„Bis an die Grenze“ von Dave Eggers – Ein Ausstieg mit Folgen

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Nun gut. Dave Eggers zieht erneut seine Kreise, um in dem Bild zu bleiben das er in seinem Roman Der Circle selbst skizzierte. Während sich der Autor in seinem letzten Buch mit den allgegenwärtigen Fragen der Hightech-Gesellschaft, ihrer sozialen Struktur, den Arbeitsbedingungen und der Ausfächerung der globalen Transparenz mit all ihren Risiken widmet, beschreitet er nun minimalistisches Neuland. Ein Roadtrip aus seiner Feder mutet schon eher merkwürdig an, macht jedoch neugierig.  Noch dazu, da es sich hier um den Ausstieg einer Frau handelt, die am Ende des Weges keine andere Chance sieht, als mit ihren beiden Kindern nach Alaska durchzubrennen.

Bis an die Grenze, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch, muss hier doppeldeutig verstanden werden. Landesgrenzen meint Eggers sicherlich nicht, eher die Grenzen an die man stößt, wenn man alles hinter sich lässt und in einer wilden Flucht auf der Suche nach sich selbst ein neues Leben beginnt. Der Originaltitel „Heroes oft he Frontier“ ist ein noch deutlicherer Fingerzeig auf die Grenzerfahrungen, die auf die Protagonisten in dieser Geschichte warten. Ich war sehr gespannt, ob es Eggers gelingt, mich mit dieser für ihn ungewohnten Thematik ebenso zu fesseln, wie es ihm zuvor in „Der Circle“ auf grandiose Art und Weise gelang.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Zumindest liest sich die Story flüssig, das war mein erster Eindruck. Mehr aber auch nicht. Musste man bei Dave Eggers bisher sehr aktiv und fast analytisch lesen, sich auf eine Vielzahl von Akteuren einlassen, so treibt man hier ziemlich sanft in den Strudel, in dem es letztlich nur um drei Menschen geht, deren Roadtripbegleiter wir werden. Da ist Josie, Zahnärztin und Mutter zweier Kinder, die vor den Trümmern ihrer Existenz steht. Und da sind Paul (8) und Ana (5), die im Treibsand des am Abgrund stehenden Lebens ihrer Mutter unweigerlich mitgerissen werden.

Und da ist die Welt. Das Leben. Das Nichts, weil alles entgleitet, nichts mehr richtig funktioniert und alles ins Taumeln bringt. Die Schadensersatzklage einer Patientin führt zum Verlust der Zahnarztpraxis. Der Anruf von Carl, dem unzuverlässigen Erzeuger der beiden Kinder, der nun endlich heiraten will – allerdings nicht Josie, sondern seine neue Flamme, führt zum Verlust ihres Selbstwertgefühls und die Herausforderungen an eine alleinerziehende Mutter übersteigen das Maß des Realisierbaren. Hier liest sich Eggers sarkastisch, deprimierend und aberwitzig, wenn man sich in die Lage von Josie versetzt und ihr Scheitern erlebt.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Nur noch raus. Das ist die Devise. Rette sich, wer kann. Josie wagt die Flucht nach vorne, mietet mit dem letzten verbleibenden Geld ein heruntergekommenes Wohnmobil und schnappt sich ihre überraschten Kinder. Ohne jemanden zu informieren begibt sich das Trio auf den Weg zum entlegensten Ort in den USA, den man ohne Pass erreichen kann. Alaska. Die Reise in ein neues Leben entwickelt sich in vielfacher Hinsicht zum Fiasko. Das Wohnmobil hat seine Tücken, Alaska präsentiert sich nicht gerade von der besten Seite und die Menschen, denen die drei Aussteiger begegnen gehören wirklich nicht zu den Menschen, denen man gerne begegnet wäre. Zumindest anfänglich.

Ganz ziellos ist die Fahrt nicht. Zumindest einen Menschen kennt Josie in Alaska und die Vorstellung, ihrer gefühlten Stiefschwester Sam zu begegnen, gibt Josie ein wenig Halt und Zuversicht. Zumindest anfänglich. Aus dem Ausstieg wird eine heillose Flucht und die Verkettung der Absurditäten “on the road“ macht das Lesen dieses Romans zu einer eigenständigen Grenzerfahrung für Leser. Je weiter das Trio vorankommt, desto intensiver vollzieht sich die Veränderung in jedem einzelnen. Josie wird mit jeder Meile zusehends von ihrer Vergangenheit, ihren Schuldgefühlen und der Aussichtslosigkeit in ihrem Leben eingeholt. Die chaotische Ana (ein Mädchen, von dem man sich wünscht, es möge einem nie wirklich begegnen) und ihr fürsorglicher Bruder Paul (ein Junge, von dem man sich wünscht, er würde wirklich existieren) machen die Reise zum reinen Abenteuer für eine Mutter, die an ihrer Verantwortung zu scheitern droht.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Während Alaska in Waldbränden erstickt, die Landschaft immer wilder wird und sich die Beschränkung auf das absolut Lebensnotwendige zu einer radikalen Rosskur für die kleine Fluchtfamilie entwickelt, schärft sich Josies Blick und sie beginnt im Chaos ihres Lebens Muster zu entdecken und Automatismen zu fühlen, die sie ihre Freiheit gekostet haben. Ganz am Boden angekommen konturiert sich in der verbrannten Erde in Alaska ein Phönix, der aus der Asche aufsteigen kann, wenn er die Fesseln des Lebens lösen kann. Das unterscheidet Josie von den Tieren eines Zoos in Alaska.

Sie sahen eine Antilope, staksig und dumm; sie ging ein paar Schritte, blieb dann stehen, um verloren auf die grauen Berge in einiger Entfernung zu starren.

Ihre Augen sagten: Nimm mich, o Herr. Jetzt bin ich gebrochen.

Dave Eggers hat es geschafft, mich „Bis an die Grenze“ zu bringen. Sein Roadtrip beinhaltet nicht nur das Psychogramm einer gescheiterten Frau. Der Autor rechnet hier sprachgewaltig, hoch emotional und sarkastisch mit den sozialen Rahmenbedingungen ab, an denen man letztlich scheitern muss, wenn das Leben aus dem Ruder läuft. „Bis an die Grenze“ ist eine Charakterstudie von Format, ein extrem tief angelegter Roman über die väterliche Flucht aus der Verantwortung, den gesellschaftlichen Druck auf eine alleinerziehende Mutter und die fatalen Altlasten einer nicht bewältigten Vergangenheit. Ein Buch für Männer und Frauen zugleich. Temporeich, unterhaltsam, psychologisch, zum Brüllen komisch und zum Heulen fatalistisch.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Hier hat mich das Lesen so nachhaltig gefesselt wie bei Cheryl Strayed und ihrem Selbstfindungsbuch „Der große Trip“. Sie braucht kein Wohnmobil, sie ist allein und begibt sich auf den Pacific Crest Trail. Hier ist es die tatsächliche weibliche Perspektive an der ich mich ausrichten konnte. Hier ist es unglaublich packend zu sehen, wie man sich neu ausrichten kann, wenn die innere Kompassnadel zum Kreiselkompass wurde. Beide Bücher sollten nebeneinander im Bücherregal des Lebens stehen. Sie sind gutes Rüstzeug, wenn man selbst an die Grenzen kommt.

Aussteiger – Der große Trip und Bis an die Grenze

„Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Warum sollten Jugendliche Romane lesen, die sich mit der Sklaverei zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges auseinandersetzen? Erstens ist das doch nun schon längst überholte Geschichte und zweitens haben die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama bewiesen, dass man Geschichte sehr nachhaltig korrigieren kann. Und es gibt weitere Beispiele, die deutlich zeigen, dass ein solch antiquiertes Thema nun wirklich nicht mehr en vogue ist. Selbst in Südafrika, dem Hotspot der Apartheit schrieb mit Nelson Mandela ein Präsident Geschichte, der selbst 27 Jahre lang politischer Gefangener des Landes war, das er später regierte.

Warum also sollte man jungen Lesern einen Roman empfehlen, der maximal in der Tradition von Margaret Mitchell`s „Vom Winde verweht“ daherkommen kann und nicht viel mehr als stereotype und romantisierte Kulissenschieberei betreiben kann, in der die Sklaverei letztlich nur als das Setting herhalten muss, um eine Geschichte zu erzählen, die durch Zwang, Unterdrückung und Ungerechtigkeit von außen ihre bedrohlichen und spannungsgeladenen Rahmenbedingungen sucht? Muss das sein? Gibt es kein Thema mehr, das heute ein wenig relevanter erscheint? Sklaverei ist doch längst überwunden!

Echt jetzt?

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Was haltet Ihr von dieser Schlagzeile?

Die „Washington Post“ wird bei der Pulitzer-Preisverleihung 2016 in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank geehrt, die zeigt, wie oft. warum und auf wen Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die „Post“ ermittelte dabei, dass Polizeibeamte im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Und die Tendenz ist steigend

Ihr denkt, das hat nichts mit Sklaverei zu tun? Ihr denkt, im modernen Amerika hat einseitige Polizeigewalt ganz andere Ursachen als Rassismus? Falsch! Es geht hier um all die Automatismen, die historisch verankert wurden und geblieben sind. Es geht hier um das vererbte Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Folgt man Ta-Nehesi Coates in sein Buch „Zwischen mir und der Welt“, dann erkennt man schnell, dass es auch heute noch genügend Gründe für einen schwarzen Vater gibt, seinem Sohn einen Brief zu schreiben, um ihm zu erklären, dass die Sklaverei von einst für den Rassismus von heute verantwortlich ist.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Nichts ist hier bewältigt. Nichts ist überwunden. Und genau hier liegt die Relevanz von Jugendbüchern, die sich in aller Tiefe mit Sklaverei beschäftigen. Nur wer heute die Ausmaße und die Selbstverständlichkeit der Versklavung von Menschen versteht, sieht die noch immer greifbaren Folgen und kann sich in die Lage von Menschen versetzen, die mehr als nur ihre Freiheit verloren haben, um den Reichtum ihrer Sklavenhalter zu mehren. Sie verloren alles: Ihre Identität, den freien Willen und die Menschenwürde. Es gehört zu den Privilegien unseres Lesens, diese Zeit in unser Gedächtnis zu rufen und aktiv dazu beizutragen, dass Sklaverei in jeder Form der Vergangenheit angehört.

Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter, erschienen im Königskinder Verlag ist über jeden Verdacht erhaben, sich des Themas Sklaverei als pure Kulisse zu bedienen, in der eine spannende Story erzählt werden kann. Nein. Hier geht der Autor einen sehr geraden Weg in seiner Betrachtung und Bewertung der in den Südstaaten modernsten Form der Massentierhaltung zur Ertragssteigerung in der Baumwollproduktion. Treffend führt er seinen Lesern vor Augen, wie Sklaven von ihren Besitzern betrachtet, gehalten und verkauft wurden. Die Prämissen sind eindeutig und entmenschlichend zugleich.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Parameter der Sklaverei:

* Schwarze könnten sich niemals selbst versorgen
* Sie sind auf die Weißen angewiesen, sonst würden sie verhungern
* Ungehorsam ist mit der Peitsche in den Griff zu bekommen
* Lesen und Schreiben bleibt ihnen vorenthalten, Bildung ist gefährlich
* Familien existieren nicht. Sklaven können von der Herde getrennt werden
* Eigener Verstand und eigener Wille werden Sklaven nicht zugestanden
* Arbeit unter unwürdigen Bedingungen gehört zum Alltag
* Die Religion legitimiert die Sklavenhaltung, weil es schon immer Knechte gab
* Sklaven haben nicht das Recht auf Freizügigkeit
* Sklaven haben kein Recht auf Individualität und Identität.

Reicht das? Ich denke schon. Diese Liste ist auch anhand des vorliegenden Romans endlos zu erweitern und all ihre Bestandteile charakterisieren die Ausnahmesituation in der sich Sklaven auf den Plantagen im ganzen Süden befunden haben müssen. Das ist keine Kulisse, die von Jon Walter im Sinne seines Buches zurechtgerückt wird, wie es ihm beliebt. Nein. Es ist die historische Wahrheit, die sich hier in aller Brutalität auf das Leben der Menschen auswirkt, die in seinem Roman eine Hautfarbe haben, die sie von Geburt an zu Opfern macht. Jon Walter bricht aus diesem Bild nicht aus, er romantisiert nicht und zeigt dabei zeitlos auf, was Entrechtung in aller Konsequenz bedeutet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

„Mein Name ist nicht Freitag.“ Ein Titel, der diesem Buch einen Namen gibt. Jedoch auch ein Titel der schon zeigt, dass der Verlust der Identität hier eine große Rolle spielt. Der 12-jährige Samuel verliert bei einer Sklavenversteigerung im Handumdrehen alles, was einen Menschen auszeichnet. Die Freiheit, den eigenen Namen und jede Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Seine Hautfarbe allein ist schuld. Dabei hätte er nicht verkauft werden dürfen, kam er doch als freier Schwarzer zur Welt und lebte behütet in einem Kinderheim. Das Schicksal jedoch machte einen Sklaven aus ihm und der neue Besitzer, ein ebenfalls erst 12-jähriger Sohn der Plantageneigner, gibt ihm einen neuen Namen. Freitag.

An Samuels Seite lernen wir das Leben der Sklaven auf der Plantage kennen. Hier regieren zwar nicht die stereotypen brutalen Sklavenhalter, aber die Grenzen sind ganz klar gezogen. Was niemand ahnt, entwickelt sich zum Problem. Samuel kann lesen und schreiben. Und nicht nur das. Er bringt seinen Leidensgenossen etwas bei, was aus der Sicht der Besitzer undenkbar ist. Schwarze können nicht lesen. Das ist verbrieft. Als der Krieg und die Befreiung näher rücken, beginnt das Pulverfass zu explodieren. Aus den hilflosen und untertänigen Sklaven werden selbstbewusste Menschen, die sich nun mit aller Macht auf ein Leben nach der Sklaverei vorbereiten. Ein Kampf, der Opfer kostet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Freiheit am Ende dieser Geschichte ist nicht die Freiheit, die man sich erhofft hatte. Es ist nicht die Freiheit, wie man sie eigentlich empfinden sollte. Dieser Prozess dauert bis heute an und weist eine traurige Geschichte auf. „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist ein Lehrstück für die fatale Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg. „12 Years a Slave“, „Roots“ und „Der Butler“ zeigen mit filmischen Mitteln, wie lang es dauerte, bis Freiheit so schmeckte, wie sie schmecken muss. Nicht mehr nach Blut.

Hätte Samuel in dieser Geschichte einen Vater gehabt, und hätte dieser ihm einen Brief geschrieben, er würde sich genauso lesen, wie der Brief von Ta-Nehisi Coates an seinen Sohn. Und dies genau 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nein. Sein Name ist nicht Freitag. Sein Name ist und bleibt Samuel. So sollte uns dieses Jugendbuch in Erinnerung bleiben. Samuel ist es, dessen Geschichte wir lesen und die für unzählige wahre Geschichten steht.

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Über die russische Seele zu schreiben bedeutet, sich mit den Besonderheiten und der Geschichte eines Landes und seiner Menschen auseinanderzusetzen, um dann zu erfühlen, was es für einen Russen heißt, wenn er von Heimat spricht. Nur dann ist man in der Lage zu verstehen, welche Welten aufeinanderprallen, wenn diese unverfälschte Seele auf politische Systeme trifft und instrumentalisiert wird. Nur so verstehen wir, was so gerne hinter vorgehaltener Hand und voller Vorurteile über einen historischen Kamm geschert wird. Nur wenn wir Menschen von Systemen trennen, erkennen wir die Kreise, die sich in der Geschichte geschlossen haben und solche, die bis heute offen sind.

„Russisch zu sein hieß, pessimistisch zu sein;
sowjetisch zu sein hieß, optimistisch zu sein.
Darum war das Wort Sowjetrussland ein Widerspruch in sich.“

Julian Barnes bewegt sich in seinem Roman Der Lärm der Zeit“ (Kiepenheuer und Witsch) genau auf der Grenzlinie dieser Verwerfung und konfrontiert seine Leser mit einem Menschen, der zeitlebens zwischen den Mühlsteinen dieses tiefen Widerspruchs aufgerieben wurde. Dmitri Schostakowitsch, einer der wohl berühmtesten russischen Komponisten, dessen Biographie sich liest, wie die Lebensschreibung eines Wanderers zwischen den Welten. Einerseits verfemt, bedroht, verboten, verfolgt, ausgestoßen und als gefährdend für die sowjetische Kultur eingestuft, andererseits hofiert, mit Orden und Ehren überhäuft als linientreuer Repräsentant des Kommunismus der Vorzeigekünstler einer ganzen Nation. Was für eine Gratwanderung.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes schlüpft in die Rolle des virtuosen Komponisten, der zeitlebens nur wollte, dass seine Musik einfach nur Musik sein könnte. Ein Wunsch, der ihm verwehrt wurde, weil er eben in einem Land lebte, das in seiner ideologischen Zerrissenheit und den diktatorischen Anwandlungen genau nach den Künstlern suchte, deren Musik sich für die politischen Zwecke instrumentalisieren ließ. Da liegen sich die Diktatoren dieser Welt einträchtig in den Armen, wenn es gilt „entartete Kunst“ zu brandmarken und sich der Kunst zu bedienen, die dem Machterhalt dient. Die Kriterien sind fließend, kaum zu identifizieren und der ständigen Willkür unterworfen. Kein guter Nährboden für kreative Freiheit. Kein Nährboden für Kultur. Lebensgefährlich für Freidenker.

So lernen wir Schostakowitsch kennen. Gefeiert, weltweit aufgeführt und geschätzt. Nicht nur in Leningrad eines der Aushängeschilder der Hochkultur eines Landes. Seine Werke erobern die Konzerthäuser der Welt. Alles könnte einfach sein, der Weg könnte so harmonisch verlaufen, gäbe es nicht die eine kleine Disharmonie, die das Leben von Schostakowitsch von heute auf morgen unter Vorbehalt stellt. Der 26. Januar 1936 war der Startpunkt eines heißen Ritts auf der musikalischen Rasierklinge, von dem sich der große Komponist nie wieder erholen sollte.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Die Aufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wäre sicher ein erneuter Erfolg gewesen, wäre nicht ausgerechnet der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Josef Stalin, persönlich in einer Loge Zeuge der Inszenierung gewesen. Alles wäre wie gewohnt gelaufen, hätte Stalin nicht vorzeitig das Konzerthaus verlassen und wäre nicht am nächsten Tag ein Artikel in der Prawda erschienen, der Schostakowitschs Kunst unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ zu einer volksgefährdenden Abart der wahren Kunst erklärte. Und wäre dieser Artikel nicht von Josef Stalin selbst verfasst worden, man hätte ihn vielleicht überleben können.

So jedoch kamen diese Zeilen einem Todesurteil gleich. Julian Barnes entwirft auf der Grundlage dieser Ausgangssituation das Psychogramm und eine Charakterstudie des zartbesaiteten Komponisten, dessen Saiten fortan zum Bersten gespannt sind. Mit seiner oftmals minimalistisch erscheinenden, aber umso eindringlicheren Erzählweise ermöglicht Barnes den Blick ins Innere eines Künstlers, der sich plötzlich ausgegrenzt und verfolgt sieht, wo ihm zuvor nur Zuneigung begegnete. Aus dem Treibenden wird ein Getriebener.

„Jetzt besprachen sie nicht einfach seine Musik,
jetzt schrieben sie Leitartikel über seine Existenz.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Hier ist der Roman Lärm der Zeit system- und zeitlos. Das Schicksal der Künstler, die plötzlich in die Mühlen der politischen Systeme geraten gleicht sich von Diktatur zu Diktatur und von Land zu Land. Die Mittel der Ausgrenzung und Unterdrückung fühlen sich weltweit identisch an und die psychologischen Begleiterscheinungen sind fatal. Aus Menschen werden Gejagte und das Verschwinden von Bekannten und deren Familien wird zum Damoklesschwert des eigenen Lebens. So finden wir Schostakowitsch Nacht für Nacht mit gepacktem Koffer am Fahrstuhl vor seiner Wohnung stehen. Wartend auf den Zugriff der Staatsorgane. Hoffend, dass man ihn alleine inhaftiert und verschwinden lässt, ohne auch noch Hand an seine Familie zu legen.

Ein Bild, das sich nicht nur auf dem Buchcover wiederfindet, sondern sich im Leser festsetzt. Julian Barnes folgt Schostakowitsch psychologisch und biografisch durch ein langes Leben unter sich verändernden politischen Vorzeichen. Er veranschaulicht einen Weg, der in sich unverständlich scheint. Er macht transparent, was Zwang und Angst in einem Künstler auslösen und wie leicht es letztlich ist, aus einem Opfer einen Täter zu machen. Schostakowitsch tritt nach Stalins Tod in die Kommunistische Partei ein. Seine Handlungsweisen, Ämter und Auszeichnungen lassen ihn aus heutiger Sicht als reinen Opportunisten wirken, der alles unternahm, um seine eigene Musik zur Staatsmusik im kommunistischen Umfeld zu erheben. So leicht macht es sich Julian Barnes nicht. Sein empathischer Roman ist keine Rechtfertigungsschrift für einen Irrläufer der Geschichte. „Der Lärm der Zeit“ veranschaulicht die Automatismen der Ausgrenzung und Entartung, die aus Menschen voller Harmonie blinde Schafe machen, die froh sind, einfach nur zu leben.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes präsentiert mit „Der Lärm der Zeit“ einen bedeutenden Roman, der gerade in der heutigen Zeit an Relevanz gewinnt. Er widmet sich den Fragen, wem die Kunst gehört und wie weit Opportunismus in seiner Außenwirkung gehen darf, ohne den Einzelnen nachhaltig zu beschädigen. Julian Barnes fällt kein Urteil, sondern macht es seinen Lesern leicht, den Blick hinter die Kulissen totalitärer Systeme zu werfen und zu hinterfragen, wo denn wirklich die Möglichkeiten eines Einzelnen liegen, Widerstand zu leisten. Dieses Buch beschreibt eindringlich die sympathische und bewundernswerte Seite der russischen Seele, die so oft vom Personenkult in den Dreck gezogen wurde.

Was Barnes ausblendet ist die erzielte Außenwirkung der Strategie Stalins. Musik wurde zur Waffe. Auch Schostakowitsch lieferte Munition und Zündstoff, um selbst nicht unterzugehen. Er komponierte regimetreu, ängstlich und brav. Die Musik verfehlte ihre Wirkung niemals. Seine „Sinfonie gegen den Faschismus“ wurde im August 1942 mit Lautsprecherwagen im besetzten Leningrad übertragen. Die Menschen schöpften Kraft und Schostakowitsch trug wohl erheblich dazu bei, dass Hitler schon besiegt war, bevor die Musik verklang. Die kleine Lena Muchina und Daniil Granin wissen ein Lied davon zu singen.

Man sollte auch heute noch ganz genau hinhören, was man zu hören bekommt, wenn man hinhört…

„Kunst ist das Flüstern der Geschichte,
das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes - Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes – Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

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„Dark Noise“ von Margit Ruile

Dark Noise von Margit Ruile

Es beginnt für mich bereits am frühen Morgen. Schon auf dem Bahnsteig werde ich von der ersten Überwachungskamera ins Visier genommen. In der S-Bahn gerate ich in den Fokus unzähliger Objektive und auch mein Ausstieg am Münchner Hauptbahnhof wird festgehalten. Kaum eine Überwachungslücke, keine Nische, kein toter Winkel. Erst mit dem Betreten des Büros erreiche ich einen Bereich, der sich unbeobachtet und fast privat anfühlt. Ich habe damit kein Problem. Ich stelle ja nichts an, habe keine Pläne für kriminelle Aktivitäten und fühle mich recht sicher. Als Opfer von Gewalttaten ist es wohl überlebenswichtig, den Täter mit Hilfe von Überwachungsvideos zu identifizieren.

Wer denkt da nicht an Frauen, die auf Rolltreppen zu Boden getreten werden oder an Flughäfen, deren Videoüberwachung terroristische Anschläge aufklären kann? Wer denkt nicht an einen Mordanschlag auf den Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un? Alles nur zu unserer Sicherheit. Biometrische Ausweise, Kameras wohin wir schauen und subjektiv haben wir das Gefühl, in Abrahams Schoß zu wandeln. Aber wer sitzt auf der anderen Seite der Objektive? Wie geht man mit der Flut an Information um, die sich hier aufstaut? Und was ist, wenn unsere gesammelten Daten missbraucht werden? Handyortung, abgehörte Telefone, Kameras und bald das autonome Fahren. Werden wir zu gläsernen Menschen und wer profitiert vom Security-Hype?

Dark Noise von Margit Ruile

Ein spannendes Thema. Margit Ruile stellt es in ihrem Roman Dark Noise in den Brennpunkt des Geschehens. Was George Orwell mit seiner düsteren Zukunftsvision „1984“ so beklemmend skizzierte, setzt Margit Ruile auf dem Stand der Technik des 21. Jahrhunderts mit völlig neuen Aspekten fort und weckt ein beklemmendes Gefühl. Mehr als das. Ich habe versucht das Buch zwischen mich und den Blickwinkel der Kameras in der S-Bahn zu bringen. Ich wollte unsichtbar bleiben, unentdeckt lesen und mich vor den aufdringlichen Blicken der „Big Brothers“ unserer Tage schützen.

Warum ich den Kameras plötzlich misstraute? Was mich ängstigte? Da sollten Sie einen einzigen Blick in „Dark Noise“ (Loewe Verlag) werfen. Ein Blick genügt. Glauben Sie mir. Er wird genau 288 Seiten lang sein. Und keine Sorge. Sie kommen gar nicht zu Augenblicken der Pause und Blinzeln geht schon gar nicht. Denn Margit Ruile spielt mit unserem Misstrauen gegenüber der Technik und stellt die Videoüberwachung unter den Vorbehalt der möglichen Manipulation. Undenkbar, dass Videosequenzen nicht zeigen, was tatsächlich geschah. Undenkbar, dass es wirklich möglich ist, diese offiziellen und seriösen Quellen zu verändern und damit eine kriminelle Energie zu entwickeln, die wir uns kaum vorstellen können.

Dark Noise von Margit Ruile

„Dark Noise“ ist ein Höllentrip auf dem schmalen Grat des technisch Machbaren und der Vision des Möglichen. Einer der apokalyptischen Technikfreaks ist Zafer. Er entspricht genau unseren Vorstellungen eines Computer-Nerds. Das reale Leben stellt zu große Herausforderungen an ihn. Erst vor dem Monitor, unsichtbar für den Rest der Welt und ohne soziale Kontakte kann er sein Talent ausleben. Er verändert die Realität. Also nicht wirklich, aber zumindest dort, wo sie fehl am Platz ist. Seine Arbeit ist für die Filmindustrie unverzichtbar. Er entfernt Markennamen, störende Details und mehr aus den Videosequenzen einer Fernseh-Soap. Und das macht er so gut, dass man niemals wieder erkennen würde, dass die Aufnahmen im Original anders aussahen.

Ein kleiner Zusatzauftrag verändert sein Leben. Ein kurzes Überwachungsvideo aus einer der unzähligen Kameras seiner Stadt, ein Fahrzeug, das eine Tiefgarage verlässt und eine kleine und geheimnisvolle Botschaft lösen eine Kette von Ereignissen aus, in der Zafer sich zusehends gefangen sieht. Es gibt kein Entkommen.

„Lass die Nummer verschwinden. Wie schnell bist du, Zafer?“

Nichts leichter als das. Ein Kfz-Kennzeichen auf einem bewegten Bild zu verändern, stellt nur eine Fingerübung für Zafer dar. Er ist schnell. Er ist gut. Er ist perfekt. Und als kleine Aufwandsentschädigung wird er fürstlich entlohnt. Diesem kleinen Auftrag folgen größere. Es wird komplexer, aber Zafers technischer Ehrgeiz ist geweckt und er schafft alles in Perfektion. Er lässt einen Mann aus einem Überwachungsvideo verschwinden und montiert einen anderen in eine völlig neue Umgebung. Gründe interessieren Zafer nicht. Die Folgen ebenso wenig. Sein Können steht im Vordergrund und endlich kann er mal zeigen, wozu er wirklich in der Lage ist. Seine Videos formen eine neue Welt.

Dark Noise von Margit Ruile

Ob Zafer mit dieser neuen Welt zurechtkommt? Nein. Denn spätestens als er seine Werke im Fernsehen sieht, als er die Schlagzeile vom Journalistenmord realisiert und der Mann zum Tatverdächtigen wird, den Zafer in das Video montiert hat, wird ihm zum ersten Mal die Tragweite seines Handelns bewusst. Nur er hat den Schlüssel in seiner Hand. Nur er kann den Verdächtigen entlasten, aber: Was eigentlich einfach klingt, wird für Zafer zur lebensbedrohlichen Jagd in einer Welt der Daten-Highways. Nur mit dem Unterschied, dass er selbst auf der falschen Fahrbahn in den Untergang rast.

Margit Ruile lässt ihren Protagonisten nicht im freien Raum hängen. Auch wenn er von „seiner“ Autorin von einem Schlamassel in die nächste Zwickmühle getrieben wird, er ist nicht allein in seinem Kampf um die Wahrheit. Er begegnet einer jungen Frau, für die unsere Welt nur aus Tönen und Melodien zu bestehen scheint. Ihre Gitarre und die Straßenmusik dominieren ihr Leben. So sieht es jedenfalls aus. Dass Emily jedoch die Speerspitze einer Untergrundbewegung im Kampf gegen die Videoüberwachung durch den Konzern „Argos“ ist, das begreift Zafer erst, als ihm klar wird, dass es ein Leben jenseits der virtuellen Welt gibt. Ein Leben an der Seite von Emily vielleicht. Man sollte nur überleben. Das jedoch ist schwer genug.

Dark Noise von Margit Ruile

„Dark Noise“ ist ein IT-Technik-Thriller mit menschlichem Tiefgang. Margit Ruile streift die wichtigen Themen unsere Zeit nicht nur, sie lässt ihre Leser in eine Welt mit eigenen Gesetzen abtauchen. Der Spagat zwischen Sicherheit und Kriminalität gelingt ihr in ihrem Erzählraum, weil sie die Grenzen des heute schon Realisierbaren fließend überschreitet und visionäre Denkanstöße liefert, die eine tiefe Auseinandersetzung mit den Themen Identität, Authentizität, Datensicherheit und Kriminalität anstößt. Dabei ist die zwischenmenschliche Seite des Jugendbuchs, das zum All-Age-Utopiethriller taugt, so greifbar und emotional beschrieben, dass man die Konsequenzen der Manipulation körperlich und seelisch fühlen kann.

Dabei ist ihr Erzählstil eigenwillig. Sie charismatisiert nicht nur die Protagonisten, sie kommentiert und bewertet auch die Erzählperspektiven mit Einschüben, die zusätzliche Spannung erzeugen. Man muss sich diese Perspektiven in „Dark Noise“ selbst erlesen und sie entdecken. Dann ist man auf dem besten Weg zu verstehen, wer hier eigentlich zu uns spricht und warum es so wichtig ist, genau dieser Person blind zu vertrauen. Es ist eine Geschichte, die sich für eine Verfilmung aufdrängt. „Dark Noise“ ist ein Thriller der uns in eine Kopfkino-Vorstellung katapultiert, bei der wir in der ersten Reihe sitzen und völlig vergessen, unser Popcorn zu genießen.

Ich bin froh, unsere Überwachungssysteme in guten Händen zu wissen. Bleibt die Frage, ob ich es denn wirklich weiß… Danke für diesen gesunden Zweifel, Margit Ruile…

Dark Noise von Margit Ruile – Perfekt für Layers-Fans von Ursula Poznanski

David Foenkinos – „Das geheime Leben des Monsieur Pick“

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Die Literatur schreibt die größten Geschichten selbst. Sagt man doch so, oder? Es ist wie mit dem Leben. Da braucht es keine Fantasie oder gar kreative Gedanken. Man nennt es landläufig nur Schicksal und schon ist die beste Story der Welt im Kasten. Das muss sich auch David Foenkinos gedacht haben, als er sich Das geheime Leben des Monsieur Pickausgedacht hat. Da setzt sich ein renommierter Schriftsteller hin und konstruiert die Ausgangssituation für einen Roman so plausibel und brillant, dass er im Verlauf seiner Geschichte in der Lage ist, die gesamte Buchbranche auf die Schippe zu nehmen. Und das geht so:

Nehmen wir einmal an, es gäbe in einem kleinen französischen Städtchen eine kleine Bibliothek. Nehmen wir darüber hinaus an, der dortige Bibliothekar wäre der Anhänger einer Idee, die es in Amerika zu bescheidenem Ruhm gebracht hätte. Nehmen wir an, dieser Bibliothekar würde den Leitgedanken der Brautigan Library in der Bretagne mit neuem Leben füllen und eine Bibliothek der unerwünschten Manuskripte aufbauen. Richtig gelesen. Jean-Pierre Gourvec kann sich die Höllenqualen abgelehnter Autoren nur zu gut vorstellen und bietet ihnen die Möglichkeit, ihre von den Verlagen ignorierten literarischen Totgeburten aufzunehmen und für die Nachwelt zu bewahren.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Ist es nicht ein tröstlicher Gedanke, sich auf diesem Wege vom Druck befreien zu können, einen Herzenstext nicht veröffentlichen zu können? Für Gourvec ist es wie der Jakobsweg der Literatur und es dauert nicht lange, bis die Wallfahrten der erfolglos schreibenden Autoren einsetzt. Er braucht schnell Verstärkung und engagiert eine Frau, die nun wirklich über die besten Voraussetzungen für den Job verfügt. Sie interessiert sich nicht für Literatur, war aber schnell genug mit ihrer Bewerbung. Magali wird in den folgenden Jahren des Aufschwungs der Bibliothek der unerwünschten Manuskripte fast unverzichtbar für Gourvec. Bis zu seinem Tod.

Und schon ist er fertig, der brillante Erzählraum von David Foenkinos. Jetzt kann er richtig loslegen und sein Szenario in vollen Zügen genießen. Und wie er es genießt. Das spürt man auf jeder Seite, in jeder Zeile und fast bei jedem Wort. Auftritt Delphine Despero. Die erfolgsverwöhnte Lektorin spürt den Druck des Buchmarktes am eigenen Leib. Nach einem überraschenden Bestseller muss sie erneut liefern. Nur kann sie jetzt nicht auf ihren Freund setzen, der ihr zum letzten Erfolg verhalf, jetzt aber nichts mehr zustande bringt. Der Zufall (oder das Schicksal) springt sie an. Sie hat Glück, denn bei einem Besuch in der Bibliothek der unerwünschten Manuskripte stößt sie auf ein Werk, das alle Voraussetzungen erfüllt, den Buchmarkt zu erobern.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Hier setzt David Foenkinos das Skalpell an, hier vollführt er seine Schnitte mit einer chirurgischen Präzision, die der Buchwelt alle Masken aus dem Gesicht schneidet. Man stürzt sich auf das geheimnisvolle Werk. Der Inhalt ist zwar relevant, eine schöne Story ist es ja schon, aber die Geschichte rund um diesen Roman und den geheimnisvollen und bereits verstorbenen Verfasser macht ihn zum begehrten literarischen Objekt. Wir werden Zeugen von Recherchen im Umfeld des Autors. Grandios, dass er Pizzabäcker war. Grandios, dass er scheinbar unbelesen war. Grandios, dass seine Familie nichts davon ahnte, dass er jemals etwas geschrieben hat. Grandios. Grandios. Grandios.

Wir erleben Vertreterkonferenzen, fühlen die elektrifizierende Wirkung im Verlag und erleben das, was man gemeinhin als Hype bezeichnet. Das Buch des Pizzabäckers aus der Bretagne wird zum Bestseller. 300000 Exemplare gehen in kürzester Zeit über die Ladentische. Der Buchhandel ist entzückt, die Medien drehen durch und in der Familie von Monsieur Pick beginnt man die Tantiemen zu zählen. David Foenkinos zelebriert alle Automatismen der Branche. Er wirft satirisch anmutende und doch so reale Blicke hinter die Kulissen der Verlagswelt und lässt seine Leser auf einer Welle des Genusses durch seinen Roman reiten.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Dabei führt er uns andere Erfolge der französischen Literatur vor Augen. Sie sind die Wegbegleiter dieser Geschichte, denn Romane wie „HHhH“ von Laurent Binet und Unterwegs zu Swann von Marcel Proust haben ihre so eigenen unverwechselbaren Geschichten und zeigen, wozu unser Buchmarkt immer wieder in der Lage ist. Plötzlich wird das Schicksal, unveröffentlicht zu sein zum Prädikat. Verlage springen auf den Zug auf und der große Reibach beginnt allumfassend. Man könnte brüllen vor Lachen, wenn man nicht gerade Buchliebhaber wäre und langsam den Wahrheitsgehalt dieser Story begreifen würde.

Wir taumeln durch eine Erfolgsgeschichte, die nur einen kleinen Schönheitsfehler hat. Kein Erfolg ohne Neider. Kein Hype ohne Haar in der Büchersuppe und nichts geht ohne, dass man zwanghaft versucht ist, auch das letzte kleine Mysterium im geheimen Leben des Monsieur Pick zu lösen. Ein abgehalfterter Kritiker macht sich auf die Fährte. Er will seine Sensation. Er will aufdecken, was bisher den Zauber der Geschichte und damit den Erfolg garantierte. Er will beweisen, dass es unmöglich der Pizzabäcker aus der Bretagne gewesen sein kann, der diesen grandiosen Roman verfasst hat. Ich folge ihm. Freue mich auf weitere Wendepunkte in der wundervoll erzählten Geschichte von Foenkinos und begehe den Lesefehler meines Lebens, weil ich lesend verdrängt habe, wessen Buch ich hier lese. Wessen Hörbuch ich mit einem brillanten Axel Milberg hier höre. Es geht um den Autor von Charlotte. Das hatte ich verdrängt.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Oh Mann – Da schreibt dieser David Foenkinos über 280 Seiten einen unglaublich satirischen und unterhaltsamen Roman über die Welt des Buchmarktes. Da fabuliert er, überzeichnet, persifliert und packt mich mit jeder Seite und jedem neu auftretenden Charakter neu. Im Hörbuch bringt mich Axel Milberg mit seinem scheinbar harmlosen Charme, wohl wissend was folgt, immer wieder zum Schmunzeln und ich treibe freudig durch die Wortwogen. Und dann… Dann nähert sich David Foenkinos dem Ende seiner Geschichte und zieht mich an den Füßen in die Tiefe seines Könnens. Da ist er wieder. Jetzt ist er der große tragische Romantiker, dem ich bereits in „Charlotte“ begegnete und ich schäme mich der Tränen und der Rührung nicht, die nun das Lesen begleiten.

David Foenkinos bringt “Das geheime Leben des Monsieur Pick“ zu einem völlig anderen Ende, als man dies auf den ersten 280 Seiten erwarten konnte. Er hat seine Ausgangssituation nicht gebraucht, um eine Satire zu schreiben. Ganz im Gegenteil. Er hat die Satire gebraucht, um über den wahren Wert der Literatur zu schreiben. Und hier setzt dieser Roman Maßstäbe, weil Foenkinos die losen Enden seiner Handlungsfäden zu einer Botschaft verwebt, die uns Büchermenschen im Herzen trifft. „Bücher können dein Leben verändern, selbst wenn du schon lange gestorben bist.“

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos