„Thalamus“ von Ursula Poznanski – Reine Kopfsache

Thalamus von Ursula Poznanski

Das versprach gemütlich zu werden. Brachte mich Ursula Poznanski bisher in ihren Thrillern doch immer wieder dazu die Turnschuhe zu schnüren und ihren Protagonisten atemlos auf der Flucht vor dem Bösen auf der Welt zu folgen, so sollte es diesmal ganz anders werden. Ich verbannte mein Sportdress außerhalb meiner Reichweite und habe mich auf ein eher therapeutisches Lesen eingestellt. Spannend, gerne, aber rasend auf keinen Fall. Das würde das Setting nicht hergeben. Diesmal war es reine Kopfsache. In ihren bisherigen Romanen ging es um die gute Konstitution ihrer Protagonisten, weil sie sonst keine Überlebenschance gehabt hätten. Bei Timo (17) ist das ganz anders.

Er spielt die wesentliche Rolle in „Thalamus“, dem neuesten Jugendthriller aus der Feder der österreichischen Autorin, die in ihrem früheren Leben Medizinjournalistin war und nun quasi aus dem Vollen schöpfen konnte. Ich legte mich hin, machte es mir sehr bequem und bereitete mich darauf vor, Timo durch dieses Werk zu folgen. Das sollte ja so schwer nicht sein. Ein Motorradunfall, eine schwere Kopfverletzung, eine Operation am offenen Schädel und die nun folgende langwierige Rehabilitation hatten den Jungen in einen erbärmlichen Zustand versetzt. Laufen war da kaum drin. Ich entspannte mich, hatte doch die Fluchthelferin meines bisherigen Lesens mal eine Atempause für mich eingebaut.

Thalamus von Ursula Poznanski

Timos Sprachzentrum ist in Mitleidenschaft gezogen. Motorische Fähigkeiten sowie die Koordination seiner Bewegungen: Fehlanzeige. Er ist ans Bett gefesselt. Jedoch an ein Bett in bestem Hause. Der Markwaldhof gilt als DAS renommierte Reha-Zentrum für jene Patienten, denen ein Schädelhirntrauma einen Strich durch das sorgenfreie Leben gemacht hatte. Beste Ärzte, Hirnspezialisten, Logopäden und Physiotherapeuten ohne Ende kümmern sich hier um die schnelle Wiederherstellung der Traumatisierten. Timo hat eigentlich gute Aussichten auf Heilung. Jetzt bräuchte er Geduld und Konzentration, um durch Übungen wieder zurück ins Leben geführt zu werden.

Er kann sich nicht äußern, zum Schreiben reicht die Motorik nicht aus und so wird aus dem aktiven jungen Mann ein passiv alles über sich ergehen lassender Patient. Er wird gefüttert, lernt schrittweise das Sprechen und irgendwann soll er sich auch wieder auf eigenen Beinen bewegen können. Einzig sein Verstand ist nicht betroffen. Er ist im höchsten Maße aktiv und ein aufmerksamer Beobachter der Ereignisse, die den Alltag von Timo bestimmen. Manchmal denkt er zu träumen, oder traut dem eigenen Verstand noch nicht ganz, aber wenn etwas bei ihm funktioniert, dann sein Kopf. Nur Kopfsache.

Thalamus von Ursula Poznanski

Ich setzte mich an sein Bett, lesend und hörend. Und eigentlich hatte ich gar nicht vor, mich von hier fortzubewegen. Im Buch aus dem Loewe Verlag versunken oder der Stimme von Jens Wawrczeck im Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag aufmerksam zuhörend, kontrollierte ich Timos Vitalfunktionen, half bei der täglichen Logopädie und beobachtete seine langsamen Fortschritte in der Physiotherapie. So hätte es durchaus bleiben können. Fast jedoch hätte ich vergessen, wer diesen Roman geschrieben hatte und dass der Begriff „Thriller“ im Klappentext deutlich zu lesen war. Ursula Poznanski hatte in der packenden Einleitung dieses Romans lediglich das Setting beschrieben, in dem ich in den folgenden Stunden am eigenen Leib erlesen und erhören durfte, was es heißt, Zeuge ungewöhnlicher Vorfälle zu werden.

Das Gehirn ist komplex und Unfallschäden haben oft weitreichende Folgen. Wenn man jedoch das Gefühl hat, dass unsere Denkmaschine perfekt funktioniert, dann wird es umso dramatischer, Dinge zu beobachten, die nicht wahr sein können. Timo beginnt an sich zu zweifeln, weil er zum Zeugen von Vorfällen wird, die einfach unmöglich sind. Da wandelt sein komatöser Zimmernachbar, der sich den ganzen Tag nicht bewegt und intensiv gepflegt werden muss, nachts quietschfidel durch Zimmer und spricht klar und deutlich. Da hört Timo Stimmen in seinem Kopf, die er unmöglich geträumt haben kann. Da erhebt auch er sich plötzlich, wie ferngesteuert aus seinem Bett und ist in der Lage, sich fast so zu bewegen, wie vor seinem Unfall. Naja, und zuletzt kann er nur durch die Kraft seiner Gedanken das Licht im Raum an- und ausschalten. Was geht hier ab?

Thalamus von Ursula Poznanski

Ursula Poznanski lotet in ihrem Thriller „Thalamus“ die Chancen und Risiken der modernen Schulmedizin aus und wägt ab, wie weit man gehen darf, um Patienten zu helfen. Die Gratwanderung zwischen medizinischer Notwendigkeit und wirtschaftlichem Interesse gelingt ihr ebenso brillant, wie die psychologische Tiefenzeichnung der Ärzte, die unter dem Deckmantel humanistischer Weltbilder ganz andere Ziele verfolgen. Hier spannt Ursula Poznanski einen Handlungsbogen, der Timos Schicksal ins Zentrum des Romans rückt, dann aber Schlag auf Schlag auf die anderen Patienten ausfächert. Wir schwanken lesend und hörend zwischen Zweifel und Unglauben, erkennen aber schon bald, dass es sich hier nicht um Hirngespinste handelt, unter denen die Traumatisierten leiden. Greifbar, authentisch und technisch nicht unwahrscheinlich, was uns hier packt.

Und dann ist es auch schon vorbei mit meinem gemütlichen Lesen. Hätte ich doch meine Turnschuhe eingepackt. Aus der inneren Dynamik schwappt die Story in greifbar hektische Betriebsamkeit, der man sich nicht entziehen kann. Timo kommt dem großen Geheimnis der Reha-Klinik auf die Spur. Er macht sich damit zum Hoffnungsträger für die Freunde, die er dort fand, aber gleichzeitig auch zur Zielscheibe jener, für die Timo zur existenziellen Gefahr wird. Ein medizinischer Hightech-Thriller, der im eigentlichen Sinn verschreibungspflichtig sein sollte. Gut nur, dass er nicht nur Privatlesern, sondern auch für uns Kassenleser rezeptfrei zugänglich ist. Zu Risiken und Nebenwirkungen der hochspannenden Unterhaltungs-Pille sollte man allerdings keinen Arzt oder Apotheker befragen. Blogger und Buchhändler tun es auch… Sie schwören nämlich auf Romane, die süchtig machen.

Und jetzt renne ich doch noch durch die Gänge des Markwaldhofs. Ich hätte es ja wissen müssen. Hilfe…

Thalamus von Ursula Poznanski

Mein Tipp frisch von der Frankfurter Buchmesse: Wer künftig Erwachsenen-Thriller von Ursula Poznanski lesen möchte, der sollte bei Droemer-Knaur Ausschau halten. Der spektakuläre Verlagswechsel wird am 1. Februar 2019 unter dem Titel „Vanitas – Schwarz wie Erde“ offensichtlich… Bleibt gespannt, da kommt Großes auf uns zu.

Vanitas – Schwarz wie Erde – Ursula Poznnski – Februar 2019

„Die Mitternachtstür“ von Dave Eggers

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Dave Eggers? Ein Roman für Kinder ab 11 Jahren? Ja – richtig gelesen. Ein Autor, der bisher ausschließlich das gehobene Erwachsenen-Segment der Belletristik bedient hat und mit Büchern wie „Der Circle“ und „Bis an die Grenze“ die Bestseller-Listen zu dominieren wusste, dessen neuer Roman „Der Mönch von Mokka“ gerade erschienen ist, begibt sich in eine kindertaugliche Erzählwelt? Mal ganz unabhängig davon, welche Risiken er hier eingeht, es ist einfach mutig und schon gewagt, den Nachweis antreten zu wollen, auch von jüngeren Lesern verstanden zu werden. Dabei ist Eggers bekannt dafür, seine Stories komplex anzulegen, ihnen in mehreren Handlungssträngen und im Detail ausgearbeiteten Charakteren literarische Schlagkraft zu verleihen. Ich war mehr als gespannt, als ich erfuhr, dass er „Die Mitternachtstür“ aufstoßen und neue Welten betreten würde.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Eine spannende Rahmenhandlung zu gestalten, ja, das traue ich ihm jederzeit zu. Leser zu fesseln und bei der Stange zu halten, Cliffhanger einzustreuen, die für Tempo sorgen und Pausen unterbinden, auch das. Eine Message an junge Menschen in einen Roman zu integrieren, das hielt ich schon eher für problematisch, weil eben jener Dave Eggers schon immer sozialkritisch und niemals ohne staatstragende Botschaft schrieb. Ich stieß „Die Mitternachtstür“ auf, versetzte mich in einen Zustand kindlichen Lesens und folgte ihm in die Kleinstadt „Carousel“. Eine Stadt in den USA, die sich tief in mein Lesen eingebrannt hat, weil sie sich in einer absoluten Schieflage befindet. Und dies im absolut wahrsten Sinn des Wortes.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Dave Eggers macht es seinen Lesern leicht, sich auf „Carousel“ einzulassen. Wir folgen seinen anschaulichen und bildhaften Beschreibungen und entdecken eine Stadt, in der die tiefe wirtschaftliche Depression des heutigen Amerikas greifbar wird. Er lässt sie sichtbar werden. Häuser stürzen plötzlich ein, Straßen sind voller Schlaglöcher und der ganze Ort ist von Rissen durchzogen, die schiefen Häuser drohen umzukippen und alles hat seinen Halt verloren. Dabei war die kleine Stadt einmal sehr berühmt, weil hier die schönsten Kinderkarussells hergestellt wurden. Wertvolle geschnitzte Holzpferde an goldenen Stangen kreisten um das Herz des Karussells und ließen Kinderherzen höher schlagen. Aber das war lange her. Jetzt herrschen Tristesse und Arbeitslosigkeit in der kleinen Stadt.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Überhaupt nicht der richtige Ort für einen Neuanfang. Erst recht nicht, wenn man in wirtschaftlichen Problemen steckt. Die Flowerpetals jedoch zieht es nach Carousel. Der Vater arbeitslos, die Mutter an den Rollstuhl gefesselt, die jüngste Tochter nicht gesund und der zwölfjährige „Gran“ alles andere, als hart wie Granit, was sein Name eigentlich aussagen sollte. In seiner Schule, wird er Zeuge unglaublicher Vorfälle. Er sieht Häuser einstürzen, erlebt ein heftiges Erdbeben, das ein riesiges Loch in der Schule entstehen lässt und begegnet „Catalina“, einem gleichaltrigen Mädchen, das in der Lage ist ganz plötzlich zu verschwinden. In den Untergrund, in die Tiefe unter „Carousel“, wo sich ein Tunnelsystem immer weiter ausbreitet und den ganzen Ort aushöhlt. Hier beginnt eine abenteuerliche Geschichte, in der zwei Kinder zu Rettern einer Stadt werden können.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Die Bilder von Dave Eggers sind gewaltig. Eine ins Bodenlose fallende Stadt; Angst, die um sich greift; Menschen, die von der Panik der Mitbürger profitieren und nur ganz wenige Mutige, die das Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wirtschaftliche Nöte und Perspektivlosigkeit verpackt Dave Eggers in ein begreifbares Szenario. Wir folgen den beiden ungleichen Freunden Gran und Catalina in die gefährlichen Tunnel. Wir helfen ihnen dabei, sie abzustützen. Wir erfahren von einem gefährlichen Wind, der sich tiefer und tiefer in die Stadt hineinfrisst. Und wir erkennen einen Ausweg aus der Krise. Lass Dir keine Angst einjagen; glaub nur, was du selbst siehst; vertraue Dir selbst und traue Dir etwas zu. Das schreit Dave Eggers seinen jüngsten Lesern zu. Botschaften, die wir heute benötigen. „Die Mitternachtstür“ ist eine Gegenbewegung zur Panikmache. Wir alle können diesem Kinderbuch mehr abgewinnen, als wir uns vorstellen können.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Es ist ihm gelungen. Mit Bravour. Kurze, spannende Kapitel mit Vignetten von Aaron Renier, die das Höhlensystem unter „Carousel“ zeigen, lassen keinen Spannungsabfall zu. Die Protagonisten sind, gerade für jugendliche Leser, greifbar und plausibel. Magie liegt in der Luft, und doch wird schnell klar, dass wir selbst Herren eines Zaubers sind, der die Welt retten kann. Eggers zieht Populisten die Maske vom Gesicht und entlarvt jene, die in „Carousel“ abstruse Ängste schüren. Lehrreich und unterhaltend noch dazu. In der Hörbuchfassung entführt uns Jacob Weigert in die Tunnelwinde unter der Stadt. Er hat mich sprachlich schon bei „Mein Freund Pax“ überzeugt und findet auch hier zu jeder Zeit die richtige Betonung und den passenden Rhythmus. Mein Urteil: absolute Lese- und Hörempfehlung.

PS: Solltet Ihr nach dem Lesen oder Hören ein Kinderkarussell mit Holzpferden entdecken, so ich garantiere ich Euch, dass Ihr „Die Mitternachtstür“ im Herzen tragt, wenn Ihr mit Euren Kindern um die Wette reitet! Vertraut diesem Buch.

Und keine Angst vor Elchen… (Ein Insider, der nach dem Lesen verständlich wird!)

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

„Die Hungrigen und die Satten“ von Timur Vermes

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Es wäre lustig, wenn es nicht so maßlos traurig wäre. Timur Vermes hat ein feines Händchen, wenn es gilt den Finger tief in die Wunden der breiten öffentlichen Meinung zu legen. Er hat mit „Er ist wieder da“ bewiesen, dass seine Utopie eines untoten und wieder auferstandenen Führers Adolf Hitler (so skurril die Ausgangssituation auch ist) geeignet war, dem Publikum einen literarischen Brocken zum Fraß vorzuwerfen an dem es schwer zu knabbern hatte. Sein Roman war Zerr- und Spiegelbild der Gesellschaft. Er polarisierte und regte zu lautstarken Diskussionen an. Und spätestens mit dem Film zum Buch explodierte das Pulverfass unter dem Schriftsteller, weil man es gewagt hat, die Filmadaption um spontane Realbilder zu erweitern, die beim Dreh entstanden sind.

Ein umjubelter (verkleideter) Führer, dem man gerne vor laufender Kamera sagte, es sei mal wieder an der Zeit, dass jemand richtig aufräumt in diesem unserem Land. Sehr schwer verdauliche Kost, die er uns da vorsetzte. Gut nur, dass man sich immer wieder einreden konnte, dass es sich hier um eine satirisch überhöhte Gesellschaftsutopie mit Format handelte. Gedankenspiele, sonst nichts. Die Aufregung legte sich schnell. Aber vergessen haben wir diesen Spiegel nicht, den er vielen Menschen vor Augen gehalten hat. Dafür war das Zerrbild, das wir dort erkannten zu brutal und beängstigend. Als mir nun sein neuer Roman den Weg versperrte, war mir klar, dass ich keine Schonkost zu erwarten hatte. Dass mich dieses Buch noch mehr aufwühlen sollte, als die Parodie auf das braune Schreckgespenst, das konnte ich mir nicht vorstellen. Irrtum…

Timur Vermes bei AstroLibrium

Die Hungrigen und die Satten“ – Timur Vermes – Eichborn Verlag

Unschuldig kommt es daher, das harmlos scheinende Buch mit weißer Weste. In Wahrheit jedoch ist es ein ebensolcher Wolf im Schafspelz, wie sein Vorgänger. Schon der Klappentext lässt mich nervös aufhorchen. Ein Flüchtlings-Roman aus seiner Feder und nicht nur das. Auf dem Siedepunkt der Ankerzentren- und Abschiebediskussion, zu einem Zeitpunkt der Definition von Obergrenzen und dem mehrmaligen Fast-Scheitern der Regierung an dieser Thematik, im Augenblick des Grenzschließungshypes und der steigenden Hysterie angesichts der drohenden Überfremdung, genau jetzt, dieses Buch von Timur Vermes. Das kann nicht gut gehen. Gar nicht gut.

Besonders dann nicht, wenn Timur Vermes sich erneut an einer Utopie versucht, die gar nicht so utopisch ist, wenn man sich die Grundidee seines neuen Romans ganz langsam durch den Kopf gehen lässt. Wir befinden uns im „Nach-Merkel-Deutschland“, und noch immer mittendrin in der lebhaften Diskussion, wie man der Flüchtlingskrise zu begegnen hat. Nun gut, die Grenzen sind inzwischen fast geschlossen, Europa hat sich hermetisch abgeriegelt und die ehemals so beliebten Flüchtlingsrouten sind weitgehend verwaist. Es ist kein Reinkommen mehr und so entstehen zwangsläufig riesige Lager in Afrika, in denen hunderttausende von Flüchtlingen nun schon seit Jahren leben. Dieses Szenario beschreibt Timur Vermes so plausibel, dass selbst der gewiefteste Soziologe nichts an der Logik auszusetzen hätte, der er nun in seinem Buch Raum verschafft.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Wenn also die Flüchtlinge jenseits der Sahara festsitzen, wenn die Schlepper nicht mehr an ihnen verdienen können, wenn sich Europa in Sicherheit wähnt und die Politik mit wichtigeren Themen beschäftigt wird, dann ist der Zeitpunkt gekommen, diesen ach so beschaulichen Frieden mit einer Zündschnur zu versehen und einer wahren Heldin des Alltags das Feuerzeug in die Hand zu geben, um die Lunte anzuzünden. Hier greift Timur Vermes auf die Realität zurück und führt uns vor Augen, welche Macht Bilder auf uns ausüben können. Und wo es was zu verdienen gibt, da ist das Privatfernsehen mit seinen intellektuellen Zuschauern nicht weit. Was also, wenn die Moderatorin einer TV-Sendung nach dem Muster „Helfer mit Herz“ ein solches Lager besuchen würde? Nicht nur so, sondern für eine Reportage, eine kleine Doku-Soap vor Ort, um die Schicksale der Flüchtlinge zuhause auf den Bildschirm zu bringen? Auftritt Nadeche Hackenbusch.

Eine charismatische Moderatorin, die Timur Vermes als Hybrid aus Vera Int-Feen, Margarete Schreinemakers und Désirée Nosbusch in unser Lesen schreibt. Was also, wenn der dunkle Kontinent mit einer solchen TV-Rampensau mit missionarischem Eifer konfrontiert wird? Was, wenn die Einschaltquoten ins absolut Utopische steigen? Was, wenn die Moderatorin dort auf einen attraktiven afrikanischen Flüchtling trifft, der die Chance beim Schopf (und Nadeche gleich mit dazu) packt, um endlich abhauen zu können? Was, wenn diese Liaison zwischen dem „Engel in Elend“ und dem Flüchtling das mediale Interesse ins Unermessliche steigen lässt? Und was, wenn genau dieser Flüchtling nur noch eine Chance für sich sieht, Europa zu erreichen? Der gemeinsame Marsch der Hunderttausende setzt sich in Bewegung. Real und live im Fernsehen.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Timur Vermes spielt brillant mit allen sozial-politischen Automatismen, die uns in diesem Moment einfallen. Er wechselt seine Perspektiven und beleuchtet alle Seiten mit unbestechlicher Scharfsichtigkeit. Die Politik, die verleugnet, ignoriert, aussitzt und viel zu spät bemerkt, was da auf sie zurollt. Die Fernsehmacher, die zuerst nur Quoten und Euros sehen, und dann nicht mehr in der Lage sind, die Reißleine zu ziehen. Das Volk, das einerseits süchtig am Fernseher klebt und echtes Mitleid empfindet, um dann im nächsten Moment mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ auf die Straße zu ziehen. Presse und Kolumnisten flankieren das Geschehen. Und dies alles, während der Marsch sehr gut organisiert auf dem Landweg Richtung Europa zieht.

Mittendrin die Moderatorin und ihr Geliebter. Mittendrin und nicht unreflektiert. Eine Entwicklungsgeschichte, die in Entwicklungsländern beginnt und ein Szenario skizziert, das nicht weit hergeholt scheint, weil man niemanden mehr von weit herholt. Man liest, lacht, schaudert, liest wieder, schüttelt ungläubig den Kopf und gelangt wieder an eine Stelle, die so unglaublich plausibel scheint, dass es fernab jeder Utopie zu sein scheint, was sich hier abspielt. Timur Vermes spielt mit unseren Vorurteilen, mit Ressentiments und Vorbehalten. Er hält uns erneut den Spiegel vor, den wir gerne beschlagen lassen würden, um das Bild nicht zu deutlich zu sehen. Er legt uns Daumenschrauben an und zieht sie von Seite zu Seite enger. Wir wollen schreien. Wir wollen lachen. Und doch ist da im Herzen der Geschichte so viel Wahres, dass wir am liebsten kotzen würden, weil wir schon so nah an der Realität der Verdrängung sind.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

„Die Hungrigen und die Satten“ ist für die Satten geschrieben. Unter dem schönen Schein unserer Wohlfahrtsgesellschaft sind es die reinen Egoismen, die dieser Roman auf dem Korn hat. Ob wir schon zu satt sind, um die Message zu verstehen? Ob wir in vielen Situationen selbst erkennen, zu was die Abschottung eines Kontinents führt? Ob wir uns selbst dabei ertappen, dass wir uns Angst vor Überfremdung und Islamisierung einreden lassen, während wir gleichzeitig vor dem Fernseher sitzen und Mitleid mit den Menschen empfinden, die schön weit weg von uns ihr Schicksal ertragen? Sind wir zu bequem geworden? Ist unser Ruf #wirsindmehr noch zeitgemäß? All diese Fragen wirft Timur Vermes auf, als würde er uns mit dem Müll unserer Ausflüchte ersticken wollen.

Eine bitterböse Satire, bei der jeder Lacher im Hals des Lesers krepiert. Utopisch vielleicht, aber längst nicht so utopisch, wie ein lebendiger Reichsführer. Ein Bild einer Zukunft, an der wir heute gestalten und die wir heute mitbestimmen können. Dabei ist Timur Vermes unglaublich scharfsichtig und voller Fantasie. Wenn er in Anbetracht des Romans allerdings gerade die Politik beobachtet, dann muss er sich eingestehen, dass der Staatsekretär, den er im Innenministerium erfunden hat, von der Realität gerade in Sachen Kreativität überholt wird. Heute schreibt gerade die Politik die beste Realsatire. Aber Timur Vermes ist ihr dicht auf den Fersen.

Lesen… unbedingt…

Auch Heike von Irve liest schließt sich dieser Bewertung an. Da dampft es

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Nicht immer Utopie, keinesfalls Satire, immer lesenswert. Bücher statt Mauern!

Bücher statt Mauern bei AstroLibrium

„Der Fall von Gondolin“ von J.R.R. Tolkien

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Eine einzige Kugel hätte genügt, ein verirrtes Schrapnell, ein Granatsplitter, eine Handgranate oder ein Giftgasangriff. All dies gehörte 1916 während der Schlacht an der Somme zum Standard-Repertoire des Ersten Weltkrieges, von dem man natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass er jemals so genannt würde, weil ihm ein noch menschenverachtenderer Zweiter Weltkrieg folgen sollte. Ein Toter mehr wäre damals nicht weiter aufgefallen. Egal auf welcher Seite. Der Name des gefallenen Soldaten und sein Grab wären heute auf den großen Soldatenfriedhöfen zu finden. Ein Gedanke, der mich immer begleitet, weil ER wie durch ein Wunder verschont blieb.

J.R.R. Tolkien. Er hat einfach Glück gehabt. Oder sind es wir, die hier von Glück reden können, weil der wohl größte Fantasy-Autor des 20. Jahrhunderts diesen Krieg überlebt hat? Auch, wenn ihn keine Kugel getroffen hatte, das Gemetzel an der Front blieb nicht ohne Folgen. Liest man „Der Herr der Ringe“ aufmerksam, so wird man die Szenarien der großen Schlachten, die schlammverkrusteten Orks und die Schrecken des Krieges besser einordnen können, wenn man weiß, welche Hölle J.R.R. Tolkien selbst überlebt hatte. Alles was er schrieb war vom Weltkrieg inspiriert. Und vieles hat die Struktur des Schreibens mit jenem Weltenbrand gemeinsam.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Sprechen wir vom „Hobbit“ und dem „Herrn der Ringe“, dann sprechen wir vom Dritten Zeitalter von Mittelerde. Als er 1916 mit dem Schreiben seines Epos begann, war ihm als Autor ebenso wenig klar, dass er das Erste Zeitalter beschrieb, wie es dem Soldaten unklar war, dass er im Ersten Weltkrieg kämpfte. Was danach kam, war völlig offen. Dass Tolkien zu seinen Lebzeiten nur Geschichten aus dem Dritten Zeitalter der Saga veröffentlichen konnte, gehört heute zu den großen Mythen, die Mittelerde für die Nachwelt so interessant machen. Als man ihn nach dem Erfolg vom Hobbit darum bat, doch einen zweiten Teil zu schreiben, wollte man nicht glauben, dass er ein Manuskript vorlegte, das die Verlagswelt sprengte.

Er hatte alles skizziert, alles fertig, alles im Kopf. Drei komplette Zeitalter hatten sich in ihm manifestiert und eigentlich hätte er nach dem Hobbit gerne mit Geschichten vom Anbeginn der Zeit aufgewartet. „Der Herr der Ringe“ jedoch erschien stattdessen und zum Entsetzen der Verleger gar nicht als Geschichte, die man auch Jugendlichen zum Lesen geben könnte. Jeder zweifelte. Vom Erfolg waren alle überrascht. Tolkien wollte den gesamten Zyklus beenden, formulierte bis zu seinem Lebensende an Notizen und Manuskripten herum, um alle Zeitalter abzudecken. Vergebens. Es war zu komplex. So viel Zeit blieb ihm nicht. Dass wir heute aus dem Vollen schöpfen können, ist dem Sohn des großen Autors zu verdanken.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Christopher Tolkien hat sich dem Nachlass seines Vaters verschrieben und vielen Geschichten zum Leben verholfen, die sein Vater nur skizziert hatte. Drei Erzählungen aus dem Ersten Zeitalter sind von großer Bedeutung für die spätere Saga. „Die Kinder Hurins“, „Beren und Lúthien“ und letztlich „Der Fall von Gondolin“ verdeutlichen, wie tief das Dritte Zeitalter in der Vergangenheit verwurzelt ist. Sie zeigen auf, wo der Weg von Elben und Menschen begann, wo Konflikte und Feindschaften entstanden, und wie sich das Böse über Jahrtausende manifestieren konnte. Eigentlich hätte es die nun bei Hobbit Presse veröffentlichte, aufwendig von Alan Lee illustrierte, Erzählung „Der Fall von Gondolin“ niemals geben dürfen. Eigentlich hatte Christopher Tolkien schon beim letzten Buch das Handtuch geworfen und behauptet, es sei im Alter von 93 Jahren sein letztes Werk als Herausgeber. Er hat seine Meinung revidiert. Mit 94 Jahren überzeugt er erneut als Chronist, Diarist und Kollektor der Manuskripte, Briefe und Notizen seines Vaters. Nur ihm ist zu verdanken, dass wir die legendäre Elbenstadt Gondolin betreten dürfen. Zum ersten und zum letzten Mal. 

Zeit, unsere Tolkien-Bibliotheken um ein, vielleicht letztes, Highlight zu erweitern. Zeit, den ersten beiden verschollenen Geschichten aus dem Ersten Zeitalter die große dritte zur Seite zu stellen. Zeit, diesen Kreis endlich zu schließen und damit auch einer Geschichte die Bühne zu bieten, die sie in der vollständigen Fassung verdient hat. Und Zeit, die Großeltern des großen Elrond vom Bruchtal kennenzulernen. Hier finden die Stammbäume zusammen, hier finden Elben zu Menschen und hier wird begreifbar, wie tief ihre Verbindung ist. Lange Zeit bevor ein gewisser Aragorn sich in Elronds Tochter Arwen verliebt und den Bund aus Elben und Menschen mit neuem Leben füllt.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Die gleißend weiße Stadt Gondolin wird zum Schauplatz einer großen Geschichte. Einer Geschichte, die mit ihrem heldenhaften Untergang endet, in deren Mittelpunkt die epische Schlacht der Elbengeschlechter gegen die Heerscharen Melkors, dem Urvater allen Bösen steht und die zwei Liebende auf ewig miteinander vereint, ohne die es eine Fortsetzung dieser Legende nicht gegeben hätte. Christopher Tolkien veröffentlicht hier nicht nur die vollständige Geschichte vom Untergang einer mächtigen Stadt, er spürt in allen verfügbaren Mittelerde-Quellen Ursprünge und Entwicklungen jener Erzählung auf und lässt uns an einem kleinen literaturwissenschaftlichen Puzzlespiel teilhaben. Es ist dabei eine wahrlich bedeutende Geschichte, die er uns an die Hand gibt.

Ein Mensch, der zur Warnung vor den Orks entsandt wird, ein Elbenkönig, der sich zu mächtig fühlt, ihn ernst zu nehmen. Seine Tochter, die sich in den Menschen verliebt und ein gemeinsames Kind, das zum Ursprung späterer Legenden wird. Eine Schlacht, die epischer nicht sein könnte, Kriegsgeräte und -geschöpfe, die grausamer nie waren ein großer Verrat, der hinterhältiger selten verfasst wurde und Opfergänge, die noch in späteren Jahrhunderten an den Lagerfeuern in Mittelerde besungen wurden. Wir sehen Gondolin untergehen, doch zugleich erkennen wir den Ursprung für den Zusammenhalt späterer Gefährten. Wer einmal in seinem Leben dem einen Ring folgte, wer einmal nur den Abendstern berührte, wer einmal dem Bösen ins Auge geschaut hat, wird sich hier zuhause fühlen. Und mehr als das.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

Möge Christopher Tolkien ewig leben und Der Fall von Gondolin nicht das Ende von allem sein. Und wenn es doch so kommen sollte, dann wäre es ein sehr würdiges Ende.

Der Fall von Gondolin – J.R.R. Tolkien

„Bruder und Schwester Lenobel“ von Michael Köhlmeier

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Es gibt sie noch, die Autoren mit Arsch in der Hose und Philosophie im Herzen. Es gibt sie noch, die großen Erzähler, die relevante Geschichten nicht nur erzählen und sich dann in ihren Elfenbeinturm zurückziehen. Es gibt sie noch, die Schriftsteller, die in unmissverständlicher Art und Weise vorleben, was es heißt Zivilcourage zu zeigen. Wir beklagen uns häufig, dass große kritische Stimmen und Wegweiser fehlen, denen man folgen kann, wenn der Alltag im Chaos versinkt. Wir leben in einer Zeit, in der wir gerne das Hashtag #wirsindmehr vor uns hertragen und doch intensiv daran zweifeln, ob wir damit richtigliegen. Pfeifen im Wald hört sich oft mutiger an, als dieser Hilfeschrei. Und doch gibt es sie, diejenigen, die ihre Wortgewalt in die Waagschale der Menschlichkeit werfen. Egal was es sie kosten könnte.

Michael Köhlmeier wirft! Es sind jeweils große Würfe, die ihm gelingen. Er schreibt nicht nur im Klartext über den Verlust der Nächstenliebe, über das Auflodern von Hass und Neid, den Wandel der Werte innerhalb geschlossener Gesellschaften. Nein. Er lebt diese Veränderungen vor und konfrontiert die Verantwortlichen mit seiner Sicht auf die Welt, die sie gestalten. Er schrieb über Das Mädchen mit dem Fingerhut, ließ Yiza ziel- und haltlos in unser Lesen flüchten. Er führte uns mit Der Mann, der Verlorenes wiederfindet vor Augen, was wir verloren haben, ohne es wiederfinden zu wollen. Im Fernsehen erzählt er Märchen. Unwiderstehlich und niemals ohne Moral. Und, wenn es drauf ankommt, dann ist er da. Wo andere Grenzen schließen, zieht er moralische rote Linien. Wo Regierungen ausgrenzen, prangert er Politiker an.

Am 5. Mai ´18 hielt er anlässlich des Holocaust-Gedenktages im österreichischen Parlament eine denkwürdige Rede. Sie dauerte keine sieben Minuten. Man kann sich diese Rede anschauen, anhören und selbst erlesen. Ich empfehle es von Herzen, weil man in Michael Köhlmeiers Rede an die „politischen Elite“ seines Landes erkennt, was es heißt Rückgrat zu zeigen. Hier nur drei kleine Auszüge.

„Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Sondern mit vielen kleinen. Von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan.“

„Willst du es dir… des lieben Friedens willen widerspruchslos gefallen lassen, wenn ein Innenminister wieder davon spricht, dass Menschen konzentriert gehalten werden sollen?“

„Meine Damen und Herren, Sie haben diese Geschichten gehört, die von den jungen Menschen gesammelt wurden. Und sicher haben Sie sich gedacht, hätten diese armen Menschen damals doch nur fliehen können. Aber Sie wissen doch, es hat auch damals schon Menschen gegeben, auf der ganzen Welt, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben.“

Köhlmeier schreibt nicht nur Romane, er erzählt nicht nur Märchen. Er ist für mich in vielerlei Hinsicht Richtschnur und Künstler zugleich. Ein Künstler, der auch dann ein großes Publikum verdient, wenn er scheinbar „nur“ einen Roman veröffentlicht. Seinen Texten zu folgen, vermittelt das Gefühl von einem #wirsindmehr intensiver, als man es sich wünschen könnte. So muss man mein Lesen und Hören einordnen, wenn ich einer neuen Geschichte aus seiner Feder eine Heimat in der kleinen literarischen Sternwarte gebe. Und beileibe ist es nicht „nur“ ein Roman, der gerade zum Lesenhören verleitet.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Bruder und Schwester Lenobel“ (Hanser Verlag und Der Hörverlag)

Eigentlich ein Familienroman, sollte man meinen. Eigentlich ein Buch mit einer sehr spannenden Ausgangslage und damit ein umfassendes Werk über Beziehung, Zweifel und Liebe. Eigentlich trifft dies alles zu. Professor Robert Lenobel verschwindet. Seine Schwester Jetti, alarmiert durch eine Nachricht ihrer Schwägerin „Komm, Dein Bruder wird verrückt“, reist von Irland nach Wien, nur um festzustellen, dass sie zu spät in der Heimat angekommen ist. Robert ist fort. Spurlos. Was folgt ist eine Vermisstenanzeige und die Suche der beiden ungleichen Frauen nach Gründen für das Verschwinden des Mannes, der als Psychiater immun gegen eigene Lebenskrisen zu sein schien. Doch es scheint anders zu sein. Was jedoch als Midlife-Crisis abgetan werden könnte, hat einen tieferen Hintergrund, der sich wie eine Schlinge immer fester um die Handlungsstränge zieht. Literarische Erstickungsgefahr nicht ausgeschlossen.

Dass Robert Lenobel, 51, sich nach Jerusalem begeben hat, um seiner jüdischen Vergangenheit nachzuspüren, erfährt seine Schwester erst später. Was diese Suche ausgelöst haben mag, was sie für ihren Bruder bedeutet und was diese Nachricht in ihr lostritt, das ist das Grundgerüst eines Romans, der nicht nur ein Familienroman ist. Wir haben es im eigentlichen Sinne mit einem jüdischen Familienroman zu tun. Und schon wird klar, worauf es Michael Köhlmeier anlegt. Eruptionen aus der Vergangenheit sind immer noch in der Lage Erdbeben auszulösen. Ruhende Vulkane brechen plötzlich aus und begraben alles mit heißer Lava unter sich. Ein Ausbruch, der für Jetti überraschend kommt. Unerwartet ist er jedoch nicht. Dafür ist die Vergangenheit ihrer Familie zu sehr vom Holocaust geprägt.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Und schon sind wir mittendrin in einem relevanten und psychologischen Roman, der die feinen Trennlinien zwischen Vergangenheit und Gegenwart so sehr verschiebt, als hätten wir es mit der Kontinentaldrift zu tun. Im KZ ermordete Großeltern, die Mutter durch eine Evakuierung nach England zwar körperlich gerettet, aber an eine psychisch zermürbende Erkrankung verloren. Isoliert, Nervenklinik, Tod. Der Vater verschwunden. Bruder und Schwester Lenobel lebenslang gezeichnet von diesen Verwerfungen. Keine Lebensentscheidung, kein Berufsweg, keine Liebesbeziehung verläuft losgelöst von der Vita der Familie Lenobel. Kein Heute kann von jenem Damals getrennt werden.

Es ist unfassbar intensiv, was Michael Köhlmeier beschreibt. Er stößt uns nicht mit der Nase auf die Hintergründe, er lässt sie fragmentarisch erscheinen und von seinen Lesern und Hörern zu einem Bild zusammensetzen. Um zu verstehen müssen wir uns mit den Lebenswegen der Geschwister Lenobel beschäftigen. Mit ihrem Scheitern, mit ihrer Unsicherheit und nicht zuletzt mit der gestörten Beziehung, die sie verbindet. Sind ihre Bindungen stark genug, um sich gegenseitig zu retten? Kann man Vergangenes in Frieden begraben oder sind die Erinnerungen so übermächtig, dass man sich niemals lösen kann? Robert Lenobel flieht vielfach. Aus der eigenen Ehe mit einer Nichtjüdin in die Beziehung mit einer Patientin. Es sind die Brüche in seinem Leben, die auch seine Schwester an den Rand des Zusammenbruchs bringen.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Nicht ohne Moral! Das ist ein Motto dieses sprachlichen und inhaltlichen Meisterwerks. Köhlmeier flankiert die eigentliche Handlung mit Märchen. Sie strahlen aus, erlangen in wichtigen Situationen der Geschichte eine völlig neue Deutung. Er fabuliert. Er brilliert. Er besticht. Nichts ist ohne Moral. Keines der kurzen Märchen, keine Entscheidung der Protagonisten. Hier erleben wir Literatur auf eine Weise, die bewusstseinserweiternd im wahrsten Wortsinn ist. Ich habe diesen Roman völlig gebannt gelesen und ihn mir von Michael Köhlmeier vorlesen lassen. Das Hörbuch zu Bruder und Schwester Lenobel ist eine „Ohrenweide“. Wer Köhlmeier nur einmal zugehört hat, weiß was ich meine. Er liest märchenhaft.

Im Kontext der Bücher, die ich Gegen das Vergessen las, berührt er Schicksale, die durch den Holocaust lebenslang gezeichnet waren. „Ich war ein Glückskind“ zeichnet ein beklemmendes Bild der jüdischen Kinder, die nach England verschickt wurden. Hier sind wir an unsere Gegenwart erinnert. Flüchtlinge? Was wollen die hier? Deutschland galt doch als sicheres Herkunftsland. Jüdische Emigranten? Dafür sollten sie bezahlen. Sehr gut sogar. Wir wollen das heute gerne verhindern. Wir wollen so gerne mehr sein. Dazu braucht es Rückgrat. Dazu braucht es Stimmen, wie die von Michael Köhlmeier. Dazu braucht es Hoffnung und starke Bilder. Dazu braucht es auch diesen Roman, der am Ende zeigt, dass dem Damals das Jetzt folgt, dem die Zukunft schon auf der Fährte ist. Die dritte Generation der Nachkriegs-Lenobels wird zuletzt von Köhlmeier in diesen Lava-Strom geführt. Beklemmend…

Man sollte sich von dieser Geschichte „lenobelisieren“ lassen…

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Die wundervollen Leseplätze findet man bei Gartentisch-Design

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier