„Doktor Jekyll und Mister Hyde“ illustriert von Sébastien Mourrain

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Oh nein, er schrieb nicht nur Die Schatzinsel. Robert Louis Stevenson blieb uns zwar hauptsächlich mit seinen legendären Romanfiguren Sam Hawkins und Captain Flint in Erinnerung, weil sie den Weg aus einem echten Klassiker in die Jugendliteratur unserer Zeit problemlos überwunden haben und so einem breiten Publikum das Lesen versüßt haben. Ein Sprung, der aus literarischer Sicht gewaltig ist und keineswegs mit jedem Romanstoff gelingen kann. Was mit Treasure Island gelang, könnte ja vielleicht auch mit einem anderen Roman aus Stevensons Feder gelingen, selbst wenn es dabei um einen der ganz großen psychologischen Gruselklassiker in der Literatur geht. Denn er schrieb nicht nur „Die Schatzinsel“…

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sebastien Mourrain

Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ ist das wohl meistverfilmte Buch aus der Feder des großen Schriftstellers. Denkt man an Horror-Literatur, dann hat man sehr schnell Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder den guten alten Frankenstein im Sinn. Hier ist Stevenson absolut bahnbrechend gewesen, indem er Gut und Böse in einer Person vereint und sowohl sympathische als auch dunkle Seiten voneinander losgelöst auf den Leser einwirken lässt. Ohne diesen Roman gäbe es wohl einige legendäre Bösewichte der Film- und Literaturgeschichte nicht. Auch einigen Superhelden hat R.L. Stevenson so den Weg geebnet. Two-in-One, vielleicht ein Genre, das man nach ihm benennen müsste. Denken wir nur an Batman, Superman, Hulk, Spiderman oder Die Maske.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Und nun schickt sich der für sehr edle Kinderbücher bekannte Bohem Verlag an, den Gruselklassiker über eine künstlich herbeigeführte Persönlichkeitsspaltung in neue Dimensionen vorstoßen zu lassen. So erblickt in diesen Tagen „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ als Bilderbuch mit Illustrationen von Sébastien Mourrain das Licht der Bücherwelt. Großformatig kommt es daher, verziert mit einem Eyecatcher auf dem Cover, das zugleich die gute und dunkle Seite im Wesen eines Schmetterlings zeigt. Eine gelungene Metapher, in der die Schönheit erst sichtbar wird, wenn am Ende der Verpuppung ein neues Geschöpf aus der Raupe entsteht.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Aber nicht nur in seiner Aufmachung überzeugt dieses literarische Wagnis. Auch inhaltlich und sprachlich gelingt ein absoluter Kunstgriff. Die verkürzte Übertragung des originalen Textes in der verknappten und umso authentischer wirkenden Übersetzung von Nils Aulike wirkt beinahe so, als hätte Robert Louis Stevenson den Extrakt seines Klassikers selbst in diese Kurzfassung gebracht. Im Vergleich mit dem kompletten Text kann man nur den Hut ziehen, weil hier einerseits ein Roman in vereinfachter Form und dabei doch unverfälscht in seiner Melodie einem größeren Publikum geöffnet wird. Hier kann man sich selbst auf Stand bringen, wenn man das komplette Werk nicht gelesen hat und darüber hinaus kann man es mit Jugendlichen erschließen, die es vielleicht aus eigenem Antrieb niemals lesen würden. Ein „Klassiker-to-Go“ sozusagen.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Genau diese gemeinsame Auseinandersetzung kann zeitlos Wunder bewirken, da dieser Romanstoff niemals an Relevanz verloren hat. Gute und böse Seiten im Wesen eines Menschen voneinander zu trennen ist unmöglich. Sie bedingen einander und wir befinden uns im ewigen Kampf um die innere Balance. Dass es Dr. Jekyll nur mit einer Droge gelingt, das Böse zu separieren ist ein komplexer Denkansatz, wie auch wir den modernen Drogen von heute zum Opfer fallen können. Die Novelle von Stevenson hält auch heute noch viele Überraschungen für uns bereit. Die Zeichnungen von Mourrain untermalen diese geniale Neufassung in einer eigenen, sehr atmosphärischen Dichte. Ja, es gruselt schon deutlich, das muss man zugeben, aber unsere heutige Jugend ist aus einem anderen Schrot und Korn, wenn es um Gänsehautfaktoren geht.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sebastien Mourrain

Stevenson wäre stolz auf dieses Buch. Es verkünstelt den Roman nicht, interpretiert nicht mehr in die Geschichte hinein, als es statthaft ist und lässt unausgesprochen, was der große Schriftsteller damals auch unbeschrieben ließ. Was hat Mr. Hyde auf seinen nächtlichen Streifzügen angestellt? Wie hat sich das Böse Bahn gebrochen? Das blieb unserer Fantasie überlassen und so bleibt es auch in diesem Bilderbuch. Lehrreich in seiner Botschaft, geschlossen und authentisch im Stil und atmosphärisch dunkel in der Gestaltung – Einfach klasse, wie man einem Klassiker neues Leben einhauchen kann.

Bilderbücher. Eine ganz eigene Galaxie im Visier der kleinen literarischen Sternwarte.

„Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Nun sind sie komplett. Drei einzigartige Ausgaben von Jugendbuchklassikern haben ihren Weg aus England nach Deutschland gefunden und setzen Maßstäbe hin­sicht­lich ihrer optischen, haptischen und inhaltlichen Gestaltung. „Peter Pan und Die Schöne und das Biesthabe ich in der kleinen literarischen Sternwarte bereits ausführlich und vor dem Hintergrund ihres Stellen­wertes als Originalausgaben der großen Klassiker im Vergleich zur inhaltlich Verkür­zung, die diese Werke im Laufe der Zeit erfahren haben, vorgestellt. Walt Disney hat hier seine Spuren hinter­lassen. Aus dem filmischen Extrakt dieser Werke lassen die Bücher des Coppenrath Verlages wieder auf ihren Ursprung schließen.

Drei bibliophile Gesamtkunstwerke hat der britische Verlag Harper Design mit dem renommierten Illus­trations­studio MinaLima literarisch interaktiv ani­miert und somit auch den Kern dieser Klassiker reanimiert. Nun schließt sich der Kreis mit der vorerst letzten Ausgabe dieser Reihe, die für den deutschen Markt perfekt und detail­getreu umgesetzt und tadellos übersetzt wurde. „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling ist für mich das absolute Highlight dieser Kollek­tion, die eigentlich in keinem Bücherregal bibliophil veranlagter Menschen fehlen darf. Jeder kennt diese Geschichte. Jeder hat den Disney Film gesehen, mit Baloo getanzt, vor Shir Khan gezittert, mit Bagheera gejagt und mit Mowgli in die hyp­notischen Augen der Riesen­schlange Kaa geschaut. Unvergessen.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

„Versuchs mal mit Gemütlichkeit“. Ein Film-Ohrwurm, der uns noch heute begleitet, wenn wir an das Dschungel­buch denken. Und doch denken wir falsch. Wir denken mal wieder in den Dimensionen der Ver­einfach­ung und haben schon lange aus den Augen verloren, was das Dschungel­buch eigent­lich war. Vergessen wir Walt Disney. Besinnen wir uns mit der vor­liegenden Ausgabe auf das wahre und einzige Dschungel­buch, und besinnen wir uns darauf, dass es richtiger­weise „Die Dschungel­bücher“ sind, die vor mehr als 120 Jahren von Rudyard Kipling verfasst wurden. Es waren Geschichten und Gedichte, Gesänge und Legen­den der Tiere des Dschungels, die Kipling hier erdachte. Nur drei dieser Erzäh­lungen handeln von Mowgli, dem Findelkind. Nur diese drei sind in unserem kollektiven Gedächtnis verankert. Und das auch nur rudi­mentär.

Hiermit räumt „Das Dschungelbuch“ mit dieser Pracht­ausgabe auf! Erwartet also mehr. Hier ist es erlaubt, viel mehr zu erwarten, als man eigentlich erwarten dürfte. Das ist wohl die größte Leistung dieses Buches, nicht nur die Erzählung von Mowgli in ihrer ursprüng­lichen Fassung zu ver­öffent­lichen, sondern die authentische Struktur in sieben Geschichte mit ihren Gesängen und Gedichten zu präsen­tieren. Ein lite­rarisch­es Beben geht durch dieses Buch, da es so sehr verdeutlicht, in welch genialer Qualität Rudayrd Kipling fühlte, dachte und schrieb. Das Dschungel­buch legte den Grundstein für den im Jahr 1907 an ihn verliehenen Literatur­nobelpreis. Er ist noch heute der jüngste aller Preisträger in der Literatur­geschichte. Und er hatte das mit 42 Jahren mehr als verdient.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Der weltbekannte Film von Walt Disney war lediglich von Mowglis Geschichte und den tierischen Helden Kiplings inspiriert, hatte jedoch mit der litera­rischen Qualität des Buches so wenig zu tun, wie die Filmmusik mit den Gesängen der Tiere im Original. Es ist aus heu­tiger Sicht nur mit J.R.R. Tolkien zu vergleichen, was Rudyard Kipling schon viel früher leistete. Er erfand nicht nur tierische Protagonisten, er erweiterte den Be­griff der Fabel um die reine Fabulier­kunst seiner Charak­tere und bettete sie in eine Welt aus Legen­den und Mythen ein, die im ständigen Konflikt mit der Welt der Menschen lebt. Es ist Mowgli, der diese Welten in sich trägt. Adoptiert und groß­gezogen von Wölfen, in die Gesetze des Dschungels unterwiesen von Baloo, dem Bären und beschützt von einem schwarzen Panther namens Bagheera.

Der Weg des Jungen wird von Kipling so lebendig be­schrieben, als wäre er selbst an seiner Seite gewesen. Er lernt die Sprache der Wildnis, die Gesetz­mäßig­keiten des Lebens in einem Rudel und kombiniert seine Begabungen mit den Instinkten aller Tiere in seinem Umfeld. Die Angst vor dem Tiger Shir Khan eint alle Lebe­wesen. Der Konflikt mit seinem Rudel, die Flucht zu den Menschen und seine Ver­treibung aus ihren Reihen machen aus dem jungen Mowgli den charis­matischen Anführer und Befreier, der gegen alle Unter­drückung und Ausgrenzung kämpft. Ein großer Ent­wicklungs­roman in einem Szenario, das metaphorischer nicht sein könnte. Und dies so literarisch brillant verfasst, dass der Literatur­nobelpreis nur als logische Konsequenz des Schreibens erscheint.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Dieses Buch vereint die alte Struktur der Erzählungen mit Liedern und Gedichten mit dem neuge­stalteten Medium eines interaktiv gestalteten Buchkunstwerks. Illustra­tionen und Inlays heben die Besonder­heiten des Textes hervor. Die Gesetze der Tiere werden greifbar, weil man sie im wahrsten Sinne des Wortes entfalten kann. Der magische und grausame Hungertanz des Felsenpythons Kaa wird hypnotisch fühlbar. Und auch die Treib­jagd auf den grausamen Menschen­fresser Shir Khan wird durch die Hufabdrücke seiner Verfolger sichtbar. Ein mehrdimensionales Erlebnis für Groß und Klein. Hier wird greifbar, was diese Erzäh­lungen mit Ge­nera­tionen von Kindern seit 1894 angestellt und was sie ausgelöst haben.

Dabei sind die einzelnen Charaktere bei Kipling so tief angelegt, wie ihre Vorbilder in der Wildnis. Freund­schaften sind nicht ober­flächlich sondern leben­swichtig und eine unstill­bare Sehn­sucht nach der Welt der Menschen führt Mowgli fast in den Untergang. Wer diese drei Erzählungen mit ihren Liedern gelesen hat, wird die Tiere, die er erkennt ganz anders wahr­nehmen, als dies bisher der Fall war. Wir werden selbst zum Teil des Dschungels und erleben unser blaues und grünes Wunder. Gänsehaut inklusive, wenn die großen Reden an unsere Ohren dringen:

„Wir vom Dschungel trinken nicht, wo die Affen trinken; wir gehen nicht dorthin, wo die Affen hingehen; wir jagen nicht, wo sie jagen; und wir sterben nicht, wo sie sterben. Habe ich die Bandar-Log je zuvor auch nur erwähnt?“

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Rudyard Kipling infiziert uns mit dem großen frie­dens­stiftenden Mantra Mowglis, mit dem er in der Sprache aller Tiere Gefolgschaft einfordert und Schutz findet. Er lässt die Menschen tierischer aussehen, als die grausamsten Tiere und macht klar, wer der eigent­liche Feind allen Lebens ist. Nach jeder Erzählung ist man versucht, selbst jedem Tier zuzurufen:

“Du und ich, wir sind vom gleichen Blut.“

Besser können lehrreiche und fantasievolle Ge­schich­ten nicht erzählt werden. Es ist ein fast unbeschreib­liches Gefühl, sich durch dieses Dschungel­buch zu wühlen, als wäre man selbst in seinem tiefen Dickicht gefangen. Es ist ein wahres Wunder, wirklich mehr von diesem Buch erwarten zu dürfen, denn es endet nicht mit Mowgli. Es geht da weiter, wo die Dschungel­bücher weitergingen. Vier Er­zäh­lungen voller Weisheit setzen uns in der Wildnis aus und machen uns zu Weg­gefährten unvergess­licher Tiere. Allein die Geschichte „Die weiße Robbe“ ist so zeitlos und traurig schön, dass man vergisst, wann sie geschrieben wurde.

Der weißen Robbe Kotick auf ihrem Weg zu folgen macht Leser auch heute noch so zornig, wie es vor langer Zeit gewesen sein mag. Geholfen hat es wohl we­nig. Als Baby wird Kotick früh zum Zeugen der Robben­jagd, erlebt das Abschlachten ganzer Herden und macht sich auf die Suche nach einer Bucht, in der es keine Menschen gab, gibt und geben wird. „Lukan­non“, das Lied der Robben am Ende der Er­zäh­lung bleibt ganz tief im Herzen des Lesers ver­ankert.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Nun sind sie vereint. Drei Werke, die in ihrer Zeit zu Legenden wurden und in unserer Zeit nur noch fragmen­tarisch in Erinnerung sind. Ich durfte den Ursprung des Extraktes genießen und bin jetzt süchtig danach. Entdeckt doch die noch ungelesenen Welten in diesem Dschungel­buch, das eigent­lich Dschungel­bücher umfasst. Findet einen Mungo, behütet eine Elefanten­herde und lauscht den Unterhal­tungen der Lagertiere im Dienste ihrer Majestät. Ihr werdet neue Welten entdecken und nie wieder vom Dschungel­buch als Mowglis Geschichte sprechen. Es ist so viel mehr und wer jetzt diesen Trailer zum Buch anschauen kann, ohne dem Wunsch zu erliegen, es zu lesen, dem ist nicht mehr zu helfen. Sieben Erzählungen warten auf Euch… Auf in den Dschungel.

PS: Sagte ich eingangs, sie sind jetzt komplett? Schaut mal hier. Ich bleibe am Ball.

[Gegen das Vergessen] Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4 und die Zeit der versteckten Judensterne“ ist der Titel des illustrierten Kinder- und Jugendbuchs aus der Feder von Birgitta Behr, mit dem der Versuch unternommen werden soll, 10 – 12-jährigen Lesern die Schrecken der Juden­ver­folgung im Nazi-Deutsch­land von 1933 bis 1945 näher­zubringen. Ich habe bereits zwei Bilder­bücher oder Graphic Novels zu diesem sensiblen Thema vorgestellt und bin der Meinung, dass ein solches erzählendes Bilderbuch ein geeignetes Medium ist, um die Tür zu einem Erzählraum zu öffnen, dessen Inhalt für junge Leser schwer zu greifen und darüber hinaus sogar eher verstörend sein kann.

Behutsam sollte man vorgehen, ohne zu beschönigen oder abzuschrecken. Eine literarische Gratwanderung angesichts der Zielgruppe, bei der man nicht voraus­setzen darf und kann, dass sie sich im Vorfeld bereits intensiv mit dem Thema beschäf­tigt hat. Und genau hier beginnt mein ambi­valentes Verhältnis zum vor­liegen­den Buch. Es ist auf den ersten Blick hochwertig und erscheint für einen Preis von gerade einmal 12,99 Euro im wahrsten Sinne des Wortes preis­wert. Der Verlag Ars Edition wird hier einem Ruf gerecht, der hinsichtlich der rein haptischen und optischen Qualität seiner Produkte schon immer Maß­stäbe gesetzt hat.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Ein Haus erzählt…

„Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4“ hat mich darüber hinaus auch rein inhaltlich absolut überzeugt, weil es der Autorin Birgitta Behr gelungen ist, eine Erzählstimme zu finden, die in der Rolle eines neutralen Betrachters der Ereignisse unbestechlich und in sich plausibel erscheint. Es ist ein Haus, das uns diese Ge­schichte erzählt. Eine wahre, an biografische und zeitgeschichtliche Ereignisse angelehnte Geschichte verspricht das Haus uns zu erzählen. Eine Perspektive, die auch jüngsten Lesern zugänglich ist. Eine Per­spek­tive, die in ihrer Geschlossenheit besticht, weil wir uns sicherlich alle schon mal gefragt haben, wie es wäre, wenn alte Gebäude erzählen könnten.

Dieses Haus Nummer 4 am Nikolsburger Platz in Berlin hat viel zu erzählen. Es ist die Geschichte seiner Be­wohner, es ist die Geschichte von Susi und ihrer Familie, eine Geschichte, die eindringlich zu beschrei­ben vermag, wie sehr sich Deutschland in den Jahren nach der Machtübernahme durch die National­sozia­listen veränderte und welche Auto­matis­men bedient wurden, um den Hass eines ganzen Volkes auf eine Minderheit zu richten. Birgitta Behr bleibt erstaunlich sachlich und schildert auf leicht verständ­liche Art und Weise die Ent­wicklung einer Diktatur, wie eine gewählte Partei die Demokratie aushöhlte und alles auf einen Führer fokussierte, der aus seinen wahren Ab­sichten nie einen Hehl gemacht hatte.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Der rote Faden…

In diesen historischen Kontext bettet Birgitta Behr ihre Erzählung ein, beschreibt das Unfeld der 1936 ge­boren­en Susi Collm, deren jüdische Familie schon bis zum Tag ihrer Geburt an den Folgen der Gesetz­gebung für die jüdischen Bürger in Deutsch­land zu leiden hatte. Der Vater schon arbeits­los, die Mutter hoffnungs­los an­ge­sichts der um sich greifenden Un­gerech­tigkeit und der zunehmenden Bedrohung für ihr Leben. Susis Groß­mutter schenkt dem kleinen Mädchen einen ganz per­sönlichen Zauberer, der auf alles aufpassen soll. Ein großer Halt für das Mädchen, dessen kleine Welt schon bald in Scherben liegen sollte.

Eine kleine große Geschichte voller Wahrheit, die uns ein Berliner Haus aus seiner Sicht erzählt. Eine wahre Geschichte, die man in Teilen selbst recherchieren kann und die in ihrer Dramatik den zahllosen Geschichten von Entrechtung und Verfolgung aller Menschen ent­spricht, die nicht ins Rasse-Raster der Nazis passten. Der rote Faden der braunen Parolen zieht sich durch das ganze Buch und die Ausweg­losig­keit überstrahlt das Leben eines Mädchens, das kaum versteht, warum es plötzlich zu den Gejagten im Land gehört. Dieser rote Faden verbindet aber auch ihre Geschichte mit der Geschichte von Menschen, die nicht zuschauen wollten. Menschen, die eine Zeit der ver­steckten Judensterne erst möglich machten. Doch nicht jeder konnte auf Rettung hoffen, wie es heute noch die Stolpersteine zeigen, die vor dem damaligen Haus Nummer 4 liegen.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Die Gestaltung im Vergleich…

Inhaltlich gelungen, verkürzt und vereinfacht für die Ziel­gruppe angemessen und mit Begriffs­erklärung­en und Zeit­schienen versehen, die das Schicksal von Susis kleiner Familie in Verbin­dung mit der historisch ver­brief­ten Situation des Landes verbinden. Es ist vor diesem Hinter­grund für mich rein inhaltlich ein mehr als wichtiges Buch, dem ich wegen anderer Aspekte jedoch immer noch zweifelnd gegenüber­stehe. Die Gestal­tung der Seiten ist auffällig anders und augenscheinlich so interessant, als würde man durch lebendige Bilder laufen, Schlag­lichter und Wort­fetzen wahrnehmen und die Reden von Adolf Hitler am eigenen Leib gefährlich nah spüren.

Im Vergleich zu „Das versteckte Kind“, einer Graphic Novel zum Holocaust, verfehlt dieses Buch jedoch ein wesentliches Kriterium, um sich mit den Opfern iden­tifi­zieren zu können. Die Manga-ähnliche Dar­stellung der Menschen, besonders die Zeichnung von Susi hat mich erschreckt. Die Bilder machen Angst. Die dar­gestell­ten Menschen sind in einer befremd­lichen Art und Weise abgrundtief hässlich und gerade Kinder, mit denen ich mich unterhalten habe, wollten schon aufgrund dieser Darstellung nicht mehr weiter einsteigen. Diese aus meiner Bewertung einfach grauen­haften Bilder konter­karieren die unglaublich in­ten­sive Aussage­kraft des Buches.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Überzeichnet…

Sie stehen im krassen Gegensatz zu den Fotos von Susi, die im Buch veröffent­licht sind. Diese Zeichnungen lassen keine Sympathie für dieses Mädchen entstehen. Dies ist in „Das versteckte Kind“ für die Zielgruppe adä­qua­ter umgesetzt. Gerade Mangas sollen uns den Frei­raum lassen, um uns mit den Personen iden­tifi­zieren zu können, die beschrie­ben werden. Das gelingt in dem hier vorliegenden Fall nicht. Kinder emp­finden keine Nähe zu Susi und bewerten über­ein­stimmend auch schon das Cover des Buches als abschreckend. Sandra Wendeborn hat für mich hier deutlich Über­Zeichnet.

Ambivalent sagte ich eingangs. Ich bleibe dabei. Ich be­trachte dieses Buch als einen inhaltlich großen Wurf, der in den bildlichen Aspekten keine Ent­sprechung findet. Diese Ansicht habe ich gerade im Aus­tausch mit denjenigen Menschen gewonnen, die dieses Buch ge­winnen möchte, um sich einem besonders wichtigen Thema zu widmen. Es ist erhellend, dieses Buch mit Werken für die gleiche Ziel­gruppe zu vergleichen. Bilden Sie sich Ihre Meinung. Ich verstehe meine Sicht­weise nicht als Dogma, sondern als Anstoß. Was bleibt ist die tiefe Bot­schaft des Buches, die un­verwüst­lich ist und jede Zeich­nung überdauert. Lasst es nicht nochmal zu – Schaut hin und helft.

Hier geht es zu „Das versteckte Kind“ und „Erikas Geschichte„… Ein Vergleich.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr – Ein Vergleich

Zu Gast im Bücherstadt Kurier – Kinderbücher und mehr…

Mit „Zuhause“ zu Gast im Bücherstadt Kurier

Gemeinsame Lesezeit ist ein wahres Geschenk. Wer erinnert sich nicht gerne an Geschichten, die von Oma oder Opa vorgelesen wurden, oder an die Bilderbücher, die man mit seinen Eltern vor- und zurückblätternd, wild gestikulierend und lachend erlebte? Und wer hat noch nie in seinem Leben auf der letzten Seite eines solchen Buches die magischen Worte „NOCHMAAAAL“ ins Kinderzimmer gejauchzt?

Ihr erinnert Euch?

Dann versteht Ihr auch, warum ich heute mit einem Gastbeitrag beim Team vom Bücherstadt Kurier zu Gast bin. Einen ganzen Monat geht es dort um den Zauber der Bücher, die unsere kleinsten und jüngsten Leser auf die Spur des guten Lesens bringen können. Dies ist mein „Zuhause“, aber ich schaue mich auch gerne in anderen Häusern um, die dem Lesen gewidmet sind. Und mit dem Bilderbuch Zuhause von Carson Ellis aus dem NordSüd Verlag, beschäftigt sich mein Gastbeitrag zur Kinderbuchaktion im Bücherstadt Kurier. Merke: #kindermonat #litkinder…

Hier könnt ihr die Tür zu diesem bilderbuchhaften Zuhause öffnen.

Mit „Zuhause“ zu Gast im Bücherstadt Kurier

Wenn Ihr wiederkommen möchtet, dann erwarten Euch hier viele weiter gute Tipps in allen Kategorien, die das Leserherz erfreuen. Ob Romane, Biografien und Sach­bücher oder Jugend- und Kinderliteratur. Alles dies ist unter der Überschrift Lesenswege zu finden. Und wer eher visuell an die Sache herangehen mag, für den habe ich auch was. Mein Literatur-Schaufenster ist das Artikelmosaik, das alle Buchcover zu den Artikeln zeigt, die ich hier verfasst habe. Also, herzlich willkommen in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium.

Kommt einfach mit einem fröhlichen „Noch­maaaaaaaaaaaaaal“ zurück und fühlt Euch beim Team des Bücherstadt Kuriers wie zuhause…

[Bilderbuch] John F. Kennedy – Zeit zu handeln

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Happy birthday to you,
Happy birthday to you,
Happy birthday Mr. President,
Happy birthday to you…

So würde sie wohl immer noch singen, wären nicht sie selbst und das hier besungene Geburtstagskind schon längst Geschichte. Sie, das ist Marilyn Monroe, Stilikone ihrer Zeit, mehr als nur die Schauspielerin und mutmaßliche Geliebte eines der mächtigsten Männer der Welt. Er, das war John F. Kennedy. 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Was wir heute noch von ihm wissen sind die Schlagzeilen einer Amtszeit, die nur 1036 Tage währte.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Fakten, die man nie vergisst:

  • Mit 43 Jahren jüngster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
  • Erster katholischer Präsident der USA,
  • Kubakrise – Schweinebucht – Invasion,
  • Bemannte Raumfahrt  – Wettrennen im All,
  • Geteiltes Deutschland – Berliner Mauer – Ich bin einer Berliner,
  • Rassenunruhen – Marsch auf Washington – Martin Luther King,
  • Dallas – Attentat – Jackie Kennedy – Witwe…

Und was bleibt ist eines der bedeutendsten Zitate, das einen Wandel in der Haltung der Bürger eines Landes gegenüber der Regierung einläutete und das auch heute noch nicht an Aktualität eingebüßt hat.

„Fragen Sie nicht, was Ihr Land für Sie tun kann –
fragen Sie was Sie für Ihr Land tun können.“

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Am 29. Mai 2017 jährt sich der Geburtstag von John F. Kennedy zum hundertsten Mal. Der Präsident, der im Alter von nur 46 Jahren erschossen wurde, hat viele offene Fragen zurückgelassen. Legenden ranken sich um seinen Lebensweg, die nie geklärte Frage ob der Attentäter alleine schoss und die zweifellos charismatische Ausstrahlung haben ihre Spuren bis in die heutige Zeit hinterlassen. Es sind Fakten und Daten, derer man sich heute erinnern kann. Es ist aber auch die Frage, was er noch hätte verändern können, wenn…

Aus dem Schulunterricht ist einer der wichtigsten Vorreiter in der Gleichstellung von schwarzen und weißen Bürgern eines Landes fast verdrängt. Was lernen wir heute noch? Welche Politiker des vergangenen Jahrhunderts sind wichtig und wie geht man mit ihrem Vermächtnis um? Bleiben nur Hollywood-Filme, Fotos, Zitate und einige Artikel auf Wikipedia? Reicht das aus, um verstehen zu können, wie lange es wirklich gedauert hat, die Lücke zwischen Abraham Lincoln und John F. Kennedy in Bezug auf die Rechtstellung schwarzer Amerikaner zu schließen? Wie kann man das Vergessen verhindern?

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Es ist ein Buch, das helfen kann. Es handelt sich hierbei nicht um eine Biografie im engeren Sinn. Es ist kein Sachbuch-Wälzer, der Altes im neuen Kleid präsentiert. Es ist ein Kinder- und Jugendbuch – ein Bilderbuch – das uns zum hundertsten Geburtstag von John F. Kennedy aus der Deckung lockt und die Schlaglichter im Leben eines der wohl einflussreichsten Menschen unserer Zeit visualisiert. Es ist ein Bilderbuch, das in der Lage ist, Lücken zu schließen. Nicht nur tiefe Wissenslücken, sondern auch die im Zusammenspiel zwischen Jung und Alt, zwischen Kindern und Eltern und oftmals auch zwischen den Menschen, die John F. Kennedy noch erlebt haben und denjenigen, für die er nur noch als Name existiert.

John F. Kennedy. Zeit zu handeln“ von Shana Corey und R. Gregory Christie, im NordSüd Verlag erschienen, ist für mich ein Musterbeispiel für den Versuch, Eltern und Kinder zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit den Themen der Zeitgeschichte zu bewegen, ohne die wir unsere Gegenwart kaum richtig einordnen können. Es ist dabei auch mehr als relevant für die jüngeren Leser, um im späteren Leben Romane besser verstehen zu können. Sich selbst eine Meinung zu bilden und mehr zu wissen, als man es manchmal von ihnen erwartet. Und wissen hat noch nie geschadet…

Lest dazu den Artikel über das Jugendbuch „Mein Name ist nicht Freitagund ihr versteht, was ich meine. Sklaverei ist keine geschichtlich überholte Zeiterscheinung und Romane zu diesem Thema sind auch heute noch brandaktuell. Selbst Erwachsene können die großen Romane von Harper Lee Wer die Nachtigall stört oder Gehe hin, stelle einen Wächternur einordnen, wenn sie um die Hintergründe wissen.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Die Illustrationen von R. Gregory Christie strahlen in ihrer angedeuteten Abstraktion eine faszinierende Vitalität und Energie aus. Sie sehen auf den ersten Blick grob und in mancherlei Hinsicht unfertig aus, aber genau hier liegt ihre Stärke. Sie erschlagen den Betrachter nicht und geben Spielraum für die eigene Vorstellungskraft, sie verleiten zur eigenen Recherche und zur Suche nach den echten Fotos von einst. In Verbindung mit dem Text von Shana Corey entsteht so ein mehrdimensionales Bild, in dem Leser auch nach ihrer eigenen Haltung suchen können.

Jedenfalls sollte man sich diesem Bilderbuch der Geschichte gemeinsam nähern. Die im Text auftauchenden Begriffe Zivilcourage, Segregation und Plädoyer erklären sich jungen Lesern nicht von selbst. Und für die Jüngsten ist es interessant, wenn man ihnen den Unterschied zwischen einem Telegramm von einst und einer SMS von heute erklärt. So macht gemeinsames Lesen Spaß und vermittelt auch noch Wissen und eine nicht unwesentliche Portion Haltung, um die wir sonst so sehr ringen.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Folgen wir doch dem Aufruf der Autorin, demzufolge „Geschichte ein Gespräch“ ist. Ohne unsere Stimme kommt dieser Dialog nicht zustande. Erwachsenen unter uns empfehle ich „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates. Ein Brief eines schwarzen Vaters an seinen 15-jährigen Sohn in den heutigen USA schließt die Lücke zwischen uns und John F. Kennedy. Unverzichtbar. Diesen Büchern sollte man Raum geben – sie verhindern, dass man seine innere Haltung verliert…