„Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Lassen Sie sich mit mir auf einen Versuch ein? Ein kleines Rezensions-Experiment zu einem Roman, der mich so intensiv beschäftigte, dass ich einfach einen neuen Weg finden musste um meine Emotionen zu beschreiben. Ich kann das Buch nicht sachlich vorstellen, weil es eine Geschichte erzählt, die mich bis ins Mark getroffen hat. Ich mag mich diesem Roman in Briefen nähern. Ja, Briefe an eine Romanfigur und eine Zeitung. Wenn Sie diese Frau im Buch kennenlernen, werden Sie sehr gut verstehen, warum ich ihr einfach schreiben musste. Wenn Sie die Zeitungsnachrichten im Buch lesen, wissen Sie, warum ich einen Leserbrief verfassen musste. Und ganz zuletzt lassen diese Briefe darauf schließen, was Sie im Roman erwartet. Besonders der letzte Brief aus der Feder einer Gehassten. Lassen Sie sich darauf ein? Es wäre mir ein Vergnügen.

Ein anderes Leben als dieses“ von Virginia Reeves – DuMont Buchverlag – Eine andere Rezension als sonst… Fan-Fiction vielleicht. Ganz persönlich bestimmt!

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Kilby Prison, Staatsgefängnis
Montgomery, Alabama
April 1926

Sehr geehrte Mrs. Martin!

Mein Name tut nichts zur Sache. Ich muss Ihnen nur dringend schreiben, weil ich sonst mit niemandem darüber reden kann, was mich beschäftigt. Ich bin hier ein Gefangener, wie Ihr Ehemann Roscoe T. Martin. Wir sitzen schon seit fast vier Jahren in einer Zelle und ich mag Roscoe wirklich gern. Er arbeitet hier in der Molkerei und mit den Hunden. Freitags hilft er in der Bibliothek aus, weshalb wir ihn hier einfach „Books“ nennen. Ich weiß von Roscoe, dass er Bücher nur deshalb liebt, weil Ihr Vater eine große Bibliothek hatte. Dass die Farm, die Sie von ihrem Vater geerbt haben nichts für Roscoe war, das müssen Sie von Anfang an gewusst haben.

Oh ja, er ist so gerne Elektriker. Er liebt den Strom und die Kraft, den Fluss der Energie und das Neue daran. Kein Wunder, dass alles mit Strom begann und er nur deshalb im Knast ist. Das ist ihm schon klar und er kommt immer noch nicht damit zurecht, dass er einen Menschen umgebracht hat, weil er die Stromleitung angezapft hat, um Ihre Farm zu versorgen. Ja, das macht ihm zu schaffen. Ich schreibe Ihnen aber aus einem ganz anderen Grund. Man behandelt ihn hier schlecht. Echt mies. Und er ist schwer verletzt. Ich weiß nicht, ob er wieder auf die Beine kommt. Und er redet so oft von Ihnen. Er hat sogar mal geträumt, dass Sie ihn hier besucht haben. Nur. Das stimmt nicht. Seit dem Prozess hat er nichts mehr von Ihnen gehört. Sie haben ihn niemals besucht und seine Briefe (es waren echt viele) haben Sie nie beantwortet.

Was sind Sie für eine Frau? Warum sind Sie nie da? Warum lassen Sie nicht zu, dass Gerald ihn besucht? Roscoe vermisst seinen Sohn genauso wie er Sie vermisst. Er hat das alles doch für Sie getan. Er wollte, dass es mit der Farm aufwärtsgeht. Das war der einzige Weg für ihn und irgendwann hätte sich das mit den Stromleitungen sicher ganz allein geklärt. Dass dieser Monteur ihm auf die Schliche kam, das konnte er doch nicht ahnen. Und dass der Typ bei der Kontrolle der Leitungen ums Leben kam. Das tut ihm unendlich leid.

Dass Sie ihn hängenlassen, das ist jedoch der Sargnagel für ihn. Warum sind Sie so zu ihm? Schreiben Sie Ihrem Mann. Nur einen Satz. Das kann ihm das Leben retten. Und wenn Sie noch ein Herz im Leib haben, schreiben Sie ihm, was mit Wilson passiert ist. Roscoe fühlt sich schuldig, weil man seinen Neger-Komplizen (so hat der Staatsanwalt ihn genannt) gleich mit verurteilt hat. Und Roscoe beteuert immer wieder, dass Wilson unschuldig ist und er Angst davor hat, dass man ihn in eine Kohlemine gesteckt hat. Er weiß, wie man hier mit schwarzen Sträflingen umgeht. Wissen Sie was von Wilson?

Bitte schreiben Sie. Nur ein einziges Mal. 20 Jahre Haft sind hart. Schweigen ist härter.

Ein Freund Roscoe`s…

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Leserbrief an die Redaktion
Birmingham News
zum Prozess
Alabama Power Company
gegen Roscoe T. Martin

Seit Tagen verfolge ich aufmerksam Ihre Berichterstattung zum Prozess gegen Roscoe T. Martin. Schon schaurig zu lesen, wie die Leiche des Monteurs ausgesehen hat. Den hat Roscoe auf dem Gewissen. Das steht fest. Und wenn auch nur ein Hauch Wahrheit an der Geschichte des Pflichtverteidigers wäre, dass Mr. Martin das alles für seine Frau getan hat, dann… bitte… wäre sie doch beim Prozess dabei gewesen. Aber keine Spur von Mrs. Martin oder ihrem Sohn. Nur gerecht also, dass man diesen Stromdieb wegen Totschlags zu zwanzig Jahren Haft verurteilt hat. Hoffe er kriegt keine Bewährung.

Warum haben Sie nicht von dem anderen Prozess gegen den Schwarzen berichtet? Er ist doch wohl auch verurteilt worden. Spielte doch sicher keine Rolle, dass er und seine Familie schon länger auf der Farm lebten, als die Martins und dass sie miteinander eng befreundet waren. Was sind das für Zeiten. Früher Sklaven, jetzt Hilfsarbeiter und Teil der Familie. Hoffe, dass dieser Wilson auch verknackt wurde. Und dann ab in die Mine.

Ein besorgter Bürger

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Mobile, Alabama
Offener Brief einer Gehassten
von Marie Martin

An alle, die alles besser wissen!

Ja, Sie wissen alle so gut Bescheid. Sie haben alles verstanden und klar, dass Sie mich hassen. Ich. Die Frau, die ihren Mann im Stich lässt, die nicht zum Prozess kommt, die ihn nicht besucht, die ihm nie schreibt und die sich nicht für ihn interessiert. Klar. Es ist so einfach, wenn man nicht die ganze Geschichte kennt. So einfach, wenn man nur das sieht, was man sehen will. Niemand will sehen was mir die Menschen bedeuten, die Sie immer nur Hilfsarbeiter nennen. Wilson, seine Frau Moa und die Kinder sind für Sie nur Schwarze. Was sie für mich sind werden Sie wohl nie erfahren. Was das Leben hier im Süden mit den Menschen macht, ist Ihnen egal. Was Alabama den schwarzen Bürgern antut, ist egal.

Da ist es leichter, mich zu hassen. Es ist wirklich so leicht. Vielleicht wird einmal in 100 Jahren jemand meine/unsere Geschichte erzählen. Wenn Sie mich dann noch hassen, dann mag es so sein. Aber vielleicht werden Sie dann besser verstehen, warum ich so gehandelt habe, wie ich es tat. Es wird Sie umhauen, wenn Sie das irgendwann einmal lesen. Weil Sie das nicht gedacht hätten. Niemand hätte so gehandelt wie ich. Nicht im Jahr 1921. Nicht in Alabama. Und nicht Jahre später.

Denn glauben Sie mir, es ist „Ein anderes Leben als dieses“, was ich mir gewünscht hätte. Es ist „Ein anderes Leben als dieses“, wie Sie es heute kennen und es ist „Ein anderes Leben als dieses“, zu dem man einen gutmütigen schwarzen Mann verurteilt hatte. Ich würde mir wünschen, dass jemand eines Tages diese Geschichte erzählt. Ich würde sie lesen. Und dann würde ich mich für mich selbst hassen. Und ich würde wohl Roscoe T. Martin immer noch lieben. Egal was Sie von mir halten.

Ohne jegliche Hochachtung,
Marie Martin

Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves

Ich hoffe, Sie mit dieser außergewöhnlichen Form einer Rezension auf das Buch Ein anderes Leben als dieses neugierig gemacht zu haben. Der amerikanische Süden der 1920er Jahre war der exklusivste Nährboden für Rassismus, der nach dem Ende der Sklaverei einfach nicht auszurotten war. Zahllose Bücher zu diesem wichtigen Thema begleiten mich durch mein Lesen. Und sie zeigen dabei, dass sich das Leben der afroamerikanischen Bürger in den Vereinigten Staaten nur unwesentlich verändert hat. Folgen Sie mir auf meinem Leseweg. Ein Thema, das wir niemals aus den Augen verlieren sollten. Hier geht´s zu erkennbaren RassisMustern die uns helfen können zu verstehen, wie man sich als Mensch niemals fühlen sollte… Ungleich…

RassisMuster in der Literatur

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„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Keine weltbewegende Neuigkeit und doch immer wieder hochinteressant, wie sich die internationale Diplomatie in der unendlichen Geschichte der Kriege dieses Mottos bediente. Am Ende der militärischen Strategie ist die Suche nach Handlungsalternativen eines der wichtigsten Instrumente von Staaten, die am Sieg auf dem Schlachtfeld zweifeln. Intrigen, Verrat, Sabotage und ein hohes Maß an Kreativität sind hier die Spielkarten, die man im Ärmel haben kann, um Gegner auszutricksen, die der eigenen Armee zahlenmäßig überlegen sind. Klingt wie ein Spiel und beim Rückblick auf die Menschheitsgeschichte finden sich zahllose Beispiel dafür.

Wie wäre es da mit einem hölzernen Pferd, das man vor die Tore einer Stadt rollt, bevor man still und heimlich den Rückzug antritt? Das Trojanische Pferd als Kriegslist hat bis in unsere Zeit überdauert und erobert heutzutage Betriebssysteme, Festplatten und infiltriert unsere Privatsphäre mit einer Armee unverwundbarer Viren. Warum also nicht auf das Bewährte zurückgreifen, wenn es mal eng wird mit dem Schlachtenglück und man befürchten muss, an allen Fronten geschlagen zu werden? Warum eigentlich nicht? Das müssen sich auch 1914 die Strategen des deutschen Kaiserreichs gedacht haben. Warum also nicht ein Trojanisches Pferd mit religiöser Fracht vor die Tore aller Verbündeten schieben, gegen die man in Europa zu kämpfen hatte? Warum sie nicht andernorts in einen unsäglichen Konflikt verwickeln, der den Krieg in Europa belanglos erscheinen lassen würde? Warum nicht einfach einen gewaltigen Sturm entfachen, der Engländer und Franzosen vom strategischen Spielfeld eliminieren würde?

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern erzählt von einem solchen Trojanischen Pferd. Jakob Hein hat sich für seinen bei Galiani Berlin erschienen Roman tief in die Denkweise der preußisch geprägten Kriegsstrategie recherchiert und einen auf wahren Ereignissen basierenden Welten-Schlachtplan entworfen, der heute abstrus und skurril wirkt. Bei genauem Hinsehen beruht dieser Plan auf einer brillanten Idee. Warum nicht den Heiligen Krieg im Orient entfachen? Warum nicht weltweit Muslime zum Dschihad aufrufen und sie dort über die verbündeten Gegner herfallen lassen, wo diese es nicht erwarten? In den Ländern, die England und Frankreich als Kolonisatoren unterdrücken. Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Diese Suche hatte man schnell beendet. Es galt nur noch, die Muslime davon zu überzeugen, diesen Sturm zu entfachen.

Und wie überzeugt man einen Sultan besser, als mit einem Geschenk? Hier kommt ein junger Leutnant ins Spiel, der sich genau dieses Spiel ausgedacht hat. Edgar Stern weiß, was zu tun ist. Er weiß, wie es zu tun ist und er weiß, wann der richtige Zeitpunkt für die Umsetzung seines Dschihad-Masterplans gekommen ist. Er wird sein Geschenk persönlich in Konstantinopel übergeben und damit die ganze muslimische Welt davon überzeugen, wie verbunden das Kaiserreich dem Islam ist. Was er dem Oberhaupt der Muslime schenken möchte? Ganz einfach. Muslimische Kriegsgefangene. Soldaten, die zum Dienst in der französischen Armee gezwungen wurden, von dieser als Sklaven behandelt und auf den Schlachtfeldern verheizt und an der Front gefangen genommen wurden. Zwölf junge Gefangene aus dem Bataillon der „Tirallieur Senégalais“ werden ausgewählt. Sechs Marokkaner, drei Tunesier und fünf Algerier.Nun gilt es nur, sie auf schnellstem Wege von Deutschland nach Konstantinopel zu bringen.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die einzige Chance, unerkannt dieses Zeil zu erreichen ist eine weitere List. Man verkleidet die Gefangenen als exotische Artisten und begibt sich als gestrandeter und pferdeloser Wanderzirkus auf die Reise durch Europa. Der Paradeoffizier schlüpft in die Paraderolle eines Zirkusdirektors und los geht die wilde Reise. Was sich hier liest wie eine Räuberpistole ist an historischer Skurrilität kaum zu überbieten. Was Jakob Hein hier erzählt ist jedoch alles andere, als ein amüsantes Kapitel aus dem Weltkrieg. Der Autor fabuliert vortrefflich und hintergründig. Er lässt den Amtsschimmel gewaltig wiehern, als er beschreibt, wie sehr der Militärapparat mit den Wünschen überfordert ist, Kriegsgefangene mit Pluderhosen und bunten Westen auszustatten. Reisekosten und Dokumente stellen größere Hürden dar, als eine Feldschlacht an der Somme. Es liest sich leicht, was hier intelligent und brillant erzählt ist. Und doch gelingt dem Autor mehr.

Aus der Perspektive der Kriegsgefangenen verdeutlicht Jakob Hein, was es heißt für ein fremdes Land an die Waffen gezwungen zu werden. Er unterstreicht, wie falsch es war, Muslime lediglich als homogene Masse zu sehen, die instrumentalisiert werden kann.Jakob Hein individualisiert, was gerne über einen Kamm geschert wird. Er leistet mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag im Verständnis für andere Religionen. Mehr kann man von einem Roman, der noch dazu unterhaltsam ist, nicht erwarten. Ich war gerne einer der Artisten. Bin gerne dem Pfad dieser Zirkustruppe gefolgt und habe es genossen, der preußischen Bürokratie ein Schnippchen zu schlagen. Und ich bin sehr gerne mit Leutnant Stern gescheitert. Denn wer weiß, was passiert wäre, wenn….

Dieser Roman ist selbst ein Trojanisches Pferd. Ziehen Sie es in ihr Bücherregal. Bestes Lesen ist garantiert.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Jakob Hein beleuchtet den Versuch, den Dschihad mit dem Ersten Weltkrieg zu verbinden, an dieser singulären paramilitärischen Aktion. Sie stand jedoch nicht allein auf weiter Flur. Umfangreich waren die Bemühungen des Kaiserreichs weltweit Muslime dazu zu bewegen, den Krieg im Orient weiter eskalieren zu lassen. Der ebenso brillante Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky beleuchtet diese Bestrebungen umfangreicher und komplexer. Wer also hier auf den Geschmack gekommen ist, nicht nur mit ein paar Artisten zu reisen, sondern ganze Kriegsschiffe zu verschenken, Sendeanlagen in das Türkische Reich zu transportieren und den Krieg wie ein großes Spiel zu sehen, sollte unbedingt das volle Risiko des Lesens eingehen und Risiko lesen.

In diesen beiden Büchern stellt sich nicht die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Viel eher hat dieses Land in der Vergangenheit immer wieder versucht, sich so zu positionieren, dass es seinen Vorteil daraus zog. Gehört Deutschland zum Islam? Diese Frage hat man im Deutschen Kaiserreich immer gerne mit ja beantwortet. Konnte man doch auf diese Art und Weise das Fähnchen so in den Wind hängen, dass es den Krieg dorthin trug, wo man es gerade gehisst hatte. Fragen, die sich in der Geschichte wiederholen. Fragen die man so niemals stellen sollte. Es sind Menschen, die zu einem Land gehören. Es sind Menschen, die ein Land ausmachen und ihm Identität verleihen. Es sind Menschen, die ein Land prägen. Keine Sammelbegriffe und Pauschalurteile.

Risiko von Steffen Kopetzky

„Zimmermanns Stunde“ von Karolien Berkvens

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Das Leben könnte so schön sein danach. Befreit von allen beruflichen Zwängen und Verpflichtungen könnte man den Lebensabend nach der Pensionierung in vollen Zügen genießen. Zeit mit Menschen verbringen, die man liebt. Zeit mit Hobbies genießen, für die man im Arbeitsalltag so wenig Zeit hatte. Zeit einfach auch mal verstreichen lassen und alle Viere von sich strecken. Es könnte so schön sein, und doch wundert man sich, wenn man Rentner und Pensionäre trifft über so manche Aussagen. Mehr Termine als jemals zuvor, voll verplant, keine Zeit oder auf der anderen Seite die Schilderung, eines tiefen Loches, in das man unvermittelt gefallen sei. Mir kann das nicht passieren. Mein Ruhestand wird seinem Namen gerecht werden. Leben. Einfach leben.

Das hatte sich auch Loet Zimmermann gedacht. Nach vierzig Jahren im Schuldienst endlich pensioniert zu werden, an diese Vorstellung konnte man sich schon gewöhnen. Bitte kein großes Tamtam um den letzten Arbeitstag machen, bitte keine üblicherweise unehrlichen Reden schwingen, bitte nicht an die große Schulglocke mit dem Abschied. Mehr hatte sich Zimmermann nicht gewünscht. Einfach nur gehen. Einen Schlussstrich ziehen. Die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen und ein geordnetes neues Leben in Angriff nehmen. Das hatte er sich mehr als verdient. Als schließlich Zimmermanns Stunde schlug, sah alles doch so anders aus, als er sich in seinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Er, das lebendige Synonym für Zuverlässigkeit, leise Pflichterfüllung, lückenlose Ordnung und perfektes Zeitgefühl, sollte am letzten Tag des Berufslebens aus einer Bahn geworfen werden, die er sich ganz anders vorgestellt hatte. Ein Mann, der seine Zeit nicht verschwendete, sie sich nicht vertrieb und die Zeit anderer sinnvoll verplante, sollte aus der Zeit fallen. Die Landung. Brutal und hart. Zeitlos. Zimmermann denkt den Tag in acht Blöcken von jeweils fünfzig Minuten. Als Stundenplan-Koordinator hämmert sich dieser Zeitrhythmus wohl ins Blut. Jeder Abweichung von der Norm gilt es aktiv zu begegnen. Zeitverschwendung – einfach undenkbar. Und jetzt? Danach? Welchen Wert hat die freie Zeit? Was kann man damit anfangen? Fragen, die uns durch das Lesen in unser Leben begleiten. Fragen, die wir uns für Zimmermann stellen, ohne ihn je richtig kennengelernt zu haben. Ein Trugschluss des Lesens, in den uns die Autorin Karolien Berkvens treibt. Wenn wir denken, sie schriebe über Zeit, über einen Menschen, der in letzter Konsequenz seinen Rhythmus verliert und an der Zeitlosigkeit scheitert, dann ist ihr bereits auf den ersten Seiten ihres Romans „Zimmermanns Stunde“ gelungen, was uns auf den Folgeseiten unvermutet einholt.

„Die stille Kraft beklagt sich nicht, die stille Kraft tut ihre Arbeit.“

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Wir neigen dazu, Menschen über ganz einfache Assoziationen zu definieren. Zeit und Zimmermann. Das passt. Darauf kann man weiter rumdenken, dieser heißen Spur kann man weiter folgen. Oberflächlich betrachtet, genau das, was wir täglich mit jenen Menschen in unserem Umfeld veranstalten, denen wir nur an der Oberfläche begegnen. Karolien Berkvens jedoch entführt uns in die Tiefe. Und die ist zeitlos, besteht nicht aus klischeehaften Zeit-Wortspielen oder wenig originellen Davor-Danach-Vergleichen. Sie macht das Fehlen zum zentralen Thema ihres Romans. Ein Fehlen, das schmerzhaft in einem Leben verankert ist und sehr schmerzhaft bewusst macht, wie schön es ist, Zeit MIT einem geliebten Menschen verbringen zu dürfen.

„Zimmermann genießt nicht, Zimmermann lebt.“

Diesem Roman fehlt etwas. Ihm fehlt Lucy. Sie fehlt in jeder Zeile, in jedem Kapitel und besonders auch zwischen den Zeilen. Sie fehlt im Leben des gerade pensionierten Loet Zimmermann. Sie fehlt schmerzhaft. Lucy, seine schon lange verstorbene Ehefrau fehlt in dieser Lebensphase, die Zeitgewinn darstellen könnte. Gemeinsames wird zum Einsamen. Verlust wird spürbar weil es keine Flucht mehr in die Stundenpläne gibt. Das Leben schlägt mit voller Wucht zu. Das allein würde schon reichen, um Zimmermann in eine tiefe Krise zu stoßen. Karolien Berkvens belässt es nicht dabei. Sie lässt nicht nur den Verlust seiner Frau gewaltig zuschlagen, sie lässt ihren Loet Zimmermann so heftig zu Boden gehen, dass man denkt, sein letztes Stündchen hätte geschlagen.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Karolien Berkvens wirft in ihrem Roman entscheidende Fragen des Miteinanders in einer Gesellschaft auf, die zur Separationsmaschine verkommt. Jeder denkt an sich. Jeder ist sich selbst der Nächste. Oberfläche zählt. Vorurteile dominieren den Tag und Abweichungen von der Norm sind absolut unverzeihlich. Und wenn man aus seiner Bahn geworfen wird, dann gerät man schnell in die Umlaufbahn professioneller Richter. Menschen, die es wieder richten. Therapeuten. Außenstehende. Zuschauer. Bitte nicht ich. Bitte nicht unmittelbar und intensiv. Eine bahnbrechende Kollision mit dem eigenen Leben, mit seinen Verlusten, mit dem eigenen Sohn und mit der Vergangenheit macht aus einem eigentlich zeitlos einfachen Buch einen melancholischen Abgesang auf ein Leben, das wir bitte so nicht führen wollen. Mitgefühl. Das überwiegt, wenn ich an Loet Zimmermann denke. Sehnsucht, wenn ich mir Lucy vorstelle…

„Alle Sätze, die mit »Was würde Lucy« anfangen, brach er sofort ab, weil es bis in alle Ewigkeit Sätze ohne Ende, Fragen ohne Antwort sein würden.“

Prädikat lesenswert, definitiv keine Zeitverschwendung.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Ein Nachtrag zum Buchcover: Im direkten Vergleich zum deutschen Cover wirkt das Original eher wie eine graue literarische Maus, die man sicher nicht als Eye-Catcher bezeichnen kann. Dagegen lässt das Droemer-Cover ein eher philosophisch geprägtes Lesevergnügen vermuten. Mein Fazit: Ich würde das Blau dem Grau vorziehen, weil es mich optisch sehr anspricht. Hat man jedoch Loet Zimmermann und seine Geschichte einmal kennengelernt, kann man die Entscheidung für ein tristes nachdenkliches Cover sehr gut nachvollziehen. Es spricht aus meiner Sicht vielleicht sogar die Leser direkter an, die eigentlich erreicht werden sollen. Sie würden nur nicht zugreifen.

„Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Eigentlich hatte ich mich nur auf einen sechsstündigen Ausflug eingestellt. „Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford wollte ich mir auf 7 CDs anhören. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, als ich die außergewöhnliche Hörspiel-Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in Frankfurt entdeckte und ich war voller Vorfreude, wieder zu Ford Madox Ford zurückzukehren, den ich durch „Die allertraurigste Geschichte“ schon lange vor meiner Zeit als literarischer Blogger kennengelernt hatte. Es war seine tiefe Melancholie, die mich für ihn vereinnahmt hatte. Es ist sein Erzählstil, der noch in mir nachhallt, wenn er mir heute in der Welt der Literatur begegnet. Liebesgeschichten aus der Feder des 1939 verstorbenen Schriftstellers sind komplexe Sittengemälde ihrer Zeit. Sie sind wie die wahre Liebe: Skandalös, offenherzig, zärtlich, mutig, eifersüchtig, fatal und schmerzhaft.

Eigentlich wollte ich „Das Ende der Paraden“ nur hören, was natürlich auch daran liegt, dass die Romanvorlage in gebundener Fassung schon lange nicht mehr auf dem Markt ist. Und doch begann ich schon nach den ersten Tracks des Hörspiels nach der Buchfassung des Hauptwerks von Ford Madox Ford zu suchen. Was soll ich sagen. Ich wurde fündig, nahm Kontakt mit dem Galiani Verlag Berlin auf, und befand mich sehr schnell in Gesellschaft der Bücher, die fast zeitgleich mit dem Hörbuch als EBooks neu veröffentlicht wurden. Und nun sitze ich hier und sollte wohl eigentlich fünf Rezensionen zu vier Büchern und einem Hörbuch verfassen. Ich mag jedoch nicht trennen, was der Autor für untrennbar hielt und bleibe dem Werk treu. Ich bleibe bei einem Artikel.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Die einzelnen Bücher der Ford-Tetralogie reflektieren die wichtigsten Phasen im Leben ihres Protagonisten Christopher Tietjens. Die vier Titel der Romane stehen für die facettenreiche und komplexe Geschichte, die sich im England des Ersten Weltkriegs abspielt. Sie werden dadurch zum Synonym für die vier Kapitel einer Liebe, die erst den Hass und die Eifersucht einer vergangenen Beziehung überwinden muss, bevor sie wie Phoenix aus der Asche des Krieges neu entstehen kann. Aus diesen Büchern besteht die Tetralogie, die unter dem Gesamttitel „Das Ende der Paraden“ weltbekannt wurde::

Manche tun es nicht
Keine Paraden mehr
Der Mann, der aufrecht bliebund
Zapfenstreich

Wenn man die Bücher beendet hat, stehen diese Titel für alles, was man zwischen den Zeilen erleben durfte und musste. Sie stehen für den hohen Moralbegriff und das Ehrgefühl des Engländers Christopher Tietjens, die ihn dazu veranlassen, die Ehe mit seiner Frau Sylvia aufrecht zu halten, obwohl die Beziehung völlig zerrüttet ist. Nur wir wissen, woran das liegt. Nur wir erahnen, in welche Falle der gute Christopher Tietjens gegangen ist, weil Sylvia ihren Mann ihn im Unklaren lässt, warum sie dieser Ehe keine Chance mehr gibt.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

„Ich bin mit den Männern fertig. Ich hasse Mann und Kind. Ich verstehe mich gut darauf, meinen Mann zu quälen, indem ich das Kind verderbe.“

Und das hat sie drauf! Die gute SylviaSie verlässt ihren Mann, entzieht ihm das Kind und lästert im gemeinsamen Bekanntenkreis über Christophers Schwächen. Sylvia hat ihn in der Hand und spielt genüsslich mit ihrer Macht. Sie ist eine grausame Diva voller Hass und Eifersucht. Sie spielt ein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit ihm. Scheidung kommt nicht in Frage. Gesellschaftlich undenkbar. Sie denkt, alle Fäden in der Hand zu haben, während er nicht mal sicher ist, ob er überhaupt der Vater des Kindes ist. Hier kommt unverhofft die junge Valentine Wannop ins Spiel. Sie zeigt Christopher, wie es sich anfühlen kann, wenn man aufrichtig liebt. Intellekt und Emotionen vereinen sich zu großer gemeinsamer Leidenschaft, deren Erfüllung an den Moralvorstellungen der Zeit scheitert. „Manche tun es nicht„. Sie tun es nicht. Sie lieben und begehren, aber sie tun es nicht. Beeindruckend.

„Die Trennung von meiner Frau macht mich frei für mein Mädchen. Aber wir taten es nicht. Das ist England. Ein Mann und sein Mädchen“ 

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Als der Erste Weltkrieg immer mehr Einsatz fordert und Sylvia die Schlinge immer enger um den Hals ihres Mannes zieht, flieht er auf die Schlachtfelder Frankreichs. In letzter Konsequenz der einzige Ausweg vor Sylvias Intrigen, denn seit er Valentine liebt, kennt Sylvias Eifersucht keine Grenzen mehr. „Keine Paraden mehr„. Jetzt geht es in die Schlacht, ins blutige Gemetzel. Hier wird der Roman zum grausamen Grabenkrieg, der alle Vorstellungen sprengt. Gas, Granaten, Ratten und die ständige Angst vor dem Tod. Das sollten am Ende aller Paraden die Hauptfeinde Captain Tietjens sein. Falsch gedacht. Er ist kein Paradeoffizier.

„Dieser Krieg ist ein Freudenhaus. Er wird sich mir fügen.“

Sylvia folgt ihrem Mann bis kurz vor die Front. Sie vermutet dass sich Valentine dort befindet, um Christophers Leben zu versüßen. Blinder Hass auf den Ehemann, der nun sein Glück gefunden hat, bringt sie dazu, ihn bei seinen Vorgesetzten zu diskreditieren und Intrigen zu spinnen, die gefährlicher sind, als alle Granaten der verhassten Feinde. Als der Friede ausbricht erhebt sich „Der Mann, der aufrecht blieb“ um nach Hause zurückzukehren und die großen Entscheidungen seines Lebens zu treffen. Sehr knapp hat er das Intrigenspiel seiner Frau überlebt. Jetzt scheint der Weg frei zu sein für die einzige und wahre Liebe seines Lebens. Die Suche nach dem Ausweg beginnt. Finale ist für das Schlusskapitel „Zapfenstreich“ das falsche Wort.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Der Erste Weltkrieg ist verraucht, doch die eigene Familiengeschichte holt den Heimkehrer ein. Die Schachfiguren sind neu formiert. Grundbesitz, Erbe und Zukunft stehen auf dem Spiel. Wie im Krieg, so gibt es auch hier keinen Sieger. Sylvia kämpft um das Erbe für den scheinbar gemeinsamen Sohn. Doch Tietjens älterer Bruder hat ein paar Trümpfe in der Hand, die das Schicksal in neue Bahnen lenken können. Der Abgesang auf die britische Aristokratie könnte lauter nicht sein. Eine Geschichte kann zeitloser nicht daherkommen und ein Protagonist kann bemitleidenswerter nicht wirken. Als Mark Tietjens auf dem Sterbebett liegt, vernimmt nur eine Frau seine letzten Worte. Es ist die Frau, die mit diesen Worten am Ende einer Geschichte leben darf und muss. Ein Finale in literarischem Großformat…

Das Ende der Paraden“ überzeugt in der Hörspielfassung, obwohl die Gliederung in vier Lebenskapitel hier nicht mehr auffindbar ist. Es ist komprimiert, verkürzt und so eigenständig wie man sich ein gelungenes Hörspiel, das vier Bücher umfasst, wünscht. Sieben CDs, 5,52 Stunden Laufzeit, vier Romane von Ford Madox Ford als Vorlage, 40 Rollen und ihre Sprecher… Das sind nur die Fakten. Manfred Zapatka, Wiebke Puls, Bibiana Beglau und viele mehr haben ihre Stimmen in der Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in die Waagschale geworfen. Was unter der Regie von Klaus Buhlert entstand ist keinesfalls eine verstaubte Klassiker-Lesung. Es ist modernes Hörspielkino in einer Inszenierung von Format. Die Stimmen des Ensembles verankern sich und ihre Rollen schnell im Gedächtnis des Hörers. So wird lebendig und hasserfüllt, was lesend erst erfühlt werden musste. So wird zärtlich und beschwingt, was oft monoton gelesen wurde. Und in fast schon apokalyptischen Pauseninszenierungen wird die Wucht des Hörspiels überwältigend. Lasst euch überraschen. Moderner geht Klassik nicht.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Ich empfehle das Hören. Die Bücher nur als EBooks zu lesen fiel mir schwer, weil ich zu Dateien keine Beziehung aufbauen kann. Ich hätte sie lieber als geschlossene Reihe in meinem Bücherregal stehen. Aber das reflektiert nur mein persönliches Lesen mit all seinen Vorlieben und Abneigungen. Die Neuauflagen hätten es wohl verdient, gedruckt zu werden. Sie überzeugen in jeder literarischen Hinsicht und lassen Ford Madox Ford wieder auferstehen. Großes Kompliment dafür. Das imposante Hörspiel hebt Das Ende der Paraden auf ein neues Level. Die zentrale Geschichte wird aus dem Urschleim der komplexen Originalgeschichte herausgewaschen wie ein Goldnugget.

Und der hört sich unglaublich gut an! Hörbuchgold. Klassik up to date. Und BR 2 bietet derzeit als Mitproduzent das komplette Hörspiel kostenlos zum Download!

„Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Die Bücherschmuggler von Timbuktu von Charlie English

Es gibt tausend gute Gründe, ein Buch zu lesen. Unterhaltung, Spannung, Bildung, bibliophile Leidenschaft oder die intellektuelle Auseinandersetzung mit weltbewegenden Themen, denen man literarisch kaum entrinnen kann. Tausend Bücher gilt es zu lesen, um alle Facetten aufzuspüren, die das Lesen so wichtig machen. Ganz selten passiert es jedoch, dass ein einzelnes Buch jeden dieser tausend Gründe abdeckt. Wenn dies geschieht, hat man einen wahrlich großen Fund im Büchermeer gemacht und sollte ihn ganz besonders bewahren und schätzen. Heute schreibe ich über ein Buch, das alles bietet, was man sich von einem perfekten Leseabenteuer erhofft. Heute stelle ich euch ein Buch vor, das sich liest wie ein Roman, das sich so anfühlt wie ein Sachbuch und das die Atmosphäre eines großen Expeditionsberichtes verbreitet. Ein Buch, in dem ich las, stöberte, träumte und mit dem ich recherchierte. Ein Buch, von dem man denkt, es stamme aus der geheimen Bibliothek einer versunkenen Stadt.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu„. Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes von Charlie English. (Hoffmann und Campe)

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

„Afrika hat vor der Ankunft der Europäer praktisch keine Geschichte…, da die Geschichte erst dann beginnt, wenn der Mensch zu schreiben anfängt.“ 

Diesen Worten des britischen Historikers A.P. Newton verdanken wir noch heute ein Bild vom afrikanischen Kontinent, das jahrhundertelang Ausgang jeden Denkens war, wenn es um die Vormachtstellung des ach so wohlmeinenden Weißen ging. Afrika war ein unbekannter blinder Fleck, den es zu entdecken und zu erobern galt. Afrika war nicht mehr als eine Landmasse voller Bodenschätze, jener Sehnsuchtsort für Entdecker und ein wichtiger Wirtschaftsraum für das expandierende Europa. Eines war der dunkle Kontinent jedoch nicht. Lebensraum gleichberechtigter Menschen. Afrika ist Quelle der Sklaverei. Afrika ist Heimstatt für Rassismus. Afrika ist Synonym für Unterentwicklung und Rückständigkeit seiner Bewohner. Afrika ist das perfekte Opfer zur Ausbeutung.

Viele dieser Vorurteile haben die Zeit überdauert. Entwicklungsländer und „Dritte Welt“. Klingelt da nichts in unseren alltagsrassistischen Ohren?

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Was aber, wenn diese vorherrschende Meinung fehlender schriftlicher Zeugnisse erschüttert würde? Was, wenn sich in Afrika Manuskripte und Bücher finden würden, die der Möchtegern-Überlegenheit der weißen Kolonisatoren einen Riegel vorschieben könnten? Was, wenn man in Afrika nicht nur Reichtum, sondern Kultur finden würde? Was, wenn die legendäre Stadt Timbuktu nicht nur mit goldenen Dächern, sondern mit Bibliotheken aufwarten würde? Diesen Fragen widmeten sich ganze Generationen von Entdeckern. Die Geschichte dieser Forscher erzählt das vorliegende Buch. Es ist einer von zwei Perspektiv-Strängen, die uns Afrika und Timbuktu in neu erstrahlendem Licht erscheinen lassen. Es ist die Geschichte mutiger Männer und ihrer Expeditionen, die sie ins Herz von Afrika führten. Es ist die verlustreiche, tragische und meist tödliche Geschichte, die uns dieses Buch näherbringt.

Diese Geschichte ist wichtig für das Verständnis des zweiten Handlungsfadens derBücherschmuggler von Timbuktu“. Denn was man zwischen 1795 und 1855 in Afrika fand, war alles andere als purer Reichtum. Es waren schriftliche Quellen, deren Ursprung teilweise weit vor den ersten christlichen oder europäischen Aufzeichnungen datiert werden musste und die deutlich belegen, wessen Kultur hier fortgeschritten war!

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

Die lebendigen Expeditionsberichte entführen uns in eine längst vergangene Zeit und zeigen in der Aufarbeitung ihrer Ergebnisse durch die europäischen Zentren des Wissens, wie der Royal Geographic Society, dass sie letztlich doch nur dazu dienten, einen ganzen Kontinent zu unterjochen. Faszinierend beschrieben, mehr als schlüssig erklärt und unabdingbar für unser Verständnis des heutigen Afrikas. Parallel zu diesen Entdeckungen konfrontiert uns Charlie English mit den religiösen Abwegen, die sich nicht nur auf Afrika, sondern inzwischen auf die ganze Welt auswirken. Er erklärt die Kausalzusammenhänge zwischen Kolonisatoren und religiösem Fanatismus. Er bringt auf den Punkt, was heute in extreme Schieflage geraten ist. Er erzählt die Geschichte der Islamisten, denen nicht mal eigene schriftliche Überlieferungen, Manuskripte und Baudenkmäler heilig sind, wenn es darum geht ihre Macht auszudehnen. Er erzählt die Geschichte vom Krieg der Al-Quaida gegen die eigene Bevölkerung und er erzählt von Timbuktu und seinen Menschen, die sich mit aller Macht und unter Lebensgefahr gegen die Vernichtung ihrer überlieferten Geschichte wehren.

Diesen gefährlichen Weg mussten sie alleine gehen, denn die Hüter des Welterbes erklärten schlicht und ergreifend, dass Bücherschmuggel nicht zur Kernkompetenz der UNESCO gehören würde. So machten sich schließlich drei Männer und eine Frau auf den Weg, tausende Manuskripte und Bücher aus dem besetzten Timbuktu in Sicherheit zu bringen.

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

„Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ ist nicht nur ihre Geschichte. Es ist die Geschichte von Timbuktu, das als Sehnsuchtsort wie ein magnetischer Pol wirkte. Es ist nicht nur eine Geschichte. Es ist eine Ansammlung in sich geschlossener Kreise, die uns verstehen lässt, wo Fehlentwicklungen begonnen habe, was wir selbst verursacht haben und was der religiöse Wahn von Salafisten heute alles unter sich begräbt. Dies ist eine Geschichte, die man lesen sollte. Nicht nur wegen der Bücherschmuggler oder um Timbuktu besser zu verstehen. Es ist eine Geschichte, die in der Lage ist, uns vom hohen Ross zu holen, wenn es darum geht den Begriff „Dritte Welt“ zu verwenden und dabei das Gefühl von Überlegenheit zu empfinden. .

Es gibt tausend gute Gründe, ein Buch zu lesen. Ich habe euch vielleicht nur 597 genannt. Ich gehe jede Wette ein, dass ihr die restlichen 403 selbst entdecken werdet. Selten habe ich in einem derart spannend erzählten Buch so vieles gelernt. Dinge, die ich zu kennen glaubte und von denen ich letztlich keine Ahnung hatte. Charlie English gibt sich nicht mit Oberflächlichem zufrieden. Er geht in die Tiefe, erklärt, fabuliert und relativiert. Ihm zu folgen ist so leicht.

Kein wissenschaftliches Kunststück. Viel mehr ein absolutes Bravourstück… 

Die Bücherschmuggler von Timbuktu“ von Charlie English

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