Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais – Astrolibrium

Es fällt schwer, in diesen Tagen über Rassismus zu schreiben, impliziert dieser Begriff doch die Existenz der Bezeichnung Rasse„, wenn es um die Beschreibung einer ethnischen, sozialen oder territorialen Herkunft von Menschen geht. Dabei gibt es keine menschlichen Rassen in der Definition genetischer Abstammungslinien. Herkunft ist gänzlich frei von einem Rasse-Begriff, den wir eigentlich nur in Züchtungslinien von Tieren oder bei der Unterscheidung von Arten im Tierreich finden sollten. Und doch ist dieser Begriff immer noch salonfähig, in unserem Grundgesetz verankert und Teil einer Weltgeschichte, die umgeschrieben werden müsste, sollte man das Wort Rasse durch einen alternativen Begriff, wie zum Beispiel „ethnische Herkunft„, ersetzen.

Warum müsste man Geschichte umschreiben? Weil man alle Verletzungen gegen den humanistischen Denkansatz der Gleichbehandlung aller Menschen mit dem Wort Rasse in Verbindung bringt. Es gibt Rassenunruhen, Rassentrennung und für jene, die sich in ihrer Lebensphilosophie als höherwertig empfinden und bereit sind, andere zu unterdrücken, auszugrenzen oder gar zu ermorden, hat man den passenden Begriff „Rassist“ in die Welt gesetzt. Ich bleibe bei dieser Bezeichnung, weil es nur so gelingt, diejenigen zu brandmarken, in deren Denken die Reinrassigkeit der Herkunft wichtiger ist, als die Würde eines jeden Menschen. Rassismus darf nicht weichgespült werden. Auch, wenn wir uns von der Verwendung längst überholter Begriffe trennen, sollten wir in unserem Urteil gegenüber den selbsternannten Herrenmenschen eindeutig bleiben. Rassismus ist eine Geißel der Gesellschaft. 

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Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais führt uns ohne jeden Umweg in ein Land, in dem die weiße Minderheit ein System der Apartheid errichtet hatte, das noch heute unfassbar erscheint. Besonders, weil es sich so lange hielt, und erst seit 1994 der Geschichte angehört. Zumindest auf dem Papier. Rassentrennung. Kein anderer Begriff ist in der Lage zu definieren, wie sich das Leben in Südafrika für die herrschenden Weißen und die ausgegrenzten, unterdrückten und benachteiligten Schwarzen angefühlt haben muss. Die ehemaligen europäischen Kolonisatoren haben ein Gedankengut zu sozialem und faktischem Recht erhoben, nach dem nur sie in der Lage sein konnten, das Land zu regieren. Die für minderwertig erklärte Urbevölkerung Südafrikas wurde entmündigt und durch das System der Apartheid in ihre Schranken gewiesen.

Wer könnte diesen Zustand besser beschreiben als eine Autorin, die in Südafrika aufgewachsen ist? Wer könnte das besser beschreiben, als eine weiße Autorin, die in der eigenen Kindheit der privilegierten Schicht angehörte und die von einem schwarzen Kindermädchen großgezogen wurde? Wer könnte sich besser in jene indifferente Lage eines weißen Mädchens hineinversetzten, für das die Rassentrennung zum Leben und zum Alltag gehörte? Bianca Marais wagt nicht nur den Sprung in eine autobiografische Vergangenheit. Sie verarbeitet in ihrem Roman ihre eigene Kindheit, in der doch alles so behütet und schön war, dass man gar nicht an das Unrecht dachte, auf dem dieser Zustand beruhte. Bianca Marais sagt selbst, dass die neunjährige Robin ihres Romans sehr viel mit ihr selbst gemeinsam hat.

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Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Wir schreiben das Jahr 1976 und befinden uns in Johannesburg. Die Apartheid führt zu heftigen Unruhen und der Schüleraufstand von Soweto ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Was als gewaltloser Protest schwarzer Schüler in den Townships begann, setzt eine Spirale der Gewalt in Gang, in deren Folge nicht nur der Protestmarsch von den Weißen brutal beendet wird. Das Chaos bricht aus und die Polizei schießt in die Menge. Gerüchte über tote Schulkinder lösen die nächste Welle der Gewalt aus. In den folgenden Tage werden nicht nur wahllos schwarze Schüler von der Polizei inhaftiert, auch die schwarze Bevölkerung greift zu den Waffen. Die blutigen Unruhen fordern auf beiden Seiten zahllose Tote. Der Schüleraufstand wird noch heute als der Wendepunkt in der Apartheidpolitik in Südafrika angesehen. Dieser Impuls war nicht mehr einzudämmen.

Die neunjährige Robin verliert ihre Eltern, die aus Rache für die Gewalt der Weißen ermordet werden. Das behütete Mädchen ist in einer Familie aufgewachsen, in der die Rassentrennung alltäglich vorgelebt wurde. Schwarze wurden hier umgangssprachlich heftig ausgegrenzt. Beleidigungen waren alltäglich. Privilegiert lässt es sich gut leben. Wenn dann jedoch erste Risse im selbstherrlichen System auftreten, und man nur zur Minderheit im Land gehört, dann wird es eng, auch wenn diese Minderheit die Macht verkörpert. Revolutionen schreiben hier ihre ganz eigene Geschichte. Während Robin bei ihrer mit der Situation überforderten Tante Zuflucht findet, wendet sich unser Blick den eigentlichen Opfern des Schüleraufstandes zu. Hier verschwindet Nomsa bei den Protesten. Die schwarze Vorzeigeschülerin gehört zu den Anführerinnen des Marschs und niemand weiß etwas darüber, ob sie tot, inhaftiert oder geflohen ist. Nur ihre Mutter Beauty Mbali beginnt eine verzweifelte Suche am Ort des Geschehens.

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Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Die Wirren dieser Tage führen diese beiden Menschen zusammen. Das elternlose Mädchen und die Mutter, die ihre Tochter nirgendwo finden kann. Hier verschwimmen die Grenzen, die zuvor von der Hautfarbe gezogen waren. Hier nähern sich Menschen aneinander an und fassen Vertrauen. Hier gibt Beauty die Geborgenheit, die Robin so sehr vermisst und Robin ihrerseits erweist sich als Rettungsanker für die verzweifelte Beauty Mbali. Ist das nur ein Burgfrieden mit begrenzter Lebensdauer? Wann brechen die Vorbehalte und Ressentiments auf? Wie lange kann das gutgehen und wie sehen die Menschen aus dem unterschiedlichen Umfeld diese Allianz? Eine Situation, deren Ausgang von Seite zu Seite des Romans ungewiss ist und bleibt. Einzig hilfreich kann eine Überlebensstrategie sein, die Robin verinnerlicht hat. Egal wie fremd einem das Leben erscheint, egal wie schwer einem alles fällt. Wo man sich wohlfühlt, sollte man Wurzeln schlagen. „Summ, wenn du das Lied nicht kennst“ wird zu Robins Mantra. Als Beautys Tochter gefunden wird, trifft Robin eine fatale Entscheidung.

Ein lesenswerter Roman, der durch seine Perspektivwechsel besticht. Wir finden keine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere, sondern blicken tief in ihr Innerstes. Bianca Marais schafft die Apartheid in ihrem Buch von Seite zu Seite ab und stellt in den chaotischen Zuständen dieser dramatischen Epoche zwei Menschen ins Zentrum ihres Romans, die aufeinander angewiesen sind. Dieses Lied habe ich mitgesummt, obwohl ich seinen Text nicht kannte. Gerade für jugendliche Lesende ein relevantes Buch, in dem Schüler*innen erkennen können, was es bedeutet, ausgegrenzt und zu minderwertigen Menschen erklärt zu werden. Das fängt mit der Bildung an und wenn jungen Menschen in der Schule verboten wird, die eigene Muttersprache zu sprechen, dann muss man auf die Straße gehen. Widerstand ist keine Frage der Zurückhaltung.

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Ein bewusstseinserweiterndes Buch zum Thema „Apartheid“ und ein Buch, das uns dazu verleitet, uns intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Auch wenn dieser Roman aus meiner Sicht mit dem Handlungsstrang einer Zwillingsschwester von Robin ein wenig überfrachtet war, ist es der Autorin gelungen, Grenzen zu überwinden, deren Folgen bis heute spürbar sind. Wie nachhaltig hat sich Südafrika gewandelt? Was hat Nelson Mandela in seinen zentralen Botschaften des gewaltlosen Widerstandes nicht nur für sein Land hinterlassen. Eine aktuelle Reportage im MARE-Magazin „Zeitschrift der Meere“ stellt die Frage, wem heute die Strände in Südafrika gehören und ob man die alten Schilder „Whites Only“ wirklich für alle Zeiten entfernt hat. Geschichtlich ist die Apartheid überwunden. In den Köpfen der Menschen spielt sie immer noch eine Rolle. Wunden heilen nicht so schnell, wie wir es uns erträumen würden.

In meiner Artikelserie „Ich hatte einen Blog in Afrika“ finden sich viele Bücher, die nicht nur auf diesem facettenreichen Kontinent spielen. Es sind viele Bücher, die in uns Bilder verankert haben, wie sehr die Narben der Kolonisatoren noch heute wuchern. Es ist nie zu spät, die Ursachen des heutigen Black Lives Matter dort zu suchen, wo ihre Geschichte begann. Sklaverei, Unterdrückung und Ausbeutung beginnen in Afrika. Ihre Folgen spüren wir weltweit. Dem Rassismus müssen Grenzen gesetzt werden. Dazu ist es wichtig, auch solche Bücher ins Gefecht führen zu können. Sie sind gewaltlose und doch höchst effektive Waffen im Kampf gegen den Rassismus…

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ein Wort zu Spoilern:

„Es wäre freundlich gegenüber anderen Hörern und Hörerinnen – um nicht zusagen gegenüber dem Autor -, wenn die Entdeckungen, die ihr mit Griz auf seiner Reise durch die Ruinen unserer Welt macht, unser Geheimnis bleiben.“

C.A. Fletcher

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

So steht es auf dem Cover des Hörbuchs zu Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt von C.A. Fletcher geschrieben. Das ist eine Aufforderung, an der man gar nicht vorbeikommt, wenn man das Bloggen und Rezensieren ernstnimmt und verhindern möchte, dass zu viele Geheimnisse einer Roman-Story das Licht der Welt erblicken. Zu verständlich, kann ich nur sagen. Ich halte mich natürlich an das Schweigegelübde. Ich bin nicht indiskret und genau aus diesem Grund müsst ihr nun mit einer recht gekürzten Form einer Hörbuchvorstellung leben. Das ist einerseits dem Respekt gegenüber einem Autor geschuldet, der in seiner Geschichte so viele unerwartete Wendungen eingebaut hat, dass man sie tunlichst für sich behalten sollte. Andererseits jedoch gilt es hier auch den Random House Audio Verlag in Schutz zu nehmen. (Weiterhören)

Hat sich doch die seriöse Hörbuchschmiede zu einem echten Etikettenschwindel verleiten lassen, um die Geheimnisse dieser Produktion zu wahren. Das ist mir bisher in dieser Form selten begegnet und verdient Respekt. Wer wäre ich also, wenn ich mir erlauben würde, diese bewussten Täuschungsmanöver der Beteiligten zu unterminieren und inhaltliche oder produktionstechnische Kunstgriffe an die Öffentlichkeit zu bringen? Also. Was jetzt folgt, ist nur die Konsequenz dieser Geheimnistuerei. „Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt“ ist ein spannendes Hörbuch, das von Wanja Mues brillant eingelesen, interpretiert und mit Leben gefüllt wurde. Ich kann es euch nur wärmstens empfehlen, zum Hörbuch zu greifen, weil es mehr kann, als das Buch. Das könnt ihr mir glauben. Danke fürs Lesen dieser Rezension und viel Spaß beim Hören.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ihr merkt, ich bin gut, wenn es darum geht, verschwiegen zu sein. Also, wenn ich etwas kann, dann Verlagsgeheimnisse für mich zu behalten. Das war`s auch schon für heute. Mehr erfahrt ihr hier nicht von mir. Muss ja auch mal so gehen. Oder? Wie käme ich dazu, den Ehrenkodex eines Rezensenten zu verletzen? Warum sollte ich mich hier aus dem Fenster lehnen, um AstroLibrium zum Wiki-Leaks der Literatur-Blogs mutieren zu lassen? Welche Gründe könnte es für einen Geheimnisverrat geben? Keinen! Nunja, um ehrlich zu sein, gäbe es ja schon viele Rechtfertigungen, die meine Loyalität auf die Probe stellen könnten. Echt gewichtige Gründe. Wenn ich nur daran denke, dass euch dieses Hörbuch entgehen könnte, werde ich fast wahnsinnig. Vielleicht sollte ich ja das ein oder andere Geheimnis andeutungsweise lüften. Nur ein klein wenig. Was haltet ihr davon?

Womit haben wir es zu tun? Mit einer Dystopie. Zweifelsfrei. C.A. Fletcher beschreibt eine im Untergang befindliche Welt der Zukunft. Unfruchtbarkeit hat die Erde entvölkert. Nur einige „Letztgeborene“ konnten sich retten. Es sind Inseln letzten Lebens, Biotope und isolierte Gebiete, in denen noch Menschen leben. Und diese werden, wie seit jeher von ihren Hunden begleitet. Nachwuchs ist ein Fremdwort. Umso wichtiger ist es, diese letzten Refugien zu schützen. Hier lernen wir Griz kennen. Der Junge lebt mit dem Rest seiner Familie auf einer Insel. Eine Schwester hat er bereits verloren, die Mutter liegt im Wachkoma und nur seine beiden Hunde Jip und Jess geben ihm Halt. Als ein Fremder die Insel betritt, ändert sich alles. Der geheimnisvolle Brand stiehlt die Hündin Jess und macht sich mit seinem Schiff davon.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Aus diesem Szenario entwickelt CA. Fletcher einen absoluten Pageturner, der uns zu Weggefährten eines Jugendlichen macht, der die Verfolgung aufnimmt. Es sind die Ruinen unserer bekannten Welt, die wir mit Griz Augen sehen. Es ist seine Einsamkeit, die wir fühlen und es sind seine Verlustängste, die uns betroffen machen. Grandios im Erzählstil, faszinierend in der Aktualität einer Welt im Quarantänezustand und mehr als bestechend in der Charakterzeichnung eines Heranwachsenden, verfolgen wir Spuren und Fährten des Diebes. Es sind nicht nur die Gebäude, die wir erkennen, es ist auch die Französin „John Dark“, die dieser Geschichte Tiefe verleiht. Auf der Suche nach dem Mörder ihrer Töchter wird sie nun zum Schutzengel für Griz und Jip. Natürlich ist sein letzter Hund an seiner Seite. Es entwickelt sich eine Geschichte voller Verlust und Sehnsucht, Hoffnung und Bangen, Kampf und Schmerz.

Es sind die gewaltigen Bilder, die hier funktionieren. Die verfallenen Ruinen eines Fußballstadions und einer Bibliothek lassen uns schaudern. Wir betreten bekannte und geliebte Territorien. Bis wir am Ende des Hörens vor einem Neubeginn stehen. Wanja Mues leiht Griz seine Stimme und entführt uns behutsam in diese Dystopie, vor der es kein Entrinnen gibt. Aus der Suche nach einem Hund wird die Suche nach den Resten unserer Welt, nach den letzten Menschen und nach den Ursachen für den Exitus. Wir finden kaum Ruhepunkte in der Geschichte. Und wenn es uns gelingt, einen Blick nach vorne zu werfen, wirft uns der Autor mit einer kleinen Wendung meilenweit zurück. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Nichts ist, wie es scheint und keine Überraschung ist zu groß, um nicht doch plausibel und wahrhaftig zu sein. Es sind Momente der Erkenntnis, die diese Story zu einem besonderen Erlebnis machen. Aha-Erlebnisse vom Feinsten

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher – Ein Klick zum Spoiler

Was bleibt, ist ein grandioser Roman. Was bleibt, ist ein bewegendes Ende, das ihm zur Ehre gereicht. Was bleibt, sind die falschen Fährten, auf die uns der Autor entführt. Was bleibt, ist der bewusste Etikettenschwindel von Random House Audio, weil uns der Verlag etwas verschweigt, was uns beim Hören an einer bestimmten Stelle aufspringen und staunen lässt. Was bleibt ist das Gefühl, einen relevanten Roman gehört zu haben, der seine Wirkung als Hörbuch ganz besonders entfaltet. Was bleibt, ist die Liebe zum Hund, der hier ein kleines Denkmal gesetzt wird. Was bleibt, ist eine moderne „Jeanne d`Arc„, der ich auch unter ihrem Klangnamen „John Dark“ blind folgen würde. Und es bleibt der Dank an den Hörbuchsprecher Wanja Mues, der wirklich die Bestbesetzung für dieses Hörerlebnis ist.

Was aber auch bleibt, ist, dass am Ende des Tages nichts so ist, wie es scheint. Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt„, C.A. Fletcher, gelesen von Wanja Mues. Nichts von alledem ist richtig. Nichts davon ist wirklich wahr. Alles davon ist lückenhaft und doch so großartig, dass man es keinesfalls verpassen darf.

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Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

PS: Hunde und Dystopien sind meisterhafte Weggefährten. Deathland Dogs“ von Kevin Brooks könnte euch gefallen, wenn ihr Jip und Jess liebgewonnen habt.

Der Stein und das Meer

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Der Stein und das Meer

Stell Dir vor, Du musst in Quarantäne und hast keine Bilderbücher zur Hand. Gar nicht schlimm, sollte man meinen! Besonders, wenn die eigenen Kids schon erwachsen sind und Du gar nicht mehr in die Verlegenheit kommst, Dich zum gemeinsamen Lesen mit ihnen zu verabreden. Weit gefehlt. Eine Feststellung, die ich in den letzten Wochen als Literaturblogger gemacht habe. Denn ich habe sie zur Hand. Die illustrierten Bücher für Lesende jeder Altersstufe. Bilderbücher haben einen großen Stellenwert in meinem Leben. Sie sind die Türöffner für ein belesenes Leben, Schlüssel für Schlüsselmomente des gemeinsamen Erlebens und formbare Container für einen Wertevorrat, den man an seinen Nachwuchs weitergeben möchte. Moral-Kapital-Anlagen im allerbesten Sinn.

Gerade jetzt, gerage hier und gerade in schwierigen Zeiten gehören Bilderbücher in jede gut geführte private Bibliothek. Corona-Krise, Viren, Ausgangsbeschränkung, Lockdown, COVID19, geschlossene KiTas und Buchhandlungen. Das sind Schlagworte dieser Tage. Ein Horrorszenario für Eltern, die nun jede Rolle spielen müssen. Nicht nur Freunde und Freundinnen ihrer Kinder sind zu ersetzen, nicht nur Erzieher müssen im privaten Betreuungsprogramm kompensiert werden. Nein, nun ist man plötzlich sogar noch der uneingeschränkt zuständige Unterhaltungsdirektor der eigenen Familie. Wenn man nicht nur auf das Fernsehgerät oder das Internet bauen will und den gemeinsamen Spielen weitere inhaltsvolle Reize beisteuern möchte, ist man gut beraten, Bilderbücher in unmittelbarer Reichweite zu haben.

Der Stein und das Meer - AstroLibrium

Der Stein und das Meer

Tja, und als LiteraturBlogger und Vater erwachsener „Kinder“ kann man aus dem Vollen schöpfen und in kleinen verschworenen Gruppen (WhatsApp) in kleinen Videos Bilderbücher für die Kinder der Mitarbeiter und Kollegen vorlesen. Einerseits kann das eine ganz kleine Entlastung für die Eltern sein, und andererseits ist es eine Möglichkeit, die Rezensions-Exemplare meiner Bilderbuch-Verlage einem Stresstest zu unterziehen. Halten sie, was sie versprechen? Wie kommen sie bei der Zielgruppe an und schaffen sie es, nicht nur für einen kurzen oberflächlichen Moment zu unterhalten, sondern sind sie in der Lage, Impulse zu geben, die vielleicht sogar prägend sein können. So sah sie aus, meine Ausgangslage, als ich mich vom Rezensieren entfernte und plötzlich vor der Kamera saß und Bilderbücher zum Besten gab.

Die Reaktionen auf die Bilder und Geschichten kamen sofort. Sie kamen spontan, ungefiltert und von Grund auf ehrlich. Und so sitze ich nun hier und stelle euch eins dieser „getesteten“ Bilderbücher in der kleinen literarischen Sternwarte vor. Der Stein und das Meer“ aus den kunstvollen Federn von Alexandra Helmig (Text) und Stefanie Harjes (Illustration) ist eine der aktuellen Neuerscheinungen aus dem Hause Mixtvision Verlag, den ich noch im März in München besucht hatte. Hier sprang mir das Buch ins Auge, hier konnte ich nicht widerstehen und nun sollte sich zeigen, ob sich mein Gefühl bestätigen würde, oder nicht. Ja, zugegeben, die Ausgangslage war nicht einfach, aber der Verlag selbst zeigte auf seinem Instagram-Profil, wie kreativ man mit der besonders schwierigen Situation umgehen kann. Das war und ist großes Bilderbuch-Kino…

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Der Stein und das Meer

Der Stein und das Meer ist eine Bilderbuchgeschichte über Sehnsucht, Zeit und Vergänglichkeit. Wir lernen „Sören„, einen kleinen grünen Stein, kennen. Seit ewigen Zeiten ist er auf einem Felsen im Meer gefangen. Er sehnt sich danach, endlich frei zu sein. Er möchte sehen, woher die Dinge kommen, die er täglich auf dem Wasser sieht. Neugier treibt ihn an und doch ist er einfach nur ein Stein. Passiv. Bis ihn ein Sturm in die Fluten wirft und er endlich ganz nah am Strand zur Ruhe kommt. Die Zeit geht nicht spurlos an ihm vorüber. Die Brandung lässt ihn kleiner werden. Die Flut scheint ihn im Lauf der Zeit immer weiter aufzureiben. Viele Menschen ziehen wie Silhouetten an ihm vorüber. Bis er von einem kleinen Mädchen gefunden wird, das „Sören“ gerne mit nach Hause nehmen würde. Ihre Mutter erklärt ihr, was ein wahrer Glücksstein ist und bringt das Mädchen zum Grübeln. Sollte man „Sören“ mitnehmen oder ihn am Strand lassen? Keine leichte Entscheidung und doch eine, die prägend für ein ganzes Leben ist.

Diese Geschichte regt die Fantasie an. Haben Dinge eine Seele? Was ist Zeit? Darf man einfach alles mitnehmen was man findet und darüber bestimmen? Bringt es Glück, seine Heimat zu verlassen und warum wird der Stein in der Brandung immer kleiner? In vielen Facetten bieten sich Anknüpfpunkte für ein gemeinsames Lesen und Leben. Wir erkennen schnell, dass manche Reise genau dort endet, wo sie mal begonnen hat. Und doch war es das Abenteuer wert. Sind wir selbst wie Steine im Strom der Zeit? Und was würden wir gerne sehen und entdecken, wenn wir frei wären. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Dies verdeutlichen auch die Bilder, die den sehnsuchtvoll poetischen Ton des Textes umfließen und die Geschichte zu einem lebendigen Wimmelbild werden lassen.

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Der Stein und das Meer

Ich habe versucht, beim Vorlesen einen zusätzlichen Impuls zu setzen. Die Eltern hatten im Vorfeld kleine grüne Steine vorbereitet, die am Ende der Geschichte zufällig vor den Kindern lagen. Nun sollten sie entscheiden, ob man sie behält oder ihnen ihre Freiheit zurückgibt. Die Reaktionen zeigten, dass „Der Stein und das Meer“ nicht nur ein einfaches Bilderbuch ohne Botschaft ist. Einige Kinder wollten sich nicht von ihrem „Sören“ trennen, da der Stein plötzlich eine eigene Persönlichkeit und eine Geschichte hatte. Andere nahmen ihn mit zu einem Spaziergang und suchten sichere Plätze, weil ein Glücksstein ja nur dort Glück bringt, wo er gefunden werden möchte. Manchmal ist es einfach interessant, den Dingen seinen freien Lauf zu lassen. Kinder können Dinge nicht nur gut verlieren. Sie können Dinge finden und ihnen eine eigene Geschichte im Leben geben. Wie auch immer. „Der Stein und das Meer“ ist ein Bilderbuch mit einer Seele und einem intensiven Innenleben. Wir alle sind „Sören“ und sollten Erfahrungen machen dürfen, die uns auch mal aufreiben und erstmal kleiner werden lassen.

Wort und Bild gehen im Bilderbuch „Der Stein und das Meer“ Hand in Hand. Auch wenn sich die Illustrationen deutlich vom Stil vergleichbarer Geschichten unterscheiden, sind die Collagen und Suchbilder wesentlich für den Erfolg dieser Geschichte. Zeit wird sichtbar und ein Hauch von Surrealität lässt dem Denken in und zwischen den Zeilen der Geschichte viel Freiraum. Und wenn Kinder heute etwas ganz besonders brauchen, dann das: Freiraum und Freestyle im Denken. Versucht es mit eurem Sören

Der Stein und das Meer - AstroLibrium

Der Stein und das Meer

Der Mixtvision Verlag ist immer einen Besuch wert und schon bald geht es hier mit „Vront – Was ist die Wahrheit“ weiter. Es wird dystopisch und brandaktuell…

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Der Stein und das Meer

Rapunzel, lass dein Haar herunter – Francesca Dell´Orto

Rapunzel von Francesca Dell´Orto - AstroLibrium

Rapunzel von Francesca Dell´Orto

Es war einmal. So begannen sie fast alle. Die guten Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Und so, wie wir diesen Beginn noch in den Ohren haben, so ist auch das Ende der magischen Geschichten präsent. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“. Zur Unterhaltung dienten diese Märchen nur in seltenen Fällen. Sie sollten lehrreich sein, mahnend und mit zumeist erhobenem Zeigefinger die jüngsten Leser und Zuhörer auf den richtigen Weg führen. Dazu fragte man gerne nach der letzten Seite nach der Moral von der Geschicht´. Erziehungshelfer in Märchenform. Das hat sich eigentlich wenig verändert, weil auch heutige Märchen Botschaften in sich tragen, die sich spielerisch einprägen und verfestigen sollen. Damals jedoch ging es da ein wenig heftiger und direkter zu.

Von Hänsel bis Gretel, vom Rotkäppchen zum Froschkönig, über Hans im Glück zum Rumpelstilzchen und bis zur Bienenkönigin. Die Liste der Märchen ist lang und wohlklingend. Viele sind uns in guter Erinnerung geblieben, vor einigen fürchten wir uns noch heute. Und, ganz ehrlich: Haben wir sie nicht schon unseren eigenen Kindern mit der Absicht vorgelesen, sie mögen sich schon ein wenig schaudern, wie wir selbst? Im Wald allein mit der eigenen Schwester? Ein Knusperhäuschen und eine Hexe? War da nicht ein uraltes Gruselgefühl in uns verborgen, das wir so gerne weitergeben? Ich bin ganz ehrlich. Ich habe diese Märchen vorgelesen. Aber auch die mit einem Happy End. Jene Märchen, bei denen sich der Held heillos verstrickte und dann doch das Herz der Angebeteten eroberte. Denke ich an solche Märchen, dann denke ich an Haare.

Rapunzel von Francesca Dell´Orto - AstroLibrium

Rapunzel von Francesca Dell´Orto

RAPUNZEL

Wer kennt diese Worte nicht? Rapunzel, lass dein Haar herunter. Wer sieht dabei nicht die wallende blonde Mähne aus dem Turmfenster herabfallen und wer sieht nicht den jungen Prinzen an der Löwenmähne des Mädchens bis in die höchste Turmspitze klettern? Oh ja. Das sind Bilder, die ein Märchen tief in uns eingebrannt hat. Und es ist eine Geschichte, die zwar eigentlich recht schmal daherkommt, es aber faustdick hinter den Märchenohren hat. Der Bohem Verlag scheint sich diesen Märchen verpflichtet zu haben. Hier hat man es nicht aufgegeben, den Klassikern neues Leben einzuhauchen und sie in neuem Licht erstrahlen zu lassen. Das beste Beispiel in diesen Tagen bringt nicht nur alte Erinnerungen zurück, es pflanzt auch neue, weil Francesca Dell´Orto in ihrem aktuellen Bilderbuch die Geschichte auf einzigartige Weise illustriert.

Textlich bleibt man nah am Original. Gertrud Posch und Annabel Lammers gelingt der Spagat zwischen verständlicher Textgestaltung und authentischem Ursprungswerk. Die Geschichte kommt im traditionellen Klang der Gebrüder Grimm daher. Sie ist nicht simplifiziert auf die jüngsten Leser heruntergebrochen. Sie lebt im Sinn der mündlichen Überlieferung und macht Vorleser oder Lesebegleiter zu Vermittlern zwischen der Welt der Gebrüder Grimm und unserer modernen, medial geprägten, Lebenslandschaft. Sie gibt Spielraum für Erklärungen und fordert dazu auf, aktiv gelesen, kommentiert und in den Kontext unserer Zeit eingeordnet zu werden.

Rapunzel von Francesca Dell´Orto - AstroLibrium

Rapunzel von Francesca Dell´Orto

Keine leichte Geschichte für Kinder. Sie warf schon immer Fragen auf. Ein Mädchen, das vom eigenen Vater einer bösen Zauberin versprochen wird, weil ihre eigene Mutter den Heißhunger auf Rapunzeln nicht zügeln kann. Eine Zauberin, die dieses Mädchen wegsperrt und vor den Augen der Welt verbirgt. In der Spitze eines Turms ohne Treppe oder Tür. Nur ein Fenster lässt den Blick nach draußen zu. Und wenn die Zauberin zum unglücklichen Rapunzel wollte, dann sprach sie die magischen Worte „lass dein Haar herunter“ und kletterte am aufgelösten Zopf in die Spitze des Turms. Ein Prinz, der sie dabei beobachtete, die Worte wiederholte und sich in das schönste Mädchen der Welt verliebte. Viele Besuche. Eine ungewollte Schwangerschaft und eine Zauberin, die sich betrogen fühlt.

Ein verstoßenes Mädchen, dem man die Haare abgeschnitten hatte, ein Prinz, der von der Zauberin in eine böse Falle gelockt wird. Sein Sturz aus dem Turm. Die Rache der Zauberin. Mit Blindheit geschlagen irrt der Prinz jetzt durch die Welt. Weinend und jammernd, weil er Rapunzel und das inzwischen geborene gemeinsame Kind verloren hatte. Ja, das wirft Fragen auf. Das kann Ängste erzeugen. Kein leichter Stoff für junge Seelen. Wird man für die Laster der Mutter bestraft? Endet es in einem Gefängnis hoch über dem Boden? Wird man selbst verstoßen und gezeichnet, wenn man Fehler macht und ist der Prinz wirklich verliebt oder nutzt er die Lage des Mädchens aus. Man muss Antworten geben, sonst hängt die Geschichte in der Luft. Aktive Begleitung ist nötig.

Rapunzel von Francesca Dell´Orto - AstroLibrium

Rapunzel von Francesca Dell´Orto

Francesca Dell´Orto bietet ihre visuelle Begleitung an. Sie kleidet das Märchen in ein farbenfrohes und leuchtend helles Gewand. Sie weiß, wie die Geschichte endet und ist in der Lage in ihren Illustrationen den Hauch von Hoffnung zu versprühen, den der Text nicht verspricht. Die Detailverliebtheit der großformatigen Gemälde (sie nur als einfache Illustrationen zu bezeichnen würde ihnen nicht gerecht werden) lenkt unseren Blick auf Pflanzen und Tiere, den Nachthimmel und die Farbenvielfalt des wahren Lebens. Trost und Zuversicht sind Grundlagen dieser Illustrationen. Sie sind Wegweiser eines Happy Ends, das in dieser Form für Märchen absolut außergewöhnlich ist. Hier überschreitet Francesca Dell´Orto die Grenzen, die ihr von einem Bilderbuch gesetzt werden. Was man auf zwei Seiten nicht erzählen kann, lässt sich erweitern. Viele der Bilder können aufgeklappt werden und werden so zu einem vierseitigen Kosmos einer Bilderbuchwelt, die ihresgleichen sucht.

Mit Fug und Recht glauben wir am Ende der Zeile: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Vielschichtig ist diese Geschichte zu interpretieren. Das Essverhalten der Mutter, die unstillbare Gier nach Rapunzeln und die Bereitschaft, ein ungeborenes Leben als Entlohnung anzubieten, ähnelt dem egoistischen Bild, dass man das Greifbare dem noch Anonymen stets vorzieht. Der Turm wird für Rapunzel zur Isolationshaft und die Beziehung zum Prinzen ist der einzige Ausweg, der ihr bleibt. Es ist Abhängigkeit in Reinformat, die hier beschrieben wird. Die Verhältnisse kehren sich um, als sie ihm erneut begegnet. Rapunzel, selbst Mutter, frei und selbständig. Er, blind und auf der Suche. Aspekte, die dieser Geschichte Tiefe verleihen. Es ist ein einfaches Märchen. Und doch ist es genau das nicht.

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Rapunzel von Francesca Dell´Orto

Rapunzel, lass dein Haar herunter ist eine typische Entwicklungsgeschichte. Sie entwickelt sich sukzessive mit dem Lebensalter und dem Erfahrungsschatz des Lesers. Wenn man dieses Märchen im Abstand von mehreren Jahren liest, erkennt man immer neue Seiten. Die Interpretationen verändern sich, Botschaften werden greifbarer und in den Illustrationen werden Schattierungen sichtbar, die man zuvor nicht wahrgenommen hat. Die wahre Magie dieses Märchens entfaltet sich im gemeinsamen Lesen. Hier sind Vater und Mutter gefordert, Antworten anbieten zu können. Antworten, die der Situation der eigenen Familie entsprechen. Fragen auf- und ernstzunehmen, die ganz sicher von Kindern gestellt werden.

Wie kann man nur sein Kind verschenken? Warum wird Rapunzel weggesperrt? Hat der Prinz sie wirklich lieb? Wo sind Rapunzels Eltern, als sie von der Zauberin aus dem Turm verstoßen wird? Warum sagt sie, dass ihre Kleider zu eng werden? Der Text geht mit ihrer Schwangerschaft nur in dieser Andeutung um. Hier werden wir von einer ganz intensiven Form der kindlichen Neugier herausgefordert. Dem haben wir uns zu stellen. Ein Bilderbuch ist niemals Unterhaltung als Selbstzweck und zum isolierten Zeitvertreib gedacht. Begebt euch nicht in die Turmspitze und lasst Eure Kinder nicht alleine. Lasst Euer Haar herunter und gewährt Euren Kindern ein gemeinsames Erlebnis, auf dem sie lebenslang aufbauen können. Bilderbuchwelten sind gemeinsame Welten.

Rapunzel von Francesca Dell´Orto - AstroLibrium

Rapunzel von Francesca Dell´Orto

Rapunzel, lass dein Haar herunter“ von Francesca Dell´Orto / Bohem Verlag/ Text der Gebrüder Grimm bearbeitet von Gertrud Posch und Annabel Lammers / 52 Seiten / ab 3 Jahren / 22 x 30cm / vollfarbig / Hardcover mit aufklappbaren Panoramaseiten und Prägung auf dem Cover / 24,95 Euro

Der geheime Garten von F.H. Burnett im neuen Gewand

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

Frances Hodgsen Burnett (1849 – 1924). Ein Name, der heute fast von der Bildfläche verschwunden ist. Eine in Vergessenheit geratene Schriftstellerin, obwohl ihr Werk die Zeit überdauert hat. Aber wer denkt schon an sie, wenn man sich zum gefühlt 1000sten Mal „Der kleine Lord“ anschaut? Wer denkt an die britische Autorin, deren Leben von vielen Schicksalsschlägen geprägt war, die als Tochter eines Goldschmieds aufwuchs, nach Tennessee auswanderte, heiratete, einen ihrer beiden Söhne im zarten Alter von gerade einmal 16 Jahren verlor, sich scheiden ließ, erneut heiratete, um diesen zweiten Ehemann nur zwei Jahre nach der Hochzeit zu Grabe zu tragen. Wer denkt noch an die Schriftstellerin, wenn der Jugendbuchklassiker „Der geheime Garten“ erwähnt wird?

Ich hatte das letzte Lesejahr zu meinem ganz eigenen Gartenjahr“ erklärt und im Gewächshaus der kleinen literarischen Sternwarte jene zarte Pflanze dieses geheimen Gartens gehegt und gepflegt. Das Hörspiel aus dem Hause Der Audio Verlag hat mich verzaubert. Sowohl die szenische Inszenierung, als auch die Straffung der Geschichte und die Besetzung der einzelnen Rollen waren dafür verantwortlich, dass ich mich nicht im Garten verirrte und die Grundzüge des Klassikers verinnerlichen konnte. In nur einer guten Stunde kann man natürlich nicht das komplexe Original zu Gehör bringen. Mir ist klar, dass es hier (wie bei einer Verfilmung) um den Kern der Handlung geht, um deren wesentliche Aussage, aber ich wusste, dass da noch mehr auf mich wartete.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

MinaLima sei Dank, dass Jugendbuchklassiker in neuem Gewand den Buchmarkt erobern. Die Mischung aus Grafik-Design, Buchlayout und ursprünglichem Text macht die Buchkunstwerke aus London zu absoluten Perlen ihrer Zunft. Mit „Peter Pan“, „Die kleine Meerjungfrau“ und „Die Schöne und das Biest“ hat man bereits gezeigt, dass es möglich ist, klassischen Geschichten ein neues Leben einzuhauchen. Als dann noch „Das Dschungelbuch“ die vollständigen „Dschungelbücher“ von Rudyard Kipling in Szene setzte, war eigentlich der Höhepunkt erreicht. Sollten man meinen. Interaktiv und innovativ kommen diese Bücher daher. PopUp-Bücher waren gestern. MinaLima setzte schon mit den ersten Veröffentlichungen neue Standards, die vom Coppenrath Verlag im Maßstab 1:1 für den deutschen Sprachraum adaptiert wurden.

Die Übersetzungen der Klassiker sind hervorragend umgesetzt, das Buchdesign mit seinen Illustrationen und Inlays muss man mit Fug und Recht als perfekte Klone der Originalausgaben bezeichnen und die Resonanz des Publikums ist riesig. Man wird schnell süchtig nach mehr. Die Sammlung will erweitert werden und sehnsüchtig blickt man nach London, ob sich nicht weitere Titel am Horizont abzeichnen. Zum Glück geht es weiter! „Der geheime Garten“ ist nun schon das fünfte Werk, das auf diese Art und Weise für Aufsehen sorgt. Die MinaLima-Bibliothek wächst beharrlich, wobei sie nicht auf Büchersammler abzielt. Die Prachtbände sind absolut alltagstauglich, verführen uns zum gemeinsamen Lesen und sind gerade in Händen von Kindern gut aufgehoben. Der Mitmach-Faktor macht den großen Reiz dieser Bücher aus.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett – AstroLibrium

So auch im geheimen Garten. Hier entfaltet die facettenreiche Geschichte ihren vollen Glanz. Hier werden die Charaktere nicht nur angerissen, sondern in ihrer ganzen Tiefe beschrieben. Wer das Hörspiel noch im Ohr hat, wird sich über die neuen Ebenen der Geschichte wundern. Der Garten selbst nimmt einen unfassbaren Raum ein, den es zu entdecken gilt. Nicht nur im geschriebenen Wort. Hier finden wir den Lageplan und den Schlüssel zum geheimen Garten, wir entdecken Drehscheiben, die Geheimnisse über Wind- und Himmelsrichtungen verraten und sogar die indische Vergangenheit von Mary Lennox wird atmosphärisch in Szene gesetzt.

Die junge Mary Lennox, die verwaist in ihre englische Heimat zurückkehrt, bei ihrem verbitterten Onkel Zuflucht findet, und dort auf ein Haus voller Geheimnisse stößt, steht im Mittelpunkt dieser Geschichte. Sie verwandelt sich aus der verwöhnten kleinen Göre in ein neugieriges und fürsorglich denkendes junges Mädchen, als sie in ihrem Cousin Colin einen verletzlichen Jungen erkennt, dem es zu helfen gilt. „Der geheime Garten“ wird für beide zum wichtigen Zufluchtsort und dem Sanatorium für die Seele. Und nicht nur der Cousin hat es Mary angetan. Auch ihr neuer Freund Dickon scheint für sie aus einer anderen Welt zu kommen. Alles ist neu für Mary. Niemand hört auf ihre Wünsche. Sie kann nicht mehr herumkommandieren. Ihr verzogenes Wesen glättet sich.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

Als sie dann auch noch das Tor zum geheimen Garten entdeckt, verändert sich ihr ganzes Leben. Vom verwitweten Onkel verschlossen, weil der Garten ihn an seine tote Frau erinnert, verbirgt dieser Garten mehr als nur die Faszination des Verbotenen. Hier entfaltet die Natur ihre Magie. Der geheimnisvolle Dickon, der einen besonderen Draht zu haben scheint, wird zum Gefährten des jungen Mädchens. Sie setzen sich über alle Verbote hinweg und bringen den kränkelnden Sohn des Onkels in dieses Biotop. Was sich dann ereignet und wie sich der geheime Garten auf die Kinder auswirkt ist einfach nur mit einem Wunder zu vergleichen. Hier wird die Buchgestaltung dem Anspruch der Lektüre gerecht. Wo wir uns wundern und wo das Staunen beginnt, dürfen wir mit den jüngsten Lesern gemeinsam geheime Briefe entdecken, den Garten erkunden und den Blumen beim Wachsen zuschauen.

Der Umgang mit Verlust und Trauer, sowie die Ängste eines übervorsichtigen Vaters lasten auf den Kinderseelen, bis sie den Garten für sich entdecken. Eine Geschichte, in deren Verlauf bedeutende Entwicklungen bei allen Beteiligten zu erleben sind. Frances Hodgsen Burnett hätte sicher gerne in dieser MinaLima-Ausgabe geblättert, gelesen und sich sehr darüber gefreut, dass ihre Original-Geschichte so authentisch umgesetzt wurde. Es ist eine liebevolle Hommage an eine große Schriftstellerin, deren Werk noch heute allgegenwärtig, deren Name jedoch fast vergessen scheint. Dabei waren es auch für sie die Gärten mit ihrer kontemplativen Atmosphäre, in denen sie in ihrem späteren Leben Zuflucht suchte. Vielleicht war sie da selbst die kleine Mary. Auf der Suche nach einem Leben voller Sinn und Zuversicht.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

Prachtvoll. Wundervoll. Ein Bücherschatz in der Reihe der Bücherschätze. Es ist nicht die letzte Blüte im geheimen Garten, die wir hegen und pflegen dürfen. Ich warte auf weitere Informationen zur Verfilmung, die wohl erst 2020 in die Kinos kommt. Dann ist mein Garten-Kabinett vollständig. Sehen, hören, lesen, fühlen, drehen, entfalten und entdecken. Allen Dimensionen habe ich dann Raum gegeben. Und das, obwohl ich nie einen grünen Daumen besaß. Vielleicht ändert sich das. Ich pflanze diesen Gedanken mal ein und wässere ihn. Mal schauen, ob er wächst.

Der geheime Garten wird uns wohl noch länger beschäftigen. Ebenso, wie uns die Buchreihe von MinaLima weiter auf Trab halten wird. Meine Sammlung wird größer, in England pfeifen es schon die Spatzen von den Dächern, dass „Alice im Wunderland“ schon Anfang des Jahres auch bei uns erscheinen wird. Und wer sonst, als der Verlag, der immer wieder bewiesen hat, dass man diese klassischen Buchkunstwerke perfekt übersetzen und adaptieren kann, ist in der Lage auch dieses Buch in unsere Regale zu zaubern? Ich war gespannt, was ich auf der Frankfurter Buchmesse beim Presstermin mit dem Coppenrath Verlag erfahren würde… Im Januar 2020 erscheint Alice bei uns!

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett und Alice im Wundelralnd

Der geheime Garten“ von Frances Hodgsen Burnett / Coppenrath Verlag / MinaLima / dt. von Michael Stehle / Einband mit Leinenstruktur und Folienprägung / Illustriert / Mit neun interaktiven Inlays / Gebunden / 384 Seiten / 32 Euro