel mehr. Ich schreibe hier über zwei Menschen, die einander viel zu schreiben hatten. Zwei Künstler, die in ihrer Zeit gleichwohl verehrt, als auch verachtet wurden. Eine Schriftstellerin und einen Maler, deren Lebenswege durch eine außerordentliche gegenseitige Zuneigung miteinander verwoben waren. (Hören)

Eine Freundschaft in Briefen und Bildern – Diesen Artikel können Sie hören…

Else Lasker-Schüler und Franz Marc

Sie, die mäßig erfolgreiche aber sprachgewaltige deutsch-jüdische Autorin, deren avantgardistische und expressionistische Texte im frühen zwanzigsten Jahrhundert für den traditionellen Leser einen Quantensprung in der Literatur darstellten. Ihre Sprache polarisierte, Ihre Texte ließen sich nur schwer veröffentlichen und bei aller Leidenschaft für das geschriebene Wort war es ihr fast unmöglich, sich eigenständig über Wasser zu halten. Else Lasker-Schüler.

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Er, der Maler, der versuchte die Grenzen des Gegenständlichen zu sprengen, sich von Zwängen der traditionellen Malerei zu lösen und sein Heil in der Flucht suchte und eine ganz eigene Blaue Welt erschuf, in der Formen und Farben dominierten, sich aber niemals gänzlich vom Dargestellten lösten. Auch er polarisierte, wurde von der Kritik in der Luft zerrissen und doch kämpfte er nicht jenen einsamen Kampf einer Else Lasker- Schüler. Er scharte Gleichgesinnte um sich und erhob seinen Kunststil zur Stilrichtung. Er war Mitbegründer des „Blauen Reiters“ und nichts steht so sehr für sein Schaffen, wie das Blaue Pferd das im Münchner Lenbachhaus zu bestaunen ist. Franz Marc.

Die Kunst vereinte die beiden kreativen Geister. Wie sollte es auch anders sein? Franz Marc wurde von Versöhnung, einem Gedicht Else Lasker-Schülers, inspiriert. Er illustrierte es als Holzschnitt und bat sie indirekt darum, es als Versuch anzusehen, ihre Worte zu verbildlichen. Ihre Antwort muss den guten Franz Marc tief ins Mark getroffen haben, denn Else schrieb nicht im Klartext, sondern in einer eigenen poetisch-lyrischen Anwandlung, die einen Briefwechsel in Gang setzte, der auch aus heutiger Sicht zu den wohl künstlerischsten Dialogen gezählt werden muss, die je zwischen einem Maler und einer Dichterin geführt wurden.

„Ich bin Jussuf, Prinz von Theben“… so stellte SIE sich IHM vor. „Sind sie auch so schmerzlich verloren wie ich?“

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Heute würden wir das vielleicht Rollenspiel nennen. Heute wirkt dieser Dialog fremd und unwirklich, in der Zeit des künstlerischen Aufbruchs jedoch fanden zwei Suchende zueinander und in ihren jeweiligen Antworten die Entsprechung der eigenen Sehnsucht. Franz Marc antwortete auf seine Weise. Er schrieb Postkarten, die er für Else illustrierte und ihnen damit kunstgeschichtlich einen unschätzbaren Wert verlieh. Ein Selbstbildnis zeigt ihn in zärtlicher Umarmung mit seinem Blauen Pferd, das er Else nun voller Stolz präsentiert. Sie antwortete:

„Der blaue Reiter ist da – ein schöner Satz, fünf Worte – lauter Sterne…“

Von 1912 bis 1916 dauerte dieser magische Briefwechsel in Wort und Bild. Immer wenn Franz Marc lesen musste, dass der arme Prinz von Theben am Leben zweifelt, in Armut versinkt und darüber klagt, dass die Welt ihn nicht versteht, schickt er ein Bild als Trost, versehen mit aufmunternden Worten. Die Sammlung der Postkarten des Blauen Reiters zeigt einen Querschnitt durch all seine Schaffensphasen. Sie beinhaltet Werke, die es heute nicht mehr gibt. Der Turm der blauen Pferde gilt seit 1945 als verschollen und nur die wundervolle Miniatur auf der Karte an Else zeigt, wie das Gemälde gestrahlt haben muss, bevor es von Hermann Göring als entartetes Kunstwerk geraubt wurde…

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Das Kunstbuch „Else Lasker Schüler – Franz Marc. Eine Freundschaft in Briefenaus dem Prestel Verlag ist ein wahrer Kunstschatz. Es beinhaltet alle Briefe, Postkarten und Hintergründe, die diesen außergewöhnlichen Künstlerdialog zu einem Ereignis für den Leser werden lassen. Chronologisch werden wir zu Zeugen des Aufschwungs und der Krisen, die immer weiter um sich greifen. Wir sitzen gefühlt mit Else Lasker-Schüler am Schreibtisch und bewundern die vielen Miniaturen des Blauen Reiters, schauen ihr beim Schreiben ihrer Briefe über die Schulter und erkennen von Wort zu Wort und von Bild zu Bild, wie wichtig dieser Austausch für beide ist. Melancholie strahlte selten so bunt.

Für Else Lasker-Schüler waren die Miniaturen lebensrettend. Sie konnte viele ihrer Texte nur veröffentlichen, weil sie die kleinen Bilder von Franz als Illustrationen beifügte und abdrucken ließ. Und für Franz waren ihre Briefe häufig die einzigen Lichtblicke, die ihn aus dem Tunnelblick des Künstlers befreiten und ihn mit diesem literarischen Spiel inspirierten. In jeder Hinsicht, eine kreative Win-Win-Situation. Das großformatige Buch wird dieser besonderen Beziehung in besonderem Maße gerecht. Es hat bei mir Lücken geschlossen, von denen ich schon nicht mehr dachte, dass sie jemals zu schließen sind und es hat Gefühle losgetreten, die nur angesichts der originalen Handschriften und der Vielzahl der Bilder zu einer Woge des Staunens ausufern konnten.

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Ich sah mein Blaues Pferd erstmals als Fohlen, fühlte die verlorene Einsamkeit einer Schriftstellerin, die erkennt, dass sie vom Schreiben allein nicht leben kann. Ich erlebte die tiefe gegenseitige Wertschätzung und spürte die Aufrichtigkeit einer Freundschaft, die für fremde Augen wie eine wild-romantische Liebesbeziehung wirken musste. Und ganz zuletzt stürzte ich mit Else Lasker-Schüler in das tiefste Loch, in das man stürzen kann. Als Franz Marc am 4. März 1916 vor Verdun zu Tode kam, war sie es, die ihm mit ihrem Nachruf ein emotionales Denkmal setzte. Sie war es, die den Briefwechsel fiktiv fortsetzte und einen Briefroman entstehen ließ, der ihre Freundschaft überhöhte.

„Der Blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing.
Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten…
wo der Blaue Reiter ging, schenkte er Himmel.“

(Else Lasker-Schüler)

Das größte Geschenk dieses Buches ist für mich, dass auch der Briefroman unter dem Titel „Der Malik“ vollständig mitveröffentlicht ist. Hier finden wir am Ende tiefe Spuren eines gemeinsamen Schaffens, einer gemeinsamen Freundschaft und vielleicht auch Spuren von mehr. Das jedoch ist Privatsache und sollte es für immer bleiben. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass diese Leidenschaft in Wort und Bild eine tiefere Basis haben musste. Man kann dies lesen, sehen und fühlen, wenn man das Herz am rechten Fleck hat. Ich betrachte „Eine Freundschaft in Briefen“ als mein wichtigstes Buch in der Annäherung an zwei Künstler, die bis heute unvergessen sind.

Ich muss dem blauen Pferd davon erzählen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc - Eine Freundschaft in Briefen

Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Freundschaft in Briefen

Oh nein. Ich bin diesem Buch nicht selbst auf die Spur gekommen und es ist kaum noch zu finden in der großen Welt des Buchhandels. Es ist ein Geschenk, das mich fast sprachlos gemacht hat. Anja von Zwiebelchens Plauderecke hat meine Bibliothek zu Franz Marc um dieses zentrale Herzenswerk reicher gemacht und mich gleich mit dazu. Als Liebhaber der Kunst von Franz Marc kann man ohne dieses Buch leben, es macht nur keinen Sinn. Dieser Sinn wurde mir geschenkt. Ich werde das Buch beim nächsten Besuch im Lenbachhaus bei mir haben. Mein Kraftraum des Geistes wurde um eine Ebene erweitert. Einfach danke…

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„Mein Leutnant“ von Daniil Granin (аниил Гранин)

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit!“ Hiram Johnson (1866 – 1946)

Viel Wahres steckt in diesem Zitat. Zeitloses und Allgemeingültiges. Wahrheit scheint nicht unmittelbar zur Begriffswelt eines Krieges zu gehören, denn Wahrheit (besonders die schonungslose) hat für die Mächtigen der Welt den faden Beigeschmack, sich nicht besonders motivierend auf diejenigen auszuwirken, die man auf die Schlachtfelder der Weltgeschichte schickt. Da leidet die Motivation und auch die Mobilisierung aller Kräfte ist nicht einfach, wenn man auf dem Boden der Tatsachen bleibt.

War so. Ist so. wird immer so bleiben. Besonders interessant ist jedoch der Umgang mit Wahrheit, wenn ein Krieg beendet ist. Sieger schreiben Kriegsgeschichte und es ist unumstößlicher Fakt, dass diese Geschichte von Ruhm und Glorie getränkt ist. Was mit Lügen beginnt, kann ja nicht in Wahrheit enden. Fehler werden übertüncht, Zufälle sind plötzlich Teil der großen Strategie und sinnlose Opfer werden auf Heldenfriedhöfen der Sieger in den Himmel gehoben. Keine Anstrengung war umsonst. Alles war gewollt.

„Die Heldentat besteht darin, dass er den Befehl – Keinen Schritt zurück – ausgeführt hat. Das ist ein grausames Beispiel, aber ein Beispiel für alle.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Die Memoiren der Kommandeure zeugen von den großen Taten, während einfache Soldaten ihre Erinnerungen zu relativieren haben, da sie ja nie den Blick auf das Ganze haben konnten. Wahrheit ist relativ. Ja, sie wird sogar bewusst erzeugt und damit auch zum Instrument der Propaganda. Ein besonders signifikantes Beispiel findet sich in der jüngeren Geschichtsschreibung. „Der große Vaterländische Krieg“ der Sowjetunion gegen die Militärwalze des Dritten Reichs war an Menschenverachtung gegenüber den eigenen Soldaten kaum zu übertreffen. Stalin war ein Kriegsverbrecher an der eigenen Bevölkerung und an den Soldaten seiner Roten Armee.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde über die unmenschlichen Bedingungen geschwiegen. Stalins Verbündete wussten um die Zustände, wollten den Erfolg jedoch nicht durch Kritik aufs Spiel setzen und nach Stalins Tod gehörten die Legenden dieses „Vaterländischen Krieges“ bereits zum kollektiven Allgemeingut der Gesellschaft. Aus Lügen und der Vertuschung eigenen Versagens war historische Wahrheit geworden. Es blieben Gerüchte, Erzählungen der Veteranen und es blieben sehr wenige authentische Bücher, in denen russische Soldaten dieser gewachsenen Wahrheit die Stirn boten.

„Die Soldaten hatten ihre eigene, bittere Wahrheit: fliehende Truppen, die ihre Führung verloren hatten, eingekesselte Armeen, aus denen sie zu tausenden
in Gefangenschaft gerieten, verbrecherische Befehle von Kommandierenden,
die ihre Vorgesetzten mehr fürchteten als ihre Gegner.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

„Unser Krieg war ungeschickt, unsinnig, aber das wurde nicht gezeigt,
darüber wurde nicht geschrieben. Unser Krieg war ein anderer.“

Daniil Granin hat der Scheinhistorie seine Schützengrabenwahrheit des einfachen Soldaten entgegengesetzt. Dabei zeichnet der russische Autor ein anderes, ein neues Bild dieses Krieges aus Sicht eines jungen Mannes, der sich freiwillig zum Kriegsdienst meldet und ohne große Vorbereitung, gänzlich unbewaffnet als Volkswehrmann an die Front geworfen wird. Der Überfall der Hitler-Diktatur auf die Sowjetunion hat gerade erst begonnen und doch findet sich Daniil Graniin in einer Kampflinie wieder, die in heilloser Auflösung begriffen ist.

Das konnte nicht seine heldenhafte Rote Armee sein! Seine Helden fliehen panisch vor dem heranrückenden Feind. Die ganze Front ist in Auflösung und der Volkssturm ist schon jetzt das letzte Bollwerk gegen den Feind. Mangelhaft ausgerüstet, unbewaffnet und ohne erfahrene Führung gilt es zuerst, Waffen zu organisieren, sie einzutauschen und dann allen Mut in die Waagschale zu werfen, um den Deutschen standzuhalten. Es ist die pure Verzweiflung, die den jungen Soldaten überfällt. Die Verluste sind enorm.

„Der Tod hatte aufgehört zufällig zu sein. Zufall war es, zu überleben.“

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Die russische Kriegsführung war ein Verbrechen nach innen. Ein Menschenleben hatte keinen Wert. Die Masse sollte den Feind besiegen. Strategie, Taktik oder Führung basierten nur auf dem Gedanken unerschöpflicher menschlicher Ressourcen. Schon in den ersten Kriegstagen verlor die Rote Armee mehr als drei Millionen Soldaten. Welle um Welle wurden Divisionen ins Gefecht geworfen. Koste es was es wolle. Basis dieser menschenverachtenden Vorgehensweise war, dass die Soldaten mehr Angst vor ihren Vorgesetzten haben mussten, als vor den Gegnern. Dem Einzelnen wurde sehr schnell klar, dass sein Leben nichts zählte. Graniin verschwand in dieser Masse.

Wie kann man siebzig Jahre nach diesen Ereignissen darüber schreiben? Wie der abstrusen Dimension der Ereignisse begegnen und dabei sortiert chronologisch eigene Erinnerungen rekapitulieren? Daniil Granin gelingt dies mit einem doppelten Kunstgriff. Zwei Perspektiven schildern den Krieg aus eigentlich einer Sicht. „D“ ist hierbei Daniil, der einfache Soldat, der sich vor Angst in die Hosen macht, sich zu seiner Feigheit und Mutlosigkeit bekennt, der kritisiert, schimpft und an der Führung zweifelt.

Mein Leutnant“ nennt er seine zweite Sicht auf die Dinge. Daniil Granin als frisch beförderter Offizier (weil die anderen gefallen sind) ist nun plötzlich der an den Sieg und die Macht der Roten Armee glaubende Soldat, der nun selbst Verstärkung ins Gefecht wirft und Menschenleben im Schlachtkessel opfert. Als sei er mit der neuen Aufgabe in sich gewachsen, stellt sich der Leutnant seinem Krieg. Die Verteidigung der belagerten Stadt Leningrad scheint ebenso aussichtslos wie die Belagerung selbst. Hier wird nur gestorben. Verreckt.

Mein Leutnant von Daniil Granin

Mein Leutnant von Daniil Granin

Doch diese Perspektiven allein genügen Granin nicht. Den beiden Soldaten stellt er einen weiteren, in die heutige Zeit entrückten Erzähler zur Seite, der nun in der tiefen Rückschau nach siebzig Jahren mit all den Klischees, Legenden und Heldengesängen aufräumen kann, die „D“ und „Mein Leutnant“ subjektiv wahrgenommen haben. Hier berichtet ein literarisches Triumvirat über die Schrecken des Krieges, wobei die eigene Armee und ihre Führung die Rollen der eigentlichen Höllenhunde einnehmen.

Ein verstörend aktuelles Buch gegen den Krieg. Ein Appell, ihn nicht zu vergessen, nicht zu verdrängen und nicht obrigkeitshörig blind zu glauben. Ein Manifest gegen die Gewalt der Worte und der Waffen und ein Buch, das inzwischen auch international für Aufsehen gesorgt hat. Daniil Granin hat an den Denkmälern einer ganzen Gesellschaft gekratzt. Einige davon hat er zum Einsturz gebracht und neue errichtet. Die einfachen und kleinen Leute rücken nun ins Licht.

Mit ihnen für mich immer unvergessen, die kleine Lena Muchina, die in Leningrad eingeschlossen war, während Daniil Granin die Stadt verteidigen sollte. Manchmal ist die ganze Welt nur ein paar Quadratkilometer groß.  Manchmal ist sie aber viel zu klein für all die Opfer, die der Kampf um wenige Meter Boden gekostet hat. Der Schriftsteller Granin erobert längst verlorenes Terrain zurück. Sein Sieg heißt Menschenwürde.

Sein Buch trägt den Namen Mein Leutnant und ist beim Aufbau Verlag erschienen.

Mein Leutnant von Daniil Granin - Gegen das Vergessen

Mein Leutnant von Daniil Granin – Gegen das Vergessen

Der Kriegsschauplatz Russland bei AstroLibrium „Gegen das Vergessen„:

Und noch eine persönliche Betrachtung aus rein familiärer Sicht

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