„Marlenes Geheimnis“ von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Ich weiß, was ich mir von einem Roman aus der Feder Brigitte Riebe versprechen darf. Ich weiß, dass unter einer jeweils brillant erzählten Schicht guter Unterhaltung die Ebene verborgen liegt, die es der Historikerin erlaubt, einen Erzählraum zu gestalten, in dem sie authentisch und fundiert aus dem Vollen schöpft. Ihr aktuelles Werk „Marlenes Geheimnis“ beinhaltet diese Ebene. Sie entführt die Leser an die Schwelle des zweiten Weltkriegs und konfrontiert sie mit Menschen, die an dem Wendepunkt ihres Schicksals angelangt sind. Ein Wendepunkt, der sich nicht nur auf ihr eigenes Leben auswirkt. Ein Wendepunkt, der das Leben der nachfolgenden Generationen nachhaltig verändert.

„Ach bleib mir doch weg mit dem alten Käse von gestern. Das ist alles schon so lange her, das hat doch mit mir gar nichts zu tun.“

Das hört man immer wieder, wenn es um Geschichte geht. Man hört es gerade dann, wenn diese Geschichte unbequem sein kann. Und doch ist es so, dass nur ein einziger Blick zurück das ganze Leben beeinflussen kann. Er kann aufschlussreich sein, ganze Familien in neuem Licht dastehen lassen und Augen öffnen. Sacha Batthyany hat ein Buch darüber geschrieben, das dem Ernst der Sache gerecht wird. „Und was hat das mit mir zu tun“ ist mehr als ein Blick in den Rückspiegel der Gegenwart. Brigitte Riebe hat diese wichtige Frage in einen Roman gekleidet, der auf den ersten Blick literarisch beste Unterhaltung verspricht. Zumindest was die Oberfläche betrifft.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis“ geht jedoch schnell in die Tiefe, ohne seinen Charakter zu verlieren. Brigitte Riebe bleibt sich treu. Sie erzählt große Geschichten, die im Kleinen entstehen. Sie sensibilisiert uns mit diesen Geschichten, Sachverhalte und Gegebenes zu hinterfragen und auch einen von Empathie geprägten Blick auf das Leben zu werfen, das jenseits unseres Tellerrandes tobt. Ja, dies alles kann Unterhaltung sein. Es muss sogar Unterhaltung sein, weil man bestimmte Themen außerhalb reiner Sachbücher in Romanen platzieren muss, um Gefühlsebenen zu erreichen. Indirektes Lernen hat auch seine unterhaltsamen Seiten.

Folgen wir ihr an den Bodensee. Malerisch, idyllisch und einfach wundervoll gestaltet sie den Rahmen für eine doch eher traurige Ausgangssituation. Ein Familientreffen im beschaulichen Rickenbach steht an. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt. Besonders die Familie Auberlin, die für ihre florierende Schnapsbrennerei bekannt ist. Marlene führt die Geschäfte des Traditionshauses in dem kleinen Ort, in dem sie vor mehr als siebzig Jahren mit ihrer Mutter Eva ein neues Leben begann. Die gemeinsame Flucht und ihre Vertreibung hat sie weit hinter sich gelassen. Doch nun ist Eva tot und zur Beerdigung erwartet Marlene ihre Schwester Vicky und deren Tochter Nane. Kein leichter Weg für die beiden ungleichen Schwestern, nun am Grab der Mutter zu stehen und zu trauern.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Was sich wie ein Familienroman anhört, in dem es dann vielleicht ums gemeinsame Erbe oder vergleichbare Banalitäten geht, entwickelt sich rasant zu einer Geschichte, in der die Geschichte eine weitere Erzählebene öffnet, die Marlenes Geheimnis ist. Alles dreht sich um die Erinnerungen der verstorbenen Großmutter, in die ihre Enkelin Nane nun eintaucht. Erinnerungen, in einem Tagebuch niedergeschrieben und persönlich an die Enkelin adressiert. Evas Vermächtnis. Hier öffnet sich eine längst vergangene Welt für das junge Mädchen und sie muss erfahren, dass selbst in diesem Ort, in dem jeder jeden kennt, man sich noch lange nicht selbst kennen muss. Schicht um Schicht dringt sie tiefer vor in ein Leben, das geprägt war von Flucht und Vertreibung, von Gewalt und Angst, von Neubeginn und Schweigen und von einem Geheimnis, das die Zukunft ihrer Töchter veränderte.

Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane stellen könnte. Warum heiße ich eigentlich Christiane Julika? Warum sind meine Mutter Vicky und ihre Schwester so grundverschieden? Und warum gab es das kategorische Verbot ihrer Großmutter, mit einer Nachbarfamilie im so vertrauten Rickenbach in Kontakt zu treten? Brigitte Riebe entführt uns in einen tiefgründigen und facettenreichen Familienroman, der vielleicht gar kein Familienroman im eigentlichen Wortsinn ist. Denn dafür hätte die Verstorbene Eva Auberlin, geborene Menzel, ja eine Familie zurücklassen müssen. Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane am Ende der Geschichte nicht mehr stellt. Es muss nicht „Marlenes Geheimnis“ bleiben, was in der Vergangenheit geschah und wie sich die Geschichte auf die Auberlins von heute ausgewirkt hat. Man kann es lesen. Ich rate dazu. Aus gutem Grund und mit Nachdruck.

Bei Brigitte Riebe fällt der Apfel oftmals recht weit vom Stamm…

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe und weitere Werke

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Alessandro Baricco – „Die junge Braut“

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Was habe ich nicht schon alles mit Alessandro Baricco erlebt! Ich bin mehrmals in meinem Leben mit ihm nach Japan gereist, um Seidenraupen zu erstehen, obwohl mir völlig klar war, dass die Augen eines jungen Mädchens der eigentliche Grund für diese Fluchten war. Ich habe mit ihm ein Schiff betreten, auf dem ein Ozeanpianist die Musik neu erfand und sich doch nicht traute, jemals an Land zu gehen. Ich habe mit ihm und einem gewissen Mr. Rail kilometerlange schnurgerade Eisenbahnstrecken konstruiert, um der Lokomotive Elisabeth im Land aus Glas die größtmögliche Geschwindigkeit zu ermöglichen. Ich habe mich in einer Pension am Oceano Mare eingemietet, um einen Maler zu beobachten, der das Meer täglich mit Ozeanwasser zu malen beginnt. Ich war Zeuge einer legendären Boxkampf-Reportage in einer City, die sich jeder literarischen Kategorie entzog.

Ich konstruierte mit ihm eine Autobahn, die nur den Sinn hatte, einen Lebensweg in die Landschaft zu kopieren, um eine verlorengeglaubte Prinzessin wiederzufinden. Ich listete mit Mr. Gwyn genau 52 Tätigkeiten auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedachte um sich auf seine neue Profession vorzubereiten. Portraits zu schreiben. Ich stürzte vor den Augen der Geschäftsfreunde Smith & Wesson in einem Holzfass die Niagarafälle herab, nur um am Ende jenes freien Falls mit einer Schießbude über die Jahrmärkte in den Dörfern zu ziehen. Ich zog mit ihm durch unzählige einzigartige Welten, begegnete dabei Romanfiguren von einer literarischen Strahlkraft, die ihresgleichen sucht, befreite mich vom strukturierten Denken und erweiterte meinen Horizont und hielt mich oftmals an Worten fest, die durch ihn einen völlig neuen Sinn erhielten. Ich sehe heute noch mit meinem geistigen Auge Grabsteine, die nur die Inschrift „Ach“ tragen, denke oft an ein leeres Schmuckkästchen, das die Rückkehr eines geliebten Ehemannes ankündigt und weine still vor mich hin, wenn ich die Zeilen „Komm zurück Fremder, oder ich sterbe“ lese.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich habe in, durch und neben seinen Romanen junge Mädchen kennengelernt, die mein Leben verändert haben, und kann mich mit jeder Faser meines Herzens an jeden Satz aus seiner Feder erinnern, der meinen eigenen Weg so treffend beschreibt. Jedes neue Buch von Alessandro Baricco erscheint mir wie ein Schatz, den ich vielleicht gar nicht verdient habe. Jedes neue Buch aus seinem kreativen Gedankenatelier stellt eine Herausforderung für mich dar, der ich aktiv gerecht zu werden versuche. Dabei sind mir seine Stilmittel inzwischen so vertraut, dass ich einen Baricco hundert Kilometer gegen den Bücherwind erkenne. Seine Listen und Aufzählungen sind geradezu legendär. Die Melodie seiner Geschichten gleicht avantgardistischen Kompositionen, die niemals nur Schlager sind, immer jedoch unvergessliche literarische Ohrwürmer voller Tiefgang.

Mit zitternder Hand und pochendem Herzen betrachtete ich sein neues Buch Die junge Brautsehr lange, bevor ich es wagte, die heiligen Hallen seines Schreibens zu betreten. Ehrfürchtig und auf wirklich alles gefasst, erinnerte ich mich an jene Momente meines Lebens, die durch seine Romane geprägt wurden. Sollte dies auch einer dieser magischen Augenblicke werden? Sollte mir auch hier ein Mädchen begegnen, dem ich lebenslang verfalle? Sollte ich auch in diesem Buch Zitate entdecken, die ich in meinen Notizbüchern der wichtigsten Zitate meines Lebens eintragen würde? Sollte es so sein, wie es immer war? NEIN… Diesmal war es anders.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Romane von Alessandro Baricco entziehen sich für mich jeglicher Norm für eine Rezension im eigentlichen Sinne. Ich mag nicht über den Inhalt schreiben, weil sich gerade diese kreativen und ungewöhnlichen Geschichten für jeden geneigten Leser in einer ganz eigenen Art erschließen. Darüber hinaus entfalten sie ihre Wirkung in einer literarischen Dynamik, die es anschließend wenig sinnvoll erscheinen lässt, sie auf den kleinsten gemeinsamen inhaltlichen Nenner zu verdampfen. Für mich gilt es hier meine Gefühle zu beschreiben, meinen Assoziationen freien Lauf zu lassen und festzuhalten, wie mir „Die junge Braut“ auch noch in zehn Jahren in Erinnerung bleiben wird. Wenn es mir dann gelingen sollte, die pure Neugier auf diesen Roman zu wecken, ohne dabei vorwegzunehmen, was zwingend vorenthalten bleiben muss, dann bin ich wahrlich der glücklichste Literaturblogger der Welt.

Wenn mein Blick in einigen Jahren auf dieses Buch fällt, dann werden Bilder in mir lebendig, die sich schon nach wenigen Stunden in meinem Herzen eingebrannt haben. Wenn ich dann an diesen Buchtitel denke, werde ich mich auch daran erinnern, warum dieser Roman so anders ist, als all die zuvor gelesenen von Alessandro Baricco. Dann werde ich an Begegnungen in der Geschichte denken, die mich nicht mehr losgelassen haben und ich werde erneut zu Gast im wohl ungewöhnlichsten italienischen Haushalt sein, der mir in meinem Lesen bisher begegnet ist. Und ich werde erneut nachdenken, warum mir das Originalcover (das in allen anderen europäischen Ländern das Buch ins Auge des Betrachters rückt) besser gefällt, als die augenlose Silhouette der deutschen Ausgabe von Hoffmann und Campe. Vielleicht ist es so, weil „Die junge Braut“ in jeder Beziehung der bisher erotischste und obsessivste Roman des italienischen Autors ist.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ja, sie scheint auf den Mund reduziert zu sein: Die Junge Braut. Für mich jedoch wird sie immer mehr als das sein, obwohl diese Fokussierung der Geschichte sehr wohl entspricht. Namenlos ist das Mädchen, versprochen und zur Hochzeit bereit, als sie im Haus der Familie ihres Bräutigams erscheint. Namenlos ist auch die Überraschung, da man augenscheinlich nicht mit ihrem Erscheinen gerechnet hat. Alles ist verabredet, es könnte so einfach sein und eigentlich sind alle da: Die unfassbar schöne Mutter, deren Ausstrahlung einem geheimen erotischen Universum gleicht; der herzkranke Vater, der gar kein Vater ist; die Tochter des Hauses, die nur im Sitzen oder Liegen schön ist und der Onkel, der sich in einem Zustand des Dauerschlafens befindet . Einzig der Verlobte fehlt. Spurlos fast. Ein Telegramm soll helfen. Doch was nur tun mit der jungen Braut?

„So wurde sie ein Teil des Hauses, und dort, wo sie sich in ihrer Vorstellung als Ehefrau hatte eintreten sehen, fand sie sich jetzt als Schwester, Tochter, Gast, willkommene Anwesenheit und Dekoration.“

Niemals werde ich diesen Haushalt vergessen. Niemals jene vier Regeln, die für das komplexe und immer gleich verlaufende Leben seiner Bewohner stehen. Regeln, deren tiefer Sinn nur darin zu bestehen scheint, die Ängste der Familie im Zaum zu halten. Es fällt der jungen Braut schwer, alles zu begreifen, sich auf alles einzulassen und letztlich auch zu warten, bis der Sohn zurückkehrt, sollte dies je der Fall sein. Unvergessen, die Zeichen für sein baldiges Erscheinen. Unvergessen das erotische Knistern, das von der jungen Braut Besitz ergreift und tief in mein Herz gebrannt die Irrwege, denen sie folgt, um ihr Ziel zu erreichen. Zu viel hat es sie gekostet, hier zu sein. Zu viel hat sie riskiert. Unvorstellbar, wenn es jetzt nicht zur Ehe käme. Alles wäre verloren.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich sehe die junge Braut, ihren Mund und ihre schlanke Figur noch immer durchs Haus schleichen. Ich fühle alle Berührungen, die sie erfährt und die sie gewährt. Ganz beiläufig scheinbar nähert sie sich den großen Geheimnissen der Familie. Sie wird mit allen vertraut und doch gelingt das Trauen nicht, weil einer fehlt. Der rote Faden einer obsessiven Leidenschaft zieht sich durch diesen Roman wie die Spur einer erotischen Selbstzerfleischung. Jede Flucht, jeder Hauch und jede Berührung öffnen einen neuen Zugang, neue Perspektiven auf die Geschichte und geben Anlass für Spekulationen. In diese inhaltlich dichte Atmosphäre dringt von Seite zu Seite ein in literarischer Hinsicht anarchisch wirkender Aspekt in den Vordergrund. Wer erzählt hier eigentlich? Warum wechselt die Erzählstimme plötzlich vom neutralen „sie“ ins persönliche „ich“?

Mit einem Donnerhall der Erkenntnis reift im Leser ein Gedanke, was Alessandro Baricco hier wagen könnte. Eine erste Spur, ein leises Aufflammen eines Gedankens und dann die Wucht des Erkennens sind Wesensmerkmale des Lesens. Jemand dringt ins Innerste des Buches ein und bemächtigt sich unserer Seele. Aus einer Geschichte werden zwei und aus zwei Geschichten wird die Eine, die es zu erzählen gilt. Nur diese eine Geschichte zählt. Es ist die Geschichte wahrer Leidenschaft, des Wartens und der Opferbereitschaft für die Liebe eines Lebens. Für mich wird sie dies immer bleiben. Und doch beginne ich so langsam zu begreifen, was ich eigentlich gelesen habe. Es ist ein ganz besonderes literarisches Momentum, das ich jedem Leser ans Herz legen mag.

Wer mit seinem Herzen liest, der muss sich auf Alessandro Baricco einlassen. Es ist nie zu spät für einen neuen Baricco, es ist nie zu spät für den ersten Baricco.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Wie unterschiedlich und doch vergleichbar das Lesen von Baricco ist, kann man bei Bianca & Literatwo sehen. Wir haben gemeinsam stundenlang mit der Familie im Haus gefrühstückt, sind der jungen Braut durch die Geschichte gefolgt, haben Zitate in Hülle und Fülle gesammelt um sie ins Notizbuch unseres Lebens einzutragen. Wir sind in den Kern einer großen Geschichte vorgedrungen und doch zeigt ihre Rezension, wie unterschiedlich unsere Empfindungen am Ende des gemeinsamen Lesens sind. Genau in diesem Unterschied liegt das Geheimnis dieses Romans verborgen. Man empfindet ihn aus den unterschiedlichsten Gründen als Meisterwerk. Wagt es selbst…

„Ikarien“ von Uwe Timm – Ein Opus Magnum

Ikarien von Uwe Timm

Um eines vorwegzunehmen, wir haben es bei „Ikarien“ von Uwe Timm mit einem der wohl fairsten Romane zu tun, den ich jemals über idealtypische gesellschaftspolitische Systeme, soziale Weltordnungen und ideologische Utopien lesen durfte. In seinem, nur zu Recht als Opus Magnum zu bezeichnenden Werk gelingt es dem Autor, eine Brücke über Epochen der Zeitgeschichte zu schlagen, auf der wir Leser traumwandlerisch zu Zeugen der Entstehung von Ideen werden, die das Zusammenleben von Menschen für alle Zeit verbessern sollten.

Fair ist dieser historisch brillant recherchierte und literarisch opulent aufbereitete Roman, weil Uwe Timm nicht stigmatisiert, vorverurteilt oder ideologisiert. Er führt uns an die Schwellen der modernen Staatstheorien und veranschaulicht brillant, worauf die Ideen der sozialen Neuordnung basierten und warum sie in ihrer Überhöhung scheitern mussten. Zuletzt zeigt der Schriftsteller in beeindruckender Weise auf, dass es im Lauf der Geschichte immer wieder gelang, selbst die allerbesten Ansätze für gesellschaftlich zwingend erforderliche Reformen aus machtpolitischen Interessen zu pervertieren und unter dem Deckmantel der perfekten und humanistischen Weltordnung Terrorsysteme entstehen zu lassen.

Ikarien von Uwe Timm

Wer den Nationalsozialismus und seine Ideologie vom Herrenmenschen bis heute nicht verstanden hat, seine Entstehung nicht nachvollziehen kann und sich auch nicht vorstellen mag, warum so viele Opportunisten sich scheinbar so willfährig in die Fänge einer Massenmordmaschinerie begeben haben, dem werden in „Ikarien“ endgültig die Augen geöffnet. Man muss sich nur auf Uwe Timm und sein Schreiben einlassen, ihm durch das Deutschland des Jahres 1945 folgen, das Kriegsende aus sich wirken lassen und sich in einen amerikanischen Jeep setzen, um im Land der Trümmerfrauen auf die Fährte der wahren Verbrecher zu kommen.

Und auch hier bleibt Uwe Timm fair, da er jenen klugen Köpfen, die ihr ganzes Leben in den Dienst neuer und bahnbrechender sozialer Strukturen gestellt haben, dieselben nicht abreißt, sondern vielmehr aufzeigt, wie sie schrittweise zu den Opfern ihrer Ideen wurden, oder sich eben durch bewusste Entscheidungen dazu machen ließen. Hier ist die Ausgangssituation von „Ikarien“ konsequent fiktionalisiert, um sich als Leser selbst in den Protagonisten hineinversetzen zu können und dann historisch verbrieften Boden zu betreten. Uwe Timm gelingt mehr als ein historischer Roman. Er weiß zu unterhalten und dabei doch seine Finger in die offenen Wunden der Geschichte zu legen. Hier wird aus gut gemeinten sozialen Idealbildern der Nährboden für Euthanasie und Holocaust.

Ikarien von Uwe Timm

Am Ende des Desasters kehrt der 25jährige deutschstämmige US-Offizier Michael Hansen in seine Heimat zurück. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wird er beauftragt sich auf die Spur eines Mannes zu begeben, der seit Jahren tot ist, aber als Vordenker der braunen Rassenideologie gilt. Der Eugeniker Alfred Ploetz. Hansen soll seine Rolle im Konzert der Wissenschaftler aufklären, die den Nazis den Weg bereitet haben, sich aller Gegner zu entledigen, die dem Regime gefährlich werden konnten. Hansen trifft in einem Münchener Antiquariat auf den langjährigen Weggefährten des Professors. Aus den akribisch dokumentierten Gesprächen entwickelt sich die intensive Lebensbeichte eines Mannes, der Alfred Ploetz aus verschiedenen Blickwinkeln zu beschreiben weiß.

Der Antiquar Wagner wird zum Zeitzeugen eines Lebensweges, der im Verlauf der Geschichte zum ideologischen Irrweg wurde. Abwegig und ohne Ausweg. Mörderisch und vernichtend. Und doch nachvollziehbar, blickt man mit Wagner auf den Moment im Leben des Eugenikers zurück, in dem das Gute nur das Beste wollte. Eine Abkehr von der Ungleichbehandlung der Menschen. Ein humanistisches Weltbild, ein Ideal, Vielfalt und unter dem Zeichen der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ein Modell für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion. Hier war es ein Roman, eine Utopie, die alles in Gang setzte, was Jahrzehnte später für den Mord an Millionen Menschen verantwortlich sein sollte.

Ikarien von Uwe Timm

Alles beginnt mit der „Reise nach Ikarien“ des Frühsozialisten Étienne Cabet. Ein Roman über die Reise eines englischen Adeligen zur Insel Ikarien fasziniert Ploetz und seinen Freund Wagner gleichermaßen. Die gesellschaftliche Utopie der grenzenlosen Gelichbehandlung und Gleichberechtigung der Menschen auf dieser Insel entspricht in ihren Grundzügen einem idealtypischen Kommunismus, der Monarchien 50 Jahre nach der französischen Revolution ins Abseits stellte. Gütergemeinschaft und Wohlfahrt sind zentrale Elemente, die Ploetz und seinem Adlatus Wagner Ende des 19. Jahrhunderts so erstrebenswert erscheinen, dass man sie verwirklichen sollte. Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem Uwe Timm seine Betrachtung eines Idealbildes beginnt.

Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem auseinanderdriftet, was in der Realität nicht funktionieren kann. Der Mensch erweist sich zu schwach, zu sehr in Konflikten verhaftet und in alten Bildern gefangen, dass schon erste Versuche scheitern. Wagner wendet sich enttäuscht dem Kommunismus zu und verschwindet Jahre später nach der Machtergreifung der Nazis im KZ Dachau. Ploetz geht einen anderen Weg. Eugenik ist sein Fachgebiet und die Gleichbehandlung des Menschen kann aus seiner Sicht nur in einer Welt garantiert werden, in der das Erbgut genutzt werden muss, um der Natur ein Schnippchen zu schlagen.

Ikarien von Uwe Timm

Von hier aus sind es nur kleine Schritte zum Chaos. Von der Züchtung des werten Lebens bis zur Vernichtung des unwerten. Von der Ausrottung des Minderwertigen bis zur Überhöhung des Herrenmenschen. Alfred Ploetz findet im Nationalsozialismus den Nährboden für seine Theorien. Die braunen Machthaber finden in ihm das Alibi für ihre perfiden Pläne. Es sind nur kleine Schritte, die von einem Roman über eine utopische Insel zu den Patientenakten eines gewissen Ernst Lossa führen. Die braune Saat geht auf und die Theoretiker verstecken sich hinter ihren guten Absichten.

Uwe Timm geht einen konsequenten Weg in seinem Roman. Er führt uns zeitlos vor Augen, was geschehen kann, wenn man sich opportunistisch andient. Er zeigt auf, wie selbstverständlich sich Machthaber bedienen und er erzählt fast nebenbei und doch so unglaublich eindringlich eine Geschichte von einem Neubeginn in den Trümmern eines zu Recht besiegten Landes. Aus wohlmeinenden Ideen werden die Extrakte von Horror und Massenmord gewonnen. Diktaturen funktionieren so. Es ist wiederholbar. Wagner weiß, wovon er redet und Hansen versteht, was er vernimmt. Dieser Roman deckt auf, wie vergewaltigte Idealbilder in der Evolution der Macht degenerieren. Ein wichtiger, in sich geschlossener und zeitloser Roman, der nicht nur Ernst Lossa gerecht wird. Lesen kann so intelligent und literarisch sein…

Ikarien von Uwe Timm – Alfred Ploetz – Vordenker und Wegbereiter des Wahnsinns

Gegen das Vergessen in der kleinen literarischen Sternwarte. Hier geht´s weiter.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Jetzt mal ganz langsam mit mir. Ich bin hundemüde und eigentlich gar nicht in der Lage, eine Rezension zu verfassen. Ich habe in den letzten sieben Nächten kein Auge zugemacht, fühle mich wie gerädert und meine Konzentration gleicht der Flatline eines Komapatienten. Fragt jetzt bloß nicht, woran das liegt. Meine Bilder sagen doch genug. Ich habe eine Prinzessin kennengelernt, die über die gleichen Probleme geklagt hat. Es war also nur allzu selbstverständlich, dass ich mich fürsorglich zu ihr gesetzt habe, um ihr ein wenig beizustehen. Hätte ich geahnt, dass ihre mysteriöse Erkrankung für Leser hochansteckend ist, ich hätte mich wohl aus dem literarischen Staub gemacht.

Doch ich konnte Prinzessin Dylia nicht widerstehen und so blieb ich an ihrer Seite. Auch wenn mir noch immer schwindelig ist, hat es sich gelohnt, weil sie mir mehr Kraft gegeben hat, als ich das von einer jungen zamonischen Adeligen erwartet hätte. Schon seit frühester Kindheit leidet sie an der rätselhaften Krankheit, die sie einfach nicht zur Ruhe kommen lässt. Schlaflos in Seattle war gestern. Schlaflos in Zamonien ist heute. Aber wo andere schon lange verzweifelt wären, da schöpft Dylia mit ihrer Kreativität in einer aussichtslosen Situation eine fast schon magisch anmutende Energie, die sie die vielen schlaflosen Nächte überleben lässt. Sie erdenkt sich eine eigene Fantasiewelt, in der sie über ihre Krankheit regiert.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Sie bekämpft die psychische Auszehrung der dauerhaften Schlaflosigkeit mit den Waffen ihres Geistes. Sie erfindet Pfauenwörter, die wie das geflügelte Vorbild nur schön sind, ansonsten aber keine sprachliche Aussagekraft besitzen. Sie benennt alle Mondkrater mit eigenen und unvergleichlichen Namen. Sie taucht ihr Leben in Farben, die einen Regenbogen über allen Problemen entstehen lassen und Dylia nennt sich in dieser Scheinwelt Prinzessin Insomnia. In der Verharmlosung liegt ihre Kraft. Worte gehören zu ihren Herrschaftsinsignien. Und im Wortverdrehen liegt der Zauber, der sie vor plötzlich auftretenden Schmerzen abschottet.

Wer fürchtet sich schon vor Schmopfkerzen oder Grämine, wo zuvor Migräne und Kopfschmerzen rasende Spuren hinterlassen haben? Und sie vergleicht die Symptome ihrer Krankheit mit dem Besuch unliebsamer Verwandter. Sie bewahrt Haltung wenn sie auftauchen und signalisiert freundliches Desinteresse, bis sie wieder verschwinden. Ja, von Dylia Insomnia kann man selbst eine ganze Menge lernen. Spätestens bei meiner nächsten Erkältung werde ich versuchen, den Schmalsherzen offensiver zu begegnen. So verbringt man also seine schlaflosen Hallowachphasen an der Seite eines absoluten Insomnolenzprofis. Alles könnte mit offenen Augen weitergehen, wäre da nicht Wesen, das alles nur noch mehr durcheinander bringt.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Es handelt sich um einen alptraumfarbenen Nachtmahr. Richtig gelesen, jedoch gar nicht leicht zu fassen, das Kerlchen. Denn jener Havarius Opal hat es sich in den Kopf gesetzt, sich Prinzessin Dylia in den Kopf zu setzen. Und das im wahrsten Wortsinn. Er ist angetreten, um die Schlaflose endgültig in den Wahnsinn zu treiben. Und was eignet sich hierfür besser als eine gemeinsame Fantasiereise in das Hirn der Prinzessin, die ja eigentlich genügend Probleme an den adeligen Hacken hat? Gemeinsam geht es nun los zu einer Reise, die in der Geschichte Zamoniens unvergessen bleiben wird. Es wird eine Reise zu den zwölf schönsten Ängsten der Prinzessin, zu Irrschatten und Grillos, wir treffen auf Zergesser und Geistgeister, stellen uns den Fragen der Egozetten und zittern heftig, wenn wir an Amygdala denken. Die absolut übelste Hirnregion die man sich nur vorstellen kann.

Über allem steht die Frage, wie die Prinzessin ihren alptraumfarbenen Nachtmahr wieder loswerden kann, bevor sie dem Wahnsinn verfällt. Wird sie sich rechtzeitig von ihm trennen können oder ist er sogar der Schlüssel zur Heilung ihrer Schlaflosigkeit. Diese fantastische Reise durch das adelige Gehirn offenbart nicht nur die sprudelnden Quellen des Denkens, sie deckt auch schonungslos auf, wo aus den kleinsten geistigen Fliegen die monströsen Elefanten des Grübelns entstehen. Ich bin noch immer atemlos und tief in meinen Gedanken gefangen und darf gar nicht darüber nachdenken, wie das Denken eigentlich funktioniert. Kopfzerbrechen. Das ist hier wohl das richtige Wort, das dieser zamonischen Geschichte seinen Stempel aufdrückt.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Ja, wir sind zurück in „Zamonien„. Der legendäre Walter Moers entführt uns mit „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ auf eine unglaubliche Reise auf seinen fantastischen Kontinent, den wir schon so oft besuchen durften. Und doch ist es keine einfache Fortsetzung seiner bisherigen Geschichten. Es ist nicht die erhoffte Fortsetzung der Stadt der Träumenden Bücher. Für mich ist es viel mehr, weil Walter Moers aus einer Idee zu einer Kurzgeschichte dieses eigenständige Werk im Orbit seines Schaffens kultiviert hat. Ein auffallend anderes Buch, wenn man sich die bisherigen zamonischen Legenden genauer anschaut. Nicht Walter Moers hat es selbst illustriert. Diesmal ist vieles anders. Und genau das verleiht dieser Geschichte ihre ganz eigene zeitlose Strahlkraft.

Schlaflosigkeit ist ein dominantes Thema in diesen Tagen. Man behandelt sie oft medikamentös oder versucht ihr mit intensiven Therapien auf die Spur zu kommen und warnt vor ihren Folgen. Sie gehört zu den Symptomen schwerer Erkrankungen und wir nehmen Begriffe, wie Schlaflabor und Schlaftabletten doch nur beiläufig wahr. Hier ist Prinzessin Insomnia ein literarischer Weckruf, der deutlich aufzeigt, welche Folgen es für den Betroffenen hat, wenn Nächte durchwacht und Ruhephasen nicht mehr möglich werden. Lydia Rode kann ein Lied davon singen, leidet sie doch selbst an einer bislang unheilbaren Erkrankung. CFS. Chronisches Fatigue- oder Erschöpfungssyndrom nennt sich ihre Krankheit, die mit andauernder Schlaflosigkeit einhergeht.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Doch Lydia Rode besingt ihre Erkrankung nicht. Sie unterhielt sich mit Walter Moers darüber, inspirierte ihn zu der zamonischen Geschichte, die sie mit Aquarellen und den eigenen faszinierend schönen Eindrücken aus ihrer Welt illustrieren sollte. Diese Bilder sind nun in Prinzessin Insomnia zu bewundern. Und Lydia Rode wird persönlich zur heimlichen Protagonistin eines imposanten Werkes. Der Knaus Verlag hat Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr in der gewohnt zamonisch exquisiten Aufmachung veröffentlicht. Ein grandioser Buchkunstaugengenuss, der seinen Platz in unseren Zamonien-Bücherregalen verdient hat.

Der Hörverlag hat diese Zamonie-Geschichte in aufwendiger Produktion mit der Stimme von Andreas Fröhlich zum Leben erweckt. Seine Interpretation Havarius Opals erinnert an die besten Zeiten eines Stollentrolls, der durch Dirk Bach unsterblich wurde. Hier passt alles. Die Atmosphäre und die sonore Stimme tragen durch das Hirn der Prinzessin. Darüber hinaus kann man einfach hören, wenn man in schlafloser Nacht nicht mehr lesen mag. Und wer denkt, dass diesem Hörbuch die Illustrationen von Lydia Rode fehlen, der sollte sich das aufwendig gestaltete Booklet mal näher anschauen. Ich habe gehört und gelesen. Immer im Wechsel. Schlaflos mit weit aufgerissenen Augen und offenem Herzen. Für mich der wohl intensivste Roman aus der zamonischen Feder von Walter Moers. Seine Botschaft ist heilsam. Vielleicht ja auch für Dylia / Lydia.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

„Und es schmilzt“ von Lize Spit – Vorsicht vor diesem Buch

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Es ist noch gar nicht so lange her, da sah man unzählige Videos von Menschen, die sich Eiswürfel über den Kopf schütteten. Es war die Zeit der Ice Booket Challenge. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich es für absolut ausgeschlossen hielt, dass ich mich selbst einer solchen Herausforderung stellen würde. Dass ich jedoch eines Tages beim Lesen eines Romans an diese virale Online-Aktion denken würde, hätte ich auch nicht gedacht. Genau das jedoch ist mir nun passiert. Doch es kam dann ganz anders, als ich es mir gedacht habe.

Und es schmilzt“ von Lize Spit ist die Ice Book Challenge unserer Tage. Leser in Deutschland und Holland überschütten sich mit dem Schmelzwasser eines Eisblocks, den sie so schnell nicht wieder aus den Köpfen bekommen, nachdem sie den Thriller aus dem Hause S. Fischer Verlag schockgefrostet verlassen haben. Was man vorher jedoch mit der Protagonistin des Romans durchzumachen hat, ist mehr, als so manch zartes Leserherz zu verkraften in der Lage ist. Ein Buch aus der Kategorie „Ist es zu hart, bist du zu weich!„.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Und sagt nach dem Lesen nicht, Ihr hättet keine Ahnung gehabt. Die Warnungen des Verlages sind zu eindeutig. Da reicht ein Blick auf das eisige Buchcover und jeder erfahrene Leser weiß, was er vom Inhalt zu erwarten hat. „Diese Geschichte packt Sie an der Kehle“, „Dieser Roman ist eine Granate, die erst nur einen Schatten wirft, und dann mit kaltblütiger Präzision einschlägt“, „…besetzt eine besondere Stelle in Ihrem Kopf, irgendwo zwischen Behaglichkeit, Unruhe, Vertrautheit und Entsetzen“, so das Presseecho aus den Niederlanden. Und nicht zuletzt prangt dieser Slogan über diesem Psychothriller „Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt.

Normalerweise gehören diese Blurbs ja ins Reich der Legende, denn wer druckt schon so negative Äußerungen, wie „Langatmig“ oder „Netter Versuch“ auf ein Cover, möchte man diese Zitate aus professionellem Munde doch verkaufsfördernd einsetzen? Diesmal jedoch bin ich eher verleitet diese Prädikate nicht zu kritisieren, da sie jedes für sich im Kern einen Punkt berühren, der diesen Roman so außergewöhnlich macht und dafür sorgt, dass man ihn nicht so schnell vergessen kann. Er verlangt wirklich alles von seinem Leser: Durchhaltevermögen, einen langen Atem und gestählte Nerven, wenn es darum geht, am Ende der Story bei klarem Verstand zu bleiben.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Worum geht es eigentlich, was macht dieses Buch so gefährlich? Schauen wir uns doch einfach einmal die Ausgangssituation ganz in Ruhe an und überlegen dann weiter, ohne vorschnelle Rückschlüsse zu ziehen. Denn wenn diese Story eines gar nicht mag, dann sind es vorschnelle Urteile. Allein der Begriff „vorschnell“ ist mit diesem Thriller in keiner Weise zu vereinbaren. Also fangen wir ganz von vorne an. Eine junge Frau kehrt nach neun Jahren zurück in ihr Heimatdorf, das sie fast vollständig aus ihrem Leben zu verdrängen versucht hat bis eine Einladung eines ihrer beiden ältesten Jugendfreunde Eva zur Rückkehr veranlasst.

Und so kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück. An den Ort, an dem sie mit ihren Geschwistern aufgewachsen ist, den Ort, an dem ihre Eltern noch wohnen und an den Ort, der sie und ihre beiden besten Freunde Laurens und Pim nur als „Die drei Musketiere“ kannte, so eng waren sie einander verbunden. Einer für alle, alle für einen. Das war seit Anbeginn des Denkens das gemeinsame Mantra. Doch was nimmt eine junge Frau mit, wenn sie nach so langer Zeit beschließt, der Einladung von Pim zu folgen, wissend, dass auch Laurens anwesend sein wird? Was hat man im Gepäck?

Eva reist mit einem langsam schmelzenden Eisblock im Kofferraum nach Hause.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Schon bin ich an dem Punkt angelangt, an dem ich Euch gerne mit diesem Roman alleinelassen würde, nicht jedoch ohne einige rezensorische Hinweise zu geben, die mir das Lesen erleichtert hätten. Lize Spit nimmt sich Zeit, ihren Thriller zu entwickeln. Sie nimmt sich viel Zeit, was in der heutigen schnelllebigen Zeit vielleicht oftmals gar nicht so gut ankommt, möchte man doch immer schnell zum Punkt kommen, um dann wieder in andere Geschichten einzutauchen. Das ist nicht drin bei Lize Spit. Evas Rückkehr in ihr Heimatdorf lüftet jenes Geheimnis, das seit 13 Jahren in ihr verborgen ist, im tiefsten Inneren gärt, brodelt und nie zum Ausbruch kam. Ihr Weg zurück ist ein weiter Weg, für den es keine Abkürzung gibt. Schon gar nicht in diesem Roman.

Der Eisblock schmilzt nicht schnell im Winter ihrer Heimkehr. Es ist manchmal ein quälend langsamer Prozess, dem sich Eva in der Rückschau auf ihr Leben aussetzt. Es ist ein quälend langsamer Prozess, der sie selbst zu der Frau gemacht hat die sie heute ist. „Und es schmilzt“ ist ein steter langsamer Fluss an Schmelzwasser, der sich unter uns ausbreitet wie eine Pfütze und Eva zum Kern der Ereignisse von damals vorstoßen lässt. Ihre besten Freunde werden sich wundern, was es mit diesem Eisblock auf sich hat. Wir reißen die Augen auf, wenn wir lesend erkennen, was Eva mit diesem Klotz im Kofferraum ihres Autos bezweckt. Und wir alle, weder die Weggefährten von einst, noch die Leser von heute werden jemals vergessen, welchen Plan Eva verfolgt.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit

Geben Sie Lize Spit die Zeit, die sie selbst der Geschichte einräumt, um Eva zu verstehen. Verzagen Sie nicht, wenn Sie das Gefühl haben, einen Handlungsfaden in Händen zu halten, der Sie nicht weiterbringt. Und wiegen Sie sich nie in Sicherheit, weil Sie verleitet sein könnten, es hier mit einem herkömmlichen Entwicklungsroman zu tun zu haben. Das ist es gerade nicht, was Ihnen begegnet, wenn Sie die Füße schon tief im Schmelzwasser der Geschichte stehen haben. Lize Spit erzählt im schonungslosen und beklemmenden Klartext von einer Zeit, in der die jugendlichen Spiele ihre Unschuld für immer verlieren. Machen Sie sich auf Beschreibungen gefasst, die Sie zu Beginn dieses Romans nicht für möglich gehalten hätten.

„Und es schmilzt“ ist ein aßergewöhnlicher Thriller, der unvorhersehbar bleibt, bis das Schmelzwasser des Eisblocks seine Leser in tiefe Schockstarre versetzt. Emotional sind wir ganz nah bei Eva und wünschen uns dabei doch oftmals, wir hätten ihr nicht so gut zugehört. Wir wünschten uns, wir hätten uns geirrt. Aber Lize Spit ist gnadenlos. Es ist eine Geschichte, die keine Gnade kennt, weil Gnade das Letzte ist, wovon Lize Spit hier erzählt. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Sagen Sie nur das nicht. Aber sagen Sie auch nicht, ich hätte es Ihnen nicht empfohlen, denn genau das ist mein Ziel,

Litze Spit lässt am Ende des Schreibens keine Fragen offen. Leider.

„Und es schmilzt“ von Lize Spit