Funkenflug von Hauke Friederichs [August 1939]

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Funkenflug von Hauke Friederichs

In absolut seltenen Fällen sind diejenigen, die in die Glut pusten auch diejenigen, die anschließend im Feuer stehen. Eine Erkenntnis, die nicht nur zu den Ereignissen rund um die Entstehung des Zweiten Weltkriegs passt. Aber eben eine Erkenntnis, die hier besonders nachhaltig wirkt, wenn man sich das Tauziehen anschaut, das im Jahr 1939 die Welt in Atem hielt. Auf der einen Seite des Taus jene, die so fest daran zogen, um den Frieden zu retten. Auf der anderen Seite ein Diktator mit der ganzen Wucht des autokratischen Systems. Die Kräfteverhältnisse schienen dafür zu sprechen, dass man den Ausbruch eines Krieges vielleicht mit diplomatischen Mitteln verhindern könnte. Am Ende brannte die ganze Welt. Adolf Hitler hatte so intensiv in die Glut des schwelenden Feuers gepustet, dass es letztlich nicht mehr zu löschen war. Der „Funkenflug“ setzte alles in Brand. Und dies kaum mehr als 20 Jahre nach dem Ende jenes Weltenbrandes, der fortan „Der Erste“ genannt werden durfte…

„Funkenflug“. Was für ein passender Titel. Man fühlt sich vor der Glut eines Feuers sitzen und ahnt, was passiert, wenn man hineinbläst. So war es wohl im August 1939. Im Sommer, bevor der Krieg begann glimmt Europa leise vor sich hin. Und doch schürt man die Glut. Funkenflug von Hauke Friederichs geht den Ursachen für den Weltkrieg auf die Spur. Klingt, wie ein politisches Sachbuch. Klingt analytisch und angesichts der Thematik systematisch trocken, wie chronologische Spurensuchen eben so sind. Klingt nur so. Ist es nicht. „Funkenflug“ ähnelt eher einer Collage relevanter Tagebücher der letzten Momente vor dem Weltenbrand. Perspektivwechsel dominieren die Technik der Rekonstruktion der relevanten Ereignisse, die letztlich in einer Explosion gipfelten. Und die war geplant. Vorbestimmt. Nicht mehr zu verhindern, weil die Machthaber im Dritten Reich genau darauf hingearbeitet hatten. Krieg um jeden Preis.

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Im szenisch gelungenen Schnittwechsel zwischen wichtigen Protagonisten dieser Zeit blendet Hauke Friederichs das Wesentliche ein, verzichtet aber auch nicht auf die kleinen atmosphärischen Strömungen und Gefühlslagen der Beteiligten, was das Buch nur umso lebendiger werden lässt. Hier ist nicht nur Raum für kühle Taktiker und sehr berechnend vorgehende Diplomaten. Hier ist Raum für Verzweiflung, Hoffnung, Genie und Wahnsinn. Hauke Friederichs gelingt es, die Lesenden in den dynamischen Strudel des Jahres hineinzuziehen, das der kurzen Nachkriegszeit einen qualvollen Todesstoß versetzte. Europas Gräber wirkten noch frisch aufgeschüttet. Kriegsmüdigkeit sollte ein wirksames Gegenmittel gegen Kriegstreiberei sein, aber die Kapitulation Deutschlands am Ende des Ersten Weltkriegs, die damit verbundenen Reparationszahlungen und die Besetzung von Teilen des alten Kaiserreichs durch die Siegermächte, sorgten für einen ungesättigten Nährboden auf dem der Hass und die Großmachtfantasien der Nazis die wundersamsten Blüten trieben.

Hier zeigt Hauke Friederichs in eindrucksvoller Weise auf, wie es den Nazis gelang die Welt an der sprichwörtlichen Nase herumzuführen. Wenn Demokratien mit eigenen Waffen geschlagen werden, wenn Populisten mit Propaganda und der Gleichschaltung der Presse Fakenews zum Führungsmittel machen, wenn die Reihen fest geschlossen sind, dann ist der Krieg vorprogrammiert und nicht mehr zu verhindern. Dann geht eine Legende vom neuen Lebensraum im Osten auf, dann blühen die ideologischen Träume vom Herrenmenschen in der Psyche der Besiegten. Dann werden aus Ausgegrenzten Sündenböcke, die ein Regime braucht, um die Lunte zu zünden. Automatismen, die im Lauf der Weltgeschichte so oft ihre brutale Wirkung entfaltet haben. Eine Wiederholung schien ausgeschlossen. Das reden wir uns auch heute wieder ein. Dabei lassen wir es gerade zu, dass man in die erkaltete Asche alter Ideologien bläst. Und ob man es nun glaubt oder nicht, da sind noch ein paar Funken übrig, die sich wieder leicht entfachen lassen.

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Hauke Friederichs erzählt also nicht nur vom letzten Sommer vor dem Krieg. Ihm gelingt es, diese Epoche in unserem Unterbewusstsein in unsere Zeit zu spiegeln und dabei ein besonderes Augenmerk auf die beschworenen Automatismen zu legen. Hier verdeutlicht er, wie leicht Demokratien mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen sind. Hier wird auf dem diplomatischen Parkett ein Showtanz aufgeführt, der uns vor Augen führt, was es bedeutet, in existenziell bedrohlichen Situationen blauäugig, zögerlich und allzu vertrauensselig zu sein. Jeder hat den Wolf erkannt. Er musste sich nicht mal mit dem Schafsfell tarnen. Aufgerüstet, uniformiert, Klartext redend, fordernd, erpressend und in jeder Hinsicht gewalttätig passte Hitler zu keinem Zeitpunkt auf das Diplomatenparkett, das den Frieden bringen sollte.

Hauke Friederichs hat eine beachtliche Besetzungsliste für seine Dokumentation der damaligen Ereignisse zusammengestellt. Wir reisen mit Diplomaten durch das halbe Europa, erleben die Machthaber im kleinen Kreis, sehen die Welt aus verblendet wirkenden Augen und werden zu Angehörigen von Sondereinheiten, die vorbereitende und streng geheime Kriegsmaßnahmen ergreifen. Wir reisen nach Danzig und werden uns bewusst, wie intensiv sich die ganze Welt um diesen Zankapfel streitet. Hier leitet Hauke Friederichs aus der Vergangenheit in die Zeit vor dem Kriegsausbruch über und veranschaulicht die Sonderrolle dieser Stadt aus polnischer und deutscher Sicht. Hitler weiß gekonnt zu provozieren und zu instrumentalisieren. Da ändert auch das Who-is-Who der internationalen Diplomatie nichts an der Absicht des deutschen Diktators. Alle Wege führen in den Krieg. Allianzen werden zu Mausefallen.

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Wer dem „Funkenflug“ folgt, erlebt ein lebendiges Stück Geschichte. Geschichte, die aus der Perspektive von Menschen nähergebracht wird, die sich auf verschiedenen Seiten gegenüberstanden. Einig mehr, einige weniger schuldig an der Entwicklung und doch sind sie alle Teile eines Mosaiks, das den fatalen Titel trägt: „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen“ – Eine der größten Lügen der Weltgeschichte. Folgen wir Hauke Friederichs in seine brillante Aufarbeitung dieser Zeit. Lernen wir Brandstifter, Mitläufer, Beobachter, Provokateure, Agenten, Friedensengel, Idealisten, Widerständler, Politiker, Exilanten, Träumer und Wahnsinnige kennen. Sie haben viel zu erzählen:

Albert Einstein
Wilhelm Canaris
Winston Churchill
Birger Dahlerus
John Fitzgerald Kennedy
Hermann Göring
Reinhard Heydrich
Thomas Mann
Georg Elser
Robert Koch
Katia Mann
Unity Mitford
Adolf Hitler
Joachim von Ribbentrop
Sophie Scholl
William Shirer
Swetlana Iossifowna Stalina
Ernst von Weizsäcker und natürlich Günter Grass

Wer dem „Funkenflug“ folgt, erkennt, wie leicht entflammbar Danzig war. Wer das Danzig dieser Zeit betritt, der begegnet dem jungen Günter Grass, der den Angriff auf die Polnische Post nie vergaß. Sein Onkel gehörte zu den Opfern dieses abgekarteten Spiels. Grass schreibt darüber. In der Danziger Trilogie, in der Blechtrommel. Er hat Danzig im Blut gehabt. Ewig. Es sind solche Verbindungen, die mir den „Funkenflug“ nachhaltig in Erinnerung halten. Es ist Unitiy Miford, über die ich bereits schrieb. Eine englische Adelige, die Hitler verfallen war und ein Bündnis zwischen ihrem Heimatland und dem Deutschen Reich herbeisehnte. Am Ende des Sehnens gab sie sich die Kugel und wurde zum Synonym für braune Verblendung. 

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Funkenflug von Hauke Friederichs

Am Ende des Lesens bleiben Gedanken zur heutigen Zeit, die mich beschäftigen. Wie könnte man Vergleichbares heute verhindern? Vertrauen wir den richtigen Playern im globalen Mit- und Gegeneinander? Könnte heute eine einzige Twitter-Meldung einen Krieg auslösen? Wer profitiert und wer wird zum Opfer? Wer bläst heute in die Glut und wer versucht, die langsam züngelnden Flammen auszutreten? Was lässt sich heute mit Fakenews bewirken? Kann man verhindern, dass sich Geschichte wiederholt? Kennen wir die Rollenspieler von heute von ihrer wahren Seite? Der „Funkenflug“ mag für viele Lesende ein lebendiges Geschichtsbuch sein. Für mich ist Hauke Friederichs Werk ein deutlicher Fingerzeig auf das Hier und Jetzt. Fast schon ein Appell an die Wachsamkeit einer sich im Tiefschlaf befindenden Gesellschaft, die zu blind ist, um Funken zu sehen, die bereits heute wieder zündeln…

Ein alternativloses Buch zur deutschen Geschichte. Ein Rückspiegel, der es heute ermöglichen sollte, nicht wieder rechts abzubiegen. Lasst uns mit solchen Büchern im Gepäck in eine gemeinsame und friedliche Zukunft fahren….

Bald geht es weiter mit den wahren Funkenbläsern… „Sturmabteilung“…

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Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt - Astrolibrium

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Man könnte es für eine wildromantische Ausgangssituation eines guten Romans halten. Die Frau, die nicht alterte“. Allein der Titel lässt so manche Leserin vor Neid erblassen und Männerherzen höherschlagen. Klingt das nicht wie ein Traum? Alterslos zu sein in einer Gesellschaft, die dem Jugendwahn unterliegt? Klingt es nicht grandios, mit einer Frau zusammen zu sein, die die ewige Jugend für sich gepachtet hat? Ist das nicht die Erfüllung aller Träume, die sich hier in einem Romantitel manifestiert? Könnte sein. Wenn dieses Buch nicht ausgerechnet von Grégoire Delacourt verfasst worden wäre. Jenem französischen Schriftsteller, der aus vermeintlich verlockenden Positionen heraus Parabeln entstehen ließ, die eher nachdenklich als euphorisch stimmten.

Wer hätte nicht gerne den „Dichter der Familie“ in seinen Reihen gewusst? Auch das klang oberflächlich betrachtet eher wie ein wundervolles Prädikat. Was sich jedoch hinter den Kulissen über dem ewigen Schreibtalent zusammenbraute, taugte eher zum Albtraum, als zur hoffnungsvollen Prognose. Positiv und Negativ einer Fotografie liegen bei Grégoire Delacourt immer nah beieinander. Man muss beide Seiten betrachten, um sich ein ganz eigenes Bild machen zu können. Ich war also gewarnt, bevor ich mich mit einer Frau verabredete, die augenscheinlich nicht älter werden wollte. Gefreut habe ich mich natürlich trotzdem auf sie, denn unter uns: Wann hat man das schon mal?

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Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Was geht dem geneigten Leser zuerst durch den Kopf, wenn er einen solchen Titel liest? Natürlich erinnert man sich an so manche Geschichte über die Unsterblichen und ewig jung Gebliebenen aus dem eigenen Lesen. Und hier begegnen sie uns oft. Ob es „Der 1000-jährige Junge“ von Ross Welford ist, der unter der Tatsache leidet, dass er einfach nicht älter wird. Oder ob wir an Matt Haig denken, den die Frage „Wie man die Zeit anhält“ dazu veranlasste, seinen nur ganz langsam alternden Protagonisten durch die Weltgeschichte mäandern zu lassen. Und neben der Literatur bleiben ja auch noch gute Filme, in denen das Thema immer wieder auftaucht. Von „Benjamin Button“ oder den unsterblich jugendlichen Vampiren der Biss-Saga nicht zu reden. Und immer noch klingt uns der Song „Who wants to live forever“ aus dem Film-Epos „Highlander“ im Ohr, wenn wir daran denken, wie der ewig jugendliche Held seine alternde Geliebte auf der Strecke bleiben sieht. Hach. Tragisch.

Delacourt betritt also kein literarisches Neuland! Und doch gibt es zahlreiche gute Gründe, seinen neuesten Roman „Die Frau, die nicht alterte“ zu lesen. Er betritt hier keine ausgetretenen Pfade, bedient keine bekannten Klischees und erzählt nichts, was uns aus anderen Geschichten bekannt vorkommen könnte. Er gestaltet den Plot, der in sich schlüssig und geschlossen ist. Er spielt mit dem Thema „ewige Jugend“, ohne es mit dem Stigma der Unsterblichkeit zu belasten. Die Frau in seinem Roman verharrt ab dem ungefähr 30. Lebensjahr in dem äußerlich attraktiven Zustand, während der Rest ihres Körpers innerlich dem normalen Alterungsprozess unterliegt. Klingt verzwickt, ist aber in der Konstruktion des Romans so plausibel hergeleitet, dass man geneigt ist, ihn als authentisch zu akzeptieren. Ja, gute Schriftsteller schaffen das.

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt - Astrolibrium

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Er stellt uns seine Protagonistin in aller Ausführlichkeit vor. Wir begleiten Betty in wohlstrukturierten Kapiteln durch die ersten 30 Lebensjahre. Erleben an ihrer Seite die Kindheit aus ihren Augen, verlieren an ihrer Seite früh die geliebte Mutter, sehen sie mit dem traumatisierten und kriegsbehinderten Vater aufwachsen. Sie vertraut uns geheim gehaltene Träume über ihre Zukunft an. Wir erleben ihre Hochzeit, werden mit ihr und ihrem Mann zu glücklichen Eltern und haben das Gefühl, alles könnte so bleiben. Es ist ein allzu perfektes Leben, das auch festgehalten wird. Eine Fotoserie von Betty soll uns und ihren Liebsten zeigen, wie sie sich verändert. Jedes Jahr ein Foto. Gute Tradition.

Bis sich die Bilder nicht mehr verändern. Bis sie ab dem 30. Lebensjahr immer eine Betty zeigen, die zeitlos schön ist. Kein Fältchen, kein Makel, nichts. Hier dreht sich der Roman in eine Richtung, die uns fesselt, weil wir jeden Gedanken von Betty im Voraus zu kennen scheinen. Wir kennen sie ja von Kindesbeinen an. Stolz schwingt mit. Jung auszusehen, was für ein Traum. Doch mit zunehmendem Alter und gleichbleibendem Äußeren zieht sie nicht nur bewundernde Blicke auf sich. Neid, Missgunst und Zweifel werden zu ihren Wegbegleitern. Delacourt schöpft hier aus dem Vollen seiner Fantasie und konfrontiert seine jugendliche Heldin mit allen denkbaren Konflikten, die aus dieser Situation entstehen können.

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt - Astrolibrium

Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Wie fühlt sich eine Mutter, deren Sohn bald älter wirkt als sie selbst? Wie geht ihr Mann mit ihr um, als sie sich äußerlich immer weiter von ihm entfernt? Wie reagiert ihr Umfeld im Beruf und im Freundeskreis? Und was macht das alles mit Betty selbst? Im Kontext dieser Probleme widmet sich Delacourt der zentralen Frage seines Romans, in der es darum geht, was Alter wirklich wert ist. Er nimmt uns die Angst vor Falten, zieht uns auf seine Seite und erzählt eine Geschichte, die wehmütig beklagt, dass zwei sich Liebende nicht gemeinsam (zumindest optisch) altern. Es schmerzt, Betty zu folgen, zu wissen, dass auch sie innerlich verfällt und sie doch mit ihrem Äußeren nicht Schritt zu halten vermag.

Grégoire Delacourt schrieb einen liebenswerten Roman über einen gemeinsamen Traum vieler Ehepaare. Er schreibt gegen den Jugendwahn und Schönheitschirurgie und verdeutlicht, dass man sich zu seinem Alter bekennen sollte. Nur hilft all das nicht unserer Protagonistin, die zusehends vereinsamt. Sie droht in Schönheit zu versinken und in Zeitlosigkeit unterzugehen. Delacourt jedoch schreibt seine Romane nicht ohne Ziel und Ausweg. Er kennt einen Ausweg für Betty. Allein dafür lohnt es sich „Die Frau, die nicht alterte“ kennenzulernen. Ein feinfühlig erzählter, sprachlich feiner Roman, in dem sich Mann oder Frau gleichermaßen wiederfinden.

Keine Sorge. Der Blick in den Spiegel wird durch diese Geschichte nicht getrübt. Ganz im Gegenteil!

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Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Die Frau, die nicht alterte“ von Grégoire Delacourt / Atlantik Verlag / 176 Seiten / aus dem Französischen von Katrin Segerer / 20 Euro

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Die Frau, die nicht alterte von Grégoire Delacourt

Fuchs 8 von George Saunders

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Fuchs 8 von George Saunders

Könnt Ihr Euch noch daran erinnern, dass ich die kleine literarische Sternwarte zum geschützten Fuchsbau erklärt habe? In dieses Biotop habe ich Leser eingeladen, mit all ihren Instinkten und Gefühlen einen kleinen Fuchs kennenzulernen, der mein Lesen nachhaltig verändert hat. Könnt Ihr Euch noch an ihn erinnern? „Mein Freund Pax“ von Sara Pennypacker ist die Geschichte einer Freundschaft zwischen Mensch und Fuchs, bei der die Perspektive des Fuchses einen tiefen Einblick in die Denk- und Gefühlswelt eines Raubtiers gewährt, dem wir Denken und Fühlen eigentlich absprechen. Ein mehr als beeindruckendes Buch für Erwachsene und Kinder. Viel mehr als nur eine Fabel.

Kein Wunder also, dass ich mich extrem darüber freute, als „Fuchs 8“ in meinem Fuchsbau auftauchte. Die Fuchssicht auf die Welt war mir also nicht unbekannt, was mich jedoch in der Kurzgeschichte von George Saunders erwartete, war völlig neu für mich. Er spricht. Der Fuchs. Es macht nicht den Eindruck, der Autor würde uns etwas erzählen. Nein. Ganz im Gegenteil. Er scheint hier nur Mittler zu sein. Kaum zu spüren. Nicht präsent. Weit im Hintergrund. Fuchs 8 erzählt seine eigene Geschichte, nachdem er den Menschen außerhalb des Waldes sehr lange zugehört und ihre Sprache gelernt hat. Neugier und Wissensdurst sind seine Antriebsfedern. So versteckt er sich und hört den Eltern dabei zu, wie sie ihren Kindern Gutenachtgeschichten erzählen.

Fuchs 8 von George Saunders - AstroLibrium

Fuchs 8 von George Saunders

George Saunders ist für das Besondere bekannt. In seinem Weltbestseller „Lincoln im Bardo“ lässt er ganze Legionen von Geistern auf einem Friedhof in Washington zur Sprache kommen. Sie trauern dem Leben und vertanen Chancen hinterher, versuchen den um seinen Sohn trauernden Abraham Lincoln zu trösten und sind bewegt von dem gramgebeugten Präsidenten, der sich nicht scheut, seinen toten Sohn im Arm zu halten und um ihn zu weinen. Perspektivwechsel sind die Sache von George Saunders. Es ist sein Metier, diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die wir niemals hören würden. Und das auf ihre eigene unverfälschte Art und Weise. So auch Fuchs 8. 

Ist schon verständlich, dass er grammatikalisch und orthografisch nicht mit den Menschen, die er beobachtet hat, mithalten kann. Aber er bemüht sich und so liest sich das Buch, als hätte man die Erstklässler-Geschichte eines Nachwuchsautors vor Augen. Es erinnert an Lautschrift. Es ist sympathisch, unverfälscht und wirkt plausibel, weil ja ein Fuchs (und Fuchs 8 ist ein verdammt schlauer Fuchs) nicht alles kann. Hier packt die Geschichte schon auf Seite eins. Hier zieht uns der Fuchs mit aller Macht in sein Rudel hinein, um uns etwas Wichtiges mitzuteilen. Wie sich das anhört? Was man lesend vor Augen hat? Ein Beispiel:

„Liebe Leserinen und Leser: Zuers möchte ich sagen, Entschuldigung für alle Wörter di ich falsch schreibe. Weil ich bin ein Fuks!

Und schreibe oder buchstabire deshalb nich perfekk. Aber jezz kommt wi ich gelernt hab so gut zu schreiben und buchstabiren wi ich es tue. Eines Tages, wi ich an ein von oiern Mänschenhoisern und alles was spannend is mit der Schnauze schnüffel hör ich von drinn ein ser komisches Geroisch…“

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Fuchs 8 von George Saunders

Schon auf der ersten Seite wird klar, womit wir es zu tun haben. Wir sind als Leser und Leserinnen angesprochen, was verdeutlicht, was unser Fuchs 8 hier wirklich leistet Er spricht nicht nur unsere Sprache. Er schreibt. Er schreibt uns und wenn wir glauben, dass es möglich ist, Zeilen aus der Pfote eines Fuchses lesen zu dürfen, dann gibt es kein Entrinnen mehr. Hier entfaltet George Saunders ein ökologisches Szenario, in dem wir eigentlich die Hauptrolle spielen. Ja, wir wirken freundlich und nett. Ja, wir gehen im Großen und Ganzen liebevoll mit unseren Kindern um und ja, man könnte Vertrauen zu uns fassen. Wäre da nicht das neue Einkaufszentrum, das sich in den Fuchswald frisst und den Lebensraum des Rudels gefährdet.

George Saunders erzählt die Geschichte eines Lebewesens mit einer besonderen Begabung. Ein Querdenker, von Neugier getriebener und auf das Gemeinwohl seines Rudels bedachter Fuchs. Als ihm bei seinem Freund Fuchs 7 das Menschenwort „wow“ rausrutscht, wird dem Rudel klar, dass Fuchs 8 den Fortbestand der Art retten kann. Er muss nur mit den Menschen reden. Sie überzeugen und ihnen ihre Not erklären. Es ist der Hunger, der Fuchs 8 einen Plan in die Tat umsetzen lässt. Ich war fuchsteufelswild, als ich seine Worte las. Ich war zornig, traurig, entsetzt und doch hält uns jene Parabel nur den Spiegel vor. Man sollte sich auf Augenhöhe mit den Füchsen begeben, um nur ein klein wenig zu verstehen, was wir anrichten. Nicht nur auf den kleinen Fuchsbau bezogen.

Fuchs 8 von George Saunders - AstroLibrium

Fuchs 8 von George Saunders

Eine lehrreiche und relevante Geschichte in Kleinformat. Auch wenn sie kindlich daherkommt, ist sie zum Vorlesen für Kinder nicht geeignet. Zu heftig, zu brutal ist die Realität, wenn Fuchs und Mensch aufeinandertreffen. Saunders schreibt auch aus der Sicht seines Fuchses nicht verharmlosend oder geschönt. Natur trifft auf Mensch. Was ist daran zu beschönigen? Lest die Geschichte des Fuchses und findet heraus, warum er uns schreibt. Ihr werdet schnell vergessen, dass ein Autor dahintersteckt. Ihr werdet es nach wenigen Seiten vergessen haben. Bereitet Euch aber darauf vor, dass Ihr am Ende der Geschichte nicht regungslos vor einem harmlosen Büchlein sitzen werdet!

Ich war neugierig auf das Original „FOX 8“. Ich musste beide Fassungen unbedingt miteinander vergleichen. Ich musste Saunders unübersetzt lesen, um der Übersetzung gerecht zu werden. Was soll ich sagen? Frank Heibert hat hier nicht nur eine Fassung für deutschsprachige Leser erzeugt. Er hat nicht nur übersetzt. Er hat ein eigenständig nachhaltiges Werk geschaffen, dass die Saunder´sche Sprachmelodie aufnimmt, dem kleinen Fuchs eine authentische deutsche Stimme verleiht und uns zu Tränen rührt. Es wird deutlich, wenn ich das oben aufgeführte Zitat hier im Original niederschreibe. Hier wird deutlich, was Übersetzung heute bedeutet… Chapeau

Fuchs 8 von George Saunders - AstroLibrium

Fuchs 8 von George Saunders

„Deer Reeder: First may I say, sorry for any werds I spel rong. Because I am a fox!

So don`t rite or spel perfect. But here is how I lerned to rite and spel as gud as I do. One day, walking neer one of your Yuman houses, smelling all the interest with snout, I herd, from inside, the most amazing sound…“

Fuchs 8 und Pax leben nun zusammen in meinem Bücherregal. Sie verbindet sehr viel in meinem Lesen. Pax ist wirklich für Kinder geeignet und öffnet das Herz für einen kleinen einsamen Fuchs auf der Suche nach seinem Freund. Beide Füchse haben sehr schwer zu kämpfen in ihren Geschichten. Gut, dass sie in meinem Buchschutzgebiet eine Heimat gefunden haben. Als BuchhändlerIn würde ich beide Bücher gemeinsam in gute Kundenhände abgeben. Jeder sollte einen Fuchsbau im Bücherregal haben.

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Fuchs 8 von George Saunders

Fuchs 8“ von George Saunders / Luchterhand Verlag / 50 Seiten / 26 Illustrationen von Chelsea Cardinal / aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert / 12 Euro

Ich bin Circe von Madeline Miller

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Ich bin Circe von Madeline Miller

Ich war nie ein großer Freund der griechischen Mythologie. Und doch ließ ich mich im letzten Jahr dazu verführen, der „Odyssee“ von Homer meine Aufmerksamkeit zu schenken. Nie hätte ich gedacht, dass ich so tief eintauchen würde. Mir war schon klar, dass Homer einen großen Einfluss auf die Literatur unserer Zeit hat, dass mir aber mit seinem Epos gleich mehrere Bücher in die Hand fallen würden, die auf ihn verweisen, hat mich dann doch mehr als überrascht. „Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“ von Daniel Mendelsohn traf mich dabei nicht überraschend. Ebenso wenig wie die von allen Göttern befreite Troja-Adaption von Alessandro Baricco. „Also sprach Achill“ musste zwangsläufig auf Homers Ilias und die folgende Odyssee verweisen.

Dass ich jedoch auch im neuen Roman von Markus ZusakNichts weniger als ein WunderSpurenelemente des großen Homer finden würde, konnte kein Zufall mehr sein. Die Erkenntnis traf mich wie ein literarischer Blitz. Bücher haben Schicksale und Leser werden zu ihren schicksalhaften Begleitern. Seitdem verstehe ich die „Odyssee“ als komplexe Vater-Sohn-Geschichte, die als Urmutter aller Entwicklungsromane dient. In ihr sind alle Konflikte verwoben, eingebettet und verborgen, die (Götter hin oder her) den Urknall des Beziehungs-Sprengstoffes in sich tragen. Odysseus und Telemachos sind die literarischen Prototypen für ein ewiges Versteckspiel, das sich in der Literatur tausendfach wiederholt hat. Dem heldenhaften Vorbild nacheifern, an seiner Strahlkraft verzweifeln, die eigene Rolle im Leben suchen, auf Anerkennung und Respekt hoffen. Alles Parameter, die heute noch für Telemachos im Schatten eines Übervaters stehen.

Ich bin Circe von Madeline Miller _ Astrolibrium

Ich bin Circe von Madeline Miller

Und doch fehlte mir etwas. Abseits der Heldenverehrung des Odysseus, jenseits der Wege, die ihn nach dem Trojanischen Krieg auf Umwegen zurück nach Ithaka führten. Ich war auf der Suche nach einer Perspektive, die ihn mir zugänglicher machen würde. Mich interessierte nicht mehr der Trojanische Krieg und auch die Stationen der Irrfahrt bis nach Ithaka waren mir vertraut. Mir fehlte ein Mosaikstein, eine tiefere Spur, die mir den Menschen hinter den Legenden näherbringen konnte. Als ich den Roman „Ich bin Circe“ von Madeline Miller entdeckte, hatte ich die Hoffnung, dieses Steinchen bei ihr zu finden. Und bei Zeus, ich wurde nicht enttäuscht. Ich entschied mich für das Hören. Ich wollte mich im wahrsten Sinne des Wortes „becircen“ lassen.

Hier hatte Odysseus auf seiner Heimreise Halt gemacht. Bei ihr verlor er sich. Hier blieb er wesentlich länger, als es seinen Gefolgsleuten nach dem langen Trojanischen Krieg lieb sein konnte. Hier wurden seine Soldaten von der gottgleichen Hexe Circe in Schweine verwandelt. Hier zweigt die Mythologie in unterschiedliche Verästelungen ab und es entstehen Geschichten, die einen anderen Odysseus erahnen lassen. Aiaia, die Insel der Circe mutiert zum schicksalhaften Sehnsuchtsort, von dem es kein Entrinnen gibt. Und wenn man es schafft, bleibt man lebenslang gezeichnet. Ich ging mit großen Erwartungen auf die Reise. Ich wollte so viel wie möglich erfahren, ohne in die Untiefen der fast undurchschaubaren Mythologie einzutauchen. Bei Zeus, ich fand, wonach ich suchte.

Ich bin Circe von Madeline Miller _ Astrolibrium

Ich bin Circe von Madeline Miller

Frei nach dem Motto „Götter sind auch nur Menschen“ entführte mich Madeline Miller in eine Welt, die von Eifersucht, Neid und Missgunst geprägt ist. Ich werde mit Haut und Haaren vom Ränkespiel der Götter aufgesaugt. Ich bin ein Mensch und sehe mich als Marionette in einem göttlichen Wettstreit, in Konflikte verwickelt, die das Mädchen Circe an den Rand der göttlichen Gesellschaft katapultieren. Verbannung als Strafe. Einsamkeit als Therapie und Entsagung von allem Vergnügen sieht ihr Vater für sie vor. Aiaia. Die einsame Insel wird zum Gefängnis einer verwöhnten Göttertochter. Madeline Miller erzählt rasant, modern und spannend. Sie nimmt uns mit in ihre Welt der Götter, die sie wie Götterspeise für ihre Leser und Hörer zubereitet.

Die aufmüpfige Tochter, der Sonnengott-Vater und die Streitereien um die Gunst des Gottvaters Zeus. Alles Gründe für ihre Verbannung. Auf sich und ihre Fähigkeiten gestellt, gelingt es Circe, sich mit der Verbannung zu arrangieren. Eine starke Frau, die sich ihrer Haut erwehren muss. Ihre Gabe, pflanzliche Tränke zu brauen, die Zauber in sich tragen, rettet sie. Männer, die sie vergewaltigen wollen, werden zu Schweinen. Sie ist alles, nur kein Opfer. Die Autorin füllt eine mystifizierte Person mit Leben. Sie zeigt Circe als manipulative, verletzte und ewig suchende Göttin, die uns menschlicher und nahbarer erscheint, als in der Urfassung der Epen. Die Aura der Göttin wird immer und immer wieder von außen durchstoßen. Der äußere Schein trügt. Tief im Herzen ist sie eine Frau, in die man sich verlieben kann.

Ich bin Circe von Madeline Miller _ Astrolibrium

Ich bin Circe von Madeline Miller

Als Odysseus die Insel Aiaia betritt, schwingt sich die Erzählung zu einer greifbaren Romanze in die höchsten Höhen einer schicksalhaften Liebesgeschichte hinauf. Hier erlebe ich den Odysseus hinter den Kulissen. Hier wird er zu dem Charakter, der sich bisher in den Legenden gut verbergen konnte. Er wird zum Vater von Telegonos, dem Sohn, den Circe zur Welt bringt, als Odysseus auf dem Heimweg zu seiner Familie ist. Aus der verlassenen Göttin wird der Prototyp einer Rasenmähermutter. Alle Konflikte, die ihrem Sohn drohen, werden von ihr weggezaubert. Nichts überlässt sie dem Zufall. Als Telegonos sich jedoch auf die Suche nach seinem Vater macht, ist auch Circe am Ende ihrer Kunst angelangt.

Madeline Miller lässt die Geschichte mehrfach eskalieren. Die einsame Insel Aiaia mutiert zum Hotspot für Götterreisen. Hier findet ein Stelldichein des Who-Is-Who der Götter statt. Man reibt sich erstaunt die Augen, wer hier anlandet. Als jedoch Penelope, die Frau von Odysseus mit Telemachos und Telegonos auftaucht, wird aus dem Epos ein gewaltiges und dramatisches Szenario der Götterdämmerung. Alle Elemente einer guten Story finden hier zusammen und wir erkennen viele Muster wieder, die später im Herzen der Literatur eine wichtige Rolle spielen. Wie verhält man sich, wenn man sich als Unsterbliche in einen Sterblichen verliebt? Hier grüßen Circe und Telemachos den Rest der Bücherwelt. Kommt uns das nicht bekannt vor? Aragorn und Arwen. Beren und Lúthien. Tolkien konnte nicht widerstehen und so mancher Vampirroman nimmt dieses Muster auf. Nicht zu sprechen vom Highlander, an dessen Seite man sich mit dem Song „Who wants to live forever?“ über Wasser halten musste.

Ich bin Circe von Madeline Miller _ Astrolibrium

Ich bin Circe von Madeline Miller

Auch meine Entscheidung für die Hörbuchfassung war goldrichtig. Ich hätte mich lesend nicht so leicht in Circe hineinversetzen können. Aber ihr zuzuhören, ja, das war ein Erlebnis. Ann Vielhaben hat mich gute 12 Stunden lang in der gekürzten Lesung becirct und betört. Sie hat gezetert und gebrüllt, mir gottgleiche Befehle erteilt und mich verzaubert. Sie hat jede einzelne Facette des widersprüchlichen Charakters mit Leben gefüllt und lautstark, leise, verhalten oder vehement dafür gesorgt, dass man Circe vor sich sehen kann. Diese Stimme kann zickig, verliebt, herrisch und verletzt sein. Sie hat alle Stimmfarben um mit Fug und Recht sagen zu können „Ich bin Circe“. Und doch ist eine kleine Kritik erlaubt. Manchmal werden Worte am Ende eines Satzes ausgehaucht, und verschwinden unbetont im Nichts. Es gab Passagen, die ich erneut hören musste, um das Ende zu verstehen. Hier kommt es auf die Hörsituation an. Zuhause eher kein Problem. Unterwegs schon eher. Das jedoch ist Jammern auf hohem Niveau. Aktives Hören ist eben mit einer ruhigen Umgebung verbunden.

Am göttlichen Hörgenuss ändert das nichts. Besonders das Ende des Hörbuchs ist unvergleichlich gut erzählt. Gänsehaut.

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Ich bin Circe von Madeline Miller

Der von den Löwen träumte von Hanns-Josef Ortheil

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil – AstroLibrium

Er ist sicher einer der leisesten Autoren unseres Landes. Ein Mensch, der es nicht unbedingt liebt, im Mittelpunkt des medialen Interesses zu stehen. Ein Schriftsteller, der sich scheut, Bäder in den Menschenmassen zu nehmen und einer, der sich nicht gerne durch die Bücherwelt herumreichen lässt. Gerade das zeichnet ihn aus, weil er nur sein Schreiben in den Vordergrund stellt. Und genau das entspricht ihm. Es ist feinfühlig und empathisch. Es ist ein Schreiben der leisen Töne, die er jedoch so komponiert, dass es in Kompositionen mündet, die in ihrer Bildhaftigkeit unverwechselbar sind. Die Rede ist von Hanns-Josef Ortheil. Er zieht sich oft an Schauplätze seiner Romane zurück, lebt in der Atmosphäre der zu erzählenden Geschichte und lässt sich intuitiv vom Schreiben überraschen. Das Ergebnis ist für ihn selbst und seine Leser ein kleines Wunder.

So auch diesmal. „Der von den Löwen träumteist das wohl ungewöhnlichste Buch aus seiner Feder, weil der feinfühlige und bescheidene Schriftsteller sich hier mit einem Kollegen auseinandersetzt, der genau dem Gegenteil dessen entspricht, wie Ortheil im literarischen Kosmos wahrgenommen wird. Es geht um einen wahren Egozentriker, der literarisch absolut unübersehbar ist. Einen Schriftsteller, der sich beharrlich selbst in die gefährlichsten Krisenherde versetzte, um an diesen Extremsituationen zu wachsen. Ein Mann, der den Krieg suchte, sich in Stierkampfarenen stürzte und seine Ehefrauen mit zahlreichen Affären um den Verstand brachte, um in neue literarische Höhen vorstoßen zu können. Ernest Hemingway.

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Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil schreibt über Ernest Hemingway. Leisetreter trifft Lautsprecher könnte man schablonenhaft sagen. Für Ortheil jedoch lag wohl gerade hier der Reiz, in diesem Aufeinanderprallen so unterschiedlicher Charaktere eine Gemeinsamkeit in den Vordergrund zu stellen. Das Schreiben. Die Literatur. Die Gabe, Menschen mit Worten begeistern zu können. Dabei lohnt der Blick hinter die Kulissen, wenn der Vorhang zur Bühne noch geschlossen ist. Ein kleiner Blick, der doch aufschlussreich sein kann. So zog sich Hanns-Josef Ortheil auf eine Insel zurück. Torcello in der Laguna Morta, der nördliche Teil der Lagune von Venedig wurde zum Refugium seines Schreibens. Dort hatte Hemingway 1948 / 1949 in einer kleinen Pension zwei Zimmer gemietet, um sich und sein Schreiben wiederzufinden.

Was für ein perfektes Ambiente für einen Roman über jenen Mann, „Der von den Löwen träumte“. Die Zimmer sehen noch heute so aus, als würde Hemingway gleich zurückkehren. Sie verströmen einen Hauch seiner Präsenz. Genau hier schrieb Hanns-Josel Ortheil sein Buch über den Venedig-Aufenthalt Ernest Hemingways. Eine Phase, in der er sein Schreiben verloren hatte. Schreibblockade. Unsicherheit, worüber noch zu schreiben sein könnte, und wie es ihm wieder gelingen könnte. Nach zwei Kriegen, die er an vorderster Front erlebte, schien es nun an Extremsituationen zu mangeln. Er war in Begleitung seiner vierten Ehefrau Mary Welsh Hemingway und auch hier hatte der gute Ernest wohl sein Pulver verschossen, durch weitere Eskapaden für Eifersucht zu sorgen. Stillstand.

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Hier. Genau hier lässt sich Hanns-Josef Ortheil fallen. In der Abgeschiedenheit der kleinen Insel, im authentischen Ambiente des ehemaligen Biotops seines Protagonisten und mit freiem Blick auf die Lagune. Hier entsteht ein Buch, das Hemingway von vielen Seiten zeigt, die sich mir so noch nicht erschlossen haben. Wie eine Urgewalt bricht er mit kleiner Entourage über Venedig her. Äußerlich ungebrochen, weltmännisch und der ganz große prominente Autor. Innerlich verzweifelt auf der Suche nach Inspiration und dem Funken, der alles wieder in Gang setzen würde. Seine Ankunft spricht sich rum. In aller Munde ist die Kunde vom Weltstar in der Lagunenstadt. Schnell umgibt er sich mit Menschen, die ihm behilflich sein sollen. Ein kleiner lokaler Journalist und dessen Sohn Paolo öffnen ihm die Tore zu den kleinen und großen Geschichten von Venedig.

Ortheil beschreibt die widersprüchlichen Facetten eines Charakters, der einerseits nach Aufmerksamkeit heischt und andererseits auf der Suche nach Anonymität ist. Ein Widerstreit, der niemals spurlos an Hemingway vorüberging. Ortheil gelingt mit seinem Roman nicht nur, das gesamte Werk Hemingways im Kontext mit Venedig einzuordnen. Er schließt Lücken in der Darstellung eines Schriftstellers, der in seiner Außenwirkung extrem polarisierte. Venedig ist das Niemandsland zwischen den Schaffensphasen des Genies. Ein Territorium nach erstem Weltruhm, nach drei gescheiterten Ehen und noch deutlich vor der Verleihung des Literaturnobelpreises. Hier erleben wir Hemingway pur und greifbarer, als in so mancher Biografie.

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Hanns-Josef Ortheil erweist sich als großer Verführer. Diese Hommage an Ernest Hemingway verleitet dazu, in den Kanon seiner Bücher einzutauchen. Und Ortheil gibt den Weg vor, den man beschreiten kann, um sich die Meta-Ebene seines Romans zu erschließen. Warum kam Hemingway nach Venedig? Man lese einfach seinen Roman über den Ersten Weltkrieg „In einem anderen Land“. Welches Buch entstand während seines Aufenthaltes am Ende der 1940er Jahre? Man lese den Venedig-Roman „Über den Fluss und in die Wälder“. Was ihn zum wahren Meisterwerk „Der alte Mann und das Meer“ inspirierte, erfährt man jedoch besser als in jeder Biografie von Hanns-Josef Ortheil im Roman „Der von den Löwen träumte“.

Ein Roman, der eine Zeit beschreibt, in der die Lebensgeister Hemingways neuen Aufschwung erhielten. Gespräche mit einem jungen Fischer, die eine Idee reifen und Gestalt annehmen ließen, die Hemingway zur Legende machte. Eine platonische oder eben gar nicht platonische Affäre mit der blutjungen Venezianerin Adriana Ivancic, mit der er literarisch „Über den Fluss und in die Wälder“ zog. Sie ist seine „Renata“. Eine Affäre, die seine Ehe belastete und die Weltpresse in Atem hielt. Und dann sind es die leisen Momente auf der Suche nach dem eigenen Schreiben, die Hemingway inmitten der größten Schreibblockade seines Lebens so nahbar machen. Ortheil gelingt eine im großen Ganzen und im Detail extrem atmosphärische Charakterstudie, die zugleich die Liebeserklärung Hemingways an die Lagunenstadt widerspiegelt.

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Ich habe mir oft vorgestellt, wie es wohl wäre, beide Schriftsteller an einem Tisch in Harry`s Bar erleben zu können. Ich denke, sie hätten sich viel zu erzählen. Wobei doch die Gefahr bestünde, dass Hemingway in einem seiner endlosen Monologe über sich und die Welt dozieren würde, während Hanns-Josef Ortheil still und leise genießen und beobachten würde. Und wahrscheinlich würde Hemingway den guten Ortheil unter den Tisch trinken. Aber das ist nur eine Vermutung. Lesenswert. Nicht nur für Fans von Ernest Hemingway, sondern eben auch für diejenigen, die der feinen Feder Ortheils treu ergeben sind.

Mehr zu Ernest Hemingway findet man hier. Die kleine literarische Sternwarte ist ein Ort, an dem sich sein Schreiben vielfältig verankert hat.

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