„Der Mann im Leuchtturm“ von Erik Valeur

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Stets unverrückt, derselbe Jahr um Jahr,
Manch’ bösen Sturm, manch’ finst’re Nacht hindurch.
Unlöschbar prangt er in der Flammenburg,
Dem ew’gen Lichte gleich vor dem Altar.

Longfellow

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Schönere Worte lassen sich kaum finden, wenn es darum geht, Leuchttürme zu beschreiben. Kontinuität, lebenswichtige Wegweiser und Orientierungshilfen. Einfach Fixpunkte, die in stürmischen Zeiten dafür sorgen, dass man das tosende Meer wieder hinter sich lassen kann um in den sicheren Hafen einzulaufen. Mein Leuchtturmlesen steht als kontinuierliches Projekt genau für diese Stabilität in unruhigen Zeiten. Ich lebe gerne für eine bestimmte Zeit auf einem Leuchtturm und lasse die Stürme an den Ufern meiner kleinen Leseinsel anbranden. Und da ich stets auf der Suche nach Büchern bin, die sich diesen ewigen Lichtzeichen verschreiben, darf es auch nicht überraschen, den aktuellen Roman von Erik ValeurDer Mann im Leuchtturm“ hier zu finden. 

Ich habe Leuchttürme in der Literatur in ihrer metaphorischen Ebene immer auch als Rückzugsgebiete für diejenigen empfunden, die hier leben, das Leuchtfeuer am Leben halten und anderen auf hoher See durch die Signale Halt geben. Ein einsames und zurückgezogenes Leben im engen Rund eines Außenpostens der Menschheit. Ich liebe die Vorstellung, während des Lesens selbst zum Leuchtturmwärter zu werden, in jeder Beziehung der Hektik des Alltags zu entfliehen und doch eine sinnvolle Aufgabe erfüllen zu dürfen. Und ich liebe gute Geschichten, die sich um diese Fixpunkte ranken.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Nicht umsonst hat Erik Valeur den Schauplatz seines aktuellen Krimis auf einem Leuchtturm angesiedelt. Er vereint die Abgeschiedenheit des Protagonisten mit allen szenischen Aspekten, die man von einem Skandinavien-Roman erwarten darf. Er lässt seine Leser in der Einsamkeit der Küste Dänemarks auf einen seltsamen Kauz stoßen, der sich für sein Eremiten-Leben einen Leuchtturm ausgesucht hat. Viggo Larssen ist nicht leicht zu fassen, seine Tage verlaufen geruhsam und geregelt. Er ist der einsame Leser auf einer Bank vor dem Leuchtturm auf der Insel Røsnæs. Was sich nur langsam entwickelt, ist ein vielschichtiges Mosaik, das zu keinem Zeitpunkt ahnen lässt, welches Bild die einzelnen Steine am Ende ergeben werden.

Ebenso, wie man sukzessive Details aus Viggos Vergangenheit erfährt, erlebt man im entfernten Kopenhagen das Verschwinden einer alten Dame aus einem Pflegeheim. Nichts verbindet den Leuchtturm mit der Hauptstadt und doch spürt man, dass hier alle Fäden zusammenlaufen werden. Die Frau bleibt verschwunden. Spurlos. Lösegeld wird nicht gefordert, was bei einer Entführung zu erwarten wäre. Denn, dass ein Verbrechen hinter ihrem Verschwinden steckt, muss man ja vermuten. Schließlich ist sie die Mutter der beiden mächtigsten dänischen Politiker. Palle und Poul Blegman. Während man im Trüben fischt bei der Polizei, die Presse immer lauter die Unfähigkeit der Ermittler in die Welt schreit, dreht Erik Valeur sein Kaleidoskop aus Perspektivwechseln, Zeitsprüngen und Erinnerungsfetzen so lange, bis wir Zusammenhänge erkennen.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Die Mosaiksteinchen, die wir nun berühren tragen die Aufschrift Schuld, Verlust, Vergangenheit und Scham. Sie deuten auf eine Vielzahl von Katastrophen hin, die im Leben von Viggo Larssen um sich gegriffen haben. Katastrophen, die ihn zu dem Mann gemacht hatten, der hier versucht, dem Unfassbaren auf die Spur zukommen. Dass der Leuchtturm nicht zum Refugium seiner letzten Lebensphase wird, erkennt er sofort, als er vom Verschwinden der alten Frau Blegmann erfährt. Wer an dieser Stelle denkt, es mit einem normalen sachlich/faktisch aufgebauten Krimi zu tun zu haben, der sieht sich schnell getäuscht. Valeur platziert mit Malin eine mysteriöse Frau ins Herz des Buches und macht sie zu den Augen und Ohren seiner Leser. Sie folgt scheinbar einer Mission. Sie taucht plötzlich an der Küste auf. Sie beobachtet Viggo Larssen, bricht bei ihm ein und liest für uns in den Zeugnissen seiner Vergangenheit und den Briefen, mit denen er versucht, in dieser schweren Situation seine Dämonen zu beherrschen.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Selten habe ich so lange drüber gerätselt, in welche Richtung sich die Handlung des Romans entwickeln würde. Zu viele falsche Fährten sind gelegt. Zu viele Andeutungen verleiten dazu, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Dabei ist es so klar. Es ist so augenscheinlich und doch so gut verborgen. Ein gelbes Stück Plastik, ein Vogelkäfig und ein altes Exemplar von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“, ein Friedhof und Verbrechen, die in der Vergangenheit angesiedelt sind. All diese Mosaiksteine in meiner Hand sah ich deutlich vor mir. Nur ganz am Ende war es möglich, sie zu einem schlüssigen Bild zu formen, das keine Fragen offenließ. Es lohnt sich, an die dänische Küste zu reisen. Es lohnt sich, im Leuchtturm einzuziehen und die dichte Atmosphäre eines spannenden Romans aufzusaugen.

Ein Roman, der sich aus meiner Sicht nicht als Thriller oder Krimi greifen lässt, weil Erik Valeur der Rezeptur dieses Spannungsmenüs ein paar Zutaten beigibt, die ich nicht erwartet hätte. Nennen wir es mystische Vorahnung, Verheißung oder Traum. Die Offenbarungen aller Geheimnisse aus der Vergangenheit mögen mysteriös wirken, in Wirklichkeit jedoch gehen sie Hand in Hand mit Malin, die diesen Roman auf eine ganz besondere Ebene hebt. Hier mündet alte Schuld nicht in ziellose Rache. Es gibt keinen Gewinner in „Der Mann im Leuchtturm“. Nur uns. Die Leser.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Vielleicht legt ihr die „Wächter der See“ neben diesen Roman. Hier könnt ihr euch den passenden Leuchtturm aussuchen, einziehen und die Gedanken schweifen lassen. Kein Leuchtturmlesen ohne dieses Standardwerk.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

„Der Fall von Gondolin“ von J.R.R. Tolkien

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Eine einzige Kugel hätte genügt, ein verirrtes Schrapnell, ein Granatsplitter, eine Handgranate oder ein Giftgasangriff. All dies gehörte 1916 während der Schlacht an der Somme zum Standard-Repertoire des Ersten Weltkrieges, von dem man natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass er jemals so genannt würde, weil ihm ein noch menschenverachtenderer Zweiter Weltkrieg folgen sollte. Ein Toter mehr wäre damals nicht weiter aufgefallen. Egal auf welcher Seite. Der Name des gefallenen Soldaten und sein Grab wären heute auf den großen Soldatenfriedhöfen zu finden. Ein Gedanke, der mich immer begleitet, weil ER wie durch ein Wunder verschont blieb.

J.R.R. Tolkien. Er hat einfach Glück gehabt. Oder sind es wir, die hier von Glück reden können, weil der wohl größte Fantasy-Autor des 20. Jahrhunderts diesen Krieg überlebt hat? Auch, wenn ihn keine Kugel getroffen hatte, das Gemetzel an der Front blieb nicht ohne Folgen. Liest man „Der Herr der Ringe“ aufmerksam, so wird man die Szenarien der großen Schlachten, die schlammverkrusteten Orks und die Schrecken des Krieges besser einordnen können, wenn man weiß, welche Hölle J.R.R. Tolkien selbst überlebt hatte. Alles was er schrieb war vom Weltkrieg inspiriert. Und vieles hat die Struktur des Schreibens mit jenem Weltenbrand gemeinsam.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Sprechen wir vom „Hobbit“ und dem „Herrn der Ringe“, dann sprechen wir vom Dritten Zeitalter von Mittelerde. Als er 1916 mit dem Schreiben seines Epos begann, war ihm als Autor ebenso wenig klar, dass er das Erste Zeitalter beschrieb, wie es dem Soldaten unklar war, dass er im Ersten Weltkrieg kämpfte. Was danach kam, war völlig offen. Dass Tolkien zu seinen Lebzeiten nur Geschichten aus dem Dritten Zeitalter der Saga veröffentlichen konnte, gehört heute zu den großen Mythen, die Mittelerde für die Nachwelt so interessant machen. Als man ihn nach dem Erfolg vom Hobbit darum bat, doch einen zweiten Teil zu schreiben, wollte man nicht glauben, dass er ein Manuskript vorlegte, das die Verlagswelt sprengte.

Er hatte alles skizziert, alles fertig, alles im Kopf. Drei komplette Zeitalter hatten sich in ihm manifestiert und eigentlich hätte er nach dem Hobbit gerne mit Geschichten vom Anbeginn der Zeit aufgewartet. „Der Herr der Ringe“ jedoch erschien stattdessen und zum Entsetzen der Verleger gar nicht als Geschichte, die man auch Jugendlichen zum Lesen geben könnte. Jeder zweifelte. Vom Erfolg waren alle überrascht. Tolkien wollte den gesamten Zyklus beenden, formulierte bis zu seinem Lebensende an Notizen und Manuskripten herum, um alle Zeitalter abzudecken. Vergebens. Es war zu komplex. So viel Zeit blieb ihm nicht. Dass wir heute aus dem Vollen schöpfen können, ist dem Sohn des großen Autors zu verdanken.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Christopher Tolkien hat sich dem Nachlass seines Vaters verschrieben und vielen Geschichten zum Leben verholfen, die sein Vater nur skizziert hatte. Drei Erzählungen aus dem Ersten Zeitalter sind von großer Bedeutung für die spätere Saga. „Die Kinder Hurins“, „Beren und Lúthien“ und letztlich „Der Fall von Gondolin“ verdeutlichen, wie tief das Dritte Zeitalter in der Vergangenheit verwurzelt ist. Sie zeigen auf, wo der Weg von Elben und Menschen begann, wo Konflikte und Feindschaften entstanden, und wie sich das Böse über Jahrtausende manifestieren konnte. Eigentlich hätte es die nun bei Hobbit Presse veröffentlichte, aufwendig von Alan Lee illustrierte, Erzählung „Der Fall von Gondolin“ niemals geben dürfen. Eigentlich hatte Christopher Tolkien schon beim letzten Buch das Handtuch geworfen und behauptet, es sei im Alter von 93 Jahren sein letztes Werk als Herausgeber. Er hat seine Meinung revidiert. Mit 94 Jahren überzeugt er erneut als Chronist, Diarist und Kollektor der Manuskripte, Briefe und Notizen seines Vaters. Nur ihm ist zu verdanken, dass wir die legendäre Elbenstadt Gondolin betreten dürfen. Zum ersten und zum letzten Mal. 

Zeit, unsere Tolkien-Bibliotheken um ein, vielleicht letztes, Highlight zu erweitern. Zeit, den ersten beiden verschollenen Geschichten aus dem Ersten Zeitalter die große dritte zur Seite zu stellen. Zeit, diesen Kreis endlich zu schließen und damit auch einer Geschichte die Bühne zu bieten, die sie in der vollständigen Fassung verdient hat. Und Zeit, die Großeltern des großen Elrond vom Bruchtal kennenzulernen. Hier finden die Stammbäume zusammen, hier finden Elben zu Menschen und hier wird begreifbar, wie tief ihre Verbindung ist. Lange Zeit bevor ein gewisser Aragorn sich in Elronds Tochter Arwen verliebt und den Bund aus Elben und Menschen mit neuem Leben füllt.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Die gleißend weiße Stadt Gondolin wird zum Schauplatz einer großen Geschichte. Einer Geschichte, die mit ihrem heldenhaften Untergang endet, in deren Mittelpunkt die epische Schlacht der Elbengeschlechter gegen die Heerscharen Melkors, dem Urvater allen Bösen steht und die zwei Liebende auf ewig miteinander vereint, ohne die es eine Fortsetzung dieser Legende nicht gegeben hätte. Christopher Tolkien veröffentlicht hier nicht nur die vollständige Geschichte vom Untergang einer mächtigen Stadt, er spürt in allen verfügbaren Mittelerde-Quellen Ursprünge und Entwicklungen jener Erzählung auf und lässt uns an einem kleinen literaturwissenschaftlichen Puzzlespiel teilhaben. Es ist dabei eine wahrlich bedeutende Geschichte, die er uns an die Hand gibt.

Ein Mensch, der zur Warnung vor den Orks entsandt wird, ein Elbenkönig, der sich zu mächtig fühlt, ihn ernst zu nehmen. Seine Tochter, die sich in den Menschen verliebt und ein gemeinsames Kind, das zum Ursprung späterer Legenden wird. Eine Schlacht, die epischer nicht sein könnte, Kriegsgeräte und -geschöpfe, die grausamer nie waren ein großer Verrat, der hinterhältiger selten verfasst wurde und Opfergänge, die noch in späteren Jahrhunderten an den Lagerfeuern in Mittelerde besungen wurden. Wir sehen Gondolin untergehen, doch zugleich erkennen wir den Ursprung für den Zusammenhalt späterer Gefährten. Wer einmal in seinem Leben dem einen Ring folgte, wer einmal nur den Abendstern berührte, wer einmal dem Bösen ins Auge geschaut hat, wird sich hier zuhause fühlen. Und mehr als das.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Möge Christopher Tolkien ewig leben und Der Fall von Gondolin nicht das Ende von allem sein. Und wenn es doch so kommen sollte, dann wäre es ein sehr würdiges Ende.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter

„Was wichtig ist“ – Eine Rede von J.K. Rowling

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Wie starten wir am besten in ein neues literarisches Jahr? Vielleicht mit Inspiration, Energie und einem scharfen Blick auf das Wesentliche. Vielleicht sollten wir mit einem Ende beginnen. Das mag ja ein wenig paradox klingen, aber in jedem Abschluss liegt auch immer ein Neubeginn verborgen, der uns in die Zukunft begleiten wird. Beginnen wir doch einfach das neue Jahr in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium mit etwas wahrhaft Wichtigem und widmen uns der Frage:

Was wichtig ist. (Die Rezension kann man auch hier hören: Literatur Radio Bayern)

Was wichtig ist von J.K. Rowling – Meine Radio-Rezension

Barack und Michelle Obama, John F. Kennedy, Mark Zuckerberg, Matt Damon, Bill Gates, Tommy Lee Jones, Ralph Waldo Emerson… Eine illustre Reihe bedeutender Menschen, die in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu Ruhm gelangt sind. Eine Gemeinsamkeit fällt auf den ersten Blick nicht auf. Sie sind Absolventen der Elite- Universität Harvard, die an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika 21000 junge Menschen pro Jahr auf ihr akademisch geprägtes Leben vorbereitet. Wenn man sich also die Reihe der prominenten Menschen anschaut, die oben aufgeführt sind und sich dann überlegt, mit wem man es zu tun hat, wenn man sich die heutigen Studenten anschaut, die Harvard Jahr für Jahr verlassen, dann weiß man, mit wem man es künftig zu tun haben könnte. Präsidenten, Schriftsteller, Weltveränderer…

Traditionell werden die Abschlussjahrgänge in einem großen Zeremoniell von der Universität verabschiedet und ebenso traditionell werden ganz besondere Menschen gebeten, im Rahmen dieser Abschlussfeier eine Rede zu halten. Am Ende einer langen Studienzeit soll eine Initialzündung erfolgen, die den künstlichen Horizont dieser jungen Theoretiker um den Blick auf das wahre Leben erweitern soll. Im Jahr 2008 trat man an eine britische Schriftstellerin heran, die als Erfindern einer der magischsten Schulen im Universum zu Weltruhm gelangt ist. Von ihr versprach man sich wohl inspirierende als auch magische Impulse aus berufenem Munde. Gemeint ist J.K. Rowing

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Ihre Vita ist beachtlich. Ihre Karriere klingt wie ein Wunder. „Harry Potter“ hat sie weltweit zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen unserer Zeit gemacht. Ein Erfolg, der sich nicht vorhersehen ließ. Eine Erfolgsgeschichte, die sie niemals so geschrieben hätte, weil Glück, Bestimmung und ein unglaubliches Durchhaltevermögen erforderlich waren, um überhaupt einen Verlag zu finden, der diese Geschichte veröffentlichen und nachhaltig vermarkten wollte. Ja, sie hat etwas zu erzählen. Was aber hatte sie im Jahr 2008 als Rüstzeug für Harvard-Absolventen im Gepäck? Wie lautete ihre Botschaft und was macht diese Rede auch heute noch so lesenswert?

„Vom Nutzen des Scheiterns und der Kraft der Fantasie.“

Diese beiden Kernthemen wollte sie in den Vordergrund stellen. Ambitioniert finde ich angesichts der zwanzigminütigen Redezeit, die ihr zugestanden wurde. Ambitioniert auch angesichts der Tatsache, dass J.K. Rowling eher dafür bekannt ist, ihre Botschaft in Enzyklopädien nicht unter sieben Bänden zu verpacken. Ambitioniert angesichts der Tatsache, dass sie sich im Vorfeld darüber im Klaren war, wer hier zu wem spricht. Der auf ihr lastende Druck war so groß, dass nur ihre selbstironische Souveränität und das klare Bekenntnis zur eigenen Unzulänglichkeit in der Lage war, das Eis zu brechen.

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Die Rede „Was wichtig ist“ liegt nun in gebundener Fassung beim Carlsen Verlag vor. Es ist das zarte Pflänzchen eines Buches, das J.K. Rowlings Worte auf 70 Seiten an Menschen weiterreicht, die nicht unbedingt über einen Harvard-Abschluss verfügen. Verziert, ausgeschmückt und untermalt ist die Rede mit Illustrationen von Joel Holland, die der Symbolkraft der Worte die metaphorische Macht der Bilder und Zeichnungen an die Seite stellt, um sie noch tiefer in unserem Bewusstsein zu verankern. Ein Zweiklang, der zeigt, dass J.K. Rowling ihre Worte nicht an die akademische Elite adressierte. Sie sprach zu Menschen, mit Menschen über Menschen. Übermenschliches erwartete sie nicht von ihren Zuhörern. Das macht den Text für uns alle zugänglich.

Im eigentlichen Sinn beinhaltet ihr Text auch keine richtungsweisende Botschaft, weil sie weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft deutet. Sie zeigt auf das Herz. Sie packt die Menschen beim Verstand und appelliert an alle Sinne. Sie lebt ihre Worte vor, weil ihr Aufruf, sich in andere Menschen hineinzuversetzen nur gelingen kann, weil es ihr an diesem Tag der Rede gelang sich in ihre Zuhörer hineinzuversetzen. In all die Unsicherheiten, den Selbstzweifel und die Angst vor einem neuen Lebensabschnitt. Sie ermutigt, ermuntert und bestärkt jene, für die das Scheitern zur Lebensgefahr mutiert.

Sie zeigt mit der Kraft der Fantasie einen Weg auf, den jeder beschreiten kann, dem die Angst vor dem Scheitern monströse Steine in den Weg legt. Und dabei theoretisiert sie nicht. Nein. Sie nimmt sich selbst als Beispiel. Ihr persönliches Scheitern. Ihre Kraft, die sie aus ihren Niederlagen zog und ihre Fantasie, die sich als Rettungsanker erwies. Aus ihrer Rede zu zitieren halte ich für nicht angebracht, da sie ein geschlossener Kreis einer sich langsam erschließenden Argumentationskette ist. Eine Kette, die wir alle gut tragen können. Eine Kette, die jedem Menschen wirklich gut zu Gesicht steht und nicht zuletzt eine Kette, die zu jedem Anlass im Leben Sinn macht und Freude schenkt. Eine Rede nicht nur für Liebhaber und Kenner von Harry Potter. Worte eines Menschen, die sich ihren Weg aus berufenstem Munde in unsere Ohren und Herzen bahnen.

Ein guter Beginn für ein neues Jahr. Zu verstehen, dass Scheitern zu unserem Weg gehört, dass wir mit der Macht unserer Fantasie gegen Ängste ankämpfen können und dass wir unser Leben nie in den Griff bekommen, weil es sonst nicht unser Leben wäre. Planbar, vorherbestimmt und alternativlos. Lasst uns auch das neue Jahr gestalten. Es steht unter einem guten Stern in der kleinen literarischen Sternwarte. Was mir für 2018 wichtig ist liegt auf der Hand. Ich möchte heute nicht wissen, wie es endet. Ich möchte gestalten und aktiv sein, mich engagieren und der Kreativität freien Lauf lassen. Nicht zuletzt verschreibe ich mich den Menschen in meiner Herzensnähe und allen Büchern, die meinen Weg kreuzen. Mein Herzensjahr 2018. Herzlichst willkommen.

Was wichtig ist von J.K. Rowling und Dasist Wasser von David Foster Wallace

J.K. Rowling erreicht mit „Was wichtig ist“ die Qualität einer Abschlussrede, die zu den legendärsten überhaupt gezählt wird.Das hier ist Wasser. Eine Anstiftung zum Denkenvon David Foster Wallace gilt als der Mutter aller Abschlussansprachen. Ich habe ihr viel Raum gegeben. Sie hat mich inspiriert und begeistert. Sie lenkt den Blick auf und in das Gegenüber, dem wir so kritisch und bissig begegnen. Empathie ist das Bindeglied zwischen beiden Reden. Mögen sie die Welt verändern.

Der Bogen und das Wichtige. Ein guter Start ins neue Jahr…

Was wichtig ist von J.K. Rowling – Ein guter Start ins Jahr

Hier geht es zum 20. Geburtstag von Harry Potter mit Stargast Rufus Beck!

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Raquel J. Palacio – „WUNDER“ – Vom Buch zum Film

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Manchmal werden Literaturverfilmungen gar nicht mehr als solche wahrgenommen, weil die Romanvorlage zum Film schon lange zurückliegt, oder nicht die Zielgruppe von Lesern erreicht hat, die nun die Kinokassen stürmen. Im Januar werden jedenfalls viele Menschen einen neuen Film bestaunen, auf den ich eigentlich schon seit Jahren warte. Raquel J. Palacio veröffentlichte 2012 ihren Roman „Wunder“, der das Schicksal von August Pullman in den Mittelpunkt stellt. Einen Jungen, der aufgrund eines Gendefekts stark entstellt ist. Das Jugendbuch trat gegen Ausgrenzung und gezieltes Mobbing an, erfreute sich großer Beliebtheit und doch werden viele Erwachsene den Film nicht mit einem Buch in Einklang bringen. Grund genug für mich, eine Retrospektive auf diesen außergewöhnlichen Roman zu wagen und mich mit gutem Gefühl ins Kino zu setzen.

Mit Julia Roberts hat Regisseur Stephen Chbosky die Bestbesetzung für Auggies Mutter gefunden. Hier kann sie alle Facetten einer kämpferischen, verzweifelten und oftmals auch hilflosen Mutter abrufen, die auf der Gratwanderung zwischen Bemuttern, Behüten und Umsorgen nun den Schritt in die harte Realität mit ihrem Sohn gehen will. Die Konfrontation mit einem entstellten Kind stellt die Umwelt vor eine Herausforderung, der sie kaum gewachsen scheint, „Wunder“ trägt seinen Namen zu Recht, weil Auggie die Welt verändert. Jacob Tremblay brilliert in der Rolle von August. Der Schauspieler ist bekannt aus der Verfilmung von Emma Donoghues Roman „Raum“. Schon hier hat er als der kleine Jack Newsome, der in absoluter Isolation mit seiner Mutter aufwächst, geglänzt. Auch für „Wunder“ wurde er bereits für die Critics Choice Movie Awards als bester Jungschauspieler nominiert.

Lasst euch den Film nicht entgehen und vielleicht werft ihr einen Blick ins Buch, bevor ihr ins Kino geht, oder auch danach. Wunder ist es wert, gemeinsam mit jungen Menschen gelesen und gesehen zu werden. Ich möchte euch Auggie gerne ein wenig näher vorstellen…  Ich sehe ihn oft vor mir, wenn ich an das Buch denke…

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich sehe einen Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Ich sehe einen Jungen, der nur einmal im Jahr befreit durchs Leben gehen kann. Ohne Angst gehänselt  zu werden und ohne Furcht, dass Menschen die Straßenseite wechseln, nachdem sie ihn sehen. Halloween. Der Tag, an dem sich alle Kinder verkleiden, sich hinter gruseligen Masken verstecken, nach „Süßem oder Saurem“ verlangen und sich diebisch freuen, wenn man entsetzt die Augen verdreht. Dieser Tag ist der schönste Tag des Jahres für August, weil er ohne Verkleidung den gleichen Effekt erzielt.

Ich lese die Worte des Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Sie sind an mich gerichtet und er versucht mir meine Berührungsangst zu nehmen. Er spricht zu mir und ich höre ihm gebannt zu, da ich ahne, dass die Worte mich tief bewegen werden. Über sich selbst sagt er nur:

Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer!“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich folge diesem Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Seine Eltern haben für ihn beschlossen, dass er trotz seiner genetisch bedingten Gesichtsdeformationen nun endlich eine richtige Schule besuchen muss. Den nächsten Schritt in ein Leben, in eine Zukunft der Normalität – dies ist ihr Ziel und auch August möchte diesen Schritt gehen. Denn hinter der verunstalteten Fassade ist er intelligent, liebenswürdig und hilfsbereit.

Ich erlebe ein Umfeld, das unnachgiebig nach Außenseitern sucht und einen solchen in August findet. Ein geborenes Opfer, das man gerne ausgrenzt – zumal man ja selbst unsicher ist, wie man einem Jungen begegnen soll, dem man nicht in die asymmetrisch angeordneten Augen schauen kann. Jemand, den man gut herumschubsen und leicht quälen kann – weil man es nicht besser weiß. Ich fühle „Auggies“ Schmerzen, Zweifel und die Zerrissenheit angesichts der Richtigkeit seines Weges. Ich ziehe mich heulend mit ihm zurück.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Spätestens an dem Tag, als jene, die es besser wissen müssten (die Eltern seiner Mitschüler) sein Gesicht auf dem offiziellen Klassenfoto wegretuschieren, bricht in mir die blanke Wut aus. Spätestens an diesem Tag bricht die Welt meines neuen Freundes „Auggie“ haltlos in sich zusammen, da er realisieren muss, dass sein Traum von einem normalen Leben wie eine Seifenblase platzt. Man lästert nicht nur hinter vorgehaltener Hand über ihn. Man schließt von seinem Äußeren auf sein Inneres und erklärt ihn zum hässlichen Menschen – zu einem Wesen, das in einer schönen Gemeinschaft wie ein Fremdkörper wirkt. Selbst jene, denen er vertraut, verraten ihn bitterlich.

Ich weine oft in dieser Zeit. Ich weine um Auggie und fühle seinen eigenen Schmerz. Bis jemand in sein Leben tritt, der ich im wahren Leben gerne wäre. Jemand, der ihn so annimmt, wie er wirklich ist. Jemand für den falsches Mitleid ein Fremdwort ist. Jemand der nicht aus geheuchelter Anteilnahme Interesse vorgaukelt, sondern ein Mensch, der zeigt was es heißt, sein Gegenüber ohne jedes Vorurteil wahrzunehmen.

„Ich heiße übrigens Summer. Wie heißt Du? August? Hey, unsere Namen passen gut zusammen. Wir können das hier zum exklusiven Sommer-Tisch erklären. Nur Leute mit Sommer-Namen dürfen hier sitzen… Gibt`s hier irgendwen, der June oder July heißt?“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Und dann hört das Weinen auf – dann enden die Zweifel, denn es ist „Auggie“ selbst, der mir auf die Schulter klopft und meint, es wäre nun aber wirklich mal an der Zeit mit erhobenem Kopf der Realität ins Auge zu schauen. Wie kann ein nicht mal 10-jähriger Junge nur so stark sein? Wie kann er das nur? Raquel J. Palacio gelingt mit „Wunder“ ein wahres Wunder. Sie stellt nicht nur August in den Mittelpunkt des Romans, sondern erzielt mit den wechselnden Erzählperspektiven eine beeindruckende Wirkung.

Nicht nur von innen lernen wir „Auggie“ kennen. Nein – auch das Außen entzieht sich nicht. Seine ältere Schwester kommt zu Wort, die einerseits wie eine Löwin für ihn kämpft, sich andererseits lebenslang zurückgesetzt fühlt, da sich doch alle Planeten der Familie nur um diesen einen Fixstern drehen. All jene, die „Auggie“ ganz bewusst oder unbewusst verletzen werden eingeblendet und als gänzlich außenstehender Leser wird man in einen literarisch hochklassigen Mahlstrom aus Missverständnissen, Hilflosigkeit, purer Falschheit und selbstloser Empathie verwickelt.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Raquel J. Palacio verleiht den Planeten des Sonnensystems „Auggie“ Gehör und allein durch diesen Kunstgriff erzählt sie keine von reinem Mitleid geprägte Geschichte, sondern nimmt uns Leser an die Hand und fragt nach jedem Kapitel ganz zart „Und Du? Was hättest Du getan?“ Und diese Frage stellt sie ohne jeden Vorwurf. Sie erhebt nicht einmal den Anspruch es selbst besser gemacht zu haben.

„Wunder“ ist ein Wunder von einem Buch. Eine Gesellschaft inmitten einer tiefen Debatte um gleiche Rechte für Menschen mit Handicap kann durch einen solchen Roman verändert werden. Familien können verändert werden, wenn man nur für sich selbst überlegt, was die Erkrankung eines Kindes, eines Bruders oder einer Schwester bedeuten kann. Dieser Roman kann uns verändern, da er menschliche Schwächen im Umgang mit solch außergewöhnlichen Erkrankungen nicht verurteilt, sondern lediglich zeigt, welche Folgen unbewusst und bewusst durch unser Verhalten und Fehlverhalten entstehen können.

Dies ist mit Sicherheit kein trauriges Buch für Leser von 10 bis 99 Jahren. Dies ist keine wehleidige Geschichte. „Wunder“ ist ein Roman, bei dem man ein Wunder erlebt. In jeder Beziehung des Lesens. Unverkitscht – ungeschönt und doch so sehr strahlend wegen der riesigen Portion Hoffnung, die „Auggie“ durchs Leben trägt. Ihr müsst diesen besonderen Jungen kennenlernen. Gebt ihm eine Chance, euch von seinem Leben zu erzählen und hört dabei seinen Verwandten und Freunden zu. Und begeht dabei nicht den Fehler, auch die falschesten aller Freunde zu verurteilen. „Auggie“ würde das auch nicht tun – niemals.

Am Ende dieses großen Romans solltet ihr bereit sein, „Auggie“ in sein eigenes Leben zu entlassen. Gute Autoren lassen ihre Protagonisten an dem Punkt ziehen, an dem sie davon überzeugt sind, dass sie es von da an selbst schaffen können. Ein Satz von Jennifer Benkau (Dark Canopy und Dark Destiny), den ich nicht vergessen werde. Er ist so wahr und zeugt von wahrer Größe. Aber glaubt mir, bevor ihr „Auggie“ alleine lassen müsst, werdet ihr Zeuge eines Finales, das diesem kleinen besonderen Jungen mehr als würdig ist.

“You are beautiful – no matter what they say” – Nur eine kleine unbedeutende Zeile eines weltbekannten Songs, könnte man wohl meinen. Die eigentliche Wahrheit dieser melodischen Botschaft geht tiefer – viel tiefer. „Du bist schön – egal was andere sagen“. Kein Song passt besser zu diesem Buch, kein Song passt besser zu „Auggie“ und kein Song ist ehrlicher als dieser.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Entdeckt die Schönheit von Buch und Film. Vielleicht findet ihr euch sogar selbst!