AstroLibrium – Best of Print und Audio 2019

AstroLibrium - Best of Print und Audio 2019

AstroLibrium – Best of Print und Audio 2019

Immer wieder gegen Ende eines von Literatur geprägten Jahres blickt man gerne zurück auf die gelesenen und gehörten Schätze der vergangenen 365 Tage. Auch dieses Jahr ist es mir gelungen, euch genau 100 Bücher und Hörbücher vorzustellen. Eine Zahl, die nicht nur eine Zahl ist, weil man sich immer wieder Ziele setzt, was man bloggend und rezensierend bewegen möchte. Und so ist das vergangene Jahr für mich der Maßstab für die Zukunft. 100. Das scheint meine Zahl zu sein, seitdem ich mich mit meinem Blog im Büchermeer bewege. Es ist wie bei einer guten alten Segelyacht. Egal wieviel Tuch man setzt, eine bestimmte vorgegebene Geschwindigkeit kann nicht mehr überschritten werden. Ich lag gut im Bücherwind in diesem Jahr. Rückblickend ist es so, dass ich mit meiner Auswahl aus dem Meer der Neuerscheinungen glücklich bin. Es ist naturgemäß immer wieder schwer, die Besten zu wählen. Und doch wage ich es auch diesmal. Meine absoluten Highlights des Jahres. Meine Top Ten Bücher und Top Five Hörbücher sind:

Bücher, gebunden, ungebunden, gedruckt, gut riechend, prall gefüllt:

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak

Fans von Markus Zusak wissen, dass kein Mainstream auf sie zukommt. Sie sind nicht überrascht, wenn sich Romane aus seiner Feder strukturell und inhaltlich deutlich von der Masse vergleichbarer Bücher unterscheiden. Diesmal – und dies ist der große Unterschied zur Bücherdiebin – haben wir es nicht mehr mit einem Jugendbuch zu tun. Hier baut der australische Autor eine Brücke, die komplex und facettenreich ist, die auf vielen literarischen Wurzeln fußt und Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu sehr aktivem und aufmerksamem Lesen zwingt. Wir haben es nicht mit leichter literarischer Kost zu tun. Wir haben es im klassischen Sinn keinesfalls mit einem Familienroman zu tun, der in einer linearen Struktur unbeschwerte Lesestunden verspricht. Nicht weniger als ein Wunder liegt in unseren Händen. Wir müssen nur an dieses Buch glauben.

Ein Roman, ohne den meine Odyssee keinen Sinn gemacht hätte und ohne den ich eine gewisse Penelope Dunbar niemals kennengelernt hätte. Gut, dass ich mich davor bewahrt habe… Hörend und lesend.

Wem das nicht ZUSAKt, dem ist nicht zu helfen…

WEST von Carys Davies - AstroLibrium

WEST von Carys Davies

 WEST“ von Carys Davies

Es gibt Bücher, die körperliche Schmerzen verursachen können. Es gibt Romane, die in der Lage sind, ihren Lesern jeden Boden unter den Füßen wegzuziehen. Es gibt SchriftstellerInnen, die keine Cliffhanger, sondern komplette Abstürze ins Bodenlose in Szene setzen. Es gibt Romane, die so viele Facetten in einer bedrohlichen Atmosphäre verdichten, dass sie sich jeder Kategorisierung entziehen. Das ist kein Western. Das ist ein Western. Das ist kein Thriller. Das ist ein Thriller. Das ist kein Midlife-Crisis-Roman. Das ist ein Midlife-Crisis-Roman. Das ist kein Frauenbuch. Das ist ein Frauenbuch. Das ist eine der größten Geschichten des Jahres! „West“ von Carys Davies. Unglaublich.

Auch viele Monate nach dem Lesen hallt dieser Roman nach. Ein unvergesslicher Showdown mit einer noch unvergesslicheren Waffe, die ein Mädchen rettet. Ich sag` ja immer wieder. Vorsicht vor strickenden Frauen.

Davies schreibt einfach CARYSmatisch….

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger - AstroLibrium

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger

Ein Roman mit „Hallowach-Effekt“. Ein Aufwachmoment der besonderen Art.

Wie man sich dieses Aufwecken vorstellen darf? Ganz einfach. John Ironmonger schreibt uns Bilder in die Seele, die uns daran zweifeln lassen, dass unsere Zukunft so aussieht, wie wir sie uns in unseren bunten Träumen vorstellen:

„Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Truthahn… Das Leben scheint es gut mit Ihnen zu meinen. Der Bauer gibt Ihnen mehr Futter, als Sie essen können. Er kümmert sich um Sie, hält Sie warm, schützt Sie vor Raubtieren… Und jeder Tag ist genau wie der Tag zuvor. Wenn Sie, als Truthahn eine Vorhersage für den nächsten Tag machen müssten, wie sähe sie aus? Wir werden nicht hungern. Denn Sie wissen nicht, dass morgen der Tag vor Weihnachten ist.“

Ein Bild, das ich nicht vergessen habe. Ein Buch, das die Wahrnehmung für globale Zusammenhänge schärft. Ein Eisenhändler (Ironmonger), der stahlharte Geschichten auf Lager hat.

Der Wintersoldat von Daniel Mason - AstroLibrium

Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat“ von Daniel Mason

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… Ja, dieses UND muss selbst erlesen werden. Ich werde diesen Roman sicherlich nicht mehr vergessen. Aus guten Gründen.

Gerade auch in meinem beruflichen Umfeld aus Medizinern und Assistenten im Sanitätsdienst der Bundeswehr hat dieser Roman für Aufsehen gesorgt. Authentisch und bewegend. So das einhellige Urteil. Ein Buch, das auch jenseits der Mason-Dixon- Linie gelesen werden sollte…

NSA von Andreas Eschbach_AstroLibrium

NSA von Andreas Eschbach

NSA“ von Andreas Eschbach

Andreas Eschbach erzählt eine unfassbare Geschichte, als hätte es sie gegeben. Was er jedoch wirklich unternimmt, ist der Versuch, uns die Augen zu öffnen, was uns alltäglich im Leben umgibt. Immer wenn wir ungläubig den Kopf schütteln und ausrufen, dass es damals gar nicht möglich war, halten wir plötzlich inne und müssen uns sagen: ABER JETZT. Diese Utopie ist das intelligenteste, mit allen Tabus brechende Buch, in dem ich in den letzten Jahren eintauchen durfte.

Man sollte sich darauf einlassen, auf die täglichen Nachrichten schauen und sich dann Gedanken darüber machen, was heute mit unseren Daten geschieht. Keine Angst… ist doch nur ein Buch…

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

Der vergessliche Riese“ von David Wagner

Nein, David Wagner hat keinen Bewältigungsroman verfasst. Dieses Buch ist auch kein Ratgeber. Es ist der zutiefst aufrechte Blick in eine Welt, die sich jedem Gesunden weitgehend entzieht und ihn dadurch hilflos macht. Würde. Dies ist die Überschrift, die für diesen Roman steht. Menschen, für die ihre Zeit stehengeblieben ist, sind begleitbar und zugänglich, wenn man seine eigene Zeit anhält. Auch wenn es frustrierend ist, dem Feind des Erinnerns täglich zu begegnen. Wer den Kampf aufgibt, verliert einen Riesen der letztlich nur gegen das Vergessen kämpft. Der letzte Satz dieses Romans bedeutet mir persönlich sehr viel, da er einen Weg weist, dem man sich am Ende zu stellen hat. Ein Ende, das dem vergesslichen Riesen gerecht wird, weil er von jenen in Erinnerung behalten wird, die ihm entgleiten. Ein wahrlich großes Buch.

Bayerischer Buchpreis 2019 für David Wagner. Eine verdiente Auszeichnung für ein Buch, das wirklich unvergesslich ist. Ich habe meinen vergesslichen Riesen tief bei mir gehabt, als ich dieses Buch las. Distanz zu wahren zu diesem Roman ist einfach nicht möglich.

Am Tag davor von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Facettenreich und unvergesslich schreibt uns Sorj Chalandon seinen Roman ins Herz. „Am Tag davor“ sollte von Buchhändlern mit einer Grubenlampe versehen und ganz besonders im sogenannten Ruhrpott ganz vorne auf den Highlight-Tischen liegen. Der Roman ist eine Liebeserklärung an einen Menschenschlag und Berufszweig, von dem man sich in den letzten Jahren immer mehr verabschieden musste. Ihr Leben und ihr Leiden, ihre Traditionen und die stoische Schicksalsergebenheit stehen hier wie ein Standbild für eine fast vergangene Epoche echter Arbeiter. Werte und Normen, Freund und Feind, Gefahr und Genuss gehen Hand in Hand durch einen wahrhaft großartigen Roman. Montan-Literatur. Der Tiefgang verspricht Schürfrechte an einem Buch, in dem ab einem bestimmten Punkt kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Lesen!

Im literarischen Quartett einstimmig bejubelt, vielfach herausragend besprochen, gibt es nun wahrlich keinen Grund mehr, Sorj Chalandon nicht zu kennen.

Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle - AstroLibrium

Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Kurt Oesterle hat einen sehr nachhaltigen Roman über einen Krieg geschrieben, der gerade mal 100 Jahre hinter uns liegt. Er bringt Krater zum Singen, ermöglicht uns Heimatabende im Niemandsland, trifft Reisevorbereitungen für einen Toten, gibt Raum für Rettung und Hoffnung. Er lässt uns in einer einfachen Bretterbude einen ganz leisen Hauch von Europa fühlen. Vielleicht das erste gemeinsame Haus, von dem man heute gerne spricht. Ein Haus mit nur einem Zimmer. Provisorisch und von Blindgängern der letzten Schlacht umgeben. Ein Haus, das es zu bewahren gilt. Auch, wenn wir gelernt haben, auf welch wackligem Boden das Ganze steht. Ein Roman mit Signalwirkung in Zeiten, in denen scheinbarer Patriotismus erneut dazu aufruft, Grenzen zu ziehen.

Ein Roman, der eine Chance verdient hat. Ich lege meine Hand für dieses Buch in jedes Trommelfeuer. 

Durchbruch von Ronan Farrow - AstroLibrium

Durchbruch von Ronan Farrow

Durchbruchvon Ronan Farrow

Es kommt nicht oft vor, dass man ein Buch in Händen halten darf, das im Bereich „investigativer Journalismus“ als Meilenstein betrachtet werden muss. Es kommt nicht oft vor, dass man sich sogar als Zeitzeuge des beschriebenen Geschehens selbst ein Bild der Ereignisse machen kann. Und es kommt nicht oft vor, dass man im eigenen Lesen auf den Ursprung einer Bewegung stößt, die sich in den letzten beiden Jahren in allen Ländern der westlichen Hemisphäre ausgeweitet hat. Gemeint ist ein Skandal im Herzen von Hollywood. Gemeint ist der systematische jahrelange sexuelle Missbrauch von Frauen in der Filmbranche. Gemeint ist Harvey Weinstein, der Medienmogul, dem zahllose Frauen vorwerfen, sie in ihrer Abhängigkeit von seiner Macht ausgenutzt und vergewaltigt zu haben. Hier beginnt, was wir heute als MeToo-Bewegung kennen.

Lesen, die Welt beobachten, Automatismen erkennen und sich nicht wundern, warum im laufenden Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump ausgerechnet die Zeugen systematisch diffamiert werden. Catch and Kill…

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Herkunft von Saša Stanišić

Das Buch Herkunft wird für mich grandios ergänzt durch das Hörbuch. Hier liest der Autor selbst. Man muss ihm zuhören, weil er sein Schreiben auf ein ganz anderes Level hebt. Er liest mit leichtem Akzent. Er liest weich, zart, unglaublich sympathisch in jeder Akzentuierung. Sein Humor wird unerhört hörbar. Eine melancholische Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte. Man möchte ihm zurufen, dass man ihn verstanden hat. Dass man selbst mit Flüchtlingen anders umgehen würde, dass man in Zukunft die Augen offenhält. Manchmal möchte man, dass Saša Stanišić einfach unser Lachen hört und unsere Nachdenklichkeit spürt. Er investiert so viel in sein Schreiben, dass man im Gefühl lebt, ihm etwas schuldig zu sein. Vielleicht begleicht dieser Artikel einen Teil meiner Schuld.

Buchpreisträger, literarische Lichtgestalt, Handke-Gegner. Literat von Format!

Hörbücher, gekürzt und ungekürzt, gelesen, gespielt, zelebriert:

Mit Markus Zusak und Saša Stanišić sind bei den bereits aufgeführten Büchern schon zwei meiner Top-Hörbuchempfehlungen enthalten. Bleiben mir also noch drei Top-Hörbücher des Jahres: 

Der dunkle Bote von Alex Beer - AstroLibrium

Der dunkle Bote von Alex Beer

Der dunkle Botevon Alex Beer

Nein, ich habe nicht das Buch gelesen. Ich bleibe hier den Hörbüchern treu. Und das aus gutem Grund. Cornelius Obonya. Reicht der Name des Sprechers aus oder muss ich weiter ausholen? Gerne. Cornelius Obonya lebt diese Buchreihe. Sie scheint den Stimmen, die aus ihm herausbrechen auf den Leib geschneidert zu sein. Er bietet alles, was die untergegangene KuK-Monarchie sprachlich und stimmlich zu bieten hat. Er lässt alle Dialekte der Wiener Unterwelt auferstehen. Serbisch, Ungarisch, das alte Wien selbst und natürlich August Emmerich, dem er eine Stimmfarbe verleiht, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man kann mit Obonya lachen und weinen, man folgt seinen Lippen, weil man ihn nicht unterbrechen möchte. Im seinem Sprachgewitter hat die Buchreihe von Alex Beer ihre kongeniale Entsprechung gefunden. Wer Obonya nur einmal gehört hat, der wird sich von der Stopptaste seines MP3-Players verabschieden.

Ohne Alex Beer keine Romane dieser Güteklasse. Ohne Cornelius Obonya keine Hörerlebnisse der besonderen Art. Ein Duo Wienfernale…

Die Jahre von Annie Ernaux - Astrolibrium

Die Jahre von Annie Ernaux

Die Jahrevon Annie Ernaux

Experimentell kam es mir vor, was ich hörte. Fragmentarisch, kaleidoskopisch und gewagt. Das waren meine ersten Eindrücke und ich hatte das Gefühl, im Vergleich zu einer Lesung oder einem traditionellen Hörspiel mit Erzähler und Akteuren sehr schwer in die Geschichte hineinzukommen. Ich hatte nicht erwartet, eine konstant tickende Uhr im Hintergrund zu hören. Ich hatte nicht erwartet, vier Stimmen zu begegnen, die in der sich ständig überlagernden und schlagwortartigen Sprechweise eher an eine moderne Performance erinnern, als die Erwartung an ein Hörspiel zu erfüllen. Das war etwas so Neues für mich, dass ich einige Anläufe benötigte, um hier Fuß zu fassen, eine Struktur zu finden und mich selbst in den Hörrhythmus zu versetzen, den „Die Jahre“ verdient haben.

Mehrfach ausgezeichnet. Ein Hörbuch, das niemals in die Jahre kommen wird…

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache von Walter Moers

Ihr trefft auf Bücherwürmer, helft dabei, dem Bücherdrachen seine Buchschuppen zu stehlen und spürt die inspirierende Macht des Orm. Ihr werdet zu Zeugen des einzigen Ormrakels, das die Welt je sah und verirrt Euch im Geflecht aus Wahrheit, Lügen und Spekulation. Und nicht zuletzt erkennt Ihr Euch im Bücherdrachen wieder, der nur aus Liebe zur Literatur existiert. Wer würde sich da nicht gerne im Ormsumpf suhlen? Eine grandiose Geschichte, die in allerbester zamonischer Tradition zu begeistern weiß. Im Hörbuch ist es erneut Andreas Fröhlich, mein stimmlicher Zamonienmeister, der alle Charaktere zum Leben erweckt. Seine Interpretation des Bücherdrachen, der nur in der Erzählung des kleinen Buchlings zu Wort kommt, ist magisch. Was die Illustrationen für das Buch sind, ist die Stimmfarbe dieses Wortkünstlers für das Hörbuch. Ich begegnete ihm auf der Leipziger Buchmesse. Ein Gespräch, das noch lange nachwirkt, weil ich in diesem Moment mit allen Stimmen Zamoniens sprach. Und nicht nur mit diesen.

Stimmzauberer liest Zamonische Charaktervielfalt. Fröhlich ist, wer Fröhlich hört.

AstroLibrium - Best of 2019

AstroLibrium – Best of 2019

Was mir noch zu sagen bleibt:

Ich danke Euch für Euer Interesse an meiner kleinen literarischen Sternwarte. Ich bin dankbar für Euer Lesen, Eure Kommentare und das vielfältige Feedback auf meine Artikel, Rezensionen oder Posts auf Facebook oder Instagram. Ich freue mich sehr auf ein neues Kapitel meines Lesens und Lebens. Ein Jahr der Veränderung steht vor der Tür. 2020. The Year of Changes. Was ich damit meine, werdet Ihr schon zum Beginn des neuen Jahres lesen können. Ich blicke nach vorne, gebe einen Ausblick auf meine Projekte, neue Bücher und Hörbücher und möchte gleichzeitig verdeutlichen, warum in wenigen Wochen eine neue Zeitrechnung für mich beginnt.

Es wäre ein Traum, Euch an meiner Seite zu wissen. Guten Bücherrutsch. Kommt gesund und glücklich ins neue Jahr.

AstroLibrium – Die literarische Sternwarte wünscht einen guten Rutsch

Handeln statt hoffen von Carola Rackete

Handeln statt hoffen von Carola Rackete - AstroLibrium

Handeln statt hoffen von Carola Rackete

Aus der Rede eines Mädchens vor Delegierten einer UN-Klimakonferenz:

Wir haben das gesamte Geld selbst aufgebracht, um die 6000 Meilen hierher zu reisen und Euch Erwachsenen zu sagen, dass Ihr Eure Lebensweise ändern müsst. Das, was ich hier sage, meine ich Wort für Wort. Ich kämpfe für meine Zukunft.

Ich bin hier, um im Namen aller zukünftigen Generationen zu sprechen. Ich bin hier, um im Namen der… Kinder dieser Welt zu sprechen, deren Schreie ungehört verhallen.

Ich bin hier, um für die Tiere zu sprechen, die überall auf diesem Planeten sterben, weil es für sie keinen Platz mehr gibt. Wir können es uns nicht mehr leisten, nicht gehört zu werden. Ich habe Angst davor in die Sonne zu gehen wegen der Ozonlöcher. Ich habe Angst die Luft einzuatmen, weil ich nicht weiß, welche Chemikalien darin vorkommen.

Vergesst nicht, warum Ihr solche Konferenzen besucht und für wen Ihr das tut. Wir sind Eure Kinder. Ihr entscheidet, in was für einer Welt wir aufwachsen werden.

Handeln statt hoffen von Carola Rackete - AstroLibrium

Handeln statt hoffen von Carola Rackete

Ja, diese Reden sind gerade unsere Wegbegleiter. Sie zeigen auf, was Jugendliche von den Regierenden dieser Welt erwarten. Die Worte aus der oben zitierten Rede sind in aller Munde. Sollte man denken. Wer sonst sollte sie gesagt haben, wenn nicht jenes Mädchen aus Schweden, das gerade drauf und dran ist, die Welt wie wir sie kennen zu verändern? Nein. Diese Rede stammt nicht von Greta Thunberg. Sie wurde bereits vor über 17 Jahren in Rio De Janeiro von der neunjährigen Kanadierin Severn Suzuki vor den Teilnehmern am „Earth Summit“, einer UN-Umweltkonferenz gehalten. Sie hat mit ihren Worten die Delegierten bewegt. Punkt. Das war´s. Ohne Social-Media und ohne die Wucht einer medialen Omnipräsenz verpuffte diese Rede im Nirwana der Ignoranz.

1992. Mehr muss ich eigentlich nicht sagen, wenn ich den Versuch starte, den heute so intensiv verunglimpften Klima-Aktivisten und Aktivistinnen in der kleinen literarischen Sternwarte Gehör zu verschaffen. Mehr muss ich nicht sagen, um zu verdeutlichen, wie berechtigt die Vorwürfe an die Weltpolitik sind. Ergebnislose Konferenzen, Staaten, die sich hier verabschieden und die Veränderung des Weltklimas als Lappalie bezeichnen. Absichtserklärungen ohne Konsequenzen. Regierungsprogramme ohne Biss und doch immer bereit, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Aber wehe, jemand legt den Finger in diese Wunde. Wehe man versucht uns aus der Komfortzone zu argumentieren. Und wehe, es handelt sich bei den handelnden Figuren, die diesen Weg konsequent gehen, auch noch um Mädchen oder Frauen. Doppelt geeignet, um Ignoranz zu erzeugen. Es gibt keinen menschengemachten Klimawandel und Frauen sollen bitte tun, was sie am besten können. Also alles, nur nicht Einfluss nehmen. Oder sich einmischen. Oder den Mund aufmachen.

Handeln statt hoffen von Carola Rackete - AstroLibrium

Handeln statt hoffen von Carola Rackete

Kommt uns doch bekannt vor. Ohne Suffragetten kein Frauenwahlrecht. Ohne ein Aufbegehren gegen die männerdominierte Welt, keine Veränderung. Ohne Revolution mit zivilem Ungehorsam, Hungerstreik unter Inkaufnahme von Haftstrafen keine neuen Impulse in einer Männerdomäne. Und heute? Quotenfrauen. Unterrepräsentiert und in weiten Teilen der Gesellschaft unsichtbar. Wer sich dann auch noch traut, seinen Mund aufzumachen und sich für jene einzusetzen, die sprachlos sind, der wird zum Opfer und wie die sprichwörtliche Sau durchs Dorf gehetzt. Greta Thunberg ist ein gutes Beispiel, welchem Shitstorm man ausgesetzt wird, wenn man das Establishment (also Wirtschaft und Politik) stört. Weitere Beispiele? Nehmen wir doch einfach mal Carola Rackete.

Sea-Watch 3-Kapitänin, Retterin zahlloser Flüchtlinge im Mittelmeer, Aktivistin und Kämpferin für Umwelt- und Menschenrechte. Auf Lampedusa verhaftet, als Mittelsmann (sorry, Frau) zwischen Schlepper- und Schleuserbanden kriminalisiert und der illegalen Anlandung von Flüchtlingen in italienischen Hoheitsgewässern angeklagt. Vorurteil und Urteil sollten Hand in Hand gehen. Kapitänin ohne Patent, Beugung des Seerechts und kriegerischer Akt. Vorwürfe im Einklang mit Verunglimpfung und Rufmord. Nebelkerzen der internationalen Ablenkung, weil man, wie immer in solchen Fällen, lieber polemisch wird, anstatt sich mit Ursachen und Wirkungen auseinanderzusetzen. Jetzt hat Carola Rackete ein Buch geschrieben und dem Hörbuch die Stimme geliehen. Hier spricht sie das Schlusswort. Ich habe gelesen und gehört. Kritisch, jedoch frei von Ressentiments und Vorverurteilungen. Aufmerksam und selbstkritisch. Meine Aufmerksamkeit hat sie sich verdient. Sie wendet sich mit einem lauten Appell an uns alle:

Handeln statt hoffen von Carola Rackete - AstroLibrium

Handeln statt hoffen von Carola Rackete

Handeln statt hoffen. Aufruf an die letzte Generation.

Ich fühle mich angesprochen. Ich gehöre vielleicht nicht zur letzten Generation, habe aber meinen Teil dazu beigetragen, dieser Generation zwei Menschen beizusteuern. In dieser Beziehung trage ich Verantwortung. Carola Rackete lässt mich das spüren. Auf jeder einzelnen Seite. Mit jedem einzelnen Wort. Ich lese, höre und verfolge gleichzeitig die täglichen Nachrichten zum Klimawandel. Ich versuche jedem Argument der Autorin ein „Aber“ entgegenzusetzen und werde immer leiser in meinen Entgegnungen. Wenn ihr heute Aktionismus vorgeworfen wird, dann verweise ich nur auf das einleitende Zitat zu diesem Artikel. Wenn das Aktionismus ist, dann muss sich die Weltgemeinschaft mit dem Vorwurf der konsequenten Passivität intensiv auseinandersetzen. Carola Rackete leitet aus nachweisbaren Studien zum Klimawandel ab, stellt Zusammenhänge dar, die augenscheinlich sind, aber auf Blindheit stoßen. Sie verbindet Klimagerechtigkeit und Menschenrechte mit Flüchtlingsströmen und deren Auswirkungen. Ihre konsequente Bewertung, „mit dem Hoffen aufzuhören“ muss man angesichts der Realität teilen. Ihre Argumentation ist schlüssig, bestechend und basiert auf wissenschaftlichen Fakten, die nur jene leugnen, die persönliche Nachteile befürchten, wenn der drohende Ökozid ein Umdenken in der Gesellschaft verursacht.

Mir gehen im ersten Teil ihres Buches sehr schnell die „Abers“ aus. Ihre Position zur Rettung von Menschenleben auf hoher See entspricht meinem humanistischen und juristischen Weltbild. Seenotretter zu den verantwortlichen der Flüchtlingskrise machen zu wollen, entspricht dem üblichen Reflex der Besitzstandswahrung. „Sollen die doch bleiben, wo sie herkommen.“ Ein oft gehörtes Argument, verbunden mit der Angst vor angeblicher Überfremdung. Die Weltgeschichte ist voll von Flüchtlingsströmen und die Argumente gegen eine Aufnahme von Menschen in Not gleichen sich frappierend. Hier greifen die altbekannten Automatismen. Meine Komfortzone. Meine Mauer. Mein Besitz und meine Angst, die ich gerne schüren lasse. Populisten lachen sich ins Fäustchen und Betroffene werden pauschal kriminalisiert. Carola Rackete bringt es im Klartext auf den Punkt. Sie spart nicht mit Anklage. Sie spart nicht mit Schuldzuweisungen, und sie spart nicht mit dem Aufzeigen von möglichen Lösungsansätzen.

Handeln statt hoffen von Carola Rackete - AstroLibrium

Handeln statt hoffen von Carola Rackete

Hier gehe ich nicht konform mit ihr. ABER: Ich billige ihr eine gewisse Radikalität im Konflikt zwischen Zuschauen und Handeln zu. Hier geht sie mit Greta Thunberg Hand in Hand. Die rote Linie ist gezogen. Sie ist überschritten. Zuschauen und auf andere zu zeigen ist obsolet und outet diejenigen, die als Gewinnler vom Stillstand profitieren. Mich beschäftigen die Impulse, die Carola Rackete setzt. Sie zeigen die Ausweglosigkeit der Situation. Die Ordnung stören, sich der Politik und den Konzernen zu widersetzen, eine Form zivilen Widerstands und Ungehorsams zu kultivieren, nicht über den Tellerrand zu blicken, sondern den Teller wegzuwerfen und neu zu beginnen, Initiativen wie Fridays for Future und Extinction Rebellion zu unterstützen. Hier geht für mich vieles unter in einem Wust pseudodemokratischer Ideen, die einer gerechteren Welt dienen sollen. Im Großen und Ganzen empfinde ich ihre Impulse als wichtige Zündfunken einer Debatte, die politisch einseitig und falsch geführt wird.

Ich möchte mich davon nicht ablenken lassen. Ich suche das Gespräch mit jungen Menschen. Ich habe viel zu lernen, habe viel gelernt und persönlich keinen spürbaren Beitrag zum Erhalt unserer Umwelt geleistet. Ich war nicht am Hambacher Forst, habe es nicht geschafft in meiner Jugend spürbare Kraft gegen Ressourcenmissbrauch auf unserem Globus zu entwickeln. Ich muss vor meiner Haustüre kehren und darf es mir nicht so leichtmachen, auf andere zu zeigen. Handeln statt hoffen. Ein Buch, das mir viel gegeben hat. Angesichts der aktuellen Nachrichtenlage, nach der Wissenschaftler weltweit auf eine Erderwärmung von bis zu 3 Grad bis zum Jahr 2100 hinweisen, wird die Zwangslage deutlich. Warten und hoffen, zuschauen und ablenken können wir uns nicht mehr leisten. In Demokratien zivile Impulse zur Störung der Ordnung zu initiieren ist wesentlich leichter, als dies in autokratischen politischen Systemen zu versuchen.

Weltweiten Herausforderungen kann man letztlich nur weltweit begegnen. Es ist nur unerlässlich, die wesentlichen Impulse zur Veränderung nicht zu unterdrücken, sie nicht ins Lächerliche zu ziehen oder gar zu kriminalisieren. Die Zeit läuft. Aye, Käptn.

Handeln statt hoffen von Carola Rackete - AstroLibrium

Handeln statt hoffen von Carola Rackete

PS: Ein Schlussgedanke zur Kriminalisierung von Seenotrettern

Wer Seenotretter mit Schleppern gemein macht und ihnen Mitschuld gibt an den Flüchtlingsströmen nach Europa, der begeht einen Denkfehler. Wenn sich keine Retter auf dem Mittelmeer befinden, ebbt der Strom der Hilfesuchenden nicht ab, da Ursachen für Migration nicht behoben sind und es den kriminellen Menschenschleppern völlig egal ist, ob die Flüchtlinge gerettet werden. Wer hier eine Schuldumkehr betreibt, sollte mal darüber nachdenken, ob wir auf Autobahnen nur deshalb so schnell fahren, weil wir um das System der Notfallversorgung mit Notarztwagen, Rettungshubschrauber, Klinik und Rehabilitation wissen. Tragen jetzt also die Ärzte in diesem Land eine Mitschuld an der hohen Zahl der durch Raser verursachten Unfalltoten? Kriminalisiert, wen Ihr wollt, aber lasst die Kirche im Dorf, wenn Eure Komfortzone in Gefahr gerät.

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Handeln statt hoffen von Carola Rackete und eine gute Frage nach Helden

„Handeln statt hoffen – Aufruf an die letzte Generation“ von Carola Rackete
Buch: Droemer-Knaur / 176 Seiten / gebunden / 16 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag / 4 CDs / ungekürzte Lesung / Gelesen von Jodie Ahlborn und Carola Rackete / 3 Std. 53 Min. / 16 Euro

Durchbruch von Ronan Farrow (Der Weinstein-Skandal)

Durchbruch von Ronan Farrow - AstroLibrium

Durchbruch von Ronan Farrow

Es kommt nicht oft vor, dass man ein Buch in Händen halten darf, das im Bereich „investigativer Journalismus“ als Meilenstein betrachtet werden muss. Es kommt nicht oft vor, dass man sich sogar als Zeitzeuge des beschriebenen Geschehens selbst ein Bild der Ereignisse machen kann. Und es kommt nicht oft vor, dass man im eigenen Lesen auf den Ursprung einer Bewegung stößt, die sich in den letzten beiden Jahren in allen Ländern der westlichen Hemisphäre ausgeweitet hat. Gemeint ist ein Skandal im Herzen von Hollywood. Gemeint ist der systematische jahrelange sexuelle Missbrauch von Frauen in der Filmbranche. Gemeint ist Harvey Weinstein, der Medienmogul, dem zahllose Frauen vorwerfen, sie in ihrer Abhängigkeit von seiner Macht ausgenutzt und vergewaltigt zu haben. Hier beginnt, was wir heute als MeToo-Bewegung kennen.

Es ist ein wahrer „Durchbruch“ der hier von Ronan Farrow beschrieben wird. Ein Durchbruch, der sich wie der Durchbruch eines bösartigen Geschwürs anfühlt. Hier hat man es mit einem Buch zu tun, das faktenbasiert, recherchetreu und absolut waghalsig einen Skandal beschreibt, der von einem Journalisten aufgedeckt wurde, der hier seine gesamte berufliche Reputation aufs Spiel setzte, da er sich mit den echten Größen der Branche anlegte. Und nicht nur das. Er kämpfte einen Kampf auf verlorenem Posten in einem Umfeld, das so perfekt vernetzt war, dass es kaum gelingen konnte, die wahren Ausmaße des Missbrauchs auch nur im Geringsten aufzudecken.

Durchbruch von Ronan Farrow - AstroLibrium

Durchbruch von Ronan Farrow

Toxische Männlichkeit steht im Mittelpunkt des Meisterwerks aus der Feder von Ronan Farrow. Ein gesellschaftliches Phänomen, das die zumeist patriarchalische und damit maskuline Entscheidungsstruktur von Konzernen als Machtbasis für Machtspiele gegenüber weiblichen Mitarbeitern nutzt. Abhängigkeit und berufliche Perspektive sind die Triebfedern der Ohnmacht gegenüber jenen, die ihre Macht ausnutzen, Gewalt und Unterdrückung ausüben, und mit der vollen Wucht eines verflochtenen Systems gegen jene vorgehen, die ihr Schweigen brechen und Anklage erheben wollen. Wir reden hier von Männern, für die es selbstverständlich ist, sexuelle Gegenleistungen einzufordern, wenn sie ihre Entscheidungen treffen. Ob es um Filmrollen geht, um die Karriere in der Firma oder schlichtweg um die stressfreie weitere Beschäftigung. Toxisch. Giftig.

Ronan Farrow legt diesen Durchbruch vor, nachdem er 2018 für seine Recherchen mit dem Pulitzer-Preis in der Kategorie „Dienst an der Öffentlichkeit“ ausgezeichnet wurde. Auf dem Höhepunkt seiner Recherchen war er bereits durch die Stahlbäder der Faktenprüfung gegangen. Die im Buch aufgeführten Fälle sexuellen Missbrauchs und sämtliche damit im Zusammenhang stehenden Recherchen, enthüllten Verflechtungen und systematischen Versuche, die Anklagen zu vertuschen sind zweifelsfrei bewiesen. Der Pulitzer-Preis ist das Wahrheits-Prädikat für diesen „Durchbruch“. Für den Leser bedeutet dies die komfortable Situation, staunend lesen zu können, vertrauensvoll den Schilderungen des Autors folgen zu können und Plausibilitätsfragen als beantwortet zu betrachten. Nie zuvor war ein derart brisantes Werk so wasserdicht. Niemals zuvor war eine investigative Reportage erschreckender und nie zuvor hat ein Enthüllungsbuch so viele Bezüge zur Machtstruktur in unserer Gesellschaft. Farrow ist Systemsprenger und Whistleblower zugleich.

Durchbruch von Ronan Farrow - AstroLibrium

Durchbruch von Ronan Farrow

Der Originaltitel des Buches lautet Catch and Kill. Das sollte man sich einfach mal auf der Zunge zergehen lassen, weil Farrow hier einen Mechanismus aufdeckt, der den Tätern ihren Spielraum verschafft. Ein geschlossenes System von Anwälten, Politikern, Journalisten und Detektiven, die den Vergewaltigern Rückendeckung geben. Hier wird die schmutzige Wäsche gebleicht und aufbereitet. Hier werden Westen gereinigt. Hier wird systematisch und großflächig auf jene gezielt, denen Gewalt angetan wurde. Eine Geschichte zu „fangen und sie verschwinden zu lassen“ – das ist der Schlüssel zum Erfolg. Beweise vertuschen, Abfindungen zahlen, Geheimhaltungsverträge mit Opfern abzuschließen und Gegenklagen androhen, das sind die Werkzeuge der Macht die den Tätern ihr zügelloses und frauenverachtendes Spiel ermöglichen.

Ronan Farrow feuert in seinem Buch eine Breitseite gegen die komplexe Struktur einer Gesellschaft ab, in der der Fisch bereits von oben zu stinken beginnt. Die Affären der US-Präsidenten Clinton und Trump, die Schlammschlachten, die gegen die Frauen geführt werden, die ja eigentlich Opfer sind, all dies ist der Türöffner für Menschen, die ihre eigene Macht systematisch dazu ausnutzen, Frauen zu erniedrigen und ihnen das desaströse Gefühl zu geben, sie seien keine Opfer, sondern selbst an der Erniedrigung schuld zu sein. Hört sich unfassbar an, aber Ronan Farrow gelingt es, in den Interviews mit den Opfern genau dieses Bild zu beleuchten. Sie schweigen aus Scham. Sie fühlen sich schuldig. Sie haben Angst vor Konsequenzen. Und sie leiden ein Leben lang, weil sie genau wissen, dass nach ihnen weitere Frauen in die Falle laufen. Ihr Schweigen in der Folge des Missbrauchs ist Wegbereiter der nächsten Vergewaltigung.

Durchbruch von Ronan Farrow - AstroLibrium

Durchbruch von Ronan Farrow

Man muss Farrow lesen. Man muss die Massenmedien einer kritischen Betrachtung unterziehen und mit gesundem Misstrauen auf die täglichen Meldungen schauen. Hier hat Ronan Farrow mein Vertrauen in die Unabhängigkeit der Presse tief erschüttert. Er zeigt, wie seine Vorgesetzten mit seinen Recherchen umgingen. Er erzählt eine Story, die im eigenen Haus unterdrückt wurde. Fakten und Namen, die man direkt an Harvey Weinstein weitergab. Verflechtungen, die dem Reporter im Dschungel des Systems nur ganz langsam bewusst wurden. Er wurde beschuldigt, beschattet, diskreditiert, von den Aufgaben entbunden und auf unwichtige Reportagen angesetzt. Eine Schlammschlacht der besonderen Art. Er spürte am eigenen Leib, was den Frauen widerfahren war, die sich ihm nur ganz langsam öffnen wollten. Zu groß war die Angst vor dem System.

Die Reportage löste ein Erdbeben aus. Harvey Weinstein sieht sich inzwischen einer Vielzahl von Zivilklagen betroffener Frauen ausgesetzt. Die Beweislage ist erdrückend und wer immer noch daran zweifelt, wie man sich als Frau in die Fänge eines solchen Mannes begeben kann, der möge sich nur das Überwachungstonband anhören, das in einer verdeckten Ermittlung gegen ihn entstand. Dieser Mensch kennt kein NEIN. Hier zeigt sich, was für ihn normal ist. Was für ihn üblich ist. Toxische Männlichkeit kann nur solche Folgen haben, wenn man weiß, dass man von einem ganzen System geschützt wird. Diese Aufnahme ist verstörend und erhellend zugleich. Ihr liegt ein Frauenbild im beruflichen Umfeld zugrunde, das menschenverachtend ist.

Man muss dieses Buch als Frau lesen, um zu begreifen, dass Schweigen nach einer solchen Situation des sexuellen Missbrauchs nur künftige Opfer generiert. Es ist sicher schwer, den Schilderungen der Erniedrigung zu folgen. Und doch MUSS das Buch von Frauen gelesen werden, um solchen Systemen im Großen und im Kleinen die Stirn zu bieten. MeToo kann nur erfolgreich sein, wenn man die Systematik jeden Missbrauchs durchschaut. Männer müssen dieses Buch lesen, um sich zu hinterfragen. Sind es die kleinen falschen Gesten, die „harmlosen“ Berührungen und schlüpfrigen Witze, die hier Tür und Tor öffnen? Wie kann man sein Umfeld beobachten und Frauen aktiv schützen oder warnen? Wie lange darf man zuschauen und schweigen? Niemand wusste etwas! Alle haben geleugnet, bis ihnen die Maske vom Gesicht gerissen wurde.

Eine aberwitzige Reportage, die in mir nachhallt. Catch an Kill. Wir erleben täglich, dass solche Systeme funktionieren. Im laufenden Amtsenthebungsverfahren gegen D. Trump laufen die Hintergrundmaschinen heiß. Jeder, der gegen ihn aussagt, wird mit Verleumdungen, Schmutz und Diskreditierung überzogen. Man sollte beobachten, aus welchen Richtungen hier auf Zeugen geschossen wird. Hier treten die Verflechtungen offen zutage. Hier zeigt sich das Establishment. Und wer den Mund aufmacht und offen seine Meinung sagt, der wird mit dem Schlagwort „Fake News“ mundtot gemacht. Ein Buch, das Augen öffnet. Ein absolutes Muss für all jene, die Machtmissbrauch die kalte Schulter zeigen wollen. Hut ab, Ronan Farrow. Mutig.

Durchbruch von Ronan Farrow - AstroLibrium

Durchbruch von Ronan Farrow

Durchbruch Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen“ von Ronan Farrow / Rowohlt Verlag / übersetzt von: Werner Schmitz; Henning Dedekind; Katja Hald; Heide Lutosch; Hans-Peter Remmler; Antoinette Gittinger; Norbert Juraschitz; Astrid Gravert; Helmut Dierlamm und Heike Schlatterer / 528 Seiten / 24 Euro

Funkenflug von Hauke Friederichs [August 1939]

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Funkenflug von Hauke Friederichs

In absolut seltenen Fällen sind diejenigen, die in die Glut pusten auch diejenigen, die anschließend im Feuer stehen. Eine Erkenntnis, die nicht nur zu den Ereignissen rund um die Entstehung des Zweiten Weltkriegs passt. Aber eben eine Erkenntnis, die hier besonders nachhaltig wirkt, wenn man sich das Tauziehen anschaut, das im Jahr 1939 die Welt in Atem hielt. Auf der einen Seite des Taus jene, die so fest daran zogen, um den Frieden zu retten. Auf der anderen Seite ein Diktator mit der ganzen Wucht des autokratischen Systems. Die Kräfteverhältnisse schienen dafür zu sprechen, dass man den Ausbruch eines Krieges vielleicht mit diplomatischen Mitteln verhindern könnte. Am Ende brannte die ganze Welt. Adolf Hitler hatte so intensiv in die Glut des schwelenden Feuers gepustet, dass es letztlich nicht mehr zu löschen war. Der „Funkenflug“ setzte alles in Brand. Und dies kaum mehr als 20 Jahre nach dem Ende jenes Weltenbrandes, der fortan „Der Erste“ genannt werden durfte…

„Funkenflug“. Was für ein passender Titel. Man fühlt sich vor der Glut eines Feuers sitzen und ahnt, was passiert, wenn man hineinbläst. So war es wohl im August 1939. Im Sommer, bevor der Krieg begann glimmt Europa leise vor sich hin. Und doch schürt man die Glut. Funkenflug von Hauke Friederichs geht den Ursachen für den Weltkrieg auf die Spur. Klingt, wie ein politisches Sachbuch. Klingt analytisch und angesichts der Thematik systematisch trocken, wie chronologische Spurensuchen eben so sind. Klingt nur so. Ist es nicht. „Funkenflug“ ähnelt eher einer Collage relevanter Tagebücher der letzten Momente vor dem Weltenbrand. Perspektivwechsel dominieren die Technik der Rekonstruktion der relevanten Ereignisse, die letztlich in einer Explosion gipfelten. Und die war geplant. Vorbestimmt. Nicht mehr zu verhindern, weil die Machthaber im Dritten Reich genau darauf hingearbeitet hatten. Krieg um jeden Preis.

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Im szenisch gelungenen Schnittwechsel zwischen wichtigen Protagonisten dieser Zeit blendet Hauke Friederichs das Wesentliche ein, verzichtet aber auch nicht auf die kleinen atmosphärischen Strömungen und Gefühlslagen der Beteiligten, was das Buch nur umso lebendiger werden lässt. Hier ist nicht nur Raum für kühle Taktiker und sehr berechnend vorgehende Diplomaten. Hier ist Raum für Verzweiflung, Hoffnung, Genie und Wahnsinn. Hauke Friederichs gelingt es, die Lesenden in den dynamischen Strudel des Jahres hineinzuziehen, das der kurzen Nachkriegszeit einen qualvollen Todesstoß versetzte. Europas Gräber wirkten noch frisch aufgeschüttet. Kriegsmüdigkeit sollte ein wirksames Gegenmittel gegen Kriegstreiberei sein, aber die Kapitulation Deutschlands am Ende des Ersten Weltkriegs, die damit verbundenen Reparationszahlungen und die Besetzung von Teilen des alten Kaiserreichs durch die Siegermächte, sorgten für einen ungesättigten Nährboden auf dem der Hass und die Großmachtfantasien der Nazis die wundersamsten Blüten trieben.

Hier zeigt Hauke Friederichs in eindrucksvoller Weise auf, wie es den Nazis gelang die Welt an der sprichwörtlichen Nase herumzuführen. Wenn Demokratien mit eigenen Waffen geschlagen werden, wenn Populisten mit Propaganda und der Gleichschaltung der Presse Fakenews zum Führungsmittel machen, wenn die Reihen fest geschlossen sind, dann ist der Krieg vorprogrammiert und nicht mehr zu verhindern. Dann geht eine Legende vom neuen Lebensraum im Osten auf, dann blühen die ideologischen Träume vom Herrenmenschen in der Psyche der Besiegten. Dann werden aus Ausgegrenzten Sündenböcke, die ein Regime braucht, um die Lunte zu zünden. Automatismen, die im Lauf der Weltgeschichte so oft ihre brutale Wirkung entfaltet haben. Eine Wiederholung schien ausgeschlossen. Das reden wir uns auch heute wieder ein. Dabei lassen wir es gerade zu, dass man in die erkaltete Asche alter Ideologien bläst. Und ob man es nun glaubt oder nicht, da sind noch ein paar Funken übrig, die sich wieder leicht entfachen lassen.

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Hauke Friederichs erzählt also nicht nur vom letzten Sommer vor dem Krieg. Ihm gelingt es, diese Epoche in unserem Unterbewusstsein in unsere Zeit zu spiegeln und dabei ein besonderes Augenmerk auf die beschworenen Automatismen zu legen. Hier verdeutlicht er, wie leicht Demokratien mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen sind. Hier wird auf dem diplomatischen Parkett ein Showtanz aufgeführt, der uns vor Augen führt, was es bedeutet, in existenziell bedrohlichen Situationen blauäugig, zögerlich und allzu vertrauensselig zu sein. Jeder hat den Wolf erkannt. Er musste sich nicht mal mit dem Schafsfell tarnen. Aufgerüstet, uniformiert, Klartext redend, fordernd, erpressend und in jeder Hinsicht gewalttätig passte Hitler zu keinem Zeitpunkt auf das Diplomatenparkett, das den Frieden bringen sollte.

Hauke Friederichs hat eine beachtliche Besetzungsliste für seine Dokumentation der damaligen Ereignisse zusammengestellt. Wir reisen mit Diplomaten durch das halbe Europa, erleben die Machthaber im kleinen Kreis, sehen die Welt aus verblendet wirkenden Augen und werden zu Angehörigen von Sondereinheiten, die vorbereitende und streng geheime Kriegsmaßnahmen ergreifen. Wir reisen nach Danzig und werden uns bewusst, wie intensiv sich die ganze Welt um diesen Zankapfel streitet. Hier leitet Hauke Friederichs aus der Vergangenheit in die Zeit vor dem Kriegsausbruch über und veranschaulicht die Sonderrolle dieser Stadt aus polnischer und deutscher Sicht. Hitler weiß gekonnt zu provozieren und zu instrumentalisieren. Da ändert auch das Who-is-Who der internationalen Diplomatie nichts an der Absicht des deutschen Diktators. Alle Wege führen in den Krieg. Allianzen werden zu Mausefallen.

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Wer dem „Funkenflug“ folgt, erlebt ein lebendiges Stück Geschichte. Geschichte, die aus der Perspektive von Menschen nähergebracht wird, die sich auf verschiedenen Seiten gegenüberstanden. Einig mehr, einige weniger schuldig an der Entwicklung und doch sind sie alle Teile eines Mosaiks, das den fatalen Titel trägt: „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen“ – Eine der größten Lügen der Weltgeschichte. Folgen wir Hauke Friederichs in seine brillante Aufarbeitung dieser Zeit. Lernen wir Brandstifter, Mitläufer, Beobachter, Provokateure, Agenten, Friedensengel, Idealisten, Widerständler, Politiker, Exilanten, Träumer und Wahnsinnige kennen. Sie haben viel zu erzählen:

Albert Einstein
Wilhelm Canaris
Winston Churchill
Birger Dahlerus
John Fitzgerald Kennedy
Hermann Göring
Reinhard Heydrich
Thomas Mann
Georg Elser
Robert Koch
Katia Mann
Unity Mitford
Adolf Hitler
Joachim von Ribbentrop
Sophie Scholl
William Shirer
Swetlana Iossifowna Stalina
Ernst von Weizsäcker und natürlich Günter Grass

Wer dem „Funkenflug“ folgt, erkennt, wie leicht entflammbar Danzig war. Wer das Danzig dieser Zeit betritt, der begegnet dem jungen Günter Grass, der den Angriff auf die Polnische Post nie vergaß. Sein Onkel gehörte zu den Opfern dieses abgekarteten Spiels. Grass schreibt darüber. In der Danziger Trilogie, in der Blechtrommel. Er hat Danzig im Blut gehabt. Ewig. Es sind solche Verbindungen, die mir den „Funkenflug“ nachhaltig in Erinnerung halten. Es ist Unitiy Miford, über die ich bereits schrieb. Eine englische Adelige, die Hitler verfallen war und ein Bündnis zwischen ihrem Heimatland und dem Deutschen Reich herbeisehnte. Am Ende des Sehnens gab sie sich die Kugel und wurde zum Synonym für braune Verblendung. 

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Am Ende des Lesens bleiben Gedanken zur heutigen Zeit, die mich beschäftigen. Wie könnte man Vergleichbares heute verhindern? Vertrauen wir den richtigen Playern im globalen Mit- und Gegeneinander? Könnte heute eine einzige Twitter-Meldung einen Krieg auslösen? Wer profitiert und wer wird zum Opfer? Wer bläst heute in die Glut und wer versucht, die langsam züngelnden Flammen auszutreten? Was lässt sich heute mit Fakenews bewirken? Kann man verhindern, dass sich Geschichte wiederholt? Kennen wir die Rollenspieler von heute von ihrer wahren Seite? Der „Funkenflug“ mag für viele Lesende ein lebendiges Geschichtsbuch sein. Für mich ist Hauke Friederichs Werk ein deutlicher Fingerzeig auf das Hier und Jetzt. Fast schon ein Appell an die Wachsamkeit einer sich im Tiefschlaf befindenden Gesellschaft, die zu blind ist, um Funken zu sehen, die bereits heute wieder zündeln…

Ein alternativloses Buch zur deutschen Geschichte. Ein Rückspiegel, der es heute ermöglichen sollte, nicht wieder rechts abzubiegen. Lasst uns mit solchen Büchern im Gepäck in eine gemeinsame und friedliche Zukunft fahren….

Bald geht es weiter mit den wahren Funkenbläsern… „Sturmabteilung“…

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Der von den Löwen träumte von Hanns-Josef Ortheil

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil – AstroLibrium

Er ist sicher einer der leisesten Autoren unseres Landes. Ein Mensch, der es nicht unbedingt liebt, im Mittelpunkt des medialen Interesses zu stehen. Ein Schriftsteller, der sich scheut, Bäder in den Menschenmassen zu nehmen und einer, der sich nicht gerne durch die Bücherwelt herumreichen lässt. Gerade das zeichnet ihn aus, weil er nur sein Schreiben in den Vordergrund stellt. Und genau das entspricht ihm. Es ist feinfühlig und empathisch. Es ist ein Schreiben der leisen Töne, die er jedoch so komponiert, dass es in Kompositionen mündet, die in ihrer Bildhaftigkeit unverwechselbar sind. Die Rede ist von Hanns-Josef Ortheil. Er zieht sich oft an Schauplätze seiner Romane zurück, lebt in der Atmosphäre der zu erzählenden Geschichte und lässt sich intuitiv vom Schreiben überraschen. Das Ergebnis ist für ihn selbst und seine Leser ein kleines Wunder.

So auch diesmal. „Der von den Löwen träumteist das wohl ungewöhnlichste Buch aus seiner Feder, weil der feinfühlige und bescheidene Schriftsteller sich hier mit einem Kollegen auseinandersetzt, der genau dem Gegenteil dessen entspricht, wie Ortheil im literarischen Kosmos wahrgenommen wird. Es geht um einen wahren Egozentriker, der literarisch absolut unübersehbar ist. Einen Schriftsteller, der sich beharrlich selbst in die gefährlichsten Krisenherde versetzte, um an diesen Extremsituationen zu wachsen. Ein Mann, der den Krieg suchte, sich in Stierkampfarenen stürzte und seine Ehefrauen mit zahlreichen Affären um den Verstand brachte, um in neue literarische Höhen vorstoßen zu können. Ernest Hemingway.

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil schreibt über Ernest Hemingway. Leisetreter trifft Lautsprecher könnte man schablonenhaft sagen. Für Ortheil jedoch lag wohl gerade hier der Reiz, in diesem Aufeinanderprallen so unterschiedlicher Charaktere eine Gemeinsamkeit in den Vordergrund zu stellen. Das Schreiben. Die Literatur. Die Gabe, Menschen mit Worten begeistern zu können. Dabei lohnt der Blick hinter die Kulissen, wenn der Vorhang zur Bühne noch geschlossen ist. Ein kleiner Blick, der doch aufschlussreich sein kann. So zog sich Hanns-Josef Ortheil auf eine Insel zurück. Torcello in der Laguna Morta, der nördliche Teil der Lagune von Venedig wurde zum Refugium seines Schreibens. Dort hatte Hemingway 1948 / 1949 in einer kleinen Pension zwei Zimmer gemietet, um sich und sein Schreiben wiederzufinden.

Was für ein perfektes Ambiente für einen Roman über jenen Mann, „Der von den Löwen träumte“. Die Zimmer sehen noch heute so aus, als würde Hemingway gleich zurückkehren. Sie verströmen einen Hauch seiner Präsenz. Genau hier schrieb Hanns-Josel Ortheil sein Buch über den Venedig-Aufenthalt Ernest Hemingways. Eine Phase, in der er sein Schreiben verloren hatte. Schreibblockade. Unsicherheit, worüber noch zu schreiben sein könnte, und wie es ihm wieder gelingen könnte. Nach zwei Kriegen, die er an vorderster Front erlebte, schien es nun an Extremsituationen zu mangeln. Er war in Begleitung seiner vierten Ehefrau Mary Welsh Hemingway und auch hier hatte der gute Ernest wohl sein Pulver verschossen, durch weitere Eskapaden für Eifersucht zu sorgen. Stillstand.

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Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil

Hier. Genau hier lässt sich Hanns-Josef Ortheil fallen. In der Abgeschiedenheit der kleinen Insel, im authentischen Ambiente des ehemaligen Biotops seines Protagonisten und mit freiem Blick auf die Lagune. Hier entsteht ein Buch, das Hemingway von vielen Seiten zeigt, die sich mir so noch nicht erschlossen haben. Wie eine Urgewalt bricht er mit kleiner Entourage über Venedig her. Äußerlich ungebrochen, weltmännisch und der ganz große prominente Autor. Innerlich verzweifelt auf der Suche nach Inspiration und dem Funken, der alles wieder in Gang setzen würde. Seine Ankunft spricht sich rum. In aller Munde ist die Kunde vom Weltstar in der Lagunenstadt. Schnell umgibt er sich mit Menschen, die ihm behilflich sein sollen. Ein kleiner lokaler Journalist und dessen Sohn Paolo öffnen ihm die Tore zu den kleinen und großen Geschichten von Venedig.

Ortheil beschreibt die widersprüchlichen Facetten eines Charakters, der einerseits nach Aufmerksamkeit heischt und andererseits auf der Suche nach Anonymität ist. Ein Widerstreit, der niemals spurlos an Hemingway vorüberging. Ortheil gelingt mit seinem Roman nicht nur, das gesamte Werk Hemingways im Kontext mit Venedig einzuordnen. Er schließt Lücken in der Darstellung eines Schriftstellers, der in seiner Außenwirkung extrem polarisierte. Venedig ist das Niemandsland zwischen den Schaffensphasen des Genies. Ein Territorium nach erstem Weltruhm, nach drei gescheiterten Ehen und noch deutlich vor der Verleihung des Literaturnobelpreises. Hier erleben wir Hemingway pur und greifbarer, als in so mancher Biografie.

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil erweist sich als großer Verführer. Diese Hommage an Ernest Hemingway verleitet dazu, in den Kanon seiner Bücher einzutauchen. Und Ortheil gibt den Weg vor, den man beschreiten kann, um sich die Meta-Ebene seines Romans zu erschließen. Warum kam Hemingway nach Venedig? Man lese einfach seinen Roman über den Ersten Weltkrieg „In einem anderen Land“. Welches Buch entstand während seines Aufenthaltes am Ende der 1940er Jahre? Man lese den Venedig-Roman „Über den Fluss und in die Wälder“. Was ihn zum wahren Meisterwerk „Der alte Mann und das Meer“ inspirierte, erfährt man jedoch besser als in jeder Biografie von Hanns-Josef Ortheil im Roman „Der von den Löwen träumte“.

Ein Roman, der eine Zeit beschreibt, in der die Lebensgeister Hemingways neuen Aufschwung erhielten. Gespräche mit einem jungen Fischer, die eine Idee reifen und Gestalt annehmen ließen, die Hemingway zur Legende machte. Eine platonische oder eben gar nicht platonische Affäre mit der blutjungen Venezianerin Adriana Ivancic, mit der er literarisch „Über den Fluss und in die Wälder“ zog. Sie ist seine „Renata“. Eine Affäre, die seine Ehe belastete und die Weltpresse in Atem hielt. Und dann sind es die leisen Momente auf der Suche nach dem eigenen Schreiben, die Hemingway inmitten der größten Schreibblockade seines Lebens so nahbar machen. Ortheil gelingt eine im großen Ganzen und im Detail extrem atmosphärische Charakterstudie, die zugleich die Liebeserklärung Hemingways an die Lagunenstadt widerspiegelt.

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil

Ich habe mir oft vorgestellt, wie es wohl wäre, beide Schriftsteller an einem Tisch in Harry`s Bar erleben zu können. Ich denke, sie hätten sich viel zu erzählen. Wobei doch die Gefahr bestünde, dass Hemingway in einem seiner endlosen Monologe über sich und die Welt dozieren würde, während Hanns-Josef Ortheil still und leise genießen und beobachten würde. Und wahrscheinlich würde Hemingway den guten Ortheil unter den Tisch trinken. Aber das ist nur eine Vermutung. Lesenswert. Nicht nur für Fans von Ernest Hemingway, sondern eben auch für diejenigen, die der feinen Feder Ortheils treu ergeben sind.

Mehr zu Ernest Hemingway findet man hier. Die kleine literarische Sternwarte ist ein Ort, an dem sich sein Schreiben vielfältig verankert hat.

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

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