Die Maschine steht still von E.M. Forster [Hörspiel]

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

Die Maschine steht still von E.M. Forster

Ein Schreckgespenst geht um. Die Zukunft der Arbeit wird geprägt von einem Begriff, der besonders ältere Fachkräfte zusammenzucken lässt. Digitalisierung. Wie werden sich Berufe verändern? Fallen sie dem Online-Trend zum Opfer? Werden es Computer und Maschinen sein, die uns autonom ersetzen? Wo dürfen wir noch Hand anlegen, wo zählen noch der Mensch und seine Erfahrungen? Großkonzerne sehen mehr Chancen als Risiken. Klar. Auf dem Weg zur Wachstumsmaximierung bei gleichzeitiger Senkung der Lohnkosten ist die Digitalisierung das perfekte Mittel zur Reduzierung menschlicher Arbeitskräfte mit all ihren Fehlern, Krankheiten und sozialen Problemen. Und nebenbei lässt sich alles auch noch prima verkaufen. Entlastung, Work-Life-Balance und mehr.

Wo endet dies alles? Eine Frage, die man heute offen stellt! Wo bleibt der Mensch, wer bleibt auf der Strecke? Stehen wir vor einer industriellen Revolution, die nach dem Fließband mit seinen drastischen Folgen für die einfachen Arbeiter, nun elektronischen Umwälzungen den Weg bereitet? Und ganz ehrlich: wer glaubt schon der Industrie, die beharrlich behauptet, den Menschen im Mittelpunkt des Handelns zu sehen. Echt jetzt! Ängste also, die man ernstnehmen sollte. Ängste, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, weil sie eben existenziell sind. Und Ängste, die nicht erstmals umgehen. Man muss nur einen gezielten Blick auf die Literatur werfen, um zu erkennen, dass wir im Genre Dystopie weit vorausschauende Gesellschaftsutopien finden, die genau hier ansetzen. Und das schon im Jahre 1909!

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

Die Maschine steht still von E.M. Forster beschreibt eine Gesellschaft, in der die künstliche Intelligenz schon lange die Macht übernommen hat. KI. Das Zauberwort unserer Zeit. Alexa lässt grüßen. Alles ist programmierbar und der Mensch hat endlich Zeit, sich auf seine selbstbestimmten und kreativen Fähigkeiten zu besinnen. Befreiung von körperlichem Arbeiten, Unterwerfung unter das Diktat der Produktivität, Loslösung von stereotypen Alltagspflichten. All dies kann man sich in KI-Gesellschaften vorstellen. Endlich frei. Könnte man sich jedoch noch heute mit E.M. Forster unterhalten, er wäre angesichts unserer Naivität wohl mehr als zornig. Er würde mit seinem Roman wedeln und skandieren, dass er uns schon vor langer Zeit gewarnt habe. Er wurde angetrieben von den Gedanken, was geschehen würde, wenn der entmündigte Mensch sich wieder auf die eigenen Fähigkeiten besinnen müsste. Nämlich genau dann, wenn die Technik ihren Geist aufgibt und unser Geist wieder gefragt wäre.

Abstrus? Mag sein. Aber vielleicht bekommen wir ja einen Zugang zu seinem Roman, wenn wir uns nur vorstellen, wie wir uns ohne Navigationssystem und GPS in fremden Städten orientieren würden. Hat uns die heutige Technik nicht schon lange Fähigkeiten genommen, ohne die wir früher kaum überlebensfähig gewesen wären? Wer kann noch Straßenkarten lesen? Hat der gesunde Menschenverstand hier schon alles abgegeben, was ihn auszeichnete? Das autonome Fahren ist der nächste Schritt. Warum sich denn noch mit Dingen beschäftigen, die niemand mehr braucht? Geben wir den Verstand an der Garderobe ab und leben locker ins Leben. Bis die Systeme versagen. Bis es soweit ist und der Schreckensruf durch die Straßen hallt: „Die Maschine steht still“.

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

E.M. Forsters Gesellschaft hat sich mit DER MASCHINE arrangiert. Es gibt keinen Grund mehr, die eigenen vier Wände zu verlassen. Das Leben an der Erdoberfläche ist kaum noch möglich. Man genießt seine Zeit in unterirdischen Waben. Kommunikation vollzieht sich via Instant-Messaging-Video-Konferenz-Service und die Bedürfnisse des täglichen Lebens werden von der globalen Maschine befriedigt. Was den Menschen in dieser Gesellschaft noch bleibt? Sie stopfen sich mit Wissen voll, lesen, studieren und tauschen ihre Meinungen und Ideen aus. Quasi im luftleeren Raum, denn alles worüber sie nachdenken bleibt ohne Konsequenzen. Herrlich diese kreative Freiheit. Man lebt in den Tag hinein, interagiert mit Freunden und wildfremden Menschen, ohne ihnen je zu begegnen und träumt vom perfekten Leben. Wäre da nicht ein Hauch von Zweifel, dem der junge Kuno erliegt. Wäre da nicht seine Weitsicht, dass der Verlust von realen und greifbaren Begegnungen, den Menschen in die Vereinsamung führt. 

Kuno bricht aus. Er vermittelt seiner Mutter Vashti das Gefühl, dass es ihm nicht reicht, nur virtuell mit ihr verbunden zu sein. Er will sie sehen, berühren, fühlen und in den Arm nehmen können. Seine menschliche Vereinsamung ist ihr zwar fremd, weil es doch die Maschine gibt, aber sie macht sich vom anderen Ende der Welt auf den Weg, ihren Sohn zu besuchen. Was auch immer er ihr dann erzählt, sie verwirft es als Irrsinn und als gefährliches Gedankengut. Der Maschine kann man nicht trotzen, an Flucht ist nicht zu denken und seine Erzählung von einem Ausflug an die Oberfläche und seinen Sichtungen von Menschen, die dort ohne Maschine leben, tut sie als Spinnerei ab. Sie kehrt in ihre Wabe zurück und gibt sich der Maschine hin. Sie taucht ab. Glücklich und bestens versorgt.

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

Und doch beginnt man zu spüren, dass etwas nicht stimmt. Unregelmäßigkeiten in den programmierten Abläufen tauchen auf. Es kommt zum ersten Stottern im System. Besorgnis kommt jedoch nur bei Kuno auf, dem klar ist, was ein Maschinenversagen in dieser Gesellschaft für Folgen hätte. Die Maschine hat inzwischen einen Status erlangt, der sie fast zu einem Gott macht. Längst hat man vergessen, dass sie von Menschen erschaffen wurde. Man betet sie an und Abweichungen von der Norm werden fast wie schicksalhafte Ereignisse akzeptiert. Widerstand lässt die Maschine nicht zu. Wer sich auflehnt, wird mit Heimatlosigkeit bestraft. Die Luft wird dünn für Kuno. Er ahnt, dass es dem Ende entgegengeht. Gibt es einen Notausgang?

Schon damals muss diese Vision erschreckend gewesen sein. Sie heute zu lesen und zu hören ist erschreckend im Quadrat. Der Roman hat im Lauf der Zeit noch mehr an Brisanz gewonnen. Wenn man sich überlegt, dass es zur Zeit von E.M. Forster kein weltweites Kommunikationsmedium gab, dass soziale Netzwerke und Videochats reine Hirngespinste waren, dann reibt man sich angesichts der Maschine die Augen. Hier ist der Begriff Science-Fiction als Grundlage für ein dystopisches Szenario angebracht. In jeder Hinsicht hat E.M. Forster den Nerv einer Zeit getroffen, die Lichtjahre entfernt von seiner Lebensrealität war. Den genialen literarischen Stoff in einem modernen Hörspiel zu inszenieren liegt nah, was jedoch Felix Kubin mit der Romanvorlage veranstaltet hat, ist die Verheiratung eines mehr als hundert Jahre alten literarischen Stoffes mit einem avantgardistisch-futuristisch anmutenden Audiogenuss.

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

Die Abhängigkeit des Menschen von der Maschine wird greifbar. Sie bekommt im Hörspiel eine eigene Stimme, fast schon Identität. Sie kommuniziert und kommandiert, interagiert und moderiert. Sie hat im Hörspiel den Status der gottgleichen Übermutter. Unmöglich, sich ihr zu entziehen. Unmöglich, an ihr zu zweifeln. Ihre elektronische und künstliche Sprache hat Einzug in die Sprachwelt der Menschheit gehalten. Kürzel und Codes stehen inzwischen für Begeisterung und Verärgerung. Das „push ebx 16“ sagt mehr als tausend Worte, wenn der Mensch frohlockt. Chöre besingen die Wunder einer Zeit, in der die Menschen wunschlos zu sein haben. Einzig die Überflutung mit gänzlich sinnlosen Informationen macht der Maschine Gedanken. Das Stottern im System wird verständlich. Auch aus Maschinensicht. Brillant umgesetzt. Sorry: Ich meinte natürlich: „Jump FFT 8“ – Mein Gott, ist das gut.

Die Hörspielproduktion mit den Stimmen von Achim Buch, Susanne Sachsse und Rafael Stachowiak entfaltet eine fast unwirkliche Atmosphäre, die einen unglaublichen Sog ausstrahlt. Man fühlt sich wie in einer Welt, die schon Teil unseres Lebens ist. Wir sind gefühlt nur einen Schritt von dieser Abhängigkeit entfernt. Dabei tickt die Zeit und wir wissen genau, dass im Falle eines Maschinenversagens zwangsläufig auch der Tod der Menschheit folgt. Bedrohlich und greifbar. Eine Stunde und vierzehn Minuten gibt man sich im Hörspiel Zeit, uns von der Brisanz des Romans zu überzeugen. Man sollte sich diese Zeit nehmen und darüber nachdenken, wie man diese Story wohl in zwanzig Jahren lesen oder hören wird. Oder fragt einfach Alexa, wie sie als Maschine darüber denkt. Wer weiß, vielleicht hat sie ja eine Antwort….

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

Der Bayerische Buchpreis 2019 [Buchpreisblogger]

Der Bayerische Buchpreis 2019 - Buchpreisblogger - AstroLibrium

Der Bayerische Buchpreis 2019

Manchmal wird man von seiner eigenen Geschichte eingeholt. Mein Bloggerleben begann vor vielen Jahren mit dem Besuch der Corine. Dieser internationale Buchpreis wurde einst auf Initiative des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und unter der Schirmherrschaft des Bayerischen Ministerpräsidenten verliehen. Ich durfte zwei dieser wirklich magischen Preisverleihungen erleben, Kontakte knüpfen und diesen Buchpreis als literarisches Sprungbrett für mein eigenes Schreiben über die Welt der Literatur auf meinen Plattformen nutzen.

Die Corine existiert nicht mehr. Still und heimlich wurde sie 2011 ersatzlos aus dem Kalender der großen internationalen Literaturveranstaltungen gestrichen und möglichst medienunwirksam erfolgte keine offizielle Meldung zu ihrem plötzlichen Verschwinden. Ein illustres bayerisches Kapitel war geschlossen und mir blieb nichts übrig, als meinen Erinnerungen freien Lauf zu lassen und einen emotionalen Abgesang auf die Corine zu verfassen. Ich zweifelte daran, dass es irgendwann gelingen würde, in Bayern einen Buchpreis reanimieren zu können, der den Glanz der Corine aufnimmt und in medialer Hinsicht sichtbarer macht.

Von der Corine zum Bayerischen Buchpreis - AstroLibrium

Von der Corine zum Bayerischen Buchpreis

Der Bayerische Buchpreis hat es geschafft. Ein neues Format, neue Richtlinien und eine breite Resonanz haben diese Auszeichnung für deutschsprachige Autoren auf die Säule gehoben, von der man die kleine Porzellan-Corine einst gestürzt hatte. Seit 2014 wird er nun vergeben und ich habe seine Entwicklung aufmerksam beobachtet. Und so schließen sich plötzlich einige Kreise, die mir seit vielen Jahren sehr am Herzen liegen. Als mich die Anfrage erreichte, ob ich bereit sei, als offizieller Buchpreisblogger vom diesjährigen Bayerischen Buchpreis zu berichten, konnte ich nur begeistert zustimmen.

Auf der Grundlage der unvergessenen Corine darf ich nun einen kleinen Löwen aus Porzellan begleiten, der am 07. November in München den Besitzer wechselt. Es wird ein rauschendes Fest. Es wird eine heiße Phase nach der Nominierung der sechs Bücher aus den Bereichen Belletristik und Sachbuch, die im spannenden Finale „open stage“ von der dreiköpfigen Jury diskutiert werden, bis die beiden Gewinner feststehen.

Drei Juroren
Zwei Kategorien
Drei Romane
Drei Sachbücher
Sechs nominierte Autoren
Zwei Buchpreis-Gewinner
Ein Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten
Drei offizielle Buchpreisblogger

Der Bayerische Buchpreis 2019 - Buchpreisblogger - Astrolibrium

Der Bayerische Buchpreis 2019 – Buchpreisblogger

Das sind die Rahmendaten. Wundert Euch also bitte nicht, wenn mein Fokus bis zum November auf den nominierten Büchern und Schriftstellern liegt. Eine eigens gestaltete Projektseite zum Bayerischen Buchpreis hält Euch auf dem Laufenden. Wer gehört zur Jury, welche Titel sind nominiert, wer sind meine Favoriten, welche Buch-Blogger begleiten den Buchpreis. Fragen, auf die ihr HIER Antworten findet.

Die Buchpreisblogger des Bayerischen Buchpreises sind:

Evelyn Unterfrauner vom Buch- und Lyfestyleblog Book Broker
Steffi Sack mit ihrem Buchblog Nur Lesen ist schöner und last but not least
Arndt Stroscher mit der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium

Der Bayerische Buchpreis 2019 bei AstroLibrium

Der Bayerische Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Der Bayerische Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher

Und schon geht es los: Die nominierten Bücher für den Bayerischen Buchpreis:

Belletristik

Carmen Buttjer: Levi (Galiani)
Steffen Kopetzky: Propaganda (Rowohlt Berlin)
David Wagner: Der vergessliche Riese (Rowohlt)

Sachbuch

Cornelia Koppetsch:
Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter (transcript)
Jan-Werner Müller:
Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus (Suhrkamp)
Dieter Thomä:

Warum Demokratien Helden brauchen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Heroismus (Ullstein)

Der Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten geht an:

Joachim Meyerhoff (hier geht`s zur Pressemeldung)

Und natürlich werde ich auch von der Preisverleihung in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz berichten. Ein spannender Oktober liegt vor uns. Das Finale im November wirft schon jetzt seine Bücher voraus. Möge das Lesen beginnen…

Der Bayerische Buchpreis 2019 - Buchpreisblogger - AstroLibrium

Der Bayerische Buchpreis 2019 – Buchpreisblogger

Der Wintersoldat von Daniel Mason [Galizien 1915]

Der Wintersoldat von Daniel Mason - AstroLibrium

Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason. Der Erste Weltkrieg. Ein Behelfslazarett in Galizien. Ein Medizinstudent, der sein Studium früher beenden darf, um als vollwertiger Arzt an der Front Leben zu retten. Ein diffuser Kriegsverlauf; eine einsame Kirche; eine Ordensschwester, die sich hier gänzlich auf sich gestellt um die Verwundeten kümmert und ebenjener „Halbarzt“, der in der Hoffnung lebt, von erfahrenen Kriegschirurgen viel lernen zu können. Doch schon seine Ankunft in den verschneiten Karpaten steht unter keinem guten Stern. Lucius Krzelewski erreicht seine Wirkungsstätte mit gebrochener Hand, völlig unterkühlt und verunsichert. Seine Frage nach dem leitenden Arzt wird von Schwester Margarete freundlich aber bestimmt beantwortet:

„Der Doktor? Haben Sie nicht gerade gesagt, das sind Sie?“

Diese Ausgangssituation verbirgt so viele Schlagworte, dass es mir unmöglich war, dieses Buch nicht zu lesen. Und genau an dieser Stelle möchte ich meinen Zugang zu diesem Roman voranstellen. Warum entscheidet man sich für ein Buch? Was ist dafür verantwortlich, dass man sich magisch zu einer Geschichte hingezogen fühlt? Was ist der Grund dafür, dass man eine Erzählung vielleicht anders liest und rezensiert, als die Mehrzahl der Leser dieses Romans. Ich finde, es ist wichtig, dies vorab zu erklären und zu verraten, welche Begriffe mich schon vor dem Lesen getriggert haben. Alles begann 1915. Ein 18jähriger junger Mann wird von heute auf morgen Soldat und findet sich, für Deutschland und den Kaiser kämpfend, schwer verletzt in einem Behelfslazarett im tief verschneiten Galizien wieder.

Der Wintersoldat von Daniel Mason - AstroLibrium

Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein Granatsplitter im Knie und ein Munddurchschuss, der ihn verstummen ließ. So lag er sprachlos und auf die Amputation wartend im verlausten Krankenbett. Er schrieb auf eine Schiefertafel: „Lieber tot, als mit einem Bein zur Mutter zurück.“ Man verzichtet darauf, das Bein abzunehmen. Man füttert ihn, versucht, die Gesichtsverletzung in den Griff zu bekommen, kämpft gegen Fieber und Entzündungen an und er muss hilflos mit ansehen, wie das Lazarett mehrfach überrannt wird. Da er nicht reden und gehen kann, wird auch er überrannt. Deutsche und verbündete Österreicher pflegen ihn, aber auch Russen, für die er nicht als Feind zu erkennen ist. Zuletzt kommt er auf zwei Beinen im heimatlichen Trier an. Am Ende einer Odyssee. Leicht hinkend bis an sein Lebensende und im Gesicht gezeichnet. Immerhin lebendig. Schweigend. Schwer traumatisiert. Und doch in der Lage, eine Familie zu gründen. Meine Familie. Mein Großvater reichte den Granatsplitter und einiges mehr an mich weiter. Wäre er damals im Lazarett gestorben, es gäbe diese Zeilen nicht.

Und nun ein Roman. „Der Wintersoldat“. Galizien. Die Karpaten. Ein Lazarett der KuK-Monarchie. Ein österreichischer Arzt, verzweifelte Zustände. Läuse, Typhus und Amputationen am Fließband. Rudimentäre medizinische Versorgung und Verwundete, deren Schicksal täglich am seidenen Faden hing. Hier könnte er gelegen haben. Dieser Gedanke war nicht mehr von meinem Lesen zu trennen, als ich mit Lucius und seiner Krankenschwester Margarete durch die Reihen der Verletzten schritt, um ihr Leben zu retten. Hier könnte er ein kleines Mosaiksteinchen gewesen sein. Unbedeutend und nur eine Zahl in der Liste der Gefallenen. Hier hätte auch meine Geschichte enden können, bevor sie eigentlich begann. Ich denke, hier wird deutlich, dass „Der Wintersoldat“ für mich kein Buch wie jedes andere ist. Und es auch niemals sein wird.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein außerordentlich scharfes Gespür für das Verborgene“ attestieren seine Lehrer dem jungen Medizinstudenten Lucius. Auf der Suche nach dem Unbekannten führt ihn sein Studium nah an die verborgenen Prozesse im Gehirn und an Störungen heran, die in der damaligen Zeit nicht therapierbar waren. Er brennt für sein Studium. Im Lazarett jedoch muss er sich der Erfahrung der Nonne Margarete unterwerfen. Sie hat alles im Griff. Sie hat Routine und sie hat die fehlenden Ärzte kompensiert. Amputationen hatte sie mehr durchgeführt, als er jemals auch nur in die Nähe von Patienten kam. Sie zeigt ihm, worauf es ankommt, steckt ihn mit ihrer selbstlosen Leidenschaft an und lässt ihn dabei nicht wie einen Anfänger aussehen. Ihre Loyalität ist signifikant für ihr Wesen. 

Daniel Mason versetzt uns schlagartig in das Szenario eines Lazaretts, in dem es an allem mangelt. Seine Beschreibungen sind verstörend präzise. Es ist der verzweifelt geführte Kampf gegen Läuse, der uns auch lesend dazu bringt, uns zu kratzen. Es sind Fieberschübe und Todesängste, die uns beschleichen; es ist Trauer, der wir nicht mehr entrinnen können und es ist die Hilflosigkeit jener Helfer, die wir nachvollziehen können, wenn wir mit ihnen am OP-Tisch stehen. Mason schildert alle Facetten von Verletzung und Traumatisierung, die einen Kampf so hoffnungslos erscheinen lassen. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Empathie angesichts des Grauens wirkt wie die unsichtbare Klammer, die alles zusammenhält. Die Frustration über diejenigen, die das Lazarett heimsuchen, um frontfähige Soldaten zu rekrutieren, macht sprachlos.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es verwundert nicht, dass der ins kalte Wasser geworfene Arzt und die erfahrene Krankenschwester sich in diesem Chaos menschlich nähern. Ihre Beziehung stößt mit jedem Gedanken an neue Grenzen. Und doch verlieren sie sich ineinander. Nonne und Arzt. Hier an der eisigen Front. In der Einsamkeit einer chaotischen Insel verletzter Körper und Seelen. Als „Der Wintersoldat“ eingeliefert wird, ändert sich alles. Es sind psychische Schäden, die ihn fast lähmen. Das Kriegszittern, die Panikattacken, die nun um sich greifen, sind kaum zu beherrschen. Dazu kommt noch die Befürchtung, dass er als Simulant und Deserteur verurteilt und erneut ins Gefecht geworfen wird. Margarete und Lucius beschließen, diese arme Seele zu retten. Ein Plan, der zum Fiasko wird.

Eine verbotene Liebe in unmöglichen Zeiten verleiht dem Roman eine emotionale Dynamik, der man sich nicht entziehen kann. Die individuellen Schicksale der Soldaten lassen keinen Spielraum für ruhige Lesephasen. Die Zustände im Lazarett verstören im wahrsten Sinne des Wortes. Und doch legt Simon Mason einen unaufgeregt verfassten und ruhigen Roman vor. Sein Kraft strahlt von innen heraus. Die Wucht der Geschichte entfaltet sich im Leser. Ein Pageturner ohne künstlichen Brandbeschleuniger. Der Krieg trennt zwei Menschen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in diesem Chaos füreinander bestimmt zu sein scheinen. Lucius` Suche nach Margarete wird zur Odyssee durch die Wirren des Ersten Weltkrieges. Mitfiebern garantiert…

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… Ja, dieses UND muss selbst erlesen werden. Ich werde diesen Roman sicherlich nicht mehr vergessen. Aus guten Gründen.

Es waren solche Ärzte und Krankenschwestern, die meinen Großvater retteten. Es waren solche Menschen, die bei ihm eine Ausnahme machten, die riskieren mussten, aus ihm einen Drückeberger zu machen, denn das Ziel der Kriegschirurgie lautete nur, den Verletzten so schnell wie möglich und wie auch immer erneut an die Front bringen zu können. Es waren solche Menschen, die ihm beistanden, als er selbst rettungslos in Schweigen und Schmerz versank. Es waren solche Menschen, die mich ermöglichten. Klingt vielleicht pathetisch, ist aber so. Und vielleicht findet sich ja genau hier einer der wesentlichsten Gründe für meine persönliche Berufswahl. Warum sonst sollte ich mich genau dort wiederfinden, wo „Der Wintersoldat“ auch heute noch jederzeit eingeliefert werden könnte? Danke fürs Lesen.

Der Wintersoldat von Daniel Mason - AstroLibrium

Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason / C.H. Beck Verlag / dt. von Sky Nonnhoff und Judith Schwaab / gebunden / 430 Seiten / 1 Karte / 24 Euro

Meinem Großvater liebevoll zugeeignet. Johann Josef Jager (1897 – 1991).

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset - Astrolibrium

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Ich weine nicht unter meinem Niveau. Besonders dann nicht, wenn es um Literatur geht. Ein Roman muss mich schon im Mark treffen, meine Gefühlswelten bewegen und am Ende schlichtweg überzeugen, um meine Tränenkanäle in Aktion zu versetzen. Es sind nicht immer die groß angelegten Dramen oder Geschichten, deren Hauptziel darin besteht, auf die Tränendrüse zu drücken, die mich zum Weinen bringen. Es sind meist die ganz kleinen Erzählungen, deren Protagonisten mich nachhaltig aufwühlen, die das Potenzial mitbringen, deutliche Spuren zu hinterlassen. Eine Träne muss man sich als Autor schon redlich verdienen. Zumindest bei mir. Ich kann die Tränenbücher an einer Hand abzählen. Bücher, die mich in diesem Jahr berührt haben. Seltenheitswert.

Warum ich das hier erzähle? Weil ich nie geglaubt hätte, dass mich eine Islandsaga aus dem Jahr 1909 dazu bringen würde, heute eine Rezension zu schreiben, die mich als literarische Heulsuse outet. Und doch ist genau das passiert. Ein Stoff, der wohl nur deshalb veröffentlicht und gelesen wird, weil Norwegen als Gastland der Frankfurter Buchmesse firmiert. So dachte ich. Ansonsten holt man mit „Viga-Ljot und Vigdis“ im Leben keine Leser hinter dem Ofen hervor. So glaubte ich zu wissen. Sicher verstaubt und antiquiert in Stil und Ausdrucksweise. Nicht mehr zeitgemäß und (mit Verlaub) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so spannend und zeitgemäß, wie Bücher über die abenteuerliche Weinlese zur Zeit der französischen Renaissance. Zumindest hätte der Hoffmann und Campe Verlag einen Norwegen-Titel im Sortiment und damit auch schon genug getan, um dem Gastland zu huldigen. Vermutete ich… Zu Unrecht.

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset - Astrolibrium

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Beim gezielten Blick hinter die Fassade von „Viga-Ljot und Vigdis“ aus der Feder von Sigrid Undset erkennt man, dass es eine Vielzahl von Gründen gibt, dieses Buch auch heutigen Lesern erneut zugänglich zu machen. Dabei ist die Gastland-Rolle einer Literatur-Nobelpreisträgerin aus dem Jahr 1928 als nebensächlich zu bewerten. Sigrid Undset war gerade einmal 27 Jahre alt, als ihre Islandsaga erschien. Im Vorwort zum Roman erläutert Kristof Magnusson die Besonderheiten dieser Geschichte und ordnet sie gleichzeitig im Genre historischer Roman ein, nicht ohne die Brüche zu erklären, die das Buch von genau diesem Sujet abheben. Sigrid Undset blieb sprachlich der Zeit, die sie in den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellt, verbunden. Mittelalterlich, traditionell, mehr als alle anderen Geschichten auf der Grundlage mündlicher Überlieferungen, den doch eher kleinen Leuten gewidmet. So, wie sie schrieb, konnte man sich die Saga auch an den Lagerfeuern des Mittelalters erzählt haben.

Der rein inhaltlichen Brisanz des Werks ist es zu verdanken, dass in der aktuellen Übersetzung von Gabriele Haefs zeitlose Töne angeschlagen werden, die in der Lage sind, einerseits dieser Geschichte einen modernen Anstrich zu verleihen und doch dem Charme der Saga nicht den Boden entziehen. Das klingt nicht verstaubt oder ungelenk. Es liest sich flüssig und elegant, was sich uns auf 180 Seiten offenbart. Und doch bleibt die Schönheit der Formulierungen von Sigrid Undset erhalten. Ein gelungener Weg, ein Buch zu reanimieren, das man einfach gelesen haben muss. Ohne es zu datieren und ohne jegliche Hintergrundinformationen zur Autorin könnte man das Gefühl bekommen, es hier mit einer Geschichte zu tun zu haben, die die Schlagworte #MeToo und Victim Blaming in die Vergangenheit transportiert, um sie aus dieser verfremdeten Umgebung in unsere heutige Zeit zu projizieren. Weit gefehlt. Diese Headlines sind älter, als wir es gerne wahrhaben möchten.

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset - Astrolibrium

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Archaische Gesellschaften sind grundsätzlich frauenfeindlich organisiert, obwohl sie auf Gedeih und Verderb von ihnen abhängig sind. Die Entrechtung der Frau und die Zuweisung klarer Rollenbilder entstammen wohl immer jenen Zeiten, in denen die Welt nur für Männer absolut in Ordnung war. Mit nichts anderem assoziieren wir auch heute noch Romane, in denen Wikinger und ihre Volksstämme eine Rolle spielen. Frauen als Haushälterinnen, Geliebte, Mütter und Tauschobjekte auf dem Heiratsmarkt. Mehr darf man nicht erwarten. Also zumindest nicht als Frau. Weitere Rollen wurden ihnen auch literarisch kaum zugewiesen. Bescheidenheit war angesagt. Patriarchat in Reinform. 

So lernen wir auch die junge Vigdis kennen. Als Tochter des wohlhabenden Bauern Gunnar begegnet sie dem jungen Isländer Viga-Ljot auf dem Hof ihres Vaters. Aus der ersten leichten Faszination entsteht bald eine Romanze, die auf eine glückliche Zeit als Paar hindeutet. Gunnar gestattet seiner Tochter das Privileg, eine Ehe einzugehen, die nicht arrangiert wurde. Sie ist also frei in ihrer Entscheidung und Viga-Ljot würde gut in die Familie passen. Wäre da nicht der jung verliebte Wikinger selbst, mit dem der Gaul gleich mehrmals durchgeht. Die vornehme Schüchternheit von Vigdis schiebt er rabiat zur Seite und nimmt sich mit Gewalt, was er schon zu besitzen glaubt. Aus dem brutal geraubten Kuss und der folgenden Vergewaltigung entsteht die größte Schande, die er dem jungen Mädchen jemals hätte antun können. Ein Kind! Einen Sohn. Ulvar.

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Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Diese Schande stürzt die gesamte Familie von Vigdis ins Chaos. Denn nicht sie ist im traditionellen Sinn als Opfer anzusehen. Die Vergewaltigung stellt ihren und den Ruf ihres Vaters in Frage. Während Viga-Ljot das Weite sucht, versinkt Vigdis in der Scham und erlebt am eigenen Körper mit, was es bedeutet, durch die sozialen Raster der Zeit zu fallen. Entrechtet, entwurzelt und ganz auf sich gestellt zieht sie das ungewollte Kind groß und sinnt auf Rache an jenem Mann, der ihr Leben gewaltsam verändert hat. Wir folgen beiden auf den verschlungenen Wegen der Saga. Zwei Erzählstränge, die sich nur noch in gemeinsamen Träumen und Trugbildern begegnen. Zwei Wege, auf denen Sigrid Undset die eingetretenen Pfade von Schuld und Sühne verlässt, um differenziert zu betrachten, was ihren Protagonisten widerfährt.

Hier zeichnet sie kein einfaches Bild. Sie verlässt den schmalen Grat der klaren und eindeutigen Schuldzuweisung und vermittelt ein differenziertes Bild zweier gepeinigter Seelen. Vigdis als Opfer schmiedet einen Plan, der sie zur Täterin werden lässt. Ulvar wird in die Rolle des Werkzeugs ihrer Rache gedrängt. Versöhnung oder Vergebung ist von ihr nicht zu erwarten. Viga-Ljot hingegen findet kaum mehr Ruhe. Der Täter wird in ein Leben gedrängt, in dem er keinen Frieden mit sich selbst schließen kann. So brutal seine Tat auch war, Sigrid Undset verdammt ihn nicht und beschreibt einen geläuterten Mann, der zu sehr geliebt und begehrt hat. Der Preis für dieses Verlangen war zu hoch. Den Preis bezahlen beide. Nicht jedoch zu gleichen Teilen. Das ist ihm klar. Und doch wächst er dem Leser ans Herz. Voller Zweifel zwar, aber er bleibt nicht der Täter, dem man nur verachtungsvoll hinterherblickt.

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset - Astrolibrium

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset

Das Finale des Romans zerreißt alle Herzen. Es bewegt und verstört zugleich. Es ist konsequent und passt in die Zeit. Aber wir bleiben lesend auf der Strecke, weil es so viele Auswege gegeben hätte. Kleine Schritte hätten genügt. Von beiden Seiten. So bleiben „Viga-Ljot und Vigdis“ als tragisches Liebespaar in Erinnerung. So bleibt diese Geschichte in Erinnerung und strahlt bis in unsere Zeit aus. Opfer und Täter werden in unserer Gesellschaft immer noch in ihren Rollen vertauscht. Vergewaltigungsopfer sind dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien selbst verantwortlich. Täter führen Strafmilderndes ins Gefecht. So auch hier. Das eigentliche Opfer steht am Rand einer Gesellschaft, die ausgrenzt, was nicht standesgemäß ist. Der Täter lebt unbescholten weiter. Hier finden wir Botschaften, die auch heute noch bohrende Fragen aufwerfen. Was für eine starke Geschichte.

Wenn ich an ihrem Ende weinte, dann, weil die Beziehung von Viga-Ljot und Vigdis so viel Potenzial gehabt hätte, um glücklich zu enden. Wenn ich Tränen vergoss, dann nicht wegen eines klassischen Opfers im klassischen Sinn, sondern vielleicht habe ich um einen geläuterten Täter geweint, weil Sigrid Undset in ihrem Farbmalkasten für das große Islandgemälde keinen Platz für schwarz oder weiß hatte. Eine Leseempfehlung ohne jede Einschränkung.

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset - Astrolibrium

Viga-Ljot und Vigdis von Sigrid Undset – Bald geht es im Norden weiter…

Viga-Ljot und Vigdis“ von Sigrid Undset / Hoffmann und Campe / 190 Seiten / dt. von Gabriele Haefs / Vorwort von Kristof Magnusson / 24 Euro

Der Distelfink von Donna Tartt – Film, Buch, Hörbuch

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Fünf Jahre sind seit dem Lesen vergangen. Fünf Jahre, in denen mir ein Buch nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist. Fünf Jahre, die ich jedoch habe verstreichen lassen, ohne einen der relevantesten Romane meines Lebens zu rezensieren. „Der Distelfink“ von Donna Tartt liegt in der Erstausgabe aus dem März 2014 immer noch in Griffweite. Er ist durchzogen mit PostIts eines vergangenen Lesens und ein kleines ScriptBook für die Rezension liegt seitdem im Giftschrank der kleinen literarischen Sternwarte. Auf der ToDo-Liste meines Lesens steht dieser Artikel seit fünf Jahren ganz oben, und doch ist es mir bis heute nicht gelungen, meine Gedanken zu bündeln und dem Pulitzer-Roman meine Referenz zu erweisen.

Warum jetzt? Was treibt mich an, den „Distelfink“ mit neuen Augen zu sehen und ihm 2019 Raum zu geben? Hat sich das Fußkettchen endlich gelöst, das den kleinen Vogel mit der Fußstange vor dem grauen Deckelkasten verband? Ist es die Verfilmung, die im Oktober auf mich zukommt? Ist es meine Urlaubsreise nach Delft, die mir schmerzhaft in Erinnerung ruft, dass ich dem Bild von Carel Fabritius im Mauritshuis in Den Haag begegnen werde? Oder liegt es auch daran, dass ich mich inzwischen in einem kleinen Schreibprojekt der niederländischen Heimatstadt des großen Malers angenähert habe? Delft und die große Katastrophe des Jahres 1654. Jener Delfter Donnerschlag in dem der Künstler den Tod fand? 

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Es ist wohl eine Mischung aus allen Faktoren, die mir den „Distelfink“ erneut vor Augen führt. Ohne die Explosion des Pulvermagazins in Delft und den Tod des Malers Fabritius hätte sich Donna Tartt für ein anderes Kunstwerk im Mittelpunkt ihres Romans entschieden. Die Parallele zwischen dem Künstler und dem Beginn ihrer Geschichte ist einfach zu relevant, um sie zu vernachlässigen. Denn hier startet alles. Hier erhebt sich der „Distelfink“ wie der Phoenix aus der Asche und wird zum Symbol einer Erzählung, die mich nachhaltig geprägt hat. Es ist ein heftiger Donnerschlag, der das New Yorker Metropolitan Museum erschüttert. Es ist ein terroristischer Donnerschlag, der alles in Schutt und Asche legt, dem erst 13jährigen Theodore Decker die Mutter raubt und sein Leben für alle Zeiten verändert.

Da ist der alte Mann, dem er beim Sterben hilft. Da ist dessen Nichte Pippa, die den Anschlag gerade so überlebt hat. Da ist die drängende Bitte des Sterbenden, Theodore solle das Gemälde Der Distelfink in einer Plastiktüte an sich nehmen und zuletzt ist da neben dem Ring, der ihm geschenkt wird, eine Adresse, an die sich der Junge wenden soll. Die Antiquitätenwerkstatt, die der Verstorbene mit seinem Geschäftspartner James Hobart betrieben hatte. Mit diesem Urknall beginnt eine Geschichte, in der ein Gemälde und dessen unrechtmäßiger Besitzer fortan lebenslänglich miteinander verbunden sind, wie der Distelfink mit seiner Sitzstange. Es ist der laute Doppelknall, der die Explosion eines Delfter Pulverturms mit einem New Yorker Museum verbindet. Kunst und Leben sind untrennbar miteinander verbunden.

Der Distelfink von Donna Tartt - AstroLibrium

Der Distelfink von Donna Tartt

Hier vermischen sich Handlungsebenen und Wahrnehmung zu einem grandiosen Mix aus Kunstleidenschaft, rauschhafter Wahrnehmung und fetischistischer Qual. Theo und das gestohlene Gemälde kommen nicht mehr voneinander los. Seine Odyssee seit dem Tod seiner Mutter entwickelt sich zur Irrfahrt des Heranwachsenden mit all seinen Lieben, Leidenschaften und Traumata. Ist sein Distelfink zunächst die letzte Erinnerung an die noch lebende Mutter, so wird das Gemälde langsam zum Faszinosum, dem sich Theo nicht mehr entziehen kann. Er versteckt das Bild auf seinem weiteren Lebensweg und macht sich selbst zum Sklaven seines großen Geheimnisses. Unfassbar dicht und empathisch erzählt. Donna Tartt spielt mit ihren Lesern. Jeder hat seinen Distelfinken. Jeder verbirgt den Schatz seines Lebens vor den Augen anderer Menschen. Und jeder würde so reagieren, wie Theo, als die Wahrheit über das Kunstwerk ans Licht kommt.

Man kann sich ein Bild eine Woche lang anschauen
und nie wieder daran denken. Man kann sich ein Bild
eine Sekunde lang anschauen und es sein Leben lang
nicht mehr vergessen…“
 

In diesen Momenten fand ich mich wieder in diesem Roman. Mein Distelfink hängt im Lenbachhaus zu München, entstammt der Zeichenfeder von Franz Marc und ist als Blaues Pferd weltbekannt. Ich kann persönlich nachvollziehen, welche Faszination ein Gemälde auf seinen Betrachter ausüben kann. Ich kann den Bann nachvollziehen, der den Betrachter gefangen nimmt. Und ich kann Theodore gut verstehen, der angesichts des ganz eigenen Lebensweges an der Seite seines Distelfinks zu allem bereit ist, um ihn nicht zu verlieren. Donna Tartt konfrontiert uns mit einem Entwicklungsroman, der die verschiedenen Lebensphasen ihres Protagonisten begleitet. Sie lässt uns mit ihm in rauschhafte Zustände verfallen, sie zeigt die verstörende Wirkung auf ihn, als der lange verschollene Vater plötzlich auftaucht und sie begleitet uns an seiner Seite in ein Leben als gewiefter Geschäftsmann. Zweifel, Selbstbetrug, Leugnung und Läuterung werden zu den Wegmarken eines Lebens, das eine explosive Wendung nahm.

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Der Distelfink von Donna Tartt

Jetzt sitze ich hier mit dem Buch und meinem ScriptBook vor Augen. Es fühlt sich gerade an, wie eine Zeitreise in mein vergangenes Lesen. Die Puzzlesteine finden sich und Bilder entstehen erneut in meinem Kopf. Da sind die Bilder des Todes von Mathew Brady, die den Amerikanischen Bürgerkrieg auf Glasplatten einbrannten. Da taucht Las Vegas als Ziel des Roadtrips mit Theos Vater auf. Die Chance auf ein neues Leben mit einem trockenen Alkoholiker. Da wird der Betrug wieder greifbar, mit dem man sich an Theo bereichern will. Da wird seine Flucht zurück nach New York wieder lebendig. Der Laden hinter dem Laden und die illegalen Geschäfte, Drogen, Sehnsüchte und unerfüllt gebliebene Liebe. Pippa, das Mädchen, das wie Theo den Anschlag überlebte wird zur Fata Morgana des „Was-hätte-sein-Könnens“.

Pippa war das vermisste Königreich, der unverletzte Teil meiner selbst. Sie war der goldene Faden in allem, eine Linse, die die Schönheit vergrößerte, sodass die ganze Welt gebannt war. Sie war wie die kleine Meerjungfrau, zu zerbrechlich, um an Land zu laufen…“

Hier berührt Donna Tartt sprachgewaltig und voller Tiefgang. Es gibt keinen Weg zurück. Es bleibt nur die Flucht nach vorne. Und letztlich ist nichts mehr so, wie es mal schien. Am Ende überstrahlt die Unfreiwilligkeit die Läuterung des Protagonisten. Es ist wie im wahren Leben. Die Unausweichlichkeit der Ereignisse öffnet die Augen und der letzte Ausweg wird zum Königsweg. Donna Tartt dreht und wendet das Schicksal, wie in der griechischen Mythologie. Ob ihr dabei ein Happy End gelang? Hier darf und kann man getrost streiten. Ich werde das Ende des Romans vor Augen haben, wenn ich bald in Delft vor einem Gemälde stehe. Ich weiß schon jetzt, dass aus dem kleinen Bild des zu früh verstorbenen Malers ein völlig neues Gemälde für mich entsteht. Ich werde den Ruß der Explosion sehen. Ich werde wissen, wo das Bild versteckt war. Und ich muss ganz sicher an Theodore Decker und Pippa denken. Nichts davon ist wahr. Und doch wird es für mich immer die Wahrheit hinter dem „Distelfink“ sein.

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Der Distelfink von Donna Tartt

Zur Vorbereitung auf den Film vertiefte ich mich im Hörbuch zu „Der Distelfink“. Ich wollte nochmal in die Atmosphäre eintauchen. Wollte nachempfinden, was ich einst so an dieser Geschichte liebte. Ich wollte schreibend in Schwung kommen, um meinen Erinnerungen wieder auf die Sprünge zu helfen. Ich wollte gerne New York, Las Vegas, Greenwich Village und Amsterdam neu erleben. Bei alldem wollte ich das Gemälde im Gepäck spüren. So, wie ich mein Blaues Pferd in Gedanken bei mir trage. Ich wollte für die neuen Eindrücke des Films bereit sein. Und ich wollte zurückblicken auf die Zeit, in der mein Blog AstroLibrium das Licht der Welt erblickte. Vor mehr als fünf Jahren war ich intensiv mit diesem neuen Kapitel meines Lebens beschäftigt. „Der Distelfink“ blieb damals auf der Strecke. Jetzt hat er sein Recht eigefordert. Man trifft sich mehrmals im Lesen.

Das Hörbuch: So, wie „Der Distelfink“ seinen Besitzer immer tiefer in einen Sog aus Lügen, Fehlentscheidungen und Fluchtbewegungen treibt, so ist es auch die Hörbuchfassung, die mit einer Spieldauer von 33 Stunden und 26 Minuten einen ganz eigenen Kosmos dieser Erzählung entfaltet. Wie die Buchvorlage ist auch das Hörbuch nichts für den schnellen Genuss für zwischendurch. Nichts für das beiläufige Zuhören, sondern vielmehr ein literarisches Hörereignis, auf das man sich mit Haut, Haaren und Ohren einlassen muss. Matthias Koeberlin verleiht der Erzählperspektive Theodore Deckers eine fast schon staatstragende Tiefe. Aus seiner Sicht entwickelt sich alles im Rückblick auf sein eigenes Leben. Im Amsterdamer Hotelzimmer, in dem es eigentlich endet, beginnt die Reise nach New York. Koeberlin wird dieser Rolle gerecht. Er weiß wovon er spricht, als wäre es seine eigene Geschichte in der Rückschau. Sentimentale und melancholische Facetten vertiefen diesen Eindruck. Ja, es ist ein Rückblick auf ein Leben das anders verlaufen wäre, wenn doch nur seine Mutter überlebt hätte. Stark!

Der Film: Bislang kann man nur den Trailer bestaunen. Zum Release gibt es immer noch widersprüchliche Aussagen. Aber ob Ende September oder Anfang Oktober, das ist letztlich fast unerheblich. Entscheidender ist, dass „Der Distelfink“ fast zeitgleich in den großen Kinoländern USA, England und Deutschland erscheinen wird. Das kommt recht selten vor und hilft uns dabei, den Film exklusiv, und nicht schon mit Kritiken aus anderen Ländern überlagert, betrachten zu können. Der Trailer lässt den Lesegefühlen von einst ausreichend Freiraum, sich in der Szenerie einzuleben. Das wirkt authentisch und gut umgesetzt. Hierfür steht auch der Name des Regisseurs: John Crowley. Seine filmische Adaption von „Brooklyn“ nach dem Roman von Colm Tóibín war brillant. Er hat ein feines Händchen für große literarische Stoffe. 

Der Cast sieht ebenfalls vielversprechend aus. Ansel Elgort als Theo trifft für mich punktgenau auf den Charakter zu, der hier schauspielerisch durch die Handlung trägt. Spätestens seit „Das Leben ist ein mieser Verräter“ weiß man, wie facettenreich und tiefgründig Elgort agieren kann. Ihm zur Seite stehen neben Nicole Kidman und Sarah Paulson auch Luke Wilson und Aneurin Barnard. Namen, die bei Kinofreunden den Puls schon leicht beschleunigen. Ob der Film funktioniert? Ob er die facettenreiche und tiefgründige Geschichte im Kinoformat so erzählen kann, dass er dem Roman gerecht wird? Das wird sich erst beantworten lassen, wenn der Vorhang fällt.

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Und spätestens dann werde ich allen Fragen auf den Grund gehen. Versprochen. Wie habt ihr den „Distelfink“ erlebt, habt Ihr den Roman noch in guter Erinnerung? Geht Ihr ins Kino und welche Gefühle begleiten Euch dabei? Schreibt mir und wir werden im Herbst dieses Jahres erleben, ob sich Hoffnungen erfüllen oder ob sich der alte Spruch „Der Film ist immer schlechter als das Buch“ mal wieder bewahrheitet. Stay tuned.

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