Die Passion von Amélie Nothomb

Die Passion von Amélie Nothomb - Astrolibrium

Die Passion von Amélie Nothomb

„Es ist vollbracht.“

Ich hatte einen Traum. Ich träumte von einer Reise zurück in die Zeit. 2000 Jahre hätten mir gereicht, um in der Gegend von Jerusalem auf Jesus zu treffen und mich mit ihm über Gott und die Welt zu unterhalten. Ein Traum, der wohl immer einer bleiben würde, das war mir schon klar. Und doch lagen mir so viele Fragen auf den Lippen, die ich bei dieser Gelegenheit gestellt hätte. Dass ich nun literarisch Erlösung fand, gehört zu DEN absoluten Überraschungen des Bücherjahres 2020. Dass es eine französische Schriftstellerin wagen würde, in die Haut von Jesus zu schlüpfen, und aus seiner Sicht in der Nacht vor seiner Kreuzigung über all das zu sprechen, was nie erzählt, nie zuvor betrachtet wurde und bisher in der offiziellen theologischen Sicht nie eine Rolle gespielt hat, ist für mich ein literarisches Erdbeben sondergleichen.

Die Passion“ von Amélie Nothomb, erschienen im Diogenes Verlag, bricht mit allen nur denkbaren Tabus, nimmt mögliche Vorverurteilungen wie Blasphemie und Sakrileg in Kauf und schlägt dabei einen Weg ein, den wir zwar alle vor uns sehen, von dem wir uns jedoch nie zuvor ein solches Bild gemacht haben. Es ist das menschlichste Porträt des Mannes, der durch seine Menschwerdung Geschichte schrieb, das jemals in einem Buch veröffentlicht wurde. Sein Martyrium in Jerusalem, sein Prozess, das Urteil, seine Liebe und der Verrat, der alles auslöste. All dies wurde uns nur überliefert. Nicht direkt von Augenzeugen, sondern von Evangelisten. Das Hörensagen war die Basis für einen Glauben und eine Religion. Waren diese Quellen verlässlich? Nein. Sie widersprechen sich vielfach. Warum also sollte man nicht den Versuch unternehmen, einen Roman in eine Welt zu setzen, die aufgeklärter und freidenkender ist, als jede Welt zuvor? Es ist an der Zeit, „Die Passion“ zu lesen. Gehen wir den Kreuzweg gemeinsam.

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Die Passion von Amélie Nothomb

Was darf man also erwarten, wenn man Amélie Nothomb nach Jerusalem folgt? Ein religiös geprägtes Fabulierstück, in dem sich die Autorin ihrer Fantasie überlässt? Ich sage ganz deutlich: NEIN. Dann vielleicht eine philosophisch geprägte Spiegelung des Gottessohnes, über den man aus Sicht einer Schriftstellerin wahrlich alles sagen kann? Auch hier ein ganz deutliches NEIN. Vielleicht eine romantische Erzählung, in der uns der wohl prominenteste zum Tode Verurteilte seine Lebensbeichte vorlegt? Mitnichten. Hier ist nichts verklärt, hier wird nichts romantisiert, keine Spur von Glaubenstheorien oder ermüdenden Diskursen zu ethischen oder moralischen Religionsfragen. Dies ist ein Roman für all jene, die meinen Traum träumen und einfach unbefangen mit einem Menschen (ja, das ist er zweifelsfrei) reden würden, der uns als selbstlos, opferbereit und empathisch beschrieben wird, ohne wissenschaftliche Beweise für seine Existenz finden zu können. Reicht der Glaube? Reicht es zu glauben? Dieser Roman bringt uns weiter.

Dies ist kein Hollywoodstreifen oder ein buntes Gemälde. Amélie Nothomb schreibt sich in Jesus hinein und vollendet in ihrem Buch die Menschwerdung einer Legende in beeindruckender Weise. Egal, wie man sich religiös positioniert. Es sind die einfachen Sätze aus seinem Mund, die uns fesseln: „Ich muss versuchen zu schlafen.“ Niemals zuvor hatte er sich selbst geäußert. Sein Schweigen füllt Lehrbücher. Nie hatte ich das Gefühl, Jesus wirklich nahe zu sein. Nie hätte ich gedacht, es sein zu dürfen. Was er zu erzählen hat, ist revolutionär, blasphemisch und menschlich zugleich. Er spricht von seiner Rolle auf Erden, die ihm zugedacht war, erzählt von den Wundern, die man ihm zuschreibt und was er dabei empfand. Er spricht von der Liebe zu den Menschen und der besonderen Liebe zu Magdalena. Er beschreibt seinen Prozess und die logischen Folgen der Zeugenaussagen gegen ihn. Und er hat Angst vor der Kreuzigung, vor den Schmerzen und der Tatsache, die Welt verlassen zu müssen. Hier spricht ein Mensch.

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Die Passion von Amélie Nothomb

Amélie Nothomb steht unserem Glauben nicht im Weg. Ganz im Gegenteil. Durch ihren Roman öffnet sie Türen für eine neue Herangehensweise an ein Thema, das im Lauf der Zeit zum Thema einer Institution verkam. Kann man an Gott glauben, ohne an die Kirche zu denken? Nothomb gibt alle Antworten. Sie lässt Jesus den eigenen Vater kritisieren und an sich selbst zweifeln. Sie lässt ihn davon träumen, ein ganz normales Leben führen zu können. Sie greift an keiner Stelle ihres Textes zu kurz und schon der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass wir es hier mit einem Menschenkind zu tun haben. Und gar nicht nebenbei finden wir in diesem Buch Halt, wenn wir uns selbst mit den tief existenziellen Fragen unseres Lebens auseinandersetzen. Das ist kein Coelho. Das ist meilenweit von einem Ratgeber entfernt. Hier schießt uns die Erkenntnis direkt ins Herz und versöhnt uns mit den kritischen Fragen, die uns beschäftigen.

Soif [swaf] – DURST ist der französische Originaltitel des Romans. Der Autorin gelingt Erstaunliches, wenn sie mit diesem Wort spielt. Wenn sie es dem Dürstenden in den Mund legt und dieses Gefühl zum Mantra ihres Romans erhebt. Allein hierfür lohnt es sich, diesen Roman zu lesen. Es ist der Durst nach Wahrheit und Weisheit, der uns am Ende überkommt. Er ist unstillbar, aufwühlend und schmerzhaft und doch ist er mit den Worten dieses Jesus von Nazareth gleichzeitig ein Fluchtpunkt im Leben, an den man glauben muss. Dieses Buch ist provozierend, wenn man ein reiner Theoretiker in der Religionswissenschaft ist. Es ist gotteslästerlich, weil es Kritik an Gott zulässt. Und es ist ein Sakrileg, weil es uns von einer Dogmatik befreit, die unser Leben beeinflusst. Aufopferung und Selbstlosigkeit werden mit einem neuen Wertevorrat hinterlegt.

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Die Passion von Amélie Nothomb

Die Passion“ von Amélie Nothomb ist ein echter „Mindchanger“. Dieses Buch ist in der Lage, die eigene Meinung, eine verfestigte Grundhaltung und geprägtes Denken zu verändern. Der Roman ist kein Bildersturm, keine Revolution gegen den Glauben im wahrhaftigsten Sinn des Wortes. Wer Amélie Nothomb gelesen hat, findet vielleicht den Zugang zu Jesus, der ihm bisher verwehrt war. Sicherlich findet jeder von uns Ansätze, sich selbst zu hinterfragen. Nicht nur in Bezug auf Religion und Ethik. Am Ende dieser Geschichte (deren Ende weiß Gott keiner Spoiler bedarf) stand für mich fest, dass ich vor mehr als 2000 Jahren diesem Mann gefolgt wäre. Mehr muss ich nicht sagen. Der Traum vom Dialog mit Jesus wurde real.

„Es ist vollbracht.“

Persönliches: Ich hatte einen Freund. Er war katholischer Priester und mein Lehrer im Abitur. Er hat uns damals christlich getraut, unsere Kinder christlich getauft und dabei niemals die Institution erwähnt, für die er stand. Er öffnete mir die Tür zu dem Glauben, den er uns vorlebte. Wir haben nächtelang diskutiert und dabei über Gott und die Welt geredet. Er kannte keine Dogmatik, kein „Das darf man so nicht sehen“ und kein „Aber die Kirche sagt und schreibt.“ Ich hätte ihm „Die Passion“ geschenkt. Dann hätte ich ihm die Zeit gegeben, diesen Roman zu lesen. Und dann hätte ich ihn im Dom zu Trier besucht. „Hallo Engelbert, wir müssen reden“, hätte ich gesagt. „Hast Du Wein dabei?“ hätte er gefragt. Und dann… Entschuldigung, mein Freund, dass ich hier keine Worte mehr finde. Ich habe den Glauben an Dich nie verloren.

Diese Rezension ist liebevoll zugeeignet. Dr. Engelbert Felten (8.9.54 – 3.3.2019)

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Expeditionskreuzfahrt. Klingt das nicht verlockend? Nun gut, in Zeiten von Corona vielleicht nicht gerade. Das bekommt die Branche sehr deutlich zu spüren. Aber waren solche Abenteuerreisen vor der weltweiten Pandemie ein reines Vergnügen? Ging man als anderer Mensch von Bord, nachdem man mit einem Postschiff der Hurtigruten im Polarmeer war? Ist ein Eisbrecher in der Lage, unser inneres Eis zu schmelzen, oder muss man sich von solchen Träumen verabschieden, weil man nicht alleine unterwegs ist, und die Gesellschaft anderer Kreuzfahrer zu legendären Havarien führen kann. Ich denke da an David Foster Wallace und seine Reportage Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne micheinen fulminanten Abgesang auf den Zauber der Kreuzfahrten und eine Generalabrechnung mit dem Massentourismus auf hoher See. Wer nach der Lektüre dieses Buche noch singt „Eine Kreuzfahrt, die ist lustig„, dem ist nicht mehr zu helfen. Weder an Land, noch zu Wasser… David hat es selbst erlebt.

Seine Schilderung des maritimen Bordalltags gleicht einer Überdosis sozialkritischer Realsatire. Seine Beobachtungen erreichen an Bord der Zenith ihren Höhepunkt, wenn er das Verhalten seiner Mitreisenden und des gezwungen lächelnden Servicepersonals in aller Klarheit aufs Korn nimmt. Legendäre Passagier-Fragen wie: „Schläft die Crew auch an Bord?“ oder „Wird man beim Schnorcheln nass?“ bilden nur den Rahmen für den Wallace´schen Schiffskörper. Schrecklich amüsant zu lesen. Umso gespannter war ich nun auf „Beinahe Alaska“ von Arezu Weitholz. Eine Expeditonskreuzfahrt von Grönland nach Alaska, die Arktis, das Polarmeer, Packeis, Eisberge, Polarlichter, Eis, Eis und nochmal Eis und die unsichtbaren Spuren der großen Entdecker. Ja, das hat mich verführt, beim Mare Verlag einzuchecken und die Autorin lesend zu begleiten.

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Was anmutet wie die Reportage einer Autorin, die sich auf einer Recherchereise im Polarmeer befindet, entpuppt sich schnell als literarischer Paukenschlag. Was ich mir auch immer von dieser Lesereise versprochen hatte, Arezu Weitholz räumt schon mit ihren ersten Worten gewaltig mit meiner Erwartungshaltung auf. Es fühlt sich so an, als würde sie mich wie selbstverständlich beiseite nehmen und mir erklären, wovon ich mich bitte verabschieden solle, bevor ich mich an Bord der MS Svalbard begebe. Das erzeugt Nähe und Vertrauen. Das dämpft nicht, das macht neugierig. Der Sog in diese Geschichte über eine Frau und das Polarmeer beginnt schon hier, mich in die Tiefe zu ziehen:

„Es wird keinen Mord geben, keine Leichen, kein Monster, keinen Unfall, keine abgefrorenen Nasen oder Zehen. Es wird niemand schneeblind werden, keiner wird ertrinken oder festfrieren, sich das Bein brechen oder einen Anfall erleiden.“

„Es wird kein Mann und auch keine Frau über Bord gehen, es wird nicht knapp, nicht eng, nur kalt und gelegentlich ein bisschen böse. Die Abgründe bleiben in den Menschen.“

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Nachdem das also geklärt ist, wendet sich die Autorin mir erneut zu und verrät, was ich zu erwarten habe. Und bei Gott, sie hat sich nicht weit aus dem Fenster ihrer Kabine gelehnt. Alles ist eingetroffen. Alles ist genau so passiert und nichts davon ist geeignet, jemals vergessen zu werden. Arezu Weitholz hat Wort gehalten und mir eine Polarreise und ihren eigenen Blick auf dieses Welt ins Herz geschrieben.

„Sie werden aus dem Fenster sehen, in ihre Bücher – und aufs Meer, Sie werden mit einem Schiff fahren und aufs Meer schauen.“

Ich habe in „Beinahe Alaska“ dieses BEINAHE schätzen gelernt und meinen Blick aufs Wesentliche gerichtet. Ich habe beinahe eine Reise unternommen, bin beinahe in der Arktis an Land gegangen, traf beinahe auf Menschen, die sich an Bord fühlten, wie die Entdecker der Nordwestpassage, sprach beinahe mit Crewmitgliedern über die Liebe zum Meer, erreichte beinahe Alaska und erkannte beinahe eine Schriftstellerin, die sich auf der Svalbard neu entdecken wollte. Ich versank beinahe erneut in meinen Büchern über Polarexpeditionen und fühlte beinahe körperlich, was es bedeuten kann, beinahe glücklich zu sein. Beinahe mag sich anhören, wie fast oder unvollendet. Nah dran und doch nicht am Ziel. Arezu Weitholz gelingt es, uns mit den vielen Beinahes unseres Lebens zu versöhnen und die Welt neu zu entdecken.

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - AstroLibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Ja, ich habe aus dem Fenster geschaut, das Polarmeer beobachtet und in meine Bücher gesehen. Ich habe nie entdeckte Länder mit eigenen Augen gesehen und nie geküsste Typen erlebt. Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, wenn mir vor Augen geführt wurde, wie es der „Erebus“ in diesen Gewässern erging. Ich folgte der Autorin in ihre Gedankenwelt, in der es ohne feste Bezugspunkte keine Orientierung geben kann und das Leben nur dazu verleitet wird, einem einen Streich zu spielen. Im Scheitern erlebte ich die Chance neuer Herausforderungen und stand doch kurz davor auch in diesem Buch eine Meuterei zu erleben, weil zahlende Passagiere niemals zu begreifen in der Lage sind, der Natur Rechnung zu tragen. Ich stand im Dialog mit den Büchern meines Lesens, die mich schon zuvor in diese Region entführt hatten. Und ich zog erneut den „Goldenen Atlas“ von Edward Brooke-Hitching zu Rate, um den Routen der ersten Forscher im Polareis zu folgen. Alle Bücher sprachen plötzlich miteinander

Wenn Julien Blanc-Gras davon träumt, „Das Eis brechen“ zu können, zeigt uns Arezu Weiholz, was ein echter Ice-Breaker ist. Mit ihr erleben wir Touristen von ihrer schlimmsten Seite, Fremde auf wundersame Weise und Distanz mit neuem Maßstab. Dabei schreibt sich Arezu Weitholz in einen Erzählrausch, der dem Abenteuer, das auf uns wartet, gerecht wird. Wo sie kritisch mit Kreuzfahrten ins Gericht geht, bleibt kein Auge trocken. Wenn sie die Natur verteidigt, wird Green Peace blass und, wenn sie sich selbst infrage stellt, sind die Leser die einzigen an Bord, die für sie in jedwede Bresche springen würden. Innenansichten wechseln mit Außenansichten und weisen den Weg zur inneren Balance. Sprachgewaltig, romantisch, verliebt und unsicher. So erleben wir eine Frau an Bord eines Eisbrechers, der auch ihr Eis langsam beiseite schiebt. Wundervolle Literatur im Ambiente von Polarlicht und Eisbergen.

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Am Ende der Reise steht fest, dass man nicht dort ankommt, wohin man eigentlich aufgebrochen war. Insofern steht diese Geschichte für das ganze Leben. Wir werden zu Entdeckern unserer eigenen Ungeduld und entschleunigen von Seite zu Seite mehr. Es sind die Gedankenspiele der Autorin, die lange nachhallen. Bilder, die sich auch im Polareis bis in unsere Gedanken vorschmelzen. Warum wird man als alleinstehend und nicht als alleinlaufend bezeichnet? Ist das Singledasein wie ein Stillstand? Wie fühlt es sich an, wenn man glaubt, andere Menschen besäßen ein Lineal fürs Glück? Und was ist das für eine Natur, die einfach unmalbar ist? Diese feinsinnige Sprache der Autorin veredelt diesen Reisebericht, in dem sie beinahe selbst sichtbar wird. Man glaubt, ihr beinahe selbst zu begegnen, wenn sie sich in ihren Gedanken treiben lässt. Immer frei, niemals im Packeis gefangen.

Das Interview mit der Autorin in der Zeitschrift der Meere No 142 von Mare liest sich wie ein Schlüssel zu einer Schatztruhe. Sie ist vieles in diesem Buch und doch ist sie eben vieles nicht. Es sind ihre Augen, die alles sehen und ihre Gefühle, die uns die Bilder näherbringen. Alleinstehend oder alleinlaufend jedoch ist sie nicht. Sie pflegt jene Distanz zur Erzählerin und Beobachterin dieser Expeditionskreuzfahrt und befreit sich auf diese Weise vom Maßstab einer Reisereportage. Beinahe hat sie damit Erfolg Beinahe hat sie mich auch davon überzeugt. Beinahe ist das ein schönes Buch. Ja, das schreibe ich hier in voller Überzeugung und bin mir ganz sicher, dass die Autorin dieses Prädikat mit einem geschmeichelten Schmunzeln akzeptieren wird. Sie hat mir beigebracht, dass beinahe mehr ist, als man vermuten könnte… Es ist das pure Glück!

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Als ich schon dachte, ich hätte die MS Svalbard mit heiler Haut verlassen, kam ein neues Buch aus dem Mare Verlag an. „Polarliebe„. Ich las es sofort im Anschluss und wurde in die Zeit der großen Entdecker zurückgeworfen, die auch Arezu Weitholz am Horizont auftauchen lässt. Erneut begann ein intensiver Dialog mit meinen Büchern, von dem hier noch die Rede sein wird. „Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ – ein Buch, das selbst meine eisigsten Tränen zu Schmelzwasser am Nordpol werden ließ.

Beinahe Alaska und Polarliebe - Mare Verlag - AstroLibrium

Beinahe Alaska und Polarliebe – Mare Verlag

Weitere Expeditionen bei AstroLibrium: Von Schiffen, Bergen und Entdeckern.

Die Unschuldigen von Michael Crummey

Die Unschuldigen von Michael Crummey - AstroLibrium

Die Unschuldigen von Michael Crummey

Es wäre ein wohl Aufsehen erregender physischer Auftritt in Frankfurt gewesen. Kanada, das Ehrengastland der diesjährigen Buchmesse hätte nicht nur Autoren und Bücher im Gastland-Pavillon präsentiert. Lebensgefühl, Vielfalt, Einzigartigkeit und viele weitere Überraschungen standen auf dem Programm. Und unsere Verlage hatten sich auf diesen besonderen Ehrengast perfekt eingestellt. Die kanadische Literatur hätte in diesem Jahr einen besonderen Stellenwert bei ihren Messeauftritten gehabt. Nun bleibt „nur“ noch ein digitaler Auftritt. Jetzt sitzen wir vor den Computern und sind froh, dass wir zumindest auf diesem Wege einen Hauch von Kanada und Buchmesse inhalieren können. Aber ganz virtuell möchte ich nicht bleiben. Kanadische Literatur zum Greifen nah. Das ist das Motto dieses Artikels. Rezension und Verlosung auf einen Streich.

Beginnen möchte ich mit meiner Rezension zu einem Roman, der mich in ein mehr als urwüchsiges, unerforschtes und wildes Kanada entführt hat. Neufundland zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die abgelegene Insel im Nirgendwo, ein unwirtlicher Ort, an dem das Überleben zu dieser Zeit täglich einer Zerreißprobe gleicht und ein Jagdgebiet, das dem Menschen alles abverlangt. Ob im Wasser oder an Land. „Die Unschuldigen von Michael Crummey ist ein zutiefst empathischer Abenteuerroman, der zwei Geschwister in den Mittelpunkt stellt, die hier auf sich allein gestellt sind. Fernab von jeder Zivilisation und von den Eltern nur unzureichend auf das Leben vorbereitet. Dabei wissen sie mehr über die Natur, die sie umgibt, als über die Natur des Menschen, der sie hier schutzlos ausgeliefert sind.

Die Unschuldigen von Michael Crummey - Astrolibrium

Die Unschuldigen von Michael Crummey

Es ist die urwüchsige Erzählung eines modernen Jack London, die uns gefangen nimmt und zu den Gefährten zweier Geschwister macht, die eigentlich viel zu jung sind, um so schnell erwachsen zu werden, wie es die Umstände und die Natur erfordern. Es ist ein Michael Crommey, der sich in einen bildhaften Erzählrausch schreibt, der mich alles fühlen ließ, was er beschreibt. Einsamkeit, Verzweiflung, Kälte, Trauer, Hoffnung und die wilde Schönheit einer Insel, die sich für die beiden Kinder nur ganz selten von ihrer schönsten Seite zeigt. Ada und Evered mussten ihre Eltern begraben, ihre Mutter in der eisigen Erde, den Vater auf See. Sie treten ein Erbe an, das sie kaum meistern können. Fischfang unter härtesten Bedingungen, um den Fang dann einem Händler zu verkaufen, der einmal im Jahr mit seinem Schiff auftaucht. Ihr Lohn? Vorräte für das nächste Jahr.

In diesem Kreislauf der Abhängigkeit werden wir Augenzeugen der Entwicklung der beiden Geschwister. Bruder und Schwester arrangieren sich mit dem Leben, mit den Gegebenheiten und mit der Einsamkeit auf Neufundland. Sie wollen bleiben, wollen überleben, verweigern sich den Angeboten, doch aufs Festland zu ziehen. Hier sehen sie die Heimat. Auf alles sind sie vorbereitet. An jeder Aufgabe wachsen sie. Die Eltern haben sie widerstandsfähig gemacht. Keiner würde schaffen, was den beiden Kindern gelingt. Nur auf eines sind sie nicht vorbereitet, eines hat ihnen niemand erzählt, einen Rat konnten die Eltern ihnen nicht mit auf den Weg geben. Ein Rat, den sie beide jetzt dringend benötigen. Als Ada zwölf und Evered vierzehn Jahre alt sind, werden sie von etwas überrollt, das wir heute als Pubertät bezeichnen. Für die Geschwister entwickeln sich die plötzlich aufkommenden Gefühle füreinander zu einer Zerreißprobe. Niemand hat sie vorbereitet und niemand hat sie gewarnt, dass es gefährlich sein könnte, wenn Bruder und Schwester sich aneinander verlieren.

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Die Unschuldigen von Michael Crummey

Michael Crummey verliert sich nicht in dieser Erzählung. Er schreibt nicht um den heißen Brei herum. Er gibt seinen Protagonisten den Freiraum, sich zu entwickeln und ihre eigenen Fehler zu machen. Er erzählt von Verlangen, von Scham und Nähe. Vom Trost der ersten Berührungen, von der brutalen Eifersucht, die plötzlich aufkommt, als die Schiffe nicht mehr nur vorbeifahren, sondern anlanden und erste Besucher in das Leben der Heranwachsenden einbrechen. Die Seeleute sind zotig, trunken und vulgär. Die Männer so verwegen, wie sie es in dieser Gegend sein müssen, um zu überleben. Und doch lässt Michael Crummey viel Raum für die Grandezza von Menschen, die es mit Ada und Evered wirklich gut meinen. Hier wird aus einer guten Geschichte ein großer Roman. Hier wird aus dem Strandgut, das an ihrem Strand landet ein echter Hoffnungsschimmer für eine gemeinsame Zukunft. Hier wird ein Fernrohr, das sie an Bord eines Wracks finden, das Fenster zu einer neuen Welt.

Wir gehen den Fragen des Lebens auf den Grund, Wir stellen uns der Frage, ob es die Eltern sind, die ihre Kinder auf das wahre Leben vorbereiten, oder ob Resilienz das Ergebnis ganz anderer Prozesse ist. Wir blicken hinter die Vorhänge des Schlafraums und beobachten die Unsicherheit der Geschwister im Umgang miteinander und blicken doch niemals verschämt zur Seite, weil uns der Autor nicht zu Voyeuren macht. Es ist die Erzählkunst des Autors, einem authentischen Roman ein Setting zu verleihen, dem wir Glauben schenken. Es ist aber auch seine große Kunst, nichts peinlich werden zu lassen, was im reinsten und unverfälschten Gefühl zweier Menschen nicht als peinlich empfunden wird.

Freude und Scham. Scham und Freude. Das waren die Währungen der Welt. Und beide wurden gleichermaßen ausgezahlt.

Das vielleicht größe Abenteuer eines Bücherjahres, in dem wir beharrlich auf der Suche nach Romanen sind, die unseren moralischen Kompass neu ausrichten.

Die Unschuldigen von Michael Crummey - AstroLibrium

Die Unschuldigen von Michael Crummey

Die Messestadt Frankfurt hätte sich sehr auf Michael Crummey gefreut, wir Leser und Besucher hätten uns gefreut. Und doch habt ihr eine Möglichkeit, die kanadische Literatur des Bücherherbstes in einem Buchpaket zu euch nach Hause zu lotsen. Der Eichborn Verlag hat die Aktion #eichborncanlit ins Leben gerufen und stellt im Netz, im Buchhandel und auf den eigenen Verlagsseiten vier Neuerscheinungen kanadischer Autoren und Autorinnen vor, die in Frankfurt am Messestand im Brennpunkt gestanden hätten. Natürlich gehört auch „Die Unschuldigen“ von Michael Crummey dazu. Dank des Eichborn Verlages habe ich die Möglichkeit, eines dieser Buchpakete zu verlosen. Was ihr tun müsst, um die kanadische Bücher-Flagge in eurem Bücherregal zu hissen? Ganz einfach.

Schaut euch die Bücher des Buchpakets genau an.  Es handelt sich um:

Die Unschuldigen“ von Michael Crummey
Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau“ von Marie-Renée Lavoie
So nah den glücklichen Stunden“ von Anaïs Barbeau-Lavalette
Washington Black“ von Esi Edugyan

Eichborn - Kanadische Literatur - Frankfurter Buchmesse 2020 - Astrolibrium

Eichborn – Kanadische Literatur – Frankfurter Buchmesse 2020

Ein wundervoller Genremix, der den Facettenreichtum der kanadischen Literatur unter Beweis stellt. Vom bewegenden Abenteuer zweier Geschwister auf Neufundland über die Rache einer gelangweilten Ehefrau bis zum Jahrhundertroman einer Künstlerin und zuletzt zu einer Geschichte der Sklaverei auf Barbados. Hier ist garantiert für jeden Geschmack, für jede Lesestimmung und jeden bibliophilen Leser etwas dabei. Und nun nichts wie los, um eure Chance zu wahren, das gesamte Paket zu gewinnen.

Kommentiert diesen Artikel bis zum Sonntag, den 18. Oktober um 20:00 Uhr und schreibt mir einfach, was euch mit Kanada verbindet. Unter allen Teilnehmer*innen wird das Buchpaket verlost. Ihr dürft euren Freunden gerne von dieser Aktion erzählen und sie in den sozialen Medien teilen. Auf jeden Fall solltet ihr uns, falls ihr gewinnt, mit auf eure Lesereise nehmen und unter #eichborncanlit ein paar Impressionen teilen. Ich drücke jetzt ganz fest die Daumen.

Die Unschuldigen von Michael Crummey - eichborncanlit - astrolibrium

Eichborn – Kanadische Literatur – Frankfurter Buchmesse 2020

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Adressat unbekannt. Die Geschichte ist nicht neu. Der Briefroman von Kressmann Taylor wurde bereits 1938 in der New Yorker Zeitung Story und dann im Folgejahr als Buch im US-Verlag Simon & Schuster publiziert. Katherine Taylor musste dabei ihr wahres Geschlecht hinter dem maskulinen Pseudonym „Kressmann“ verschleiern, da ihr Verleger der Meinung war, dass ein höchst politischer Text von einer Frau in dieser Zeit nicht ernst genommen würde und keine Beachtung fände. So kam es, dass dieser epochale und aufrüttelnde Briefroman über das Zerbrechen einer Freundschaft bis in unsere Zeit einem „intelligenten und vorausschauenden Schriftsteller“ zugeschrieben wird. Was für ein Irrtum, welch literarische Fehleinschätzung.

Ihr Briefroman war so politisch, wie ein Roman nur sein konnte. Er traf die Nation mitten ins Herz, weil die Autorin das Schicksal jüdischer Immigranten ins Zentrum der Erzählung stellte, die sie ihren Mitbürgern um die Ohren schlug. Man verhielt sich noch zurückhaltend gegenüber dem Nationalsozialismus in Deutschland. Man ignorierte alle Aufrufe der jüdischen Gemeinden angesichts aufkommender Gerüchte über Pogrome, Verfolgung und die geplante Massenvernichtung jüdischen Lebens. Man setzte auf gute wirtschaftliche Beziehungen zum Dritten Reich und wollte vermeiden, dass in Berlin als Störfeuer empfunden wurde, was eigentlich Humanität hieß. Und dann kam sie. Dann kam „Adressat unbekannt“ und demaskierte die Nazi-Diktatur mit einem Schlag und auf ganz wenigen Seiten.

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Kressmann Taylor lässt in diesem legendären Briefwechsel zwei deutsche Freunde zu Wort kommen. In San Francisco betrieben sie eine gut gehende Kunstgalerie, bevor Martin Schulse 1932 nach Deutschland zurückkehrte. Vierzehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zieht es ihn nach Hause. München ist sein Ziel. Sein jüdischer Geschäftspartner bleibt in San Francisco und führt von dort das gemeinsame Geschäft. Max Eisenstein schreibt nach Bayern. Er schreibt vom Fehlen seines Freundes, vom Erfolg der Galerie und ist interessiert an der politischen Entwicklung der gemeinsamen Heimat. Es sind emotionale Briefe, die München und San Francisco verbinden. Bis der Ton beginnt, zunehmend politisch zu werden.

Während sich Max Eisenstein zunehmend besorgt über die Machtergreifung der Nazis äußert, muss er den Worten seines Freundes aus München entnehmen, wie es den neuen Machthabern immer mehr gelingt, das Land, die Gefühle und den Hass im Sinne dieser Ideologie zu kultivieren. Es ist ein schleichender Prozess, der von Martin Schulse Besitz ergreift. Er gerät ins Schwärmen, wenn er über die neue Stärke seines Heimatlandes schreibt. Man spürt, wie sehr er Partei ergreift und wie sich die Diktatur langsam um ihn schließt und ihn in einem braunen Kokon verschwinden lässt. Als Max Eisenstein beginnt, besorgte Fragen über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung zu stellen, zeigt ihm sein Freund die kalte Schulter. Indoktriniert bis in die Haarspitzen ist Martin auf dem besten Wege, Teil des Systems zu werden. Koste es, was es wolle.

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Die Informationen über die Entrechtung der Juden in Nazi-Deutschland, die sich in diesen Briefen verbergen, sorgten in Amerika für Betroffenheit. Mehr jedoch nicht. Man war nicht bereit, dem Glauben zu schenken. Man ließ sich von Adolf Hitler einlullen und setzte auf Deeskalation. Kressmann Taylor besaß den Mut, über Judenverfolgung und die völlige Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus der deutschen Gesellschaft zu schreiben, als ihre eigenen Mitbürger die Wahrheit noch ignorieren wollten. Es war die Zeit, in der es auch dem großen Charlie Chaplin nicht gelingen wollte, sein Filmprojekt Der große Diktator zu finanzieren. Eine Zeit der Blindheit und Taubheit aller Sinne.

Kressmann Taylor lässt die Briefe eskalieren. Max Eisensteins Sorge um Griselle bestimmt seine Texte. Die eigene Schwester befindet sich in Deutschland, sie fühlt den Atem der Nazis in ihrem Nacken, ihre Zeit als Schauspielerin endet mit Beschimpfung und Berufsverbot. Sie fühlt sich verfolgt. Max bittet seinen Freund um Hilfe. Er fleht ihn an. Er empfiehlt seiner Schwester bei Martin Schulse in München Zuflucht zu suchen. Brief um Brief bittet er seinen „guten Freund“, Griselle zu helfen. Die Antworten sind erschütternd. Sie beginnen mit der Begrüßungsformel eines echten Nazis. „Heil“ steht fortan für Distanz und Ablehnung. Als Eisenstein seiner Schwester verzweifelt schreibt, erhält er keine Antwort mehr. Sein Brief wird retourniert. „Adressat unbekannt„. Die Sorge steigt ins Unermessliche.

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Diese Briefe zu lesen, ist sehr hart. Sich vorzustellen, wie viel Zeit der Ungewissheit zwischen ihnen liegt, zermartert die Leserseele. Und doch schützt das Lesen vor allzu großer Gefühlswallung. Man kann sich distanzieren, die Zeilen analysieren. Aus dieser Distanz wird das schier Unerträgliche zumindest ein wenig gemildert. Den immer mehr aufkommenden Hass in mir jedoch konnte ich auch lesend nicht unterdrücken. Das zu hören, es von zwei brillanten Stimmen gelesen zu hören, die sich in diese Geschichte fallen lassen, versetzte mich in atemloses Erschrecken. Die brutale Dynamik der Briefe erhält in der Hörbuchproduktion „Adressat unbekannt“ aus dem Hause ZYX Music in genau einer Stunde eine neue Dimension des literarischen Nachempfindens.

Es ist Matthias Brandt, Grimme Preisträger, Bambi-Besitzer, Deutscher Hörbuchpreis ausgezeichneter Willy-Brandt-Sohn, Schauspieler und Schriftsteller, der seine Stimme für Max Eisenstein ins Gefecht wirft. Versachlicht und verbindlich beginnt sein Lesen in der Zeit, in der sich die Freunde nur Gutes schreiben. Aufgewühlt, zerrissen, flehentlich und verzweifelt appelliert er in den Briefen an den Freund in Bayern, der Schwester zu helfen. Matthias Brandt legt alle Emotionalität in seinen Vortrag, der es bedarf, um sich in den Juden Eisenstein hineinversetzen zu können. Das gelingt ihm bravourös. Seinen Appellen sitzt im Studio Stephan Schad gegenüber, der sich in seinem Tonfall zu dem glühenden Verehrer des Führers entwickelt, den man sich lesend nicht besser denken kann. Er wird härter, distanziert und egoistisch. Brutal wird die Sprache, brutal wird die Stimme. Der Egoismus eines ideologisch Verblendeten kann besser nicht interpretiert werden.

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Als Kressmann Taylor das Blatt wendet, wenden sich auch die Stimmen. Aus der besorgten Eisenstein-Stimme wird der brutale, sein Gegenüber sezierende Rächer, in dessen Tonlage sich ein tödlicher Plan widerspiegelt, der das Nazi-System und seinen Freund mit den eigenen Waffen schlägt. Währenddessen kultiviert Stephan Schad sein Atmen zum Stilmittel des Erkennenden, des sehenden Auges in den Untergang und in den Tod Getriebenen. Die Rollen wechseln. Die Sprecher agieren, als wären sie selbst involviert. Es ist bedrückend und faszinierend zugleich, miterleben zu dürfen, wie sich die zeitlose Botschaft von Kressmann Taylor nun auch sprachlich Bahn bricht.

Am Ende hört man atemlos die letzten Umdrehungen der CD. Man wagt es kaum, die Stopp-Taste zu drücken. Es ist ein magischer Moment. Sei dir nicht sicher in dem System, das auf der Basis der Entrechtung von Menschen funktioniert. Eine Diktatur frisst alles auf, was ihr im Weg steht. Dieses Wissen muss man nutzen, um gegen sie zu kämpfen. Kressmann Taylors Botschaft ist tragfähig, auch wenn sie die Rache im Herzen trägt. Diese Rache jedoch ist ein Signal für all jene, die denken, sie wären im Herzen des Nazi-Gedankenguts sicher. Eine Botschaft, die auch heute noch trägt.

Raumpatrouille von Matthias Brandt - Astrolibrium

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Nehmt euch eine Stunde Zeit. Ihr werdet sie nie vergessen. Mehr zu diesem Thema findet ihr in meiner Blog-Kategorie „Vergissmeinnicht. Gegen das Vergessen„. Mehr zum Autor Matthias Brandt findet ihr in meiner Rezension zur „Raumpatrouille„. Hier schreibt es, wie ihm der autobiografische Schnabel gewachsen ist. Ein Brandt-Buch…

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff - AstroLibrium

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

„Jedes Buch hatte seine Zeit. Es vorher lesen zu wollen,
war töricht, es zu spät zu lesen, vergeblich.“

Ich möchte mit meiner Rezension am Ende des Lesens beginnen. Ich möchte mit dem Moment beginnen, der mich nach den letzten Zeilen des Romans Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff wieder ins richtige Leben katapultierte. Ein ambivalenter und emotionaler Moment zugleich, da ich mich einerseits als zu klein empfand, um hier mit eigenen Worten zu beschreiben, was diese Geschichte auszeichnet. Zugleich war ich voller Sorge um dieses Buch. Kann es sein, dass die vielen Lorbeeren, auf denen Iris Wolff gerade durch die Bücherwelt getragen wird, dem Lesen im Wege stehen? Kann es sein, dass Nominierungen für Buchpreise und die begeisterte Kritik des Feuilletons die ganz „normalen“ Lesenden abschrecken, weil sie vermuten, ein Buch vorzufinden, das für den alltäglichen und besonderen Lesespaß zu elitär ist? Sind wir Rezensenten dann schuld daran, dass genau dieser Roman in eine literaturwissenschaftliche Ecke verdrängt wird? Wenn dies sein könnte, dann mag ich einen anderen Ansatz wählen. 

„Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff ist einer der bewegendsten, einfachsten und sprachlich herausragendsten Romane, den ich jemals lesen durfte. Wer mir folgt, weiß woran ich bei guten Geschichten glaube, was mich als leidenschaftlicher Leser bewegt und wann ich ins Schwärmen gerate. Es ist das komplex Erzählte, das Nachhaltige und in Erinnerung Bleibende, das Emotionale und am Ende Funktionierende, wovon ich im Lesen träume, wenn ich einem neuen Buch die Tür zu meiner Welt öffne. All dies fand ich hier. Auf keine Facette meiner Wunschträume musste ich verzichten. Keine Fragen blieben offen, nichts war verkünstelt, nichts nur konstruiert. Bei Iris Wolff findet man im wahrsten Sinne des Wortes ein Seelenbuch, das nicht mehr loslässt. Und wenn ich hier von einer einfachen Geschichte spreche, dann ist dies nie abwertend. Es bedeutet nur, dass ich mich auch noch in Jahren bei der Erwähnung des Titels „Die Unschärfe der Welt“ an die Handlung, Personen und  Botschaften erinnern werde, die mir Iris Wolff ins Logbuch meines Lesens geschrieben hat. 

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff - AstroLibrium

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

„Wenn die Traurigkeit in der Brust wohnt,
dann steckt die Lustigkeit in den Zehen.“

Es ist eine Familiengeschichte über vier Generationen, die sich hier auf schlichten 213 Seiten vor unseren Augen entfaltet. Wo andere Autoren vielleicht epische Breite in mehreren Bänden einer Reihe benötigt hätten, vertraut Iris Wolff darauf, dass wir auch das Nicht-Erzählte verstehen und empfinden können. Sie bringt uns ihren Charakteren so nah, dass wir sie fühlen und weiterdenken können, wo die Sprache endet. Wir sind in Rumänien, in Siebenbürgen, im Banat. Historisch betrachtet folgen wir einer Familie in eine von der Weltgeschichte zerrissensten Regionen unserer Erde. Heimat wird hier nicht durch Grenzen, sondern durch Gefühl und emotionale Verwurzelung definiert. In keiner anderen Region wurden Menschen im Lauf des 20. Jahrhunderts so entwurzelt, wie hier. Was mit Banater Schwaben begann, durch Ideologien, Kriege und Grenzen beeinflusst und durch Diktatoren bekämpft wurde, führt zu einem dramatischen Verlust von Zugehörigkeit. Hier spielt diese Geschichte. Eine Region, in der noch nicht mal die Suppen eine tradierte Herkunft haben. Besonders nicht in den 1970er Jahren. 

„Dass hier niemand eine einheimische Suppe zu kochen imstande ist.“
„Was meinst du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch,
rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?“ fragte Florentine  

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Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

Es sind die Menschen, die uns Iris Wolff ins Herz schreibt. Es sind ihre Geschichten, die zu einem Familiengemälde werden, das wir zu deuten wissen. Es ist die Generation des Krieges, die enteignet und vertrieben nur noch an die gute alte Zeit denkt. Es sind die Gefühle der Alten, die im Rumänien Ceaușescus, in dem sie als Deutsche gelten, obwohl sie genau das schon unter den Deutschen Nationalsozialisten nie wahren. Ein Gefühl, das sich in den Kindern fortpflanzt und zur emotionalen Stellgröße des Lebens wird. Wo gehöre ich hin, wo gehöre ich dazu? Eine Familie wird zur letzten Keimzelle von Heimat. Ein harter Kampf im Unrechtssystem einer kommunistischen Diktatur. Es sind die Menschen, mit denen uns Iris Wolff verbindet. 

Es sind die großen und kleinen Geschichten, die bewegen: Es sind Menschen, wie:

Florentine und Hannes, die im Banat leben und bei der Geburt ihres Sohnes Samuel erkennen müssen, was es heißt, in Rumänien wie Menschen zweiter Klasse behandelt (oder eben nicht behandelt) zu werden. „Lass mir das Kind„, so lauten die allerersten Zeilen des Romans. Worte, die uns auf ewig mit Florentine verbinden. Eine Mutter, die nach ihrem eigenen Leben sucht, Poesie im Blut hat, Dinge anders sieht und die Welt noch nicht aufgegeben hat. Ihre Leidenschaft lebt von der Sehnsucht und der Liebe zu ihren Männern. Hannes ist ihre Mitte, Samuel ihre Zugehörigkeit und beide machen sie zum Dreh- und Angelpunkt einer Familie, die bis in unsere Zeit hinein reicht. 

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff - AstroLibrium

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

Samuel, der spät beginnt zu sprechen, spät beginnt zu fühlen, niemals aufhört, sich zu sehnen. Ein junger Mann in einem Rumänien, in dem die Macht der Großen darauf basiert, dass die Kleinen schuldig zu sein haben. Samuel als Erbe des Verrats, der am eigenen Vater begangen wurde. Er, der vorsichtig Fühlende, wird erweckt von einer jungen Frau, deren Nähe nicht leicht zu gewinnen ist. Beide tragen den Genpool ihrer Vorfahren in sich, was ihre Liebe auf eine harte Probe stellt. Stana, die Tochter eines Mannes, der alles für das Regime tun würde und tut. Liebevoll nur SANA genannt, beginnt in ihr die neue Welt. 

Und es sind Begegnungen mit Menschen, die nur am Rande erscheinen, niemals jedoch nur Randfiguren sind. Reisende aus der DDR, die sich hier freier fühlen, als in der Heimat, Freunde, die ihre Kinder verlieren und nicht mehr zurück ins Leben finden. Iris Wolff verbindet uns. Sie verbindet alles. Unschärfe entsteht nur dann, wenn wir zu nah an den Einzelnen herantreten. Iris Wolffs Blick ist der eines Adlers. Es ist Poesie, der wir in der „Unschärfe der Welt“ begegnen. Es ist die harte Abrechnung mit dem kommunistischen System, die sich einzigartige Wege bahnt. Und es ist die einfachste Liebesgeschichte der Welt, die wir hier im Inneren der Frucht entdecken. 

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff - AstroLibrium

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

„Samuel hatte, ohne es zu wissen, die Landkarte ihres Körpers für sich eingenommen, und wenn es etwas gab, wofür sie an diesem Abend
dankbar war, dann, dass dieser Atlas unsichtbar war.“

Für Stana ist die Annäherung an Samuel ein Experiment. Sie lebt im Einklang mit den Ahornblättern, die sie „Windwanderer“ nennt, überwindet die Konflikte und trägt die Zukunft in ihrem Herzen. In ihr gipfelt die Einfachheit der Liebesgeschichte. Mit ihr erleben wir die Flucht ihres Lebens-Mannes. Mit ihr schweigen wir fortan beharrlich. In sie versetzen wir uns hinein, als der Eiserne Vorhang fällt und die rumänische Diktatur stürzt. Mit ihr fühlen wir, als Florentine ihrem Sohn drei Worte schreibt. „Komm nach Haus“. An ihrer Seite warten wir auf den flüchtigen Samuel, der zum ersten Mal seit der Flucht die Heimat wiedersieht. An ihrer Seite erfüllt sich alles, wovon wir träumten.

Ich war nach der Revolution selbst in Rumänien, betrat den Palast Ceaușescus in Bukarest. Ich war betroffen und wütend angesichts des Widerspruchs zwischen Macht und der Armut der Menschen. Ich habe das nie ganz verarbeitet. Iris Wolff hat mir den Schlüssel in die Hand gelegt, mit dem ich den Palast erneut betreten durfte. Sie hat mir einen Ausweg aus dem Prunk gezeigt. Ganz einfach. Ganz poetisch und tiefgründig. In meinem Lesen bin ich solchen Worten noch nicht begegnet. Und sie hat mir die Frage beantwortet, ob ein Roman in der heutigen Zeit nicht auch einfach nur schön sein und schön enden kann. Ja. Ein eindeutiges Ja. Es darf, kann und muss sie geben. Diese Geschichten, die uns am Ende vor Freude weinen lassen. Dafür bin ich dankbar.

Ich werde Iris Wolff in München begegnen. Im Rahmen der Buchmlessespitzen liest sie am 16. Oktober um 18 Uhr im Münchner Literaturhaus. Mein Interview für Literatur Radio Hörbahn wird anschließend veröffentlicht. 

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Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

Der Roman von Iris Wolff ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Buchpreisblogger begleiten darf, werde ich auch die weiteren nominierten Titel lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November. Alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Ulrike Draesner: Schwitters (Penguin Verlag)
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik (Hanser Literaturverlage)
Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Klett-Cotta Verlag)

Warum ich bereits jetzt denke, dass „Die Unschärfe der Welt“ ein preiswürdiger Roman ist? Weil ich es tief in mir drin gespürt habe. Mit jeder Faser meines lesenden Herzens und mit jedem Wort, das ich aufsaugen durfte. Dieses Buch zu lesen ist wohl die beste Entscheidung, die man am Anfang des Lesens treffen kann. Denn:

„Für Anfänge musste man sich entscheiden, Enden kamen von allein,
wenn man sich nicht entschieden hatte.“ 

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff - AstroLibrium

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff

Frankfurter Buchmesse, digital. Eine neue literarische Welt, die uns in diesem Jahr erwartet, bringt auch ihre guten Seiten mit sich. Die Buchmessespitzen in München lässt Schriftsteller*innen in der bayerischen Metropole mit ihren Werken auftreten, die zu genau diesem Zeitpunkt in Frankfurt die Messehallen dominieren würden. Ich hatte die Ehre im Rahmen dieser Lesungsveranstaltung dieses Interview für Literatur Radio Hörbahn führen zu können, auf das ich mich besonders gefreut habe.

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff - Das Interview - AstroLibrium

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff – Das Interview

Iris Wolff im Gespräch

Ein Gespräch über literarische Zauberer, heimatlose Suppen, Windwanderer, ein satirisches Staatsbegräbnis, Heimat, Sehnsucht, Siebenbürgen und natürlich die Nominierung zum Bayerischen Buchpreis. Ganz nebenbei erfahren Sie, welchen eigentlichen Titel der Roman lange Zeit trug. Hier geht´s zum PodCast.

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