Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Jetzt mal ganz langsam mit mir. Ich bin hundemüde und eigentlich gar nicht in der Lage, eine Rezension zu verfassen. Ich habe in den letzten sieben Nächten kein Auge zugemacht, fühle mich wie gerädert und meine Konzentration gleicht der Flatline eines Komapatienten. Fragt jetzt bloß nicht, woran das liegt. Meine Bilder sagen doch genug. Ich habe eine Prinzessin kennengelernt, die über die gleichen Probleme geklagt hat. Es war also nur allzu selbstverständlich, dass ich mich fürsorglich zu ihr gesetzt habe, um ihr ein wenig beizustehen. Hätte ich geahnt, dass ihre mysteriöse Erkrankung für Leser hochansteckend ist, ich hätte mich wohl aus dem literarischen Staub gemacht.

Doch ich konnte Prinzessin Dylia nicht widerstehen und so blieb ich an ihrer Seite. Auch wenn mir noch immer schwindelig ist, hat es sich gelohnt, weil sie mir mehr Kraft gegeben hat, als ich das von einer jungen zamonischen Adeligen erwartet hätte. Schon seit frühester Kindheit leidet sie an der rätselhaften Krankheit, die sie einfach nicht zur Ruhe kommen lässt. Schlaflos in Seattle war gestern. Schlaflos in Zamonien ist heute. Aber wo andere schon lange verzweifelt wären, da schöpft Dylia mit ihrer Kreativität in einer aussichtslosen Situation eine fast schon magisch anmutende Energie, die sie die vielen schlaflosen Nächte überleben lässt. Sie erdenkt sich eine eigene Fantasiewelt, in der sie über ihre Krankheit regiert.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Sie bekämpft die psychische Auszehrung der dauerhaften Schlaflosigkeit mit den Waffen ihres Geistes. Sie erfindet Pfauenwörter, die wie das geflügelte Vorbild nur schön sind, ansonsten aber keine sprachliche Aussagekraft besitzen. Sie benennt alle Mondkrater mit eigenen und unvergleichlichen Namen. Sie taucht ihr Leben in Farben, die einen Regenbogen über allen Problemen entstehen lassen und Dylia nennt sich in dieser Scheinwelt Prinzessin Insomnia. In der Verharmlosung liegt ihre Kraft. Worte gehören zu ihren Herrschaftsinsignien. Und im Wortverdrehen liegt der Zauber, der sie vor plötzlich auftretenden Schmerzen abschottet.

Wer fürchtet sich schon vor Schmopfkerzen oder Grämine, wo zuvor Migräne und Kopfschmerzen rasende Spuren hinterlassen haben? Und sie vergleicht die Symptome ihrer Krankheit mit dem Besuch unliebsamer Verwandter. Sie bewahrt Haltung wenn sie auftauchen und signalisiert freundliches Desinteresse, bis sie wieder verschwinden. Ja, von Dylia Insomnia kann man selbst eine ganze Menge lernen. Spätestens bei meiner nächsten Erkältung werde ich versuchen, den Schmalsherzen offensiver zu begegnen. So verbringt man also seine schlaflosen Hallowachphasen an der Seite eines absoluten Insomnolenzprofis. Alles könnte mit offenen Augen weitergehen, wäre da nicht Wesen, das alles nur noch mehr durcheinander bringt.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Es handelt sich um einen alptraumfarbenen Nachtmahr. Richtig gelesen, jedoch gar nicht leicht zu fassen, das Kerlchen. Denn jener Havarius Opal hat es sich in den Kopf gesetzt, sich Prinzessin Dylia in den Kopf zu setzen. Und das im wahrsten Wortsinn. Er ist angetreten, um die Schlaflose endgültig in den Wahnsinn zu treiben. Und was eignet sich hierfür besser als eine gemeinsame Fantasiereise in das Hirn der Prinzessin, die ja eigentlich genügend Probleme an den adeligen Hacken hat? Gemeinsam geht es nun los zu einer Reise, die in der Geschichte Zamoniens unvergessen bleiben wird. Es wird eine Reise zu den zwölf schönsten Ängsten der Prinzessin, zu Irrschatten und Grillos, wir treffen auf Zergesser und Geistgeister, stellen uns den Fragen der Egozetten und zittern heftig, wenn wir an Amygdala denken. Die absolut übelste Hirnregion die man sich nur vorstellen kann.

Über allem steht die Frage, wie die Prinzessin ihren alptraumfarbenen Nachtmahr wieder loswerden kann, bevor sie dem Wahnsinn verfällt. Wird sie sich rechtzeitig von ihm trennen können oder ist er sogar der Schlüssel zur Heilung ihrer Schlaflosigkeit. Diese fantastische Reise durch das adelige Gehirn offenbart nicht nur die sprudelnden Quellen des Denkens, sie deckt auch schonungslos auf, wo aus den kleinsten geistigen Fliegen die monströsen Elefanten des Grübelns entstehen. Ich bin noch immer atemlos und tief in meinen Gedanken gefangen und darf gar nicht darüber nachdenken, wie das Denken eigentlich funktioniert. Kopfzerbrechen. Das ist hier wohl das richtige Wort, das dieser zamonischen Geschichte seinen Stempel aufdrückt.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Ja, wir sind zurück in „Zamonien„. Der legendäre Walter Moers entführt uns mit „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ auf eine unglaubliche Reise auf seinen fantastischen Kontinent, den wir schon so oft besuchen durften. Und doch ist es keine einfache Fortsetzung seiner bisherigen Geschichten. Es ist nicht die erhoffte Fortsetzung der Stadt der Träumenden Bücher. Für mich ist es viel mehr, weil Walter Moers aus einer Idee zu einer Kurzgeschichte dieses eigenständige Werk im Orbit seines Schaffens kultiviert hat. Ein auffallend anderes Buch, wenn man sich die bisherigen zamonischen Legenden genauer anschaut. Nicht Walter Moers hat es selbst illustriert. Diesmal ist vieles anders. Und genau das verleiht dieser Geschichte ihre ganz eigene zeitlose Strahlkraft.

Schlaflosigkeit ist ein dominantes Thema in diesen Tagen. Man behandelt sie oft medikamentös oder versucht ihr mit intensiven Therapien auf die Spur zu kommen und warnt vor ihren Folgen. Sie gehört zu den Symptomen schwerer Erkrankungen und wir nehmen Begriffe, wie Schlaflabor und Schlaftabletten doch nur beiläufig wahr. Hier ist Prinzessin Insomnia ein literarischer Weckruf, der deutlich aufzeigt, welche Folgen es für den Betroffenen hat, wenn Nächte durchwacht und Ruhephasen nicht mehr möglich werden. Lydia Rode kann ein Lied davon singen, leidet sie doch selbst an einer bislang unheilbaren Erkrankung. CFS. Chronisches Fatigue- oder Erschöpfungssyndrom nennt sich ihre Krankheit, die mit andauernder Schlaflosigkeit einhergeht.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

Doch Lydia Rode besingt ihre Erkrankung nicht. Sie unterhielt sich mit Walter Moers darüber, inspirierte ihn zu der zamonischen Geschichte, die sie mit Aquarellen und den eigenen faszinierend schönen Eindrücken aus ihrer Welt illustrieren sollte. Diese Bilder sind nun in Prinzessin Insomnia zu bewundern. Und Lydia Rode wird persönlich zur heimlichen Protagonistin eines imposanten Werkes. Der Knaus Verlag hat Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr in der gewohnt zamonisch exquisiten Aufmachung veröffentlicht. Ein grandioser Buchkunstaugengenuss, der seinen Platz in unseren Zamonien-Bücherregalen verdient hat.

Der Hörverlag hat diese Zamonie-Geschichte in aufwendiger Produktion mit der Stimme von Andreas Fröhlich zum Leben erweckt. Seine Interpretation Havarius Opals erinnert an die besten Zeiten eines Stollentrolls, der durch Dirk Bach unsterblich wurde. Hier passt alles. Die Atmosphäre und die sonore Stimme tragen durch das Hirn der Prinzessin. Darüber hinaus kann man einfach hören, wenn man in schlafloser Nacht nicht mehr lesen mag. Und wer denkt, dass diesem Hörbuch die Illustrationen von Lydia Rode fehlen, der sollte sich das aufwendig gestaltete Booklet mal näher anschauen. Ich habe gehört und gelesen. Immer im Wechsel. Schlaflos mit weit aufgerissenen Augen und offenem Herzen. Für mich der wohl intensivste Roman aus der zamonischen Feder von Walter Moers. Seine Botschaft ist heilsam. Vielleicht ja auch für Dylia / Lydia.

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr von Walter Moers

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„Der Junge auf dem Berg“ von John Boyne

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Seine Jungs sind anders. Das waren sie schon immer und sie werden es immer sein. John Boyne schreibt seit Anbeginn der Tage über junge Menschen, die sich von ihrem sozialen Umfeld unterscheiden und aufgrund ihrer Wesensmerkmale ausgegrenzt oder isoliert werden. Nur weil sie anders sind. Bei John Boyne lernt man als Leser nicht nur damit umzugehen, es ertragen und aushalten zu können. Man lernt auch, wie lächerlich es ist, andere auszugrenzen, weil sie nicht so ticken, aussehen, fühlen, lieben, denken wie es die Normen vorzugeben scheinen. Seine Romane waren, sind und werden stets zeitlos bleiben.

Ich habe durch ihn Barnaby, Danny, Noah, Alfie und Bruno kennengelernt. Jungs, die tiefe Spuren in meinem Lesen hinterlassen haben. Jungs, die sich in die Herzen der Leser geschlichen haben, Herzen brachen, Gänsehaut verursachten und Tränen ihren Weg ebneten. Unvergessen bleibt auch sein ältester Protagonist in Erinnerung. Tristan Sadler. Anders ist auch er. Ein Soldat im Ersten Weltkrieg. Mehr als nur befreundet mit seinem besten Kameraden. Viel mehr als das. Und doch schämt er sich seiner Gefühle. Am Ende der Scham steht ein Mantra, das Tristan Sadler allen Romanfiguren aus der Feder von John Boyne ins Stammbuch schreibt. Uns Lesern gleich mit dazu.

„Anders zu sein ist immer ein Problem, aber Du kannst es überleben – Du kannst damit zurechtkommen, ohne Dich selbst zu leugnen.“

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Krieg. Ein zentrales Thema bei John Boyne. Der Umgang mit traumatisierten Vätern, Verlust, Zerstörung und Massenmord beendeten die Kindheit einiger seiner Jungs und machten sie zu Opfern ihrer Zeit. Alfie erlebte das psychische Wrack seines Vaters am Ende des Ersten Weltkrieges und Bruno traf am dunkelsten Ort der Weltgeschichte auf einen Freund, der sein Schicksal besiegelte. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bleibt wohl das bedeutendste Werk John Boynes. Ein fiktionales Gedankenspiel, in dem das Schicksal einen der schlimmsten Täter des Holocaust auf grausame Weise bestraft. Es sind dabei immer die unschuldigsten und reinsten Herzen, die den Preis für die Untaten anderer zu bezahlen haben. Bruno folgt einem Jungen im gestreiften Pyjama. Ins Gas. In Auschwitz. Aus Neugier und Freundschaft. Sein Vater, der Massenmörder, verliert was er allen nahm. Ein Meisterwerk, dem John Boyne nun ein weiteres folgen lässt.

Der Junge auf dem Berg“, erschienen im Fischer Verlag, verdichtet erneut den Krieg und seine Folgen zu einem geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Man muss keines der Werke von John Boyne kennen, um diesen Roman in sein Herz zu schließen. Sollte man sich jedoch an Alfie und Bruno erinnern, dann wird man an einigen Stellen in diesem Roman Stiche im Leserherz empfinden, weil hier Wunden aufgerissen werden, die niemals verheilt sind. Pierrot ist “Der Junge auf dem Berg“. Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters. Keine gute Konstellation nach dem Ersten Weltkrieg. Ganz besonders nicht, wenn man in Frankreich lebt und im eigenen Vater das seelische Wrack eines besiegten und traumatisierten Menschen vor Augen hat. Alfie und Pierrot eint das Leben mit den Folgen des Krieges.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne macht uns in Der Junge auf dem Berg erneut zu den Weggefährten eines kleinen Jungen mit reinem Herzen. Sieben Jahre ist er alt, als er 1936 auf sich allein gestellt und plötzlich elternlos den Weg in ein unbestimmtes Leben antritt. Seinen besten Freund, den jüdischen Jungen Anshel und seine Heimatstadt Paris muss er nun hinter sich lassen, um in einem Waisenhaus seine Kindheit zu verbringen. Bis dahin ist Pierrots Leben so verlaufen, wie das vieler französischer Kinder. Behütet und ruhig. Als die Schwester seines Vaters den kleinen Jungen jedoch nach Deutschland holt, ändert sich alles. Die Zeit ist kritisch, das Land ist fremd und der Ort, an dem er nun leben soll ist der wohl ungewöhnlichste für eine unbeschwerte Kindheit.

Der Berghof. Hitlers Refugium bei Berchtesgaden. Die nationalsozialistische Idylle eines Ferienhauses am Rande der eskalierenden Weltpolitik. Von all dem ahnt Pierrot nichts, als er in die Gepflogenheiten des Ortes eingewiesen wird, an dem seine eigene Tante als Haushälterin arbeitet. John Boyne nähert sich authentisch und intensiv dieser abgelegenen Machtzentrale an, die nur von Zeit zu Zeit von Hitler bewohnt wurde. Und doch entstand in diesen Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg dort ein Nazitraum vor der malerischen Kulisse der Alpen. Ein Traum, der im Lauf der nächsten Jahre Schauplatz wichtiger politischer Begegnungen und braunes Auge des Nazi-Orkans werden sollte.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Aus dem kleinen französischen Jungen muss natürlich ein deutscher Junge werden, wenn er schon das Privileg genießt, auf dem Berghof leben zu dürfen. Aus Pierrot wird Peter. Und aus seiner lässigen und städtischen Kleidung wird die Knabenuniform des Jungvolks. Mit den äußeren gehen auch andere Veränderungen einher. Nur eine Frage der guten Erziehung. Nur eine Frage der Vermittlung neuer Werte. Das ist im Alter von acht Jahren doch schnell zu vermitteln. Hier ist der Geist formbar und willig. Und in der Anwesenheit des legendären Führers doch nur selbstverständlich. „Heil Hitler“ wird die Formel für das Leben auf dem Berghof. Vergessen wir Pierrot, so wie er sich selbst zu vergessen beginnt. Es lebe Peter. Peter der Große, so wie er sich selbst bald zu fühlen scheint. Diagnose des Lesers: „Zustand nach brauner Hirnwäsche“…

John Boyne bleibt sich selbst treu und wagt doch erneut viel. Er beschreibt in dem Umerziehungsprozess die Schwäche des Menschen und die scheinbare Stärke, die am Ende der Assimilation zu erwachen scheint. Aus unsicheren kleinen Jungs werden die machtgeilen Despoten der Zukunft. Gewagt ist es, diesen Roman in zwei Teilen sehen zu müssen. Einen rein fiktionalen Teil über die französische Kindheit Pierrots bis zu der Ankunft auf dem Berghof und einen zweiten authentischeren Teil, in dem Peter nun als Zaungast den historisch verbrieften Ereignissen auf dem Berghof beiwohnt. Boyne hat durch diesen literarischen Kunstgriff Fiktion und Realität vermischt und doch ist es ihm gerade dadurch gelungen, dem Nationalsozialismus die Maske der Bergidylle von der braunen Fratze zu reißen. Indoktrination wird greifbar. Flucht unmöglich. Peter wird zu einem Produkt seiner Zeit. Einer von vielen… Einer von zu vielen…

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

John Boyne beantwortet in seinem Jugendbuch „Der Junge auf dem Berg“ viele komplexe Fragen der Manipulierbarkeit des Menschen, seiner Korrumpierbarkeit in Hinblick auf den Zuwachs der eigenen Macht über andere und zeigt dabei sehr deutlich die Automatismen auf, die den Einzelnen in einer solchen Situation „umkippen“ lassen. Sprachlich und inhaltlich gelingt John Boyne erneut das literarische Kunststück, seinen Roman so zu verfassen, dass er gerade von jüngeren Lesern verstanden wird. Es fällt nicht schwer, sich in Pierrot hineinzuversetzen. Es tut weh, mit ihm zu Peter zu werden. In der Scham für seine Taten und Handlungen liegt die Kraft, sich selbst aufzulehnen.

Ich möchte nicht, dass Kinder jemals wieder zu einem Peter werden. Ich mag mir nicht vorstellen, dass diese Hirnwäsche an meinen Kindern vollzogen würde. Die letzte Konsequenz des „sich Ergebens“ liegt auf der Hand. Mitläufer und Mittäter entstehen nur so. Das zeigt auch „Der Junge auf dem Berg“. Pierrot/Peter begegnet auf seinem Weg Romanfiguren, die wir aus dem Konzentrationslager in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bestens kennen. Sie stehen hier sinnbildlich für die Lebenswege, die aus den Menschen von heute die Täter der Zukunft werden lassen. Hier kreuzen Menschen den Weg eines kleinen Jungen, die viele Jahre später im KZ ihren Hass ausleben dürfen.

Der Junge auf dem Berg von John Boyne

Ob „Der Junge auf dem Berg“ über den Berg kommt, sollten Sie selbst lesen. Der Roman trägt das Gütesiegel Boyne und wird ihm mehr als gerecht. Hintergründe und Hintergründiges zu seinem Schreiben finden Sie in meinem Interview mit diesem ganz Großen seiner Zunft. Hier

Auch Bianca und Literatwo sind beim Thema „Gegen das Vergessen“ noch längst nicht über den Berg… Hier geht´s zur Boyne-Rezension auf den Berghof.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu HÖREN sind

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Was waren das noch für Zeiten. Jugendbücher wurden zu ihrem Erscheinungstermin mit Geldtransportern ausgeliefert. Schwer bewacht von allzu grimmigen Buchhändlern. Ein Hype, der heutzutage eher der Vergangenheit angehört. Details der Fortsetzungen wurden nicht verraten und die ganze Welt wartete ungeduldig darauf, dass wieder eine neue Geschichte von Harry Potter das Licht der Bücherwelt erblickte. Und von wegen Jugendbuch! Nicht nur die jüngsten Leser fieberten in langen Harry-Potter-Nächten den neuen Büchern von einer britischen Autorin entgegen, die ihren weltweiten Erfolg vielen Zufällen und einer brillanten Idee zu verdanken hatte. Joanne K. Rowling.

Zu Beginn der Zauberwelle war die Welt nur von ihren Büchern geprägt. Es galt zu lesen, was das Zeug hielt, um am „Goldenen Schnatz“ zu bleiben. Bilder spielten sich nur in unseren Köpfen ab und jeder stellte sich Harry, Hermine und Ron so vor, wie es seine eigene Fantasie erlaubte. Als die Verfilmungen der Romane das Universum von Hogwarts um eine weitere Dimension erweiterten, gab es gar kein Halten mehr. Leser, die von der ersten Seite an Weggefährten von Harry waren, galten als alte Hasen und Joanne K. Rowling badete in dieser Woge des Erfolges. Ein Erfolg, den man ihr so sehr gönnte.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Und was wir in der Hoch-Zeit dieser Woge so alles freudig zu uns nahmen. Harry Potter war allgegenwärtig und die Wartezeit sorgte nicht nur in Deutschland für wildeste Spekulationen. Stirbt Harry am Ende, sind es wirklich nur sieben Teile und was machen wir am Ende von alledem? Fragen, mit denen sich jeder HP-Fan mindestens ein Mal in seinem Leben auseinandergesetzt hat. Gut, dass Joanne K. Rowling selbst immer ein gutes Näschen für den richtigen Zeitpunkt hatte, ihre Leserschar mit neuen Inhalten zu füttern. So kam es 2001 auch zu den legendären kleinen Bändchen, die ganz frisch aus der Schulbibliothek von Hogwarts entschlüpft zu sein schienen.

Wollten wir nicht immer schon ein echtes Schulbuch aus der Zauberschule in den eigenen Händen halten? Bestenfalls auch noch eines, in dem gelangweilte Schüler in und zwischen den Zeilen handschriftliche Kommentare und kleine Späße hinterlassen haben? Vielleicht sogar eines mit den Spuren unserer jungen Helden? Lebensbeweise und Nahrung für unsere Phantasie. Beide Wünsche wurden uns erfüllt und seitdem war es wichtig, die kleinen aber feinen Schulbücher „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ und „Quidditch im Wandel der Zeit“ in die eigene Potter-Bibliothek zu integrieren.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Und sind wir doch mal ehrlich! Was wären die Generationen von Zauberlehrlingen in Hogwarts ohne diese Schulbücher gewesen? Aufgeschmissen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Quidditchspiel hätte je regelkonform stattfinden können und die Herkunft der unglaublichen Tierwesen, die ein gewisser Newt Scamander auf der ganzen Welt zusammengetragen, kategorisiert und beschrieben hatte, wäre bis heute ungeklärt. Im Vergleich zu unseren Schulbüchern (also aus reiner Muggelsicht natürlich) ein wahrer Schatz der Schulbuchliteratur, den man verinnerlicht haben muss.

Der Hintergrund für diese beiden Werke war durchaus ernster. Joanne K. Rowling wollte teilen. Nicht nur ihr Wissen um die Welt, die sie geschaffen hatte. Nein. Sie war bestrebt, ihren Erfolg zu teilen und wohltätige Organisationen zu unterstützen, die wohl bis heute unentdeckt geblieben wären, hätte sie sich nicht in die Bresche geworfen. Ein großer Teil der Erlöse aus dem Verkauf dieser Bücher ging an Comic Relief, eine der angesehensten karitativen Einrichtungen in Großbritannien. Albus Dumbledore sagte mal dazu:

„Die Markscheine und Galleonen, die Sie hinblättern, verrichten magische Werke, welche sogar die Kräfte von Zauberern übersteigen.“

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Nun sind einige Jährchen ins Land gegangen, seit die Saga um Harry Potter zum Abschluss gelangt ist. Die Bücher sind geschrieben, die Filme wurden abgespult und weltweit atmet die inzwischen erwachsene Fangemeinde der großen Autorin nach wie vor die gute Luft der Magie aus ihrer Feder. Dass jetzt aber ausgerechnet eines dieser Schulbücher für Furore sorgt, sich verselbständigt und eine Geschichte erzählt, die uns zurück zu den Wurzeln von Harry Potter bringt, das hätte wohl niemand erwartet.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ wird gerade weltweit gefeiert, weil nicht nur das kleine Schulbüchlein im Mittelpunkt dieser Geschichte steht, sondern Joanne K. Rowling selbst ihr Debüt als Drehbuchautorin für die Verfilmung des Stoffes gab. Alle Fans empfinden dieses Sequel inzwischen als legitime Fortsetzung der Saga, die beendet schien. Die Welle war erneut erstaunlich. Die Bücher wurden dem Carlsen Verlag aus der Druckpresse entrissen, das originale Schulbuch erlebte ein Revival und die Verfilmung mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle als Newt Scamander sprengte in aller Welt die Kinokassen.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Mich erreichte der neue Hype auf Umwegen. Ein Geschenk meiner Mutter an meine Tochter; alle Harry-Potter-Verfilmungen in einem Schuber; gemeinsame Staunstunden und die Entdeckung der Verfilmung der phantastischen Tierwesen; mein Griff ins Regal der Harry-Potter-Werke; ein kleines feines rotes Tierwesen-Schulbuch im Original aus dem Jahr 2001 und eine Hörbuchfassung von Der Hörverlag mit der Synchronstimme von Eddie Redmayne. Man kann sich vorstellen, welcher Welle ich mich erneut hingab und welche Woge der Begeisterung ich damit auslösen konnte. Alles war greifbar, alle Ausgaben in allen möglichen Varianten verfügbar und der Genuss war grenzenlos.

Timmo Niesner spricht den Newt Scamander, wie man ihn aus dem Film kennt. Er verkörpert den ruhigen und introvertierten Gelehrten, dem es um die Belange der Tiere geht, die er entdeckt und kategorisiert hat. Das Schulbuch „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sindkommt in seiner Hörbuchadaption in Echsenhautoptik und mit einem grandiosen Sounddesign daher. Beides sorgt für Gänsehaut. Die Echse rein haptisch, die Soundeffekte mit phantastischen Tiergeräuschen akustisch. Hier vergeht die Zeit wie im Flug des Phoenix. Zwei Stunden auf zwei goldenen CDs mit Hippogreif und Basislisk werden zur Tour de Raison durch die phantastische Tierwelt, die Joanne K. Rowling auf die Welt der Zauberer losgelassen hat.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Ein perfektes Geschenk für Muggel, denen der Glaube fehlt. Perfekt für Fans von Harry Potter, die denken, schon alles zu haben. Ein tolles Geschenk für Freunde guter Audiobücher mit tollem Sounddesign und natürlich der mehr als perfekte Start für eine eigene Recherche, sollte man sich am Loch Ness mal fragen, woher denn das Monster stammt. Newt Scamander weiß Rat….

„Aquila“ von Ursula Poznanski – Siena lässt grüßen

Aquila von Ursula Poznanski

Aquila“. So schallt es durch den Bücherwald. Der neue Psychothriller aus der Feder von Ursula Poznanski entwickelt sich zum literarischen Gassenhauer dieser Tage. Es würde bedeuten, Eulen nach Athen zu tragen, den Freunden der kleinen literarischen Sternwarte zu erklären, welche Bedeutung die Bücher der bekanntesten Löwenmähne des deutschsprachigen Buchmarktes für mich haben. Ursula Poznanski ist und bleibt die Fluchthelferin meines Lesens, weil ich in jedem ihrer bisherigen Bücher durch mein Lesen raste und zum Weltrekordler in literarischen Verfolgungsjagden mutierte. Meine Artikel zu ihren Werken legen davon ein mehr als deutliches Zeugnis ab.

Erebos, Saeculum, Layers und Elanus waren Meilensteine. Ein Radiointerview für Literatur Radio Bayern und mein Gastbeitrag auf dem Blog des Loewe Verlages sind wegweisend zu einer Autorin, die ebenso eloquent wie sympathisch ist.

Aquila ud mehr von Ursula Poznanski – AstroLibrium

Anders als bei den bisherigen Büchern finden Sie im Folgenden keine klassische Rezension. Ich finde es spannend, mich den Fragen des Loewe Verlages zu Aquilazu stellen und auf diese Art und Weise indirekt über mein Lesegefühl und seine Folgen Auskunft  geben zu können. Ohne jede Erinnerung an die letzten beiden Tage kommt Nika in ihrer Wohnung in Siena zu sich. Von ihrer Mitbewohnerin fehlt jede Spur und in Nika regt sich der Verdacht, dass etwa Schreckliches passiert sein muss. Warum? Nun, Nikas Zustand und die Indizien sprechen eine mehr als deutliche Sprache.

– Sie ist verdreckt und verletzt…
– Sie ist in der eigenen Wohnung gefangen…
– Ihr Handy ist verschwunden, der Laptop unbrauchbar…
– Den Badezimmerspiegel ziert der Schriftzug „Letzte Chance“…
– In ihrer Jeans findet sie einen Zettel mit unverständlichen Nachrichten

Als der Freund ihrer Mitbewohnerin Jenny erscheint, lichtet sich der erste Nebel in einer Mischung aus Eifersucht, Streit und Handgreiflichkeiten, die sich an jenem Abend abgespielt haben, an den sich Nika noch erinnern kann. Was nun beginnt, ist die wilde Jagd durch eine Stadt, die ihre Adlerklauen in die Psyche der jungen Studentin schlägt.

Aquila von Ursula Poznanski – Eine Spezial

Atemlos wie immer hat mich Ursula Poznanski auch diesmal am Ende ihres neuesten Thrillers an der Hand genommen und alle Rätsel gelöst, die mir schlaflose Nächte und ruhelose Tage bereitet haben. Es war deshalb sehr spannend für mich, mit den Fragen des Loewe Verlages auseinanderzusetzen, weil sie schon genau die Punkte berühren, die mich als Leser bewegt haben.

1. Eine fremde Stadt:

Nika begibt sich für ihr Studium auf das Abenteuer „Siena“ in eine fremde Stadt, ohne ihre Familie, ohne Freunde. Hand aufs Herz: Hast du das auch schon einmal gemacht oder würdest es gerne tun?

Allein auf mich gestellt in einer fremden Stadt? Klar. Im Laufe eines Lebens kommt das alleine schon aus beruflichen Gründen oder in Urlauben recht häufig vor. Und wenn es das Schicksal will, dass man aus der Eifel stammt, dann wird eine Reise nach München mit den ersten Arktisexpeditionen durchaus vergleichbar. Die neue Welt. Das Ende des bekannten Universums. Ich habe es tatsächlich überlebt, auch ohne Internet, GPS oder Handy. Das war damals alles Zukunftsmusik. Eine Welt der Telefonzellen, Stadtpläne, Walkmans und Musikkassetten. Hier wurde noch Auge in Auge gechattet (ohne Skype).

Aquila von Ursula Poznanski

2. Stell dir vor:

Du wachst auf, bist in deiner Wohnung eingeschlossen. Ohne Schlüssel, Internet oder Telefon und kannst dich nicht erinnern, wie du in diese Situation gekommen bist. Wie befreist du dich aus deiner Lage?

Sehen wir es mal so: Die meisten Wohnungen in Mitteleuropa gelten ja im Allgemeinen nicht als besonders einbruchssicher. Wenn sie eines aber noch viel weniger sind, dann ausbruchssicher. Aus einer verschlossenen Wohnung zu entkommen, auch wenn diese in einem oberen Stockwerk liegt, ist eher unproblematisch. Wohnung bedeutet zugleich Einrichtung, Einrichtung bedeutet Alltagsgegenstände und das bedeutet Werkzeug. Ein einfaches Messer oder ein Schraubenzieher reichen aus, den Schlüsselzylinder an der Eingangstür zu entfernen und zu entwischen.

Darüber hinaus ist kein Fenster so verschlossen, dass es von innen nicht zu öffnen ist. Also zur Not Fenster auf und raus. Je nach Etage stellt sich nur die Frage, ob man hier springen kann oder sich das Abseilen an Betttüchern empfiehlt. Feel free. Es gibt mehr als nur einen Weg in die Freiheit.

3. Orientierung

Nika nutzt die Gebäude der Universität, Cafés, aber auch GPS zur Orientierung in Siena. Welche Möglichkeiten nutzt du, um dich in einer fremden Stadt zurecht zu finden.

Man nutzt das örtliche Informationsangebot vor Ort aus. Stadtpläne finden sich an allen Bushaltestellen. Den Weg ins Stadtzentrum zu finden ist dann ein Leichtes. Hier kommt man zur Not auch schwarzfahrend voran, was ja auch die Spannung erhöht. Danach ist es nur noch wichtig, die Touristeninformation zu finden und sich mit einem Stadtplan zu versorgen. Hotels helfen da erfahrungsgemäß ebenso aus und schon kann man seine Kreise ziehen. Und vielleicht hat man ja auch Glück und findet mit dem international so beliebten Hilfsmittel des aufgesetzten hilflosen Hundeblickes ja einen ortskundigen und hilfsbereiten Fremdenführer (oder in meinem Fall eben eine Fremdenführerin).

Ansonsten gilt bei absoluter Orientierungslosigkeit immer wieder das bewährte Prinzip der Semmeltüten-Navigation. Man wird kaum eine Bäckerei finden, die ihre Adresse nicht auf der Brötchentüte verewigt hätte. Prima für den Startpunkt einer Reise.

Aquila von Ursula Poznanski

4. Sprachbarriere

Deine Freundin ist verschwunden. Du willst sie bei der italienischen Polizei als vermisst melden. Wie schaffst du das trotz Sprachbarriere?

Gerade in Italien stelle ich mir das grundsätzlich nicht so schwierig vor. Die Polizei dort ist ebenso wenig auf den Kopf gefallen, wie die unsere, wenn ein Italiener versucht hier eine Vermisstenanzeige auf Italienisch aufzugeben. Ansonsten hilft in Italien das Code- Wort „Amanda Knox“ und schon wird die Polizei so hellhörig, dass sich der Rest schon fast von allein ergibt.

5. Ohrwurm

Irgendwie lösen die ersten Zeilen des Songs „Smells like teen spirit“ von Nirvana bei Nika sehr starke Emotionen aus. Welcher „Ohrwurm“ hat das zuletzt bei dir geschafft?

Ein Ohrwurm, der für nachhaltige Gänsehaut gesorgt hat. Revolverheld: Ich lass für dich das Licht an“, weil dieser Song meine romantische Ader in aller Tiefe berührt und mich natürlich auch an besondere Ereignisse im Jahr 2015 erinnert, ohne die ich nicht leben möchte.

6. Mit welchem Buch vergleichbar?

Italien, enge mittelalterliche Gassen, eine nervenaufreibende Spurensuche und die hitzige Jagd nach der Lösung eines Rätsels –  In welchem Buch hast du dich schon einmal auf eine ähnlich spannende Reise gewagt?

Ursula Poznanski hat mit Aquila ein Thrillerniveau erreicht, das ich zuletzt bei Inferno von Dan Brown erlebt habe. Gedächtnisverlust, lebensbedrohendes Szenario und die Kulisse einer altehrwürdigen italienischen Stadt mit historischem Ambiente haben mich an der Seite von Robert Langdon durch Florenz rasen lassen. Auch er hatte nur zwei Tage aus dem Gedächtnis verloren und stand vor schier unlösbaren Aufgaben, die eng mit der Geschichte der Stadt verbunden waren. Hier geben sich nun Florenz und Siena die literarische Hand. Grandios.

Aquila von Ursula Poznanski – Das Hörbuch mit Laura Maire

Abschließend noch ein Wort zur Hörbuchfassung zu Aquila“ aus dem Hause Der Hörverlag. Hier spricht sich uns Laura Maire in einer brillanten Interpretation der völlig verunsicherten Nika ins Herz. Diese Stimme trägt das Hörbuch durch die Straßen von Siena. Man spürt die teilweise naive Hilflosigkeit, die zunehmende Überforderung und die innere Qual, angesichts der Vielzahl unbeantworteter Fragen schier zu verzweifeln. Laura Maire investiert viel, wenn sie Nika stimmlich mit Leben füllt. Besonders lebendig sind jene Passagen gelungen, in denen Nikas radebrechendes Italienisch mit dem allzu schnellen Italienisch der Menschen konfrontiert wird, die sie umgeben. Hier lässt Laura Maire ein Sprachflair entstehen, das einfach grandios ist und der Handlung zusätzliche Authentizität verleiht.

Ich hatte mir diese zarte Stimme so sehr für dieses Hörbuch gewünscht, weil sie eben auch zu Stärke erwachen kann, an Dringlichkeit zunimmt und Selbstbewusstsein entwickelt, wo man Nika schon fast aufgeben möchte. Diese Interpretation ist mehr als gelungen und bringt die literarische Strahlkraft von Ursula Poznanski auf den Punkt.

Lesen und / oder hören? Entscheiden Sie selbst. Hauptsache, Sie reisen nach Siena und erleben einen absolut rasanten Psychothriller, der am Ende keinerlei Fragen offen lässt. Und mir bleibt zu hoffen, dass ich irgendwann eine kleine Rolle in einem Roman von Ursula Poznanski spielen werde. Ich drücke mir selbst die Daumen, vermute aber schon jetzt, dass ich es maximal bis zur Leiche auf dem Seziertisch bringe. Das jedoch wäre schon ein Anfang…

„Der Anfang“ von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Eigentlich sollte man angesichts eines Bilderbuches, in dem nur sehr wenige Worte verloren werden, nicht selbst ins Schwafeln kommen. Eigentlich. Da ich jedoch nicht mit der Gabe des brillanten Zeichnens gesegnet bin, kann ich meine Buchvorstellung zwar mit einigen atmosphärischen Fotos des vorgestellten Werkes garnieren, das Bilderbuch in den Kontext der von mir bereits besprochenen Werke bringen und meine Meinung zu Gestaltung und inhaltlicher Tragweite äußern, benötige hierfür aber deutlich mehr Text, als die Autorin Paula Carballeira.

Und doch versuche ich mich kurz zu fassen, denn in ebendieser Kürze besticht „Der Anfang“, ein erzählendes Bilderbuch für Kinder im Lesealter ab 3 Jahren, das 2014 im Bohem Verlag erschienen ist. Für mich persönlich ist „Der Anfang“ gar kein Anfang im eigentlichen Sinne, da ich bei der Betrachtung der Illustrationen in der Verlagsvorschau an ein Bilderbuch erinnert wurde, das ich hier schon vorgestellt habe. Die Zeichnungen weckten das Gefühl in mir, den gegenständlichen Stil der Zeichnerin wiederzuerkennen und ich begann zu forschen.

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Sonja Danowski. Ich lag richtig. Unverkennbar ist ihre Kunst, unverkennbar ist die Art und Weise, wie sie ihren Illustrationen Leben einhaucht. Die gezeichneten Menschen in diesem Bilderbuch haben eigene Charaktere, wirken nah, sympathisch, verletzlich und zutiefst real. Ich hatte dieses Gefühl schon im Bilderbuch „Oma trinkt im Himmel Tee“ von Fang Suzhen und eben Sonja Danowski, erschienen im NordSüd Verlag. Ging es hier um den Tod eines geliebten Menschen aus der Perspektive eines Kleinkindes, so entführt uns „Der Anfang“ erneut in ein Szenario, in dem gerade Kinder Trost und eine große Portion Hoffnung benötigen. In eine Zeit nach dem Krieg.

„Der Anfang“ beginnt mit dem Ende. Die Geschichte beginnt genau dort, wo wir alle zeitlos und unabhängig von allen Rahmenbedingungen des Lebens bei Null anfangen müssen. In einer Zeit, die in allen Regionen dieser Welt für alle Menschen identisch ist. In einer Zeit nach der Zerstörung, nach dem Desaster. Einer Zeit, in der es kein Hoffen gibt. Einer Zeit, in der es schwer ist daran zu glauben, dass nach dem Ende der Gewalt je wieder etwas Neues entstehen kann, das nach Leben schmeckt. Es ist die Tristesse der Nachkriegszeit, die „Der Anfang“ beschreibt, erzählt und fühlbar macht.

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Wie können Eltern ihren Kindern die Angst vor der ungewissen Zukunft nehmen? Wie können sie ihnen eine behütete Kindheit schenken, wo doch nichts mehr sicher ist? Wie kann man aus dem Nichts heraus Hoffnung schöpfen. „Der Anfang“ erzählt genau davon. Dieses Bilderbuch führt uns mit einfachen und hoffnungsvollen Worten, sowie in seinen Illustrationen zu einer Familie, die vor dem Nichts steht. Dunkel und erdig in der Farbgebung unterstreichen die Bilder von Sonja Danowski die Trostlosigkeit dieser Zeit und doch spiegeln sich in den Gesichtern der Eltern und ihrer Kinder Gefühle wider, die uns alle mit Hoffnung erfüllen.

Zuneigung und Liebe sind die Konstanten, die die Eltern ihren Kindern schenken. Gefühle, die sie in Sicherheit wiegen und alle materiellen Verluste aufwiegen. Auch mit Nichts lässt sich ein Anfang wagen. Diese Botschaft ragt aus diesem Bilderbuch heraus und macht es so unendlich wertvoll für gemeinsame Lesestunden mit den allerkleinsten Lesern. Zu sehen, wie sich das erste Lächeln in die unschuldigen Gesichter der Kinder dieser Geschichte stiehlt, ist ein großes gemeinsames Erlebnis. Zu erleben, wie dieses Lächeln sich in den Gesichtern der Kinder widerspiegelt, die der Geschichte folgen, ist ein Privileg des Lesens.

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Der Anfang beginnt mit dem Ende und doch gelingt es Paula Carballeira und Sonja Danowski im literarisch bildlichen Zusammenspiel eine Stimmung zu erzeugen, die uns davon überzeugt, dass die Hoffnung dieser Welt in den Kindern verborgen liegt. In aller Tiefe entwickelt sich ganz langsam eine Atmosphäre, die den Kindern im gemeinsamen Lesen Halt und Zuversicht vermittelt. „Der Anfang“ ist viel mehr als ein Anfang. Es liegt ein besonderer Zauber in dieser Geschichte, in ihren Worten und Bildern.

Prädikat besonders wertvoll…Bilderbuchwelten bei AstroLibrium