Gut gegen Nordwind

Gut gegen Nordwind - Buch, Hörbuch und Film - AstroLibrium

Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Na das kann jedem mal passieren. Man (in diesem Fall Frau – in diesem speziellen Fall die glücklich verheiratete Mutter Emmi Rothner) möchte mittels EMail ein Zeitungs-Abonnement kündigen. Ein kleiner Schreibfehler in der Adresse ist dafür verantwortlich, dass nicht der Verlag, sondern ein völlig Unbeteiligter (in diesem Fall Mann – in diesem ganz besonderen Fall der alleinstehende Sprachpsychologe Leo Leike) nicht nur diese Nachricht erhält, sondern auch deutlicher werdende Nachfragen, warum die Kündigung nicht endlich akzeptiert wurde.

Das Missverständnis lässt sich noch schnell aus der Welt räumen, nicht jedoch die bisher geschriebenen Worte und ihre rein intellektuelle sprachliche Anziehungskraft, die beide sofort gepackt hat. Aus ersten recht zaghaften Fragen entwickelt sich in kürzester Zeit ein mehr als intensiver Onlineflirt, der von Mail zu Mail beginnt, Emmis Gefühlswelt zu dominieren und alles infrage zu stellen und andererseits Leos sprachpsychologische Theorien über den Haufen wirft. Die zeitlichen Abstände zwischen ihren elektronischen Mails werden kürzer und definieren sowohl die Intensität des Inhalts, die entstehenden Schmetterlinge im Bauch und das Zögern bei allzu verfänglichen Themen.

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Kann man sich unter Ausklammerung der üblichen Wahrnehmungsebenen nur in Worte verlieben? Ist es möglich, sich in kürzester Zeit in der scheinbaren Anonymität elektronischer Zeichen fallen zu lassen und letztlich den Halt zu verlieren? Wo bleibt die Ratio, warum bremst das reale Leben den Sturz nicht, wieso übersteigt die Faszination dieser Mail-Beziehung alles bisher Dagewesene? Bohrende Fragen, die sich nicht nur Leo und Emmi stellen – verstörende Fragen, die sich der Leser stellt, besonders, wenn er selbst Erfahrung im Umgang mit Onlineforen oder Mail-Briefkästen besitzt. Man fällt mit, wird getrieben, versteht, fühlt und begreift jeden Unterschied zwischen Innen- und Außenwelt – versteht die Fluchten aus der realen Welt auf die einsame Insel und spürt die magnetische Anziehungskraft der Illusion.

Soll man sich öffnen? Darf Gefühl entstehen? Ist es in Ordnung, dass dem wahren Leben außerhalb des Mail-Briefkastens die Grundlage entzogen wird? Darf man im Sog der EMails untergehen und auf einer Sehnsuchtswelle reiten, die Familien zerstört? Wo sind die Grenzen? Was passiert, wenn man den Schützengraben hinter dem Computer verlässt und sich im wahren Leben begegnet? Zerstört jener Moment das zuvor Erlebte und Erträumte? Wozu sind Worte in der Lage? Liebe? Leidenschaft? Ist es wirklich von Bedeutung, wie der Mensch aussieht, dessen Schreiben wir verehren? Ein wilder Tanz der Spekulation beginnt:

Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf.

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Gut gegen Nordwind – Buch, Hörbuch und Film

Können Bücher Leben verändern?Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer ist dazu in der Lage. Ich reflektierte mein persönliches Schreibverhalten. Ich fragte mich, wie meine Mails so aussehen und auf ihre Adressaten wirken. Ich blendete mich in den Dialog ein und hatte das Bedürfnis, mich gedanklich einzumischen. Es fällt schwer, sich als Leser oder Hörer auf die passive Rolle einzulassen. Es ist zu verführerisch, weiter zu denken, weiter zu schreiben. Es ist mehr als schwer nach dem Buch, der Originalität des eigenen Schreibstils treu zu bleiben und Emmi oder Leo auszublenden. Sie bleiben im Ohr, sie klingen nach. Ihre inneren Konflikte treffen auf die bisherige Exklusivität des selbst Erlebten und halten den Spiegel der Erkenntnis in die Höhe, wie schnell man sich verlieren kann. Jeder von uns, der eigene Erfahrungen oder einen persönlichen Bezug zum Inhalt hat, sei eindringlich gewarnt.

Ein brillantes Buch ohne Schnörkel. EMails und Zeitangaben. Text und Antwort – Frage und Warten – Tempo und Nähe. All das vermittelte mir das Gefühl, selbst am Rechner zu sitzen und Teil zu sein. Aufwühlend und emotional, aber nicht ungefährlich. In der Hörbuchfassung bringen Andrea Sawatzki und Christian Berkel eine gewaltige stimmliche Emotionalität als Dimension ein, die dem Buch fehlt. Emmi und Leo werden fühlbar, spürbar und ohne jemals kitschig zu sein, romantischer als andere Paare in den großen Liebesgeschichten der Moderne. Das große Verführungspotenzial des Romans liegt in der Erkenntnis, dass man sich in den Geist eines anderen Menschen verlieben kann, ohne ein Bild von ihm zu haben. Es sich holen zu können, birgt alle Konflikte, die wir zu ertragen in der Lage sind. Die Versuchung überlagert das Leben. Gefährlich und verlockend zugleich.

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Während der gesamte Roman in der Frage gipfelt, ob sich Emmi und Leo treffen, platzen wir vor innerer Anspannung. Obwohl wir hoffen, bangen und ahnen, dass es bei dieser Begegnung zu mehr kommen würde, dreht sich der Nordwind und bläst uns mit frischer Brise ins Gesicht. Die Dimensionen des Miterlebens sind vielschichtig. Lesend gehört uns alles. Jedes Bild, jeder Atemzug, jeder Zwischenton. Hörend wird aus Emmi & Leo sehr schnell Andrea & Christian. Gefährlich, weil wir die Stimmen im Buch nie hörten. Eigentlich schon zu viel des Guten. Und doch ist das Hörbuch so brillant, weil es in der Unmittelbarkeit der Atmosphäre besticht. Jetzt den Film mit Nora Tschirner und Alexander Fehling zu sehen, bedeutet für mich, die Dreidimensionalität einer Story zu erleben und erfühlen. Ich bin mehr als gespannt auf diese Verfilmung.

Worauf wir uns einlassen beim Film ist eine moderne Adaption des Romans. War es im Buch das Biotop der Ruhe am Computer, die dem Mail-Verkehr den Stempel der Romanze aufdrückte, so interagieren Emmi und Leo im Film nun mit Smartphones. Wo sie sich im Buch auf die wenigen verborgenen Minuten des Tages beschränkten, wird jetzt die ständige Verfügbarkeit der allgegenwärtigen Verführung zum Schrittmacher der Geschichte. Das ist zeitgemäß und richtig in Szene gesetzt, ob es jedoch dem Charme der Buchvorlage die Magie entzieht, bleibt abzuwarten. Der Trailer ist vielversprechend und die Besetzung passt zum Kopfkino des Jahres 2006, dem Jahr meines ersten und nicht letzten Kontaktes zu „Gut gegen Nordwind„. Ich persönlich hätte die Fortsetzung mit dem Titel „Alle sieben Wellen“ aus dem Jahr 2009 nicht gebraucht. Ich hätte gerne darauf verzichtet, weil sie mir zu weit ging. Ob ich den Film gebraucht hätte, werde ich Euch verraten, wenn ich ihn gesehen habe.

Ich befürchte jedoch, dass ein Smartphone im Film die Dimension und die Magie des Wartens in der Originalstory ebenso zerstört, wie die digitale Fotografie der analogen jeden magischen Funken der Faszination genommen hat, die man empfand, wenn man einige Tage nach der eigentlichen Aufnahme das fertige Foto endlich in Händen halten durfte. Wir werden sehen. Ich schrieb mein Fazit mitten in der Nacht. Ich war bewegt.

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Da saß ich nun, nachdem der Vorhang gefallen war und versuchte meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Was hatte ich hier gerade gesehen? Eine Literaturverfilmung? Sicher nicht. Eher einen Film frei nach dem Roman „Gut gegen Nordwind“. Aus einem literarischen Gleichgewicht zweier Charaktere im Roman wurde im Kino ein 40 Minuten lang dominierender Leo Leike. Seine Lebensumstände, seine Beziehung, seine Arbeit und unsichtbar aus dem Off ab und an die Stimme der unbekannten Emmi, die ihn mit Kündigungsmails belästigt. Emmi Rothner taucht erst nach einer gefühlten Ewigkeit auf. Wo das Buch sofort mit einer grandiosen Sogwirkung zuschlägt, schleppt sich der Film doch eher mühsam bis zu den geschriebenen Dialogen, die uns so sehr fesselten. Hier ein Smartphone im Einsatz zu sehen, war verstörend. Es war die zurückgezogene und abgeschiedene Welt hinter dem Computer, die Leo und Emmi in literarische Höhen der Kommunikation trieb. Hier ist es die Omnipräsenz im Alltag, die ständige Verfügbarkeit, die diesen Dialog in weiten Teilen auf die Ebene eines WhattsApp-Chats reduziert.

Klingt enttäuscht? Soll es nicht, denn dem Film gelingt mit seinen ganz eigenen Mitteln die Charakterstudie zweier Menschen, die für neue Impulse im Leben bereit sind. Hier brilliert besonders Nora Tschirner als Emmi. Sie ist die Suchende, neckend Herausfordernde, Verzweifelte und Verführte, wie ich sie mir vorgestellt habe. Bilder in geschickten Schnittfolgen, starke Musik und die Atmosphäre des Besonderen zeichnen diesen Film aus. Wo das Buch uns auf Distanz hält, blicken wir in Emmis Augen, hören Leos Stimme und wissen alles. Es gibt sie, die ganz großen Momente im Film. Szenen, die man nicht mehr vergisst. Die Nordwind-Sequenz einer einschlafenden Emmi gehört ebenso dazu, wie ihre Reaktion auf den einen veränderten Buchstaben in ihrem Namen aus dem Mund ihres Ehemanns. Großes Kino.

Ja, der Film ist anders. Er muss anders sein. Er würde kaum funktionieren mit zwei Menschen hinter ihren Computern. Es sind auch hier die geschriebenen Worte, die sie dazu bringen, sich in ein anonymes Gegenüber zu verlieren und zu verlieben. Es sind Worte und Empathie, die den Film dominieren. Szenisch brillant umgesetzt, wenn eine Mail am regennassen Fenster oder an der Wand zu lesen ist. Atmosphärisch packend und bewegend. Schauspieler, die dem Rollenbild entsprechen, das ich im Herzen trug. Eine Szene unter der Bettdecke, die den Nordwind zum Drehen bringt und mich rührte. All dies führt dazu, dass ich mich wohl fühlte im Kino. Das Ende jedoch mag zu diesem Film passen. Das Ende jedoch überschreitet eine Grenze, die für mich unverrückbar im Buch gezogen war. Das Ende ist für Leser gewöhnungsbedürftig und überraschend. In jeder Beziehung. Schaut Euch den Film an. Er bereichert das Erlesene. Aber wappnet Euch gut. Er wird nicht jeder Erwartung gerecht.

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„Blutmond“ von Katrine Engberg – Buch und Hörbuch

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Blutmond von Katrine Engberg

Willkommen zurück in Kopenhagen. Willkommen zurück in der Thriller-Welt von Katrine Engberg. Willkommen zurück im Szenario skandinavischer Kriminalromane. In einer Welt, die allein schon durch dieses aufgeprägte Siegel Spannung und Tiefgang in Hülle und Fülle verspricht. Dabei hebt sich Katrine Engberg so erfreulich vom Klischee der dunklen, existenzbedrohenden und zumeist extrem blutigen Genre-Kollegen ab. Es ist spannend, was sie schreibt, es ist aufwühlend und facettenreich, aber es ist niemals der extreme Ritt auf der Rasierklinge des Wahnsinns. Es ist keine Gratwanderung auf den strapazierten Nerven ihrer Leser.

Der „Krokodilwächter“ hat zum Auftakt ihrer Kopenhagen-Serie deutlich gezeigt, was wir zu erwarten haben. Ein unverbrauchtes Ermittlerteam, spannende Szenarien und Kriminalfälle, die nicht gleich in Blutorgien ausufern. Dazu ein paar Charaktere, die vom Lokalkolorit geprägt, nahbar und plausibel sind. Nun ist der zweite Teil erschienen. „Blutmond“ ist durchaus als eigenständiger Roman lesbar. Keine Frage. Wer aber im Bilde sein möchte, wie sich das Leben der beiden Ermittler in sechs Monaten verändert, der möge zum Krokodilwächter greifen, bevor er den Blutmond aufgehen lässt. Es ging im ersten Fall von Jeppe Kørner und Anette Werner im Schwerpunkt um einen Mord, der dem Muster eines Romanmanuskriptes zu folgen schien. Brillant konstruiert und in jeder Beziehung lesenswert. Für mich jedoch nur die Ouvertüre einer Reihe, die sich im Schwerpunkt mit den Menschen auseinandersetzt, die hier auf Verbrecherjagd gehen.

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Blutmond von Katrine Engberg

Und hier liegt die absolute Stärke des neuen Thrillers Blutmond. Hatte ich noch in der Rezension des Auftaktbandes geschrieben:

Mit Jeppe Kørner und Anette Werner betritt ein besonderes und unverbrauchtes Ermittlerteam die Thrillerbühne der Weltliteratur. Beide zeichnen sich dadurch aus, völlig normal zu sein. Keine geplagten Seelen mit psychischen Ausfallerscheinungen in Stresssituationen begegnen uns hier, sondern Polizisten aus Fleisch und Blut. In ihrem greifbaren und authentischen Wesen ist die Authentizität dieses Thrillers begründet. In den Spannungssituationen eines beruflichen Alltags und den Wesensmerkmalen dieser beiden Ermittler zeigt sich die besondere Dynamik eines Berufes, der eigentlich nur mit Teamgeist bewältigt werden kann. Und genau dies sind die beiden Polizei-Assistenten nicht. Harmonisch ist anders. Methodisch aufeinander abgestimmt ebenso wenig.

… so öffnet sich im zweiten Band der Serie ein neues Kapitel in der Annäherung an zwei Menschen, die wir eigentlich zu kennen glauben. Polizisten mit Ecken und Kanten. Profiler mit konturiertem Profil. Charaktere voller Potenzial und einigen im Verborgenen liegenden Schwächen, die man noch entdecken sollte. Der aktuelle Fall erwischt beide auf dem falschen Fuß. Eigentlich sieht alles nach einem Routinefall aus. Ein erfrorener Penner im Stadtpark. Nichts für die Mordkommission. Und schon gar nicht für Ermittler, die gerade so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass jeder neue Fall nur störend auf die Psyche wirken würde.

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Denn diesmal wartet nach einem fulminanten Start des Kopenhagen-Thrillers mit einer Prostituierten, einem sehr übereifrigen Kunden, einem Park und einem plötzlich auftauchenden Hilfe-röchelnden Penner, der dann auch noch verstirbt, eine Story auf uns, in der uns die beiden Ermittler nähergebracht werden, als je zuvor. Der Fall nimmt nur langsam Fahrt auf. Aus dem Erfrorenen wird bei der Obduktion ein Ermordeter. Aus einem Penner wird die schillerndste Gestalt der dänischen Modeszene. Und aus einem normalen Mord wird eine zutiefst hinterhältige und erschreckende Vergiftung, die dazu führt, dass der Betroffene sich quasi innerlich auflöst. All dies während Jeppe Kørner und Anette Werner eher Zeit für sich selbst bräuchten, als sich hier zu engagieren.

Ehe kaputt, Einsamkeit, Lebenskrise und eine neue Liaison im beruflichen Umfeld. Das sind Jeppes Probleme, während sich Anette zunehmend um ihre Gesundheit sorgt und mit körperlichen Beeinträchtigungen kämpft. Kein guter Start in einen Fall, der die gesamte Kopenhagener Modeszene in Aufruhr versetzt. Die Haute Couture mutiert zur Brutstätte von Neid, Missgunst, Verleumdungen und gerät unter Generalverdacht. Wir würden mit den Ermittlern noch lange im Trüben fischen, gäbe es nicht die altbekannte Amateur-Schriftstellerin Esther de Laurenti, der es gelingt, lose Fäden miteinander zu verbinden und Lücken zu schließen. Hier hat der Zufall einen schillernden Namen.

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Esther liefert den initialen Hinweis, der als Missing Link im Thriller lange auf sich warten ließ. Der beste Freund von Jeppe, eine Sängerin und das Mordopfer werden in neuem Zusammenhang sichtbar. Als ein zweiter Mord die Szene erschüttert, wird klar, an wessen Fersen man sich zu heften hat. Sonnenklar. Denkt zumindest der treue und leichtgläubige Leser. Katrine Engberg jedoch macht es uns nicht leicht. Sie schlägt im Kopenhagener Großstadtsumpf Haken, wie ein angeschossenes Kaninchen. Kaum hat man einen Verdacht, biegt sie mit der gesamten Handlung ab und öffnet eine neue Tür zu weiteren Verdächtigen. Alle plausibel, alle mit Motiv, alle denkbar, aber zuletzt bleibt nur eine einzige Lösung, die man kaum vorhersehen kann.

Szenisch perfekt in das Bild einer Modemetropole eingebettet, flankiert durch sehr stark ausgeprägte Charaktere, garniert mit Drogen, Alkohol und Geltungssucht bringt uns die Autorin in der gar nicht heilen Modewelt fast um den Verstand. Die Schwächen ihrer Ermittler machen sie nahbar und ermöglichen es dem Leser, sich empathisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Eigentlich ist die Modeszene gar nicht mein Metier. Dieser Kosmos ist mir fremd und wirkt zu künstlich. Gerade daraus entwickelt Katrine Engberg einen explosiven Mix als Nährboden für Gewaltverbrechen. Der Blick hinter die Kulisse des Vorhangs ist erhellend. Lesespaß pur. An der Seite von Jeppe Kørner und seiner Kollegin Anette Werner ist Kopenhagen auch diesmal eine Reise wert. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man sich schon jetzt auf die weiteren Streifzüge durch eine Stadt freuen kann, die dunkler und geheimnisvoller ist, als es den Anschein hat.

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Blutmond von Katrine Engberg

Wir können ja ein Thriller-Spiel spielen. Schreibt Euch doch in der Mitte des Thrillers zwei mögliche Täter oder Täterinnen auf und vergleicht sie am Ende mit dem Ergebnis, das Euch von den beiden Profis Kørner und Werner präsentiert wird. Ich wette darauf, dass Ihr mit beiden Namen falsch liegen werdet. Garantiert. Ein starker zweiter Teil der Serie. Klasse besetzt, Schickeria und Haute Vaulé in der Haute Couture lassen grüßen. Und selbst für hochbezahlte Fashion-Blogger ist Raum. Da wird man schon ein wenig neidisch, wenn man deren Stellenwert in der Modeszene vor Augen geführt bekommt. Katrine Engberg hat sich in diese Welt perfekt hineinrecherchiert. Großes Kompliment. Selbst für Leser ohne Affinität zur Modeszene absolut plausibel und nachvollziehbar in Konstruktion und Erzählweise.

Ich habe die prachtvolle und im Cover detailverliebte Diogenes-Ausgabe gelesen und bin unterwegs nahtlos im Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag eingetaucht. Die perfekte Allround-Lösung, da „Blutmond“ keine Unterbrechungen duldet. Dietmar Bär überzeugt auch hier als Sprecher. Seine Intonation führt uns zielsicher durch den durchaus umfangreichen Cast an Charakteren. Es muss ihm Freude bereitet haben, in regelmäßigen Abständen die Richtung neu vorzugeben und mit der Stimme des Täters allwissend die Richtungswechsel einzuleiten. Starke Momente einer szenischen und in jeder Beziehung packenden Produktion. Manchmal erzeugt er sogar da Spannung, wo ich sie beim Lesen mit meiner eigenen inneren Stimme überhört habe. Grandios.

Der Cliffhanger, den uns Katrine Engberg bis zum nächsten Teil der Serie auf die Fahne schreibt, ist brillant. Der staunende Leser fragt sich nämlich, wie Anette Werner mit ihren „gesundheitlichen Problemen“ weiter auf Verbrecherjagd gehen kann. Ich bin schon sehr gespannt. (Und das ist fürwahr kein Spoiler!)

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Blutmond von Katrine Engberg

„Blutmond“ von Katrine Engberg
Buch: Diogenes Verlag / 480 Seiten / Hardcover / dt. von Ulrich Sonnenberg / 24 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag / gekürzte Lesung mit Dietmar Bär / 6 CDs / 7 Std. 49 Min / 22 Euro

Herkunft von Saša Stanišić

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Herkunft von Saša Stanišić

Eigentlich kenne ich ihn aus Fürstenfelde. Er feierte dort ein literarisches Fest bevor er mich dem Fallensteller auslieferte und an den Ort des Geschehens zurückkehrte. Er, das ist Saša Stanišić. Deutschsprachiger Schriftsteller aus Bosnien-Herzegowina, mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für seinen Roman „Vor dem Fest“ ausgezeichnet, für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit vielfachen Literatur-Ehren überhäuft. Er stammt aus Višegrad, einer bosnischen Kleinstadt, ist Sohn einer Bosniakin und eines Serben. Er floh mit seinen Eltern vor dem Bosnienkrieg im Jahr ´92 nach Deutschland. Er war gerade mal vierzehn Jahre alt, als es das alte Jugoslawien von den Landkarten fegte und sich explosionsartig in seine multi-ethnischen Bestandteile zerlegte.

Er schrieb bisher über sehr besondere Menschen in Biotopen ihrer ganz eigenen Heimat. Saša Stanišić ist für mich einer der ganz großen traurigen Clowns der Literatur. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn man ihn liest oder ihm zuhört. Er verzaubert Menschen mit knallbunten literarischen Lustballons, verführt sie mit absolut aberwitziger Wortakrobatik zum Staunenlachen und enthüllt beiläufig, dass im Zentrum seiner Geschichten eine unübersehbare Portion bittersüßer Melancholie verborgen ist. Eine Grundstimmung, die ihn als Beobachter aufmerksam und hellhörig macht, und die verhindert, dass belanglos Dahergesagtes belanglos bleibt. Er legt seine Stimme tief in die Wunden unserer Gesellschaft. Aus gutem Grund.

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Herkunft von Saša Stanišić

Wenn er bisher von Heimat und Identität erzählte, so konnte man vermuten, dass er sich selbst in den Figuren seiner Romane spiegelte. Er zerrte die Randgestalten kleiner Dörfer ans Licht, rückte sie in den Mittelpunkt und ließ sie dann gegen die Windmühlen aus Vorurteil und Vorbehalt ankämpfen. Er schrieb über eigene Menschenschläge mit Eigenarten in eigenartigen Landschaften. Und doch zeigte er uns deutlich, was Heimat bedeutet, welches Gefühl ein Zuhause vermittelt und wie wichtig Identität und Zuhause sind. Der innere Kompass eines Menschen richtet sich zumeist nach dem Ort aus, dem man seine Prägung und Sozialisierung verdankt. Abstrakt war es nicht, was er schrieb. Und doch zeigte er selten sein wahres eigenes Gesicht hinter den Protagonisten jener Romane und Erzählungen. Jetzt lässt er die Maske fallen.

Herkunft“ heißt sein neues Buch. Eine Kollektion von Texten über die Zufälligkeit der eigenen Biografie, vom kaum zu beeinflussenden Schicksal, dem man lebenslänglich ausgesetzt ist. Es sind Geschichten voller Schubläden und Stempel, die unser Leben prägen und die doch nur auf unsere Abstammung zielen. Herkunft. Ein relativer Begriff. Saša Stanišić begibt sich auf die Suche nach allem, was seine Herkunft ausmacht. Er erzählt von Jugoslawien, beschreibt seine Flucht, besucht seine Verwandten, die sich immer noch in Višegrad befinden. Er schreibt über seinen Neubeginn, Versuche einer Integration in Schulen, schwere Lebenswege nach einem Neuanfang. Nicht nur für ihn. Besonders für seine Eltern.

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Herkunft von Saša Stanišić

Und doch finden wir in diesen Geschichten keine Tagebuchaufzeichnungen, rein autobiografische Schilderungen oder Lebenserinnerungen. So leicht macht er es uns dann doch nicht. Saša Stanišić ist Literat. Und was für einer. Er verwischt seine Spuren in der Fiktion und betont stets, dass er das zuvor Erwähnte eigentlich gerne anders in Erinnerung behalten hätte. Er fabuliert sich um den Kern des eigenen Seins herum und laviert sich damit nicht ins Aus. Es ist nur ein wenig Distanz, die er zu sich aufbaut, um das Innenleben und die Psychologie des Erlebten treffender beschreiben zu können. Er bleibt der Wortmagier in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist. Er bleibt der mahnende und zweifelnde Vater eines in Deutschland geborenen Sohnes in dem Land, das nicht sein Vaterland ist. Er bleibt authentisch und wahrhaftig, obwohl wir verstehen müssen, dass seine eigentliche Stärke in der Fiktionalisierung liegt.

Saša Stanišić ist ist kein Verräter der eigenen Familie. Er skizziert Menschen nach ihren realen Vorbildern. Wie er diese Skizzen jedoch ausmalt, wie er sie mit Leben füllt, das ist alleine seine Sache. Und doch lässt er zu, dass wir uns hineinversetzen können, wenn er von Außenseitern spricht; von den „Jugos“, die nach Deutschland fliehen; von Stereotypen, die man doch besser individuell betrachten sollte. Er nimmt uns mit in die Heimat, die ihm genommen wurde. Die Heimat, die heute weit entrückt scheint. An den Gräbern der Vorfahren stellt er sich die Frage nach seiner Herkunft. Wo kommt er her? Gibt es darauf eine Antwort? Ist es ein ganz präziser Ort oder eine Region. Ist Herkunft etwas, das man verlieren oder auch mitnehmen kann? Ist Herkunft sentimental geprägt oder lässt sie sich mit Menschen aus der Vergangenheit verbinden?

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Herkunft von Saša Stanišić

Ist Herkunft unveränderbar? Wird sie von Sprache bestimmt? Kann man sich selbst aussuchen, wo man gerne hergekommen wäre? Saša Stanišić spielt mit diesen Bildern ebenso, wie er mit seinen sprachlichen Mitteln spielt. Es ist ein Spiel auf allerhöchstem Niveau, weil Saša Stanišić in einer eigenen Liga schreibt und erzählt. Er bindet uns mit ein, weil er in der Lage ist, Perspektiven einzunehmen, die wir zu kennen glauben. Und dann dreht er den Spiegel um und stellt ungefragt Fragen nach unserer Herkunft. Er hat mich in die Fankurve von Roter Stern Belgrad mitgenommen und mir ein Fußballspiel gezeigt, das ich nur zu gut kannte. Ich trug damals die Farben des anderen Teams. Ich stand auf der anderen Seite. Auf der des FC Bayern München. Wir haben verloren und sind ausgeschieden. Wir waren enttäuscht und am Boden zerstört.

Saša Stanišić zieht mich auf die andere Seite. Auf die der Fans, die zum letzten Mal gemeinsam für ein Jugoslawien jubelten, das schon zersplitterte und sich anschließend bis aufs Messer bekämpfte. Saša Stanišić hat mir ein Gefühl vermittelt, was ihm dieses Spiel auch noch heute bedeutet. Plötzlich sah ich mich den Sieg eines anderen Teams bejubeln. Keine Ahnung, wie er das macht. Er ist kein Erzähler – er ist ein Mentalist, der sich in meine Gedanken schleicht und Empathie zu einer Perspektive macht, die man selbst einnimmt. Keinem seiner Texte fehlt es an Relevanz. Jeder Text zeigt die Gefahren auf, in denen unsere Heimat (und vielleicht jetzt ja auch ein stückweit die seine) schwebt. Populisten bestimmen, schüren Angst, bringen Menschen ins Taumeln, lassen Werte in Flammen aufgehen und hinterlassen auf verbrannter Erde die niemals zu beantwortende Frage nach der Herkunft.

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Herkunft von Saša Stanišić

Das Buch Herkunft wird für mich grandios ergänzt durch das Hörbuch. Hier liest der Autor selbst. Man muss ihm zuhören, weil er sein Schreiben auf ein ganz anderes Level hebt. Er liest mit leichtem Akzent. Er liest weich, zart, unglaublich sympathisch in jeder Akzentuierung. Sein Humor wird unerhört hörbar. Eine melancholische Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte. Man möchte ihm zurufen, dass man ihn verstanden hat. Dass man selbst mit Flüchtlingen anders umgehen würde, dass man in Zukunft die Augen offenhält. Manchmal möchte man, dass Saša Stanišić einfach unser Lachen hört und unsere Nachdenklichkeit spürt. Er investiert so viel in sein Schreiben, dass man im Gefühl lebt, ihm etwas schuldig zu sein. Vielleicht begleicht dieser Artikel einen Teil meiner Schuld.

Das Hörbuch beinhaltet ausgewählte Texte aus dem Buch „Herkunft“. Auf 5 CDs mit einer Laufzeit von 5 Stunden und 39 Minuten bietet es einen guten Querschnitt der Buchvorlage. Aber, wie ich schon sagte, keinem Text fehlt es an Relevanz. Kombiniert Lesen und Hören. Vervollständigt alle denkbaren Perspektiven zu einem Bild und lasst euch überraschen, wie es Saša Stanišić gelingt, selbst in den Texten, die ihr selbst lest, seine Stimme in euer Ohr zu zaubern. Der Sammler eigener Erinnerungen kommt auch an seine Grenzen. Das ist bemerkenswert. Angesichts der Demenz seiner Großmutter verzweifelt er daran, wie flüchtig das Erinnern ist und was mit ihr alles verlorengeht. Ein Moment, in dem man ihm gerne sagen würde, dass man dies selbst erlebt hat und sehr gerne vergessen würde. Leider unmöglich. Das macht unsere Herkunft aus…

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Herkunft von Saša Stanišić

Herkunft – Saša Stanišić Buch:
Luchterhand Verlag / Hardcover / 368 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag / ausgewählte Texte / gelesen vom Autor / 5 CDs / 5 Stunden und 39 Minuten Laufzeit / 22,00 Euro

Saša Stanišić bei AstroLibriumHier.

„Brüder“ von Hilary Mantel – Eine Revolution fürs Ohr

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Hörspiele haben gute Tradition. Sie zeichnen sich durch Atmosphäre, Soundeffekte, musikalische Untermalung und eine Vielzahl an Charakteren aus, die das Geschehen mit ihren Stimmen prägen. Hörspiele stehen hoch im Kurs und haben sich zu einer eher eigenständigen Gattung innerhalb der Hörbuchwelt etabliert. Sie sind wie Filme für die Ohren. Sie erzeugen ein akustisches Kopfkino, dem man sich schwer entziehen kann. Wichtig ist jedoch, dass die Anzahl der Rollen überschaubar bleibt. Entscheidend ist es für den Hörgenuss, dass die Stimmen einen hohen Wiedererkennungswert haben, weil man sie ansonsten allzu schnell verliert und sich ratlos fragt: Wer war das denn jetzt?

Hier kommt es schon auf die Auswahl der Romanvorlage an, die man als Hörspiel zu einem unvergesslichen Erlebnis machen möchte. Eine Handvoll Protagonisten und ein paar wichtige Nebenrollen sollten schon ausreichen ohne den Hörer zu überfordern. Wer jedoch kam auf die Idee, sich einen Roman auszusuchen, der genau hier schon in gebundener Form die größten Kritikpunkte einstecken musste? Wer kam auf die Idee, einen Roman über die Französische Revolution, den Sturm auf die Bastille, die Wirren des Aufruhrs, überbordende Nationalversammlungen und Wohlfahrtsausschüsse, Adel und Bürgertum, Armee und internationale Verstrickungen auszusuchen? Wenn man im Roman „Brüder“ von Hilary Mantel das dramtis personae aufschlägt, denkt man, es in einem einzigen Buch mit dem gesamten Who is Who der untergehenden Monarchie zu tun zu haben.

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Nicht weniger als 18 Protagonisten prägen die Handlung der „Brüder“. Und damit noch lange nicht genug. Mehr als 200 Rollen galt es zu besetzten. Vom kleinen Mann auf der Straße bis zum Erfinder der Guillotine, vom schottischen Zeitzeugen bis zu den aufgeregten Bürgern in den großen Versammlungen. Vom eher kopflosen Adeligen bis zur ewig lockenden Maîtresse. Dazu ein paar Pferde, Kanonen, Kutschen und eine für die Handlung des Romans nicht ganz unwichtige, gut funktionierende Guillotine, die es klangvoll möglich macht, Köpfe rollen zu lassen. Nicht zu vergessen ein Orchester und Chöre für Revolutionsgesänge und Hymnen. Das war`s dann aber auch schon. Nun ja, fast, da man ja auch die drei absoluten Hauptfiguren mit unterschiedlichen Stimmen zu besetzen hatte. Entsprechend der Zeitscheiben ihres Auftrittes. Als Kind, Jugendlicher und zuletzt Erwachsener. So hat man es hier unversehens mit einer riesigen Crew von Haupt-, Nebenrollen sowie Statisten zu tun, die man eigentlich nur in Monumentalfilmen aufbietet. Aber bei einem Hörspiel?

Wer kommt auf eine solche Idee? Regisseur Walter Adler hatte wohl nicht die Angst, angesichts dieser Herkulesaufgabe seinen Kopf zu verlieren. So entstand im WDR eine Produktion, die man als bahnbrechend bezeichnen muss. Dreizehn Stunden dauert die Französische Revolution, die im WDR in 26 Teilen als Serie ausgestrahlt wurde. Mutig und revolutionär wirkt alles, was man hier auf die Beine gestellt hat, um uns in das Jahr 1789 zurückzuversetzen. Dabei ist es dem Regisseur grandios gelungen, einen Roman in einen Hörgenuss zu verwandeln, der in allerhöchster literarischer Güte den Umsturz einer Weltordnung in den Mittelpunkt stellt. Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Spruch, der in „Brüder“ zum Mantra einer ganzen Geschichte wird. Allianzen, Freundschaft und Verrat, unkalkulierbare Zufälle, vorherbestimmtes Schicksal und Willkür bis zum Terror sind die Determinanten dieses Epos. Wer ein Faible für lebendige Geschichte hat, der kommt an diesem fulminanten Hörspiel nicht vorbei.

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Wer Maximilien Robespierre, Georges Jacques Danton und Camilles Demoulins bei ihrem Kampf gegen die französische Monarchie, die Vorherrschaft des verwöhnten Adels und die große Ungerechtigkeit der Welt erleben möchte, dem bleibt nur sich Zeit zu nehmen, sich entspannt zurückzulehnen und ganz vorsichtig und ehrfurchtsvoll auf die Playtaste des guten Hörens zu drücken. Der Audio Verlag hat das Hörspiel auf 13 CDs in einer hochwertigen Edition mit Booklet veröffentlicht. Wer mag, kann sich dazu noch die Romanvorlage von Hilary Mantel aus dem DuMont Buchverlag als Referenz besorgen und dann kann es losgehen. Hier wartet kein avantgardistisches Hörspiel auf seine Opfer. Hier wird nicht experimentiert. Hier bleibt man so eng an der Buchvorlage, dass die Hörspieldialoge im Roman wortwörtlich wiederzufinden sind. Hier hat man es geschafft, einen Kostümfilm für die Ohren zu „drehen“, der seiner literarischen Vorlage gerecht wird.

Bestechend die Stimmen. Bestechend die Art und Weise, wie sich die Sprecher in ihre Rollen fallen lassen und beeindruckend, wie leicht es ist, sich nur akustisch durch diese opulente Geschichte zu navigieren. Man ist verleitet, die Augen zu schließen und das Gehörte mit den Bildern zu kombinieren, die vor dem geistigen Auge entstehen. Es ist Versailles, das auditiv greifbar wird. Es ist die Bastille, die wir zu sehen glauben und es sind die Barrikaden in Paris, die wir schreiend gegen die Übermacht der Monarchie verteidigen. Es sind die kleinen Gestalten am Rande des Aufstandes, die uns mitreißen und es sind die großen Redner der Volksbewegung, die uns atemlos fesseln. Es ist ein Sturm, den dieses Hörspiel entfacht, der uns vorantreibt, niemals jedoch abdriften lässt. Dieses Hörspiel riecht und schmeckt nach Blut. Es fühlt sich an wie Begierde und sieht aus, wie der tiefste menschliche Abgrund. „Brüder“ ist ein revolutionäres Ereignis.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Es ist die große Geschichte dreier Jugendfreunde, die sich zu Wortführern gegen eine Monarchie erheben, die in Saus und Braus auf Kosten des einfachen Volkes lebt. Es sind drei einzigartige Lebenswege voller Leidenschaft, Liebe und Zuneigung die sich in Paris wiedervereinen. Es sind starke Stimmen ihrer Zeit, die eine Epoche prägen und die Massen bewegen. Danton, der ewig verschuldete Lebemann, dem Gerechtigkeit im Blut liegt, solange sie seinem Vorteil dient. Robespierre, der eloquente Taktiker, der im Trubel der Ereignisse die eigenen Freunde nicht aus dem Auge verliert. Und schließlich der stotternde Camille Desmoulins, der Blut sehen will, der die Massen anstachelt und sich in seinen widersprüchlichen Gefühlen zur Mutter seiner Frau Lucille und zu seinem Freund Robespierre zu verrennen droht. Emotionen kochen hoch, Barrikaden brennen, Zeitungen mit wilden Aufrufen werden gedruckt, doch zuletzt muss jeder für sich selbst feststellen, dass er der Dynamik eines entfesselten Mobs nichts entgegenzusetzen hat.

Die Guillotine hat Hochkonjunktur. Dass Blut des Adels fließt zuerst, dann folgen die Verräter, danach die Profiteure und zuletzt die Häupter der Köpfe der Revolution. Es ist unvorhersehbar und doch seltsam vorbestimmt, was ihnen zustößt. Freundschaft steht auf dem Prüfstand und endet auf dem Schafott. Liebe scheitert an Ambitionen und die Kerker der jungen Nation quellen über vor Opfern einer Terrorherrschaft, die anklagen darf ohne zu beweisen. Inhaltlich ein grandioser Gobelin-Wandteppich, der Geschichte lebendig werden lässt. Akustisch ein Meisterwerk der großen Stimmen. Jens Harzer in einer starken Interpretation eines Robespierre, dessen Sprechpausen seine Reden zu wahren Hinrichtungen erhoben. Robert Dölle als wagemutiger Danton, der nichts dem Zufall überlässt. Und der stotternde Matthias Bundschuh (für mich DIE Stimme dieser Inszenierung) als Camille Desmoulins, dessen Sprachfehler sich in Luft auflöst, wenn er die Stimme erhebt und zum Volk spricht.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Starke Frauen in kleinen Rollen. Bekannte Stimmen gut versteckt und noch sehr viele Aha-Erlebnisse des guten Hörens, wenn man zum Beispiel Axel Milberg als Comte de Mirabeau wiedererkennt. Eine grandios wienerische Marie Antoinette und Lucille, die uns ihr Tagebuch voller Emotionen öffnet. So viele Momente, die unvergessen bleiben und eine so groß angelegte Geschichte, die in sich revolutionär ist. Der Zufall regiert an Stelle des abgesetzten Königs. Der Terror zieht seine Kreise und am Ende ist man froh, mit heiler Haut aus Paris herausgekommen zu sein. Ein Thema, das nicht antiquiert ist. Spätestens, wenn man in den Nachrichten die Gelbwesten in Paris beobachtet, Brände in den Straßen und Barrikaden auf den Champs Elysées entdeckt, dann ist man schon versucht „Liberté, Égalité und Fraternité“ zu rufen und sich schnell aus dem Staub zu machen. Aber ganz schnell.

„Brüder“ war für den Deutschen Hörbuchpreis 2019 als „Bestes Hörspiel“ nominiert und stand auf der heiß umkämpften Shortlist. Leider ist mein Favorit leer ausgegangen. Für mich jedoch ist es der heimliche Gewinner aller Auszeichnungen, die ich in meinem Hören zu vergeben hätte. Unvergessen bleibt für mich die Guillotine, jenes Fallbeil, das eine Schneise in die Besetzung des Hörspiels fräst. Mit den überlebenden Charakteren könnte man am Ende des letzten Aktes gerade mal Skat spielen. Unerhört hörenswert.

Weitere Hörspiele in der kleinen literarischen Sternwarte. Verspielt, romantisch und ganz einfach bezaubernd.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Mit Éric Vuillard zurück nach Paris: 14. Juli – 1789 – Der Sturm auf die Bastille.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

„Der Mann im Leuchtturm“ von Erik Valeur

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Stets unverrückt, derselbe Jahr um Jahr,
Manch’ bösen Sturm, manch’ finst’re Nacht hindurch.
Unlöschbar prangt er in der Flammenburg,
Dem ew’gen Lichte gleich vor dem Altar.

Longfellow

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Schönere Worte lassen sich kaum finden, wenn es darum geht, Leuchttürme zu beschreiben. Kontinuität, lebenswichtige Wegweiser und Orientierungshilfen. Einfach Fixpunkte, die in stürmischen Zeiten dafür sorgen, dass man das tosende Meer wieder hinter sich lassen kann um in den sicheren Hafen einzulaufen. Mein Leuchtturmlesen steht als kontinuierliches Projekt genau für diese Stabilität in unruhigen Zeiten. Ich lebe gerne für eine bestimmte Zeit auf einem Leuchtturm und lasse die Stürme an den Ufern meiner kleinen Leseinsel anbranden. Und da ich stets auf der Suche nach Büchern bin, die sich diesen ewigen Lichtzeichen verschreiben, darf es auch nicht überraschen, den aktuellen Roman von Erik ValeurDer Mann im Leuchtturm“ hier zu finden. 

Ich habe Leuchttürme in der Literatur in ihrer metaphorischen Ebene immer auch als Rückzugsgebiete für diejenigen empfunden, die hier leben, das Leuchtfeuer am Leben halten und anderen auf hoher See durch die Signale Halt geben. Ein einsames und zurückgezogenes Leben im engen Rund eines Außenpostens der Menschheit. Ich liebe die Vorstellung, während des Lesens selbst zum Leuchtturmwärter zu werden, in jeder Beziehung der Hektik des Alltags zu entfliehen und doch eine sinnvolle Aufgabe erfüllen zu dürfen. Und ich liebe gute Geschichten, die sich um diese Fixpunkte ranken.

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Nicht umsonst hat Erik Valeur den Schauplatz seines aktuellen Krimis auf einem Leuchtturm angesiedelt. Er vereint die Abgeschiedenheit des Protagonisten mit allen szenischen Aspekten, die man von einem Skandinavien-Roman erwarten darf. Er lässt seine Leser in der Einsamkeit der Küste Dänemarks auf einen seltsamen Kauz stoßen, der sich für sein Eremiten-Leben einen Leuchtturm ausgesucht hat. Viggo Larssen ist nicht leicht zu fassen, seine Tage verlaufen geruhsam und geregelt. Er ist der einsame Leser auf einer Bank vor dem Leuchtturm auf der Insel Røsnæs. Was sich nur langsam entwickelt, ist ein vielschichtiges Mosaik, das zu keinem Zeitpunkt ahnen lässt, welches Bild die einzelnen Steine am Ende ergeben werden.

Ebenso, wie man sukzessive Details aus Viggos Vergangenheit erfährt, erlebt man im entfernten Kopenhagen das Verschwinden einer alten Dame aus einem Pflegeheim. Nichts verbindet den Leuchtturm mit der Hauptstadt und doch spürt man, dass hier alle Fäden zusammenlaufen werden. Die Frau bleibt verschwunden. Spurlos. Lösegeld wird nicht gefordert, was bei einer Entführung zu erwarten wäre. Denn, dass ein Verbrechen hinter ihrem Verschwinden steckt, muss man ja vermuten. Schließlich ist sie die Mutter der beiden mächtigsten dänischen Politiker. Palle und Poul Blegman. Während man im Trüben fischt bei der Polizei, die Presse immer lauter die Unfähigkeit der Ermittler in die Welt schreit, dreht Erik Valeur sein Kaleidoskop aus Perspektivwechseln, Zeitsprüngen und Erinnerungsfetzen so lange, bis wir Zusammenhänge erkennen.

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Die Mosaiksteinchen, die wir nun berühren tragen die Aufschrift Schuld, Verlust, Vergangenheit und Scham. Sie deuten auf eine Vielzahl von Katastrophen hin, die im Leben von Viggo Larssen um sich gegriffen haben. Katastrophen, die ihn zu dem Mann gemacht hatten, der hier versucht, dem Unfassbaren auf die Spur zukommen. Dass der Leuchtturm nicht zum Refugium seiner letzten Lebensphase wird, erkennt er sofort, als er vom Verschwinden der alten Frau Blegmann erfährt. Wer an dieser Stelle denkt, es mit einem normalen sachlich/faktisch aufgebauten Krimi zu tun zu haben, der sieht sich schnell getäuscht. Valeur platziert mit Malin eine mysteriöse Frau ins Herz des Buches und macht sie zu den Augen und Ohren seiner Leser. Sie folgt scheinbar einer Mission. Sie taucht plötzlich an der Küste auf. Sie beobachtet Viggo Larssen, bricht bei ihm ein und liest für uns in den Zeugnissen seiner Vergangenheit und den Briefen, mit denen er versucht, in dieser schweren Situation seine Dämonen zu beherrschen.

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Selten habe ich so lange drüber gerätselt, in welche Richtung sich die Handlung des Romans entwickeln würde. Zu viele falsche Fährten sind gelegt. Zu viele Andeutungen verleiten dazu, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Dabei ist es so klar. Es ist so augenscheinlich und doch so gut verborgen. Ein gelbes Stück Plastik, ein Vogelkäfig und ein altes Exemplar von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“, ein Friedhof und Verbrechen, die in der Vergangenheit angesiedelt sind. All diese Mosaiksteine in meiner Hand sah ich deutlich vor mir. Nur ganz am Ende war es möglich, sie zu einem schlüssigen Bild zu formen, das keine Fragen offenließ. Es lohnt sich, an die dänische Küste zu reisen. Es lohnt sich, im Leuchtturm einzuziehen und die dichte Atmosphäre eines spannenden Romans aufzusaugen.

Ein Roman, der sich aus meiner Sicht nicht als Thriller oder Krimi greifen lässt, weil Erik Valeur der Rezeptur dieses Spannungsmenüs ein paar Zutaten beigibt, die ich nicht erwartet hätte. Nennen wir es mystische Vorahnung, Verheißung oder Traum. Die Offenbarungen aller Geheimnisse aus der Vergangenheit mögen mysteriös wirken, in Wirklichkeit jedoch gehen sie Hand in Hand mit Malin, die diesen Roman auf eine ganz besondere Ebene hebt. Hier mündet alte Schuld nicht in ziellose Rache. Es gibt keinen Gewinner in „Der Mann im Leuchtturm“. Nur uns. Die Leser.

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - AstroLibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Vielleicht legt ihr die „Wächter der See“ neben diesen Roman. Hier könnt ihr euch den passenden Leuchtturm aussuchen, einziehen und die Gedanken schweifen lassen. Kein Leuchtturmlesen ohne dieses Standardwerk.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur