„Der Dichter der Familie“ von Grégoire Delacourt

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Mama
du bist kein Lama
Papi
und du bist kein Okapi
Oma du singst Paloma
Opi
alle machen Pipi

Damit fing alles an. Ein harmloser Kinderreim, verfasst von Édouard im zarten Alter von sieben Jahren. Die Welt stand dem Jungen weit offen und die Fantasie konnte sich frei entfalten. Wären doch diese Zeilen niemals den Verwandten zu Ohren gekommen, hätte doch die Familie des kleinen Édouard niemals Notiz davon genommen, hätten sie einfach weggehört, sein Leben wäre anders verlaufen. Haben sie aber nicht. Sie haben ganz genau hingehört. Zu genau. Und schon steckte der Junge in einer Schublade, aus der er zeitlebens nicht mehr entfliehen konnte.

„Mit sieben erlebte ich meinen ersten literarischen Erfolg. Mama schloss mich in die Arme. Der Papi, die Oma und der Opa applaudierten. Komplimente ertönten. Es wurde auf mich angestoßen. Bedeutende Worte wurden gesagt. Ein Dichter.“

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Mit sieben Jahren wurde Édouard zum Dichter der Familie. Mit acht Jahren hatte er nichts mehr zu schreiben. Die wohl früheste Schreibblockade der Literaturgeschichte. Wie so oft steht diesem kleinen Kerl in einem Moment der größten Zuneigung auch die größte Erwartungshaltung gegenüber. Das erste Dribbling eines Fußballzwergs vor den Augen des ehrgeizigen Vaters; die erste wackelige Drehung einer kleinen Ballerina vor den Augen der vom Leben enttäuschten Mutter; ein erster schiefer Ton auf einer Geige; der erste verwackelte Pinselstrich auf dem Papier und schon steht es fest. TALENT!

Grégoire Delacourt erzählt in seinem Roman „Der Dichter der Familie“, was eine solche Talent-Hypothek verursachen kann. Gerade diejenigen, die denken, alles sei dem Nachwuchs in die Wiege gelegt und das erste Zeichen von Begabung wäre schon ein Fingerzeig des Schicksals, finden sich in diesem Roman wieder. All jene, die ihre nie gelebten Träume plötzlich in die eigenen Kinder projizieren, dürfen an der Seite von Édouard erleben, was sie damit anrichten. Schublade auf. Kind rein. Schublade zu. Ein Bild, das wohl allen Eltern irgendwie bekannt vorkommt. Ein Bild auch, das viele Kinder ein ganzes Leben lang mit sich herumtragen.

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Aus Édouard wird ein lebenslang Suchender. Immer auf der Jagd nach dem ersten Lob, der ersten Bewunderung und der Zuneigung, die er nur im Alter von sieben Jahren erleben durfte. Von da an ging es bergab. Lebens- und Liebesentscheidungen werden geprägt von den Erwartungen an den „Dichter der Familie“. Es ist nie die Frage, ob er jemals ein Buch schreiben wird. Es ist immer nur die Frage, wann. Und aus dem guten Rat des Vaters: „Lass die Dinge sich schreiben!“ erwächst die Hoffnung, der Knoten möge doch irgendwann platzen. Vergebens.

Die Spirale beginnt sich bedrohlich zu drehen. Therapie im Alter von elf Jahren. Das Strohfeuer des Talents scheint erloschen. Die Lust am Leben vergeht. Sprachlosigkeit überkommt eine Familie, die doch wahrlich glaubt, einen Dichter in den eigenen Reihen zu haben. Delacourt überzeichnet bewusst und literarisch brillant, aber das Bild, das so entsteht ist bedeutungsschwer. Wenn ein Kind die Erwartungen nicht erfüllt, wenn alles Hoffen und Bangen vergebens ist, dann entwickelt sich Druck zu einer lebensgefährlich ausufernden Lawine.

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Édouards Leben ist ein Leben, in dem er es niemandem recht machen kann. Sich selbst zu allerletzt. Selbst die Liebe seines Lebens steht unter dem Vorbehalt, dass sie Großes von ihm erwartet. Monique träumt davon, die Frau eines Schriftstellers zu sein. Édouard jedoch bringt als Werbetexter leider nur Worte heraus, die diesem Anspruch nicht gerecht werden. Grégoire Delacourt verfolgt Édouards Weg beharrlich, erzählt en passant die Geschichte einer Familie, die allzu oft an sich selbst, am Leben und an den Bildern scheitert, die viel zu früh viel zu präzise vorgezeichnet wurden. Und gar nicht im Vorbeigehen erzählt er die Geschichte dieses Buches.

Es fühlt sich an, als würde man „Der Dichter der Familie“ in einer Dunkelkammer lesen. Das Bild entwickelt sich. Das Positiv wird sichtbar und doch ist das Negativ sein treuer Wegbegleiter. Aus der Betrachtung dieser beiden Seiten besteht dieser Roman. Kein Glück ohne Pech. Keine Liebe ohne Hass. Keine Wortkunst ohne Sprachlosigkeit. Keine Zweisamkeit ohne Einsamkeit. Keine Geburt ohne Tod. Kein eigenes Buch ohne Schreibblockade. Kein Sex ohne Lustlosigkeit. Kein Flug ohne Absturz. Keine Heilung ohne Krankheit und keine Lebensfreude ohne Todesangst. Mir bleibt die Erinnerung an einen wundervollen Roman; den schönen Moment, als ich einem Mädchen begegnete, das auf dem Auto saß und ein Zitat, das ich mit in mein Leben nehme:

„Ein Herz aus Stein braucht einen Felsen, um wieder Funken zu schlagen.“

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

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„Der Herr der Bogenschützen“ von Mac P. Lorne

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Noch vor wenigen Wochen stand ich ehrfurchtsvoll am Altar der Kathedrale zu Reims. Meine Reise durch Frankreich hatte mich zu einigen geschichtsträchtigen und magischen Plätzen geführt, doch hier spürte ich den Atemhauch der Geschichte ganz besonders intensiv. Hier stand sie neben ihrem soeben gekrönten und gesalbten König. Das wohl legendärste Banner in Händen, in silbern glänzender Rüstung und am Ende der Bestimmung angelangt, die für sie göttlicher Eingebung entsprach. Hier fühlte ich mich der heiligen Jungfrau von Orleans, Jeanne d`Arc besonders nah. Standbilder und Gemälde künden von ihrer Legende. Nicht nur hier, auch in der Kathedrale Notre Dame de Paris, hat sie Spuren hinterlassen. Diesen Spuren wollte ich auch literarisch folgen.

Ich wollte mehr über die Zeit des 15. Jahrhunderts erfahren, nicht nur ein Buch über Jeanne d`Arc lesen. Sie isoliert zu betrachten schien mir zu wenig. Und so fiel meine Wahl auf einen historischen Roman, der ganz aktuell bei Knaur erschienen ist. “Der Herr der Bogenschützen” von Mac P. Lorne sollte es sein. Ausschlaggebend war hier natürlich die Inhaltsangabe und der deutliche Hinweis auf die Verzahnung einer jungfräulichen Geschichte mit der eines Bogenschützen im Thronfolgekrieg zwischen England und Frankreich. Darüber hinaus hatte ich ja gerade mit diesem Schriftsteller in meinem vergangenen Lesen beste Erfahrungen gemacht. “Der Pirat”, ein echtes und absolut lesenswertes Meisterwerk über den legendären Sir Francis Drake bildete den Maßstab für das, was ich mir von diesem neuen Lesen erhoffte.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Der Herr der Bogenschützen ist eine intensive Annäherung an John Holland, eine historisch verbürgte Figur, die im umkämpften Frankreich sehr deutliche Spuren hinterlassen hat. Mac P. Lorne ist nun wirklich nicht bekannt dafür, biografische und trockene Romane zu schreiben. Er lehnt sich an. Recherchiert und spürt jene Fährten auf, die man zu einer verdichteten und hoch spannenden Erzählung benötigt. Er gönnt sich alle literarischen Freiheiten, seine Figuren auch mal dort zu auftauchen zu lassen, wo ihre Anwesenheit nicht in Chroniken erwähnt ist. Letztlich jedoch knüpft er einen historisch authentischen Gobelin, der plausibel erscheint und das Gefühl vermittelt, im Zentrum der Schlachten selbst bis zu den Knöcheln im Schlamm zu stehen.

An der Seite des noch ganz jungen John Holland lässt uns der Erzähler erleben, wie schnell Loyalität und Treue zu dieser Zeit unkalkulierbare Folgen für eine ganze Familie haben konnten. Eine falsche Entscheidung des Vaters, einmal dem Mann zu folgen, dessen Stern gerade verblasst und schon gehörte die Auslöschung der Familie zum damaligen Standardprogramm. John Holland überlebt diesen frühen Sturm, der seine Eltern und Geschwister auslöscht. Er schwört den heiligen Eid, den verlorenen Besitz der Hollands und die Titel seines Vaters zurückzuerobern. Er schwört all jenen Rache, die für diese dramatischen Verluste seines Lebens verantwortlich sind. Dieser Weg bis zur Einlösung seines Gelübdes ist der Weg, den wir erlesen dürfen.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Vom Kind zum Mann sehen wir John Holland reifen. Es weiß, wie sich Unrecht anfühlt. Er geht seinen aufrechten und geraden Weg durch die Geschichte und doch bleibt er ein Getriebener seiner Vergangenheit. Er lernt, was nur eine handverlesene Elite damals beherrschte. Die Kunst des Schießens mit dem berüchtigten Langbogen und das Geschick, hunderte Bogenschützen in einer Schlacht zu einer schlagkräftigen Truppe zu formieren. Ritterlich ist das noch nicht. Einzigartig jedoch ist es und John Holland schließt sich mit ihm ergebenen Bogenschützen Heinrich V. an und zeigt in der Feldschlacht von Azincourt, wozu seine Männer in der Lage sind. Das Überleben des englischen Königs und der Sieg gegen eine unglaubliche Überzahl von französischen Rittern ist nur John Holland zu verdanken. Er erlangt den ihm zustehenden Titel zurück und steigt in den Reihen des englischen Hochadels langsam aber stetig auf.

Wir lernen John Holland so gut kennen, als wären wir mit ihm befreundet. Seine Werte und Moralvorstellungen stehen im deutlichen Widerspruch zum Sittenbild der Zeit, in der er lebt. Menschenleben zählen nichts, die Religion hat längst ihre Unschuld und eigentlich auch die Daseinsberechtigung verloren und Machtgier lässt die Herrscher zu Monstern werden. Alles auf dem Rücken der Unschuldigen und Armen. Der Hochadel ist degeneriert und Alliierte von heute sind Todfeinde von morgen. Das besetzte und hart umkämpfte Frankreich erleidet in dieser Zeit eine ernüchternde Niederlage nach der anderen. Ein eigener gesalbter König ist nicht in Sicht. Zu mächtig sind die Engländer und zu unwiderstehlich ist ihre militärische Präsenz. Nur John Holland strebt innerlich nach dem Unerreichbaren. Verständigung und Frieden.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Als alle Hoffnung der Franzosen am Boden liegt und es nur noch einiger weiterer Siege bedarf, um das ganze Land endgültig zu beherrschen und ihm einen englischen König aufzuzwingen, erscheint ein 17-jähriges Mädchen am Hof des ungekrönten und kurz vor der Niederlage stehenden umstrittenen Thronfolgers Charles VII. und verheißt, das Schicksal des Landes retten zu können. Jeanne d`Arc. Die Stimmen der Heiligen haben sie bis hierher geführt und sie übernimmt mit ihrer charismatischen Art und auf der Grundlage der göttlichen Bestimmung die Führung über die Ritterschaft des Landes. Zweifler werden von ihren Erfolgen zum Schweigen gebracht. Die Befreiung Orleans bringt ihr den Beinamen Jungfrau von Orleans ein und das Volk liegt ihr zu Füßen. Hier kreuzen sich die jungfräulichen Wege mit denen des Herrn der Bogenschützen.

Spätestens hier hat Mac P. Lorne seine Schlachtreihen formiert und seine Figuren auf dem Schachbrett seines Romans in Aufstellung gebracht. Jetzt nimmt er sich alle Freiheiten, die ich extrem schätze und lässt sein fulminantes Historienspektakel zutiefst menschlich und unmenschlich zugleich werden. Jetzt wird aus dieser groß angelegten Geschichte die Gratwanderung zwischen Treue und Verblendung, Kadavergehorsam und Glaube. Jetzt beweisen sich Freundschaften und der Begriff Loyalität wird harten Proben unterzogen. Ich erlebe Jeanne d`Arc als treibende Kraft und als Getriebene in einem Konflikt, in dem dieses Bauernmädchen von einst zum Bauernopfer der Könige wird. Mac P. Lorne entmystifiziert die Legende um eine Heilige so gut er kann. Ihm gelingt, was nur guten Schriftstellern gelingt. Er schreibt nicht auf dem Nimbus einer Unantastbaren herum, sondern stößt sie vom Sockel, um genau hierdurch aufzuzeigen, welche Strahlkraft sie besessen haben muss.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

“Der Herr der Bogenschützen” ist ein Roman, der aus der Zeit gefallen scheint. Dieses Buch ist vulgär, scheinheilig, wollüstig und blutrünstig. Es ist groß in seinen Dialogen und so degeneriert wie der Adel auf beiden Seiten. Es entspricht den Idealen einer legendären Ritterschaft und verhöhnt sie in gleichem Maße. Mac P. Lorne hat mich zugleich einiger Illusionen beraubt, wie er auch den Samen an die Bestimmung neu gesät hat. Die Statue von Johanna begleitete mich durch mein Lesen. Sie schaute mir über die Schulter. Ich würde zu ihren Füßen immer wieder Kerzen anzünden. Nicht zur Verehrung dieser Heiligen. Eher aus Anteilnahme und Mitgefühl. Zuletzt stand ich an ihrem Scheiterhaufen. Das Ende ihres Lebens ist bekannt. So erzählt hat es mir jedoch noch niemals ein Schriftsteller.

Wo er in Azincourt jede Anlehnung an den Monolog Heinrichs V. aus der Feder von William Shakespeare geschickt vermeidet, lässt er John Holland angesichts der Flammen eine flammende Rede schwingen, die mir Gänsehaut verursachte. Ein wilder Abgesang auf Werte, Ehre, Anstand und die Integrität jener, die hier ein Urteil über ein junges Leben gefällt hatten, das nun in Flammen aufging. Flammen, die eine Märtyrerin aus Jeanne d`Arc machten. Alleine diese Passage ist das Lesen dieses Buches wert. Sie steht in der Tradition der ganz großen Reden eines Aufrechten an die Verbogenen. Hier erreicht dieser Roman in seinem Höhepunkt eine literarische Dimension, die ich euch aufrichtig ans Herz legen möchte.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Ein Makel bleibt am Ende. Ich würde Mac P. Lorne gerne weiter folgen. Der Inhalt und die Gestaltung der Bücher sind gediegen und die Cover ergeben eine geschlossene Einheit. Und doch ist und bleibt unverständlich, warum die Buchformate sich so extrem unterscheiden. Eine Reihe entsteht so nicht in meinem Regal. Wenn mir meine Buchfee einen Wunsch im Lesen erfüllen würde, dann diesen. Ein Autor, ein Verlag, ein Niveau, EIN FORMAT!

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

„Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Soziale Sprachlosigkeit. So könnte man das große Leiden in unserer Gesellschaft auf den Punkt bringen. Das kollektive Verschanzen hinter Vorurteils-Barrikaden und Dialog ohne Gesprächsbereitschaft sind die wohl prägnantesten Symptome für eine Krankheit, die wir als soziale Kälte bezeichnen. Eine schweigende Mehrheit weiß einer brüllenden Minderheit nicht mehr zu begegnen. Zeiten, in denen sehnsüchtig auf literarisch mutige Stimmen gewartet wird. Zeiten, in denen wir darauf hoffen, dass sich Schriftsteller in die Waagschale werfen und zu neuem Denken inspirieren. Schriftsteller, die aus neutralen Positionen heraus Spiegel vorhalten, Perspektiven erweitern und neue Impulse setzen könnten.

Dass wir in der heutigen Zeit der Sprachlosigkeit ausgerechnet in Frankreich auf eine solche neue Stimme treffen, ist keine Überraschung. Kaum ein anderes Land ist in sich so zerrissen, kaum ein Land fühlt das Auseinanderdriften seiner sozialen Schichten so intensiv und kaum ein Land ist so gefährdet, sich selbst an Populisten und Extremisten zu verlieren, weil die etablierten Parteien die Sorgen und Nöte des Landsleute kaum in spürbare Politik transferieren können. Die Unzufriedenheit sucht sich ihre Ventile und in Deutschland darf man sich nicht nur als stiller Beobachter dieser Entwicklung sehen. Es wäre fatal, sich das Leben so leicht zu machen. Stabil ist anders. Stabil sind nicht wir.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Es lohnt sich also sehr, unseren Blick auf einen literarischenCoup de France zu werfen und sich ihm nicht aus der Distanz zu nähern. Dieses Buch, diese Trilogie steht uns näher, als wir es je vermuten würden. Dieses Werk ist zwar so französisch, wie ein gut belegtes Baguette in einem Café an der Seine. Und dabei ist es ebenso europäisch, deutsch und polyglott, wie es ein epochales literarisches Erdbeben nur sein kann. Und als solches muss es sehr wohl bezeichnet werden, „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes. Ein auf drei Teile angelegter großer Gesellschaftsroman, der nicht nur in Frankreichreich hohe Wellen schlägt.

Ich habe den Auftaktband aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch gelesen und  bin gleichzeitig in der ungekürzten Hörbuchfassung von Der Audio Verlag versunken, weil mich Johann von Bülow mit seiner grandiosen Interpretation des Textes gefesselt hat. Wer ist nun jener Vernon Subutex, dem wir durch sein Paris folgen dürfen? Ein Paris, das ihm im weiteren Verlauf der Erzählung gar nicht mehr wie sein Paris vorkommt, das ihn zu verlieren scheint, weil er sich selbst an den Rand einer Gesellschaft katapultiert, die nur noch aus Rändern zu bestehen scheint. Vernon Subutex. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, so könnte man meinen. Eine Zeit, in der Sex and Drugs and Rock ´n´ Roll gesellschaftsfähige Rahmenbedingungen für Menschen darstellten, die heute nur noch aus dem Rahmen fallen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Der ehemalige Schallplattenverkäufer Vernon Subutex erlebt mit dem Niedergang einer Branche nicht nur den Paradigmenwechsel der Musikindustrie, er wird auch zum Zeugen seines eigenen Niederganges. Was sich gestern noch wie eine niemals enden wollende Partyszene und ein Leben auf der Überholspur anfühlte, wird schlagartig zum Horrortrip in einer sozialen Einbahnstraße. Was gestern noch eine gut vernetzte Clique ehemaliger Musiker und Szenegrößen war, wirkt plötzlich wie das zerfallene Puzzle der ewig Gestrigen. Vernon Subutex verliert Job, Wohnung und alle Unterstützung, die allzu selbstverständlich für ihn war. Was ihm bleibt sind sein relativ passables Aussehen, die ungebrochene Anziehungskraft auf Frauen und sein ausgeprägter Überlebenswille.

Denn überleben will er. Gerade nachdem die „Einschläge“ immer näher kommen und schon einige seiner Kumpels von früher die „Löffel“ abgegeben haben. Also tritt Vernon eine Flucht nach vorne an, sucht Zuflucht bei alten Freunden, noch älteren Freundinnen und bei all den Zufallsbekanntschaften, die ihm auf seinem Roadtrip durch Paris in die Quere kommen. Aus dieser skurril anmutenden Ausganslage zieht Virginie Despentes den Stoff, aus dem große Literatur gemacht werden kann. Mit Vernon Subutex lässt sie ihren Undercover-Agenten auf alle Schichten der französischen Gesellschaft los. Sein Blick wird zu unserer Perspektive. Seine Beobachtungen werden zu unseren Bildern, in denen sich das wahre Leben spiegelt. Seine Bekanntschaften werden zu Zeugen eines Abgesangs auf alle Faktoren, die den zwischenmenschlichen Wertverfall bedingen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Virginie Despentes gelingt es bravourös, all jenen eine unverwechselbare Stimme in diesem Choral des Niedergangs zu verleihen. Ein Meisterwerk der guten Beobachtung, eine Komposition aus den Dissonanzen, die dem scheinbar Normalen innewohnen. Ein Parforceritt durch die unterschiedlichsten Schichten dieser Gesellschaft, die sich schon lange nicht mehr in diesem homogenen Begriff beschreiben lässt. Dabei leistet Virginie Despentes einen existentiell wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Sprachlosigkeit in Zeiten großer Verunsicherung. Sie wertet und bewertet die Menschen nicht, denen ihr Protagonist begegnet. Sie lässt sie zur Sprache kommen. Sie seziert sie nicht. Sie legt all dies in die Hand ihrer Leser. Eine große Verantwortung für uns.

Wir begegnen den gescheiterten Existenzen, den anscheinend glücklich Verheirateten und denjenigen, die in den Fassaden ihres Lebens dahinvegetieren. Wir treffen auf die Randfiguren, die immer mehr ins Zentrum rücken, ehemalige Pornodarstellerinnen; die Online-Killerin deren Taten real zerstören können; die geschlagenen Frauen und deren Männer, für die Gewalt das alltägliche Ventil der Frustration ist; die kleine Ladendiebin von einst, die heute aus ihrem lesbischen Gefühl keinen Hehl mehr macht; den skrupel- und gewissenlosen Banker, für den Spekulationen immer Opfer fordern müssen; einen Vater, der seine Tochter in den radikalen Islam abdriften sieht ohne zu begreifen, was sie ihm damit beweisen will; prügelnde Neonazis, die in ihrem Leben einen Zufluchtsort suchen – und sei es den der Herrschaft auf der Straße und nicht zuletzt die Transe aus Brasilien, die in ihrer Abhängigkeit eine besondere Form von Freiheit findet.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Despentes lässt sie alle authentisch und plausibel durch unser Lesen rauschen. Wir erleben diese Menschen so greifbar, als würden wir mit Vernon bei ihnen Zuflucht suchen. Keine erhobenen Zeigefinger. Keine richtungsweisenden Tendenzen. Wir sind durch diesen unzensierten Blick auf die Menschen vorurteilsfreier, als wir es je waren. Selbst in der Konfrontation mit Neonazis liegt nun ein Ansatz des Verstehens, der auch ein Ansatz für Dialog sein könnte. Virginie Despentes beendet schon im ersten Teil der Trilogie um Vernon Subutex die soziale Sprachlosigkeit, weil sie der Fassungslosigkeit den Kampf ansagt. Nur was wir fassen, greifen und fühlen können, ist in der Lage uns von Ressentiments zu befreien.

Subutex macht süchtig. Nicht zufällig wohl die Auswahl dieses Namens, firmiert doch unter dieser Bezeichnung ein Opioid das zur Behandlung von Heroin-Sucht eingesetzt wird. Wirklich nicht zufällig, befindet sich doch die beschriebene Gesellschaft in einem Rauschzustand und wird aus unterschiedlichen Perspektiven so gesehen, dass sie nur noch zum Abgewöhnen taugt. Virginie Despentes schreibt sich diesen Roadtrip leicht und flüssig von der Seele. Johann von Bülow ist die ideale Hörbuchbesetzung für ein solches literarisches Schwergewicht, dem die Leichtigkeit niemals abhanden kommen darf. Das moderne Frankreich und seine Autoren strahlen gerade intensiv. Wer sich in „Dann schlaf auch du“ von Leila Slimani verloren hat, wird auch bei „Das Leben des Vernon Subutex“ kein Auge mehr zubekommen. Je suis Vernon.

Mehr aus Frankreich in der kleinen literarischen Sternwarte

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Ein persönlicher Nachtrag… Aber nicht nachtragend…:

Besonders tränenreich war für mich die Begegnung zwischen einer Pennerin und einem Angehörigen der Mittelschicht. Feindlich steht man sich, die Fäuste bereits im geballten Zustand gegenüber. Dialog undenkbar. Nur das gemeinsame Schicksal ihrer vor kurzem eingeschläferten Hunde bringt die Wut und den Hass zum Stoppen. Zufall? Ich weiß es nicht. Der Dialog in den Virginie Despentes diese beiden Menschen führt ist herzzerreißend und hat dafür gesorgt, dass mein Hund in diesem Lesen wieder bei mir war. Ein Gespräch und seine Folgen, so tief wie ein Hundeblick und gar nicht folgenlos für die Fortsetzungen von „Das Leben des Vernon Subutex“. Danke für den Moment mit Schneeflocke…

Das Leben des Vernon Subutex – Wenn alles vor die Hunde geht

Die „Verborgene Chronik“ (1914 – 1918) in Schrift und Ton

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Warum nicht mit meinem diesjährigen Urlaub beginnen? Warum nicht mal erklären, was mich angetrieben hat, eine 2500 Kilometer lange Reise durch Frankreich an einem Ort zu unterbrechen, der so gar nicht für Erholung und eine schöne Aussicht steht? Ein Abstecher, der nicht nur mir verdeutlichen sollte, dass für mich nicht selbstverständlich ist, was viele Touristen als völlig normal erleben. Es war nur ein kleiner Umweg der uns zu den Schlachtfeldern von Verdun führte, zum Beinhaus von Douaumont und zu den unzähligen Kriegsgräbern der Gefallenen des ersten Weltenbrandes. Es ist gerade mal 100 Jahre her, da lagen sich dort deutsche und französische Soldaten gegenüber, nur wenige Meter durch Schützengräben und Stacheldraht voneinander getrennt. Und doch vereint in der Angst vor dem nächsten Angriff, der Furcht vor Giftgas und zermürbt vom unendlich scheinenden Abnutzungskrieg.

Es ist nicht selbstverständlich dort zu stehen. Nicht für mich. Es ist nicht gänzlich selbstverständlich, in dem Nachbarland willkommen zu sein, das in den letzten hundert Jahren gleich zwei Mal von unseren Vorfahren in einen Krieg gezogen wurde. Es liegen drei Generationen zwischen den brutalen Gefechten von einst und meinem Besuch an den Gedenkstätten des Ersten Weltkrieges. Meine Großväter gehörten zu den Soldaten des Kaiserreiches, die auf diesen Schlachtfeldern ihre Spuren hinterließen und an Leib und Seele traumatisiert nach Hause kamen. Es ist für mich nicht selbstverständlich dort zu stehen. Es gäbe mich nicht, wenn auch nur einer meiner Großväter da gefallen wäre wo Unzählige ihr Leben ließen. Wenn diese Kreuze erzählen könnten, sie würden wohl vom Wahnsinn des Krieges künden. Ein hundertausendstimmiger stummer Chor. Und doch so laut, wenn man genauer hinhört.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Was fühlten diese Menschen an der Front, wie lebten sie diesen Krieg, wie erlebten und überlebten sie ihn? Eine Frage, die mich beschäftigt und der ich immer wieder auf den Grund gehe. Primärquellen helfen dabei, sich in die Situation zu versetzen. Briefe von der Front, Feldpostbriefe genannt und Tagebücher bieten einen genauen Blick auf die einzelnen Schicksale. Viele Bücher las ich zu diesem Thema. Eines wartete lange auf seine Fortsetzung. Die „Verborgene Chronik 1914“ von Lisbeth Exner und Herbert Kapfer (Galiani Verlag) war der erste Band einer chronologischen Tagebuchcollage, die zahllose private Diaristen des Ersten Weltkrieges zitiert. Alleine im ersten Teil, der sich mit dem ersten Kriegsjahr auseinandersetzt, kommen 57 unveröffentlichte Stimmen zu Wort, die ein Mosaik der Gefühlslage an der Front und in der Heimat entstehen lassen. Die einfachen Menschen, die hier nur für sich geschrieben haben und von denen meist nur die Tagebücher im Deutschen Tagebucharchiv geblieben sind, ahnten nicht, dass ihre Worte je von uns gelesen werden. Dazu waren sie nicht gedacht. Wir sollten heute vertrauensvoll mit diesen Zeitzeugnissen umgehen. Sie sind privat!

Die verborgene Chronik 1915 – 1918

Nun liegt der große finale Wurf dieser Collage vor. In einem Band haben die beiden Herausgeber alle Tagebucheinträge über die Kriegsjahre 1915 bis 1918 veröffentlicht. Und zeitgleich zu diesem historischen Zeitzeugnis von Format aus dem Galiani Verlag hat Der Hörverlag eine Gesamtausgabe der verborgenen Chronik von 1914 bis 1918 in einer zweistimmig gelesenen gekürzten Audio-Fassung veröffentlicht. Ein literarisch grandioses Großprojekt, dessen Inhalt in keinem Geschichtsbuch dieser Welt zu finden ist liegt nun als über 800-seitiges Buch und als gekürzte Lesung auf 15 CDs mit einer Laufzeit von mehr als 19 Stunden vor. Diesen Raum hat sich die Tagebuch-Kollektion verdient. Sie verleiht im wahrsten Sinne des Wortes nahezu 100 Tagebuchschreibern, die bisher im Verborgenen geblieben sind, Stimme und Gewicht.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Hier finden wir sie: Den einfachen Frontsoldaten, dessen Kriegsbegeisterung von Tag zu Tag zu schwinden beginnt, und lethargischer Resignation Platz macht. Den Offizier, der fast den gesamten Krieg in Gefangenschaft verbringt und sich darum sorgt, ob ihm gestattet wird, seine Andenken von unterwegs mit in die Heimat bringen zu können. Die jungen Mädchen, die ihre Erinnerungen niederschreiben, gefärbt vom Unterricht und im Glauben an die Zeitungsmeldungen dieser Tage. Den Armeepfarrer, der im Verlauf des Krieges alles verliert, was ihm wichtig war, der seinen gefallenen Bruder im Sarg nach Hause begleitet und anderen Trost spenden muss. Von göttlichem Beistand kann nicht mehr die Rede sein. Den Arzt, der seine Hilflosigkeit erkennt und die Frauen, die in der Heimat auf die Rückkehr ihrer Liebsten hoffen.

Aber auch skurrile Einträge lassen aufhorchen. So findet zum Beispiel der Brief von einer Ehefrau an ihren an der Front kämpfenden Mann seinen Weg ins Tagebuch eines Soldaten, der die Post kontrolliert. Sie teilt ihrem Mann mit, dass sie nun schwanger ist. Natürlich nicht von ihm. Sie habe ja auch drei Wochen nichts von ihm gehört und groß war der Schreck, als er sich plötzlich wieder meldete. Sie freue sich über das Geld, das er nach Hause schicke, weil ja alles so teuer sei und äußert sich glücklich darüber, ihn an der Front zu wissen, da er ja dort kostenloses Essen bekäme. Vielleicht käme ja das Kind tot zur Welt und dann sei alles wieder gut. Gezeichnet: Deine aufrichtige Frau. Ja, da kann man sich vorstellen, warum sich Frontsoldaten selbst erschossen haben.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Ohne Wertung durch die Herausgeber, ohne jeglichen Eingriff von außen werden wir zu Zeugen des subjektiv Erlebten. Erst die meisterliche Collage ergibt ein Bild, das sich bewerten lässt. Widersprüche, Propaganda und gezielte Fehlinformationen lassen sich identifizieren. Die Lebensumstände an der Front und die sich immer dramatischer verschlechternde Ernährungslage in der Heimat werden fühlbar. Und letztlich wird klar, worauf die Nationalsozialisten nur wenige Jahre später aufbauen konnten. Hier zeigen sich die ersten Spuren der Dolchstoßlegende einer im Felde unbesiegten Armee, die gedemütigt und nach zahllosen Opfern und Entbehrungen nur durch unfähige Politiker verraten wurde. Eine Legende, die zum Umsturz beitrug, Soldatenräte möglich machte, die Weimarer Republik stark belastete und spätestens ab 1933 gerne für die Rache am sogenannten Erzfeind Frankreich herhalten musste.

All dies lässt sich aus den Tagebucheinträgen herauslesen. Die Sinnlosigkeit des Krieges wird greifbar. Da stehen diese Dokumente den Kriegstagebüchern von Ernst Jünger in nichts nach. „Die verborgene Chronik“ erreicht ein beschreibendes Niveau das bei Walter Kempowski in seinem Echolot-Projekt über den Zweiten Weltkrieg zu Weltruhm gelangte. Nur fehlen die Prominenten, die Politiker, die Intellektuellen, die im Echolot zu Wort kommen dürfen. Hier sind es ganz kleine Gestalten am Rande unserer Geschichte, die ihre Sichtweisen vertreten. Das macht „Die verborgene Chronik“ sehr authentisch und greifbar. Das kann unseren heutigen Blick auf die Glaubwürdigkeit von Nachrichten schulen. Fake-News sind keine Erfindung unserer Zeit. Und gegen einen gesichtslosen Gegner kämpft es sich am besten. Darauf sollten wir achten.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

„Die verborgene Chronik“ in Schrift und Ton ist eine große Vereinzelungsanlage der Schicksale. Hier dominiert kein WIR oder UNS. Hier ist es der Einzelne, der ohne Pathos von seinen Ängsten berichten darf. Die Individualisierung der Erlebnisse macht den Schrecken des großen Ganzen erst richtig greifbar. Und an den zahllosen Gräbern vor Verdun stellt man sich die Frage, wie viele unerzählte Geschichten hier begraben liegen. Wie viele Generationen es nicht geben durfte, weil hier massenhaft gestorben wurde und warum man nichts daraus gelernt hat, sondern kaum 20 Jahre später erneut die Kampfstiefel auf diese verbrannte und geheiligte Erde setzte.

Was das mit meinem Urlaub zu tun hat? Ganz einfach. Ich hörte jenen zu, die noch zu Wort kommen konnten. Das ist das Verdienst der verborgenen Chronik. Ich lauschte den nie erzählten Geschichten über den Gräbern des Beinhauses von Douaumont und erzählte meiner Tochter von zwei Ländern und zwei Kriegen, von ihren Urgroßvätern in Frankreich und von Versöhnung danach. Ich erzählte ihr, der jungen Erstwählerin, wie sich Politik auf ihr Leben auswirkt. Der Antrittsbesuch eines französischen Präsidenten in unserem Land setzt heute fort, was zuvor mit freundschaftlich gereichter Hand über diesen Gräbern eingeleitet wurde. Und letztlich sind wir es, die Politik machen, weil wir bei allem Spaß dieser Welt nicht leugnen, was uns die Geschichte an Verantwortung in das Tagebuch des Erinnerns schrieb.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Der Erste Weltkrieg in der kleinen literarischen Sternwarte.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

„Dann schlaf auch du“ von Leïla Slimani – Prix Goncourt 2016

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Erneut hat sich gezeigt, dass der französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ein herausragender Gradmesser und Indikator für gute Bücher ist. Ich habe einige der Werke gelesen, die mit diesem (immerhin mit symbolischen 10 Euro dotierten) Preis in unserem Nachbarland ausgezeichnet wurden und habe mein Lesen niemals bereut. In diesem Jahr stürmt der letztjährige Sieger die deutschen Bestsellerlisten und auch hier ist es so, dass man nur konstatieren kann: Chapeau – Hut ab. [weiterhören]

Dann schlaf auch du – Meine Radiorezension für Literatur Radio Bayern – Hier klicken

Leïla Slimani gilt derzeit als die aufsehenerregendste Schriftstellerin Frankreichs. Die Autorin mit französisch-marokkanischen Wurzeln wuchs in Rabat auf und kam erst im Alter von siebzehn Jahren nach Paris, studierte an einer Eliteuniversität, begann im Bereich des Journalismus ihre ersten deutlichen Spuren zu hinterlassen und wurde im Jahr 2016 für ihren psychologischen Thriller „Chanson Douce“ mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Im Sog dieses Prädikates folgte die Veröffentlichung des Romans in 30 Ländern weltweit und jetzt hat uns diese Story auch erreicht. Im Titel geht es in der deutschen Übersetzung von Amelie Thoma nicht um ein Chanson, erinnert uns jedoch stark an eine Kinderliedzeile, die den Roman in seiner Gänze umfasst. LaLeLu.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Dann schlaf auch du“. Unzählige Kinder dieser Welt sind bei diesen Worten sanft in die süßesten Träume entschlummert. Eine behütete Kindheit und ein Elternhaus voller Zuwendung und Wärme sind sicher die ersten Assoziationen, die wir mit diesen Zeilen verbinden. Doch nichts davon finden wir im Roman von Leïla Slimani wieder. Ich habe mich der Geschichte, die sie erzählt, abwechselnd lesend in der gebundenen Fassung aus dem Luchterhand Verlag und hörend in der Hörbuchadaption von Der Hörverlag gewidmet.  Zwei augen- und ohrenscheinlich unterschiedliche Wege, die jedoch in sich so sehr zur Stimmung und meinen Gefühlen passen, die mich in diesen Stunden ereilt haben.

Es ist kein leichtes Thema, mit dem sich Leïla Slimani intensiv auseinandersetzt. Ganz besonders, wenn der Leser oder Hörer selbst Kinder hat, ist es unmöglich, dem Inhalt emotionslos zu folgen. Lesend hatte ich noch die Chance, mich manchmal doch ein wenig zurückziehen zu können, die nächste Seite nicht aufzuschlagen, um einfach nicht zu erfahren, was geschieht. Hörend war es fast nicht machbar, dem Erzählstrom von Constanze Becker zu entfliehen. Sie verleiht der geradlinigen Sprachmelodie der kurzen und prägnanten Sätze aus der Feder von Leïla Slimani eine Dynamik, der man sich kaum entziehen kann. Dabei liest die Hörbuchsprecherin fast quälend emotionslos und ich denke, nur so kann man dieses Buch in seiner Audiofassung präsentieren. Hier wäre ein „Mehr“ an Gefühl deutlich zuviel gewesen.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Leïla Slimani schreibt in diesem Stil. Fast schon versachlicht, neutral. Ihre Sicht auf die Geschichte ähnelt der eines Chronisten auf einem Feldherrenhügel, der unter sich den tausendfachen Tod und seine Konsequenzen beschreibt. Das Gefühl überlässt sie dem Leser. Na besten Dank auch. Dieser literarische Kunstgriff in meine Psyche ist der Autorin mehr als gelungen. Beschreibt sie doch das schlimmste Drama, das Eltern sich nur vorstellen können. Beschreibt sie doch schon auf den ersten Seiten des Romans im schonungslosen Klartext den Doppelmord an zwei Kleinkindern. Ein Roman, der quasi auf dem Seziertisch der Ermittler beginnt. Kindsmord. Schwer zu begreifen.

Was uns Leïla Slimani im Mittelpunkt von Dann schlaf auch duallerdings erzählt ist zutiefst menschlich, psychologisch, empathisch und nicht zuletzt französisch.

Menschlich ist es, weil in der Ausgangssituation klar wird, wie das typische Leben von Eltern verläuft, wie die Rollenverteilung zumeist aussieht und was dies für eine Mutter bedeutet. Ihr fehlen die Kontakte, sie hat nur noch Gesprächsstoff, der sich um Kinder und Windeln dreht und beruflich fällt sie ins Niemandsland zurück, während der Vater in seinem Leben außerhalb der Familie weiter Vollgas geben kann. Myriam kehrt in ihren Beruf als erfolgreiche Anwältin zurück. Realisierbar ist dieser Schritt jedoch nur, weil sie ihre beiden kleinen Kinder Adam und Mila einer Nanny anvertraut.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimanim

Psychologisch ist es, weil schon hier der Balanceakt zwischen Selbstverwirklichung und Familie offen zutage tritt. Psychologisch ist es, weil das schlechte Gewissen einer Mutter auch durch ein Kindermädchen nicht beruhigt wird. Aber geradezu verstörend in seiner Wucht ist es, weil die Perspektive der Nanny eine grausame Dimension erreicht, die alle Fragen aufwirft, wem man eigentlich vertrauen kann. Eigentlich entspricht das Kindermädchen Louise dem Idealbild einer Nanny. Sie steht mitten im Leben, ist selbst Mutter und sie wird in kürzester Zeit von den Kindern vergöttert. Louise macht sich für die kleine Familie unersetzlich, sie ist helfende Hand, liebevolle Erzieherin und hält den zunehmend gestressten Eltern den Rücken frei.

Empathisch ist es, weil Leïla Slimani tief in das Leben und die Psyche von Louise und ihre Situation eintaucht. Während ihre eigene Existenz ins Schlingern gerät und sie nur noch in ihrer Rolle als Kindermädchen einen Ausweg sieht, beginnt ein schonungsloser Revierkampf, um diese Position zu festigen und zu erhalten. Es fällt nicht schwer, sich mit Louise und ihrer Rolle zu identifizieren. Es fällt nicht schwer zu erkennen, wie sehr sie zu kämpfen hat. Und es fällt nicht schwer, ihre Torschlusspanik nachvollziehen zu können. Nur wir Leser sind dazu in der Lage. Dieses Privileg gewährt uns die Autorin. Und doch schreien wir innerlich in den Momenten auf, in denen die Eltern zu blind und zu egoistisch sind, um die Warnzeichen einer Fehlentwicklung zu erkennen, die fatale Konsequenzen haben sollte.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Französisch ist es, weil Leïla Slimani die speziellen sozialen Rahmenbedingungen in diesen Roman einfließen lässt, die in der französischen Gesellschaft eine große Rolle spielen. Illegale Arbeitskräfte aus den ehemaligen Kolonien, Frauen ohne Papiere, die dazu gezwungen sind, in reichen Haushalten auf die verwöhnten Kinder aufzupassen und dabei doch ständig in der Gefahr der Abschiebung leben. Abhängigkeit in jeglicher Beziehung ist die Folge. Der Alltagsrassismus rückt in den Vordergrund. Louise jedoch hebt sich deutlich von ihren illegalen Kolleginnen ab. Umso schlimmer ist es für sie, am Rand der Gesellschaft leben zu müssen. Das gibt ihrem Kampf eine besondere Note.

Leïla Slimani frisst sich multiperspektivisch in ihren Roman hinein. Ich hatte nicht eine einzige Chance, ihr zu entkommen. Wenn ich das Buch schloss, drehte mein Kopf durch. Hilflos verfolgt man den Verlauf der Schlinge, die sich immer enger zieht. Wenn ich Constanze Becker im Hörbuch eine Pause gönnte, so revanchierte sie sich nicht bei mir. Ihre Stimme schien immer weiterzuerzählen. Unaufhörlich und extrem eindringlich. Es ist ein unwiderstehlicher Sog, den dieser Roman entfaltet. Es ist die schonungslose Wahrheit, die er akribisch genau erzählt. Und es ist eine bittere Erkenntnis, die auf den letzten Seiten Besitz vom Leser ergreift. Lesen und hören. Mein Königsweg durch eine Geschichte, die noch lange in mir toben wird.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani