Der Stein und das Meer

Der Stein und das Meer - AstroLibrium

Der Stein und das Meer

Stell Dir vor, Du musst in Quarantäne und hast keine Bilderbücher zur Hand. Gar nicht schlimm, sollte man meinen! Besonders, wenn die eigenen Kids schon erwachsen sind und Du gar nicht mehr in die Verlegenheit kommst, Dich zum gemeinsamen Lesen mit ihnen zu verabreden. Weit gefehlt. Eine Feststellung, die ich in den letzten Wochen als Literaturblogger gemacht habe. Denn ich habe sie zur Hand. Die illustrierten Bücher für Lesende jeder Altersstufe. Bilderbücher haben einen großen Stellenwert in meinem Leben. Sie sind die Türöffner für ein belesenes Leben, Schlüssel für Schlüsselmomente des gemeinsamen Erlebens und formbare Container für einen Wertevorrat, den man an seinen Nachwuchs weitergeben möchte. Moral-Kapital-Anlagen im allerbesten Sinn.

Gerade jetzt, gerage hier und gerade in schwierigen Zeiten gehören Bilderbücher in jede gut geführte private Bibliothek. Corona-Krise, Viren, Ausgangsbeschränkung, Lockdown, COVID19, geschlossene KiTas und Buchhandlungen. Das sind Schlagworte dieser Tage. Ein Horrorszenario für Eltern, die nun jede Rolle spielen müssen. Nicht nur Freunde und Freundinnen ihrer Kinder sind zu ersetzen, nicht nur Erzieher müssen im privaten Betreuungsprogramm kompensiert werden. Nein, nun ist man plötzlich sogar noch der uneingeschränkt zuständige Unterhaltungsdirektor der eigenen Familie. Wenn man nicht nur auf das Fernsehgerät oder das Internet bauen will und den gemeinsamen Spielen weitere inhaltsvolle Reize beisteuern möchte, ist man gut beraten, Bilderbücher in unmittelbarer Reichweite zu haben.

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Der Stein und das Meer

Tja, und als LiteraturBlogger und Vater erwachsener „Kinder“ kann man aus dem Vollen schöpfen und in kleinen verschworenen Gruppen (WhatsApp) in kleinen Videos Bilderbücher für die Kinder der Mitarbeiter und Kollegen vorlesen. Einerseits kann das eine ganz kleine Entlastung für die Eltern sein, und andererseits ist es eine Möglichkeit, die Rezensions-Exemplare meiner Bilderbuch-Verlage einem Stresstest zu unterziehen. Halten sie, was sie versprechen? Wie kommen sie bei der Zielgruppe an und schaffen sie es, nicht nur für einen kurzen oberflächlichen Moment zu unterhalten, sondern sind sie in der Lage, Impulse zu geben, die vielleicht sogar prägend sein können. So sah sie aus, meine Ausgangslage, als ich mich vom Rezensieren entfernte und plötzlich vor der Kamera saß und Bilderbücher zum Besten gab.

Die Reaktionen auf die Bilder und Geschichten kamen sofort. Sie kamen spontan, ungefiltert und von Grund auf ehrlich. Und so sitze ich nun hier und stelle euch eins dieser „getesteten“ Bilderbücher in der kleinen literarischen Sternwarte vor. Der Stein und das Meer“ aus den kunstvollen Federn von Alexandra Helmig (Text) und Stefanie Harjes (Illustration) ist eine der aktuellen Neuerscheinungen aus dem Hause Mixtvision Verlag, den ich noch im März in München besucht hatte. Hier sprang mir das Buch ins Auge, hier konnte ich nicht widerstehen und nun sollte sich zeigen, ob sich mein Gefühl bestätigen würde, oder nicht. Ja, zugegeben, die Ausgangslage war nicht einfach, aber der Verlag selbst zeigte auf seinem Instagram-Profil, wie kreativ man mit der besonders schwierigen Situation umgehen kann. Das war und ist großes Bilderbuch-Kino…

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Der Stein und das Meer

Der Stein und das Meer ist eine Bilderbuchgeschichte über Sehnsucht, Zeit und Vergänglichkeit. Wir lernen „Sören„, einen kleinen grünen Stein, kennen. Seit ewigen Zeiten ist er auf einem Felsen im Meer gefangen. Er sehnt sich danach, endlich frei zu sein. Er möchte sehen, woher die Dinge kommen, die er täglich auf dem Wasser sieht. Neugier treibt ihn an und doch ist er einfach nur ein Stein. Passiv. Bis ihn ein Sturm in die Fluten wirft und er endlich ganz nah am Strand zur Ruhe kommt. Die Zeit geht nicht spurlos an ihm vorüber. Die Brandung lässt ihn kleiner werden. Die Flut scheint ihn im Lauf der Zeit immer weiter aufzureiben. Viele Menschen ziehen wie Silhouetten an ihm vorüber. Bis er von einem kleinen Mädchen gefunden wird, das „Sören“ gerne mit nach Hause nehmen würde. Ihre Mutter erklärt ihr, was ein wahrer Glücksstein ist und bringt das Mädchen zum Grübeln. Sollte man „Sören“ mitnehmen oder ihn am Strand lassen? Keine leichte Entscheidung und doch eine, die prägend für ein ganzes Leben ist.

Diese Geschichte regt die Fantasie an. Haben Dinge eine Seele? Was ist Zeit? Darf man einfach alles mitnehmen was man findet und darüber bestimmen? Bringt es Glück, seine Heimat zu verlassen und warum wird der Stein in der Brandung immer kleiner? In vielen Facetten bieten sich Anknüpfpunkte für ein gemeinsames Lesen und Leben. Wir erkennen schnell, dass manche Reise genau dort endet, wo sie mal begonnen hat. Und doch war es das Abenteuer wert. Sind wir selbst wie Steine im Strom der Zeit? Und was würden wir gerne sehen und entdecken, wenn wir frei wären. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Dies verdeutlichen auch die Bilder, die den sehnsuchtvoll poetischen Ton des Textes umfließen und die Geschichte zu einem lebendigen Wimmelbild werden lassen.

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Der Stein und das Meer

Ich habe versucht, beim Vorlesen einen zusätzlichen Impuls zu setzen. Die Eltern hatten im Vorfeld kleine grüne Steine vorbereitet, die am Ende der Geschichte zufällig vor den Kindern lagen. Nun sollten sie entscheiden, ob man sie behält oder ihnen ihre Freiheit zurückgibt. Die Reaktionen zeigten, dass „Der Stein und das Meer“ nicht nur ein einfaches Bilderbuch ohne Botschaft ist. Einige Kinder wollten sich nicht von ihrem „Sören“ trennen, da der Stein plötzlich eine eigene Persönlichkeit und eine Geschichte hatte. Andere nahmen ihn mit zu einem Spaziergang und suchten sichere Plätze, weil ein Glücksstein ja nur dort Glück bringt, wo er gefunden werden möchte. Manchmal ist es einfach interessant, den Dingen seinen freien Lauf zu lassen. Kinder können Dinge nicht nur gut verlieren. Sie können Dinge finden und ihnen eine eigene Geschichte im Leben geben. Wie auch immer. „Der Stein und das Meer“ ist ein Bilderbuch mit einer Seele und einem intensiven Innenleben. Wir alle sind „Sören“ und sollten Erfahrungen machen dürfen, die uns auch mal aufreiben und erstmal kleiner werden lassen.

Wort und Bild gehen im Bilderbuch „Der Stein und das Meer“ Hand in Hand. Auch wenn sich die Illustrationen deutlich vom Stil vergleichbarer Geschichten unterscheiden, sind die Collagen und Suchbilder wesentlich für den Erfolg dieser Geschichte. Zeit wird sichtbar und ein Hauch von Surrealität lässt dem Denken in und zwischen den Zeilen der Geschichte viel Freiraum. Und wenn Kinder heute etwas ganz besonders brauchen, dann das: Freiraum und Freestyle im Denken. Versucht es mit eurem Sören

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Der Stein und das Meer

Der Mixtvision Verlag ist immer einen Besuch wert und schon bald geht es hier mit „Vront – Was ist die Wahrheit“ weiter. Es wird dystopisch und brandaktuell…

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Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

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Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Der Titel dieser Rezension beinhaltet schon alle Verunsicherungen, die mich beim Schreiben dieser Zeilen begleiten. Eigentlich sollte ein anderer Name dort auftauchen. Der Name des Autors, mit dem man dieses Buch in Verbindung bringt, wie man selten zuvor einen anderen Autor mit seinem Werk assoziiert hat. Antoine de Saint-Exupéry ist zum Synonym für den kleinen Prinzen geworden. Erwähnt man einen Namen zieht der andere automatisch mit ins Feld. Sie zu trennen, erscheint mir wie ein literarisches Sakrileg. Das erschwert meine Herangehensweise an ein Buch, das ich schon jetzt als absolutes Buchkunstwerk bezeichnen muss. Was jedoch die Fragen seiner Entstehung und der Philosophie, die dahintersteckt, nicht beantwortet.

Seit dem 1. Januar 2015 ist der kleine Prinz gemeinfrei. Mir gefällt dieser Begriff in keiner Weise. Vogelfrei klingt da vielleicht besser. Genau 70 Jahre nach dem Tod eines Schriftstellers besteht kein urheberrechtlicher Schutz mehr für eine Geschichte, die aus seiner Feder stammt. Im Rahmen des kreativen schöpferischen Wettbewerbs darf das geistige Eigentum nach Ablauf dieser Schutzfrist kostenfrei und ohne jeglichen Verweis auf den eigentlichen Urheber frei verwendet werden. Ja, wir könnten uns jetzt alle ganz gemütlich an die Schreibtische zurückziehen und unsere Varianten des kleinen Prinzen zu Papier bringen und veröffentlichen, ohne dabei auch nur im Geringsten das Original zu erwähnen. Wenn man nun bedenkt, dass „Der kleine Prinz“ mit über 140 Millionen verkauften Exemplaren zu den weltweit erfolgreichsten Büchern gehört, vielleicht sogar ein lohnenswerter Gedanke.

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Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Trennen wir jetzt also Antoine de Saint-Exupéry von seinem kleinen Prinzen. Ein Denkprozess, der mir nicht leichtfällt. Das muss ich voranschicken. Nur welchen Zweck kann es nun haben, sein Werk in neuer Form auf den Markt zu bringen? Lassen wir die rein finanziellen Aspekte mal ganz außer Acht. Haben wir es mit Neuinterpretationen zu tun, gar mit einer Hommage an den legendären Schöpfer oder bietet sich erstmals die Chance, ein in die Jahre gekommenes Werk neuen Lesergruppen zu erschließen? Hat „Der kleine Prinz“ in seinem ursprünglichen textlichen und bildlichen Gewand noch eine Relevanz für junge Leser, oder haben wir Erwachsenen ein Werk mystifiziert und damit eine fast schon sakrale Ebene gestaltet, die es für jede Kritik unerreichbar macht? Sind wir zu weit gegangen und haben das Buch denjenigen entfremdet, für die es eigentlich geschrieben wurde?

Haben wir es zu oft mit erhobenem Zeigefinger verschenkt, darum wissend, dass sein Inhalt nicht so leicht zu verstehen ist, wie wir es so gerne vorgeben? Haben wir es zugelassen, dass „Der kleine Prinz“ zum Jakobsweg der Literatur mutierte, den wir als sogenannte „Gutmenschen“ bis zum letzten Blutstropfen verteidigen? Haben wir Paulo Coelho und Saint-Exupéry zu einem transzendentalen Bündel geschnürt, das sich über so manche Glaubensrichtung erhebt? Und wie würde jener abgestürzte Pilot sein Buch heute schreiben, wenn er in die Herzen junger Menschen vorstoßen wollte. Sind seine Bilder noch zeitgemäß? Haben sie noch Aussagekraft oder könnte man sie im Kontext unserer Zeit aktueller gestalten? Wir leben in einer veränderten Gesellschaft. Könnte in diesem Zusammenhang der Kleine Prinz nicht mal transferiert werden?

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Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo (erschienen im Mixtvision Verlag) aufschlug. Eine sehr ambivalente Gefühlswelt begleitete mein Lesen, mein Betrachten der Illustrationen und mein Staunen über ein erzählendes Bilderbuch aus der Feder dieses kongenialen Duos, das schon mit „Die große Wörterfabrik“ und „Die Schneiderin des Nebels“ für Furore gesorgt hat. Ich bin ein großer Fan ihrer Werke. Ich habe sie oft verschenkt und an den Reaktionen junger Menschen bemerkt, wie tief sie berührt wurden. Und jetzt ein echtes literarisches Wagnis unter veränderten Rahmenbedingungen. Wo setzen diese beiden Buchkünstlerinnen an? Was verändern sie? Wo entsteht etwas Neues und was verbleibt von der Ursprungsfassung? Ist es eine Hommage? Öffnen sie jungen Lesern die Tür zu einer Geschichte, die so langsam anzustauben drohte?

Ich zuckte zurück. Blätterte hin, blätterte her, suchte, fand nicht. Eine Hommage? Nein. Dazu müsste man den Urschöpfer erwähnen. „Nach dem Original von…“ oder „In Anlehnung an…“ oder zumindest „Frei nach…“! Aber nein. Antoine de Saint-Exupéry wird im Bilderbuch mit keiner Silbe erwähnt. Und auch der Untertitel des Buches lässt keine Rückschlüsse zu:

Nacherzählt von Agnès de Lestrade
Illustriert von Valeria Docampo

UPDATES zur Erwähnung von Antoine am Ende des Artikels….

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Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Allein der Begriff „Nacherzählt“ lässt auch darauf schließen, dass in rein textlicher Hinsicht kein Neuland zu erwarten ist. Auch Neuübersetzungen scheuen davor zurück, die weltbekannten Zitate zu verändern, weil ja gerade sie auf immer und ewig für einen hohen Wiedererkennungswert stehen. Klingt wenig konsequent, wenn ich ein Buch neu interpretiere, oder eine Variante veröffentliche, die nur noch an das Original angelehnt scheint. Und so findet man auch in dieser Nacherzählung, was zu erwarten war:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut.
das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

„Du bist für immer verantwortlich für das,
was du dir vertraut gemacht hast.
Du bist für deine Rose verantwortlich.“

„Was bedeutet zähmen?“
„Es bedeutet sich vertraut miteinander machen und anzufreunden.“

Und so finden sich neben diesen uns so sehr ans Herz gewachsenen Zitaten auch die Wegbegleiter wieder, die dem kleinen Prinzen auf seiner Reise begegnen. Hier wird auf die traditionellen Begriffe gebaut. Der Geograf, der Laternenanzünder, der Eitle und der König. Der Trinker und der Geschäftsmann, ein Fuchs, die gelbe Schlange und ein notgelandeter Pilot in der Wüste Sahara. (Ja, wir wissen, um wen es sich handelt.) Hier entspricht der Inhalt der Beschreibung auf dem Cover. Eine Nacherzählung, verkürzt in ihrer Ausführlichkeit, kindgerecht strukturiert und angeordnet, aber eben sprachlich in der Tradition des Originals. Kein Neuland, was auch Liebhabern der Urfassung gefallen dürfte. Auch Rosenliebhaber kommen auf ihre Kosten.

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Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Und bildlich? Was ist mit den Illustrationen? Neuland? Eine ganz neue Welt? Was hat Valeria Docampo aus den kleinen Zeichnungen aus der Feder von Antoine de Saint-Eyupéry gemacht? Hier erhebe ich mich, rufe laut Bravo und Da Capo, blättere hin und her und staune mir die Augen aus dem Kopf. Ein neuer Kosmos voller Wärme erwartet diejenigen Menschen, die sich auf dieses Buch einlassen. Die alten sympathischen und doch eher amateurhaften (bitte verzeihen Sie mir, Antoine) Zeichnungen haben nie die Ebene der Geschichte erreicht. Womit man heute keinen Erstleser mehr begeistern und fesseln kann, ist hier eine visualisierte Dimension entstanden, die alles Bekannte hinter sich lässt. So liebevoll, detailverliebt und voller Zuneigung zu den Charakteren führt uns Valeria Docampo in ihre Welt des kleinen Prinzen.

Ein Meilenstein, der nicht mit dem Original bricht, sondern es auf eine Ebene hebt, die zeitgemäß und zugleich traditionell erscheint. Farben, Schattierungen und die Mimik der Charaktere strahlen in einer Pracht die nur einer großen Geschichte innewohnt. Ich hatte viel von diesen Illustrationen erwartet. Nach meinem Empfinden haben sie all das übertroffen, was für mich denkbar war. Und selbst wenn Antoine im Buch nicht erwähnt wird, Valeria Docampo hat ihn gezeichnet. Ja, auch so kann man einer Hommage im 21. Jahrhundert Ausdruck verleihen. Ich sehe die Entwicklung der Gemeinfreiheit nicht unkritisch. Ich stehe zu den Aspekten, die mich verunsichern. Eine Entwicklung, die im Lauf der Jahre nicht immer diese erfreuliche Richtung einschlagen muss. Und doch:

Seinen Namen nicht mehr zu erwähnen ist für mich ein literarisches Sakrileg!

UPDATES zur Erwähnung von Antoine am Ende des Artikels….

Meine Herzensempfehlung für die Hintergründe zum Originalbuch ist ein Bilderbuch, in dem selbst ich noch sehr viel gelernt habe: „Der Pilot und der Kleine Prinz“ aus der Feder von Peter Sis. Meine Rezension ist experimentell. Mein Dialog mit dem kleinen Prinzen ist vielleicht gewagt. Manchmal jedoch muss man sich einfach trauen.

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo - Astrolibrium

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

UPDATE 1 zur fehlenden Erwähnung von Antoine de Saint-Exupéry im Buch:

Nach der Veröffentlichung dieser Rezension hat sich vieles getan. Ein bewegender Kommentar von Valeria Docampo (bitte scrollen) verdeutlichte, dass es nicht Absicht der Autorinnen war, den Namen Antoine de Saint-Exupéry unerwähnt zu lassen. Das zeigt das Foto der französischen Ausgabe, auf dessen Cover er aufgeführt ist. Valeria hat sich mit einigen Verlagen in Verbindung gesetzt, um in den Folgeauflagen dieses Buches in allen Ländern für die Namensnennung zu sorgen. Soeben hat mich auch der Mixtvision Verlag angeschrieben. Ab der dritten Auflage wird das auch hier realisiert.

Ich danke besonders Valeria Docampo für ihre Zeilen, weil für mich kein Zweifel an der Intention bestand, Antoine de Saint-Exupéry mit diesem Buch zu ehren. Jetzt bin ich beruhigt. So sehr… (Fürstenfeldbruck, 27.September 2019)

Der kleine Prinz von e Lestrade und Docampo - Kein Sakrileg - Astrolibrium

Der kleine Prinz von de Lestrade und Docampo – Kein Sakrileg

UPDATE 2 zur fehlenden Erwähnung von Antoine de Saint-Exupéry im Buch:

Wie versprochen. MIXTVISION hat Wort gehalten und seit Februar 2020 liegt mit der dritten Auflage vonDer kleine Prinz  ein Buch vor, das Antoine de Saint-Exupéry sowohl auf dem Cover, als auch im Textteil an exponierter Stelle aufführt. Hier ist es angebracht, dem Verlag zu danken. Meine Rezension führte zu dieser Korrektur und wurde nicht einfach nur zur Kenntnis genommen. Das zeigt wahre Größe. Die Zeilen, die das Buch begleiteten sprechen eine deutliche Sprache! Jetzt ist es eine Hommage!

Der kleine Prinz - In der dritten Auflage korrigiert

Der kleine Prinz – In der dritten Auflage korrigiert

Der kleine Prinzvon Agnès de Lestrade und Valeria Docampo / Mixtvision Verlag / 56 Seiten / illustriert / Übersetzt von Anna Taube / 15 Euro

„Die Schneiderin des Nebels“ bringt Sonne ins Lesen

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Nochmal!

So endet eine der wundervollsten illustrierten Geschichten meines Lesens. Eine Geschichte, die in einem traumhaften erzählenden Bilderbuch tiefe Spuren in meinem literarischen Gedächtnis hinterlassen hat und seitdem noch oft durch meine Gedanken mäanderte. „Die große Wörterfabrik“ von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo hat uns auf beeindruckende Art und Weise vermittelt, wie man mit nur wenigen Worten eine komplexe Denkwelt verändern kann. Der Wert der Wörter und die Fähigkeit, auch mit scheinbar wertlosen Begriffen Herzensdinge formulieren zu können, sind Parameter einer kleinen Geschichte, die so sympathisch geschrieben und gezeichnet ist, dass sie sich auf direktem Wege ins Leserherz schleicht.

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Ich habe kein anderes Buch so oft verschenkt, wie dieses. Die Reaktionen auf das Buch waren vielfältig. Ungläubiges Staunen, freudiges Jauchzen und heftiges Blättern. Eine Endlosschleife des Lesens wurde durch das letzte Wort der Geschichte ausgelöst. „Nochmal“. Jetzt kann es gelingen, dieses kleine große Buchkunstwerk aus der Hand zu legen und eine neue Welt des genialen Duos de Lestrade & Docampo zu betreten. Eine perfekte Symbiose aus Text, Gestaltung, Aussagekraft, Visualisierung, Illustration und Buchdesign führt uns einen großen Schritt weiter, als es „Die große Wörterfabrik“ noch vermuten ließ. Ein literarischer Evolutionsschritt der mich unverhofft in den Nebel einer wundervollen Erzählung eintauchen ließ. Ein Nebel, dem sich jeder Herzensleser aussetzen sollte, um wieder klarer zu sehen.

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Die Schneiderin des Nebels“ (Mixtvision Verlag) ist der neue große Wurf der Autorin Agnès de Lestrade und ihrer kongenialen Illustratorin Valeria Docampo. Wir werden verführt, entführt, berührt und finden uns in einer metaphorischen Geschichte wieder, in der sich junge und ältere Leser und Betrachter gleichermaßen heimisch fühlen. Es sind tiefe Botschaften, die sich auf den ersten und zweiten Blick erschließen, es sind große Gefühle, die eruptiv ausgelöst werden und es ist das bleibende Gefühl von Schönheit, das sich in uns verankert, wenn wir das Buch beiseitelegen. Wenn das so einfach wäre.

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Die kleine Rosa hat ein ganz besonderes Talent. Sie fängt am frühen Morgen Nebel ein. Mit einem großen Schmetterlingsnetz gelingt es ihr, einen Nebelsack zu füllen und ihren milchig schimmernden Fang am Spinnrad in Fäden zu verwandeln und schließlich Stoffe zu weben, die so einzigartig sind, dass sie einen reißenden Absatz finden. Dabei sind ihre Schleier, Teppiche und Kleidungsstücke so flüchtig, dass Rosa sie von Zeit zu Zeit erneuern muss. Ihre Kunden verbergen unliebsame Dinge und Gefühle unter ihren Nebelkreationen, wie sie sich selbst und ihre Unzulänglichkeiten sehr gerne unsichtbar machen würden. Rosa`s Nebelgewebe werden zum dichten Schleier, der sich über die Wahrheit legt.

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Ein Brief ihres Vaters ändert alles. Aus dem Nebelmädchen wird ein Sonnenkind. Die Nebel lichten sich und Wärme breitet sich im Buch aus. Die grauen Schleier, unter denen auch die kleine Rosa ihre unliebsamen Gefühle verborgen hat, lüften sich. Eine Geschichte, auf die man sich unbedingt einlassen sollte, wenn man nicht lebenslang mit Nebelschlusslicht navigieren möchte. Ein Buch, dem man Raum geben sollte, weil hier deutlich aufgezeigt wird, dass Licht, Wärme und Hoffnung stärkere Signale aussenden, als jedes Nebelhorn dieser Welt. Liebe kann sich nur ausbreiten, wenn es gelingt, den Nebel über unseren dunklen Gefühlen in alle Winde zu zerstreuen.

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

„Die Schneiderin des Nebels“ ist ein Mehrgenerationen-Buch par excellence. Ein Buch, das in bester Tradition der großen Wörterfabrik steht und doch neue Wege geht. Transparente Seiten mit Texten haben sich über die Illustrationen gelegt. Beim Blättern entsteht der Wow-Effekt, den die Erzählung selbst nicht erreichen könnte. Wir legen die Illustrationen frei, die in ihren warmen Orange- und Gelbtönen die Grundstimmung des Buches symbolisieren. Pustet den Nebel weg, folgt Rosa zu ihrer eigenen Wahrheit und entdeckt dabei die Ursache für die Vernebelung ihrer Welt. Ein Familienbuch, das nicht flüchtig wirkt. Ein Vater-Tochter-Buch, das herzerweichend ist. Ein Buch für Familien, in denen Trennungen die Wärme zu verschleiern drohen. Eine Lichtgestalt in Buchform.

Und nochmal!

Die Bilderbuch-Welten bei AstroLibrium

Die große Welt der Bilderbücher bei AstroLibrium.

Hier geht´s zu meinen Weihnachtsempfehlungen und einer besonderen Aktion!

Als die Häuser heimwärts schwebten von Einar Turkowski

Als die Häuser heimwärts schwebten von Einar Turkowski

Als die Häuser heimwärts schwebten von Einar Turkowski

Kinder- und Jugendbücher genießen in meinem Leben einen ganz besonderen Stellenwert. Ich kann mich selbst noch an mein erstes Bilderbuch erinnern, und lebe die gemeinsamen Momente an der Seite meines Großvaters noch oft in meinen Gedanken nach. Es fühlt sich an wie eine Zeitreise in meine Kindheit, in der ich mit diesem Buch wachsen durfte. Von den Bildern zu den Geschichten. Vom optischen zum inhaltlichen Reiz. Ein prägender Schritt für mich, den ich selbst sehr gerne weitergeben möchte.

Ob dies in der Familie geschieht, im Kinderheim St. Alban oder in der Begegnung mit den Kindern von Freunden – das Leben bietet so viele Möglichkeiten, eine gute Geschichte, oder ein gut illustriertes Bilderbuch in den Alltag mit einzubeziehen, um die Freude an diesem Medium zu wecken, am Leben zu halten oder sie eben gemeinsam zu genießen.

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse habe ich wieder Ausschau gehalten nach ganz besonderen Kinderbüchern, die es uns leicht machen, auf Augenhöhe mit unseren Lesepartnern in eine andere Welt einzutauchen. Einfach zu verschwinden, gemeinsam abzutauchen und dann die eigenen kreativen Gedanken wie Luftblasen an die Oberfläche zu entsenden. Zeichen eines tiefen Tauchgangs im Meer der Wörter und Bilder – und ganz vielleicht genau dieser eine magische Moment, an den sich ein Kind später erinnert. So wie ich mich immer an mein erstes Genussbuch erinnere.

Als die Häuser heimwärts schwebten von Einar Turkowski

Als die Häuser heimwärts schwebten von Einar Turkowski

Dazu bedarf es manchmal gar keiner großen Worte. Sie entstehen in unserer Fantasie ganz alleine und ich habe das Gefühl, dass sie besonders schön werden, wenn keine vorgefertigten Begriffe im Weg liegen. Gedankenflug. Bildträumerei. Freischweben. Wenn die Deutungshoheit für das Gesehene in den Händen des Betrachters liegt, dann kann man sich nur wundern, zu welchen Höhenflügen der kindliche Geist in der Lage ist. Und genau diese Flugstunden sind wichtig, um später die Worte der Erzähler und Autoren wie kleine Gedankensamen aufgreifen zu können und sie im ganz eigenen Lebenslesebeet anzupflanzen.

Heute möchte ich ein solches Beet mit euch gemeinsam anlegen. Ein wortloses aber umso bildgewaltigeres Biotop der Fantasie, in dem ihr euch mit Kindern oder auch alleine austoben könnt. Aber glaubt mir, ihr werdet euch wundern, wie sehr ihr die Kraft der kindlichen Unbeschwertheit so richtig genießen werdet, wenn ihr das Buch gemeinsam betrachtet..

Einar Turkowski erschuf Als die Häuser heimwärts schwebten (mixtvision Verlag) scheinbar genau für dieses leere Gedankenbeet. Es beinhaltet den Samen, ist aber frei von jeglicher Anleitung, wie zu pflanzen oder zu sehen ist.

Eine kleine Hilfe bietet er als Illustrator an. Er hat seine einzigartigen Bilder mit jeweils zwei Begriffen überschrieben, die gegensätzlicher nicht sein können und auf ihre ganz besonders liebevolle  Art und Weise wie Steine auf dem Gaspedal unserer Wahrnehmung liegen. Bildliche Gegensatzpaare als Denkbeschleuniger. Man merkt sehr schnell, wie gut das funktioniert, wenn man sich darauf einlässt. Denn dieses Einlassen bedeutet in diesem Buch immer auch gleichzeitig sehen, fühlen, denken, sortieren, lachen, interpretieren und loslassen von den Gegensätzen, die sich im Auge des Betrachters immer mehr in Luft auflösen.

Als die Häuser heimwärts schwebten von Einar Turkowski - AstroLibrium

Als die Häuser heimwärts schwebten von Einar Turkowski – Eine Impression

So begeben wir uns in die Welt der augenscheinlichen Gegensätze aus Einer & Viele, Traum & Wirklichkeit, Lärm & Stille, Ruhe & Ungeduld oder Junge & Mädchen. Wobei wir schon darüber nachdenken, ob dies denn wirklich Gegensätze sind oder welche wir noch kennen. Nimmt man dann die warmen schwarzweißen Zeichnungen von Einar Turkowski hinzu, dann verharrt man angesichts der filigranen Federführung und der Motive, die im Bild wuseln. Dieser Moment hält nicht lange an. Versprochen!

Häuser, die heimwärts schweben finden sich im Gegensatzpaar „Wurzel & Spross“ und schon beginnt die Suche nach dem Beleg für diese Begriffe. Was ist denn Wurzel, wo sprießt etwas und sind beide miteinander dauerhaft verbunden oder getrennt? Die fliegenden Luftschlösser bieten eine Flucht aus dem normalen Denken an, man überlegt, in welchem von ihnen man selbst gerne leben würde und welchen Vorteil es hat, wenn ein kleines Ruderboot als Zugabe zur Verfügung steht.

Man folgt dem Wolkenflug und das Philosophieren beginnt. Ungebremst und wild. Was kann schöner sein, als die Interpretation nicht in Frage stellen zu können? Wie frei kann sich ein Geist entwickeln, dem Freilauf gewährt wird und wie interessant ist es, sich nach dem Betrachten der Bilder das eigene Haus so vorzustellen. Aufstrebend und mobil. Fliegend. Aber warum heimwärts, wenn man doch in seinem Heim fliegt?

Die Nachtwanderin von Einar Turkowski

Die Nachtwanderin von Einar Turkowski

Alle Bilder sind so. Sie lassen uns frei und sind nicht in sich erklärbar. Das sollen sie auch nicht sein. Es sind die Samen, die wir mit unseren Gedanken gießen und die daraus entstehenden Blüten sehen für jeden Betrachter anders aus. Zeitlos genial – genial zeitlos. Und lange nachdem das Buch geschlossen ist und die Bilder eigentlich nicht zu sehen sind, findet man im Zeichenblock der kleinen Erstleser erste Skizzen, deren Ursprung nur im in diesem wundervollen Buch liegen kann.

Einar Turkowskis „Als die Häuser heimwärts schwebten“ wurde 2013 zu einem der schönsten Bücher Deutschlands gewählt. Dieses Siegel prangt voller Stolz auf dem Cover und belegt, dass diese Kunstform in jedem bibliophilen Haus einen warmen Platz verdient hat. Weihnachten steht vor der Tür und ich werde dieses Buch verschenken. Völlig egal, ob an Kinder oder Erwachsene. Ich mag mein Staunen weitergeben.

Und euer Staunen möchte ich dabei schon auf das ganz aktuelle Buchprojekt des genialen Künstlers lenken. Die Nachtwanderin ist in diesen Tagen ebenfalls bei mixtvision erschienen und erzählt erneut eine Geschichte, die fast keiner Worte bedarf. Eine dunkle Gestalt schleicht nachts durch die Gassen und hinterlässt seltsame Zeichen auf ihren Wegen. Wir folgen ihr von Seite zu Seite und versuchen die Symbole zu enträtseln. Turkowski macht uns zu Nachtwanderern in einer besonderen Szenerie.

Die Nachtwanderin von Einar Turkowski

Die Nachtwanderin von Einar Turkowski

Nicht schwarzweiß sind die Bilder. Sie wirken warm, kontrastreich und doch nicht zu hart. Der Zauber liegt im perfekten Zusammenspiel des gelblichen Druckpapiers und der indigoblauen Farbe. Beruhigend und harmonisch wirkt die Komposition – man muss es vor Augen gehabt haben, um dies beurteilen zu können. Ich durfte mir dieses wertvolle Buch am Stand des mixtvision Verlages auf der Frankfurter Buchmesse anschauen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es ist derzeit in einer limitierten Auflage von lediglich 250 Exemplaren erhältlich. An der sehr hochwertigen Schmuckkassette und den geprägten Titelbuchstaben erkennt man sofort, dass man eine bibliophile Rarität in Händen hält.

Ein Sammlerstück von allererster Güte, dem sogar noch ein signierter Originaldruck beiliegt. Man kann es bereits bestellen und als persönlichen Schatz in den tiefen seines Bücherregals verbergen – oder eben ganz offen zur Schau stellen. Inhaltlich und optisch ein Meisterwerk, für das die veranschlagten sehr 145 Euro angemessen erscheinen. Und genau an dieser Stelle beginnt das tiefe kollektive Seufzen der versammelten Lesegemeinde, die sich eine solche Hochwertausgabe nicht leisten kann oder mag.

Der Verlag hat vorgesorgt und im Jahr 2015 wird „Die Nachtwanderin“ in einer ganz normalen Buchhandelsausgabe erscheinen. Die Aufmachung und das Format werden wohl an das limitierte Exemplar angelehnt sein und damit schließt man die Lücke zu den Lesern, die sich auch mit diesem Buch auf Augenhöhe mit den kleinen Lesern begeben möchte. Ich bleibe am Ball und werde im Laufe der Zeit weitere Bücher von Einar Turkowski vorstellen.

Die Nachtwanderin von Einar Turkowski - Hier geht es bald weiter...

Die Nachtwanderin von Einar Turkowski – Hier geht es bald weiter…

Aber nun muss ich dringend weiter. Mein Haus schwebt heimwärts und ich muss meine Gäste mit auf die Reise nehmen. Passt bitte auf den kleinen Garten mit den frisch gesäten Samen auf. Sie brauchen liebevolle Pflege. Ich bin ganz bald wieder da. Und ganz nebenbei sei bemerkt, dass in Erwartung des Bahnstreiks in diesen Tagen die Vorstellung heimwärts schwebender Häuser, mit denen man sein Ziel erreicht, eine schon fast visionäre Dimension erreicht. Ein streikbrechendes Werk.