Der Tag des Tagebuchs in der kleinen literarischen Sternwarte

Tag des Tagebuchs in der kleinen literarschen Sternwarte

Tag des Tagebuchs in der kleinen literarschen Sternwarte

„Ein Tagebuch schreiben ist fotografieren mit einem Bleistift.“

Eigentlich gleicht es ja einem Sakrileg, fremde Tagebücher zu lesen. Und doch tun wir es ohne Unterlass. Die geschichtliche Aufarbeitung der Vergangenheit greift immer wieder auf Tagebücher zurück, die eigentlich in der Hoffnung verfasst wurden, dass die Zeilen, die ihnen anvertraut wurden, absolut geheim bleiben. Gerade deshalb sind sie im Bereich der Quellenforschung so wertvoll. Ohne die Tagebücher der großen und kleinen Zeitzeugen geschichtlicher Epochen wären wir heute nicht in der Lage, fast live und unmittelbar, frei von Zensur ihren Schreibern über die Schulter zu schauen.

Tagebücher sind handschriftliche Zeitmaschinen, die in ihrer unmittelbaren Wirkung auf den Leser wirken, der dann doch mit zumeist etwas komischen Gefühl in den Seiten versinkt, die er niemals hätte zu Gesicht bekommen sollen. Hätte Anne Frank geahnt, wie viele Menschen auf der Welt sich durch ihr Tagebuch bewegen, sie hätte wohl das ein oder andere Bekenntnis ihres Lebens anders formuliert.

Hätte die Dame Sei Shōnagon vermutet, dass auch wir heute unser Haupt auf ihrem sagenhaften Kopfkissenbuch betten, sie wäre wohl vorsichtiger gewesen mit ihren faszinierenden Schilderungen vom japanischen Kaiserhof. Diese hermetisch versiegelte Welt ließ es nicht zu, dass Nachrichten bis zum gemeinen Volk vordrangen. Und doch haben ihre Zeilen, Weisheiten und Beschreibungen mehr als tausend Jahre überdauert und reichen uns heute die Hand zu einer Reise in die Vergangenheit.

Tag des Tagebuchs in der kleinen literarschen Sternwarte

Tag des Tagebuchs – Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

„Tagebücher sind mehr als ein innerer Monolog.“

Mein Lesen wäre nicht das Lesen, wie ich es heute liebe, wäre es nicht flankiert von den Tagebüchern, die in der Literaturgeschichte  als unverzichtbar gelten. Sie berichten noch heute von den verlorenen Schlachten in den großen Kriegen der Vergangenheit, ziehen uns mit ihren ungeschminkten Beschreibungen in ihren Bann und unterscheiden sich in vielen Facetten von den Beruhigungspillen namens Feldpostbrief denen ihre Schreiber nicht den wahren Schrecken anvertrauten.

Und wenn sie es wagten, wurden diese Passagen von der Zensur geschwärzt. Und so trauen wir uns immer wieder. Mit einem recht mulmigen Gefühl im Magen lesen wir, was eigentlich nicht für unsere Augen bestimmt war. Wir reisen in eine Zeit, die wir besser nur lesend bereisen und erleben Innenansichten von Menschen, die ihre Zeilen aus gutem Grund vor der Öffentlichkeit verbargen.

Wichtige Tagebücher meines Lesens sind:

Tag des Tagebuchs in der kleinen literarschen Sternwarte - AstroLibrium

Tag des Tagebuchs – Anne Frank und Ernst Jünger

Selbst Romane mit fiktionalen Tagebüchern berühren junge und alte Leser:

Natürlich gibt es noch viele weitere Romane, in denen Tagebücher eine wichtige Rolle spielen. Sie spielen mit ihren Lesern, sind geheimnisvoll und verbergen häufig den Schlüssel zum Verständnis der Story. Die Innenansichten von Protagonisten wirken auf diese Art und Weise wie Psychogramme ihrer selbst. Ein faszinierendes Thema in und zwischen den Zeilen. Ganz wie im wahren Leben, haben wir doch sicher alle schon mal begonnen, ein eigenes Tagebuch zu führen. Habt Ihr noch nie die folgenden Worte auf eine bisher unbeschriebene Seite eures Lebens geschrieben:

„Liebes Tagebuch…“

Heute ist der Tag des Tagebuches. Was für ein Zufall. Ich habe zwar jetzt nicht vor, ein echtes Tagebuch zu beginnen, aber ich möchte euch dazu verführen, vielleicht den ein oder anderen literarischen Gedanken in einem besonderen Tagebuch zu verankern. Dabei soll es gar nicht so sehr um Tagebucheinträge im ursprünglichen Sinne gehen, sondern viel eher um eine kleine Hommage an die Wegbegleiter unseres Lesens.

Tag des Tagebuchs in der kleinen literarschen Sternwarte

Tag des Tagebuchs – Holunderschwestern von Teresa Simon

Wäre es nicht eine schöne Idee, in regelmäßigen Abständen schöne Zitate aus dem Buch festzuhalten, in dem man gerade versunken ist? Wäre es nicht lustig, diese Zitate unter dem entsprechenden Tagesdatum später wieder bestimmten Lebensphasen oder Ereignissen zuordnen zu können, die mit ihnen in Verbindung stehen? So würde aus einem kleinen Tagebuch eine Symbiose aus dem wahren Leben und der Literatur, die uns auf Schritt und Tritt begleitet.

Ich stelle gerne dieses Tagebuch zur Verfügung. Ich beginne ebenfalls damit, von einem bestimmten Tag an, Zitate oder interessante Leitgedanken aus meinen aktuellen Büchern in mein Buch-Tagebuch einzutragen. Immer nur in kleinen Schritten und dann können wir uns austauschen und vielleicht auch die beiden Tagebücher austauschen und schauen, wo unsere Gemeinsamkeiten liegen. Wenn Du Lust auf dieses besondere Tagebuch-Projekt hast, dann kommentiere doch einfach diesen Artikel.

Und das ist die literarische Aufgabe:

Tag des Tagebuchs in der kleinen literarschen Sternwarte

Tag des Tagebuchs – Eines meiner Tagebücher – Ausschnitt von 1983

Ich suche Bücher, in denen Tagebücher eine Rolle spielen. Nenne Titel und Autor, verlinke vielleicht eine Rezension, die Du verfasst hast und am Ende der Aktion lasse ich meine Glücksfee entscheiden, wer mich begleiten darf. Seid dabei. Macht einfach mit. Der Tag des Tagebuchs ist der beste Tag, ein neues Projekt zu beginnen.

Einsendeschluss - Dienstag 14. Juni um 20 Uhr

Einsendeschluss – Dienstag, 14. Juni – Mitternacht

Die Glücksfee hat entschieden und Ronja Grage wird meine Tagebuch-Begleiterin. Es gilt nur noch herauszufinden, für welches der beiden Exemplare sie sich entscheidet. Das Tagebuch mit Anker und Steuerrad bietet die meisten Seiten, das mit dem Blatt die größere Fläche. Danke an Euch alle für die grandiosen Tipps und nun liegt es nur noch bei Ronja, eine wichtige Entscheidung zu treffen. It´s your choice.

Herzlichen Glückwunsch Ronja...

Herzlichen Glückwunsch Ronja…

Die Artikelspringer – Durch den Advent mit Mr. Rail

Mit der kleinen literarischen Sternwarte durch den Advent

Mit der kleinen literarischen Sternwarte durch den Advent

Es kommt mir vor, als sei es erst gestern gewesen. Die Zeit verfliegt und knapp 100 Bücher nach dem Schließen des letzten Türchens des vereulten Adventskalenders 2014 heißt es erneut „Durch den Advent mit Mr. Rail“. Auch in diesem Jahr sollen die 24 prall gefüllten vorweihnachtlichen Bücherpforten nur eines sein: Ein herzlicher Dank an alle Freunde meiner kleinen literarischen Sternwarte. Ein tiefer Dank für das Lesen, Kommentieren und Begleiten meiner Lesenswege. Dank für das stete Mitbeobachten all der hell leuchtenden Fixsterne, die ich in diesem Jahr am Bücherhimmel entdeckt und für uns alle deutlich markiert habe.

Die Vorweihnachtszeit bedeutet für viele von uns das Gegenteil von Entschleunigung. Endspurt ist angesagt. Besorgungen stehen an, der Job geht auf die Zielgerade des Jahres und das Tempo wird verschärft. Dazu kommt, dass die Welt derzeit ein wenig im Taumeln begriffen ist und die Nachrichten dieser Tage nicht gerade zur Ruhe einladen. Und zum Frieden schon gar nicht. Und trotzdem möchte ich feiern. Die Weihnachtstage in aller gebotenen Stimmung begehen und einen Fluchtpunkt aus dem Alltag bieten:

Eine kleine verträumte Adventsinsel, die euch dazu einlädt, euer Leseboot an einem der 24 warm beleuchteten Stege festzumachen und ein klein wenig von der Stimmung aufzusaugen, die hier verbreitet werden soll. Im letzten Jahr wurde aus diesem kleinen Kalender eine kleine Insel der Glückseligkeit, die ich nicht mehr missen möchte. Als literarischer Sternwärter weiß ich sehr gut, dass ein Komet die Geburt Jesu ankündigte. Hoffentlich begleitet uns dieser gute Stern in ein friedvolles, glückliches und erfülltes Weihnachtsfest. Das wünsche ich uns allen.

Mit der kleinen literarischen Sternwarte durch den Advent

Mit der kleinen literarischen Sternwarte durch den Advent

Und doch wird sich der Adventskalender ein wenig verändern. Es sind in diesem Jahr besondere Büchereulen geschlüpft und der flatterhafte Wurf befindet sich seit einigen Wochen in einem knallharten Trainingslager. Echte Mutationen sind entstanden und von reinen Eulenwesen kann keine Rede mehr sein. Weihnachtlich wollten sie sein, aber was dann passierte ist kaum zu erklären. Eine Nacht hat gereicht. Und irgendwie ist es wohl so, dass Mrs. Rail ihre Finger im Spiel hatte. Und das im wahrsten Sinne des Wortes…

Eine Begegnung zwischen einem Rentier aus dem Gespann des Weihnachtsmannes und einer Büchereule hatte mehr als freudige Konsequenzen und so möchte ich euch eine Kreuzung vorstellen, die über die besten genetischen Veranlagungen verfügt, die man sich fürs Weihnachtsfest nur wünschen kann. Und so hat sich schnell gezeigt, was diese Rentier-Eulen im Blut haben. Sie lungern im Bücherregal herum, beobachten den bloggenden Sternwärter, warten bis ein Artikel entstanden ist und stürzen sich dann in all die Requisiten und Utensilien, die auf den jeweiligen Artikelbildern verewigt werden. Sie sind die wahren…

Mit der kleinen literarischen Sternwarte durch den Advent

Mit der kleinen literarischen Sternwarte durch den Advent

ARTIKELSPRINGER

Sie schaffen es tatsächlich auf diese Weise, direkt in den Artikeln anzukommen, und dort ihr Unwesen zu treiben. Sie spielen dabei ganze Romane nach, machen gewagte Zeitsprünge, schlüpfen in die bunten Rollen ihrer Herzens-Protagonisten und führen ein buchiges Leben der besonderen Art. Sie ziehen mit ihrem ungezügelten Rentierblut in ganzen Rudeln von Buchvorstellung zu Buchvorstellung und hinterlassen eine Spur der Verwüstung auf jedem Blog.

Das Eulenwesen in ihnen setzt diesem Herdentrieb die Krone auf. Nie waren Eulen intensiver mit meinem Schreiben verbunden, nie zuvor war ihr Flug so sehr mit meinen buchigen Höhenflügen vergleichbar. Und genau hier liegt die Herausforderung an euch verborgen. Hier seid ihr gefragt. Hier beginnt, was nur Kenner von AstroLibrium lösen können, wenn sich ein Türchen des Kalenders öffnet. Und nur, wer sich dieser großen Herausforderung stellt, wird künftig von einer Rentier-Eule durch sein Lesen begleitet.

Mit der kleinen literarischen Sternwarte durch den Advent

Mit der kleinen literarischen Sternwarte durch den Advent

Hier geht es zum Adventskalender

Vierundzwanzig Rentier-Eulen warten auf euch. Einige von ihnen sind in meinen Artikeln verschwunden. Sie geben euch kleine Ratschläge, wo sie stecken könnten und die Türchen-Bilder selbst verraten dem geneigten Leser schon mehr als tausend Worte.

Was zu tun ist....

Was zu tun ist….

Um die Herzen dieser Ren-Eulen zu erobern müsst ihr nur folgendes tun.

  • Begebt euch zum Türchen des betreffenden Tages
  • Klickt das Bild an. Genau darunter erwartet euch ein kleiner Gruß von mir.
  • Vielleicht ist es auch eine kleine Botschaft an euch, oder ein Hinweis, der euch weiterhilft und euch leitet.
  • Und nun beginnt die Suche.
  • Wenn ihr ahnt, in welchem Artikel die Rentier-Eulen ihr Unwesen treiben, könnt ihr über die Suchfunktion des Blogs selbst dorthin springen.
  • Wenn ihr noch keine Ahnung habt (was ich ausschließen kann), dann sucht nach Suchbegriffen oder schaut euch mein Artikelmosaik an. Hier wird man fündig.
  • Wenn ihr am Ziel eurer Suche seid, hinterlasst genau dort einen Kommentar.
  • Bei mehreren richtigen Landungen werde ich die Losfee bemühen.
Was helfen kann...

Was helfen kann…

Ich werde abends schauen, wer dieser Fährte bis ans Ziel gefolgt ist. Und aus allen richtig Gelandeten wird der neue Hüter der Rentier-Eule ausgewählt. Es wird literarisch, buchig, emotional, lustig und hoffentlich entspannt. Eine turbulente Artikeljagd. Versucht euer Glück, genießt den Formationsflug durch meine Blog-Artikelwelten und lasst euch überraschen, wenn abends die Auflösung erscheint.

Folgt den Anweisungen der Rentier-Eulen und es geht nichts schief. Denn einige von ihnen werden andere Ziele haben. Sie springen nicht nur in meine, sondern auch in eure Artikel, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Ihr werdet schon sehen.

Lasst uns in einem ersten Versuch diesen ersten Advent feierlich begehen und als kleine Übung die erste Rentier-Eule des Jahres suchen. Viel Spaß dabei…

Der Test... zum ersten Advent...

Der Test… zum ersten Advent… Lesen, Artikel finden und kommentieren…

Ich hab` euch doch gesagt, fasst es nicht an und dann das. Wer hätte denn denken können, dass in einem einzigen Buch so viel Krempel drinliegt. Und jetzt? Wenn der Alte nach Hause kommt, sieht er doch sofort, dass wir in seinem Artikel waren. Mist. Mist. Wir müssen aufräumen. Dringend.

Weiß noch jemand, wo die Serviette hinkommt? Die lag schon hier. Die kann doch nicht in das Buch gehören! Was soll eine Serviette in so einem Buch. Und außerdem, reg` dich nicht auf. Der Schmöker ist doch echt nicht neu. Der ist überall vollgekrakelt am Rand. Da haben ein paar Leute drin rumgeschrieben. Und das in unterschiedlichen Farben. Und die Aufkleber lassen drauf schließen, dass es aus einer Bücherei kommt.

Quatsch… das ist Absicht. Das ist funkelnagelneu. Eine echte Buchsensation, hat der Sternwärter geschrieben. Und schaut euch doch den Schuber an. Der ist so edel und wertvoll. Der war sogar versiegelt. Und wir bringen alles durcheinander.

Ich hab ein Glücksrad gefunden… Hurraaaahhh…ich dreh mal dran. Vielleicht haben wr Glück und gewinnen was. Uiuiuiuiiiiii

Trottel… das ist eine Dechiffrierscheibe für Geheimschrift. Fass die bloß´nicht an. Die ist sicher teuer. Aber irgendwie kommt es mir gerade so vor als würde es verbrannt riechen. Oder täusche ich mich?

Neee.. Es ist der erste Advent und ich hab ein Flämmchen mitgebracht... ist das schlimm?

Aaaaaaahhhhh…. Rettet den Schmöker… Der Rail bringt uns um… hoffentlich findet uns niemand und der Artikel wird nie wieder gelesen… Außer … Die sind schlau!

Jetzt heißt es, in den richtigen Artikel zu springen...

Jetzt heißt es, in den richtigen Artikel zu springen… Auflösung siehe Update unten…

Na, wir werden ja sehen, ob ihr diesen ersten Test besteht und in den richtigen Artikel springt. Wir werden morgen Abend erleben, wer die erste Rentier-Eule entführen darf. Es beginnt schon, spannend zu werden… Also frisch ans Werk.

Nun wünsche ich euch einen fröhlichen 1. Advent und hoffe sehr, dass ihr die Tage vor Heiligabend in besinnlicher und verträumter Stimmung verbringen könnt. Und schon am ersten Dezember, wenn ihr morgens wach werdet, wartet bereits das erste Türchen auf euch. Versprochen! Und nach der ersten Übung ist das alles kein Problem.

Danke für euch – Danke, dass es euch gibt und nun guten Flug in den 1. Advent.

Mit der kleinen literarischen Sternwarte durch den Advent

Mit der kleinen literarischen Sternwarte durch den Advent

Update und Auflösung des Testfluges:

"S" von J.J. Abrams und Doug Dorst - Das Ziel der Artikelspringer

„S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst – Das Ziel der Artikelspringer

„Greenwash, Inc.“ – Imagepflege mit Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

AstroLibrium ist jetzt ein international anerkannter BioBlog. Glaubt Ihr nicht? Ist aber so. Meine literarischen Artikel sind biologisch abbaubar, ich verzichte gänzlich auf Genmanipulationen, engagiere mich für das Verbot von Kinderarbeit, habe mich dem Fair Trade-Gedanken verschrieben und trage nur Maßanzüge, die in Europa hergestellt wurden. Und all dies habe ich mir erst vor wenigen Tagen zertifizieren lassen, um mich gegen die aus dem Boden schießenden Blogs mit Bio-Ambiente durchzusetzen.

Das habe ich natürlich nicht selbst gemacht. Dafür habe ich eine Agentur. Und was für eine. Die Urkunden hängen nun in meiner Redaktion und ich bin als deren Kunde wirklich in allerbester Gesellschaft. Von „Mars & Jung“ werden nämlich alle betreuten Klienten mit ganz individuellen Image-Paketen ausgestattet, auch wenn sie es mit der Bio-Philosophie gar nicht so ernst nehmen. „Mars & Jung“ bieten ein umfangreiches Sorglos-Programm, wenn man sich etwas auf die Fahne schreiben möchte, das man jedoch gar nicht richtig vorleben mag.

Aber die Klienten stehen nun mal drauf! Sie vermitteln das Gefühl, dass man den tropischen Regenwald mit einer Kiste Bier schön-, oder Bolzplätze aus dem Nichts hersaufen kann. Und darüber hinaus glauben wir Endverbraucher so gerne an diese Geschichten, kaufen völlig überteuerte Produkte mit fragwürdigen Bio-Aufklebern und fragen uns doch nicht, was wirklich dahinter steckt. Darauf setzen „Mars & Jung“!

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Dumm nur, dass die nationale Presse immer wieder versucht, investigativ genau diesen schwarzen Unternehmens-Schafen auf die Spuren zu kommen, die sich hier ganz gezielt „grünwaschen“ lassen. Und da sind „Mars & Jung“ immer sofort im Visier. Aber so gut, wie diese Agentur auf solche Angriffe vorbereitet ist, so gut ist keiner ihrer Konkurrenten in medialer und strategischer Hinsicht aufgestellt. Eine absolut perfekte Agentur mit einem vielschichtigen Portfolio, das jedem Klienten nachhaltig das perfekte Image beschert.

Alles nur frei erfunden? Mag ja sein, aber wenn Ihr in die Welt von Karl Wolfgang Flender eintaucht und den wirtschafts-utopischen Roman Greenwash, Inc. vom DuMont Buchverlag lest, dann gehen Euch schon die Augen auf. Spätestens, wenn Ihr wieder einmal Werbung, TV-Spots, Presse-Mitteilungen und ganzseitige Anzeigen in Printmedien seht, beginnt Ihr darüber nachzudenken, was Euch hier auf höchstem Niveau vorgegaukelt wird. Alle BIO – oder was? Sicher nicht.

Wir begeben uns mit Thomas Hessel in das Zentrum von „Mars & Jung“. Mitten hinein in eine neue Welt, in der das Schlagwort „Greenwash“ mehr als nur ein hohler Slogan ist. Denn Thomas Hessels Spezialität ist es nicht, das Image für einen Kunden zu designen, sondern es in Krisensituationen innovativ zu verteidigen. Und das gerade dann, wenn die Medienschlacht schon fast verloren zu sein scheint.

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Mit seinem Kollegen Christoph bereist er die ganze Welt. Von Brasilien über Indien bis nach Ghana. Er taucht immer genau dort auf, wo das Image eines Klienten einen absoluten Totalschaden zu erleiden droht. Und statt auf völlig veraltete Praktiken wie Bestechung oder Schmiergeld zurückzugreifen, legt dieses Team in aller Kreativität los und gibt Vollgas. Hier werden Legenden gebaut und der Angriff gilt der Gefühlsebene potentieller Kunden.

Sie gehen in die Offensive, wo andere schon lange abtauchen. Sie bringen Opfer, wo andere bereit sind zu bezahlen. Sie betreiben innovative Krisen-Kommunikation mit der Presse, indem sie Bilder erzeugen, die an die Emotionen der Betrachter appellieren. Ihre Ideen sind revolutionär, unvorhersehbar und erfolgreich. Sie bedienen sich aller Mechanismen einer modernen Medienkultur und führen den aufrechten Journalismus ad absurdum.

Dabei werfen sie alles über Bord, was dem Ziel im Weg stehen könnte. Der Erfolg steht im Mittelpunkt und ein persönliches schlechtes Gewissen kann man sich in dieser Funktion nicht leisten. Darüber hinaus gibt es nichts, was man nach der Mission nicht großzügig und im Geheimen finanziell entschädigen könnte. Die Öffentlichkeit will aufs Neue überzeugt werden und das gelingt von Mission zu Mission. Beispiele gefällig?

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

So verschwindet mal eben ein tropischer Regenwald in einer selbst verursachten Brandrodung, nur um zu zeigen, wie überrascht man doch selbst von diesen brutalen Methoden der Landgewinnung ist. Und ganz nebenbei inszeniert man sich selbst als zufälliger Lebensretter in ausweglosen Situationen. Oder man findet Peinliches in der von Kinderarbeit getragenen und gerade im Feuer versunkenen indischen Kleiderfabrik. Frei nach dem Motto: „Wenn ich meinen Schaden schon nicht mehr beheben kann, dann reiße wenigstens die Konkurrenz mit in die Hölle“.

Opfer pflastern ihren skrupellosen Weg. Menschliches Leid und Armut werden als Kollateralschäden einkalkuliert. Und der freie Markt bestätigt sie. Ihre Strategien gehen auf. Erfolg wird zum Markenzeichen des stets im Verborgenen agierenden Teams. Sie kreieren „Hope-Stories“ und verstehen sich selbst als Vereinfacher. Je komplexer eine Botschaft ist, umso unwahrscheinlicher ist es, dass sie verstanden wird. Sie erzählen ihre Geschichten knapp und präzise. Das wirkt.

Und das alles unter der Führung des charismatischen Agenturleiters Jens Mars. Aber wie sieht es hinter den Kulissen der Agentur aus? Wenn schon die ganze Welt systematisch belogen wird, wie geht man dann mit seinen Mitarbeitern um? Und was, wenn jemanden das schlechte Gewissen plagt? Auch hier wird nur erdichtet, gelogen, gemobbt, erzwungen und subtil unter Druck gesetzt. So sehr, dass man wirklich nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden kann.

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Als Thomas Hessel die Lügen-Fäden zu entgleiten drohen, die er so meisterhaft gesponnen hat, gerät er zwischen die Fronten. Er, der Meister der YouTube-Methode. Er, der große Meister der Hope-Stories fällt einem medialen Phantom zum Opfer, das seinesgleichen sucht und doch in aller Munde ist. Thomas Hessel braucht dringend eine eigene Hope-Story. Ein wenig Hoffnung bei sinkenden eigenen Imagewerten. Er wendet sich an die Öffentlichkeit.

Ob Karl Wolfgang Flender mit „Greenwash, Inc.“ eine reine Utopie ersann? Ob er bereits ganz nah an der Realität eine Story erfand, die so gar keine Hope-Story ist und schon jetzt in der Lage ist, seine Leser völlig zu verunsichern? Das solltet Ihr selbst erlesen und beurteilen. Jedenfalls hat sein Roman Tempo und Sprengkraft. Zwei sehr wertvolle Ingredienzien, die ihn zu einem extrem lesenswerten Buch machen.

Kein Bio-Label wird Euch nach „Greenwash, Inc.“ mehr unschuldig vorkommen, kein noch so verwackeltes YouTube-Video wird euch noch amateurhaft erscheinen und keine Pressemeldung zum Image einer Firma wird mehr harmlos und wahr klingen. Ich gehe jetzt zurück in meine kleine Bio-Redaktion und genieße meine ganzen Zertifikate. Verklagt mich doch! „Mars & Jung“ hauen mich garantiert raus und machen aus jeder Niederlage einen Sieg. Brandrodung inklusive. Man sollte sich nur von seinem Gewissen verabschieden. Das schadet nur!

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. – Buchhandlung Calliebe mit chlorfreiem Online-Service

Anne Frank – Wenn du jetzt bei mir wärst – Waldtraut Lewin

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Es gibt sie wirklich, diese ambivalenten Gefühle einem Buch gegenüber. Dieses „Einerseits“ und „Andererseits“. Zwei Gefühlswelten, die intensiv miteinander ringen und oftmals nur schwer in Einklang zu bringen sind. „Einerseits“ inspiriert der Grundgedanke eines Romans und treibt den Leser durch eine mehr als utopische Story, „andererseits“ beschleicht einen das Gefühl, genau dieses mutige Gedankenspiel gar nicht mitspielen zu wollen. Es vielleicht auch gar nicht mitspielen zu können.

Wenn du jetzt bei mir wärst“, erschienen bei cbj, ist mehr als „Eine Annäherung an Anne Frank“, wie es der Untertitel des Romans von Waldtraut Lewin beschreibt. Es ist die literarische Reanimation einer Ikone des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Waldtraut Lewin wagt sich mit ihrem Gedankenspiel auf ungewöhnliches Terrain. Sie, die etablierte Autorin, die mit Der Wind trägt die Worte schon fast ein Standardwerk zur Geschichte des Judentums in zwei Bänden verfasst hat.

Sie, die es in ihren Romanen wie kaum eine Zweite versteht, fiktive Protagonisten in historisch sehr fundiert recherchierte Kontexte einzubetten. Sie wählt einen Weg, der ihr selbst sicherlich schon mit dem Schreiben der ersten Zeilen als absolutes Wagnis vorgekommen sein muss. Sie lässt sich auf eine persönliche Begegnung mit Anne Frank ein. Nicht in der fernen Vergangenheit, nicht in Form einer kaum zu erklärenden Zeitreise. Nein.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Sie besucht das Anne-Frank-Haus in Amsterdam und während sie noch tief in ihre Gedanken über die wohl bekannteste Tagebuchautorin der Welt vertieft ist, steht Anne Frank plötzlich vor ihr. Geisterhaft vielleicht. Aber für Waldtraut Lewin greifbar und real. Niemand hat sich wohl so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, niemand hat so früh wie sie begonnen, den Spuren von Anne Frank zu folgen und niemandem außer Waldtraut Lewin selbst kommt der Touristenstrom in dieser Gedenkstätte unwirklicher vor, als das plötzliche Auftauchen einer Legende.

Die 14-jährige Anne Frank scheint auf der Suche nach jemandem zu sein, dem sie endlich vertrauen kann und kurz nach ihrem 85. Geburtstag begegnet sie der Autorin, die sie besser zu kennen scheint, als sie sich selbst fühlen kann. In der beängstigenden Enge des Verstecks in Amsterdam fühlt sich Anne Frank auch über den Verrat und den Tod hinaus eingesperrt. Vielleicht ist es das unsichtbare Band, das Schriftstellerin und Opfer des Holocaust miteinander verbinden. Vielleicht ist es die pure Imagination. Egal.

Die Verbindung ist hergestellt und Waldtraut Lewin kann einfach nicht widerstehen, diese Chance zu nutzen und Anne Frank auf der Grundlage der Selbstverständlichkeit dieser eigentlich aberwitzigen Situation aus der Prinsengracht 263 zu befreien. Sie nur ein einziges Mal in die heutige Welt mitzunehmen, um ihr zu zeigen, wie die Welt sich verändert hat, wie berühmt Anne Frank ist und damit auch sich selbst zu beweisen, dass dieses 85-jährige junge Mädchen nicht umsonst gestorben ist.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Jene Anne Frank, die sich von 1942 bis 1944 mit ihren Eltern während der Besetzung der Niederlande durch Nazis in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt hielt, dann von Unbekannten verraten wurde, mit ihrer gesamten Familie inhaftiert und deportiert wurde und schließlich im Jahr 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen wohl an den Folgen von Fleckfieber verstarb, das durch die katastrophale hygienische Situation im Lager verursacht wurde.

Und genau diese Anne Frank kann ihrerseits dem unwiderstehlichen Angebot der Schriftstellerin nicht widerstehen und folgt ihr ins Amsterdam unserer Tage. Endlich wieder atmen, endlich raus ins Leben und sich so fühlen, als sei man ein normales Mädchen. Und endlich die Fragen stellen, die einem seit Jahrzehnten auf der Seele brennen. Diese Gedanken toben im Herzen und im Verstand einer längst Verstorbenen. Und bei wem wäre sie in dieser Situation besser aufgehoben, als bei Waldtraut Lewin?

Das veränderte Amsterdam, die Fragen nach dem Ausgang des Krieges, der Rolle der Deutschen in unserer Zeit und über die Entwicklung des Judentums in Holland dominieren die ersten Augenblicke dieses gedanklichen Freifluges. Aber auch die ganz normalen Fragen des Lebens und die pure Sehnsucht nach Liebe machen aus Anne Frank plötzlich ein greifbares, neugieriges und suchendes Mädchen. Dass sie dabei erneut zu schreiben beginnt, verwundert nicht. Dass sie Notizbücher kauft, um das berühmteste Tagebuch der Weltliteratur fortzusetzen ist keine Überraschung.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Wie sehr hat man sich sein ganzes Lesen auf diesen Moment gefreut. Ich kann das für mich so behaupten. Wie sehr hat man sich selbst gewünscht, Anne heute zeigen zu können, wie berühmt sie ist und was sie bei jungen Menschen bewegt hat. Das ist das ganz große „Einerseits“ dieses Gedankenspiels. Denn „andererseits“ bleibt Anne Frank seltsam blass im Roman von Waldtraut Lewin. So, als gelinge ihr die Annäherung beim besten Willen nicht so, wie sich es sich selbst gewünscht hätte.

Anne wirkt passiv und agiert wenig. Sie lässt sich zu sehr führen und besucht Orte mit ihrer Begleiterin, die ich nicht zwingend auf der Liste der Orte gesehen hätte, an die eine Anne Frank heute reisen würde, wenn sie die Chance dazu hätte. Niemand weiß, wie lange die Phase des Existierens anhalten wird. Beide nehmen sie als Geschenk. Ob ich Anne in dieser Situation auf die Spuren ihrer Herkunft nach Frankfurt gebracht hätte, ob ich ihr so ganz nebenbei den komprimierten Inhalt der beiden Bände Der Wind trägt die Worte in leicht verständlichen Bildern vermittelt hätte… Ich weiß es nicht.

Da es sich aber um ein Gedankenspiel handelt, ließ ich meinen eigenen Gedanken zum Buch an vielen Stellen freien Lauf. Ich stellte mir vor, was ich mit Anne besprochen hätte. Ich grübelte darüber, was ich ihr über unser Land erzählen würde, und was ich sie fühlen lassen würde, jetzt in diesem vielleicht einzigartigen Moment der mentalen Wiedergeburt. Dieser Transfer ist sicherlich eine der großen Leistungen von Wenn du jetzt bei mir wärst. Diese Frage soll, darf und muss sich in den Herzen junger Leser wie ein kleiner Samen festsetzen und zum Nachdenken anregen.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Hier hat Waldtraut Lewin vielleicht sogar denn wahren Königsweg des Erzählens gefunden, obwohl mir vieles in diesem Buch wie eine Geschichtsstunde vorkam. Nicht nur für Anne Frank, sondern auch für den Leser, der sich eigentlich dem Mädchen annähern wollte. Nicht der Weltgeschichte. Diese Annäherung bleibt auf Distanz, obwohl wir Anne lieben, lachen und hoffen sehen. Obwohl wir sie vielleicht ein wenig besser greifen können. Aber letztlich blieb sie auch in diesem, Gedankenspiel seltsam verpuppt und in sich gefangen.

Wenn man ein solches Buch schreibt, muss man auf der Gratwanderung für junge Leser genau aufpassen, in welche Richtung man argumentiert, wenn es politisch wird. Die Reise nach Israel, das Wagnis, Anne zu zeigen, was aus diesem Land geworden ist, von dessen Existenz sie absolut nichts weiß, sollte differenziert und neutral erfolgen. Ich habe das nicht so gelesen. Der tiefe Konflikt zwischen Israel, Palästinensern und Arabern wird aus Sicht Israels auf folgenden einfachen Nenner gebracht:

„Stell dir mal vor, Mexiko würde auf einmal Raketen aufs Gebiet der USA schießen. Was würden die wohl machen?“

Wenige Worte zur Besiedlungspolitik der Israelis, kaum Worte zur Landnahme und Ausdehnung dieses Staates der Flüchtlinge auf das Gebiet anderer Völker. Und dieser gewählte Vergleich ist unsachlich. Eine endlose Gewaltspirale, die sich zwischen Israel und der Hamas in heftigen Kreisen dreht, wird durch beide Seiten in Schwung gehalten. Das ist nicht Mexiko, das einfach so zum Spaß mit Raketen schießt. Das ist ein Konflikt, der sich so simpel einseitig nicht darstellen lässt. Den man sicher nicht so darstellen darf, sonst instrumentalisiert man Anne Frank in dem mehr als lobenswerten Versuch, dem Gedenken an sie neues Leben einzuhauchen. Sie ist kein israelisches Mädchen.

Das ist mein ganz persönliche „Andererseits“ an diesem Roman. Und es wiegt schwer im Lesen „Gegen das Vergessen„.

Wenn Du jetzt bei mir wärst - Eine Annäherung an Anne Frank - Waldtraut Lewin

Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin

Meine Gedanken schließen mit einem tief angelegten Denkmodell aus der Feder von Nathan Englander. Vielleicht sollte man sich darüber Gedanken machen, bevor man andere Wege geht. In seinem Buch Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank redenwerden wir mit einem komplexen Gedankenspiel konfrontiert, das uns nachhaltig verstören kann:

Wir lernen in einer der bewegenden Kurzgeschichten jüdische Menschen kennen, die das sogenannte „Anne-Frank-Spiel“ spielen, in dem es darum geht, sich mit der folgenden Frage zu beschäftigen:

„Wenn wir heute an der Schwelle eines erneuten Holocausts stünden, welcher unserer Freunde würde uns für die nächsten Jahre unter Einsatz seines eigenen Lebens bei sich zuhause verstecken und versorgen?“

Die Antworten werden zum persönlichen Debakel. Für uns auch? Denkt mal darüber nach und bleibt bei Anne Frank, wenn sie es dringend braucht. Wir haben Anne Frank in einem besonderen Special gedacht. An ihrem Geburtstag und auch für Peggy Steike und mich war sie lebendig. Mehr als das… Sie bleibt es…

wenn du jetzt bei mir wärst_eine annäherung an anne frank_waldtraut lewin_astrolibrium_calliebe

„Der Illusionist“ – Steven Galloway und der große Houdini

Der Illusionist von Steven Galloway

Der Illusionist von Steven Galloway

Es gibt sehr viele verschiedene Wege, ein Buch zu lesen und es gibt verschiedene Möglichkeiten, nach dem Lesen darüber zu schreiben. Man kann den intellektuellen und feuilletonistischen Stil wählen, versuchen hinter jedem einzelnen Kapitel den Sinn des Lesens zu suchen um anschließend auf ebenso abgehobenem Niveau einen Roman zu beschreiben, ohne dass irgendjemand das erzeugte Bild versteht. Oder man liest ein Buch ganz einfach. Man folgt dabei dem Handlungsstrang, der am tiefsten beeindruckt und vernachlässigt die Versuche des Schriftstellers, in Ab- und Ausschweifungen vom Königsweg des Lesens abzulenken.

Ich habe „Der Illusionist“ von Steven Galloway ganz einfach gelesen und ich werde diesen Roman aus dem Luchterhand Verlag auch ganz einfach vorstellen. Dabei ist mir klar, dass ich mir über bestimmte Ebenen der Geschichte vielleicht zu wenig Gedanken mache, aber eines ist sicher. Die Hauptstory bleibt mir unvergesslich in Erinnerung. Denn es handelt sich hierbei um die magische und fesselnde Geschichte des größten Entfesselungskünstlers aller Zeiten: Harry Houdini.

Die perfekte Illusion war sein Talent. Ihre Inszenierung, sein Geschäft. Houdini ließ sich auf offener Bühne mit Handschellen jeder erdenklichen Bauart fesseln, kopfüber in wassergefüllte Gefäße tauchen, an Armen und Beinen fixiert von Brücken werfen. Und, was für eine Sensation, er konnte sich aus jeder misslichen Lage befreien. Todesmutig schien er zu sein, riskant und absolut lebensgefährlich waren seine Kunststücke und die Massen wurden magisch angezogen von einem Illusionisten, dessen Weltruhm bis heute überlebt hat.

Der Illusionist von Steven Galloway

Der Illusionist von Steven Galloway

Wenn es hieß „Vorhang auf für Harry Houdini“, dann betrat ein sehr muskulöser und doch recht kleiner Mensch eine riesige Bühne und bediente sich aller Mittel moderner Psychologie, einer sehr ausgefeilten Technik und Täuschungsmanövern, die ein normal sterblicher Mensch niemals durchschauen konnte. Houdini war zu schnell, zu versiert, zu geschickt. Und wenn er sich dann völlig entfesselt präsentierte, standen den Massen die Münder offen. Harry Houdini. Eine Legende bis in unsere Zeit. Der Urvater aller Illusionisten und der Wegbereiter aller Copperfields und Glocks unserer Tage.

Und genau diesen großen Illusionisten bringt uns Steven Galloway auf fast schon magisch anmutende Art und Weise näher. Wir lernen den aus armen Verhältnissen stammenden Mann am Beginn seiner Karriere kennen und staunen über jede einzelne Illusion, jeden Kartentrick und jedes Kunststück, mit dem er sein Publikum fasziniert. Galloway entführt uns in die Vereinigten Staaten der 1920er Jahre, bettet die Karriere von Houdini in die geistigen Strömungen der Zeit ein und hebt einen Künstler hervor, der in seiner edlen Gesinnung und getrieben von untadeligen Motiven so bis heute im Verborgenen blieb.

Spiritismus durchzieht das Land und schamlose Betrüger treiben in geheimnisvollen Séancen ihr Unwesen. Sie stellen angeblich Kontakt mit den Geistern der Verstorbenen her und untermauern ihre Pseudo-Gabe mit scheinbar fliegenden Gegenständen, durch Tischerücken und verzerrte Stimmen aus dem Jenseits. Bis in die höchsten Kreise der Politik haben die Spiritisten an Einfluss gewonnen und so manche Entscheidung für das ganze Land wird in einem solchen spiritistischen Kreis getroffen.

Der Illusionist von Steven Galloway

Der Illusionist von Steven Galloway

Houdini ist anders. Er spielt auch als Illusionist im wahrsten Sinne des Wortes mit offenen Karten und versichert dem geistergläubigen Land, dass er zwar sehr begabt sei, aber alle Tricks die auf der Bühne zur Anwendung kommen nicht auf paranormalen Fähigkeiten beruhen. Er kennt sie alle: die Wechselwirkungen zwischen Technik, Trick, Ablenkung und weiß, wie sie sich auf das Opfer der Illusion auswirken. Houdini will unterhalten. Er will begeistern, nicht Geister erzeugen. Er geht sogar so weit, dass er es sich zur Aufgabe macht, die Spiritisten zu enttarnen, ihre Tricks offenzulegen und damit macht er sich natürlich nicht nur Freunde.

Selbst den britischen Autor Sir Arthur Conan Doyle bringt er gegen sich auf, als er die Ehefrau des Sherlock-Holmes-Vaters öffentlich als spiritistische Betrügerin und als falsches Medium für Jenseits-Begegnungen outet. Houdini weiß aus eigener Erfahrung, wie traumatisierend Erlebnisse sein können, die dafür sorgen, dass man sich nicht von einem verstorbenen Menschen trennen kann. Und genau mit diesem Trauma machen die Scharlatane ihrer Zeit mehr als ein Vermögen. Auf Kosten ihrer Kunden

Houdini hat jedoch auch mächtige Verbündete. Er unterrichtet Polizisten in seiner Technik, alle Handschellen der Welt mit nur ein paar gezielten Schlägen zu öffnen. Er zeigt ihnen, wie zwanglos man sich aus Zwangsjacken befreien kann und entzaubert für die Ermittler alle Tricks von Spiritisten. Houdini bringt Licht ins Dunkel und Galloway beleuchtet diese schillernde Figur in einem Licht, das einem großen Bühnenmeister alle Ehre macht.

Der Illusionist von Steven Galloway

Der Illusionist von Steven Galloway

Und doch spart auch Steven Galloway nicht mit Geheimnisvollem. Auch er weiß mehr als brillant mit seinen literarischen Möglichkeiten umzugehen und beginnt die reine Geschichte von Harry Houdini in eine komplexe Bühnenshow einzubetten. Wenn schon das ganze Leben von Harry Houdini darauf aufgebaut war, den richtigen Trick nach der perfekten Ablenkung zu zelebrieren und die Zuschauer zum Ausruf „Wie hat er das gemacht?“ zu bewegen, warum sollte das denn nicht auch einem Buch gelingen.

Genau an dieser Stelle muss man darüber reden, wie Steven Galloway seinen Roman „Der Illusionist“ konstruiert hat, genau an dieser Stelle kommen wir zu dem Punkt, der die Geister zu scheiden vermag. Die Erzählperspektive ist niemals die von Harry Houdini. Seine Geschichte wird von einem anderen Protagonisten geschildert. Denn Galloway präsentiert seinen Lesern von Beginn an einen Charakter, der für den Originaltitel der amerikanischen Ausgabe verantwortlich ist.

„The Confabulist“. Was für ein Titel und welch eine Verheißung für den versierten Leser.

Und jetzt heißt es „festhalten“. Ein Konfabulist ist ein Mensch mit Erinnerungslücken. Diese Lücken füllt er mit objektiv falschen Begebenheiten oder Informationen, die er in dem Moment aber für wahr und real hält. Einen besseren Erzähler kann man fast kaum aufbieten. Und eben jener Martin Strauss begleitet das Leben von Harry Houdini auf allen relevanten Zeitebenen. Und mehr als das. Er erzählt die Geschichte aus gutem Grund, da er der felsenfesten und unabänderlichen Meinung ist, Houdini persönlich ermordet zu haben. Zweimal sogar!

Der Illusionist von Steven Galloway

Der Illusionist von Steven Galloway

Keine Sorge. Die Verwirrung ist Programm in diesem Roman, aber er ist, wie ich Eingangs ausführte leicht zu lesen. Steven Galloway tritt als schreibender Houdini auf, seine Worte spielen mit uns, gaukeln uns Realitäten vor, die letztlich doch nur reine Illusionen sind. Wenn Galloway die linke Hand hebt, sollte man auf die rechte achten. Wenn er nach oben schaut, sollte unser Blick sich nach unten wenden. Doch Galloway ist ebenso aufrichtig wie Houdini.

Er weiß, wie wir lesen und wie seine Tricks funktionieren. Er kennt unsere Neugier und ahnt, an welchen Stellen des Romans wir dazu bereit sind, hinters Licht geführt zu werden. Galloway spielt mit Identitäten und Ereignissen. Einem Konfabulisten kommt man nur auf die Spur, indem man ihm mehrmals aufmerksam zuhört. Dann erkennt man Widersprüche in einzelnen Details. Auf dieses Spiel darf man sich einlassen und auch freuen. Es macht Freude, einem unzuverlässigen Erzähler zu folgen, falls er denn einer ist. Das hält die Lesesinne wach.

Auf die Geschichte von Harry Houdini muss man sich jedoch einlassen. Sie ist herausragend erzählt und bleibt lange im Gedächtnis verhaftet. Dem gesamten Buch gegenüber sollte man seine kindlich naive Fähigkeit bewahren, einfach nur staunen zu können. Ich will einfach nicht jeden Zaubertrick verstehen, nicht desillusioniert werden. Ich staune gerne und man möge mir glauben: Staunen ist in Der Illusionist völlig real. Kein Buch mit doppeltem Boden. Oder vielleicht doch? Entfesselnd fesselnd.

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