Spitzenreiterinnen von Jovana Reisinger

Spitzenreiterinnen - Jovana Reisinger - Astrolibrium

Spitzenreiterinnen – Jovana Reisinger

Spitzenreiterinnen von Jovana Reisinger – Verbrecher Verlag, ist in der Kategorie Belletristik für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert. Die Rezension ist Teil meiner Auseinandersetzung mit allen zur Wahl stehenden Büchern, da ich die Preisverleihung auch in diesem Jahr als Literaturblogger offiziell begleiten darf. Auf meiner Projektseite findet man alle Hintergründe zum #baybuch, die nominierten Werke und Rezensionen der drei Buchpreisblogger:innen. Voller Spannung fiebern wir dem Ergebnis der Jury-Debatte entgegen, die am 11. November über die Preisträger:innen entscheiden wird.

Bayerischer Buchpreis - Nominiert - Spitzenreiterinnen - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis – Nominiert – Spitzenreiterinnen

Das Klima ist vergiftet. Weltweit. Man muss nur einen Blick in die Zeitungen oder in den News-Feed von Internetplattformen werfen, schon stößt man auf die Opfer dieser Klimakatastrophe, die nachweislich vom Menschen verursacht ist. Das lässt sich nicht mehr leugnen. Es ist das brutale und extrem toxische Klima der Gewalt gegen Frauen, das seine Opfer ausschließlich auf einer Seite fordert. Wir Männer sind es, die auf der Grundlage überholter Frauen- und Rollenbilder in patriarchalischer Art und Weise dem gemeinsamen Klima den Todesstoß versetzen. Häusliche Gewalt, MeToo, Missbrauch und Vergewaltigungen unschuldiger Opfer, Mord. All das finden wir, wenn wir in diesen Tagen aufmerksam die Nachrichten verfolgen. Gabby Petito, Hannah, Sabina Nessa. Auch die Literatur erzählt von diesen Geschichten. Allerdings selten so klartextlich und scharfzüngig wie der Roman „Spitzenreiterinnen“ von Jovana Reisinger.

Sicher keine leichte Lektüre für einen Mann, dachte ich. Fühlt man sich doch auf der Anklagebank sitzend, weil man jene einseitige Schuld des eigenen Geschlechts in dieser Frage einfach nicht abstreifen kann. Auch, wenn ich für mich selbst eindringlich auf „Unschuldig, Euer Ehren“ plädiere, der Platz auf Seiten der Beschuldigten ist mir sicher. Und doch gelingt es Jovana Reisinger erstaunlich schnell, meine Befangenheit zu zerstreuen und ihren Zeilen vorbehaltlos zu folgen, weil sie keine Anklageschrift im eigentlichen Sinne vorlegt. Es ist eine Streitschrift, ja, das ganz sicher. Aber ihr Roman ist kein Dossier über singuläre, klar konturierte Fälle männlicher Gewalt gegen Frauen, an deren Ende die einstimmige Verurteilung steht. So leicht macht es sich die Autorin nicht. So leicht macht sie es der Gesellschaft nicht, in der sie lebt und über die sie hier schreibt.

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Spitzenreiterinnen – Jovana Reisinger

Jovana Reisinger geht mit Menschen- und Rollenbildern ins Gericht. Sie führt uns eine Reihe von Frauen vor Augen, die scheinbar den Klischees entsprechen, die wir in der heutigen Zeit so gerne kultivieren. Es sind sogenannte starke Frauen dabei, solche, die von ihren Männern abhängig sind, Frauen unterschiedlicher Generationen, die sich Veränderung kaum vorstellen können, Frauen, die gar nicht mehr beeinflusst sind, weil ihre Männer längst Geschichte sind, und doch an ihnen hängen wie Kletten einer lange ausgelebten Vergangenheit. Es sind zerstörte und verstörte Frauen, kämpferische und sich selbst verleugnende Frauen am Rande einer gemeinsam erhofften Zukunft. Es ist ein unglaubliches Spektrum unterschiedlichster Charaktere, an denen sich die Autorin abarbeitet und denen sie Raum gibt. Und doch sehe ich deutlich, dass ihre Zielrichtung nicht darin zu finden ist, wie plastisch der Pranger für die Männer konstruiert wird.

Jovana Reisinger stellt uns einen ganzen Reigen besonderer Frauen vor, die nicht nur in der Gemeinsamkeit vereint sind, unter Männern zu leiden. Nein, ihre Namen sind den Frauenzeitschriften dieses Landes entlehnt, die ja nicht gerade für Emanzipation in Reinstkultur stehen. Dieser pointierte Sarkasmus zeigt, wie facettenreich dieser Roman angelegt ist. Die Autorin legt ihre literarischen Finger in viele Wunden und stellt in einer selten so klar erlesenen Deutlichkeit klar, dass ein toxisches Klima ein besonderes und möglichst lebensfeindliches Umfeld benötigt, um sich in seiner Tragweite auswirken zu können. Viele Frauenzeitschriften untermauern fatale Frauenbilder, an denen man fast verzweifeln könnte. Als würden nur Mode, Konsum, Einrichtung, Lifestyle und die Liebe zu Haus und Garten, untermalt von Kreuzworträtseln, das Glück auf Erden bedeuten. In diesem Klima wächst mehr als man wahrhaben möchte. Ein Kollateral-Klima der Angst.

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Spitzenreiterinnen – Jovana Reisinger

So folgen wir Petra, Laura, Barbara, Lisa, Tina, Jolie, Elle, Bella, Verena, Brigitte und Emma in ihre ganz besonderen Geschichten. Es ist nicht der gemeinsame Plot, der diesem Buch seinen Rahmen verleiht. Es sind die Muster, die wir erkennen und die uns hoffen, bangen, fluchen, verzweifeln und hassen lassen. Es sind die Automatismen der Gewalt gegen Frauen, die schonungslos sichtbar werden. Es ist die Schuldumkehr, mit der misshandelte Frauen in die passive Ecke gedrängt werden. Es sind Männer, in dieser Geschichte wie im wahren Leben, die sich dieser Atmosphäre bedienen und auf Kosten von Frauen ihren Ansprüchen hinterherjagen. Jovana Reisinger gewährt ihnen nur die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen. Mehr sind sie nicht wert. Reicht auch, da man in den offiziellen Mitteilungen nur „A. hat…“ „B. schlug…“, „C. brach…“ liest. Jovana Reisinger bricht mit dem Klischee, einen Roman von einer emanzipierten Frau für eine emanzipierte Frau zu schreiben. Sie geht weit darüber hinaus.

Bestechend ist ihre Auseinandersetzung mit der Frage, wie fatal der Umgang von Frauen miteinander ist, wie unbeschreiblich tief Mütter ihre Töchter verletzen können und welche Tragweite Eifersucht in diesem Reizklima hat. Hier entstehen große und nachhaltig bewegende Geschichten, die den Lesenden nicht mehr loslassen. Hier ist das Opfer auf sich selbst gestellt und scheitert letztlich an der Erwartungshaltung all jener, die zu seinem Umfeld gehören. Vorsicht: Jovana Reisinger lässt kein Thema aus. Die Innenansichten von Lisa zum Beispiel sind verstörend und sehr emotional. Fehlgeburten, enttäuschte Erwartungen, Vorwürfe der Schwiegermutter, Zukunft des Mannes verbaut, das Gefühl von Austauschbarkeit und die Reduzierung auf die Rolle als Nicht-Mutter. Hart zu lesen. Trigger für jede Frau, die sich in dieser Lage befindet und sicher mit Vorsicht zu genießen. Aber Jovana Reisinger macht hier nicht halt. Es sind verzweifelt hoffende lesbische Frauen, geprügelte und erniedrigte Mütter, befreit lebende Aktivistinnen, sich selbst aufgebende und aufopfernde Erfüllungsgehilfinnen im Sexualleben ihrer Männer und vergebens hoffende Bald-Ehefrauen, die sich ganz kurz vor ihrer Hochzeit mit einem Ehevertrag konfrontiert sehen. Spitzenreiterinnen in jeder Beziehung. Vorreiterinnen nur bedingt. Die Spitze des Eisberges ganz sicher.

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Spitzenreiterinnen – Jovana Reisinger

„Spitzenreiterinnen“ ist ein Herzblutroman einer begnadet erzählenden Autorin. Sie vergießt das Blut ihrer Protagonistinnen um aufzuwühlen und wach zu werden. Wir gehören zu einem Umfeld, in dem sich toxische Männlichkeit ausleben kann. Wir sind die Fragenden, wenn eine Frau eine Vergewaltigung anzeigt. Wir legen die Messlatte der Gesellschaft in utopische Höhen. „Sie war doch sicher selbst dran schuld…“, „Wie die sich schon anzieht…“, „Da muss man ja nur auf ihr Insta-Profil schauen, dann wird alles klar…“. Fragen wie diese stellen den gesellschaftlichen Rahmen dar, in dem diese klimatischen Bedingungen reifen können. Jovana Reisinger tritt einen Diskurs los, der in dieser Tiefe von allen Seiten geführt werden muss. Sie zeigt das Ungleichgewicht in den Positionen und im Wertesystem einer aufgeklärten Gesellschaft. Es ist preiswürdig und preisverdächtig, was und wie sie es beschreibt. Bleibt die Frage, ob man es lesen mag, ob man darüber sprechen mag. Dazu gehört Mut.

Ich rate dazu und gebe diesem Roman im Regal „Der moralische Kompass“ den Platz eines Spitzenreiters… Da gehören die „Spitzenreiterinnen“ hin… Sie stehen dort neben „Durchbruch – Der Weinstein-Skandal“ von Ronan Farrow.

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Hier geht´s weiter mit den nominierten Autoren und Autorinnen
und ihren Werken in den Kategorien Belletristik und Sachbuch. 

Bayerischer Buchpreis 2021 - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2021 – Meine Partnerbuchhandlung

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Du bist auf der Flucht. Der Alltag ist hinter dir her und du kannst sie nicht mehr hören, all die Parolen aus den Weiten des Internets, all die Nachrichten, Gerüchte und fatalen Aufmerksamkeitserreger, die dir die Kraft rauben. Corona, Wahlkampf, fallende Türme, Kriege und Konflikte. Alles nagt an dir und zieht dich runter. Du willst nur raus aus dem Kreislauf des alltäglichen Wahnsinns und rettest dich in ein Buch. Und schon die ersten Worte wiegen dich in ihren Armen. Sie umfassen dich und lassen dich vergessen…

„Es gibt noch immer Felder in England, die so ungeheuer groß sind, dass du
eine Stunde oder länger an ihnen entlanggehen oder sie überqueren oder durchqueren kannst und es dir so vorkommt, als hättest du dich keinen Zentimeter bewegt.“

Das Tempo entweicht und du lässt dich fallen. Wie eine Saugglocke, die sich leise senkt, schottet dich ein Schriftsteller vor der wahren Welt und ihren Schattenseiten ab. Er ist kein Unbekannter für dich. Du hast ihm schon einmal dein Lesen anvertraut und er hat dich wohlbehalten durch die „Offene See“ getragen. Nun schließt er den Kreis und entführt dich in seine Felder. Du lässt los, entspannst und genießt. Wort für Wort.

„Es gibt Felder, die irgendwo im Nirgendwo liegen, Felder, größer als Dörfer. Felder, die hunderte Menschen ernähren und Lebensraum für Tausende
oder gar Millionen von koexistierenden Geschöpfen und Arten bieten,
von der winzigsten Zecke bis zum größten Hirsch.“

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Hier im Nirgendwo atmest du den Rhythmus seiner Worte, inhalierst den Extrakt seiner Beschreibungen und wirst eins mit einer Erzählstimme, die dich bedächtig auf eine Geschichte vorbereitet, die sich in dir festsetzen wird. Eine Geschichte, die keinen Makel hat, die in Schönheit badet, und doch erst erzählt werden konnte, nachdem sich auch ihre Protagonisten in dieses Buch retten konnten. „Der perfekte Kreis“ liegt jetzt vor dir. Du musst ihn nur noch betreten, dich treiben lassen und die Wurzeln spüren, in die er dich verwickelt…

„In diese Felder greifen die Wurzeln einer Insel hinein. Sie greifen und tasten nach Sinn, nach Erkenntnis. Sie sind Teil der Geschichte, die ohne Ende ist.“

Hier spürst du, dass deine Flucht gelungen ist. Der Alltag bleibt als träges Rauschen zurück, das nicht mehr an dir zieht. Die Verantwortung für die Deinen ist noch da, es ist nur so unglaublich angenehm zu fühlen, wie deine Kraft zurückkehrt, wie sich die Akkus in deinem Inneren aufladen und die Bereitschaft wächst, tiefer in die Felder einzutreten.

„Und in einer stillen Sommernacht draußen auf den Feldern, wo der Himmel
ein umgedrehter Spiegel ist…, erhebt sich ein leichter Wind, der ein Meer von Platinnadeln zum Flimmern bringt, und seltsame Geschichten geschehen.“

Lass sie geschehen, diese Geschichten…!

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Und genau da beginnt „Der perfekte Kreis“. Im Jahr 1989 im Süden Englands, als in Kornfeldern kreisrunde Muster auftauchen und wilde Spekulationen hervorrufen, ob sie von Menschen oder gar Außerirdischen stammen. Zu gleichmäßig, zu künstlerisch und viel zu ungewöhnlich sind die kreisrunden Muster der Kornkreise, als dass man sie als Alltagsphänomene abhaken könnte. In Wahrheit jedoch sollten diese Kreise die Namen ihrer Schöpfer tragen. Calvert und Redbone. Freunde seit ewigen Zeiten und doch so unterschiedlich, wie zwei Menschen nur sein können. Verschwiegen und geheimnisvoll, wenn es um ihre Vergangenheit geht. Nicht gerade Plaudertaschen, was ihre jeweilige Zukunft betrifft. Und doch ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, die mysteriösen Kornkreise in ihre Landschaft zu ziehen. Es gleicht einer perfekten Choreografie, dem nie geprobten und doch blind aufgeführten Tanz zweier bildgewaltiger Visionäre, wenn man sie zu ihren nächtlichen Vorhaben und geheimen Tatorten folgt und ihnen zusieht, wie sie ihre Kreise ziehen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Benjamin Myers erzählt keine Geschichte im ursprünglichen Sinn. Er scheint einer inneren Eingebung zu folgen, die ihn zum aufmerksamen Chronisten jener Kunstwerke seiner Protagonisten macht. Er heftet sich an ihre Fersen, folgt ihnen in die Felder ihrer Heimat und beobachtet sie bei ihrem kreativen Schaffen. Sie verändern die Umwelt und mit dieser Veränderung bewirken sie eine veränderte Wahrnehmung genau dieser Welt in den Augen der Betrachter. Mit feinem Pinselstrich entsteht das Psychogramm zweier Männer, die man auf den ersten Blick niemals mit ihren geheimnisvollen Kornkreisen in Verbindung bringen würde. Jeder Kreis ein eigenes Kapitel. Jedes Kapitel am Ende mit einer Pressemeldung abgerundet. Jeder Kreis ein Kunstwerk. Ihre Schöpfer – anonym. Das haben sie sich geschworen, die beiden Männer, deren Wunden nur heilen können, wenn sie unentdeckt weitermachen können.

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Man spürt dieser Geschichte deutlich an, dass sie ihren Autor schlicht überfallen und gezwungen haben muss, sie niederzuschreiben. Es ist eine wortgewaltige Dynamik, die sich hier Raum verschafft. Es sind dynamische Satzkonstruktionen voller Kreativität, die einerseits beruhigen, andererseits aber aufwühlen und antreiben. Es sind die Kreise, in die wir abtauchen. Es sind die Mythen, die sie ausstrahlen und es der pure unmittelbare Schöpfungsakt, dem wir beiwohnen, ohne ihn genau zu verstehen. Benjamin Myers ist es gelungen, weit in den Hintergrund zu treten und seinen Roman für sich sprechen zu lassen. Was fragmentarisch wirkt, erhält seinen Sinn in den Kreisen. Was unvollständig klingt, wächst im Lesen zusammen. Wo manchmal die sogenannten Sidekicks fehlen, in denen man in Romanen so gerne abschweift, erlangen die Kreise die metaphorische und selbsterklärende Reife eines großen Gestaltungsprozesses. Das Innerste wird hier nach außen gekehrt. In der vermeintlichen, tatsächlich jedoch vermiedenen Zerstörung der Kornfelder liegt eine Magie verborgen, die Neues sichtbar werden lässt. Benjamin Myers metaphert nicht. Er tritt nur altbekannte literarische Muster flach und lässt neue entstehen.

Die Deutungshoheit überlässt er seiner Leserschaft, was ihn so sympathisch macht. Sein Roman schließt viele Kreise. Wo er zu scheitern droht, befreit er sich mit Urgewalt und Verve aus den Fesseln der Kritik. Die ewige Suche nach dem perfekten Kreis treibt die beiden Kreisläufer an. Ihm gilt ihr ganzes Streben. Ihm ordnen sie alles unter. Jede Panne, jede zufällige Begegnung und ihr eigenes Sein. Unfassbar schön, in einer Welt des Unbeständigen durch unbeständige Kunst den Hauch von Ordnung und Schönheit zu erschaffen. „Die offene See“ erzählte eine geschlossene Geschichte und mutierte in kürzester Zeit zum Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen. Ob es Benjamin Myers auch mit „Der perfekte Kreis“ gelingen wird, seine Leser zu begeistern, liegt an uns ganz allein. Stellen wir uns vor, wir wären ein Kornfeld. Stellen wir uns einfach vor, es wäre Calvert und Redbone gelungen, uns ein ganz klein wenig zu verändern. Und dann stellen wir uns vor, welches Muster wir sehen könnten. Eines, das schon immer in uns ruhte. Nur zu verborgen, es zu sehen. Der perfekte Kreis. Poetisch und eine runde Sache.

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

A propos runde Sache. Natürlich kann man sich die Geschichte der Kornkreise auch als Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag zu Gemüte führen. Fast sechseinhalb Stunden dauert die ungekürzte Lesung, in der uns Sprecher Sebastian Rudolph mit seiner Stimmkunst zu gebannten Zuhörern macht. Es fühlt sich an, als würde er ganz langsam Steine in einen See werfen. Die so entstehenden Kreise erreichen das Ufer und versetzen uns in Erstaunen. Auch, wenn dieser Roman sehr polarisieren wird, in seiner klaren Eigenständigkeit und in den Unterschieden zu klassischen Plots wird er Anklang finden. Auch für Hörbuchliebhaber ein echter Ohrenschmaus. Ich empfehle ein Bett im Kornfeld, einen guten Landwein und diese CD. Dann geht´s rund…

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Es ist an der Zeit, die Kirche aus dem Dorf zu holen. Denn immer, wenn es darum geht, ein Romandebüt mit literarischen Lorbeeren zu bekränzen und es auf dem Schild der „sensationellen Entdeckung“ auf den Bücherolymp zu tragen, neige ich dazu, diese Kirche da zu lassen, wo sie hingehört: Im Dorf. Heute jedoch gehöre ich zu den Trägern dieses Schildes, reihe ich mich in den lauten Jubelreigen einer begeisterten Leseschar ein und bin dabei behilflich, einen neuen Roman wie eine kleine Kirche auf einen freien Platz zu tragen, um ihn ein wenig sichtbar zu machen. Nichts darf die Sicht verstellen, nichts darf seinen Schatten auf dieses Debüt werfen und es muss Freiraum geben, um dieses Buch von allen Seiten zu begutachten. Ich spreche hier vom Roman „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte.

Ich neige nicht dazu, voreilig Lobeshymnen anzustimmen. Und doch glaube ich ein gutes Gefühl für den besonderen Roman entwickelt zu haben. Es ist nicht immer Liebe auf den ersten Blick, die mir die Augen öffnet. Es ist das außergewöhnliche Erlebnis, in dem ich innehalte und das Staunen finde. So auch hier. Es waren die ersten Zeilen, die mich stocken ließen. Es war eine Sprache, die mich mit unverminderter Wucht und im Rhythmus eines Trommelwirbels in der Tiefe des Herzens traf, die ich als ungewöhnlich empfand. Als müsse hier noch ein Lektorat eingreifen, aus Schlagwörtern ganze Sätze formen und verschachteln, was unverschachtelt auf mich zurauschte. Die Sprache pur wie ein Extrakt, einfach und im Rohzustand belassen, wie man sie selten erlebt, wenn sie einen Verlag ins freie Lesen verlässt. Hier sollte doch sicher nachgebessert werden. Hatte ich doch das unkorrigierte Leseexemplar vom Diogenes Verlag in Händen. Diese Gedanken begleiteten mich in meinem Lesen. Und dann, auf Seite 146, gelang es mir eine erste Pause einzulegen. Beseelt von einem Gefühl, dass hier nichts und niemand mehr Hand anlegen darf, weil ich einen Schatz entdeckt hatte. Eine Kirche, die nicht im Dorf bleiben darf.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

„Junge mit schwarzem Hahn“, welch minimalistisch anmutender Titel, der jedoch alles sagt, was man zum Einstieg in diesen zeitlosen Roman wissen muss. Zeitlos, weil aus der Zeit gefallen. Zeitlos, weil mit wenigen Angaben ausgestattet, die eine zeitliche Einordnung durch uns Lesende zulassen. Krieg, Tod und Pest muten mittelalterlich an, was uns auch schon reichen muss. Dunkle Zeitalter brauchen kein Kalenderlicht, wenn man Stefanie vor Schulte in ihre Welt folgt. Die Dunkelheit wird von ihr durch einen erst elfjährigen Jungen aufgebrochen, der als Lichtgestalt die letzten Reste von allem Guten in sich trägt und bündelt. Martin. Heller erstrahlend als der Rest der Welt. Klüger als es die Gesellschaft erlaubt. Weiser und herzlicher, als man es ihm zutrauen würde und im Gefolge eines schwarzen Hahns, der Glücksbringer, Wegbegleiter, Freund, Orakel und Mitstreiter ist. Alles zugleich. Das geht, wenn man ihm vertraut und ihm zuhört. Hier ist alles ausgefallen. Wie die Romanfiguren, die uns in die Hände fallen. Wie der Rahmen, in den alles passt, aus dem alles fällt, der alles hält und doch nichts aufhalten kann.

Es sind wirkungsvolle und nachhaltige Bilder, die uns die Autorin ins Gedächtnis schreibt. Ein Junge, der als einziger in der Familie den Mordwahn des Vaters überlebt; Kinder, die auf unerklärliche Art und Weise verschwinden; ein fahrender Maler, der sich um den Jungen und seinen Hahn kümmert, als man beschließt die verlorenen Kinder zu retten; ein Gaukler, der besser fliegen kann als der Hahn, eine schillernde Prinzessin, in deren Gesellschaft man besser auf schwarze Hähne hört. Und dann noch ein Mädchen, in das sich der Martin heimlich verliebt, für das er dann gar keine Worte hat außer „Die Franzi“, wenn man ihn fragt, wem er noch einmal in seinem Leben begegnen mag. Es klingt märchenhaft, was ich hier beschreibe? Es ist märchenhaft. Es erfüllt alle Kriterien, die man mit diesem Genre verbindet, wenn man sich durch die Magie der Geschichte bis zu ihrem Ende tastet. Dieser Roman ist ein Märchen. Kein Traum. Er ist real.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Stefanie vor Schulte gelingt mit ihrem Debüt das Unglaubliche. Wir lassen uns auf ihre Geschichte ein, wir hinterfragen nicht, interpretieren kaum, werden mitgerissen im Sog ihrer einzigartigen Sprachmelodie. Wir beginnen schnell, ihr zu vertrauen, weil im Märchen am Ende doch immer dieser Satz zu lesen ist: „und wenn sie nicht gestorben sind“. Alles wird doch gut enden? Da ist doch Moral in der Geschicht`. Es bleiben keine Fragen offen und Hahn und Junge und wir und alle und die Leser und die Denker und die Zweifler sind unterwegs auf einer Mission, wie es sie noch niemals gab. Bis wir im Freien vor der Kirche stehen, die wir gerade aus dem Dorf geholt haben und uns daran erinnern, was wir hier lesen durften. Bis wir den Blick in unsere Kirche werfen und die Wandgemälde erkennen. Das ist mein Bild für diesen Roman, von dem ich nicht mehr loslasse, weil ich ein Bild brauche, das mich an dieses Leseerlebnis erinnert. Weil ich viel notiert und viel markiert habe beim Lesen und doch weiß, dass ich es erneut lesen muss. Nicht, weil ich es vergessen habe. Nein. Weil es das erneute Lesen wert ist.

Traut Euch hinein in diese Welt. Lasst Euch fallen und entführen. Begegnet Reitern, vor denen ihr alles verstecken würdet. Besonders eure Kinder. Folgt einem Jungen in ein Szenario, das nur er erhellen kann und wundert Euch über das Wunder in seinem glasklaren Verstand. Spielt mit einer Prinzessin das „Schlafspiel“ und versucht dabei hellwach zu bleiben. Gaukelt, malt und stochert in der Wahrheit herum. Freundet Euch mit diesem schwarzen Hahn an und wundert Euch nicht darüber, dass am Ende jeder Hahn danach krähen wird, was Ihr da wohl gelesen habt. Setzt die Bilder des Romans zu einem Gemälde zusammen und lernt dann das Staunen. Stefanie vor Schulte hat hier dem Zufall des Erzählens keinen Raum gelassen. Sie folgt einem grandiosen Plan und wir folgen ihr. Oftmals atemlos. Zumeist tief bewegt. Am Ende… Ja, am Ende. Das bleibt Euch überlassen, wie Ihr am Ende fühlt und denkt. Nur eines ist gewiss. Ihr solltet Euch das nicht entgehen lassen. Das wäre so, als würdet Ihr die Kirche einmal zu oft im Dorf lassen. Großer Fehler.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung Eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Und eines ganz zum Schluss. Während gerade die ganze Welt mit Büchern beschäftigt ist, die auf Long- und Shortlists zu Buchpreisen stehen, lasst Euch nicht einfallen zu sagen „Ich lese ja NUR den Jungen mit schwarzem Hahn„. Dieser Roman würde allen aktuellen Buchpreislisten unglaublich gut tun, weil er wirklich alles ist. Nur nicht NUR… Nur nicht beliebig und nur nicht vergänglich. Hahn drauf!

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Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Es ist wieder einmal Japan. Es ist der gesamte Kosmos einer Kultur, die sich gerne in seidene Gewänder hüllt und sich vor den Augen der Welt verbirgt. Es sind Traditionen, die sich der westlichen Sichtweise entziehen und es ist eine Lebensweise, die Werte in den Vordergrund stellt, die in ihrer kaum nachvollziehbaren Überhöhung schon oft den Untergang Japans heraufbeschworen haben. Stolz bis zur Selbstaufgabe, Tapferkeit in den aussichtslosesten Situationen, Treue bis zum Kadavergehorsam, Kaiserverehrung, die Unmöglichkeit, Gefühle offen zu zeigen und das Bekenntnis der Frauen zu devotem Verhalten. Traditionelle Verhaltensmuster, die noch heute auf der Abschottung Japans gegenüber der restlichen Welt basieren. Unverfälscht und aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß. 

Und doch wieder so faszinierend, weil diese sozialen Codes dafür verantwortlich sind, dass die japanische Bevölkerung mit Schicksalsschlägen oder Katastrophen eher souverän, als kopflos umgeht. Vieles ist in der Vergangenheit angelegt und oftmals sind wir Europäer angesichts der Fremdartigkeit dieser Kultur eher ratlos. In der Literatur ist es schon oft gelungen, Brücken zu bauen, Verständnis und Empathie zu wecken, fremd und fern wirkende Denkweisen transparenter zu machen und dabei zu helfen, Grenzen zu überwinden. Ich war schon oft in Japan. Literarisch wohlgemerkt und immer kam ich mir fremd vor. Ein echter Gaijin, der es wagt japanischen Boden zu betreten und schon im Denken und Fühlen kein einziges Fettnäpfchen auslassen kann. Aber ich gebe nicht auf. Japan. Immer wieder Japan.

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Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Diesmal jedoch bin ich nicht allein. Ich fühle mich nicht allein, weil ein anderer Gaijin an meiner Seite ist und mir eine Geschichte erzählt, die so japanisch ist, wie kaum eine zweite in meinem bisherigen Lesen. Es ist der legendäre Filmemacher und Schriftsteller Werner Herzog, der nach vielen Jahren des Schweigens ein literarisches Signal in die Welt sendet, das aufhorchen lässt. Es ist „Das Dämmern der Welt“ dem er den Kampf ansagt. Es ist der einsame Kampf eines verlorenen japanischen Soldaten auf einer fast einsamen Insel, die am Ende des Zweiten Weltkrieges auch am Ende der Befehlskette der Kaiserreichs angelangt ist. Vergessen, aufgegeben und wertlos, da der gottgleiche Kaiser am 02. September 1945 die Waffen vor den USA gestreckt und kapituliert hatte. Ein unerhörter Vorgang. Nicht vereinbar mit japanischer Tradition, mit den Ehrbegriffen und Wertvorstellungen einer Gesellschaft, die genau das nicht kennt: Aufgeben.

Eine kriegerische Nation, deren Vorstellung von Treue, Ehre und Loyalität immer noch mit Samurai, rituellen Selbstmorden und Kamikaze-Piloten in Verbindung gebracht wird, erlebte das absolute Horroszenario. Die unehrenhafte Niederlage. Nur ein paar wenige Japaner blieben davon verschont. Soldaten, die auf den abgeschnittenen Außenposten ihres Landes nichts vom Ende des Krieges erfuhren und mit den letzten Befehlen ihrer Offiziere ausharrten, um ihr Fleckchen Erde bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. „Das Dämmern der Welt“ erzählt die Geschichte eines solchen Soldaten. Es ist nicht nur die Geschichte eines Leutnants, der in seiner Ahnungslosigkeit mehr als 29 Jahre lang seine kleine Insel Lubang gegen einen nicht mehr existierenden Feind verteidigte. Es ist die Geschichte von Menschen deren Kadavergehorsam einer Einordnung in den Wertekanon einer Gesellschaft bedarf, um sie nicht als selbstvergessene Trottel in die Geschichte eingehen zu lassen. Werner Herzog gelingt diese Einordnung.

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Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Es ist Hiroo Onoda, den uns Werner Herzog ins Leben schreibt. Es ist ein realer und leibhaftiger Mensch, der sich jeglicher Fiktionalisierung entzieht, da es ihn wirklich gab. Seine Geschichte ist im kollektiven Gedächtnis seines Landes verankert, für uns jedoch so fremd, als würden wir von der Verteidigung eines Planeten erfahren. Herzog lässt es dämmern über der Insel, er macht uns zu Zeugen einer letzten Befehlsausgabe an den viel zu jungen Soldaten. Es sind Durchhalteparolen und Guerilla-Anweisungen, die ihn für die nächsten 29 Jahre zum unsichtbaren Gespenst auf dieser Insel machen. Es ist die Natur, mit der er verschmelzen muss. Es ist seine Intelligenz, die ihn zum absoluten Überlebenskünstler macht. Es sind seine Empathie und die Leaderqualitäten, die dabei helfen, die wenigen versprengten Soldaten unter seinem Kommando zu halten. Es ist ein Leben ohne Freund-Feind-Kennung, das ihn in Atem hält, weil er niemandem mehr vertrauen kann. Es sind mehr als hundert Hinterhalte, die gelegt werden und denen er entkommt. Es sind Versuche, ihn zur Aufgabe zu bewegen, Manipulation, Propaganda und Betrug. Alles prallt an ihm ab. Er zieht sein Ding durch.

Werner Herzog gelingt auf schmalen 128 Seiten eine facettenreiche Annäherung an einen Mann, der zur Legende wurde. Zeitebenen verschieben sich, Gegenwärtiges und Zukünftiges verschmelzen in der Wahrnehmung des einsamen Kämpfers. Er lebt in der eigenen Zeitzone des Kommandosoldaten, dem alles erlaubt ist, um im Besitz der Insel zu bleiben. Anschläge, Morde, Plünderung. Alles drin im kaiserlichen Freifahrtschein. In letzter Konsequenz ein abschreckendes Beispiel für einen Verblendeten, der als einzig Sehender „Das Dämmern der Welt“ zu durchschauen glaubt. Und doch macht Werner Herzog klar, dass dieser Kampf alternativlos ist. Tief verankert in der Seele jener, die in ihrer Treue fehlgeleitet und instrumentalisiert werden. Es sind unglaubliche Erlebnisse, die wir an der Seite von Hiroo Onada und einigen wenigen Kameraden machen, die er nach und nach verliert. Es sind bewegende und skurrile Momente, die wir erleben, als der einsame Kämpfer gefunden und vom Ende dies Krieges überzeugt wird. Es ist ein besonderer Moment, den uns Werner Herzog literarisch erschließt. Keine letzte Klappe des großen Regisseurs könnte dem letzten Kapitel aus seiner Feder das Wasser auch nur ansatzweise reichen. Herzog ist nicht nur ein König des Films, er ist im literarischen Hochadel unseres Landes ein Autor, für den man sein letztes Buch bis zur letzten Seite verteidigen würde.

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Die Essenz dieses Romans ist der Extrakt eines Begriffs, dem man sich kaum noch neutral nähern kann. Wie sollte ein Krieg aussehen? Welche Regeln sollten gelten und wie könnte man einen Krieg auf das Wesentliche reduzieren. Es sind tiefgreifende und bewegende Erkenntnisse, die den Geist Japans greifbar und begreifbar machen. Es ist der Blick zurück auf die große Tradition der Samurai, es sind Pfeil und Bogen, die im Gefecht von Ehre und Treue zum Kaiserreich erzählen. Es ist der Verrat am Krieg, den moderne Schusswaffen begehen. Es ist das Eigenleben des Krieges, dem Herzog im Herzen seines Protagonisten begegnet. Gerade im Hinblick auf aktuelle Konflikte kann dieses Buch die Dämmerung über so manchem Kriegsschauplatz lichten. Wenn es hell wird, bleiben die Verblendeten und es dauert lange, bis sie die Erkenntnis trifft. Oftmals hat die Geschichte ihre Krieger vergessen. Krieger jedoch vergessen ihre Heimat nicht. Das klingt vielleicht pathetisch, aber nach 38 Jahren im Dienste einer Armee, weiß ich was ich hier schreibe. Viele waren auf verlorenem Posten. Leutnant Hiroo Onada ist kein Einzelfall in der Geschichte.

Eine ungewöhnliche Geschichte für Werner Herzog? Eher nein. Es war ein Wunsch des Schriftstellers und Regisseurs, jenem Hiroo Onada zu begegnen. Ein Wunsch, der sich erfüllte. Ein direkter Draht sei zwischen ihnen entstanden. Ein Wunder? Nein. Hier begegneten sich zwei Einzelkämpfer. Einer, der seinen Dschungel bewaffnet überlebte und einer, der ihn mit seiner Kamera festhielt. Zwei ergebene Kämpfer, die für das Alte und gegen die neuen Einflüsse ins Gefecht zogen. Ein Japaner, der sicher aufmerksam lauschte, als ihm der Deutsche von einem Dampfer erzählte, den er durch den Urwald von einem Fluss zum anderen ziehen ließ. Eine Geschichte von einem Opernhaus im peruanischen Dschungel mag den japanischen Veteran ebenso begeistert haben, wie der deutsche Filmveteran von der Verteidigung der verlorenen Insel begeistert war. Ob nun alles wahr ist, wie es geschrieben steht?

Werner Herzog ist ein wahrer Meister seiner Fächer. Er schreibt im Vorwort dazu:

„Viele Details stimmen, viele stimmen nicht. Dem Autor kam es auf etwas
anderes an, auf etwas Wesentliches, wie er es bei seiner Begegnung mit
dem Protagonisten dieser Erzählung zu erkennen glaubte..“

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

SAAL 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess - Astrolibrium

SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess – Astrolibrium

NSU – Der Nationalsozialistische UntergrundKaum eine Wortschöpfung hat uns in den letzten Jahren aus rechtsradikaler Sicht so sehr in Atem gehalten, wie diese. Diese rassistische Gruppierung, die im Jahr 1999 aus fremdenfeindlichen Motiven gegründet wurde und zum Ziel hatte, Menschen mit Migrationshintergrund zu ermorden, schockte unsere Republik nicht nur durch ihre reine Existenz. Es war viel mehr das perfide und hinterhältige Vorgehen von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, ihre Morde über viele Jahre hinweg so aussehen zu lassen, als stünden sie ausschließlich mit dem direkten Umfeld der Opfer im Zusammenhang. Nie wurde im rechtsradikalen Raum ermittelt, immer mussten sich die Familien der Opfer damit auseinandersetzen, dass die Polizei in den Bereichen organisierter Kriminalität und Drogendelikte fahndete und Zusammenhänge zwischen den einzelnen Morden kategorisch ausschloss.

Der Nationalsozialistische Untergrund verübte zehn Morde, drei Bombenanschläge und 15 bewaffnete Raubüberfälle. Die Opfer der Mordanschläge waren ein griechischer und acht türkische Geschäftsmänner sowie eine deutsche Streifenpolizistin. Dem NSU konnten darüber hinaus im gesamten Zeitraum des terroristischen Handelns weitere 43 Mordanschläge zugeordnet werden. Was 1998 mit dem Untertauchen in Chemnitz und Zwickau begann und seine Blutspur durch ganz Deutschland zog, endete im November 2011 in Eisenach. Ein erweiterter Suizid nach einem Raubüberfall bedeutete das Ende von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die nicht an diesem Überfall beteiligte Beate Zschäpe versuchte am gleichen Tag, die Spuren des NSU zu verwischen, entzündete in der gemeinsamen Wohnung in Zwickau einen Brandsatz und wurde am 8. November bei Jena gestellt und verhaftet. Niemand konnte sich vorstellen, was die Ermittlungen in der Folge ans Tageslicht bringen sollten. Die Verhandlung gegen Beate Zschäpe und einige mutmaßliche Unterstützer des NSU wurde als Jahrhundertprozess bezeichnet und fand von Mai 2013 bis Juli 2018 in München statt.

SAAL 101“ das Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

SAAL 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess - Astrolibrium

SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

Ihm ist dieses Hörspiel gewidmet. Die Dokumentation dieses Prozesses auf 12 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 10 Stunden und 23 Minuten wirft schnell die Frage nach dem WARUM auf. Und zwar die Frage: Warum sollte ich mich jetzt mit einem Prozess auseinandersetzen, dessen Urteile längst gefällt, dessen tägliche Horror-Schlagzeilen lange verrauscht und dessen medialer Wirbel seit drei Jahren durch andere Ereignisse abgelöst wurde? Wissen wir nicht genug? Haben wir nicht in Sondersendungen und in Diskussionsrunden alles, aber wirklich alles erfahren? Waren wir nicht fast dabei, wenn sich die Anklage in München auf die Verteidigung der letzten NSU-Überlebenden warf? Waren wir nicht sprachlos, wie man solche Taten überhaupt verteidigen konnte? Waren wir nicht sprachlos, zu erfahren, wie nah der Staatsschutz zeitweise mit diesem Trio in Verbindung stand? Haben wir nicht langsam genug von den Morden und Attentaten in einer nie zuvor dagewesenen Kette rechtsradikal motivierter Taten? Und was bringt es den Opfern, wenn man das alles nochmal hochkocht.

Ja, genau, wird man sagen. Den Opfern. Die Hinterbliebenen jener grausamen Taten leiden sicher immer noch. Und jetzt hat man doch Recht gesprochen. Recht so. Deckel zu und weg mit den ganzen Akten, Protokollen und Niederschriften des Prozesses. Was schreibe ich hier eigentlich? Habt Ihr das gelesen? Von welchen Protokollen ist hier die Rede in einem Justizsystem, das solche Protokolle nicht vorsieht. Da bleibt nichts übrig nach dem Urteilsspruch. Keine offiziellen unterlagen zum Recherchieren. Null. Nur die Niederschriften der zugelassenen Gerichtsreporter und -reporterinnen. Ihre Dokumente erlangen einen Stellenwert, der sie zu zeitgeschichtlichen Unterlagen erhebt. Hier liegt einer der Gründe für das ZUHÖREN. Nein, wir waren eben nicht dabei. Wir erlebten in weiten Teilen nur das mediale Blitzlichtgewitter und kurze Sequenzen. Einen Überblick über den Prozess erhielten wir nie. Und jetzt zurück zu den Opfern. Die Täter sind uns im Gedächtnis geblieben. Kennt ihr noch die Namen der Ermordeten? Einen?

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SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

ENVER ŞIMŞEK
ABDURRAHIM ÖZÜDOĞRU
SÜLEYMAN TAŞKÖPRÜ
HABIL KILIC
MEHMET TURGUT
ISMAIL YAŞAR
THEODOROS BOULGARIDES
MEHMET KUBAŞİK
HALIT YOZGAT und
MICHÈLE KIESEWETTER

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SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

Hier kommen wir zum eigentlichen Punkt. Hier sollten wir zuhören. Hier werden die Menschen in den Mittelpunkt gestellt, die im Prozess nur Randfiguren waren. Hier werden ihre offenen und bohrenden Fragen schonungslos gestellt. Hier werden wir in einer schmerzhaften Aufarbeitung durch Themenkomplexe geführt, die sich die Hand reichen, ohne dass dies jemals jemand wahrhaben wollte. Nach außen wirkte damals vieles wie eine inszenierte Show. Nur ohne Blick in den SAAL 101. Nebelkerzen zur Ablenkung wurden gezündet, Nebenkriegsschauplätze wurden eröffnet und oft dachte man, es sei Absicht, wenn man den Überblick verlor. Hier setzt dieses Hörspiel an. Es hat sich dem Ordnen und der Struktur verschrieben. Es bietet diesen Überblick, ohne dabei an ein verstaubtes Gerichtsdokument zu erinnern. Es lässt Opferangehörige in der Konfrontation mit der Verteidigung zu Wort kommen. Es legt Finger in die Wunden unseres Rechtssystems und hebt hervor, wo die wesentliche Leistung des Richters zu finden ist, und wo er versagte. Man muss kein Jurist sein, um dem folgen zu können.

Es bleibt so vieles im Gedächtnis nach dem Hören dieser Inszenierung. Es ist und bleibt grotesk, wenn man darüber nachdenkt, dass die Verteidiger der Neonazis Namen tragen, die wie eine Ironie des Schicksals klingen. Heer, Sturm, Stahl. Kann man sich das ausdenken? Nein. Unvergessen bleiben die Anklagen der Hinterbliebenen und die Unklarheiten, warum man keine Zusammenhänge erkannte. Das ragt über das Hörspiel hinaus in die gelebte Realität unserer Zeit. Ich werde hellhörig, wenn nach einem Mord sofort Schlussfolgerungen in den Raum gestellt und Zusammenhänge verneint werden. Man beobachtet die „Rechte Szene“ aufmerksam, weil man die Netzwerke erst erkennt, wenn man sie sehen möchte. Wollte der Staatsschutz das damals? Es bleiben sicher Fragen offen, aber es werden auch viele Fragen geklärt. Die Psychologie der Täter und ihre Begabung, harmlos im Untergrund zu leben werden hell erleuchtet. Man fragt sich, ob man dieses Mördertrio auf einem Campingplatz an der Ostsee wirklich erkannt und mit den Taten in Verbindung gebracht hätte. Nein, sicher nicht.

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SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

Man sollte dieses Hörspiel hören. Man sollte sich diesen Prozess dokumentieren lassen. Man sollte endlich den Saal 101 betreten, der nur wenigen Beobachtern des Prozesses zugänglich war. Hier wird begreifbar, wie sich der NSU aus dem Untergrund an die Oberfläche einer freien Gesellschaft mordete und dabei mehr als nur Hass und Zwietracht säte. Hier werden die Automatismen der Fremdenfeindlichkeit sichtbar, die so verheerend wirken, wenn man ihnen auf den Grund geht. Hier wird das perfide Spiel mit den Vorurteilen erkennbar, weil es so gut funktioniert, wie vor 70 Jahren. Hier sind es die Opfer und die Hinterbliebenen, denen (vielleicht endlich) Recht widerfährt, weil wir ihnen zuhören können. Für mich ist das die größte Leistung einer Inszenierung, die Maßstäbe setzt und mit ihren Stilmitteln überzeugt. Hier löst sich diese Produktion von der Dogmatik einer klar definierten Rollenzuordnung und befreit die brillanten Stimmen von den Zwängen einer klischeehaften Interpretation. Das Ensemble stellt sich in den Dienst eines Prozesses. Das persönliche Brillieren steht weit im Hintergrund. Ein ganz großes Kompliment an:

Michael Rotschopf, Katja Bürkle, Thomas Thieme, Bibiana Beglau,
Barbara Nüsse, Martina Gedeck, Florian Fischer, Thomas Schmauser,
Ercan Karacayli, Gonca de Haas, Gabriel Raab, Kathrin von Steinburg

SAAL 101“ das Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess geht über die Rolle einer dokumentarischen Aufarbeitung hinaus. Es ist Zeitgeschichte und Lehrstück einer im tiefsten Herzen demokratischen Gesellschaft. Deshalb müssen Fragen offen bleiben. Das ist das Schmerzhafte in einem Rechtsstaat, weil er seinem juristischen Rahmen verpflichtet ist. Das unterscheidet ihn von seinen Gegnern. Das wird hier sehr klar.

Nachtrag: Nachdem heute der Bundesgerichtshof die Revisionsanträge gegen die Urteile des NSU-Prozesses zurückgewiesen hat, ist natürlich auch diese Rezension in jeder Hinsicht rechtskräftig und unanfechtbar. Die Urteile gegen Beate Zschäpe und ihre NSU-Unterstützer wurden bestätigt. Recht gegen Rechts. Das hat was. Danke.

SAAL 101 - Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess - Astrolibrium

SAAL 101 – Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess

Das gesamte Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess ist derzeit noch in der ARD-Audiothek verfügbar – Hier geht´s zum vollständigen PodCast in 24 Teilen.

Die Produktion wurde inzwischen von der Jury der hr2-Hörbuchbestenliste zum Hörbuch des Jahres 2021 gewählt.

„Eine dokumentarische Glanzleistung mit historischem Wert.“