Monschau von Steffen Kopetzky

Monschau von Steffen Kopetzky - Astrolibrium

Monschau von Steffen Kopetzky

Wer meinem Schreiben in der kleinen literarischen Sternwarte folgt, ist sicherlich schon oft über den Schriftsteller Steffen Kopetzky gestolpert. Ich wiederhole es immer wieder gerne, dass es keinesfalls literarische „Propaganda“ ist, wenn ich dazu rate, zu „Risiko“ zu greifen, damit man sich seinem Spiel des Lesens aussetzen kann. Er hat in seinen Romanen den Bogen von der Ardennenoffensive zum Vietnamkrieg gespannt, in unglaublicher Erzähltiefe Brücken zwischen dem Ersten Weltenbrand und dem Heiligen Krieg geschlagen, mit dem der deutsche Kaiser seine Feinde beeindrucken wollte. Ein deutscher Dschihad sollte entfacht werden und dem großen Spiel der Mächte Einhalt gebieten. Die Erzählräume in seinen Romanen „Risiko“ und „Propaganda“ sind brillant konstruierte Mehrgenerationenhäuser, in denen man sich kaum verlaufen kann, aber in jedem neu betretenen Zimmer reich beschenkt wird. Kopetzky erzählt verschachtelt und facettenreich, das Eindimensionale ist nicht sein Ding.

Sein Schreiben – historisch fundiert, perfekt recherchiert und dramaturgisch bis ins Detail literarisch fiktionalisiert, war das Erfolgsrezept von Steffen Kopetzky. Mit seinem Roman „Propaganda“ war er 2019 für den Bayerischen Buchpreis nominiert, den ich als Buchpreisblogger offiziell begleiten durfte. Da darf es kaum verwundern, im Bücherregal meiner kleinen Bibliothek eine kleine Lücke zu finden, die für neue Bücher aus seiner Feder reserviert ist. Lesertreue, kann man das nennen. Urvertrauen in einen Autor, dem man sich bisher immer blind anvertrauen konnte, trifft es auch ganz gut. Die Lücke ist geschlossen. „Monschau“ hat das Licht der Bücherwelt erblickt und mich, wie erwartet, erneut bis ins Mark berührt. Das jedoch ist ein sehr exklusives Lesegefühl, das ich mit nicht allzu vielen Lesern dieses Romans teilen muss. Ich werde das erklären:

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Monschau von Steffen Kopetzky

Wir befinden uns in der Eifel. Wir schreiben das Jahr 1962 und ganz Deutschland ist wie leergefegt. Die Menschen warten wie gebannt vor den Fernsehern. Sie warten nicht auf die neuesten Nachrichten zum atomaren Wettrüsten der Großmächte oder auf Neuigkeiten zu den Anschlagsserien in Algier und Paris. Nein, es ist eine andere Serie, die das ganze Land in atemloser Starre hält. Die letzte Folge des TV-Sechsteilers Das Halstuch steht auf dem Programm. Der große Straßenfeger dieser Zeit steuert seinem furiosen Finale entgegen. Alle Räder stehen still, der Verkehr ruht und abends sitzt das ganze Land vor dem Fernseher und will nur eines: Wissen, wer der Halstuch-Mörder ist. Exklusiv ist dieses Lesen für mich, kam ich doch an genau diesem Tag unmittelbar nach Ausstrahlung dieser Folge zur Welt. Das Narrativ meiner Geburt ist davon geprägt, dass meine Mutter zwei Stunden allein im Kreißsaal verbringen musste. Von Ärzten, Pflegern oder Hebammen keine Spur. Erst nach dem Finale widmete man sich ihr. Und so ganz nebenbei habe ich auch meine Mutter um diesen Straßenfeger gebracht… Heute einen Roman zu lesen, der sich in meine Geburt einfügt, wie ein passendes Mosaiksteinchen, fühlt sich an, als wäre er für mich geschrieben. Ist er nicht. Weiß ich. Aber es ist wohl noch erlaubt, zu träumen… Zurück zum nicht exklusiven Lesen

Also, wir sind in der Eifel, genau gesagt im kleinen Städtchen Monschau und wir schreiben das Jahr 1962. Ganz Deutschland hält den Atem an (und ich bin noch nicht auf der Welt – kann sich aber nur noch um Stunden handeln). Es gibt nur ganz wenige Menschen, die sich nicht für das Finale der Serie interessieren. Aus gutem Grund. Die Pocken sind ausgebrochen. Ein Horrorszenario zeichnet sich ab. Alle Spuren führen nach Monschau. Patient 1 ist identifiziert, erste Infektionsketten lassen nicht lange auf sich warten und dem anreisenden Spezialisten aus Düsseldorf bleibt kaum Zeit, um mit seinem jungen Assistenzarzt ein epidemiologisches Krisenmanagement aufzubauen. In dieser Zeit einen Roman zu lesen, in dem sich Begriffe wie Quarantäne, Isolierung und Infektionsraten die Hand geben, wirkt befremdlich. Als hätten wir nicht schon genug um die Ohren. Wer nun aber glaubt, Steffen Kopetzky hätte als pandemischer Wellenreiter ein Buch zur Krise dieser Tage geschrieben, der irrt gewaltig.

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Monschau von Steffen Kopetzky

Steffen Kopetzky ist wieder fündig geworden. Er hat seinen Erzählclaim abgesteckt und verknüpft auf der Basis historisch verbürgter Ereignisse seine ganz eigenen Fäden zu einem fliegenden Handlungsteppich, auf dem man unaufhaltsam in einen grandiosen Abenteuerroman getragen wird. Die Pockenepidemie stellt eine unsichtbare Bedrohung von außen dar. Das Eifelstädtchen Monschau ist ein hermetisch abgeschirmtes Biotop, in dem sich jeder Fremde von Haus aus schwer hineinfindet und die Menschen vor Ort sind nicht nur mit dem Halstuch beschäftigt. Vielfach verflochten sind die Beziehungen und im Mittelpunkt steht eine Fabrik, die als wichtigster Arbeitgeber der ganzen Region von größter Bedeutung ist. Und genau in dieses Eifelaner Wespennest sticht nun jener Professor aus Düsseldorf, der einen Krisenstab etabliert und das Heft des Handelns an seinen Assistenten übergibt. Und plötzlich ist ein junger griechischer Arzt an vorderster Front der Vorkämpfer gegen eine Epidemie, die sich kaum noch eindämmen lässt. 

Ersetzt man hier Pocken, Eifel, Krisenstab, lebenswichtige Fabrik und ausländischer Arzt durch andere gängige Erzählkomponenten, so stellt man schnell fest, dass wir von Steffen Kopetzky in eine brillante literarische Falle gelockt wurden, die funktioniert, weil wir genau nach diesen Bücherfallen suchen, um das große Lesen zu zelebrieren. Wir finden alle Elemente eines epischen Abenteuerszenarios, einen einsamen Helden und die verschworene Gemeinschaft, die es nicht zulassen kann, dass der Gastarbeiter, in Monschau das Heft des Handelns übernimmt. Und als wäre dies nicht genug, lässt der Autor auch noch die attraktive Erbin der Fabrik auftreten, die durch ihre Ausstrahlung ein Flair in Monschau verbreitet, dem letztlich auch der junge griechische Arzt erliegen muss. Lone Ranger rettet entführtes Mädchen aus den Fängen blutrünstiger Betrüger. Mutiger Prinz schneidet Prinzessin aus dem vergifteten Gestrüpp frei. Das ist er. Der Stoff, aus dem die Träume sind.

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Monschau von Steffen Kopetzky

Wer allerdings denkt, Monschau seine eine Variante X von Abenteuer Y, auch der irrt gewaltig. Das wäre nicht der Steffen Kopetzky, den wir kennen. Er fühlt uns mit dem Roman „Monschau“ auf den Zahn der Zeit, wobei er gleichzeitig in eine Zeitscheibe in der Geschichte unseres Landes eintaucht, die für „seine“ Epidemie besonders relevant ist. 1962. Gerade einmal 17 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es noch immer Verbindungslinien zwischen Menschen, Behörden und Wirtschaftsbetrieben, die gerade in einem solchen Setting relevant sind. Auch hier zupft Steffen Kopetzky an den Saiten seines Erzählinstruments, das in uns die besten Resonanzkörper findet. Wir sind in der Eifel. Sie war der Schauplatz der Ardennenoffensive. Wir sind in der Nähe eines ehemaligen Kriegsschauplatzes, der als „Hürtgenwald“ in die Geschichte eingegangen ist. All diese Verbindungen spielen in diesem brillant erzählten Roman eine Rolle. Eine Geschichte ohne Geschichte ist keine Geschichte. Dieses Motto füllt Steffen Kopetzky mit einem Leben, das unser Leben nicht unberührt lässt. Dieser Brückenschlag ist von größter Relevanz. „Monschau“ ist ein genialer Brückenkopf, den der Autor mit seinen Worten zu verteidigen weiß, bis es ihm gelingt, seine virale und fulminante Geschichte in unserem Lesen ausufern zu lassen.

Ein liebevoll kritisches Wort zum Schluss. Ich liebe die vitale „Schreibe“ von Steffen Kopetzky. In „Propaganda“ und „Risiko“ liebte ich die parallelen Handlungsstränge, in denen er uns in Zeitscheiben entführte, die zum Verständnis der Bücher wichtig waren. Kritiker bezeichneten das vereinzelt als „ausschweifend“ und „überladen“. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum Steffen Kopetzky den Bayerischen Buchpreis nicht gewann. „Monschau“ ist frei von diesen Parallelwelten. Sie werden hier nur angerissen, skizziert, aber nicht auserzählt. Wir haben es also mit einem literarischen Diamanten zu tun, den der Autor selbst bis zur höchsten Reinheit geschliffen hat. Jetzt überschlägt sich das Feuilleton begeistert. Ich hatte immer das Gefühl, dass mein „alter Kopetzky es gewagt hätte, in diesem Buch zu den Kämpfen im Hürtgenwald zurückzukehren. Ich bin mir sicher, dass es der Geschichte nicht geschadet hätte. Vielleicht hat ja die Kritik einen Weg zu größerem Erfolg aufgezeigt. Literatur ist Entwicklung. Hier spürt man sie. Mich hat dies ein wenig wehmütig gemacht, obwohl Monschau ein großer Roman ist.

Nachtrag: Meine Artikelbilder zeigen das Rezensionsexemplar des Verlages. Das Original ist in feiner gebundener Ausgabe überall zu finden, wo das gute Lesen wohnt.

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Monschau von Steffen Kopetzky

Zwei Straßenfeger zur aktuellen pandemischen Situation: Monschau von Steffen Kopetzky undEine Seuche in der Stadtvon Ljudmila Ulitzkaja. Eine Bücherkette, die viral geht und jederzeit Lesequarantänen verursacht… 

Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

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Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Er kommt so harmlos und idyllisch daher, dieser Roman. Er spricht uns bereits in den Momenten an, in denen wir ihn betrachten, berühren und ganz plötzlich von ihm in Assoziationen verwickelt werden, die sich ausbreiten, wie ein Flächenbrand. Es ist der Titel dieses Buches, der uns träumen lässt. Es ist der Titel, der Erinnerungen an einen Roman weckt, der zum Lebenswegbegleiter und Wegweiser in unserem Lesen wurde. Es sind Bilder, die wir sehen, ohne auch nur eine einzige Zeile gelesen zu haben. „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ von Olive Schreiner lässt uns sofort an einen Roman denken, der so autobiografisch und authentisch war, wie man es sich wünscht. Ein Buch, das mit einem emotionalen Satz beginnt, den wohl jeder Buchliebhaber dem Werk zuordnen kann, zu dem er gehört. „Ich hatte eine Farm in Afrika„.

Es war Tania Blixen, die uns in ihre afrikanische Welt entführte. Sie beschrieb ein Land im Würgegriff der Kolonisatoren, erlebte die Unterdrückung der Einheimischen und wurde selbst zum Teil eines Systems, das auf Ausbeutung ausgerichtet war. Aber sie lernte und setzte sich ein, korrigierte die vorherrschenden Bilder von ungebildeten und naiven Schwarzen, lehnte sich auf und verließ die Farm, um in der fernen Heimat über ihre Zeit auf dem geheimnisvollen Kontinent zu schreiben. „Jenseits von Afrika“ wurde zum Synonym für starke Literatur starker Frauen, die ihrem Rollenbild zu einer Zeit den Rücken kehrten, in der ihnen sogar der Zutritt zu den Clubs der feinen Herren verwehrt wurde. Ich schrieb viel über Tania Blixen. Ihr verdanke ich meine Idee, eine ganze Artikelreihe unter der Überschrift „Ich hatte einen Blog in Afrika“ zu schreiben. Hier, am Fuße der Ngong-Berge begann meine Auseinandersetzung mit jener fatalen Unterdrückung, dem Rassismus und der Apartheid auf dem damals dunklen Kontinent.

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Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Natürlich war mir klar, dass ich in Olive Schreiners Roman keine Spuren jener Farm finden würde, an die ich mich im Titel erinnert fühlte. Was mich umso mehr reizte, mir dieses Buch genauer anzuschauen, war die Zeitepoche, in der es angesiedelt ist. Weit vor den ersten Spuren einer Tania Blixen, die von 1914 an mehr als 17 Jahre in Kenia lebte, erleben wir hier die Kapkolonie Karoo, die wir als das heutige Südafrika kennen. Hier hatten sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Buren bereits etabliert und ihre Kolonisation von Teilen Afrikas als abgeschlossen betrachtet. Sie sahen sich nicht als Kolonialherren. Nein, sie gingen so perfide vor, dass sie sich aufgrund der Zeit, in der sie sich hier breitgemacht hatten, als Einheimische betrachteten. Die Minderheit hatte sich über die Mehrheit der Ureinwohner erhoben und sprach nun von ihrem Land. Der Machtanspruch war total.

Fast so total, wie die Macht, die Tant` Sannie für ihre Farm beansprucht. Sie hat hier die Hosen an, sie ist reich und umworben und ihr Besitz ist so weitläufig, wie es ihr Körperumfang vermuten lässt. Hier, auf der afrikanischen Farm, siedelt Olive Schreiner ihre Geschichte an. Wir lernen Sannies Stieftochter Em kennen, die dieser im Umfang in nichts nachsteht und freunden uns mit Sannies Nichte Lyndall an, einer Waise, die sich im Verlauf des Romans zur eigentlichen Hauptfigur mausert. Diesen Frauen steht eine ambivalente Männerwelt aus Verwaltern und Freiern gegenüber. Sie sind begehrt und stehen im Mittelpunkt des Interesses. Als ein gewisser Bonaparte Blenkins in der korpulenten Sannie das perfekte Opfer für seine unehrenvollen Absichten sieht, macht er der Besitzerin des Hofes den Hof und bringt alles durcheinander. Das bekommt der deutsche Aufseher Otto als erster zu spüren. Die treue Seele der Farm wird plötzlich zum Ziel der manipulativen Angriffe des Neuankömmlings. Als sich auch noch Sannie dazu verleiten lässt, ihren Aufseher zu schikanieren, bricht die Welt für ihn und seinen Sohn Waldo in sich zusammen.

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Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Dieses Setting aus Reichtum, Brautwerbung und Betrug steckt den Rahmen der Handlung ab, in dem sich die beiden Mädchen Em und Lyndall kaum entfalten können. Dabei könnte alles so harmonisch sein. In Waldo finden sie nicht nur einen aufrechten Freund, sondern einen jungen Mann, dessen Tiefgang und Lebensfreude ihn zu mehr machen würde, wenn es die Umstände auf der Farm nur möglich machen würden. Als sich die Willkür auf Waldo ausweitet, stehen die Zeichen auf Trennung. Das Herz reißt in diesen Momenten der Ungerechtigkeit. Die Wege der beiden Mädchen trennen sich und finden nie wieder zusammen. Waldo verlässt die Farm. Jeder Schritt fühlt sich an, wie ein schmerzhafter Abgesang. Gerade in der aufflammenden Liebe für Lyndall hätte so viel Potenzial gelegen. Nicht nur für den jungen Waldo. Und so beginnt langsam der Abgesang auf die Menschen der Farm, die man als Leser liebgewonnen hatte.

Ein dramatischer und tragischer Roman in einem Szenario, das uns fesselt. Was sich hier auf den ersten Blick wie ein einfach konstruierter Roman anfühlt, weist für die Zeit seiner Veröffentlichung allerdings Charakteristika auf, die überraschend sind. Wir erleben in Lyndall eine zusehends selbstbestimmte Frau, die ihre Rolle selbst definiert und ihren Platz im Leben sucht. Wenn sie sagt, dass sie keinen Mann kennt, der sich ein Leben als Frau vorstellen kann und, wenn sie von der Benachteiligung der Frauen von Geburt an spricht, dann ahnt man, welche Sprengkraft in dem 1883 erschienenen Roman verborgen ist. Emanzipation war das nicht nur literarische Nogo dieser Zeit. In Lyndall jedoch zeigen sich erste Spurenelemente späterer Suffragetten. Hier wird klar, warum Olive Schreiner das männliche Pseudonym Ralph Iron verwendete, damit ihr Buch überhaupt veröffentlicht werden konnte. Eine skandalöse Geschichte.

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Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Hier lohnt sich der Blick von Kate auf diesen Roman. Wie sieht die moderne Frau von heute diesen emanzipatorischen Aspekt der Geschichte? Wie empfindet sie diese Annäherung an ein Afrika, das sie selbst erlebte und liebt? Und nicht zuletzt, was sagt eine bekennende Blixen-Liebhaberin zu dieser afrikanischen Farm? Ihr KateView

Eine afrikanische Farm - KateView - Astrolibrium

Eine afrikanische Farm – KateView

Ich hatte eine Farm in Afrika… Ach nein, das war ein anderes Buch. Mein Lieblingsbuch. Mein Lebensbuch. Würde Olive Schreiner da mithalten können?

Zumindest schaffte sie es leicht mit ihren lebendigen Worten die Bilder meines Afrikas vor meine Augen zu rufen. Ich fühlte, roch, sah und hörte mit den eindrücklich gezeichneten Figuren, lernte Em, Lyndall, Waldo kennen und mögen. Ich litt, lachte und weinte mit ihnen. Und dann plötzlich lag die Farm hinter uns. Und alles veränderte sich. Lyndall erschien wieder auf der Bildfläche und schien völlig aus der Zeit gefallen. Was uns heute so normal erscheint, passte in die damalige Zeit so überhaupt nicht hinein.

Als ob sich ein Schwan in einen Ententeich verirrt hat oder ein Schmetterling zwischen Raupen. Und so nahm die Tragik ihren Lauf, denn wo das enden würde, ja musste, legten die Umstände ganz klar fest. „Es muss ein Jenseits geben, weil wir uns nicht vorstellen können, dass unser Leben einmal zu Ende geht.“ Wenn einer gegangen ist, kann der Andere nicht mehr sein. Und der Letzte bleibt zurück.

Auch wenn es kein Blixen ist, lasen wir hier ein packendes Buch. Liebe, Emanzipation, Glaube, all das finden wir in diesem Buch, Sprengkraft zwischen den Zeilen sozusagen. Und durchaus lesenswert.

Olive Schreiner - Die Geschichte einer afrikanischen Farm - Astrolibrium

Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

Ein kritisches Wort zum Schluss. Olive Schreiner verwendet Begriffe, die man heute nicht mehr gerne in Romanen lesen würde. Wenn sie rassistische und diskriminierende Bezeichnungen für die schwarze Bevölkerung, wie Kaffir, Nigger oder Hottentot wählt, die auch in der vorliegenden Neuübersetzung von Viola Siegemund verblieben sind, hat dies einzig den Grund, das Machtgefüge in der Kapkolonie Karoo zu verdeutlichen. Wir dürfen diese Begriffe nicht weichspülen, weil dadurch der Charakter dieser rassistisch untermauerten Weltsicht verändert würde. Für mich jedoch sollte man dies nicht in der editorischen Notiz im Nachwort hervorheben. Hier, und genau hier, muss man sich im Vorwort an den Leser wenden und die Begrifflichkeiten in die heutige Unsäglichkeit im Kontext unserer Zeit einordnen. Und wenn ich schon beim Nachwort bin, nein, ich halte das Nachwort aus der Feder von Doris Lessing für eher ungeeignet für einen Roman, der in seinen Begrifflichkeiten nicht mehr zeitgemäß wirkt.

Ihr Nachwort stammt aus dem Jahr 1968 und ist deutlich in die Tage gekommen. Gerade in Bezug auf die wichtigen emanzipatorischen und damit zeitgemäßen Aspekte des Romans wäre es wünschenswert gewesen, hier ein aktuelles Nachwort zu wählen. Und in einem wichtigen Kernargument widerspreche ich Doris Lessing deutlich:

„Dann musste ich einsehen, dass, wenn man nach den Regeln verfährt, denen wir jedes Jahr tausend gute, wenn auch belanglose Bücher verdanken, wenn wir ihn also an seinen Figuren und seiner Handlung messen,… „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ kein guter Roman ist…“

Ich widerspreche deutlich, oder neudeutsch gesagt: Hier macht der Rezensent von seinem Remonstrationsrecht gegen ein Nachwort Gebrauch!

Olive Schreiner - Die Geschichte einer afrikanischen Farm - Astrolibrium

Olive Schreiner – Die Geschichte einer afrikanischen Farm

P.S. Auch bei Constanze lese ich auf Zeichen & Zeiten diesen Widerspruch heraus.

Der große Sommer von Ewald Arenz

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Da bin ich mal wieder mittendrin in einem jener großen Erweckungsmomente, in denen ein Jugendlicher die unsichtbare Grenze zum Erwachsensein überschreitet. Da bin ich mal wieder in einem jener Romane gelandet, die man dem Genre „Coming-of-Age“ zuordnen muss. Dieses Frühjahr hat mich ganz gezielt zu Autoren entführt, deren Neuerscheinungen sich genau diesem literarischen Sujet verschrieben haben. Es liegt sicherlich daran, dass sie eine Zeitscheibe für ihre Erzählungen gewählt haben, in der ich selbst an der Demarkationslinie eines Adoleszierenden stand und sie plötzlich und ohne es so richtig zu begreifen, überschritten und hinter mir gelassen habe. Ich wollte dieser Initiationssequenz auf die Spur kommen, erneut das Gefühl meiner 80er Jahre aufleben lassen, und in den Tiefen meiner (vielleicht verdrängten) Erinnerungen nach den Spuren meiner Jugend suchen.

Ich war mit Benedict Wells in Grady, erlebte seinen Roman „Hard Land“ im Taumel meiner Gefühle, projizierte Erzähltes auf meine eigene Vergangenheit und war beseelt, als ich Missouri endlich den Rücken kehren konnte. Ich wurde von Björn Stephan zart auf die Tatsache „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ hingewiesen und erlebte das Erwachsenwerden in einem Plattenbau-poetischen Biotop namens Klein Krebslow. Ich habe diese beiden Romane geliebt, verglichen, nach der Blaupause gesucht und für mich die Antworten gefunden, warum sie mich so sehr bewegt haben. Man kann diesen erkenntnisreichen Moment hier mit seinen eigenen Augen erlesen. Coming-of-Age. Ein Vergleich. Und doch fehlte mir eine wichtige Perspektive, hatten weder Björn Stephan noch Benedict Wells meine Achtizger Jahre selbst erlebt. Es war ihre Distanz, die es ihnen erlaubte, so tief einzudringen. Jetzt wollte ich gezielt die Welt der Jungspunde im literarischen Coming-of-Age-Segment verlassen und mich einem Autor anschließen, in dessen Leben diese Zeit nicht nur aus dem Hörensagen besteht.

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65). Und nein, ich gehöre sicherlich nicht zu den Lesern, die denken, ein Autor muss selbst erlebt haben, worüber er schreibt (es gäbe keine Mittelalter-Romane), aber ich fühle es, wenn der Schriftsteller gefühlt hat, was ich einst fühlte. Das ist natürlich reines subjektiv geprägtes Empfinden, aber meine Emotionen lassen mich lesend nicht im Stich. Glaubt mir. Dies muss man verstehen, wenn man verstehen mag, was der Roman Der große Sommer von Ewald Arenz  in mir ausgelöst hat. Hier war ich wirklich wieder zurück in einer Zeit, die mir unvergessen ist. Hier erlebte ich tatsächlich eine letzte Generation im Übergangsstadium zwischen analoger und digitaler Welt. Hier spürte ich, dass jemand nicht nur darüber schreiben kann, weil er es gut recherchiert hat. Nein. Er war dabei!

So las ich Der große Sommer. So muss und sollte man ihn lesen. Ein Roman aus berufenem Munde. Das wird auf jeder Seite deutlich. Dabei beschreibt Ewald Arenz im Kern seiner Geschichte keine sentimentale Journey to the Past. Er baut mit den Bildern Brücken zur heutigen Jugend. Er nimmt jeden mit in sein Boot und lässt es zu, dass wir uns alle unseren eigenen großen Sommer heraussuchen und ihn an seiner Geschichte reiben. Und nur durch Reibung entsteht Wärme. Das Gefühl, auf einem 10-Meter-Brett im Schwimmbad zu stehen, nicht zu wissen, ob man sich traut, von allen beobachtet zu werden und unerwartete Hilfe zu bekommen, ist kein exklusives Gefühl der ´80er Jahre. Es sind genau diese Brücken, die seinen Roman für jede Generation zugänglich und in besonderer Weise liebenswert machen. Es sind die Romanfiguren, die er nahbar und authentisch zeichnet. Es ist das Setting, das uns Lesende fesselt und es ist der Plot, in dem wir versinken, wie nach einem gewagten Sprung vom Sprungturm. Man muss sich einfach trauen. Dann ist Tiefgang garantiert.

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Der große Sommer von Ewald Arenz

So könnt ihr „Der große Sommer“ lesen. Hier könnt ihr den Neuntklässler Frieder kennenlernen, dessen Sommer nach allem schmeckt, nur eben nicht nach Größe. Für ihn steht alles auf der Kippe. Entweder seine Nachprüfungen bestehen, oder die Schule verlassen, so lauten die bitteren Alternativen des schulischen Versagens. Entweder jetzt akzeptieren, in den Sommerferien beim Großvater zu bleiben und unter Aufsicht für die Prüfungen zu büffeln, während der Rest der Familie in die Ferien verduftet, oder für alle Zeiten an den Folgen leiden. Nein, das schmeckt nicht nach einem großen Sommer. Im Gegenteil, das ist trist, kleinteilig und erzwungen. Freiraum sollte sich für einen Jungen im Alter von sechzehn Jahren anders anfühlen. Für Frieder jedoch fühlt sich alles mehr als falsch an. Falsche Eltern, falsche Lehrer, falscher Ort. Wären da nicht Alma, seine Schwester und Johann, sein einziger und bester Freund, die Situation wäre ausweglos. Und trotzdem passt nichts so, wie es passen soll. Nichtmal die Schallplatten, die bisher so gut gepasst hatten:

Sie stimmten einfach alle nicht mehr. Als ob die Töne etwas erzählen, was mich nichts mehr anging. Alles war… irgendwie nett, aber vollkommen bedeutungslos.

Diese Bedeutungslosigkeit verliert ihren Schrecken, als Beate in sein Leben tritt. Und das ausgerechnet an dem Ort, an dem er sich selbst nicht viel zutraut. Es ist jener Sprungturm, auf dem sie ihm ihre Hand reicht. Es ist ein gemeinsamer Sprung, der alle Muster seines Lebens durchbricht. Und es ist der Sprung, der zum Synonym für jenen Sommer wird. Ewald Arenz lässt uns mitspringen, mitfiebern, mitleiden, mitlachen und mitfühlen. Es ist die Ausgangssituation, aus der er seine Fäden spinnt. Hier legt er die Fallstricke aus, die man alleine nicht überwinden kann. Wer hier mutig mitspringt, wird eine Geschichte erleben, in der Freundschaft auf eine extreme Probe gestellt wird, wo erste Gefühle ein heftiges Bremsmanöver überstehen müssen, sich ein Großvater zum Retter mausert und ein gemeinsames Grab immer mehr Raum einnimmt. Der Rahmen ist nur dafür da, um gesprengt zu werden. Das schafft Ewald Arenz in aller Vehemenz.

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Ich habe gelernt, Ewald Arenz zu vertrauen. Auch, wenn seine Geschichte alles von seinen Protagonisten abverlangt, es gelingt ihm immer wieder, sie zu beschützen. Mehr kann man von einem fürsorglichen Schriftsteller kaum erwarten. Ich kann euch diesen Roman nur ans Herz legen. Auch, wenn er viele Ingredienzien in sich trägt, die man im Moment in vielen Coming-of-Age-Romanen wiederfindet, er unterscheidet sich in einer wichtigen Frage. Der Relevanz und der Tragweite für unser Leben. Ein zweiter Strang seiner Haupthandlung bringt seine Geschichte auf Augenhöhe mit der Gegenwart. Hier begeben wir uns an der Seite von Frieder, Jahrzehnte nach dem großen Sommer, auf eine Suche, die niemanden kaltlassen kann. Wer sich getraut hat, vom Sprungturm des Schwimmbads zu springen, der muss noch ein wenig mehr Mut aufbringen, einen Weg zu gehen, den wir gut verteilt über die Kapitel des Romans gehen müssen.

Mein Handy vibriert wieder: „Wo bist du?“
„Friedhof“, schreibe ich zurück.

Ich habe Der große Sommer in einem Rutsch gelesen. Es war anders geplant. Es war der erste Blick, den ich morgens ins Buch warf, der alles veränderte. Ich hatte ein paar Pläne, der Tag hatte noch Struktur und Ziele. Ich wollte…, sollte und hätte. Nichts davon habe ich verwirklicht. Es war der letzte Blick ins Buch, der mich einige Stunden später zurück ins Leben holte. Voller Fragen: Wo ist mein Tag geblieben? Wann habe ich zuletzt etwas gegessen? Warum ist das Auto noch in der Werkstatt und warum sind die Briefe nicht auf der Post? Wenn sich das nach einem verlorenen Tag anhört, dann täuscht der Eindruck. Er war unvergesslich…

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Der große Sommer von Ewald Arenz

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wenn man sich für einen Roman entscheidet, der in Rumänien angesiedelt ist, sollte man immer im Bewusstsein lesen, dass man sich in ein von der Weltgeschichte mehrfach zerrissenes, aufgeteiltes und von grausamen Machthabern gegeißeltes Land begibt. Man sollte sich sehr bewusst machen, dass sich bis zum heutigen Tag zahllose Wunden durch ganze Familiengeschichten ziehen, ihre Traditionen belasten und sich wie kaum sichtbare Demarkationslinien durch die Stammbäume dahinschlängeln. Viele Romane, die sich mit dem heutigen Rumänien beschäftigen versuchen zu erklären und zu heilen, zu bewältigen und zu zeigen, was sich nicht wiederholen darf. Die wenigsten dieser Romane sind unpolitisch, weil sie es einfach nicht sein können. Die rumänische Geschichte war immer ein Spiegelbild der Weltpolitik. Einzig im Reich der Legenden war man sicher. Nur hier konnte die geschundene rumänische Seele Zuflucht finden. Nur hier durfte sie davon träumen, dass alles auch ganz anders hätte kommen können.

In diesem Reich regiert noch heute der Fürst der Dunkelheit Graf Dracula, Vlad der Pfähler. Es sind Begriffe, wie Transsilvanien, Eichenpflock, Knoblauch, Blutsauger und ewiges Leben, die ihn nicht nur literarisch unsterblich gemacht haben. Auch, wenn dieser dunkle Graf heute für seine unbeschreibliche Grausamkeit bekannt ist, legendär ist er für seine Gerechtigkeit, die man ihm nachsagt. Ein ganzes Genre beherrscht die Lichtgestalt Transsilvaniens, die mit Tageslicht überhaupt nicht gut zurechtkommt. Viele Romanfiguren der Weltliteratur spiegeln sich in seinem Geist, wobei er doch eigentlich gar kein Spiegelbild erzeugt. Eines jedoch ist sicher. Wenn man sich mit Graf Dracula beschäftigt, befindet man sich literarisch in einem Fantasy-Roman. Eine Mischung aus sozialpolitischer Vergangenheitsbewältigung und transsilvanischer Legendenwelt wurde bisher nicht gewagt…. Ich sage bewusst: Bisher… Dana Grigorcea verändert alles.

Die nicht sterben von Dana Grigorcea - Astrolibrium

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wer sich für ihren Roman Die nicht sterben entscheidet, sollte im Bewusstsein lesen, hier nicht nur auf einen einzigen Blutsauger zu treffen. Wer sich für diesen Roman entscheidet, sollte sich gedanklich von klaren Genre-Trennlinien verabschieden und bereit sein, literarisches Neuland zu betreten. Wer zu diesem Buch greift, wird mit zunehmender Lesedauer merken, dass es sich um einen unsterblichen Roman handelt, in dem sich die Welten der Fantasy und der Gesellschaftspolitik vermischen. Wir haben hier ein Buch, das selbst kein Spiegelbild wirft, das nachts hyperaktiv ist und dem man mit Knoblauch und Eichenpflock nicht beikommt, wenn man erst einmal begonnen hat, es zu lesen. Hier prallen das Transsilvanien der Vampire und das postkommunistische Rumänien in einem Clash of Literature aufeinander, der alle Grenzen verschiebt. Hier erleben wir an den Nachwehen der Diktatur des Ceaușescu-Regimes, was ein echter Blutsauger seinem Volk angetan hat. Dagegen wirkt Dracula wie ein wahrer Volksheld…

Dana Grigorcea entführt uns in ein schauriges Spiegelkabinett, in dem wir selten glauben, was wir zu lesen denken. Da ist die Ich-Erzählerin, die in Bildern denkt und lebt. Die sich das Rumänien ihrer Kindheit in Erinnerung ruft, und in Flashbacks Bilder einer Zeit heraufbeschwört, in der ihre Großmutter Margot eine zentrale Rolle einnimmt. Skurrile Bilder entwickeln sich vor unsern Augen. Eine enteignete Villa in der Walachei und ein Tross, der sie in regelmäßigen Abständen vom Kommunistenkitsch befreit und dem großbürgerlichen Leben zu neuem Glanz verhilft. Natürlich streng geheim und vor den Augen und dem Zugriff der viel geheimeren Securitate verborgen. Jetzt, nach der Rückkehr der Erzählerin aus Paris herrscht Trostlosigkeit in ihrer einstigen Heimat. Es sind Betonbauten, die zum Flächenbrand werden und es ist die Perspektivlosigkeit der Menschen, die ihre Erinnerungen an einst mit einem Grauschleier überziehen.

Die nicht sterben von Dana Grigorcea - Astrolibrium

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Es ist die Zeit nach dem Schrecken der Diktatur, die bekannte Automatismen ans Tageslicht bringt. Der Blick geht zurück, das „Früher war nicht alles schlecht“ wird im Umfeld der Großmutter kultiviert. Nur die Player müssen ausgetauscht werden. Er wird wieder laut, der „Ruf nach dem starken Mann„, der frischen Wind ins Land bringt und gleichzeitig mit den korrupten Politikern aufräumt, die sich nach dem Machtwechsel im neuen Rumänien festgebissen haben. Hier driftet Dana Grigorcea in ein morbides und zunehmend gewalttätiges Szenario ab, überschreitet die Grenzen des Genres und lässt uns mit staunenden Augen in der Familiengruft der Erzählerin eine gepfählte Leiche im Schweiße des frisch geschändeten Körpers entdecken. Und nicht nur das. Findet man doch ausgerechnet hier beim Versuch, den Mord aufzuklären die letzte Ruhestätte von Vlad dem Pfähler. Hier in der uralten Familiengruft. Ist er ein Vorfahre der Erzählerin? Sind sie verwandt? Von jetzt an ist es vorbei mit der Ruhe in der Ruhestätte.

Hier beginnt es trefflich zu vampiren. Hier erlebt der Romantitel „Die nicht sterben“ eine wahre Renaissance in der engmaschig erzählten Geschichte. Hier beginnen die nächtlichen Begegnungen der Heimkehrerin mit einem geheimnisvollen Wesen, das ihr plötzlich nicht mehr fremd ist. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen der Realität in unserer Wahrnehmung und der fantastischen Wahrnehmung der Protagonistin. Genau hier überschreiten wir freudig gespannt alle Grenzen des Erzählens, und folgen bis zu den magischen Worten der Schattengestalt an seine plötzlich aufgetauchte Nachfahrin:

„Wir sîn gelîchen Bluotes.“

Die nicht sterben von Dana Grigorcea - Astrolibrium

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Wirkt das abgedreht? Zu unrealistisch? Zu skurril? Oh nein, ganz im Gegenteil. Hier impft uns die brillante Erzählerin ihr Serum mitten in die Blutbahn. Es betäubt den Wahrheitssinn, lässt uns wundervoll fantasieren und entwickelt Nebenwirkungen, die in der Literatur durchaus erwünscht sind, aber leider allzu selten vorkommen. Wir driften ins Reich der Zwischenwelt und genießen die Anspielungen der Autorin auf das Reale, das uns so sehr einengt. Warum nicht? Warum sollte nicht eine Legende auferstehen und richten, was man in der jüngsten Vergangenheit vermasselt hat? Und, wenn schon richten, dann richtig. Das Motto der Nacht lautet.: Pfählen…

„Ich bin ein ewig lebender Vampir vom Blut des Fürsten Dracula,
ich bin die ewige Rache der Gerechten.“

So schallt es durch die nächtliche „Walachei“. Doch Vorsicht: wo gepfählt wird, da fallen Späne. Dana Grigorcea scheut nicht davor zurück, uns zurückscheuen zu lassen. Sie erspart uns keine Details, wenn es darum geht, das martialische Ritual vor Augen zu führen. Es ist, als würde sie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Hier erreicht die Geschichte ein Level, das fernab aller literarischen Erzählformen liegt. In der Glorifizierung eines Blutsaugers als Rächer für jenen kommunistischen Blutsauger zeigen sich die ambivalenten Wechselwirkungen von Macht und Machtmissbrauch. In Wirklichkeit saugt jeder gerade seinem Nächsten das Blut aus. Die Machtverhältnisse verändern sich kaum. Der kleine Mann bleibt der kleine Mann. Hier malt die aus Paris zurückgekehrte Kunststudentin ein apokalyptisches Bild an die Wand und den Teufel gleich mit dazu.

Die nicht sterben von Dana Grigorcea - Astrolibrium

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

Das literarische Impfserum von Dana Grigorcea ist hochwirksam. Ich habe noch kein geeignetes Gegenmittel gefunden und spüre die Nachwirkungen deutlich. Ich bin immunisiert gegen oberflächliche, eindimensional angelegte Literatur. Ich suche nach mehr. Ich bin extrem süchtig nach guten Erzählungen, deren Deutungshoheit nicht in Händen der Autoren oder Autorinnen liegt. Dana Grigorcea hat mich in ihrem Roman von der kurzen Leine gelassen, sie hat mir einen Nachtflug über ihr Rumänien gewährt, das ich so nicht kannte. Meine gelachten Tränen halten sich mit den geweinten die Waage. Wenn ihr Roman auch höchsten literarischen Ansprüchen gerecht wird, wenn wir ihn auch als erzählerisches Meisterwerk empfinden, in besonderer Weise – denke ich – wird er der rumänischen Seele gerecht, die nach Erlösung schreit.

Hier geht es zu meiner Rumänien-Bibliothek. Von Iris Wolff bis zu Catalin Dorian Florescu… Ein erlesenes Land lädt zum Verweilen ein… 

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Die nicht sterben von Dana Grigorcea

PS: Die Widmung im Buch verrät, dass hier ein Autorenehepaar am literarischen Werk ist. Nicht uninteressant für mich, habe ich doch Perikles Monioudis und seinen wundervollen Roman „Frederick“ ausführlich vorgestellt.

Am Götterbaum von Hans Pleschinski [GlockenbachWelle]

GlockenbachWelle - Am Götterbaum von Hans Pleschinski - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Am Götterbaum von Hans Pleschinski

Herzlich willkommen zu einem besonderen literarischen Stapellauf. Nach langer und intensiver Vorbereitung laden wir euch ein, unserem neuen Interview-Format zu folgen. Wir? Das sind die Glockenbachbuchhandlung in München, Literatur Radio Hörbahn und meine Wenigkeit. Wir wollen gemeinsam neue Akzente setzen, einen Impuls geben und in einer Symbiose aus Buchhandel, Radio und Literaturblog auf interessante Bücher und ihre Schöpfer*Innen aufmerksam machen. Jetzt geht´s los…

Die GlockenbachWelle

Die Premiere – Eine Buchhändlerin, ein Blogger und ein Autor im Gespräch…

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung München
Die Runde: Petra Schulz (Buchhändlerin), Arndt Stroscher (Blogger) und Hans Pleschinski (Autor)

Unterstützt von Buchhändlern Pamela Scholz und Bloggerin Steffi Sack

Der Roman: Am Götterbaum von Hans Pleschinski – C.H. Beck Verlag

GlockenbachWelle - Am Götterbaum von Hans Pleschinski - AstroLibrium

GlockenbachWelle – Am Götterbaum von Hans Pleschinski

Es geht um einen Spaziergang durch München und den Versuch, den vergessenen deutschen Literaturnobelpreisträger Paul Heyse in besonderer Weise zu ehren. Ein Kulturzentrum, statt der wenig schmeichelhaften Paul-Heyse-Unterführung soll als Stätte der Erinnerung und der literarischen Begegnung entstehen. Eine Kontroverse, die nicht ohne Spuren bleibt, begleitet die Protagonistinnen bis zum Ziel des Ortstermins. Es sind die gegensätzlichen Positionen, die diesen flanierenden Literatursalon spannend und unterhaltsam zugleich machen. Hier treffen die fachfremde Stadträtin, die eifersüchtige Schriftstellerin und eine charismatische Bibliothekarin auf einen Experten, eine Villa am Königsplatz und auf Menschen, die München zum pulsierenden Herzstück des Romans machen.

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GlockenbachWelle – Am Götterbaum von Hans Pleschinski

Worauf Ihr Euch freuen dürft:

  • Einen Autor, der zugleich ein echter Ritter ist… (ungelogen)
  • Drei Bücher, die uns Hans Pleschinski ans Herz legt…
  • Einen unverhofften Ausflug nach Dresden…
  • Shortcuts – kurze Fragen – kurze Antworten…
  • Paul Heyse und warum man jetzt wieder über ihn spricht…
  • Beobachtungen am Rande des Weges…
  • Die Münchner Heimsuchungen…
  • Die Antwort auf eine nie zuvor gestellte Frage und
  • Die von Petra Schulz empfohlene Bücherkette zum Götterbaum

Hier geht´s zum ersten GlockenbachWelle-PodCast bei Literatur Radio Hörbahn.

GlockenbachWelle - Am Götterbaum von Hans Pleschinski - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Am Götterbaum von Hans Pleschinski

Zusatzinformationen:

Der Autor empfiehlt aus dem Sortiment der Glockenbachbuchhandlung:

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Petra Schulz empfiehlt für das Lesen nach dem Götterbaum:

Wir wünschen Euch: Gutes Hören. Reitet mit uns auf der GlockenbachWelle, und lasst Euch die nächste Welle im April nicht entgehen. Es geht um Anstand, Benehmen, Umgangsformen und mehr, was Im Dschungel des menschlichen Miteinanders so undurchfdringlich scheint. Brauchen wir einen neuen Knigge? Weitere Informationen findet Ihr auf unseren Social-Media-Kanälen unter dem Hashtag #GlockenbachWelle und auf den Projektseiten der Beteiligten… Guten Wellenritt im April: Henriette Kurth

Hier geht`s zu unseren Projektseiten:
Glockenbachbuchhandlung und AstroLibrium
sowie Literatur Radio Hörbahn

Spätestens jetzt solltet ihr den Ritt wagen: Der erste PodCast ist on Air

GlockenbachWelle - auch bei Literatur Radio Hörbahn - AstroLibrium

GlockenbachWelle – auch bei Literatur Radio Hörbahn