„Hemingway & ich“ von Paula McLain

Hemingway & ich von Paula McLain - AstroLibirum

Hemingway & ich von Paula McLain

Es gibt Schriftsteller, die sich in Lebensgefahr begeben müssen, um die volle Kraft ihrer Kreativität zu entdecken. Autoren, die auf dem Boden der brutalen Realität und im Angesicht des Todes den Adrenalinstoß bekommen, der ihre schöpferische Energie zur Explosion bringt. Die Klarheit des eigenen Blicks auf die Welt und die Vermeidung aller ablenkenden und romantisierenden Einflüsse gilt als eine der wichtigsten Bedingungen für das echte Schreiben. Ernest Hemingway ist hier sicher das Paradebeispiel. Es ist der Stierkampf in Spanien, die eigene Flucht vor den blutrünstigen Tieren in Pamplona, die seinen Roman „Fiesta“ erst möglich machten. Es ist seine Rolle als Reporter in den blutigen Kriegen seiner Zeit, die aus dem Kriegsberichterstatter einen Nobelpreisträger für Literatur machten.

Es waren der spanische Bürgerkrieg und die Machtübernahme General Francos, der Kampf einer internationalen Liga der Aufrechten gegen die Diktatur, die aus dem schon weltbekannten Autor eine wahre Legende machten. Ernest Hemingways Stunde schlug, als die Revolutionäre untergingen. Sein größter Roman „Wem die Stunde schlägt“ ist ohne den Blutgeruch im umkämpften Madrid nicht denkbar. Aber es waren nicht nur die großen Kriege, die er verzweifelt suchte, um sein Schreiben zu finden. Seine Kriege im privaten Leben trugen die Namen seiner Ehefrauen. Hadley, Pauline und Martha. Nur die letzte Ehefrau blieb bis zum Schluss. Mary. Was blieb ihr auch übrig? Hier brauchte es keine Scheidung. Eine Schrotflinte und ein Selbstmord reichten völlig aus. Der letzte Schuss in den lebenslangen Liebeskriegen Ernest Hemingways.

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Hemingway & ich von Paula McLain

Sich Hemingway anzunähern, bedeutet gleichzeitig mit der jeweiligen Ehefrau auf Tuchfühlung zu gehen, die in der betreffenden Lebensphase zu seinem Kriegsgegner mutierte. Ihre Perspektiven sind mehr als erhellend für das Verständnis eines der wohl größten Schriftsteller der Literaturgeschichte. Ich bin Hadley in „Madame Hemingway“ von Paula McLain begegnet. Ich traf auf sie in Hemingways eigenem Werk, „Paris, ein Fest fürs Leben“. Ich erlebte Pauline an seiner Seite im Roman „Und alle benehmen sich daneben“ von Lesley M.M. Blume und sah, wie der Ehe-Staffelstab an die jeweils neue Gefährtin übergeben wurde, die behaupten durfte „Als Hemingway mich liebte“ im Roman von Naomi Wood. Jedes Buch ein echter Kriegsbericht. Jedes Szenario nur Futter für seine Romane. Hemingway war ein Verräter. „Fiesta“ mag da als Beispiel im Gesamtwerk des gar nicht noblen Preisträgers dienen.

Und nun ist es erneut Paula McLain, die mir eine der Hemingway-Ladies in seine Ehekriegs-Bibliothek schreibt. „Hemingway & ich“. Man muss keines der anderen Bücher gelesen haben, um literarisch und biografisch anzukommen. Man muss keinen Hemingway-Roman gelesen haben, um hier gefesselt zu werden. Nein. Man muss nur neugierig genug sein, aus den Lebens- und Liebesumständen eines Schriftstellers auf sein Schreiben zu schließen, dann ist man hier genau richtig. Martha Gellhorn ist die ich“ in diesem Roman. Sie ist es, die als dritte Ehefrau Hemingways in die Geschichte einging. Sie ist es, die als einzige Ehefrau Hemingway verließ, bevor ihr der Staffelstab abgenommen wurde. Sie ist wohl mit Sicherheit die schillerndste Persönlichkeit, an der sich das große Ego Hemingway reiben durfte. Ihre Stunde schlug, als ihr Ehemann sie im Roman „Wem die Stunde schlägt“ verewigte. Aus der literarischen Liebeserklärung wurde schneller ein kalter Krieg, als sie es jemals für möglich gehalten hätte.

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McLain hat eine Charakterstudie jener Martha Gellhorn verfasst, die zeigt, wie sehr ein Buchtitel täuschen kann. Hier geht es nicht um Weggefährten, hier geht es nicht um die große Liebe eines Lebens, hier geht es um die Degradierung einer Frau, die selbst nur daran gemessen wurde, mit wem sie verheiratet war. Dabei war sie ebenbürtig. Im Leben wie im Schreiben. Zwei konkurrierende Geister, zwei schreibende Intellektuelle, ein gemeinsames Leben. Unmöglich. Dazu in den frühen 1930er Jahren, in denen eine Frau als Schriftstellerin einen extrem schweren Stand hatte. Martha Gellhorn sah sich immer als eigenständige Persönlichkeit. Die Ehe machte sie für die Öffentlichkeit nur zu einem Anhängsel. Schwer zu verkraften. 

Paula McLain begleitet das Literatur-Traumpaar durch die gemeinsamen Liebes- und Lebensphasen. Vom ersten Kennenlernen, über die erste stürmische Verliebtheit bis zu den dunklen Wolken aus Alkohol, Eifersucht und Missgunst, die jener Beziehung den Todesstoß versetzten. Es fällt nicht schwer, sich auf Marthas Seite zu schlagen. Im Kampf um mediale Aufmerksamkeit wirkt Hemingway wie ein an ADHS leidendes Kind. Neben ihm kann es keinen klugen Geist geben. Dominanz wird zur Bestimmungsgröße einer Beziehung. Es ist faszinierend, diesem Weg lesend zu folgen. Und im Wissen um die Lebensgeschichte Hemingways ahnt man natürlich nichts Gutes, wenn Konflikte zu Eisbergen werden. Ein Schriftsteller, der zeitlebens auf der Suche nach Adrenalin und Kontroverse ist kann keinen privaten Ruhepol dulden, der ebenso intellektuell ist wie er selbst.

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Hemingway & ich von Paula McLain

Hemingway & ich“, erschienen im Aufbau Verlag, ist mehr als nur ein Mosaikstein im Gesamtverständnis für einen großen Schriftsteller. Dieser Roman stellt Martha Gellhorn in den Mittelpunkt und man hat das Gefühl, dass dies nur allzu gerecht ist. Dabei geht Paula McLain keine blinde Allianz mit ihrer Protagonistin ein. Sie hinterfragt kritisch, ist unparteiisch und bleibt selbst im hässlichsten Konflikt weitgehend neutral. So wird man als Leser zum Zeugen der unwiderstehlichen Anziehungskraft zweier Magneten, die im Taumel der Leidenschaft die Umkehrung der Energie durchleiden müssen. Ich bin mit einer großen Erwartungshaltung in dieses Buch eigestiegen. Paula McLain hat mich im Lesen bisher nicht enttäuscht. Und auch diesmal ist es ihr nach „Madame Hemingway“ und „Lady Africa“ erneut gelungen, einen emotionalen und differenzierten literarischen Meilenstein in meinem Lesen zu verankern.

Es fällt mir leicht, dieses Buch zu empfehlen. Es steckt voller Zitate, die der großen Leidenschaft und der zunehmenden Zerrissenheit gerecht werden. Es ist spannend, im spanischen Bürgerkrieg mitzuerleben, wie sich ein großes Buch der Literaturgeschichte zu entwickeln beginnt. „Wem die Stunde schlägt“ erlangt in diesem Buch eine andere und neue Bedeutung. Ingrid Bergmann ist eine gute Besetzung in der Verfilmung. Eine bessere Wahl wäre jedoch Martha Gellhorn gewesen. Sie hätte sich selbst gespielt. Ein Gedanke, der mich nicht mehr loslässt, seit ich „Hemingway & ich“ beendet habe. Am Ende des Lesens schenke ich mir einen Whisky ein und erhebe mein Glas auf Martha Gellhorn. Ich denke, das würde ihr gefallen….

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Hemingway & ich von Paula McLain

Mein Hemingway-Kosmos lädt zum Lesen ein. Herzlich willkommen.

Madame Hemingway von Paula McLain
Und alle benehmen sich daneben Lesley M.M. Blume
Als Hemingway mich liebte von Naomi Wood (Rezension bei Herzpotenzial)
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway
Fiesta“ von Ernest Hemingway

Weitere Weihnachtsempfehlungen 2018 finden Sie hier

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„Der Federndieb“ von Kirk Wallace Johnson

Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson - AstroLibrium

Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

Ich möchte eigentlich ohne großes Federlesen direkt zum Punkt kommen. Nur ist es natürlich schon schwierig, wenn man sich das Buch genau anschaut, das ich heute vorstellen möchte. Es handelt sich nämlich um Federlesen im eigentlichen Sinn. Dabei haben wir es nicht mal mit einem Roman zu tun. Nie und nimmer. Hier wartet ein Buch auf uns, das man gerne in den Kategorien „Wissenschaft“, „True-Crime“, „Ornithologie“ oder ganz allgemein als „Sachbuch“ einsortieren könnte. Könnte, wohlgemerkt, da sich Kirk Wallace Johnson diesem Schubladendenken äußerst effektiv entzieht.

Der Federndieb“, erschienen bei Droemer, ist alles andere als die Aufarbeitung eines aufsehenerregenden Kriminalfalles. Dieses Buch ist mehr als ein ornithologisches oder wissenschaftliches Lehrstück, in dessen Mittelpunkt eine zutiefst ökologisch orientierte Botschaft steht. Wir haben es hier mit einem Kriminalfall zu tun, der von Obsessionen, Irrwegen und Leidenschaften handelt. Nichts ist frei erfunden. Nichts ist konstruiert. Wir haben es mit der realsten Realität zu tun, die sich für uns jedoch so abstrus anhört, als wären wir mitten in einem fiktiven Szenario gelandet.

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Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

Man stelle sich einfach mal einen Musikstudenten vor, der in ein vogelkundliches Museum einbricht, um dort hunderte extrem seltene Vogelbälger zu stehlen. Das sind präparierte Exemplare von Prachtvögeln. Nicht ausgestopft, aber mit ihrem Federnkleid in der Pracht und Farbenvielfalt eines lebenden Vogels. Und genau dieser Dieb braucht die Federn zur Herstellung von Angelködern. Genau gesagt zum Fliegenfischen. Dabei muss man einige Hintergründe kennen. Die „Fliegen“ von denen wir hier reden sind die prachtvollsten Luxusfliegen auf dem Markt. Schweineteuer und echte Kunstwerke. Eine weltweit vernetzte Community der Fliegenbinder stürzt sich leidenschaftlich auf seltene Federn, um neue handwerkliche Kunstwerke fürs Angeln entstehen zu lassen.

Einziges Problem. Die Menschheit hat die seltenen Vögel schon lange ausgerottet. Es sind kaum noch Federn von Paradiesvögeln auf dem Markt und wenn irgendwo welche auftauchen, dann aus dem dubiosen Nachlass steinreicher Verstorbener. Der Markt ist süchtig nach dem gefiederten Gold. Egal aus welcher Quelle es stammt. Klingt wie eine Geschichte, der jetzt nur noch ein kreativer Geist fehlt, der diesem Markt mit krimineller Energie zu neuem Leben verhilft. „Der Federndieb“ mutiert zum wahren Drogendealer, der plötzlich etwas verkaufen kann, was man gar nicht mehr kaufen konnte. Spannend.

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Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

Nicht spannend genug. Glaubt mir. Kirk Wallace Johnson hat sich nicht nur in diesen Kriminalfall hinein recherchiert. Er hat nicht nur genau beschrieben, wie der Federndieb in jene ornithologische Abteilung des Britischen Naturkundemuseums eingebrochen ist, ein paar Hundert der seltensten Vogelbälger stahl oder wie er sie danach im Internet zu Geld machte. Er schildert nicht nur die polizeilichen Ermittlungen, das Urteil im Prozess oder die dubiosen und kriminellen Machenschaften der Fliegenbinder-Community. Das hat dem Autor nicht ausgereicht und wir Leser profitieren von seinem rastlosen Ausflug in eine Welt voller Widersprüche. Hier beginnt die faszinierende Geschichte von Alfred Russel Wallace, dem fast vergessenen Forscher und besessenen Ornithologen.

Um begreifen zu können, was hier gestohlen wurde, entführt uns der Autor auf eine Reise an Bord der großen Forschungsschiffe. Wir begleiten namhafte Forscher auf ihre Expeditionen und erleben, wie sie die Paradiesvögel unter Lebensgefahr nach Europa brachten. Und auch damit nicht genug. Auch die Geschichte der prächtigen Federn im Wandel der Zeit wird uns nähergebracht. Was mit der Hutmode begann endete mit der Ausrottung der weltweit seltensten Vogelarten. Und was dann noch von den Federn zu verwerten war, wurde von snobistischsten Fliegenbindern zur sinnfreien Kunstform des Angelns erhoben.

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Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

Am Ende der Kette aus Obsession, Habgier und Sucht landen wir erneut bei dem skrupellosen Diebstahl der letzten Federn ihrer Art. Spätestens hier gibt sich unser Autor der fatalen Leidenschaft selbst hin und verliert sich in seinen Recherchen. Er ist sicher, auch nach dem gesprochenen Urteil noch Geheimnisse aufklären zu können. In jahrelangen akribischen Ermittlungen gelingt ihm, was niemand zuvor gelang. Er bringt den Federndieb zum Sprechen. Er beginnt das Rätsel um die Paradiesvögel zu lüften, deren Verbleib auch nach dem Prozess ungeklärt ist. Hier überschreitet Kirk Wallace Johnson die Grenzen des Berichterstatters. Hier involviert er sich selbst. Obsessiv.

Ein extrem spannend zu lesender Mix aus wissenschaftlichen Hintergründen und Krimi-Story ist das Ergebnis seiner Recherchen. Auch, wenn man kein Federlesen daraus macht, er erhebt sein Buch zur eigenen Kunstform: Dem Federnlesen. Ich war von der ersten bis zur letzten Seite mehr als fasziniert von der Mischkultur des Buches. Lehrreich, vielschichtig, spannend, ökologisch, wahnwitzig und doch so plausibel, dass man sich dem Sog der Federn kaum entziehen kann. Ein solcher Mix verleitet dazu, im Internet oder in anderen Büchern selbst auf die Suche zu gehen. „Der Federndieb“ ist das perfekte Buch für Leser, die das reale Leben der ausufernden Fantasie vorziehen.

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Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald haben für mich den gleichen Sog entfaltet. Auch hier war es die gelungene Mischung aus wissenschaftlichem Fact-Finding, menschlicher Leidenschaft und ökologischer Botschaft, die mich von Seite zu Seite mehr faszinierte. In meinem Lesen bin ich immer wieder dankbar für Bücher, die mehr zu erzählen haben, als eine fiktionale Story. Ich bin extrem dankbar für den Blick zurück in die Welt der großen Expeditionen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wir sind schon immer der Neugier gefolgt. Haben seit jeher Rätsel der Evolution gelöst und sind schonungslos mit unserer Umwelt umgegangen.

„Der Federndieb“ ist gleichzeitig der Abgesang auf diese Zeit, als auch ein starkes Statement für den Erhalt der großen wissenschaftlichen Sammlungen auf dieser Erde. Hier ist nicht nur die Vergangenheit in präparierter Form zu bestaunen. Hier wird unser biologisches Gedächtnis aufbewahrt. Warum wir ohne diese genetischen Erinnerungen nicht überleben können, veranschaulicht Kirk Wallace Johnson auf beeindruckende Art und Weise. Eine absolute Weihnachtsempfehlung 2018. Ganz besonders für Leser, die aus dem FEDERNLESEN kein großes Federlesen machen.

Weitere Weihnachtsempfehlungen 2018 und viel mehr…

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Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

Schon am 28.02.2019 werde ich Alfred Russel Wallace erneut begegnen. Anselm Oelze stellt ihn in den Mittelpunkt seines Romans Wallace, der bei Der Audio Verlag als ungekürzte philosophische Abenteuerlesung erscheint. Ich kann es kaum erwarten.

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Der Federndieb und Wallace… Hand in Hand

Der „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ von Philip Wilkinson

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Bald ist es wieder soweit. Das Weihnachtsfest steht ins Haus und die Frage aller Fragen, welches gute Buch ich mir selbst und anderen schenken kann, beschäftigt uns intensiv. Dabei ist es nicht so leicht, Büchermenschen zu überraschen. Zwar kennt man ihren Literatur-Geschmack, weiß aber nie so ganz sicher, ob das mit Herzblut gewählte Geschenk nicht schon im Besitz des zu Beschenkenden ist. Also lässt man das gewagt anmutende Spiel und verschenkt Buchgutscheine, was kaum kreativ, aber unpersönlich ist. Ich möchte euch ein paar Bücher vorstellen, die man mit gutem Gewissen schenken kann. Erstens, weil die Zielperson für das Buchgeschenk nicht dazu neigt, sich selbst in literarischer Hinsicht besonders zu verwöhnen (bibliophile Menschen gelten als äußerst genügsam) und zweitens, weil die vorgestellten Bücher als BreitbandAntiLibrotikum in der Lage sind, selbst festgefahrenste und genre-fixierte Bücherfreunde zu begeistern.

Diese Rezension kann bei Literatur Radio Bayern gehört werden.

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke - AstroLibrium

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke bei Literatur Radio Bayern

Verschenkt keine Bücher. Verschenkt literarische Visionen. Lasst keine Luftballons fliegen, startet Trägerraketen voller Inspiration. Verschenkt solche Bücher, die man sich nicht selbst kauft. Das Literatur-Budget ist meist knapp und man neigt eher selten dazu, im gebundenen Luxus zu schwelgen. Dabei ist die Liste der zu lesenden Bücher viel zu lang, als dass man sich mit Buchkunstwerken beschäftigt. Heute möchte ich den ersten Tipp für ein erlesenes Weihnachtgeschenk an euch weitergeben. Fantasie, die niemals nur fantastisch blieb. Visionen, die man zum Teil mit Händen greifen kann und Ideen, in die man sich jederzeit verlieben kann. All dies findet ihr in einem hochwertig gestalteten Atlas, der Luftschlössern eine Heimat gibt und sie in unserer Fantasie verankert…

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Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke ist ein Tummelplatz der architektonischen Visionen. Ein wahrer Prachtband der hochfliegenden Träume, die von der Realität der Baustoffe und der Statik eingeholt wurden. Nichtsdestotrotz sind es Traumgebäude, die oftmals den Weg für echte Bauwerke ebneten. „Think big“, lautet die Devise visionärer Geister. Minimalistisch kommt man nicht voran im Leben. Visionäre Geister müssen im Aufwind ihrer Inspiration fliegen und frei träumen dürfen. Die Machbarkeit steht oftmals im Hintergrund, wenn Grenzen des Vorstellbaren überschritten werden sollen. Realität nennt man dann die brutale Fallhöhe, aus der ein Traum auf den Boden stürzt und sich in einem etwas kleineren Maßstab verwirklicht.

Dieser prachtvoll illustrierte und bebilderte Atlas beinhaltet 50 dieser Träume. Es sind Entwürfe von Architekten, die ihrer Zeit weit voraus waren. Zeichnungen, Modelle oder Skizzen zu Bauwerken, die der Gestaltungsfreiheit allen Raum gaben, gleichzeitig jedoch der Realisierbarkeit den architektonischen Mittelfinger zeigten. Höher, gewagter, bunter, fantasievoller und prächtiger als alles bisher von Menschenhand erbaute sollten die hier versammelten Gebäude werden. Sie blieben zumeist Phantome, verworfen von denjenigen, die der Fantasie mit Formeln und Berechnungen Fesseln anlegten. So sind heute nur noch die Entwürfe zu bestaunen. Sie wirken nicht nur als Experiment auf uns. Wir erkennen schnell, was sie zum Teil bewegt haben. Wir kennen Gebäude, die es nie gegeben hätte, ohne diese Traumvorbilder. Eine Lehre fürs Leben. Geistesgeburten, so unmöglich sie auch erscheinen mögen, sind Geburtshelfer der modernen Welt.

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Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Ein gefundenes Fressen für Literaten. Sind wir doch weit rumgekommen in unserem Lesen. Wir haben sie in den großen Romanen fast physisch vor unseren Augen gehabt. Die gewagten Kathedralen der Renaissance; die Paläste der großen Herrscher; Hotels der größten Metropolen dieser Welt; königliche Pracht- und Machtbauten; Bibliotheken und Museen ungeahnter Größenordnungen; Hochhäuser und Wolkenkratzer; Brunnen, Aquädukte und Triumphbögen längst vergangener Herrscher und in der Fantasy-Welt der großen Autoren betraten wir Traumstädte, utopische Gebäude-Illusionen und viele Orte, die es wohl auch in ferner Zukunft so nicht geben wird. Wir sind wahrlich gut auf den „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ vorbereitet. Wir denken gerne groß und sind neugierig auf das Unmögliche.

Wer heute die St-Paul´s-Cathedral in London besucht, die zahllosen Treppen bis zu ihrer Kuppel emporsteigt und die unglaubliche Weite unter sich wahrnimmt, der kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wenn man London besucht und gefragt wird, von wem jenes oder welches Gebäude erbaut wurde, dann liegt man mit der pauschalen Antwort „Sir Christopher Wren“ zu 80 Prozent richtig. Er war Visionär und Autodidakt. Der Zeit weit voraus und nach dem großen Brand in London 1666 legte er Baupläne für eine der gewagtesten urbanen Neuordnungen vor, die man bis dato gesehen hatte. Interesse an den Plänen hatte niemand. Grundbesitz sollte nicht umverteilt werden und das Leben in der Stadt sollte so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden. Es ging um Geld und einen schnellen Neuaufbau. Wren hätte Plätze, Straßen und Gebäude für mehrere Jahre lahmgelegt. Ein Nogo. Was ihm blieb, war der Auftrag zum Bau einer Kathedrale.

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Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Hier ließ er seiner Fantasie und seinem Genie freien Lauf. Ein riesiges Holzmodell zeigt noch heute, wie er sich die St.-Paul´s-Cathedral eigentlich vorgestellt hatte. Mitten in London würde sich heute ein monströser Sakralbau in den Himmel erheben, dessen Ausmaße die reale Kathedrale im wahrsten Sinne des Wortes in den seinen gewaltigen Schatten stellen würde. So blieb nur das Modell, eine Idee und viele Kompromisse, bis zur Verwirklichung eines berühmten Bauwerks. Philip Wilkinson erzählt diese und 49 weitere architektonische Geschichten. Er illustriert sie mit den Blaupausen und Skizzen, Bauplänen und Fotografien, die diesen gewagten Utopien helfen, sich in unserem Geist festzusetzen. Wir fühlen uns, als dürften wir darüber entscheiden, ob die Pläne Realität werden könnten. Ein wundervolles Leseerlebnis voller visueller Highlights.

Und so geht es weiter im Atlas. Man lässt sich mitreißen und treiben, schmunzelt und staunt gleichermaßen. Die Geschichten dieser ungebauten Gebäude verankern sich tief in unserem Gedächtnis. Wer schon jetzt neugierig auf die „Walking City, eine Kuppel über Manhattan, den Watkin`s Tower, den triumphalen Elefanten, Wohnungen auf Brücken oder den Tour Sans Fin ist, der ist bereit für diesen Atlas. Und wenn ihr euch in eurem belesenen Umfeld umschaut, dann fallen euch zahllose Freunde ein, die sich mit einem solchen Prachtband in die Welt der Visionen und Luftschlösser träumen und dort frei fliegen können. Ich kann diesen Prachtband wärmstens empfehlen. Ich selbst zelebriere mein Lesen. Ich umgebe mich gerne mit Büchern, weil sie meinen Lifestyle prägen. Mit diesem Atlas lässt sich das Lesen vortrefflich feiern.

Nun gut, für Menschen, die auf der Baustelle des Berliner Flughafens arbeiten, ist dieses Buch sicher nicht das geeignete Geschenk. Dies aber nur am Rande.

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Wo wir schon mal bei Gebäuden sind, können wir auch gleich einen Blick auf ein weiteres Prachtbuch werfen, in dessen Mittelpunkt das ewige Leuchtfeuer magischer Bauwerke seine Kreise zieht. „Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme“ eignet sich ebenso perfekt als Weihnachtsgeschenk, weil sich dieser Foliant an unsere Lesevorlieben schmiegt, wie ein Lichtschweif am Horizont. Leuchtturm-Lesen. Wer hat das noch nicht erlebt. Hier geht´s zu meiner Buchvorstellung.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Noch mehr unmögliche Atlanten bei dtv… Kein Problem, wie es scheint…

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Unmögliche Atlanten…

Weitere Empfehlungen für den Gabentisch folgen… Versprochen.

„Versteckt unter der Erde“ – Eine Lesung gegen das Vergessen

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Nein. Heute kein wie und warum ich beharrlich Gegen das Vergessen schreibe. Kein erhobener Zeigefinger mit dem Ausruf „Nie wieder“ und auch keine Hinweise, das aktuelle Geschehen im Auge zu behalten, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Kein verzweifelter Appell, alternative politische Strukturen im Auge zu behalten, bevor es zu spät ist und die zugedrückten Augen plötzlich blau unterlaufen sind. Die Geschichte hat ausreichend viele Hämatome in den Gesichtern der Opportunisten hinterlassen. Heute neigt man wieder dazu, alle blauen Flecken fein zu überschminken und ganz locker zur Tagesordnung überzugehen. Ich bin heute kein Rufer im Wald. Ich verstecke mich.

Aber ich werde nicht müde, besondere Bücher vorzustellen, die den Holocaust, seine Ursachen und Folgen ins Zentrum des Betrachters rücken. Voller Angst blicke ich dabei in die Zukunft, weil mit dem Tod der letzten Zeitzeugen und Überlebenden immer mehr Publikationen auf den Büchermarkt kommen, die lediglich nach Kulissen für spannende Romane suchen. Die Romantisierung und Dramatisierung der Massenmorde des Nazi-Regimes schreitet voran. Wobei mit Dramatisierung gemeint ist, den schrecklichen und lebensgefährlichen Alltag der damals ausgegrenzten Menschen dramaturgisch so stark aufzupeppen, dass ein neuer literarischer Mainstream entsteht. Ich bezeichne das ganz einfach nur als „HoloKitsch“. Deshalb werde ich mich heute verstecken.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Versteckt unter der Erde. Hier liegt uns ein Überlebensbericht vor, der sich deutlich von vergleichbaren authentischen Zeitzeugenerzählungen unterscheidet. Es ist indirekt, mittelbar, auf Umwegen und aus zweiter Hand, was uns in diesem Buch von Dina Dor-Kasten erzählt wird. Und doch ist es die wohl ungewöhnlichste Form der Konfrontation mit der Verfolgung des jüdischen Volkes im Dritten Reich, die ich jemals erlesen durfte. Denn die Autorin des Buches war zum Zeitpunkt der Ereignisse gerade einmal 2 Jahre alt. Ihre eigenen Erinnerungen sind eher schemenhaft. Albträume, Bild-Fragmente und dunkle Schatten. Dina Kor-Kasten wurde 1940 in Bukaczowce als erste Tochter eines jüdischen Ehepaars geboren. Jossel und Lina Kasten lebten in der damaligen Ukraine in Erwartung des Sturms, der damals über das jüdische Volk hereinbrach.

Dina Dor-Kasten hat die Geschichte ihrer Familie niedergeschrieben. Dabei hat sie sich der sichersten Quelle bedient, die man sich vorstellen kann. Sie hörte ihrer Mutter zu. Sie folgte ihrem eigenen Traum, eines Tages die dramatische Geschichte der Jahre 1941 bis 1948 für die Nachwelt festzuhalten und selbst mehr über jene Zeit zu erfahren, die ihr ganzes Leben verändert hat. Da, wo andere Eltern schwiegen, hat Lina Kasten alles erzählt. Aus ihrer Perspektive, in der Erzähltradition der mündlichen Überlieferung, erfährt Dina Dor-Kasten, was damals wirklich geschah, wem sie und ihre Geschwister ihr Leben zu verdanken haben und welche Traumatisierungen sich tief in ihrer Psyche festgebissen haben. Es ist zutiefst persönlich, was wir erfahren. Es ist der Bericht eines Überlebens, das über Jahre am seidenen Faden hing. Dina Dor-Kasten wird in diesem Buch zur Stimme ihrer Mutter. Unverfälscht und liebevoll. Sie vollendet auf diese Weise den Kampf um das nackte Überleben und setzt damit ihren Eltern ein Denkmal.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

„Versteckt unter der Erde“ ist ein erdrückender Erlebnis- und Überlebensbericht aus dem dunkelsten Zeitalter, das jüdische Menschen durchleben mussten. Wir erleben im Verlauf der Schilderungen nicht nur den schleichend zunehmenden Antisemitismus im Machtbereich der Nazis. Wir erleben auch die Feindlichkeit der ukrainischen Menschen in dieser Zeit. Hier kommt das Hitler-Regime genau zur rechten Zeit. Man kann sich an den jüdischen Nachbarn bereichern, darf endlich den Hass offen ausleben und wird so zum Erfüllungsgehilfen der braunen Diktatur. Pogrome, Verfolgungen und Entrechtung werden zum täglichen Horrorszenario einer jungen Familie. Enteignung, Vertreibung in Sammellager, Ghettoisierung, Deportation und Liquidation sind die Konsequenzen, auf die sich die jüdische Bevölkerung einzustellen hat. Schutz gibt es nicht mehr. 

Jossel Kasten entschließt sich zur Flucht. Er will seine Familie nicht tatenlos opfern. Das Ghetto Rohatyn ist die Vorstufe zur endgültigen Hölle. Wir erleben dort schon die Hölle auf Erden ohne dass man glauben könnte, dass es noch schlimmer werden kann. Mordaktionen, Zwangsarbeit und Hunger sind tägliche Wegbegleiter der Inhaftierten. In größter Not flieht die kleine Familie kurz bevor alle Juden umgebracht werden. Das Ziel ihrer Flucht ist der Witan-Wald, in dem man Partisanen vermutet und sich Hilfe erhofft. Unter der Erde findet die Familie Unterschlupf. Ein dunkles Erdloch wird für zweieinhalb Jahre zum Versteck. Hunger, Todesängste, Kälte und Krankheiten sind Determinanten des Überlebens. Schilderungen, die schon lesend kaum zu verkraften sind. Lebend am eigenen Leib erfahren – unvorstellbar.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Diese Überlebensgeschichte lässt den Leser nicht mehr los. Das liegt nicht nur an den unmenschlichen Bedingungen, sondern auch an der schonungslos offenen Art und Weise, in der Lina Kasten ihr eigenes Versagen thematisiert. Sie erzählt ihrer Tochter, wie sich das Dahinvegetieren auf die Psyche der Eltern auswirkte. Hier blickt man tief in die Abgründe einer traumatisierten Seele, die an bestimmten Stellen sogar dazu bereit ist, die eigenen Kinder zurückzulassen, um selbst zu überleben. Der Kraftakt, das alles zu überstehen, wird von Seite zu Seite nachvollziehbarer. Absolut übermenschlich ist, was Jossel und Lina Kasten gelingt. Es ist ein Kampf. Eine Schlacht gegen sich selbst und die lebensfeindliche Umwelt. Und es sind die kleinen Wunder der Humanität, es ist die Hilfe von Menschen, die selbst bedroht sind, die der jüdischen Familie Kasten das Leben retten.

Am Ende steht die Befreiung. Hier genau wird aus der Überlebensgeschichte erneut ein Meilenstein der Verarbeitungsliteratur, weil Freiheit nicht Freiheit ist. Es ist die harte Landung in einer neuen Realität. Man hat überlebt. Gerade so. Und schon ist man dort angekommen, wo der Kampf vor Jahren begann. Unerwünscht. Heimatlos. Es beginnt eine Flucht, die uns heutige Flüchtlingsschicksale vor Augen führt. Schlepper, Illegale, geschlossene Grenzen, Schleuser, Fluchtrouten. Nichts wird sich verändern. Alles lebt wieder auf. Nur für die Kastens gibt es einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Israel. Sie sollten dieses Buch aus dem Metropol Verlag lesen. Es schließt viele Kreise in einer Geschichte, die unvergessen bleiben muss.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Die Buchhandlung Lesezeichen Germering, die dortige Stadtbibliothek, die VHS und der Schauspieler und Sprecher Uwe Kosubek haben sich am 9. November zu einer kraftvollen Allianz gegen das Vergessen vereint und dieses Buch im Rahmen der Lesung „Versteckt unter der Erde“ vorgestellt. Meine Reportage zu diesem Abend bei Literatur Radio Bayern umfasst neben einem Interview mit den Initiatoren der Lesung auch Fragestellungen zur besonderen Rolle eines Sprechers bei einer Buchvorstellung ohne Autorin, zur Relevanz solcher Veranstaltungen im öffentlichen Leseraum und zur Sortimentauswahl in Buchhandlungen.

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Meine Gesprächspartner sind:

Katrin Schmidt – Buchhandlung Lesezeichen Germering
Christine Förster-Grüber – Leiterin der Stadtbibliothek Germering

Uwe Kosubek – Sprecher und Schauspieler – Die Stimme des Abends
Andrea Franke – VHS Germering

Fotos in der Dia-Show vom Abend: Helen Hoff.

Begeben Sie sich mit uns in ein Versteck unter die Erde, das man heute verraten muss, um andere davor zu bewahren, sich jemals verstecken zu müssen.

Hier geht es zum PodCast bei Literatur Radio Bayern

Versteckt unter der Erde – Die Radio-Reportage

„Des Lebens fünfter Akt“ – Volker Hage über Arthur Schnitzler

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Des Lebens fünfter Akt“ von Volker Hage, erschienen im Luchterhand Verlag, kann als biografischer Roman und intimes Portrait zugleich verstanden werden. Hier sind es die letzten Lebensjahre des österreichischen Arztes, Erzählers und Dramatikers Arthur Schnitzler, die den Kern der sehr persönlichen Auseinandersetzung mit einem großen Schriftsteller seiner Zeit darstellen. Die dramaturgische Struktur von Theaterstücken ist hier das Mantra eines gesamten Romans. Der fünfte Akt umfasst im klassischem Sinne die Katastrophe. Nach dem Aufstieg und dem Höhepunkt folgt der freie Fall, dem eine katastrophale Schluss-Sequenz die literarische Krone aufsetzt. Alles zuvor Erlebte wird auf diese Weise zur Zündschnur, die das Pulverfass im Schlussakt zur Explosion bringt.

Ein gut gewählter Titel. Schon beim Lesen der ersten Seiten kommt man nicht auf die Idee, auf das gute Ende einer Lebensgeschichte zuzusteuern. Die Tragik tritt allzu offen in den Vordergrund und der Spielraum für ein Happy End im klassischen Sinn wird von Seite zu Seite geringer. Einzig verantwortlich für die bevorstehende Ex- oder Implosion scheint der Schriftsteller Arthur Schnitzler selbst zu sein. Der Bewunderte, Geliebte und Angebetete konnte und kann nicht widerstehen. Nicht den Verlockungen der Frauen, in die er sich fortwährend Hals über Kopf verliebt. Nicht den süßen Träumen einer ewigen Jugend, die durch immer jüngere Weggefährtinnen untermauert werden. Seine Eitelkeit ist die Basis, die scheinbar nicht ins Wanken gerät. Er fällt ihr beharrlich zum Opfer und im Jahr 1928 gerät das gesamte Lebensgebäude Schnitzlers in akute Einsturzgefahr.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Schnitzler hat noch drei Jahre zu leben. Was er nun erlebt, ist der Abgesang auf ein langes Leben in Saus und Braus. Er ist inzwischen 66 Jahre alt, zweifelt intensiv daran, noch ein einziges Werk in seinem Leben vollenden zu können, fühlt sich unverstanden, und erlebt neben den vermeintlich letzten Zuckungen seiner literarischen Kreativität die Verwerfungen seines Privatlebens. Lawinen, die er in den vorausgegangenen Akten im schillernden Autoren-Leben selbst losgetreten hat und die ihn nun einholen. Es sind die Frauen, denen er so sehr verfallen war, die ihm nun zusetzen. Es sind Verflossene und aktuelle Verliebte, die ihm zusetzen. Es sind Beziehungen, die er so sehr auf die Probe stellte, die ihn nun einengen, herausfordern und an den Rand des Wahnsinns treiben.

Volker Hage gelingt es nicht nur, Arthur Schnitzler in dessen letzten Lebensjahren zu porträtieren. Er flechtet rückblickend die Erosionen ein, die für die Erdrutsche am Ende verantwortlich sind. Er lässt die großen Lieben im Leben des Schriftstellers schaulaufen und zeigt dabei deutlich auf, wie unwiderstehlich Schnitzler lebenslang auf Frauen allen Alters gewirkt haben muss. Diese Anziehungskraft hat er nie verloren. Was er jedoch in diesem Jahr verliert, ist der letzte Anker im Leben, ohne den er nun beharrlich abdriftet. Seine Tochter Lili begeht im Alter von 18 Jahren Selbstmord. In Venedig, der Stadt der großen Romanzen. Was ihm bleibt, sind die zahllosen Tagebücher seiner Tochter, die nicht nur ihr Leben, sondern auch sein eigenes skizzieren. In ihnen versinkt er.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Volker Hage greift nicht nur die zentralen Themen im Leben Schnitzlers auf. Ihm gelingt eine literarisch feine Auseinandersetzung mit Themen, die unabhängig vom hier betrachteten Protagonisten, feinfühlig und interessant erzählt sind. Wie trauert man um die eigene Tochter, wenn die Beziehung zur ehemaligen Frau und Mutter von Lili mehr als zerstört ist. Wer darf in Patchwork-Beziehungen überhaupt trauern? Bringt Verlust Menschen wieder zusammen, deren Wege sich schon lange getrennt haben? Und wie reagiert das neue Umfeld auf diese Annäherung. Olga Schnitzler, bis 1921 mit Arthur verheiratet, kommt mit dem Verlust der Tochter nicht zurecht. Sie will zurück in ihr altes Leben.

Und so gerät Arthur Schnitzler zwischen alle Fronten. Clara Katharina Pollaczek, seine Lebensgefährtin seit der Scheidung, auf der einen Seite. Seine Ex-Frau Olga auf der anderen. Mühlsteine, die ihn zu zermahlen drohen. Jetzt auch noch selbst den Tod der eigenen Tochter zu verarbeiten, weiter literarisch zu wirken, Kontakte zu wichtigen Weggefährten zu pflegen und Verleger von seinem Schaffen zu überzeugen, schwierig. Ablenkung findet er, symptomatisch für seine Vita, bei anderen Frauen. Platonisch oder leidenschaftlich. Egal. Hauptsache, seine Libido ist in Bewegung. Ein indiskretes Buch, dessen Veröffentlichung Schnitzler niemals zugestimmt hätte. Ein psychologisch in sich geschlossener Roman, der mehr beschreibt, als einen Künstler im letzten, fünften Akt.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Des Lebens fünfter Akt ist nicht für Schnitzler-Liebhaber geschrieben. Ich selbst habe bisher (Schande über mich) keinen seiner Romane gelesen, keines seiner vielen Theaterstücke gesehen und bin ihm nur indirekt begegnet. „Ein Winter in Wien“ spielt im Hause Schnitzler. In der Sternwartestraße 71 zu Wien. Petra Hartlieb lässt uns im Jahr 1910 hinter die Kulissen dieser Familie blicken, wobei sie nicht Arthur Schnitzlers Geschichte erzählt, sondern die seines Kindermädchens. Lili war gerade erst zur Welt gekommen. Kaum 18 Jahre später begegne ich ihr nur noch flüchtig auf dem jüdischen Friedhof von Venedig. Katastrophe. Dieser fünfte Akt. Ein Väter-Roman und die große Geschichte vergangener und kommender Leidenschaften. Ein Sittengemälde einer Zeit, in der die Wiener Moderne um sich greift, Freud seine Freude hat und Hofmannsthal im Leben von Schnitzler für Berg und T(h)alfahrten sorgt.

Ein Künstlerroman, der Zweifeln, Krisen und dem ewigen Kampf um eine positive Außenwirkung viel Raum verschafft. Ein Literaturroman, der Leser von Schnitzler im Kontext seiner Werke vielleicht aus einer anderen Perspektive heraus begeistern wird. Innenansichten eines Schriftstellers in einer melancholischen Stadt, die von einer tiefen Traurigkeit geprägt sind und so viel über einen Menschen verraten, dem man sich eben nur auf diese Weise annähern kann. Volker Hage verführt dazu, sich intensiver mit dem Mann zu beschäftigen, dem er seine Recherchen gewidmet hat. Er verführt dazu, jene vier Akte vor der Katastrohe zu beleuchten. Und er verführt dazu, mit wachem Blick auf die eigene Familie zu schauen. Das hätte Schnitzler zeitlebens sicher geholfen. Es war nur nicht leicht für ihn, weil immer irgendeine Frau im Weg stand.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Was mir bleibt ist eine herrliche Aussage Arthur Schnitzlers zum Charakter von Literaturkritikern und Rezensenten. Ich hoffe, dass sich die Zeiten geändert haben und wir Blogger ein wenig von den Vorbehalten abbauen konnten, die er zeitlebens vor uns Amateuren aufgebaut hatte.

„Der Kritiker ist in seinen Augen immer auch <Kunsthistoriker>, Versteher von Zusammenhängen, selber Künstler. Den Rezensenten kennzeichnen Halbtalent, Missgunst, Übelwollen, Rachsucht und Unbildung. Reporterdeutsch genügt.“

Herrlich, wenn man das auf sich wirken lässt. Meine Rezension mag von Halbtalent und Unbildung geprägt sein. Missgunst, Übelwollen, Rachsucht oder Reporterdeutsch liegen mir jedoch fern. Ich hoffe, das liest auch Volker Hage so. Und da ich selbst nicht im fünften Akt meines Lebens durch die Sternwartestraße hüpfe, kann ich ja auch noch ein wenig an mir arbeiten. Schnitzler lesen. Eine Aufgabe für die Zukunft. Wer weiß. 

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage – AstroLibrium

Immerhin bin ich in der Liebesbriefkollektion Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ fündig geworden. Ein Liebesbrief an Arthur Schnitzler aus dem späten zweiten Akt des Lebens zeigt, wie sehr er damals von einer Schauspielerin verehrt wurde, die in einem seiner Theaterstücke die Hauptrolle spielte. Kann man sich diesen Zeilen entziehen?

„Kann man denn ein Wesen, das man liebt, genug seh`n?“

Adele Sandrock an Arthur Schnitzler – Wien, 2. Januar 1894, 1 Uhr nachts.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…