Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Es ist interessant, wie sehr Titel und Cover einen Roman in einem anderen Licht erscheinen lassen. Betrachte ich zum Beispiel das äußere Erscheinungsbild von Amy Blooms neuem Buch Meine Zeit mit Eleanor, dann sehe ich zwei elegante Damen, die zwar in stiller Eintracht in einem Garten sitzen, voneinander jedoch wenig Notiz zu nehmen scheinen. Ihre Blicke schweifen in unterschiedliche Richtungen und doch sagt das Porträt sehr viel aus, ohne besondere Nähe zu vermitteln. Betrachtet man dagegen die Covergestaltungen der Originalausgaben unter dem Titel „White Houses“, erkennt man, dass es sich bei diesen Aufnahmen um eine ganze Serie gehandelt haben muss. Hier ist der Blick der beiden Ladies auf den gleichen Fixpunkt gerichtet. Darüber hinaus erkennt man durch den Bildausschnitt genau, wo man sich befindet.

Der Washington Memorial Obelisk zeigt dem aufmerksamen Betrachter, dass wir uns auf einer Terrasse des Weißen Hauses befinden. Einer Terrasse, die eigentlich nur der „First Family“ vorbehalten ist. Den Angehörigen des jeweiligen Präsidenten. Es ist auch deutlich zu sehen, dass beide Aufnahmen koloriert wurden. Dem Schwarzweiß im Original sind unterschiedlich konturierte Pastelltöne gefolgt. Keine Sorge, das wird jetzt keine Bildbesprechung, und doch ist es mir wichtig, mich in diesen Aufnahmen fallen zu lassen, um eine Idee von der Grundstimmung des Romans zu bekommen. Zuletzt zeigt das dritte Cover die beiden Damen im Garten des Weißen Hauses. Stolz, aufrecht, Arm in Arm und im Gleichschritt. Eine vertraute Zielstrebigkeit strahlt dieses Bild aus. Sicher mehr, als die beiden Ladies es gerne offen gezeigt haben. Es ist mein Lieblingsbild, da es einen Hauch dessen widerspiegelt, womit ich es zu tun habe, wenn ich „Meine Zeit mit Eleanor“ lese.

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Eleanor Roosevelt und die Reporterin Lorena Hickok sind hier zu sehen. Erstere, die Ehefrau von Franklin D. Roosevelt, dem 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten, der sein Land in vier Amtszeiten von 1933 bis 1945 regierte. Die Kinderlähmung zwang ihn in den Rollstuhl. Seine politischen Fähigkeiten ließen ihn alle Untiefen des Zweiten Weltkriegs und die damit verbundenen innenpolitischen Verwerfungen überstehen. Sie, immer an seiner Seite. Eleanor Roosevelt. Weitgehend isoliert in dieser Zeit, umgeben nur von wichtigen Wegbegleitern und den Berichten vieler Zeitzeugen zufolge eine sehr populäre Präsidentengattin, die das Gemeinwohl im Sinn hatte. Und doch gab es eine Affäre, die niemals thematisiert wurde, die unausgesprochen die Zeit überdauerte und die von der Presse, oder dem politischen Gegner niemals offen ausgeschlachtet wurde.

Diese Affäre trug den Namen HICK, den Kosenamen von Lorena Hickok. Hier setzt Amy Bloom an. Hier beginnt sie ihren Roman, der vielleicht viel mehr ist, als das. Dabei betont sie eindeutig, einen historischen Roman geschrieben zu haben, in dem natürlich bekannte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte vorkommen, dessen Szenen und Dialoge jedoch frei erfunden sind. Das macht die Autorin frei, in einem authentischen Setting im historischen Kontext endlich das Unausgesprochene zu verarbeiten, das Nähkästchen zu öffnen und auszuplaudern, worüber einst nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde. Dass sie keinen Skandalroman schrieb ehrt sie. Dass sie sich vorbehaltlos einer besonderen Beziehung zwischen zwei Frauen näherte, wird den beiden Damen auf der Fotografie gerecht. Sie haben sich diesen Roman verdient, weil er endlich erzählt, was in den `30er Jahren für Eleanor und Lorena vernichtend gewesen wäre. Heute darf man auf ihre Liebe, Verbundenheit und Leidenschaft schauen, ohne sie zu verdammen.

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Während Eleanor Roosevelt im Zentrum des öffentlichen Interesses stand, verlief das Leben der aufstrebenden Journalistin Lorena Hickok wenig spektakulär. Aus armen Verhältnissen stammend, und am Ende einer traumatischen Jugend voller Missbrauch geht sie ihren eigenen Weg, erobert die Welt der Zeitungen für sich und begegnet zum ersten Mal in ihrem Leben der „First Lady“. Amy Bloom skizziert in ihrem Roman nicht nur diese gemeinsame Zeit, die genau in diesem Moment begann, sie nimmt uns mit in eine Vergangenheit, die es plausibel macht, warum sich hier zwei Seelenverwandte im White House in- und aneinander verlieren. Zeitsprünge werfen uns hin und her, bis das Verständnis für die komplexe Situation so weit gediehen ist, dass wir der Story nahezu problemlos folgen wollen und können. 

Amy Bloom bewertet nicht, sie seziert nicht, gibt Spekulationen wenig Raum. Sie erzählt, wie es gewesen sein könnte, wenn sich die Türen im Weißen Haus schlossen und zwei Frauen, die nach außen nicht sonderlich attraktiv wirkten und innerlich extrem vereinsamt waren, zueinander fanden. Aus Vertrautheit entsteht Nähe und aus ihr wird ein magisches erotisches, leidenschaftliches und amouröses Band, das ständig Gefahr läuft, von der Öffentlichkeit zerrissen zu werden. Dabei ist es weniger die gegenseitige Anziehungskraft, die den Frauen Halt gibt. Es ist der unglaubliche Respekt, den beide füreinander empfinden, der in einer lesbischen Beziehung gipfelt und endet. Ja, es gab den Plan, dies offen zu leben. Am Ende der Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt und damit am Beginn der Freiheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dass er es aber ganze vier Wahlperioden schaffte, an der Macht zu bleiben, war das Todesurteil dieser Wünsche.

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Amy Bloom gibt ihre Charaktere nicht der Peinlichkeit preis. Sie zieht sie nicht ans Licht und zieht sie nicht aus. Sie öffnet uns behutsam für eine Beziehung, die auch im Hier und Jetzt fatale Folgen haben würde. So sehr hat sich die Gesellschaft nun auch nicht gewandelt. Im Kontext der Affäre wirft Amy Bloom ein sehr präzises Licht auf das Umfeld beider Frauen, auf die Erwartungshaltung, die sie umgibt und die Verletzungen, die sie ertragen müssen. Der Präsident, ein vitaler Tausendsassa, wenn es darum geht, sich in die Herzen von Frauen zu stehlen und diese zu brechen. Seine Affären mit den Frauen aus seinem Umfeld hat Eleanor stillschweigend zu erdulden. Der Preis für das Leben im Weißen Haus ist hoch. Und doch steht neben der fragwürdigen Moral, die alle Bilder dominiert, die politische Leistung unter der Überschrift eines verantwortungsvoll geführten Amtes im Vordergrund. Hier wünscht man sich oft, dieser Roman würde jetzt im Regierungssitz Beachtung finden.

Amy Bloom stürzt keine Denkmäler vom Sockel. Sie gestattet einen Blick hinter die Kulissen der Macht und öffnet den Erzählraum in eine politische Welt, an der so manch anderer Präsident gescheitert wäre. Sie ermöglicht uns den Gesprächen mit Franklin D. Roosevelt zu folgen, seine Beweggründe zu erkennen und auch seine Haltung mit der Behinderung zu verstehen. Amy Bloom schreibt nieder, was sich Eleanor und Lorena insgeheim gewünscht haben. Am Ende der Beziehung steht die Trauer darüber, dass man ihre Geschichte nicht erzählt hat.

„Niemand schrieb je einen Artikel über Eleanor und mich.“

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Amy Bloom schrieb einen großen Sehnsuchtsroman, der nicht weit hergeholt ist. Wahrscheinlich bleibt sie näher bei der Wahrheit, als es ihre Absicht war. Ich habe gut verstanden, wo eine Leidenschaft begann und konnte intensiv nachvollziehen, was die beiden Frauen aneinander hatten. Amy Bloom macht aus dem offenen Geheimnis eine große Geschichte. Die Entwicklung ihrer Charaktere spiegelt ihre Geisteshaltung wider. Hick bleibt Hick. Ob in ärmlichen Verhältnissen oder später als Mitbewohnerin im White House. Und Eleanor braucht genau ihren Halt und ihre Bestätigung, um die Energie zu entfalten, die sie immer auszeichnete. Hier machen die Charaktere Geschichte. Es sind tatsächlich die Weißen Häuser, in die wir einziehen dürfen. In wichtigen Episoden ist es auch ein kleines Weißes Haus, in dem Franklin seine Kinderlähmung therapiert. „White Houses“ – Ein Spiegelkabinett, in dem die Geschichte nicht verzerrt wird.

Diese Geschichte ist für mich eng verbunden mit dem Roman „Hemingway & ich“ von Paula McLain. Auch in diesem Buch treffen wir auf Eleanor Roosevelt. Auch hier sind es zwei Frauen, die sich plötzlich, voneinander fasziniert gegenübersitzen. Martha Gellhorn findet in der Präsidentengattin eine Fürsprecherin für ihre Karriere. Ohne ihren Einfluss, wäre Martha niemals Kriegsberichts-Reporterin geworden. Ohne Eleanor wohl keine Zukunft an der Seite Ernest Hemingways. Es ist ein interessanter Gedanke, dass die angehende Weltjournalistin Gellhorn im Weißen Haus einer angehenden Reporterin begegnet sein muss. Bücher öffnen Denkräume. Diese beiden in besonderer Weise.

„… Ich war nie auf eine Ehefrau oder einen Ehemann neidisch gewesen – bis ich Eleanor kennenlernte. Dann allerdings hätte ich alles, was ich je an Gutem erlebt habe gegen das eingetauscht, was Franklin hatte, inklusive Polio und allem Drum und Dran.“ (Lorena Hickok)

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Meine Zeit mit Eleanor“ / Amy Bloom / Atlantik Verlag / 268 Seiten / 20,00 Euro / Übersetzt von Kathrin Razum

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Zum Welttag des Buches könnt Ihr das Buch von Amy Bloom in Begleitung eines Büchereulen-Unikats in Euren Regierungssitz lotsen. Hinterlasst einen Kommentar unter dem Artikel und verratet mir, was eine Super-Leseeule bei Euch vorfinden würde. (Einsendeschluss ist Samstag, der 27. April 2019)

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap - AstroLibrium

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Es war der Leuchtturm. Ich gebe es unumwunden zu. Es lag am Leuchtturm auf dem Cover der Hörbuchadaption zum Kinder- und Jugendbuch „Emilia und der Junge aus dem Meer“ von Annet Schaap. Er zog meinen Tunnelblick auf sich und suggerierte mir als Fortsetzung meiner Lese- und Hörreise zu den literarischen Leuchttürmen dieser Welt herausragend geeignet zu sein. Nein. Ich habe mich vorher nicht informiert. Nein. Ich las keine Rezensionen, die den Roman als „tolles Märchenbuch für Mädchen“ und „düstere, aber nicht hoffnungslose Geschichte“ bezeichneten. Ich bin so froh, dass ich mich meinem Buch-Instinkt auslieferte und einfach ja sagte zu dieser Geschichte.

Ich schrieb viel über Leuchttürme, habe den „Wächter der See“ zum Standardwerk allen Lesens erhoben und suche immer wieder nach guten Geschichten, in denen jene magischen Lichtzeichen eine wichtige Rolle spielen. Und sei es nur am Rande. Nun ist es also Emilia, die mein Hören bereichert. Aber nennen wir sie doch lieber so, wie das junge Mädchen von allen genannt wird, die es mögen. „Lämpchen“. Selten hat mich in der letzten Zeit der Spitzname einer jungen Protagonistin mehr gefesselt, als dieser. Es ist schon sehr faszinierend, wie sehr sich ein Name vor eine gesamte Geschichte stellt und fortan für sie steht.

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap - AstroLibrium

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Die Geschichte ist schnell umrissen. Sie ist nicht schnell erzählt und schon gar nicht ist sie oberflächlich, locker leicht oder kindgerecht vereinfacht. Sie ist sogar komplex in ihren wesentlichen Handlungssträngen. Sie ist facettenreich in den Themen, denen sie Raum gibt und sie ist grandios, weil sie spielerisch mit Schuld, Vorurteilen, Einsamkeit und Ausgrenzung umgeht, ohne eine völlig triste Grundstimmung zu erzeugen. Es geht um einen einzigen Fehler, der alles verändert. Es geht um die Nacht des Sturms, in der Lämpchen versäumte, das Licht des Leuchtturms zu entzünden. Es geht um die Nacht, als sie vergeblich durch den Sturm rannte, um die fehlenden Streichhölzer zu besorgen. Es geht um die Nacht, in der es schon zu dunkel und damit zu spät war, um das Sinken des Schiffes zu verhindern.

Natürlich nicht ihre Schuld. Doch Schuld fällt, und das beschreibt Annet Schaap so zeitlos eindringlich, immer von oben nach unten. Es war der Sturm, nein es liegt an den Klippen, oder doch an der Stadt, dem Bürgermeister oder dem Leuchtturmwärter? Klar. Man wird schnell fündig. Und mit Strafen ist man auch schnell bei der Hand. Lämpchen wird dazu verdonnert sieben Jahre lang im Haus des Admirals zu arbeiten, während ihr verwitweter Vater, der einbeinige und ständig betrunkene Leuchtturmwärter Augustus Wassermann im Leuchtturm eingesperrt wird, um seinen Fehler auszubügeln. Ihm hat Lämpchen den Schlamassel zu verdanken. Er ist gar nicht mehr in der Lage, das Licht zu entzünden, er ist in Lethargie gefangen und ihm scheint die eigene Tochter egal zu sein.

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Im Schwarzen Haus des Admirals kommt Lämpchen vom Regen in die Traufe. Sie betritt eine neue Welt voller Geheimnisse und neuer Pflichten. Sieben Jahre. Sie kann sich kaum vorstellen, wie sie diese Zeit ohne Vater und Leuchtturm überstehen soll. Es ist die liebevollste und aufrichtigste Loyalität, die wir erleben, wenn Lämpchen von ihrer Heimat spricht. Als sie dann noch erfährt, dass ein echtes Monster im Schwarzen Haus lebt, wird ihr Herz so richtig schwer. Womit hat sie das nur verdient? Eine Frage, die es in sich hat. Eine Frage, die Leser und Hörer umtreibt und nicht mehr loslässt. Auf dieser Frage basiert die Magie dieser Erzählung und der Hoffnungsschimmer, der uns wie ein Leuchtturm die Nacht erhellt.

Annet Schaap überzeugt in der Konstruktion ihrer Geschichte, die keine Längen aufweist. Sie lässt uns Emilias tiefe Einsamkeit ebenso erfühlen, wie sie uns verstehen lässt, dass es genau dieses Mädchen mit all seiner naiven Unbefangenheit ist, das sich dem Monster im Haus des Admirals in den Weg stellt. Große Themen für ein Buch, das für Zehnjährige bestens les- und hörbar ist. An Lämpchens Seite erheben wir uns und verteidigen den Vater, treten für das vermeintliche Monster ein, freunden uns mit jenen an, die voller Skepsis und Vorurteile ihre eigene Welt gestaltet haben. Lämpchen ist in der Lage Herzen zu erobern. In der Geschichte und außerhalb des Romans.

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Annet Schaap begibt sich im Schwarzen Haus auf erzählerisches Neuland. Es ist, als würde man einem modernen Hans Christian Andersen folgen, der ein Märchen in unsere Zeit transferiert. Erstmals begegnen wir jenem Monster und ahnen sofort, womit wir es hier zu tun haben. Das große Geheimnis ist das Geheimnis des Admirals, der im obersten Stockwerk etwas verbirgt, für das er sich vor aller Welt schämt und das er mit aller Macht zu leugnen versucht. Das Monster ist sein Sohn. Wohl wahr. Aber Edward ist auch der Sohn seiner Mutter, die längst verschwunden ist. Er ist alles, nur nicht das, wofür ihn die ganze Welt hält. Er ist kein Monster, nur anders. Und das war niemals so schwer wie jetzt, als er Emilia begegnet. Sein Hass auf die Welt versiegt, ihr gelingt es, auch sein Herz zu erobern.

Und sie tritt für ihn ein. Für ihn. Den Sohn einer echten Meerjungfrau. Den Jungen mit dem Fischschwanz. Hier erweitert sich der Erzählraum und gibt den Blick frei in die Welt eines Freaks, eines Monsters. Eingeschlossen. Weggesperrt und verleugnet. Tief verbittert und auf der Suche nach der Zuneigung seines Vaters. Die Autorin spricht hier jedem Kind aus dem Herz, das an der Erwartungshaltung Erwachsener verzweifelt. Sie schafft es, Empathie zu wecken für all jene, die sich unterscheiden. Anderssein ist der Makel, der im Licht des Leuchtturms sichtbar wird. Wird es Lämpchen gelingen, all die Konflikte der Geschichte zu meistern? Wird sie ihren Vater wiedersehen? Kann sie dem Meerjungmann zur Freiheit verhelfen und den Admiral dazu bringen, seinen Sohn doch noch zu lieben? Fragen, auf die Annet Schaap keine Antwort verweigert. Sie bleibt uns nichts schuldig. Und vielleicht… ja, ganz vielleicht wird sie eines Tages daran denken, dass Lämpchen so viel Potenzial in sich trägt, dass die Geschichte weitergehen könnte.

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap - AstroLibrium

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Ich habe mich fürs Hören entschieden. Lämpchen saß im Auto neben mir und wollte gar nicht mehr aufhören, mir ihre Geschichte zu erzählen. Sascha Icks hat alle Rollen der Hörbuchfassung auf sich vereinigt. Pirat, Leuchtturmwärter, Admiral, Lehrerin und Meerjungmann. Sie hat Dialoge geführt, von denen auch Lämpchen nur träumen durfte. Gespräche zwischen ihr und der toten Mutter. Gespräche mit sich selbst. Sascha Icks hat alles in die Figur von Lämpchen investiert, was ich mir nur wünschen konnte. Wut, Hilflosigkeit, Zorn, Angst und Widerspenstigkeit. Aber auch Zuneigung, Naivität, Liebe und Loyalität bis zum Letzten. Ihre Stimme wird für mich immer die Stimme Lämpchens sein. Sie ist wie das Lichtsignal des Leuchtturms, dem niemals die Streichhölzer fehlen. Diese Geschichte ist liebenswert, hoffnungsvoll und doch voller Elemente, die uns sehr nachhaltig zum Nachdenken bringen.  

Wer Die kleine Meerjungfrau liebt, wer sich gerne von Leuchttürmen verzaubern lässt und wer es kaum noch erwarten kann, eine grandiose junge Heldin zu treffen, der muss „Emilia und der Junge aus dem Meer“ lesen oder hören. Meine Empfehlung ist das Hören. Ach Lämpchen, ich kriege deine Stimme nie wieder aus dem Ohr. Und den Leuchtturm werde ich ebenfalls nicht vergessen. Ein würdiger „Wächter der See“, auch wenn sein Licht in einer Nacht dunkel blieb. Ohne diesen Blackout keine Geschichte.

„Auf der Halbinsel, von der hier die Rede sein soll,
steht ein Leuchtturm, dessen Licht nachts über die
kleine Stadt und das Meer hinwegstreicht. Auf diese
Weise sorgt er dafür, dass kein Schiff an dem Felsen
zerschellt, der so gefährlich inmitten der Bucht aufragt.
Und er sorgt dafür, dass die Nacht nicht ganz so dunkel
wirkt, das Land nicht ganz so groß
und das Meer nicht ganz so weit.“

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

„Emilia und der Junge aus dem Meer“ von Annet Schaap

Hörbuch Der Audio Verlag / ungekürzte Lesung / 7 Std 52 Min / Sprecherin: Sascha Icks/ 16,99 Euro Buch Thienemann-Esslinger Verlag / 400 Seiten / Deutsch von Eva Schweikart / 20 Euro

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Deathland Dogs von Kevin Brooks [Dystopie]

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Nicht wundern bitte. In dieser Rezension findet man wirklich alles was es braucht um einen Roman vorzustellen. Nur eben kein einziges Komma. Wird ein ziemlich flüssig zu lesender Text. Warum sollte ich auch auf Satzzeichen zurückgreifen (ups – hier müsste eigentlich eins hin) auf die Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn bewusst verzichtet hat? Wie Du mir so ich Dir. Punkt. Er hat sich sogar die Mühe gemacht zu erklären was die Schriftsprache in „Deathland Dogs“ von Kevin Brooks so einzigartig macht dass es auch in der deutschen Fassung galt Zeichen zu setzen indem man einfach keine setzte. Also keine Kommata. Dafür aber umso mehr Gedankenstriche. Einerseits wird das dem Original gerecht und andererseits haben wir unser Kommunikationsverhalten schon auf den Verzicht von Kommata ausgerichtet. WhattsApp lässt grüßen.

Warum dies alles wird man sich fragen. Ganz einfach. Die Geschichte wird von Jeet erzählt. Und genau das ist nicht leicht für ihn wurde er doch von Hunden großgezogen. Ein Hundskind steht im Mittelpunkt einer Dystopie die in der Zukunft spielt. Der Mensch hat sich fast selbst abgeschafft. Die Natur ist zum lebensbedrohlichen Raum geworden und der Kampf um die letzten Ressourcen macht aus zwei Clans erbitterte Feinde. Und Jeet steckt mittendrin. Aus den Klauen der Deathland Dogs befreit die ihn als Säugling entführten. Rehumanisiert und in den eigenen Clan integriert so gut es eben ging. Er ist anders als seine Leute. Robust. Schnell. Instinktiv. Das hat er wohl mit der Muttermilch seiner Hundsmutter aufgesaugt zu der er immer noch eine tiefe innere Verbindung fühlt. Es ist die große Frage seines jungen Lebens was er wirklich ist. Mensch oder Hund?

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Kevin Brooks führt seine Leser bestens strukturiert in die Deathlands ein. Er lässt keine Frage offen indem er Jeet zum Chronisten der Ereignisse macht. Eigentlich passt das gar nicht gut weil das Hundskind alles besser kann als die Geschichte seiner Leute niederzuschreiben. Das wird in der Schriftsprache deutlich. Ein Stilmittel das den Leser zum Gefährten von Jeet macht. Er schreibt wie er spricht. Flüssig und oftmals spontan ohne groß zu überlegen. Er schreibt unter Anleitung seines Ziehvaters Starry über das was er fühlt und beobachtet. Das Ergebnis. Beeindruckend. Authentisch und voller Sog. Unwiderstehlich. Und schon befinden wir uns selbst mittendrin. Im Kampf zweier Clans. Den Leuten von Jeet und den DAU die ihnen zahlenmäßig deutlich überlegen sind. Es läuft auf das letzte Gefecht um die Wasservorräte hinaus. Die Dau im offenen Gelände flexibel und schlagkräftig. Jeets Clan in einer isolierten Stadt. Eingeschlossen und vom Feind belagert.

Kevin Brooks nimmt Fahrt auf und macht aus seiner dystopischen Ausgangslage einen spannungsgeladenen Action-Mix der im Setting an Mad Max erinnert. Dabei verbindet er die Außenseiterstellung des Hundskindes auf eindrucksvolle Weise mit den zentralen Handlungselementen des Romans. Hier finden wir mehr als bloße Action. Es ist das Anderssein das dominiert. Aus dem Underdog wird ein Kämpfer für die Zukunft seiner Leute. Gut dass Jeet nicht alleine ist. Er ist nicht das einzige Hundskind seines Clans. Chola Se das Hundsmädchen und er fühlen sich voneinander angezogen. Eine Beziehung die in den Augen des Clans nicht sein darf. Das ist gegen das Gesetz. Und doch lässt sich gegen die Faszination die beide Dogchilds aufeinander ausüben nichts machen. Sie ist übermächtig.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Als Chola Se entführt und Jeet ins feindliche Lager geschickt wird um zu stehlen was die letzte Schlacht entscheiden kann entscheidet er sich nicht nur den gefährlichen Auftrag auszuführen sondern auch seine Freundin zu befreien. Kevin Brooks lässt Jeet zwischen allen Fronten ins Verderben laufen. Und doch lässt er ihn nicht allein. Hier ist es ein unsichtbares Band zu den Deathland Dogs und die Beziehung zur Hundsmutter das dieser Geschichte eine Dimension verleiht die uns extrem in ihren Bann zieht. Zwei Kinder an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Zwei Hundskinder. Traumatisiert und von ihrer Sonderstellung gezeichnet. Gefährten mit besonderen Begabungen. Und ein Verräter in den eigenen Reihen der seine Spuren so gut verwischt dass man ihm kaum auf die Schliche kommt. Und ein Rudel Deathland Dogs das draußen auf den verloren geglaubten Sohn wartet. Handlungselemente die eine explosive Mischung versprechen und ein Autor der jedes Versprechen hält. 

Ein waffenstarrendes apokalyptisches Szenario. Eine Mischung aus blutrünstigem Machtkampf zweier Clans und dem urwüchsigen Überlebenstrieb von Wildhunden. Ein actiongeladenes Gefecht auf mehreren Ebenen. Hier fließt Blut. Hier rollen Köpfe. Hier wird Auge um Auge abgerechnet. Gut und Böse verschmelzen in explosivstem Setting. Einzig den Hunden und den Hundskindern kann man vielleicht Gefolgschaft schwören. Den Menschen zu vertrauen fällt schwer. Und diejenigen denen man folgen würde sind die ersten Opfer des Schlachtens. Ein Pageturner dem ein extrem guter Plan zugrunde liegt. Eine Story die in all ihren Facetten so vielschichtig und greifbar ist dass man sich freiwillig mit Chola Se und Jeet jeder menschlichen Übermacht entgegenwerfen würde. Und eine Geschichte in der Raum bleibt für emotionale Momente.

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Wir sind Hunde sagte sie einfach. Hunde paaren sich fürs Leben. Das heißt wir sind jetzt eins – verstehst du? Wir leben zusammen kämpfen zusammen sterben zusammen.“

Ich liebe Dystopien. Ich liebe utopisch aus der Gegenwart abgeleitete Geschichten in einer literarischen Qualität die mich zum Nachdenken bringt. Was bei „Deathland Dogs“ augenscheinlich nur nach Action riecht hat einen inhaltlichen Beigeschmack der lange anhält. Ausgrenzung. Benachteiligung. Anderssein. Integration durch Zwang. Gesetze und Regeln zum Wohle einer Gemeinschaft und zu Lasten derer die außerhalb stehen. Hundskinder sind im Zweifelsfall unnütze Esser. Eine absolut unnötige Beanspruchung begrenzter Ressourcen. Unwertes Leben. Elementarer Bestandteil aller Ideologien die ihren Reichtum auf Kosten von Underdogs erwirtschaften. Spätestens hier schlägt der Roman eine wichtige Brücke zu politischen Diktaturen in denen die beschriebenen und gelebten Automatismen zum Massenmord führten.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Darüber hinaus ist diese Dystopie eine Liebeserklärung an die Wildhunde in den Deathlands. Sie stehen als sozialer tierischer Gegenentwurf den menschlichen Clans gegenüber. Urwüchsig und brutal. Und doch nur tötend wenn es sein muss. Hassend wenn es dem Arterhalt dient und treu bis in den Tod. Wenn ich die Wahl hätte ich wäre im Freien unterwegs. An der Seite der Hunde. Inmitten des Rudels. Ob Jeet und Chola Se sich diesen Traum erfüllen können beantwortet „Deathland Dogs“ ohne eine Frage offen zu lassen. Ich hatte das Vergnügen Kevin Brooks und den Übersetzer des Buchs anlässlich der Jubiläumslesung zum 60. Geburtstag des Autors in München zu treffen. Natürlich war ich nicht allein vor Ort in der Internationalen Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg zu München. Steffi von „Nur Lesen ist schöner“ wollte mich den Hunden nicht alleine zum Fraß vorwerfen. Nicht unser erster gemeinsamer Lesungsbesuch. Es wird viel zu erzählen geben.

Der Lesungsbericht schließt sich bald an. Blogübergreifend. Es sind wichtige und unbequeme Fragen die beantwortet wurden. Fragen ob das Ausmaß an Gewalt in den Romanen von Kevin Brooks eigentlich für jugendliche Leser geeignet scheint. Fragen nach der Notwendigkeit von Gewalt aber eben auch Fragen nach der Moralvorstellung die hier vermittelt wird. Über die geniale Übersetzung wird zu sprechen sein. Aber auch darüber wie oft man in den „Deathlands“ schießen kann wenn man eine Pistole mit 15 Schuss Munition findet. Eine überraschende Frage. Zugegeben. Aber ich habe gezählt.

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Steffi und ich werden über den Abend berichten. Und ich werde die Kommata die in dieser Rezension eingespart wurden im Lesungsbericht verwenden. Eine Investition in die Zukunft. Bis bald an genau dieser Stelle und bei Steffi. Danke fürs Lesen.

Deathland Dogs“ / Kevin Brooks / dtv / 538 Seiten / 18,95 Euro / Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – D. Mendelsohn

Eine Odyssee - Mein Vater, ein Epos und ich - Daniel. Mendelsohn - Astrolibrium

Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“. Klingt dieser Buchtitel nicht nach der Mischung aus Klassiker, Leben und ewigem Generationskonflikt? Hört sich dieser Titel nicht an, wie die ewige Irrfahrt auf einem Weltmeer des Beziehungsgeflechts zwischen Vater und Sohn? Und klingt er damit nicht sogar ein wenig abschreckend? Oft habe ich das in den Tagen zu hören bekommen, als mich das Buch von Daniel Mendelsohn auf den Bildern meines Lesens bei Facebook und Instagram begleitet hat. Viel zu komplex und sicher sehr philosophisch, sagte man mir. Nichts für mich, ich mag unterhalten und berührt werden, kein altphilologisches Studium absolvieren. Und Homers „Odyssee“ ist schon lange aus der Zeit gefallen. Wer beschäftigt sich noch damit?

Ja, zugegeben. Ein etwas sperriger Titel, wenn man sich dem entspannten Lesen hingeben möchte. Und doch hat er mich persönlich angesprochen und sehr neugierig darauf gemacht, welche Relevanz der gute alte Homer, ein angestaubtes Epos und die Helden aus längst vergangener Zeit für das wahre Leben und die Beziehung zwischen Vater und Sohn im Hier und Jetzt haben können. Diese Rezension soll ein wenig dazu beitragen, dieses Buch aus der Schublade einer Textanalyse herauszunehmen und es auf einen offenen und unbefangenen Tisch zu legen, der für jeden zugänglich ist. Man muss keinen Homer gelesen haben, man muss nicht mit Odysseus vor Troja gekämpft haben und es ist auch keine Kenntnis komplexer philologischer Sprachwissenschaften erforderlich, um sich auf eine Odyssee zu begeben, die Väter und Söhne lebenslang in stürmischer See vereint.

Eine Odyssee - Mein Vater, ein Epos und ich - Daniel. Mendelsohn - Astrolibrium

Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Vertrauen wir Daniel Mendelsohn. Geben wir ihm, dem intellektuellen Tausendsassa, Übersetzer, Dozent, Schriftsteller und Kritiker, die Chance einen Bogen von Odysseus bis zu seinem Vater zu spannen. Ein Bogen, der außerhalb der Familie Mendelsohn in jeder Beziehung tragfähig erscheint, weil wir alle unser Troja in uns tragen. Und glaubt mir, wenn ich sage, dass Mendelsohn uns behutsam durch ein Mysterium führt, das an Relevanz bis zum heutigen Tage nichts eingebüßt hat. Er erzählt mehrere Geschichten. Ihm gelingt im Dreiklang aus dem eigenem Leben als Sohn, dem Leben seines Vaters und Homers Odyssee eine gelungene Mischung aus Literaturtheorie und Lebenspraxis zu einem Rezept zu vereinen. Die wichtigste Zutat ist hier das gegenseitige Verstehen. Es ist ein einziger Impuls, der alles in Gang setzt. Es ist eine Idee, die sympathisch und doch verschreckend ist. Es ist die Initialzündung zur Vereinigung zweier Menschen, die sich fast aus den Augen verloren haben.

Da beschließt ein 81-jähriger Vater, der pensionierte Mathematiker, ein Mann der Zahlen und Formeln, ein Mann für den alles berechenbar ist, den Uni-Grundkurs seines Sohnes zum Thema „Odysseus“ zu belegen. Da setzt sich ein Mann in die Schulbank, der älter ist, als die Großväter der Studenten. Da sitzt er nun und lauscht den Vorträgen seines Sohnes, folgt den Ausführungen zu Homer, beginnt mit ihm und den Studenten zu diskutieren und beendet auf bewegende Art und Weise das Schweigen, das sich in den letzten Jahrzehnten zwischen Vater und Sohn ausgebreitet hat. Da spürt ein Sohn zu einem späten Zeitpunkt die Wertschätzung für das eigene Leben, den eigenen Weg und die eigene Idee vom großen Ganzen, die bisher unausgesprochen zwischen ihnen stand. Da erkennen die beiden Männer, dass sie selbst eine lange Odyssee hinter sich haben und es endlich an der Zeit ist, nach Ikarien zurückzukehren.

Eine Odyssee - Mein Vater, ein Epos und ich - Daniel. Mendelsohn - Astrolibrium

Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Als wäre die Geschichte dieser beiden so unterschiedlichen Männer nicht schon allein für sich erzählendwert, untermauert Daniel Mendelsohn diese Zusammenkunft im Lehrsaal mit dem großen Epos der Weltliteratur. „Die Odyssee“ steht für die große Metapher, die für die Beziehung zwischen Vater und Sohn signifikant ist. Welches Buch wäre geeigneter, diese wechselhafte Beziehung auf dem neutralen Boden der epischen Götterdämmerung nach Troja besser herauszuarbeiten, als ebenjene Odyssee? Daniel Mendelsohn geht in der Rolle des Dozenten auf. Er führt seine Studenten und uns mit leicht verständlichen Erklärungen in die Welt Homers ein. Er fasst zusammen, definiert die Technik des antiken Schreibens, wirft Fragen nach der Herkunft des Textes auf und nähert sich behutsam den inhaltlichen Aspekten des Epos.

Hier schlüpfen wir Leser in die Rolle der wissbegierigen Studenten und beginnen alles aufzusaugen, was wir als Neuland betreten dürfen. Mendelsohn interpretiert und wertet, er legt den Text aus und baut Brücken zur Literatur von heute. Und während er eigentlich von der „Odyssee“ spricht, werfen wir einen Blick auf den alten Mann in der letzten Reihe des Hörsaals und bemerken, dass er eigentlich über seinen Vater spricht. Die Gemeinsamkeiten sind nicht zu übersehen. Verbindendes und Trennendes wird zu den Parametern des eigenen Lebens. Während Odysseus, der „Schmerzensmann“ am Ende des Trojanischen Krieges mehr als zwanzig Jahre einer Irrfahrt benötigt, um nach Hause zurückzukehren, so hat es auch der Vater von Daniel Mendelsohn nach seiner Pensionierung als Mathematiker eigentlich nie geschafft, im eigenen Hafen anzulegen. Und wie Telemachos, so hat auch Daniel viel zu lange auf die Vaterfigur gewartet, der sich alles in den Weg gestellt hat, um die Heimkehr zu verhindern.

Eine Odyssee - Mein Vater, ein Epos und ich - Daniel. Mendelsohn - Astrolibrium

Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Auf diesem indirekten Weg lernen wir unglaublich viel über die Odyssee. Sie wird entstaubt, entzaubert und greifbar vor uns ausgebreitet. Plötzlich wird sie verständlich und nachvollziehbar. Wie aus dem Nichts beginnt sie zu faszinieren. Sie existiert nicht mehr nur, weil sie geschrieben wurde. Sie bekommt einen tiefen Sinn für das Leben im Leben zweier Männer, die ihre eigenen Kriege ausgefochten haben. So manches Pferd wird durch die Szenerie geschoben. Trojanische Pferde voller Lebenslügen. Die Helden verlieren ihre Strahlkraft und werden entzaubert. Als der alte Herr sich endlich von den Zahlen und Formeln löst, hinter denen er sich zeitlebens versteckt hat, und Odysseus in seine menschlichen Bestandteile zerlegt, werden die Studenten sehr hellhörig. Spricht der alte Mann hier noch über den Vater von Telemachos, den Helden, der weinerlich in sich zusammensackt, der seine Gefährten verliert und doch nach außen keine Gefühle zeigen kann, oder spricht er gerade über sich selbst. Über die eigene Unzulänglichkeit und damit über sein eigenes Versagen als Vater? Baut er seinem Sohn gerade goldene Brücken, die tragfähig genug für beide Männer sind. Endet hier das Schweigen?

Es ist nur logisch, dass sich diese Geschichte aus dem Hörsaal ins wahre Leben trägt. Es ist nur logisch, dass Vater und Sohn eine echte Kreuzfahrt unternehmen. Auf den Spuren von Odysseus. Weg von der Theorie. Raus auf die raue See und hinein in das echte Leben. Ein Weg, der spät, jedoch nie zu spät beginnt. Es ist die große Lehre, die man aus diesem Buch ziehen kann. Egal, ob Vater, Sohn, Mutter oder Tochter. Man kann sich finden. Man kann emotional nach Hause zurückkehren, wenn es gelingt, das eigene Trojanische Pferd zu verlassen. Man kann sich begegnen, auch wenn es schon zu spät sein könnte. Daniel Mendelsohn hat ein facettenreiches Buch über sich selbst, sein Leben und die Versöhnung mit seinem Vater geschrieben. Es bietet Halt und Ideen für eigene Entscheidungen. Es inspiriert und ebnet darüber hinaus den Weg zu einem der ganz großen Epen der Literaturgeschichte. Das ist Unterhaltung in Reinformat. Das ist nicht theoretisch, nicht verstaubt und beileibe nicht mystisch. Dass ist real!

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Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

Ich war sehr dankbar, immer wieder auf meinen Homer zurückgreifen zu können. Ich bekam unbändige Lust, eigene Spuren in der Odyssee zu entdecken. Ich wurde zu diesem Leseweg verführt. Danke, liebe Sonja, dass du ihn mir geebnet hast. Ohne den Ratschlag, mich auf meine eigene Odyssee zu begeben wäre mir ein sehr besonderes Leseerlebnis entgangen. Inzwischen bin ich umgeben von der Odyssee als Buch und in seiner Hörspielfassung. Ich habe mir die Illias zugelegt und Alesandro Baricco mit diesem Leseweg verknüpft. „So sprach Achill“ schmiegt sich jetzt an seinen Großvater an und leuchtet mehr als je zuvor. Und dann passierte etwas, das mir nur mit Büchern zustößt. „Habent sua fata libelli“ – Bücher haben Schicksale. Es gibt keine Zufälle. Ich schrieb darüber in meiner Rezension zu „Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak. Es war nichts weniger als ein Wunder, das sich für mich ereignete…:

Lesend und Hörend folgte ich dem Ich-Erzähler Mathew Dunbar, dem ältesten der Söhne. Ich war oftmals völlig verloren in den Rückblenden und Zeitscheiben. Und doch war es immer wieder Homer und seine Odyssee, die mich retteten. Ein Heldenepos im Kern eines modernen Romans. Die Geschichte der Heimkehr des Vaters. Die Legende vom wartenden Sohn und von Penelope, die vom Schicksal verzehrt wird. Ich bin mehr als dankbar fast zeitgleich „Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“ von Daniel Mendelsohn gelesen zu haben. Ich bin dankbar, die „Odyssee“ zu besitzen und in ihre magische Welt eigetaucht zu sein. Das ist mein Zugang zu Markus Zusak. Er ist mit der Welt von Homer verknüpft. Mein Weg ist sicher nicht der, den viele Leser gehen. Doch ist es mein Weg. Erkenntnisreich und von Markus Zusak nicht zufällig initiiert. Penelope war nie wundervoller, liebenswerter und tragischer. Der Fehlervogel gehört für mich zu den brillantesten Charakteren, die man für einen Roman erfinden kann.

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Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich – Daniel Mendelsohn

„Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“ ist in der Lage, den neuen Zusak zu rezensieren. Ein unglaublicher Gedanke, dass ein Buch das andere vorstellen kann. Es ist aber wirklich so. Als BuchhändlerIn würde ich beide Werke nur im Bundle verkaufen. Sie kommunizieren miteinander. Sie sind aus literarischer Sicht aus einem Fleisch und einem Blut. Homer würde sich fasziniert zeigen, wenn es ihn denn je gegeben hat. Auf diese Frage hat Daniel Mendelsohn ein paar interessante Antworten. Man sollte es sich nicht entgehen lassen, an Bord dieser Epen zu gehen und eine Odyssee zu wagen.

Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“ / Daniel Mendelsohn / Siedler Verlag / Übersetzer: Matthias Fienbork / 352 Seiten / 26 Euro

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„Niemals ohne sie“ von Jocelyne Saucier [Das Hörbuch]

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Es sind die verlorenen Mädchen, die in der kleinen literarischen Sternwarte eine neue Heimat finden. Es sind Mädchencharaktere in der Literatur, die auf der Strecke bleiben. Ausgegrenzt, verlassen, heimatlos oder einfach spurlos verschwunden. Ich bin zeitlesens auf der Suche nach Romanen, in denen ich diesen besonderen Mädchen in ihren Geschichten begegne. Selten zuvor sprang mich der Titel eines Romans so sehr an, wie dieser: „Niemals ohne sie“. Schon auf den ersten Blick war mir fast klar, dass ich im Buch von Jocelyne Saucier auf ein solches Mädchen stoßen würde. Mir war nur nicht klar, wie intensiv mich dieses Mädchen beschäftigen sollte, obwohl ich es niemals kennenlernen würde.

21 Kinder gehören zur Familie. 21 Kinder haben die Cardinals in die Welt gesetzt. Da verliert man schnell den Überblick und es fällt schon schwer, die Familie durch Untiefen und Schicksalsschläge zu navigieren. Besonders, wenn der Familienvater sein ganzes Leben lang immer ganz knapp am Glück vorbeigräbt. Als Erzsucher verdient er seinen Lebensunterhalt. Als Erzsucher wird er von allen geachtet und zugleich belächelt, liegt es doch in seiner Natur, immer nur erste Ausläufer neuer Erzvorkommen zu entdecken. Man muss ihm nur folgen und ein paar Meter neben ihm Graben. Schon hat man Glück und er blickt in die Röhre. Fatal für ihn. Fatal für die Familie. Er hat mehr Menschen im Minenstädtchen Norco reich gemacht, als man sich vorstellen kann. Sein Glück hat nie auf seine Frau und seine Kinder ausgestrahlt.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Sie fühlen sich betrogen. 21 betrogene Kinder und ihre betrogenen Eltern. Sie haben einen Plan, der das Glück erzwingen soll. Ein Plan, der Untertage liegt. Vor den Augen der Bewohner Norcos verborgen. Vor den Augen der Welt verborgen. 23 Verschwörer verbünden sich gegen die Welt. Nur ein paar Cardinals sind noch zu klein, um alles zu begreifen. Der Familienverbund organisiert sich. Ältere kümmern sich um Jüngere. Die Jungs fechten die Hierarchie aus, wer ihrem Vater zur Hand gehen darf und die Mutter versinkt in einer erschöpften Lethargie. Gezeichnet von 21 Geburten und nur noch vom Willen beseelt, ihre Kinder zusammenzuhalten. Untertage scheitert auch der Plan. Eine Explosion zerreißt nicht nur die Stille der Nacht. Sie zerreißt alles, was die Cardinals zu dem gemacht hat, was sie für einander waren. Untertage wird die Familie versprengt.

In der Nacht des fatalen Scheiterns senkt sich der dunkle Mantel des Schweigens über die Familie. Es gilt nicht nur Spuren zu verwischen, sondern auch einen Verlust vor den Augen ihrer eigenen Mutter zu verbergen, der schwerer wiegt, als die Aussicht auf ein Leben ohne den Reichtum, um den sie betrogen wurden. Es ist die Zahl 20, die fortan zur Bestimmungsgröße der Cardinal-Kinder wird. Es ist der Tod ihrer Schwester Angèle, der die Familie für immer aus der Bahn wirft. Es sind Fragen der Schuld, die im Raum stehen. Eine Schuld, die das Leben aller Cardinals verändert. Wie kann man der eigenen Mutter den Tod ihrer Tochter verheimlichen? Wie kann man sie ablenken? Wie kann man verhindern, dass sie beim abendlichen Durchzählen ihrer Liebsten auf diese Lücke in der Familie stößt? „Niemals ohne sie“. Der Titel des Romans ist das Mantra, unter dem die Zukunft aller Cardinals verläuft.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Jocelyne Saucier lässt Leser und Hörer in die labyrinthische Dunkelheit der Welt des Erzabbaus hinabsteigen. Sie entwickelt einen Erzählraum, der verschachtelt und geheimnisvoll ist. Sie schreibt von einer Familie, die eine eigene Gesellschaft darstellt. Die Umwelt ist der Feind. Der „Mikrokosmos Cardinal“ hat sich wie ein Igel mit Stacheln gegen die Bewohner von Norco und die Betreiber der Minen zu verteidigen. Eine kleine schlagkräftige Armee terrorisiert die Umgebung. Von Rachegedanken beseelt. In jenen engen Grenzen und in einer klaren Hierarchie funktioniert der Familienverbund. Bis es zur Tragödie kommt. Diese Mutter kann man nicht täuschen. Hier braucht es einen gut durchdachten Plan.

Diese Frau kennt uns besser als wir selbst. Sie hat uns aus der Wolle ihrer Seele gestrickt, sie kennt uns auf rechts und auf links, sie findet jede verlorene Masche wieder. 

Von diesem Tag an gilt es zu verhindern, dass die Familie sich komplett versammelt. In alle Himmelsrichtungen treibt es die großen und erwachsenen Geschwister. Es folgt ein jahrzehntelanges Versteckspiel voller Ausreden, Selbstzweifel und Vorwürfe. Alles, um der Mutter den Schmerz des Verlusts zu ersparen. Lebenswege öffnen sich, die so unterschiedlich sind, wie man es sich nur vorstellen kann. Keines dieser Leben verläuft einfach. Jedes ist geprägt von Schuld und Verlust. Besonders das von Tommy, die als Zwillingsschwester der verlorenen Angèle, viel zu oft ein falsches Spiel spielen musste.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

30 Jahre später. Es ist unumgänglich. Ein Kongress führt die Familie zusammen. Eine hohe Auszeichnung für den Vater lässt keine Ausflüchte mehr zu. Wie lange gelingt es, die Zahl 20 geheim zu halten? Wie lange kann man die eigene Mutter beschützen und wie begegnen sich die nun erwachsenen Kardinal-Nachkommen? Alte Wunden reißen auf. Ein explosives Gemisch versammelt sich in einem Hotel, in dem die Vergangenheit ihre Schulden eintreibt. Sechs Perspektiven erzählen uns die Geschichte. Sechs Jungs und Mädels aus dem Clan kommen zu Wort. Eine Konstruktion, die uns zu Suchenden nach der Wahrheit macht. Schritt für Schritt wächst die Erkenntnis. Langsam lüftet sich das Geheimnis und im Showdown scheint sich zu wiederholen, was vor 30 Jahren tief unter der Erde ereignete. Der große Knall.

Wenn ich vom Alleinstellungsmerkmal eines Hörbuches schreibe, dann nur, weil es mehr bietet als das eigentliche Buch. Sechs Stimmen brennen sich ins Herz des Hörers ein. Sechs Stimmen, die sich nicht überlagern, erzählen ihre Geschichten. Nur einer Stimme, nur einem Charakter ist es vorbehalten, ein zweites Mal aufzutreten. Aus gutem Grund. Tommy. Sie spricht nicht nur für sich, sondern auch für ihre Schwester. Es sind unglaubliche Stimmen, die hier zu einer Hörbuchproduktion vereint wurden. Es sind Stimmen, die den Cardinals Identität verleihen. Starke Männer und noch stärkere Frauen kommen zu Wort. Eindringlich. Jeder dieser Stimmen gehört eine CD. Sieben CDs umfasst die Produktion. Mehr als sechs Stunden, die man so schnell nicht mehr vergisst.

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Die SprecherInnen und ihre Rollen (Spitznamen der Cardinals):

Devid Striesow liest Matz
Claudia Michelsen liest Jeanne d`Arc
Anna Thalbach liest Tommy
Sabin Tambrea
liest El Toro
Robert Stadlober
liest Émilien
Benno Fürmann liest Geronimo

Diese Stimmen setzen sich fest. Es ist äußerst ungewöhnlich, sie ohne Überlagerung, ohne Dialog erleben zu können. Obwohl jeder dieser brillanten Stimmen ein Part dieser Geschichte gehört, scheinen sie miteinander zu kommunizieren. Das Mosaik setzt sich von CD zu CD zu einem komplexen Bild zusammen, das man nicht mehr aus dem Ohr bekommt. Verlorene Mädchen. Das war für mich die Überschrift des Hörens. Angèle ist präsent, ohne selbst zu Wort zu kommen. Sie ist das Mädchen, dem ich eine neue und geschützte Heimat geben möchte. In bester Gesellschaft mit den „Lost Girls“, die mir in meinem Lesen und Hören bisher begegneten. Eigentlich hat sie die Cardinals nie ganz verlassen. Vielleicht ist sie die Klammer die alles zusammenhält. Und doch ist sie eine lebenslange Treibladung am explosiven Kern einer Familie, die um ihr Glück betrogen wurde.

“In dieser Familie ging es nie darum, glücklich zu sein. Also kann man sich auch nicht beschweren, dass wir es nicht geschafft haben.”

Lassen Sie sich auf die Cardinals ein. Versetzen Sie sich in ihre Lage und versuchen Sie den Gedanken zu wagen, wie es ist, wenn man „Niemals ohne sie“ leben kann. Es ist ein starker Roman aus der Feder der kanadischen Autorin Jocelyne Saucier. Auch wenn das Original bereits im Jahr 2001 unter dem Titel „Les héritiers de la mine“ (Die Erben der Mine) erschienen ist, die Geschichte ist zeitlos. Ich empfehle das Hören. Aus gutem Grund.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier und die verlorenen Mädchen

Folgen Sie mir bitte zu weiteren verlorenen Mädchen. Sie haben es sich verdient, erlesen und erhört zu werden.

Niemals ohne sie“ / Jocelyne Saucier / ungekürztes Hörbuch / Random House Audio / 6 Std. 11 Min. / 7 CDs / 20 Euro / Übersetzung: Sonja Finck / Roman – Suhrkamp