Der Astronaut von Andy Weir

Der Astronaut von Andy Weir - Astrolibrium

Der Astronaut von Andy Weir

Glaubt mir, ich kenne mich aus. Wenn ich allein schon den Namen Andy Weir lese, greife ich reflexartig zum Weltraumanzug für Extra-Vehikulare-Aktivitäten, aktiviere alle Notfallsysteme in der kleinen literarischen Sternwarte, überprüfe meine Notfall-Vorräte, checke das Wetter und die Treibstoffanzeigen, verabschiede mich von meinen Lieben und besteige erwartungsvoll ein Science-Fiction-Weltraum-Shuttle, um mich erneut mit all meiner Fantasie in den Weiten des Alls zu verlieren. Die letzten Missionen an seiner Seite habe ich wirklich nur mit Mühe und Not überlebt. Ich war mit dem „Marsianer“ auf dem Roten Planeten, habe in aussichtsloser Situation die Wissenschaft neu erfunden und eine unbewohnbare Landschaft kultiviert. In „Artemis“ verstrickte ich mich in üblen Machenschaften auf dem Mond. Die Sonderhandelszone und Weltraummetropole war fast mein Untergang, hätte mich Andy Weir nicht mit einem fulminanten Feuerwerk im letzten Moment aus der Schwerelosigkeit gerettet… Glaubt mir, ich kenne mich aus…

Viel Zeit zum Lecken meiner interstellaren Wunden jedoch bleibt mir nicht. Es ist „Der Astronaut“ mit dem Andy Weir seinen Weltraum-Zyklus fortsetzt und mich nicht nur lesend, sondern auch hörend aus meiner irdischen Komfortzone herauskatapultiert. Dabei sollte man ganz genau hinschauen, was sich hinter dem Titel des neuen Romans verbirgt, bevor man sich dieser Mission anschließt. Der Originaltitel lautet „Project Hail Mary„, also ganz direkt übersetzt „Projekt Ave Maria„, und spätestens jetzt sollte jedem noch so großen Fan von Andy Weir klar sein, worauf man sich einlässt. Hier wird nicht gesungen, hier geht es definitiv um ein Himmelfahrtskommando. Waren die Ausflüge zum Mars und zum Mond zuvor zumindest noch mit der Chance auf eine Rückkehr zur Erde verbunden, so sollte man hier der Wahrheit ins ungeschminkte Gesicht schauen. Nach einem Rückflugticket werdet ihr vergeblich suchen. Na, noch dabei?

Der Astronaut von Andy Weir - Astrolibrium

Der Astronaut von Andy Weir

Dann los. Der Astronaut Ryland Grace schlägt die Augen auf und befindet sich in einer Situation, die ihn ziemlich befremdet. Die Begleitumstände seines Erwachens sind mehr als unerfreulich. Er kann sich an absolut nichts erinnern. Er ist von Kopf bis Fuß verkabelt und wird von Roboterarmen medizinisch versorgt. Eine Computerstimme folgt seinen Anweisungen. Er ist allein. Die Umgebung ist ihm fremd. Das Bewusstsein beginnt Fahrt aufzunehmen und der analytisch geschulte Wissenschaftler beginnt sich zu orientieren. Er befindet sich an Bord eines Raumschiffs. Von der einst dreiköpfigen Besatzung ist er der letzte Überlebende. Er lag lange Zeit im Koma und wurde nun von einem Programm geweckt. Wozu? Hatte er sein Ziel erreicht? Wo war er? Wer war er und warum war er überhaupt hier? Fragen über Fragen…

Atemlos folgen wir dem inneren Monolog eines Mannes, der sich Schritt für Schritt mit seiner Umgebung auseinandersetzt, um Antworten auf seine Fragen zu finden. Nie zuvor sind wir mit einem ahnungsloseren Protagonisten in ein Abenteuer gestartet. Und dabei lastet eine unglaubliche Verantwortung auf ihm, wie wir nach und nach erfahren. Mit jedem Fetzen des Erkennens erwachen punktuelle Erinnerungen. Mit jedem Knopf, den er betätigt, mit jeder Information, die er sich erarbeitet strukturiert sich das Mosaik seiner Mission. Er, der Wissenschaftler und Lehrer Ryland Grace befindet sich nicht mehr in unserem Sonnensystem. Seine Reise muss Jahre gedauert haben und an ihm hängt das Schicksal des gesamten Planeten Erde. Er ist an Bord der „Hail Mary„, der letzten Hoffnung der Menschheit…

Der Astronaut von Andy Weir - Astrolibrium

Der Astronaut von Andy Weir

Es ist die brillante Ausgangssituation, aus der Andy Weir auf den folgenden 550 Seiten schöpfen kann. Es ist das psychologische Drama im Inneren des Antihelden, der alles zu sein scheint, nur nicht der verwegene und mutige Weltenretter. Er begibt sich bewusst in den Funktionsmodus, analysiert seine Lage, das Problem und beginnt mit seinen Forschungen. Wer schon ein Buch aus der Feder dieses Science-Fiction-Autors gelesen hat, der weiß, dass der Begriff Science, also Wissenschaft, in seinen Geschichten sehr viel Raum einnimmt. Man könnte ihn auch als einen „Erklär-Bären“ bezeichnen, der uns alles, was bei drei nicht auf dem Baum ist, bis ins kleinste Detail plausibel macht. Was beim „Marsianer“ schon ausuferte, wird in „Der Astronaut“ zur Geduldsprobe für Leser:innen, die manchmal einfach denken „Boah, drück jetzt auf den Knopf, aber hör auf, mir zu erklären, wer ihn erfunden hat und was sich im Hintergrund alles ereignet.“  

Aber so ist er eben. Wissenschaftliche Fiktion soll aus seiner Sicht wasserdicht und plausibel erzählt werden. Und da es in jener Geschichte kaum etwas Selbsterklärendes gibt, sind wir unserem Lehrer an Bord schutzlos ausgeliefert. Er hat dabei Probleme zu lösen, die jeder Forschungskommission Grenzen aufzeigen würden. Warum verdunkelt sich die Sonne? Wie kann dieser Prozess aufgehalten werden? Wie bewältige ich alle Aufgaben an Bord, für die man drei Astronauten gebraucht hätte? Wie funktioniert der Antrieb, wie kann ich Schwerelosigkeit erzeugen, wie wandle ich die Hail Mary in eine funktionierende Zentrifuge um? Oh ja, Andy Weir erklärt alles aus der Perspektive des Weltraumpioniers, der einige Nackenschläge zu verkraften hat. Spätestens als er sich darüber im Klaren wird, dass keine Rückkehrmöglichkeit vorgesehen ist, wird aus dem Roman ein emotionales Himmelfahrtskommando.

Der Astronaut von Andy Weir - Astrolibrium

Der Astronaut von Andy Weir

Es sind überraschende Twists in seinen Handlungssträngen, die diesen Roman zu einem Pagetruner machen. In Rückblenden erfahren wir alles über die Entstehung der Mission, erfahren, warum und wie ausgerechnet ein Lehrer an Bord gelangte und nicht zuletzt ist es eine unglaubliche Erkenntnis, die dieses Weltraumabenteuer in eine völlig neue Richtung lenkt. Ja, Ryland Grace ist der einzige Mensch im All, der versucht, die Erde zu retten. Nein, er ist nicht die einzige Lebensform im Universum, die ausgesandt wurde, um ihre Heimat zu retten. Erstmals in seinem Schreiben betritt Andy Weir das Neuland, uns mit außerirdischem Leben zu konfrontieren. Das ist bewegend, emotional und ist als Alleinstellungsmerkmal unter seinen Büchern allein schon diese weite Reise wert. Die Spannungsbögen reißen nicht ab. Die Probleme potenzieren sich. Und unser Wissensschatz um biochemische, physikalische und elektronische Details wird bald so groß, dass wir die Hail Mary allein fliegen könnten…

Wer den „Marsianer“ liebt und im unendlichen Weltall gerne in Gesellschaft ist, dem sei „Der Astronaut“ dringend ins Raumschiff gelegt. Andy Weir lässt hier keine Fragen offen. Das Ende des Romans gehört zu den besten SciFi-Enden ever, weil es zum Wesen der Mission passt. Ein ehrfürchtiges „Ave Maria“ kam mir in den Sinn, als ich das letzte Kapitel erreichte. Am Ende einer Mission, die mir einiges abverlangt und doch viel gegeben hat. Wer immer denkt, im wissenschaftlichen Bereich der Story sei weniger oft mehr, der sollte sich überlegen, wie viele Fragen wir gehabt hätten. Und im Vergleich zu unserem Astronauten ist die Geduld, die wir aufzubringen haben nichts im Vergleich zu den Anstrengungen eines Lehrers im All, der nicht mehr nur noch das Schicksal der Erde in seinen Händen spürt…

Der Astronaut von Andy Weir - Astrolibrium

Der Astronaut von Andy Weir

In Missions-Phasen mit Schwerkraft habe ich den Roman aus dem Heyne Verlag gelesen. Hilfreich sind die Konstruktionszeichnungen der Hail Mary, obwohl ich schon sagte, dass Andy Weir auch die Bauart des Raumschiffs sehr ausführlich beschreibt. Ich war trotzdem dankbar, die Details zusätzlich vor Augen zu haben. Und immer dann, wenn es schwerelos wurde an Bord, bin ich zum Hörbuch von Random House Audio übergegangen. Richard Barenberg überzeugt in seiner unaufgeregten Vortragsweise, weil er einfach die stoische Ruhe behält, egal wie sehr ihm das Wasser bis zum Halse steht – oder der Treibstoff. Die wahre Stärke spielt er ab dem Moment aus, in dem aus Monologen an Bord die ersten Dialoge mit einem Außerirdischen werden. Hier paaren sich Staunen, wissenschaftliche Kommunikation, zunehmender Sarkasmus und echtes Gefühl zu einem Mix, den man nicht mehr so schnell vergessen wird.

Die gekürzte Fassung ist leider nur als Download verfügbar und ich muss meine Andy-Weir-Sammlung um einige Dateien auf meinem Smartphone ergänzen. Schade. Die Mission dauert im Hörbuch 15 Stunden und 30 Minuten, und doch vergeht sie wie im Flug. Einfach zu spannend. Die Kürzungen betreffen hierbei leider in weiten Teilen die Missionsvorgeschichte im Kontrollzentrum auf der Erde. Das wirkt sich schon ein wenig auf den Hörgenuss aus, da es genau diese Kapitel sind, die den „Erklär-Bären“ Andy Weir im Weltraum ein wenig einbremsen. Die Abwechslung fehlt hier ab und an. Dem Abenteuer selbst tut das keinen Abbruch. Und, mit Verlaub, schwereloses Lesen ist machmal einfach zu gefährlich. Welchen Weg Ihr auch wählt, „Der Astronaut“ hat das Potenzial zum unterhaltsamsten Himmelfahrtskommando des Sommers.

Der Astronaut von Andy Weir - Astrolibrium

Der Astronaut von Andy Weir

Ich bin schon gespannt auf die Verfilmung von Der Astronaut mit Ryan Gosling in der Hauptrolle. Ich denke, der Film wird ähnlich erfolgreich wie Der Marsianer mit Matt Damon. So, ich desinfiziere jetzt mein Lese-Raumschiff und hoffe, dass ich keine Astrophagen mehr an Bord habe. Die kleinen Sternenfresser passen so gar nicht zur kleinen literarischen Sternwarte… Guten Flug, Euch…

Der Astronaut von Andy Weir - Astrolibrium

Der Astronaut von Andy Weir

Die Rebellion der Alfonsina Strada – Simona Baldelli

Die Rebellion der Alfonsina Strada - Simona Baldelli - Astrolibrium

Die Rebellion der Alfonsina Strada – Simona Baldelli

Nun endet er schon wieder, der diesjährige Giro d`Italia. Der legendäre Radsport-Klassiker, dessen Spitzenreiter traditionell im rosafarbenen Trikot durch die italienische Landschaft rast, sich durch Bergetappen quält und im Einzelzeitfahren beweisen muss, was in ihm steckt. Nichts ist zu sehen von den Trainingsqualen, von den Schmerzen an den Zielorten. Kaum jemand kann nachempfinden, was es bedeutet, diese Rundfahrt im Kollektiv eines Profi-Teams zu bewältigen, bis man das begehrte Maglia Rosa behalten darf. Kaum jemand kann sich noch vorstellen, dass diese Anstrengungen ohne Doping überhaupt möglich sind. Ein Sport-Großereignis unter dem Vorbehalt des Zweifels. Ein großes Thema für die Literatur. Sicherlich. Gerade der Giro hat seine eigenen Dramen geschrieben, seit die Gazetta dello Sport, die auf rosafarbenem Papier erscheinende Sportzeitung, das Rennen 1909 ins Leben rief. Und erst seit 1988 wird das Rennen als Giro d`Italia Femminile von Frauen absolviert.

Wie wäre es also, eine solche Geschichte zu erzählen? Die Geschichte der ersten Frau, die am Giro d`Italia teilnahm und selbst Geschichte schrieb. 1988? Weit gefehlt. Vor fast 100 Jahren wagte sich die junge Italienerin namens Alfonsina Strada in diese reine Männerdomäne vor und bewältigte die komplette Rundfahrt. 3613 Kilometer in 12 Etappen, die kürzeste davon 230 Kilometer lang, die längste 415 Kilometer. Nach jeder Etappe gab es einen Ruhetag. Man saß neun bis siebzehn Stunden täglich auf seinem Rennrad. Bergauf, bergab. Keine Mannschaften. Jeder, ganz besonders Alfonsina, auf sich selbst gestellt. 108 Fahrer, eine einzige Fahrerin. Auf dem Rücken hatten sie ihren Proviantbeutel, dessen Inhalt ausgereicht hätte, eine ganze Familie eine Woche lang zu ernähren. Begleitfahrzeuge selten. Betreuer Fehlanzeige. Die mediale Aufmerksamkeit jedoch gewaltig. Und mittendrin sie: Die von allen als Verrückte, als Mannweib und Irre bezeichnete. Alfonsina Strada.

Die Rebellion der Alfonsina Strada - Simona Baldelli - Astrolibrium

Die Rebellion der Alfonsina Strada – Simona Baldelli

Wie sie das geschafft hat? Das ist eine Geschichte, die uns Simona Baldelli erzählt. Ihr biografischer Roman Die Rebellion der Alfonsina Strada (Eichborn) stellt eine junge Frau in den Mittelpunkt, die mit ihrem Fahrrad ein überholtes Frauenbild auf dem Radweg der Geschichte überrollte, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur Italien im Griff hatte. Einfache Frauen gehörten an den Herd, hatten ihre Pflichten als Mutter und Ehefrau zu erfüllen. Wenn sie arbeiteten, dann waren es Berufe, die im soziopolitischen Umfeld als schicklich galten. In diese patriarchisch geprägte Welt wird Alfonsina im Jahr 1891 hineingeboren. So wird sie sozialisiert. Damit hat sie sich auch in ihrer Familie abzufinden. Spielraum – Fehlanzeige. Eigene Träume? Die gibt es. Als eines von vielen Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen träumt sie von ihrer Flucht in eine eigene Welt. Das Fahrrad ihres Vaters ist das prädestinierte Fluchtfahrzeug eines Mädchens, das 1901 im Alter von zehn Jahren erstmals ihrem eigenen Willen folgt.

„Durch das Fahrrad lernte Alfonsina den Ungehorsam.“

Mit dem Fortbewegungsmittel des Vaters will sich die kleine Alfonsina von ihrer Familie fortbewegen. Was folgt, ist das Erleben der Unabhängigkeit auf zwei Reifen. Es folgt das Gefühl, etwas zu können, was andere Frauen nicht konnten. Und in den folgenden Jahren kommt zum angeborenen Talent der Fleiß hinzu, der das Mädchen schnell in die Lage versetzte, sich auf einer Rennbahn im Training auch mit Männern messen zu können. Wir folgen Alfonsina durch die sich verändernde Atmosphäre im Heimatland. Der Erste Weltkrieg hinterlässt deutliche Spuren, die Zeit danach ähnelt eher einem Stillstand, als einer befreienden Stimmung. Mussolinis Zeit beginnt und in ihrem Gefolge wird die Rolle der italienischen Frau ein weiteres Mal degradiert. Doch Alfonsina kämpft mit und gegen sich selbst, gegen die Ablehnung im Land und gegen die Vorbehalte der Frauen, die ihren Sport und ihr Dress als skandalös ansehen. Sie geht ihren Weg und macht von sich Reden. Gegen jeden Widerstand:

„Die Einstellung, dass Frauen nichts wert waren, einte sie alle:
Faschisten, Sozialisten, Kommunisten und Geistliche.“

Die Rebellion der Alfonsina Strada - Simona Baldelli - Astrolibrium

Die Rebellion der Alfonsina Strada – Simona Baldelli

Und dann bietet sich im Jahr 1924 die einmalige Chance für sie, am Giro d`Italia teilzunehmen. Nicht als Mann verkleidet, nicht undercover inoffiziell, sondern gerade, weil sie eine Frau ist. Der Giro sucht nach Aufmerksamkeit und Schlagzeilen. Die soll Alfonsina liefern. Die Verrückte, die man inzwischen hinter vorgehaltener Hand schon „Die Königin der Tretkurbel“ nennt, macht sich auf ihren Weg, „die Unerreichbare“ zu werden. Wer hier eine reine Radsport-Story erwartet, der sieht sich getäuscht. Wem eine typische Emanzipations-Geschichte in den Sinn kommt, der wird sich verwundert die Augen reiben, weil Simona Baldelli den Bogen ihrer Geschichte viel weiter spannt. Es ist die facettenreiche Konstruktion dieses Gesellschaftsromans, die von der ersten Seite an zu überzeugen weiß. Es sind drei Erzählebenen, die uns erlauben, Alfonsina durch ihre Kindheit und die Radsportkarriere zu begleiten, sie aber auch am Ende zu erleben, als der Ruhm vergangener Tage fast erloschen ist. Und es ist eine dritte sehr gut durchdachte Sichtweise, die bis in unsere Zeit reicht und die Leistung der jungen Radrennfahrerin in den Kontext der Geschichte der Gleichberechtigung stellt.

„Du hast dich für wer weiß was gehalten, dich auf eine Stufe mit den Männern gestellt, aber du bist eine traurige Träumerin, eine Verrückte, Niete, Flittchen, Nutte. Sie erschauerte. Auf dem Fahrrad würde nicht nur Alfonsina sitzen, sondern all das mit ihr. Es war eine enorme Verantwortung. Wollte sie die wirklich übernehmen?“

Der Giro d`Italia mutiert zur Metapher für jeden Traum einer Frau, in dem sie sich von den Vorurteilen und Rollenbildern freistrampeln kann, die ihren Lebensweg in sehr eindimensionale Bahnen lenken. „Die Rebellion der Alfonsina Strada“ ist ein rasanter biografischer Roman voller Esprit, Freiheitsdrang, Emotion und Tiefgang. Das ist keine stereotype Streitschrift, in der nach Quoten gerufen wird. Der Roman setzt der mutigen Frau auch kein bleibendes Denkmal. Das wäre viel zu einfach. Das wäre auch Simona Baldelli zu einfach gewesen. Sie erinnert an einen Menschen, der kämpfen musste, in Konfliktsituationen über sich hinauswuchs und am Ende doch erkennen musste, dass Ruhm stets vergänglich ist. Die Lebensleistung bleibt. Das Vorbild bleibt. Die Sportlerin bleibt.

Die Rebellion der Alfonsina Strada - Simona Baldelli - Astrolibrium

Die Rebellion der Alfonsina Strada – Simona Baldelli

Wenn das Rosa Trikot ins Ziel kommt und die rosafarbene Zeitung den Champion bejubelt, dann sollte man Die Rebellion der Alfonsina Strada zur Hand haben. Die Romanbiografie eines bewegten Frauenlebens aus der Feder von Simona Baldelli trägt seinen rosafarbenen Buchrücken völlig zurecht. Das Buch steht für die Ideale und den Mut einer jungen Frau, für den Lebenswillen einer ganzen Generation und für das Herz einer Sportlerin. Der Roman ist Gipfelstürmer und Vorreiter zugleich. Er lässt sich nicht abhängen, überzeugt in seinen Berg- und Talfahrten und folgt seinem Weg unbeirrbar, sogar, wenn der Lenker bricht. Und ganz nebenbei gelingt der Autorin eine sprachlich raffinierte Pointe, wenn sie das Reglement des Giros von 1924 auf den Prüfstand einer Gender-gerechten Sprache stellt. Ein herrlicher Brückenschlag in unsere Zeit. Brillant.

Die Rebellion der Alfonsina Strada - Simona Baldelli - Astrolibrium

Die Rebellion der Alfonsina Strada – Simona Baldelli

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Kann ein Träumer die Welt verändern? Ein doch recht hochtrabender Untertitel für ein Jugendbuch, in dem sich ein elfjähriger Junge gegen die Erwartungshaltung in seinem Umfeld stellen muss, um den Weg ins eigene Leben zu finden. Jedoch macht gerade der Untertitel in Verbindung mit dem Romantitel „Hier im echten Leben“ mehr als neugierig auf das neue Werk aus der Feder von Sara Pennypacker. Es sind diese scheinbaren Brüche, die uns zum Lesen und zum Hören verführen. Es sind diese sehr bewegenden Kipppunkte, die wir zu erkennen glauben, weil wir alle selbst erlebt haben, wie es sich anfühlt, als „Träumer“ bezeichnet zu werden. „Du musst mal aufwachen, damit Du im echten Leben zurechtkommst.“ Kennt Ihr diesen Spruch vielleicht? Von Eltern oder Lehrern immer wieder gerne ans Kind gebracht, wenn der Realitätssinn zu wünschen übriglässt…

Wenn Ihr das in Eurer Kindheit selbst erlebt habt, dann seid Ihr schon ganz nah an einem besonderen Jungen dran, der Euch in „Hier im echten Leben“ ans Herz gelegt wird. Ware, ein schon ungewöhnlicher Name für den erst elfjährigen Protagonisten, da wir ja eigentlich gewöhnlichere Jungennamen erwarten. Hier wird sein Name allerdings schnell zum Programm. Ware. Fast wie ein Artikel aus einem Warenhaus, den man in der Welt herumschieben kann, wie es einem beliebt. So fühlt sich sein Leben an. Die Oma nach einem Sturz und OP in einer längeren Reha, die Eltern in Doppelschichten arbeitend, um sich endlich das Haus kaufen zu können, in dem sie gerade leben. Und Ware? Ja, was ist mit ihm? Und gerade jetzt, zu Beginn der langen Sommerferien? Er wird einfach verschoben, abgeschoben und dort geparkt, wo er am wenigsten stört.

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Das Sommerlager im Gemeindezentrum wird zur Rettung für seine gestressten Eltern. Spiel, Sport, Gemeinschaftserlebnisse, Teamspirit und Tagesprogramm. Ideal und unkompliziert. Man bezahlt, der Junge ist versorgt und wird nebenbei sogar noch sozialisiert und man muss sich keine Gedanken um ihn machen. Abends darf er nach Hause und tagsüber: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wirklich perfekt. Zumindest aus Sicht der Eltern. Aus der Perspektive von Ware jedoch das absolute Horrorszenario. Er ist anders. Er fühlt sich anders. Er ist Einzelgänger, Einzeldenker, Tagträumer und hasst nichts mehr, als Gruppendynamik und den viel beschworenen Teamgeist. Dafür ist er viel zu beschäftigt mit all den Fragen, die ihm auf der Seele brennen. Protest wird nicht akzeptiert und selbst ein letztes Aufbegehren endet im Kopfschütteln:

„Wie viel kostet das hier, Mom? Ich zahl dir das Doppelte,
wenn du mich zu Hause bleiben lässt.“

Diese ausweglose Situation reicht Sara Pennypacker aus, um ihren kleinen Helden aus seinen Tagträumen zu erwecken und ins richtige Leben zu stoßen. Allerdings nicht auf Kosten seiner Individualität. Sie macht Ware nicht zum angepassten Mitläufer einer All-Inclusive-Sommercamp-Berieselung. Er findet seinen Weg. Zielstrebig hinein in das verhasste Gemeindezentrum und zielstrebig hinaus aufs Nachbargrundstück und damit mitten hinein in eine abenteuerliche Geschichte voller lichtheller Erweckungsmomente. Genau hier findet Ware den Ort, an dem er seine Träume leben und kultivieren darf. In einer Kirchenruine und dem brachliegenden Garten vollzieht sich seine Wandlung und ein entscheidender Schritt in eine Richtung, die ihm niemand zugetraut hätte.

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Dass er sein Paradies mit der gleichaltrigen Jolene teilen muss, ist immer noch erträglicher, als den Tag mit Horden von Kindern zu verbringen. Das Mädchen macht aus diesem Jugendroman einen Tummelplatz für zwei besondere Charaktere, die sich anfangs heftig aneinander reiben, dann jedoch realisieren, dass sie gemeinsam etwas erreichen können, das unerreichbar scheint. Sara Pennypacker konfrontiert uns hier mit zwei echten „Persönlichkeiten“, die in ihrem Umfeld allerdings eher als störend und nicht normal wahrgenommen werden. Er, der Idealist, der aus der Kirche eine Burg in eine Welt der Ungerechtigkeit machen möchte. Und sie, die kleine Öko-Aktivistin, die dem Müll ihren Kampf angesagt hat. Sie vereinen sich am Komposthaufen ihrer Leben und versuchen gemeinsam einen neuen Weg zu gehen. Papayas zu züchten und der Burg auf die Sprünge helfen. Beide Ideale schließen sich keinesfalls aus.

„Hier im echten Leben“ ist ein starkes Statement für das Anderssein. Die Autorin bringt uns ihren beiden Idealist:innen sehr nah. Wir wünschen uns, dass man ihnen in ihren Bestrebungen hilft oder dass man sie zumindest versteht. Und doch erkennt man, dass im echten Leben dafür kaum Platz bleibt. Selbst ihr kleines Biotop ist ein Ort unter Vorbehalt. Eine öffentliche Versteigerung des Grundstücks könnte den Traum beenden. Hier nimmt Sara Pennypackers Roman Fahrt auf – und uns mit. Dabei haben wir es in keiner Weise mit einem rasanten Abenteuerroman zu tun. Keinesfalls. Die Charaktere stehen im Mittelpunkt und nehmen viel Raum ein, um sich zu entfalten. Dies ist wahrlich kein Pageturner, der uns atemlos zurücklässt. Es ist eine doppelte Charakterstudie, die gerade junge Lesende und Hörende dazu einlädt, sich in die beiden Hauptfiguren hineinzuversetzen. Ware und Jolene sind emotionale Blaupausen für viele Kinder und Heranwachsende, die einfach gerne sie selbst wären.  

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Ein bewegendes Zitat aus der Feder Sara Pennypackers steht für mich für ihren ganzen Roman. Versuchen wir doch Kinder, wie Künstler zu sehen, ihnen den Raum zu geben, um sich frei zu entfalten. Stellen wir uns ihnen nicht in den Weg, führen wir ihnen nicht die Hand bei ihren Kunstwerken und machen wir sie nicht zu Kopien einer Vorstellung, die wir gerne von ihnen hätten. Dieser Roman kann die Augen öffnen, für das ungeahnte Potenzial, das in Kindern schlummert, für das Vertrauen, dass nur wir ihnen vorschießen können und für die Stärke des Andersseins in einer Umgebung, in der Konformität individuelle Stärken schluckt.

„Wir Künstler sehen etwas, was uns bewegt, und das müssen wir in uns aufnehmen, es zu einem Teil von uns selbst machen. Später geben wir es der Welt zurück. In einer Art Übersetzung, so dass die Welt es auch sehen kann…“

Ich habe das Privileg genossen, „Hier im echten Leben“ abwechselnd lesen und hören zu dürfen. Im gebundenen Buch (Sauerländer) habe ich mir mein individuelles Tempo gegönnt und die Hintergründe dieser Geschichte auf mich wirken lassen. In der mehr als sechsstündigen Hörbuchfassung von Sauerländer Audio / Argon Verlag ist mir Julian Mehne zum erzählerischen Weggefährten geworden, weil es ihm gelingt, in den Dialogen zwischen Ware und Jolene die beiden einzigartigen Charaktere in allen Nuancen noch näherzubringen. Besonders Jolene gewinnt in seiner Interpretation der Geschichte an Profil. Eine absolute Bereicherung, die sich besonders dazu eignet, die Geschichte gemeinsam mit Heranwachsenden zu hören. Für welchen Weg man sich in diesem Fall auch immer entscheiden mag, es bleibt eine Geschichte, die so typisch für eine Sara Pennypacker ist, die wir noch so intensiv aus ihrem Roman Mein Freund Pax in Erinnerung haben.

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Hier im echten Leben von Sara Pennypacker

Annie Dunne von Sebastian Barry

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

Ach, Kelsha ist ein abgelegener Ort, hinter den Bergen, ganz gleich, von wo man kommt. Man muss über die Berge, um dorthin zu gelangen, und schließlich durch Träume.

Seid Ihr bereit, mir nach Irland zu folgen? Seid Ihr bereit, mit mir über die Berge ins County Wicklow zu ziehen, um eine besondere Frau kennenzulernen? Seid Ihr bereit, durch Eure Träume zu gehen, damit ich Euch mit Annie Dunne bekannt machen darf? Dann seid herzlich willkommen auf der ewig grünen Insel und damit zugleich an einem der wohl größten Sehnsuchtsorte in der weiten Welt der Literatur. Es sind ihre Mythen, die einzigartigen Menschen und die urwüchsige Landschaft, die uns seit jeher in ihren Bann ziehen. Es sind Geschichten von Auswanderern, die ihre Heimat hinter sich und ihren Familien ließen, um ihr Glück in der Ferne zu suchen. Es sind Geschichten von denjenigen, die zu Hause blieben und mit ansehen mussten, wie sich ihre Heimat teilte und zerbrach. Irland – Insel der Poesie, Schmelztiegel bewegender Folklore-Musik und Schauplatz menschlicher Dramen. Kaum ein anderer Ort auf unserer Welt verfügt über so viel fruchtbare Muttererde für Legenden und große Romane.

Einen solchen Roman möchte ich Euch gerne ans Herz legen.Annie Dunne aus der Feder von Sebastian Barry – Steidl Verlag – ist voller Emotion, strahlender Poesie und Ehrfurcht gebietendem Tiefgang. Er versetzt uns in einen unvergesslichen Rausch des Lesens und schreibt uns eine Frau in die Seele, der man wahrhaftig begegnet sein muss, wenn man das gute Lesen liebt. Sebastian Barry passt sein Schreiben dem Lauf der Dinge an, der im Jahr 1959 den Alltag auf dem Land dominierte. Es ist eine kleine Farm, die zu bewirtschaften ist, es sind die täglich wiederkehrenden Pflichten, die dem einfachen Leben ihren Stempel aufdrücken und es ist die Zeit, die so langsam vergeht, dass man sich viele Gedanken über das eigene Leben machen kann. Mit Idylle hat das nicht viel zu tun. Es ist der alternativlose Überlebenskampf am Rande dessen, was man als absolutes Existenzminimum bezeichnen muss. Und doch ist es die geliebte Heimat die hier beackert wird. Der letzte Zufluchtsort von Annie Dunne.

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

„Bei Tageslicht öffnet und weitet sich die Farm, die furchterregenden Schatten fliehen aus den feuchten Bäumen…“

Hier ist sie gelandet. Annie Dunne, das irische Mauerblümchen. Mit ihren über 60 Jahren, am Ende der Enttäuschungen, die das Leben für sie auf Lager hatte, bleibt ihr als obdachlose alleinstehende Frau nur die Großherzigkeit ihrer gleichaltrigen Cousine Sarah, die Annie Unterschlupf gewährt. Mehr als eine recht windschiefe Hütte und ein Bett, das sich die beiden älteren Damen teilen müssen, hat jedoch auch Sarah nicht zu bieten. So gehen sie gemeinsam durchs karge Leben. Die Tage werden kürzer und in den gemeinsamen Alltag schleichen sich die ersten Beschwerden des Alters ein. Hier erleben wir Irland von seiner unbarmherzigen und wenig wildromantischen Seite. Wir erleben die entbehrungsreichen Tage aus der Perspektive von Annie Dunne, die dem bescheidenen Dasein immer noch eine positive Seite abgewinnen kann. Alternativen? Fehlanzeige.

Sebastian Barry erzählt die Geschichte einer bedauernswerten Frau, die sich an die trügerische Sicherheit der Gegenwart klammert. Die Bucklige, nie Geliebte und zu oft an den Rand Gedrängte, die Frau, die ihre einzige Liebe erfinden musste, um nicht vollends vor den Trümmern des Lebens zu stehen, blickt ihrem Lebensabend entgegen. Hoffend, dass sich nichts mehr zum Schlechten ändert. So ruhig wie diese Geschichte durch unsere Gedanken fließt, so unausweichlich erahnen wir, dass dieser träge Fluss auf einen Wasserfall zurauscht, der das Ende bedeuten kann. Die beiden Neffen von Annie Dunne kommen zu Besuch. Der Junge und das Mädchen bringen zwar frischen Wind auf die Farm, führen Annie und Sarah jedoch vor Augen, was sie niemals haben werden. Kinder und eine Zukunft. Wie im Gefühl einer Torschlusspanik beschließt die Cousine von Annie ihr Leben zu ändern. Und Änderung bedeutet für Annie nicht mehr und nicht weniger als die erneute Obdachlosigkeit.

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

Dieser Roman ist so irisch, wie ein Roman nur sein kann, der in Irland spielt. Wir erleben den Abgesang auf ein altes Land, in dem das englische Königshaus das Sagen hatte. Wir erleben die Verwundungen derer, die von der Geschichte fortgeweht wurden und dem Freiheitskampf weichen mussten. Wir werden Freunde von Annie Dunne, die dieses verschwundene Irland scheinbar ganz alleine zu schultern hat. Wehmütig blickt sie zurück auf die eigene Kindheit. Wehmütig erkennt sie, dass sich ihr Leben seitdem zu einem wagemutigen Ritt auf dünnem Eis verändert hat. Es bricht uns das Herz, nun zu erkennen, dass erneut die Gefahr besteht, dass Annie an den Rand gedrängt wird. Und doch haben wir es mit einer kämpferischen Frau zu tun, der wir nicht in die Quere kommen wollten… 

„Was ist das für ein Altwerden, wenn selbst der Motor, der unsere Verzweiflung und unsere Hoffnung im Gleichgewicht hält, anfängt, uns im Stich zu lassen?“

Annie Dunne wirft ihren Motor an, um ihre Vision einer bescheidenen Zukunft an der Seite von Sarah nicht zu verlieren. Jetzt sollte man sich der alten Annie besser nicht in den Weg stellen. Eine Geschichte voller Empathie, emotionaler Wahrhaftigkeit und Magie. Eine Frau, der wir sehr gewünscht hätten, jemals richtig geliebt zu werden. Eine Träumerin, die allzu leicht aus ihrem Gleichgewicht zu bringen ist. Hier prallen sie aufeinander: Die Lebensentwürfe, die im Irland des Jahres 1959 noch toleriert wurden und die traditionellen Ansichten über die Rolle einer Frau. Aber: Es ist eine Rechnung, die man ohne Annie Dunne gemacht hat.

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

Sebastian Barry gehört zweifelsfrei zu den besten irischen Autoren unserer Zeit. Sein Schreiben verkörpert die Sprachmelodie der immergrünen Insel so sehr, dass es unmöglich ist, sich dem Zauber dieser besonderen Welt zu entziehen. Dabei erzählt er keine melodramatischen Rührstücke voller Lokalkolorit. Bei seinen Romanen stehen die Menschen im Mittelpunkt, die nicht nur Irland den Stempel aufgedrückt haben. Ich bin Sebastian Barry durch die Welt seines Schreibens gefolgt… Es sind irische Romane, ganz egal, wo auch immer sie von ihm angesiedelt werden…

Ein langer, langer Weg„, „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde„…

AstroLibrium und Irland – Ein besonderes Verhältnis. Hier geht´s lang

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

Der Abstinent von Ian McGuire

Der Abstinent von Ian McGuire - Astrolibrium

Der Abstinent von Ian McGuire

Wenn man den Namen des Schriftstellers Ian McGuire auf einem Buchumschlag liest, sollte man sich schon gut überlegen, ob man einen Roman aus seiner Feder auf dem Büchertisch ignorieren darf. Spätestens seit Nordwasser sollte sich die Kunde verbreitet haben, dass der britische Erfolgsautor nicht nur viel zu erzählen hat, sondern wie er es erzählt. Die Walfangreise an Bord der „Volunteer“ mutiert zum einzigartigen Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer. Der Walfang allein reicht ihm nicht aus. Ian McGuire entfacht ein maritim geprägtes rechtsmedizinisches Inferno, in dem einem das Wasser bis zum Halse steht. Ich schrieb zu „Nordwasser„:

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

Der Abstinent von Ian McGuire - Astrolibrium

Der Abstinent von Ian McGuire

Jetzt ist Ian McGuire wieder zurück. Es ist „Der Abstinent„, der uns ins England des Jahres 1867 entführt. Es ist ein historisches Szenario, das er als Impuls für den neuen Roman für sich entdeckte. Es ist die Zeit des irischen Widerstandes gegen das britische Königshaus. Ein Widerstand, der brutal niedergeschlagen werden soll. Ganz egal, wo er zutage tritt. Zum Beispiel in Manchester – fernab von der grünen Insel…

„Eine Krähe krächzt, als zöge man einen trockenen Korken aus einer Flasche; irgendwo am Fluss klappern Wagenräder und ein Pferd wiehert. Einen langen Augenblick stehen die drei Männer Seite an Seite unter dem schweren Eichenbalken wie grob gehauene Karyatiden, getrennt und doch vereint,
dann erschreckend plötzlich sind sie weg.“

Hier werden am 23. November 1867 drei Todesurteile vollstreckt. Öffentlich zeigen die royalen Machthaber, wie sie mit den „Fenians“, den irischen Terroristen umgehen. Ihre Anschläge tragen den Konflikt von Irland ins Herz ihres Feindes. Die große irische Community in Manchester scheint das ideale Brutnest für ihren Freiheitskampf zu sein. Dass man durch die Hinrichtung der Iren die Gewaltspirale erst recht beschleunigt und Märtyrer erzeugt, scheint den Regierenden egal zu sein. Jedes Mittel ist erlaubt. Darin zumindest sind sich die Konfliktparteien einig. Vom Polizistenmord bis zur Vergeltung, die Distanz zwischen Ursache und Folge schrumpft in sich zusammen und genau hier lässt Ian McGuire seine Protagonisten agieren. Auf beiden Seiten der formierten und geschlossenen Reihen.

Der Abstinent von Ian McGuire - Astrolibrium

Der Abstinent von Ian McGuire

Wer hier von Ian McGuire einen ausschweifenden historischen Roman erwartet, der en passant auch noch die Hintergründe des irischen Freiheitskampfes in aller Tiefe erläutert, komplexe historische Beschreibungen der Geschichte dieses Konflikts in den Mittelpunkt stellt und sozio-politische Themen im Spiegel der Zeit thematisiert, der sieht sich schnell getäuscht. Dieser Kampf ist ein Stellvertreterkrieg für alle Szenarien in der Weltgeschichte, die geeignet erscheinen, große Geschichten von einsamen Wölfen zu erzählen, die im Clash of Conflicts aufeinanderprallen. Hier geht es unvermittelt und im gestreckten Galopp zur Sache. Hier wirkt die Hinrichtung der Fenians wie der Aufzug eines Theatervorhanges, um uns einen ersten Blick auf die verfeindeten Kontrahenten werfen zu lassen. Hier betritt „Der Abstinent“ die Bühne des Freiheitskampfes. Und er betritt sie nicht allein….

Hier zeigt Ian McGuire seine größte Stärke. Es ist die Nähe zu seinen Protagonisten, die seine Romane zu psychologisch wertvollen Charakterstudien macht. Er führt seine Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten, mit ihren persönlichen Geschichten und in aller Tiefe ins Gefecht und verwischt alle Grenzen zwischen Gut und Böse. Er gewährt tiefe Einblicke hinter die harte Schale seiner Antihelden und macht uns zu Gefährten in schwierigen Zeiten, Komplizen im Verrat, Mitwissern bei gefährlichen Plänen und nicht zuletzt zu Mittätern, wenn wieder einmal die „Rules of engagement“ verletzt werden. Es ist der irische Polizist, der aus Dublin nach Manchester geschickt wird, um bei seinen Landsleuten Spitzel anzuwerben, um den Fenians jetzt zuvorzukommen. Für Constable James O´Connor ist dieser Job alternativlos. Eine Bewährungsprobe. Jetzt, abstinent und fern der Heimat, kann er wieder zeigen, was in ihm steckt. Ein harter Hund mit dem Instinkt eines Jagdhundes, in dem die Vergangenheit sehnsuchtsvoll schlummert.

Der Abstinent von Ian McGuire - Astrolibrium

Der Abstinent von Ian McGuire

Was er nicht ahnt, die Fenians sinnen auf Rache für die hingerichteten Patrioten und setzen dabei auf ein in Manchester unbeschriebenes Blatt. Der frisch aus Amerika eingereiste irische Bürgerkriegsveteran Stephen Doyle handelt nach der Maxime, im Krieg ist alles erlaubt und jeder Zweck heiligt die Mittel. Es entwickelt sich ein gewagtes Katz- und Mausspiel zwischen den beiden einsamen Wölfen. So unterschiedlich sie in ihren Zielen sind, so sehr ähneln sich ihre Charaktere. Getrieben vom Irrglauben, einer Sache verpflichtet zu sein. Gelenkt von der Idee, die Wahl der Mittel nur in der eigenen Hand zu haben. Unbeirrt in der Sichtweise, sich selbst auf einem fatalen Opfergang zu befinden und verwundert, wenn nicht sie den Ereignissen zum Opfer fallen. Das ist der Stoff, aus dem große Romane gewebt sind. Zwei Männer, innerlich verletzt und voll von durchlebten Verlusten, instrumentalisiert und fremdgesteuert, liefern sich nicht nur den Showdown dieses Romans. Sie liefern sich den Showdown ihres Lebens.

Ian McGuire bleibt seinem Erzählstil treu. Er schreibt Klartext, er beschönigt nicht in seinen Beschreibungen von Lebensumständen, Erfahrungen und Leid. Er erweitert den Erzählraum um ein paar wichtige Charaktere, an denen sich seine Hauptakteure reiben und aufreiben. Er bringt Liebe und Zuneigung ins Spiel, wo alles nach verbrannter Erde riecht. Er lässt sehnsuchtsvolle Momente zu, wenn Hass regiert. Und er wechselt nicht nur gekonnt die Perspektiven, sondern auch die Schauplätze. Eine Jagd, die eigentlich in Manchester begann, wird im fernen amerikanischen Harrisburg fortgesetzt. Es sind auch hier die ausgewanderten Iren, die ihrer fernen Heimat die Treue halten. Ein Spiel um Vaterlandsliebe, Loyalität und die eigenen Prinzipien. Der Einsatz ist hoch.

Der Abstinent von Ian McGuire - Astrolibrium

Der Abstinent von Ian McGuire

„Wir stecken alle fest im selben, großen, sich langsam drehenden Hamsterrad, denkt er. Wir glauben, wir kommen voran, aber in Wahrheit geht es immer nur
im Kreis.“

Der Abstinentist alles andere als enthaltsam. Dieser Roman macht trunken vor purer Lesefreude. Gerade wird „Nordwasser“ von der BBC als Serie mit Colin Farrell in der Hauptrolle verfilmt. Man kann nur hoffen, dass „Der Abstinent“ auch einen Weg findet, um vom Kopfkino zum opulenten Realkino zu werden.

Folgen Sie mir zu weiteren Buchvorstellungen bei AstroLibrium, die uns das ewig sehnsuchtsvolle Herz der „Grünen Insel Irland“ näherbringen. Von Auswanderern und den unsterblichen Mythen, von der Geschichte des Regens bis ins ferne Brooklyn, von einem Freund der Toten bis zu den Tagen ohne Ende. Irland ist ein weites literarisches Feld, das jede Reise lohnt. Ich folge jetzt Sebastian Barry auf eine kleine irische Farm und freue mich auf die Begegnung mit „Annie Dunne„. Hier stelle ich sie Ihnen vor.

Der Abstinent von Ian McGuire - Astrolibrium

Der Abstinent von Ian McGuire