Emma Bonn – Eine Spurensuche

Emma Bonn – Eine Spurensuche - Astrolibrium

Emma Bonn – Eine Spurensuche

Mein Name ist Bonn, Emma Bonn… Das war meine erste Assoziation, als ich diesen Namen zum ersten Mal hörte. Ich denke, das hätte der wahren Emma Bonn ein wenig gefallen, wenn sie das Spiel mit ihrem Namen heute miterleben könnte. Kann sie nicht, wie mir die weitere intensive Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte deutlich machte. Es war erneut ein Buch aus der Münchner Stroux Edition, das mich in seiner schlicht und doch so erfreulich auffällig gestalteten Aufmachung auf einen Menschen neugierig machte, den man eigentlich hätte vergessen sollen. Einen Menschen, der in vielfacher Hinsicht keinem der sozialen Bilder seiner Zeit entsprach und dem man zeigen musste, wie Fehl am Platz er war. Ein Mensch, dessen Besitz man sich aneignete, dem man in Anwendung eindeutiger Gesetze alles verbieten konnte, was für andere Bürger normal war. Das Schreiben, die Behandlung in einer Klinik oder medizinischen Beistand durch eine eigene Haushälterin. Alles verboten. Nichts sollte sie, die deutsch-jüdische Autorin Emma Bonn der Nachwelt hinterlassen, nichts sollte an sie erinnern. Die Auslöschung war das Ziel.

Ich stelle mir gerade vor, wie sehr die Nazis von einst vor Wut schäumen würden, wenn sie noch am Leben wären und in Feldafing am Starnberger See vor der Villa der Schriftstellerin stehen und ein paar Details bestaunen müssten. Eine Gedenktafel, die an die Dichterin und nicht an ihre Unterdrücker erinnert. Ein Stolperstein, der auf ihre Vergangenheit in ihrer Villa und ihre Deportation hinweist und nicht auf die Machthaber, die sich hier breitgemacht hatten. Menschen, die plötzlich ihre Geschichte erzählen und sich an sie erinnern. Eine Schriftstellerin, die zugleich eine Verwandte von Emma Bonn ist, Bürger und Bürgerinnen von Feldafing, die neuen Besitzer dieses Anwesens und in zunehmender Anzahl Interessierte, die von ihrer tragischen Geschichte erfahren. Leser und Leserinnen, die sich der Spurensuche nach jener deutsch-jüdischen Schriftstellerin und Dichterin anschließen, um ihre Gesichte aufleben zu lassen und an sie zu denken. Sie dem Vergessen zu entreißen und der menschenverachtenden Ideologie eine klare Abfuhr zu erteilen. Ein für alle Mal. Jetzt und für alle Zeiten. 

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Emma Bonn – Eine Spurensuche

Und so hat sich Angela von Gans einer Mission verschrieben, die der eigenen weit verzweigten Familiengeschichte gerecht wird. Die in Melbourne geborene, in Indien und Österreich aufgewachsene, und seit 1970 in München lebende Weltenbürgerin hat sich intensiv mit ihrem Stammbaum auseinandergesetzt und ist dabei doch eher zufällig auf ihre entfernte Verwandte Emma Bonn gestoßen. Es waren Recherchen im Kreise ihrer Familie und ein unerwartetes Paket voller unveröffentlichter Gedichte aus Amerika, die der Spurensuche neue Nahrung verliehen und zu diesem Buch führten. „Emma Bonn, 1879 – 1942, Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin“ Ich habe mich schnell dazu entschieden, mich ihrer Mission anzuschließen, liegt doch Feldafing fast vor meiner Haustür. Also rein ins Buch, versinken in den Gedichten und auf mit der ganzen Familie raus zum Starnberger See. Das Erinnern mit allen Sinnen und auf allen Kanälen ist unsere Triebfeder…..

„Doch einst, das weiss ich, wird die Seele frei,
Bleibt mir verhüllt auch, wann und wie das sei,
Die Kehle bebt schon vor dem Jubelschrei,
Die Flamme zieht mich hoch, die Stricke sind entzwei.“

Emma Bonn (März 1941)

Angela von Gans braucht nicht viel Raum, wenn sie das Leben von Emma Bonn rekonstruiert. Es sind zarte 150 Seiten, die nun Zeugnis ablegen von einem Leben in Deutschland, das in anfänglich behüteten Bahnen verläuft, doch langsam und sicher in eine Richtung abdriftet, die ins absehbare Chaos führt. Es sind Familienchroniken und Stammbäume, die der Familie von Emma Bonn Kontur verleihen, es sind diese frühen Aufzeichnungen, die der Spurensuche Halt geben. Dann jedoch verliert sich Emma im Schreiben und in ihren Romanen und Gedichten. Es ist ein brillanter Versuch, ihr durch die Enthüllung der autobiografischen Anteile ihres Schreibens auf die spur zu kommen. Angela von Gans beschreibt die Hoffnungen und Ängste eines jungen Mädchens, die zunehmende Verzweiflung angesichts einer unerklärlichen Nervenkrankheit, die Emma ans Bett fesselt und zuletzt die letzten Strudel in der Hass-Spirale der Judenverfolgung durch die Nazis. Enteignung, Deportation, Tod.

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Angela von Gans lässt die Hoffnungen und Wünsche eines jungen Mädchens neu entflammen, und bringt uns dadurch einer Schriftstellerin näher, die erst in ihrer Poesie und in ihren Geschichten das konnte, was ihr die Gesundheit verwehrte.

„Hätte sie frei laufen und in dem natürlichen Rhythmus des kleinen Körpers
sich austoben dürfen, Schnee und Kälte wären ein Spaß gewesen…“

Emma Bonn (Das Kind im Spiegel)

Auf diese Art und Weise gelingt nicht nur eine kleine Rennaissance sondern auch die Retrospektive auf das Gesamtwerk einer Autorin, die im Dritten Reich weder als lebens- noch als lesenswert betrachtet wurde. Angela von Gans verliert sich dabei nicht in Sentimentalitäten oder Gefühlsausbrüchen. Es ist eine gesunde Distanz, die sie hier einnimmt, um der Rolle der Berichterstatterin gerecht zu werden. Die Emotionen sind in weiten Teilen uns überlassen. Es sind die Gedichte, die berühren, es sind die Romane, in denen wir Emma Bonn wiederfinden und ganz zuletzt ist es die Bürokratie der Nazi-Diktatur, die Zeugnis über Deportation und Tod ablegt. All dies wird wieder lebendig. In jedem Wort, auf jeder Seite und in jedem Kapitel zeigt dieses Buch auf, dass man auch Jahrzehnte nach dem Vergessen Menschen ins Erinnern retten kann. Es ist die höchste und zugleich nachhaltigste Form des Sieges gegen die nationalsozialistische Ideologie.

„Was wirklich lebt, kann nie und nie ersticken.
Es keimt und sprosst und grünt, es steigt der Saft.
Mag dich die Zeit, in der Du lebst, auch nicht erquicken,
Die Zeit, in der Du lebst, hält Dich in Haft.“

Emma Bonn (April 1933)

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Emma Bonn – Eine Spurensuche

Ich fand die Villa Bonn in Feldafing, ich las die Inschrift der Gedenktafel, ich sprach mit den neuen Besitzern, denen es so wichtig ist, an Emma zu erinnern, ich stand vor dem Stolperstein, der das Wort Theresienstadt trägt, wie den ewig zu hörenden Schrei der Ungerechtigkeit und ich wurde auf den jüdischen Friedhof Feldafing aufmerksam Eine dramatische Geschichte von befreiten KZ-Insassen, die in Feldafing aufgefangen wurden. Nach dem Krieg entstand hier ein Hoffnungsort. Dieser Friedhof zeugt jedoch auch von jenen Opfern, die den Krieg nicht lange überlebten. Aber das ist eine andere Geschichte. Typisch jedoch für die Geschichte von Emma Bonn, weil das Erinnern an ein Opfer des Nazi-Terrors das Erinnern an so viele andere Opfer nach sich zieht. Ein lesenswertes Buch über unsere jüngere Geschichte, eine Wiederentdeckung und die Neuentdeckung von Gedichten, die uns die Geschichte fast vorenthalten hätte. Wenn es nicht so viele aufrechte Menschen gegeben hätte, die dem widerstanden haben.

Ich danke auf diesem Weg ganz besonders jenen Lesern, die mir auf meinem Weg zu Emma auf Instagram oder Facebook gefolgt sind. Jürgen Gielsdorf zum Beispiel war mit Buch und Kamera zeitgleich im Norden unseres Landes unterwegs. Man kann sich vorstellen, wie bewegend es ist, mit den Erinnerungen an Emma Bonn nicht allein zu sein. Der Weg geht weiter. Erinnern und immer weiter erinnern, das ist mein Ziel im Lesen und Schreiben gegen das Vergessen. Wir werden Emma Bonn in der nächsten Ausgabe unseres literarischen PodCasts „GlockenbachWelle“ mit der Stroux Edition einen ganz besonderen Platz einräumen. Dazu schon bald mehr, wenn wir mit Marie Gaté, Der Klang des Bleistiftes, der zu Boden fällt, der Verlegerin Annette Stroux und einem noch gut gehüteten Geheimnis auf Sendung gehen. 

Hier geht´s zu meiner Bibliothek „Gegen das Vergessen„.

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Wieder fliegen lernen von Sam Bloom

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Wieder fliegen lernen von Sam Bloom

Im Januar 2018 begegnete ich erstmals „Penguin Bloom und war nicht nur von der Geschichte der kleinen australischen Elster begeistert. Es war die Geschichte hinter dem Offensichtlichen, die mir den Atem raubte. Die Geschichte von Sam Bloom, (eigentlich Samantha) die nach einem Unfall querschnittgelähmt ist und der ein kleiner Vogel neuen Mut macht. Damals erzählte Sam’s Ehemann Cameron diese Geschichte. Sam lernten wir nur indirekt kennen. Hinter dem Vogel konnte man sich gut verstecken. Penguin stahl allen die Show. Nun, drei Jahre später, sitze ich vor dem Buch, das Sam Bloom selbst schrieb. „Wieder fliegen lernen„. Sie tritt aus dem Hintergrund ans Licht. Sie nimmt uns jetzt an die Hand und führt uns in ihre grundverschiedenen Leben. Das davor und das danach. Am Ende von „Penguin Bloom. Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete“ meldete sich Sam Bloom erstmals in diesem Buch zu Wort. Ihr Kampf um ein normales Leben steckte in den Anfängen, aber es zeichnete sich schon damals ab, dass wir noch mehr von ihr hören und lesen würden. Meine Rezension endete so:

Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete

Das Ende gehört Samantha Bloom. Sie wendet sich in einem bemerkenswerten Brief an alle Menschen, die ihr Schicksal teilen. Sie wendet sich an alle Menschen, die zum Umfeld von Betroffenen gehören. Sie spricht ungeschönt über ihre Ängste, ihre Scham, den Ekel vor sich selbst, den Hass gegenüber Menschen, denen es besser geht und in letzter Konsequenz über die wenigen Wege, die uns bleiben, Menschen wirklich helfen zu können, die durch ihre Querschnittslähmung aus dem Querschnitt des Lebens fallen.

Die wahre Geschichte endet nicht mit dem Buch. Die wahre Geschichte ist auch die Geschichte des Loslassens. Wir können weiter daran teilhaben, wenn wir dem Account von Penguin Bloom „penguinthemagpie“ auf Instagram folgen. Die Blooms leben bei Sidney an einem Traumstrand. Samantha Bloom hat das Kajakfahren für sich entdeckt. Penguin Bloom verschwand, nachdem ihre Aufgabe erfüllt war, aber

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Wieder fliegen lernen von Sam Bloom

Diesem ABER von einst gesellt sich nun ein weiteres ABER hinzu… Sie hat ihren Weg ans Licht gefunden und wieder fliegen gelernt. Sam Bloom hat ihren Aufwind und das mediale Interesse an ihrer Geschichte genutzt, um sich neu zu erfinden. Dazu gehörte es, Hürden zu überwinden und Grenzen hinter sich zu lassen. Zu Menschen in vergleichbaren Situationen zu sprechen, auf Veranstaltungen aufzutreten und Präsenz zu zeigen, über sich selbst zu sprechen und öffentliche Reden zu halten. Vormals eher undenkbar, tastete sie sich langsam vor in eine neue Welt. „Wieder fliegen lernen“ ist das Ergebnis ihrer inneren Reise. Jetzt schreibt sie selbst, jetzt findet sie ihre Worte für das eigentlich unaussprechliche Geschehen. Jetzt geht Sam einen weiteren Schritt auf uns zu und öffnet sich in einer ungeschönten sympathisch ehrlichen Art und Weise, die uns fesselt und in ihren Bann zieht. Nein, erwarten Sie keinen Ratgeber für Menschen, die nach schweren Unfällen an den Rollstuhl gefesselt sind. Erwarten sie kein Buch, in dem Sie als Angehöriger von Menschen mit Handicap eine Checkliste der guten Taten und überlebenswichtigen Gesten an die Hand bekommen. Genau das ist es nicht, was Sam Bloom wollte. Sie taugt nicht zum Ratgeber. Sie ist Sam und das ist ihr Buch.

An der Seite ihrer Kinder und ihres Mannes hat sie Kraft geschöpft, ist sie an sich und der unausweichlichen Situation gewachsen und hat hier Grenzen überwunden, die für sie unüberwindbar schienen. Die leidenschaftliche Surferin, die nach dem Unfall nur schwer daran glauben konnte, sich sportlich zu betätigen und im Kajakfahren den Weg fand, erste kleine Erfolge zu feiern, ist inzwischen zweifache Para-Surfweltmeisterin. Auch das ist Teil ihrer Geschichte, die sie in ihrem Buch erzählt. Es bewegt extrem, zu erfahren, wie sehr ihr das erste Buch aus der Feder ihres Ehemanns geholfen hat und was ihr diese Liebeserklärung bedeutet. Es ist sehr emotional, nun aus ihrer Feder zu erfahren, was Cameron Bloom damals erzählte. „Wieder fliegen lernen“ ist dabei viel mehr als nur ein reiner Perspektivwechsel von Cam zu Sam. Dies ist die ungeschönte brutale Wahrheit aus Sicht der einzig Betroffenen. Was man ihr vorher zuschrieb, was man in sie hineininterpretierte und was man vermutete, wird nun zum Fakt. Sam bleibt kein Gefühl, keinen Zweifel und keinen Schmerz schuldig, um uns zu zeigen, wie man sich selbst aus einer katastrophalen Lage befreien kann, ohne jemals Frieden mit sich und dem Leben als Querschnittgelähmte schließen zu können.

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Wieder fliegen lernen von Sam Bloom

Und was ist mit Penguin Bloom, werden Sie fragen? Nun, die Rolle der kleinen Elster ist und bleibt dominant und allezeit sichtbar, auch in diesem Buch. Es war Penguin, die einen lebenswichtigen Impuls von außen setzte und damit schlicht und ergreifend auch einen Selbstmord verhinderte. Auch, wenn Penguin Bloom inzwischen weitergezogen ist, dieses Buch ist mit jeder Faser eine Hommage an das kleine Federknäuel. Es sind unglaubliche Fotos, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch ziehen, die uns zeigen, wie wichtig jener kleine verletzte Vogel für die ganze Familie war und ist. Seine Existenz allein schafft es, in der Folge Raum zu geben für die Bilder, die im vorherigen Buch ausgeblendet waren. Es sind die Bilder einer gebrochenen Frau nach dem Unfall. Es sind die Bilder aus der Klinik, aus der Reha und Bilder vom Weg zurück. Aber es ist auch ein Buch des DAVOR. Eine Samantha in Aktion, auf eigenen Beinen, reisend und in der Natur verwurzelt. Es ist dieser Kontrast, der ihre Geschichte so greifbar macht.

Sam Bloom erzählt direkt, auf den Punkt und unverblümt. Sie beschreibt ihre klare Reaktion auf Menschen, die sich ihr nur mitleidsvoll oder oberflächlich nähern. Sie geht ihren Weg weiter, obwohl sie nicht mehr gehen kann. Sie hinterlässt mehr Fußspuren in ihrer Geschichte, als manche Menschen, die auf eigenen Füßen stehen. Und doch wird sie bei aller erzählerischen Präzision und in ihrer fast spröde anmutenden Genialität im entscheidenden Moment sentimental und emotional, wenn es um ihre drei Söhne geht. Es ist ihr schlechtes Gewissen, das sich durch ihre Zeilen zieht. Es ist das Gefühl, als Mutter versagt zu haben und ihren Kindern eine normale Kindheit schuldig zu sein. Wir sind versucht, ihr laut zuzurufen, dass sie das nicht so sehen sollte. Aber dann müssen wir akzeptieren, dass dieser Schmerz, so bitter er ist, die Triebfeder für all die Kraft ist, die es braucht, um in dieser Situation Energie zu finden und wieder fliegen zu lernen.

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Wieder fliegen lernen von Sam Bloom

Wer „Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete“ gelesen hat, kommt an „Wieder fliegen lernen – Meine Geschichte“ nicht vorbei. Wer sich traut, diesen Weg gemeinsam mit den Camerons zu gehen, wird literarisch und menschlich reich belohnt. Wer Klartext verträgt und auf beschönigendes Beiwerk verzichten kann, wird hier fündig, wenn es darum geht, das eigentlich Wichtige im Leben zu finden. Und wer sich schon damals unsterblich in die kleine australische Elster Penguin Bloom verliebt hat, findet hier die berührende Fortsetzung dieser Liebeserklärung.

Wobei man schon ehrlich bleiben muss. Auch Sam Bloom neigt keinesfalls dazu, Penguin in allzu schillernden Farben zu beschreiben…

„Verstehen Sie mich richtig: Penguin war kein Engel. Dafür kackte sie entschieden zu oft auf unseren Esstisch und unsere weißen Sofakissen.“

Beflügelt“ ist der Titel der Verfilmung der Geschichte von Samantha Bloom. Die grandiose Naomi Watts spielt die Hauptrolle in dem bewegenden Film, der derzeit bei Amazon Prime zu sehen ist. Auch Netflix hatte ihn erworben und wollte ihn ab dem 21. Januar ausstrahlen, hier gilt es allerdings das aktuelle Programm zu beobachten. In jeder Beziehung ein sehenswerter Film, der mit den Büchern eine Einheit ergibt, weil es im Vorfeld der Umsetzung des Filmprojektes zu wichtigen Begegnungen zwischen Sam Bloom und Naomi Watts kam. Schreibt mir doch, wenn Ihr Penguin Bloom schon kennt und wie Ihr dieser Geschichte weiter gefolgt seid. Guten Flug…

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

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Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

Mein Lesen ohne Florian Illies? Vorstellbar vielleicht, sinnvoll allerdings nicht. Zu sehr hat sein Schreiben mein Lesen beeinflusst, zu intensiv bin ich den Episoden seiner biografisch geprägten Mosaiksteine gefolgt, die am Ende immer wieder ein großes Bild ergeben. Geschichte kann man als Geschichtsschreibung verstehen, oder man nähert sich ihr auf einem anderen Wege an. Es sind die Menschen ihrer Zeit, die Florian Illies Revue passieren lässt. Es sind jene Menschen einer Epoche, eines Jahres, eines ganz besonderen Augenblicks, die bei ihm zu Wort kommen und sich über den tiefen Graben der Vergangenheit an uns wenden, um uns von ihrer Zeit zu erzählen. Es ist bewegend, die von Florian Illies konstruierten Zeitbrücken zu betreten, nach Gemeinsamkeiten zu suchen und nach prominenten und einfachen Menschen Ausschau zu halten, denen wir wohl ohne diesen brillanten Collage-Künstler und Erzähler nie zugehört hätten.

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Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

Vor drei Jahren schrieb ich voller Vorfreude auf das neue Buch von Florian Illies „1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ und im emotionalen Rückblick auf seine vorausgegangene Hommage an das letzte Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges: „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“:

Vielleicht versteht man jetzt, worauf ich mich wirklich freue. Es sind die Seiten des Lesens neben diesem Buch, von denen ich jetzt noch keinen Schimmer habe, die mich aber vielleicht erneut verändern und prägen werden. Es sind Geschichten, auf die mich Florian Illies direkt stößt, während er mir indirekt ganz andere Wege weist. Ich möchte euch schon heute einladen, zurückzublicken, die Artikel von damals zu lesen und mich zu begleiten, wenn der Autor weitererzählt. Ich kann es kaum erwarten, mich wieder in das Jahr 1913 fallenzulassen. Ich kann es kaum erwarten, neue rote Fäden zu finden und sie zu einem Lesemuster zu vereinen. Ich werde das neue Buch lesen und hören. Ich werde wie von einem Wahn besessen sein und mich außerhalb der Geschichte auf Geschichten zubewegen, die ich jetzt noch nicht kenne. Wird das ein goldener Herbst.

Es wurde ein goldener Herbst und jetzt bescherte mir Florian Illies einen wahrlich goldenen Lesewinter mit der neuen Collage „Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls. 1929 – 1939„. Mehr als nur ein Jahr, mehr als nur ein Buch…

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Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

Jetzt, kaum drei Jahre nach meinen Lese-Erlebnissen im Jahr 1913, spannt Illies den Bogen weiter. Elf Jahre statt einem einzigen liegen seinem Buch zugrunde. Elf Jahre, die sich vielleicht auch zum Begriff eines letzten Sommers vereinen lassen, weil nach ihm ein umso längerer Winter folgte, als noch Jahre zuvor. Beide Epochen haben meine Großeltern am eigenen Leib erlebt, aktiv, ungeschützt. Es wäre ein Genuss, sie heute mit den Büchern von Florian Illies zu beschenken und sie zu fragen, ob sie ihre Geschichten dort wiederfinden. Aber vielleicht gehören diese Werke ja in die Bibliothek jenseits des Wahrnehmbaren und werden auch mit Interesse im Himmel gelesen. Nicht nur daran musste ich oft denken, als ich dem Verleger Florian Illies beim Legen seines Mosaikmusters folgte. Es gelingt ihm erneut, mich einerseits in seinem Buch zu fesseln, mir andererseits jedoch auch wieder Flausen in den Kopf zu setzen denen ich dann im Internet und in Sekundärliteratur recherchierend nachgehen muss. Illies fordert viel und gibt alles. Sein Name wird erneut zum Prädikat einer erlebnisreichen Zeitreise.

Er lässt die Wilden Zwanziger Jahre enden, wie sie begannen. Mit Kopfschmerzen und Besuchen in Krankenhäusern. Wir schreiben das Jahr 1933. Kein Wunder, dass in diesem Buch drei zentrale Kapitel den elf Jahren von 1929 bis 1939 Struktur verleihen.  DAVOR / 1933 / DANACH. Es klingt wie eine Ouvertüre auf den finalen Abgesang, die  Menschen zu beobachten, die den sterbenden Roaring Twenties Spalier stehen. Von F. Scott Fitzgerald und seiner glamourösen Frau Zelda, bis zu Jean Paul Sartre und seiner großen Liebe Simone de Beauvoir, über jene fast unbekannte Aktrice Marlene Dietrich, bis hin zum Skandal mit Bananenschurz Josephine Baker und meiner lange vermissten literarischen Bekannten Mopsa Sternheim. Florian Illies blättert in seinem Album der verbrieften Erinnerungen, nicht immer lustigen Anekdoten, realen Gerüchte und kuriosen Episoden und erstellt eine Collage der Jahre, in denen sich der Glanz der Epoche verliert. Es ist ein Gefühl, das alles dominiert. Es ist die Liebe, der er Raum im immer größer werdenden Vakuum gibt. Leidenschaften und Affären, Beziehungen aller nur denkbaren Konstellationen verleihen diesen Jahren bis 1933 eine ekstatische und doch gleichzeitig so apokalyptische Endgültigkeit. Besonders, wenn Pablo Picasso der Frau seines Lebens mit einem Gemälde zu verstehen gibt, was für ein Monster sie ist!

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Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

Verstörende Botschaften breiten sich aus. Die einen voller Hoffnung für die Frauen in Europa: „Die Frauen brauchten die Männer nicht mehr.“ Sie finanzieren ihr Leben selbst, machen unabhängig vom ehemals starken Geschlecht Karriere, sie arbeiten und bereisen die Welt. Wenn das mal nicht nach Aufbruch klingt. In wildem Taumel lässt der Autor und Sammler großer Persönlichkeiten tiefe Einblicke zu und Muster entstehen. In jeder tiefen Leidenschaft wächst ein zweifelnder Same. Die Endlichkeit scheint um sich zu greifen und die hellwachen Intellektuellen von den Gebrüdern Mann über Bertold Brecht bis hin zu Victor Klemperer verlieren Überblick und Mut. 1933 naht. Unheilvoll und voller böser Vorzeichen ergießt sich dieses Jahr über Berlin. Beziehungen brechen zusammen, Gräben brechen auf, die Intellektuellen verlassen ihre Stadt fluchtartig vor dem aufziehenden brauen Sturm und bringen sich in Südfrankreich in Sicherheit. Oder was man in diesen Tagen so als Sicherheit bezeichnet. Illies macht den Wandel an den Menschen fest. Ihre Zerwürfnisse stehen stellvertretend für dieses Annus horribilis, in dessen Gefolge der Untergang einer ganzen Welt den Abgesang probt.

Was dann DANACH geschieht, also von 1934 bis 1939, klingt wie eine Flucht vor der Realität. Augen zu und durch, könnte man meinen. Der Reigen der Beziehungen nimmt Fahrt auf, es wird mehrfach und verzweifelt geheiratet, es wird gesündigt und genossen bis es kein Ende mehr zu geben scheint. Es ist die Zeit der exzessiven Spiele zwischen Hannah Arendt und Walter Benjamin.  Als könne Schach die Welt retten und ihr Paris auf ewig konservieren. Und während wir schon wissen, wo diese Jahre enden, streben Autoren, Musen, Malerinnen und Schauspieler mit einem Tempo in den Untergang, an das man sich auch lesend kaum gewöhnen kann. Florian Illies erzählt brillant. Es sind die neuen Namen ihrer Zeit, die uns ans Licht bringen und hellhörig werden lassen. Es sind Sophie Scholl, Claus Graf von Stauffenberg mit seiner Frau, Ernst Jünger und Else Lasker Schüler, die von sich Reden machen. Uns stockt beim Lesen der Atem. Was Florian Illies hier nacherzählt, klingt wie komponiert. Was er uns ans Herz legt, ist der wache Blick auf das Jetzt. Und ja, es gibt Muster, die man zu erkennen glaubt. Hier liegt die wahre Wucht seiner Bücher. Vor dem fertigen Mosaik stehen wir selbst rastlos, weil wir spüren, dass wir auch heute noch im Besitz einiger Mosaiksteine sind. Legen wir sie mit Bedacht an die Geschichte vor unserer Geschichte an. Sonst schreibt Florian Illies über uns…

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies - Astrolibrium

Liebe in Zeiten des Hasses von Florian Illies

Einer Spur bin ich dem Schreiben von Florian Illies intensiv gefolgt. Es war kein leichter Weg, der großen deutschen Dichterin und Autorin Else Lasker-Schüler durch diese aberwitzigen Jahre auf der literarischen Fährte zu bleiben. Sie, die Brieffreundin und heimliche Liebe von Franz Marc, blieb 1913 im ersten Buch zurück und doch war ihr Anteil an diesem Jahr so außerordentlich, dass ich ihn nie vergaß. Erst später traf ich erneut auf sie und ihren Brieffreund mit dem Blauen Pferd. Es ist diese Chronik eines Gefühls, die mich auch im neuen Werk von Florian Illies wieder zu ihr bringt. Es macht mich betroffen, sie nun 1933 blutend in den Straßen von Berlin zu sehen. Opfer der SA, weil die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung sehr früh beginnt. Es ist nicht das letzte Mal, dass wir uns begegnen. Ich muss dem Blauen Pferd im Lenbachhaus davon berichten. Vielleicht können wir zusammen ein Tränchen vergießen. Für Else. 

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies

Von Florian Illies inspirierte Artikel in der kleinen literarischen Sternwarte:

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Die Reise in ein besonderes Jahr
1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ – Das Sequel

Das Blaue Pferd“ von Franz Marc… mit anderen Augen…
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Verwunschene Bilder
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – In memoriam Else Lasker-Schüler
1913- Der Sommer des Jahrhunderts geht weiter“ – Eine Hommage

Unter dem Schlagwort 1913 findet man weitere Einflüsse auf mein heutiges Lesen…

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia

ENTENBLAU - Eine Geschichte von Lilia - Astrolibrium

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia – Astrolibrium

Vorsicht. Ich schicke dieser Rezension eine Triggerwarnung voraus, weil ich selbst in bestimmten Lebensphasen einen großen Bogen um Bücher mache, die sich in ihrem Kern mit dem Thema Demenz auseinandersetzen. Alzheimer nennt sich die besondere Ausprägung der Störung des menschlichen Gehirns, in dessen Folge die Betroffenen in zunehmender Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit und Verwirrtheit versinken. Es war mein Vater, der mir von jener heimtückischen Krankheit geraubt wurde. Tief in sich und eine nicht nachfühlbare Welt entrückt, verabschiedete sich zuerst sein hellwacher Geist und dann schließlich auch der gesamte Organismus. In der Literatur findet man oftmals die eher skurrilen Momente einer Demenz wieder, in denen die Vergesslichkeit beginnt, dem Opfer erste lustige Streiche zu spielen. Groß ist die Versuchung, die Krankheit als Kulisse für rührende Familiengeschichten zu verwenden und sie damit gänzlich aus der Realität zu entheben. Die Wahrheit ist härter. Um sie geht es in guten und empathisch verfassten Romanen, in denen alle Aspekte der Demenz thematisiert werden, in denen man den Erkrankten näher kommt und in der eigenen Hilflosigkeit abgeholt wird, die im Alltag zur bestimmenden Größe wird. Ich wurde nämlich vom eigenen Vater vergessen, während ich versuchte ihn zu pflegen. Und genau an dieser Stelle warne ich davor, im Lesen unvorbereitet auf ein Thema zu stoßen, das Wunden gerissen hat.

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia ist ein solches Buch. Und nicht nur das. Es handelt sich hier auch noch um ein Bilderbuch, mit dem man unsere jüngsten Leser mit einem Themenbereich konfrontieren kann, den ihnen selbst die eigenen Eltern nicht erklären können. Ich weiß, wovon ich rede. Mir fehlten damals solche Bücher. Mir fehlte diese Chance, meine Kinder langsam darauf vorzubereiten, dass ihr geliebter Opa bald nicht mehr wissen würde, wer da überhaupt vor ihm steht, wie seine Enkel heißen, und was er mit ihnen anfangen sol. Mir fehlte die Möglichkeit, ihnen mit Bilderbüchern ganz sanft zu erklären, dass sich ihr eigener Großvater in ein Kleinkind verwandelte. Und mir fehlte die Hilfestellung, zu erklären, dass dieser Zustand unumkehrbar ist, egal, wie oft man mit ihm redet, welche Musik man ihm vorspielt, oder wie oft man ihn später, als es nicht mehr anders ging, im Pflegeheim besuchte. „Warum? Er erkennt uns doch gar nicht.“ Darf man einem Kind diese Frage verübeln? Nein. Hätte ich damals schon die Geschichte von Lilia gehabt, es wäre ein wenig leichter gewesen. Entenblau vielleicht.

ENTENBLAU - Eine Geschichte von Lilia - Astrolibrium

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia

Sind Sie noch da? Danke. „Entenblau“ von Lilia ist eine facettenreich angelegte und doch minimalistisch erzählte Geschichte von augenscheinlichen Gegensätzen, von tief empfundener Freundschaft und Liebe, von Fürsorge und vom Vergessen. Wann treffen wir in freier Wildbahn auf eine Ente und ein Krokodil, die auf einen langen gemeinsam erlebten Lebensweg zurückblicken können? Wann haben wir je von einem Kroko-Baby gehört, das einsam und verlassen von einer Ente gefunden und quasi adoptiert wurde, an „entenkükenstatt“ angenommen sozusagen? Wann durften wir je in der Erinnerung eines heranwachsenden Krokodils miterleben, wie es alles von einer Ente beigebracht bekommt? Nie zuvor ist mir das in einem liebevoll illustrierten Bilderbuch begegnet. Im Buch und im wahren Leben erreicht auch diese Geschichte ihren Wendepunkt, als das Krokodil – jetzt ausgewachsen und stolz auf die Vergangenheit – feststellen muss, dass seine in die Jahre gekommene Entenmama ihre Erinnerungen verliert… Alles verblasst. Das wundervolle Entenblau der Vergangenheit beginnt zu schwinden…

Was im Bilderbuch ohne jeden Schnickschnack und Ablenkung –  sozusagen „en point“ – illustriert und erzählt ist, lässt uns als Vorlesende und Mitlesende viel Raum, um unsere Kinder an die Hände zu nehmen und durch die Geschichte zu führen. Es ist die ungewöhnliche Beziehung zwischen Ente und Krokodil, die wir erklären können. Wir können hervorheben, wie unterschiedlich beide sind. Wir dürfen Vergleiche ziehen, weil es bei Adoptionen bei Menschen ja auch so ist. Und wir können die Entenmama loben, weil sie das kleine Krokodil einfach Krokodil sein lässt, ohne es zu verbiegen. Lilia lässt nichts aus, selbst der abzuwischende Krokodilhintern spielt eine Rolle. Als die alte Ente dann im Vergessen versinkt, werden die Rollen getauscht. Das Krokodil übernimmt. Die Verantwortung wird unmittelbar spürbar. Es gibt keine Ausreden. Nein. Die Fürsorge ist dem einst kleinen Krokodil, das nun so erwachsen ist, von der Entenmama in die Wiege gelegt worden. Jetzt spielt auch der Entenpopo eine große Rolle. Hygiene ist wichtig bei Demenz.

Wer nun denkt, das harmlos wirkende Bilderbuch Entenblau würde uns jetzt ins Leben zurückgehen lassen, sieht sich getäuscht. Hier wird im Klartext illustriert und erzählt. Hier kommt der Aspekt zum Tragen, der die Angehörigen von Erkrankten voller Frustration verzagen lässt. Die Ente hat plötzlich Angst vor dem Krokodil und weiß nicht mehr, wer vor ihr steht. Ja, das haben wir erlebt. Das in diesem Buch so klar zu sehen und so deutlich vor Augen geführt zu bekommen, ist mutig und aufrichtig zugleich. Nein, an einer Demenz ist nichts lustig, es gibt keine Schmunzelmomente, nur Angst, Sorgen und Mitgefühl. Und dann treibt mir diese Geschichte endgültig die Tränen in die Augen, weil mir das Krokodil zeigt, wie ich mit der Enttäuschung zurechtkommen könnte, nicht mehr erkannt zu werden. Ja, die Ente in diesem Buch ist anders, als wir Enten kennen. Sie hat einen blauen Schnabel und blaue Flossen. Sie hebt sich so deutlich ab, wie es unsere Eltern und Großeltern tun. Sie ist eine blaue Ente und sicher bekannt wie jener sprichwörtliche bunte Hund. Und nur diesen besonderen Enten ist es vergönnt, mit den eigenen Angehörigen so umzugehen, dass sie ihre Eigenständigkeit niemals verlieren. So war mein Vater. Für mich und für seine Enkelkinder. Hätte ich dieses Buch damals schon gehabt, es wäre mir ein wichtiger Ratgeber gewesen, ohne je Ratgeber sein zu wollen.

Es sind nur 46 Seiten, die ein Leben verändern können. Es ist eine Geschichte, die aus Empathie zu bestehen scheint. Sie ist Lehrmeister und Spiegel, Wegweiser und im entscheidenden Moment befreiende Stütze. Diese Geschichte verlangt nichts von uns, aber sie gibt unendlich viel. Sie nimmt die Menschen ernst und schenkt besonders den Opfern von Demenzerkrankungen eine würdevolle Rolle in dieser Erzählung. Und keine Sorge. Diese Geschichte schreckt nicht ab. Das tun die Geschichten, die verharmlosen und die lustigen Momente suchen. Sie helfen nicht, weil im Moment der Erkenntnis der Spaß verschwindet und die Skurrilität einer heillosen Angst weichen muss. Nein, es ist Entenblau. Es ist diese besondere Beziehung, die uns vorbereitet ohne neue Angst zu schüren. Das Krokodil zeigt einen Weg. So schwer er auch ist, so wenig glücklich man am Ende des Buches vor dem letzten Bild sitzt. Es ist einer der aufrichtigsten Momente in einem Kinderbuch, den ich je erleben durfte, weil er nicht verlogen ist. Ein Buch nicht nur für Angehörige von Erkrankten. Ein Buch ganz besonders für Eltern und Kinder, die ihr Herz auf dem rechten Fleck tragen. Ein schlichtes und doch gewaltiges Bilderbuch, das uns auf ein Vergessen vorbereiten kann, das uns selbst, unsere Familie, aber auch Freunde und Bekannte treffen kann. Eine empathische Investition in die Zukunft.

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

Wer neben Entenblauals Kinderbuch gerne einen Roman lesen würde, den ich guten Herzens empfehlen kann, dann greifen Sie zu Der vergessliche Riese von David Wagner. In meiner Rezension schrieb ich:

David Wagner gelingt mit seinem Roman ein glaubwürdiger Grenzübertritt in die Denkwelt eines Alzheimerpatienten. Er entwickelt eine Perspektive, die zeigt, wie ein Mensch im Vergessen sogar vor unliebsamen Erinnerungen geschützt wird. Eine Sicht, die vielleicht schwer nachzuvollziehen ist. Und doch erscheint der vergessliche Riese in seiner Welt seltsam entrückt, befreit vom Alltäglichen und frei von Verpflichtungen. Ein Biotop des Vergessens umgeben von Menschen, die vom Erinnern geplagt sind, damit leben müssen, dass jeder Besuch schnell vergessen ist und Fragen in Endlosschleifen wiederholt werden. Hier verliert nicht der Kranke seine Identität. Es ist das Umfeld, das verblasst. Ein Kreislauf dem sich dieser Roman intensiv widmet. (weiterlesen)

Ich erinnerte mich an meinen vergesslichen Riesen, fühlte im Buch die persönliche Betroffenheit des Autors und die autobiografischen Züge seiner Vater-Sohn-Geschichte, sowie die befreiende Wirkung des Schreibens und Lesens. Diese beiden Bücher haben die Gabe zu versöhnen, zu heilen, schützen und vorzubeugen. Sie als Buchtandem zu sehen, also als Grundlage des gemeinsamen Erlesens beider Geschichten für jüngere und ältere Lesende, kann in außergewöhnlichen Situationen einen unglaublichen Schub und Energie freisetzen, die ohne diese Bücher kaum vorhanden wäre. Letztlich sind es Geschichten für die Menschen in unserer Mitte, die sie sofort vergessen würden, wenn man sie ihnen vorlesen oder erzählen würde. Daran sollte man immer denken. Immer.

Ein persönliches (versöhnliches) Ende.

Das Krokodil in Entenblau hat recht. Die Entenmama hat viel vergessen, aber sie ist immer noch da. Mit ihr zu reden, zu singen und gemeinsame Ausflüge zu machen, sie zu streicheln und spüren zu lassen, dass sie nicht allein ist, ändert vielleicht nichts an der Krankheit. Aber es ändert etwas am Wohlbefinden der Erkrankten. Und nie, nie, nie, niemals darf man selbst vergessen, dass tief im erkrankten Menschen drin alles da ist, was wichtig ist. Es kann nur nicht mehr abgerufen werden. Mein Vater lag am Ende in einem Pflegeheim. Nicht ansprechbar. Mit leerem Blick. Keine Reaktion. Alles Reden half nichts. Dachte ich. Kein Erkennen. Kein Erinnern. Nichts. Eine Hülle. Ich ging auf Tuchfühlung. Hielt seine Hand, sprach und versuchte es mit Musik. Für mich erfolglos. Für ihn? Das war immer eine bohrende Frage. Eines Tages fragte ich im Heim, ob es erlaubt sei, meinen Bordercollie mitzubringen. Vater liebte Hunde. Und was geschah? Mein Hund legte seine Schnauze in die Hände meines Vaters und blieb so. Und was sagt der Mann, der seit Jahren geschwiegen hatte, der mich nicht mehr erkannte und nicht wusste, wo er sich befand?

„Arndt, ich kann mich doch hier nicht um einen Hund kümmern.“

Es ist jedem selbst überlassen zu analysieren, wie viele kognitiv verankerte Fakten in diesem Satz verborgen sind. Es ist jedem selbst überlassen, darüber nachzudenken, was dieser Satz in mir auslöste und was er mir heute bedeutet. Ich will mit diesem sehr persönlichen Erlebnis nur verdeutlichen, dass man nie aufgeben darf zu hoffen. Es war der letzte Satz meines Vaters, zwei Jahre vor seinem Tod. Er war ein großes Geschenk und noch so viel mehr…

Danke fürs Lesen. 

ENTENBLAU - Eine Geschichte von Lilia - Astrolibrium

ENTENBLAU – Eine Geschichte von Lilia

Dunkelnacht von Kirsten Boie

Dunkelnacht von Kirsten Boie - AstroLibrium

Dunkelnacht von Kirsten Boie

Was geht in einer versierten und etablierten Kinder- und Jugendbuchautorin vor, wenn sie in diesen Tagen, in unserem Land, in diesem gesellschaftlichen Szenario um sich blickt und politische Tendenzen und Automatismen erkennt, die an die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland erinnern? Was geht in einer Autorin vor, die in ihrem gesamten Schaffen immer wieder an die Jugend der Welt appellierte, niemanden aufgrund seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Religion oder seines Geschlechtes auszugrenzen oder anders zu behandeln? Welche Kriege toben in ihr, wenn sie merkt, dass es gerade jetzt an der Zeit ist, erneut und eindringlich Farbe zu bekennen, Flagge zu zeigen und in aller Deutlichkeit mit ihren Mitteln gegen die Verführung einer Jugend anzukämpfen, die ihr so sehr am Herzen liegt. Was geht da in Kirsten Boie vor?

Man kann es sich ganz gut vorstellen, wenn man ihr aktuelles Buch zur Hand nimmt. Man kommt schnell dahinter, wenn man sich anschaut, mit welcher Verve sie sich einer Zeit angenommen hat, die auch sie nur vom „Hörensagen kennt. Oder sollte man hier besser vom „Verschweigen sagen, weil man der im Jahr 1950 in Hamburg geborenen vielseitig interessierten jungen Frau von einst ihre bohrenden Fragen zur Vergangenheit in Deutschland beharrlich nicht beantwortete? Ja, man spürt sofort, was in der vielfach ausgezeichneten Schriftstellerin vorgegangen sein muss, als sie in ihren Gedanken die ersten Spuren einer Geschichte aufspürte, die sich zum Ende des Zweiten Weltkrieges im bayerischen Städtchen Penzberg zugetragen hatte. Eine unerzählte Geschichte, die auch im heutigen veränderten Stadtbild kaum Spuren hinterlassen hat. Und doch eben eine Geschichte, die wie kaum eine andere geeignet ist, den Irrsinn einer ideologischen Verblendung aufzuzeigen. Der Titel dieses Buches zeigt, wie sich das Herz verkrampft.

Dunkelnacht von Kirsten Boie - AstroLibrium

Dunkelnacht von Kirsten Boie

DUNKELNACHT

Mit diesem Titel werden schon die Weichen gestellt. Kein ausschweifender Roman, keine Geschichte, die nur vierundzwanzig Stunden erzählt und eine ganze Epoche nur als Kulisse missbraucht, keine Dokumentation mit uferlosen Quellenangaben und auch kein Erlebnisbericht aus der Sicht eines Protagonisten. Nein, Kirsten Boie schrieb eine Novelle, in der sie sich als allwissende Erzählerin alle Perspektiven aneignet, Zugänge zu den Gedanken aller Charaktere hat und auf allen Zeitebenen weiß, was passiert war, gerade geschieht und noch passieren wird. Dabei dient ihr eine wahre Begebenheit als Kern einer Erzählung, die sie mit Protagonisten anreichert, die erfunden sind und somit den Zugang zu den Geschehnissen erleichtern. Es ist diese distanzierte Nähe, die aus Zeitgeschichte einen Jugendroman werden lässt, der sich zur Pflichtlektüre für Schüler und Schülerinnen eignet, die im Alter von 15 Jahren sehr gut nachempfinden können, warum diese Geschichte relevant für ihre Gegenwart und Zukunft ist.

Es ist eine Geschichte von Schuld, Verantwortung, Opportunismus (also eine der wissentlichen Mitläufer) und Versagen. Es ist eine Geschichte, die sich in einer Zeit abspielt, in der die Machtstrukturen instabil und die Variablen des Handelns vielfältigst waren. Der Zweite Weltkrieg steht kurz vor seinem Ende. Die Nationalsozialisten sind an den meisten Fronten geschlagen und die Alliierten stoßen gegen Berlin vor. Auch in Bayern warten nun die ehemaligen Anhänger auf ihre Niederlage, ihre Gegner auf ihre Befreiung durch die Amerikaner. Ein größeres Ungleichgewicht der Kräfte ist nur kaum vorstellbar. Niemand weiß, was der morgige Tag bringt. Während man sich in Penzberg mit weißen Fahnen auf eine friedliche Übergabe der Stadt vorbereitet, sind es nicht die amerikanischen Soldaten, die einmarschieren. Es ist die Wehrmacht auf ihrem Weg in die Heimat. Allen Gerüchten und allen falschen Meldungen des Radios zum Trotz wird dieser 27. April 1945 nicht zum Tag der Befreiung in Penzberg. Ganz und gar nicht.

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

Hier holt Kirsten Boie nicht weit aus, sie agiert und schreibt präzise an der Timeline der wahren Ereignisse entlang und lässt uns fortan nicht mehr zum Luftholen kommen. Drei Jugendliche stellt sie in den Mittelpunkt ihrer Novelle. Drei Charaktere, die für alle stehen, die damals in Penzberg und an anderen Orten gelebt haben könnten . Es sind Marie, Schorsch und Gustl, aus deren Sicht wir die wichtigen Details erleben. Wobei der Schorsch eher hoffnungsvoll in Marie verliebt ist, während der Gustl das nicht von sich behaupten kann. In diesem Strudel der Gefühle verliert man leicht den Überblick, im Strudel der Geschichte verliert man sich nunmehr plötzlich ganz. Was eben noch in den baldigen Frieden zu münden schien, entpuppt sich nun als das letzte Aufflammen der Macht der Nazis in Penzberg. Nichts spricht mehr von der Übergabe der Stadt an die Eroberer. Jetzt hallen Parolen vom „Halten bis zum letzten Mann“ durch die leeren Straßen. Jetzt soll Geschichte geschrieben werden. Jetzt ist die Endzeit da. Es kommt zur DUNKELNACHT. Und Gustl ist mittendrin im letzten Aufgebot der Nazis. Werwölfe.

Kirsten Boie wertet und bewertet nicht. Sie erzählt und überlässt die Deutungshoheit ihren atemlosen Lesern und Leserinnen. Sie lässt allerdings keinen Zweifel an Wahrheit und Lüge, an Propaganda, Hass und Manipulation. Sie zwingt uns alle sehenden Auges in eine Mordnacht in Penzberg, die kaum vorstellbar ist. Endphasenverbrechen nennt man heute halbjuristisch, was damals nicht nur in Penzberg geschah. In den Wirren der letzten Kriegstage kam es vielerorts zu den wahnwitzigsten Taten der Nazis. Hier führt die Autorin alle psychologischen Parameter ins Feld, die zu den Ausschweifungen und letztlich zu den Morden führten. Angst, Rache, Eifersucht und Endzeitstimmung. Jedes Gefühl für sich schon tödlich genug. Die Kombination in der Dunkelnacht jedoch ist ein tödlicher Mix, dem man nicht entfliehen konnte. Der Ruf des Werwolfs erschallt…

„Hass ist unser Gebet, und Rache ist unser Feldgeschrei.“

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

Angesichts der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen, angesichts der Parolen gegen Andersdenkende und der zunehmenden rechten Gewalt in unserer Gesellschaft, sind es gerade diese Geschichten, die in Erinnerung gerufen werden müssen. Es sind jene Ereignisse, die zeigen, wie leicht es Mitläufern gemacht wird, wenn sie das Gefühl haben, nur Befehlen zu folgen. Es sind genau jene wahren Geschichten, die uns heute noch zeigen, wie hilflos man sich in unsicheren Zeit fühlen konnte. Und doch war und ist es möglich, die richtigen Entscheidungen zu treffen, nicht auf der falschen Seite zu stehen, Mensch zu bleiben und nicht willenlos zum Täter oder Mittäter zu werden. Hier geht Kirsten Boie jeden erforderlichen Schritt, den man gehen muss, um uns heute zu erklären, was damals geschah, wie es geschehen konnte und wie nah wir erneut einer Gefahr ausgesetzt sind, rechten Populisten Glauben zu schenken.

Dunkelnacht sprengt den Rahmen eines Jugendbuches. Dunkelnacht fordert viel von seinen Lesern und Leserinnen. Wer verstehen will, muss wissen, wer wissen will muss lesen. Wer liest, wird sich erschrecken, angewidert den Kopf abwenden und sich fragen, wie das nur geschehen konnte. Kirsten Boie hat viele Antworten in diesem Text verborgen. Manche augenscheinlich, andere wieder gut versteckt. Es ist gerade an der Jugend von heute, diese Antworten zu finden, und eigene Antworten für die Zukunft zu entwerfen. Und dann heißt es, dafür einzustehen. Die Mordnacht von Penzberg kostete 16 Menschenleben. Die Spur der Hinrichtungen zog sich durch die ganze Stadt. Dabei gingen den Nazi-Schergen die Bäume für die Erhängung der willkürlich ausgesuchten Opfer aus. Nichts lässt Kirsten Boie im Verborgenen. Klartext ist Synonym für dieses Buch. Die deutsche Geschichte ist nichts für Zartbesaitetes. Das wird in diesem Buch mehr als klar. Dieses Sonnenklare besiegt die möglichen Dunkelnächte.

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Dunkelnacht von Kirsten Boie

Kirsten Boie und Gudrun Pausewang gehen in ihren Geschichten Hand in Hand. „Der einhändige Briefträgervon Gudrun Pausewang beschreibt ebenfalls eines der tragischsten Kapitel in den letzten Kriegstagen. Ich habe dieses Jugendbuch aus gleich mehreren Gründen sehr oft verschenkt. Es ist die Geschichte, die aufrüttelt, es sind die unkalkulierbaren Zeiten, die uns nicht ruhen lassen und es ist die Tatsache, dass diese wundervolle Autorin ihre junge Leserschaft so ernst genommen hat, um ihr eine solche dramatische Geschichte anzuvertrauen. Dieses kraftvolle Vertrauen spüre ich auch bei Kirsten Boie und die Reaktion ihrer Leser und Leserinnen spricht Bände. Ich weise an dieser Stelle auf den „Buchpalast in München Haidhausen hin. Katrin Rüger war in unserer Buchhändlerinnen-Glockenbachwelle zu Gast in einem Gespräch über Buch und die Welt. Hier stellte sie „Dunkelnacht“ als Empfehlung für den Gabentisch vor.

Und nicht nur das. Die Bücherfresser (der Jugendleseclub der Buchhandlung trifft sich wöchentlich als Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises) haben nicht nur „Dunkelnacht“ für sich entdeckt, sie haben es rezensiert und Kirsten Boie in einem bewegenden Interview zu dieser Geschichte befragt. Hier findet ihr dieses Gespräch. Und erneut muss ich sagen: Nicht nur das. Derzeit befinden sich ungefähr 50 signierte Exemplare des Buches im Buchpalast. Frei nach dem Motto, wer zuerst kommt, liest zuerst. Ach ja. Sagte ich eigentlich schon: Und nicht nur das? Ich sage es jetzt zur Sicherheit ein letztes Mal: Eines der von Kirsten Boie signierten Exemplare gehört zu unserem Preisausschreiben der Buchhändlerinnenwelle… Wie Ihr das vom Buchpalast gestiftete Buch gewinnen könnt, erfahrt ihr hier

Dunkelnacht von Kirsten Boie - AstroLibrium

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