Hinterhaus – Die Annäherung an einen Romanentwurf

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Die Entstehungsgeschichten großer Romane sind oft ganz eigene Geschichten. Sie sind geeignet, eigene Bücher zu füllen, weil sie so spannend sind, wie die erdachte Erzählung selbst. Sie zeugen von der kreativen Energie, dem Wagemut und der Liebe zum geschrieben Wort, die aus einer Idee einen guten Roman entstehen lassen. Es ist oftmals ein steiniger Weg von der Initialzündung bis zur Schlussfassung eines Romans. Am Ende des Schreibens ist der Leidensweg vergessen. Die Isolation, der Verzicht und das Entsagen treten in den Hintergrund und stolze SchriftstellerInnen erheben sich wie ein Phoenix aus der Asche, um ihr Werk zu präsentieren. Der Applaus der Leser, eine gute Rezeption in der Presse und positive Rezensionen sind der wahre Lohn am Ende eines Schaffensprozesses, der Spuren hinterlassen hat.

Ein Roman ist für mich immer an seine Entstehungsgeschichte gebunden. Er ist niemals losgelöst vom situativen Kontext und der Lebenssituation seines Verfassers zu betrachten. Die Seele von SchriftstellerInnen, die sie umgebenden Universen und eine Umgebung, in der das Schreiben erst möglich wurde, werden hier zu den Ingredienzien einer lesenswerten Geschichte. Ich liebe diesen Blick hinter die Kulissen eines Romans und genieße es in die Welt der WortschöpferInnen einzutauchen, weil ich auf diese Art und Weise besser verstehen kann, was sie mir erzählen wollen. Ihre Berufung wird zu meiner Leidenschaft. Heute beleuchte ich die besondere Entstehungsgeschichte eines Romans. Ich möchte von einer Schriftstellerin erzählen, die vom Wunsch einen Roman zu schreiben angetrieben wurde. Sie ist weltbekannt, aber ihren Namen verrate ich erst später.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Man kann sie schon als Außenseiterin bezeichnen. Nicht, dass sie sich diese Rolle selbst ausgesucht hätte, aber manchmal wird man einfach an den Rand gedrängt. Das schärft die Perspektive und setzt kreative Kräfte frei, die vielleicht niemals ans Licht der Welt gekommen wären. Sie lebte zurückgezogen, fast sogar isoliert, umgeben von nur wenigen vertrauten Menschen, die ihr nur wenig Privatsphäre ließen. Und doch gelang es ihr, über Jahre hinweg ein Manuskript zu entwickeln, aus dem später ein Bestseller werden sollte. Und doch war das Resultat ihres Schreibens nicht so ausgefallen, wie sie es sich erhofft hatte. Die Schlussfassung ihres Werks unterschied sich deutlich von der Vision, die sie vor Augen hatte, als sie ihr umfassendes Manuskript neu sortierte, einer Straffung unterzog und Streichungen vornahm, weil ihre frühen Aufzeichnungen nicht in das endgültige Werk einfließen sollten.

Auf die Idee, dies zu tun, kam sie durch eine Radiosendung. Ein Minister rief dazu auf, alle privaten Briefe und Tagebücher gut aufzuheben, damit sie in einer hoffentlich friedlichen Zukunft die Geschichte seines Landes und der Menschen erzählen könnten. Der Wunsch des Politikers basierte auf Veränderungen, die sich gerade abzeichneten, sich jedoch noch nicht konkret ausgewirkt hatten. Die Zukunft im Blick. Teil der eigenen Geschichtsschreibung zu werden. Das klang gut. Besonders für das junge Mädchen, in dessen Aufzeichnungen sich seit zwei Jahren so viel Energie freigesetzt hatte. Ja, sie wollte alles aufheben. Teil der Zukunft werden und aus ihrem Manuskript einen Roman herausfiltern, der von der Welt gelesen werden sollte.

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Ein Romanentwurf

Ein Briefroman sollte es werden. In der Unmittelbarkeit der direkten Rede und in der persönlichen Ansprache an fiktive Menschen lag ihre Stärke. Sie, die seit Jahren keine Post mehr bekommen hatte, kompensierte in ihrem Schreiben nicht nur das Fehlen von sozialen Kontakten, sondern öffnete sich für alle Menschen, die in der Lage waren, sich in die Rolle der Adressatin dieser Briefe zu versetzen. Eine brillante Idee. Also blätterte sie in ihrem Manuskript zurück, strich allzu ungelenke und jugendliche Passagen, setzte einen Schlussstrich unter eine gerade aufkommende Liebesbeziehung und beginnt frei im Herzen und motiviert vom Radioaufruf den Roman ihres Lebens zu schreiben.

In knapp zweieinhalb Monaten verknappte sie ihr vorheriges Manuskript auf 215 Seiten, blieb dabei aber eng an den Texten, die sie für ihren Roman auswählte. Heute kann man dies an den Datumsangaben der Briefe ablesen, die sie ohne Änderungen in die Schlussfassung übernahm. Die Briefe an ihre Freundin, die den Kern ihres Romans bildeten, blieben Teil eines groß angelegten Tagebuches, das im Geheimen entstehen musste. Der Krieg spielt eine große Rolle, die Besetzung des Heimatlandes und die um sich greifende Entrechtung von Menschen. Jene äußere Bedrohungssituation wird zum geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Die Zeit schien Druck auf die junge Autorin auszuüben. Auch in der endgültigen Fassung des Romans wirken manche Briefe noch ein wenig ungelenk, aber sie verraten bereits jetzt viel vom Talent der aufstrebenden Nachwuchsautorin.

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Ein Romanentwurf

„Das Hinterhaus“. Ihr Arbeitstitel für einen Roman, der uns an die Seite eines jungen Mädchens trägt, die in einem Versteck auf Befreiung hofft. Ein Mädchen, das umgeben von wenigen vertrauten Menschen in einem hermetisch verschlossenen Versteck in der täglichen Angst vor Entdeckung lebt. Ein klaustrophobischer Erzählraum, in dem es gilt Ruhe zu bewahren und unsichtbar zu bleiben. Hier öffnet die junge Autorin ihrer fiktiven Freundin ihr Herz und beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Wir erfahren auf die unmittelbarste Art und Weise alles, was in dieser lebensbedrohlichen Situation in dieser jungen Frau vor sich geht. Ängste, Zweifel, Hoffnung, Träume und Fantasien schlagen sich aus dem Versteck bis zu unseren Herzen durch und bleiben haften. Am Ende hat man das Gefühl, in einer Zeitschleife wieder am Angang angelangt zu sein. Abrupt und unvermutet endet der Roman an der Stelle des Manuskripts, an der das Mädchen zum ersten Mal von der Idee schreibt, aus dem Tagebuch einen Roman zu extrahieren. 

Mittwoch 29. März 1944
Liebe Kitty,

Stell Dir mal vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman über das Hinterhaus herausbringen würde; allein vom Titel her würden die Leute denken, es sei ein Detektivroman. Aber jetzt im Ernst. Es muss ungefähr zehn Jahre nach dem Krieg schon komisch wirken, wenn wir erzählen, wie wir als Juden hier gelebt, gegessen und geredet haben. Auch wenn ich Dir viel von uns erzähle, weißt Du nur ein ganz kleines bisschen von unserer Geschichte.

Deine Anne

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Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ihr Name: Anne Frank. Ihr Geburtstag der 12. Juni 1929, also heute vor 90 Jahren. Verraten und entdeckt im Hinterhof des Hauses an der Prinsengracht 263, Amsterdam, am 4. August 1944. Mit ihren Eltern ins Lager Westerbork verbracht, nach Auschwitz deportiert, von dort ins KZ Bergen-Belsen verlegt. Verstorben: im Februar oder Anfang März 1945, nur einen Monat vor der Befreiung des Konzentrationslagers durch britische Truppen.

Verzeiht mir, dass ich jetzt ein wenig angegriffen bin. Ihr Tagebuch ist seit Jahren einer der wichtigsten Wegbegleiter im Lesen und Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust. Anne Frank nimmt einen wichtigen Platz in meinem Leben und in meiner Auseinandersetzung mit Ausgrenzung und systematischem Genozid ein. Ja, ich fühle mich ihr verpflichtet. Nun, zu ihrem Geburtstag ein Buch in Händen zu halten, das ihr den größten Wunsch ihres jungen Lebens erfüllt, ist ein ganz besonderes emotional zu nennender Moment.

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Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Anne Frank Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen“ entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Secession Verlag und dem Anne Frank Haus in Amsterdam. Übersetzt wurde das Buch aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Mit einem Essay von Waltraud Nussbaum, Literaturwissenschaftlerin und damalige Schulfreundin von Anne Frank. Nie zuvor wurde dieser Roman aus ihrem gesamten Tagebuch editiert und als eigenständiger Text veröffentlicht. Zu ihrem 90. Geburtstag schließt sich jener Kreis, der durch nationalistische Rassisten für immer zum Schweigen gebracht werden sollte.

Liebe Anne. Ein großartiger Roman. Prädikat: Besonders lesenswert. Ein Fixstern am Firmament der nie verlöschenden Literatursterne in der kleinen literarischen Sternwarte. Und jetzt zitiere ich zum Ende dieses Artikels einen meiner Lieblingsschriftsteller David Foster Wallace:

„Weinen Sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ich werde das Anne Frank Haus in diesem Jahr besuchen. Amsterdam stand schon lange auf der Wunschliste der wichtigen Reiseziele. In Gedanken werde ich Euch ganz einfach mitnehmen. Alleine schaffe ich das nicht. Ich werde berichten. Gerne könnt ihr mir Grüße und Geburtstagswünsche für Anne Frank in den Kommentaren hinterlassen. Ich werde sie bei mir haben, wenn ich das Hinterhaus betrete…

Anne Frank Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen / dt. von Waltraud Hüsmert / 208 Seiten / Secession Verlag / Nachwort von Prof. Dr. Laureen Nussbaum / 18 Euro

Weitere Artikel zu Anne Frank und zum Holocaust in meiner kleinen literarischen Sternwarte. Lesen Sie gut.

Der Sänger von Lukas Hartmann

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Es kommt mir vor, wie ein literarisches Déjà-vu. Eine Erinnerungstäuschung. Ich schlage den Roman „Der Sänger“ von Lukas Hartmann auf, beginne zu lesen und bin in einem Szenario gefangen, das ich im Juni 2018 so ausführlich beschrieben habe. Es ist mir wohlbekannt, was ich hier als Rahmenhandlung vorfinde, dass mich das ungute Gefühl beschleicht, in einem Buch zuhause zu sein. Nicht, weil es eine Geschichte aus meiner bibliophilen Vergangenheit doppelt, sondern weil ich mich im situativen Rahmen des Romans extrem gut auskenne. Fast, wie in meiner Westentasche. Es ist kein gutes Gefühl, wieder in diesem Szenario anzukommen. Beklemmung und Angst machen sich breit, weil ein gutes Ende der Geschichte ausgeschlossen ist. Und doch lasse ich mich auf sie ein. Möge der Rahmen abgesteckt sein, die Menschen sind andere. Wieder mal Opfer der Verfolgung durch die Nazi-Schergen des Dritten Reichs.

Diesmal folge ich Joseph Schmidt auf seiner Odyssee durch Europa. Er, der Sohn orthodoxer Juden aus Rumänien, selbst jedoch von der in die Wiege gelegten Religion weit entfernt, wird nun durch seine Herkunft definiert. Berufsverbot, Rassegesetze und Ausgrenzung treffen ihn hart. Die Fallhöhe ist gewaltig, gilt er doch als DIE Stimme der Zeit. Der deutsche Caruso. Der Star-Tenor, der die Welt begeistert und der doch kaum für die großen Opernbühnen geeignet scheint. Er ist zu klein. Im Gegensatz zu seiner Stimme. Die überragt alles. Doch den Heldentenor nimmt man ihm nicht ab. Ein Meter vierundfünfzig. Da braucht er schon ein Podest, um an die angebeteten Geliebten auf der Bühne heranzukommen. Das Radio ist seine Rettung. Und die Unterhaltungsmusik, der er fortan einen eigenen Stempel aufdrückt.

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Sein Gesang wird weltbekannt. „Ein Lied zieht um die Welt“ wird zu seiner Melodie und mit ihr zieht auch er um die Welt. Die Machtübernahme der Nazis unterschätzt er gewaltig. Er ist berühmt. Ein Star. Was soll ihm passieren? Als Goebbels ihm anbietet, aus dem jüdischen Sänger einen Ehren-Arier zu machen, zögert Schmidt. Er hat Musik im Herzen, denkt nicht an die Politik und seinen Eltern mag er es nicht antun, sich vom geerbten Glauben loszusagen. Die braune Macht schlägt schnell zu. Auftrittsverbot. Im Radio ist er nicht mehr zu hören. Seine Stimme wird verbannt. Entartet, wie die Kunst seiner Leidensgenossen. Viel zu spät erkennt er, dass es nicht nur um die Musik allein geht. Es geht um sein Leben. Er ist in millionenfacher Gesellschaft. Es wird einsam um den Weltstar. Und seine Welt schrumpft in sich zusammen. Seine Flucht beginnt.

Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz hat viel mit der Geschichte von Joseph Schmidt gemein. Auch er auf der Flucht. Auch er, der Schriftsteller, versuchte verzweifelt in den Nachbarländern Deutschlands Schutz zu finden. Die Nazis holten ihn ein. Und die Nachbarn? Schlossen die Grenzen, glaubten die „Märchen der Verfolgung der Juden“ nicht, sahen in Deutschland ein sicheres Herkunftsland, verweigerten Asyl und schauten sehenden Auges zu, bis sie schließlich selbst erobert wurden. Ulrich und Joseph hätten sich auf ihren Irrfahrten durchaus begegnen können. Sie teilten ein sehr rastloses Schicksal. Flüchtlinge, deren Leben keinen Pfifferling mehr wert war.

Der Sänger von Lukas Hartmann - AstroLibrium

Der Sänger von Lukas Hartmann

Lukas Hartmann erzählt in seinem Roman Der Sänger die Geschichte der Flucht von Joseph Schmidt. Und nicht zufällig beleuchtet der Autor zugleich die Rolle seines Heimatlandes zu Beginn der 1940er Jahre. Die Schweiz. Neutral. Umzingelt. Zwar frei und doch in Angststarre vor den waffenstarrenden Nazis, dass man in vorauseilendem Gehorsam alles unternimmt, um den übermächtigen Nachbarn nicht zu verärgern. Man igelt sich ein, schließt alle Grenzen, erklärt jüdische Flüchtlinge zu Illegalen und bringt diejenigen, die es trotzdem ins Land schaffen in Internierungslagern unter. Man schiebt die Verantwortung gegenüber dem eigenen Volk vor. Es fehlt der Mut. Es regiert Angst. Da muss und darf es Opfer geben. Nur keine falschen Signale ans Dritte Reich. Schön unauffällig bleiben. So lautet die Devise der Schweiz, die um ihre Devisen fürchtet. Der Schweizer Autor verliert all seine Neutralität, wenn er diese Haltung seiner Heimat zur Anklage bringt. 

Sein Petent kann die Stimme nicht mehr erheben. Sie hat versagt. Sie wurde zum ersten Opfer der Flucht. Erkältet, heiser und einfach weg. Sein Kapital schweigt. Wenn Joseph Schmidt früher nur mit seiner Stimme bezahlen konnte, so bleibt ihm nun nichts mehr und er ist auf fremde Hilfe angewiesen. Wo er früher in den ersten Häusern jener Orte logierte, in denen seine Konzerte Menschen begeisterten, steigt er jetzt in billigen Absteigen ab. Ohne Statussymbole wird sein Status zum Symbol. Illegal, abzuschieben und als Prominenter keine Bevorzugung verdienend. Seine Krankheit schwächt ihn und das große Herz des kleinen Sängers schlägt in der Arrhythmie seiner Flucht. Selbst die Schallplatten, die er bei sich trägt, können ihn nicht retten. Seine Stimme verkommt zu einem vergangenen Schatz, der keine Bedeutung mehr hat.

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Es erinnert an den Koffer mit den Bildern der Malerin Charlotte Salomon. Als man sie deportierte, hinterließ sie ihre Gemälde mit den Worten:

„C`est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.“

Es erinnert an die jüdische Schriftstellerin Irène Némirovsky, die ihre Manuskripte ebenfalls in einem Koffer zurückließ, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurde.

„Trennt euch niemals von diesem Koffer,
denn er enthält das Manuskript eurer Mutter.“

Es erinnert an Ulrich Alexander Boschwitz. Er starb 1942 im Alter von 27 Jahren. Im Gepäck an Bord des versenkten Schiffes: die letzte Fassung des Manuskripts zu „Der Reisende“.

Vieles vereint diese Opfer. Die Gemälde sind heute zu sehen. Die Romane kann man lesen. Die Musik ist zu hören. Es bleiben Pinselstriche, Worte und Gesang. Nichts aber wären diese Zeugen aus vergangener Zeit ohne die Autoren, die den Ermordeten ihre Geschichten zurückgeben. Nichts wäre all dies ohne den Hauch der Bedrohung, in der Flüchtlinge auch heute noch schweben. Auch unter ihnen sind unscheinbare Talente in Hülle und Fülle verborgen. Auch unter ihnen sind Menschen, die nicht abgewiesen und „zwischengelagert“ werden dürfen. Ich folge hier in meiner Einstellung den Worten aus „Der Sänger“ von Lukas Hartmann:

„Die Flüchtlinge tun uns die Ehre an, in unserem Land einen letzten Ort des Rechts und Erbarmens zu sehen. Wir sehen an den Flüchtlingen,
was uns bis jetzt wie durch ein Wunder erspart geblieben ist.“
 

Der Sänger von Lukas Hartmann - AstroLibrium

Der Sänger von Lukas Hartmann

Lukas Hartmann gelingt mit „Der Sänger“ ein authentisch empathischer Blick in die Vergangenheit, die uns täglich einzuholen scheint. Er erzählt nicht nur vom Irrweg des Sängers, er erweitert seinen Erzähltraum um Zeitzeugenaussagen, die als Belege der unmenschlichen Zustände dienen mögen. Eine wahre Geschichte in dieser Form in einen fiktionalen Erzählfluss münden zu lassen, gehört zu den großen Leistungen, die man in der Literatur leider viel zu selten findet. „Der Sänger“ erinnert nicht nur an einen der größten Sänger des letzten Jahrhunderts. Die Geschichte mahnt und würdigt. Hier spiegelt sich die Gegenwart im Gruselkabinett der Vergangenheit. Es bleibt zu hoffen, dass wir für die Zukunft lernen.

Vielleicht solltet Ihr am Ende dieser Rezension Joseph Schmidt eine kleine Weile zuhören. Wenn sein Lied um die Welt ging, dann kann es seine Geschichte auch.

Gegen das Vergessen“ – Ein Schwerpunkt der kleinen literarischen Sternwarte.

Der Sänger von Lukas Hartmann - AstroLibrium

Der Sänger von Lukas Hartmann

Der Sänger“ / Lukas Hartmann / Hardcover / 288 Seiten / Diogenes Verlag / 22 Euro

Herkunft von Saša Stanišić

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Herkunft von Saša Stanišić

Eigentlich kenne ich ihn aus Fürstenfelde. Er feierte dort ein literarisches Fest bevor er mich dem Fallensteller auslieferte und an den Ort des Geschehens zurückkehrte. Er, das ist Saša Stanišić. Deutschsprachiger Schriftsteller aus Bosnien-Herzegowina, mit dem Preis der Leipziger Buchmesse für seinen Roman „Vor dem Fest“ ausgezeichnet, für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit vielfachen Literatur-Ehren überhäuft. Er stammt aus Višegrad, einer bosnischen Kleinstadt, ist Sohn einer Bosniakin und eines Serben. Er floh mit seinen Eltern vor dem Bosnienkrieg im Jahr ´92 nach Deutschland. Er war gerade mal vierzehn Jahre alt, als es das alte Jugoslawien von den Landkarten fegte und sich explosionsartig in seine multi-ethnischen Bestandteile zerlegte.

Er schrieb bisher über sehr besondere Menschen in Biotopen ihrer ganz eigenen Heimat. Saša Stanišić ist für mich einer der ganz großen traurigen Clowns der Literatur. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll, wenn man ihn liest oder ihm zuhört. Er verzaubert Menschen mit knallbunten literarischen Lustballons, verführt sie mit absolut aberwitziger Wortakrobatik zum Staunenlachen und enthüllt beiläufig, dass im Zentrum seiner Geschichten eine unübersehbare Portion bittersüßer Melancholie verborgen ist. Eine Grundstimmung, die ihn als Beobachter aufmerksam und hellhörig macht, und die verhindert, dass belanglos Dahergesagtes belanglos bleibt. Er legt seine Stimme tief in die Wunden unserer Gesellschaft. Aus gutem Grund.

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Herkunft von Saša Stanišić

Wenn er bisher von Heimat und Identität erzählte, so konnte man vermuten, dass er sich selbst in den Figuren seiner Romane spiegelte. Er zerrte die Randgestalten kleiner Dörfer ans Licht, rückte sie in den Mittelpunkt und ließ sie dann gegen die Windmühlen aus Vorurteil und Vorbehalt ankämpfen. Er schrieb über eigene Menschenschläge mit Eigenarten in eigenartigen Landschaften. Und doch zeigte er uns deutlich, was Heimat bedeutet, welches Gefühl ein Zuhause vermittelt und wie wichtig Identität und Zuhause sind. Der innere Kompass eines Menschen richtet sich zumeist nach dem Ort aus, dem man seine Prägung und Sozialisierung verdankt. Abstrakt war es nicht, was er schrieb. Und doch zeigte er selten sein wahres eigenes Gesicht hinter den Protagonisten jener Romane und Erzählungen. Jetzt lässt er die Maske fallen.

Herkunft“ heißt sein neues Buch. Eine Kollektion von Texten über die Zufälligkeit der eigenen Biografie, vom kaum zu beeinflussenden Schicksal, dem man lebenslänglich ausgesetzt ist. Es sind Geschichten voller Schubläden und Stempel, die unser Leben prägen und die doch nur auf unsere Abstammung zielen. Herkunft. Ein relativer Begriff. Saša Stanišić begibt sich auf die Suche nach allem, was seine Herkunft ausmacht. Er erzählt von Jugoslawien, beschreibt seine Flucht, besucht seine Verwandten, die sich immer noch in Višegrad befinden. Er schreibt über seinen Neubeginn, Versuche einer Integration in Schulen, schwere Lebenswege nach einem Neuanfang. Nicht nur für ihn. Besonders für seine Eltern.

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Und doch finden wir in diesen Geschichten keine Tagebuchaufzeichnungen, rein autobiografische Schilderungen oder Lebenserinnerungen. So leicht macht er es uns dann doch nicht. Saša Stanišić ist Literat. Und was für einer. Er verwischt seine Spuren in der Fiktion und betont stets, dass er das zuvor Erwähnte eigentlich gerne anders in Erinnerung behalten hätte. Er fabuliert sich um den Kern des eigenen Seins herum und laviert sich damit nicht ins Aus. Es ist nur ein wenig Distanz, die er zu sich aufbaut, um das Innenleben und die Psychologie des Erlebten treffender beschreiben zu können. Er bleibt der Wortmagier in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist. Er bleibt der mahnende und zweifelnde Vater eines in Deutschland geborenen Sohnes in dem Land, das nicht sein Vaterland ist. Er bleibt authentisch und wahrhaftig, obwohl wir verstehen müssen, dass seine eigentliche Stärke in der Fiktionalisierung liegt.

Saša Stanišić ist ist kein Verräter der eigenen Familie. Er skizziert Menschen nach ihren realen Vorbildern. Wie er diese Skizzen jedoch ausmalt, wie er sie mit Leben füllt, das ist alleine seine Sache. Und doch lässt er zu, dass wir uns hineinversetzen können, wenn er von Außenseitern spricht; von den „Jugos“, die nach Deutschland fliehen; von Stereotypen, die man doch besser individuell betrachten sollte. Er nimmt uns mit in die Heimat, die ihm genommen wurde. Die Heimat, die heute weit entrückt scheint. An den Gräbern der Vorfahren stellt er sich die Frage nach seiner Herkunft. Wo kommt er her? Gibt es darauf eine Antwort? Ist es ein ganz präziser Ort oder eine Region. Ist Herkunft etwas, das man verlieren oder auch mitnehmen kann? Ist Herkunft sentimental geprägt oder lässt sie sich mit Menschen aus der Vergangenheit verbinden?

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Ist Herkunft unveränderbar? Wird sie von Sprache bestimmt? Kann man sich selbst aussuchen, wo man gerne hergekommen wäre? Saša Stanišić spielt mit diesen Bildern ebenso, wie er mit seinen sprachlichen Mitteln spielt. Es ist ein Spiel auf allerhöchstem Niveau, weil Saša Stanišić in einer eigenen Liga schreibt und erzählt. Er bindet uns mit ein, weil er in der Lage ist, Perspektiven einzunehmen, die wir zu kennen glauben. Und dann dreht er den Spiegel um und stellt ungefragt Fragen nach unserer Herkunft. Er hat mich in die Fankurve von Roter Stern Belgrad mitgenommen und mir ein Fußballspiel gezeigt, das ich nur zu gut kannte. Ich trug damals die Farben des anderen Teams. Ich stand auf der anderen Seite. Auf der des FC Bayern München. Wir haben verloren und sind ausgeschieden. Wir waren enttäuscht und am Boden zerstört.

Saša Stanišić zieht mich auf die andere Seite. Auf die der Fans, die zum letzten Mal gemeinsam für ein Jugoslawien jubelten, das schon zersplitterte und sich anschließend bis aufs Messer bekämpfte. Saša Stanišić hat mir ein Gefühl vermittelt, was ihm dieses Spiel auch noch heute bedeutet. Plötzlich sah ich mich den Sieg eines anderen Teams bejubeln. Keine Ahnung, wie er das macht. Er ist kein Erzähler – er ist ein Mentalist, der sich in meine Gedanken schleicht und Empathie zu einer Perspektive macht, die man selbst einnimmt. Keinem seiner Texte fehlt es an Relevanz. Jeder Text zeigt die Gefahren auf, in denen unsere Heimat (und vielleicht jetzt ja auch ein stückweit die seine) schwebt. Populisten bestimmen, schüren Angst, bringen Menschen ins Taumeln, lassen Werte in Flammen aufgehen und hinterlassen auf verbrannter Erde die niemals zu beantwortende Frage nach der Herkunft.

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Herkunft von Saša Stanišić

Das Buch Herkunft wird für mich grandios ergänzt durch das Hörbuch. Hier liest der Autor selbst. Man muss ihm zuhören, weil er sein Schreiben auf ein ganz anderes Level hebt. Er liest mit leichtem Akzent. Er liest weich, zart, unglaublich sympathisch in jeder Akzentuierung. Sein Humor wird unerhört hörbar. Eine melancholische Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte. Man möchte ihm zurufen, dass man ihn verstanden hat. Dass man selbst mit Flüchtlingen anders umgehen würde, dass man in Zukunft die Augen offenhält. Manchmal möchte man, dass Saša Stanišić einfach unser Lachen hört und unsere Nachdenklichkeit spürt. Er investiert so viel in sein Schreiben, dass man im Gefühl lebt, ihm etwas schuldig zu sein. Vielleicht begleicht dieser Artikel einen Teil meiner Schuld.

Das Hörbuch beinhaltet ausgewählte Texte aus dem Buch „Herkunft“. Auf 5 CDs mit einer Laufzeit von 5 Stunden und 39 Minuten bietet es einen guten Querschnitt der Buchvorlage. Aber, wie ich schon sagte, keinem Text fehlt es an Relevanz. Kombiniert Lesen und Hören. Vervollständigt alle denkbaren Perspektiven zu einem Bild und lasst euch überraschen, wie es Saša Stanišić gelingt, selbst in den Texten, die ihr selbst lest, seine Stimme in euer Ohr zu zaubern. Der Sammler eigener Erinnerungen kommt auch an seine Grenzen. Das ist bemerkenswert. Angesichts der Demenz seiner Großmutter verzweifelt er daran, wie flüchtig das Erinnern ist und was mit ihr alles verlorengeht. Ein Moment, in dem man ihm gerne sagen würde, dass man dies selbst erlebt hat und sehr gerne vergessen würde. Leider unmöglich. Das macht unsere Herkunft aus…

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Herkunft von Saša Stanišić

Herkunft – Saša Stanišić Buch:
Luchterhand Verlag / Hardcover / 368 Seiten / 22 Euro
Hörbuch: Der Hörverlag / ausgewählte Texte / gelesen vom Autor / 5 CDs / 5 Stunden und 39 Minuten Laufzeit / 22,00 Euro

Saša Stanišić bei AstroLibriumHier.

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

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Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Es gibt Bücher, die das Leben verändern können. Es gibt Bücher, die geeignet sind, die eigenen Wahrnehmungen zu verändern und aufmerksamer durchs Leben zu gehen. Ich stoße recht häufig auf Geschichten, die mich aufrütteln und bewegen. Sie bleiben in Erinnerung. Es passiert jedoch relativ selten, dass ich schon während des Lesens eine veränderte Umwelt registriere. Als würde sich die Realität krümmen und sich den Inhalt eines Romans zum Vorbild nehmen. Nichts ist ab diesem Moment mehr so, wie es mal war. Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger tauchte überraschend am Horizont auf, bestach durch ein sehr ansprechendes Cover und vermittelte mir den Eindruck, ein weiteres Mal in meinem Lesen einem Wal zu begegnen, der mein Leben bereichern könnte. Das Ausmaß dieser Bereicherung war dann sehr überraschend, da ich plötzlich begann, Nachrichten und Schlagzeilen anders zu interpretieren.

Ironmonger macht aus seinen Lesern Analysten des aktuellen Weltgeschehens. Er spielt mit der Welt der Großbanken auf der einen Seite und der Abgeschiedenheit einer ländlichen Region auf der anderen. Wo steckt das wahre Leben? Was ist eigentlich von Bedeutung und wie verändert sich das Leben, wenn in der Welt etwas aus der Balance gerät. Fragen, denen sein utopisch anmutender Roman auf den Grund geht. Der Autor weckt Leser aus einer immer weiter um sich greifenden Lethargie auf und schärft unser Wahrnehmungsvermögen für die wirklich relevanten Veränderungen, die zumeist ganz harmlos und im Verborgenen beginnen. Seine erzählerischen Mittel sind wie Weckrufe eines fabulierenden Fantasten, dessen Visionen real werden könnten.

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger - AstroLibrium

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Wie man sich dieses Aufwecken vorstellen darf? Ganz einfach. John Ironmonger schreibt uns Bilder in die Seele, die uns daran zweifeln lassen, dass unsere Zukunft so aussieht, wie wir sie uns in unseren bunten Träumen vorstellen:

„Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Truthahn… Das Leben scheint es gut mit Ihnen zu meinen. Der Bauer gibt Ihnen mehr Futter, als Sie essen können. Er kümmert sich um Sie, hält Sie warm, schützt Sie vor Raubtieren… Und jeder Tag ist genau wie der Tag zuvor. Wenn Sie, als Truthahn eine Vorhersage für den nächsten Tag machen müssten, wie sähe sie aus? Wir werden nicht hungern. Denn Sie wissen nicht, dass morgen der Tag vor Weihnachten ist.“

Das hat gesessen. Zumindest bei mir. Der Truthahn in mir ist erwacht und beginnt mit dem täglichen Jogging und beobachtet seine Umgebung genauer. Die Story, in die der britische Schriftsteller seine Hallo-Wach-Effekte einbaut ist bestens geeignet, lange im Gedächtnis zu bleiben. Sie hebt sich deutlich von vergleichbaren Geschichten ab, wird niemals kitschig oder belanglos. Ihre Relevanz trägt uns durch eine Erzählung, die sich in metaphorischer Hinsicht mit den großen Walgesängen der Literatur vergleichen lässt.

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Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Wale ziehen mich magisch an. Spätestens seit Moby Dick ist mir ihre metaphorische Dimension in der Literatur bewusst, stehen sie doch einerseits für die Meer-Ungeheuer, die das Leben der einfachen Seeleute bedrohen und andererseits für Herausforderung und Abenteuerlust. Die urwüchsige Konfrontation des Menschen mit der Natur wird oft auf ihrem Rücken (oder Buckel) ausgetragen. Welche Geschichte mir John Ironmonger jedoch wirklich erzählen wollte, erschloss sich mir erst, als es zu spät war umzukehren. Oh nein. Keine Sorge, wir begeben uns nicht an Bord eines Walfangschiffes und jagen auch nicht mit Harpunen. Der Wal in diesem Roman spielt eine völlig andere Rolle, als wir sie bisher in der Literatur wahrgenommen haben. Er mutiert zu einer Metapher, die dem größten Säugetier dieser Erde eine neue Bedeutung verleiht: Lebensretter.

„Der Wal und das Ende der Welt“ verbindet zwei Erzählräume miteinander, die so unterschiedlich sind, wie die interagierenden Protagonisten. Die Welt des Kommerzes, der Großbanken, Spekulanten und Hochfinanz-Heuschrecken mit der heilen Welt des kleinen Fischerdorfes St. Piran in Cornwall. Hierhin verschlägt es das wohl begabteste Analysten-Talent einer britischen Großbank. Joe Haak taucht wie aus dem Nichts auf. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Nackt am Strand liegend, wird er von einigen Bewohnern von St. Piran gefunden und gerettet. Seine Geschichte klingt sehr abstrus. Ein Finnwal habe ihn gerettet, nachdem er zu weit rausgeschwommen war. Ein Banker im Meer. Ein Wal viel zu nah an der Küste und eine Geschichte, die sich entwickelt, wie das Horrorszenario vom Weltuntergang. Bestandteile einer Erzählung, die hier beginnt.

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Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Dabei schließen sich in St. Piran die Kreise der groß angelegten Geschichte. Was in einer Großbank mit einer Analyse globaler Zusammenhänge begann, sich zu einem elektronischen Vorhersagesystem des genialen Analytikers Joe Haak entwickelte und plötzlich begann, Szenarien über den totalen Kollaps der Erde zu prognostizieren, führt zur Spiegelung eines zutiefst egoistischen Menschenbildes in einem Computersystem. Als Joe Haak plötzlich in St. Piran auftaucht, hat er diese Welt hinter sich gelassen. Er hat die ganze Welt hinter sich gelassen und spürt bei den 307 Bewohnern des kleinen Fischerdorfes erstmals ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit. Hier beginnt er, sich neu zu erfinden. Was kann er tun, um dieses kleine Nest vor dem totalen Untergang zu bewahren? Er hat einen Plan. Diesmal einen nicht egoistischen.

Sein Rettungsplan stellt das Gefüge des kleinen Dörfchens auf eine Zerreißprobe. Ein ganz eigener Menschenschlag trifft auf einen Sonderling. Der Außenseiter mit dem Glauben an den Weltuntergang passt kaum in diese Gemeinschaft. Wäre da nicht der Wal, der Joe Haak nicht nur einmal zur Hilfe eilt. Menschliche Beziehungen stehen auf dem Prüfstand, eine zart aufflammende Leidenschaft für die junge Ehefrau des älteren Pfarrers vereinfacht Joe Haaks Situation nicht wirklich. Als die ersten Nachrichten einer weltumspannenden Krise das Dorf erreichen, wendet sich das Blatt erneut. Ironmonger konfrontiert uns mit einer Utopie in der Utopie. Sein Roman ist das Frühwarnsystem im literarischen Sinne. Auch, wenn man nicht an die theoretischen Grundlagen der Utopie glauben mag, ein Blick in die Nachrichten und die Beobachtung der Weltbörsen lassen diesen Roman wie eine Alarmglocke wirken, die schon längst in größter Lautstärke zu schlagen begonnen hat.

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Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Nein, das ist nicht real. Nein, die Menschen des Dorfes mit ihren aberwitzigen Namen kann es so nicht geben. Der Plan von Joe Haak ist nicht realisierbar. Gemeinschaften funktionieren nicht so. Das Menschenbild John Ironmongers ist zu romantisch. Nein. Es entbehrt alles sicher jeder Grundlage. Man kann sich zurücklehnen und sich einfach so berieseln lassen. Passiert schon nichts. Und doch. Denken wir an den Truthahn. Was wäre, wenn? Die zentrale Frage aller Utopien. Sie darf gestellt werden. Und mit einem wachen Blick auf die Großbanken erkennen wir täglich, dass ihr Profit auf den Dramen fußt, die sich stündlich mit zahllosen Verknüpfungen weltweit abspielen. 

Ich lese Nachrichten anders. Plötzlich. Ich suche Verbindungen, die unsichtbar sind. Wenn in Neuseeland ein Sturm aufzieht, in Saudi-Arabien das Öl teurer wird, ein Krieg im Sudan ausufert und eine Epidemie in Äthiopien grassiert, dann denke ich an diesen Roman und weiß, dass irgendwo im Verborgenen Banker analysieren, wie man davon profitieren kann. Die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner ist Teil des ganz großen Wirtschaftsplans. Das Ausschlachten ist Programm. Hier tut ein Roman gut, der eine Variable dieser Kalkulation verändert. Den Menschen. Genauer gesagt, Menschen aus einem kleinen Fischerdorf in Cornwall. Wer jemals daran zweifelt, sollte keinesfalls einen Wal vergessen. John Ironmogers Roman heißt nicht ohne Grund im Original „Not Forgetting the Whale“.

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Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Der Wal und das Ende der Welt“ / John Ironmonger / S. Fischer Verlag / Hardcover / Übersetzung: Maria Poets, Tobias Schnettler / 480 Seiten / 22 Euro

Utopien in der kleinen literarischen Sternwarte: „Was wäre wenn„.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Worüber wir reden, wenn wir über Gary Shteyngart reden. Es ist unstrittig, dass wir über ihn reden müssen, bevor wir uns dann mit seinem aktuellen Roman „Willkommen in Lake Success“ auseinandersetzen. Selten zuvor war es so angebracht, sich mit der Person des Autors zu beschäftigen, um die Relevanz seines Buches besser einordnen zu können. Reden wir also über einen jüdisch-russischen Emigranten, der im Alter von erst sieben Jahren mit seinen Eltern nach New York auswanderte. Reden wir über den in Leningrad geborenen Autor Igor Semyonowitsch Shteyngart. Reden wir über den Mann, der seiner Heimat mehr als kritisch begegnet, der Russland satt hat, weil es aus seiner Sicht zu viel Unglück über die Welt gebracht hat. Reden wir über jemanden, dem in den USA jenseits der Demokratie eine zu große Portion Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut ins Gesicht schlug.

Reden wir über einen Schriftsteller, der etwas zu erzählen hat. Über den Mann, der dem maßlosen Reichtum von Banken und Hedgefonds-Managern sein geschriebenes Wort entgegenzusetzen hat. Über eine aufrechte und kampfbereite Seele, die akribisch beobachtet, analytisch seziert und erzählt, wie ein leibhaftiger Leo Tolstoi, der im Big Apple aufgewachsen ist. Er ist in der Lage, gesellschaftspolitischen Entwicklungen und wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen einen Erzählraum zu gestalten, der sich in seiner Konstruktion durch unermessliche Weite auszeichnet. Er setzt sich selbst in den Greyhound-Bus, der in seinem Roman eine so gewichtige Rolle spielt, durchreist einen Kontinent und beobachtet die Menschen, denen er begegnet. Er verwickelt Manager in Dialoge, die er scharfzüngig gegen sie verwendet. Er ist der Hemingway, der in Fiesta seine zu Studienzwecken generierten Freunde dem Publikum zum Fraß vorwirft. Gary Shteyngart ist ein Undercoveragent im Unterhautgewebe einer Nation, die sich gerade dafür feiert, ein immer dickeres Fell zu bekommen.

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Er ist die Stimme des Kleinen Mannes, obwohl er unaufhörlich mit der Stimme eines betrügerischen und manipulativen Geschäftsmannes spricht, der seinen Reichtum auf der zunehmenden Armut seiner Kunden begründet. Wer Gary Shteyngart gelesen hat wird sich die Augen reiben und aus der Überdosis von Sarkasmus und Zynismus seine Erkenntnisse ziehen, wie man die Welt verändern könnte. Wenn man es nur wollte. Ein „Wenn“, das sich wie ein roter Faden durch diesen Roman zieht. Wenn ich empathisch wäre, wenn ich fair wäre, wenn ich vorurteilsfrei wäre, wenn ich ein guter Ehemann und Vater wäre, wenn ich nicht selbstsüchtig und egoistisch wäre, wenn ich… wenn ich nur. All diese Wenns spiegelt Gary Shteyngart in seinem Protagonisten Barry Cohen. Alles ohne den Anspruch, aus auch nur aus einem einzigen „Wenn“ ein „Dann“ zu erzielen.

Und spätestens jetzt muss ich über Barry Cohen reden, der Willkommen in Lake Success einen unauslöschlichen Stempel aufdrückt. Egozentriker, Geldvampir an der Spitze der Nahrungskette, Hedgefonds-Manager ohne Gewissen, Uhren-Fanatiker, oberflächlich liebender und alle Reize seiner attraktiven Frau genießender Macho und der wohl schlechteste Vater der Welt, weil er nicht damit zurechtkommt, dass sein erst dreijähriger Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Autismus. Im Spektrum. Ein Krankheitsbild, das es vor der Öffentlichkeit zu verbergen gilt. Ebenso, wie existenzielle berufliche Krisen, die Angst vor der Börsenaufsicht, gescheiterte Lebenswege und das Dilemma, der eigenen Frau durch diese Haltung vor den Kopf zu stoßen. Alles kann er sich kaufen. Den schönen Schein, Physiotherapeutinnen und Kindermädchen. Nur die Gesundheit seines Sohnes lässt sich nicht kaufen. Ebenso wenig wie die Achtung der Frau, die um nichts anderes kämpft, als einen letzten Rest von Normalität im goldenen Käfig.

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Hier prallen Charaktere und Kulturen aufeinander. Seema, die Ehefrau, Tamilin mit indischen Wurzeln, er selbst jüdischer Abstammung und zwei Familien im Hintergrund, die in ihrem soziokulturellen Umfeld fast ganz Amerika repräsentieren. Dazu ein Kind, das nicht ins System passt. Nicht gesellschaftsfähig. Nicht kontaktfähig. In seiner ganz eigenen Welt lebend. Alles bricht über Barry Cohen zusammen, als er realisiert, wo er schließlich gelandet ist. Auf dem Boden der Realität. Sein Hedgefonds kollabiert, seine familiäre Krise eskaliert, sein Sohn nimmt ihn nicht wahr und die Börsenaufsicht heftet sich an seine Fersen. Gezeichnet vom letzten handgreiflichen Gefecht mit seiner Frau beschließt Barry Cohen auszusteigen. Rein in einen Greyhound-Bus. Auf in ein neues Leben. Bestenfalls in sein altes. Er drückt den Resetknopf, wirft Handy und Kreditkarte weg und überlässt sich einem Roadtrip durch die USA, an dessen Ende er hofft, seine erste große Liebe Layla wiederzufinden. 

Eine Ausgangssituation für eine ganz große Erzählung, aus der Gary Shteyngart wirklich alles rausholt, was literarisch möglich ist. Der Greyhound-Bus wird zu der herbeigesehnten Rettungskapsel eines verzweifelten Mannes, der auf der Flucht ist. Es ist nur leider so, dass ihn diese Kapsel nicht hermetisch umschließt und beschützt. Ihm begegnet das Land in diesem Greyhound-Bus. Soziale Schichten, denen er niemals im Leben freiwillig begegnet wäre. Mexikaner, die an seiner Schulter einschlafen, Männer, die offen rassistisch über Afroamerikaner herziehen, obwohl der Bus voll von ihnen ist. Diebe, Rauschgiftdealer, gescheiterte Existenzen und ganz normale Menschen, die er nur aus Erzählungen kennt. Von Kilometer zu Kilometer wird er weiter durchgereicht zu jenen, die den Bodensatz der Gesellschaft bilden. Er mutiert zum Bettler und Schnorrer nachdem ihm sein Koffer mit seinen Luxusuhren abhandenkommt. Als er in El Paso auf die große und ebenso gescheiterte Liebe seines alten Lebens stößt, hofft man, dass er nochmal die Kurve bekommt.

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Gary Shteyngart lässt seinen Protagonisten nicht durch ein anonymes Amerika reisen. Er bettet diese Odyssee in das Szenario des Präsidentschaftswahlkampfes ein und präsentiert mit Donald Trump den aufziehenden Kometen am Horizont, der vieles erst möglich macht. Er lässt uns die Verunsicherung spüren, mit der die Menschen der ungewissen Zukunft entgegenrasen. Er macht offenen Rassismus greifbar, denn jetzt, wenn doch sogar Donald Trump gegen Minderheiten hetzt, darf doch auch der Rassist von nebenan mal das Wort erheben. Populismus zieht durch diesen Roman, wie Gift in einer Küche, die nur leichte Kost verspricht. Gary Shteyngart bringt den Schmelztiegel der Nationen gewaltig zum Kochen. Dabei behält er seine Richtung beharrlich im Auge. Er verliert Barry Cohen nicht eine Sekunde aus dem Blick.

Unvergessen werden Barry Cohens multiple Wandlungen bleiben, das mehrfache Häuten einer Schlange, die Erkenntnisse, die ihn durchfluten, die Bestrebungen, sich zu bessern und das konsequente und dauerhafte Scheitern an sich selbst und seinem Umfeld. Tragischer als Barry Cohen kann man eine Romanfigur nicht durch sein Leben führen. Und doch hat auch er seine Momente der Größe. Ebenso, wie dieser Roman in versöhnlichen Momentaufnahmen schwelgt, sich der überbordenden Emotionalität der Charaktere hingibt und in der Wahrheit des Lebens schwelgt. Es gelingt dem Autor, in seiner Geschichte keine Sündenböcke zu generieren. Er blickt tief in die Seelen hinein und lässt Umstände im Leben mitverantwortlich für das Leben selbst werden. Prägung, Eltern, Kultur, Religion und Wertvorstellungen werden zu Bestimmungsgrößen für den Charakter von Menschen. Ein Roadtrip, der meilenweit entfernt vom Jakobsweg ist, da die Erkenntnis unter dem tonnenschweren Konstrukt an Verlogenheit lange verborgen bleibt. Aber sie kommt. Glaubt mir. Sie kommt gewaltig….

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Wenn Gary Shteyngart heute gefragt wird, ob sich sein Land von heute mit anderen vergleichen lässt, was Populismus betrifft, dann erhält man eine bedrohlich anmutende Antwort:

„Wahrscheinlich ist es in Deutschland ähnlich mit der AfD.
Da stehen Leute auf und erklären: „Wir dürfen das jetzt sagen“.
Wenn so etwas in Deutschland möglich ist, nach diesem gewaltigen Umerziehungsversuch, dann geht das überall.“

(Interview: Spiegel Online “Amerika liebt Hochstapler“ – Eva C. Schweitzer)

Gary Shteyngart erzählt brillant und relevant. Er verpackt diese Geschichte nicht in Mainstream-Goldpapier, sondern bläst sie uns mit aller Intensität ins Gesicht. Er schreit uns an, wenn er die sozialen Missstände anprangert. Er lässt die Menschen am Rande der Gesellschaft zu Wort kommen. Er zeigt uns das wahre Leben jenseits des schönen Scheins. Dabei schafft er es mit Shiva, dem autistischen Sohn Cohens die eigentliche Hauptfigur des Romans, fast im Hintergrund zu skizzieren. Er ist Auslöser aller Zweifel, Grund für die Trennung, Zentrum aller Selbstvorwürfe und Blitzableiter allen Versagens. Der Autismus dieses Jungen ist nicht nur Kulisse. Er erzeugt in den großen Momenten des Romans Empathie und Verbundenheit. Eine Kampfschrift gegen die Erwartung der „normalen“ Menschen an ein Kind, das in seiner eigenen Welt lebt. Das ist großes Kino.

Lesen und hören. Meine Empfehlung. Das Hörbuch ist unterwegs, auf der Straße mit den Geräuschen rollender Reifen, einem hochdrehenden Motor und dem Fahrtwind im besten Sinne geeignet, den Roadtrip hörbar zu machen. Shenja Lacher bleibt als die Stimme dieser Produktion im Gedächtnis, weil er stets im Hintergrund bleibt. Er macht aus seiner Stimme keine Kunstform, die der großen Geschichte die Show stiehlt. Er ist moderat und angemessen, auch in Momenten, die den Zuhörer mitreißen. Ich mag das Understatement, mit dem er sich in die Aufnahme fallenlässt. Alles andere hätte dieser Geschichte geschadet. Großes Kompliment.

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„Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
Penguin Verlag
/ 430 Seiten / Deutsch von Ingo Herzke / 24 Euro
Der Hörverlag / gekürzte Lesung / 13 h 36 min / Sprecher: Shenja Lacher / 24 Euro

Mehr Literatur über „New York“ in der kleinen literarischen Sternwarte: hier