Winterbienen von Norbert Scheuer – Ein Durchbruch

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Es ist, als würde eine der wichtigsten Erzählquellen der Eifel über die Ufer treten. Es ist, als würde sich der Erzählfluss eines Heimatschriftstellers mit den Erzählströmen der bedeutenden Autoren unseres Landes vereinen und einen Stausee füllen, aus dem wir unendlich schöpfen können. Es fühlt sich an wie ein Naturereignis, da der Eifelfluss nicht in diesen Erzählfluten unterzugehen droht, sondern unverwechselbare und extrem nachhaltige Spuren im großen Literatur-Meer hinterlässt. Es ist wie die Neugeburt einer Stimme, der man zuvor vielleicht eher regionale Relevanz beigemessen hat. Die Rede ist hier von Norbert Scheuer, der mit seinen bisherigen Romanen einen authentischen und emotionalen Blick auf seine Heimat, die Eifel, gerichtet hat.

Kall – Eifel“ und „Am Grund des Universums“. Zwei Romane, die den Menschen der ländlichen Region huldigen. Geschichten über Heimkehren, Bleiben und die Sehnsucht nach dem einen Ort, mit dem man alles verbindet. Es sind Erzählungen, in denen sich Norbert Scheuer durch die Sedimentschichten seiner Heimat gräbt, den Menschen, die ihm täglich begegnen ein literarisches Gesicht und Identität verleiht. Romane, die nicht nur in der Eifel gelesen werden. Scheuer lässt seine traumatisierten Protagonisten aus Afghanistan in die Heimat zurückkehren. Er lässt uns aus ihrer Perspektive beobachten und agieren. Er errichtet neue Gebäude auf den Ruinen der Vergangenheit, lässt einen Stausee trockenlegen, um aus den Fundstücken Geschichten zu erzählen. Scheuer ist ganz nah am Puls der Menschen, denen er aus der Seele zu schreiben scheint.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Und doch hängt seinen Werken das Regionale an. Das Lokalkolorit und der typische Menschenschlag, sowie die Themen, denen er sich widmete mögen Gründe dafür sein, dass er nicht so wahrgenommen wurde, wie ihn Literatur-Insider schon immer gesehen haben. Als ganz großen Erzähler. Ich bin selbst ein Kind der Eifel. Ich bin vom Schlage dieser Menschen. Ich bin typisch und doch bin ich gegangen. Seine Romane waren für mich, wie die Rückkehr nach Hause. Hoffend, man möge im Stausee Dinge finden, die mit mir in Verbindung stehen. Hoffend, mein Heimatgefühl zu reanimieren. Jetzt hat der (vielleicht unterschätzte) Heimatschriftsteller (und ich meine das nicht despektierlich) in seinem neuen Buch ein Kapitel seines Schaffens aufgeschlagen, das ihn stilistisch und inhaltlich in eine neue Dimension vorstoßen lässt.

Winterbienen“ von Norbert Scheuer – C.H. Beck Verlag

Ja, er beheimatet seine Geschichte in der Eifel. Ja, es ist erneut das Dörfchen Kall, das im Mittelpunkt seines Romans steht. Und ja, es sind diese so typischen, aber nicht stereotypen Menschen, die den Landstrich mit Leben füllen. Diesmal jedoch öffnet sich der Mikrokosmos Eifel und wird vom großen Weltgeschehen vereinnahmt, vergewaltigt und vernichtet. Wir erleben Kall im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkrieges. 1944. Eine eigentlich ländliche Idylle, in der sich die Nazi-Ideologie ebenso ausgebreitet hat, wie in ganz Deutschland. Eine Idylle, in der die Zeit stehenzubleiben scheint. Und doch rückt die Eifel ins Zentrum der alliierten Aufmarschpläne zur Eroberung des Dritten Reichs.

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Schlagworte wie Ardennenoffensive, Allerseelenschlacht und Hürtgenwald sind bis heute unvergessen. Überschriften über einem Kapitel im Leben der Menschen in Kall, die zu Beginn dieses Jahres 1944 noch nicht getextet waren, ihre Spuren jedoch in Form alliierter Bomberverbände in den Nachthimmel schrieben. Hier treffen wir auf den Imker Egidius Arimond. Auch ihn hebt Norbert Scheuer aus der Bedeutungslosigkeit eines kleinen regionalen Charakters hinaus, indem er das Drama der Nazi-Ideologie in seiner Existenz spiegelt. Epileptiker, Fluchthelfer für jüdische Emigranten auf dem Weg nach Belgien und leidenschaftlicher Bienenzüchter. Überschriften über einem Leben, in dem nichts so ist, wie es sein sollte.

Als Epileptiker aussortiert, weil er das unwerte Leben repräsentiert, während andere im Krieg ihren Mann stehen. Als Fluchthelfer unverzichtbares Bindeglied auf der letzten Route ins vermeintlich sichere Belgien und als Bienenzüchter auf der Suche nach dem einen widerstandsfähigen Volk, das sein Überleben sichert. Flüchtlinge verbirgt Egidius in präparierten Bienenstöcken. Sein Wissen rettet Leben. Für sich selbst kann er kaum etwas tun. Medikamente: Fehlanzeige. Unterstützung: Fehlanzeige. Und jeder Tag, den der Krieg länger dauert, reduziert seine Hoffnung. Ein einfacher Mensch. Ein typischer und sich doch von der Masse der Mitläufer so sehr unterscheidender Mensch. Ein ganz großer literarischer Wurf, weil alle Erzählräume des Romans hier ihren Ursprung finden.

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Während sich die Weltgeschichte der Eifel nähert, während D-Day und das Attentat auf Jupp (so Hitlers Spitzname in der Eifel) vom 20. Juli 1944 nur aus der Ferne in das Bewusstsein der Menschen rauschen, zieht sich die Schlinge um Egidius immer enger zusammen. Verrat, Denunziation, Bombenangriffe, Minenfelder, das letzte Aufgebot der Wehrmacht und zurückkehrende verwundete Soldarten, die ihn beneiden, stellen seine Existenz unter Vorbehalt. Dazu noch die häufiger auftretenden epileptischen Anfälle. In kaum einem Roman wird ein gefährdetes Biotop so spürbar vom situativen Rahmen der Zeit aufgesaugt. Hier schreibt sich Norbert Scheuer auf eine metaphorische Ebene und öffnet die Szenerie für die großen Widersprüchlichkeiten des Lebens. Während Bienen gehegt und gepflegt, gezüchtet und umgesiedelt, zu Völkern vereint werden und Honig geerntet wird, kommen wir Leser aus dem Staunen nicht heraus.

Das Opfer der nationalsozialistischen Reinrassigkeit, derjenige, der sieht, wie man Völker untergehen lässt und vernichtet, der Ausgegrenzten zur Hilfe eilt, sucht nach der perfekten und überlebensfähigen Bienenrasse. Er sortiert aus, selektiert, siedelt Völker um, erweitert ihren Lebensraum, beobachtet und fördert Königinnenmord, er notiert die Fortschritte akribisch, erntet, entsorgt nutzlose Drohnen und Arbeiterinnen, während er mit Abscheu beobachtet, wie man Zwangsarbeiter prügelt. Die Widersprüchlichkeit der Rassetheorien wird greifbar. Die Perversion der Nazis tritt im langsamen Erzählfluss in immer erschreckenderen Bildern zutage. Norbert Scheuers Sprache erhebt sich über den Schrecken der Zeit. Wenn er von Nazi-Goldfasanen spricht, wird er zum literarisch brillanten Widerstandskämpfer. Wenn er von Bienen spricht, dann macht er Forschern Konkurrenz:

„Sie bilden in den ersten frostigen Nächten eine Traube,
in der sie sich gegenseitig wärmen… wenn man ihnen zusieht,
ist es, als blicke man in ein träumendes Gehirn.“

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Winterbienen von Norbert Scheuer

„Winterbienen“ ist ein großer Roman. Er vereint Erzählräume aus „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde mit den Perspektiven der Widerstandskämpfer in unserer Literaturgeschichte. Fallada lässt grüßen. Wir leben, leiden und lieben mit Egidius. Wir begleiten ihn, wohlwissend, was sich von allen Seiten über ihn ergießen wird. Wir sind an seiner Seite, wenn er Leben rettet und Bienenvölker selektiert. Wir stehen zu ihm in allen Situationen, in denen er uns ängstlich, mutig, zögernd und forsch vorausgeht. Die Epilepsie als tickende Zeitbombe im eigenen Körper, britische Bomber über sich, Nazis im Rücken und die Wunderwaffe des Dritten Reichs, V2-Raketen, als Schreckgespenst eines andauernden Krieges im Auge. Dieser Roman ist relevant, er ist brillant erzählt, in seiner Konstruktion unantastbar und gnadenlos zu Ende gedacht.

„Winterbienen“ schließt Kreise im Schreiben von Norbert Scheuer. Das Nachwort ist eine Offenbarung. Der Stausee bei Kall verschluckt am Ende Gegenstände, die erst Jahrzehnte später „Am Grund des Universums“ gefunden werden. Dieser Roman ist ein literarischer Fingerzeig auf die Eifel im Krieg, die Folgen von Ausgrenzung und den grenzenlosen Fanatismus der braunen Ideologie. Norbert Scheuer öffnet eine Tür zur Eifel, die man durchschreiten sollte. Nicht nur, um Scheuers Schreiben in einem neuen Kontext zu sehen. Sondern ganz besonders, um eine Stimme zu vernehmen, die ihren Durchbruch dem Einbruch einer heilen Welt verdankt.

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Die deutsche Literatur ist im Flow. Wildwasser und ruhige Erzählströme sind von so großer Reinheit, wie selten zuvor. Man sollte davon kosten. Und dann sollten wir unser geschultes Auge schweifen lassen und Bücher vereinen, die der Mensch nicht trennen darf. Propaganda von Steffen Kopetzky fällt wie ein Wirbelsturm über die Eifel her. Die Allerseelenschlacht, ein Stausee, die Ardennenoffensive aus Sicht der Eroberer im Hürtgenwald und das unbekannte Terrain Eifel. All dies findet seine Entsprechung. Im Buchhandel würde ich beide Romane gemeinsam präsentieren. Sie sind komplementär. Zwei große Geschichten – 50 Quadratkilometer Erzählraum!

Winterbienen von Norbert Scheuer / C.H. Beck Verlag / 319 Seiten / gebunden / mit 13 Illustrationen von Erasmus Scheuer (Kampfflugzeug-Vignetten) / 22 Euro

Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman - Astrolibrium

Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Oh Captain, mein Captain
Die schwere Fahrt ist aus
Das Schiff hat jedem Sturm getrotzt
Nun kehren wir stolz nach Haus
Der Hafen grüßt mit Glockenschall
Und tausend Freudenschreien
Vor aller Augen rauschen wir auf sichrem Kiel herein

Walt Whitman

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Spätestens seit dem Film „Der Club der toten Dichter“ mit Robin Williams kennen wir diese Zeilen. Spätestens seit der bewegenden Ehrerweisung der Schüler für ihren Englischlehrer John Keating haben sich die Worte „Oh Captain, mein Captain“ fest im Gedächtnis eingebrannt. Und auf diese sehr indirekte Art und Weise hat bei vielen von uns auch der Dichter Einzug gehalten, der diese Zeilen zum Tod seines Präsidenten im Jahr 1865 verfasste. Walt Whitman gedachte mit seinem berühmten Gedicht Abraham Lincoln. Nutzloses Wissen? Nicht ganz. Immerhin hat man von Whitman gehört und im Internet eines der grandiosen Porträts entdeckt, die ihn unverwechselbar machten. Ein Denker, wie er im Buche steht, blickt uns abenteuerlustig und gütig zugleich an…

Er gilt als einer der größten Lyriker seiner Zeit. Er war Journalist, Schriftsteller und literarischer Tausendsassa. Sein Hauptwerk „Grashalme“ machte seine Gedichte auf der ganzen Welt bekannt. Er polarisierte, schrieb Gedichte, die sittenwidrig erschienen, er brachte aktuelle gesellschaftliche Themen auf den Punkt und verlieh seinem Land in schwierigen Zeiten eine neue sprachliche Identität. „Er war Amerika“. Ein Prädikat, an dem man auch heute noch die Wertschätzung gegenüber Walt Whitman ablesen kann. Er verdiente seinen Lebensunterhalt mit seinen Texten und galt schon zu Lebzeiten als führender Intellektueller in den Vereinigten Staaten. Er inspirierte Schriftsteller, die sich gerne auf ihn beriefen, wenn sie nach der Quelle ihrer Leidenschaft gefragt wurden.

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Charles Dickens und Walt Whitman muss man hier in einem Atemzug nennen. Im 19. Jahrhundert haben sie die englischsprachige Literaturwelt extrem geprägt. Beide im tiefsten Herzen wilde Romantiker, beide rastlos auf der Suche nach den richtig großen Geschichten und doch waren beide auf so verschiedenen Pfaden unterwegs. Was sich uns allerdings heute nicht ganz erschließt, ist die facettenreiche Vita Walt Whitmans. Er wusste zu verbergen, was er verheimlichen wollte. Er klammerte aus, was er verbergen wollte. Sein Vagabundenleben, viele gescheiterte Versuche, Fuß zu fassen und eine in jeder Beziehung schwierige Kindheit und Jugend. Autobiografisch ist da wenig zu holen und aus seinen Gedichten auch noch die Vergangenheit herauszufiltern fällt schwer.

In recht unbedeutenden Tageszeitungen veröffentlichte er zu Beginn seiner Karriere einige anonyme Fortsetzungsromane. Sie verschwanden schnell und wurden selten mit ihm in Verbindung gebracht. Umso erstaunlicher ist es, nun zu seinem 200 Geburtstag einen Roman in Händen zu halten, der Walt Whitman einwandfrei zugeordnet werden kann. 1852 in der Sunday Dispatch als Episodenroman erschienen, war „Leben und Abenteuer von Jack Engle“ mehr als 150 Jahre lang verschollen. Jürgen Brôcan ist nicht nur der Herausgeber und Übersetzer des vorliegenden Buches. Er ist die Stimme von Walt Whitman. Er übertrug 2009 erstmals die „Grasblätter“ in vollem Umfang ins Deutsche. Er weiß, worüber er schreibt, wenn er Anmerkungen zu Texten verfasst und er vermag den typischen Stil Whitmans, den man aus Gedichten zu kennen glaubt, im Roman wiederzubeleben.

Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman - Astrolibrium

Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Doch lohnt sich die Lektüre? Ist es ein Fragment oder eine gute Story? Und blieb Whitman aus gutem Grund später bei seinen Gedichten? Fragen, die in meinem Geist umherirrten und denen ich auf den Grund gehen wollte. Zunächst hatte ich das Gefühl, eine wahre Liebeserklärung an New York lesen zu dürfen. Fast hätte ich geschrieben, dass Walt Whitman im Stile der großen Klassiker erzählt. Er ist ja einer und das merkt man auch. Atmosphärisch dicht, wundervoll altmodisch formuliert und ausgeschmückt, als gelte es, eine Häuserwüste in schillernde Farben einzukleiden. Nach diesem Gefühl stellte sich Wohlbehagen ein, weil auch die Story selbst in ihrem Mix aus Romantik und Krimi durchaus erzählens- und damit auch lesenswert ist.

Als mir dann auch noch Jack Engle ans Herz wuchs, war es um mich geschehen. Als Waisenkind fast dem Untergang geweiht, stößt er auf liebevolle Menschen, die ihm ein Zuhause und eine Perspektive bieten. Selbstlos und ohne Hintergedanken machen sie aus dem Vagabunden einen aufstrebenden jungen Mann, der bei einem Anwalt in die Lehre geht. Was für ein Weg. Auf der Schwelle zur Kriminalität abgefangen und im Büro eines Rechtsanwalts zum rechtschaffenen Menschen zu werden. Hier spart Jack Engle nicht, ein lautes Loblied auf die Menschen anzustimmen, die ihm das ermöglicht haben. Aus seiner Sicht, mit seiner Stimme erzählt, ziehen wir los und tauchen im Big Apple des Jahres 1850 ein. Es pulsiert, vibriert an allen Ecken und Enden. Eine Boom-Town, der Walt Whitman hier ein Denkmal setzt.

Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman - Astrolibrium

Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Wäre doch nur alles so gerecht, wie es den Anschein hat. Jack Engle bemerkt sehr schnell, dass es der Anwalt, bei dem er in der Lehre ist, faustdick hinter den Ohren hat. Hier werden die Wege junger Menschen zusammengeführt, die so typisch für ihre Zeit sind. Die junge Quäkerin Martha, der Botenjunge Nathaniel und die verführerische und heißblütige Tänzerin Inez. Während Jack und Martha erste zarte Gefühle füreinander empfinden, beginnen sie auch ihre Geschichten zu teilen. Aus diesem Teilen wird eine Gemeinsamkeit, die völlig unerwartet das Leben aller Beteiligten verändert. Wer gehört zu den Opfern des Anwalts, wem hat er sein Erbe unterschlagen und wie kann man es zurückgewinnen. Spannung gepaart mit Romantik und Lokalkolorit werden zum wahren Leseerlebnis.

Und ganz nebenbei schließen sich ein paar Wissenslücken zum Autor selbst. Der Vagabund findet seine Bestimmung. Aus dem Rohmaterial ungeschliffener Worte wird ein Wortmagier, der mit wenig Text viel mehr als einen ganzen Roman erzählen konnte und stilsicher zur Ikone wurde. Hier lohnen sich die fragmentarischen Texte im Anhang, die dieses Buch bereichern, das Nachwort des Herausgebers und seine Anmerkungen zum Text des Romans selbst. Literaturwissenschaft kann Lesespaß bedeuten. Und die Tür zu Gedichten aufstoßen, die man bisher nur aus der Ferne wahrgenommen hat. Es lockt mich inzwischen auf die große Wiese. Ich bin neugierig auf die „Grasblätter“. Ich werde sie irgendwann pflücken. Garantiert.

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Herzlich willkommen in meinem literarischen New York. Von Brooklyn bis zu Satin Island. Hier geht´s lang

Walt Whitman – „Leben und Abenteuer von Jack Engle / dtv / Herausgegeben und übersetzt von Jürgen Brôcan / 224 Seiten / gebunden / 22 Euro /

Melville, Moby Dick, Mardi und ein runder Geburtstag

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Wenn wir den Namen Herman Melville hören, assoziieren wir ihn sofort mit einem Weißen Wal. Klassiker der Literaturgeschichte hinterlassen deutliche Spuren, wobei es ihnen zumeist gelingt, mit einem einzigen Werk gleichgesetzt zu werden. „Moby Dick“. Das reicht aus, um den Schriftsteller Herman Melville auferstehen zu lassen. „Das war doch der mit Käpt´n Ahab, Queequeg, Starbuck und Stubb!“ Richtig, genau der. Wenn man an ihn denkt, sieht man die Golddublone im Mast, hört man das Holzbein des auf Rache sinnenden Kapitäns und sieht ihn zum Ende, winkend mit Moby Dick verbunden, in der Tiefe versinken. Unvergessene Bilder eines echten Klassikers, der es in einigen Abwandlungen und Vereinfachungen sogar bis zum Kinder- und Jugendbuchbestseller gebracht hat.

Am 1. August 1819 kam Herman Melville in New York zur Welt. Ein Mann, der sein eigenes Leben zur Ausgangsbasis seines künftigen Schreibens machte. Er befand sich nicht im Elfenbeinturm des Theoretikers. Seine Essays und Romane spiegelten wider, was er selbst erlebt hatte. Und, wenn seine Fantasie einen Schritt weiterging, sich dem Fiktionalen und Fantastischen öffnete, dann waren noch so viele Spurenelemente vom eigenen Erfahrungsschatz vorhanden, dass man mit Fug und Recht behaupten konnte: „Er weiß worüber er schreibt.“ Er war Schiffsjunge, erlebte die Blütezeit des Walfangs und hatte die ganz eigene Welt an Bord dieser segelnden Tran-Fabriken erlebt. Hier ist das Geheimnis seines anhaltenden Erfolgs zu finden. Er hat das Meer von der Pike auf gelernt. Windstille, Mangel, Skorbut, Hektik, Überlebenskampf und grausame Kapitäne. All dies waren Wegbegleiter seiner Jugend. All dies finden wir in seinem Werk wieder.

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Zwei umfangreiche Artikel habe ich dem Weißen Wal gewidmet. Rezensionen über die Entstehung, Hintergründe zum Buch und dem Hörspiel und seine zeitlose Relevanz. Moby Dick ist die Blaupause für die ewige Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur. Ein Stilelement der Literatur, das uns immer wieder begegnet. Von Hemingway und seinen Stieren bis zu Helen Macdonald mit Habicht und Falke reicht die Range in der Konfrontation mit der unzähmbaren Natur. Einzig Melville jedoch gelingt es, mich in die Zeit eines lesewütigen 14-Jährigen zurückzuversetzen. Moby Dick hat tiefe Spuren hinterlassen und schon beim Aufschlagen des Buches stürze ich zurück in der Zeit:

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Ich bin plötzlich wieder 14! Ich sitze in meinem alten Jugendzimmer und bereite mich darauf vor, diese Nacht an Bord der Pequod zu verbringen. Ich höre das Holzbein des Kapitäns über die Planken poltern, sehe Queequek neben mir seine Harpune schleifen und bemerke, dass Ismael in sein Tagebuch schreibt. Wozu auch immer. Egal. Ich bin wieder mal auf der Flucht und es gibt keinen besseren Platz auf Erden, als die Pequod, wenn man vor den Gedanken an die morgige Mathe-Klausur weglaufen möchte.

Ich bin wieder 14. Die junge rabaukenhafte Leseratte mit Stimmbruch und weit davon entfernt, mich angesprochen zu fühlen, wenn der gute Herman Melville schrieb: „Es ist jetzt Zeit für Männer mit Bart, an Deck zu gehen.“ Naja. Ich konnte da nicht gemeint sein. Ich liege lieber in meiner Hängematte und seitdem wir Nantucket verlassen haben schaukele ich mich lesend in den Schlaf. In meiner kleinen Welt voller Schiffszwieback, gepökeltem Fleisch und ein paar Fässern guten Rum. Und, was im Alter von 14 Jahren nicht ganz unwichtig ist: An Bord eines Schiffes ganz ohne Frauen…

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Ich denke gerne an diese Zeit zurück. Ich habe Melville viel zu verdanken. Es ist das ausgeprägte Gerechtigkeitsgefühl, das hier strapaziert wurde. Es ist die Verletzlichkeit der Natur, die mir vor Augen geführt wurde, und es ist der Zweifel an den ehrenwerten Motiven von Menschen, hinter denen sie ihren Hass verbergen, der mich vorsichtig und nachdenklich machte. Genau zum richtigen Zeitpunkt gelesen, würde ich sagen! Ganz bestimmt ein wichtiger Grund, der mich heute dazu bringt, Melville zu gratulieren. Auch ein Grund für einen Blick in den Hafen, die Fahrrinne und an einen Strand, auf dem er Spuren hinterließ, die in der Literaturgeschichte von der Flut weggespült wurden. Alles schmolz zusammen auf Moby Dick. Ich brauchte mehr als 40 Jahre, um mehr zu lesen.

Mardi und eine Reise dorthin passt hier genau in die Range. Ein Roman aus der Feder des noch eher unbekannten Autors. Ein Roman, den man als Weiterentwicklung seiner ersten Veröffentlichungen „Typee“ und „Omoo“ bezeichnen muss. Authentisch und journalistisch berichtete er in diesen beiden Werken von seinen Reisen durch die Südsee. Als Seemann und Walfänger durchreist er den Archipel, begegnet Kannibalen und besteht zahlreiche Abenteuer. Vier Jahre war er unterwegs. Flucht, Erkrankungen, Gefangenschaft, fremde Kulturen, Meuterei, Lebensgefahr und eine skandalumwittere Beziehung zu einer Eingeborenen sorgten für Aufruhr. Fragen nach der Echtheit seiner Erlebnisse wurden laut. Niemand wollte erkennen, was real, was fiktional war. Er wollte das nie voneinander trennen. Blieb ihm nur, eine andere Ebene zu erreichen. Erfinden! Völlig fiktionalisieren. Der Kritik den Boden unter den Füßen wegziehen. So entstand in seinem Kopf das erfundene Archipel „Mardi“, das er nun bereisen konnte. Ein Biotop in der freien Welt eines Schriftstellers, der seine Erlebnisse nun dorthin umsiedelte.

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Mardi und die Reise dorthin“ (Jubiläumsausgabe – Manesse Verlag)

Gehen wir also nun davon aus, dass die Reise nach Mardi wirklich stattgefunden hat. Gehen wir davon aus, dass sie eng mit der Biografie Melvilles verbunden ist. Aber: Wir sollten das schnell wieder vergessen und einfach genießen. Erzählströme, die ausufern und neue Welten erklären. Unzumutbare Lebensumstände auf Walfangschiffen, Flucht und Einsamkeit auf hoher See, Windstille als Stilelement des Fabulierens, Anlanden an fremden Ufern, eine wild wuchernde neuartige Flora und Fauna, wilde Ureinwohner, die nie zuvor Kontakt mit der Zivilisation hatten. Und mittendrin ein Erzähler, der sich nicht nur fühlt wie ein Gott, sondern sich sogleich als solcher ausgibt. Ein unsagbar schönes Mädchen namens Yillah, in das er sich verliebt und ein Wendepunkt, der eine Odyssee lostritt.

Das Mädchen verschwindet. Die Suche beginnt. Das Archipel Mardi wird zu einem Kaleidoskop des Fremden, in dem man verzweifelt nach der ewigen Liebe sucht. Hier sprengt Melville die Grenzen des Erzählbaren. Perlenketten seiner Geschichte fallen zu Boden und ergeben ganz allein für sich betrachtet eigene kleine Welten. Es scheint so, als habe Herman Melville zu viel gewollt. Überspitzte Gesellschaftskritik, barrierefreies Überschreiten ethnischer Grenzen, rauschhaftes Erzählen und utopisches Fabulieren. Die Erzählperspektive verliert sich in subjektiven Eindrücken. Eine Herausforderung für jeden Leser. Ein Hochgenuss für Literaturbegeisterte, die begreifen, dass Mardi wie ein Befreiungsschlag zu sehen ist, ohne den Moby Dick niemals entstanden wäre.

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Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Sie stoßen ab, velis et remis. (lat. Segeln und rudern)

Werfen wir die Literaturkritik über Bord. Verweigern wir Erzählstruktur und -theorie den Gehorsam. Lassen wir das Autobiografische im Fass mit den verfaulenden Keksen verrotten. Trennen wir uns vom Ballast unseres Wissens und vergessen den Autor, der tatsächlich von einem Walfangschiff desertierte und die Südsee bereiste. Lasst uns an Bord gehen. Lossegeln, rudern, in der Windstille verzweifeln. Wagen wir es einfach, in seine Haut zu schlüpfen und Mardi zu erkunden. Lasst uns lieben, weinen und suchen. Lasst uns einen Klassiker neu entdecken und dann gemeinsam überlegen, in welchen Dimensionen Herman Melville lebte, fühlte, dachte und schrieb. Und dann gehen wir an Land, finden ein Buch und lesen „Moby Dick“ mit neuen Augen.

Folgen wir dem Vorwort des Verfassers:

„Nachdem ich in jüngster Zeit zwei Reiseerzählungen aus dem Pazifik veröffentlicht hatte, die mancherorts ungläubig aufgenommen wurden,
kam mir der Gedanke, tatsächlich ein Südseeabenteuer als Fantasieerzählung
zu schreiben, um zu sehen, ob diese Fiktion nicht möglicherweise für wirklich genommen werden kann: in gewissem Grade die Umkehrung meiner vorherigen Erfahrung.“
(Herman Melville 1849)

Hier geht es schon bald weiter mit einem Miniklassiker aus dem Mare Verlag. Es geht weiter mit „John Marr und andere Matrosen„, der Gedichtsammlung, die er kurz vor seinem Tod anonym veröffentlichte. Ganze 25 Exemplare umfasste die Auflage. Es bleibt zu hoffen, dass die kleine aber feine Sammlung heute erfolgreicher ist.

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Herman Melville bei AstroLibrium – Es geht weiter

Mardi und eine Reise dorthin“ von Herman Melville / dt. von Rainer G. Schmidt / 832 Seiten / gebunden / 45 Euro

Hemingway – Die große Hörspiel-Edition zum 120. Geburtstag

Hemingway - Die große Hörspiel-Edition - AstroLibrium

Hemingway – Die große Hörspiel-Edition

Idaho, die Kleinstadt Ketchum am 2. Juli 1961. Eigentlich ein ruhiger Sonntag. Bis ein Schuss plötzlich die Stille zerfetzt und nicht nur die ländliche Idylle zerstört, sondern die gesamte Weltliteratur in Aufruhr versetzt.

Ernest Hemingway (61), Literaturnobelpreisträger und zu dieser Zeit der populärste Schriftsteller nicht nur seines Landes, hatte seinem Leben ein lautstarkes Ende gesetzt. An einem Punkt angekommen, der keinen Ausweg mehr offenließ, an dem der Alkohol und die Depression die grenzenlose Fantasie eines Genies endgültig besiegten, sah er nur diesen einen Weg – diese eine Schrotflinte…

Ein einziger Schuss. Ein Volltreffer ins Herz von zahllosen Lesern und Fans. Nicht jedoch das Ende, sondern vielmehr die Geburtsstunde einer Legende. Hemingway lebt in seinen Büchern weiter. In seinen großen Erfolgen, seinen brillanten Kurzgeschichten und den posthum erschienenen Romanen wie “Die Wahrheit im Morgenlicht”.

“Der alte Mann und das Meer” erhob ihn in den Olymp der Weltliteratur. Unzählige Auszeichnungen und Ehrungen wurden zu treuen Wegbegleitern des Schriftstellers und doch wurde sein Geist von unzähligen Zweifeln geplagt. Versagensangst, Verzweiflung und melancholische Rückblicke auf gescheiterte Beziehungen sowie ein extrem wildes und ausschweifendes Leben kennzeichneten die letzten Jahre von Ernest Hemingway.

Am 21. Juli würde Hemingway 120 Jahre alt. Nur die Hälfte dieses Jubiläums hat er schadlos überstanden und doch hallt seine mächtige Stimme bis heute nach. Kaum ein zweiter Schriftsteller wird so oft zitiert, kaum ein zweiter wird so nachhaltig gefeiert und kaum einem zweiten Autor widmet man noch heute brandaktuelle Romane, die sich mit seinem Leben, seinen Romanen, seinen Ehefrauen, seinen Beziehungen oder mit den Anfängen seines Schaffens in Paris auseinandersetzen. Vielschichtig ist mein Lesen an seiner Seite. Meine Hemingway-Bibliothek kommt eigentlich nie zur Ruhe. Seine Werke stehen hier in Reih und Glied mit den Romanen über ihn. Beispiele gefällig?

Über Hemingway:
Und alle benehmen sich daneben
von Lesley M.M. Blume
Madame Hemingway von Paula McLain
Hemingway & ich von Paula McLain

Von Hemingway
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway
Fiesta“ von Ernest Hemingway

Indirekt mit Hemingways Zeit in Paris verbunden:
Himbeeren mit Sahne im Ritz
von Zelda Fitzgerald
Für dich würde ich sterben von F. Scott Fitzgerald

Ein Zitat aus seiner Feder wurde für mich persönlich zur Richtschnur meines Lesens und auch des eigenen Schreibens. Kein anderes Zitat erklärt so tiefgreifend, warum er einen solchen Erfolg hatte, was seine Bücher so unvergleichbar macht und wie er sich von anderen Schriftstellern und Schriftstellerinnen unterscheidet. Betrachtet man diese Worte als Richtschnur des guten Lesens, dann macht man nichts falsch. Dann hat man verinnerlicht, was uns Ernest Hemingway mit ins Leben geben wollte:

Beschreibe kein Gefühl – Verursache es! (Ernest Hemingway)

Wie kann man Hemingways 120. Geburtstag besser feiern, als ihn indirekt selbst zu Wort kommen zu lassen? Wie kann man diesen Tag begehen, ohne sich in Gedanken nach Paris zu begeben, in der Buchhandlung Shakespeare & Company ein ruhiges Plätzchen zu suchen und seinen großen Geschichten zu lauschen. Mein Lieblingsort in der Seine-Metropole ist ein magischer Ort. Man denkt, sie wären immer noch hier. Die Hemingways, Fitzgeralds und Elliots, die der legendären Buchhändlerin und Verlegerin Sylvia Beach alles zu verdanken haben. Hier bin ich nun und höre:

Hemingway – Die große Hörspiel-Edition (Der Audio Verlag)

Hier sind sie in einer Edition vereint. Seine wichtigen Romane und Erzählungen, die seinen Weltruhm begründen. Den Charme dieser Hörspieledition mit den Stimmen von Rosemarie Fendel, Peter Lieck und vielen anderen verdankt die Editions- Neuauflage auch ihrem Alter. Der typische Hörspielsound der 1950er Jahre schmiegt sich an diese Texte an, wie ein guter alter Straßenschuh, den Ernest Hemingway selbst getragen hat. Hier ist noch heute nichts angestaubt, nichts klingt antik und doch vermitteln alle Texte dieser Sammlung eine ganz besondere Authentizität. Dabei sind sie auf den wesentlich inhaltsbestimmenden Kern der Originale verkürzt, um uns zügig in das Universum des Schriftstellers zu entführen.

8 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 8 Stunden und 48 Minuten lassen uns also in überschaubarer Zeit 8 Werke aus der Feder von Hemingway hautnah erleben.

Die Box enthält:

»Der Unbesiegte«, SDR (heute SWR) 1953
»In einem andern Land«, WDR 1958
»Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber«, SDR 1951
»Schnee auf dem Kilimandscharo«, SDR (heute SWR) 1977
»Haben und Nichthaben«, SDR (heute SWR) 1955
»Wem die Stunde schlägt«, SWF (heute SWR) 1948
»Der alte Mann und das Meer«, SWF (heute SWR) 1953
»Um eine Viertelmillion«, SDR (heute SWR) 1952

Dabei knüpfen diese Erzählungen an die Romane an, die heute über Hemingway geschrieben werden. Der Kriegsberichterstatter und Abenteurer manifestiert sich im spanischen Bürgerkrieg, den Hemingway an der Seite von Martha Gellhorn erlebte. In Paula McLains Roman Hemingway & ich erfahren wir alles über die Entstehung des Romans „Wem die Stunde schlägt“. Hier schließen sich viele Kreise. „Der alte Mann und das Meer“ ist symbolisch für den ewigen Kampf des Menschen mit und gegen die Natur. Ein Leitmotiv, das Hemingway seit „Fiesta“ faszinierte. An der Novelle „Schnee auf dem Kilimandscharo“ lässt sich exemplarisch Hemingways Zerrissenheit ablesen. Im Leben an den wichtigen Fragen gescheitert, in der Liebe orientierungslos und nur in freier Wildbahn zu klaren Gedanken fähig. Starke Texte. Stark inszeniert.

Ich bin Ernest gerade wieder begegnet. „Propaganda“ von Steffen Kopetzky zeigt, wie groß sein Einfluss auf die heutige Literatur immer noch ist. Er ist relevant. Er spielt eine mehr als wichtige Rolle in der Aufarbeitung von Kriegen, gilt als Symbolfigur eines Kriegsberichterstatters, der alle Grenzen überschreitet, um selbst Grenzerfahrungen zu erleben. In Propaganda folgt man ihm ins Frankreich des Zweiten Weltkriegs. Man will sein Charisma nutzen, man will ihn für Propagandazwecke instrumentalisieren. Ernest Hemingway spielt auch in diesem Roman eine Hauptrolle. Meine Rezension folgt, wenn Propaganda erschienen ist. (August 2019 / Rowohlt). Ein wenig Geduld, dann geht´s weiter mit dem alten Mann und der Literatur. Happy birthday, Nesto…

Hemingway - Die große Hörspiel-Edition - AstroLibrium

Hemingway – Die große Hörspiel-Edition

Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

50 Jahre – Der erste Mann auf dem Mond. Ein besonderes Jubiläum. Ein Meilenstein. Wissenschaft und Mensch in perfekter Symbiose und nach jahrelangen Vorbereitungen endlich Sieger über die Schwerkraft und die lebensfeindliche Umgebung im Weltall. So wird Geschichte geschrieben. Menschheitsgeschichte. Oder handelt es sich bei diesem epochalen Ereignis mal wieder nur um Männergeschichte? Das Weltraumprogramm ist eine Männerdomäne in den 1960er Jahren. Die NASA ist eine Ansammlung führender Wissenschaftler und Testpiloten, die sich auf die Mission vorbereiten. Mercury Seven. Sie gehen in die Geschichte ein. Sieben handverlesene Astronauten, die schon 1959 in Washington präsentiert werden und den Kern der bemannten Weltraumfahrt darstellten.

BEMANNT. Nicht befraut. Schon klar. Raumfahrt ist ein Männerding. Zumindest in diesen Jahren. Die NASA war ein Männerding und die Mondlandung 1969 war es auch. Alan P. Shepard. Einer der Mercury Seven – Astronauten. Einer der Wegbereiter. Neil Armstrong – Der erste Mensch (Mann) auf dem Mond. Nichts dran zu rütteln. Ehrlich? Und was ist mit Mercury 13? Nie etwas davon gehört? Dann wird es Zeit. Die „13“ sagt etwas über die Anzahl der Beteiligten an diesem Programm aus. Und das ist jetzt mehr als interessant, denn diese Mission ist ein FRAUENDING! Pilotinnen. Astronautinnen und Weltraumpionierinnen. Nur kurz nach Bekanntgabe der legendären „Seven“ fand ein zweites Auswahlverfahren statt. Das Ziel: Den Beweis anzutreten, dass Frauen die Tests ebenso gut bestehen würden, wie ihre männlichen Vorreiter. Space Girls. Heute ein fast verschwundener Baustein der Weltraumfahrt. Zeit, das Geheimnis zu lüften.

Space Girls von Maiken Nielsen - AstroLibrium

Space Girls von Maiken Nielsen

„Wenn meine Mutter den Check-up-Test eines Footballteams besteht, heißt das nicht, dass sie Football spielen kann!“

Diese und ähnlich lautende Aussagen im Rahmen einer offiziellen Anhörung vor einem NASA-Subkomitee beendeten den Traum vieler Frauen, gleichberechtigter Teil der Weltraumgeschichte zu werden. Und das nachdem 13 von ihnen bewiesen hatten, dass sie die Eignungstests ihrer männlichen Kollegen mit vergleichbaren Ergebnissen absolvieren konnten. Der Beweis war erbracht und trotzdem traf jene Frauen die Keule männlicher Ignoranz. Ihre Geschichte wurde immer nur am Rande erwähnt. Die Folgen dieser Ablehnung jedoch spürten sie nachhaltig. Arbeitslosigkeit, weil sie unerlaubt am Auswahlverfahren teilgenommen hatten. Gesundheitliche Spätfolgen, weil sie in dieser Testreihe mit radioaktivem Material belastet wurden. Und menschliche Enttäuschung.

Zeit, ihre Geschichte zu erzählen. Zeit, das Mäntelchen des Schweigens zu lüften und den „Space Girls“ Ehre zu erweisen. Zeit, der Hamburger Autorin und Fliegerin Maiken Nielsen in ihren Roman zu folgen und Teil dieser legendären Mercury 13 Crew zu werden. Sie setzt den Pionierinnen ein literarisches Denkmal. Und gar nicht so ganz nebenbei zeichnet sie das Rollenbild der Frau in den 1960er Jahren am Beispiel dieser Männerdomäne exemplarisch auf. „Space Girls“, erschienen im Wunderlich Verlag, ist alles, nur kein Frauending. Ich habe das Buch gelesen und erweise dem Roman meine Referenz, weil ich ihn für relevant, lehrreich und in höchstem Maße unterhaltsam halte.

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Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls ist im klassischen Sinne ein historischer Roman, weil er dem verbrieften Setting fiktionale Charaktere hinzufügt, an deren Seite wir das Geschehen hautnah und unmittelbar erleben können. Maiken Nielsen hat hierdurch zweierlei erreicht. Einerseits legt sie kein reines Sachbuch oder eine trockene Dokumentation der Ereignisse vor und zum Zweiten gelingt es ihr, mit ihren Protagonistinnen gleichzeitig eine Ebene erzählbar zu machen, die ihren Roman zu einem komplexen Kaleidoskop der US-amerikanischen Weltraumgeschichte macht. Es sind die beiden deutschen Weltkriegsflüchtlinge Martha und ihre Tochter Juni, die den eigentlichen Erzählraum Mercury 13 erweitern. Hier wird der Anteil deutscher Wissenschaftler am US-Weltraumprogramm deutlich. Hier verwebt die Autorin ihre Fäden von Wernher von Braun zur Raketenforschung der Nazis, bis in die Zwangsarbeiterlager und die Entwicklung der V-2 Vernichtungswaffe. Hier erzählt sie von zwei Frauen, die das Land verlassen haben, weil sie um ihr Leben fürchten und Angst haben mussten, ebenso wie Junis Großvater im Arbeitslager liquidiert zu werden.

Hier erzählt die Schriftstellerin eine Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen, die nicht nur historisch relevant ist, sondern die Motivation von Juni greifbar werden lässt, sich am Auswahlverfahren von Mercury 13 zu beteiligen. Sie folgt ihrem hingerichteten Großvater. Sie will in einer Rakete fliegen, an deren Entwicklung er bis zu einem Verrat beteiligt war. Sie wirft alles in die Waagschale. Hier skizziert die Autorin keine einfache Romanfigur. Sie stattet Juni mit allem aus, was man sich von einer Heldin im positiven Sinne erhofft. Ecken und Kanten, Kampfgeist bis zum Letzten und einen Charakter, an dem man sich während der gesamten Handlung orientieren kann. Wer Juni nicht mag, dem ist literarisch nicht weiterzuhelfen. Maiken Nielsen öffnet in „Space Girls“ gleich zwei Fässer, die man bei der NASA gerne ganz tief im Keller verstecken würde.

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Space Girls von Maiken Nielsen

Die Tatsache, dass die spätere Apollo-Mission auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, die man der Nazi-Diktatur zu verdanken hat und, dass man der Leistung einiger hochtalentierter Frauen einen unverzeihlichen Riegel vorgeschoben hat. Beide Fässer beinhalten den Stoff, aus dem gute Romane gemacht sind. Perfekte Recherche, sicher verbriefte historische Personen und ganz eigene Protagonisten, die authentisch aus der Zeit in unsere Hände fallen. Der Blick, den sie uns durch diesen Roman auf die frühen Phasen der Weltraumfahrt gewährt, ist unschätzbar. Das Lesetempo wird von einer in jeder Beziehung bewundernswerten jungen Frau vorgegeben. An Junis Seite erleben wir Verzweiflung, Hoffnung, Niederlage und ein ungebrochenes Kämpferherz. Hätte es Juni wirklich gegeben, sie hätte es verdient ein legendäres Zitat in abgewandelter Form zur Erde zu schicken.

Dies ist ein kleiner Schritt für eine Frau, aber ein riesiger Sprung für die Frauen.

LESENSWERT. Kein Frauending. Gerade auch für Männer erhellender Lesestoff.

Damit ist der Roman auch ein deutlicher Fingerzeig auf die heutige Gesellschaft. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, eine angemessen proportional gleiche Vertretung von Frauen in Spitzenpositionen und Gleichberechtigung im Rollenbild hätten sich wohl drastisch anders entwickelt, hätte man nicht erst im Jahr 1983 mit Sally Ride die erste US-Amerikanerin mit der Challenger in den Weltraum geschickt. Übrigens: Walentina Wladimirowna Tereschkowa hat dies als Kosmonautin bereits 20 Jahre zuvor erlebt. Sie war 1963 die erste Frau im Weltraum und auch die einzige Frau in der Geschichte, die allein flog, also ohne Begleitung männlicher Kollegen. Und all das, während wir uns eher an den ersten Affen oder den ersten Hund im Weltall erinnern. Albert und Laika. Lässt sich die Benachteiligung von Frauen besser dokumentieren? Ich denke nicht!

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Space Girls von Maiken Nielsen

Space Girls von Maiken Nielsen / Wunderlich Verlag / 432 Seiten / 22 Euro

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Space Girls von Maiken Nielsen

Und jetzt noch die Gewinner des Mondeulen-Specials zum 50. Jubiläum:

„Sarah aus dem Elbtal“ und „Mikka Liest“. Herzlichen Glückwunsch. Unsere Eulen machen sich auf den Weg. Und dann wird es schwerelos bei Euch. Habt Spaß.