Die Maschine steht still von E.M. Forster [Hörspiel]

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

Die Maschine steht still von E.M. Forster

Ein Schreckgespenst geht um. Die Zukunft der Arbeit wird geprägt von einem Begriff, der besonders ältere Fachkräfte zusammenzucken lässt. Digitalisierung. Wie werden sich Berufe verändern? Fallen sie dem Online-Trend zum Opfer? Werden es Computer und Maschinen sein, die uns autonom ersetzen? Wo dürfen wir noch Hand anlegen, wo zählen noch der Mensch und seine Erfahrungen? Großkonzerne sehen mehr Chancen als Risiken. Klar. Auf dem Weg zur Wachstumsmaximierung bei gleichzeitiger Senkung der Lohnkosten ist die Digitalisierung das perfekte Mittel zur Reduzierung menschlicher Arbeitskräfte mit all ihren Fehlern, Krankheiten und sozialen Problemen. Und nebenbei lässt sich alles auch noch prima verkaufen. Entlastung, Work-Life-Balance und mehr.

Wo endet dies alles? Eine Frage, die man heute offen stellt! Wo bleibt der Mensch, wer bleibt auf der Strecke? Stehen wir vor einer industriellen Revolution, die nach dem Fließband mit seinen drastischen Folgen für die einfachen Arbeiter, nun elektronischen Umwälzungen den Weg bereitet? Und ganz ehrlich: wer glaubt schon der Industrie, die beharrlich behauptet, den Menschen im Mittelpunkt des Handelns zu sehen. Echt jetzt! Ängste also, die man ernstnehmen sollte. Ängste, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, weil sie eben existenziell sind. Und Ängste, die nicht erstmals umgehen. Man muss nur einen gezielten Blick auf die Literatur werfen, um zu erkennen, dass wir im Genre Dystopie weit vorausschauende Gesellschaftsutopien finden, die genau hier ansetzen. Und das schon im Jahre 1909!

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

Die Maschine steht still von E.M. Forster beschreibt eine Gesellschaft, in der die künstliche Intelligenz schon lange die Macht übernommen hat. KI. Das Zauberwort unserer Zeit. Alexa lässt grüßen. Alles ist programmierbar und der Mensch hat endlich Zeit, sich auf seine selbstbestimmten und kreativen Fähigkeiten zu besinnen. Befreiung von körperlichem Arbeiten, Unterwerfung unter das Diktat der Produktivität, Loslösung von stereotypen Alltagspflichten. All dies kann man sich in KI-Gesellschaften vorstellen. Endlich frei. Könnte man sich jedoch noch heute mit E.M. Forster unterhalten, er wäre angesichts unserer Naivität wohl mehr als zornig. Er würde mit seinem Roman wedeln und skandieren, dass er uns schon vor langer Zeit gewarnt habe. Er wurde angetrieben von den Gedanken, was geschehen würde, wenn der entmündigte Mensch sich wieder auf die eigenen Fähigkeiten besinnen müsste. Nämlich genau dann, wenn die Technik ihren Geist aufgibt und unser Geist wieder gefragt wäre.

Abstrus? Mag sein. Aber vielleicht bekommen wir ja einen Zugang zu seinem Roman, wenn wir uns nur vorstellen, wie wir uns ohne Navigationssystem und GPS in fremden Städten orientieren würden. Hat uns die heutige Technik nicht schon lange Fähigkeiten genommen, ohne die wir früher kaum überlebensfähig gewesen wären? Wer kann noch Straßenkarten lesen? Hat der gesunde Menschenverstand hier schon alles abgegeben, was ihn auszeichnete? Das autonome Fahren ist der nächste Schritt. Warum sich denn noch mit Dingen beschäftigen, die niemand mehr braucht? Geben wir den Verstand an der Garderobe ab und leben locker ins Leben. Bis die Systeme versagen. Bis es soweit ist und der Schreckensruf durch die Straßen hallt: „Die Maschine steht still“.

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

E.M. Forsters Gesellschaft hat sich mit DER MASCHINE arrangiert. Es gibt keinen Grund mehr, die eigenen vier Wände zu verlassen. Das Leben an der Erdoberfläche ist kaum noch möglich. Man genießt seine Zeit in unterirdischen Waben. Kommunikation vollzieht sich via Instant-Messaging-Video-Konferenz-Service und die Bedürfnisse des täglichen Lebens werden von der globalen Maschine befriedigt. Was den Menschen in dieser Gesellschaft noch bleibt? Sie stopfen sich mit Wissen voll, lesen, studieren und tauschen ihre Meinungen und Ideen aus. Quasi im luftleeren Raum, denn alles worüber sie nachdenken bleibt ohne Konsequenzen. Herrlich diese kreative Freiheit. Man lebt in den Tag hinein, interagiert mit Freunden und wildfremden Menschen, ohne ihnen je zu begegnen und träumt vom perfekten Leben. Wäre da nicht ein Hauch von Zweifel, dem der junge Kuno erliegt. Wäre da nicht seine Weitsicht, dass der Verlust von realen und greifbaren Begegnungen, den Menschen in die Vereinsamung führt. 

Kuno bricht aus. Er vermittelt seiner Mutter Vashti das Gefühl, dass es ihm nicht reicht, nur virtuell mit ihr verbunden zu sein. Er will sie sehen, berühren, fühlen und in den Arm nehmen können. Seine menschliche Vereinsamung ist ihr zwar fremd, weil es doch die Maschine gibt, aber sie macht sich vom anderen Ende der Welt auf den Weg, ihren Sohn zu besuchen. Was auch immer er ihr dann erzählt, sie verwirft es als Irrsinn und als gefährliches Gedankengut. Der Maschine kann man nicht trotzen, an Flucht ist nicht zu denken und seine Erzählung von einem Ausflug an die Oberfläche und seinen Sichtungen von Menschen, die dort ohne Maschine leben, tut sie als Spinnerei ab. Sie kehrt in ihre Wabe zurück und gibt sich der Maschine hin. Sie taucht ab. Glücklich und bestens versorgt.

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

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Und doch beginnt man zu spüren, dass etwas nicht stimmt. Unregelmäßigkeiten in den programmierten Abläufen tauchen auf. Es kommt zum ersten Stottern im System. Besorgnis kommt jedoch nur bei Kuno auf, dem klar ist, was ein Maschinenversagen in dieser Gesellschaft für Folgen hätte. Die Maschine hat inzwischen einen Status erlangt, der sie fast zu einem Gott macht. Längst hat man vergessen, dass sie von Menschen erschaffen wurde. Man betet sie an und Abweichungen von der Norm werden fast wie schicksalhafte Ereignisse akzeptiert. Widerstand lässt die Maschine nicht zu. Wer sich auflehnt, wird mit Heimatlosigkeit bestraft. Die Luft wird dünn für Kuno. Er ahnt, dass es dem Ende entgegengeht. Gibt es einen Notausgang?

Schon damals muss diese Vision erschreckend gewesen sein. Sie heute zu lesen und zu hören ist erschreckend im Quadrat. Der Roman hat im Lauf der Zeit noch mehr an Brisanz gewonnen. Wenn man sich überlegt, dass es zur Zeit von E.M. Forster kein weltweites Kommunikationsmedium gab, dass soziale Netzwerke und Videochats reine Hirngespinste waren, dann reibt man sich angesichts der Maschine die Augen. Hier ist der Begriff Science-Fiction als Grundlage für ein dystopisches Szenario angebracht. In jeder Hinsicht hat E.M. Forster den Nerv einer Zeit getroffen, die Lichtjahre entfernt von seiner Lebensrealität war. Den genialen literarischen Stoff in einem modernen Hörspiel zu inszenieren liegt nah, was jedoch Felix Kubin mit der Romanvorlage veranstaltet hat, ist die Verheiratung eines mehr als hundert Jahre alten literarischen Stoffes mit einem avantgardistisch-futuristisch anmutenden Audiogenuss.

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

Die Maschine steht still von E.M. Forster

Die Abhängigkeit des Menschen von der Maschine wird greifbar. Sie bekommt im Hörspiel eine eigene Stimme, fast schon Identität. Sie kommuniziert und kommandiert, interagiert und moderiert. Sie hat im Hörspiel den Status der gottgleichen Übermutter. Unmöglich, sich ihr zu entziehen. Unmöglich, an ihr zu zweifeln. Ihre elektronische und künstliche Sprache hat Einzug in die Sprachwelt der Menschheit gehalten. Kürzel und Codes stehen inzwischen für Begeisterung und Verärgerung. Das „push ebx 16“ sagt mehr als tausend Worte, wenn der Mensch frohlockt. Chöre besingen die Wunder einer Zeit, in der die Menschen wunschlos zu sein haben. Einzig die Überflutung mit gänzlich sinnlosen Informationen macht der Maschine Gedanken. Das Stottern im System wird verständlich. Auch aus Maschinensicht. Brillant umgesetzt. Sorry: Ich meinte natürlich: „Jump FFT 8“ – Mein Gott, ist das gut.

Die Hörspielproduktion mit den Stimmen von Achim Buch, Susanne Sachsse und Rafael Stachowiak entfaltet eine fast unwirkliche Atmosphäre, die einen unglaublichen Sog ausstrahlt. Man fühlt sich wie in einer Welt, die schon Teil unseres Lebens ist. Wir sind gefühlt nur einen Schritt von dieser Abhängigkeit entfernt. Dabei tickt die Zeit und wir wissen genau, dass im Falle eines Maschinenversagens zwangsläufig auch der Tod der Menschheit folgt. Bedrohlich und greifbar. Eine Stunde und vierzehn Minuten gibt man sich im Hörspiel Zeit, uns von der Brisanz des Romans zu überzeugen. Man sollte sich diese Zeit nehmen und darüber nachdenken, wie man diese Story wohl in zwanzig Jahren lesen oder hören wird. Oder fragt einfach Alexa, wie sie als Maschine darüber denkt. Wer weiß, vielleicht hat sie ja eine Antwort….

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Über die Kunst, ein Gentleman zu sein – Earl of Chesterfield

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein - Earl of Chesterfield - AstroLibrium

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein – Earl of Chesterfield

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein 

Der Start dieses Leseprojekts verdient einen kleinen Einleitungsartikel. Es war in Leipzig, als uns beim Manesse-Bloggertreffen 2019 das kleine und harmlos wirkende Bändchen „Über die Kunst, ein Gentleman zu sein“ vorgestellt wurde. Der Verlag hat die Zielgruppe für dieses scheinbar zeitlose Brevier fest im Blick: Ein Muss für Söhne, Brüder, Ehegatten und alle Männer, die ernsthaft an sich arbeiten. Doch schon bei der Buchvorstellung regte sich leichter Widerstand in mir. Der Text stammt aus dem 18. Jahrhundert. Ihn heute in unsere Zeit zu übertragen und das Mantra vom Gentleman in einen rein maskulinen Kontext zu drängen, erschien mir gewagt. Ich stellte mir Fragen:

Auf welchem Frauenbild basierte das damalige Leitbild eines Gentleman?
Sind es wirklich Charakterzüge, die hier gefragt sind, oder anerzogenes Verhalten?
Welchen Stellenwert haben Anstand, Höflichkeit und Stil heute?
Sind die hier formulierten Normen als Einbahnstraße zu verstehen?
Hat die Emanzipation nicht alles über den Haufen geworfen?
Ist das wirklich ein reines Männerding?

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein - Earl of Chesterfield - AstroLibrium

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein – Earl of Chesterfield

Fragen, die ich nicht in einem kleinen Artikel beantworten möchte. Aber durchaus Fragen, die mich beschäftigen. So sehr, dass ich dem Earl of Chesterfield eine kleine Projektseite gewidmet habe. Ich werde das Buch so lesen, wie sein Sohn es damals zu Gemüt geführt bekam. In kleinen Häppchen. So waren die väterlichen Briefe an seinen Filius auch gedacht. Keine Reizüberflutung. Steter Tropfen höhlt den Stein. So könnte man dieses Brevier auch sehen. Ich werde mich diesen Briefen nähern und sie an der heutigen Zeit, an den veränderten Rollenbildern und an ihren Aussagen reiben. Ich bin fest davon überzeugt, dass meine Reise in die Vergangenheit nicht nur für Gentlemen, sondern vielleicht auch für Gentlewomen relevant sein könnte.

Der Originaltitel des Buches erweitert das Spektrum des Breviers um viele Aspekte, die beachtenswert sind. The Art of Becoming a Man of the World and a Gentleman. Weltmann und Gentleman. Kunstfertigkeit. Das ist keine Männersache, glaubt mir. Und wenn, dann basiert sie auf einem Frauenbild, das heute zum Relikt verkommen ist. Ich möchte Euch mitnehmen auf meine Reise. Auf der Seite des Gentleman-Projekts der kleinen literarischen Sternwarte werden die Posteingänge von einst gewogen und auf ihre Relevanz geprüft. Meine Damen, meine Herren. Folgen Sie mir. Es hat bereits begonnen… Sehr achtsam jedenfalls…

Das Gentleman-Projekt bei AstroLibrium

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Der Wintersoldat von Daniel Mason [Galizien 1915]

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason. Der Erste Weltkrieg. Ein Behelfslazarett in Galizien. Ein Medizinstudent, der sein Studium früher beenden darf, um als vollwertiger Arzt an der Front Leben zu retten. Ein diffuser Kriegsverlauf; eine einsame Kirche; eine Ordensschwester, die sich hier gänzlich auf sich gestellt um die Verwundeten kümmert und ebenjener „Halbarzt“, der in der Hoffnung lebt, von erfahrenen Kriegschirurgen viel lernen zu können. Doch schon seine Ankunft in den verschneiten Karpaten steht unter keinem guten Stern. Lucius Krzelewski erreicht seine Wirkungsstätte mit gebrochener Hand, völlig unterkühlt und verunsichert. Seine Frage nach dem leitenden Arzt wird von Schwester Margarete freundlich aber bestimmt beantwortet:

„Der Doktor? Haben Sie nicht gerade gesagt, das sind Sie?“

Diese Ausgangssituation verbirgt so viele Schlagworte, dass es mir unmöglich war, dieses Buch nicht zu lesen. Und genau an dieser Stelle möchte ich meinen Zugang zu diesem Roman voranstellen. Warum entscheidet man sich für ein Buch? Was ist dafür verantwortlich, dass man sich magisch zu einer Geschichte hingezogen fühlt? Was ist der Grund dafür, dass man eine Erzählung vielleicht anders liest und rezensiert, als die Mehrzahl der Leser dieses Romans. Ich finde, es ist wichtig, dies vorab zu erklären und zu verraten, welche Begriffe mich schon vor dem Lesen getriggert haben. Alles begann 1915. Ein 18jähriger junger Mann wird von heute auf morgen Soldat und findet sich, für Deutschland und den Kaiser kämpfend, schwer verletzt in einem Behelfslazarett im tief verschneiten Galizien wieder.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein Granatsplitter im Knie und ein Munddurchschuss, der ihn verstummen ließ. So lag er sprachlos und auf die Amputation wartend im verlausten Krankenbett. Er schrieb auf eine Schiefertafel: „Lieber tot, als mit einem Bein zur Mutter zurück.“ Man verzichtet darauf, das Bein abzunehmen. Man füttert ihn, versucht, die Gesichtsverletzung in den Griff zu bekommen, kämpft gegen Fieber und Entzündungen an und er muss hilflos mit ansehen, wie das Lazarett mehrfach überrannt wird. Da er nicht reden und gehen kann, wird auch er überrannt. Deutsche und verbündete Österreicher pflegen ihn, aber auch Russen, für die er nicht als Feind zu erkennen ist. Zuletzt kommt er auf zwei Beinen im heimatlichen Trier an. Am Ende einer Odyssee. Leicht hinkend bis an sein Lebensende und im Gesicht gezeichnet. Immerhin lebendig. Schweigend. Schwer traumatisiert. Und doch in der Lage, eine Familie zu gründen. Meine Familie. Mein Großvater reichte den Granatsplitter und einiges mehr an mich weiter. Wäre er damals im Lazarett gestorben, es gäbe diese Zeilen nicht.

Und nun ein Roman. „Der Wintersoldat“. Galizien. Die Karpaten. Ein Lazarett der KuK-Monarchie. Ein österreichischer Arzt, verzweifelte Zustände. Läuse, Typhus und Amputationen am Fließband. Rudimentäre medizinische Versorgung und Verwundete, deren Schicksal täglich am seidenen Faden hing. Hier könnte er gelegen haben. Dieser Gedanke war nicht mehr von meinem Lesen zu trennen, als ich mit Lucius und seiner Krankenschwester Margarete durch die Reihen der Verletzten schritt, um ihr Leben zu retten. Hier könnte er ein kleines Mosaiksteinchen gewesen sein. Unbedeutend und nur eine Zahl in der Liste der Gefallenen. Hier hätte auch meine Geschichte enden können, bevor sie eigentlich begann. Ich denke, hier wird deutlich, dass „Der Wintersoldat“ für mich kein Buch wie jedes andere ist. Und es auch niemals sein wird.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein außerordentlich scharfes Gespür für das Verborgene“ attestieren seine Lehrer dem jungen Medizinstudenten Lucius. Auf der Suche nach dem Unbekannten führt ihn sein Studium nah an die verborgenen Prozesse im Gehirn und an Störungen heran, die in der damaligen Zeit nicht therapierbar waren. Er brennt für sein Studium. Im Lazarett jedoch muss er sich der Erfahrung der Nonne Margarete unterwerfen. Sie hat alles im Griff. Sie hat Routine und sie hat die fehlenden Ärzte kompensiert. Amputationen hatte sie mehr durchgeführt, als er jemals auch nur in die Nähe von Patienten kam. Sie zeigt ihm, worauf es ankommt, steckt ihn mit ihrer selbstlosen Leidenschaft an und lässt ihn dabei nicht wie einen Anfänger aussehen. Ihre Loyalität ist signifikant für ihr Wesen. 

Daniel Mason versetzt uns schlagartig in das Szenario eines Lazaretts, in dem es an allem mangelt. Seine Beschreibungen sind verstörend präzise. Es ist der verzweifelt geführte Kampf gegen Läuse, der uns auch lesend dazu bringt, uns zu kratzen. Es sind Fieberschübe und Todesängste, die uns beschleichen; es ist Trauer, der wir nicht mehr entrinnen können und es ist die Hilflosigkeit jener Helfer, die wir nachvollziehen können, wenn wir mit ihnen am OP-Tisch stehen. Mason schildert alle Facetten von Verletzung und Traumatisierung, die einen Kampf so hoffnungslos erscheinen lassen. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Empathie angesichts des Grauens wirkt wie die unsichtbare Klammer, die alles zusammenhält. Die Frustration über diejenigen, die das Lazarett heimsuchen, um frontfähige Soldaten zu rekrutieren, macht sprachlos.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es verwundert nicht, dass der ins kalte Wasser geworfene Arzt und die erfahrene Krankenschwester sich in diesem Chaos menschlich nähern. Ihre Beziehung stößt mit jedem Gedanken an neue Grenzen. Und doch verlieren sie sich ineinander. Nonne und Arzt. Hier an der eisigen Front. In der Einsamkeit einer chaotischen Insel verletzter Körper und Seelen. Als „Der Wintersoldat“ eingeliefert wird, ändert sich alles. Es sind psychische Schäden, die ihn fast lähmen. Das Kriegszittern, die Panikattacken, die nun um sich greifen, sind kaum zu beherrschen. Dazu kommt noch die Befürchtung, dass er als Simulant und Deserteur verurteilt und erneut ins Gefecht geworfen wird. Margarete und Lucius beschließen, diese arme Seele zu retten. Ein Plan, der zum Fiasko wird.

Eine verbotene Liebe in unmöglichen Zeiten verleiht dem Roman eine emotionale Dynamik, der man sich nicht entziehen kann. Die individuellen Schicksale der Soldaten lassen keinen Spielraum für ruhige Lesephasen. Die Zustände im Lazarett verstören im wahrsten Sinne des Wortes. Und doch legt Simon Mason einen unaufgeregt verfassten und ruhigen Roman vor. Sein Kraft strahlt von innen heraus. Die Wucht der Geschichte entfaltet sich im Leser. Ein Pageturner ohne künstlichen Brandbeschleuniger. Der Krieg trennt zwei Menschen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in diesem Chaos füreinander bestimmt zu sein scheinen. Lucius` Suche nach Margarete wird zur Odyssee durch die Wirren des Ersten Weltkrieges. Mitfiebern garantiert…

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… Ja, dieses UND muss selbst erlesen werden. Ich werde diesen Roman sicherlich nicht mehr vergessen. Aus guten Gründen.

Es waren solche Ärzte und Krankenschwestern, die meinen Großvater retteten. Es waren solche Menschen, die bei ihm eine Ausnahme machten, die riskieren mussten, aus ihm einen Drückeberger zu machen, denn das Ziel der Kriegschirurgie lautete nur, den Verletzten so schnell wie möglich und wie auch immer erneut an die Front bringen zu können. Es waren solche Menschen, die ihm beistanden, als er selbst rettungslos in Schweigen und Schmerz versank. Es waren solche Menschen, die mich ermöglichten. Klingt vielleicht pathetisch, ist aber so. Und vielleicht findet sich ja genau hier einer der wesentlichsten Gründe für meine persönliche Berufswahl. Warum sonst sollte ich mich genau dort wiederfinden, wo „Der Wintersoldat“ auch heute noch jederzeit eingeliefert werden könnte? Danke fürs Lesen.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason / C.H. Beck Verlag / dt. von Sky Nonnhoff und Judith Schwaab / gebunden / 430 Seiten / 1 Karte / 24 Euro

Meinem Großvater liebevoll zugeeignet. Johann Josef Jager (1897 – 1991).

Die Nordsee von Tom Blass

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Die Nordsee von Tom Blass

Als der Entschluss feststand, in diesem Jahr das Städtedreieck Amsterdam, Delft und Den Haag in den Mittelpunkt unserer Urlaubsreise zu stellen, begann auch schon die Sichtung meiner literarischen Wegbegleiter. Sehnsuchtsorte und Sehnsuchtsbücher gehen Hand in Hand, wenn die Reisetaschen und Koffer gepackt werden. Museen und Galerien erzählen nicht immer ihre eigene Geschichte. Manchmal ist es ein Roman, der für die Auswahl der Destination verantwortlich ist. Mit dem „Distelfink“ nach Den Haag, „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ nach Delft bringen und das Anne-Frank-Haus in Amsterdam mit dem Buch „Alles über Anne“ besuchen. Entscheidungen, die meine literarische Landkarte schicksalhaft vorbestimmt hatten. So ist das im Lesen.

Und doch drängte sich ein weiteres Buch auf, ohne das man eigentlich gar nicht verreisen darf, wenn man ein Land besucht, das unter dem Meeresspiegel liegt. Mein Eindruck sollte mich nicht trügen, denn schon bei der Ankunft an unserem Ferienhaus standen wir vor einem Deich, der das gesamte kleine Dorf vor dem Wasser beschützte. Sollte er brechen, das war schnell klar, würde es auch nicht reichen, sich aufs Dach zu flüchten. Leben unter dem Meeresspiegel, eine besondere Rahmenbedingung für eine Zeit, die von Entspannung, Kultur und Lebensfreude geprägt sein sollte. „Die Nordsee“ war omnipräsent. Ob direkt am Strand, in Kanälen, Grachten und Wasserwegen, die in der Landschaft tiefe Spuren hinterlassen.

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Die Nordsee von Tom Blass

Die Nordsee – Landschaften, Menschen und Geschichte einer rauen Küstevon Tom Blass stach aus der Reihe aktueller Neuerscheinungen als Wegbegleiter deutlich heraus. Einen weiteren Reiseführer wollte ich nicht mitnehmen. Ein wissenschaftliches Sachbuch sollte es nicht sein, aber ich wollte mehr über ein Meer erfahren, das im Lauf der Zeit einen Ruf erworben hat, der es rauer, gefährlicher und wilder erscheinen lässt, als es vielleicht wirklich ist. Nein, seichter Badeurlaub mit Bestwettergarantie ist mit der Nordsee nicht drin. Das sieht man deutlich, wenn man sich an unterschiedlichen Stellen der Küste nähert. Besonders bei schlechtem Wetter, wolkenverhangenem Himmel und entsprechender Windstärke zeigt dieses Randmeer, das es sich sehr wohl zu größerem berufen fühlt. Das ist ein Meer. Keine Randerscheinung des Atlantiks. Ein Meer mit der Identität eines Schelfmeeres, das den randlichen Bereich eines Kontinents bedeckt.

Tom Blass erweckt schon auf den ersten Seiten nicht den Eindruck, ein Sachbuch oder eine Meeresreportage verfasst zu haben. In diesem Buch ist Leben drin, es passt sich der Gezeitenlage seines Namensgebers an. Es überflutet mich mit Anekdoten und wasserdichten Geschichten. Es bringt mich den Menschen näher, die im wahrsten Sinn nah am Wasser gebaut haben und es lässt mich in den Phasen der Ebbe im Sediment nach Zeugen der Vergangenheit suchen. Dabei ist das Buch keine Wattwanderung für wasserscheue Landratten. Hier muss man sich schon drauf einstellen, dass einem das Wasser manchmal bis zum Hals steht. Spätestens dann, wenn die Menschen ins Spiel kommen, die von und mit der Nordsee leben.

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Die Nordsee von Tom Blass

Spannend wird ein solch umfassendes Werk, wenn man es selbst greifen kann. Ich stand mit dem Buch staunend an unserem Deich, betrachtete das Brassemermeer, als Teil der holländischen Seenplatte über dessen weitläufige Wasserarme die Nordsee in greifbare Nähe rückte. Was mir Tom Blass in diesen ruhigen Momenten meines Lesens über Deiche erzählte, hat mich tief beschäftigt und steht noch immer stellvertretend für die von ihm beschriebene komplexe Welt, in der ich mich befand. Fast schon poetisch erklärte er mir die Poesie dieser Polder. Als gäbe es eine Deichhierarchie bezeichnet man die Schutzwälle je nach ihrer Nähe zum Meer mit eigenen Namen. Der wachende Deich ist der wichtigste, der schlafende Deich sichert ihn in der zweiten Reihe ab und ganz zuletzt, wenn alle Dämme brechen, steht der träumende Deich bereit, sich in die Wellen zu werfen. 

Ich freundete mich mit meinem träumenden Deich an. Vertraute ihm. Und las mich an jedem Tag ein wenig tiefer in das wundervolle Buch hinein. Ich habe viel gelernt, bin bestens unterhalten worden und verbinde viele Details mit Ausflügen an die Strände in der näheren Umgebung. Die Magie der alten Seebäder, die Naturbelassenheit einiger menschenleerer Abschnitte und die umtriebige Geschäftigkeit der Hafenstädte zeigten mir viele Facetten eines Meeres, das Lebensader und Lebensgefahr in sich vereint. In den Kapiteln seines Buches lässt Tom Blass die Menschen nicht aus dem Auge, die im Angesicht mit den Nordseewellen lebten, leben und weiterleben werden. Eingriffe in die Natur spielen eine wichtige Rolle in seinem Buch. Der Mensch hat begradigt, dem Meer Land abgewonnen, Wasserwege schiffbar gemacht, Hafenbecken ausgebaggert und in letzter Zeit Windparks mitten im Meer errichtet. Blass stellt Zusammenhänge dar, die mit bloßem Auge nicht sichtbar wären.

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Die Nordsee von Tom Blass

Bedrohlich wirkt nicht immer nur die Nordsee. Viel bedrohlicher ist der Mensch, der ihre strategisch wichtige Lage zu nutzen sucht. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass kriegerische Auseinandersetzungen immer zur Folge hatten, dass man die Nordsee im schlimmsten Sinne nutzbar machte. Da wurden im Zweiten Weltkrieg Deiche gesprengt um Landstriche zu überfluten und Gegner zu ersäufen. Da wurde mit dem Leben jener Menschen gespielt, die hier nicht mehr auf dem Trockenen saßen und nicht zuletzt hat man auf dem Meer selbst die ein oder andere große Schlacht ausgefochten. Tom Blass arbeitet viele dieser Facetten so intensiv und unterhaltsam heraus, dass es keine Arbeit ist, dieses Buch zu lesen. Es riecht und schmeckt nach Meer. Es hinterlässt auch nach dem Lesen Gezeitentümpel, die nicht mehr austrocknen. Es bringt Kuriositäten zutage, über die man nur kopfschüttelnd schmunzeln kann und lenkt doch den Blick auf mehr.

Kulturelle Vielfalt, wirtschaftliche Abhängigkeiten im Wandel der Zeit und der ganz normale kleine Mann oder die kleine Frau im Hafen machen dieses Buch fast zu einem Standardwerk dieses Meeres. „Die Nordsee“ hat mir ein Bild vermittelt, das auch nach meiner Heimkehr haften geblieben ist. Es macht mich schon neugierig auf neue Reisen in die Länder, die ihre Küste an die Nordsee anlehnen. Es macht mich aber auch wach für aktuelle Nachrichten, wie sich die Region verändert, welche Pläne man hat, wie ein ewiges Gleichgewicht vielleicht doch aus der Bahn geworfen werden kann und was der Mensch seiner Umwelt durch kleine Eingriffe im Großen antun kann. Dem Mare Verlag ist nicht nur inhaltlich ein maritimer Volltreffer gelungen. Das kleine Buchkunstwerk hat einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek und wird sicher erneut mit mir auf Reisen gehen.

Danke an meinen träumenden Deich. Schlaf gut…

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Die Nordsee von Tom Blass

Noch mehr Meer bei AstroLibrium. Stecht mit mir in die literarische See.

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Bernard v. Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Bernard von Brentano - Der Beginn der Barbarei in Deutschland - AstroLibrium

Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Nein, keine Sorge. Niemand hat die Absicht eine literarische Mauer zu errichten! Nein, keine Sorge. Das im Folgenden vorgestellte Buch hat nichts, aber auch gar nichts mit der aktuellen sozialpolitischen Situation unserer Gesellschaft zu tun. Also, bitte die Ruhe bewahren, zurücklehnen und einen Blick hinter die Kulissen eines Werks werfen, das aus der Zeit gefallen scheint. „Der Beginn der Barbarei in Deutschland“ klingt in unseren Ohren natürlich verdächtig nach der Aufarbeitung der letzten Landtagswahlen. Es klingt, als würde endlich der Rechtsruck in unserem Lande literarisch aufgearbeitet und auch die geprägte Schriftart des Covers lässt uns ahnungsvoll zusammenzucken.

Aber nein, ich kann Sie beruhigen. Es ist handelt sich hier um ein Buch, das bereits 1932 erschienen ist und das aus der Feder des deutschen Schriftstellers, Lyrikers und Journalisten Bernard von Brentano stammt. Keineswegs begeben wir uns lesend auf ein Terrain, das geeignet wäre unser Weltbild ins Wanken zu bringen. Keineswegs hat dieses Buch das Potenzial, die Zustände der Weimarer Republik in unsere heutige Zeit zu spiegeln. Und auf gar keinen Fall dürfen wir uns von diesem Buch eine Hilfestellung erwarten, wie wir mit unseren aktuellen Problemen umgehen. Belasten Sie dieses Buch also bitte nicht mit einer Erwartungshaltung, der es gar nicht gerecht werden will. Lesen Sie und… naja, dann werfen Sie einfach mein Eingangsstatement über Bord, wenn Sie mögen. Das jedoch wäre barbarisch und das wollen wir doch nicht mehr sein. Oder?

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Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Bernard von Brentano schrieb in den Jahren 1931 und 1932 über die Stimmung in einem Land, das er immer weiter abdriften sah. Die politischen Zustände der Weimarer Republik schienen sich als Wegbereiter einer wirtschaftlichen Fehlentwicklung in einem nicht aufzuhaltenden Prozess zum Steigbügelhalter des nahenden Nationalsozialismus zu entwickeln. Die Unzufriedenheit der Menschen wurde immer lauter. Sie ließ sich gar messen. Arbeitslosigkeit, Unterversorgung, Armut und Entrechtung der Arbeiter griffen immer mehr um sich. So entschloss sich Bernard von Brentano, nicht nur eine Krise zu beschreiben, sondern sie von den Ursachen ausgehend zu erklären und die Folgen für den Einzelnen zu beleuchten.

Klar. Er machte sich mit diesem Werk keine großen Freunde in einem Land, in dem die Hakenkreuze schon auf Fahnen aufgenäht wurden und es darf den geneigten Leser im 21. Jahrhundert nicht wundern, dass genau dieses Buch 1933 verboten war. Wie viele andere Bücher auch, wurde es öffentlich auf dem Scheiterhaufen der Braunen Horden verbrannt. Der Autor wurde zur Emigration in die Schweiz gezwungen. Und dabei hatte er mit der unverhohlenen Warnung vor der beginnenden Barbarei gar nicht die Nazis gemeint. Das mussten sie wohl in den falschen Hals bekommen haben und auf diesem historischen Missverständnis beruht der wohl legendäre Status dieser Reportage, die in vielerlei Beziehungen geeignet ist, auch heute noch kräftig missverstanden zu werden.

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Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Räumen wir einfach damit auf. Begeben wir uns mit den geschulten Augen eines brillanten Beobachters in die Zeit, die er beschreibt und lassen wir uns auf ihn ein. Akzeptieren wir die Schwächen dieser Reportage, die Brentano später selbst einräumt und die dazu führen, dass er sich in gewisser Weise von diesem Buch distanzierte. Ich habe jeden Standpunkt, jede Perspektive als Inspiration empfunden, weil es dem Autor gelungen ist, eine Zeitscheibe so facettenreich zu beleuchten, dass man die Antworten auf Fragen findet, die uns intensiv beschäftigen. Warum fliehen die Massen in die Arme von Nationalsozialisten, warum ist diese Zuflucht aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten sogar nachvollziehbar und wo sind die Ursachen zu finden. Das Verständnis für diesen sozialen Umbruch kann unsere Augen öffnen und dafür sorgen, ihm mit offenen Augen zu begegnen. Verständnis verhindert Wiederholung.

Brentano bereist das zermürbte Deutschland. Er besucht verarmte Bergarbeiter in der schwersten Stunde ihrer Existenz. Er analysiert die Folgen eines Grubenunglücks und wirft einen ungeschönten Blick auf die Verzweifelten, denen jede Lebensgrundlage genommen wurde. Er beschreibt den Niedergang der Landwirtschaft und die um sich greifende Mechanisierung als Ursache für die zunehmende Arbeitslosigkeit. Er geht in die Arbeiterviertel und vermittelt die Stimmungslage angesichts einer Krise ohne echte Auswege. Er beschreibt die Schieflage zwischen Arm und Reich. Zerpflückt die großen Industriellen und Kapitalisten, die fernab jeder Wertschöpfung das Individuum in einem täglichen Überlebenskampf ausbeuten. Er legt die Finger in alle Wunden.

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Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Sein Barbarei-Begriff bezieht sich nicht auf die am Horizont auftauchenden Nazis. Er bezieht sich auf Karl Marx, der einer solchen Krise nur den Sozialismus als Entwurf entgegenhält, der ein Abdriften in eine totale menschliche Barbarei verhindern kann. In diesem Sinne gewinnt das Kollektiv immer mehr Bedeutung und das Recht des Starken wird konterkariert. Seine Befürchtung mündet in den Gedanken, dass am Ende dieser wirtschaftlich-sozialen Sackgasse die Selbstzerfleischung des Menschen steht. Da liegt auch der wesentliche Kritikpunkt, der das Buch aus heutiger Sicht zu einem nicht ganz leicht verdaulichen Werk werden lässt. Brentano sieht Lösungen im Kommunismus. Er sieht Karl Marx und dessen Theorien als wegweisend an. Fünfjahrespläne, gesteuerte Wirtschaftssysteme zum Nutzen des Kollektivs und eine Umverteilung des Eigentums sind für ihn zu diesem Zeitpunkt Stellschrauben, an denen man drehen könnte, um die Barbarei zu verhindern.

Später distanzierte er sich von diesen Thesen. Später erkannte er, wie Wertschöpfung im Kommunismus funktionierte und welche Opfer die einfachen Arbeiter auch dort zum Erreichen der Sollvorgaben zu erleiden hatten. Hier müssen auch wir uns fernhalten im Verständnis für jene Reportage. Sie ist aus der Zeit in unsere Hände gefallen. Bernard von Brentano beschreibt eine Republik im Niedergang. Er greift nach jedem Strohhalm, der Besserung verheißt. Er hat sich später deutlich korrigiert. Das alles ändert nichts an der schieren Wucht der Beschreibung. Es ändert nichts an dem Blick auf das Leben im Angesicht des drohenden Untergangs. Wo Brentano den Kommunismus als möglichen Ausweg sah, da flüchtete die Masse von einem Desaster ins nächste. Populisten hatten Angst geschürt, verdoppelt und Sündenböcke präsentiert. Ein Automatismus, der auch heute noch zu greifen scheint.

Bernard von Brentano - Der Beginn der Barbarei in Deutschland - AstroLibrium

Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Dieses Buch hat mich bereichert. Es hat Verständnis geweckt für die Menschen dieser Zeit. Verständnis für meine Großeltern, die mir nicht viel von den Gefühlen und Ängsten erzählen konnten und wollten. Am Ende der Weimarer Republik war man auf der Suche nach einem Notausgang. Und der strahlte in leuchtenden Farben, versprach Arbeit und Lohn, füllte ideologisch die Löcher, die durch Angst aufgerissen wurden und zeigte sogar auf die Schuldigen. Alles viel zu einfach gedacht. So, wie Populisten auch heute nur Ängste schüren, Schuldige benennen, aber ansonsten blass bleiben. Immer klarer wird der Blick für die Realität. Warum sollten totalitäre Systeme die Angst durch Hoffnung ersetzen? Angst ist Machtgrundlage. Und die darf nicht verlorengehen. Aus Brentanos Reportage kann man lernen. Man darf es sich nur nicht leichtmachen, sie in unsere Zeit zu übertragen. Dafür unterscheiden sich die Parameter der Betrachtung zu erheblich. 

Die Erben Brentanos sollten weg von der Theorie und hin zum Betroffenen gehen und den Menschen aufs Maul schauen, denen es nicht gut geht. Objektiv messbar oder subjektiv empfunden. Ihnen Gehör zu verschaffen stellt eine Grundlage für einen Dialog dar, der geführt werden muss, um schillernde Notausgänge zu verschließen. Wir müssen miteinander reden. Brentano hat mit der Reportage „Der Beginn der Barbarei in Deutschland“ einen Meilenstein gesetzt.

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Bernard von Brentano – Der Beginn der Barbarei in Deutschland

Der Beginn der Barbarei in Deutschlandvon Bernard von Brentano / Einführung von Roman Köster / Eichborn Verlag / 313 Seiten / 18 Euro