Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

Ich erwarte die Ankunft des Teufels - Mary MacLane - Astrolibrium

Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

Heutzutage hätte Mary MacLane wohl ein provozierendes Selfie gemacht oder sie würde als Aktivistin einer Initiative zur Abschaffung der Weltkirche die Stimme erheben. Vielleicht wäre sie die wilde Vorreiterin einer Frauenbewegung. Sie säße in Talkshows, gäbe Radiointerviews oder würde mit entblößtem Busen die Bühnen des Establishments stürmen. Damals jedoch. Im Jahr 1901. In Montana. Als 19jährige Frau. Da schrieb sie Tagebuch. Damals schon war sie skandalös. Heute wäre sie es erneut. Mary MacLane. Sie schrieb gegen die Verzweiflung an, am Arsch der bekannten Welt zu einem Leben verurteilt zu sein, das sie in dem traditionellen Frauenbild des amerikanischen Westens einsperren würde. Sie schrieb sich die Wut von der Seele, täglich an ihre Grenzen zu stoßen und sich selbst im archaischen Kosmos der Kleinstadt Butte zu verlieren…

Dabei verkörperte sie alles, was ihr direktes Umfeld in Angst und Schrecken versetzt haben musste. Sie brach alle Tabus, widersetzte sich allen Normen und wirkte auf die Menschen ihrer Stadt wie ein Schreckgespenst. In einer Zeit von Law and Order und einer von Männern dominierten Welt, in der ein Revolver Peacemaker genannt wurde, war sie das, was wir heute eine Systemsprengerin nennen würden. Ihr Ausbruch aus dem goldenen Käfig ist ein literarischer Hilfeschrei, ein Manifest gegen die Fesseln der Gesellschaft und das Psychogramm einer jungen Frau, die auch aus heutiger Sicht als psychotherapeutischer Notfall bezeichnet werden könnte. Hier reichte alleine schon der Buchtitel Ich erwarte die Ankunft des Teufels, um einen echten Skandal auszulösen. Ein Skandal jedoch, der aus einem wilden Tagebuch einen Bestseller machte.

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Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

Dabei war Mary MacLane sich des gewählten Stilmittels mehr als bewusst. Es ist eine geladene Waffe in ihrer Hand. Nur ein Tagebuch. Augenscheinlich ja nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Es ist intim. Es ist, als würde man der jungen Autorin über die Schultern schauen, wenn sie fabuliert. Wir fühlen uns, als würden wir selbst mit einem Tabu brechen, wenn wir diese Zeilen lesen. Das hat sie geschickt aufgebaut. Was sie dann aus dieser Waffe abfeuert ist für das Jahr 1901 eine Sensation. Da sitzt also ein Mädchen in ihrem Zimmer und outet sich in jeder Beziehung. Sie lebt ihre Träume aus und lässt uns an ihren Leidenschaften und Hoffnungen teilhaben. Sie bricht damit alle Konventionen ihrer Zeit. Ihr Manifest muss zur Schockstarre geführt haben.

Mary MacLane verabscheut Männer, sie zweifelt an der Autorität der Kirche, nur der Teufel selbst verheißt ihr das Glück, das ihr von der Gesellschaft verweigert wird, sie ist von ihrer ehemaligen Lehrerin fasziniert, mit der sie homoerotische Lustträume und ein Gefühlsleben teilt, das den Frauen im Westen nicht nur Schamesröte ins Gesicht trieb. Mary MacLane wartet auf die Ankunft des Teufels, weil sie sich nur von ihm Befreiung erhofft. Die Liste der Sakrilege, die sie in ihrem Tagebuch begeht ist endlos. Sie heitzt alle Gerüchte an, die über sie schon im Umlauf waren. Sie dabei als Vorreiterin einer modernen emanzipatorischen Bewegung zu sehen, wäre grundfalsch. Sie ist eher der Prototyp einer feministischen Egomanin, da ihr der Rest der Welt völlig egal ist.

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Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

Glaubt mir, es ist nicht leicht den Gedankengängen von Mary MacLane zu folgen. Sie kommt wie eine verzogene junge Göre mit übersteigertem Selbstbewusstsein daher, die nur provozieren will. Ihre ewige Litanei, sie sei ein Genie, könne jedes Buch besser schreiben, als die eigentlichen Schriftsteller, ihre offen gezeigte Gewissenlosigkeit und andere Facetten ihrer Selbstreflexion schreckten mich oftmals ab. Und doch präsentiert sie uns damit die äußere Schale ihrer zerrissenen Persönlichkeit. Es ist der sichtbare Teil des Vulkans, den sie offen zur Schau stellt. Es ist die Wut-Lava, die sich über uns und die Leser von einst ergießt und Montana zu einem zweiten Pompeji werden lässt.

Wenn sie jedoch in das innere des Vulkans blickt, dann kommen Unsicherheit und Verletzlichkeit ans Tageslicht. Dann sehen wir ihre tiefsten Gedanken, die beseelt sind vom Wunsch, eine unvergessene Schriftstellerin zu werden. Man spürt, wie sehr sich Mary McLane wünscht, die Lava möge bis zu uns fließen, erstarren und ein Denkmal errichten, das ewig an sie erinnern soll. Das Buch hat heute nichts Skandalöses mehr. Die Zeit hat die Konventionen beiseite gespült, hat Frauen neue Rollen ermöglicht und die Gefängnismauern weitgehend gesprengt. Was von Mary MacLane bleibt, ist die mit Händen zu fassende Kreativität, die in jedem Wort, jedem Satz zu pulsierender Lava im Tagebuch ihres jungen Lebens wird.

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Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

Ich bin dankbar, ihr begegnet zu sein. Ich habe ihr Tagebuch geschlossen und mich gefragt, ob sie ihren Teufel jemals getroffen hat. Ich fragte mich, ob sie ihr Glück jemals gefunden hat. Der frühe Ruhm ihres Erstlingswerkes muss ihr gefallen haben. Ihr Buch hat damals hohe Wellen geschlagen und doch hat man Mary MacLane wohl irgendwann vergessen. Es war nicht relevant, was sie schreibt. Es gehörte nur ihr. Zu egozentrisch und skandalumwittert. Nach ihrem Tod im Alter von 48 Jahren konnte man ihr Schaffen selbst in Montana nicht mehr konservieren. Die Bergarbeiterregion hatte wichtigere und weitreichendere Probleme zu bewältigen, als das Andenken an Mary MacLane pflegen zu wollen.

Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ hat aus meiner ganz persönlichen Sicht für das heutige Frauenbild wenig Relevanz. Und doch bleibt es ihr Geist, der mich nachhaltig beschäftigt. Sitzen nicht auch gerade in diesem Augenblick viele junge Frauen an ihren Computern und schreiben von aberwitzigen Träumen, radikalen Ideen und den Teufeln, die uns heimsuchen sollen, um sie zu befreien? Wird man in mehr als hundert Jahren auch von ihnen schreiben, dass die Konventionen und Tabus nicht mehr existieren, die ihr Leben so sehr beschränkten. Erklären wir sie also nicht leichtfertig für verrückt oder durchgeknallt. Blicken wir hinter ihre Kulissen und Fassaden. Vielleicht finden wir eine moderne Mary MacLane, die sich wie Phönix aus der Asche erhebt und für Skandale, Furore und Aufsehen sorgt. Ist das nicht die wahre Aufgabe von Literatur? Dem Neuen Raum geben, das Ungeschriebene formulieren und Grenzen zu überwinden? Bleiben wir in Bewegung… 

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Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

„Das erste Drittel unseres Lebens verbringen wir in der Erwartung des Glücks. Dann kommt es, vielleicht, und bleibt für zehn Jahre, oder für einen Monat, oder drei Tage, und der Rest unseres Lebens wird in Ruhe und Frieden verbracht, mit der Erinnerung an das Glück.“

Mary MacLane hätte ich damals sicher eine Seite meines Kalenders Frauen lieben Schreiben gewidmet. Sie hätte die illustre Runde bestimmt aufgemischt.

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Eine Deutschlandreise“ von Thomas Wolfe – Manesse Verlag

Es sind sechs Etappen, in denen wir mit Thomas Wolfe durch Deutschland reisen können. Es sind zugleich sechs Zeitzonen der deutschen Geschichte, die wir an seiner Seite erleben dürfen. Warum jedoch ist das Reisejournal eines Schriftstellers relevant, der im Alter von 38 Jahren auf dem Höhepunkt des Erfolgs 1938 verstarb? Warum sind seine Tagebücher geeignet, uns hinter dem literarischen Ofen hervorzulocken? Sicher gibt es Autoren, deren Betrachtungen des sich intensiv veränderndes Landes objektiver und im geschichtlichen Zusammenhang fundierter sind. Warum einen Romancier lesen, dessen Lebenswerk durch monströse Werke wie „Schau heimwärts, Engel“ und „Von Zeit und Fluss“ geprägt ist? Was kann er uns geben, was wir nicht schon wissen? Hat dieses Buch das Potenzial, mein Lesen zu bereichern? (PodCast verfügbar)

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - Die Rezension fürs Ohr - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Dies waren die zentralen Fragen, die mich zuerst daran zweifeln ließen, als Horst Lauinger – seineszeichens Programmleiter des Manesse Verlages – dieses Buch auf der Frankfurter Buchmesse im kleinen Kreis vorstellte. Ich zweifelte daran, weil ich dem Zeitgenossen von Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald bisher literarisch nicht begegnet bin. Seine Bücher waren mir unbekannt und eigentlich wollte ich nicht gerne ein Lesekapitel öffnen, das eher einer Retrospektive gleichkäme. Und doch erlag ich in der kleinen Runde der Leidenschaft des Verlegers, der sich lapidar als Türsteher und Animateur im Club der toten Dichter bezeichnet.. Hätte ich geahnt, wie dramatisch sich das Lesen der „Deutschlandreise“ auf mein zukünftiges Lesen auswirkt, ich hätte vielleicht davor zurückgescheut. Das Opfer jedoch, Wolfe nicht kennenzulernen, wäre einfach zu groß gewesen. Nun schreibe ich hier als glückliches Opfer…

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe – Programmleiter Horst Lauinger

Wenn ich also Eine Deutschlandreise hier vorstelle, spreche ich damit eine klare Leseempfehlung aus. Einem Opfer nimmt man das vielleicht ab, weil ich jetzt aus einer Gefangenschaft schreibe, die ich nicht bereue. Mein Urteil: lesenslänglich. Ich bin selbst schuld daran. Das mag ich nicht verhehlen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle mit ein paar handfesten Bedenken aufräumen, die dem Genuss dieses Buches im Weg stehen könnten. Und schon sind wir mittendrin in der Rezension eines Reiseberichtes, der alles ist, nur kein Reisebericht. Es handelt sich eher um die geschickte Kollektion aller Texte, die Thomas Wolfe in den Jahren 1926 bis 1936 als Selbstzeugnis seiner Reisen durch Deutschland verfasste. Es sind skizzenhafte Tagebuchaufzeichnungen, Ansichtskarten und lange Briefe an die Liebe und Muse seines Lebens Aline Bernstein, seinen Lektor Maxwell E. Perkins und Freunde, die er hinterließ. Es sind starke Kurzgeschichten, zu denen er inspiriert wurde und es sind letztlich die Romane, auf die man neugierig wird, wenn man die Deutschlandreise beendet hat.

Thomas Wolfe ist in der Herangehensweise an sein Sehnsuchtsland Deutschland so wundervoll naiv und subjektiv. Man spürt seine deutschen Wurzeln, das Gefühl für seine heimliche Muttersprache und das stereotype Menschenbild, das er an jeder Ecke zu erwarten scheint. Es sind die specknackigen Deutschen, auf die er trifft. Es sind die Angehörigen der studentischen Vereinigungen, auf die er mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung blickt. Der „Schmiss„, also die Narbe aus dem Fechtkampf, wird für ihn zum Synonym einer Generation. Er erlebt die Weimarer Republik und den langsam aufziehenden Nationalsozialismus. Er erlebt die braunen Horden. Er sieht mit Hitler den „starken Mann“, der das Gefüge der Welt aus den Angeln hebt. Und alles was ihm am Anfang der Zeitenwende noch so harmlos erscheint wird greifbar lebensgefährlich, als er die Konsequenzen der Machtübernahme der Nazis für seine jüdischen Verleger im Dritten Reich realisiert. Die einzelnen Reise-Etappen werden zu Momentaufnahmen im Sturm der Zeit. Eindrucksvolle Fotos aus dieser Zeit belegen das eindringlich.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Dabei werden wir zu Weggefährten eines aufmerksamen Beobachters und eines Mannes, mit dem wir uns gerne mal auf ein Glas Bier in einem Lokal verabredet hätten. Gerade die unterschiedlichsten Phasen seiner Schriftsteller-Karriere machen das Buch so lesenswert. Erste Reisen durch Deutschland erlebt er als noch nicht verlegter Autor. Neidisch blickt er in die Schaufenster der Buchhandlungen, bestaunt die Bücher seiner Kollegen, die ihre Spuren bereits im deutschen Sprachraum hinterlassen haben. Sein Blick fällt auf James Joyce, Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald. Später, nach der Veröffentlichung der Übersetzung seines ersten Romans Schau heimwärts, Engel wird auch er wahrgenommen. Er sonnt sich im aufstrebenden Ruhm und genießt es, im Rampenlicht zu stehen.

Wir entdecken die Muster seines Schreibens, spüren die Textmelodien, die sich aus den Tagebüchern in die längeren Briefe übertragen. Hier werden die Skizzen ausgemalt und lebendig. Seine darauf aufbauenden Kurzgeschichten „Dunkel im Walde, seltsam wie Zeit„, „Oktoberfest“ oder „Nun will ich ihnen etwas sagen“ sind dann bereits von einer außergewöhnlichen literarischen Klarheit gekennzeichnet. Es ist gerade der flotte Wechsel zwischen Tagebuch, Postkarten, Brief und fiktionaler Erzählung, der hier zum Strickmusterbogen jenes Buches wird, das uns Thomas Wolfe so nahbringt, wie es ihm selbst wohl gar nicht recht gewesen wäre. Es fühlt sich an, wie das Lüften der intimsten Geheimnisse des Schriftstellers, der uns niemals einen Blick auf die Blaupause seines Schaffens gewährt hätte. Hier liegt sie nun offen. Wir sollten behutsam mit ihr umgehen. „Eine Deutschlandreise“ entschlüsselt die literarische DNA eines großen Autors.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Wer sich mit Thomas Wolfe auf Eine Deutschlandreise begibt, wird in vielfacher Hinsicht von einer meisterlichen Kollage begeistert werden. Wir werden zu Zeugen der Entwicklung eines Genies zu einem Bestsellerautor, wir treffen ganz zufällig auf die wichtigen Weggefährten seines Lebens und begegnen ganz zufällig James Joyce. Wir entdecken unsere Heimat neu. Frankfurt, München oder Berlin in den Zeitscheiben des Buches zu erwandern, ist ein besonderes Erlebnis. Es wird zusehends dunkler im Land seiner Väter. Thomas Wolfe begibt sich auf eine Gratwanderung, die ihn selbst fast zu einem Flüchtling werden lässt. Diese Eindrücke verfestigen sich in seinen Romanen. In kaum einer anderen Vita steckt so viel eigenes Erleben als Grundlage des Schreibens, wie in der von Thomas Wolfe. Authentizität und Leidenschaft gehen hier Hand in Hand.

Ich bin ein Opfer. Und ich bin es mehr als gerne. Ich habe seine Romane um mich versammelt, ich werde sie lesen, werde die Fährten aufspüren, die Thomas Wolfe auf seinen Reisen gelegt hat. Ich werde Menschen in seinen Büchern wiedererkennen, die er schon in seinen Kurzgeschichten nicht sehr gut verbergen konnte. Ich werde Berge und Städte wiedererkennen, die er im Tagebuch nur angerissen hat und ich werde mir wohl die Augen verwundert reiben, wenn ich die kleinen Belanglosigkeiten des Reisens in seinen Romanen zur Literatur erhoben sehe. Man wird noch von mir hören, da mich Thomas Wolfe noch lange beschäftigen wird. Er schrieb nicht viele Geschichten, bevor er im Alter von 38 Jahren starb. Und doch sind es tausende Seiten, die er hinterließ.

Ich bin infiziert und gebe den Thomas-Wolfe-Virus gerne weiter. Hier ist jedoch das Gegenmittel bekannt. Es ist in jeder Buchhandlung zu erhalten, nur kann ich euch leider kein Rezept ausstellen. Privatleser kennen das ja schon. Es gibt keine Versicherung in unserem Land, die unsere Leidenschaft unterstützt. Was kommt also noch? Was könnt ihr noch von mir erwarten. Zuerst einmal ein Filmtipp. „Genius“ mit Jude Law und Colin Firth gehört für mich zu den brillantesten Literaturfilmen. Hier wird die Geschichte eines Lektors erzählt, dessen heroische Aufgabe darin besteht, die mehreren tausend Seiten der Mansukripte von Thomas Wolfe so zu literaturisieren, dass es lesbare Meisterwerke werden. Seine Referenzen: Hemingway und F. Scott Fitzgerald. (Die auch in diesem Film vorkommen). Stark inszeniert und vor bibliophiler Leidenschaft nur so strotzend.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Und dann folgen die Bücher: Schau heimwärts, Engel, Von Zeit und Fluss und Die Party bei den JacksIch danke dem Türsteher im Club der toten Dichter für die Infektion. Ich komme mit den Symptomen derzeit ganz gut zurecht. Doch werde ich oft mitten in der Nacht wach und schrecke im Gefühl auf, noch ungelese Wolfe-Romane auf dem SUB liegen zu haben. Unheilbar lesekrank.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Sie bleibt seltsam anonym. Fast namenlos, obwohl sie sich zeitlebens mit einem Titel schmückte, der in Finnland berühmt und berüchtigt zugleich war. „Die Frau des Obersts“. Wenn Rosa Liksom ihre Geschichte erzählt, dann ist dies sicher ein Roman. Daran besteht kein Zweifel. Es ist nicht die Lebensgeschichte von Annikki Kariniemi. Die hat sie in ihrer Autobiografie „Die Anatomie einer Ehe“ schon längst selbst erzählt. Wenn Rosa Liksom erzählt, dann innerhalb eines Rahmens, der bekannt erscheint, es aber doch nicht ist, weil ihre wahre Stärke in der Fiktion verborgen ist…

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom – Mit einem Klick zum Audio-PodCast

So könnte diese Rezension beginnen…

Eine Frau lässt in einem finnischen Dorf ihre vier Leben Revue passieren. Es sind Leben voller Gewalt und Vorbestimmung. Leben unter der Überschrift eines Titels, mit dem sie sich schmückt, weil er sie lebenslang begleiten sollte. „Die Frau des Obersts“ blickt zurück auf den Alltag im strengen Elternhaus, das Leben an der Seite eines alten Obersts, ein Leben danach mit einem jüngeren Ehemann und ganz zum Ende auf eine letzte Etappe eines langen Lebensweges. Es ist zugleich ein Rückblick auf die Historie ihrer Heimat, den ideologischen Sittenverfall Finnlands unter den Nazis und ihre eigene Rolle im Konzert des Hasses.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Auch so könnte sie beginnen.

Dieser Roman ist eine Zerreißprobe für den gesunden Menschenverstand. Zweifel an der Plausibilität der erzählten Geschichte kommen nicht auf, was sie nur schlimmer macht. Dieser Roman erzählt die Geschichte einer Finnin, die einer Ideologie und ihrer Liebe zu gleichen Teilen verfällt. Machthungrig, selbstvergessen bis zur Selbstaufgabe und leidensfähig bis zum Ende. Die Hauptsache, sie behält ihren Ehrentitel. „Die Frau des Obersts“ lässt sich durch die Geschichte ihres Lebens prügeln, vergewaltigen und erniedrigen, sie lässt sich das ungeborene Kind aus dem Bauch schlagen. Sie geht den dornenreichen Weg einer Gewaltbeziehung, um selbst über andere erhaben zu sein.

So möchte ich beginnen, weil mich das so sehr beschäftigt hat, dass ich den Roman von Rosa Liksom mehrfach unterbrechen musste, weil mir die Gewaltorgien einfach zu sehr auf dem Magen lagen. Selten zuvor hatte ich so sehr mit einem Buch zu kämpfen. Einerseits öffnete mir die finnische Autorin das Tor zum Verständnis der ideologischen Verwerfungen in ihrem Heimatland vor und während des Zweiten Weltkrieges. Alliierte der Nationalsozialisten, Feinde der Russen, bereitwillig am Rassenhass der Nazis und an der Ausgrenzung von Juden beteiligt, später im Zweifrontenkrieg aufgerieben und in seine Elementarteilchen zerlegt. Ein ganzes Land, das systematisch zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein schien. Und mittendrin ein kleines Mädchen, dessen strenges Elternhaus und die nationalistischen Ansichten des Vaters einen Weg vorgaben, der im Chaos enden musste.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Schon im Alter von vier Jahren wird das Mädchen mit jenem Oberst konfrontiert, der ständig bei ihrem Vater zu Besuch ist. Achtundzwanzig Jahre älter als sie und mit einem scharfen Blick auf die Heranwachsende, wird schon hier ihr Schicksal besiegelt. Nicht gegen ihren Willen wird sie später und über Umwege seine Ehefrau. Endlich am Ziel angelangt, als „Frau des Obersts“ und glühende Nationalsozialistin zum Teil des Machtapparats zu gehören. Gewalt richtet sich gegen Unterprivilegierte. Hass hat eine Zielrichtung. Doch als der Krieg verloren ist, wird sie zum Ziel der wilden Aggressionen ihres Ehemanns. Was im Elternhaus begann, setzt sich nun in der häuslichen Gewalt in der Ehe fort.

Es ist die Sicht der geprügelten Ehefrau, die uns hier erschreckt. Bereitwillig und in untertäniger Ehrfurcht vergießt sie Blut und Tränen, verliert ihr Kind und wird durch das eigene Haus geprügelt, wie ein rohes Stück Fleisch. Erst als sie kapiert, dass sie ihren Titel auch führen darf, wenn sie ihren Peiniger verlässt, befreit sie sich. Ein junger und liebevoller Mann begleitet sie in ihr drittes Leben. Hier schreibt sie sich frei. Es ist eine Abrechnung mit ihrer Vergangenheit, die entsteht und sie erneut vereinsamen lässt, da sie auch ihre Rolle reflektiert. Am Ende bleibt sie allein zurück. Mit einem Buch, das im ganzen Land seine Wellen schlägt. Ihr bleibt nicht nur der Titel, ihr bleibt auch der Ruf einer glühenden Nationalsozialistin, die jeden Pakt mit jedem Teufel eingegangen wäre um sich „Die Frau des Obersts“ nennen zu dürfen.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Der Roman ist verstörend. Das jedoch kann er nur sein, weil er so grandios erzählt ist und weil seine Bilder eine Gedankenflut auslösen, die auf der letzten Seite nicht abebbt. Rosa Liksom verarbeitet die wahre Geschichte einer Annikki Kariniemi literarisch und schonungslos. „Everestinna“ ist der Originaltitel des Romans. Er schlug hohe Wellen in Finnland, weil sich Rosa Liksom ein besonderes sprachliches Mittel wählte. Bis auf den Anfang und das Ende des Romans schreibt sie im Dialekt des Tornion-Tals, der Meän-Sprache. Die Verwendung des Dialekts ist sinnvoll, da der Roman der Monolog seiner Protagonistin ist. In einer Nacht durchlebt Everstinna ihre vier Leben von ihrer Kindheit über den Oberst bis zur zweiten Ehe und letztlich zum Schlusspunkt der Geschichte.

Wenn ich auch ständig das Gefühl hatte, der Geschichte einer Frau zu folgen, so weiß ich am Ende des Buches, dass Rosa Liksom im eigentlichen Sinn über jede Form des Faschismus geschrieben hat. Die Handlung kann nur in den Rahmenbedingungen eines ideologisch auf Linie getrimmten Landes funktionieren. Wir werden Zeugen eines Lebensweges, in dem Internierungslager und Liquidierungen zum Alltag gehörten. Was jedoch geschieht, wenn das ideologische Gebilde im Vakuum implodiert, liest sich wie der Albtraum von einer Wahnvorstellung. Loyalität und Karrieresucht korrumpieren den Menschen. Das ist eine der korruptesten Geschichten meines Lebens. Selbstaufgabe hat einen Titel: „Die Frau des Obersts“. Die hochrangigste Neuerscheinung, die mich an die Grenzen des Erträglichen geführt hat. Vorsicht vor diesem Buch. Es ist gewaltig.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit - Astrolibrium

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

„Warte, warte nur ein Weilchen,
bald kommt Haarmann auch zu dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen,
macht er Schabefleisch aus dir.
Aus den Augen macht er Sülze,
aus dem Hintern macht er Speck,
aus den Därmen macht er Würste
und den Rest, den schmeißt er weg.“

Welcher Serienmörder hat schon sein eigenes Lied? Frei nach dem Motto, „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ war dieser Gassenhauer Warnung vor Unbekannten und Gruselschocker zugleich. Verdientermaßen, lag doch diesem Liedtext eine beispiellose Mordserie zugrunde. Zwischen 1923 und 1924 wurden besagtem Fritz Haarmann allein 24 Ermordungen junger Männer zur Last gelegt. Der Schauplatz der Taten: Hannover. Die Ermittlungen verliefen zäh, die Polizei schien ratlos und die Aufklärung zog sich zu lange hin. Viele Morde hätten verhindert werden können, so auch die öffentliche Sicht damals. Der Fall Fritz Haarmann wurde vielfach literarisch und filmisch verarbeitet. Der Götz-George-Film „Der Totmacher“ gehört hier zu den gelungensten Werken. Mir liegt darüber hinaus die Graphic Novel „Haarmann“ von Peer Meter und Isabel Kreitz vor, in der ein atmosphärisch dichtes Täterprofil skizziert wird. Düster und bedrohlich.

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit - Astrolibrium

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

Deshalb war ich doch erstaunt, den Roman „Haarmann“ von Dirk Kurbjuweit in der Programmvorschau des Penguin Verlages für den Februar 2020 zu entdecken. War da nicht schon alles erzählt? Wusste man nicht, wie die Ermittlungen verliefen, wie damals der Prozess gegen ihn endete? Gab es noch Überraschendes, nicht Erzähltes, Neues? Und dann auch noch Dirk Kurbjuweit. Der renommierte Schriftsteller und Journalist ist bekannt für seine unverbrauchten Themen und die analytischen Gratwanderungen auf den Verwerfungen die im Spannungsfeld Zeitgeschehen und Politik entstehen. Was hat ihn dazu bewogen, Fritz Haarmann in den Mittelpunkt seines Schreibens zu stellen. Die Frage beschäftige mich nachhaltig. Nach dem Lesen ist mir klar, was Dirk Kurbjuweit mit seinem Roman eigentlich erreicht hat. 

Im Gegensatz zu den zahlreichen Täterprofilen über einen Mörder, der seine Opfer im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlachtet hat, schlachtet er Täter und Taten nicht aus, sondern wirft einen Blick auf die Zeitscheibe und die Rahmenbedingungen, die es einem solchen Täter ermöglicht haben, weitgehend unerkannt in Hannover zu morden. Nein. Dirk Kurbjuweit legt mit „Haarmann“ keinen kannibalistischen Grusel-Thriller vor. Er tastet sich aus der Perspektive seines Ermittlers an die Stimmungslage in der Stadt und der Polizei heran. Er seziert die Ausgangslage für die Morde und lässt uns mit den Eltern gemeinsam fassungslos auf die Ausmaße der ungeklärten Mordserie blicken. Es ist die offensichtliche Hilflosigkeit der Kriminalpolizei, die Kommissar Robert Lahnstein nach Hannover führt. Es herrscht Angst in der Stadt. Besorgte Eltern geben sich bei der Polizei die Klinke in die Hand. Die vermissten Jugendlichen sind unauffindbar. Spuren: Fehlanzeige. Zeugen: Fehlanzeige. Das Morden geht weiter.

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit - Astrolibrium

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

Dieser wahre Kriminalroman hebt sich deutlich von vergleichbaren Schablonen des Genres ab. Die beispiellose Mordserie steckt den Rahmen der Handlung ab, ohne dabei zur Kulisse zu verkommen. Der Druck auf die Polizei wächst enorm von Mord zu Mord, jedoch nicht nur von Seiten der Eltern und der Bevölkerung von Hannover. Hier sind es die politischen Rahmenbedingungen der instabilen Weimarer Republik, die hier ihren vollen Wirkungsgrad entwickeln. Der Friedensvertrag von Versailles verhindert in der öffentlichen Wahrnehmung die adäquate personelle Ausstattung der Polizei. Dabei muss das fragile Republikgebilde gerade jetzt beweisen, dass es für Sicherheit sorgen kann. Sozialdemokraten stehen im Widerstreit mit Kommunisten und Nationalisten mit dem Rücken an der Wand. Selbst die Polizei ist nicht als homogener Körper zu sehen. Gerechtigkeit ist Interpretationssache. Methoden stehen auf dem Prüfstand. Was, wenn Folter wieder salonfähig würde. Was, wenn man auf sie verzichtet und sich das Morden fortsetzt?

Dirk Kurbjuweit strukturiert Haarmann in Spannungsbögen, die zum Pageturner mutieren. Die Innenansichten seines Kommissars, die internen Verwerfungen bei der Polizei und der Leidensdruck der Eltern, die auf den Fluren Schlange stehen sorgen für hochexplosiven Sprengstoff. In kursiven Einschüben werden wir dann zu Zeugen einer Flucht eines jungen Mannes, dem Wunsch vor den Eltern abzuhauen und Hannover als Etappe zu nutzen. Wir ahnen, wo er enden wird, denn ebenso kursiv begegnen uns die Gedanken des Täters, der wie die Spinne im Netz auf Opfer wartet. Dirk Kurbjuweit hat nicht nur die politischen Strömungen seziert und analysiert. Ihm gelingt in seinem Buch das Besondere. Er enthebt die Opfer der Masse. Er verdeutlicht, dass hinter jeder Zahl eine Geschichte steht. So tragisch, so unverwechselbar, so einzigartig. Selbst der letzte Blick auf Fritz Haarmann zeigt die verworrene Situation, in der das Morden möglich war. Der Serienkiller mit geringem IQ und psychopathischer Veranlagung ist ein Opfer. Eine homophobe Gesellschaft drängte alle Menschen mit homoerotischen Neigungen an den Rand und in die Kriminalität. Bahnbrechendes Schreiben von Kurbjuweit, weil er diesen Facetten auch in seinem Ermittler Raum gibt. Hier finden sich keine Klischees.

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit - Astrolibrium

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

Kurbjuweit macht jene Serienmorde auch für Lesende lesbar, die einen Krimi nicht immer mit Blutorgien verbunden sehen wollen. Er öffnet eine längst geschlossene und gelöste Fallakte auch für politisch interessierte Leser, die in der Weimarer Republik den Anfang der Fehlentwicklung im 20 Jahrhundert erkennen. Der starke Mann wird schon hier gesucht. Recht und Gesetz gilt es zu verteidigen und eine politische Grundhaltung der inneren Instabilität ist zum Tode verurteilt. Mit Fritz Haarmann sitzt hier auch eine Demokratie, eine ganze Republik auf der Anklagebank. Dirk Kurbjuweit gelingt es, sich sprachlich auf die Besonderheiten der Zeit einzulassen. Seine Dialoge sind straff, seine szenischen Aufzüge düster. Mit seinem Ermittler erschafft er einen Kommissar, der auf der Suche nach sich selbst, seinen Wertvorstellungen und Vorbildern ist. Dabei werden wir aus der Ferne an Kriminalfälle erinnert, die sich in unserer Zeit zugetragen haben.

Ist Folter ein Instrument, die Wahrheit herauszufinden, wenn ein Kind entführt wird und der Täter schweigt? Gibt man neben der Rechtsstaatlichkeit auch Werte auf, wenn man diesen Weg geht? Macht man sich angreifbar und wird man selbst kriminell, oder muss man bestimmte Entscheidungen mit dem eigenen Gewissen ausmachen. Fragen, die den Roman überstrahlen und die Lesenden beschäftigen. Jeder hat seine eigenen Antworten. Kurbjuweit überrascht am Ende seines Romans. Sein Rechtsempfinden ist sinnbildlich für die erzählte Geschichte. Halbdokumentarisch baut er auf realen Fällen und einem realen Täter auf. Volldokumentarisch lässt er ihn zu Wort kommen. Ich war entsetzt und erstaunt zugleich, weil ich diesen Teil der wahren Geschichte nicht kannte.

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit - Astrolibrium

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

Die Graphic Novel Haarmann von Peer Meter und Isabel Kreiz stammt aus dem Jahr 2010. Hier findet sich das Täterprofil des Mörders, hier werden wir auch szenisch mit den Taten konfrontiert. Die Illustrationen lassen ein Hannover auferstehen, das sich in kollektiver Angst in sich zusammengezogen hatte. Ein Biotop des Bösen. Das Buch wirkt wie das Drehbuch zu einer Verfilmung. Man bekommt einige Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Hier wird Klartext gezeichnet und geschrieben. Atmosphärisch gelungen und für mich persönlich eine perfekte visuelle Ergänzung zu Dirk Kurbjuweits Roman. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, welch intensive Beziehung meine Bücher eingehen. Sie scheinen miteinander zu sprechen. Ihre Dialoge sind oft düster. Ihre Bilder stoßen manchmal ab. Im tiefen Inneren jedoch tragen sie Botschaften, die bemerkenswert und tragfähig sind. Gerechtigkeit nicht um jeden Preis, und schon gar nicht auf Kosten der demokratischen Wertvorstellungen, das beschreibt die Sehnsucht, die „Haarmann“ in mir wachruft. Ein grandioser Roman, eine aufrüttelnde Graphic Novel. Eigenständige Werke ihrer Genres und doch im Dialog vereint. Ich bin dankbar, sie beide mein Eigen nennen zu dürfen.

Ich freue mich schon auf meine Begegnung mit Dirk Kurbjuweit auf der Leipziger Buchmesse. Ich werde ihm am Messesamstag meine Fragen stellen und bin gespannt auf seine Antworten. Bloß nicht den Kopf verlieren, sag` ich mir immer…

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit - Astrolibrium

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Zuletzt war ich an Bord der Erebus und habe die Nordwestpassage gesucht, war mit dem „Archivar der Welt“ unterwegs um ein fotografisches Archiv der Kontinente zu erschaffen und begab mich an der Seite der Gebrüder Schlagintweit In Schnee und Eis. Drei Jungs aus Bayern auf dem Weg nach Indien. Ihr Ziel, nicht nur der Himalaya, auch Kaschmir, das Karakorum, der Nanga Parbat, Turkestan, Panjab und viele andere Regionen, die unerforscht vor ihren Füßen lagen. Vielen dieser Entdecker und Forscher begegnet man nur einmal im Lesen. Dass ich die Schlagintweits erneut begleiten durfte ist Christopher Kloeble und seinem Roman „Das Museum der Welt“ zu verdanken.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Es ist der Christopher Kloeble, der mich mit seiner SagaDie unsterbliche Familie Salzüberzeugen konnte, dessen Erzählstil mich fasziniert hatte und bei dem ich mich als Leser gut aufgehoben fühlte. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass er in der Lage ist, mich auch tief in das Indien des 19. Jahrhunderts zu entführen. Dass er mir jedoch die Expeditions-Geschichte der Gebrüder Schlagintweit neu erzählen würde, davon bin ich nicht ausgegangen. Kloeble ist kein Nacherzähler. Er ist ein Erfinder, Entdecker und Neuerzähler. Er betritt keinen literarisch verbrannten Boden, um lediglich seine Spuren zu hinterlassen. Seine Perspektiven sind neuartig, unverbraucht, herausfordernd und in besonderer Weise lesenswert. So auch diesmal. 

Er macht aus seinem Museum der Welt die Wanderausstellung der Fantasie! Wir sehen Indien nicht aus den Augen der Schlagintweits. Wir erleben Forschungsreisen in fremde Kontinente nicht als das wissenschaftliche Erbe Alexander von Humboldts. Wir erleben das, was wir heute als „Clash of Cultures“ bezeichnen. Europäer, die aus der Perspektive des hoch zu Ross sitzenden Kolonialisten und Ausbeuters über die Länder herfallen, die sie unterjochen wollen. Wir sehen die Brüder Schlagintweit als Prototypen einer feindlichen Übernahme. Globalisierung durch allumfassenden Besitzanspruch und eine kulturelle Vormachtstellung, die auch wissenschaftlich fundiert ist. Hier beginnt die ideologisch rassistische Herabstufung der Urbevölkerung durch Expeditionen. Hier geht los, was ganze Kontinente in ihrer Entwicklung verzögert. Entwicklungsländer sind das nur aus unserer Sicht. Indien selbst sah sich damals als Hochkultur. Was haben wir da nur so nachhaltig zerstört…?

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Christopher Kloeble gelingt dieser Perspektivwechsel durch seinen Protagonisten, den Waisenjungen Bartholomäus. Gerade mal zwölf Jahre alt, von Jesuiten erzogen und an den Rand einer Welt gedrängt, die auch im Waisenhaus nach Underdogs sucht und in ihm findet. Heute würden wir ihn als das perfekte Opfer für Mobbing bezeichnen. Nur sein Erzieher und Vaterersatz „Vater Fuchs“ hält noch die letzte schützende Hand über ihn. Als dieser spurlos verschwindet, bricht die fragile Welt des Waisenhauses in Bombay für Bartholomäus zusammen. Da kommen die drei Brüder aus Bayern gerade zur rechten Zeit. Sie suchen einen Übersetzer für ihre Reise durch Indien, für den Weg bis zum Himalaya. Sie finden Bartholomäus, und aus ersten Zweifeln wird Vertrauen in einen kleinen Jungen, der hilfreich sein kann.

Christopher Kloeble dreht hier den literarischen Spieß gewaltig um. Ist Indien für die Schlagintweits nur ein Forschungsobjekt, so werden sie im Roman Gegenstand der Betrachtung. Bartholomäus beobachtet, notiert, sammelt Erkenntnisse, wertet und wird zum Wissenschaftler, der Wissenschaftler sammelt, wie seltene Schmetterlinge. Er hat seine emotionalen Messinstrumente auf drei Männer gerichtet, die weniger erforschen, als eigentlich zu sammeln. Sie nehmen mit Augen, Karten, Zeichnungen, Bodenproben, Totenmasken, Gliedmaßen, Tierkadavern mit einer unsystematischen Sammelwut alles in Besitz, was sie entdecken. Dass Bartholomäus sie lediglich als Vehikel für die Suche nach seinem „Vater Fuchs“ benutzt und ihnen gegenüber illoyal ist, bleibt verborgen.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

„Das Museum der Welt“ ist das eigentliche Projekt des kleinen indischen Jungen, der neugierig ist und alles sammelt, was ihm seine Heimat bedeutet. Für dieses Projekt hätte er den Nobelpreis verdient. Sein Museum ist tragbar. Er sammelt Gefühl, Geruch, Augenblicke und Menschen, die ihm begegnen. Er träumt davon, dieses Museum allen Menschen verfügbar zu machen, die sein Indien erleben wollen. Die Schlagintweits mit ihrer Weltsicht wirken dagegen wie Barbaren und Eroberer. Christopher Kloeble erzählt eine bisher unerzählte, ungesehene und unerlebte Geschichte. Ein buntes Kaleidoskop voller Eindrücke und ein Kosmos voller Brüche erwarten uns. Es ist ein Kulturkreis, der sich im Kopfmuseum eines kleinen Jungen ausdehnt. Wir riechen, schmecken, sehen und fühlen Indien.

Und wir sind nah bei Bartholomäus, als aus dem Zusammenprall der Kulturen für ihn mehr wird, als er es sich je vorgestellt hätte. Es ist der Roadtrip zu seiner eigenen Identität, es ist die Reise durch ein Land, das er so nie gesehen hat. Es ist das „Große Spiel“, in dem er plötzlich die Hauptrolle spielt. Ein Spiel aus Revolution, Konflikten und Verrat. Diese Reise kostet viele Opfer. Der Weg der Schlagintweits glich im Nachhinein einem Opfergang ohne wissenschaftlichen Wert. Sie konnten niemals alles auswerten, was sie nach Europa brachten. Und sie schafften es nicht zusammen zurück. Gräber in München zeugen noch heute von den Entdeckern von einst. Welche Rolle sie jedoch in Indien aus der Perspektive der Menschen gespielt haben, die sie erforscht haben, das erzählt nur „Das Museum der Welt“.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Ein wahrhaft historischer Roman, der sich in der Beschreibung dieser Expedition von 1854 bis 1857 an die überlieferten Fakten und Aufzeichnungen der Schlagintweits hält. Bartholomäus macht diese Reise zu einem Lese-Ereignis. Seine Selbstfindung und die Entscheidungen, die er trifft stehen hier für ein Land im Aufbruch und eine Kultur, deren Erben heute noch unter der Kolonialisierung leiden. Christopher Kloeble ist nun wirklich kein „Nacherzähler“. Im grandiosen Roman von Rudi Palla bin ich den drei Brüdern „In Schnee und Eis“ gefolgt. Kloeble doppelt nichts. Ich hatte niemals das Gefühl, alles zu wissen und nur Bartholomäus für mich neu zu entdecken. „Das Museum der Welt“ ist eine Inspiration, weil der Perspektivwechsel die Erben eines Alexander von Humboldt in ein neues Licht rückt.

Ein Abenteueroman von Format, in dem die Forscher zu den Erforschten werden. Kleiner Beweis gefällig? Lassen wir doch Bartholomäus zu Wort kommen:

„… Leider ist im Durchschnitt nur jeder vierte Bayer angenehm. Das lernte ich in meiner Zeit bei den Brüdern. Allerdings ist jeder von ihnen auf eine ganz eigene Weise unangenehm.“

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Wer sich das Abenteuer seines Lebens vorlesen lassen möchte, der kann mit der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag nach Indien reisen. Die Expedition zum „Museum der Welt“ dauert in der gekürzten Lesung 10 Stunden und 19 Minuten. Es ist Torben Kessler, der Bartholomäus zum Leben erweckt. Naiv, spitzbübisch und manchmal naseweis, immer jedoch beharrlich auf der Suche nach Exponaten für sein Museum, das er allen Indern zugänglich machen möchte. Wer das gehört hat, wird nie wieder ein Museum so betrachten können, wie zuvor. Großartig….

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble – Buch und Hörbuch

Impressionen zur Buchpräsentation bei dtv und einem Besuch am Grab finden Sie auf meiner Facebook-Seite AstroLibrium: Folgen Sie dem Hashtag #MuseumKloeble

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Wer übrigens der Meinung sein sollte, dies sei ein typisches Männerbuch, der ist gut beraten bei Steffi auf „Nur Lesen ist schöner“ vorbeizuschauen. Sie hat sich mit ihrer Rezension als wahre Museumswärterin geoutet, der man nicht widerstehen kann. Darüber hinaus widerlegt sie die These von Bartholomäus, dass „nur jeder vierte Bayer angenehm ist“. Steffi ist es auf die charmanteste Art und Weise.