Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais – Astrolibrium

Es fällt schwer, in diesen Tagen über Rassismus zu schreiben, impliziert dieser Begriff doch die Existenz der Bezeichnung Rasse„, wenn es um die Beschreibung einer ethnischen, sozialen oder territorialen Herkunft von Menschen geht. Dabei gibt es keine menschlichen Rassen in der Definition genetischer Abstammungslinien. Herkunft ist gänzlich frei von einem Rasse-Begriff, den wir eigentlich nur in Züchtungslinien von Tieren oder bei der Unterscheidung von Arten im Tierreich finden sollten. Und doch ist dieser Begriff immer noch salonfähig, in unserem Grundgesetz verankert und Teil einer Weltgeschichte, die umgeschrieben werden müsste, sollte man das Wort Rasse durch einen alternativen Begriff, wie zum Beispiel „ethnische Herkunft„, ersetzen.

Warum müsste man Geschichte umschreiben? Weil man alle Verletzungen gegen den humanistischen Denkansatz der Gleichbehandlung aller Menschen mit dem Wort Rasse in Verbindung bringt. Es gibt Rassenunruhen, Rassentrennung und für jene, die sich in ihrer Lebensphilosophie als höherwertig empfinden und bereit sind, andere zu unterdrücken, auszugrenzen oder gar zu ermorden, hat man den passenden Begriff „Rassist“ in die Welt gesetzt. Ich bleibe bei dieser Bezeichnung, weil es nur so gelingt, diejenigen zu brandmarken, in deren Denken die Reinrassigkeit der Herkunft wichtiger ist, als die Würde eines jeden Menschen. Rassismus darf nicht weichgespült werden. Auch, wenn wir uns von der Verwendung längst überholter Begriffe trennen, sollten wir in unserem Urteil gegenüber den selbsternannten Herrenmenschen eindeutig bleiben. Rassismus ist eine Geißel der Gesellschaft. 

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Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais führt uns ohne jeden Umweg in ein Land, in dem die weiße Minderheit ein System der Apartheid errichtet hatte, das noch heute unfassbar erscheint. Besonders, weil es sich so lange hielt, und erst seit 1994 der Geschichte angehört. Zumindest auf dem Papier. Rassentrennung. Kein anderer Begriff ist in der Lage zu definieren, wie sich das Leben in Südafrika für die herrschenden Weißen und die ausgegrenzten, unterdrückten und benachteiligten Schwarzen angefühlt haben muss. Die ehemaligen europäischen Kolonisatoren haben ein Gedankengut zu sozialem und faktischem Recht erhoben, nach dem nur sie in der Lage sein konnten, das Land zu regieren. Die für minderwertig erklärte Urbevölkerung Südafrikas wurde entmündigt und durch das System der Apartheid in ihre Schranken gewiesen.

Wer könnte diesen Zustand besser beschreiben als eine Autorin, die in Südafrika aufgewachsen ist? Wer könnte das besser beschreiben, als eine weiße Autorin, die in der eigenen Kindheit der privilegierten Schicht angehörte und die von einem schwarzen Kindermädchen großgezogen wurde? Wer könnte sich besser in jene indifferente Lage eines weißen Mädchens hineinversetzten, für das die Rassentrennung zum Leben und zum Alltag gehörte? Bianca Marais wagt nicht nur den Sprung in eine autobiografische Vergangenheit. Sie verarbeitet in ihrem Roman ihre eigene Kindheit, in der doch alles so behütet und schön war, dass man gar nicht an das Unrecht dachte, auf dem dieser Zustand beruhte. Bianca Marais sagt selbst, dass die neunjährige Robin ihres Romans sehr viel mit ihr selbst gemeinsam hat.

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Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Wir schreiben das Jahr 1976 und befinden uns in Johannesburg. Die Apartheid führt zu heftigen Unruhen und der Schüleraufstand von Soweto ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Was als gewaltloser Protest schwarzer Schüler in den Townships begann, setzt eine Spirale der Gewalt in Gang, in deren Folge nicht nur der Protestmarsch von den Weißen brutal beendet wird. Das Chaos bricht aus und die Polizei schießt in die Menge. Gerüchte über tote Schulkinder lösen die nächste Welle der Gewalt aus. In den folgenden Tage werden nicht nur wahllos schwarze Schüler von der Polizei inhaftiert, auch die schwarze Bevölkerung greift zu den Waffen. Die blutigen Unruhen fordern auf beiden Seiten zahllose Tote. Der Schüleraufstand wird noch heute als der Wendepunkt in der Apartheidpolitik in Südafrika angesehen. Dieser Impuls war nicht mehr einzudämmen.

Die neunjährige Robin verliert ihre Eltern, die aus Rache für die Gewalt der Weißen ermordet werden. Das behütete Mädchen ist in einer Familie aufgewachsen, in der die Rassentrennung alltäglich vorgelebt wurde. Schwarze wurden hier umgangssprachlich heftig ausgegrenzt. Beleidigungen waren alltäglich. Privilegiert lässt es sich gut leben. Wenn dann jedoch erste Risse im selbstherrlichen System auftreten, und man nur zur Minderheit im Land gehört, dann wird es eng, auch wenn diese Minderheit die Macht verkörpert. Revolutionen schreiben hier ihre ganz eigene Geschichte. Während Robin bei ihrer mit der Situation überforderten Tante Zuflucht findet, wendet sich unser Blick den eigentlichen Opfern des Schüleraufstandes zu. Hier verschwindet Nomsa bei den Protesten. Die schwarze Vorzeigeschülerin gehört zu den Anführerinnen des Marschs und niemand weiß etwas darüber, ob sie tot, inhaftiert oder geflohen ist. Nur ihre Mutter Beauty Mbali beginnt eine verzweifelte Suche am Ort des Geschehens.

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Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Die Wirren dieser Tage führen diese beiden Menschen zusammen. Das elternlose Mädchen und die Mutter, die ihre Tochter nirgendwo finden kann. Hier verschwimmen die Grenzen, die zuvor von der Hautfarbe gezogen waren. Hier nähern sich Menschen aneinander an und fassen Vertrauen. Hier gibt Beauty die Geborgenheit, die Robin so sehr vermisst und Robin ihrerseits erweist sich als Rettungsanker für die verzweifelte Beauty Mbali. Ist das nur ein Burgfrieden mit begrenzter Lebensdauer? Wann brechen die Vorbehalte und Ressentiments auf? Wie lange kann das gutgehen und wie sehen die Menschen aus dem unterschiedlichen Umfeld diese Allianz? Eine Situation, deren Ausgang von Seite zu Seite des Romans ungewiss ist und bleibt. Einzig hilfreich kann eine Überlebensstrategie sein, die Robin verinnerlicht hat. Egal wie fremd einem das Leben erscheint, egal wie schwer einem alles fällt. Wo man sich wohlfühlt, sollte man Wurzeln schlagen. „Summ, wenn du das Lied nicht kennst“ wird zu Robins Mantra. Als Beautys Tochter gefunden wird, trifft Robin eine fatale Entscheidung.

Ein lesenswerter Roman, der durch seine Perspektivwechsel besticht. Wir finden keine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere, sondern blicken tief in ihr Innerstes. Bianca Marais schafft die Apartheid in ihrem Buch von Seite zu Seite ab und stellt in den chaotischen Zuständen dieser dramatischen Epoche zwei Menschen ins Zentrum ihres Romans, die aufeinander angewiesen sind. Dieses Lied habe ich mitgesummt, obwohl ich seinen Text nicht kannte. Gerade für jugendliche Lesende ein relevantes Buch, in dem Schüler*innen erkennen können, was es bedeutet, ausgegrenzt und zu minderwertigen Menschen erklärt zu werden. Das fängt mit der Bildung an und wenn jungen Menschen in der Schule verboten wird, die eigene Muttersprache zu sprechen, dann muss man auf die Straße gehen. Widerstand ist keine Frage der Zurückhaltung.

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Ein bewusstseinserweiterndes Buch zum Thema „Apartheid“ und ein Buch, das uns dazu verleitet, uns intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Auch wenn dieser Roman aus meiner Sicht mit dem Handlungsstrang einer Zwillingsschwester von Robin ein wenig überfrachtet war, ist es der Autorin gelungen, Grenzen zu überwinden, deren Folgen bis heute spürbar sind. Wie nachhaltig hat sich Südafrika gewandelt? Was hat Nelson Mandela in seinen zentralen Botschaften des gewaltlosen Widerstandes nicht nur für sein Land hinterlassen. Eine aktuelle Reportage im MARE-Magazin „Zeitschrift der Meere“ stellt die Frage, wem heute die Strände in Südafrika gehören und ob man die alten Schilder „Whites Only“ wirklich für alle Zeiten entfernt hat. Geschichtlich ist die Apartheid überwunden. In den Köpfen der Menschen spielt sie immer noch eine Rolle. Wunden heilen nicht so schnell, wie wir es uns erträumen würden.

In meiner Artikelserie „Ich hatte einen Blog in Afrika“ finden sich viele Bücher, die nicht nur auf diesem facettenreichen Kontinent spielen. Es sind viele Bücher, die in uns Bilder verankert haben, wie sehr die Narben der Kolonisatoren noch heute wuchern. Es ist nie zu spät, die Ursachen des heutigen Black Lives Matter dort zu suchen, wo ihre Geschichte begann. Sklaverei, Unterdrückung und Ausbeutung beginnen in Afrika. Ihre Folgen spüren wir weltweit. Dem Rassismus müssen Grenzen gesetzt werden. Dazu ist es wichtig, auch solche Bücher ins Gefecht führen zu können. Sie sind gewaltlose und doch höchst effektive Waffen im Kampf gegen den Rassismus…

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Findelkind von Eva M. Bauer

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

Was macht generationsübergreifende Familiengeschichten relevant? Sind es die Geschichten prominenter Familien in historisch interessanten Zeitscheiben? Sind es in vielen Fällen einzelne Familienangehörige, die man besser einordnen kann, wenn man ihren Stammbaum kennenlernt und daraus Verhaltensweisen und Beweggründe für ihr späteres Leben ableiten kann? Sind es Opfergeschichten, die völlig harmlos beginnen und dann in den Wirren von Kriegen und Ideologien in Richtungen abdriften, die man hätte voraussehen können, wenn man nur genau hingeschaut hätte? Sind es nur diese Erinnerungen und Lebenswege, die uns Lesende hinter dem Ofen hervorlocken, oder werden wir auch hellhörig, wenn keine der genannten Voraussetzungen erfüllt ist?

Ich wurde es. Findelkind – Geschichte einer Münchner Familie von Eva M. Bauer fällt so gänzlich aus dem Rahmen, wenn man auf der Suche nach diesen Kriterien in Buchhandlungen unterwegs ist, um den eigenen Horizont zu erweitern. Was sollte mich dazu veranlassen einer Familiengeschichte meine Aufmerksamkeit zu schenken, die im Jahr 1850 begann und sich bis in unsere Zeit durch die Geschichte der Stadt München zieht, wie ein roter Faden, den man jedoch niemals wahrnehmen würde, hätte sich Eva M. Bauer nicht dazu entschlossen, ihrer Familie und insbesondere ihrer Ur-Großmutter ein kleines literarisches Denkmal zu setzen? Es war der Titel dieses Buches, der mir in aller Deutlichkeit zu sagen schien: „Lies es und schau, wie sich ein ungewolltes Kind in schwierigsten Zeiten zum Ausgangspunkt einer gewollten Familiengeschichte mausert.“

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

„Findelkind“ ist ein sympathisches Buch. Sympathisch, weil die Autorin ihre eigene Familie in dieser Geschichte nicht überhöht. Sympathisch, weil sie sich zu den Lücken in der Chronologie ihrer Ahnengalerie bekennt, weil sich niemand zuvor die Mühe gab, das Familienalbum zu sortieren und die einzelnen Bilder mit persönlichen Erinnerungen anzureichern. Sympathisch, weil sich die Autorin darüber im Klaren ist, dass wir in der Geschichte keine Meilensteine eines prominenten Münchner Lebens finden werden. Im Gegenteil. So kleinteilig, wie sie das München des aufstrebenden 20. Jahrhunderts in unverkünstelter Sprache beschreibt, so kleinteilig wirken die Generationen, die wir hier begleiten dürfen. München ist hier keine Metropole. Kein Zentrum der Kunst und keine politische Schaltzentrale. Es ist das München der einfachen und kleinen Leute, das uns ans Herz gelegt wird. Ein München, das ich so noch nicht kannte.

Tja, und dann wird aus dem Kleinteiligen ein großes Ganzes. Der Leser abstrahiert die konkrete Familiengeschichte und beginnt sich die Frage zu stellen, was es heißt, im Jahr 1850 auf den Treppen einer Kirche ausgesetzt zu werden. Man sieht nicht nur das Kind im ärmlichen Körbchen, man wird knallhart auf die hohe Kindersterblichkeit dieser Zeit hingewiesen, erlebt ein morbides München, das von regional auftretenden Seuchen heimgesucht wird und wird zum Zeugen widriger hygienischer Lebensbedingungen, die gerade der ärmeren Bevölkerung in der Stadt das Leben zur Qual machten. Sind es nur Glück und Zufall, die aus der kleinen Anna-Maria Körblin die Urmutter einer Familie im München des neuen Jahrhunderts werden lassen? Oder ist es einfach Schicksal?

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

Hier wird die Geschichte des Findelkinds relevant, obwohl seine künftige Familie nie auch nur den Hauch einer greifbaren Spur in München hinterlassen hat. Hier lernen wir den wahren Wert eines ungewollten Lebens schätzen, weil wir 170 Jahre danach für uns erkennen, welche Menschen es niemals gegeben hätte, wäre jenes kleine Mädchen damals gestorben. Am seidenen Faden hingen die Ereignisse der Zukunft und jeder hat in seiner Familiengeschichte ähnlich seidene Fäden, die gehalten haben. Sonst könnte man dieses Buch nicht lesen. Nichts ist von der kleinen Anna-Maria geblieben. Es gibt keine Fotos, keine Briefe, kein Grab, nicht mal Geschichten über sie. Und doch scheint sie der unsichtbare magnetische Pol all ihrer Nachkommen zu sein, da sich alle von ihr angezogen fühlten und dorthin zurückkehrten, wo sie aufwuchs. Ein Kinderheim in der Au. Damals unwirtliches Schwemmland an der Isar. Aus dem gachen Steig wurde der Gasteig.

Als hätte dieses Quartier unsichtbare Fäden ausgeworfen und würde von Zeit zu Zeit einzelne Mitglieder der Familie nach Hause holen… Mit gleichsam magischen Kräften. Dabei war es nicht das gelobte Land, eher im Gegenteil…

Mit Anna-Maria wachsen wir in München auf. Wir arbeiten mit ihr in der Maxvorstadt, fürchten uns vor der allgegenwärtigen Cholera, erleben ihre kleine erste Liebelei, sehen sie mit ihrem zukünftigen Mann in einer kleinen Schankwirtschaft, deren Wirt Flaucher hieß und dieser ganzen Gegend damals einen Namen gab, ohne es zu wissen. Kinder kommen auf die Welt und der Stammbaum der Münchner Familie beginnt zu sprießen.

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

Erste Fotos gesellen sich zu der Geschichte. Ereignisse, die wir zu kennen glauben werden hier individuell spürbar in ihren Konsequenzen. Die Kriege und Ideologien, die das Leben einrahmen. Vom Kaiserreich über die Revolution, in die Räterepublik hinein bis zum Nationalsozialismus. Vom Drückebergergässchen bis ins Braune Haus. Nur die Familie zählt, versucht zu überleben, um nicht im Wildwasser der Epochen ertrinken zu müssen. Wir erkennen ein München im Wandel der Zeit, teils bedrohlich, teils vital und lebenslustig. Am Chinesischen Turm wird schon morgens früh getanzt. Wer arm ist, muss feiern, wenn andere schlafen. Heute? Keine Spur mehr vom Amüsement von einst. Zumindest nicht zu diesen Uhrzeiten. Es lohnt sich dieses München an der Seite dieser Familie zu entdecken. Eine sehr erhellende und persönliche Städtereise…

Ich traf auf Menschen, mit denen ich gerne mal im Biergarten geratscht hätte. Ich erlebte ein München, in dem es 1905 bereits 101 Verlage und 55 Buchhandlungen gab und bummelte stauend durch das Kaufhaus Oberpollinger, das sich wohl gerade auf die Schließung vorbereitet. Ich erlebte 1920 die Geburt von Ernestine-Walburga und zog mit ihr durch ein München, das mir von Jahr zu Jahr vertrauter erschien. Bis ganz am Ende blieb ich bei ihr. Bei der Frau, die später den Namen Bauer tragen sollte und die Mutter der Autorin dieser Geschichte wurde. Was Eva M. Bauer im letzten Kapitel der Geschichte gelingt, ist ein grandioser literarischer Parabelflug durch ihr Leben. Hier schließt sie die Kreise vom ersten Augenblick ihrer Mutter bis zum letzten Loslassen in einer so bewegenden Art und Weise, dass Geburt und Tod nicht nur verschmelzen. In diesem Buch erlangen sie einen neuen Sinngehalt. Vom Findelkind zum Wunschkind brauchte es vier Generationen. Berührend. Meine uneingeschränkte Leseempfehlung!

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

Wer das Gefühl erleben möchte, unsterblich zu sein, während die Geschichte einer Familie in einer ganz besonderen Stadt wie ein zeitloses Daumenkino vor dem inneren Auge abläuft, der ist im „Findelkind“ bestens aufgehoben!

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Findelkind von Eva M. Bauer

Die verlorene Tochter der Sternbergs – A.L. Correa

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Das Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust ist ein Wagnis. Es besteht gerade bei Romanen die Gefahr, in eine verkitschte Darstellung der Verfolgung von Regimegegnern und ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen abzudriften. Allzu oft ist die Realität des menschenverachtenden Nationalsozialismus dann nur die Kulisse, die ein Schriftsteller benötigt, um eine Herzschmerzgeschichte zu erzählen. Gerade in der heutigen Zeit, in der Zeitgeschichte zu Geschichte wird, weil die Zeitzeugen sich nicht mehr äußern können, wird die Grenze zum „Holokitsch“ und zur romantisierten Form der literarischen Aufarbeitung häufig überschritten. Ich stehe dieser Entwicklung sehr kritisch gegenüber und versuche weiterhin beharrlich, jene Romane zu finden, die den hohen Anforderungen an die seriöse Auseinandersetzung mit einem Genozid gerecht werden.

Die verlorene Tochter der Sternbergs von Armando Lucas Correa gehört in die Phalanx der Romane, die nicht nur das Etikett „nach einer wahren Geschichte“ tragen, sondern sich dieser authentischen Vorlage tatsächlich verschrieben haben, um uns die Geschichte zu erzählen, die ansonsten niemand mehr niederschreiben könnte. Es geht nicht um die Symptome einer menschenverachtenden Ideologie. Es geht nicht um eine herzzerreißende Erzählung, die ihre Leser zu Tränen rührt. Hier geht es nicht um eine Geschichte, die uns packen soll, Spannungsbögen zur Dramatisierung konstruiert und in deren Verlauf wir auch noch unterhalten werden. Ganz im Gegenteil. Correa bedient sich stilistisch einer wenig emotionalen und angenehm sachlichen Beschreibung, der man ohne Ablenkung folgen kann, um das wahre Ausmaß der Ereignisse zu ermessen.

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Die Sternbergs werden im Berlin der 1930er Jahre von der Machtübernahme der Nazis überrollt, so wie es ihren jüdischen Mitbürgern ergeht. Es ist die schleichende Entrechtung, die wir an ihrem Beispiel erleben. Es sind die Einschränkungen im Alltag, die das Familienleben immer enger eingrenzen. Es ist die absolut fatale Hoffnung einer Familie, am Ende mit einem blauen Auge davonzukommen. Es ist die Fehleinschätzung der Eltern zweier kleiner Töchter, dass die Nazis nicht so weit gehen würden, wie man es in ihrem Umfeld behauptet. Erst als die Bücher des eigenen Buchladens in Flammen aufgehen und der eigene Ehemann ins Konzentrationslager verschleppt wird, sieht sich Amanda Sternberg in der Ausweglosigkeit der Situation dazu gezwungen, alles hinter sich zu lassen und mit ihren Töchtern zu fliehen.

Hier beginnt eine Odyssee, die den Entwurzelten alles nimmt, was ein normales Leben ausmacht. Hier wird eine Mutter vor die schwierigsten Entscheidungen gestellt, die man sich auch nur näherungsweise vorstellen kann. Eine Schiffspassage ist schon organisiert, alles verläuft nach Plan und doch scheitert die Flucht, wie so viele in dieser Zeit. Es gelingt Amanda nicht, ihre beiden Töchter ins sichere Kuba zu schicken. Im letzten Moment bringt sie es nicht übers Herz, sich von ihrer jüngsten Tochter Lina zu trennen und vertraut nur ihre sechsjährige Tochter Viera einem fremden Ehepaar an. Hier trennen sich die Lebenswege zweier Geschwister. Und nicht nur das. Das ist der Beginn einer Geschichte von Identitätsverlust, der Verleugnung des eigenen Glaubens und einer Zukunft, in der die Familienbande wie lose Enden in der Geschichte hängen.

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Es ist aber auch die Geschichte der wenigen aufrechten Helfer, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um verfolgte Juden zu retten. Es ist die Geschichte Frankreichs, das sich als Zufluchtsort anbietet und tragischerweise zur Todesfalle mutiert. 1939 schien es so, als wäre der Nationalsozialismus weit weg. Für Amanda und ihre Tochter Lien jedoch rückt die Gefahr immer näher. Das kleine Örtchen, in dem sie Zuflucht und Anschluss finden, gerät nach dem Angriff der Wehrmacht auf Frankreich ins Zentrum der Gewalt. Correa erzählt komplex, verwebt diese Familiengeschichte mit den Geschehnissen im besetzten Frankreich und engt den Freiraum von Mutter und Tochter immer mehr ein. Als sich schließlich die SS bei Vergeltungsaktionen gegen die Zivilbevölkerung wendet, wird das Massaker von Oradour-sur-Glane zum Fanal für die beiden Sternbergs, aus dem es kaum ein Entrinnen geben kann.

Armando Lucas Correa bleibt in seinem Roman nicht an der Oberfläche. Er taucht in die Tiefe der Urängste von Eltern ein, denen es nicht gelingt, ihre eigenen Kinder zu retten. Er versetzt uns in die Lage der Menschen, die vor die Wahl gestellt werden, für fremde Kinder Verantwortung zu übernehmen oder sie ihrem Schicksal zu überlassen. Correa stellt in seinem Roman Wegweiser auf, an denen man sich zu entscheiden hat, ob der eigene moralische Kompass funktioniert oder ob wir vor Angst versagen würden. Bei aller Hoffnung, die man schöpfen kann, bei aller Großherzigkeit, die man auf diese Weise erlebt, muss man immer wieder die Augen vor der Realität verschließen, da die Rettung von Kindern in dieser Zeit mit dem Verlust ihrer Geschichte verbunden war. In vielen Überlebensberichten decken sich diese Erkenntnisse. Jüdische Kinder mussten katholisch werden, um sie zu tarnen. Sie mussten die Namen ändern, um zu überleben. Und danach? Nach dem Krieg? Nach dem Ende des Wahnsinns? Wird es die Chance geben, die Kinderfotos von einst wieder in das echte Familienalbum zu kleben?

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Armando Lucas Correa lässt diese Frage nicht unbeantwortet. Er knüpft in seinem aufwühlenden Roman an die Geschichten vieler „Cut-Out-Children“ an, die aus ihren Stammbäumen ausgeschnitten werden mussten, um sie zu retten. Viele von ihnen sind wohl noch heute ahnungslos, weil sie adoptiert wurden und alle Verbindungen zu ihren eigentlichen Eltern in den Krematorien der Nazis in Rauch aufgingen. Wer die Identität verliert, hat keine eigene Geschichte zu erzählen. Wer am Ende seines Lebens nur am Ende des Lebens einer anderen Person angelangt, der ist auch heute noch ein Opfer einer Ideologie, die längst der Geschichte angehören sollte. Sollte! Diesen Fingerzeig auf unsere Zeit finden wir auch in Correas Buch. Namenlose Flüchtlinge gehören fast schon wieder zum Alltag unserer Zeit. Denken wir an ihre Stammbäume und Familien. Denken wir daran, wer diese Kinder von heute im Alter von 90 Jahren sind.

Diesen Zeitsprung wagt Armando Lucas Correa in seinem Roman Die verlorene Tochter der SternbergsEr verbindet Zeitebenen und Geschichte, in dem er sie neu schreibt. Er lässt uns staunen, wem wir im Jahr 2015 in New York begegnen. Er lässt uns fast atemlos dabei zuschauen, wie eine alte Dame auf Nachrichten reagiert, die in ihrem Leben nicht mehr damit gerechnet hätte, eine Geschichte zu entdecken, die sie seit mehr als 70 Jahren verdrängen wollte. Es sind Briefe aus der Vergangenheit, die sie über einen unglaublichen Umweg erreichen. Ein Wendepunkt in einer Geschichte, die so unglaublich ist, dass sie nur vom wahren Leben so geschrieben werden konnte. Er lässt uns verwundert die Augen reiben, als wir erkennen, dass die Lebensweisheit eines Vaters die Zeit überdauert hat und etwas verbindet, was für immer getrennt war:

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Wenn du Angst hast und spürst, dass dein Herz rast, dann fang einfach an, die Herzschläge zu zählen. Zähle sie und konzentriere dich auf jeden Einzelnen…

Das Herzschlagfinale einer Geschichte, die sich in meinem Lesen und Schreiben Gegen das Vergessen einen wichtigen Platz erobert hat, und sich inmitten von Büchern wiederfindet, die von Kindern erzählen, denen nicht nur die Familien geraubt wurden, bewegt gerade in Zeiten eines aufflammenden Neo-Antisemitismus und bleibt nicht ohne Wirkung. Kinder ohne eigene Geschichte, keine Seltenheit:

Sonnenschein
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Junge ohne Namen

Mein Lesen geht weiter. Mein Schreiben setzt sich fort. Wir vergessen die Namen nicht, wir bleiben den Schicksalen auf der Spur. Wir erinnern… 

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Reden wir über Simon Stålenhag (2) The Electric State

Simon Stålenhag - The Electric State - AstroLibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Im ersten Teil des Doublefeatures Reden wir über Simon Stålenhag“ beschäftigte ich mich ausführlich mit der inspirierenden Kraft seiner dystopischen Geschichten und der Serien-Adaption seines illustrierten Romans „Tales from the Loop“. Schön, dass ihr den Weg auch zum zweiten Teil des Specials gefunden habt, denn wie versprochen geht es diesmal um eine Graphic Novel aus der Feder des schwedischen Allrounders mit einer komplexen Geschichte, grandiosen Bildern und zentralen Botschaften, die ich in dieser Art und Weise kaum jemals so eindrucksvoll wahrgenommen habe. Am Ende des ersten Beitrags über Simon Stålenhag schrieb ich:

Wer eher zu einem eigenständigen und auserzählten“ Stålenhag greifen möchte, der sollte „The Electric State“ lesen. Hier schöpft er aus dem Vollen seiner visionär und kreativ fulminanten Erzählader. Hier brauchen wir keine Verfilmung, hier lässt das Buch keine Frage offen. Es ist nicht nur Hintergrund. Hier wird eine ganze Geschichte in Wort und Bild erzählt. Und was für eine Geschichte.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Heute möchte ich euch dieses großformatige Buch aus dem Fischer TOR Verlag näher vorstellen. Wenn ich unabhängig von der Amazon-Serie „Tales from the Loop“ einen ersten intensiven Zugang zum Werk des schwedischen Meisters suchen würde, „The Electric State“ wäre meine erste Wahl. Und dies aus guten Gründen.

Erstens liebe ich literarische Roadtrips, die mich in Szenarien entführen, die sich nicht statisch und wie kleine Kammerspiele entwickeln, sondern dynamische Reisen im Zentrum aller Handlungsfäden ansiedeln. Zweitens habe ich mit meiner Artikelserie über „Verlorene Mädchen“ in der Literatur ein Universum für mich entdeckt, in dem ich die Suche nach starken und tragischen Protagonistinnen in den Mittelpunkt meines Lesens gestellt habe. Auch im elektrisierten Land bin ich auf ein Mädchen gestoßen, das ganz auf sich gestellt einer gefährlichen Mission folgt und allen Widerständen zum Trotz mit Mut und unglaublicher Konsequenz ihr Ziel erreicht. Der Trailer zum Buch zeigt, wohin die Reise geht, was dieses Roadmovie ausmacht und mit welcher Brillanz uns Simon Stålenhag in eine Welt nach der Apokalypse entführt…

Hier sind wir gelandet. Im Amerika des Jahres 1997. Klingt nach Vergangenheit und längst erlebten Geschichten. Fühlt sich aber gar nicht so an. Es ist ein apokalyptisches Amerika, dem wir in den Illustrationen von Simon Stålenhag begegnen. Das Land sieht aus wie ein kunterbuntes Knallbonbon voller Werbung. Bei näherer Betrachtung jedoch erkennt man die Relikte eines längst geführten Drohnen-Krieges. Raumschiffe, Roboter und Sendeanlagen zeugen als Ruinen von der jüngeren Vergangenheit. Es ist ein sehr einsames Land, das wir mit einem Mädchen und seinem Begleiter, dem Roboter Skip durchstreifen. Zielstrebig wirkt Michelle, eine innere Mission liegt ihrer Wanderung im verdorrten Zentrum der Mojave Wüste zugrunde. Als sie auf tote Menschen stößt und sich deren Auto aneignet, geht die Reise durch den „Elektronischen Staat“ endlich los.

Simon Stålenhag vereint zwei Erzählebenen, die uns auf der Reise begleiten. Wir sehen das Land mit den Augen Michelles und werden durch Augenzeugenberichte auf die Hintergründe der Szenerie aufmerksam gemacht. Düster. Dystopisch. Die Technik ist außer Kontrolle geraten. Virtuelle Realität hat die letzten Menschen im Bann. Helme voller Unterhaltungsprogramme haben die Menschheit abhängig gemacht. Hier werden Gehirne manipuliert, Hirnströme gebündelt und missbraucht. Wer dem widersteht, der erlebt einen sprichwörtlichen „Burnout„. Nach dem Drohnen-Krieg haben Roboter die Kontrolle übernommen. Menschen finden sich nur noch als Hirnmarionetten der neuen Machthaber. Ein gefährliches Umfeld für ihre besondere Mission, denn nirgendwo sind Michelle und Skip sicher. Eine wahnsinnige Reise durch ein versehrtes Land beginnt.

Simon Stålenhag - The Electric State

Simon Stålenhag – The Electric State – AstroLibrium

Simon Stålenhag erzählt eine sehr bewegende Geschichte über die Dominanz der Technik und die Abhängigkeit, in die sich der Mensch freiwillig begibt. Ein düster und doch so real wirkendes Szenario, da er seine Visionen in durchaus bekannte und liebgewonnene Bilder eines knallig-bunten Amerikas einbettet. Furchterregend sind hier die Roboter und die an sie geketten Menschen in ihrem „Virtuel-Reality-Wahn„. Es ist die unschuldig kämpferische Perspektive der verlorenen Michelle, die uns an ihrer Seite zu Mitstreitern macht. Welchem Ziel sie folgt, erfahren wir erst während der Reise. Auf dem Buchrücken und auf der Verlagsseite zum illustrierten Roman findet sich ein klarer Hinweis darauf. Viel zu früh aus meiner Sicht. Sie sucht ihren Bruder. Das darf man spoilern. Unter welcher Prämisse und warum sie ihn finden möchte, das ist und bleibt das große Geheimnis dieses grandiosen Werks.

Stålenhag konfrontiert uns mit einer gesichtslosen Gesellschaft, deren technische Leistungsfähigkeit zur Versklavung der Menschen führte. Versuchungen wirken wie die Drogen unserer Zeit. Die Abhängigkeit von Computerspielen ist vielleicht nur ein erstes Symptom der Vision, die uns der schwedische Autor ins Gewissen schreibt. Die Kriege werden ebenso anonym und technisiert geführt. Ihre Relikte legen Zeugnis davon ab, in welche Sackgasse sich die Menschheit manövriert hat. Und doch gibt es die Hoffnung, die Kreisläufe der Selbstzerstörung zu durchbrechen. Michelle ist eine der wenigen im ganzen Land, die keine VR-Maske trägt. Ob es ihr gelingen wird, anderen die Augen zu öffnen? Ein schweres Unterfangen, wird sie doch nicht nur von Maschinen verfolgt.

Am Ende sitzen wir traurig vor einer Bilderserie, die zeigt, dass Simon Stålenhag Emotionen und Leser einfangen und berühren kann. Empathie mit einem kleinen Roboter empfinden zu können, basiert auf der großen Kunstfertigkeit des Autors.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Simon Stålenhag ist ein einzigartiger Meister seines Fachs. Sein Erfolgsrezept liegt für mich darin begründet, dass er neue Wege geht. Die Apokalypse liegt hinter uns. In jedem Kapitel, in jedem Bild und in jeder Zeile haben wir das Gefühl, in einer Zeit lesen zu dürfen, die dem Debakel folgt. Das macht uns zu aktiven Betrachtern von Bildern, in die wir uns so gut hineinversetzen können. Wer Stålenhag liest und beim Einkaufen in einem Technikmarkt auf VR-Brillen stößt, der nimmt seine Beine in die Hand. Wer hier kühl und locker bleibt, dem ist kaum noch zu helfen. Ich empfehle euch nicht nur diese Geschichte. Stålenhag gehört in jedes Bücherregal und gottlob sind wir nicht am Ende seiner Kreativität angelangt. Da kommt noch einiges auf uns zu. Ganz sicher…

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten…

Simon Stålenhag - The Electric State

Simon Stålenhag – Things from the Flood – (März 2021)

Reden wir über Simon Stålenhag (1) Tales from the Loop

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Simon Stålenhag. Eigentlich reicht es inzwischen, diesen Namen nur zu erwähnen und schon sollten seine Illustrationen vor dem geistigen Auge erscheinen. Er hat sich mit seinen Bildkompositionen und Texten weltweit einen Namen gemacht und gilt schon heute als einer der kreativsten schwedischen Köpfe unserer Zeit. Kenner schwören auf seine Bücher, Fans lieben die Adaption seiner Storys für eine Amazon-Serie und neue Leser und Betrachter seiner Geschichten reiben sich verwundert die Augen, weil sie in Welten eintauchen, die so dystopisch sind, wie man es sich nur vorstellen kann, dabei jedoch so nostalgisch wirken, als hätte die Zukunft schon längst stattgefunden. Hier hat ein Künstler die Weltbühne betreten und auch in meiner Fantasie Spuren hinterlassen.

Wer bisher noch nichts von Simon Stålenhag gehört hat, der sollte sich die Titel seiner Bücher sehr gut merken.

Tales from the Loop
The Electric State
„Things from the Flood“
(März 2021)

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Jetzt sollte es langsam klingeln, läuft doch die Fernseh-Adaption der Amazon-Serie „Tales from the Loop“ seit Wochen mit beachtlichem Erfolg und wird von Tausenden begeisterter Serienfans gestreamt bis zum Abwinken. Der schwedische Digitalkünstler, Musiker, Computerspiele-Entwickler und Medienprofi hat mit seinen Geschichten nicht nur den Grundstein für ihre filmische Umsetzung gelegt, er ist die Inspirationsquelle für eine ganz neue Art dystopischer Erzählräume. Die nostalgisch-realistischen Szenarien kommen uns vertraut vor. Häuser, Autos und Alltagsgegenstände wirken veraltet und in jeder Hinsicht ein wenig aus der Zeit gefallen. Computer sehen aus, wie in den 1990er Jahren. Und doch werden unsere Blicke auf technische Finessen gerichtet, die viel zu futuristisch wirken, um in der Vergangenheit angesiedelt zu sein.

„Tales from the Loop“. Wir betreten völliges Neuland in dieser Geschichte. Der Loop ist ein unterirdischer kreisförmiger Teilchenbeschleuniger, an dem Wissenschaftler im Geheimen Experimente durchführen, um dem Mysterium Zeit auf die Spur zu kommen. Mehr muss man nicht wissen. Den Rest darf man nicht hinterfragen. Das reicht Simon Stålenhag aus, um ein Szenario der unerklärlichen Phänomene zu gestalten. Allein die Existenz des Loops muss ausreichen, die Geschichten zu glauben, die er uns ans Herz legt. Spielt das Buch (man kann es im weitesten Sinne als Graphic Novel bezeichnen) noch in Schweden, transferiert die Amazon-Serie den gesamten Stoff in die Kleinstadt Mercer in Ohio. Erzählt die Staffel einzelne Geschichten über die Menschen und ihre Erlebnisse mit Zeitphänomenen und Abweichungen von der Norm, ist das großformatig aufgemachte Buch viel mehr eine Sammlung von Ideen, Impressionen, Anekdoten und scheinbaren Kindheitserinnerungen an die Zeit, in der der Loop noch in Betrieb war.

Hier gehen Buch und Film eine perfekte Symbiose ein, wobei die Amazon-Serie die eigentlichen Geschichten erzählt. Menschen, die in ewigen Zeitschleifen gefangen sind; Roboter, die ein unglaubliches Eigenleben entwickeln; Zeitkapseln, die verraten, wie alt man wird; Momente, in denen die Zeit zum Stillstand kommt und Jugendliche ihre neue Freiheit genießen; Seelenwanderungen zwischen Menschen und Robotern und einfach die Verbindung zwischen den Menschen, die im Loop arbeiten und den Familien, die in Mercer leben. Aus der schönen Kleinstadt-Idylle wird der geheimnisvolle Mix dystopisch anmutender Ereignisse, dem man sich nicht entziehen kann. Im Buch erkennt man, wie brillant und detailgetreu die Illustrationen von Simon Stålenhag umgesetzt wurden. Die Filmadaption zeichnet die ruhige und normale Atmosphäre mit wundervoller Musik aus, die den Anschein von Normalität vermittelt. Dabei ist hier nichts normal. Und doch sind die Ereignisse so greifbar und emotional, dass ich Mercer nicht mehr verlassen möchte.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Ich empfehle euch die Serie anzuschauen und das Buch zur Hand zu nehmen, um den kompletten Stålenhag-Kosmos in sich aufzusaugen. Ich habe es so gemacht und möchte keine Seite im Buch, keine Illustration und keine Episode der Staffel missen. In jeder Hinsicht ein unglaubliches und bewegendes Erlebnis, das uns vor Augen hält, wie abhängig wir von der Kontinuität der Zeit sind und was geschehen kann, wenn sie nicht mehr so verläuft, wie wir es geplant haben. Ihr werdet euch anschließend wundern, wie viele dieser relevanten Geschichten euch auch nach dem Serien- und dem Buchgenuss im Alltag hinterherlaufen. Gänsehaut pur…  

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten…

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Wer eher zu einem eigenständigen und auserzählten“ Stålenhag greifen möchte, der sollte „The Electric State“ lesen. Hier schöpft er aus dem Vollen seiner visionär und kreativ fulminanten Erzählader. Hier brauchen wir keine Verfilmung, hier lässt das Buch keine Frage offen. Es ist nicht nur Hintergrund. Hier wird eine ganze Geschichte in Wort und Bild erzählt. Und was für eine Geschichte. 

Das ist mir einen eigenen Artikel wert. „Reden wir über Simon Stålenhag (2) The Electric State. Freut euch auf virtuelle Realitäten, die Abhängigkeit des Menschen von Unterhaltungsmedien, ferngesteuerte Gedankenwelten und ein Mädchen, das sich nach dem Drohnenkrieg in Begleitung eines gelben Roboters auf die gefahrvolle Suche nach seinem Bruder macht. Hochspannung und unglaubliche Illustrationen sind garantiert.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – The Electric State