KAIROS von Jenny Erpenbeck

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

KAIROS“ von Jenny Erpenbeck, erschienen im Penguin Verlag, ist in der Kategorie Belletristik für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Die Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man alle Hintergründe zum #baybuch, die nominierten Werke und Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Voller Spannung fiebern wir dem Ergebnis der Jury-Debatte entgegen, die am 11. November über die Preisträger:innen entscheiden wird.

Bayerischer Buchpreis - Nominiert - Kairos - Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis – Nominiert – Kairos – Jenny Erpenbeck

Ich sollte die Gelegenheit nutzen, um dieses Buch vorzustellen. Nie zuvor war die Gelegenheit günstiger, mich dem Roman von Jenny Erpenbeck zu widmen und, wenn ich diesen günstigen Zeitpunkt verstreichen lasse, werde ich es wohl ewig bereuen. Es ist mir egal, wie viel Zeit gerade verstreicht, während ich lese und schreibe. Jetzt ist der richtige und wertvolle Moment, jetzt muss es geschehen. Jetzt steht alles hinten an. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes „KAIROS“ für „KAIROS„, steht doch dieser religiös- philosophische Begriff aus dem alten Griechenland genau für diesen besten Zeitpunkt, eine Entscheidung zu treffen, die das weitere Leben prägen und beeinflussen wird. Es ist an der Zeit, „KAIROS“ beim Schopf zu fassen und ausführlich vorzustellen. Chronos hin oder her.

Schon im Prolog fällt dieser Roman aus der Zeit. Schon auf den ersten Seiten fühle ich, wie sehr sich Zeitbegriffe voneinander entfernen. Dieser Prolog zeigt Vergängliches und Ewiges, beides Bestimmungsgrößen für den Roman. Hier begegnen wir den letzten Ausläufern eines amourösen Hochdruckgebietes. Sturm zieht auf. Er fragt sie, ob sie zu seiner Beerdigung kommen würde. Sie versichert ihm, dass sie natürlich da sein würde. Sie, das ist die junge Frau. Katharina. Er, der 34 Jahre ältere Mann, von dem sie nicht lassen kann. Hans. Hier, im Prolog endet alles. Vier Monate später ist er tot und sie ist natürlich nicht auf seiner Beerdigung. Hier beginnen unsere Fragen. Hier kommen wir zu dem Moment, an dem zwei große Kartons bei Katharina abgegeben werden. Es ist der Nachlass einer Liebesbeziehung, in den sie hier eintaucht. Jenny Erpenbeck sei Dank, dass wir Katharina begleiten dürfen. In ihren und seinen Erinnerungen.

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

„Vor langer Zeit haben die Papiere, die aus seinen Kartons und die aus ihrem Koffer, einen Dialog miteinander geführt. Jetzt führen sie einen Dialog mit der Zeit.“

Es ist ihre Sprache, mit der uns Jenny Erpenbeck zu Gefangenen ihres Romans werden lässt. Es sind der unverbrauchte Tiefgang und die Unschuld der Worte, die uns an der Hand nehmen und in den Sog einer Geschichte entführen, die alles ist, nur nicht unschuldig und unverbraucht. Die Beschreibungen der in Ostberlin geborenen Autorin lassen schon zu einem ganz frühen Zeitpunkt des Lesens darauf schließen, dass mit „KAIROS“ jener Moment gemeint ist, an dem für Katharina und Hans alles beginnt. Es ist der schicksalhafte Moment, der sie zusammenführt. Sie, gerade 19. Er Mitte fünfzig. Sie ungebunden und frei, suchend, forschend, vibrierend. Die Schriftsetzerin. Er, nicht ungebunden, Ehemann, Vater, Schriftsteller, auf fest verlegten Schienen durchs Leben fahrend. Es sind fünf Jahre in Ostberlin, die wir an ihrer Seite verbringen. Es sind jene letzten Jahre der DDR und die ersten beiden eines neuen Landes. 1986 bis 1991. Und alles begann mit „KAIROS„, dem großen zufälligen und wohl doch vorherbestimmtem Moment der ersten Begegnung.

„Und er antwortete ihr: Trinken wir einen Kaffee?
Und sie sagte: Ja. 
Das war alles. Alles war so gekommen, wie es hatte kommen sollen.
An diesem 11. Juli im Jahr 86.“

Was zu Beginn nach Romantik, Liebe auf den ersten Blick und unmöglicher Liebe schmeckt, verkehrt sich schnell ins gefühlte Gegenteil. Jenny Erpenbeck entwickelt ein Szenario, in dem das geschriebene und gesprochene Wort im krassen Gegensatz zum tatsächlich gefühlten Gefühlsleben steht. Es ist nicht leicht, sich hinter die Kulissen der Worte und der Hülsen zu begeben. Es ist ernüchternd, in der Perspektive von Hans zu erkennen, wie sehr er sich selbst im Mittelpunkt stehend sieht, Katharina zu dominieren beginnt und keine Anstalten macht, sich zu ihr zu bekennen. Eine toxische Beziehung, die allerdings nur für Katharina Gift zu sein scheint. Er fühlt sich wohl. Und er begründet alles mit seiner Selbstsicherheit, seinem Standing, seiner Reputation. Er ist Machthaber im Reich der Gefühle.

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

„Ohne Ehe wäre ich nicht der, der ich bin.“

Die wohl erniedrigendsten Worte aus seinem Mund. Und Worte, die nicht nur seine junge Geliebte Katharina ertragen muss. Da sind auch noch andere. Im Hintergrund, in seinen Gedanken und seinem Leben. Eine brutale Liebe, die zunehmend brutaler wird. So, wie das Land, in dem die Geschichte spielt, so ist auch die Beziehung nur auf Lug und Trug gebaut. So, wie die DDR im Untergehen begriffen ist, beginnt auch das Leben von Hans und Katharina nach einem Mauerfall zu schreien. Stark konstruiert und doch schwer zu verdauen, weil man an der bodenlosen Naivität der jungen Frau verzweifelt und den Narzissmus des alternden Autors von Seite zu Seite zu hassen beginnt. Keine Seite lädt zur Identifikation ein, kein Protagonist steht mir nah, die Trennung ist so sehr vorprogrammiert, wie das Scheitern der DDR. Ein glückliches Ende? Keine Option.

Jenny Erpenbeck inszeniert den Mauerfall der Kletterei auf der Emotionsfassaden auf hohem Niveau. Der hilflos naiven und in Sachen Gefühl sogar abhängigen jungen Katharina mag man pausenlos zurufen, dass sie sich in Sicherheit bringt und dem alten kalkulierenden und kalt agierenden Schriftsteller möchte man am liebsten ein Bein nach dem anderen stellen. Doch vielleicht ist hier auch nichts so wie es scheint, vielleicht hat das Zwischenspiel auf der Hälfte der Sichtung der beiden Kartons Überraschendes auf Lager. Vielleicht ist der Abgesang auf eine Liebe zugleich der Abgesang auf ein ganzes Land und vielleicht ähneln sich beide zu sehr. Auferstanden aus Ruinen. Diese Melodie und der Text haben wohl ausgedient. Nicht ausgedient hat der Roman, weil man in ihm Spurenelemente von Machtmissbrauch, Betrug, Illoyalität und tiefer Melancholie findet. Vielleicht das einzige Gefühl, das hier oftmals ernst gemeint und gefühlt ist.

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

Was als ein Lesen über eine unmögliche Liebe, den zu großen Altersunterschied und den Untergang eines politischen Systems als Rahmenhandlung begann, endet mit der Erkenntnis, dass jeder von uns seine eigenen Kartons mit sich durchs Leben trägt. Sie fühlen sich an, wie Ballast der Seele, sich in sie zu vertiefen mag verletzen und im Endeffekt zerstörerisch wirken. Sie ungeöffnet im Keller zu lassen ist selbstmörderisch. In der Konfrontation liegt der Spiegel unserer Seele verborgen. Seelenverwandtschaft ist ein hochtrabender Begriff. In KAIROS trabt er nicht. Er galoppiert. Sicher ist dieser Roman zeitlos. sicher passt er zu jedem untergehenden System und zu jeder Liebe in den Wirren solcher Zeiten. Vielleicht hat Jenny Erpenbeck einige Triggerpunkte in mir berührt. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mit Katharina mit Hans warm werden konnte. Zu extrem waren manche Ausflüge in ihrer Beziehung, zu derb gestaltete sich der Anspruch des Schriftstellers an eine junge Frau. Hier verlor mich dieser Roman oft. Im Rückblick auf die gesamte Geschichte, gelingt es nur wahrer Literatur, in mir diese Reaktionen auszulösen. Das, liebe Jenny Erpenbeck, ist Ihnen gelungen. Chapeau. Ich blieb nicht kalt in und zwischen ihren Zeilen. Das ist unmöglich.

Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch.

KAIROS von Jenny Erpenbeck - Astrolibrium

KAIROS von Jenny Erpenbeck

Last but not least: Die GlockenbachWelle goes Buchmesse. Alle Informationen  zu unserem Messeauftritt vom 20. bis 24. Oktober am Bayernstand von XPLR-Media in Bavaria, in Kooperation mit dem Börsenverein des Buchhandels, Landesverband Bayern und der Bayerischen Staatskanzlei erfahren Sie auf unseren Social-Media-Accounts, insbesondere auf Instagram Seiten . Wir sehen uns in Halle 3.1 Stand D 11.

Wir sind besonders stolz, Teil dieser besonderen Überschrift zu sein: Frankfurter Buchmesse: 5 bayerische Erfolgsstories, die Du nicht verpassen darfst. Und ganz nebenbei sind wir für den Bayerischen Buchpreis am Start. Am selben Stand.

Hier werden wir auch Jenny Erpenbeck begegnen. Ihr hört von uns. Garantiert…

GlockenbachWelle - Bildbände, die Bände sprechen - Prestel Verlag - Astrolibrium

Die GlockenbachWelle auf der Frankfurter Buchmesse… schaut vorbei.

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

 

Die kleine Schule der großen Hoffnung – Naomi Fontaine

Die kleine Schule der großen Hoffnung - Naomi Fontaine - Astrolibrium

Die kleine Schule der großen Hoffnung – Naomi Fontaine

Vor einem Jahr schrieb ich in Erwartung einer „digitalen“ Frankfurter Buchmesse und dem damit verbundenen Online-Auftritt des Ehrengastlandes Kanada:

Es wäre ein wohl Aufsehen erregender physischer Auftritt in Frankfurt gewesen. Kanada, das Ehrengastland der diesjährigen Buchmesse hätte nicht nur Autoren und Bücher im Gastland-Pavillon präsentiert. Lebensgefühl, Vielfalt, Einzigartigkeit und viele weitere Überraschungen standen auf dem Programm. Und unsere Verlage hatten sich auf diesen besonderen Ehrengast perfekt eingestellt. Die kanadische Literatur hätte in diesem Jahr einen besonderen Stellenwert bei ihren Messeauftritten gehabt. Nun bleibt nur noch ein digitaler Auftritt. Und es bleiben die bereits gelesenen Bücher von Autoren und Autorinnen, die Frankfurt mit ihrer Anwesenheit beehrt hätten. Kanada. Es wäre so schön gewesen. 

Die kleine Schule der großen Hoffnung - Naomi Fontaine - Astrolibrium

Die kleine Schule der großen Hoffnung – Naomi Fontaine

Heute, ein Corona-Jahr später, sieht die Welt ein wenig anders aus. Hybrid lautet das Modewort dieser Tage und unter dem Motto „Reconnect“ versucht man nun, eine Buchmesse zu realisieren, die sowohl analog als auch digital stattfindet. Und damit ist auch ein gemischter Auftritt des Ehrengastlandes Kanada möglich. Autoren werden in Liveschaltungen zu sehen sein, aber auch vor Ort lesen, signieren und repräsentieren. Die Vorfreude ist groß, auch, wenn das Format durch ein striktes Hygienekonzept auf sichere Füße gestellt werden musste. Reconnect. So darf auch mein Motto lauten und zu den im letzten Jahr gelesenen Büchern zum Kanada-Schwerpunkt ist nun ein Werk hinzugekommen, das den Weg nach Frankfurt antreten wird….

Die kleine Schule der großen Hoffnung“ von Naomi Fontaine

Hier betritt eine Autorin die internationale Literaturbühne, die mit ihrem erst zweiten Roman für Aufsehen gesorgt hat. Nationale Shortlist-Platzierungen und Finalteilnahmen bei renommierten Literaturwettbewerben sprechen eine absolut deutliche Sprache. Das haben sie mit der Schriftstellerin gemeinsam. Es ist die Sprache, die sie in Kanada von ihren Kollegen und Kolleginnen unterscheidet. Und doch sucht sie genau hier literarisch das Medium, sprachlich anzudocken und Grenzen zu überwinden. Naomi Fontaine gilt als die bekannteste autochtone (indigene) frankokanadische Schriftstellerin und einzige First-Nation-Autorin, die auf Französisch schreibt. Sie baut Brücken, die vor langer Zeit abgerissen wurden. Sie, die 1987 in Uashat, einem Innu-Reservat geborene Frau, ist nicht nur literarisch ein Vorbild für die Selbstbefreiung aus einer Situation, in der es für die meisten Menschen ihres Volkes eigentlich nur jenes Reservat gibt. Sie schreibt nicht nur darüber. Sie hat es gelebt, lebt es weiter und schreibt es nieder, damit auch wir ihr folgen können…

Die kleine Schule der großen Hoffnung - Naomi Fontaine - Astrolibrium

Die kleine Schule der großen Hoffnung – Naomi Fontaine – Astrolibrium

Naomi Fontaine verließ das Reservat, studierte in Québec-Stadt Pädagogik und erzählt in ihrem Roman sicher keine frei erfundene Geschichte, sondern nähert sich ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Wurzeln auf besondere Weise erneut an. Sie erzählt von einer jungen Lehrerin namens Yammie, der es in ihrem Leben in der Großstadt zu eng wird, die ihre Beziehung zu ihrem Freund löst, und in das Reservat ihrer Kindheit zurückkehrt. Und genau dort will sie als Lehrerin an der einzigen Schule arbeiten. Hier möchte sie, die Exilantin, sich kümmern. Helfen. Lehren und auch ihre Heimat neu für sich selbst entdecken.

„Man sagt, die Rückkehr sei der Weg der Exilanten. Wegzugehen war nicht meine Entscheidung gewesen. Fünfzehn Jahre später komme ich zurück und stelle fest, dass sich die Dinge verändert haben.“

Aber als was wird sie zurückkehren? Als Innu? Auf Augenhöhe mit ihren Schülern? Oder ist sie schon die Kanadierin, die ihre eigene Sprache nicht mehr spricht, Bräuche und Traditionen nicht mehr kennt und wie so viele Fremde vor ihr vergeblich versucht, den Kindern des Reservates mit Bildung einen Notausgang zu öffnen? Nein, das ist in keiner Weise eine frei erfundene Geschichte. Sie ist autobiografisch, weil Naomi diesen Weg für sich ging. Für drei Jahre kehrte sie selbst in ihre Heimat zurück. Was wir hier in diesem bewegenden Roman lesen, ist vielleicht der literarische Extrakt der Rückkehr. Mit Sicherheit ist es jedoch die Essenz jeder Rückkehr, die wir selbst erleben, wenn es uns in die eigene Heimat treibt. Wir sind verändert. Nicht das Reservat, das Biotop, aus dem wir stammen.

Die kleine Schule der großen Hoffnung - Naomi Fontaine - Astrolibrium

Die kleine Schule der großen Hoffnung – Naomi Fontaine

Nun klingt der Buchtitel Die kleine Schule der großen Hoffnung sehr pathetisch. Ist er auch! Im Original erschien das Buch unter dem klangvollen Titel „Manikanetish, Petite Marguerite“ auf dem kanadischen Buchmarkt. Hier sollte ein Kreis zu einer Frau geschlossen werden, die diese Schule nie selbst betreten, aber zahllose elternlose und schwierige Kinder großgezogen und ihnen das Leben gerettet hatte. Ein Titel, der sich im Inneren des Romans erschließt. allerdings auch einer, der durch sein Pendant nicht verdrängt wird. Insofern darf die kleine Schule große Hoffnung verbreiten. Wer sich an der Seite von Naomi Fontaine einschulen lässt und Yammie in den Unterricht folgt, ist gut beraten, seine Vorstellungen von traditionellem Unterricht für einen Moment in den Hintergrund zu verbannen. Diese Lehrerin muss sich nähern, selbst finden, heilen und therapieren. Sie kämpft gegen das Schicksal, das in vielen Reservaten zum System in der Ausgrenzung indigener Bevölkerungsgruppen dient. Alkohol, Perspektivlosigkeit in jedem Lebensbereich und das Gefühl, nicht zum Rest der Gesellschaft zu gehören.

Es sind die großen und kleinen Geschichten ihrer Schüler:innen, die sie erzählt. Es sind Geschichten von Rebellion, Aufgabe und Untergang, denen wir folgen. Es ist oftmals nichts so, wie es scheint. Hintergründe habe tiefere Wurzeln, als man es sich vorstellen kann. Die Welt der Innu wird hier nicht transparent. Sie wird nicht verraten. Eher im Gegenteil. Naomi Fontaine geht mit den geheiligten Rätseln ihres Volkes sehr behutsam um. Dadurch ermöglicht sie es uns, unseren eigenen Frieden mit den Fluchten unseres Lebens zu machen. Im Exil das Gegenteil von Heimat zu erkennen und in die Rückkehr kein Bereuen zu legen. Ich habe das Lesen dieser kleinen Bilder aus der Tiefe des Reservats sehr genossen, weil es mich bereichert hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Buch für Lehrende und Lernende zugleich den Horizont erweitern kann, wenn es darum geht, über die Brücken zu gehen, die wir kaum noch erkennen können. Ein wichtiges und relevantes Buch.

Die kleine Schule der großen Hoffnung - Naomi Fontaine - Astrolibrium

Die kleine Schule der großen Hoffnung – Naomi Fontaine – Astrolibrium

Naomi Fontaine wird am 20. Oktober im Rahmen von Open Books zur Frankfurter Buchmesse zugeschaltet werden. Ihr Roman ist beim C. Bertelsmann-Verlag präsent.

Spitzenreiterinnen von Jovana Reisinger

Spitzenreiterinnen - Jovana Reisinger - Astrolibrium

Spitzenreiterinnen – Jovana Reisinger

Spitzenreiterinnen von Jovana Reisinger – Verbrecher Verlag, ist in der Kategorie Belletristik für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Die Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man alle Hintergründe zum #baybuch, die nominierten Werke und Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Voller Spannung fiebern wir dem Ergebnis der Jury-Debatte entgegen, die am 11. November über die Preisträger:innen entscheiden wird.

Bayerischer Buchpreis - Nominiert - Spitzenreiterinnen - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis – Nominiert – Spitzenreiterinnen

Das Klima ist vergiftet. Weltweit. Man muss nur einen Blick in die Zeitungen oder in den News-Feed von Internetplattformen werfen, schon stößt man auf die Opfer dieser Klimakatastrophe, die nachweislich vom Menschen verursacht ist. Das lässt sich nicht mehr leugnen. Es ist das brutale und extrem toxische Klima der Gewalt gegen Frauen, das seine Opfer ausschließlich auf einer Seite fordert. Wir Männer sind es, die auf der Grundlage überholter Frauen- und Rollenbilder in patriarchalischer Art und Weise dem gemeinsamen Klima den Todesstoß versetzen. Häusliche Gewalt, MeToo, Missbrauch und Vergewaltigungen unschuldiger Opfer, Mord. All das finden wir, wenn wir in diesen Tagen aufmerksam die Nachrichten verfolgen. Gabby Petito, Hannah, Sabina Nessa. Auch die Literatur erzählt von diesen Geschichten. Allerdings selten so klartextlich und scharfzüngig wie der Roman „Spitzenreiterinnen“ von Jovana Reisinger.

Sicher keine leichte Lektüre für einen Mann, dachte ich. Fühlt man sich doch auf der Anklagebank sitzend, weil man jene einseitige Schuld des eigenen Geschlechts in dieser Frage einfach nicht abstreifen kann. Auch, wenn ich für mich selbst eindringlich auf „Unschuldig, Euer Ehren“ plädiere, der Platz auf Seiten der Beschuldigten ist mir sicher. Und doch gelingt es Jovana Reisinger erstaunlich schnell, meine Befangenheit zu zerstreuen und ihren Zeilen vorbehaltlos zu folgen, weil sie keine Anklageschrift im eigentlichen Sinne vorlegt. Es ist eine Streitschrift, ja, das ganz sicher. Aber ihr Roman ist kein Dossier über singuläre, klar konturierte Fälle männlicher Gewalt gegen Frauen, an deren Ende die einstimmige Verurteilung steht. So leicht macht es sich die Autorin nicht. So leicht macht sie es der Gesellschaft nicht, in der sie lebt und über die sie hier schreibt.

Spitzenreiterinnen - Jovana Reisinger - Astrolibrium

Spitzenreiterinnen – Jovana Reisinger

Jovana Reisinger geht mit Menschen- und Rollenbildern ins Gericht. Sie führt uns eine Reihe von Frauen vor Augen, die scheinbar den Klischees entsprechen, die wir in der heutigen Zeit so gerne kultivieren. Es sind sogenannte starke Frauen dabei, solche, die von ihren Männern abhängig sind, Frauen unterschiedlicher Generationen, die sich Veränderung kaum vorstellen können, Frauen, die gar nicht mehr beeinflusst sind, weil ihre Männer längst Geschichte sind, und doch an ihnen hängen wie Kletten einer lange ausgelebten Vergangenheit. Es sind zerstörte und verstörte Frauen, kämpferische und sich selbst verleugnende Frauen am Rande einer gemeinsam erhofften Zukunft. Es ist ein unglaubliches Spektrum unterschiedlichster Charaktere, an denen sich die Autorin abarbeitet und denen sie Raum gibt. Und doch sehe ich deutlich, dass ihre Zielrichtung nicht darin zu finden ist, wie plastisch der Pranger für die Männer konstruiert wird.

Jovana Reisinger stellt uns einen ganzen Reigen besonderer Frauen vor, die nicht nur in der Gemeinsamkeit vereint sind, unter Männern zu leiden. Nein, ihre Namen sind den Frauenzeitschriften dieses Landes entlehnt, die ja nicht gerade für Emanzipation in Reinstkultur stehen. Dieser pointierte Sarkasmus zeigt, wie facettenreich dieser Roman angelegt ist. Die Autorin legt ihre literarischen Finger in viele Wunden und stellt in einer selten so klar erlesenen Deutlichkeit klar, dass ein toxisches Klima ein besonderes und möglichst lebensfeindliches Umfeld benötigt, um sich in seiner Tragweite auswirken zu können. Viele Frauenzeitschriften untermauern fatale Frauenbilder, an denen man fast verzweifeln könnte. Als würden nur Mode, Konsum, Einrichtung, Lifestyle und die Liebe zu Haus und Garten, untermalt von Kreuzworträtseln, das Glück auf Erden bedeuten. In diesem Klima wächst mehr als man wahrhaben möchte. Ein Kollateral-Klima der Angst.

Spitzenreiterinnen - Jovana Reisinger - Astrolibrium

Spitzenreiterinnen – Jovana Reisinger

So folgen wir Petra, Laura, Barbara, Lisa, Tina, Jolie, Elle, Bella, Verena, Brigitte und Emma in ihre ganz besonderen Geschichten. Es ist nicht der gemeinsame Plot, der diesem Buch seinen Rahmen verleiht. Es sind die Muster, die wir erkennen und die uns hoffen, bangen, fluchen, verzweifeln und hassen lassen. Es sind die Automatismen der Gewalt gegen Frauen, die schonungslos sichtbar werden. Es ist die Schuldumkehr, mit der misshandelte Frauen in die passive Ecke gedrängt werden. Es sind Männer, in dieser Geschichte wie im wahren Leben, die sich dieser Atmosphäre bedienen und auf Kosten von Frauen ihren Ansprüchen hinterherjagen. Jovana Reisinger gewährt ihnen nur die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen. Mehr sind sie nicht wert. Reicht auch, da man in den offiziellen Mitteilungen nur „A. hat…“ „B. schlug…“, „C. brach…“ liest. Jovana Reisinger bricht mit dem Klischee, einen Roman von einer emanzipierten Frau für eine emanzipierte Frau zu schreiben. Sie geht weit darüber hinaus.

Bestechend ist ihre Auseinandersetzung mit der Frage, wie fatal der Umgang von Frauen miteinander ist, wie unbeschreiblich tief Mütter ihre Töchter verletzen können und welche Tragweite Eifersucht in diesem Reizklima hat. Hier entstehen große und nachhaltig bewegende Geschichten, die den Lesenden nicht mehr loslassen. Hier ist das Opfer auf sich selbst gestellt und scheitert letztlich an der Erwartungshaltung all jener, die zu seinem Umfeld gehören. Vorsicht: Jovana Reisinger lässt kein Thema aus. Die Innenansichten von Lisa zum Beispiel sind verstörend und sehr emotional. Fehlgeburten, enttäuschte Erwartungen, Vorwürfe der Schwiegermutter, Zukunft des Mannes verbaut, das Gefühl von Austauschbarkeit und die Reduzierung auf die Rolle als Nicht-Mutter. Hart zu lesen. Trigger für jede Frau, die sich in dieser Lage befindet und sicher mit Vorsicht zu genießen. Aber Jovana Reisinger macht hier nicht halt. Es sind verzweifelt hoffende lesbische Frauen, geprügelte und erniedrigte Mütter, befreit lebende Aktivistinnen, sich selbst aufgebende und aufopfernde Erfüllungsgehilfinnen im Sexualleben ihrer Männer und vergebens hoffende Bald-Ehefrauen, die sich ganz kurz vor ihrer Hochzeit mit einem Ehevertrag konfrontiert sehen. Spitzenreiterinnen in jeder Beziehung. Vorreiterinnen nur bedingt. Die Spitze des Eisberges ganz sicher.

Spitzenreiterinnen - Jovana Reisinger - Astrolibrium

Spitzenreiterinnen – Jovana Reisinger

„Spitzenreiterinnen“ ist ein Herzblutroman einer begnadet erzählenden Autorin. Sie vergießt das Blut ihrer Protagonistinnen um aufzuwühlen und wach zu werden. Wir gehören zu einem Umfeld, in dem sich toxische Männlichkeit ausleben kann. Wir sind die Fragenden, wenn eine Frau eine Vergewaltigung anzeigt. Wir legen die Messlatte der Gesellschaft in utopische Höhen. „Sie war doch sicher selbst dran schuld…“, „Wie die sich schon anzieht…“, „Da muss man ja nur auf ihr Insta-Profil schauen, dann wird alles klar…“. Fragen wie diese stellen den gesellschaftlichen Rahmen dar, in dem diese klimatischen Bedingungen reifen können. Jovana Reisinger tritt einen Diskurs los, der in dieser Tiefe von allen Seiten geführt werden muss. Sie zeigt das Ungleichgewicht in den Positionen und im Wertesystem einer aufgeklärten Gesellschaft. Es ist preiswürdig und preisverdächtig, was und wie sie es beschreibt. Bleibt die Frage, ob man es lesen mag, ob man darüber sprechen mag. Dazu gehört Mut.

Ich rate dazu und gebe diesem Roman im Regal „Der moralische Kompass“ den Platz eines Spitzenreiters… Da gehören die „Spitzenreiterinnen“ hin… Sie stehen dort neben „Durchbruch – Der Weinstein-Skandal“ von Ronan Farrow.

Spitzenreiterinnen - Jovana Reisinger - Astrolibrium

Spitzenreiterinnen – Jovana Reisinger

Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch. 

Bayerischer Buchpreis 2021 - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers - Astrolibrium

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Du bist auf der Flucht. Der Alltag ist hinter dir her und du kannst sie nicht mehr hören, all die Parolen aus den Weiten des Internets, all die Nachrichten, Gerüchte und fatalen Aufmerksamkeitserreger, die dir die Kraft rauben. Corona, Wahlkampf, fallende Türme, Kriege und Konflikte. Alles nagt an dir und zieht dich runter. Du willst nur raus aus dem Kreislauf des alltäglichen Wahnsinns und rettest dich in ein Buch. Und schon die ersten Worte wiegen dich in ihren Armen. Sie umfassen dich und lassen dich vergessen…

„Es gibt noch immer Felder in England, die so ungeheuer groß sind, dass du
eine Stunde oder länger an ihnen entlanggehen oder sie überqueren oder durchqueren kannst und es dir so vorkommt, als hättest du dich keinen Zentimeter bewegt.“

Das Tempo entweicht und du lässt dich fallen. Wie eine Saugglocke, die sich leise senkt, schottet dich ein Schriftsteller vor der wahren Welt und ihren Schattenseiten ab. Er ist kein Unbekannter für dich. Du hast ihm schon einmal dein Lesen anvertraut und er hat dich wohlbehalten durch die „Offene See“ getragen. Nun schließt er den Kreis und entführt dich in seine Felder. Du lässt los, entspannst und genießt. Wort für Wort.

„Es gibt Felder, die irgendwo im Nirgendwo liegen, Felder, größer als Dörfer. Felder, die hunderte Menschen ernähren und Lebensraum für Tausende
oder gar Millionen von koexistierenden Geschöpfen und Arten bieten,
von der winzigsten Zecke bis zum größten Hirsch.“

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers - Astrolibrium

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Hier im Nirgendwo atmest du den Rhythmus seiner Worte, inhalierst den Extrakt seiner Beschreibungen und wirst eins mit einer Erzählstimme, die dich bedächtig auf eine Geschichte vorbereitet, die sich in dir festsetzen wird. Eine Geschichte, die keinen Makel hat, die in Schönheit badet, und doch erst erzählt werden konnte, nachdem sich auch ihre Protagonisten in dieses Buch retten konnten. „Der perfekte Kreis“ liegt jetzt vor dir. Du musst ihn nur noch betreten, dich treiben lassen und die Wurzeln spüren, in die er dich verwickelt…

„In diese Felder greifen die Wurzeln einer Insel hinein. Sie greifen und tasten nach Sinn, nach Erkenntnis. Sie sind Teil der Geschichte, die ohne Ende ist.“

Hier spürst du, dass deine Flucht gelungen ist. Der Alltag bleibt als träges Rauschen zurück, das nicht mehr an dir zieht. Die Verantwortung für die Deinen ist noch da, es ist nur so unglaublich angenehm zu fühlen, wie deine Kraft zurückkehrt, wie sich die Akkus in deinem Inneren aufladen und die Bereitschaft wächst, tiefer in die Felder einzutreten.

„Und in einer stillen Sommernacht draußen auf den Feldern, wo der Himmel
ein umgedrehter Spiegel ist…, erhebt sich ein leichter Wind, der ein Meer von Platinnadeln zum Flimmern bringt, und seltsame Geschichten geschehen.“

Lass sie geschehen, diese Geschichten…!

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers - Astrolibrium

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Und genau da beginnt „Der perfekte Kreis“. Im Jahr 1989 im Süden Englands, als in Kornfeldern kreisrunde Muster auftauchen und wilde Spekulationen hervorrufen, ob sie von Menschen oder gar Außerirdischen stammen. Zu gleichmäßig, zu künstlerisch und viel zu ungewöhnlich sind die kreisrunden Muster der Kornkreise, als dass man sie als Alltagsphänomene abhaken könnte. In Wahrheit jedoch sollten diese Kreise die Namen ihrer Schöpfer tragen. Calvert und Redbone. Freunde seit ewigen Zeiten und doch so unterschiedlich, wie zwei Menschen nur sein können. Verschwiegen und geheimnisvoll, wenn es um ihre Vergangenheit geht. Nicht gerade Plaudertaschen, was ihre jeweilige Zukunft betrifft. Und doch ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, die mysteriösen Kornkreise in ihre Landschaft zu ziehen. Es gleicht einer perfekten Choreografie, dem nie geprobten und doch blind aufgeführten Tanz zweier bildgewaltiger Visionäre, wenn man sie zu ihren nächtlichen Vorhaben und geheimen Tatorten folgt und ihnen zusieht, wie sie ihre Kreise ziehen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Benjamin Myers erzählt keine Geschichte im ursprünglichen Sinn. Er scheint einer inneren Eingebung zu folgen, die ihn zum aufmerksamen Chronisten jener Kunstwerke seiner Protagonisten macht. Er heftet sich an ihre Fersen, folgt ihnen in die Felder ihrer Heimat und beobachtet sie bei ihrem kreativen Schaffen. Sie verändern die Umwelt und mit dieser Veränderung bewirken sie eine veränderte Wahrnehmung genau dieser Welt in den Augen der Betrachter. Mit feinem Pinselstrich entsteht das Psychogramm zweier Männer, die man auf den ersten Blick niemals mit ihren geheimnisvollen Kornkreisen in Verbindung bringen würde. Jeder Kreis ein eigenes Kapitel. Jedes Kapitel am Ende mit einer Pressemeldung abgerundet. Jeder Kreis ein Kunstwerk. Ihre Schöpfer – anonym. Das haben sie sich geschworen, die beiden Männer, deren Wunden nur heilen können, wenn sie unentdeckt weitermachen können.

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers - Astrolibrium

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Man spürt dieser Geschichte deutlich an, dass sie ihren Autor schlicht überfallen und gezwungen haben muss, sie niederzuschreiben. Es ist eine wortgewaltige Dynamik, die sich hier Raum verschafft. Es sind dynamische Satzkonstruktionen voller Kreativität, die einerseits beruhigen, andererseits aber aufwühlen und antreiben. Es sind die Kreise, in die wir abtauchen. Es sind die Mythen, die sie ausstrahlen und es der pure unmittelbare Schöpfungsakt, dem wir beiwohnen, ohne ihn genau zu verstehen. Benjamin Myers ist es gelungen, weit in den Hintergrund zu treten und seinen Roman für sich sprechen zu lassen. Was fragmentarisch wirkt, erhält seinen Sinn in den Kreisen. Was unvollständig klingt, wächst im Lesen zusammen. Wo manchmal die sogenannten Sidekicks fehlen, in denen man in Romanen so gerne abschweift, erlangen die Kreise die metaphorische und selbsterklärende Reife eines großen Gestaltungsprozesses. Das Innerste wird hier nach außen gekehrt. In der vermeintlichen, tatsächlich jedoch vermiedenen Zerstörung der Kornfelder liegt eine Magie verborgen, die Neues sichtbar werden lässt. Benjamin Myers metaphert nicht. Er tritt nur altbekannte literarische Muster flach und lässt neue entstehen.

Die Deutungshoheit überlässt er seiner Leserschaft, was ihn so sympathisch macht. Sein Roman schließt viele Kreise. Wo er zu scheitern droht, befreit er sich mit Urgewalt und Verve aus den Fesseln der Kritik. Die ewige Suche nach dem perfekten Kreis treibt die beiden Kreisläufer an. Ihm gilt ihr ganzes Streben. Ihm ordnen sie alles unter. Jede Panne, jede zufällige Begegnung und ihr eigenes Sein. Unfassbar schön, in einer Welt des Unbeständigen durch unbeständige Kunst den Hauch von Ordnung und Schönheit zu erschaffen. „Die offene See“ erzählte eine geschlossene Geschichte und mutierte in kürzester Zeit zum Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen. Ob es Benjamin Myers auch mit „Der perfekte Kreis“ gelingen wird, seine Leser zu begeistern, liegt an uns ganz allein. Stellen wir uns vor, wir wären ein Kornfeld. Stellen wir uns einfach vor, es wäre Calvert und Redbone gelungen, uns ein ganz klein wenig zu verändern. Und dann stellen wir uns vor, welches Muster wir sehen könnten. Eines, das schon immer in uns ruhte. Nur zu verborgen, es zu sehen. Der perfekte Kreis. Poetisch und eine runde Sache.

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers - Astrolibrium

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

A propos runde Sache. Natürlich kann man sich die Geschichte der Kornkreise auch als Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag zu Gemüte führen. Fast sechseinhalb Stunden dauert die ungekürzte Lesung, in der uns Sprecher Sebastian Rudolph mit seiner Stimmkunst zu gebannten Zuhörern macht. Es fühlt sich an, als würde er ganz langsam Steine in einen See werfen. Die so entstehenden Kreise erreichen das Ufer und versetzen uns in Erstaunen. Auch, wenn dieser Roman sehr polarisieren wird, in seiner klaren Eigenständigkeit und in den Unterschieden zu klassischen Plots wird er Anklang finden. Auch für Hörbuchliebhaber ein echter Ohrenschmaus. Ich empfehle ein Bett im Kornfeld, einen guten Landwein und diese CD. Dann geht´s rund…

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers - Astrolibrium

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Es ist an der Zeit, die Kirche aus dem Dorf zu holen. Denn immer, wenn es darum geht, ein Romandebüt mit literarischen Lorbeeren zu bekränzen und es auf dem Schild der „sensationellen Entdeckung“ auf den Bücherolymp zu tragen, neige ich dazu, diese Kirche da zu lassen, wo sie hingehört: Im Dorf. Heute jedoch gehöre ich zu den Trägern dieses Schildes, reihe ich mich in den lauten Jubelreigen einer begeisterten Leseschar ein und bin dabei behilflich, einen neuen Roman wie eine kleine Kirche auf einen freien Platz zu tragen, um ihn ein wenig sichtbar zu machen. Nichts darf die Sicht verstellen, nichts darf seinen Schatten auf dieses Debüt werfen und es muss Freiraum geben, um dieses Buch von allen Seiten zu begutachten. Ich spreche hier vom Roman „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte.

Ich neige nicht dazu, voreilig Lobeshymnen anzustimmen. Und doch glaube ich ein gutes Gefühl für den besonderen Roman entwickelt zu haben. Es ist nicht immer Liebe auf den ersten Blick, die mir die Augen öffnet. Es ist das außergewöhnliche Erlebnis, in dem ich innehalte und das Staunen finde. So auch hier. Es waren die ersten Zeilen, die mich stocken ließen. Es war eine Sprache, die mich mit unverminderter Wucht und im Rhythmus eines Trommelwirbels in der Tiefe des Herzens traf, die ich als ungewöhnlich empfand. Als müsse hier noch ein Lektorat eingreifen, aus Schlagwörtern ganze Sätze formen und verschachteln, was unverschachtelt auf mich zurauschte. Die Sprache pur wie ein Extrakt, einfach und im Rohzustand belassen, wie man sie selten erlebt, wenn sie einen Verlag ins freie Lesen verlässt. Hier sollte doch sicher nachgebessert werden. Hatte ich doch das unkorrigierte Leseexemplar vom Diogenes Verlag in Händen. Diese Gedanken begleiteten mich in meinem Lesen. Und dann, auf Seite 146, gelang es mir eine erste Pause einzulegen. Beseelt von einem Gefühl, dass hier nichts und niemand mehr Hand anlegen darf, weil ich einen Schatz entdeckt hatte. Eine Kirche, die nicht im Dorf bleiben darf.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

„Junge mit schwarzem Hahn“, welch minimalistisch anmutender Titel, der jedoch alles sagt, was man zum Einstieg in diesen zeitlosen Roman wissen muss. Zeitlos, weil aus der Zeit gefallen. Zeitlos, weil mit wenigen Angaben ausgestattet, die eine zeitliche Einordnung durch uns Lesende zulassen. Krieg, Tod und Pest muten mittelalterlich an, was uns auch schon reichen muss. Dunkle Zeitalter brauchen kein Kalenderlicht, wenn man Stefanie vor Schulte in ihre Welt folgt. Die Dunkelheit wird von ihr durch einen erst elfjährigen Jungen aufgebrochen, der als Lichtgestalt die letzten Reste von allem Guten in sich trägt und bündelt. Martin. Heller erstrahlend als der Rest der Welt. Klüger als es die Gesellschaft erlaubt. Weiser und herzlicher, als man es ihm zutrauen würde und im Gefolge eines schwarzen Hahns, der Glücksbringer, Wegbegleiter, Freund, Orakel und Mitstreiter ist. Alles zugleich. Das geht, wenn man ihm vertraut und ihm zuhört. Hier ist alles ausgefallen. Wie die Romanfiguren, die uns in die Hände fallen. Wie der Rahmen, in den alles passt, aus dem alles fällt, der alles hält und doch nichts aufhalten kann.

Es sind wirkungsvolle und nachhaltige Bilder, die uns die Autorin ins Gedächtnis schreibt. Ein Junge, der als einziger in der Familie den Mordwahn des Vaters überlebt; Kinder, die auf unerklärliche Art und Weise verschwinden; ein fahrender Maler, der sich um den Jungen und seinen Hahn kümmert, als man beschließt die verlorenen Kinder zu retten; ein Gaukler, der besser fliegen kann als der Hahn, eine schillernde Prinzessin, in deren Gesellschaft man besser auf schwarze Hähne hört. Und dann noch ein Mädchen, in das sich der Martin heimlich verliebt, für das er dann gar keine Worte hat außer „Die Franzi“, wenn man ihn fragt, wem er noch einmal in seinem Leben begegnen mag. Es klingt märchenhaft, was ich hier beschreibe? Es ist märchenhaft. Es erfüllt alle Kriterien, die man mit diesem Genre verbindet, wenn man sich durch die Magie der Geschichte bis zu ihrem Ende tastet. Dieser Roman ist ein Märchen. Kein Traum. Er ist real.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Stefanie vor Schulte gelingt mit ihrem Debüt das Unglaubliche. Wir lassen uns auf ihre Geschichte ein, wir hinterfragen nicht, interpretieren kaum, werden mitgerissen im Sog ihrer einzigartigen Sprachmelodie. Wir beginnen schnell, ihr zu vertrauen, weil im Märchen am Ende doch immer dieser Satz zu lesen ist: „und wenn sie nicht gestorben sind“. Alles wird doch gut enden? Da ist doch Moral in der Geschicht`. Es bleiben keine Fragen offen und Hahn und Junge und wir und alle und die Leser und die Denker und die Zweifler sind unterwegs auf einer Mission, wie es sie noch niemals gab. Bis wir im Freien vor der Kirche stehen, die wir gerade aus dem Dorf geholt haben und uns daran erinnern, was wir hier lesen durften. Bis wir den Blick in unsere Kirche werfen und die Wandgemälde erkennen. Das ist mein Bild für diesen Roman, von dem ich nicht mehr loslasse, weil ich ein Bild brauche, das mich an dieses Leseerlebnis erinnert. Weil ich viel notiert und viel markiert habe beim Lesen und doch weiß, dass ich es erneut lesen muss. Nicht, weil ich es vergessen habe. Nein. Weil es das erneute Lesen wert ist.

Traut Euch hinein in diese Welt. Lasst Euch fallen und entführen. Begegnet Reitern, vor denen ihr alles verstecken würdet. Besonders eure Kinder. Folgt einem Jungen in ein Szenario, das nur er erhellen kann und wundert Euch über das Wunder in seinem glasklaren Verstand. Spielt mit einer Prinzessin das „Schlafspiel“ und versucht dabei hellwach zu bleiben. Gaukelt, malt und stochert in der Wahrheit herum. Freundet Euch mit diesem schwarzen Hahn an und wundert Euch nicht darüber, dass am Ende jeder Hahn danach krähen wird, was Ihr da wohl gelesen habt. Setzt die Bilder des Romans zu einem Gemälde zusammen und lernt dann das Staunen. Stefanie vor Schulte hat hier dem Zufall des Erzählens keinen Raum gelassen. Sie folgt einem grandiosen Plan und wir folgen ihr. Oftmals atemlos. Zumeist tief bewegt. Am Ende… Ja, am Ende. Das bleibt Euch überlassen, wie Ihr am Ende fühlt und denkt. Nur eines ist gewiss. Ihr solltet Euch das nicht entgehen lassen. Das wäre so, als würdet Ihr die Kirche einmal zu oft im Dorf lassen. Großer Fehler.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung Eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Und eines ganz zum Schluss. Während gerade die ganze Welt mit Büchern beschäftigt ist, die auf Long- und Shortlists zu Buchpreisen stehen, lasst Euch nicht einfallen zu sagen „Ich lese ja NUR den Jungen mit schwarzem Hahn„. Dieser Roman würde allen aktuellen Buchpreislisten unglaublich gut tun, weil er wirklich alles ist. Nur nicht NUR… Nur nicht beliebig und nur nicht vergänglich. Hahn drauf!

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte