Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter

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Raquel J. Palacio – „WUNDER“ – Vom Buch zum Film

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Manchmal werden Literaturverfilmungen gar nicht mehr als solche wahrgenommen, weil die Romanvorlage zum Film schon lange zurückliegt, oder nicht die Zielgruppe von Lesern erreicht hat, die nun die Kinokassen stürmen. Im Januar werden jedenfalls viele Menschen einen neuen Film bestaunen, auf den ich eigentlich schon seit Jahren warte. Raquel J. Palacio veröffentlichte 2012 ihren Roman „Wunder“, der das Schicksal von August Pullman in den Mittelpunkt stellt. Einen Jungen, der aufgrund eines Gendefekts stark entstellt ist. Das Jugendbuch trat gegen Ausgrenzung und gezieltes Mobbing an, erfreute sich großer Beliebtheit und doch werden viele Erwachsene den Film nicht mit einem Buch in Einklang bringen. Grund genug für mich, eine Retrospektive auf diesen außergewöhnlichen Roman zu wagen und mich mit gutem Gefühl ins Kino zu setzen.

Mit Julia Roberts hat Regisseur Stephen Chbosky die Bestbesetzung für Auggies Mutter gefunden. Hier kann sie alle Facetten einer kämpferischen, verzweifelten und oftmals auch hilflosen Mutter abrufen, die auf der Gratwanderung zwischen Bemuttern, Behüten und Umsorgen nun den Schritt in die harte Realität mit ihrem Sohn gehen will. Die Konfrontation mit einem entstellten Kind stellt die Umwelt vor eine Herausforderung, der sie kaum gewachsen scheint, „Wunder“ trägt seinen Namen zu Recht, weil Auggie die Welt verändert. Jacob Tremblay brilliert in der Rolle von August. Der Schauspieler ist bekannt aus der Verfilmung von Emma Donoghues Roman „Raum“. Schon hier hat er als der kleine Jack Newsome, der in absoluter Isolation mit seiner Mutter aufwächst, geglänzt. Auch für „Wunder“ wurde er bereits für die Critics Choice Movie Awards als bester Jungschauspieler nominiert.

Lasst euch den Film nicht entgehen und vielleicht werft ihr einen Blick ins Buch, bevor ihr ins Kino geht, oder auch danach. Wunder ist es wert, gemeinsam mit jungen Menschen gelesen und gesehen zu werden. Ich möchte euch Auggie gerne ein wenig näher vorstellen…  Ich sehe ihn oft vor mir, wenn ich an das Buch denke…

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich sehe einen Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Ich sehe einen Jungen, der nur einmal im Jahr befreit durchs Leben gehen kann. Ohne Angst gehänselt  zu werden und ohne Furcht, dass Menschen die Straßenseite wechseln, nachdem sie ihn sehen. Halloween. Der Tag, an dem sich alle Kinder verkleiden, sich hinter gruseligen Masken verstecken, nach „Süßem oder Saurem“ verlangen und sich diebisch freuen, wenn man entsetzt die Augen verdreht. Dieser Tag ist der schönste Tag des Jahres für August, weil er ohne Verkleidung den gleichen Effekt erzielt.

Ich lese die Worte des Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Sie sind an mich gerichtet und er versucht mir meine Berührungsangst zu nehmen. Er spricht zu mir und ich höre ihm gebannt zu, da ich ahne, dass die Worte mich tief bewegen werden. Über sich selbst sagt er nur:

Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer!“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich folge diesem Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Seine Eltern haben für ihn beschlossen, dass er trotz seiner genetisch bedingten Gesichtsdeformationen nun endlich eine richtige Schule besuchen muss. Den nächsten Schritt in ein Leben, in eine Zukunft der Normalität – dies ist ihr Ziel und auch August möchte diesen Schritt gehen. Denn hinter der verunstalteten Fassade ist er intelligent, liebenswürdig und hilfsbereit.

Ich erlebe ein Umfeld, das unnachgiebig nach Außenseitern sucht und einen solchen in August findet. Ein geborenes Opfer, das man gerne ausgrenzt – zumal man ja selbst unsicher ist, wie man einem Jungen begegnen soll, dem man nicht in die asymmetrisch angeordneten Augen schauen kann. Jemand, den man gut herumschubsen und leicht quälen kann – weil man es nicht besser weiß. Ich fühle „Auggies“ Schmerzen, Zweifel und die Zerrissenheit angesichts der Richtigkeit seines Weges. Ich ziehe mich heulend mit ihm zurück.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Spätestens an dem Tag, als jene, die es besser wissen müssten (die Eltern seiner Mitschüler) sein Gesicht auf dem offiziellen Klassenfoto wegretuschieren, bricht in mir die blanke Wut aus. Spätestens an diesem Tag bricht die Welt meines neuen Freundes „Auggie“ haltlos in sich zusammen, da er realisieren muss, dass sein Traum von einem normalen Leben wie eine Seifenblase platzt. Man lästert nicht nur hinter vorgehaltener Hand über ihn. Man schließt von seinem Äußeren auf sein Inneres und erklärt ihn zum hässlichen Menschen – zu einem Wesen, das in einer schönen Gemeinschaft wie ein Fremdkörper wirkt. Selbst jene, denen er vertraut, verraten ihn bitterlich.

Ich weine oft in dieser Zeit. Ich weine um Auggie und fühle seinen eigenen Schmerz. Bis jemand in sein Leben tritt, der ich im wahren Leben gerne wäre. Jemand, der ihn so annimmt, wie er wirklich ist. Jemand für den falsches Mitleid ein Fremdwort ist. Jemand der nicht aus geheuchelter Anteilnahme Interesse vorgaukelt, sondern ein Mensch, der zeigt was es heißt, sein Gegenüber ohne jedes Vorurteil wahrzunehmen.

„Ich heiße übrigens Summer. Wie heißt Du? August? Hey, unsere Namen passen gut zusammen. Wir können das hier zum exklusiven Sommer-Tisch erklären. Nur Leute mit Sommer-Namen dürfen hier sitzen… Gibt`s hier irgendwen, der June oder July heißt?“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Und dann hört das Weinen auf – dann enden die Zweifel, denn es ist „Auggie“ selbst, der mir auf die Schulter klopft und meint, es wäre nun aber wirklich mal an der Zeit mit erhobenem Kopf der Realität ins Auge zu schauen. Wie kann ein nicht mal 10-jähriger Junge nur so stark sein? Wie kann er das nur? Raquel J. Palacio gelingt mit „Wunder“ ein wahres Wunder. Sie stellt nicht nur August in den Mittelpunkt des Romans, sondern erzielt mit den wechselnden Erzählperspektiven eine beeindruckende Wirkung.

Nicht nur von innen lernen wir „Auggie“ kennen. Nein – auch das Außen entzieht sich nicht. Seine ältere Schwester kommt zu Wort, die einerseits wie eine Löwin für ihn kämpft, sich andererseits lebenslang zurückgesetzt fühlt, da sich doch alle Planeten der Familie nur um diesen einen Fixstern drehen. All jene, die „Auggie“ ganz bewusst oder unbewusst verletzen werden eingeblendet und als gänzlich außenstehender Leser wird man in einen literarisch hochklassigen Mahlstrom aus Missverständnissen, Hilflosigkeit, purer Falschheit und selbstloser Empathie verwickelt.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Raquel J. Palacio verleiht den Planeten des Sonnensystems „Auggie“ Gehör und allein durch diesen Kunstgriff erzählt sie keine von reinem Mitleid geprägte Geschichte, sondern nimmt uns Leser an die Hand und fragt nach jedem Kapitel ganz zart „Und Du? Was hättest Du getan?“ Und diese Frage stellt sie ohne jeden Vorwurf. Sie erhebt nicht einmal den Anspruch es selbst besser gemacht zu haben.

„Wunder“ ist ein Wunder von einem Buch. Eine Gesellschaft inmitten einer tiefen Debatte um gleiche Rechte für Menschen mit Handicap kann durch einen solchen Roman verändert werden. Familien können verändert werden, wenn man nur für sich selbst überlegt, was die Erkrankung eines Kindes, eines Bruders oder einer Schwester bedeuten kann. Dieser Roman kann uns verändern, da er menschliche Schwächen im Umgang mit solch außergewöhnlichen Erkrankungen nicht verurteilt, sondern lediglich zeigt, welche Folgen unbewusst und bewusst durch unser Verhalten und Fehlverhalten entstehen können.

Dies ist mit Sicherheit kein trauriges Buch für Leser von 10 bis 99 Jahren. Dies ist keine wehleidige Geschichte. „Wunder“ ist ein Roman, bei dem man ein Wunder erlebt. In jeder Beziehung des Lesens. Unverkitscht – ungeschönt und doch so sehr strahlend wegen der riesigen Portion Hoffnung, die „Auggie“ durchs Leben trägt. Ihr müsst diesen besonderen Jungen kennenlernen. Gebt ihm eine Chance, euch von seinem Leben zu erzählen und hört dabei seinen Verwandten und Freunden zu. Und begeht dabei nicht den Fehler, auch die falschesten aller Freunde zu verurteilen. „Auggie“ würde das auch nicht tun – niemals.

Am Ende dieses großen Romans solltet ihr bereit sein, „Auggie“ in sein eigenes Leben zu entlassen. Gute Autoren lassen ihre Protagonisten an dem Punkt ziehen, an dem sie davon überzeugt sind, dass sie es von da an selbst schaffen können. Ein Satz von Jennifer Benkau (Dark Canopy und Dark Destiny), den ich nicht vergessen werde. Er ist so wahr und zeugt von wahrer Größe. Aber glaubt mir, bevor ihr „Auggie“ alleine lassen müsst, werdet ihr Zeuge eines Finales, das diesem kleinen besonderen Jungen mehr als würdig ist.

“You are beautiful – no matter what they say” – Nur eine kleine unbedeutende Zeile eines weltbekannten Songs, könnte man wohl meinen. Die eigentliche Wahrheit dieser melodischen Botschaft geht tiefer – viel tiefer. „Du bist schön – egal was andere sagen“. Kein Song passt besser zu diesem Buch, kein Song passt besser zu „Auggie“ und kein Song ist ehrlicher als dieser.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Entdeckt die Schönheit von Buch und Film. Vielleicht findet ihr euch sogar selbst!

William Joyce – Die Abenteuer des Ollie Glockenherz

Die Abenteuer des Ollie Glockenherz von William Joyce

Kuscheltierzeit in der kleinen literarischen Sternwarte! Haben wir nicht alle in einer ganz geheimen Ecke unseres Lebens einen kleinen Erinnerungsraum, in dem sich das Lieblingskuscheltier unserer Kindheit befindet? Ist es nicht so, dass wir ein Stofftier aus der Vergangenheit in unserem Herzen tragen? Eines, das mit den schönen Momenten des Heranwachsens verbindet und dem wir viel anvertraut haben, was sonst verborgen bleiben sollte? Bei mir zumindest ist es so und die Erinnerung ist nicht verblasst, oder verlorengegangen. Mein Herzenskuscheltier heißt Peter, ist ein Steiff-Teddybär, wurde mir schon zur Geburt in die Wiege gelegt und war zu diesem Zeitpunkt deutlich größer als ich selbst. Jetzt sind wir beide ein wenig ergraut und abgegriffen, aber nichts konnte unsere Wege trennen. Peter ist noch immer bei mir und schaute mir beim Lesen eines ganz besonderen Buches ganz genau über die Schulter…

Die Abenteuer des Ollie Glockenherz von William Joyce

Die Abenteuer des Ollie Glockenherz“ von William Joyce, Sauerländer Verlag, fiel mir auf der Leipziger Buchmesse ins Auge. Einerseits war ich von der Vorschau auf die Handlung begeistert und andererseits waren es die Illustrationen die mich insgeheim in Wallung versetzten. Ein Kuscheltierbuch, aber keines, das nur zum Kuscheln verleitet, sondern viel mehr zum Nachdenken und Erinnern an die eigene Zeit mit einem Stofftier des tiefsten Vertrauens. William Joyce hat sich auch „nur mal eben“ erinnert. Inspiriert von seinem eigenen Lieblingskuscheltier und dem gemeinsamen Weg durch eine nicht immer leichte Kindheit hat er ein Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbuch geschaffen, das unsere Herzen höher schlagen lässt, weil wir alle eines gemeinsam haben. Jeder von uns hatte seinen „Ollie Glockenherz“…

Die Abenteuer des Ollie Glockenherz von William Joyce

Dieses großformatige Prachtbuch hebt sich deutlich von den einfachen und liebevoll verfassten Kinderbüchern ab, die oftmals leichte und lustige Geschichten erzählen. Hier tauchen wir in eine komplexe Geschichte ein, die alle Elemente enthält, die erforderlich sind, um aus einem ganz normalen Buch einen großen Wurf zu machen. Und genauso empfinde ich „Die Abenteuer des Ollie Glockenherz“. Als einen großen Wurf in mein Lesen, der mich dazu verführte, ein kleines glockenhelles Notizbuch mit meinen tiefen Lesegefühlen zu füttern und meinen eigenen Erinnerungen freien Lauf zu lassen. Nicht viele Bücher in meinem Leben bekommen ein eigenes Begleit-Notizbuch. Wenn dieses Prädikat allein noch nicht als Leseempfehlung ausreicht, dann werft doch einfach einen Blick auf die Handlung und die Illustrationen eines Buches, das in der Lage ist, Herzen im Takt mit einem kleinen Glöckchen schlagen zu lassen.

Die Abenteuer des Ollie Glockenherz von William Joyce

Als Billy auf die Welt kommt, ist diese für seine Eltern gar nicht in Ordnung. Denn Billy ist nicht so gesund, wie man es sich wünschen würde. Ein kleines Loch im Herzen sorgt für Kummer und Sorge. In die Verzweiflung mischt sich die Hoffnung, dass es ihm vielleicht helfen würde, wenn ein einzigartiges Kuscheltier auf ihn aufpassen würde. So greift seine Mutter zu Nadel und Faden und näht ein kleines Spielzeugwesen für ihren kranken Sohn. Sie weiß, was diese kleinen Stoffwesen bewirken können, trägt sie doch die Erinnerung an ihre erste Puppe tief im Herzen. Sie weiß, dass Spielzeuge viel mehr sein können, als ihnen im Wortsinn beigemessen wird:

„Manchmal jedoch ist so ein Spielzeug viel mehr als nur ein Ding, mit dem man spielt oder sich die Zeit vertreibt. Es kann zu einem Wunder werden.

Fortan gehen Billy und sein „Ollie Glockenherz“ gemeinsam durchs Leben. Dabei ist genau dieses Glöckchen im inneren des Stoff-Hasenbären viel mehr als man denkt. Dieses Glöckchen stammt noch von der ersten Puppe seiner Mutter und zeigt der Welt, dass Ollie Glockenherz ein wahres Lieblingskuscheltier ist.

Die Abenteuer des Ollie Glockenherz von William Joyce

Damit ruft Ollie Glockenherz allerdings dunkle Wesen auf den Plan. Kuscheltiere, die niemals Lieblingskuscheltiere waren. Eifersüchtig und hasserfüllt beneiden sie jene darum, die diesen Status in sich tragen Und der Anführer der verlorenen Kuscheltiere hört im Klang des Glöckchens in Ollie den Klang einer längst verloren geglaubten und verdrängten Erinnerung. Es kommt, wie es kommen muss. Eines Tages ist Ollie spurlos verschwunden und Billy ahnt, dass sein bester Freund in großer Gefahr schwebt. Sein Entschluss ist schnell gefasst. Er macht sich auf den Weg, seinen Ollie zu retten. Eine Entscheidung, mit der ein Kampf gegen die dunkle Seite der Kuscheltiere beginnt. Ein Kampf, der alles verändern kann.

Die Abenteuer des Ollie Glockenherz von William Joyce

Herzergreifend tief. Herzzerreißend schön und herzzerreißend traurig. Spannend und inspirierend zugleich packt diese Geschichte Menschen jeden Alters. Glockenherz wird zum Synonym für Freundschaft, Vertrauen und Mut. Und William Joyce macht es sich nicht so leicht, die bösen Wesen im Reich der Kuscheltiere nur als böse Wesen zu beschreiben. Alles hat seine Ursache. Verletzungen von einst können zu Hass und Wut führen, die sich ihre Ventile suchen. Eine Botschaft, die uns alle an etwas erinnern soll: Ins Herz derjenigen zu blicken, denen wir skeptisch gegenüberstehen. Was Worte nicht bewegen können, lösen die Illustrationen von William Joyce aus. Lesenswert und ganz besonderes gemeinsam lesenswert.

Nach dem Welterfolg „Die fliegenden Bücher des Mister Morris Lessmore“, einem Bilderbuch, das auch in seiner Verfilmung Geschichte schrieb und William Joyce einen Oscar einbrachte, nun ein weiteres absolutes Lesehighlight, das uns in unsere früheste Kindheit zurückzuversetzen vermag. Legt einfach beim Lesen ein kleines Glöckchen zu diesem Buch. Es ist der Klang einer ganz großen Geschichte den ihr hört, wenn ihr das Herz für „Die Abenteuer des Ollie Glockenherz“ öffnet.

“Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ von John Green

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

Oh nein. Das kann nicht funktionieren! Das wäre meine klare Aussage gewesen, wenn man mich gefragt hätte, ob der neue Roman von John Green mit dem Titel Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken ein neuer Meilenstein unseres Lesens werden könnte. Allein die Inhaltsangabe ließ schon vermuten, dass es hier um bereits tausendfach beschworene Klischees im Konflikt zwischen Arm und Reich geht, dass erneut die Geister einer Liebe durch ein Buch getrieben werden, die durch soziale Unterschiede unmöglich erscheint. Junge Frau trifft auf Milliardärssohn, dessen Vater sich aus Angst vor Strafverfolgung aus dem Staub gemacht hat, seine beiden Jungs auf dem Berg ungelöster Probleme in einer Welt zurücklässt, in der man sich alles kaufen kann. (Weiterhören: hier…)

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken – Die Rezension fürs Ohr. Ab 06.12. verfügbar…

Nein, dachte ich. Das geht nicht. Das hatten wir schon so oft. Dann auch noch das Mädchen mit einer psychischen Zwangsstörung auszustatten, ihr eine Freundin an die Seite zu stellen, die wie eine Hochgeschwindigkeits-Vorstadtdampfwalze durchs Leben rollt und beim ersten pseudo-romantischen Aufeinandertreffen der so unterschiedlichen Protagonisten den gemeinsamen Blick in den Sternenhimmel schweifen zu lassen, um dabei festzustellen, dass die Sterne vielleicht gar nicht mehr existieren, weil ihr Licht so lange unterwegs ist, dass man am Himmel nur die Vergangenheit sieht. Oh nein. Zu oft wurde dieses Bild bemüht, zu oft tobte sich ein Roman zwischen Reichtum und Armut aus. Ich hätte diesem Roman keine Chance gegeben.

Fieser Verräter und Fiese Gedanken von John Green

Dazu kommt noch, dass ich eine gewisse Hazel Grace im Herzen trage, die mir vor gar nicht langer Zeit von eben jenem John Green in seinem Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ in eben dieses Herz gebrannt wurde und die seitdem wie eine nie heilende Lesewunde auf meinen Gefühlen lastet. Selten hat mich eine Frauengestalt in der Literatur so nachhaltig bewegt, berührt und zum Weinen gebracht. Ihr „Okay“ hallte noch in mir nach, als ich nun Aza Holmes begegnete. Aza musste eine innere Barriere überwinden, um jenseits meiner Erinnerungen an Hazel Grace von mir wahrgenommen zu werden. Aza. Nein. Ich hätte ihr keine Chance gegeben. Ich hätte wohl gesagt, dass diese Story nicht funktionieren kann. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ wäre wohl nie in meinem Lesen aufgewacht.

Ich las dieses Buch nur unter Vorbehalt. Begann in ein Leben einzutauchen und ein junges Mädchen zu verstehen, das mit sich und seinem Körper nicht im Einklang steht. Ich lernte von Seite zu Seite ein gleichsam zerbrechliches wie schützenswertes und in jeder Beziehung zerrissenes Schicksal kennen, dem ich von Seite zu Seite betroffener folgte. Aza. Ein von ihrem Vater bewusst gewählter Vorname, der das ganze Alphabet umfasst, um ihr zu zeigen, dass sie alles sein kann. Aza, die ihren Körper nicht als das empfindet, wie wir uns empfinden, sondern als gefährliche Ansammlung von Bakterien, die sich im ständigen Überlebenskampf gegen eine feindliche Umwelt befinden. Angst. Das ist die Überschrift, die ihr Leben dominiert. Angst vor Infektionen, Krankheiten und damit auch gleichzeitig die krankhafte Unfähigkeit, sich anderen Menschen gegenüber körperlich zu öffnen. Und Küsse oder Berührungen sind da zum Beispiel gar nicht drin.

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

Was John Green aus den unmöglichen und verbrauchten Ausgangssituationen macht, ist ein kleines literarisches Wunder. Als würde er mit seinen Lesern spielen, als wäre er sich von Vorneherein jeder Kritik bewusst, zaubert er aus Perspektivwechseln und Dialogen eine völlig klischeefreie Atmosphäre in seinen Roman, die der Interaktion der beiden Hauptcharaktere eine Plattform bietet, ihr Schub verleiht ohne dabei kitschig oder vorhersehbar zu sein. Die beginnende Romanze zwischen Aza Holmes und dem Milliardärssohn Davis wäre dankbar, wenn ihr nur die sozialen Unterschiede der beiden jungen Menschen im Wege stünden. Aber erste Gefühle, Zuneigung und Lust ohne die Möglichkeit, Aza berühren zu dürfen stellt Davis auf eine weitere Probe. Auf eine, die er im Moment eigentlich gar nicht brauchen kann.

Wie er damit umgeht, welchen Raum er Aza lässt, wie die beiden frisch Verliebten in diesem Spannungsfeld das Leben des Anderen wahrnehmen und respektieren, das ist einer der lesenswertesten Aspekte dieses Romans. John Green bleibt auf dem Niveau seines erfolgreichen Schicksals-Romans ohne sich oder seine Protagonisten dabei zu verraten. Seine Dialoge sind brillant, die Empathie gegenüber seinen Charakteren fügt sich in die emotionale Achterbahnfahrt des Lesers ein, wie ein Gefühlskokon, dem man nicht entkommen will. Die Schlichtheit der jugendlichen Gedanken seiner Protagonisten erreicht in seinem Schreiben einen Tiefgang, der sich im Herz der Leser verankert. In alle Hoffnungslosigkeit auf eine gemeinsame Zukunft bricht John Green mit Worten ein, die wir so schnell nicht mehr vergessen.

„Sie sagte… Der Meteoritenschauer findet statt, über den Wolken, auch wenn wir ihn nicht sehen. Wen interessiert, ob sie küssen kann? Sie kann durch die Wolken sehen.“

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green – Mit Wendecover

Gedanken sind Bakterien. Sie sind fies, kreisen im Körper und im Geist und sind nicht so leicht zu therapieren. Sie ziehen Menschen in Strudel, aus denen sie sich nicht mehr befreien können. Zwangsstörungen haben ihre eigenen Gesetze, Verständnis gehört in den seltensten Fällen dazu. Aza Holmes will aus dieser Spirale ausbrechen. Sie will es nicht akzeptieren, dass ihr Leben nicht von ihr selbst gelebt werden kann. Sie will jenen fiesen Gedanken, die sie schlaflos machen die Stirn bieten. Sie will aus den Metaphern fliehen, die ihr Denken fesseln. Davis gewährt ihr einen Blick in den Sternenhimmel, er erhält im Gegenzug einen Einblick in die selbstzerstörerische Welt der Aza Holmes. Im Kosmos der beiden jungen Menschen sind es die Spiralnebel der Psyche, die sich mal lichten und mal über sie senken. Starke Bilder von John Green begleiten unser Lesen.

Wer „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ gelesen oder gesehen hat weiß, dass Happy Ends nicht unbedingt die Sache von John Green sind. Wer seine Vita kennt, weiß, dass seine eigenen inneren Kämpfe von miesen Verrätern und fiesen Gedanken bestimmt sind. Spätestens seit Hazel Grace wissen wir, dass John Green uns nicht aus einer Tragödie herauszaubern kann oder will. Seine Botschaft ist eine andere. Er führt uns intensiv in die Lebenswahrheiten und Gedanken anderer Menschen ein, mit denen wir nicht tauschen wollen. Wir sollen sie nur verstehen. Und das ist in der heutigen Zeit schon so viel…

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

„Das Schlimme ist, wenn die Kreise Kurve um Kurve enger werden. Wenn du in einen Strudel gezogen wirst, der immer kleiner wird, immer enger, bis du nur noch auf der Stelle drehst, wie in einer Gefängniszelle, die genau deine Größe hat, bis du irgendwann merkst, dass du nicht in einer Zelle bist, sondern du die Zelle bist.“

Oh doch. Es funktioniert. Sehr sogar. Es sind keine fiesen Gedanken, die nach dem Lesen bleiben. Es sind unvergessliche Metaphern für das Leben, die uns begleiten. Es sind eine Wiese, die Liebe zu einem Auto, ein verletzter Daumen und der Wechsel der Perspektive im Raum-Zeit-Gefüge, mit denen John Green begeistert. Lichtjahre werden hier zu einem Sehnsuchtsmoment, der nicht in Zeit aufgewogen werden kann.

Wer sich dafür interessiert, warum sich der Hanser Verlag für Titel „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ entschieden hat, dem sei dieser Link empfohlen. „Turtles All The Way Down“ hat seinen tieferen Sinn, der sich im deutschen Sprachraum jedoch kaum erschließt. Eine gute Wahl. Ebenso gut, wie die Buchgestaltung selbst. Die Erstauflage ist limitiert, die Bücher sind nummeriert und mit einem Wendecover versehen. Mehr als gelungen! Was bleibt ist eine aufrichtige Leseempfehlung und der Hinweis für all jene, die sich mit Hazel Grace verbunden fühlen. Aza Holmes, wird euer Lesen verändern.

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ – Bradbury / Kleist

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Zirkus ist in der Stadt! Schaut nur die bunten Plakate, die von Akrobaten, wilden Tieren, Sensationen und Clowns künden. Zieht euch die feinen Sachen an, bringt eure Kinder auf die Straße, folgt dem Einmarsch der Zirkuskapelle, schaut euch an, wie das farbenprächtige Zirkuszelt über der Manege errichtet wird und kauft euch Eintrittskarten, bevor es zu spät ist. Der Zirkus ist in der Stadt! Folgt den Elefanten und Löwen durch die Straßen, tanzt im Rhythmus der Marschmusik und freut euch auf Karussells, Orgeln und das bunte Treiben in hell erleuchteter Nacht. Der Zirkus ist in der Stadt

Öhm… Sorry. Kommando zurück. Es ist alles ganz anders. Es ist gar kein normaler Zirkus, der mit diesem Buch Einzug bei euch hält. Es ist handelt sich hier um Cooger & Dark, das Pandämonium der Schattenspiele, den wandernden Jahrmarkt, einen Zirkus aus der Feder von Ray Bradbury, der seit mehr als fünf Jahrzehnten sein literarisches Unheil treibt. „Something Wicked This Way Comes“ lautete 1962 der Originaltitel des Romans, der die Freude auf einen Zirkusbesuch sehr nachhaltig verderben konnte. Der Zirkus ist in der Stadt – rette sich wer kann, wäre der bessere Titel gewesen. Aber auch in seiner freien Übersetzung lässt er Gänsehaut sprießen.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Titel darf nicht neu für uns sein, erschien dieser Roman von Ray Bradbury doch schon im Jahr 1962 zum ersten Mal und wurde sogar 1983 in einer Produktion von Walt Disney mit Jason Robarts und Jonathan Pryce in den Hauptrollen verfilmt. Also müsste es doch eigentlich beim Leser klingeln, wenn man sich dem Bösen in diesem Buch nun ganz leise nähert. Zumindest jedenfalls, wenn man alt genug ist. Und genau hier liegt in der Zielgruppe das Geheimnis dieser Neuauflage verborgen. Es ist ein illustriertes und wertig aufgelegtes Jugendbuch, mit dem der Aladin Verlag den subtilen Zirkus-Schreck für eine neue Leserschicht zugänglich macht.

Unterschwellig spielt sich das Grauen ab. Seine allzu kaltblütigen Zugpferde heißen Neugierde und  jugendlicher Leichtsinn. Die Melodie des Buches klingt nach Abenteuer und der Rhythmus der Geschichte ist der eines Tornados, in dessen Auge der Leser in scheinbare Sicherheit gewogen wird. Die Illustrationen sind düster wie das Orakel einer magischen Welt. Schwarzweiß, scharf konturiert und stilsicher in die Handlung gebettet zeigt auch hier der Meister seines Fachs Reinhard Kleist, was Bilder im Kopf auslösen können. „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ erreicht mit seinen mehr als brillanten Grafiken ein Level, auf dem sich formidabel erschaudern lässt.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Bradbury´s Zirkus ist anders als jeder Zirkus dieser Welt. Er erscheint wie aus dem Nichts, wird mitten in der Nacht errichtet und strahlt eine ganz besondere Aura aus. Er wartet mit wahrhaft Einzigartigem auf. Eine Mischung aus Jahrmarkt und Panoptikum.

Cooger und Darks Pandämonium-Schattenspiele
Fantoccini, Marionettentheater, Bunter Rummelplatz.
Demnächst in dieser Stadt.
Mit vielen Attraktionen, unter anderem auch
DIE SCHÖNSTE FRAU DER WELT!

So kündigen ihn die Plakate an. Neben einem fantastischen Spiegellabyrinth sind es die Dämonen-Guillotine, ein illustrierter Mann, eine Staubhexe und Mademoiselle Tarot, die auf ihre Besucher warten. Den Mittelpunkt jedoch bildet ein historisch anmutendes Karussell, dessen Beschreibung einen ganz neuen Blick auf diese Attraktion bietet:

„… Seine Pferde, Ziegen, Antilopen, Zebras, deren Rücken von Messingspeeren durchbohrt waren, verharrten in verkrampftem Sprung wie im Todeskampf. Ihre verängstigten Augen erflehten Gnade, ihre vor Entsetzen grellen Zähne verhießen blutige Rache.“

Na, wer würde da nicht gerne einfach so aufsteigen und die Fahrt genießen?

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Also neugierig wäre ich ja schon, da die beiden Protagonisten des Romans Jim und Will bei ihren nächtlichen Abenteuer-Streifzügen eine mysteriöse Entdeckung machen. Kurz vor ihrem vierzehnten Geburtstag besteht die Welt für die beiden Jungs aus purer Neugier und Abenteuerlust. Nichts bleibt unversucht, nichts ungewagt. Der Zirkus dient für sie der perfekten Abwechslung im Alltagstrott des kleinen Kaffs. Bis auf Unwetter ist hier jeder Tag wie der andere. Doch mit dem Zirkus verändert sich alles. Und doch wird er zur größten Herausforderung ihres Lebens, da sie dem Geheimnis des Karussells so nah kommen, dass sie ihm kaum widerstehen können.

Fährt es vorwärts, werden die Fahrgäste von Umdrehung zu Umdrehung älter. Genau umgekehrt verhält es sich, wenn das Karussell sich rückwärts dreht. Eine Entdeckung, der man sich als junger Mensch kaum entziehen kann. Doch sind die beiden Rabauken nicht die einzigen Bewohner des Ortes, die aus ganz eigenen Gründen ein paar kleine Runden drehen wollen. Welcher ältere Mensch mag nicht gerne jünger werden und was sollte Jim daran hindern, endlich und mit einem Schlag erwachsen zu werden? Warum sollte er sich das entgehen lassen. Die Versuchung ist groß und doch bleibt nichts ohne Opfer. Wer die Fahrt wagt, wird zu einem der schattenhaften Wanderer, die den Zirkus fortan begleiten. Ein mephistophelischer Kontrakt, den man einzugehen hat. So treffen sie aufeinander: der Junge, der älter werden will und Will`s Vater, der das Gegenteil in seinem Herzen wünscht. Werden sie Opfer oder gibt es einen Weg, dem Kreislauf des geheimnisvollen Karussells zu entrinnen?

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ von Ray Bradbury erzählt eine Geschichte von Freundschaft, Sehnsucht und versinnbildlicht das jugendliche Streben nach dem Leben als Erwachsener. Die Schnittmenge der Wünsche und Hoffnungen mit den älteren und perspektivlosen Bewohnern des Ortes ist groß, nur ist die Fahrtrichtung anders. Es sind die Romanfiguren, die uns mitfiebern lassen, was der Zirkus aus ihnen macht. Es ist ein junges Mädchen unter einem Baum, das wir trösten und dem wir helfen wollen, weil wir es als ältere Frau kennen. Es ist die schönste Frau der Welt, die uns fasziniert, weil sie in einen Eisblock eingefroren wurde und es ist der Vater von Will, der seine geschützte Bibliothek verlässt, um im wahren Leben an seinen Sehnsüchten zu wachsen.

Reinhard Kleist hat diesen Jugendroman opulent in Szene gesetzt. Miniaturen und ganzseitige Illustrationen führen uns durch die grandios erzählte Geschichte. Szenisch versetzt er uns ins Bild, wenn wir von Kapitel zu Kapitel fliegen und wo atmosphärische Worte allein nicht genügen, löst er eine Kopfkinovorstellung der Extraklasse in uns aus. Kleist ist und bleibt Kleist. Ob er nun „nur“ illustriert, oder ob er auch gleichzeitig als der eigene Autor seiner Geschichten auftritt, er ist und bleibt lesens- und sehenswert. Hier beweist er sein ganzes Können. Ich bin ihm schon lange auf der Spur und mein Weg ist nicht am Ende angelangt. Mehr zu Reinhard Kleist findet ihr in der kleinen literarischen Sternwarte, wenn ihr den folgenden Links folgt:

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar
1914 – Ein Maler zieht in den Kriegund schon bald geht es weiter mit
Nick Cave – Mercy on me

Bleibt dran an den Graphic Novels und illustrierten Büchern meines Lebens.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Zirkus bei AstroLibrium – Manege frei:

Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern – Ullstein Verlag
Sirius von Jonathan Crown – Kiepenheuer und Witsch
Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – Atlantik Verlag