Die „Verborgene Chronik“ (1914 – 1918) in Schrift und Ton

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Warum nicht mit meinem diesjährigen Urlaub beginnen? Warum nicht mal erklären, was mich angetrieben hat, eine 2500 Kilometer lange Reise durch Frankreich an einem Ort zu unterbrechen, der so gar nicht für Erholung und eine schöne Aussicht steht? Ein Abstecher, der nicht nur mir verdeutlichen sollte, dass für mich nicht selbstverständlich ist, was viele Touristen als völlig normal erleben. Es war nur ein kleiner Umweg der uns zu den Schlachtfeldern von Verdun führte, zum Beinhaus von Douaumont und zu den unzähligen Kriegsgräbern der Gefallenen des ersten Weltenbrandes. Es ist gerade mal 100 Jahre her, da lagen sich dort deutsche und französische Soldaten gegenüber, nur wenige Meter durch Schützengräben und Stacheldraht voneinander getrennt. Und doch vereint in der Angst vor dem nächsten Angriff, der Furcht vor Giftgas und zermürbt vom unendlich scheinenden Abnutzungskrieg.

Es ist nicht selbstverständlich dort zu stehen. Nicht für mich. Es ist nicht gänzlich selbstverständlich, in dem Nachbarland willkommen zu sein, das in den letzten hundert Jahren gleich zwei Mal von unseren Vorfahren in einen Krieg gezogen wurde. Es liegen drei Generationen zwischen den brutalen Gefechten von einst und meinem Besuch an den Gedenkstätten des Ersten Weltkrieges. Meine Großväter gehörten zu den Soldaten des Kaiserreiches, die auf diesen Schlachtfeldern ihre Spuren hinterließen und an Leib und Seele traumatisiert nach Hause kamen. Es ist für mich nicht selbstverständlich dort zu stehen. Es gäbe mich nicht, wenn auch nur einer meiner Großväter da gefallen wäre wo Unzählige ihr Leben ließen. Wenn diese Kreuze erzählen könnten, sie würden wohl vom Wahnsinn des Krieges künden. Ein hundertausendstimmiger stummer Chor. Und doch so laut, wenn man genauer hinhört.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Was fühlten diese Menschen an der Front, wie lebten sie diesen Krieg, wie erlebten und überlebten sie ihn? Eine Frage, die mich beschäftigt und der ich immer wieder auf den Grund gehe. Primärquellen helfen dabei, sich in die Situation zu versetzen. Briefe von der Front, Feldpostbriefe genannt und Tagebücher bieten einen genauen Blick auf die einzelnen Schicksale. Viele Bücher las ich zu diesem Thema. Eines wartete lange auf seine Fortsetzung. Die „Verborgene Chronik 1914“ von Lisbeth Exner und Herbert Kapfer (Galiani Verlag) war der erste Band einer chronologischen Tagebuchcollage, die zahllose private Diaristen des Ersten Weltkrieges zitiert. Alleine im ersten Teil, der sich mit dem ersten Kriegsjahr auseinandersetzt, kommen 57 unveröffentlichte Stimmen zu Wort, die ein Mosaik der Gefühlslage an der Front und in der Heimat entstehen lassen. Die einfachen Menschen, die hier nur für sich geschrieben haben und von denen meist nur die Tagebücher im Deutschen Tagebucharchiv geblieben sind, ahnten nicht, dass ihre Worte je von uns gelesen werden. Dazu waren sie nicht gedacht. Wir sollten heute vertrauensvoll mit diesen Zeitzeugnissen umgehen. Sie sind privat!

Die verborgene Chronik 1915 – 1918

Nun liegt der große finale Wurf dieser Collage vor. In einem Band haben die beiden Herausgeber alle Tagebucheinträge über die Kriegsjahre 1915 bis 1918 veröffentlicht. Und zeitgleich zu diesem historischen Zeitzeugnis von Format aus dem Galiani Verlag hat Der Hörverlag eine Gesamtausgabe der verborgenen Chronik von 1914 bis 1918 in einer zweistimmig gelesenen gekürzten Audio-Fassung veröffentlicht. Ein literarisch grandioses Großprojekt, dessen Inhalt in keinem Geschichtsbuch dieser Welt zu finden ist liegt nun als über 800-seitiges Buch und als gekürzte Lesung auf 15 CDs mit einer Laufzeit von mehr als 19 Stunden vor. Diesen Raum hat sich die Tagebuch-Kollektion verdient. Sie verleiht im wahrsten Sinne des Wortes nahezu 100 Tagebuchschreibern, die bisher im Verborgenen geblieben sind, Stimme und Gewicht.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Hier finden wir sie: Den einfachen Frontsoldaten, dessen Kriegsbegeisterung von Tag zu Tag zu schwinden beginnt, und lethargischer Resignation Platz macht. Den Offizier, der fast den gesamten Krieg in Gefangenschaft verbringt und sich darum sorgt, ob ihm gestattet wird, seine Andenken von unterwegs mit in die Heimat bringen zu können. Die jungen Mädchen, die ihre Erinnerungen niederschreiben, gefärbt vom Unterricht und im Glauben an die Zeitungsmeldungen dieser Tage. Den Armeepfarrer, der im Verlauf des Krieges alles verliert, was ihm wichtig war, der seinen gefallenen Bruder im Sarg nach Hause begleitet und anderen Trost spenden muss. Von göttlichem Beistand kann nicht mehr die Rede sein. Den Arzt, der seine Hilflosigkeit erkennt und die Frauen, die in der Heimat auf die Rückkehr ihrer Liebsten hoffen.

Aber auch skurrile Einträge lassen aufhorchen. So findet zum Beispiel der Brief von einer Ehefrau an ihren an der Front kämpfenden Mann seinen Weg ins Tagebuch eines Soldaten, der die Post kontrolliert. Sie teilt ihrem Mann mit, dass sie nun schwanger ist. Natürlich nicht von ihm. Sie habe ja auch drei Wochen nichts von ihm gehört und groß war der Schreck, als er sich plötzlich wieder meldete. Sie freue sich über das Geld, das er nach Hause schicke, weil ja alles so teuer sei und äußert sich glücklich darüber, ihn an der Front zu wissen, da er ja dort kostenloses Essen bekäme. Vielleicht käme ja das Kind tot zur Welt und dann sei alles wieder gut. Gezeichnet: Deine aufrichtige Frau. Ja, da kann man sich vorstellen, warum sich Frontsoldaten selbst erschossen haben.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Ohne Wertung durch die Herausgeber, ohne jeglichen Eingriff von außen werden wir zu Zeugen des subjektiv Erlebten. Erst die meisterliche Collage ergibt ein Bild, das sich bewerten lässt. Widersprüche, Propaganda und gezielte Fehlinformationen lassen sich identifizieren. Die Lebensumstände an der Front und die sich immer dramatischer verschlechternde Ernährungslage in der Heimat werden fühlbar. Und letztlich wird klar, worauf die Nationalsozialisten nur wenige Jahre später aufbauen konnten. Hier zeigen sich die ersten Spuren der Dolchstoßlegende einer im Felde unbesiegten Armee, die gedemütigt und nach zahllosen Opfern und Entbehrungen nur durch unfähige Politiker verraten wurde. Eine Legende, die zum Umsturz beitrug, Soldatenräte möglich machte, die Weimarer Republik stark belastete und spätestens ab 1933 gerne für die Rache am sogenannten Erzfeind Frankreich herhalten musste.

All dies lässt sich aus den Tagebucheinträgen herauslesen. Die Sinnlosigkeit des Krieges wird greifbar. Da stehen diese Dokumente den Kriegstagebüchern von Ernst Jünger in nichts nach. „Die verborgene Chronik“ erreicht ein beschreibendes Niveau das bei Walter Kempowski in seinem Echolot-Projekt über den Zweiten Weltkrieg zu Weltruhm gelangte. Nur fehlen die Prominenten, die Politiker, die Intellektuellen, die im Echolot zu Wort kommen dürfen. Hier sind es ganz kleine Gestalten am Rande unserer Geschichte, die ihre Sichtweisen vertreten. Das macht „Die verborgene Chronik“ sehr authentisch und greifbar. Das kann unseren heutigen Blick auf die Glaubwürdigkeit von Nachrichten schulen. Fake-News sind keine Erfindung unserer Zeit. Und gegen einen gesichtslosen Gegner kämpft es sich am besten. Darauf sollten wir achten.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

„Die verborgene Chronik“ in Schrift und Ton ist eine große Vereinzelungsanlage der Schicksale. Hier dominiert kein WIR oder UNS. Hier ist es der Einzelne, der ohne Pathos von seinen Ängsten berichten darf. Die Individualisierung der Erlebnisse macht den Schrecken des großen Ganzen erst richtig greifbar. Und an den zahllosen Gräbern vor Verdun stellt man sich die Frage, wie viele unerzählte Geschichten hier begraben liegen. Wie viele Generationen es nicht geben durfte, weil hier massenhaft gestorben wurde und warum man nichts daraus gelernt hat, sondern kaum 20 Jahre später erneut die Kampfstiefel auf diese verbrannte und geheiligte Erde setzte.

Was das mit meinem Urlaub zu tun hat? Ganz einfach. Ich hörte jenen zu, die noch zu Wort kommen konnten. Das ist das Verdienst der verborgenen Chronik. Ich lauschte den nie erzählten Geschichten über den Gräbern des Beinhauses von Douaumont und erzählte meiner Tochter von zwei Ländern und zwei Kriegen, von ihren Urgroßvätern in Frankreich und von Versöhnung danach. Ich erzählte ihr, der jungen Erstwählerin, wie sich Politik auf ihr Leben auswirkt. Der Antrittsbesuch eines französischen Präsidenten in unserem Land setzt heute fort, was zuvor mit freundschaftlich gereichter Hand über diesen Gräbern eingeleitet wurde. Und letztlich sind wir es, die Politik machen, weil wir bei allem Spaß dieser Welt nicht leugnen, was uns die Geschichte an Verantwortung in das Tagebuch des Erinnerns schrieb.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Der Erste Weltkrieg in der kleinen literarischen Sternwarte.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

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„Dann schlaf auch du“ von Leïla Slimani – Prix Goncourt 2016

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Erneut hat sich gezeigt, dass der französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ein herausragender Gradmesser und Indikator für gute Bücher ist. Ich habe einige der Werke gelesen, die mit diesem (immerhin mit symbolischen 10 Euro dotierten) Preis in unserem Nachbarland ausgezeichnet wurden und habe mein Lesen niemals bereut. In diesem Jahr stürmt der letztjährige Sieger die deutschen Bestsellerlisten und auch hier ist es so, dass man nur konstatieren kann: Chapeau – Hut ab. [weiterhören]

Dann schlaf auch du – Meine Radiorezension für Literatur Radio Bayern – Hier klicken

Leïla Slimani gilt derzeit als die aufsehenerregendste Schriftstellerin Frankreichs. Die Autorin mit französisch-marokkanischen Wurzeln wuchs in Rabat auf und kam erst im Alter von siebzehn Jahren nach Paris, studierte an einer Eliteuniversität, begann im Bereich des Journalismus ihre ersten deutlichen Spuren zu hinterlassen und wurde im Jahr 2016 für ihren psychologischen Thriller „Chanson Douce“ mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Im Sog dieses Prädikates folgte die Veröffentlichung des Romans in 30 Ländern weltweit und jetzt hat uns diese Story auch erreicht. Im Titel geht es in der deutschen Übersetzung von Amelie Thoma nicht um ein Chanson, erinnert uns jedoch stark an eine Kinderliedzeile, die den Roman in seiner Gänze umfasst. LaLeLu.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Dann schlaf auch du“. Unzählige Kinder dieser Welt sind bei diesen Worten sanft in die süßesten Träume entschlummert. Eine behütete Kindheit und ein Elternhaus voller Zuwendung und Wärme sind sicher die ersten Assoziationen, die wir mit diesen Zeilen verbinden. Doch nichts davon finden wir im Roman von Leïla Slimani wieder. Ich habe mich der Geschichte, die sie erzählt, abwechselnd lesend in der gebundenen Fassung aus dem Luchterhand Verlag und hörend in der Hörbuchadaption von Der Hörverlag gewidmet.  Zwei augen- und ohrenscheinlich unterschiedliche Wege, die jedoch in sich so sehr zur Stimmung und meinen Gefühlen passen, die mich in diesen Stunden ereilt haben.

Es ist kein leichtes Thema, mit dem sich Leïla Slimani intensiv auseinandersetzt. Ganz besonders, wenn der Leser oder Hörer selbst Kinder hat, ist es unmöglich, dem Inhalt emotionslos zu folgen. Lesend hatte ich noch die Chance, mich manchmal doch ein wenig zurückziehen zu können, die nächste Seite nicht aufzuschlagen, um einfach nicht zu erfahren, was geschieht. Hörend war es fast nicht machbar, dem Erzählstrom von Constanze Becker zu entfliehen. Sie verleiht der geradlinigen Sprachmelodie der kurzen und prägnanten Sätze aus der Feder von Leïla Slimani eine Dynamik, der man sich kaum entziehen kann. Dabei liest die Hörbuchsprecherin fast quälend emotionslos und ich denke, nur so kann man dieses Buch in seiner Audiofassung präsentieren. Hier wäre ein „Mehr“ an Gefühl deutlich zuviel gewesen.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Leïla Slimani schreibt in diesem Stil. Fast schon versachlicht, neutral. Ihre Sicht auf die Geschichte ähnelt der eines Chronisten auf einem Feldherrenhügel, der unter sich den tausendfachen Tod und seine Konsequenzen beschreibt. Das Gefühl überlässt sie dem Leser. Na besten Dank auch. Dieser literarische Kunstgriff in meine Psyche ist der Autorin mehr als gelungen. Beschreibt sie doch das schlimmste Drama, das Eltern sich nur vorstellen können. Beschreibt sie doch schon auf den ersten Seiten des Romans im schonungslosen Klartext den Doppelmord an zwei Kleinkindern. Ein Roman, der quasi auf dem Seziertisch der Ermittler beginnt. Kindsmord. Schwer zu begreifen.

Was uns Leïla Slimani im Mittelpunkt von Dann schlaf auch duallerdings erzählt ist zutiefst menschlich, psychologisch, empathisch und nicht zuletzt französisch.

Menschlich ist es, weil in der Ausgangssituation klar wird, wie das typische Leben von Eltern verläuft, wie die Rollenverteilung zumeist aussieht und was dies für eine Mutter bedeutet. Ihr fehlen die Kontakte, sie hat nur noch Gesprächsstoff, der sich um Kinder und Windeln dreht und beruflich fällt sie ins Niemandsland zurück, während der Vater in seinem Leben außerhalb der Familie weiter Vollgas geben kann. Myriam kehrt in ihren Beruf als erfolgreiche Anwältin zurück. Realisierbar ist dieser Schritt jedoch nur, weil sie ihre beiden kleinen Kinder Adam und Mila einer Nanny anvertraut.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimanim

Psychologisch ist es, weil schon hier der Balanceakt zwischen Selbstverwirklichung und Familie offen zutage tritt. Psychologisch ist es, weil das schlechte Gewissen einer Mutter auch durch ein Kindermädchen nicht beruhigt wird. Aber geradezu verstörend in seiner Wucht ist es, weil die Perspektive der Nanny eine grausame Dimension erreicht, die alle Fragen aufwirft, wem man eigentlich vertrauen kann. Eigentlich entspricht das Kindermädchen Louise dem Idealbild einer Nanny. Sie steht mitten im Leben, ist selbst Mutter und sie wird in kürzester Zeit von den Kindern vergöttert. Louise macht sich für die kleine Familie unersetzlich, sie ist helfende Hand, liebevolle Erzieherin und hält den zunehmend gestressten Eltern den Rücken frei.

Empathisch ist es, weil Leïla Slimani tief in das Leben und die Psyche von Louise und ihre Situation eintaucht. Während ihre eigene Existenz ins Schlingern gerät und sie nur noch in ihrer Rolle als Kindermädchen einen Ausweg sieht, beginnt ein schonungsloser Revierkampf, um diese Position zu festigen und zu erhalten. Es fällt nicht schwer, sich mit Louise und ihrer Rolle zu identifizieren. Es fällt nicht schwer zu erkennen, wie sehr sie zu kämpfen hat. Und es fällt nicht schwer, ihre Torschlusspanik nachvollziehen zu können. Nur wir Leser sind dazu in der Lage. Dieses Privileg gewährt uns die Autorin. Und doch schreien wir innerlich in den Momenten auf, in denen die Eltern zu blind und zu egoistisch sind, um die Warnzeichen einer Fehlentwicklung zu erkennen, die fatale Konsequenzen haben sollte.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Französisch ist es, weil Leïla Slimani die speziellen sozialen Rahmenbedingungen in diesen Roman einfließen lässt, die in der französischen Gesellschaft eine große Rolle spielen. Illegale Arbeitskräfte aus den ehemaligen Kolonien, Frauen ohne Papiere, die dazu gezwungen sind, in reichen Haushalten auf die verwöhnten Kinder aufzupassen und dabei doch ständig in der Gefahr der Abschiebung leben. Abhängigkeit in jeglicher Beziehung ist die Folge. Der Alltagsrassismus rückt in den Vordergrund. Louise jedoch hebt sich deutlich von ihren illegalen Kolleginnen ab. Umso schlimmer ist es für sie, am Rand der Gesellschaft leben zu müssen. Das gibt ihrem Kampf eine besondere Note.

Leïla Slimani frisst sich multiperspektivisch in ihren Roman hinein. Ich hatte nicht eine einzige Chance, ihr zu entkommen. Wenn ich das Buch schloss, drehte mein Kopf durch. Hilflos verfolgt man den Verlauf der Schlinge, die sich immer enger zieht. Wenn ich Constanze Becker im Hörbuch eine Pause gönnte, so revanchierte sie sich nicht bei mir. Ihre Stimme schien immer weiterzuerzählen. Unaufhörlich und extrem eindringlich. Es ist ein unwiderstehlicher Sog, den dieser Roman entfaltet. Es ist die schonungslose Wahrheit, die er akribisch genau erzählt. Und es ist eine bittere Erkenntnis, die auf den letzten Seiten Besitz vom Leser ergreift. Lesen und hören. Mein Königsweg durch eine Geschichte, die noch lange in mir toben wird.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

David Foenkinos – „Das geheime Leben des Monsieur Pick“

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Die Literatur schreibt die größten Geschichten selbst. Sagt man doch so, oder? Es ist wie mit dem Leben. Da braucht es keine Fantasie oder gar kreative Gedanken. Man nennt es landläufig nur Schicksal und schon ist die beste Story der Welt im Kasten. Das muss sich auch David Foenkinos gedacht haben, als er sich Das geheime Leben des Monsieur Pickausgedacht hat. Da setzt sich ein renommierter Schriftsteller hin und konstruiert die Ausgangssituation für einen Roman so plausibel und brillant, dass er im Verlauf seiner Geschichte in der Lage ist, die gesamte Buchbranche auf die Schippe zu nehmen. Und das geht so:

Nehmen wir einmal an, es gäbe in einem kleinen französischen Städtchen eine kleine Bibliothek. Nehmen wir darüber hinaus an, der dortige Bibliothekar wäre der Anhänger einer Idee, die es in Amerika zu bescheidenem Ruhm gebracht hätte. Nehmen wir an, dieser Bibliothekar würde den Leitgedanken der Brautigan Library in der Bretagne mit neuem Leben füllen und eine Bibliothek der unerwünschten Manuskripte aufbauen. Richtig gelesen. Jean-Pierre Gourvec kann sich die Höllenqualen abgelehnter Autoren nur zu gut vorstellen und bietet ihnen die Möglichkeit, ihre von den Verlagen ignorierten literarischen Totgeburten aufzunehmen und für die Nachwelt zu bewahren.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Ist es nicht ein tröstlicher Gedanke, sich auf diesem Wege vom Druck befreien zu können, einen Herzenstext nicht veröffentlichen zu können? Für Gourvec ist es wie der Jakobsweg der Literatur und es dauert nicht lange, bis die Wallfahrten der erfolglos schreibenden Autoren einsetzt. Er braucht schnell Verstärkung und engagiert eine Frau, die nun wirklich über die besten Voraussetzungen für den Job verfügt. Sie interessiert sich nicht für Literatur, war aber schnell genug mit ihrer Bewerbung. Magali wird in den folgenden Jahren des Aufschwungs der Bibliothek der unerwünschten Manuskripte fast unverzichtbar für Gourvec. Bis zu seinem Tod.

Und schon ist er fertig, der brillante Erzählraum von David Foenkinos. Jetzt kann er richtig loslegen und sein Szenario in vollen Zügen genießen. Und wie er es genießt. Das spürt man auf jeder Seite, in jeder Zeile und fast bei jedem Wort. Auftritt Delphine Despero. Die erfolgsverwöhnte Lektorin spürt den Druck des Buchmarktes am eigenen Leib. Nach einem überraschenden Bestseller muss sie erneut liefern. Nur kann sie jetzt nicht auf ihren Freund setzen, der ihr zum letzten Erfolg verhalf, jetzt aber nichts mehr zustande bringt. Der Zufall (oder das Schicksal) springt sie an. Sie hat Glück, denn bei einem Besuch in der Bibliothek der unerwünschten Manuskripte stößt sie auf ein Werk, das alle Voraussetzungen erfüllt, den Buchmarkt zu erobern.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Hier setzt David Foenkinos das Skalpell an, hier vollführt er seine Schnitte mit einer chirurgischen Präzision, die der Buchwelt alle Masken aus dem Gesicht schneidet. Man stürzt sich auf das geheimnisvolle Werk. Der Inhalt ist zwar relevant, eine schöne Story ist es ja schon, aber die Geschichte rund um diesen Roman und den geheimnisvollen und bereits verstorbenen Verfasser macht ihn zum begehrten literarischen Objekt. Wir werden Zeugen von Recherchen im Umfeld des Autors. Grandios, dass er Pizzabäcker war. Grandios, dass er scheinbar unbelesen war. Grandios, dass seine Familie nichts davon ahnte, dass er jemals etwas geschrieben hat. Grandios. Grandios. Grandios.

Wir erleben Vertreterkonferenzen, fühlen die elektrifizierende Wirkung im Verlag und erleben das, was man gemeinhin als Hype bezeichnet. Das Buch des Pizzabäckers aus der Bretagne wird zum Bestseller. 300000 Exemplare gehen in kürzester Zeit über die Ladentische. Der Buchhandel ist entzückt, die Medien drehen durch und in der Familie von Monsieur Pick beginnt man die Tantiemen zu zählen. David Foenkinos zelebriert alle Automatismen der Branche. Er wirft satirisch anmutende und doch so reale Blicke hinter die Kulissen der Verlagswelt und lässt seine Leser auf einer Welle des Genusses durch seinen Roman reiten.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Dabei führt er uns andere Erfolge der französischen Literatur vor Augen. Sie sind die Wegbegleiter dieser Geschichte, denn Romane wie „HHhH“ von Laurent Binet und Unterwegs zu Swann von Marcel Proust haben ihre so eigenen unverwechselbaren Geschichten und zeigen, wozu unser Buchmarkt immer wieder in der Lage ist. Plötzlich wird das Schicksal, unveröffentlicht zu sein zum Prädikat. Verlage springen auf den Zug auf und der große Reibach beginnt allumfassend. Man könnte brüllen vor Lachen, wenn man nicht gerade Buchliebhaber wäre und langsam den Wahrheitsgehalt dieser Story begreifen würde.

Wir taumeln durch eine Erfolgsgeschichte, die nur einen kleinen Schönheitsfehler hat. Kein Erfolg ohne Neider. Kein Hype ohne Haar in der Büchersuppe und nichts geht ohne, dass man zwanghaft versucht ist, auch das letzte kleine Mysterium im geheimen Leben des Monsieur Pick zu lösen. Ein abgehalfterter Kritiker macht sich auf die Fährte. Er will seine Sensation. Er will aufdecken, was bisher den Zauber der Geschichte und damit den Erfolg garantierte. Er will beweisen, dass es unmöglich der Pizzabäcker aus der Bretagne gewesen sein kann, der diesen grandiosen Roman verfasst hat. Ich folge ihm. Freue mich auf weitere Wendepunkte in der wundervoll erzählten Geschichte von Foenkinos und begehe den Lesefehler meines Lebens, weil ich lesend verdrängt habe, wessen Buch ich hier lese. Wessen Hörbuch ich mit einem brillanten Axel Milberg hier höre. Es geht um den Autor von Charlotte. Das hatte ich verdrängt.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Oh Mann – Da schreibt dieser David Foenkinos über 280 Seiten einen unglaublich satirischen und unterhaltsamen Roman über die Welt des Buchmarktes. Da fabuliert er, überzeichnet, persifliert und packt mich mit jeder Seite und jedem neu auftretenden Charakter neu. Im Hörbuch bringt mich Axel Milberg mit seinem scheinbar harmlosen Charme, wohl wissend was folgt, immer wieder zum Schmunzeln und ich treibe freudig durch die Wortwogen. Und dann… Dann nähert sich David Foenkinos dem Ende seiner Geschichte und zieht mich an den Füßen in die Tiefe seines Könnens. Da ist er wieder. Jetzt ist er der große tragische Romantiker, dem ich bereits in „Charlotte“ begegnete und ich schäme mich der Tränen und der Rührung nicht, die nun das Lesen begleiten.

David Foenkinos bringt “Das geheime Leben des Monsieur Pick“ zu einem völlig anderen Ende, als man dies auf den ersten 280 Seiten erwarten konnte. Er hat seine Ausgangssituation nicht gebraucht, um eine Satire zu schreiben. Ganz im Gegenteil. Er hat die Satire gebraucht, um über den wahren Wert der Literatur zu schreiben. Und hier setzt dieser Roman Maßstäbe, weil Foenkinos die losen Enden seiner Handlungsfäden zu einer Botschaft verwebt, die uns Büchermenschen im Herzen trifft. „Bücher können dein Leben verändern, selbst wenn du schon lange gestorben bist.“

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

„Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Zum Update – „Nach dem Interview ist vor dem Lesen“ bitte nach unten scrollen

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Es gibt literarische Einladungen, die so verführerisch klingen, dass man sie kaum ausschlagen kann! „Auf ein Glas Champagner mit Lorraine Fouchet.“ Klingt das nicht nach einem prickelnden Literaturevent? Einer französischen Autorin in München begegnen, im kleinen und erlesenen Kreis und noch dazu in einer noblen Location, die es wahrlich in sich hat? In einer Champagner Boutique habe ich mich jedenfalls bis zum heutigen Tag noch nicht über gute Bücher unterhalten. Und wenn diese Einladung auch noch vom Atlantik Verlag stammt, dann gibt es nur eins: Die Buchkorken knallen lassen

Natürlich lebt ein Literaturabend nicht nur von der Location. Auch die Verheißung, leckere Spezialitäten vom Viktualienmarkt zur Stärkung vorzufinden, ist zwar schön, es ist jedoch im Schwerpunkt die Autorin, die hier mit ihrem Schreiben im Mittelpunkt steht und wie wir alle wissen: Wo kein Inhalt, da hilft auch der teuerste Schampus nichts. So ist das mit der Literatur. Da kann man auffahren, was man mag, schlechte Bücher und Schriftsteller ohne Ausstrahlung und Talent werden durch knallbuntes Geschenkpapier nicht zu Fixsternen am Bücherhimmel.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Also bin ich gespannt. Begebe mich ins „Champagne Characters und freue mich auf einen Abend mit Büchermenschen und einem Roman, der mich schon seit einigen Tagen durch mein Lesen begleitet. Und natürlich bin ich absolut gespannt auf Lorraine Fouchet. Eine Autorin mit einer außergewöhnlichen Vita, die sie mit ihrem Heimatland auf sehr besondere Weise verbindet. Eine Schriftstellerin, die auch noch in der Lage ist sprachliche Barrieren durch fast akzentfreies Englisch zu überbrücken. Und die Autorin des gerade beim Atlantik Verlag erschienenen Romans Ein geschenkter Anfang“.

Verwandeln wir also die prickelnde Champagner-Insel im Herzen Münchens in ein Leseerlebnis, das sich ebenfalls auf einer Insel abspielt. Auf der Île de Groix. Lorraine Fouchet hat sich diese Insel nicht zufällig ausgesucht. Dieses bretonische Eiland bietet alles, was ein guter Roman braucht, um in Schwung zu kommen. Sie ist klein, lauschig, malerisch und wird von Menschen bewohnt, die ihre Heimat gerne mit Fremden teilen, sich aber als Einheimische fast wie in einer geschlossenen Gesellschaft empfinden. Es müssen vier Grabplatten sein, die einer Familie auf dem Friedhof der Insel gehören, es müssen vier Generationen sein, die hier gelebt haben. Erst dann gehört man selbst auf der Île de Groix zu den Menschen, die hier wahrlich beheimatet sind. Dabei gehört die Insel niemandem. Man teilt sie. Es ist der große Respekt gegenüber der Natur, der hier Bretonen miteinander verbindet. Heimat schmeckt hier anders….

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Genau auf dieser Insel, die einer geschlossenen Gesellschaft gleicht, beginnt eine Geschichte eigentlich mit ihrem Ende. Wir lernen Lou viel zu spät kennen. Nach ihrem Tod führt ihre Beerdigung die Familie zusammen und der trauernde Ehemann Jo merkt vielleicht zu spät in seinem Leben, was es bedeutet, wenn die Frau auf die er immer ein wenig warten musste, sich nun viel zu früh aus dem Staub macht. Von seinen Kindern hat er sich entfremdet, ihre Leben sind für ihn nur Konturen. Schattenrisse. Und genau diese Schatten folgen nun dem Sarg zum Friedhof auf der Île de Groix.

Ein melancholischer und wehmütiger Anfang, der sich hier noch gar nicht wie ein Geschenk anfühlt. Und doch fühlt man sich als Leser sehr schnell, als würde man zur Familie gehören, als kenne man die Menschen hinter dem Sarg und wisse genau, wie sehr Lou diesem Familienverbund nun fehlt, war sie doch die Radnabe im Schwungrad des Lebens. Da ihr Tod nicht überraschend kam, zumindest nicht für sie selbst, hat sie sich einen besonderen Weg ausgedacht, die Risse in ihrer zerbrechenden Familie zu kitten. In ihrem Testament veranlasst sie ihren Mann, nun endlich seine erwachsenen Kinder als Vater wahrzunehmen, ihnen beizustehen und sie glücklich zu machen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Erst dann sei es ihm gestattet, ihren allerletzten Brief an ihn zu lesen. Und dieser befindet sich versiegelt in einer Champagnerflasche. Sie setzt auf seine Neugier, baut auf seine unterschwelligen Vatergefühle und schien wohl zu hoffen, dass Lou den Weg nicht alleine gehen müsste. Seine Enkelin Pomme entwickelt sich zum kleinen Wunder an seiner Seite. Ist es wirklich „Ein geschenkter Anfang“, den Lou ihrem Mann in der ungewöhnlichen Flaschenpost vermacht? Was steht in ihrem Brief und wie reagieren Cyrian und Sarah auf einen Vater, dem plötzlich die Augen geöffnet wurden?

Eine Insel ist wohl der perfekte Erzählraum für eine solche Geschichte. Vielleicht können die Leuchtfeuer auch der kleiner gewordenen Familie neue Orientierung geben und vielleicht ist es auch die Magie der Bretagne, ihrer Lieder und der Atmosphäre, die hier zusammenbringt, was niemals getrennt werden darf. Wenn man Lorraine Fouchet aufmerksam zuhört, wird man von der Liebeserklärung an diesen besonderen Flecken Erde überflutet. „Entre ciel et Lou“ – der Originaltitel vermittelt die Stimmungslage in diesem Roman. Alles liegt nun zwischen dem Himmel und Lou und doch ist sie wie das Wasser (frz. l`eau), das sich wie bei Ebbe zurückgezogen hat, nur um später in Gestalt einer Sturmflut an den Ufern ihrer Familie anzubranden. Dieser Roman ist vielleicht das wertvollste StrandGut der Île de Groix.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Lorraine Fouchet macht neugierig auf mehr. Ihre freundliche, verbindliche und vitale Art weckt Neugier und Sehnsucht zugleich. Sie, die ehemalige Notärztin, hat auch jetzt die Zügel in der Hand, entscheidet über Leben und Tod ihrer Protagonisten und ist eine dem guten Lesen verpflichtete Schriftstellerin. Als Tochter eines Vaters, der mit Antoine de Saint Exupéry flog, im Zweiten Weltkrieg nach England desertierte, sich Charles de Gaulle anschloss, die Interessen seines Landes nach dem Krieg als Botschafter und als Minister vertrat, weiß sie wovon sie spricht, wenn sie von ihrem Frankreich erzählt. Als weltgewandte und weltoffene Frau zieht sie uns auf ihre Seite und man folgt gerne dem Rhythmus ihrer Geschichten

Für mich fühlte sich diese prickelnde Champagner-Begegnung wirklich wie „Ein geschenkter Anfang“ an. Ich habe mich mit Lorraine Fouchet verabredet. Wir sehen uns zur Frankfurter Buchmesse wieder und werden ein ausführliches Gespräch führen. Diesmal allerdings als Interview für Literatur Radio Bayern. Bis dahin werde ich auch wissen, ob es Pomme gelingt, ihren Großvater Jo zu einem väterlicheren Menschen zu machen und ob Jo tatsächlich den letzten Brief von Lou lesen durfte. Ich werde wissen, ob dem unglaublichen Tanz des Vaters mit seiner Tochter am Rande der Beerdigung seiner Frau weitere Tänze folgen. Ich werde hoffentlich noch viele Leuchtfeuer auf der Île de Groix entdeckt haben, die diesen Roman in der Reihe der Leuchtturm-Bücher der kleinen literarischen Sternwarte hell erleuchten lassen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

PS: Dass es zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends zu einer Umbenennung des Atlantik Verlages in „Champantik Verlag“ kam, ist nur ein Gerücht. Allerdings ein gutes…

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Update – Nach dem Interview ist vor dem Lesen

Was lange währt wird endlich gut. Unter diesem Motto könnte man das Interview mit Lorraine Fouchet zusammenfassen, wenn man die oben beschriebene Vorgeschichte kennt. Es war „Ein geschenkter Anfang“, den mir der Atlantik Verlag im März dieses Jahres bescherte und nach der ersten Begegnung mit der französisch Autorin stand ein Interview während der Frankfurter Buchmesse fest auf dem Messeplan. Europäisch ist es geworden. Deutscher Blogger begegnet französischer Schriftstellerin und interviewt sie auf Englisch. Und während das Ehrengastland Frankreich Flagge zeigte, entwickelte sich am Messestand von Hoffmann und Campe / Atlantik Verlag der Dialog, auf den ich mich so lange gefreut hatte.

Lorraine Fouchet stellt uns einleitend die wesentlichen Rahmenbedingungen vor, die für die Ausgangssituation ihres Romans von besonderer Wichtigkeit sind. Es ist die außergewöhnliche Atmosphäre der Île de Groix, die ihre Leser gefangen nimmt. Es ist die kleine verschworene Gemeinschaft, in die man schon geboren werden muss, in der man sterben muss, um dazuzugehören. Es ist aber auch die Touristenschwemme, die aus dieser kleinen abgeschotteten Welt zumindest in den Ferien einen Ort der Vielfalt entstehen lässt. In diesem Setting lässt sie ihre verstorbene Protagonistin Lou agieren. Ein Kunstgriff, der einer Verstorbenen eine eigene Perspektive auf die Geschichte gibt, die sie selbst mit ihrem Vermächtnis lostritt.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Lorraine Fouchet thematisiert hier ganz bewusst den Prozess der Entfremdung in den modernen Familien unserer Zeit. Sie thematisiert die trügerische Idylle, es sei doch alles gut. Und sie würzt diese Geschichte absichtlich mit der Perspektive von Lou. Eine Sichtweise, die – so Lorraine Fouchet – bestimmt dem Lektorat zum Opfer fallen würde. Doch weit gefehlt. Lou blieb im Roman. Nicht die einzige Protagonistin, die den Lesern ans Herz gewachsen ist. Lorraine Fouchet freut sich sehr über die große Resonanz der Leser auf die kleine Enkelin Pomme, die so viel frischen Wind in die Handlung bringt. In Frankfurt zu sein empfindet Lorraine als große Auszeichnung, wobei ihr nicht bewusst war, dass man bei Lesungen tatsächlich Passagen aus dem eigenen Buch vorliest. Ein Aspekt, den sie mit nach Hause nehmen möchte. Darauf angesprochen, was an ihrem Buch typisch französisch sei antwortet sie mit einem fast schon symbolträchtigen Satz: „Weil es eben so europäisch ist“. Eine Sichtweise, die uns in schwierigen politischen Zeiten ebenso wie ihr Roman die Hoffnung gibt, dass Geschichten verbinden können.

Sie bejaht meine Frage, ob die Profession einer Schriftstellerin ganz nah an ihrem früheren Beruf einer Notärztin liegt. Geschichten können zwar keine Toten ins Leben zurückholen, aber sie können sehr wohl dabei helfen, am Leben zu bleiben. Nach ihren neuen Projekten befragt, lüftet sie am Ende des Gesprächs noch das kleine Geheimnis um ihren neuen Roman, der im nächsten Jahr ebenfalls bei Atlantik erscheinen wird. Es wird aber auch die Rückkehr auf die Île de Groix, auf die ich mich schon jetzt freue.

„Die Farben des Lebens“. Ein Titel, den man sich schon jetzt vormerken sollte. Danke für das wundervolle Gespräch in Frankfurt, Lorraine Fouchet und a bientôt.

Hier kommt ihr auf dem direkten Weg zum Interview bei Literatur Radio Bayern.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

„Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Manchmal schreibt das Lesen seine eigenen Geschichten. Erst vor wenigen Tagen war ich in aller Tiefe in der „Nachtigall“ von Kristin Hannah versunken, schrieb über die Relevanz eines Romans, der das besetzte Frankreich des Zweiten Weltkrieges und die Opfer der Nazi-Herrschaft in den Mittelpunkt seiner Handlungsfäden stellte. Auch wenn dieser brillante Roman nicht mit der Befreiung des französischen Volkes endet, blendet er doch die Zeit aus, die nach der Kapitulation des Dritten Reichs aus Erzfeinden neue und dauerhafte Freunde machte.

Dann fand mich ein Buch, das eigentlich gar nicht auf meinem Leseplan stand. Schon der Klappentext verursachte eine literarische Gänsehaut bei mir. Ich konnte es nicht so recht fassen, dass genau zu diesem Zeitpunkt in meinem Lesen eine Schriftstellerin in mein Leben trat, die genau diesen Missing Link zu einem tiefen Roman verdichtet hat, der mir am Ende der „Nachtigall“ und vieler vergleichbarer Werke fehlte, um eine Zeit zu verstehen, die für unser Jetzt und Heute so lebenswichtig war. Wie konnte nach den schrecklichen Verbrechen und Massakern jemals wieder Frieden entstehen, wie konnte Vergebung gedeihen, wenn sie wortlos blieb, wie die Kirche in Oradour-sur-Glane?

„Du erfährst nach und nach, dass es in diesem Jahrhundert zwei Kriege mit den Deutschen gab. Weltkriege. Deine Großeltern haben beide erlebt, deine Eltern nur den Zweiten. Die Deutschen waren die Bösen, aber man spricht kaum darüber, mit euch schon gar nicht.“

(Sie können sich diese Rezension auch gerne im Radio anhören: HIER)

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Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk, erschienen beim Hanser Verlag, liefert nur eine der vielen denkbaren und möglichen Antworten. Und es ist sicher keine leichte und schnell verträgliche Antwort. Wollte man ihr Buch mit den Werken von Kristin Hannah, Irène Némirovsky oder David Foenkinos in Relation setzen, dann kann man dies auf medizinische Art und Weise versuchen. Die Autoren, die über die Nazi-Besetzung ihres Landes schrieben, schildern den chirurgischen Eingriff, der tiefe Schnitte im Leben aller Menschen hinterließ.

Sylvie Schenk beschreibt in ihrem Roman die lange Rehaphase eines Volkes, das den Glauben an Heilung immer wieder verlor, dessen Wunden oftmals neu aufgerissen wurden und das doch in einem lange währenden Heilungsprozess an sich selbst und an der Größe des Begriffes Vergebung genesen konnte. Rückschläge, Ressentiments und tiefe Enttäuschungen waren Wegbegleiter dieser Rehabilitation und doch bewirkten die Generationen nach dem Krieg wahre Wunder, die uns heute selbstverständlich sind.

„Louise wächst in Frankreich auf, Johann in Westdeutschland.
An einer französischen Universität lernen sie sich kennen,
sie heiraten, ziehen in ein deutsches Dorf,
sehen ihre Kinder aufwachsen und ihre Eltern sterben.
Ein ganzes Leben lang suchen sie die passenden Worte
für eine Zeit, über die nie jemand sprechen wollte.“

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Diese wenigen Zeilen auf dem Buchrücken nehmen nichts vorweg und sagen viel. Sie stecken den Rahmen ab, den sich die Autorin selbst gesteckt hat, thematisieren das Unaussprechliche in der Beziehung zweier Menschen und lassen uns den Stil fühlen, in dem „Schnell, dein Leben“ uns mit dem Vergangenen und dem Heute konfrontiert. Es ist ein sprachlicher Rhythmus, der schnörkellos und präzise Spuren hinterlässt. Wie mit einem paradoxen Zeitraffermodus wird man durch die Leben zweier Menschen im Lauf ihrer Geschichte getrieben, während eine langsame Tonspur dieses Kopfkino mit zarten und melancholischen Gefühlsmelodien begleitet.

„EIN SOMMER… Im Sommer fährst du zu deiner Familie zurück. Deine jüngeren Geschwister sind noch in der Schule, die Älteste schon im Beruf. Am liebsten gehst du allein auf Bergkämmen entlang, mit Sicht in tiefe Täler, Himmel, Felsen, Wiesen, Wasserfälle, die Pracht der Farben, diese vertraute Welt umarmt dich, wärmt dich, trinkt dich, singt dir Friedenslieder, Lebenslieder.“

Sylvie Schenk schreibt aus der „Stell-Dir-vor-Perspektive“ und erzeugt beim Leser eine unglaubliche Nähe zu Louise, dem Kind, der jungen Frau und der rückblickenden Mutter, zu deren Wegbegleiter sie werden. Stell Dir vor… Mit diesen Worten saugt sie ihre Leser auf, identifiziert sie mit einem Mädchen, das in den französischen Alpen die ersten Schritte in ein selbstbewusstes Leben macht. Ein Leben im Frieden zwar, jedoch am Rande der Verwerfungslinie zwischen Arm und Reich, tradierten Frauenbildern und gekennzeichnet von den Konventionen einer moraltheologischen Schulausbildung.

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Der Blick schweift über die eigene französische Großfamilie, spiegelt, interpretiert, wertet, wächst und schärft sich. Wird erwachsen, erreicht die Grenze des Tellerrandes und erreicht erstmals andere Augen, die vor Liebe strahlen, wo vielleicht nur Begehren ist. Mit diesem Blick wandern wir durch die Zeit. Louises Augen sind die ihrer Leser und gemeinsam verfängt man sich im Blick von Johann. Ein Augenblick, der alles verändert. Ein Augenblick, der Louise mit allen Konventionen brechen lässt. Ein deutscher Blick. Hin- und hergerissen. So läuft das Leben weiter. Zwischen den Stühlen zweier Familien als Grenzgängerin einer viel zu früh geliebten Aussöhnung findet sich Louise zwischen den Fronten, deren Gräben niemals verschüttet waren.

Geheimnisse und nie ausgesprochene Wahrheiten, Ressentiments und Vorbehalte sind Eckpfeiler einer Liebe, die sich in der Nachkriegsgeneration zu beweisen hat. Es ist schmerzhaft, Louise auf ihrem Weg zu folgen. Der Zeitraffer hinterlässt Spuren und das Tempo der Geschichte vermittelt ein Gefühl dafür, dass sich manchmal ein Leben schneller entwickelt, als die Welt, die sich langsam dreht. Louises Bekenntnis wird auf harte Proben gestellt. Der Leser ist und bleibt auf ihrer Seite, weil sie zu differenzieren weiß. Schuld und Verantwortung sind zwei Paar Schuhe.

Louise entdeckt das Schreiben. Sie reflektiert und romantisiert. Sie hofft und bittet um Einsicht, wehrt sich gegen eifersüchtige Eingriffe in ihre Privatsphäre und verteidigt ihre Liebe. Stell dir vor. Es sind diese Worte, die der Dynamik dieser Geschichte eine ganz persönliche Dimension verleihen. Versöhnung zwischen Staaten und Nationen ist nicht das Ziel der jungen Frau und werdenden Mutter. Die Liebe gilt es zu retten, und so dies gelingt, darf sie gerne Zeichen setzen. Als das letzte Geheimnis gelüftet wird, zeigt sich, was sie wert ist. Diese Liebe. Und der Leser fragt sich selbst Stell dir vor…

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

„Alle Buchstaben in diesem Roman setzen sich
zu einem einzigen fruchtbaren Begriff zusammen:
la réconciliation, die Versöhnung.“

Dies schreibt Sylvie Schenk über ein Buch, das Louise in der Schule liest. Dieses Prädikat verdient ihr eigenes Buch. Menschlich, humanistisch und gänzlich vorurteilsfrei rast die Geschichte mit ihren Lesern durch die Zeit. Ein Rückblick, der schmerzt, hoffen lässt und desillusioniert. Familien zweier ehemals verfeindeter Länder haben sich nicht immer viel zu erzählen. Viel mehr haben sie voreinander zu verbergen. Diese Mauer zu durchbrechen ist schmerzhaft und schwer. Besonders dann, wenn man die Wahrheit zu spät erkennt.

Sylvie Schenk schreibt vielleicht autobiografisch. Ihr „Stell dir vor“ gilt vielleicht ihr selbst. Dem Rückblick auf eine Zeit, die sie selbst erlebte. Sie schützt ihre Privatsphäre durch die gewählte Erzählperspektive und erlangt so die Freiheit, in die Tiefe zu gehen, ohne dabei selbst zu versinken. Distanz ist lebensrettend im Erzählen. Der Zeitraffer als Stilmittel blendet nichts aus, er vernachlässigt nicht und lässt kaum Fragen offen. Leser fühlen sich direkt angesprochen. Man kann niemanden zum Lesen zwingen. Man kann Verständnis nicht einfordern. Sylvie Schenk jedoch gelingt es, Empathie zu erzeugen, weil sie ihre Leser zu den Hauptdarstellern der künftigen Geschichte macht.

Silvie Schenk könnte als Spätberufene bezeichnet werden. „Schnell, dein Leben“ ist ihr erster Roman, der in Deutschland veröffentlicht wird. Der Zeitraffer steht nie für die Karriere von Autoren. Manches braucht seine Zeit und manchmal braucht auch die Zeit selbst ihre Zeit, bis sie reif ist. Jetzt ist es an der Zeit für Sylvie Schenk! Ihr Weg zurück in die gemeinsame Vergangenheit ist Rückblick und Warnung zugleich:

„Jederzeit können sich die Fronten ändern, dass die Vollgefressenen irgendwann selbst zu Elendsgestalten werden.“

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Ich freue mich schon sehr darauf, Sylvie Schenk auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen zu können. Ich habe viele Fragen zu einem Buch, das mich völlig überzeugt hat und werde das Gespräch sicher nicht im Zeitraffer führen. Hier geht es zum PodCast.

Sylvie Schenk - Das Buchmesse-Interview...

Sylvie Schenk – Das Buchmesse-Interview…