Der Abstinent von Ian McGuire

Der Abstinent von Ian McGuire - Astrolibrium

Der Abstinent von Ian McGuire

Wenn man den Namen des Schriftstellers Ian McGuire auf einem Buchumschlag liest, sollte man sich schon gut überlegen, ob man einen Roman aus seiner Feder auf dem Büchertisch ignorieren darf. Spätestens seit Nordwasser sollte sich die Kunde verbreitet haben, dass der britische Erfolgsautor nicht nur viel zu erzählen hat, sondern wie er es erzählt. Die Walfangreise an Bord der „Volunteer“ mutiert zum einzigartigen Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer. Der Walfang allein reicht ihm nicht aus. Ian McGuire entfacht ein maritim geprägtes rechtsmedizinisches Inferno, in dem einem das Wasser bis zum Halse steht. Ich schrieb zu „Nordwasser„:

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

Der Abstinent von Ian McGuire - Astrolibrium

Der Abstinent von Ian McGuire

Jetzt ist Ian McGuire wieder zurück. Es ist „Der Abstinent„, der uns ins England des Jahres 1867 entführt. Es ist ein historisches Szenario, das er als Impuls für den neuen Roman für sich entdeckte. Es ist die Zeit des irischen Widerstandes gegen das britische Königshaus. Ein Widerstand, der brutal niedergeschlagen werden soll. Ganz egal, wo er zutage tritt. Zum Beispiel in Manchester – fernab von der grünen Insel…

„Eine Krähe krächzt, als zöge man einen trockenen Korken aus einer Flasche; irgendwo am Fluss klappern Wagenräder und ein Pferd wiehert. Einen langen Augenblick stehen die drei Männer Seite an Seite unter dem schweren Eichenbalken wie grob gehauene Karyatiden, getrennt und doch vereint,
dann erschreckend plötzlich sind sie weg.“

Hier werden am 23. November 1867 drei Todesurteile vollstreckt. Öffentlich zeigen die royalen Machthaber, wie sie mit den „Fenians“, den irischen Terroristen umgehen. Ihre Anschläge tragen den Konflikt von Irland ins Herz ihres Feindes. Die große irische Community in Manchester scheint das ideale Brutnest für ihren Freiheitskampf zu sein. Dass man durch die Hinrichtung der Iren die Gewaltspirale erst recht beschleunigt und Märtyrer erzeugt, scheint den Regierenden egal zu sein. Jedes Mittel ist erlaubt. Darin zumindest sind sich die Konfliktparteien einig. Vom Polizistenmord bis zur Vergeltung, die Distanz zwischen Ursache und Folge schrumpft in sich zusammen und genau hier lässt Ian McGuire seine Protagonisten agieren. Auf beiden Seiten der formierten und geschlossenen Reihen.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Wer hier von Ian McGuire einen ausschweifenden historischen Roman erwartet, der en passant auch noch die Hintergründe des irischen Freiheitskampfes in aller Tiefe erläutert, komplexe historische Beschreibungen der Geschichte dieses Konflikts in den Mittelpunkt stellt und sozio-politische Themen im Spiegel der Zeit thematisiert, der sieht sich schnell getäuscht. Dieser Kampf ist ein Stellvertreterkrieg für alle Szenarien in der Weltgeschichte, die geeignet erscheinen, große Geschichten von einsamen Wölfen zu erzählen, die im Clash of Conflicts aufeinanderprallen. Hier geht es unvermittelt und im gestreckten Galopp zur Sache. Hier wirkt die Hinrichtung der Fenians wie der Aufzug eines Theatervorhanges, um uns einen ersten Blick auf die verfeindeten Kontrahenten werfen zu lassen. Hier betritt „Der Abstinent“ die Bühne des Freiheitskampfes. Und er betritt sie nicht allein….

Hier zeigt Ian McGuire seine größte Stärke. Es ist die Nähe zu seinen Protagonisten, die seine Romane zu psychologisch wertvollen Charakterstudien macht. Er führt seine Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten, mit ihren persönlichen Geschichten und in aller Tiefe ins Gefecht und verwischt alle Grenzen zwischen Gut und Böse. Er gewährt tiefe Einblicke hinter die harte Schale seiner Antihelden und macht uns zu Gefährten in schwierigen Zeiten, Komplizen im Verrat, Mitwissern bei gefährlichen Plänen und nicht zuletzt zu Mittätern, wenn wieder einmal die „Rules of engagement“ verletzt werden. Es ist der irische Polizist, der aus Dublin nach Manchester geschickt wird, um bei seinen Landsleuten Spitzel anzuwerben, um den Fenians jetzt zuvorzukommen. Für Constable James O´Connor ist dieser Job alternativlos. Eine Bewährungsprobe. Jetzt, abstinent und fern der Heimat, kann er wieder zeigen, was in ihm steckt. Ein harter Hund mit dem Instinkt eines Jagdhundes, in dem die Vergangenheit sehnsuchtsvoll schlummert.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Was er nicht ahnt, die Fenians sinnen auf Rache für die hingerichteten Patrioten und setzen dabei auf ein in Manchester unbeschriebenes Blatt. Der frisch aus Amerika eingereiste irische Bürgerkriegsveteran Stephen Doyle handelt nach der Maxime, im Krieg ist alles erlaubt und jeder Zweck heiligt die Mittel. Es entwickelt sich ein gewagtes Katz- und Mausspiel zwischen den beiden einsamen Wölfen. So unterschiedlich sie in ihren Zielen sind, so sehr ähneln sich ihre Charaktere. Getrieben vom Irrglauben, einer Sache verpflichtet zu sein. Gelenkt von der Idee, die Wahl der Mittel nur in der eigenen Hand zu haben. Unbeirrt in der Sichtweise, sich selbst auf einem fatalen Opfergang zu befinden und verwundert, wenn nicht sie den Ereignissen zum Opfer fallen. Das ist der Stoff, aus dem große Romane gewebt sind. Zwei Männer, innerlich verletzt und voll von durchlebten Verlusten, instrumentalisiert und fremdgesteuert, liefern sich nicht nur den Showdown dieses Romans. Sie liefern sich den Showdown ihres Lebens.

Ian McGuire bleibt seinem Erzählstil treu. Er schreibt Klartext, er beschönigt nicht in seinen Beschreibungen von Lebensumständen, Erfahrungen und Leid. Er erweitert den Erzählraum um ein paar wichtige Charaktere, an denen sich seine Hauptakteure reiben und aufreiben. Er bringt Liebe und Zuneigung ins Spiel, wo alles nach verbrannter Erde riecht. Er lässt sehnsuchtsvolle Momente zu, wenn Hass regiert. Und er wechselt nicht nur gekonnt die Perspektiven, sondern auch die Schauplätze. Eine Jagd, die eigentlich in Manchester begann, wird im fernen amerikanischen Harrisburg fortgesetzt. Es sind auch hier die ausgewanderten Iren, die ihrer fernen Heimat die Treue halten. Ein Spiel um Vaterlandsliebe, Loyalität und die eigenen Prinzipien. Der Einsatz ist hoch.

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Der Abstinent von Ian McGuire

„Wir stecken alle fest im selben, großen, sich langsam drehenden Hamsterrad, denkt er. Wir glauben, wir kommen voran, aber in Wahrheit geht es immer nur
im Kreis.“

Der Abstinentist alles andere als enthaltsam. Dieser Roman macht trunken vor purer Lesefreude. Gerade wird „Nordwasser“ von der BBC als Serie mit Colin Farrell in der Hauptrolle verfilmt. Man kann nur hoffen, dass „Der Abstinent“ auch einen Weg findet, um vom Kopfkino zum opulenten Realkino zu werden.

Folgen Sie mir zu weiteren Buchvorstellungen bei AstroLibrium, die uns das ewig sehnsuchtsvolle Herz der „Grünen Insel Irland“ näherbringen. Von Auswanderern und den unsterblichen Mythen, von der Geschichte des Regens bis ins ferne Brooklyn, von einem Freund der Toten bis zu den Tagen ohne Ende. Irland ist ein weites literarisches Feld, das jede Reise lohnt. Ich folge jetzt Sebastian Barry auf eine kleine irische Farm und freue mich auf die Begegnung mit „Annie Dunne„. Ich stelle sie Ihnen bald vor.

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Die Himmelskugel von Olli Jalonen

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Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Als Betreiber der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium habe ich mich der Beobachtung des Bücherhimmels verschrieben, um buchige Fixsterne zu entdecken, die nicht nur schön aussehen, sondern als Orientierungshilfe in der unendlichen Weite wie ein literarisch-ethischer Kompass dienen können. Sternschnuppen fallen hier von Haus aus weg, weil sie nur einen temporären Knalleffekt liefern, bevor sie endgültig von der Bildfläche verschwinden. Kometen tauchen zwar mit einem prächtigen Schweif im Gefolge in regelmäßigen Abständen am Firmament auf, haben jedoch nichts Neues auf Lager. Einzig Fixsterne verfügen über eine ganz eigene Strahlkraft, müssen also nicht von Sonnen anderer Systeme angestrahlt werden, halten ihre Positionen dauerhaft und haben zeitlos Bestand. Ja, Bücher sind wie Sterne. Und, wenn Bücher von Menschen erzählen, die ihr ganzes Leben damit verbrachten, den Sternenhimmel wissenschaftlich zu beobachten, dann sind sie sozusagen Ehrengäste meiner literarischen Sternwarte.

AstroLibrium - Die kleine literarische Sternwarte

AstroLibrium – Die kleine literarische Sternwarte

Begrüßen wir also Olli Jalonen, einen der bedeutendsten Autoren in Finnland, als „Special Guest of Honour“ in meinem Bücher-Observatorium. „Die Himmelskugel“ aus dem Mareverlag ist geradezu prädestiniert, einen besonderen Platz im Bücherregal der Himmelsstürmer einzunehmen, vereint dieser Roman doch alle Erzähl-Elemente, die für mich von besonderer Relevanz sind, wenn es um gute Literatur geht. Wissenschaftlich fundiert, fiktional perfekt ausbalanciert und gespickt mit Protagonisten, die aus der Zeit gefallen erscheinen. „Die Himmelskugel“ kann man drehen und wenden, wie man will, man findet keine Schattenseiten, entdeckt immer wieder neues und wird im Universum des brillanten Erzählers Jalonen schnell heimisch. Das liegt ganz besonders an seiner Hauptfigur, die er uns unaufdringlich und doch unwiderstehlich ins Leserherz schreibt.

Wir befinden uns auf der Insel St. Helena und schreiben das Jahr 1679. Es ist der achtjährige Angus, den wir bei einer mehr als merkwürdigen Beschäftigung antreffen. Er sitzt in der Astgabel eines Baumes und beobachtet den Himmel. Er erzählt, was ihm dabei ins Auge fällt, und dabei fallen uns ein paar Dinge ins Auge, die dieser Situation einen ebenso skurrilen, wie unglaublichen Charakter verleihen. Sein Kopf ist am Baum fixiert. Nachts beobachtet er die Sterne und markiert ihre Postionen mit einem Stich in ein dünn geschnittenes Aloe-Blatt. Diese Lochmarkierungen überträgt er dann zuhause mit Tinte auf ein Stück Papier und ergänzt seine Beobachtungen durch das Datum aus seinem Kalender. Angus bezeichnet sich als Himmelsspäher und geht seiner Ausgabe akribisch nach. Nacht für Nacht und Tag für Tag, wobei er tagsüber die Vögel zählt und unterscheidet, die sein Beobachtungsloch durchfliegen. Ungewöhnlich für ein Kind und doch lässt Angus von der Totholzebene keine Frage offen, wenn er erklärt, warum er dieser oftmals eintönigen Mission im Baum schon seit Jahren folgt…

Die Himmelskugel von Olli Jalonen - Astrolibrium

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Er beobachtet den Himmel im Auftrag des großen Forschers Edmond Halley. Ja, genau der Edmond Halley, der später den Kometen entdeckte, der seither gleichnamig alle 75,3 Jahre wieder an unserem Firmament erscheint. Er war auf St. Helena. Er hat in Angus einen Forscher-Samen gesät und dafür gesorgt, dass sich dieser kleine Kerl in ein lebendiges Observatorium verwandelte. Hier beginnt ein Abenteuerroman, der an die ganz großen Erzählungen anknüpft, die uns an der Seite von kindlichen Helden im tiefsten Kern unserer Leserseele berühren. Von Jim Hawkins und der „Schatzinsel“ bis zum Waisenjungen Bartholomäus und dem Museum der Weltreicht die Skala der oftmals naiv wirkenden und doch so altklug agierenden Jungs, denen man einfach durch ihre Abenteuer folgen muss.

Hier konstruiert Olli Jalonen eine literarische Brücke, die auf einem extrem soliden Fundament ruht und doch ständig in Schwingungen versetzt wird. Die Welt von Angus ist keinesfalls so paradiesisch, wie man es auf St. Helena vermuten dürfte. Nein. Ganz im Gegenteil. Alles ist im Aufruhr. Ohne Vater aufgewachsen erkennt der Junge, dass seine Tätigkeit im Auftrag des großen britischen Forschers die einzige Chance für ihn ist, die Insel jemals verlassen zu können. Ein ungerechter Gouverneur, religiöser Zwist und die grausamen Lebensumstände, denen seine Mutter und Schwester auf der Insel dauerhaft ausgesetzt sind, scheinen nur eine Flucht als Ausweg erscheinen zu lassen. Das ferne England ist für Angus der Rettungsanker. Er weiß, dass er noch viel lernen muss, um seinem Idol zu folgen, ihm seine Aufzeichnungen vorzulegen und schließlich als sein Gehilfe arbeiten zu können. Edmond Halley ist der Komet, der nur ein Mal für den Jungen erschienen ist und ihn seitdem nicht mehr loslässt. Nur Wunschdenken?

Die Himmelskugel von Olli Jalonen - Astrolibrium

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Jalonen brilliert in der Art und Weise, wie er Angus als Ich-Erzähler des Romans etabliert. Wir wachsen mit ihm auf, erleben, wie er lesen und schreiben lernt und sich immer mehr dem Idealbild eines wissenschaftlichen Assistenten nähert. Angus erzählt zu Beginn der Geschichte kindlich naiv und grammatikalisch äußerst einfach. Als ihm der Pastor von St. Helena das Lesen beibringt, verändert sich auch sein Erzählen. Ein Entwicklungsroman, der es wirklich in sich hat. Absolut bestechend sind die Passagen, in denen Angus über seine neuen Fähigkeiten sinniert. Hier kann man sich jedes Zitat auf der Zunge zergehen lassen und seine immer weiser werdenden Worte genießen:

„Lesen ist Sehen, aber auch Hören. Schreiben ist kurzes Zeichnen.“

„Einen Brief schreiben ist Zeichnen, aber auch Sprechen. Wenn man lesen lernt, lernt man lautloses Sprechen zu hören. Wenn man schreiben kann, kann man sprechen ohne dass man etwas sagt.“

„Das vierte Lesen ist dann, dass man im Kopf noch einmal liest, was man gelesen hat. Das hilft sehr, wenn man erzählen muss, was ist und was man gelernt hat.“  

Die Himmelskugel von Olli Jalonen - Astrolibrium

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Olli Jalonen legt mit seiner „Himmelskugel“ einen ungewöhnlichen Roman voller kolonisatorischem und wissenschaftlichem Flair vor, der seinen weiten Bogen von St. Helena bis ins ferne London schlägt. Wir erleben Angus auf seiner Insel, auf hoher See und zuletzt im Kapitol des großen Imperiums. Wir werden mit ihm zu einem Brief, den seine verzweifelten Weggefährten zu Edmond Halley schicken, um einen Aufruhr auf St. Helena zu beenden. Wir erleben Wellenberge, Zivilitationsschocks und die tiefe Verunsicherung dieses Heranwachsenden beim Erreichen seines Zieles. Dabei ist die Erzählweise Olli Jalonens nicht durch schnelle Szenenwechsel oder große Dynamik in den Abläufen gekennzeichnet. Er ist ein finnischer Autor, wurde mit dem renommierten Finlandia-Preis ausgezeichnet und wird der skandinavischen Tradition gerecht, seine Erzählung langsam zu entwickeln, ihr Raum zu geben und den Protagonisten nicht im Mahlstrom der Hektik untergehen zu lassen.

Erneut ein ganz großes Abenteuer aus dem Mareverlag, bei dem man mehr als 530 Seiten lang unglaublich gespannt darauf ist, ob Angus sein Ziel erreicht. Wer für Sterne schwärmt, Edmond Halley einmal gerne begegnet wäre, St. Helena im 17. Jahrhundert erleben mag, und gemeinsam mit unserem Himmelsspäher Angus seine ersten Schritte auf Londoner Boden gehen will, ist gut beraten, Die Himmelskugel zu lesen. Man wird auf keiner Seite enttäuscht, denn:

„Der Himmel beginnt in den Augen. Angus hat die Augen des tiefen Himmels.“

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Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Der große Sommer von Ewald Arenz

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Da bin ich mal wieder mittendrin in einem jener großen Erweckungsmomente, in denen ein Jugendlicher die unsichtbare Grenze zum Erwachsensein überschreitet. Da bin ich mal wieder in einem jener Romane gelandet, die man dem Genre „Coming-of-Age“ zuordnen muss. Dieses Frühjahr hat mich ganz gezielt zu Autoren entführt, deren Neuerscheinungen sich genau diesem literarischen Sujet verschrieben haben. Es liegt sicherlich daran, dass sie eine Zeitscheibe für ihre Erzählungen gewählt haben, in der ich selbst an der Demarkationslinie eines Adoleszierenden stand und sie plötzlich und ohne es so richtig zu begreifen, überschritten und hinter mir gelassen habe. Ich wollte dieser Initiationssequenz auf die Spur kommen, erneut das Gefühl meiner 80er Jahre aufleben lassen, und in den Tiefen meiner (vielleicht verdrängten) Erinnerungen nach den Spuren meiner Jugend suchen.

Ich war mit Benedict Wells in Grady, erlebte seinen Roman „Hard Land“ im Taumel meiner Gefühle, projizierte Erzähltes auf meine eigene Vergangenheit und war beseelt, als ich Missouri endlich den Rücken kehren konnte. Ich wurde von Björn Stephan zart auf die Tatsache „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ hingewiesen und erlebte das Erwachsenwerden in einem Plattenbau-poetischen Biotop namens Klein Krebslow. Ich habe diese beiden Romane geliebt, verglichen, nach der Blaupause gesucht und für mich die Antworten gefunden, warum sie mich so sehr bewegt haben. Man kann diesen erkenntnisreichen Moment hier mit seinen eigenen Augen erlesen. Coming-of-Age. Ein Vergleich. Und doch fehlte mir eine wichtige Perspektive, hatten weder Björn Stephan noch Benedict Wells meine Achtizger Jahre selbst erlebt. Es war ihre Distanz, die es ihnen erlaubte, so tief einzudringen. Jetzt wollte ich gezielt die Welt der Jungspunde im literarischen Coming-of-Age-Segment verlassen und mich einem Autor anschließen, in dessen Leben diese Zeit nicht nur aus dem Hörensagen besteht.

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65). Und nein, ich gehöre sicherlich nicht zu den Lesern, die denken, ein Autor muss selbst erlebt haben, worüber er schreibt (es gäbe keine Mittelalter-Romane), aber ich fühle es, wenn der Schriftsteller gefühlt hat, was ich einst fühlte. Das ist natürlich reines subjektiv geprägtes Empfinden, aber meine Emotionen lassen mich lesend nicht im Stich. Glaubt mir. Dies muss man verstehen, wenn man verstehen mag, was der Roman Der große Sommer von Ewald Arenz  in mir ausgelöst hat. Hier war ich wirklich wieder zurück in einer Zeit, die mir unvergessen ist. Hier erlebte ich tatsächlich eine letzte Generation im Übergangsstadium zwischen analoger und digitaler Welt. Hier spürte ich, dass jemand nicht nur darüber schreiben kann, weil er es gut recherchiert hat. Nein. Er war dabei!

So las ich Der große Sommer. So muss und sollte man ihn lesen. Ein Roman aus berufenem Munde. Das wird auf jeder Seite deutlich. Dabei beschreibt Ewald Arenz im Kern seiner Geschichte keine sentimentale Journey to the Past. Er baut mit den Bildern Brücken zur heutigen Jugend. Er nimmt jeden mit in sein Boot und lässt es zu, dass wir uns alle unseren eigenen großen Sommer heraussuchen und ihn an seiner Geschichte reiben. Und nur durch Reibung entsteht Wärme. Das Gefühl, auf einem 10-Meter-Brett im Schwimmbad zu stehen, nicht zu wissen, ob man sich traut, von allen beobachtet zu werden und unerwartete Hilfe zu bekommen, ist kein exklusives Gefühl der ´80er Jahre. Es sind genau diese Brücken, die seinen Roman für jede Generation zugänglich und in besonderer Weise liebenswert machen. Es sind die Romanfiguren, die er nahbar und authentisch zeichnet. Es ist das Setting, das uns Lesende fesselt und es ist der Plot, in dem wir versinken, wie nach einem gewagten Sprung vom Sprungturm. Man muss sich einfach trauen. Dann ist Tiefgang garantiert.

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

So könnt ihr „Der große Sommer“ lesen. Hier könnt ihr den Neuntklässler Frieder kennenlernen, dessen Sommer nach allem schmeckt, nur eben nicht nach Größe. Für ihn steht alles auf der Kippe. Entweder seine Nachprüfungen bestehen, oder die Schule verlassen, so lauten die bitteren Alternativen des schulischen Versagens. Entweder jetzt akzeptieren, in den Sommerferien beim Großvater zu bleiben und unter Aufsicht für die Prüfungen zu büffeln, während der Rest der Familie in die Ferien verduftet, oder für alle Zeiten an den Folgen leiden. Nein, das schmeckt nicht nach einem großen Sommer. Im Gegenteil, das ist trist, kleinteilig und erzwungen. Freiraum sollte sich für einen Jungen im Alter von sechzehn Jahren anders anfühlen. Für Frieder jedoch fühlt sich alles mehr als falsch an. Falsche Eltern, falsche Lehrer, falscher Ort. Wären da nicht Alma, seine Schwester und Johann, sein einziger und bester Freund, die Situation wäre ausweglos. Und trotzdem passt nichts so, wie es passen soll. Nichtmal die Schallplatten, die bisher so gut gepasst hatten:

Sie stimmten einfach alle nicht mehr. Als ob die Töne etwas erzählen, was mich nichts mehr anging. Alles war… irgendwie nett, aber vollkommen bedeutungslos.

Diese Bedeutungslosigkeit verliert ihren Schrecken, als Beate in sein Leben tritt. Und das ausgerechnet an dem Ort, an dem er sich selbst nicht viel zutraut. Es ist jener Sprungturm, auf dem sie ihm ihre Hand reicht. Es ist ein gemeinsamer Sprung, der alle Muster seines Lebens durchbricht. Und es ist der Sprung, der zum Synonym für jenen Sommer wird. Ewald Arenz lässt uns mitspringen, mitfiebern, mitleiden, mitlachen und mitfühlen. Es ist die Ausgangssituation, aus der er seine Fäden spinnt. Hier legt er die Fallstricke aus, die man alleine nicht überwinden kann. Wer hier mutig mitspringt, wird eine Geschichte erleben, in der Freundschaft auf eine extreme Probe gestellt wird, wo erste Gefühle ein heftiges Bremsmanöver überstehen müssen, sich ein Großvater zum Retter mausert und ein gemeinsames Grab immer mehr Raum einnimmt. Der Rahmen ist nur dafür da, um gesprengt zu werden. Das schafft Ewald Arenz in aller Vehemenz.

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

Ich habe gelernt, Ewald Arenz zu vertrauen. Auch, wenn seine Geschichte alles von seinen Protagonisten abverlangt, es gelingt ihm immer wieder, sie zu beschützen. Mehr kann man von einem fürsorglichen Schriftsteller kaum erwarten. Ich kann euch diesen Roman nur ans Herz legen. Auch, wenn er viele Ingredienzien in sich trägt, die man im Moment in vielen Coming-of-Age-Romanen wiederfindet, er unterscheidet sich in einer wichtigen Frage. Der Relevanz und der Tragweite für unser Leben. Ein zweiter Strang seiner Haupthandlung bringt seine Geschichte auf Augenhöhe mit der Gegenwart. Hier begeben wir uns an der Seite von Frieder, Jahrzehnte nach dem großen Sommer, auf eine Suche, die niemanden kaltlassen kann. Wer sich getraut hat, vom Sprungturm des Schwimmbads zu springen, der muss noch ein wenig mehr Mut aufbringen, einen Weg zu gehen, den wir gut verteilt über die Kapitel des Romans gehen müssen.

Mein Handy vibriert wieder: „Wo bist du?“
„Friedhof“, schreibe ich zurück.

Ich habe Der große Sommer in einem Rutsch gelesen. Es war anders geplant. Es war der erste Blick, den ich morgens ins Buch warf, der alles veränderte. Ich hatte ein paar Pläne, der Tag hatte noch Struktur und Ziele. Ich wollte…, sollte und hätte. Nichts davon habe ich verwirklicht. Es war der letzte Blick ins Buch, der mich einige Stunden später zurück ins Leben holte. Voller Fragen: Wo ist mein Tag geblieben? Wann habe ich zuletzt etwas gegessen? Warum ist das Auto noch in der Werkstatt und warum sind die Briefe nicht auf der Post? Wenn sich das nach einem verlorenen Tag anhört, dann täuscht der Eindruck. Er war unvergesslich…

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

Am Götterbaum von Hans Pleschinski [GlockenbachWelle]

GlockenbachWelle - Am Götterbaum von Hans Pleschinski - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Am Götterbaum von Hans Pleschinski

Herzlich willkommen zu einem besonderen literarischen Stapellauf. Nach langer und intensiver Vorbereitung laden wir euch ein, unserem neuen Interview-Format zu folgen. Wir? Das sind die Glockenbachbuchhandlung in München, Literatur Radio Hörbahn und meine Wenigkeit. Wir wollen gemeinsam neue Akzente setzen, einen Impuls geben und in einer Symbiose aus Buchhandel, Radio und Literaturblog auf interessante Bücher und ihre Schöpfer*Innen aufmerksam machen. Jetzt geht´s los…

Die GlockenbachWelle

Die Premiere – Eine Buchhändlerin, ein Blogger und ein Autor im Gespräch…

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung München
Die Runde: Petra Schulz (Buchhändlerin), Arndt Stroscher (Blogger) und Hans Pleschinski (Autor)

Unterstützt von Buchhändlern Pamela Scholz und Bloggerin Steffi Sack

Der Roman: Am Götterbaum von Hans Pleschinski – C.H. Beck Verlag

GlockenbachWelle - Am Götterbaum von Hans Pleschinski - AstroLibrium

GlockenbachWelle – Am Götterbaum von Hans Pleschinski

Es geht um einen Spaziergang durch München und den Versuch, den vergessenen deutschen Literaturnobelpreisträger Paul Heyse in besonderer Weise zu ehren. Ein Kulturzentrum, statt der wenig schmeichelhaften Paul-Heyse-Unterführung soll als Stätte der Erinnerung und der literarischen Begegnung entstehen. Eine Kontroverse, die nicht ohne Spuren bleibt, begleitet die Protagonistinnen bis zum Ziel des Ortstermins. Es sind die gegensätzlichen Positionen, die diesen flanierenden Literatursalon spannend und unterhaltsam zugleich machen. Hier treffen die fachfremde Stadträtin, die eifersüchtige Schriftstellerin und eine charismatische Bibliothekarin auf einen Experten, eine Villa am Königsplatz und auf Menschen, die München zum pulsierenden Herzstück des Romans machen.

GlockenbachWelle - Am Götterbaum von Hans Pleschinski - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Am Götterbaum von Hans Pleschinski

Worauf Ihr Euch freuen dürft:

  • Einen Autor, der zugleich ein echter Ritter ist… (ungelogen)
  • Drei Bücher, die uns Hans Pleschinski ans Herz legt…
  • Einen unverhofften Ausflug nach Dresden…
  • Shortcuts – kurze Fragen – kurze Antworten…
  • Paul Heyse und warum man jetzt wieder über ihn spricht…
  • Beobachtungen am Rande des Weges…
  • Die Münchner Heimsuchungen…
  • Die Antwort auf eine nie zuvor gestellte Frage und
  • Die von Petra Schulz empfohlene Bücherkette zum Götterbaum

Hier geht´s zum ersten GlockenbachWelle-PodCast bei Literatur Radio Hörbahn.

GlockenbachWelle - Am Götterbaum von Hans Pleschinski - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Am Götterbaum von Hans Pleschinski

Zusatzinformationen:

Der Autor empfiehlt aus dem Sortiment der Glockenbachbuchhandlung:

GlockenbachWelle - Am Götterbaum von Hans Pleschinski - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Am Götterbaum von Hans Pleschinski

Petra Schulz empfiehlt für das Lesen nach dem Götterbaum:

Wir wünschen Euch: Gutes Hören. Reitet mit uns auf der GlockenbachWelle, und lasst Euch die nächste Welle im April nicht entgehen. Es geht um Anstand, Benehmen, Umgangsformen und mehr, was Im Dschungel des menschlichen Miteinanders so undurchfdringlich scheint. Brauchen wir einen neuen Knigge? Weitere Informationen findet Ihr auf unseren Social-Media-Kanälen unter dem Hashtag #GlockenbachWelle und auf den Projektseiten der Beteiligten… Guten Wellenritt im April: Henriette Kurth

Hier geht`s zu unseren Projektseiten:
Glockenbachbuchhandlung und AstroLibrium
sowie Literatur Radio Hörbahn

Spätestens jetzt solltet ihr den Ritt wagen: Der erste PodCast ist on Air

GlockenbachWelle - auch bei Literatur Radio Hörbahn - AstroLibrium

GlockenbachWelle – auch bei Literatur Radio Hörbahn

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Gibt es eine Blaupause für Coming-of-Age-Romane? Gibt es ein Strickmuster, an dem man sich als Autor entlanghangeln kann, um im eigenen Werk keine Elemente zu vergessen, die von ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten vorgegeben sind? Mir scheint es fast so zu sein. Wer über das Erwachsenwerden schreibt, muss ein paar Zutaten in den großen literarischen Suppentopf werfen, auf die man absolut nicht verzichten kann. Sonst schmeckt das Ergebnis nicht nach kraftvoller Adoleszenz. Sonst bleibt ein fader Beigeschmack eines unfertigen Gerichts, das eher aufstößt, als genussvoll zu sein. Ich bin jenem Muster gefolgt. Ich reibe diese Erkenntnisse an meiner eigenen Jugend und könnte fast eine Checkliste vorlegen, die alles beinhaltet, was in einem großen Roman über die letzten Tage der eigenen Kindheit vorkommen muss, damit wir sagen: „Ja, so hat es sich angefühlt“.

Die Coming-of-Age-Rezeptur 2021. Man nehme:

  • einen unsicheren, schüchternen und doch sympathischen Heranwachsenden
  • eine verzweifelt angebetete und doch unerreichbare erste Liebe, verkörpert von einem möglichst charismatischen und ungewöhnlichen Mädchen
  • ein hermetisch abgeschlossenes Biotop namens Heimat
  • eine mythisch anmutende legendäre Zeitscheibe der jüngsten Vergangenheit
  • einen Hauch von Abschied, der über der gesameten Szenerie liegt
  • einen väterlichen „Alltags-Coelho“, der als philosophischer Kompass dient
  • ein paar Rabauken aus der Nachbarschaft, vor denen man sich fürchten muss
  • gute Freunde (zumindest einen), mit denen man Pferde stehlen kann
  • den einen großen Erweckungsmoment, der die Grenzlinie zur Kindheit definiert
  • die tragische Grundlagengeschichte der Eltern des Protagonisten und zuletzt
  • kleine Portionen zeitgemäßer Zutaten wie Rassismus und / oder Mobbing

Hält man sich an diese Rezeptur und gelingt es dann auch noch, sie mit Leben zu füllen, dann steht einem erfolgreichen Coming-of-Age-Roman nichts im Wege.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Zur Überprüfung dieser Rezeptur können wir ja gerne mal den aktuellen Roman von Benedict Wells einem grundlegenden Check unterziehen. Und siehe da: Im Adoleszenz-Szenario eines gewissen Sam Turner entdecken wir in „Hard Land“ alle Ingredienzien, die zwingend in die Suppe gehören, damit sie mundet. Da ist die junge Kirstie, ohne die ein weiteres Leben möglich ist, aber keinen Sinn macht. Da ist eine kleine verschlafene Stadt in Missouri, in der es sich 1984 zwar zu leben lohnt, die es aber hoffentlich bald zu verlassen gilt. Grady. Da ist ein längst verstorbener Autor, in dessen Werk unser Protagonist die Richtschnur seines Lebens vermutet. Da sind die Konflikt-gestählten Schlägertypen, vor denen es auszureißen gilt. Wir finden Freunde, an deren Seite man erwachsen werden kann. Wir erleben ein magisches Festival, an dessen Ende nichts mehr so ist, wie zuvor. Und die Geschichte der Eltern steckt den Rahmen ab, aus dem Sam Turner ausbrechen muss. Trauer und Depression. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass einer seiner engsten Freunde gegen Rassismus und Diskriminierung ankämpft, dann hat man hinter jeden Punkt der Checkliste einen Haken gemacht.

Verfügt man dann noch über die empathische literarische Brillanz eines Benedict Wells, steht dem Erfolg nichts im Weg. Begeisterte Leser (mich eingeschlossen), sehr gute Rezensionen in der großen Riege der selbsternannten Literaturkritiker (wozu man auch mich zählen darf) und nicht zuletzt bestmögliche Platzierungen in Bestsellerlisten. So schreibt man heutzutage Erfolgsgeschichten. Das wollen die Menschen lesen. Und, um ganz ehrlich zu sein, solche Bücher dürften kein Ende haben. Womit ich nun auch schon dort angelangt bin, wo ich eigentlich seit Beginn dieses Artikels hin wollte. Wenn es also diese Blaupause gibt, wenn man sich in ihren Grenzen wohlfühlt und ein Buch einfach nur genießen kann, wo werde ich fündig, wenn ich vergleichbares suche? In meinem Lesen sind es manchmal Zufälle, die mir solche Bücher ins Haus bringen. Hier jedoch ist es das Ergebnis genauen Abwägens, zwei Coming-of-Age-Romane in Folge gelesen zu haben. Ich wollte vergleichen.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Dabei soll der Vergleich keine vergleichende Bewertung sein. Vielmehr möchte ich zeigen, dass es auch neben dem derzeitigen Branchenprimus Benedict Wells Romane gibt, die unglaublich lesens- und liebenswert sind. Vielleicht gehen sie gerade ein wenig im Mahlstrom der Neuerscheinungen unter, vielleicht leiden sie mehr unter den Corona-Bedingungen und der damit verbundenen Unsichtbarkeit auf dem Buchmarkt, der sich in diesen Tagen als kontaktlose Kontaktbörse präsentiert. Autoren ohne Lesungen. Die Welt des digital Gezeigten überlagert die Welt des realen Erlebten. So bitte ich diesen Vergleich zu verstehen. Ich möchte nicht zwei Romane aneinander reiben. Ich möchte aufzeigen, warum man Björn Stephan in einem Atemzug mit Benedict Wells nennen kann, wenn es um brillant erzählte Geschichten an der Grenzlinie zur Adoleszenz geht.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Wenn ich meine Coming-of-Age-Checkliste wie eine Schablone anlege, stelle ich erfreut fest, dass hier alle Zutaten zu einer großen Geschichte vom Erwachsenwerden zu finden sind. Nicht nur lieblos in den literarischen Topf geworfen, sondern mit großer Sorgfalt komponiert. Das Besondere an diesem Buch ist der Kontrast zu den Kulissen, die sich ansonsten für solche Geschichten anbieten. Wir sind in Klein Krebslow und erleben die letzten Reste eines längst überkommenen Plattenbau-Biotops in dem Land, das eigentlich wiedervereinigt ist, in dem die Wunden des Zusammenbruchs der DDR noch deutlich spürbar sind. Auch noch im Jahr 1994, in dem uns der dreizehnjährige Sascha Labude zum ersten Mal begegnet. Mit ihm kann man sich identifizieren, weil sich in ihm die Unsicherheit einer jungen Generation spiegelt. Wo stehe ich? Warum werde ich mit einer neuen Welt konfrontiert, ohne die Gründe zu verstehen, warum die alte Welt untergegangen ist? Warum ist die Plattenbausiedlung so heruntergekommen, was verändert sich hier? Gemeinsam mit seinem besten Freund Sonny erlebt er den Abgesang auf eine Zeit, an die er sich kaum erinnern kann. Ganz im Gegensatz zum eigenen Vater, der sich tief in sich zurückgezogen hat und als stummer Zeitzeuge in den Tag lebt. Trost- und ereignislos könnte man das Leben bezeichnen.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Wären da nicht die brutalen Schläger-Brüder, die im gleichen Haus wohnen und vor denen er ständig auf der Hut sein muss. Wäre da nicht die ganz eigene Welt des Sascha Labude, in der er einzigartige Wörter sammelt wie andere Menschen seltene Briefmarken. „Onsra“ zum Beispiel aus der Sprache namens Boro. Es beschreibt das Gefühl, niemals wieder so lieben zu können, wie einst. Ein Tagträumer erste Güte. Ja, und wäre da nicht Jenni Köhn, die alle nur Juri nennen, weil sie wie Juri Gagarin in die Unendlichkeit des Weltalls vorstoßen will. Sie verändert alles. Sie ist neu hier und stellt alles in den Schatten, was Sascha sah, fühlte und lebte:

„Juri war schöner als das schönste Wort, das ich kannte,
und selbstverständlich tausendmal schöner als Sabrina Kabautzky.“

In dieser postapokalyptischen Plattenbau-Atmosphäre finden Saschas Worte zu Juris Träumen. Für beide scheint eine Welt zu entstehen, die sich fast anfühlt, wie die goldene CD an Bord der Voyager Raumsonde. Sie beinhaltet alle Informationen über ihre Herkunft und Heimat, macht sich trotzdem immer weiter auf den Weg in eine neue unerforschte Welt. Wären da nicht die Schläger aus der Nachbarschaft, eine tragische Entscheidung von Saschas Eltern, ein Geheimnis von Juri und ein alter Mann, der auf offener Straße zusammengeschlagen wird, nichts hätte die beiden Menschen getrennt, die sich gerade gefunden haben. Björn Stephan beschreibt das Kleine ganz groß. Er reißt den Himmel über Klein Krebsolw auf und gewährt uns die ersten Blicke auf einen Himmel voller Sterne. Seine Poesie wird in seinen Protagonisten lebendig. Wehmut ist eine der Gefühlslagen, die man so intensiv nachempfinden kann. Angst vor der Zukunft und vor den eigenen Entscheidungen wird jedoch zur unüberwindlichen Stellgröße.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Bei diesem Coming-of-Age-Vergleich fällt doch ein großer Unterschied ins Auge. Björn Stephan legt seinem Roman eine ganz eigene Konstruktion zugrunde. Es fühlt sich intim an, was wir hier lesen dürfen. Es ist auch intim, wiel diese Zeilen nicht für unsere Augen bestimmt sind. Es ist Sascha, der zwei Jahre nach den Ereignissen des Jahres 1994 notiert, was diese Momente so einzigartig gemacht haben. Es ist mehr als eine Loseblattsammlung, die er entstehen lässt. Es ist das Buch, das nun vor uns liegt. Und genau dieses Buch wird von „seiner“ Juri gefunden und gelesen. Genau da, wo er es für alle Zeiten zurückgelassen hat. Plötzlich sind wir mit Juri auf Augenhöhe, als sie sich in die Seiten vertieft. Jahre später. Im Oktober 2019. Jetzt treiben uns die Fragen an, wo ist Sascha, was ist damals passiert und wird es ein Wiedersehen geben. Hier muss ich euch mit „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ alleine lassen. Diese Fragen zu beantworten sollten wir dem Roman und seinem Autor überlassen.

Nein, Sascha Labude ist sicher keine Plattenbau-Variante von Sam Turner. Nein, Kirstie ist nicht das US-amerikanische West-Äquivalent zur Möchtegern-Kosmonautin Juri. Und doch gibt es viele tragfähige Brücken zwischen Grady und Klein Krebslow. Wir müssen sie nur finden und überqueren. In allerletzter Konsequenz können wir eine Verbindung zwischen diesen Welten herstellen. In letzter Konsequenz sind es nur wir, die Leser und Leserinnen, die zu echten Verbindungslinien zwischen Büchern und den Menschen werden, die sie uns ins Herz geschrieben haben. Das kann nur die Literatur.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Der Radio-PodCast – bald verfügbar…

Und gleich noch ein Vergleich: „Der große Sommer“ von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65).

Hier geht´s zur Rezension

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz