„Das Leben des Vernon Subutex 2“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Eigentlich muss man den Mittelband einer Trilogie kaum rezensieren. Eigentlich ist ein solcher Artikel nur für die Leser des ersten Teils von Interesse, verleitet kaum einen Nichtleser dazu, mit dem Auftaktband zu beginnen „Klingt gut, aber da warte ich, bis die Trilogie vollständig vorliegt“ und schreckt kaum jemanden ab, der monatelang gewartet hat, bis die Fortsetzung endlich auf dem Markt ist. Und Leser, die schon den ersten Teil einer Buchreihe (aus welchem Grund auch immer) abgebrochen haben, holt selbst eine gute Kritik zum zweiten Teil nicht mehr in die Buchreihe zurück. So ist es auch mit dem literarischen „Coup de France“, der mich durch mein Lesen und Hören begleitet.

Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes hat nicht nur mein Lesen, sondern auch meine Wahrnehmung einer komplexen Gesellschaft nachhaltig verändert und tiefe Spuren in mir hinterlassen. In welcher Art und Weise Vernon Subutex mich so intensiv berührte, kann man in meiner Buch- und Hörbuchvorstellung zum Auftaktband nachlesen. Dopplungen oder Redundanzen zum zuvor Geschriebenen erspare ich mir und euch. Also, wer immer noch nicht weiß, wessen Leben wir hier mit- und nachleben dürfen, dem sei meine Rezension zum ersten Teil der Reihe ans Herz gelegt. Es wird schnell ersichtlich, warum ich sehnsüchtig auf die Fortsetzung wartete und mit welchen Erwartungen ich mich erneut in das Paris eines Aussteigers begab, dessen Abstieg am Ende der fulminanten Einleitung in diesen zweiten Teil überleitete.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Wer es also bis hierhin geschafft hat, der gehört zu den Familienangehörigen von Vernon Subutex, hat den ersten und vielleicht sogar auch den zweiten Teil der Trilogie gelesen oder/und gehört, oder ist einfach unerschrocken genug, meinen Worten folgen zu wollen, einfach weil sie hier niedergeschrieben wurden. Hallo, alle zusammen. Freut mich sehr, euch wieder nach Paris mitnehmen zu können. Ich bin oft dort, ob literarisch oder im realen Leben. Kenne alle Prachtstraßen und Gassen, ihre Geschichte und das soziale Gefälle zwischen den Champs-Élysées und den Banlieus. Ich bin hier durchaus ein wenig zuhause. Nicht zuletzt, weil ich diese Metropole mit anderen Augen sehe, seit mir Vernon Subutex über den Weg gelaufen ist.

Aussteiger, Lebenskünstler, ewig Gestriger, Rebell, Relikt seiner Generation und Wanderer zwischen den Welten des Urbanen. So habe ich ihn kennengelernt. Raus aus dem normalen Leben, rein in die Rolle des Getriebenen und Bittstellers, der an den Türen ehemaliger Freunde und Freundinnen zu verzweifeln beginnt. Autofokus auf eine Gesellschaft, die sich so gerne der genauen Betrachtung entzieht. Das Kaleidoskop der französischen Schichten, in denen wir uns sofort wiedererkennen. Bilderstürmer, der an der Oberfläche des Selbstbildes klopft, bis es langsam zu bröckeln beginnt. Analyst des Werteverfalls und -wandels in einem sozialen System, das sich schon lange in asoziale Subsysteme verloren hat. Wachstumsverweigerer und Beziehungstrottel, Enttäuschter und Enttäuscher. Sympathischer Rekord-Versager auf der nach unten offenen Subutex-Skala. Kurz gesagt: Ich mag ihn.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Das jedoch hätte ich ihm gerne erspart: Das Leben als Obdachloser in Paris. Hier genau setzt „Das Leben des Vernon Subutex – 2“ den schleichenden Abstieg aus den Schlusskapiteln des Auftaktbandes logisch, konsequent und allzu schmerzhaft fort. Hier brilliert Virginie Despentes mit dem nächsten scharfen Blick auf eine Stadt, die sich im Ganzen jedem Besucher so beharrlich entzieht. Jenseits des Schillernden, abseits des Bürgerlichen und fernab der städtischen Problemzonen in den Banlieus landen wir nun mitten auf der Straße. Die Aussicht ist schön. Sacré-Coeur am frühen Morgen ist eine traumhafte Kulisse, besonders nach alptraumhaft verbrachten Nächten auf Parkbänken. Ganz unten ist er angekommen, unser Vernon. Und nicht nur das. All jene, denen er im ersten Teil des Lesens das ein oder andere lebenswichtige Utensil (PC, Uhren, Herzen, usw.) entwendet hat, haben sich zu einer Gruppe der Verfolger zusammengeschlossen, die ihn in der Welt der Clochards zu finden versucht.

Wem wir hier am Montmartre wiederbegegnen? Keine Sorge, ihr kennt sie alle. Und nicht zuletzt haben sowohl der Verlag Kiepenheuer und Witsch, als auch Der Audio Verlag die Buch- bzw. Hörbuchausgabe mit einem Personenverzeichnis versehen. Ein perfekter Service an Lesern und Hörern, da die Personenfülle im Roman schon Formen angenommen hat, die ein solches Dramatis Personae mehr als hilfreich macht. Es ist also angerichtet. Paris aus einer anderen Perspektive. Von ganz unten. Und dazu noch enttäuschte Freunde und Bekannte auf einer gnadenlosen Hetzjagd durch die Straßen der Stadt. Über allem schwebt noch immer das scheinbar verschwundene Vermächtnis des verstorbenen Sängers Alexandre Bleach. Dieses Selbst-Interview auf Tonband ist der einzige Trumpf in Händen von Vernon Subutex, beinhaltet die Aufnahme doch allen soziokulturellen Sprengstoff, um die Reihen seiner vermeintlichen Freunde ziemlich ins Wanken zu bringen.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Ein starker Mittelband der Subutex-Trilogie. Lückenlos fortgesetzt. Hemmungslos in jeder Beziehung weitergedacht und erzählt. Ein wundervoller Mix aus altbekannten und neu hinzugekommenen Charakteren erweitert das Paris-Kaleidoskop um Facetten, die den Roman weiterbringen. Das kleine Universum aus Prostituierten, Porno-Darstellern und Privatdetektiven, in Kombination mit liebestollen älteren und jungen Frauen, die auf dem Selbstfindungstrip ihres Lebens über Subutex stolpern, erweitert sich nun um ein paar erzählenswerte Charaktere aus der Obdachlosen-Szene, wie zwei beste Freunde, die nach einer Gewalttat im ersten Band so richtig zur Geltung kommen, und eine alles überstrahlende junge Tätowiererin, die überall ihre Spuren hinterlässt. Unterhaltung und Tiefgang sind hier erneut vorprogrammiert.

Es gilt einen Mord aufzudecken, verloren geglaubte Tonbänder wiederzufinden, eine sich radikalisierende Tochter vom Islam fernzuhalten, für brutale Überfälle zu büßen, in Freundschafts-Kummer zu verfallen und ganz nebenbei die Stadt und sich selbst immer wieder neu zu definieren. Grandios, wie Virginie Despentes bekannte Fäden aufgreift, sie mit neuen verbindet und dann zu einem Spinnennetz verwebt, in dessen Mitte sie in aller Seelenruhe die Fäden zieht. Egal, wo sich etwas bewegt, alles vibriert. Es ist kein Ende in Sicht, wenn wir das Buch oder seine Hörbuchfassung verlassen. Es wird schon alles gutgehen. Es wird alles weitergehen. Es wird schon werden. So sitzt man vor dem letzten Wort dieses Mittelbandes. Wir werden Zeugen, wie sich eine Subkultur bildet, in deren Mittelpunkt niemand anderes steht, als der charismatische Looser Subutex. Nein, es endet nicht in Paris. Ja, ich freue mich auf die Fortsetzung und das Ende der Story, die mich immer noch bewegt. Ich freue mich auf alte und neue Bekannte. Oh ja, ich bin schon sehr gespannt auf „Das Leben des Vernon Subutex – 3“. Wir sehen und hören uns auf Korsika wieder… Versprochen… Im September geht es weiter…

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Virginie Despentes seziert ihr Frankreich bei lebendigem Leib mit dem gewetzten Tranchiermesser eines literarischen Sternekochs.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

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„Auf immer verbunden“ von Domenico Starnone

Auf immer verbunden von Domenico Starnone

Also, das ist schon harter Tobak, den ich mir hier auf den ersten Seiten anhören muss. Mir nichts, dir nichts bin ich gut gelaunt in den Roman „Auf immer verbunden“ gestolpert und fange mir schon zu Beginn die Breitseite einer gesalzenen Standpauke einer verlassenen Ehefrau ein, bevor ich auch nur behutsam umblättern kann. Ich kann gar nicht so schnell lesen, wie ich alle stereotypen Beschimpfungen und Vorwürfe aus dem Munde der betrogenen Ehefrau und Mutter Vanda um die Lese-Ohren bekomme. Der arme Aldo ist gottlob nicht in Reichweite. Auf den gepfefferten „Ich-bin-die-ärmste- Sau-der-Welt-Briefmonolog“ seiner Noch-Ehefrau kann er sich allerdings freuen.

Dabei ist es echt nicht so abwegig, was er da angestellt hat. Besonders, wenn man sich den Tonfall Vandas mal auf der Zunge zergehen lässt. Verlassen, abgelegt und ins Abseits gestellt von einer blutjungen Konkurrentin – so kommt sie sich vor. Am Ende, in Armut versunken, alleine verantwortlich für die gemeinsamen und inzwischen erheblich traumatisierten Trennungskinder Sandro und Anna, während es sich der „feine Herr“ in den Armen einer 19-Jährigen gutgehen lässt. Hier weht Männern ein scharfer Wind um die Ohren, sind doch Vandas Ehevorwürfe so einseitig, dass man nur noch schnell den Kopf einziehen und sich rennend in Sicherheit bringen kann. Dabei sollte man doch die beiden Seiten der Medaille betrachten. Niemals ist es die Schuld eines Partners, wenn sich der gemeinsame Weg an einer dramatischen Kreuzung zu teilen beginnt

Auf immer verbunden von Domenico Starnone – Überspitzte Einleitung

“Auf immer verbunden“ von Domenico Starnone (DVA) provoziert auf den ersten Seiten, um in der Folge die gescheiterte Beziehung der beiden Protagonisten auf dem literarischen Seziertisch in ihre Bestandteile zu zerlegen. Schonungslos und neutral. In diesem Sinne gilt es Ruhe zu bewahren, diese erste Standpauke zu ertragen und dann mit Weitblick und vorurteilsfrei zu erlesen, was, warum und wie geschah. Es dauert nie lange, bis sich der erste Eindruck relativiert. Wirklich nie… Die Abwesenheit von Glück hat viele Ursachen. Entfremdung trägt viele Namen und der Beziehungskiller Alltag hat schon mehr Ehen in den Abgrund driften lassen, als man es sich vorstellen kann. Sucht man nach Schuldigen und dreht man jeden Stein der gemeinsamen Zeit um, dann wird man schon sehen, dass nie einer allein für die Ruine einer Beziehung verantwortlich ist.

„Falls du´s vergessen haben solltest, mein Lieber, muss ich dich eben mal daran erinnern: Ich bin deine Frau. Ich weiß, du warst mal froh darüber, aber jetzt stört es dich plötzlich…“

So kommt man nicht weiter. Das weiß auch Domenico Starnone. Und so bleibt der Roman „Auf immer verbunden“ nicht in der Selbstmitleids-Arie einer verlassenen Frau gefangen, sondern befreit sich mit einer ungeheuren Dynamik in eine Richtung, die mir den Glauben an dieses Buch nach einigen verstörenden Seiten schnell wiedergegeben hat.

Auf immer verbunden von Domenico Starnone – Am Ende eines langen Weges

Hier wird aus dem Ende einer Ehe der Beginn einer neuen Zeit. Hier wird aus dem Davor die Basis für das Danach. Richterlich geregelt, auf ewig getrennt, seiner Kinder durch das alleinige Sorgerecht der Mutter entsorgt, wider- und einspruchslos. Aldo ist Geschichte. Als Ehemann und Vater. Endgültig. Schmutzig. Rosenkrieg. Suizidversuch der Ehefrau. So kann eine Geschichte beginnen. Hier erlangt der Buchtitel „Auf immer verbunden“ eine fast schon bodenlose Skurrilität, die wie ein Reset-Knopf diese Liebe auf Anfang stellt und dann lauthals Überraschung ruft! Man muss nur ein wenig Zeit ins Land einer guten Geschichte gehen lassen.

„Du schreibst, dass du das Bedürfnis hast, wieder Kontakt zu deinen Kindern aufzunehmen. Sagst, dass es nach nunmehr vier Jahren möglich sein müsse das Problem konstruktiv anzugehen… Sie haben beschlossen, dich zu treffen. Sie leiden unter Unsicherheit und Angst. Mach es für sie nicht noch schlimmer.“

Starnone spielt mit der Vorverurteilung der ersten Seiten. Er bezweckt das genaue Gegenteil und lässt uns stutzig werden. Als wir Aldo dann zum ersten Mal sehen, bleibt vom Zweifel wenig. Ich möchte mir selbst ein Urteil bilden, seine Sicht der Dinge sehen und seinen Teil der Geschichte hören. Nicht nur die Geschichte einer Ehe, sondern die Geschichte von Lidia, die ihn in ein neues Leben katapultiert hatte. Was war passiert?

Auf immer verbunden von Domenico Starnone – Perspektivspiele

„Auf immer verbunden“ ist ein Sehnsuchtsroman allererster Güte. Unausweichlich schleicht sich Distanz durch Routine in unser Leben. Unausweichlich ist es die Eitelkeit, die uns für Verführungen empfänglich macht. Unausweichlich steht man dann vor dem Scherbenhaufen eines gemeinsamen Versprechens. Wie tief die Verbindungen reichen erweist sich, nachdem man in die falsche Richtung abgebogen ist. Eine Flucht ist dabei nie nur demjenigen anzulasten, der ausbrechen will. Schuld ist etwas, das uns ewig mit dem Menschen verbindet, den wir treu begleiten wollten. Ob das neue Leben geeignet ist, das Versprechen von Freiheit, Liebe und Neustart ohne Routine einzulösen, ist eher fraglich. Wer jedoch am Ende eines solchen Weges unbeschadet bleibt, ist lesenswert.

Die Verlassene? Der Ausbrechende? Die Verführende? Der Rückkehrer? Ist es die Flucht von einer Lebenslüge in die nächste und zurück oder steckt mehr dahinter, wenn es Aldo wieder in die Arme seiner Familie treibt? Bekommt der Begriff Entscheidung in diesem Roman eine völlig neue Bedeutung im Sinne der Umkehr einer Trennung? Wird die Verlassene jemals vergeben können? Domenico Starnone berührt uns nachhaltig in und zwischen den Zeilen seines Romans. Keine der aufgeworfenen Verwerfungen lässt uns kalt. Keine Frage wird umschifft und keine Antwort verweigert. Und doch gelingt es auch diesem Roman nicht, uns gegen Versuchungen zu immunisieren. Zielstrebig geht es in Richtung Untergang, wenn Unzufriedenheit und Eitelkeit sich ihren Weg bahnen.

Auf immer verbunden von Domenico Starnone – Endgültig getrennt?

Vielleicht ist dies gar nicht so sehr ein Roman für die Menschen, die sich hier so treffend getroffen fühlen. Vielleicht ist er ja gar nicht für Verlassene und Fliehende im eigentlichen Sinne geschrieben. Eine unverhoffte Wendung zeigt mir vielmehr, dass er die Kinder anspricht, die diesem Ehetaifun ihrer Eltern gnadenlos ausgesetzt sind. Ihre Fragen bleiben im Leben unbeantwortet. Ihre selbst zugewiesene Schuld zerstört mehr, als die Scheidungen oder Entscheidungen der Eltern. Sie sehen sich als Mittäter eines Scheiterns und belasten sich lebenslänglich mit diffusen Vorwürfen.

Die große Botschaft dieses Romans ist, dass man „Auf immer verbunden“ bleibt. Egal auf welcher Seite man steht, egal welchen Weg man wählt. Das große Fehl eines Lebens ist die unausgesprochene Wahrheit. Man sollte sie niemals vor den Menschen verbergen, die einem am wichtigsten sind. Und auf keinen Fall sollte man sie von den eigenen Kindern ans Tageslicht bringen lassen. Dann ist es zu spät. Lesenswert.

„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ (Buch und Film)

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Geht es euch auch manchmal so, dass ihr von Büchern heimgesucht werdet, die ihr vor langer Zeit gelesen habt? Manchmal sind es andere Bücher, manchmal auch nur Gedanken und Ideen die uns mit einem Werk in Verbindung bringen, das eigentlich ganz ruhig im Bücherregal des Lebens zu schlummern scheint. Aber glaubt mir. Bücher sind wie wilde Bestien. Sie warten auf den richtigen Moment im Leben und fallen dann erneut über ihr damaliges Opfer her und verzehren es mit Haut und Haaren. Besonders häufig ist dies bei Literaturverfilmungen der Fall. Im Schnitt liegen heutzutage zwischen der Veröffentlichung eines Romans und seiner filmischen Adaption ungefähr vier Jahre. Filmrechte gehen über den Tisch, Ein Drehbuch wird geschrieben, Schauspieler treffen sich zum Casting mit Produktionsgesellschaften und irgendwann geht es dann los.

Zuletzt war ich begeistert von Filmen wie „Wunder“ und „Raum“, weil sie einfach den Geist der Romanvorlagen in herausragender Art und Weise auf die Leinwände der Welt gezaubert haben. Wie gut solche Verfilmungen sein können, sieht man jährlich in Los Angeles, wenn es heißt And the Oscar goes to.“ Auch in diesem Jahr stehen die Verfilmungen von Bestsellern hoch im Kurs. Man erhofft sich dabei wohl, der Erfolg an den Kassen der Buchhandlungen möge sich im Kinosaal niederschlagen und im besten Fall sogar wiederholen. Ehrgeizige Projekte sind dabei. Verfilmungen, die ich nach dem Lesen eines Buches für nicht möglich gehalten hätte. Zu komplex, zu kompliziert und in vielerlei Hinsicht zu anspruchsvoll für das action-orientierte Kinopublikum sind Romane, die als Buch noch herausragend funktionieren. Eine Wirkung, die sie dann im Kino sehr oft einbüßen. Ihr kennt das sicher. Literaturverfilmungen und Romanvorlagen. Ein sehr heikles Thema.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Heikel mutet auch das folgende Filmprojekt an. Kann man einen Film auf den Markt bringen, in dem die Hauptrolle von mehr als zwanzig Darstellern verkörpert wird? Ist es dem Publikum auch visuell zu vermitteln, was einer Romanvorlage so exzellent gelang? Gelingt es im Kino, den Blick von den reinen Äußerlichkeiten auf das Innenleben eines Menschen zu lenken? Ist der Zuschauer in der Lage einem derart komplexen situativen Rahmen zu folgen? Ich hatte so meine Zweifel. Buch bleibt eben Buch und Vorstellung ist sicher nicht kompatibel zu den Bildern, die Regisseure und Produzenten vor Augen haben, wenn sie an einen Kassenerfolg denken. Doch worum geht es eigentlich?

Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan ging literarisch im Jahr 2014 durch die Decke. Ein Jugendbuch, wie ich es bis dahin nicht gelesen hatte. Eine Story mit einer tief angelegten Botschaft, die nicht nur junge Leser bewegte. Eine Story, die so einzigartig war, dass sie vielfach ausgezeichnet wurde. Ein Buch, das sich so erfrischend vom Mainstream abhob, dass man sich zwischen seinen Seiten nur wohl fühlen konnte. Und nicht zuletzt ein Roman, dem ich eine Lesenacht im Kinderheim St. Alban widmete. Jetzt holt mich das Universum im Kino wieder ein und glaubt mir, es ist mir gar nicht egal. Ich platze vor Neugier, wie man diese Geschichte verfilmen konnte.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Es geht um A. Er ist kein normaler Jugendlicher, nicht mal ein normaler Mensch. A. ist eine Seele, die sich täglich eine neue Heimat suchen muss. Hier ist Seelenwanderung mit einer Odyssee vergleichbar, denn A. hat keinen Einfluss darauf, in welchem Körper er am nächsten Tag erwacht und mit / in wem er diesen einen Tag verbringen muss. Er hat sich an dieses Leben gewöhnt, weil er es nicht anders kennt. Nichts ist konstant. A. wandert nur jeweils in Körper, die seinem Alter entsprechen und bleibt dabei fast immer in der gleichen regionalen Umgebung. Alles andere kann wechseln. Geschlecht, Größe und Gewicht, Hautfarbe und Charakter. A. ist die Eintagsfliege im Inneren seiner Wirte. Er fühlt sich in sie hinein, lebt mit ihnen und verlässt sie ohne Spuren zu hinterlassen.

A. hat dabei eines gelernt. Nicht festhalten, keine Bindung eingehen und nicht hoffen, an diesem einen Tag im Körper eines anderen Menschen die Welt zu verändern. Bis er sich im Körper von Justin wiederfindet und dessen Freundin Rhiannon begegnet. Da ist Ende mit Vernunft. Hier ist Schluss mit Disziplin. A. verändert den Tag, indem er Justin sympathisch macht. Er geht auf die Wünsche seiner Freundin ein, nimmt sie ernst und zeigt Gefühle. Völlig neu für Rhiannon. Schade nur, dass am nächsten Tag keine Spur mehr davon übriggeblieben ist. Hier nimmt die Story richtig Fahrt auf, denn aus der heil- und ziellosen Seelenwanderung wird jetzt eine Reise, die A. immer wieder zu Rhiannon führt. Er hat sich verliebt. Doch wie soll er dem jungen Mädchen zeigen, dass er es ist, der ihr da täglich im neuen äußeren Erscheinungsbild begegnet?

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Wir Leser leiden mit und hoffen pausenlos, dass Rhiannon die Wahrheit erkennt. Was zugegeben nicht einfach ist, denn A. ist vom Schicksal nicht gerade verwöhnt. Er muss mit dem Körper leben, der ihn beherbergt und genau in den wichtigen Situationen passt der so gar nicht zu seinen Wünschen. Wie soll er Rhiannon von seiner Liebe und seiner Situation überzeugen, wenn er ihr mal als schüchterner Nerd, als dunkelhäutige Schönheit, als homosexueller Junge, der sich nicht mit Mädchen treffen will oder in der Haut eines 140 Kilogramm schweren Jungen gegenübersitzt? Schon kompliziert, oder? Besonders, wenn man verliebt ist und sich von seiner besten Seite zeigen will.

„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ sprengt die Grenzen des Denkbaren. Und gleichzeitig schießt dieser Roman seinen Leser in eine Gefühlswelt hinein, die ihm zu keinem Zeitpunkt fremd ist. Wie gerne würden wir nur nach unseren inneren Werten beurteilt werden? Wie gerne würden wir Äußerlichkeiten abstreifen und der Liebe eines Lebens so begegnen wie wir wirklich sind? Wie schön wäre es, wenn unser Gegenüber unsere Makel nicht sehen wollte, weil er sich in unser Wesen verliebt hat. Dieses Buch beschäftigt nachhaltig. Spätestens als Rhiannon beginnt, die A. zu glauben. Spätestens als sie in den Menschen ihres Umfeldes nach seinem liebenswerten Wesen zu suchen. Und allerspätestens als sie realisiert, was genau dieses Umfeld davon hält, dass dieses ach so brave Mädchen täglich mit anderen Typen abhängt.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

„Kann es sein, dass der A, in den ich mich verliebt habe, jeden Tag in einem anderen Körper lebt? Aber wenn Glück sich so gut anfühlt, ist es eigentlich egal, ob es tatsächlich echt ist oder nicht.“

David Levithan ließ uns nicht mit dieser Geschichte alleine. Letztendlich geht es nur um dich“ ist die langersehnte Fortsetzung, die jedoch nicht mehr aus der Sicht des Körperwanderers, sondern aus der Perspektive von Rhiannon erzählt wird. Wer auf der Suche nach außergewöhnlichem Lesestoff ist, sollte in diesen Büchern sein Glück und allerbeste Unterhaltung suchen. Ich garantiere, dass keine der aufgeworfenen Fragen spurlos an euch vorübergehen wird. Ob die Verfilmung dem Universum jedoch egal ist oder nicht, das habe ich herausgefunden. Ich hatte meine Vorstellung von der Welt, die A. täglich neu erlebt. Der Film katapultiert mich jedoch auf die andere Seite der Körper und lässt mich A. in allen unterschiedlichen Daseinsformen erleben. Funktioniert das?

Und wie das funktioniert hat. Wenn der Film zum Déjà-vu-Erlebnis wird, man sich im Bilde fühlt und die Eingriffe des Regisseurs in die Handlung das zuvor Erlesene nicht in den Hintergrund drängt, dann hat man es mit einer sehr guten Adaption zu tun. Gefühle und Empathie gehören zu den Stärken des Romans und genau hier holt der Film seine Vorlage ab und visualisiert, was wir uns selbst ausgemalt hatten. Mit filmischen Mitteln gelingt der Spagat zwischen Erzählen und Zeigen brillant. Allein schon Angourie Rice als Darstellerin von Rhiannon verdient sich Bestnoten. In ihrem Gesicht kann man alles ablesen, was wir im Buch Wort für Wort aufgesaugt haben. Jedem Gefühl verleiht diese junge Schauspielerin Leben. Zweifel, Hoffen, Lieben, Leiden, Fliegen. Wenn man ihr in die Augen schaut, muss man nichts mehr erzählen.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Die Höhepunkte des Romans werden zu den Höhepunkten des Films. Lachen und Weinen gehen Hand in Hand. Alle Emotionen werden leinwandfüllend hervorgerufen. In jeder Sequenz funktioniert dieser Film so, wie schon das Buch funktioniert hat. Er packt uns und lässt nicht mehr los. Dabei handelt es sich hier nicht um EINE Buchverfilmung. Allein schon der Beginn des Films erinnert zu 100 Prozent an den Einstieg in Levithans Fortsetzungsroman „Letztendlich geht es nur um dich“. Rhiannons Perspektive prägt den Film mehr als die Erlebnisse des „Eintagsmenschen“ in den jeweiligen Gastgebern. Hier geht es darum, wie sie sich täglich finden können, wie Zuneigung entsteht und wie das Umfeld auf diese ungewöhnlichen Beziehungen reagiert.

Wir Leser wissen immer mehr. Wir sind privilegiert, wenn wir diesen Film sehen. Uns reicht der Blindenstock am Bett von A. um zu erkennen, was an diesem Tag schiefgeht. Uns muss man nicht alles erzählen. Wir sind auf Augenhöhe. Nichtleser sehen das mit anderen Augen. Ich möchte nicht mit ihnen tauschen. Das ist mein Buch, mein Film und meine Welt der Fantasie, in der ich in aller Tiefe eintauchen und mitfühlen darf. Und am Ende wurde ich auch nicht enttäuscht, weil man dem Ende in all seiner Melancholie und Gegenläufigkeit zur Vorstellung eines Happy-Ends das Ende gönnte, das mich im Buch schon so sehr beschäftigte.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Wenn vergossene Tränen im Kino der Maßstab für die Qualität eines Films sind, dann hat „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ fünf Tränen von möglichen fünf verdient. Davon zwei fürs Lachen und drei für Rührung und Gefühl. Was will ich mehr?

„Krokodilwächter“ von Katrine Engberg – Buch und Hörbuch

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Für mich gibt es sie ja eigentlich gar nicht. Diese Kategorisierungen von Thrillern in die Schubladen der regionalen Schauplätze. Typische Skandinavien-Thriller sind meist gar nicht so typisch und ein Kopenhagen-Thriller muss sich nicht zwangsläufig von den guten Krimis unterscheiden, die in anderen Hauptstädten angesiedelt sind. Assoziation verstellt mir hier oft den klaren Blick auf das eigentliche Geschehen. Nein. Für mich ist das eigentlich ganz einfach. Es gibt gute oder schlechte Thriller. Intelligent konstruierte oder an den Haaren der Opfer herbeigezogene. Thriller mit interessanten Protagonisten oder eben solche mit stereotypen Allerweltstypen, die in ihren Klischees verhaftet sind.

Nein. Ich denke nicht sofort an Schwermut, Kälte, landschaftliche Idylle, Alkohol, Lethargie, Kälte, Brutalität oder andere Ingredienzien, wenn ich einen Thriller lese, der mit einem Gütesiegel aus Skandinavien angepriesen wird. Ich schaue mir den Plot und sein Setting an, versuche herauszufinden, ob mich das Thema reizt und dann erst schlage ich erbarmungslos zu. Meine literarische Wünschelrute schlägt noch nicht aus, wenn allein schon ein Landstrich oder eine Stadt als Synonym für Spannung herhalten muss. Und so halte ich nun keinesfalls einen „Kopenhagen-Thriller“ in der Hand, den ich euch hier vorstellen möchte. Nein, es ist ein guter und lesenswerter Thriller, der als Auftakt einer neuen Serie im Diogenes Verlag erschienen ist.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Ich möchte euch den „Krokodilwächter“ von Katrine Engberg ans Herz legen. Ich kann an dieser Stelle versprechen, dass dieser Thriller für beschleunigten Puls sorgen wird. Kopenhagen hat sich die dänische Autorin als Schauplatz ausgesucht und damit aus meiner Sicht eine perfekte Wahl getroffen. Eigentlich scheinen Krokodile ja in der skandinavischen Metropole eher selten zu sein und nur im Zoo vorzukommen, aber ihr könnt euch darauf verlassen, dass Katrine Engberg diesen Titel nicht willkürlich für den Auftakt ihrer Krimi-Serie ausgewählt hat. Er steht jedoch nicht so sehr für das Reptil, in dessen Haut eigentlich niemand gerne stecken würde. Der Titel des Romans entwickelt sich erst gegen Ende der Geschichte zur einprägsamen Metapher für ein symbiotisches Verhältnis zwischen Opfer und Täter. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Die Ausgangssituation verspricht alleine schon für sich Hochspannung. Ein Mord erschüttert ein beschauliches Mehrfamilienhaus im Herzen der Stadt. Julie wohnt noch nicht so lange in Kopenhagen. Und nicht allein die Tatsache, dass sie ermordet wurde schockiert die Bewohner des Hauses, auch die Begleitumstände ihres Todes sind mehr als außergewöhnlich. Jemand hat sie nicht nur erstochen, sondern auch ein Kunstwerk aus filigranen Messerschnitten in ihrem Gesicht hinterlassen. Ob die junge Frau schon tot war, als ihr die Schnitte zugefügt wurden, ist nur eine der vielen offenen Fragen für die Ermittler der Kopenhagener Mordkommission.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Mit Jeppe Kørner und Anette Werner betritt ein besonderes und unverbrauchtes Ermittlerteam die Thrillerbühne der Weltliteratur. Beide zeichnen sich dadurch aus, völlig normal zu sein. Keine geplagten Seelen mit psychischen Ausfallerscheinungen in Stresssituationen begegnen uns hier, sondern Polizisten aus Fleisch und Blut. In ihrem greifbaren und authentischen Wesen ist die Authentizität dieses Thrillers begründet. In den Spannungssituationen eines beruflichen Alltags und den Wesensmerkmalen dieser beiden Ermittler zeigt sich die besondere Dynamik eines Berufes, der eigentlich nur mit Teamgeist bewältigt werden kann. Und genau dies sind die beiden Polizei-Assistenten nicht. Harmonisch ist anders. Methodisch aufeinander abgestimmt ebenso wenig.

Doch genau diese Diskrepanz ist der Brennstoff im Triebwerk dieses Thrillers. In kurzer Zeit zeigen sich erste Ermittlungserfolge. Der Personenkreis möglicher Täter ist nicht sonderlich groß. Profiler grenzen ihn plausibel ein und als sich bei der Besitzerin des Hauses, Esther de Laurenti, ein Thriller-Manuskript findet, scheinen sich die Kreise zu schließen. Wird doch in ihrem Buch der Mord an einer jungen Frau genauso verübt, wie es sich im Fall der jungen Julie zugetragen hat. Auch im Manuskript findet man ein junges Mädchen mit einem tödlichen Schnitt-Kunstwerk im Gesicht vor. Nun gilt es das Manuskript zu lesen und daraus weitere Schlüsse zu ziehen. Kørner und Werner legen los.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Schnell scheinen sich Motiv und Profil zu decken. Schnell findet man im Umfeld der Professorin einen möglichen Täter auf den alles passt, der jedoch ebenso schnell wie endgültig von der Bildfläche des Thrillers verschwindet. Ermordet. So nah dran. So weit entfernt. Und als dann auch noch Esther de Laurentis Thriller-Manuskript in den Tiefen des Internets wie von Geisterhand weitergeschrieben wird, stehen Kørner und Werner wieder am Anfang der Ermittlungen. Der Wechsel aus Handlungsfaden und Manuskript verleiht dem Buch eine besondere Dynamik. Man rätselt mit, kombiniert und entwickelt ganz eigene Theorien. Was Katrine Engberg natürlich nicht daran hindert, mit uns Katz und Maus zu spielen.

Ein Spiel auf hohem Niveau. Ein Spiel, das am Ende aller Ermittlungen keine Fragen offenlässt. Und ein Spiel, das weitere Leben kosten wird. Unser Kopenhagen-Streifzug führt uns in ganz besondere Kreise dieser pulsierenden Stadt. Er führt uns unweigerlich zu Geheimnissen, die ausreichenden Zündstoff für einen guten Page-Turner bieten. Im Moment des Erkennens, fallen uns kriminalistische Schuppen von den Augen. Katrine Engberg schreibt auf hohem Niveau. Sie konstruiert nicht wild vor sich hin und fabuliert keine Story, der es an Bodenhaftung fehlt. Der „Krokodilwächter“ hat es in sich. Zarte Leseseelen sollten nicht vor dem Thriller zurückschrecken. Blut fließt hier nur subtil und auch nur dann, wenn es für die Handlung erforderlich ist. Gewaltorgien zeichnen dieses Buch nicht aus. Es packt uns anders. Indirekt. Lesenswert.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

Ich habe zu gleichen Teilen gelesen und gehört. Dietmar Bär macht aus dem Buch ein wahres Hörerlebnis. Er versteht es, uns die Handlung verstehen zu lassen und den Faden nicht zu verlieren. Und doch gelingt ihm eines nicht. Im Vorlesen verschwimmen die Grenzen zwischen dem eigentlichen Roman und dem eingeflochtenen Manuskript. Das Buch trennt diese beiden Stränge durch unterschiedliche Schriftarten. Ein zweiter Sprecher hätte hier gutgetan. Man muss zu genau hinhören, um die Grenze auszuloten. Dietmar Bär nuanciert seine Stimme meisterlich in der Produktion aus dem Hause Der Audio Verlag, aber hier hat das gebundene Diogenes-Werk einfach Vorteile, die sich stimmlich nicht aufholen lassen.

Ein besonderes Highlight zum Schluss. Die Schnitte auf dem Buchcover sind nicht nur aufgeprägt. Es sind tiefe Einschnitte in das Cover eines Thrillers, der auch für euch ein einschneidendes Erlebnis sein wird. Bleiben wir gespannt. Die Kopenhagen-Serie geht weiter.

Krokodilwächter von Katrine Engberg

„Nordwasser“ von Ian McGuire – Moby Dick 2.0

Nordwasser von Ian McGuire

Ich habe lesend schon auf so manchem Seelenverkäufer angeheuert. Ich war Teil der Besatzung an Bord von Kriegsgaleonen, Walfangschiffen und Expeditionskreuzern. Ich habe gelernt, in die Wanten zu gehen, im Orlopdeck zu schlafen, Rettungsboote im richtigen Moment abzufieren und Kanonen bei hohem Seegang zielgerecht abzufeuern. Ich habe es mit Kapitänen zu tun gehabt, die all ihre Neurosen an mir ausgelassen und mich an den Rand der Meuterei gebracht haben. Einige haben mit ihrem Orgelspiel die ganze Mannschaft um den Verstand gebracht und andere schlugen Dublonen in einen Mast, um dem weißen Schreckgespenst der Meere nachzujagen. Nemo, Ahab, Drake, um nur einige von denen zu nennen, unter deren Kommando ich stand. Ich dachte, ich sei gewappnet für meine nächste Seereise. Ich dachte, ich hätte bereits alles erlebt.

Weit gefehlt. Da schippert man auf den Weltmeeren umher, sieht Schiffe kommen und gehen, überlebt selbst die aberwitzigsten Situationen und lernt, selbst mit Kapitänen zu leben, die vom Pech verfolgt sind und absolut jedes Schiff auf Grund setzen. Ich dachte genügend gesponnenes Seemannsgarn entwirrt zu haben, um an Bord der Volunteer überleben zu können. Um es mit Elias zu sagen, der bereits einen gewissen Ismael vor der Fahrt mit der Pequod unter dem Kommando von Kapitän Ahab gewarnt hat: Nehmt Abstand von der Volunteer, wenn ihr sie im Hafen seht. Geht nicht an Bord. Heuert auf keinen Fall an, nehmt eure Beine in die Hand und rettet euch, bevor es zu spät ist. Eine Fahrt auf diesem Walfangschiff kann euch das Leben kosten. Ich weiß, wovon ich rede. Wenn ihr mir nicht glaubt, dann vertraut auf Ian McGuire. Lest das Logbuch der letzten Fahrt dieses Schiffes. Folgt ihm auf das Nordwasser und sagt später nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Nordwasser von Ian McGuire

Wir befinden uns in der Mitte des 19. Jahrhunderts im englischen Seehafen Hull. Der traditionelle Walfang ist im Niedergang begriffen. Einerseits wurden die Weltmeere von zahllosen Walfangflotten leergefischt und andererseits beeinträchtigen Erdölfunde den Absatz von Tran als Schmiermittel und Lampenbrennstoff. Umso verwunderlicher mutet es an, dass gerade ein Schiff für eine große Walfangexpedition ausgerüstet wird. Die „Volunteer“ liegt bereits im Hafen, die Mannschaft wird angeheuert und das Schiff wird beladen. Es werden Harpuniere, Schiffsjungen, Zimmerleute, Maate und Matrosen benötigt. Einen Kapitän hat der Schiffseigner Baxter bereits gefunden. Brownlee haftet jedoch der Makel an, vom Pech verfolgt zu sein. Katastrophen pflastern seinen Weg.

Und doch vertraut man gerade ihm die Volunteer an. Und wie überall in den großen Hafenstädten dieser Zeit tummeln sich undurchsichtige Gestalten, die auf einem Schiff anheuern wollen. Gründe gibt es viele. Die Suche nach Reichtum, der Wunsch einfach mal eine Zeitlang unterzutauchen, oder die Sehnsucht nach der Weite des Meeres. So setzt sich auch die Mannschaft der Volunteer zusammen. Heterogen, könnte man fast sagen. Als katastrophal müsste man es bezeichnen, wenn man ehrlich ist. Denn neben dem vom Seepech geplagten Kapitän gehen ein perverserer Serienmörder und ein Arzt an Bord, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. Henry Drax ist eine tickende Zeitbombe mit brutalsten Neigungen und Patrick Sumner therapiert sein Versagen auf dem indischen Kontinent, indem er der beste Kunde der eigenen Medikamente ist. Sie sind beide gleichermaßen süchtig. Gemeingefährlich ist nur Drax.

Nordwasser von Ian McGuire

Ian McGuire pfercht uns im Erzählraum Volunteer ein. Sie wird unser Schicksal und die Mission des Schiffes mündet in die Katastrophe. Spätestens als ein Schiffsjunge an Bord mehrfach vergewaltigt und auf bestialischste Art und Weise ermordet wird, wird es richtig eng auf der Volunteer. Jeder gegen jeden, so könnte man sagen und mittendrin ein Arzt, der als einziger einen kühlen Kopf bewahrt und dem Täter auf die Spur kommt. Hier schreibt uns der Autor in ein Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer hinein. Das Wagnis Walfang scheint ihm nicht zu genügen. Ian McGuire macht aus diesem Schiff ein schwimmendes rechtsmedizinisches Inferno. Man braucht gute Nerven, um angesichts der Taten bei Leseverstand zu bleiben. Hier geht es brutal und heftig zu. So behandelt man nicht Mal die gejagten Wale. Ehre ist ein Fremdwort.

Um dem gesamten Szenario die Spannungskrone aufzusetzen mischt Ian McGuire einige weitere eisige Zutaten in diese Mischung aus Abenteuerroman und Thriller. Das Nordwasser als Schauplatz der verwegenen Fahrt der Volunteer mutiert zum Szenario großer gescheiterter Expeditionen. Ernest Shackleton lässt grüßen, wenn das Eis droht, die Volunteer zu zerquetschen. „Wild“ von Reinhold Messner wird zum Setting, als die Kälte die Kabinen des Walfängers erreicht. „Everland“ von Rebecca Hunt könnte Pate gestanden haben, wenn es gilt auf verzweifelte Robben- und Bärenjagd zu gehen. Und „Moby Dick“ von Hermann Melville grüßt uns auf jeder Seite von „Nordwasser“. Keine Frage: Dies ist das facettenreichste vielschichtigste Abenteuer, auf das ich mich jemals einließ.

Nordwasser von Ian McGuire

Überlegt euch sehr gut, ob ihr das „Nordwasser“ befahren wollt. Stellt euch darauf ein, an Bord der Volunteer grausamste Verbrechen zu erleben. Rechnet damit, dass es kälter wird, als ihr es euch je vorstellen konntet. Lernt die Sprache der Eskimos. Wenn ihr ihnen im Roman begegnet, wisst ihr, wovon ich hier rede. Scheut nicht davor zurück, Robben zu jagen, Wale zu schlachten und Eisbären zu verfolgen. Bereitet euch darauf vor, das Indien der Kolonialzeit zu erleben, weil ihr nur so begreift, warum ein britischer Arzt unehrenhaft das Schlachtfeld räumen muss. Und habt keine Angst davor, an Bord an allem zu leiden, woran man nur leiden konnte, wenn man zur falschen Zeit nicht am richtigen Ort ist.

Spannender kann eine Schiffsreise nicht sein. Ian McGuire hat den bekannten und legendären Abenteuerklassikern die Krone aufgesetzt, indem er uns mit einer multiplen Szenerie konfrontiert. Es gibt keine Rettung aus seinem Erzählnetz. Wenn er die Leser harpuniert hat, gibt es kein Entrinnen. Weder an Bord, noch an Land könnt ihr gerettet werden. Ihr müsst schon bis zum finalen Showdown ausharren, die Augen offenhalten und den Mut nicht verlieren. Ich kann euch nur raten, euch dem Arzt anzuvertrauen. Er weiß, was er tut. Zumindest, wenn das Laudanum wirkt. Patrick Sumner ist in der Tiefe seines Charakters so treffend beschrieben, dass man sich am Ende der Reise mit ihm auf jede weitere Reise begeben würde. Ob das möglich ist? Ob er überlebt? Ob es ihm gelingt, den Orkan auf dem „Nordwasser“ zu besänftigen? Wer weiß, wenn man nicht liest? So ist es immer im Leben.

Nordwasser von Ian McGuire

Geht an Bord. Leinen los. Winkt euren Lieben ein letztes Mal und seid versichert, dass ihr gut versichert seid. Das ist allerdings auch das Einzige, das ich euch mit auf diesen Weg geben kann. Natur, Verbrechen, Hass, Glaube und Hoffnung gehen Hand in Hand in der Klaustrophobie dieser fulminanten Erzählung. Nur eines werdet ihr auf der Reise nicht finden. Romantik oder Liebe, Frauen oder Familien, die auf euch warten. Das hier ist eine Männerwelt, die allerdings geeignet ist, gerade weiblichen Lesern Gänsehaut in ihr beschauliches Leben zu zaubern. Hier gibt es kein „Frauen und Kinder zuerst“. Hier geht nicht der Kapitän als letzter Mann von Bord.

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

Ich winke euch ein letztes Mal zu. Gute Reise. Ahoi ihr Mare – Landleseratten…

Nordwasser von Ian McGuire