Der Abstinent von Ian McGuire

Der Abstinent von Ian McGuire - Astrolibrium

Der Abstinent von Ian McGuire

Wenn man den Namen des Schriftstellers Ian McGuire auf einem Buchumschlag liest, sollte man sich schon gut überlegen, ob man einen Roman aus seiner Feder auf dem Büchertisch ignorieren darf. Spätestens seit Nordwasser sollte sich die Kunde verbreitet haben, dass der britische Erfolgsautor nicht nur viel zu erzählen hat, sondern wie er es erzählt. Die Walfangreise an Bord der „Volunteer“ mutiert zum einzigartigen Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer. Der Walfang allein reicht ihm nicht aus. Ian McGuire entfacht ein maritim geprägtes rechtsmedizinisches Inferno, in dem einem das Wasser bis zum Halse steht. Ich schrieb zu „Nordwasser„:

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Jetzt ist Ian McGuire wieder zurück. Es ist „Der Abstinent„, der uns ins England des Jahres 1867 entführt. Es ist ein historisches Szenario, das er als Impuls für den neuen Roman für sich entdeckte. Es ist die Zeit des irischen Widerstandes gegen das britische Königshaus. Ein Widerstand, der brutal niedergeschlagen werden soll. Ganz egal, wo er zutage tritt. Zum Beispiel in Manchester – fernab von der grünen Insel…

„Eine Krähe krächzt, als zöge man einen trockenen Korken aus einer Flasche; irgendwo am Fluss klappern Wagenräder und ein Pferd wiehert. Einen langen Augenblick stehen die drei Männer Seite an Seite unter dem schweren Eichenbalken wie grob gehauene Karyatiden, getrennt und doch vereint,
dann erschreckend plötzlich sind sie weg.“

Hier werden am 23. November 1867 drei Todesurteile vollstreckt. Öffentlich zeigen die royalen Machthaber, wie sie mit den „Fenians“, den irischen Terroristen umgehen. Ihre Anschläge tragen den Konflikt von Irland ins Herz ihres Feindes. Die große irische Community in Manchester scheint das ideale Brutnest für ihren Freiheitskampf zu sein. Dass man durch die Hinrichtung der Iren die Gewaltspirale erst recht beschleunigt und Märtyrer erzeugt, scheint den Regierenden egal zu sein. Jedes Mittel ist erlaubt. Darin zumindest sind sich die Konfliktparteien einig. Vom Polizistenmord bis zur Vergeltung, die Distanz zwischen Ursache und Folge schrumpft in sich zusammen und genau hier lässt Ian McGuire seine Protagonisten agieren. Auf beiden Seiten der formierten und geschlossenen Reihen.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Wer hier von Ian McGuire einen ausschweifenden historischen Roman erwartet, der en passant auch noch die Hintergründe des irischen Freiheitskampfes in aller Tiefe erläutert, komplexe historische Beschreibungen der Geschichte dieses Konflikts in den Mittelpunkt stellt und sozio-politische Themen im Spiegel der Zeit thematisiert, der sieht sich schnell getäuscht. Dieser Kampf ist ein Stellvertreterkrieg für alle Szenarien in der Weltgeschichte, die geeignet erscheinen, große Geschichten von einsamen Wölfen zu erzählen, die im Clash of Conflicts aufeinanderprallen. Hier geht es unvermittelt und im gestreckten Galopp zur Sache. Hier wirkt die Hinrichtung der Fenians wie der Aufzug eines Theatervorhanges, um uns einen ersten Blick auf die verfeindeten Kontrahenten werfen zu lassen. Hier betritt „Der Abstinent“ die Bühne des Freiheitskampfes. Und er betritt sie nicht allein….

Hier zeigt Ian McGuire seine größte Stärke. Es ist die Nähe zu seinen Protagonisten, die seine Romane zu psychologisch wertvollen Charakterstudien macht. Er führt seine Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten, mit ihren persönlichen Geschichten und in aller Tiefe ins Gefecht und verwischt alle Grenzen zwischen Gut und Böse. Er gewährt tiefe Einblicke hinter die harte Schale seiner Antihelden und macht uns zu Gefährten in schwierigen Zeiten, Komplizen im Verrat, Mitwissern bei gefährlichen Plänen und nicht zuletzt zu Mittätern, wenn wieder einmal die „Rules of engagement“ verletzt werden. Es ist der irische Polizist, der aus Dublin nach Manchester geschickt wird, um bei seinen Landsleuten Spitzel anzuwerben, um den Fenians jetzt zuvorzukommen. Für Constable James O´Connor ist dieser Job alternativlos. Eine Bewährungsprobe. Jetzt, abstinent und fern der Heimat, kann er wieder zeigen, was in ihm steckt. Ein harter Hund mit dem Instinkt eines Jagdhundes, in dem die Vergangenheit sehnsuchtsvoll schlummert.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Was er nicht ahnt, die Fenians sinnen auf Rache für die hingerichteten Patrioten und setzen dabei auf ein in Manchester unbeschriebenes Blatt. Der frisch aus Amerika eingereiste irische Bürgerkriegsveteran Stephen Doyle handelt nach der Maxime, im Krieg ist alles erlaubt und jeder Zweck heiligt die Mittel. Es entwickelt sich ein gewagtes Katz- und Mausspiel zwischen den beiden einsamen Wölfen. So unterschiedlich sie in ihren Zielen sind, so sehr ähneln sich ihre Charaktere. Getrieben vom Irrglauben, einer Sache verpflichtet zu sein. Gelenkt von der Idee, die Wahl der Mittel nur in der eigenen Hand zu haben. Unbeirrt in der Sichtweise, sich selbst auf einem fatalen Opfergang zu befinden und verwundert, wenn nicht sie den Ereignissen zum Opfer fallen. Das ist der Stoff, aus dem große Romane gewebt sind. Zwei Männer, innerlich verletzt und voll von durchlebten Verlusten, instrumentalisiert und fremdgesteuert, liefern sich nicht nur den Showdown dieses Romans. Sie liefern sich den Showdown ihres Lebens.

Ian McGuire bleibt seinem Erzählstil treu. Er schreibt Klartext, er beschönigt nicht in seinen Beschreibungen von Lebensumständen, Erfahrungen und Leid. Er erweitert den Erzählraum um ein paar wichtige Charaktere, an denen sich seine Hauptakteure reiben und aufreiben. Er bringt Liebe und Zuneigung ins Spiel, wo alles nach verbrannter Erde riecht. Er lässt sehnsuchtsvolle Momente zu, wenn Hass regiert. Und er wechselt nicht nur gekonnt die Perspektiven, sondern auch die Schauplätze. Eine Jagd, die eigentlich in Manchester begann, wird im fernen amerikanischen Harrisburg fortgesetzt. Es sind auch hier die ausgewanderten Iren, die ihrer fernen Heimat die Treue halten. Ein Spiel um Vaterlandsliebe, Loyalität und die eigenen Prinzipien. Der Einsatz ist hoch.

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Der Abstinent von Ian McGuire

„Wir stecken alle fest im selben, großen, sich langsam drehenden Hamsterrad, denkt er. Wir glauben, wir kommen voran, aber in Wahrheit geht es immer nur
im Kreis.“

Der Abstinentist alles andere als enthaltsam. Dieser Roman macht trunken vor purer Lesefreude. Gerade wird „Nordwasser“ von der BBC als Serie mit Colin Farrell in der Hauptrolle verfilmt. Man kann nur hoffen, dass „Der Abstinent“ auch einen Weg findet, um vom Kopfkino zum opulenten Realkino zu werden.

Folgen Sie mir zu weiteren Buchvorstellungen bei AstroLibrium, die uns das ewig sehnsuchtsvolle Herz der „Grünen Insel Irland“ näherbringen. Von Auswanderern und den unsterblichen Mythen, von der Geschichte des Regens bis ins ferne Brooklyn, von einem Freund der Toten bis zu den Tagen ohne Ende. Irland ist ein weites literarisches Feld, das jede Reise lohnt. Ich folge jetzt Sebastian Barry auf eine kleine irische Farm und freue mich auf die Begegnung mit „Annie Dunne„. Ich stelle sie Ihnen bald vor.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Bibliomanie – Bücherkrankheiten im Wandel der Zeit

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert – Bücherkrankheiten

Er war gerade einmal fünfzehn Jahre alt, der gute Gustave Flaubert, als im Jahr 1836 sein Aufsehen erregendes Debüt entstand. In Bibliomanie erzählt uns dieser junge aufstrebende französische Romancier von der alles verzehrenden Passion eines Mönchs, der sein ganzes Leben dem Besitz von  Büchern verschrieben hat. Nicht dem Lesen wohlgemerkt. Das beherrscht er nur schleppend. Nein, es ist die Sucht, seltene Werke in seiner Bibliothek zu horten und sie somit dem Zugriff anderer Menschen zu entziehen. Der Inhalt ist völlig nebensächlich. Es ist der unstillbare Bücherwahn eines Büchernarren, mit dem uns Gustave Flaubert in seinem psychologisch tiefgründig und erschreckend realistisch erzählten Szenario konfrontiert. Und das in diesem Alter. Wir begleiten Giacomo auf seinen Streifzügen durch Barcelona und werden zu Komplizen seiner düsteren Machenschaften. Er ist zu allem bereit, wenn es darum geht, ein von ihm begehrtes Buch in seinen Besitz zu bekommen.

War es reine Fiktion, die Flaubert dazu trieb, von der Obsession des vom Wahnsinn getriebenen Büchernarren zu schreiben, oder folgte er schon in frühen Jahren seiner Vision, was aus dem wertvollen Kulturgut Buch werden würde, wenn es für jedermann zugänglich wäre. Eine dunkle Geschichte voller Geheimnisse und Fallstricke für einen Mönch, der alles aufs Spiel setzt, um seine Bibliothek zu erweitern. Eine wundervolle Neuausgabe aus dem Insel Verlag beschenkt uns nicht nur mit dem wuchtigen Text, das schmale Büchlein der Insel-Bücherei ist reichhaltig illustriert, fesselt schon beim Anblick des in Fesseln liegenden Covers und ist das perfekte Geschenk für bibliophil veranlagte Menschen, die jeden Verdacht einer Bücherkrankheit von sich weisen und behaupten, ganz normale Leser zu sein. Aber sind wir das? Blicken wir doch einfach in den Spiegel, den uns Gustave Flaubert vorhält und seien wir ehrlich. So schwer es auch fallen mag….

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert

Als leidenschaftliche Leser möchten wir uns gerne bezeichnen, als Freunde und Liebhaber der Literatur – und doch stellen wir selbst in den tiefen Abgründen unserer buchigen Seele Veränderungen an uns fest, die man als Außenstehender durchaus als krankhaft bezeichnen könnte. Alles Humbug und Firlefanz, denkt Ihr sicherlich, oder ist doch ein Körnchen Wahrheit an der Sichtweise unbeteiligter Dritter?

Ist es Euch noch nie passiert, und ich frage wirklich: noch nie, dass Ihr zum „Herr der Ringe-Wesen“ Gollum mutiert, wenn jemand ganz freundlich fragt: „Uii, schönes Buch, leihst Du mir das mal aus?“ Habt Ihr Euch jemals selbst im Spiegel betrachtet, wie sich Eure Mimik bei dieser Frage verzerrt, sich Euer Puls rapide beschleunigt, Ihr das Buch krampfhaft hinter dem Rücken versteckt und leicht sabbernd zur Antwort gebt „Meiiiiiin Schatz…“? Noch nie? Dann seid Ihr fein raus und könnt jetzt ganz unbeteiligt weiterlesen. Es betrifft Euch ja nicht. Nicht im Geringsten! Und solltet Ihr doch noch auf Begriffe oder Symptome stoßen, die Euch ein wenig nachdenklich machen – gar kein Problem… echt nicht… alles nicht so schlimm!

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Bibliomanie – Gustave Flaubert

Bibliomanie und ihre Varianten

Unter diesem harmlos daherkommenden Begriff verstehen wir die übersteigerte Leidenschaft für Bücher, die durchaus Symptome einer Sucht aufweist. Meistens beginnt es mit dem Sammeln. Erst geordnet nach Interessen und Autoren, dann immer zielloser und ohne Bezug zu realen Umgebungsparametern, wie Wohnungsgröße oder verfügbare Regalmeter. Auch die vielleicht noch vorhandene Familie wird zusehends in den Hintergrund gedrängt. So fängt es meistens an. Ganz harmlos…

Galt das reine Sammeln von Büchern bis zum Ende des 17. Jahrhunderts noch als verwerflich, so wandelte sich das Bild und die Bibliophilie hielt als schöne Tugend Einzug in die aufgeklärten Gesellschaften. In der idyllischen Wohlstandsumgebung des Bildungsbürgertums wurden Bücher zusehends zum erschwinglichen Allgemeingut und die ersten großen Privatbibliotheken schossen aus dem Boden. Bibliophilie vollzieht sich nicht ungezielt und verständnislos – sie ist DAS Stilmittel der schönen und reinen Seite der Faszination für Literatur.  Wo das Schöne sich ausbreitet, da geht es jedoch meist Hand in Hand mit der dunklen Seite der Büchermacht. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hält die Bibliomanie mit all ihren denk- und undenkbaren Varianten Einzug in Europa. Zum ersten Mal werden kriminelle Auswüchse der Bücherleidenschaft bekannt und mit besonderer Schärfe bestraft.

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert

Johann Georg Tinius zum Beispiel veruntreute Kirchengelder und beging Raubmorde, um seine ziellose Sammelleidenschaft zu finanzieren. 1823 wurde er zu 12 Jahren Haft ohne jede Chance auf Bewährung verurteilt. Der Comte de Lignerolles zog sich 1848 vollständig aus der Gesellschaft zurück, um sich seiner Geheim-Bibliothek zu widmen. In einer abgeschotteten Pariser Wohnung hortete er all seine Schätze, leugnete deren Existenz, behielt alle durchs Lesen erlangten Kenntnisse für sich und entzog somit der Gesellschaft in beträchtlichem Umfang den Anspruch auf Literatur und Bildung. Diese krankhaften Varianten der Bibliomanie finden danach auch Einzug in die einschlägige Fachliteratur. Hier entdecken wir folgende Begrifflichkeiten für Literatursucht:

  • Biblioklast: Menschen, die besessen davon sind, Bücher zu zerstören
  • Bibliopath: Jemand, den Bücher krank machen
  • Bibliophag: Menschen, die Bücher verschlingen
  • Bibliophobie: Die Angst vor Büchern
  • Biblioskop: Jemand, der Bücher nur durchblättert ohne sie zu lesen
  • Bibliotaph: Menschen, die ihre Bücher zwanghaft verstecken
  • Biblioverser: Jemand der Bücher zweckentfremdet nutzt

Zu dieser Zeit entstand auch das geflügelte Wort: „Wer nach Büchern giert, der mordet auch!“

Ich hoffe, Ihr konntet diesem recht theoretischen Teil unbeteiligt folgen und habt nicht einen Begriff gefunden, der Euch innerlich zusammenzucken lässt. Das würde mich sehr freuen. Es unterscheidet Euch aber von mir (ein wenig …denn phag bin ich ja schon)… Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.

All diese Spielarten der Bibliomanie haben sich bis ins 21. Jahrhundert gerettet. Leicht abgewandelt, aber mehr als ernstzunehmen. Und es sind neuere Mutationen der krankhaften Sucht nach Büchern hinzugekommen. Vielleicht habt Ihr von den Begriffen und Symptomen bereits gehört? Aber nur vielleicht…

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Bibliomanie – Gustave Flaubert

Bibliomanie – Auswüchse / Mutationen des 21. Jahrhunderts

Bücher-Messi
Bücher und Verlagskataloge breiten sich in rasender Geschwindigkeit in der Wohnung aus und verdrängen alle biologischen Lebensformen. Von Ordnung keine Rede mehr – der Besitzer fühlt sich jedoch wie in einer lebensfernen Symbiose zu seiner Umgebung.

Schutzumschlag-Bügler
Neurotische Hobbyrestauratoren, die jedem minimal beschädigten Schutzumschlag mit einem Dampfbügeleisen zu Leibe Rücken, Eselsohren plätten oder mit Sekundenkleber die Buchbindekunst revolutionieren.

Bücher-Zapper
Parallel-Leser, Gleichzeitig-Verschlinger, Überblick-Verlierer, die sich auf allen Ebenen einer Zeitachse durch mehrere Romane fressen. Ständige Auf- und Zuklappgeräusche pflastern ihren Leseweg und am Ende bleibt ein rudimentärer inhaltlicher Überblick bei gleichzeitigem automatisiertem Vergessen der Titel und Autoren.

SUB-Diabetiker
Menschen, die in einen Zuckerschock fallen, wenn ihr Stapel der Ungelesenen Bücher eine Maßzahl von 100 unterschreitet. Medikamentös nicht behandelbar und zu Risiken und Nebenwirkungen können nur Blogger und der nächste Buchhändler des absoluten Vertrauens Auskunft geben.

Signier-Junkies
Bibliotaphe Leser, die ihre Bücher wie ihren Augapfel hüten, sie keinesfalls an Freunde verleihen, sie niemals aus der Hand geben und doch jedem dahergelaufenen Autor mit tintetriefendem Füllfederhalter erlauben, das Titelblatt unleserlich zu verschmieren.

Book Diver
Menschen, die so massiv in die Handlung eines Romans eintauchen, dass die im Buch beschriebenen Gefühle aus dem Buch ans Tageslicht treten und Grundbedürfnisse wie Hunger, Durst, oder Lust (worauf auch immer) erzeugen. Selbst Szenarien werden so tief verinnerlicht, dass ein harmloses Freibad zur Arena von Panem mutiert. Vorsicht – diese Menschen sind beim Auftauchen meist ungenießbar, realitätsfremd und brechen am Ende eines Buches aus unerfindlichen Gründen und an den absolut unpassenden Orten in Tränen oder Gelächter aus.

Die literarische Heuschreckenplage
Ehemaliges Messephänomen auf Großevents, das seit 2020 in Frankfurt und Leipzig in Vergessenheit geraten ist. Ein Virus hat dieser Plage ein Ende bereitet. Verlagsstände wurden als herrenlose Maisfelder betrachtet und von mehreren bibliophagen Menschen schier leergefressen, geplündert und bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Beliebt war dieser literarische Flash-Mob am letzten Tag einer Buchmesse (beliebte Ausrede: Es muss ja doch alles abgebaut werden). Häufige Nebenerscheinung jener Plage war das Auftreten biblioklaster Neigungen. („Besser kaputt als in der Hand eines Anderen“).

Leseexemplar-Kollektor
Unersättlicher Leser, der mehr Rezensionsexemplare hortet, als er in den nächsten 25 Jahren bewältigen, geschweige denn besprechen kann, dabei aber schon den Blick in die Neuerscheinungskataloge der nächsten Saison wirft, um immer aktuell zu sein. Auf dem besten Weg zum Biblioskop….

Bücherflüsterer
Menschen, denen das Talent in die Wiege gelegt wurde, JEDES (aber wirklich jedes) Thema sofort und ohne Umwege auf die literarische Ebene zu heben. Egal, wie sehr das Gegenüber versucht ein Gespräch einzuleiten – sinnlos – zwecklos – bereits der erste offensive Konter „Das kenn ich, darüber hab ich grad ein Buch gelesen, hör mal zu, ich erzähle schnell worum es da ging“ führt dazu, jeden Gesprächspartner mundtot zu machen.

Literatur-Muezzin
Leser, der mit allen multimedialen Mitteln den gesamten Erdkreis darüber informieren muss, in welches Buch er gerade seine Nase steckt. Instagram, Facebook oder Apple-Anwendungen und Twitter ersetzen hierbei Gebetstürme und Lautsprecheranlagen. Das Ergebnis bleibt gleich. Europa weiß ohne Zeitverzug, was Lieselotte Müller gerade liest. Und Europa dankt auf Knien für diese inhaltsreiche Information.

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert

Schier endlos sind die heutigen Ausprägungen der Bibliomanie. Uns betreffen sie gottlob nicht.. Wir sind weit entfernt von diesen Abarten des Missbrauchs von Literatur und des ungezügelten Buchkonsums. Nein! Wir doch nicht. Und sollten wir doch eines Tages erste Symptome an uns erkennen, die als Alarmsignal zu werten sind, sollten wir uns eines vor Augen führen: Eines jedoch haben all diese Auswüchse gemeinsam. Sie sind in der Lage, das nicht so lesebegeisterte Umfeld eines Büchermenschen in einen Zustand der Bibliophobie zu versetzen. Ein schmaler Grat – und das meine ich ernst!

Wer weitere Krankheits-Mutationen der Bücherkrankheit kennenlernen möchte, dem möchte ich „Das Papierhaus“ von Carlos Maria Dominguez ans Herz legen. Private Bibliotheken, Ordnungssysteme, Kaufsucht und bibliophiler Kontrollverlust sind hier die Parameter, in denen sich das Leben eines Mannes bewegt, der plötzlich mit seinen Büchern verschwindet. Ein erhellend erschreckendes Buch einer Obsession.

Bibliomanie – Gustave Flaubert und Das Papierhaus von Dominguez

Die Verlassenen von Matthias Jügler

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

„Das letzte Mal habe ich meinen Vater im Juni 1994 gesehen.“

So beginnt der Roman „Die Verlassenen“ von Matthias Jügler. Es ist die Stimme eines zurückgelassenen Sohnes, die sich hier Bahn bricht und uns unmittelbar in eine Geschichte zieht, die schon mit diesem einen Satz einen Sog erzeugt, dem man kaum mehr entfliehen kann. Es ist die Gefühlslage eines damals Dreizehnjährigen, der schon bis zu diesem Tag des Verschwindens seines Vaters ein Leben hinter sich hat, in dem emotionale Brüche zum Alltag gehörten. Es ist der Rückblick auf dieses Leben, der alle Wunden beschreibt, die unverheilt geblieben sind.

„Ich war viele Jahre der festen Meinung, dass es derlei Momente schon des Öfteren in meinem Leben gegeben hatte: Mutter, die 1986 starb, da war ich fünf, oder Vaters Verschwinden 1994, dann die Müdigkeit und die Schmerzen.“

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Es ist der inzwischen erwachsene Johannes Wagner, der nach der Wahrheit und den Antworten auf die immer noch offenen Fragen seines Lebens sucht. Jetzt, in einer entscheidenden Lebensphase ist es wichtiger denn je zu erfahren, was damals wirklich mit seinen Eltern passiert ist. Johannes wird selbst Vater. Nur zu verständlich, dass er seinem eigenen Vater auf die Spur kommen muss. Dass die Antwort in einer Kiste mit Büchern seines Vaters im eigenen Keller auf ihn wartete, erkennt er erst, als er genau dort auf einen Brief stößt. Adressiert an seinen Vater. Abgestempelt in Norwegen und datiert auf den Mai 1994. Also nur wenige Wochen vor dessen Verschwinden.

Es sind entscheidende Zeitscheiben unserer Geschichte, die Matthias Jügler ins Zentrum seines Romans rückt. Es ist eine Kindheit in der DDR, die wir durch seine Erzählung hautnah miterleben dürfen. Es ist der ungeklärte Tod einer Mutter und eine lähmende Trauer, die von einem Vater Besitz ergreift. Es ist eine Kindheit, die für das spätere Leben von Johannes die Grundsteine legt. Brüchig und instabil. Selbst als die Wende alles verändern sollte, stand immer noch die Mauer zwischen seinem Leben vor und nach der Wiedervereinigung. Tiefe Gräben, die nicht zugeschüttet werden konnten und Verwerfungen, die zeitlebens spürbar sein würden. Es ist die wachsende Distanz, die es Johannes ermöglicht, seine Geschichte zu erzählen. Seine damalige Beziehung zur Mutter seines Sohnes längst gescheitert. Jasper, sein Sohn, inzwischen selbst fast erwachsen und eher ein Besucher im Leben seines Vaters. Erst jetzt brechen all jene Dämme der Vergangenheit, die ein Erzählen und Verarbeiten möglich machen.

Die Verlassenen von Matthias Jügler - Astrolibrium

Die Verlassenen von Matthias Jügler

Matthias Jügler beschränkt sich nicht auf die literarische Aufarbeitung einer Zeit, die nicht nur zwei Länder, sondern auch Menschen getrennt, wiedervereinigt und doch zerrissen hatte. Er schreibt keinen Wende-Roman. Er lässt uns an einem gelebten und doch nicht gelebten Leben teilhaben, das sich anders entwickelt hätte, wenn nicht… Ja, wenn sich die Vergangenheit hinter dem Eisernen Vorhang anders abgespielt hätte. Er erzählt von einem Kind der DDR, einem Heranwachsenden in einem neuen Land, vom Verschwinden des Vaters und dem Leben bei der Großmutter. Er erzählt vom Tod der Mutter im alten Land. Er erzählt vom Leben des erwachsenen Johannes Wagner, das durch die Dunkelkammer der Vergangenheit selten im Licht gebadet ist. Davon erzählt Matthias Jügler auf eine Art und Weise, die seinen Roman zum absoluten Pageturner werden lässt.

Der Verlassene berichtet aus seiner Perspektive und lässt all jene, die sein Leben tangierten als „Die Verlassenen“ auftreten. Die Spannung wächst ins Unerträgliche. In Rückblicken beleuchtet Matthias Jügler alle Ereignisse, die das Leben von Johannes prägen sollten. Eine Reise nach Norwegen soll Licht ins Dunkel bringen. Eine Reise zu der Frau, die seinem Vater damals jenen Brief schrieb. Warum hat er seinen Sohn im Jahr 1994 verlassen? Warum fehlt jede Spur von ihm? Was ist vor der Wende mit der Mutter geschehen? Wie hängt alles zusammen? Matthias Jügler lässt am Ende seines brillanten Romans keine Frage offen. An Stellen, an denen wir seine Erzählstimme im Tonfall seines Protagonisten erwarten, tauchen plötzlich Dokumente im Buch auf. Wir finden Fotos, handgeschriebene Notizen, inoffizielle und geheime Berichte einer Zeit, die noch heute für einen allwissenden und allmächtigen sozialistischen Staat steht.

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Man muss bei Rezensionen gut darauf achten, nicht zu spoilern. Und doch ist es auch wichtig, Romane ein wenig einzuordnen, um ihnen zu den „richtigen Lesern zu verhelfen. „Die Verlassenen“ erzählt keine Familiengeschichte, in der es um Klischees von Beziehungsgeflechten geht. Dieser Roman ist aufgrund der gewählten Zeitscheiben ein zutiefst empathisches Bild in einem politisch explosivem Umfeld. Er zeigt auf, wie sehr sich ein diktatorischer Staat im eigenen Leben einnisten kann. Es geht hier auch um System-Mitläufer, bewusst Handelnde und bedenkenlos Agierende. Der Grund für das Verschwinden des Vaters ist durch die Vergangenheit in der DDR geprägt. Es ist bedrückend und ernüchternd, immer mehr Details zu erfahren, die das Leben damals dominiert und beeinflusst haben. Die Nachwirkungen sind immer noch spürbar. In der Konstruktion des Romans liegt ein tiefer Zauber. Nichts ist vorhersehbar, alles wirkt so wahrhaftig und echt und an keiner Stelle kann man auch nur eine kleine Pause in sein Lesen bringen.

Am Ende stellt Matthias Jügler seinen Protagonisten vor die entscheidende Wahl seines Lebens. Am Ende steht die große Frage, ob Rache und Vergeltung heilsam für die eigene Zukunft sein können. Der Autor hat hier relevante Schlusspunkte gesetzt, die auch nach dem Lesen Bestand haben. Ich bin gespannt, wie wir handeln würden, wenn wir vor diese Wahl gestellt würden und die Möglichkeit hätten, uns schmerzhaft für alles zu rächen, was uns widerfahren ist. Ein mehr als lesenswerter Roman, der Licht in die Dunkelkammer eines Lebens bringt, das so oder anders sicher tausendfach gelebt und durchlitten werden musste. Und doch bleibt die Hoffnung, denn:

„Hinter den Wolken ist der Himmel immer blau.“

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Die Himmelskugel von Olli Jalonen - Astrolibrium

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Als Betreiber der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium habe ich mich der Beobachtung des Bücherhimmels verschrieben, um buchige Fixsterne zu entdecken, die nicht nur schön aussehen, sondern als Orientierungshilfe in der unendlichen Weite wie ein literarisch-ethischer Kompass dienen können. Sternschnuppen fallen hier von Haus aus weg, weil sie nur einen temporären Knalleffekt liefern, bevor sie endgültig von der Bildfläche verschwinden. Kometen tauchen zwar mit einem prächtigen Schweif im Gefolge in regelmäßigen Abständen am Firmament auf, haben jedoch nichts Neues auf Lager. Einzig Fixsterne verfügen über eine ganz eigene Strahlkraft, müssen also nicht von Sonnen anderer Systeme angestrahlt werden, halten ihre Positionen dauerhaft und haben zeitlos Bestand. Ja, Bücher sind wie Sterne. Und, wenn Bücher von Menschen erzählen, die ihr ganzes Leben damit verbrachten, den Sternenhimmel wissenschaftlich zu beobachten, dann sind sie sozusagen Ehrengäste meiner literarischen Sternwarte.

AstroLibrium - Die kleine literarische Sternwarte

AstroLibrium – Die kleine literarische Sternwarte

Begrüßen wir also Olli Jalonen, einen der bedeutendsten Autoren in Finnland, als „Special Guest of Honour“ in meinem Bücher-Observatorium. „Die Himmelskugel“ aus dem Mareverlag ist geradezu prädestiniert, einen besonderen Platz im Bücherregal der Himmelsstürmer einzunehmen, vereint dieser Roman doch alle Erzähl-Elemente, die für mich von besonderer Relevanz sind, wenn es um gute Literatur geht. Wissenschaftlich fundiert, fiktional perfekt ausbalanciert und gespickt mit Protagonisten, die aus der Zeit gefallen erscheinen. „Die Himmelskugel“ kann man drehen und wenden, wie man will, man findet keine Schattenseiten, entdeckt immer wieder neues und wird im Universum des brillanten Erzählers Jalonen schnell heimisch. Das liegt ganz besonders an seiner Hauptfigur, die er uns unaufdringlich und doch unwiderstehlich ins Leserherz schreibt.

Wir befinden uns auf der Insel St. Helena und schreiben das Jahr 1679. Es ist der achtjährige Angus, den wir bei einer mehr als merkwürdigen Beschäftigung antreffen. Er sitzt in der Astgabel eines Baumes und beobachtet den Himmel. Er erzählt, was ihm dabei ins Auge fällt, und dabei fallen uns ein paar Dinge ins Auge, die dieser Situation einen ebenso skurrilen, wie unglaublichen Charakter verleihen. Sein Kopf ist am Baum fixiert. Nachts beobachtet er die Sterne und markiert ihre Postionen mit einem Stich in ein dünn geschnittenes Aloe-Blatt. Diese Lochmarkierungen überträgt er dann zuhause mit Tinte auf ein Stück Papier und ergänzt seine Beobachtungen durch das Datum aus seinem Kalender. Angus bezeichnet sich als Himmelsspäher und geht seiner Ausgabe akribisch nach. Nacht für Nacht und Tag für Tag, wobei er tagsüber die Vögel zählt und unterscheidet, die sein Beobachtungsloch durchfliegen. Ungewöhnlich für ein Kind und doch lässt Angus von der Totholzebene keine Frage offen, wenn er erklärt, warum er dieser oftmals eintönigen Mission im Baum schon seit Jahren folgt…

Die Himmelskugel von Olli Jalonen - Astrolibrium

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Er beobachtet den Himmel im Auftrag des großen Forschers Edmond Halley. Ja, genau der Edmond Halley, der später den Kometen entdeckte, der seither gleichnamig alle 75,3 Jahre wieder an unserem Firmament erscheint. Er war auf St. Helena. Er hat in Angus einen Forscher-Samen gesät und dafür gesorgt, dass sich dieser kleine Kerl in ein lebendiges Observatorium verwandelte. Hier beginnt ein Abenteuerroman, der an die ganz großen Erzählungen anknüpft, die uns an der Seite von kindlichen Helden im tiefsten Kern unserer Leserseele berühren. Von Jim Hawkins und der „Schatzinsel“ bis zum Waisenjungen Bartholomäus und dem Museum der Weltreicht die Skala der oftmals naiv wirkenden und doch so altklug agierenden Jungs, denen man einfach durch ihre Abenteuer folgen muss.

Hier konstruiert Olli Jalonen eine literarische Brücke, die auf einem extrem soliden Fundament ruht und doch ständig in Schwingungen versetzt wird. Die Welt von Angus ist keinesfalls so paradiesisch, wie man es auf St. Helena vermuten dürfte. Nein. Ganz im Gegenteil. Alles ist im Aufruhr. Ohne Vater aufgewachsen erkennt der Junge, dass seine Tätigkeit im Auftrag des großen britischen Forschers die einzige Chance für ihn ist, die Insel jemals verlassen zu können. Ein ungerechter Gouverneur, religiöser Zwist und die grausamen Lebensumstände, denen seine Mutter und Schwester auf der Insel dauerhaft ausgesetzt sind, scheinen nur eine Flucht als Ausweg erscheinen zu lassen. Das ferne England ist für Angus der Rettungsanker. Er weiß, dass er noch viel lernen muss, um seinem Idol zu folgen, ihm seine Aufzeichnungen vorzulegen und schließlich als sein Gehilfe arbeiten zu können. Edmond Halley ist der Komet, der nur ein Mal für den Jungen erschienen ist und ihn seitdem nicht mehr loslässt. Nur Wunschdenken?

Die Himmelskugel von Olli Jalonen - Astrolibrium

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Jalonen brilliert in der Art und Weise, wie er Angus als Ich-Erzähler des Romans etabliert. Wir wachsen mit ihm auf, erleben, wie er lesen und schreiben lernt und sich immer mehr dem Idealbild eines wissenschaftlichen Assistenten nähert. Angus erzählt zu Beginn der Geschichte kindlich naiv und grammatikalisch äußerst einfach. Als ihm der Pastor von St. Helena das Lesen beibringt, verändert sich auch sein Erzählen. Ein Entwicklungsroman, der es wirklich in sich hat. Absolut bestechend sind die Passagen, in denen Angus über seine neuen Fähigkeiten sinniert. Hier kann man sich jedes Zitat auf der Zunge zergehen lassen und seine immer weiser werdenden Worte genießen:

„Lesen ist Sehen, aber auch Hören. Schreiben ist kurzes Zeichnen.“

„Einen Brief schreiben ist Zeichnen, aber auch Sprechen. Wenn man lesen lernt, lernt man lautloses Sprechen zu hören. Wenn man schreiben kann, kann man sprechen ohne dass man etwas sagt.“

„Das vierte Lesen ist dann, dass man im Kopf noch einmal liest, was man gelesen hat. Das hilft sehr, wenn man erzählen muss, was ist und was man gelernt hat.“  

Die Himmelskugel von Olli Jalonen - Astrolibrium

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Olli Jalonen legt mit seiner „Himmelskugel“ einen ungewöhnlichen Roman voller kolonisatorischem und wissenschaftlichem Flair vor, der seinen weiten Bogen von St. Helena bis ins ferne London schlägt. Wir erleben Angus auf seiner Insel, auf hoher See und zuletzt im Kapitol des großen Imperiums. Wir werden mit ihm zu einem Brief, den seine verzweifelten Weggefährten zu Edmond Halley schicken, um einen Aufruhr auf St. Helena zu beenden. Wir erleben Wellenberge, Zivilitationsschocks und die tiefe Verunsicherung dieses Heranwachsenden beim Erreichen seines Zieles. Dabei ist die Erzählweise Olli Jalonens nicht durch schnelle Szenenwechsel oder große Dynamik in den Abläufen gekennzeichnet. Er ist ein finnischer Autor, wurde mit dem renommierten Finlandia-Preis ausgezeichnet und wird der skandinavischen Tradition gerecht, seine Erzählung langsam zu entwickeln, ihr Raum zu geben und den Protagonisten nicht im Mahlstrom der Hektik untergehen zu lassen.

Erneut ein ganz großes Abenteuer aus dem Mareverlag, bei dem man mehr als 530 Seiten lang unglaublich gespannt darauf ist, ob Angus sein Ziel erreicht. Wer für Sterne schwärmt, Edmond Halley einmal gerne begegnet wäre, St. Helena im 17. Jahrhundert erleben mag, und gemeinsam mit unserem Himmelsspäher Angus seine ersten Schritte auf Londoner Boden gehen will, ist gut beraten, Die Himmelskugel zu lesen. Man wird auf keiner Seite enttäuscht, denn:

„Der Himmel beginnt in den Augen. Angus hat die Augen des tiefen Himmels.“

Die Himmelskugel von Olli Jalonen - Astrolibrium

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Monschau von Steffen Kopetzky

Monschau von Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Monschau von Steffen Kopetzky

Wer meinem Schreiben in der kleinen literarischen Sternwarte folgt, ist sicherlich schon oft über den Schriftsteller Steffen Kopetzky gestolpert. Ich wiederhole es immer wieder gerne, dass es keinesfalls literarische „Propaganda“ ist, wenn ich dazu rate, zu „Risiko“ zu greifen, damit man sich seinem Spiel des Lesens aussetzen kann. Er hat in seinen Romanen den Bogen von der Ardennenoffensive zum Vietnamkrieg gespannt, in unglaublicher Erzähltiefe Brücken zwischen dem Ersten Weltenbrand und dem Heiligen Krieg geschlagen, mit dem der deutsche Kaiser seine Feinde beeindrucken wollte. Ein deutscher Dschihad sollte entfacht werden und dem großen Spiel der Mächte Einhalt gebieten. Die Erzählräume in seinen Romanen „Risiko“ und „Propaganda“ sind brillant konstruierte Mehrgenerationenhäuser, in denen man sich kaum verlaufen kann, aber in jedem neu betretenen Zimmer reich beschenkt wird. Kopetzky erzählt verschachtelt und facettenreich, das Eindimensionale ist nicht sein Ding.

Sein Schreiben – historisch fundiert, perfekt recherchiert und dramaturgisch bis ins Detail literarisch fiktionalisiert, war das Erfolgsrezept von Steffen Kopetzky. Mit seinem Roman „Propaganda“ war er 2019 für den Bayerischen Buchpreis nominiert, den ich als Buchpreisblogger offiziell begleiten durfte. Da darf es kaum verwundern, im Bücherregal meiner kleinen Bibliothek eine kleine Lücke zu finden, die für neue Bücher aus seiner Feder reserviert ist. Lesertreue, kann man das nennen. Urvertrauen in einen Autor, dem man sich bisher immer blind anvertrauen konnte, trifft es auch ganz gut. Die Lücke ist geschlossen. „Monschau“ hat das Licht der Bücherwelt erblickt und mich, wie erwartet, erneut bis ins Mark berührt. Das jedoch ist ein sehr exklusives Lesegefühl, das ich mit nicht allzu vielen Lesern dieses Romans teilen muss. Ich werde das erklären:

Monschau von Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Monschau von Steffen Kopetzky

Wir befinden uns in der Eifel. Wir schreiben das Jahr 1962 und ganz Deutschland ist wie leergefegt. Die Menschen warten wie gebannt vor den Fernsehern. Sie warten nicht auf die neuesten Nachrichten zum atomaren Wettrüsten der Großmächte oder auf Neuigkeiten zu den Anschlagsserien in Algier und Paris. Nein, es ist eine andere Serie, die das ganze Land in atemloser Starre hält. Die letzte Folge des TV-Sechsteilers Das Halstuch steht auf dem Programm. Der große Straßenfeger dieser Zeit steuert seinem furiosen Finale entgegen. Alle Räder stehen still, der Verkehr ruht und abends sitzt das ganze Land vor dem Fernseher und will nur eines: Wissen, wer der Halstuch-Mörder ist. Exklusiv ist dieses Lesen für mich, kam ich doch an genau diesem Tag unmittelbar nach Ausstrahlung dieser Folge zur Welt. Das Narrativ meiner Geburt ist davon geprägt, dass meine Mutter zwei Stunden allein im Kreißsaal verbringen musste. Von Ärzten, Pflegern oder Hebammen keine Spur. Erst nach dem Finale widmete man sich ihr. Und so ganz nebenbei habe ich auch meine Mutter um diesen Straßenfeger gebracht… Heute einen Roman zu lesen, der sich in meine Geburt einfügt, wie ein passendes Mosaiksteinchen, fühlt sich an, als wäre er für mich geschrieben. Ist er nicht. Weiß ich. Aber es ist wohl noch erlaubt, zu träumen… Zurück zum nicht exklusiven Lesen

Also, wir sind in der Eifel, genau gesagt im kleinen Städtchen Monschau und wir schreiben das Jahr 1962. Ganz Deutschland hält den Atem an (und ich bin noch nicht auf der Welt – kann sich aber nur noch um Stunden handeln). Es gibt nur ganz wenige Menschen, die sich nicht für das Finale der Serie interessieren. Aus gutem Grund. Die Pocken sind ausgebrochen. Ein Horrorszenario zeichnet sich ab. Alle Spuren führen nach Monschau. Patient 1 ist identifiziert, erste Infektionsketten lassen nicht lange auf sich warten und dem anreisenden Spezialisten aus Düsseldorf bleibt kaum Zeit, um mit seinem jungen Assistenzarzt ein epidemiologisches Krisenmanagement aufzubauen. In dieser Zeit einen Roman zu lesen, in dem sich Begriffe wie Quarantäne, Isolierung und Infektionsraten die Hand geben, wirkt befremdlich. Als hätten wir nicht schon genug um die Ohren. Wer nun aber glaubt, Steffen Kopetzky hätte als pandemischer Wellenreiter ein Buch zur Krise dieser Tage geschrieben, der irrt gewaltig.

Monschau von Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Monschau von Steffen Kopetzky

Steffen Kopetzky ist wieder fündig geworden. Er hat seinen Erzählclaim abgesteckt und verknüpft auf der Basis historisch verbürgter Ereignisse seine ganz eigenen Fäden zu einem fliegenden Handlungsteppich, auf dem man unaufhaltsam in einen grandiosen Abenteuerroman getragen wird. Die Pockenepidemie stellt eine unsichtbare Bedrohung von außen dar. Das Eifelstädtchen Monschau ist ein hermetisch abgeschirmtes Biotop, in dem sich jeder Fremde von Haus aus schwer hineinfindet und die Menschen vor Ort sind nicht nur mit dem Halstuch beschäftigt. Vielfach verflochten sind die Beziehungen und im Mittelpunkt steht eine Fabrik, die als wichtigster Arbeitgeber der ganzen Region von größter Bedeutung ist. Und genau in dieses Eifelaner Wespennest sticht nun jener Professor aus Düsseldorf, der einen Krisenstab etabliert und das Heft des Handelns an seinen Assistenten übergibt. Und plötzlich ist ein junger griechischer Arzt an vorderster Front der Vorkämpfer gegen eine Epidemie, die sich kaum noch eindämmen lässt. 

Ersetzt man hier Pocken, Eifel, Krisenstab, lebenswichtige Fabrik und ausländischer Arzt durch andere gängige Erzählkomponenten, so stellt man schnell fest, dass wir von Steffen Kopetzky in eine brillante literarische Falle gelockt wurden, die funktioniert, weil wir genau nach diesen Bücherfallen suchen, um das große Lesen zu zelebrieren. Wir finden alle Elemente eines epischen Abenteuerszenarios, einen einsamen Helden und die verschworene Gemeinschaft, die es nicht zulassen kann, dass der Gastarbeiter, in Monschau das Heft des Handelns übernimmt. Und als wäre dies nicht genug, lässt der Autor auch noch die attraktive Erbin der Fabrik auftreten, die durch ihre Ausstrahlung ein Flair in Monschau verbreitet, dem letztlich auch der junge griechische Arzt erliegen muss. Lone Ranger rettet entführtes Mädchen aus den Fängen blutrünstiger Betrüger. Mutiger Prinz schneidet Prinzessin aus dem vergifteten Gestrüpp frei. Das ist er. Der Stoff, aus dem die Träume sind.

Monschau von Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Monschau von Steffen Kopetzky

Wer allerdings denkt, Monschau seine eine Variante X von Abenteuer Y, auch der irrt gewaltig. Das wäre nicht der Steffen Kopetzky, den wir kennen. Er fühlt uns mit dem Roman „Monschau“ auf den Zahn der Zeit, wobei er gleichzeitig in eine Zeitscheibe in der Geschichte unseres Landes eintaucht, die für „seine“ Epidemie besonders relevant ist. 1962. Gerade einmal 17 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es noch immer Verbindungslinien zwischen Menschen, Behörden und Wirtschaftsbetrieben, die gerade in einem solchen Setting relevant sind. Auch hier zupft Steffen Kopetzky an den Saiten seines Erzählinstruments, das in uns die besten Resonanzkörper findet. Wir sind in der Eifel. Sie war der Schauplatz der Ardennenoffensive. Wir sind in der Nähe eines ehemaligen Kriegsschauplatzes, der als „Hürtgenwald“ in die Geschichte eingegangen ist. All diese Verbindungen spielen in diesem brillant erzählten Roman eine Rolle. Eine Geschichte ohne Geschichte ist keine Geschichte. Dieses Motto füllt Steffen Kopetzky mit einem Leben, das unser Leben nicht unberührt lässt. Dieser Brückenschlag ist von größter Relevanz. „Monschau“ ist ein genialer Brückenkopf, den der Autor mit seinen Worten zu verteidigen weiß, bis es ihm gelingt, seine virale und fulminante Geschichte in unserem Lesen ausufern zu lassen.

Ein liebevoll kritisches Wort zum Schluss. Ich liebe die vitale „Schreibe“ von Steffen Kopetzky. In „Propaganda“ und „Risiko“ liebte ich die parallelen Handlungsstränge, in denen er uns in Zeitscheiben entführte, die zum Verständnis der Bücher wichtig waren. Kritiker bezeichneten das vereinzelt als „ausschweifend“ und „überladen“. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum Steffen Kopetzky den Bayerischen Buchpreis nicht gewann. „Monschau“ ist frei von diesen Parallelwelten. Sie werden hier nur angerissen, skizziert, aber nicht auserzählt. Wir haben es also mit einem literarischen Diamanten zu tun, den der Autor selbst bis zur höchsten Reinheit geschliffen hat. Jetzt überschlägt sich das Feuilleton begeistert. Ich hatte immer das Gefühl, dass mein „alter Kopetzky es gewagt hätte, in diesem Buch zu den Kämpfen im Hürtgenwald zurückzukehren. Ich bin mir sicher, dass es der Geschichte nicht geschadet hätte. Vielleicht hat ja die Kritik einen Weg zu größerem Erfolg aufgezeigt. Literatur ist Entwicklung. Hier spürt man sie. Mich hat dies ein wenig wehmütig gemacht, obwohl Monschau ein großer Roman ist.

Nachtrag: Meine Artikelbilder zeigen das Rezensionsexemplar des Verlages. Das Original ist in feiner gebundener Ausgabe überall zu finden, wo das gute Lesen wohnt.

Monschau von Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Monschau von Steffen Kopetzky

Zwei Straßenfeger zur aktuellen pandemischen Situation: Monschau von Steffen Kopetzky undEine Seuche in der Stadtvon Ljudmila Ulitzkaja. Eine Bücherkette, die viral geht und jederzeit Lesequarantänen verursacht…