Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Jetzt habe ich ihn also doch gelesen. Meinen ersten Roman, der sich mit dem akuten Corona-Szenario in unserer Gesellschaft auseinandersetzt und lähmende Begriffe wie Quarantäne und Social-Distancing zu Stellgrößen einer familiären Interaktion werden lässt. John von Düffel wagt sich aus der literarischen Deckung und legt einen Roman vor, in dem wir eigentlich genau das finden, wovon wir gerade kaum noch etwas hören wollen. Wir leben unsere Probleme, bewältigen unsere Alltage und finden selbst kaum Worte für eine Welt im Klammergriff der Pandemie. Die Literatur ist unser Fluchtpunkt, hilft uns, Ablenkung zu finden und unsere Fantasie abschweifen zu lassen. Da scheint es sehr gewagt zu sein, einen Familienroman zu schreiben, der die Corona-Pandemie nicht nur streift, sondern ihr den Raum gibt, den sie sich auch in unserem realen Leben genommen hat.

Die Wütenden und die Schuldigen“ will gerade aus diesen Gründen gelesen werden. Wie verarbeiten wir solche existenziellen Krisen literarisch? Wie lesen wir Geschichten, deren Rahmenbedingungen wir gerade wie im Livestream erleben? Wie reiben wir uns an diesem Roman? Wie sehr wühlt er uns auf, können wir etwas lernen oder prallt das Setting an uns ab, weil wir es einfach nicht mehr hören und lesen wollen? Alles Gründe für mich, diesen Roman auf meine Leseliste zu setzen. Fragen, denen ich mich widmen wollte, weil nur jetzt und nur heute das unmittelbare Leseerlebnis in der Zeitscheibe der Pandemie die Wirkung entfalten kann, die der Autor beabsichtigt. Eine große Aufgabe, der sich John von Düffel stellt. Aber wer, wenn nicht jener erfolgreiche Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und Professor für szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste könnte dramaturgisch geschärft in Szene setzen, was mich im realen Leben oftmals sprachlos macht?

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Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

John von Düffel beschreibt keine Stereotype, er wählt nicht beliebig aus, wenn es um das Casting für seinen Roman geht und konfrontiert uns nicht mit einer Allerwelts-Familie, die sich „Lindenstraßen-gleich“ in unser Lesen „beimert. Nein, die Szenerie seines Schreibens ist besonders, keinesfalls beliebig. Hier geht es um Menschen, die sich schon ohne Pandemie zu verlieren scheinen. Hier geht es um eine Familie, die es heftig gebeutelt hat. Mutter Maria, Anästhesistin der Charité, mit ihrem gesamten Team zwangsweise in Quarantäne, nachdem es zwei positive Tests gab. Jetzt gilt es, für sich selbst zu sorgen, weil der Rest ihrer Familie für alles Zeit hat, nur nicht für sie. Tochter Selma ist mit einer professionellen Sterbebegleiterin unterwegs zu Großvater Richard, einem protestantischen Pfarrer in der Uckermark, dessen Zeit abzulaufen scheint. Und Bruder Jakob hat gerade nichts anderes im Kopf, als seine kopflose Leidenschaft für seine Kunstprofessorin, die seine Sinne sprichwörtlich betäubt. Vier Lebensentwürfe in einem gesellschaftlichen Irrgarten, die kaum noch miteinander zu verbinden sind.

Und jetzt kommt auch noch die Pandemie hinzu, deckt alles mit Einschränkungen zu und erschwert den letzten Rest der Gemeinsamkeiten, die diese Familie noch hat. Hier sind es jetzt die fehlenden Teile im Familien-Puzzle, die neuen Herausforderungen und die Corona-Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, die zur Unzeit zu unlösbar scheinenden Problemen mutieren. Und mittendrin Selma, die verzweifelt versucht, die Lebensfäden einer zerstreuten Familie zu bündeln. Mission Impossible in der einsamen Uckermark. Kontaktverbot, Quarantäne und soziale Distanz werden zu den Mauern, an denen gerade jetzt eine Wiedervereinigung scheitern muss. John von Düffel lässt uns an diesen verschiedenen Welten teilhaben. Wir gehen in Quarantäne und lernen einen Rabbi kennen, wir begleiten einen Sterbenden und stranden in der Uckermark, stehen nackt einer Kunstprofessorin Modell und schämen uns für das Ergebnis, das wir sehen. Es fühlt sich lose und unverbindlich an, was Selma zu verbinden sucht. Besonders im Kontext einer Pandemie…

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Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

„Die Wütenden und die Schuldigen“ ist ein Roman voller Variablen. Es ist kaum noch auf einen Nenner zu bringen, wenn es der komplexen Formelwelt einer Familie an Konstanten fehlt. Auch ohne Virus hätte es kaum einen größten gemeinsamen Teiler gegeben, der es ermöglicht hätte, die Familie ohne Rest berechenbar zu machen. Ich habe mich oft in den Parallelwelten verloren, denen John von Düffel Raum gibt, um in seinen Erzählräumen nicht eindimensional zu bleiben. Es sind tiefgründige Gespräche mit einem Rabbi, mystisch anmutende Begegnungen mit Katzen, Dorfjugendliche, die wie Abziehbilder einer vergangenen Zeit wirken und starke Charaktere, die sich mitten im Chaos behaupten, ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, richtig zu liegen. Angesichts des nahenden Todes ist es eine starke These im Roman, dass es am Ende nur zwei Sorten von Sterbenden gibt: „Die Wütenden und die Schuldigen“. Ich habe lange darüber nachgedacht, kann der Argumentation im Roman folgen, bin aber ganz zuletzt der Meinung, dass es ein größeres Spektrum an Gefühlslagen gibt. Wir finden hier jedoch einen unfassbar brillanten Zündfunken für unseren Geist, an dem wir uns noch lange reiben, nachdem die letzte Seite gelesen ist.

Sprachlich überzeugt John von Düffel, weil er seine Satzgebilde mit einem Florett in unser Lesen sticht. Seine Beschreibungen betonen nicht, was man fühlen soll. Sie lassen uns fühlen. Das orientierungslose Erwachen eines sterbenden Pfarrers oder die leidenschaftlich aufgeladene Atmosphäre einer niemals unschuldigen Aktstudie bleiben ebenso haften, wie die professionelle Herangehensweise einer Sterbebegleiterin an die Zielperson. Hin- und hergerissen zwischen aktueller Herausforderung und Aufarbeitung der Vergangenheit trägt uns Lesende ein Spannungsbogen durch einen Roman, der in wenigen Passagen brüchig und stockend scheint. Ich habe ihn immer wiedergefunden, weil es eben auch die fehlenden Puzzlesteine der Familie sind, die von Interesse sind. Ich fand Mutter, Großvater und zwei Geschwister. Die Tiefe des Erzählten liegt jedoch beim abwesenden Vater. Ihn zu entdecken. Ihn sprichwörtlich wahr zu nehmen, seine Verluste und Ängste auf seine Familie zu übertragen, erklärt nicht nur den Titel dieses Romans. Es erklärt auch, warum dieses Buch so unberechenbar ist…

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Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Am Ende bleibt die Frage nach der Relevanz dieses Romans. Für mich hat John von Düffel einen sehr soliden und interessanten Familienroman geschrieben, der im Corona-Setting nicht untergeht, von den Besonderheiten der pandemischen Situation jedoch in Gänze profitiert. Wir finden schon ein paar Antworten, wie wir den sozialen Boden verlieren können, wie leicht Ausreden werden und wie sehr die Abkapselung in einer Gesellschaft zur Vereinsamung in einer Familie führen kann. Wir werden schon bald gefragt werden, wie wir uns verhalten haben. Wir werden uns selbst fragen. Und dann gilt es, die Maske abzulegen und ehrlich zu sein. John von Düffel mag dabei in begrenztem Umfang helfen… Dies ist ein Roman – kein Ratgeber…

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Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Der langsame Tod der Luciana B. - Guillermo Martínez - Astrolibrium

Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Es gibt Kriminalromane, in denen die Protagonisten tausend Tode sterben. Dann  gibt es solche, die ihr Personal einem Sudden Death zum Opfer fallen lassen, ohne zu realisieren, was eigentlich passiert. Oder das Sterben vollzieht sich als Folge konkreter Drohungen und letztlich gar nicht überraschend. Eins ist diesen Romanen gemeinsam. Es gibt ein Opfer, eine Tote, einen Toten, oder einen arg in Mitleidenschaft gezogenen Menschen, der komatös auf die Aufklärung eines Verbrechens wartet. Spannend, was dieses vielschichtige Genre zu bieten hat, und gleichzeitig überraschend, auf welchen neuen Wegen Autoren und Autorinnen sich hier in unser Lesen schleichen. Was, wenn das eigentliche Opfer gar nicht ermordet wird? Was, wenn sich ein Racheakt nur eher mittelbar auf das Leben der eigentlich Zielperson auswirkt? Was, wenn es das Umfeld dieses Menschen ist, das hier gezielt einer Mordserie ausgeliefert ist? Und was, wenn genau auf diese Weise dessen schleichender psychischer Tod verursacht wird?

Der langsame Tod der Luciana B.“ von Guillermo Martínez wartet genau mit einer solchen Ausgangssituation auf, die neugierig macht, Spannung verspricht und sich im Auge des geneigten Klappentext-Lesers festsetzt. Das klingt neu. Das klingt mal nach etwas Anderem und letztlich klingt es so, als könne man kaum widerstehen. Für mich klang es nach einem perfekten Unterhaltungsroman, einem Übergangsbuch, das sich zwischen die eher literarischen Titel meines Lesens schieben sollte, um sozusagen als Puffer für eine gewisse Ablenkung zu sorgen. Ich war schon sehr neugierig, ging aber ohne große Erwartungen an diesen Kriminalroman heran. Letztlich war es die kuriose Ausgangssituation, die mich zum willfährigen Opfer des argentinischen Schriftstellers Guillermo Martínez machte. Was ich in „Der langsame Tod der Luciana B.“ erlebte, unterschied sich deutlich von meinen Erwartungen, von bekannten Krimi-Mustern und nicht zuletzt auch von den Klischees, die diesem Genre anhaften…

Der langsame Tod der Luciana B. - Guillermo Martínez - Astrolibrium

Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Und schon sind wir mittendrin in einem Szenario, das die Tür zu einem dramatisch anmutenden Kammerspiel für drei Akteure öffnet, die um Glaubwürdigkeit und um ihre Existenz kämpfen. Da ist die junge Studentin Luciana B., die sich als Sekretärin eines der bekanntesten und zugleich mysteriösesten Krimi-Autors Argentiniens über Wasser hält. Er diktiert ihr seine Romane, sie folgt seinen Lippen und befreit ihn vom Formalen des Schreibprozesses. Als sich der Autor der jungen Frau in sexueller Absicht nähert, platzt die literarische Blase. Sie wehrt ihn ab, lässt ihn, den großen „Kloster“ auflaufen und macht den Skandal des sexuellen Übergriffs sofort publik. So lautet jedenfalls ihre Geschichte, als sie beim Erzähler unseres Romans auftaucht, dem sie vor genau zehn Jahren ebenfalls als Sekretärin zur Hand ging. Alles hat hier seine klare Vorgeschichte. Nichts beginnt aus dem Stegreif oder aus der hohlen Hand heraus. Jeder Seite dieser Geschichte sind zwei Seiten abzugewinnen. Zumindest zwei…

Unser Erzähler hört erstmal zu und staunt. Er, der leidlich erfolgreiche Krimi-Autor, für den die Episode mit Luciana längst vergangen scheint, wird einerseits an die Zeit erinnert, in der er ihr sein Schreiben anvertraute. Andererseits erkennt er in ihr kaum noch die junge strahlende Schönheit von einst. Hier beginnt, was sich zum Duell der beiden Schriftsteller selbst in literarische Höhen schraubt. Luciana öffnet sich und in aller Deutlichkeit entsteht das Bild eines Rachefeldzuges, dem man sich kaum noch entziehen kann. Nachdem sie Klosters sexuellen Übergriff öffentlich gemacht hatte, zerbricht dessen Ehe und vieles, was er sich zeitlebens aufgebaut hat. Doch statt an Luciana Rache zu nehmen, beginnt das Sterben in ihrem Umfeld. Ihr Freund ertrinkt, ihre Eltern sterben an Gift und ihr Bruder wird bei einem Überfall getötet. Und all diese Taten scheinen Klosters Handschrift zu tragen. Alles ähnelt dem Intelligenzmuster, das seinen Krimis innewohnt. Kann ein virtuoser Krimi-Schriftsteller zugleich ein perfekter Mörder sein? Diese Frage kann nur jemand beantworten, der Luciana B. kennt, der ihr selbst diktiert hat, und dem sie zutraut, es mit Kloster aufzunehmen…

Der langsame Tod der Luciana B. - Guillermo Martínez - Astrolibrium

Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Schon bei der ersten Begegnung der beiden Schriftsteller wird klar, dass sich die Geschichte schnell zum literarischen Showdown zweier Meister entwickelt, die sich mit Argusaugen beäugen, gegenseitig analysieren, in Fallen locken und Schlussfolgerung um Schlussfolgerung aus ihren brillanten Hirnen abfeuern. Ist die Todesserie die Folge einer gezielten und hochintelligenten Racheaktion? Wird das Sterben weitergehen und wer ist jetzt in Gefahr? Oder entspringt alles der fatalen Fantasie einer Frau, die sich in unmittelbarer Nähe der geistigen Schöpfer eines mörderischen Genres in eine abstrus anmutende Idee vom literarischen Rächer hineinsteigert? Ein Spiel auf hohem Niveau mit enormer Fallhöhe für alle Beteiligten. Wir versuchen, lesend immer auf Augenhöhe zu bleiben, sammeln Indizien und Argumente, interpretieren und wägen ab. Doch trotz aller schlauen Gedanken bleiben die grundlegenden Motivationen der Akteure weit im Verborgenen. Geht das langsame Sterben weiter? Nähert es sich dem langsamen Tod?

Was dieses Buch so außergewöhnlich macht, ist die literarische Brillanz, mit der die beiden Schriftsteller aufeinandertreffen. Wir erfahren viel über die Art und Weise, wie in ihren Köpfen Geschichten geschrieben werden, wie man falsche Fährten legt, wie man es schaffen kann, unentdeckt zu bleiben und zugleich werden wir Zeugen des Wandels unseres Erzählers. Hier steht nun plötzlich die Frage im Raum, ob ein Krimi-Autor auch in die Rolle des leitenden Ermittlers schlüpfen kann, um den Hauptverdächtigen in aller Konsequenz überführen zu können. Ich musste oft daran denken, wie sich dieses Spiel anfühlen würde, wenn sich Sebastian Fitzek als Verdächtiger von Jussi Adler-Olsen in die kriminalistische Mangel nehmen lassen müsste. In der Umsetzung der Story hat sich der Argentinier Guillermo Martínez aus meiner Sicht selbst übertroffen. Nichts ist vorausschaubar und jeder Protagonist ist in der Lage, uns mit starken Argumenten zu überzeugen.

Der langsame Tod der Luciana B. - Guillermo Martínez - Astrolibrium

Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

Neben diesem literarischen Duell bleibt es „Der langsame Tod der Luciana B.“, der uns nachhaltig beschäftigt. Ihre Charakterzeichnung ist grandios gelungen, ihr folgt man in ihre Ängste, ihre Visionen und die Spekulationen, die sie vorzeitig altern lassen. In ihr versammeln sich alle Bilder und Gefühle von Schuld und Verlust. Waren es ihre Fehler, die alles ausgelöst haben? Oder hätte sie schweigen sollen? Wie weit muss man sich als Frau zurücknehmen, um dem Establishment nicht in den Weg zu kommen? Aktuelle Fragen einer #MeToo-Epoche, in der toxische Männlichkeit nichts mehr mit einem Kavaliersdelikt zu tun hat. Guillermo Martínez spart diese Themen in keiner Weise aus. Er sensibilisiert und zeigt die dramatischen Konsequenzen auf, die mit grenzüberschreitendem Verhalten einhergehen. Doch sollte man sich davor hüten, sich vorschnell auf die ein oder andere Seite zu schlagen. Hier spielt immer noch ein Faktor des Schreibens von Kriminalromanen eine Rolle, den man nicht vernachlässigen darf:

Es ist Klosters „Hypothese des Zufalls“, der wir hier begegnen und die dafür sorgt, dass wir nicht nur diese Geschichte anders lesen, als wir das gedacht hätten. Ich bin inzwischen davon überzeugt, hier kein Übergangsbuch gelesen zu haben. Das kommt vor, wenn man sich ohne große Erwartungen und unbefangen annähert. Insofern war es durchaus überraschend, wie literarisch tiefgründig der Aufbau dieser Geschichte in ihrer gesamten Dynamik ist. Wer gerne verwirrt wird, wer sich gerne verwirren lässt in seinem Lesen, wer gerne starken Charakteren in die existenzielle Schlacht folgt, ist in „Der langsame Tod der Luciana B.“ sehr gut aufgehoben. Ein blitzgescheiter Roman für Liebhaber guter Kriminalromane. Eine Verfilmung des Stoffes würde sich anbieten, weil das Buch so viel Kopfkino auslöst, dass man gar nicht genügend Popcorn kaufen kann, um die Nerven im Zaum zu halten. Das ist kein Puffer-Buch. Das ist ein Krimi von Format mit Format.

Der langsame Tod der Luciana B. - Guillermo Martínez - Astrolibrium

Der langsame Tod der Luciana B. – Guillermo Martínez

W. von Steve Sem-Sandberg

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W. von Steve Sem-Sandberg

Johann Christian Woyzeck. Ein Name, der die deutsche Literatur nicht erst seit dem fragmentarischen Drama von Georg Büchner beschäftigt und in Atem hält. Ein Mann, der im Jahr 1821 durch den Mord an einer Witwe zum Mythos wurde. Ein Prozess, in dessen Mittelpunkt nicht nur Fragen nach Schuld und Sühne, sondern eben auch die nach der Schuldfähigkeit des Angeklagten stand. Hatte jener Woyzeck kaltblütig und aus niederen Beweggründen gemordet? Oder war er geistesgestört, beeinträchtigt in seinem Denken und Handeln und folgte geheimnisvollen Stimmen aus der Tiefe des verborgenen Geistes? Unglaublich aus heutiger Sicht, dass man schon im Jahr 1821 Gutachten erstellen ließ, um die Schuldfähigkeit eines Delinquenten zu beurteilen. Es half ihm nichts. Das darf als bekannt vorausgesetzt werden. Die Hinrichtung auf dem Leipziger Marktplatz wurde nur aufgeschoben. Die Zurechnungs- und Schuldfähigkeit des Täters im Sinne der Anklage wurde gutachterlich bestätigt. Er verlor seinen Kopf.

Hatte Georg Büchner den Mordfall nur dramatisch verkürzt und viel Spielraum für Interpretationen gelassen, so ist es nun der norwegische Autor Steve Sem-Sandberg, der sich auf die Fahne geschrieben hat, den eigentlich längst gelösten Cold-Case neu aufzurollen und mit allen relevanten Hintergründen zum Menschen, Mörder und Opfer Johann Christian Woyzeck literarisch zu verarbeiten. In seinem Roman W. nähert sich der Schriftsteller nicht nur dem eigentlichen Mordfall an, sondern versteht es hier auch sprachlich eine Zeitreise ins beginnende 19. Jahrhundert anzubieten, die uns mit dem Sittenbild, der Weltanschauung, dem Justizsystem und ganz besonders mit dem Leben der einfachen Leute am Rande der Gesellschaft vertraut macht. Authentisch in jeder Faser, empathisch und nachvollziehbar in der Konstruktion und zutiefst geprägt von einer humanistischen Grundhaltung erleben wir ein außergewöhnliches Buch, in dem wir uns am Ende selbst ein Bild von Schuld und Schuldfähigkeit machen können.

W. von Steve Sem-Sandberg - Astrolibrium

W. von Steve Sem-Sandberg

„W.“ ist alles, nur keine Gerichtsreportage, keine Sammlung alter Zeugenaussagen oder Gutachten. Der Autor bedient sich nicht der protokollierten Vernehmungen, die in der Zeit nach der Verhaftung Woyzecks entstanden. Er lässt auf der Grundlage dieser verfügbaren Quellen ein Sittengemälde und plastisches Bild der Zeit entstehen, in der sich die Welt gerade veränderte. Die Freiheitskriege liegen hinter den Menschen, der Schrecken des Napoleonischen Gespenstes ist verflogen und doch leidet man noch unter den Nachwehen der Völkerschlachten, die über Europa tobten. Wer sich hier im Leipzig des Jahres 1821 auf die Spur eines Frauenmörders begibt, der öffnet zugleich auch das Kapitel der Kriege und Verwüstungen, die den Kontinent nachhaltig geprägt hatten. Und nicht nur den Kontinent. Der Angeklagte selbst war Teil der marodierend durch die Länder ziehenden Heere. Alles war erlaubt im Krieg, nichts war unmöglich, die Unmenschlichkeit regierte.

Hier entwickelt sich „W.“ zur epischen Auseinandersetzung mit einer Epoche, der ich in dieser sprachlichen und erzählerischen Brillanz nur selten begegnet bin. Der Text atmet den Odem seiner Zeit, die Dialoge sind authentisch und tief angelegt, und selbst der Gerichtsjargon ist so zeitgemäß getroffen, dass man im Buch schnell das Hier und Jetzt vergisst. Alles beginnt mit dem ersten Verhör des geständigen Täters. Ja, er hat die Witwe Johanna Woost mit dem Rest eines Degens erdolcht. Ja, er hat den Mord wohl aus Eifersucht begangen, weil die Frau nicht zur Verabredung erschien und statt Woyzeck einen anderen Mann vorgezogen hat. Ja, es war die Folge ihrer Tiraden, die sie lauthals herausgeschrien hat. Sie gehöre nicht ihm, „W.“ solle aus ihrem Leben und ihrer Umgebung verschwinden. Verletzte männliche Gefühle als Motive eines Mordes, das kennt man. Da fällt es leicht, den Mörder dingfest zu machen und die Tat auf dem Schafott zu sühnen. Und doch tauchen erste Zweifel am Geisteszustand von Woyzeck auf. Stimmen soll er gehört haben, verwirrt sei er oft gewesen, abwesend und nicht bei der Sache. Ein Gutachter wird bestellt, der ihn gemeinsam mit Juristen und Pfarrern in Augenschein nimmt.

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W. von Steve Sem-Sandberg

So gelangen wir schnell zur Vorgeschichte der Bluttat von Leipzig. Und es ist die Vorgeschichte eines ganzen Lebens, die uns hier vor Augen geführt wird. Vom Kind am Rande der Gesellschaft über den perspektivlosen Jugendlichen bis hin zum Mann, dem keine Wahl bleibt, außer sich unterschiedlichen Herren als Soldat anzudienen. In allen Lebensphasen bleibt er desillusioniert und immer, wenn er als Heranwachsender auf weibliche Wesen stößt, ist es neben der Faszination immer auch eine nachhaltige Enttäuschung, die ihn an sich selbst zweifeln lässt. Traumatisierend. Kaum wagt „W.“ sich aus sich selbst heraus, kaum nähert er sich an, kaum zeigt er Herz, schon wird er ausgenutzt, vorgeführt und blamiert. Ein Muster, das sich wie ein roter Faden in seiner Vita wiederfindet. Dabei sind wir als Leser schnell befangen, weil wir davon überzeugt sind, dass es nicht an Woyzeck selbst liegt. Es liegt an der Zeit, seiner Armut und der Rolle der Frau, die sich sehr gut überlegen muss, von welchem Mann ihr Leben in der Zukunft abhängt… Faktoren, die nicht für ihn sprechen.

Man muss kein forensischer Psychologe sein, wenn man in der Folge auf die Spur der ersten Stimmen kommt, die sich in Woyzeck breitmachen. Mehr als ein Drittel des Romans nimmt der Russlandfeldzug Napoleons ein, an dem der Soldat W. beteiligt ist. Nur Leo Tolstoi war in Krieg und Frieden in der Lage, das Grauen der Schlachten ähnlich brillant zu beschreiben. Sem-Sandberg durchbricht hier eine Schallmauer in der literarischen Erzähldimension, weil wir diesen Feldzug nicht erwarten würden und im tiefsten Wesen all seiner Entbehrungen und Verwundungen auch die posttraumatischen Verletzungen in Woyzeck aufspüren, die ihn wohl für immer verändert haben. Selten zuvor habe ich so sehr gefroren in einem Buch, selten breiteten sich der Hunger und die Hoffnungslosigkeit intensiver in mir aus, und selten zuvor sah ich einen Menschen an seinen Lebens- und Todesumständen mehr verzweifeln. Und alles nur, um am Ende erfahren zu müssen, dass ihm sein Überleben an der Beresina nicht weiterhilft. Nur, um erleben zu müssen, dass er niemals in der Lage sein wird, lieben zu dürfen oder geliebt zu werden.

W. von Steve Sem-Sandberg - Astrolibrium

W. von Steve Sem-Sandberg

Wir verbringen Jahre an seiner Seite in der Zelle, setzen uns mit ihm Vernehmung um Vernehmung aus, hoffen, leiden, bangen und fantasieren dem Ende entgegen. Wir sind schließlich nicht in der Lage, Woyzeck schuldig zu sprechen. Der Zeit gelingt dies viel besser. Man sucht Schuldige, keine Entschuldigungen. So lesen sich auch zuletzt die Ergebnisse der Gutachten wie ein vorgefasstes Urteil. Und doch sind sie mehr als ein Paradigmenwechsel in der Begutachtung dieses Mörders, weil man einen Versuch unternommen hatte, ein Leben gegen eine Tat aufzurechnen. Im modernen Strafrecht der heutigen Zeit ist dies der Standard. Man denkt oft, mehr über den Täter zu hören, als über sein Opfer. Wie gerechtfertigt dieser humane und liberale Ansatz ist, kann in jeder Sequenz dieses Romans nachempfunden werden. Sem-Sandberg gelingt eine Meilenstein-Betrachtung eines Vorverurteilten. Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, eine Geschichte, die uns fesselt bis zum Letzten. Selbst den Weg zum Richtplatz spart er nicht aus, selbst den Zweifel derer, die einst Recht sprachen, nährt er weiter. Und doch ist dieses Buch kein Freispruch unter der Überschrift: „Er hatte eine schwere Jugend“… 

In seinen Beschreibungen bleibt Steve Sem-Sandberg niemals vage. Klartext im Tod, Klartext in der Leidenschaft, Klartext in der Sehnsucht, im Hass und in der Liebe. Er schont weder uns noch seine Protagonisten, die er der Geschichte entlehnt hat. Ja, so muss es damals gewesen sein. So wird sich alles zugetragen haben und so können wir uns einem Täter nähern, für dessen Schuldspruch es scheinbar nie eine Alternative gab. Woyzeck fehlte es nie an Gewalt und Tod im Umfeld, ihm fehlte jede Chance, im Leben Selbstbewusstsein oder Selbstwertgefühl zu empfinden. Diese Charakterstudie hat das Zeug zum Standardwerk über einen Verlorenen, der unrettbar auf das Chaos zusteuern musste. Der Autor beansprucht keine Deutungshoheit über die Recherchen, die er uns literarisch näherbringt. Er öffnet nur die Tür zum Zweifel an der psychischen Unversehrtheit eines Mörders, die zwar für Gnadengesuche, nie aber für mehr taugte. Ein großes Werk, geschrieben auf der Grundlage eines Menschenbildes, das für uns selbstverständlich sein sollte, es damals allerdings nicht sein konnte.

„Der Pöbel sehnt sich nach Gerechtigkeit, nicht unbedingt nach Klarheit.“

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W. von Steve Sem-Sandberg

Der Astronaut von Andy Weir

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Der Astronaut von Andy Weir

Glaubt mir, ich kenne mich aus. Wenn ich allein schon den Namen Andy Weir lese, greife ich reflexartig zum Weltraumanzug für Extra-Vehikulare-Aktivitäten, aktiviere alle Notfallsysteme in der kleinen literarischen Sternwarte, überprüfe meine Notfall-Vorräte, checke das Wetter und die Treibstoffanzeigen, verabschiede mich von meinen Lieben und besteige erwartungsvoll ein Science-Fiction-Weltraum-Shuttle, um mich erneut mit all meiner Fantasie in den Weiten des Alls zu verlieren. Die letzten Missionen an seiner Seite habe ich wirklich nur mit Mühe und Not überlebt. Ich war mit dem „Marsianer“ auf dem Roten Planeten, habe in aussichtsloser Situation die Wissenschaft neu erfunden und eine unbewohnbare Landschaft kultiviert. In „Artemis“ verstrickte ich mich in üblen Machenschaften auf dem Mond. Die Sonderhandelszone und Weltraummetropole war fast mein Untergang, hätte mich Andy Weir nicht mit einem fulminanten Feuerwerk im letzten Moment aus der Schwerelosigkeit gerettet… Glaubt mir, ich kenne mich aus…

Viel Zeit zum Lecken meiner interstellaren Wunden jedoch bleibt mir nicht. Es ist „Der Astronaut“ mit dem Andy Weir seinen Weltraum-Zyklus fortsetzt und mich nicht nur lesend, sondern auch hörend aus meiner irdischen Komfortzone herauskatapultiert. Dabei sollte man ganz genau hinschauen, was sich hinter dem Titel des neuen Romans verbirgt, bevor man sich dieser Mission anschließt. Der Originaltitel lautet „Project Hail Mary„, also ganz direkt übersetzt „Projekt Ave Maria„, und spätestens jetzt sollte jedem noch so großen Fan von Andy Weir klar sein, worauf man sich einlässt. Hier wird nicht gesungen, hier geht es definitiv um ein Himmelfahrtskommando. Waren die Ausflüge zum Mars und zum Mond zuvor zumindest noch mit der Chance auf eine Rückkehr zur Erde verbunden, so sollte man hier der Wahrheit ins ungeschminkte Gesicht schauen. Nach einem Rückflugticket werdet ihr vergeblich suchen. Na, noch dabei?

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Der Astronaut von Andy Weir

Dann los. Der Astronaut Ryland Grace schlägt die Augen auf und befindet sich in einer Situation, die ihn ziemlich befremdet. Die Begleitumstände seines Erwachens sind mehr als unerfreulich. Er kann sich an absolut nichts erinnern. Er ist von Kopf bis Fuß verkabelt und wird von Roboterarmen medizinisch versorgt. Eine Computerstimme folgt seinen Anweisungen. Er ist allein. Die Umgebung ist ihm fremd. Das Bewusstsein beginnt Fahrt aufzunehmen und der analytisch geschulte Wissenschaftler beginnt sich zu orientieren. Er befindet sich an Bord eines Raumschiffs. Von der einst dreiköpfigen Besatzung ist er der letzte Überlebende. Er lag lange Zeit im Koma und wurde nun von einem Programm geweckt. Wozu? Hatte er sein Ziel erreicht? Wo war er? Wer war er und warum war er überhaupt hier? Fragen über Fragen…

Atemlos folgen wir dem inneren Monolog eines Mannes, der sich Schritt für Schritt mit seiner Umgebung auseinandersetzt, um Antworten auf seine Fragen zu finden. Nie zuvor sind wir mit einem ahnungsloseren Protagonisten in ein Abenteuer gestartet. Und dabei lastet eine unglaubliche Verantwortung auf ihm, wie wir nach und nach erfahren. Mit jedem Fetzen des Erkennens erwachen punktuelle Erinnerungen. Mit jedem Knopf, den er betätigt, mit jeder Information, die er sich erarbeitet strukturiert sich das Mosaik seiner Mission. Er, der Wissenschaftler und Lehrer Ryland Grace befindet sich nicht mehr in unserem Sonnensystem. Seine Reise muss Jahre gedauert haben und an ihm hängt das Schicksal des gesamten Planeten Erde. Er ist an Bord der „Hail Mary„, der letzten Hoffnung der Menschheit…

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Der Astronaut von Andy Weir

Es ist die brillante Ausgangssituation, aus der Andy Weir auf den folgenden 550 Seiten schöpfen kann. Es ist das psychologische Drama im Inneren des Antihelden, der alles zu sein scheint, nur nicht der verwegene und mutige Weltenretter. Er begibt sich bewusst in den Funktionsmodus, analysiert seine Lage, das Problem und beginnt mit seinen Forschungen. Wer schon ein Buch aus der Feder dieses Science-Fiction-Autors gelesen hat, der weiß, dass der Begriff Science, also Wissenschaft, in seinen Geschichten sehr viel Raum einnimmt. Man könnte ihn auch als einen „Erklär-Bären“ bezeichnen, der uns alles, was bei drei nicht auf dem Baum ist, bis ins kleinste Detail plausibel macht. Was beim „Marsianer“ schon ausuferte, wird in „Der Astronaut“ zur Geduldsprobe für Leser:innen, die manchmal einfach denken „Boah, drück jetzt auf den Knopf, aber hör auf, mir zu erklären, wer ihn erfunden hat und was sich im Hintergrund alles ereignet.“  

Aber so ist er eben. Wissenschaftliche Fiktion soll aus seiner Sicht wasserdicht und plausibel erzählt werden. Und da es in jener Geschichte kaum etwas Selbsterklärendes gibt, sind wir unserem Lehrer an Bord schutzlos ausgeliefert. Er hat dabei Probleme zu lösen, die jeder Forschungskommission Grenzen aufzeigen würden. Warum verdunkelt sich die Sonne? Wie kann dieser Prozess aufgehalten werden? Wie bewältige ich alle Aufgaben an Bord, für die man drei Astronauten gebraucht hätte? Wie funktioniert der Antrieb, wie kann ich Schwerelosigkeit erzeugen, wie wandle ich die Hail Mary in eine funktionierende Zentrifuge um? Oh ja, Andy Weir erklärt alles aus der Perspektive des Weltraumpioniers, der einige Nackenschläge zu verkraften hat. Spätestens als er sich darüber im Klaren wird, dass keine Rückkehrmöglichkeit vorgesehen ist, wird aus dem Roman ein emotionales Himmelfahrtskommando.

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Der Astronaut von Andy Weir

Es sind überraschende Twists in seinen Handlungssträngen, die diesen Roman zu einem Pagetruner machen. In Rückblenden erfahren wir alles über die Entstehung der Mission, erfahren, warum und wie ausgerechnet ein Lehrer an Bord gelangte und nicht zuletzt ist es eine unglaubliche Erkenntnis, die dieses Weltraumabenteuer in eine völlig neue Richtung lenkt. Ja, Ryland Grace ist der einzige Mensch im All, der versucht, die Erde zu retten. Nein, er ist nicht die einzige Lebensform im Universum, die ausgesandt wurde, um ihre Heimat zu retten. Erstmals in seinem Schreiben betritt Andy Weir das Neuland, uns mit außerirdischem Leben zu konfrontieren. Das ist bewegend, emotional und ist als Alleinstellungsmerkmal unter seinen Büchern allein schon diese weite Reise wert. Die Spannungsbögen reißen nicht ab. Die Probleme potenzieren sich. Und unser Wissensschatz um biochemische, physikalische und elektronische Details wird bald so groß, dass wir die Hail Mary allein fliegen könnten…

Wer den „Marsianer“ liebt und im unendlichen Weltall gerne in Gesellschaft ist, dem sei „Der Astronaut“ dringend ins Raumschiff gelegt. Andy Weir lässt hier keine Fragen offen. Das Ende des Romans gehört zu den besten SciFi-Enden ever, weil es zum Wesen der Mission passt. Ein ehrfürchtiges „Ave Maria“ kam mir in den Sinn, als ich das letzte Kapitel erreichte. Am Ende einer Mission, die mir einiges abverlangt und doch viel gegeben hat. Wer immer denkt, im wissenschaftlichen Bereich der Story sei weniger oft mehr, der sollte sich überlegen, wie viele Fragen wir gehabt hätten. Und im Vergleich zu unserem Astronauten ist die Geduld, die wir aufzubringen haben nichts im Vergleich zu den Anstrengungen eines Lehrers im All, der nicht mehr nur noch das Schicksal der Erde in seinen Händen spürt…

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Der Astronaut von Andy Weir

In Missions-Phasen mit Schwerkraft habe ich den Roman aus dem Heyne Verlag gelesen. Hilfreich sind die Konstruktionszeichnungen der Hail Mary, obwohl ich schon sagte, dass Andy Weir auch die Bauart des Raumschiffs sehr ausführlich beschreibt. Ich war trotzdem dankbar, die Details zusätzlich vor Augen zu haben. Und immer dann, wenn es schwerelos wurde an Bord, bin ich zum Hörbuch von Random House Audio übergegangen. Richard Barenberg überzeugt in seiner unaufgeregten Vortragsweise, weil er einfach die stoische Ruhe behält, egal wie sehr ihm das Wasser bis zum Halse steht – oder der Treibstoff. Die wahre Stärke spielt er ab dem Moment aus, in dem aus Monologen an Bord die ersten Dialoge mit einem Außerirdischen werden. Hier paaren sich Staunen, wissenschaftliche Kommunikation, zunehmender Sarkasmus und echtes Gefühl zu einem Mix, den man nicht mehr so schnell vergessen wird.

Die gekürzte Fassung ist leider nur als Download verfügbar und ich muss meine Andy-Weir-Sammlung um einige Dateien auf meinem Smartphone ergänzen. Schade. Die Mission dauert im Hörbuch 15 Stunden und 30 Minuten, und doch vergeht sie wie im Flug. Einfach zu spannend. Die Kürzungen betreffen hierbei leider in weiten Teilen die Missionsvorgeschichte im Kontrollzentrum auf der Erde. Das wirkt sich schon ein wenig auf den Hörgenuss aus, da es genau diese Kapitel sind, die den „Erklär-Bären“ Andy Weir im Weltraum ein wenig einbremsen. Die Abwechslung fehlt hier ab und an. Dem Abenteuer selbst tut das keinen Abbruch. Und, mit Verlaub, schwereloses Lesen ist machmal einfach zu gefährlich. Welchen Weg Ihr auch wählt, „Der Astronaut“ hat das Potenzial zum unterhaltsamsten Himmelfahrtskommando des Sommers.

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Der Astronaut von Andy Weir

Ich bin schon gespannt auf die Verfilmung von Der Astronaut mit Ryan Gosling in der Hauptrolle. Ich denke, der Film wird ähnlich erfolgreich wie Der Marsianer mit Matt Damon. So, ich desinfiziere jetzt mein Lese-Raumschiff und hoffe, dass ich keine Astrophagen mehr an Bord habe. Die kleinen Sternenfresser passen so gar nicht zur kleinen literarischen Sternwarte… Guten Flug, Euch…

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Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Kann ein Träumer die Welt verändern? Ein doch recht hochtrabender Untertitel für ein Jugendbuch, in dem sich ein elfjähriger Junge gegen die Erwartungshaltung in seinem Umfeld stellen muss, um den Weg ins eigene Leben zu finden. Jedoch macht gerade der Untertitel in Verbindung mit dem Romantitel „Hier im echten Leben“ mehr als neugierig auf das neue Werk aus der Feder von Sara Pennypacker. Es sind diese scheinbaren Brüche, die uns zum Lesen und zum Hören verführen. Es sind diese sehr bewegenden Kipppunkte, die wir zu erkennen glauben, weil wir alle selbst erlebt haben, wie es sich anfühlt, als „Träumer“ bezeichnet zu werden. „Du musst mal aufwachen, damit Du im echten Leben zurechtkommst.“ Kennt Ihr diesen Spruch vielleicht? Von Eltern oder Lehrern immer wieder gerne ans Kind gebracht, wenn der Realitätssinn zu wünschen übriglässt…

Wenn Ihr das in Eurer Kindheit selbst erlebt habt, dann seid Ihr schon ganz nah an einem besonderen Jungen dran, der Euch in „Hier im echten Leben“ ans Herz gelegt wird. Ware, ein schon ungewöhnlicher Name für den erst elfjährigen Protagonisten, da wir ja eigentlich gewöhnlichere Jungennamen erwarten. Hier wird sein Name allerdings schnell zum Programm. Ware. Fast wie ein Artikel aus einem Warenhaus, den man in der Welt herumschieben kann, wie es einem beliebt. So fühlt sich sein Leben an. Die Oma nach einem Sturz und OP in einer längeren Reha, die Eltern in Doppelschichten arbeitend, um sich endlich das Haus kaufen zu können, in dem sie gerade leben. Und Ware? Ja, was ist mit ihm? Und gerade jetzt, zu Beginn der langen Sommerferien? Er wird einfach verschoben, abgeschoben und dort geparkt, wo er am wenigsten stört.

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Das Sommerlager im Gemeindezentrum wird zur Rettung für seine gestressten Eltern. Spiel, Sport, Gemeinschaftserlebnisse, Teamspirit und Tagesprogramm. Ideal und unkompliziert. Man bezahlt, der Junge ist versorgt und wird nebenbei sogar noch sozialisiert und man muss sich keine Gedanken um ihn machen. Abends darf er nach Hause und tagsüber: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wirklich perfekt. Zumindest aus Sicht der Eltern. Aus der Perspektive von Ware jedoch das absolute Horrorszenario. Er ist anders. Er fühlt sich anders. Er ist Einzelgänger, Einzeldenker, Tagträumer und hasst nichts mehr, als Gruppendynamik und den viel beschworenen Teamgeist. Dafür ist er viel zu beschäftigt mit all den Fragen, die ihm auf der Seele brennen. Protest wird nicht akzeptiert und selbst ein letztes Aufbegehren endet im Kopfschütteln:

„Wie viel kostet das hier, Mom? Ich zahl dir das Doppelte,
wenn du mich zu Hause bleiben lässt.“

Diese ausweglose Situation reicht Sara Pennypacker aus, um ihren kleinen Helden aus seinen Tagträumen zu erwecken und ins richtige Leben zu stoßen. Allerdings nicht auf Kosten seiner Individualität. Sie macht Ware nicht zum angepassten Mitläufer einer All-Inclusive-Sommercamp-Berieselung. Er findet seinen Weg. Zielstrebig hinein in das verhasste Gemeindezentrum und zielstrebig hinaus aufs Nachbargrundstück und damit mitten hinein in eine abenteuerliche Geschichte voller lichtheller Erweckungsmomente. Genau hier findet Ware den Ort, an dem er seine Träume leben und kultivieren darf. In einer Kirchenruine und dem brachliegenden Garten vollzieht sich seine Wandlung und ein entscheidender Schritt in eine Richtung, die ihm niemand zugetraut hätte.

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Dass er sein Paradies mit der gleichaltrigen Jolene teilen muss, ist immer noch erträglicher, als den Tag mit Horden von Kindern zu verbringen. Das Mädchen macht aus diesem Jugendroman einen Tummelplatz für zwei besondere Charaktere, die sich anfangs heftig aneinander reiben, dann jedoch realisieren, dass sie gemeinsam etwas erreichen können, das unerreichbar scheint. Sara Pennypacker konfrontiert uns hier mit zwei echten „Persönlichkeiten“, die in ihrem Umfeld allerdings eher als störend und nicht normal wahrgenommen werden. Er, der Idealist, der aus der Kirche eine Burg in eine Welt der Ungerechtigkeit machen möchte. Und sie, die kleine Öko-Aktivistin, die dem Müll ihren Kampf angesagt hat. Sie vereinen sich am Komposthaufen ihrer Leben und versuchen gemeinsam einen neuen Weg zu gehen. Papayas zu züchten und der Burg auf die Sprünge helfen. Beide Ideale schließen sich keinesfalls aus.

„Hier im echten Leben“ ist ein starkes Statement für das Anderssein. Die Autorin bringt uns ihren beiden Idealist:innen sehr nah. Wir wünschen uns, dass man ihnen in ihren Bestrebungen hilft oder dass man sie zumindest versteht. Und doch erkennt man, dass im echten Leben dafür kaum Platz bleibt. Selbst ihr kleines Biotop ist ein Ort unter Vorbehalt. Eine öffentliche Versteigerung des Grundstücks könnte den Traum beenden. Hier nimmt Sara Pennypackers Roman Fahrt auf – und uns mit. Dabei haben wir es in keiner Weise mit einem rasanten Abenteuerroman zu tun. Keinesfalls. Die Charaktere stehen im Mittelpunkt und nehmen viel Raum ein, um sich zu entfalten. Dies ist wahrlich kein Pageturner, der uns atemlos zurücklässt. Es ist eine doppelte Charakterstudie, die gerade junge Lesende und Hörende dazu einlädt, sich in die beiden Hauptfiguren hineinzuversetzen. Ware und Jolene sind emotionale Blaupausen für viele Kinder und Heranwachsende, die einfach gerne sie selbst wären.  

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Ein bewegendes Zitat aus der Feder Sara Pennypackers steht für mich für ihren ganzen Roman. Versuchen wir doch Kinder, wie Künstler zu sehen, ihnen den Raum zu geben, um sich frei zu entfalten. Stellen wir uns ihnen nicht in den Weg, führen wir ihnen nicht die Hand bei ihren Kunstwerken und machen wir sie nicht zu Kopien einer Vorstellung, die wir gerne von ihnen hätten. Dieser Roman kann die Augen öffnen, für das ungeahnte Potenzial, das in Kindern schlummert, für das Vertrauen, dass nur wir ihnen vorschießen können und für die Stärke des Andersseins in einer Umgebung, in der Konformität individuelle Stärken schluckt.

„Wir Künstler sehen etwas, was uns bewegt, und das müssen wir in uns aufnehmen, es zu einem Teil von uns selbst machen. Später geben wir es der Welt zurück. In einer Art Übersetzung, so dass die Welt es auch sehen kann…“

Ich habe das Privileg genossen, „Hier im echten Leben“ abwechselnd lesen und hören zu dürfen. Im gebundenen Buch (Sauerländer) habe ich mir mein individuelles Tempo gegönnt und die Hintergründe dieser Geschichte auf mich wirken lassen. In der mehr als sechsstündigen Hörbuchfassung von Sauerländer Audio / Argon Verlag ist mir Julian Mehne zum erzählerischen Weggefährten geworden, weil es ihm gelingt, in den Dialogen zwischen Ware und Jolene die beiden einzigartigen Charaktere in allen Nuancen noch näherzubringen. Besonders Jolene gewinnt in seiner Interpretation der Geschichte an Profil. Eine absolute Bereicherung, die sich besonders dazu eignet, die Geschichte gemeinsam mit Heranwachsenden zu hören. Für welchen Weg man sich in diesem Fall auch immer entscheiden mag, es bleibt eine Geschichte, die so typisch für eine Sara Pennypacker ist, die wir noch so intensiv aus ihrem Roman Mein Freund Pax in Erinnerung haben.

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