Frau Einstein – Die Relativität der Liebe von Marie Benedict

Frau Einstein von Marie Bnedict

„Bald ist es überstanden. Das Ende kommt näher wie ein dunkler,
verführerischer Schatten, der mein Licht auslöschen wird.
Meine Zeit läuft ab und ich blicke zurück.“

So beginnt der Roman „Frau Einstein“ aus der Feder von Marie Benedict. Es sind nicht mehr viele Stunden, die Mileva Marić am 4. August 1948 bleiben, um im Alter von 72 Jahren einen Rückblick auf ein ebenso bewegtes, wie von Enttäuschung und Verlust geprägtes Leben zu werfen. Mitza, so wird sie meist von guten Freunden genannt, doch wir kennen sie nur unter dem Nachnamen, den sie mehr als sechzehn Jahre lang trug. Ein Name, der sie weltberühmt machte. Nicht jedoch aufgrund ihrer eigenen Leistung oder der Fähigkeiten, die ihr das Schicksal in die Wiege gelegt hatte. Sie war die erste Frau von Albert Einstein. Sie war Mileva „Mitza“ Marić Einstein.

Frau Einstein von Marie Benedict

„Romantik und Wissenschaft sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen.
Jedenfalls nicht, wenn man eine Frau ist.“

Marie Benedict entführt uns in ihrem biografischen Roman in eine Zeit, in der das Rollenbild der Frau von ihren häuslichen Pflichten geprägt war. Das Wahlrecht und der Zugang zu akademischen Berufen wurden ihnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch verwehrt. Hinzu kamen regionale Unterschiede und Vorurteile gegenüber Osteuropäern und so konnte man nicht unbedingt davon ausgehen, dass der blitzgescheiten Mitza die Türen der Welt offenstehen. Serbin und Frau zu sein, ein doppeltes Handicap in dieser Zeit. Wäre da nicht ausgerechnet ihr Vater gewesen, der alles für seine Tochter in die Waagschale warf, sie wäre wohl nie die aufstrebende Mathematikerin geworden, die er schon früh in ihr zu erkennen glaubte. Seiner mudra glava (weiser Kopf) wollte er die Welt der Wissenschaft öffnen. Doch er wusste ganz genau, was seiner Tochter niemals in den Weg kommen durfte. Die LIEBE…

Frau Einstein von Marie Benedict

„Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.“

Sir Isaac Newton

So wurde aus dem jungen Mädchen eine der ersten Studentinnen der Mathematik, die in Zürch in das Haifischbecken der männlichen Kommilitonen geworfen wurde. Und hier bestätigt sich das oben zitierte Newton`sche Gesetz schon früh. Mileva stößt nicht nur auf Gegenwehr, sie wird aufgrund ihres Intellekts schnell akzeptiert und doch kommt es so, wie ihr Vater befürchtet hatte. Sie trifft sie auf eine Kraft, die sie magisch anzieht, sie jedoch lebenslang aus der eigenen Bahn werfen wird. Mileva begegnet dem jungen Physikstudenten Albert Einstein. Aus anfänglich rein theoretischen Diskussionen wird Freundschaft, aus Freundschaft wird Liebe und was für sie nach einem gemeinsamen Lebensweg aussieht, entwickelt sich anders, als sie es sich je hätte vorstellen können.

Frau Einstein von Marie Benedict

„Izugbio sam ze. Ich war verloren.“

Was sich anfühlt wie eine wissenschaflich-emotionale Allianz zweier Genies, wird für Mileva zum Abstellgleis ihrer eigenen Interessen. Eine ungewollte Schwangerschaft beendet ihr Studium, der uneheliche Status des Kindes steht Mileva und Albert im Weg und aus Rücksicht auf seine erste Anstellung tritt sie in den Hintergrund. Vergessen ist alles, was sie zu seinen ersten Publikationen beigetragen hat, vergessen all die Impulse, die sie immer wieder setzte, um seine Physik-Theorien mathematisch zu untermauern. Vergessen all seine Versprechen von Hochzeit und einer gemeinsamen Karriere. Hier zeigt Albert Einstein, dass Liebe unberechenbar ist, dass ihr kein Formelwerk zugrunde liegt und dass der vielversprechende Jungakademiker in Herzensangelegenheiten nicht nur unkalkulierbar, sondern eben auch egozentrisch berechnend ist. Mileva verlor sich in ihrer Mutterrolle. Sie war verloren. Ihr Vater hatte es geahnt.

Frau Einstein von Marie Benedict

War Albert Einstein wirklich dieses menschliche Scheusal, von dem Marie Benedict hier schreibt? Gut, dass meine kleine Bibliothek eigene Recherchen erlaubt. In Lists of Note findet sich die Aufstellung der Bedingungen, die der spätere Nobelpreisträger an ein weiteres Zusammenleben mit seiner Mileva knüpft, um sie mit ihren Kindern nicht im Regen stehen zu lassen.

Klingt sehr herzlich und empathisch…

  • Kleider und Wäsche instand halten
  • Drei Mahlzeiten täglich ins Zimmer servieren
  • Verzicht auf alle persönlichen Beziehungen
  • Keine Zärtlichkeiten
  • Das Schlafzimmer verlassen, wenn er darauf besteht
  • Keine persönlichen Gespräche…

Bezeichnend auch, in welcher Form er sich später dazu verpflichtete, seine Frau zu entschädigen, damit er wieder als freier Radikaler durch die Welt der Wissenschaft toben konnte, die ihm zu Füßen lag. Alles konnte er wohl teilen, nicht jedoch den Erfolg, den er nur für sich reklamierte. Gar nicht nobel, der Preisträger.

Frau Einstein von Marie Benedict

Marie Benedict beschreibt mit chirurgischer Präzision die Spirale, aus der Mileva nicht mehr entfliehen kann. Sie zeichnet ein komplexes sozio-kulturelles Sittenbild dieser Zeit und lässt dabei kein gutes Haar am Strubbelkopf von Albert Einstein. Zwar betont sie klar und deutlich, dass sie keine wissenschaftlich untermauerte Biografie, sondern einen Roman geschrieben hat. Und doch spürt man deutlich, wie sehr sie des Pudels Kern in ihrem Buch getroffen hat. An den Fakten kommt man nicht vorbei. Und so bleibt uns als Leser nur, gemeinsam mit Mileva um Verluste zu trauern, kleine Hoffnungsschimmer als das zu nehmen, was sie sind: als reine Trugbilder und Illusion. Und es bleibt der Neid in der Erkenntnis, dass es auch anders hätte sein können. Eine Begegnung der Einsteins mit Marie und Pierre Curie. Sie leben vor, wie es hätte sein können. Tragisch.

Ein relativer Vergleich – Gar nicht Theoretisch – Mileva in der Literatur

Dieser Roman ist relevant. Gerade in Zeiten von unterschiedlicher Entlohnung bei der Arbeit, der Quotierung der Anzahl von Frauen in wirtschaftlichen Spitzenpositionen und auch in der Reflexion einer in der Gesellschaft eher einseitig geführten MeToo-Debatte ist es erhellend zu erkennen, was sich seit mehr als 100 Jahren verändert hat und was eigentlich immer noch nicht.

Relevant wird es auch sein, im April den Roman „Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit“ von Slavenka Drakulic zu lesen. Ich bin sehr darauf gespannt, wie unterschiedlich sich beide Schriftstellerinnen der zweifellos erzählenswerten Geschichte in letzter literarischer Konsequenz angenähert haben. Ich werde hier weiter berichten.

Advertisements

„Der Dichter der Familie“ von Grégoire Delacourt

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Mama
du bist kein Lama
Papi
und du bist kein Okapi
Oma du singst Paloma
Opi
alle machen Pipi

Damit fing alles an. Ein harmloser Kinderreim, verfasst von Édouard im zarten Alter von sieben Jahren. Die Welt stand dem Jungen weit offen und die Fantasie konnte sich frei entfalten. Wären doch diese Zeilen niemals den Verwandten zu Ohren gekommen, hätte doch die Familie des kleinen Édouard niemals Notiz davon genommen, hätten sie einfach weggehört, sein Leben wäre anders verlaufen. Haben sie aber nicht. Sie haben ganz genau hingehört. Zu genau. Und schon steckte der Junge in einer Schublade, aus der er zeitlebens nicht mehr entfliehen konnte.

„Mit sieben erlebte ich meinen ersten literarischen Erfolg. Mama schloss mich in die Arme. Der Papi, die Oma und der Opa applaudierten. Komplimente ertönten. Es wurde auf mich angestoßen. Bedeutende Worte wurden gesagt. Ein Dichter.“

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Mit sieben Jahren wurde Édouard zum Dichter der Familie. Mit acht Jahren hatte er nichts mehr zu schreiben. Die wohl früheste Schreibblockade der Literaturgeschichte. Wie so oft steht diesem kleinen Kerl in einem Moment der größten Zuneigung auch die größte Erwartungshaltung gegenüber. Das erste Dribbling eines Fußballzwergs vor den Augen des ehrgeizigen Vaters; die erste wackelige Drehung einer kleinen Ballerina vor den Augen der vom Leben enttäuschten Mutter; ein erster schiefer Ton auf einer Geige; der erste verwackelte Pinselstrich auf dem Papier und schon steht es fest. TALENT!

Grégoire Delacourt erzählt in seinem Roman „Der Dichter der Familie“, was eine solche Talent-Hypothek verursachen kann. Gerade diejenigen, die denken, alles sei dem Nachwuchs in die Wiege gelegt und das erste Zeichen von Begabung wäre schon ein Fingerzeig des Schicksals, finden sich in diesem Roman wieder. All jene, die ihre nie gelebten Träume plötzlich in die eigenen Kinder projizieren, dürfen an der Seite von Édouard erleben, was sie damit anrichten. Schublade auf. Kind rein. Schublade zu. Ein Bild, das wohl allen Eltern irgendwie bekannt vorkommt. Ein Bild auch, das viele Kinder ein ganzes Leben lang mit sich herumtragen.

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Aus Édouard wird ein lebenslang Suchender. Immer auf der Jagd nach dem ersten Lob, der ersten Bewunderung und der Zuneigung, die er nur im Alter von sieben Jahren erleben durfte. Von da an ging es bergab. Lebens- und Liebesentscheidungen werden geprägt von den Erwartungen an den „Dichter der Familie“. Es ist nie die Frage, ob er jemals ein Buch schreiben wird. Es ist immer nur die Frage, wann. Und aus dem guten Rat des Vaters: „Lass die Dinge sich schreiben!“ erwächst die Hoffnung, der Knoten möge doch irgendwann platzen. Vergebens.

Die Spirale beginnt sich bedrohlich zu drehen. Therapie im Alter von elf Jahren. Das Strohfeuer des Talents scheint erloschen. Die Lust am Leben vergeht. Sprachlosigkeit überkommt eine Familie, die doch wahrlich glaubt, einen Dichter in den eigenen Reihen zu haben. Delacourt überzeichnet bewusst und literarisch brillant, aber das Bild, das so entsteht ist bedeutungsschwer. Wenn ein Kind die Erwartungen nicht erfüllt, wenn alles Hoffen und Bangen vergebens ist, dann entwickelt sich Druck zu einer lebensgefährlich ausufernden Lawine.

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Édouards Leben ist ein Leben, in dem er es niemandem recht machen kann. Sich selbst zu allerletzt. Selbst die Liebe seines Lebens steht unter dem Vorbehalt, dass sie Großes von ihm erwartet. Monique träumt davon, die Frau eines Schriftstellers zu sein. Édouard jedoch bringt als Werbetexter leider nur Worte heraus, die diesem Anspruch nicht gerecht werden. Grégoire Delacourt verfolgt Édouards Weg beharrlich, erzählt en passant die Geschichte einer Familie, die allzu oft an sich selbst, am Leben und an den Bildern scheitert, die viel zu früh viel zu präzise vorgezeichnet wurden. Und gar nicht im Vorbeigehen erzählt er die Geschichte dieses Buches.

Es fühlt sich an, als würde man „Der Dichter der Familie“ in einer Dunkelkammer lesen. Das Bild entwickelt sich. Das Positiv wird sichtbar und doch ist das Negativ sein treuer Wegbegleiter. Aus der Betrachtung dieser beiden Seiten besteht dieser Roman. Kein Glück ohne Pech. Keine Liebe ohne Hass. Keine Wortkunst ohne Sprachlosigkeit. Keine Zweisamkeit ohne Einsamkeit. Keine Geburt ohne Tod. Kein eigenes Buch ohne Schreibblockade. Kein Sex ohne Lustlosigkeit. Kein Flug ohne Absturz. Keine Heilung ohne Krankheit und keine Lebensfreude ohne Todesangst. Mir bleibt die Erinnerung an einen wundervollen Roman; den schönen Moment, als ich einem Mädchen begegnete, das auf dem Auto saß und ein Zitat, das ich mit in mein Leben nehme:

„Ein Herz aus Stein braucht einen Felsen, um wieder Funken zu schlagen.“

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

„Am Grund des Universums“ von Norbert Scheuer [Heimat-Lesen]

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Heimat. Ein großer Begriff. Jeder füllt ihn mit ganz individuellen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Jeder verbindet Schlüsselerlebnisse seines Lebens mit der Heimat, den Menschen die dort leben und lebten. Heimweh. Ein Sehnsuchtsbegriff, der sich der Übersetzung in andere Sprachen entzieht. Dialekt, Familienwurzeln, Kindheit, die erste große Liebe und der gefühlte Verlust, wenn man die Heimat verlässt kennzeichnen das Empfinden, das wir Heimatgefühl nennen. Heimaterde. Mehr als ein geflügeltes Wort.

„Queequeg was a native of Rokovoko, an island far away to the West and South. It is not down on any map; true places never are.“ (Herman Melville – Moby Dick)

Wahre Orte sind ebenso wenig auf Karten zu finden, wie Heimweh messbar ist. Ich spreche aus guter Erfahrung und möchte aus gutem Grunde einen Leseschwerpunkt in diesem Jahr der „Heimat“ widmen. In Zeiten der Globalisierung ist es angebracht, sich vom Großen ins Kleine zu lesen. Das „Kaff“ als Gegenentwurf zur Metropole zu sehen und dem Fernweh das Heimweh gegenüberzustellen, kann uns dabei helfen, das Fehl zu verstehen, unter dem Heimatlose oder Entwurzelte leiden. Es kann aber auch dabei helfen, uns selbst zu verstehen. Unsere romantisch verklärten Gefühle, wenn wir nach Hause kommen oder uns der alten Heimat nähern, der wir aus irgendwelchen Gründen den Rücken gekehrt haben, besser einordnen zu können.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

„…er blickte gegen die Fahrtrichtung und dachte daran, dass die Menschen im antiken Griechenland angenommen hatten, den Hades rückwärts betreten zu müssen. Vor ihnen lag nur noch ihre Vergangenheit.“

So beschreibt Norbert Scheuer in seinem Roman Am Grund des Universums die Heimkehr eines jungen Mannes in die Eifel. Traumatisiert vom Krieg in Afghanistan, entwurzelt und von der großen Welt in die noch größere geworfen, kommt er nun nach Hause zurück. Ins kleine Städtchen Kall in der Eifel. Mal wieder. Diesmal jedoch ohne Rollstuhl. Diesmal ohne den Verlust des Erinnerungsvermögens und diesmal ohne die bohrenden Schmerzen im ganzen Körper. Und doch ist es wie immer. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, da Heimat keine Zukunft hat. Paul nähert sich dem Hades seines Lebens und in seinen Gedanken verschwimmen die Zeitebenen zu Zeitschleifen, deren Verwirbelungen ihn niemals losgelassen haben.

Norbert Scheuer führt seine Leser zum Grund seines Universums. An den Ort, wo alles begann. Den Ursprung. Man muss nicht aus der Eifel kommen, um die Heimkehr von Paul Arimond in allen Facetten erfühlen zu können. Man muss sich nur in das Bild des Schriftstellers fallen lassen, um jede eigene Heimkehr an einen Sehnsuchtsort am eigenen Leib nachempfinden zu können. Jeder hat sein persönliches „Kall“. Jeder fühlt in der Tiefe seines Herzens die gleichen widersprüchlichen Empfindungen, wenn man Gegenwart und Vergangenheit in Einklang bringen möchte, ohne den Gedanken an die Zukunft denken zu können. Es war einmal. So könnte man sagen. Vor uns liegt nur die Vergangenheit.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

So sehr sich Kall auch verändert haben mag, so sehr der Neubau eines Feriendorfs und die Vergrößerung des Stausees auch das Gesicht des kleinen Städtchens prägen, so wenig hat sich Kall in seinem Kern gewandelt, denn es gibt sie noch, die Epizentren im Orkan der Gegenwart. Die magischen Plätze, an denen sich das Leben abspielt und die Orte von denen aus man aus dem Inneren heraus den Gang der Zeit beobachtet. In Kall sind es die Grauköpfe, eine verschworene Gruppe alte Männer, deren Stammplatz in der Cafeteria des Einkaufszentrums seit Jahren das Auge des Orkans bildet. Um sie herum dreht sich die Geschichte des Ortes und wie ein Ältestenrat beobachten, werten und bewerten sie die Geheimnisse des Lebens.

Norbert Scheuer lässt uns mit den Grauköpfen verschmelzen. Wir erleben Kall aus erster Hand, wobei Gerüchte, Klatsch und Tratsch weit mehr Tradition haben, als Fake-News einer globalisierten Gesellschaft. Hier geschieht nichts ohne Grund. Vergangene Geschichten sind nie vergessen und das „Ich hab´s ja kommen sehen“ hat Konjunktur. So lernen wir die Menschen aus Kall kennen, die sich bisher erfolgreich gegen die Welt abgeschottet haben. Und mit Welt ist hier nicht das Große gemeint. Kall sieht sich hier schon eher wie das kleine gallische Dorf, für das die Fremde am Ortsschild beginnt. In Kall ist man schon Migrant, wenn man aus dem Nachbardorf kommt.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Wenn die Kneipe, die Sparkasse, der Friseurladen, die Bäckerei und der Stausee Geschichten erzählen könnten, wir kämen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hier übernimmt Norbert Scheuer die Rolle der Zeitzeugen aus der Vergangenheit und führt uns durch Geschichten, die ihre Bedeutung in der Bedeutungslosigkeit erlangen. Es ist nicht weltbewegend, was sich hier abspielt. Es ist die Magie des Alltags, die uns daran erinnert, wie behütet, beobachtet, geschützt und gleichzeitig ausgeliefert man in einem kleinen Gebilde namens Heimatdorf sein kann. Wer sich jemals nach Anonymität sehnt, sollte Kall nicht betreten. Hier bleibt nichts lange verborgen, kein Fehltritt, keine Affäre und kein Fremdgehen. Über keinen Betrug, kein Geheimnis, keine Jugendsünde, keine Abweichung von der Norm wächst hier jemals Gras. Das Jetzt ist mit dem Einst so eng verwoben, wie ein Schleppnetz. Und jetzt gibt auch noch der Stausee sein Geheimnis preis. Man lässt das Wasser abfließen, und gräbt sich von der Dammkrone zur -sohle, wühlt mit schwerem Gerät am Grund des Universums und – keine Überraschung – man wird fündig.

Längst verschollene Gegenstände tauchen auf und die Grauköpfe stecken graue Köpfe zusammen, um weiteren Geheimnissen auf den Grund zu gehen. Schicht um Schicht erweitert sich unser Blick auf die Menschen des Ortes. Die Eigenwilligen und Verschrobenen, die Verratenen und Verlorenen, die Betrogenen und Vertriebenen, die Erkrankten und längst Verstorbenen erzählen ihre Geschichten. Es sind Mosaiksteine aus erster Liebe, verstohlenem Verlangen, korrupter Gier, enttäuschter Leidenschaft in einem Hauch von Seide und menschlicher Schwäche, die in der meisterlichen Collage von Norbert Scheuer ein Bild vom Grund des Universums ergeben. Das Lesen dieses Romans ist wie eine Heimkehr. Besonders für mich, da ich der Eifel selbst den Rücken kehrte und genau weiß, was Heimweh heute bedeutet.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Norbert Scheuer hat sich nicht zum ersten Mal in sein ebenso reales wie fiktives Kall geschrieben. Als ich seinen ersten „Ortstermin“ mit dem Titel „Kall – Eifel“ in den Tiefen des Stausees meines Lesens entdeckte musste ich weiter zum Grund tauchen. Hier begegnen mir die Namen und Orte wieder, die unter dem Grund des Universums eine weitere literarische Sedimentschicht abgelagert haben. Man sollte sich den Claim für ein vertieftes Lesen sichern. Die Schürfrechte können uns bereichern. Ich werde in diesem Jahr noch einige Bücher lesen, die den Heimatbegriff im Kleinen thematisieren. Ihr Zauber wird vielleicht mein Heimweh im Zaum halten. Vor kurzem schrieb ich, man solle sich sein Heimweh bewahren, auch wenn man zuhause ist. Daran halte ich fest.

Begleitet mich auf der Lesereise in die Heimat. Findet heraus, was Heimat bedeutet und entdeckt weitere Bücher, die Heimweh mildern können. „Heimaterde und Acht Bergeergänzen schon jetzt die Bücherkette des Lesens jenseits der Globalisierung. Die Romane Heimkehren und Der Freund der Totenzeigen auf, dass Heimweh kein regional oder sozio-kulturell begrenzter abstrakter Begriff ist. Heimweh macht uns aus. Es macht die Region aus, aus der wir stammen und es ist die letzte fühlbare und immer schmerzende Wurzelspitze, die uns mit unseren Vorfahren verbindet. Ein kleines Interview – ein Gespräch zweier Eifeljungs – unterstreicht, was ich hier schrieb. Es ist mehr als ein normales Buchmesse-Interview, das ich mit Sven Nieder über sich selbst, seinen Eifelbildverlag und über die gemeinsame Heimat führte.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Welche Bücher würdet ihr mir auf dieser Reise ans Herz legen?

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

„Meeresroman“ – Glückliche Momente mit Petri Tamminen

Meeresroman von Petri Tamminen

Der Boden eines Schiffes ist nicht von dieser Welt. Er verhandelt mit dem Meer.

Was einem Schiff in zähen Verhandlungen mit dem Meer vielleicht gelingen mag, ist dem Menschen nicht immer gegeben. Die Ozeane sind das Leben. Wir sind oft nur die Gäste auf ihnen und ohne künstliche Hilfsmittel oder Navigation rettungslos verloren. Schiffsbrüchige, Ertrunkene oder Gestrandete wissen ein Lied davon zu singen und die Literatur ist voller Beispiele für Odysseen, Untergänge oder Sturmfluten, die uns in den Tiefen der Weltmeere versinken lassen. Metaphorisch ist das Meer hier dem Schicksal gleichbedeutend. Unausweichlich, unentrinnbar verloren, uferlos im wahrsten Sinne des Wortes ist es, wenn wir diese Naturgewalt beherrschen wollen. Schiffe sind viel mehr als nur Wasserfahrzeuge. Die Arche Noah steht stellvertretend für deren Bedeutung.

„Er war in dieser Stille aufgehoben, und das Leben war in ihm aufgehoben, und das Schiff kannte ihn und er das Schiff.“

Meeresroman von Petri Tamminen

S – Das Schiff des Theseus“ war bisher die aufregendste Fahrt meines Lesens. Immer wieder schreibe ich mich in die Heuerlisten bekannter Schiffe ein und versuche mein Glück auf hoher See zu machen. Die Pequod, die Golden Hinde oder auch die Endurance sind für mich die besten Beispiele für alle Walfang-, Kaper-, Eroberungs- und Kreuzfahrten meines Lesens. Unverändert hat mich keines dieser Schiffe gelassen und doch hatten sie eine große Gemeinsamkeit: Charismatische Kapitäne, die jederzeit in der Lage waren, das Steuer herumzureißen und der Gefahr zu trotzen. Meister ihres Fachs und doch zumeist tragische Helden und Opfer ihrer Leidenschaft.

„Seekapitän Huurna schämte sich für gestern und fürchtete sich vor morgen.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Und nun? Sollte ich mich wirklich Vilhelm Huurna anvertrauen? Einem finnischen Kapitän, der nicht nur für sein legendäres Zaudern bekannt ist, sondern auch dafür, in absolut atemberaubendem Tempo ein Schiff nach dem anderen auf Grund zu setzen? Ein Kapitän, der zwar ein Patent zum Führen von Schiffen hat, den man allerdings als nicht wirklich patent bezeichnen kann, wenn es darum geht die Frage zu beantworten, ob er als Kapitän jemals ein glückliches Händchen bewiesen hat. Hier geht es nicht nur darum, Vilhelm Huurna auf EIN Schiff zu folgen. Eine kleine Flotte der Versenkten und Verlorenen ist es, die ich im Meeresroman von Petri Tamminen kennenlerne. Eines jedoch spricht für ihn. Das kann man nicht verhehlen. Deshalb heuerte ich bei ihm an:

„Die Schiffe waren untergegangen, nicht er.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Petri Tamminen beschreibt in beschwingtem finnischem Gleichmut, was uns sofort in Unmut versetzen würde. Er entführt uns in die Handelsschifffahrt im 19. Jahrhundert und übergibt sein Kommando über alle von ihm erdachten Segelschiffe an den ebenso rein fiktiven Vilhelm Huurna. Leinen los, könnte man rufen. Alles in die Wanten, könnte das erste Kommando lauten. Viel Zeit bleibt uns nicht angesichts der 112 Seiten dieser schmalen Erzählung. Weit gefehlt, Was auf hoher See in eine epische Ballade ausufert braucht nicht viele Worte, wenn Petri Tamminen schreibt. Er erzeugt eine Welle, deren Krone er uns erzählt, deren Kamm wir jedoch inspiriert von seiner Wortkunst deutlich erkennen können. Bildhaft und komplex mutet an, was eher zart und eigentlich schlank daherkommt. Literarische Tiefe erzeugt der finnische Autor durch die Parabel, in die er unsere Gedanken treibt. Ein unwiderstehlicher Sog, an dessen Ende kein Ende steht.

„… aber sobald die Kräfte zurückkehrten, fing er wieder an, das Glück zu beschwören und zu hoffen, es werde doch noch einmal um ihn herum
flimmern. Manchmal nahm das Glück den Wunsch entgegen,
manchmal nicht, Glück ist Glückssache.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Folgt mir an Bord seiner Schiffe. Erlebt die Pleiten und Pannen, die Vilhelm Huurna nur erleiden muss, weil ihm das Seeglück fehlt. Aber das Fehlen von Glück allein ist für ihn kein Grund, am Leben selbst zu verzweifeln. Ob man sein Glück je erzwingen kann, steht hier nicht im Vordergrund. Viel eher, wie man mit dem Pech lebt und doch in der Lage ist, seinen Weg durchs eigene Leben zu gehen. Huurna verliert nicht nur Schiffe. Mit jeder Havarie havariert auch eine Liebe. Den schwersten Schiffbruch beklagt er am Grab seiner Frau und des Kindes, das er niemals sah. Eine Szene, die ich in meinem Lesen so unbeschreiblich emotional beschrieben fand, dass es mir das Herz brach.

„Wenn sich seine Frau getraut hatte, zu sterben, glaubte auch er,
sich zu trauen, wenn der Tag dafür gekommen wäre.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Vertraut euch Kapitän Huurna an. Hört ihm zu, wenn ihr denkt, dass euch etwas am Glück eures Lebens fehlt. Folgt seinem Kommando, wenn ihr euch vom Pech verfolgt fühlt. Zögert mit ihm, wenn Hyperaktiviät eure Seele lähmt und geht mit ihm unter, wenn ihr neugeboren auftauchen möchtet. Dieses kleine Büchlein ist ebenso lesenswert, wie das Leben dieses Kapitäns erzählenswert ist. Auch, wenn alles frei erfunden ist, glaubt mir: Ihr werdet euch selbst und eure versunkenen Schiffe wiedererkennen. Zeit, sie mit diesem großen kleinen Buch zu bergen…

„Aber nachdem er sich zahlreiche Vorwürfe gemacht hatte, stellte er auch fest, dass er gut darin war, seine Fehler zu erkennen und sich an sie zu erinnern.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Meeresroman oder Einige glückliche Momente aus dem tristen Leben des Seekapitäns Vilhelm Huurna“ – Petri Tamminen – Mare Verlag. (112 Seiten, 18 Euro)

Ihr habt Lust auf mehr Meer? Navigiert euch hier entlang…

„Der Herr der Bogenschützen“ von Mac P. Lorne

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Noch vor wenigen Wochen stand ich ehrfurchtsvoll am Altar der Kathedrale zu Reims. Meine Reise durch Frankreich hatte mich zu einigen geschichtsträchtigen und magischen Plätzen geführt, doch hier spürte ich den Atemhauch der Geschichte ganz besonders intensiv. Hier stand sie neben ihrem soeben gekrönten und gesalbten König. Das wohl legendärste Banner in Händen, in silbern glänzender Rüstung und am Ende der Bestimmung angelangt, die für sie göttlicher Eingebung entsprach. Hier fühlte ich mich der heiligen Jungfrau von Orleans, Jeanne d`Arc besonders nah. Standbilder und Gemälde künden von ihrer Legende. Nicht nur hier, auch in der Kathedrale Notre Dame de Paris, hat sie Spuren hinterlassen. Diesen Spuren wollte ich auch literarisch folgen.

Ich wollte mehr über die Zeit des 15. Jahrhunderts erfahren, nicht nur ein Buch über Jeanne d`Arc lesen. Sie isoliert zu betrachten schien mir zu wenig. Und so fiel meine Wahl auf einen historischen Roman, der ganz aktuell bei Knaur erschienen ist. “Der Herr der Bogenschützen” von Mac P. Lorne sollte es sein. Ausschlaggebend war hier natürlich die Inhaltsangabe und der deutliche Hinweis auf die Verzahnung einer jungfräulichen Geschichte mit der eines Bogenschützen im Thronfolgekrieg zwischen England und Frankreich. Darüber hinaus hatte ich ja gerade mit diesem Schriftsteller in meinem vergangenen Lesen beste Erfahrungen gemacht. “Der Pirat”, ein echtes und absolut lesenswertes Meisterwerk über den legendären Sir Francis Drake bildete den Maßstab für das, was ich mir von diesem neuen Lesen erhoffte.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Der Herr der Bogenschützen ist eine intensive Annäherung an John Holland, eine historisch verbürgte Figur, die im umkämpften Frankreich sehr deutliche Spuren hinterlassen hat. Mac P. Lorne ist nun wirklich nicht bekannt dafür, biografische und trockene Romane zu schreiben. Er lehnt sich an. Recherchiert und spürt jene Fährten auf, die man zu einer verdichteten und hoch spannenden Erzählung benötigt. Er gönnt sich alle literarischen Freiheiten, seine Figuren auch mal dort zu auftauchen zu lassen, wo ihre Anwesenheit nicht in Chroniken erwähnt ist. Letztlich jedoch knüpft er einen historisch authentischen Gobelin, der plausibel erscheint und das Gefühl vermittelt, im Zentrum der Schlachten selbst bis zu den Knöcheln im Schlamm zu stehen.

An der Seite des noch ganz jungen John Holland lässt uns der Erzähler erleben, wie schnell Loyalität und Treue zu dieser Zeit unkalkulierbare Folgen für eine ganze Familie haben konnten. Eine falsche Entscheidung des Vaters, einmal dem Mann zu folgen, dessen Stern gerade verblasst und schon gehörte die Auslöschung der Familie zum damaligen Standardprogramm. John Holland überlebt diesen frühen Sturm, der seine Eltern und Geschwister auslöscht. Er schwört den heiligen Eid, den verlorenen Besitz der Hollands und die Titel seines Vaters zurückzuerobern. Er schwört all jenen Rache, die für diese dramatischen Verluste seines Lebens verantwortlich sind. Dieser Weg bis zur Einlösung seines Gelübdes ist der Weg, den wir erlesen dürfen.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Vom Kind zum Mann sehen wir John Holland reifen. Es weiß, wie sich Unrecht anfühlt. Er geht seinen aufrechten und geraden Weg durch die Geschichte und doch bleibt er ein Getriebener seiner Vergangenheit. Er lernt, was nur eine handverlesene Elite damals beherrschte. Die Kunst des Schießens mit dem berüchtigten Langbogen und das Geschick, hunderte Bogenschützen in einer Schlacht zu einer schlagkräftigen Truppe zu formieren. Ritterlich ist das noch nicht. Einzigartig jedoch ist es und John Holland schließt sich mit ihm ergebenen Bogenschützen Heinrich V. an und zeigt in der Feldschlacht von Azincourt, wozu seine Männer in der Lage sind. Das Überleben des englischen Königs und der Sieg gegen eine unglaubliche Überzahl von französischen Rittern ist nur John Holland zu verdanken. Er erlangt den ihm zustehenden Titel zurück und steigt in den Reihen des englischen Hochadels langsam aber stetig auf.

Wir lernen John Holland so gut kennen, als wären wir mit ihm befreundet. Seine Werte und Moralvorstellungen stehen im deutlichen Widerspruch zum Sittenbild der Zeit, in der er lebt. Menschenleben zählen nichts, die Religion hat längst ihre Unschuld und eigentlich auch die Daseinsberechtigung verloren und Machtgier lässt die Herrscher zu Monstern werden. Alles auf dem Rücken der Unschuldigen und Armen. Der Hochadel ist degeneriert und Alliierte von heute sind Todfeinde von morgen. Das besetzte und hart umkämpfte Frankreich erleidet in dieser Zeit eine ernüchternde Niederlage nach der anderen. Ein eigener gesalbter König ist nicht in Sicht. Zu mächtig sind die Engländer und zu unwiderstehlich ist ihre militärische Präsenz. Nur John Holland strebt innerlich nach dem Unerreichbaren. Verständigung und Frieden.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Als alle Hoffnung der Franzosen am Boden liegt und es nur noch einiger weiterer Siege bedarf, um das ganze Land endgültig zu beherrschen und ihm einen englischen König aufzuzwingen, erscheint ein 17-jähriges Mädchen am Hof des ungekrönten und kurz vor der Niederlage stehenden umstrittenen Thronfolgers Charles VII. und verheißt, das Schicksal des Landes retten zu können. Jeanne d`Arc. Die Stimmen der Heiligen haben sie bis hierher geführt und sie übernimmt mit ihrer charismatischen Art und auf der Grundlage der göttlichen Bestimmung die Führung über die Ritterschaft des Landes. Zweifler werden von ihren Erfolgen zum Schweigen gebracht. Die Befreiung Orleans bringt ihr den Beinamen Jungfrau von Orleans ein und das Volk liegt ihr zu Füßen. Hier kreuzen sich die jungfräulichen Wege mit denen des Herrn der Bogenschützen.

Spätestens hier hat Mac P. Lorne seine Schlachtreihen formiert und seine Figuren auf dem Schachbrett seines Romans in Aufstellung gebracht. Jetzt nimmt er sich alle Freiheiten, die ich extrem schätze und lässt sein fulminantes Historienspektakel zutiefst menschlich und unmenschlich zugleich werden. Jetzt wird aus dieser groß angelegten Geschichte die Gratwanderung zwischen Treue und Verblendung, Kadavergehorsam und Glaube. Jetzt beweisen sich Freundschaften und der Begriff Loyalität wird harten Proben unterzogen. Ich erlebe Jeanne d`Arc als treibende Kraft und als Getriebene in einem Konflikt, in dem dieses Bauernmädchen von einst zum Bauernopfer der Könige wird. Mac P. Lorne entmystifiziert die Legende um eine Heilige so gut er kann. Ihm gelingt, was nur guten Schriftstellern gelingt. Er schreibt nicht auf dem Nimbus einer Unantastbaren herum, sondern stößt sie vom Sockel, um genau hierdurch aufzuzeigen, welche Strahlkraft sie besessen haben muss.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

“Der Herr der Bogenschützen” ist ein Roman, der aus der Zeit gefallen scheint. Dieses Buch ist vulgär, scheinheilig, wollüstig und blutrünstig. Es ist groß in seinen Dialogen und so degeneriert wie der Adel auf beiden Seiten. Es entspricht den Idealen einer legendären Ritterschaft und verhöhnt sie in gleichem Maße. Mac P. Lorne hat mich zugleich einiger Illusionen beraubt, wie er auch den Samen an die Bestimmung neu gesät hat. Die Statue von Johanna begleitete mich durch mein Lesen. Sie schaute mir über die Schulter. Ich würde zu ihren Füßen immer wieder Kerzen anzünden. Nicht zur Verehrung dieser Heiligen. Eher aus Anteilnahme und Mitgefühl. Zuletzt stand ich an ihrem Scheiterhaufen. Das Ende ihres Lebens ist bekannt. So erzählt hat es mir jedoch noch niemals ein Schriftsteller.

Wo er in Azincourt jede Anlehnung an den Monolog Heinrichs V. aus der Feder von William Shakespeare geschickt vermeidet, lässt er John Holland angesichts der Flammen eine flammende Rede schwingen, die mir Gänsehaut verursachte. Ein wilder Abgesang auf Werte, Ehre, Anstand und die Integrität jener, die hier ein Urteil über ein junges Leben gefällt hatten, das nun in Flammen aufging. Flammen, die eine Märtyrerin aus Jeanne d`Arc machten. Alleine diese Passage ist das Lesen dieses Buches wert. Sie steht in der Tradition der ganz großen Reden eines Aufrechten an die Verbogenen. Hier erreicht dieser Roman in seinem Höhepunkt eine literarische Dimension, die ich euch aufrichtig ans Herz legen möchte.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Ein Makel bleibt am Ende. Ich würde Mac P. Lorne gerne weiter folgen. Der Inhalt und die Gestaltung der Bücher sind gediegen und die Cover ergeben eine geschlossene Einheit. Und doch ist und bleibt unverständlich, warum die Buchformate sich so extrem unterscheiden. Eine Reihe entsteht so nicht in meinem Regal. Wenn mir meine Buchfee einen Wunsch im Lesen erfüllen würde, dann diesen. Ein Autor, ein Verlag, ein Niveau, EIN FORMAT!

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne