„Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Es gibt literarische Einladungen, die so verführerisch klingen, dass man sie kaum ausschlagen kann! „Auf ein Glas Champagner mit Lorraine Fouchet.“ Klingt das nicht nach einem prickelnden Literaturevent? Einer französischen Autorin in München begegnen, im kleinen und erlesenen Kreis und noch dazu in einer noblen Location, die es wahrlich in sich hat? In einer Champagner Boutique habe ich mich jedenfalls bis zum heutigen Tag noch nicht über gute Bücher unterhalten. Und wenn diese Einladung auch noch vom Atlantik Verlag stammt, dann gibt es nur eins: Die Buchkorken knallen lassen

Natürlich lebt ein Literaturabend nicht nur von der Location. Auch die Verheißung, leckere Spezialitäten vom Viktualienmarkt zur Stärkung vorzufinden, ist zwar schön, es ist jedoch im Schwerpunkt die Autorin, die hier mit ihrem Schreiben im Mittelpunkt steht und wie wir alle wissen: Wo kein Inhalt, da hilft auch der teuerste Schampus nichts. So ist das mit der Literatur. Da kann man auffahren, was man mag, schlechte Bücher und Schriftsteller ohne Ausstrahlung und Talent werden durch knallbuntes Geschenkpapier nicht zu Fixsternen am Bücherhimmel.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Also bin ich gespannt. Begebe mich ins „Champagne Characters und freue mich auf einen Abend mit Büchermenschen und einem Roman, der mich schon seit einigen Tagen durch mein Lesen begleitet. Und natürlich bin ich absolut gespannt auf Lorraine Fouchet. Eine Autorin mit einer außergewöhnlichen Vita, die sie mit ihrem Heimatland auf sehr besondere Weise verbindet. Eine Schriftstellerin, die auch noch in der Lage ist sprachliche Barrieren durch fast akzentfreies Englisch zu überbrücken. Und die Autorin des gerade beim Atlantik Verlag erschienenen Romans Ein geschenkter Anfang“.

Verwandeln wir also die prickelnde Champagner-Insel im Herzen Münchens in ein Leseerlebnis, das sich ebenfalls auf einer Insel abspielt. Auf der Île de Groix. Lorraine Fouchet hat sich diese Insel nicht zufällig ausgesucht. Dieses bretonische Eiland bietet alles, was ein guter Roman braucht, um in Schwung zu kommen. Sie ist klein, lauschig, malerisch und wird von Menschen bewohnt, die ihre Heimat gerne mit Fremden teilen, sich aber als Einheimische fast wie in einer geschlossenen Gesellschaft empfinden. Es müssen vier Grabplatten sein, die einer Familie auf dem Friedhof der Insel gehören, es müssen vier Generationen sein, die hier gelebt haben. Erst dann gehört man selbst auf der Île de Groix zu den Menschen, die hier wahrlich beheimatet sind. Dabei gehört die Insel niemandem. Man teilt sie. Es ist der große Respekt gegenüber der Natur, der hier Bretonen miteinander verbindet. Heimat schmeckt hier anders….

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Genau auf dieser Insel, die einer geschlossenen Gesellschaft gleicht, beginnt eine Geschichte eigentlich mit ihrem Ende. Wir lernen Lou viel zu spät kennen. Nach ihrem Tod führt ihre Beerdigung die Familie zusammen und der trauernde Ehemann Jo merkt vielleicht zu spät in seinem Leben, was es bedeutet, wenn die Frau auf die er immer ein wenig warten musste, sich nun viel zu früh aus dem Staub macht. Von seinen Kindern hat er sich entfremdet, ihre Leben sind für ihn nur Konturen. Schattenrisse. Und genau diese Schatten folgen nun dem Sarg zum Friedhof auf der Île de Groix.

Ein melancholischer und wehmütiger Anfang, der sich hier noch gar nicht wie ein Geschenk anfühlt. Und doch fühlt man sich als Leser sehr schnell, als würde man zur Familie gehören, als kenne man die Menschen hinter dem Sarg und wisse genau, wie sehr Lou diesem Familienverbund nun fehlt, war sie doch die Radnabe im Schwungrad des Lebens. Da ihr Tod nicht überraschend kam, zumindest nicht für sie selbst, hat sie sich einen besonderen Weg ausgedacht, die Risse in ihrer zerbrechenden Familie zu kitten. In ihrem Testament veranlasst sie ihren Mann, nun endlich seine erwachsenen Kinder als Vater wahrzunehmen, ihnen beizustehen und sie glücklich zu machen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Erst dann sei es ihm gestattet, ihren allerletzten Brief an ihn zu lesen. Und dieser befindet sich versiegelt in einer Champagnerflasche. Sie setzt auf seine Neugier, baut auf seine unterschwelligen Vatergefühle und schien wohl zu hoffen, dass Lou den Weg nicht alleine gehen müsste. Seine Enkelin Pomme entwickelt sich zum kleinen Wunder an seiner Seite. Ist es wirklich „Ein geschenkter Anfang“, den Lou ihrem Mann in der ungewöhnlichen Flaschenpost vermacht? Was steht in ihrem Brief und wie reagieren Cyrian und Sarah auf einen Vater, dem plötzlich die Augen geöffnet wurden?

Eine Insel ist wohl der perfekte Erzählraum für eine solche Geschichte. Vielleicht können die Leuchtfeuer auch der kleiner gewordenen Familie neue Orientierung geben und vielleicht ist es auch die Magie der Bretagne, ihrer Lieder und der Atmosphäre, die hier zusammenbringt, was niemals getrennt werden darf. Wenn man Lorraine Fouchet aufmerksam zuhört, wird man von der Liebeserklärung an diesen besonderen Flecken Erde überflutet. „Entre ciel et Lou“ – der Originaltitel vermittelt die Stimmungslage in diesem Roman. Alles liegt nun zwischen dem Himmel und Lou und doch ist sie wie das Wasser (frz. l`eau), das sich wie bei Ebbe zurückgezogen hat, nur um später in Gestalt einer Sturmflut an den Ufern ihrer Familie anzubranden. Dieser Roman ist vielleicht das wertvollste StrandGut der Île de Groix.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Lorraine Fouchet macht neugierig auf mehr. Ihre freundliche, verbindliche und vitale Art weckt Neugier und Sehnsucht zugleich. Sie, die ehemalige Notärztin, hat auch jetzt die Zügel in der Hand, entscheidet über Leben und Tod ihrer Protagonisten und ist eine dem guten Lesen verpflichtete Schriftstellerin. Als Tochter eines Vaters, der mit Antoine de Saint Exupéry flog, im Zweiten Weltkrieg nach England desertierte, sich Charles de Gaulle anschloss, die Interessen seines Landes nach dem Krieg als Botschafter und als Minister vertrat, weiß sie wovon sie spricht, wenn sie von ihrem Frankreich erzählt. Als weltgewandte und weltoffene Frau zieht sie uns auf ihre Seite und man folgt gerne dem Rhythmus ihrer Geschichten

Für mich fühlte sich diese prickelnde Champagner-Begegnung wirklich wie „Ein geschenkter Anfang“ an. Ich habe mich mit Lorraine Fouchet verabredet. Wir sehen uns zur Frankfurter Buchmesse wieder und werden ein ausführliches Gespräch führen. Diesmal allerdings als Interview für Literatur Radio Bayern. Bis dahin werde ich auch wissen, ob es Pomme gelingt, ihren Großvater Jo zu einem väterlicheren Menschen zu machen und ob Jo tatsächlich den letzten Brief von Lou lesen durfte. Ich werde wissen, ob dem unglaublichen Tanz des Vaters mit seiner Tochter am Rande der Beerdigung seiner Frau weitere Tänze folgen. Ich werde hoffentlich noch viele Leuchtfeuer auf der Île de Groix entdeckt haben, die diesen Roman in der Reihe der Leuchtturm-Bücher der kleinen literarischen Sternwarte hell erleuchten lassen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

PS: Dass es zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends zu einer Umbenennung des Atlantik Verlages in „Champantik Verlag“ kam, ist nur ein Gerücht. Allerdings ein gutes…

„Mein Freund Pax“ von Sara Pennypacker

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker

Da sitzt er nun, unser Fuchs und schaut in die Ferne. Auch wenn er den Lesern auf dem Cover des Romans von Sara Pennypacker den Rücken zuwendet, so weckt doch schon diese Illustration aus der Feder von Jon Klassen die ersten Gefühle. Sein Blick ruht auf der Weite der Landschaft. Einer Landschaft, die eigentlich sehr  friedlich wirkt. Erst die Rückseite des Buchumschlags macht eine erste Unregelmäßigkeit sichtbar. Es ist ein abgeknickter Baum, der die harmonische Atmosphäre durchbricht. Denn, wie wir schnell erfahren werden: Nichts ist friedlich in dieser Geschichte.

Da sitzt er nun, unser Fuchs und scheint zu warten. Mein Freund Pax. Warm und ein wenig melancholisch wirkt dieses Buch. Aus der Landschaft wird jedoch bereits auf der ersten Seite mehr. Hier sehen wir unseren Fuchs am Straßenrand sitzen, den Blick auf den Asphalt gerichtet. Wartend. Ein wenig verloren wirkt er schon, wie er dem Wald den Rücken zuwendet. Ein wenig verloren wirkt dieser Fuchs, nicht wild und verwegen. Es ist das Gefühl dieser verlorenen Einsamkeit, mit dem man sich diesem Buch nähert. Es ist ein scheues Gefühl, weil man ihn nicht verjagen möchte. Pax, den Fuchs, der auf den folgenden 300 Seiten auch zu unserem Freund wird.

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Lesen mit Fuchs

Schon auf den ersten Seiten nimmt uns diese Geschichte gefangen und lässt uns nicht mehr los, bis wir nach einem atemberaubenden Finale selbst im Wald sitzen und mit unseren Gefühlen alleine sind. Aber dazu später mehr. Es ist die Perspektive eines Fuchses, es ist sein natürlicher Instinkt, seine Sichtweise und seine Wahrnehmung mit der alles beginnt. Es ist die Fuchs-Sicht auf die Freundschaft zwischen ihm, Pax, und Peter, dem zwölfjährigen Jungen, die uns zeigt, was es einem Tier bedeutet, Nähe und verlässliche Sicherheit zu empfinden. Für den Fuchs ist der Junge mehr als ein Freund. Er ist „Sein Junge“.

Und doch scheint der Fuchs den Sinn für Gefahr verloren zu haben. Er fühlt zwar, dass irgendetwas nicht stimmt, dass der Vater des Jungen Lügengeruch ausströmt und die Fahrt mit dem Auto abrupt endet. Dass er jedoch in der Wildnis ausgesetzt wird, das verzweifelte Rufen seines Jungen ertragen muss und dem Auto nur noch nachschauen kann, das hatte Pax nicht erwartet. Es fühlt sich wie Verrat an. Ein Verrat, den wir Leser nicht anders empfinden, als der Fuchs, der nun am Straßenrand im Nirgendwo sitzt.

„Er bellte, um nach Peter zu rufen, erinnerte sich jedoch gleich wieder: Sein Junge war fort. Pax war es nicht gewohnt allein zu sein.“

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Zuneigung und Vertrauen

Pax ist nicht alleine mit diesen Gefühlen von Verlust und Verrat. Auch Peter erlebt diesen Moment der Trennung als absolute Extremsituation. Sein schlechtes Gewissen gegenüber Pax wird fortan zum Wegbegleiter eines jungen Lebens. Sara Pennypacker erzählt die Geschichte durchgehend aus zwei Perspektiven, die einander bedingen. Sie entwirft ein Szenario, das dieser Trennung Grenzen verleiht, die weder ein Fuchs noch ein Junge durchbrechen kann. Es droht Krieg im Land. Peters Vater kämpft, Peter wird evakuiert und Pax wird ausgewildert. So ist das eben. Das muss Peter akzeptieren.

Was Sara Pennypacker aus dieser Ausgangssituation entwickelt zeigt literarische Größe. Sie arbeitet Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier heraus und macht die Bindung zwischen einem Jungen und seinem Fuchs spürbar. Sie schreibt uns Begriffe wie Verantwortung, Respekt und gegenseitiges Vertrauen ins Stammbuch des Lesens und veranschaulicht, wie sich Liebe zu einem Tier äußern kann. Und nicht nur das. Wir lernen durch Pax, was es für ein Tier heißt, Haustier zu sein und Bindung zu fühlen. Es ist ein emotionaler Ritt auf der Rasierklinge, den wir mit Peter und Pax unternehmen.

Beide werden wie ein Schlagball beim Baseball, ihrem gemeinsamen Lieblingssport, in neue Welten katapultiert. Dabei ist es völlig unerheblich, wer von beiden Fänger und wer Schläger ist. Die Fallhöhe ist gewaltig und in aller Einsamkeit fehlt ihnen das Ritual danach: Der Moment, in dem Pax die Schnauze in Peters Baseballhandschuh legte und ihn von allen Alltagssorgen befreite. Ein mehr als magischer Augenblick für zwei große „Jungs“, die ohne Mütter zurechtkommen müssen..

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Das Argon-Hörbuch von Sauerländer Audio

Hier würde ich gerne die künftigen Leser dieses Buches aussetzen. Hier würde ich sie gerne alleine lassen mit zwei außergewöhnlichen Protagonisten. Hier sollte jeder für sich den Weg in diese Geschichte finden und dem Jungen folgen, der sich nicht damit abfinden kann, einen Fuchs zu verlieren. Peter macht sich auf den weiten Weg zurück, weil er weiß, dass Pax genau dort wartet, wo er ausgesetzt wurde. Hier würde ich Leser gerne mit Pax warten lassen. Mitten in der Wildnis. Nicht alleine lebensfähig. Und doch spürend, dass die Instinkte langsam zurückkehren.

Hier würde ich mir wünschen, dass Leser selbst erleben, wem Pax und Peter auf ihren Wegen begegnen und wie diese Begegnungen ihr weiteres Leben beeinflussen. Es sind unglaubliche Bilder, die uns Sara Pennypacker vermittelt, es sind wundervolle Illustrationen, die uns durch diese Geschichte begleiten. Die Gemeinsamkeiten im Weg eines Fuchses und eines jungen Menschen sind beeindruckend zu lesen. Ausgewildert sind sie beide. Das Leben schreibt sich neu und doch ist das unsichtbare Band existent und fest. Wird es beide zusammenführen? Ich hoffe, dass viele Leser diese Antwort für sich selbst beantworten können. Pax und Peter, Menschen und Füchse, Zivilisation und Wildnis, Krieg und Frieden. Selten wurde diese Gegensätze ergreifender erzählt.

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Jon Klassen und seine Bilder

Ich habe mit meinem Fuchs zusammen gelesen. Er heißt jetzt Pax. Ein Kuscheltier wirkt Wunder in diesen Seiten. Es hilft gegen Vereinsamung und Hoffnungslosigkeit. Es gibt Halt, wenn der Boden bebt und auch beim Weinen ist man nicht allein. Man sollte „Mein Freund Pax“ nicht alleine lesen. Man muss die erlesenen Gefühle teilen, sich in aller Tiefe öffnen und seine eigenen Schlüsse ziehen. Ich habe wechselweise gelesen und gehört. Ich bin Jacob Weigert in die Wildnis gefolgt. Er brilliert im Wechsel seiner Rollen. Er ist Fuchs und Mensch zugleich und wo dem Hörbuch die Illustrationen fehlen ist es die musikalische Untermalung, die Verschnaufpausen und Schluchzen überspielt.

Wäre dieses Buch der Duft eines Fuchses, es wäre ängstlich, verwirrt, wild, verspielt, ungezähmt und frei zugleich. Wäre dieses Buch ein Geräusch im Wald, es wäre laut, geheimnisvoll, auch mal leise und angsteinflößend. Wäre dieses Buch ein Instinkt, es würde fliehen, vertrauen, angreifen, jagen und endlos warten. Wäre dieses Buch das Gefühl eines Jungen, es wäre liebevoll, fürsorglich und verzweifelt. Hoffend, bangend und traurig. Wäre dieses Buch NUR ein Buch, man würde ihm nicht gerecht werden.

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Feund Pax von Sara Pennypacker – Nicht alleine lesen…

„Mein Freund Pax“ von Sara Pennypacker, erschienen im Sauerländer Verlag und bei Sauerländer Audio / Argon Hörbücher, erzählt eine Geschichte, die wahrhaft das Zeug zum Jugendbuchklassiker hat. Sie erreicht die Herzen ihrer Leser. Für ein Kinderbuch mit einer Altersempfehlung ab 10 Jahren ist es aus meiner Sicht dann geeignet, wenn man es gemeinsam liest oder hört. Es ist eine verlustreiche Geschichte, die nicht leicht zu verarbeiten ist. Sie ist wie das wahre Leben, nur eben bereichert um die Perspektive PAX

Hiermit erkläre ich die kleine literarische Sternwarte zum geschützten Fuchsbau für alle Leser von „Mein Freund Pax“. Folgt mir in dieses Buchschutzgebiet und bringt euren Instinkt, eure Gefühle und alle Geräusche und Gerüche eures Lesens mit. PAX.

Herzlich willkommen, Anja und Zwiebelchens Plauderecke im Fuchsbau.
Bianca und Literatwo haben auch einen Eingang in den Fuchsbau gefunden.

Mein Feund Pax von Sara Pennypacker

„Die Terranauten“ von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Es klingt nach Science Fiction, wenn man den Roman Die Terranauten von T.C. Boyle zur Hand nimmt. Es klingt nach wissenschaftlich basierter fiktionaler Story, es schmeckt nach Zukunft und es riecht nach einem Leben in einer simulierten Welt, wenn man dem Klappentext des Hanser Verlages folgt. „Ecosphere 2“ ist die Bezeichnung für eine künstlich geschaffene Erde, in der acht „Terranauten“ das Leben auf unserem Planeten simulieren, um beweisen zu können, dass der Mensch in der Lage ist, sich in einem geschlossenen System völlig autark zu versorgen und zwei Jahre lang nicht nur zu überleben, sondern auch die Basis für weitere Missionen zu schaffen.

Ecosphere 2 ist das perfekte Abbild unserer Welt in einem riesigen Terrarium im Nirgendwo der Texanischen Wüste. Alle Klimazonen sind künstlich angelegt. Für die Ernährung der Wissenschaftler ist die Basis gelegt. Ackerbau, Viehzucht, Wasser- und Sauerstoffversorgung sind in diesem Mega-Komplex die Grundlagen für die zukünftige Selbstversorgung von vier Männern und vier Frauen, die in den nächsten beiden Jahren hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt werden, um den wissenschaftlichen Beweis der Theorie von „Ecosphere 2“ erbringen zu können.

Die Terranauten von T.C. Boyle und der Marsianer von Andy Weir

Die Terranauten von T.C. Boyle und der Marsianer von Andy Weir

Und wozu das alles? Wozu dieser immense Aufwand? Ganz einfach: Um zu zeigen, dass menschliches Leben auf anderen Planeten in ferner Zukunft möglich ist. Wer den Roman Der Marsianer von Andy Weit kennt, wird wissen, welche wissenschaftlichen Vorarbeiten erforderlich waren, um diese Mission zum Roten Planeten zu ermöglichen. Und hier kommen unsere „Terranauten“ ins Spiel. Sie simulieren im Glaskasten, was für spätere Besiedelungen im Weltall lebensnotwendig ist. Und dies nicht nur unter der Aufsicht einer wissenschaftlichen Leitung sondern unter den wachsamen Argusaugen der Weltöffentlichkeit.

Nichts rein – Nichts raus! Das ist das Mantra der geschlossenen Gesellschaft und nur ein einziger Verstoß gegen diese Maxime würde das gesamte Projekt mit einem Schlag ad absurdum führen. Ein Scheitern wäre der finale Todesstoß für das gesamte Projekt. Das ist die große menschliche Herausforderung für acht Forscher, die für zwei Jahre nicht nur wissenschaftliche Versuchstiere sind, sondern auch ein Team bilden müssen, das die Durchhaltefähigkeit als Gruppe gewährleistet. Hier hat T.C. Boyle einen in sich geschlossenen Erzählraum gefunden, in dem er seine Protagonisten jedem Szenario in der künstlichen Welt aussetzen kann, das der Mission ein Bein stellen könnte.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Das hat was von einer Langzeitvariante von Big Brother, nur dass nun das gesamte Team gewinnen muss, um die Herausforderung zu bestehen. Individuelle Belange sind für den Erfolg des Ganzen zu unterdrücken. Teamplay ist angesagt. Und dies unter den Parametern eines dauerhaften Einschlusses unter den Risiken der Unterversorgung bei gleichzeitiger Zuspitzung zwischenmenschlicher Konflikte. Wenn das mal nicht der Stoff ist, aus dem gute Romane gestrickt sein müssen. T.C. Boyle schöpft aus dem Vollen in seiner Beschreibung der Auswahl der Kandidaten, der Enttäuschung derer, die nicht ins Terrarium einziehen dürfen und der sich immer weiter zuspitzenden Konflikte derer, die doch eigentlich zusammen funktionieren sollten.

Nichts rein – Nichts raus! Nur wir sind davon ausgenommen. Für Leser und Hörer der Geschichte ist Ecosphere 2 semipermeabel. Wir können rein und raus. Wir sind in der Lage, die Situation in Mission Control zu beobachten, folgen den „Terranauten“ zu den täglichen Arbeiten und verfolgen die große Variable der Geschichte: Das wahre Leben. Denn jede einzelne Sequenz wird überlagert vom Ego der Eingeschlossenen. Konflikte reichen und tragen weit. Das Casting hat seine Narben hinterlassen und die Gruppe ist in sich nicht homogen genug, um die Herausforderungen einfach so zu kompensieren.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Was dieser Mission wahrlich gefehlt hat, ist die sexuelle Anziehungskraft, die das geschlossenen System zum implodieren bringt. Enthaltsamkeit, Isolation und Druck, es sind alle Parameter vorhanden, den menschlichen Kochtopf zum Sieden zu bringen. So auch in den wechselnden Beziehungen, den losen Kontakten, dem ersten Stelldichein und der ungewollten Konsequenz aller Leidenschaft. Rein und raus. Im Terrarium geht es erstaunlich gut. Als jedoch eine „Terranautin“ schwanger wird, steht die Mission vor dem Aus. Eifersucht regiert, ein zusätzliches und nicht kalkuliertes kleines Maul wäre zu stopfen und die Weltöffentlichkeit ist fokussiert auf das Terranauten-Baby. Gibt es einen Ausweg?

Ich bin hin- und hergesprungen zwischen denTerranauten in Buchform und der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag. Die Konstruktion der Geschichte ist hierfür prädestiniert. In drei Perspektiven gilt es, sich „Ecosphere 2“ zu nähern. Dawn Chapman und Ramsay Roothoorp liefern die hermetisch geschlossenen Sichtweisen aus dem Inneren, während Linda Ryu den Sprung ins Team verpasst hat und nun von außen beobachten muss, was ihr selbst verwehrt wurde. Als Dawn schwanger wird, ist es Linda, die ihre Chance wittert. Nicht nur weil Ramsay die Vaterrolle nicht annehmen will, sondern auch noch ein Verhältnis mit einer Frau hat, die draußen auf ihn wartet. Es brodelt nicht nur. Die Atmosphäre kocht.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Im Hörbuch gelingt es August Diehl, Ulrike C. Tscharre und Eli Wasserscheid die sich aufbauenden Konflikte sukzessive und dramaturgisch perfekt inszeniert zu einem Vulkanausbruch zu steigern. Authentisch wirken sie, wenn sie ihre Sichtweise vertreten und unglaubwürdig wirken die Anderen, bis sie selbst das Wort ergreifen. Der Hörer ist hin- und hergerissen zwischen Antipathie und Sympathie zu den drei Charakteren und ihren Mitbewohnern in und außerhalb von „Ecosphere 2“. Die Zeit läuft, die Biologie ist nicht aufzuhalten und die ganze Welt beäugt die „Terranauten“  im Fernsehen und vor dem Besucherfenster einer ständig wachsenden Touristenattraktion.

Authentisch ist dieser Roman in jeglicher Hinsicht. Ich habe mir zur Sicherheit vor meinem Aufenthalt im Roman meine Weisheitszähne ziehen, den Blinddarm entfernen lassen und auf Deodorant und Rasierschaum verzichtet. Auch für mich galt: Nichts rein. Nichts raus. Ich habe mit Mission Control zusammengearbeitet, Ziegen gemolken und Fische im künstlichen Ozean gefangen. Ich habe nicht gejammert, als die Temperatur auf über 48 Grad Celsius stieg und ich bin am Tag des Wiedereintritts auf allen Vieren aus der Luftschleuse gekrochen, nur um wieder eine Überraschung zu erleben. Und die hatte es wahrlich in sich. Als Buch brillant, in seiner Hörbuchfassung eine Adaption, die den Hörer ganz nah an die „Terranauten“ bringt.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Und doch sei am Ende die Frage erlaubt, ob ich es hier wirklich mit Science Fiction zu tun habe. Ob T.C. Boyle einen Fantasieraum geschaffen hat, der visionär und auch ein wenig utopisch ist? Ob seine literarische Kreativität bahnbrechend ist und die Leser erst in einigen Jahren feststellen werden, wie plastisch er die Zukunft abgebildet hat. Es ist nicht so. Es ist eher Past Fiction, denn das Vorbild für „Die Terranauten“ ist unter dem Namen „Biosphere 2“ schon seit der Mitte der 1990er Jahre gescheitert und wird nur noch als Touristenziel vermarktet. Daraus macht auch T.C. kein Geheimnis.

Folgt man der Missionsbeschreibung zu „Biosphere 2“ auf Wikipedia, so hat man das grundlegende Gerüst für den Roman „Die Terranauten“ vor Augen. Vom Scheitern einer ersten Mission aufgrund der Handverletzung eines Teammitgliedes bis hin zu den ausufernden zwischenmenschlichen Spannungen. Insofern bietet der Roman eigentlich nur in der Fiktionalisierung der Charaktere neue Ansätze. Die Überhöhung der Konflikte durch die Schwangerschaft von Dawn Chapman ist mehr als gelungen. Neuland jedoch hat T.C. Boyle nicht betreten. Er hat viel Sand aufgewirbelt, der eine grandiose Story in der Wüste von Texas begraben hat.

„Ein Schwur ist ein Schwur. Nichts rein. Nichts raus.“

Für mich ist zu viel von draußen in den Roman reingekommen. (Siehe Spiegel vom 22.09.2011)

buchhandlung-calliebe

„Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg - AstroLibrium

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg – AstroLibrium

Wie fühlt man sich so als fünftes Rad am Wagen? Die Fachsprache bezeichnet es als Ersatzrad. Etwas im eigentlichen Sinne Überflüssiges, zumindest so lange, bis man im Notfall darauf zurückgreifen kann. Erst dann bemerkt man, wie lebenswichtig es sein kann, ein Rad in Reserve zu haben. Wie man sich als Mensch fühlt, in eine solche Rolle gedrängt zu werden, hat vielleicht jeder für sich in seinem Leben erlebt. Es ist kein allzu schönes Gefühl im Leben eines anderen Menschen nur dann wichtig zu sein, wenn Not am Mann (oder an der Frau) ist.

Johanna kennt dieses Gefühl nur zu gut. Eigentlich hätte sie alles, um im Leben von Boris die Hauptrolle zu spielen. Sie verstehen sich gut, können sich stundenlang und in aller Tiefe unterhalten. Gefühle sind auch vorhanden und doch hakt es zwischen ihnen. Es ist die Summe der verpassten Gelegenheiten, die aus Johannas Wunschtraum von Liebe eine nicht aufzulösende Ungleichung macht. Es sind die wenigen Zentimeter, die sie von einem ersten Kuss trennen, es sind die nicht genutzten Chancen, die Wahrheit gesagt zu haben. Und es ist die Unbekannte in der Ungleichung, die das Leben schwer macht. Ana-Clara.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Johanna entscheidet sich für einen Weg, der für sie die schlimmste aller Alternativen darstellt und zumindest ein wenig Nähe zu Boris garantiert. Sie fügt sich in die Rolle als Reserverad. Sie ist immer dabei, nicht wichtig genug für eine Hauptrolle, ungeliebt und im Stillstand, während Boris und Ana-Clara auf Hochtouren umeinander kreisen. Immer in der Hoffnung, Boris möge doch irgendwann erkennen, wer wirklich zu ihm passt, wer sein Leben in Schwung hält und was er Johanna bedeutet. Keine schöne Position, das eigene Sehnen im Kofferraum der Beziehungskiste anderer Menschen zu verbringen.

Wer an dieser Stelle der Meinung ist, es handele sich hier um eine archetypische Coming-of-Age-Geschichte, den kann ich beruhigen, denn es ist in Teilen wahrlich so. Wer jedoch denkt, es hier mit einer schablonenhaft erzählten Story einer unglücklichen Jugend vor sich hin pubertierender Teenager zu tun zu haben, der sieht sich getäuscht, wenn er sich mit dem Schriftsteller und der eigentlichen Geschichte hinter den Kulissen auseinandersetzt. „Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg ist in jeglicher Sicht ein Roman über Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Hoffnung. Dieser Roman ist ein aufrichtiger und wundervoll zu lesender Entwicklungsroman dreier Menschen, die in unterschiedlichen Konstellationen an- und aufeinanderprallen.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Und doch verbirgt sich hinter der Leichtigkeit des Schreibens eine Bildhaftigkeit, in der man lesend wie in einem der Kinofilme von Jan Schomburg versinken kann. Es ist kein Drehbuch, das er hier geschrieben hat. Die Montagetechnik der Szenen und einige Überblendungen weisen aber deutliche Spuren eines kreativen Menschen auf, der eine Geschichte anders erzählen kann, weil er sie vor seinem geistigen Auge sieht. Und hier geht Jan Schomburg einen Weg der in sich gewöhnungsbedürftig ist, weil man sich ihm ausliefern muss.

Chronologisches Erzählen? Fehlanzeige! Schomburg zwingt die Leser seines Buchs im positiven Sinne zu einer intuitiven Adaption der Geschichte. Er löst den Verstand des Lesers von Zeitvorstellungen und blendet Situationen ein, die im Film als Rückblick und Ausblick vielleicht farblich vom Gesamtwerk abgehoben wären. Schomburg schreibt sie in einem Fluss. Auf Johannas Erinnerung an einen bestimmten Abend folgt der Dialog, der sich nur dort zugetragen haben kann. Und wenn wir diesen Dialog verlassen, fühlen wir uns ganz spontan wieder in den Erzählraum Schomburgs ein und können uns nach vorne bewegen.

Schomburgs Roman liest sich so intuitiv, wie wir unsere Smartphones bedienen. Man benötigt keine Bedienungsanleitung, kein Handbuch zum Buch. Lesend folgt man einer unsichtbar angelegten Fährte und kommt doch ganz individuell ans Ziel. Basis für dieses Lesevergnügen ist das Vertrauen in den Schriftsteller. Jan Schomburg zahlt es auf jeder Seite zurück.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Er fährt hier keinen wirren Zickzackkurs durch seine Geschichte. Er folgt vielmehr dem unausgesprochenen Wunsch bibliophiler Menschen, nicht kapitelweise in die tiefe Vergangenheit der beschriebenen Menschen einzutauchen, sondern sequenziell und in wohldosierten Flashbacks zu erfahren, was geschah und welche Auswirkungen es jetzt auf die Situation hat, in der man sich gerade befindet. Dieses intuitive Lesen ist eine der prägendsten Leseerfahrungen, die ich in letzter Zeit machen durfte.

Handlungsfäden verschwinden, tauchen auf, verweben sich neu und gewinnen an Bedeutung, weil man sie in sich wandelnden Kontexten anders interpretieren kann. Ein Schulausflug nach Barcelona, das scheinbar menschenunwürdige Verhalten eines ihrer Mitschüler, die Suche nach den Gründen hierfür, der Versuch einer Bestrafung und die vielen Augenblicke von Zweisamkeit unter dem Damoklesschwert der allgegenwärtigen Ana-Clara vermischen sich zu anscheinend eher losen Elementen einer Geschichte, die aus einer jeweils anderen Perspektive unglaubliche Zusammenhänge offenbaren.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

So ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Boris auf der Suche nach Antworten auf die Fragen des Lebens verirrt und ausbricht. Sein Verschwinden ist der Weckruf für Johanna. Gemeinsam mit Boris` Eltern und der ewigen Konkurrentin beginnt die Suche nach der Liebe ihres Lebens. Und wieder nur als fünftes Rad am Wagen. Auch jetzt an der Seite der eigentlichen Freundin, die gar nicht so verzweifelt scheint, wie es vielleicht sein sollte. Island ist das gemeinsame Ziel und doch nur eine Etappe. Angst beherrscht die Gefühlswelt von Johanna, denn der letzte Brief von Boris schmeckte nach Abschied vom Leben.

„Irgendwie sehe ich kein Licht mehr und höre keine Geräusche…“

Dabei sind es genau „Das Licht und die Geräusche“ die das Leben so lebenswert machen und einen Menschen davon abhalten sollten, Selbstmord zu begehen. Das hat Johanna Boris anvertraut und die magischen Worte tragen den gesamten Roman und ganz intuitiv werden wir Zeugen einer auf den ersten Blick verstörenden Situation in der die Verzweiflung zweier Suchender ein Ventil findet. Ein emotionaler Vulkanausbruch in dem sich Ana-Clara und Johanna hemmungslos verlieren. Jan Schomburg überrascht und verstört zugleich, weil „Das Licht und die Geräusche“ in seiner Geschichte heller und lauter sind, als man es erwarten konnte.

„Das Licht und die Geräusche“ macht uns literarisch HELLHÖRIG…

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Versinken wir jetzt in geräuschloser Lichtlosigkeit? Keinesfalls. Es wird noch heller und lauter. Am 4. April ist Jan Schomburg im Literaturhaus München zu Gast. Er stellt dort sein Buch im Rahmen einer Lesung vor. Der perfekte Anlass, sich mit Mikrofon und Kamera dorthin zu begeben und von diesem besonderen Abend zu berichten. Ich freue mich schon jetzt, dies wieder mit meiner kongenialen Blogger-Partnerin Stephanie von Nur Lesen ist schönergemeinsam zum Herzensprojekt machen zu dürfen.

Und die Liste unserer Team-Reportagen ist schon recht ansehnlich. Sie reicht von Heidi Rehn, Alex Capus, Lily King bis zu Hannah Rothschild. Aber schaut selbst. Steffi hat sie mit feinem Auge zusammengefasst. HIER…

buchhandlung-calliebe

„Ein Winter in Wien“ von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ist es in der heutigen Zeit möglich, Leser mit einer ganz einfach erzählten Romanze zu begeistern? Kann man einen Roman schreiben und publizieren, der in aller Zartheit wirkt wie ein scheues literarisches Reh, das sich kurz auf der bibliophilen Lichtung zeigt und sofort verschwindet, wenn es Gefahr wittert? Sind wir als Leser überhaupt noch in der Lage, eine Erzählung um ihretwillen zu schätzen, uns verzaubern zu lassen und sie nicht an reizüberflutenden und Herzschmerz verursachenden Lovestorys zu messen?

Ist es vermittelbar, dass man eine Geschichte erzählt, die in einem gesellschaftlich- historischen Kontext eingebettet ist, der aufgrund der Moralvorstellungen und der einst vorherrschenden Sittenbilder von Haus aus verhindert, dass wir zu Zeugen ausufernder erotischer Ausschweifungen werden? Haut uns ein solcher Stoff noch vom Hocker oder ist es der eher prüden Leserschar vorbehalten, den biederen Weg ins verschneite Wien des Jahres 1910 zu erlesen?

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Erstens gilt es festzuhalten, dass ich nicht bieder oder prüde bin. Zweitens vertiefe ich mich fast ausschließlich in Romane, die in der Lage sind, mich vom Buchhocker zu reißen. Und drittens darf für mich eine romantische Geschichte sehr gerne so erzählt werden, als sei sie aus der Zeit gefallen, in die sie geschrieben wurde. Das macht viele gute Erzählungen erst authentisch und vermittelt ein deutliches Bild davon, wie zaghaft sich die erste Annäherung zweier Menschen vollzog, die voneinander fasziniert waren.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb ist eine solche Geschichte. Wüsste man nicht, dass dieser Roman von einer quicklebendigen Schriftstellerin unserer Zeit geschrieben wurde, man könnte ihn für einen Fund aus der Frühzeit des zwanzigsten Jahrhunderts halten. Er spielt nicht nur im winterlichen Wien des Jahres 1910. Sowohl sprachlich als auch atmosphärisch lebt der Roman in einer Zeit, die durch die Klassenunterschiede im österreichischen Kaiserreich, ein überhöhtes Standesdenken und Wertebilder bestimmt war und heute auf uns wahrlich antiquiert wirkt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Es schneit in Wien. Es ist kalt und man friert, wenn man nicht zu den wenigen Reichen gehört, die sich den Luxus der Wärme leisten können. Die 18-jährige Marie Haidinger gehört nicht zu den vom Schicksal begünstigten Menschen, sie kommt von ganz unten. Mehr als ein entbehrungsreiches Leben auf einem Bauernhof stand für sie nie auf dem Plan. Und doch verschlägt es sie auf der Flucht vor dem Gefühl „Leibeigene“ zu sein in die Hauptstadt und sie ist in aller Bescheidenheit mit allem zufrieden, was das Leben ihr zu bieten hat. Aus der Schankmaid wird ein Hausmädchen und aus dem Hausmädchen wird ein Kindermädchen.

Für Marie schon ein Leben in Luxus. Ihre Kammer ist beheizt, die beiden Kinder sind ihr sehr schnell ans Herz gewachsen und die Hausherren behandeln sie so gut, wie sie in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht behandelt wurde. Erst langsam erkennt sie, wer der Hausherr der Sternwartestraße im Wiener Cottage-Viertel ist. Sie lebt im Haus des bekannten Schriftstellers Arthur Schnitzler, dessen Theaterstücke und Erzählungen in aller Munde sind. Und ausgerechnet sie, die arme Marie vom Land, darf seine beiden Kinder beaufsichtigen und erziehen.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Und wie sollte es in diesem Haushalt anders sein? Ein Buch verändert das Leben des liebenswerten Kindermädchens. Sie soll es nur für Arthur Schnitzler abholen. Ein harmloses Vorhaben, wäre da nicht der Blick des jungen Buchhändlers, wäre da nicht ein kleiner Funke, der in diesem Moment auf beide überspringt und wären da nicht alle moralischen Schranken, die es so schwer machten, sich unbefangen kennenlernen zu dürfen. Erst ein Geschenk macht das Unmögliche möglich. Ein Büchlein aus der Feder von Rainer Maria Rilke öffnet die Tür zum Herzen des jungen Mädchens.

„Mir zur Feier“ in einer wundervollen Ausgabe, deren Seiten unbeschnitten sind und die erst mit einem Messer getrennt werden mussten, bevor man es lesen konnte ist das wohl wertvollste Geschenk, das sie je in Händen hielt. Eine zarte Romanze beginnt den Winter in Wien wärmer erscheinen zu lassen und aus dem ersten beigelegten Brief wird der erste Spaziergang und aus dem ersten gemeinsamen Weg entwickelt sich der erste zarte Kuss, der auch den Leser wie eine schmelzende Schneeflocke berührt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb schreibt, als hätte sie Charles Dickens nach Wien entführt. Es mutet klassisch an, was doch gar nicht klassisch ist. Und doch garniert sie die zarte Romanze mit einem Spannungsbogen, der das Gleichgewicht zum Wanken bringen kann. Maries Leben steht unter Vorbehalt. Es gibt keine Garantie für eine unbeschwerte Zukunft und ein einziger Fehler kann sie alles kosten. Und genau dieser Fehler unterläuft ihr. Ob sie ihr Glück findet, sollte man sich schon selbst erlesen. „Ein Winter in Wien“ ist in jeder Hinsicht eine Lesereise wert.

Für einen literarischen Sternwärter ist ein Roman, der in der Sternwartestraße 71 spielt ja schon fast wie eine persönliche Einladung. Die Atmosphäre eines Wiener Winters im Jahr 1910 ist so fesselnd und bildhaft festgehalten, als würde man in einem Poesiealbum aus der Vergangenheit blättern. Sprachlich spürt man den Atemhauch der Geschichte und literarisch wird einem der ganz Großen der Literaturgeschichte Leben eingehaucht. Und wenn man dann noch, so wie ich, einen Rilke in seinem Bücherregal hat, der unbeschnitten ist und dessen erstes Gedicht „Mir zur Feier“ heißt, dann geht „Ein Winter in Wien“, erschienen bei Kindler, eine schon fast magische Beziehung zu meinem bisherigen Lesen ein. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht an Zufälle glaube.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb hat mit ihrem literarischen Selbstfindungstrip „Meine wundervolle Buchhandlungmein lesendes Herz im Sturm erobert. Ein wundervolles Interview in Frankfurt brachte mich ihr näher und ihre kuriose Widmung in ihrem Buch ist bis heute unvergessen. Vielleicht signiert sie mir ja irgendwann einmal „Ein Winter in Wien“. Ich habe mir fest vorgenommen, sie in diesem Fall nicht mit meinen Fragen abzulenken. Es wäre nicht auszudenken…

Und doch bleibt eine Frage, die ich gerne stellen würde: Wenn Petra Hartlieb diesen Roman ihrer Großmutter Johanna Haidinger widmet, dann könnte es doch sein, dass jene Marie Haidinger vielleicht den ersten Funken bibliophiler Leidenschaft schlug, der heute in der Buchhandlung Hartliebs Bücher hell leuchtet.

buchhandlung-calliebe