Einstein von Torben Kuhlmann

Einstein von Torben Kuhlmann - AstroLibrium

Einstein von Torben Kuhlmann – AstroLibrium

Das ist schon so eine Sache mit der Zeit. Mal rast sie davon, mal scheint sie kaum vergehen zu wollen und schleicht sich so dahin. Dann wieder hat man das Gefühl, sie hätte uns weit zurückgeworfen, nur um uns im nächsten Moment wieder in die Zukunft zu katapultieren. Es ist das subjektive Empfinden der Zeit, das uns immer wieder daran zweifeln lässt, ob unsere wertvollen Zeitmesser richtig funktionieren. Eigentlich messen Uhren ja keine Zeit. Sie zeigen sie nur an. Und so leben wir in einem ständigen Kampf zwischen gefühlter und angezeigter Zeit. Ein Kampf gegen Wecker, Normaluhren und Armbanduhren. Ein Kampf, den wir oft verlieren und zu spät zu einem Termin kommen, den wir gefühlt fast pünktlich erreicht hatten. Bei Büchern ist das vergleichbar.

Nehmen wir nur die Werke von Torben Kuhlmann. Seit vielen Jahren begeistert uns der Schriftsteller und Illustrator mit Bilderbüchern, die ihre ganz eigenen Wahrheiten zu erzählen scheinen. Und kaum hat man eines gelesen, wünscht man sich, die Zeit möge im Flug vergehen, bis ein neuer „Kuhlmann“ das Licht der Bilderbuchwelt erblickt. Und dann? Kaum ist es dann angekündigt, zieht sich die Zeit bis zum Erscheinen wie zäher Kaugummi und mag überhaupt nicht mehr vergehen. Während wir eines seiner Bücher lesen, steht sie dann wieder still und wir tauchen ab, während wir das Leben vergessen und  die Zeit verdrängen. Ein paar Tage danach haben wir schon wieder das Gefühl, es seien Jahre vergangen und Torben Kuhlmann habe schon ewig nichts mehr gezeichnet und geschrieben. Ich denke, die Fans des Multitalents kennen dieses Phänomen.

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Einstein von Torben Kuhlmann

Dabei hat sich das Warten immer gelohnt. Von „Lindbergh“ über „Armstrong“ bis zu „Edison“ und der „Maulwurfstadt„. Jedes seiner Bilderbücher stellt ein Highlight in meiner Bibliothek dar. Jedes seiner Werke relativiert populärwissenschaftliche Irrtümer und zeigt auf nachhaltige Art und Weise, warum es nicht immer Menschen waren, die als Pioniere in die Geschichte eingehen sollten. Kuhlmanns Mäuse haben die Welt in Wirklichkeit revolutioniert. Sie waren zuerst auf dem Mond, sie haben den Atlantik vor dem Menschen überflogen, sie haben das elektrische Licht erfunden und wer immer noch daran zweifelt, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Es war an der Zeit, dass sich der Mäuse-Visionär endlich mit einem Thema beschäftigt, das uns täglich beschäftigt. Es war an der Zeit, endlich wieder einen echten Kuhlmann in Händen halten zu dürfen. Es ist an der Zeit, „Einstein“ zu feiern..

Zum ersten Mal traut sich Torben Kuhlmann an einen Nobelpreisträger heran. Es ist mehr als gewagt, die Wissenschafts-Geschichte neu zu schreiben. Es ist gewagt, in Bilderbüchern zum Bildersturm aufzurufen, Legenden vom Sockel zu stoßen und diese dann durch Mäuse zu ersetzen. Es ist gewagt, neue Legenden zu erfinden und sich in seinen Büchern derart weit aus dem Fenster zu lehnen. Noch gewagter jedoch scheint es, nun den unangefochtenen Meister der Relativitätstheorie und Nobelpreisträger des Jahres 1921 aufs Korn zu nehmen und ihm eine Maus unterzuschieben. Typisch Kuhlmann, könnte man sagen. Er macht auch vor den Größten der Großen nicht Halt.

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Einstein von Torben Kuhlmann

In „Einstein. Die fantastische Reise einer Maus durch Raum und Zeit“ erleben wir eine Kuhlmann-Maus im Zustand riesiger Vorfreude. Das große Käsefest steht auf dem Plan. Ungeduldig macht sich die Maus im Jahr 1984 zum ersten Mal auf den Weg ins Mäuse- und Käseparadies Bern. Das Warten hatte sich elendig lange hingezogen. Die Zeit vor der riesigen Taschenuhr wollte kaum vergehen und als die Maus endlich in Bern angekommen war, erlebte sie den Schock ihres Lebens. Zu spät. Ein ganzer Tag zu spät. Statt Käse fand sie nur leere Kisten und Hallen vor. Was für ein Schlag in den kleinen Mäusemagen. Wer jedoch Torben Kuhlmanns Mäuse kennt, weiß, dass wir hier nicht am Ende einer Geschichte stehen, sondern gerade an ihrem Anfang. Hier gibt es kein Scheitern, hier gibt es kein „zu spät – Pech gehabt“. Hier gibt es nur den Moment, in dem sich die Maus die Frage stellt, ob sie die Zeit nicht um einen Tag zurückdrehen kann… Ein großes Abenteuer beginnt…

Torben Kuhlmann fabuliert und illustriert erneut auf höchstem Niveau. Er erreicht mit seiner Fantasie eine Zielgruppe, die heterogener und doch geschlossener gar nicht sein könnte. Kinder lassen sich von den warmen Bildern fesseln, Jugendliche sind vom ersten Augenblick durch den wissenschaftlichen Ansatz jenes Bilderbuchs gebannt und Erwachsene erleben ein Wechselbad der Gefühle, wenn sie mit der Mutter aller Fragen konfrontiert werden. „Warum?“ Die Maus erkundet das Geheimnis der Zeit, sie nähert sich experimentell, verstellt Uhren und beobachtet die Konsequenzen. Sie begegnet in Bern einem genialen Mäuse-Uhrmacher, der sie in die Geschichte der Uhren einweiht. Und doch weiß sie, dass es ihr niemals gelingen wird, das Käsefest zu erleben, indem sie die Uhrzeit verändert. Bleibt nur der gewagteste aller Gedanken. Eine Reise durch die Zeit.

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Torben Kuhlmann spielt mit allen Elementen einer fantastischen und doch auch wissenschaftlich angelegten Geschichte. Seine Ausflüge in die Theorie werden von der neugierigen Maus sofort in die Tat umgesetzt. Hier wird nicht nur gelötet, gebastelt und geschraubt, hier bedient sich die Maus der damals modernsten Technik, um ihren Sprung durch Raum und Zeit wagen zu können. H.G Wells und Die Zeitmaschine hat hier ein neues Mäuse-Level erreicht. Allerdings geht es nicht in die Zukunft. Es geht in die Vergangenheit. Zurück in der Geschichte. Ein Tag nur. Dann. Käsefest. So lautete jedenfalls der Plan. Am Ende der gewagten Reise ist jedoch nichts mehr, wie es zuvor einmal war. Wir schreiben das Jahr 1905 und die Maus ist ratlos, wie es ihr jetzt ohne elektronisches Superhirn gelingen könnte, wieder nach Hause zu kommen. Ganz ohne Computer scheint es unmöglich zu sein.

Jetzt hat uns Torben Kuhlmann genau da, wo er uns die ganze Zeit schon haben wollte. In einer Zeit, in der Wissenschaftler noch selbst denken mussten. In einer Zeit, die die Welt und die Technologie veränderte. In einer Zeit, über die wir heute nur noch staunen können. So öffnet er uns die Pforte zu einem Mitarbeiter des Patentamtes in Bern und verändert den Lauf der Zeit und dieser Geschichte. Die Maus trifft auf einen gewissen Albert Einstein. Torben Kuhlmann hat sich das gut ausgedacht. Er hat seine Geschichte brillant umgesetzt. Sein Mix aus wissenschaftlicher Geschichte und absolut an den Haaren herbeigezogener Mäuse-Legende ist faszinierend und brillant zugleich.

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Wir gehen ihm erneut auf den Leim und landen in seiner literarischen Mäusefalle. So kann es doch gewesen sein. Warum eigentlich nicht?. Das klingt so logisch und wir kennen ja schon Mäuse, die auf dem Mond waren. Herrlich, wie es ihm erneut gelingt, uns eine Maus auf den Rücken zu binden. Seine Bilderbücher regen dazu an, sich in der Folge des Lesens und Staunens mit der Materie auseinanderzusetzen. Im Anhang findet sich ein atmosphärisch gestalteter Sachbuchteil zu Albert Einstein und zur Zeit. Lehrreich und interessant. Dieses Bilderbuch hat es erneut in sich. Zeitreisen werden intensiv auf den Prüfstand gestellt. Der Wert von Uhren und ihre Geschichte steht im Fokus der Betrachtung und nicht zuletzt öffnen sich Türen zu einer Wissenschaft, die uns immer noch rätselhaft erscheint. Ein Quantensprung für ein Bilderbuch.

Hier ist nichts relativ. Hier ist alles absolut. Absolut Kuhlmann. Jetzt sitze ich vor diesem Buch und wünsche mich in der Zeit zurück, um es erneut lesen zu können. In ein paar Tagen wird es mir wieder so vorkommen, als hätte Torben Kuhlmann schon ewig nichts neues mehr geschrieben. Hach, die Relativitätstheorie der Literatur ist und bleibt ein Buch mit sieben Siegeln Habt einfach Spaß mit „Einstein“…

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Mehr zu Zeitreisen und Albert Einstein findet ihr jederzeit auf AstroLibrium. Ich halte die Zeit für euch an, damit ihr die Buchvorstellungen ganz in Ruhe lesen könnt.

CRYPTOS von Ursula Poznanski

Cryptos von Ursula Poznanski - Astrolibrium

Cryptos von Ursula Poznanski

Ich bezeichne sie seit Jahren liebevoll als Fluchthelferin meines Lesens. Sie hat mich zum Weltrekordhalter der Verfolgungsjagden durch ihre Romane gemacht. Wenn ich an sie denke, schnüre ich in Gedanken meine Laufschuhe, um ihrem Tempo folgen zu können. Ihre literarische Vita ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Seit Jahren schreiben ihre Thriller ganz eigene Geschichten. Sie fesselt Jugendliche, weil sie ihren Thrillern Themen zugrundelegt, mit denen man sich identifizieren kann. Es geht ihr um Abenteuerlust, Privatsphäre, Individualität, Zugehörigkeitsgefühl und Fluchtstreben aus dem tristen Alltag. Das macht ihre Romane relevant und greifbar. Sie erreicht mit ihren Erwachsenen-Thrillern eine Zielgruppe, die das Spannende liebt, zugleich jedoch nicht unbedingt im Blut waten muss, um vom Hocker gerissen zu werden. Sie ist eine große literarische Tiefenpsychologin, auf deren Couch ich viele Monate verbracht habe.

Die Rede ist von Ursula Poznanski. Viel ist geschehen, seit Erebos vor nunmehr zehn Jahren das Licht der Bücherwelt erblickt hat. Seitdem haben ihre Jugendbücher einen festen Platz in der kleinen literarischen Sternwarte. Die Fortsetzung ihres Debüt-Thrillers war nur der vorläufige Höhepunkt im Schaffen der österreichischen Bestseller-Autorin. Erebos 2 hatte erneut eingeschlagen, wie eine Buchbombe. Jetzt wechselt Ursula Poznanski erneut ihre Perspektiven, Genres, Themenschwerpunkte und bleibt mit ihrem neuen Thriller dem hohen Qualitäts- und Unterhaltungsanspruch treu, der mit ihrem Namen verbunden ist. Sie betritt mit dem neuen Jugendbuch „Cryptos“ Neuland, bleibt zeitlos relevant in der Wahl ihrer Erzählräume und verliert ihre Leserschaft nicht aus den Augen. Ja, das mag ein Jugend-Thriller sein. Ja, es ist ein Buch für Fans der Erfolgsautorin. Und ja, es ist ein absoluter All-Age-Roman, der Lesende jeden Alters zu fesseln weiß. Dafür gibt es gute Gründe…

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Cryptos von Ursula Poznanski

Willkommen in „Cryptos“. Wir befinden uns in der Zukunft. 350 nach Austen, könnte man sagen, wenn man eine Zeitangabe im Buch zur Orientierung heranziehen mag. Es ist ein komplexes sozial-ökologisches Szenario, in das uns Ursula Poznanski entführt. Das Klimasystem ist gekippt, große Teile unseres Planeten sind kaum mehr bewohnbar und den meisten Menschen bleibt nur noch die Flucht ins Virtuelle. Virtuelle Realität hat das reale Leben flächendeckend ersetzt und damit sich die Menschheit nicht langweilt, hat man „Weltendesigner“ damit beauftragt, ihr das Leben so abwechslungsreich wie nur irgend möglich zu gestalten. Wie man sich das vorstellen darf? Ganz einfach. Man befindet sich in einer Kapsel, wird mit allem Lebenswichtigen versorgt und hat die Wahl zwischen den unterschiedlichsten Welten, die vom System angeboten werden. Und die haben es in sich.

Hier beschreibt die Autorin eine technologische Utopie, die den Bedürfnissen einer gelangweilten Gesellschaft wahrlich perfekt auf den Leib geschnitten ist. Man fühlt sich in den virtuellen Welten in Sicherheit. Nichts kann passieren. Selbst ein Unfall oder ein ungünstig endender Konflikt hat keine Konsequenzen. Man wacht kurz auf, nimmt sich eine kleine Realitätspause, duscht, legt sich wieder in die Kapsel und loggt sich in eine neue künstliche Welt ein. Und davon gibt es genügend. Das Angebot reicht von kleinen friedlichen Inselchen über Biotope für rein geistige Abwechslung bis hin zu Welten, die kriegerischer und gefährlicher nicht sein könnten. Leben im tiefsten Mittelalter? Gerne doch. Abenteuer mit Dinosauriern, Vampiren oder Fabelwesen? Alles im Angebot. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Weltenhopping gehört zu den Highlights der Menschen im virtuellen Raum… Vorausgesetzt man kann sich alle Transferpässe leisten.

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Cryptos von Ursula Poznanski

Klingt doch verlockend und beruhigend. Der Tod ist lediglich eine Illusion und um die wichtigen Dinge des Lebens kümmern sich die Menschen, die in der realen Welt an den Stellschrauben des Systems arbeiten. Jana Pasco zum Beispiel. Mit erst siebzehn Jahren gehört sie zu den Toptalenten der Weltendesigner. Die Besucherzahlen in ihren virtuellen Refugien sprechen eine deutliche Sprache. Kerrybrook ist ihre Vorzeigewelt. Das Fischerdorf im Grünen strahlt das Ambiente einer typisch irischen Idylle aus. Jana steuert von ihrer Konsole aus alle Parameter, die der virtuellen Realität hier lebenswerte Züge verleihen. Bis eines Tages merkwürdige Dinge geschehen, die sich ihrem Zugriff als Administratorin von Kerrybrook entziehen. Ein Mensch stirbt. Ohne Konsequenzen, sollte man denken. Der Tod ist nur eine Illusion. Weit gefehlt. In der realen Welt wird die virtuelle Tote nun auch real verstorben gefunden. Jana muss handeln. Das gesamte Projekt steht auf dem Spiel. Und das gerade jetzt, kurz bevor eine ganz neue Welt ins Netz gestellt werden soll.

Sie sieht nur eine Chance. Transfer. Sie muss sich selbst in ihr virtuelles Kerrybrook begeben, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Diese Ausgangssituation sorgt für den unwiderstehlichen Drive in einem Thriller, der nicht nur durch Weltenvielfalt und Kreativität besticht. Ursula Poznanski öffnet mit ihrer Story die Tür zu Fragestellungen, die uns heute auf den Nägeln brennen. Wie sieht die Welt der Zukunft aus? Kann man den Klimawandel durch Geoengineering bekämpfen? Was bringt es, Menschen in die virtuelle Daseinsform zu transferieren und wer steckt hinter dieser Idee? Hier wird das Vertrauen auf die Technik der Zukunft einer gewaltigen Zerreißprobe unterzogen. Wird es Jana gelingen, das Geheimnis von Kerrybrook zu lösen? Die häufigen Wechsel von virtueller zu realer Welt lassen die Grenzen unserer Fantasie verschwimmen. Ich folgte Jana auf ihrer Reise durch die Welten, stellte fest, dass ich kein Weltenbummler war. Gehetzt und gejagt stellte ich mich Herausforderungen, die ich hier nicht erwartet hätte. Facettenreicher kann ein Thriller nicht sein, der als Climate Thriller neue Wege geht.

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Cryptos von Ursula Poznanski

Die Ideenvielfalt von Ursula Poznanski sorgt dafür, dass Cryptos viel Resonanz bei einer breiten Leserschaft erreichen wird. Es ist wirklich für jeden etwas dabei. In Anlehnung an ihren Roman funktioniert das Buch wie eine der Kapseln zur Flucht in die virtuelle Welt. Wir lesen, andere sorgen sich um die lebenswichtigen Dinge und es liegt in unserer Hand, die Abenteuer in Ritterwelten, Dinosaurier-Gegenden, in London 1622, bei Jane Austen oder einfach in Kerrybrook zu überstehen. Zahllos sind die Angebote, die uns zur Verfügung stehen. Brutal sind die Realitätspausen, in denen wir auftauchen und auch mal etwas essen müssen. Gefährlich wird es, wenn wir erkennen, dass auch Welten existieren, die eher Gefängnissen gleichen. Lebensgefährlich wird es, wenn es Janas Verfolgern gelingt, sie in ihrem Bewegungsfreiraum einzuengen. Hochspannung ist hier von der ersten bis zur letzten Seite garantiert. Ich empfinde „Cryptos“ als einen der durchdachtesten und stärksten Romane von Ursula Poznanski. Er passt in unsere Zeit und ist in der Lage, Augen zu öffnen.

Hier stimmt alles bis ins letzte Detail. Selbst die Symbolik auf dem Buch sollte man nicht unerwähnt lassen. War es bei Katniss Everdeen noch ein Spotttölpel, der zum Symbol des Widerstandes in „Die Tribute von Panem“ wurde, so ist es hier eine von einem Pfeil durchbohrte Taube. Sie wird euch in „Cryptos“ oft begegnen und zeigen, dass Ursula Poznanski mit ihrem Roman „den Vogel abgeschossen“ hat. Einen in sich geschlosseneren virtuellen Escape-Room kann man kaum gestalten. Selbst, wenn man alle Rätsel gelöst hat, erkennt man, dass es nur im Team vorwärts gehen kann. Und das Team von Jana Pasco besteht aus einem bunten Mix aus schillernden Charakteren. In jedem Kapitel beweist sich mehr, wem man vertrauen darf und wem man aus dem Weg gehen sollte. Egal, in welcher Welt…

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Cryptos von Ursula Poznanski

Cyptos ist das beste Buch für einen Leseabend in St. AlbanIch habe hier schon oft von meiner Lesepatenschaft mit den Kindern und Jugendlichen des Kinderheims der Benediktiner Ordensschwestern geschrieben. Von Bilder- bis zu Jugendbüchern reicht das Spektrum der Werke, denen wir uns dort widmen. Mit den Jugendlichen werde ich nach „Cryptos“ gehen. Wir verwandeln eine Wiese in ein Kontrollcenter und werden in Kapseln durch die Welten von Ursula Poznanski reisen. Und bei jeder Realitätspause ist das Thema Klimawechsel angesagt. Die Aspekte des Romans mag ich herausarbeiten und über Chancen und Risiken von Geoengineering diskutieren. Relevanter kann man sich eine Lesenacht in St. Alban nicht vorstellen. Bleibt noch die Frage: „Wohin gehen wir, wenn wir nirgendwo mehr hinkönnen?“ Ich bin auf Antworten gespannt.

Hier ein kleines Resümee des Abends am Ammersee:  Die Vorfreude war groß und ein paar eingefleischte „Erebos“-Fans stürzten sich freudig in eine neue Welt. Cryptos spielte schnell mit den Gedanken der Jugendlichen. Das Weltklima ist gerade bei ihnen ein sehr wichtiges Thema. Der Ausblick auf die Zukunft der Menschheit sorgte schnell für Aufmerksamkeit. In Jana Pasco schienen besonders die Mädels eine Protagonistin zu finden, der man durch einen Roman folgen wollte. Das Szenario weckte Neugierde und am Ende der Lesenacht, in der ich ein paar Passagen vorgelesen habe, blieb nur die Feststellung, dass es endlich ans eigene Lesen gehen musste. „Cryptos“ befindet sich jetzt in besten Händen. Ein kleiner Videogruß an Ursula Poznanski wurde von ihr sofort beantwortet. Großes Staunen bei den Kids von St. Alban! Wir setzen genau an dieser Stelle wieder an, wenn wir uns zur nächsten Lesenacht treffen. Dann wird der Roman gelesen sein, dann gehört „Cryptos“ zum Erfahrungsschatz, und den möchte ich gerne anzapfen…  Ich werde berichten… Versprochen.

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Cryptos von Ursula Poznanski

Hier geht es zu weiteren Romanen von Ursula Poznanski und zu ihrem Auftritt in meinem Kalender „Frauen lieben Schreiben„… Sehens- und lesenwert…

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Cryptos von Ursula Poznanski

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais – Astrolibrium

Es fällt schwer, in diesen Tagen über Rassismus zu schreiben, impliziert dieser Begriff doch die Existenz der Bezeichnung Rasse„, wenn es um die Beschreibung einer ethnischen, sozialen oder territorialen Herkunft von Menschen geht. Dabei gibt es keine menschlichen Rassen in der Definition genetischer Abstammungslinien. Herkunft ist gänzlich frei von einem Rasse-Begriff, den wir eigentlich nur in Züchtungslinien von Tieren oder bei der Unterscheidung von Arten im Tierreich finden sollten. Und doch ist dieser Begriff immer noch salonfähig, in unserem Grundgesetz verankert und Teil einer Weltgeschichte, die umgeschrieben werden müsste, sollte man das Wort Rasse durch einen alternativen Begriff, wie zum Beispiel „ethnische Herkunft„, ersetzen.

Warum müsste man Geschichte umschreiben? Weil man alle Verletzungen gegen den humanistischen Denkansatz der Gleichbehandlung aller Menschen mit dem Wort Rasse in Verbindung bringt. Es gibt Rassenunruhen, Rassentrennung und für jene, die sich in ihrer Lebensphilosophie als höherwertig empfinden und bereit sind, andere zu unterdrücken, auszugrenzen oder gar zu ermorden, hat man den passenden Begriff „Rassist“ in die Welt gesetzt. Ich bleibe bei dieser Bezeichnung, weil es nur so gelingt, diejenigen zu brandmarken, in deren Denken die Reinrassigkeit der Herkunft wichtiger ist, als die Würde eines jeden Menschen. Rassismus darf nicht weichgespült werden. Auch, wenn wir uns von der Verwendung längst überholter Begriffe trennen, sollten wir in unserem Urteil gegenüber den selbsternannten Herrenmenschen eindeutig bleiben. Rassismus ist eine Geißel der Gesellschaft. 

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Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais führt uns ohne jeden Umweg in ein Land, in dem die weiße Minderheit ein System der Apartheid errichtet hatte, das noch heute unfassbar erscheint. Besonders, weil es sich so lange hielt, und erst seit 1994 der Geschichte angehört. Zumindest auf dem Papier. Rassentrennung. Kein anderer Begriff ist in der Lage zu definieren, wie sich das Leben in Südafrika für die herrschenden Weißen und die ausgegrenzten, unterdrückten und benachteiligten Schwarzen angefühlt haben muss. Die ehemaligen europäischen Kolonisatoren haben ein Gedankengut zu sozialem und faktischem Recht erhoben, nach dem nur sie in der Lage sein konnten, das Land zu regieren. Die für minderwertig erklärte Urbevölkerung Südafrikas wurde entmündigt und durch das System der Apartheid in ihre Schranken gewiesen.

Wer könnte diesen Zustand besser beschreiben als eine Autorin, die in Südafrika aufgewachsen ist? Wer könnte das besser beschreiben, als eine weiße Autorin, die in der eigenen Kindheit der privilegierten Schicht angehörte und die von einem schwarzen Kindermädchen großgezogen wurde? Wer könnte sich besser in jene indifferente Lage eines weißen Mädchens hineinversetzten, für das die Rassentrennung zum Leben und zum Alltag gehörte? Bianca Marais wagt nicht nur den Sprung in eine autobiografische Vergangenheit. Sie verarbeitet in ihrem Roman ihre eigene Kindheit, in der doch alles so behütet und schön war, dass man gar nicht an das Unrecht dachte, auf dem dieser Zustand beruhte. Bianca Marais sagt selbst, dass die neunjährige Robin ihres Romans sehr viel mit ihr selbst gemeinsam hat.

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Wir schreiben das Jahr 1976 und befinden uns in Johannesburg. Die Apartheid führt zu heftigen Unruhen und der Schüleraufstand von Soweto ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Was als gewaltloser Protest schwarzer Schüler in den Townships begann, setzt eine Spirale der Gewalt in Gang, in deren Folge nicht nur der Protestmarsch von den Weißen brutal beendet wird. Das Chaos bricht aus und die Polizei schießt in die Menge. Gerüchte über tote Schulkinder lösen die nächste Welle der Gewalt aus. In den folgenden Tage werden nicht nur wahllos schwarze Schüler von der Polizei inhaftiert, auch die schwarze Bevölkerung greift zu den Waffen. Die blutigen Unruhen fordern auf beiden Seiten zahllose Tote. Der Schüleraufstand wird noch heute als der Wendepunkt in der Apartheidpolitik in Südafrika angesehen. Dieser Impuls war nicht mehr einzudämmen.

Die neunjährige Robin verliert ihre Eltern, die aus Rache für die Gewalt der Weißen ermordet werden. Das behütete Mädchen ist in einer Familie aufgewachsen, in der die Rassentrennung alltäglich vorgelebt wurde. Schwarze wurden hier umgangssprachlich heftig ausgegrenzt. Beleidigungen waren alltäglich. Privilegiert lässt es sich gut leben. Wenn dann jedoch erste Risse im selbstherrlichen System auftreten, und man nur zur Minderheit im Land gehört, dann wird es eng, auch wenn diese Minderheit die Macht verkörpert. Revolutionen schreiben hier ihre ganz eigene Geschichte. Während Robin bei ihrer mit der Situation überforderten Tante Zuflucht findet, wendet sich unser Blick den eigentlichen Opfern des Schüleraufstandes zu. Hier verschwindet Nomsa bei den Protesten. Die schwarze Vorzeigeschülerin gehört zu den Anführerinnen des Marschs und niemand weiß etwas darüber, ob sie tot, inhaftiert oder geflohen ist. Nur ihre Mutter Beauty Mbali beginnt eine verzweifelte Suche am Ort des Geschehens.

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Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Die Wirren dieser Tage führen diese beiden Menschen zusammen. Das elternlose Mädchen und die Mutter, die ihre Tochter nirgendwo finden kann. Hier verschwimmen die Grenzen, die zuvor von der Hautfarbe gezogen waren. Hier nähern sich Menschen aneinander an und fassen Vertrauen. Hier gibt Beauty die Geborgenheit, die Robin so sehr vermisst und Robin ihrerseits erweist sich als Rettungsanker für die verzweifelte Beauty Mbali. Ist das nur ein Burgfrieden mit begrenzter Lebensdauer? Wann brechen die Vorbehalte und Ressentiments auf? Wie lange kann das gutgehen und wie sehen die Menschen aus dem unterschiedlichen Umfeld diese Allianz? Eine Situation, deren Ausgang von Seite zu Seite des Romans ungewiss ist und bleibt. Einzig hilfreich kann eine Überlebensstrategie sein, die Robin verinnerlicht hat. Egal wie fremd einem das Leben erscheint, egal wie schwer einem alles fällt. Wo man sich wohlfühlt, sollte man Wurzeln schlagen. „Summ, wenn du das Lied nicht kennst“ wird zu Robins Mantra. Als Beautys Tochter gefunden wird, trifft Robin eine fatale Entscheidung.

Ein lesenswerter Roman, der durch seine Perspektivwechsel besticht. Wir finden keine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere, sondern blicken tief in ihr Innerstes. Bianca Marais schafft die Apartheid in ihrem Buch von Seite zu Seite ab und stellt in den chaotischen Zuständen dieser dramatischen Epoche zwei Menschen ins Zentrum ihres Romans, die aufeinander angewiesen sind. Dieses Lied habe ich mitgesummt, obwohl ich seinen Text nicht kannte. Gerade für jugendliche Lesende ein relevantes Buch, in dem Schüler*innen erkennen können, was es bedeutet, ausgegrenzt und zu minderwertigen Menschen erklärt zu werden. Das fängt mit der Bildung an und wenn jungen Menschen in der Schule verboten wird, die eigene Muttersprache zu sprechen, dann muss man auf die Straße gehen. Widerstand ist keine Frage der Zurückhaltung.

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Ein bewusstseinserweiterndes Buch zum Thema „Apartheid“ und ein Buch, das uns dazu verleitet, uns intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Auch wenn dieser Roman aus meiner Sicht mit dem Handlungsstrang einer Zwillingsschwester von Robin ein wenig überfrachtet war, ist es der Autorin gelungen, Grenzen zu überwinden, deren Folgen bis heute spürbar sind. Wie nachhaltig hat sich Südafrika gewandelt? Was hat Nelson Mandela in seinen zentralen Botschaften des gewaltlosen Widerstandes nicht nur für sein Land hinterlassen. Eine aktuelle Reportage im MARE-Magazin „Zeitschrift der Meere“ stellt die Frage, wem heute die Strände in Südafrika gehören und ob man die alten Schilder „Whites Only“ wirklich für alle Zeiten entfernt hat. Geschichtlich ist die Apartheid überwunden. In den Köpfen der Menschen spielt sie immer noch eine Rolle. Wunden heilen nicht so schnell, wie wir es uns erträumen würden.

In meiner Artikelserie „Ich hatte einen Blog in Afrika“ finden sich viele Bücher, die nicht nur auf diesem facettenreichen Kontinent spielen. Es sind viele Bücher, die in uns Bilder verankert haben, wie sehr die Narben der Kolonisatoren noch heute wuchern. Es ist nie zu spät, die Ursachen des heutigen Black Lives Matter dort zu suchen, wo ihre Geschichte begann. Sklaverei, Unterdrückung und Ausbeutung beginnen in Afrika. Ihre Folgen spüren wir weltweit. Dem Rassismus müssen Grenzen gesetzt werden. Dazu ist es wichtig, auch solche Bücher ins Gefecht führen zu können. Sie sind gewaltlose und doch höchst effektive Waffen im Kampf gegen den Rassismus…

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ein Wort zu Spoilern:

„Es wäre freundlich gegenüber anderen Hörern und Hörerinnen – um nicht zusagen gegenüber dem Autor -, wenn die Entdeckungen, die ihr mit Griz auf seiner Reise durch die Ruinen unserer Welt macht, unser Geheimnis bleiben.“

C.A. Fletcher

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

So steht es auf dem Cover des Hörbuchs zu Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt von C.A. Fletcher geschrieben. Das ist eine Aufforderung, an der man gar nicht vorbeikommt, wenn man das Bloggen und Rezensieren ernstnimmt und verhindern möchte, dass zu viele Geheimnisse einer Roman-Story das Licht der Welt erblicken. Zu verständlich, kann ich nur sagen. Ich halte mich natürlich an das Schweigegelübde. Ich bin nicht indiskret und genau aus diesem Grund müsst ihr nun mit einer recht gekürzten Form einer Hörbuchvorstellung leben. Das ist einerseits dem Respekt gegenüber einem Autor geschuldet, der in seiner Geschichte so viele unerwartete Wendungen eingebaut hat, dass man sie tunlichst für sich behalten sollte. Andererseits jedoch gilt es hier auch den Random House Audio Verlag in Schutz zu nehmen. (Weiterhören)

Hat sich doch die seriöse Hörbuchschmiede zu einem echten Etikettenschwindel verleiten lassen, um die Geheimnisse dieser Produktion zu wahren. Das ist mir bisher in dieser Form selten begegnet und verdient Respekt. Wer wäre ich also, wenn ich mir erlauben würde, diese bewussten Täuschungsmanöver der Beteiligten zu unterminieren und inhaltliche oder produktionstechnische Kunstgriffe an die Öffentlichkeit zu bringen? Also. Was jetzt folgt, ist nur die Konsequenz dieser Geheimnistuerei. „Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt“ ist ein spannendes Hörbuch, das von Wanja Mues brillant eingelesen, interpretiert und mit Leben gefüllt wurde. Ich kann es euch nur wärmstens empfehlen, zum Hörbuch zu greifen, weil es mehr kann, als das Buch. Das könnt ihr mir glauben. Danke fürs Lesen dieser Rezension und viel Spaß beim Hören.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ihr merkt, ich bin gut, wenn es darum geht, verschwiegen zu sein. Also, wenn ich etwas kann, dann Verlagsgeheimnisse für mich zu behalten. Das war`s auch schon für heute. Mehr erfahrt ihr hier nicht von mir. Muss ja auch mal so gehen. Oder? Wie käme ich dazu, den Ehrenkodex eines Rezensenten zu verletzen? Warum sollte ich mich hier aus dem Fenster lehnen, um AstroLibrium zum Wiki-Leaks der Literatur-Blogs mutieren zu lassen? Welche Gründe könnte es für einen Geheimnisverrat geben? Keinen! Nunja, um ehrlich zu sein, gäbe es ja schon viele Rechtfertigungen, die meine Loyalität auf die Probe stellen könnten. Echt gewichtige Gründe. Wenn ich nur daran denke, dass euch dieses Hörbuch entgehen könnte, werde ich fast wahnsinnig. Vielleicht sollte ich ja das ein oder andere Geheimnis andeutungsweise lüften. Nur ein klein wenig. Was haltet ihr davon?

Womit haben wir es zu tun? Mit einer Dystopie. Zweifelsfrei. C.A. Fletcher beschreibt eine im Untergang befindliche Welt der Zukunft. Unfruchtbarkeit hat die Erde entvölkert. Nur einige „Letztgeborene“ konnten sich retten. Es sind Inseln letzten Lebens, Biotope und isolierte Gebiete, in denen noch Menschen leben. Und diese werden, wie seit jeher von ihren Hunden begleitet. Nachwuchs ist ein Fremdwort. Umso wichtiger ist es, diese letzten Refugien zu schützen. Hier lernen wir Griz kennen. Der Junge lebt mit dem Rest seiner Familie auf einer Insel. Eine Schwester hat er bereits verloren, die Mutter liegt im Wachkoma und nur seine beiden Hunde Jip und Jess geben ihm Halt. Als ein Fremder die Insel betritt, ändert sich alles. Der geheimnisvolle Brand stiehlt die Hündin Jess und macht sich mit seinem Schiff davon.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Aus diesem Szenario entwickelt CA. Fletcher einen absoluten Pageturner, der uns zu Weggefährten eines Jugendlichen macht, der die Verfolgung aufnimmt. Es sind die Ruinen unserer bekannten Welt, die wir mit Griz Augen sehen. Es ist seine Einsamkeit, die wir fühlen und es sind seine Verlustängste, die uns betroffen machen. Grandios im Erzählstil, faszinierend in der Aktualität einer Welt im Quarantänezustand und mehr als bestechend in der Charakterzeichnung eines Heranwachsenden, verfolgen wir Spuren und Fährten des Diebes. Es sind nicht nur die Gebäude, die wir erkennen, es ist auch die Französin „John Dark“, die dieser Geschichte Tiefe verleiht. Auf der Suche nach dem Mörder ihrer Töchter wird sie nun zum Schutzengel für Griz und Jip. Natürlich ist sein letzter Hund an seiner Seite. Es entwickelt sich eine Geschichte voller Verlust und Sehnsucht, Hoffnung und Bangen, Kampf und Schmerz.

Es sind die gewaltigen Bilder, die hier funktionieren. Die verfallenen Ruinen eines Fußballstadions und einer Bibliothek lassen uns schaudern. Wir betreten bekannte und geliebte Territorien. Bis wir am Ende des Hörens vor einem Neubeginn stehen. Wanja Mues leiht Griz seine Stimme und entführt uns behutsam in diese Dystopie, vor der es kein Entrinnen gibt. Aus der Suche nach einem Hund wird die Suche nach den Resten unserer Welt, nach den letzten Menschen und nach den Ursachen für den Exitus. Wir finden kaum Ruhepunkte in der Geschichte. Und wenn es uns gelingt, einen Blick nach vorne zu werfen, wirft uns der Autor mit einer kleinen Wendung meilenweit zurück. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Nichts ist, wie es scheint und keine Überraschung ist zu groß, um nicht doch plausibel und wahrhaftig zu sein. Es sind Momente der Erkenntnis, die diese Story zu einem besonderen Erlebnis machen. Aha-Erlebnisse vom Feinsten

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher – Ein Klick zum Spoiler

Was bleibt, ist ein grandioser Roman. Was bleibt, ist ein bewegendes Ende, das ihm zur Ehre gereicht. Was bleibt, sind die falschen Fährten, auf die uns der Autor entführt. Was bleibt, ist der bewusste Etikettenschwindel von Random House Audio, weil uns der Verlag etwas verschweigt, was uns beim Hören an einer bestimmten Stelle aufspringen und staunen lässt. Was bleibt ist das Gefühl, einen relevanten Roman gehört zu haben, der seine Wirkung als Hörbuch ganz besonders entfaltet. Was bleibt, ist die Liebe zum Hund, der hier ein kleines Denkmal gesetzt wird. Was bleibt, ist eine moderne „Jeanne d`Arc„, der ich auch unter ihrem Klangnamen „John Dark“ blind folgen würde. Und es bleibt der Dank an den Hörbuchsprecher Wanja Mues, der wirklich die Bestbesetzung für dieses Hörerlebnis ist.

Was aber auch bleibt, ist, dass am Ende des Tages nichts so ist, wie es scheint. Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt„, C.A. Fletcher, gelesen von Wanja Mues. Nichts von alledem ist richtig. Nichts davon ist wirklich wahr. Alles davon ist lückenhaft und doch so großartig, dass man es keinesfalls verpassen darf.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

PS: Hunde und Dystopien sind meisterhafte Weggefährten. Deathland Dogs“ von Kevin Brooks könnte euch gefallen, wenn ihr Jip und Jess liebgewonnen habt.

Der Stein und das Meer

Der Stein und das Meer - AstroLibrium

Der Stein und das Meer

Stell Dir vor, Du musst in Quarantäne und hast keine Bilderbücher zur Hand. Gar nicht schlimm, sollte man meinen! Besonders, wenn die eigenen Kids schon erwachsen sind und Du gar nicht mehr in die Verlegenheit kommst, Dich zum gemeinsamen Lesen mit ihnen zu verabreden. Weit gefehlt. Eine Feststellung, die ich in den letzten Wochen als Literaturblogger gemacht habe. Denn ich habe sie zur Hand. Die illustrierten Bücher für Lesende jeder Altersstufe. Bilderbücher haben einen großen Stellenwert in meinem Leben. Sie sind die Türöffner für ein belesenes Leben, Schlüssel für Schlüsselmomente des gemeinsamen Erlebens und formbare Container für einen Wertevorrat, den man an seinen Nachwuchs weitergeben möchte. Moral-Kapital-Anlagen im allerbesten Sinn.

Gerade jetzt, gerage hier und gerade in schwierigen Zeiten gehören Bilderbücher in jede gut geführte private Bibliothek. Corona-Krise, Viren, Ausgangsbeschränkung, Lockdown, COVID19, geschlossene KiTas und Buchhandlungen. Das sind Schlagworte dieser Tage. Ein Horrorszenario für Eltern, die nun jede Rolle spielen müssen. Nicht nur Freunde und Freundinnen ihrer Kinder sind zu ersetzen, nicht nur Erzieher müssen im privaten Betreuungsprogramm kompensiert werden. Nein, nun ist man plötzlich sogar noch der uneingeschränkt zuständige Unterhaltungsdirektor der eigenen Familie. Wenn man nicht nur auf das Fernsehgerät oder das Internet bauen will und den gemeinsamen Spielen weitere inhaltsvolle Reize beisteuern möchte, ist man gut beraten, Bilderbücher in unmittelbarer Reichweite zu haben.

Der Stein und das Meer - AstroLibrium

Der Stein und das Meer

Tja, und als LiteraturBlogger und Vater erwachsener „Kinder“ kann man aus dem Vollen schöpfen und in kleinen verschworenen Gruppen (WhatsApp) in kleinen Videos Bilderbücher für die Kinder der Mitarbeiter und Kollegen vorlesen. Einerseits kann das eine ganz kleine Entlastung für die Eltern sein, und andererseits ist es eine Möglichkeit, die Rezensions-Exemplare meiner Bilderbuch-Verlage einem Stresstest zu unterziehen. Halten sie, was sie versprechen? Wie kommen sie bei der Zielgruppe an und schaffen sie es, nicht nur für einen kurzen oberflächlichen Moment zu unterhalten, sondern sind sie in der Lage, Impulse zu geben, die vielleicht sogar prägend sein können. So sah sie aus, meine Ausgangslage, als ich mich vom Rezensieren entfernte und plötzlich vor der Kamera saß und Bilderbücher zum Besten gab.

Die Reaktionen auf die Bilder und Geschichten kamen sofort. Sie kamen spontan, ungefiltert und von Grund auf ehrlich. Und so sitze ich nun hier und stelle euch eins dieser „getesteten“ Bilderbücher in der kleinen literarischen Sternwarte vor. Der Stein und das Meer“ aus den kunstvollen Federn von Alexandra Helmig (Text) und Stefanie Harjes (Illustration) ist eine der aktuellen Neuerscheinungen aus dem Hause Mixtvision Verlag, den ich noch im März in München besucht hatte. Hier sprang mir das Buch ins Auge, hier konnte ich nicht widerstehen und nun sollte sich zeigen, ob sich mein Gefühl bestätigen würde, oder nicht. Ja, zugegeben, die Ausgangslage war nicht einfach, aber der Verlag selbst zeigte auf seinem Instagram-Profil, wie kreativ man mit der besonders schwierigen Situation umgehen kann. Das war und ist großes Bilderbuch-Kino…

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Der Stein und das Meer

Der Stein und das Meer ist eine Bilderbuchgeschichte über Sehnsucht, Zeit und Vergänglichkeit. Wir lernen „Sören„, einen kleinen grünen Stein, kennen. Seit ewigen Zeiten ist er auf einem Felsen im Meer gefangen. Er sehnt sich danach, endlich frei zu sein. Er möchte sehen, woher die Dinge kommen, die er täglich auf dem Wasser sieht. Neugier treibt ihn an und doch ist er einfach nur ein Stein. Passiv. Bis ihn ein Sturm in die Fluten wirft und er endlich ganz nah am Strand zur Ruhe kommt. Die Zeit geht nicht spurlos an ihm vorüber. Die Brandung lässt ihn kleiner werden. Die Flut scheint ihn im Lauf der Zeit immer weiter aufzureiben. Viele Menschen ziehen wie Silhouetten an ihm vorüber. Bis er von einem kleinen Mädchen gefunden wird, das „Sören“ gerne mit nach Hause nehmen würde. Ihre Mutter erklärt ihr, was ein wahrer Glücksstein ist und bringt das Mädchen zum Grübeln. Sollte man „Sören“ mitnehmen oder ihn am Strand lassen? Keine leichte Entscheidung und doch eine, die prägend für ein ganzes Leben ist.

Diese Geschichte regt die Fantasie an. Haben Dinge eine Seele? Was ist Zeit? Darf man einfach alles mitnehmen was man findet und darüber bestimmen? Bringt es Glück, seine Heimat zu verlassen und warum wird der Stein in der Brandung immer kleiner? In vielen Facetten bieten sich Anknüpfpunkte für ein gemeinsames Lesen und Leben. Wir erkennen schnell, dass manche Reise genau dort endet, wo sie mal begonnen hat. Und doch war es das Abenteuer wert. Sind wir selbst wie Steine im Strom der Zeit? Und was würden wir gerne sehen und entdecken, wenn wir frei wären. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Dies verdeutlichen auch die Bilder, die den sehnsuchtvoll poetischen Ton des Textes umfließen und die Geschichte zu einem lebendigen Wimmelbild werden lassen.

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Der Stein und das Meer

Ich habe versucht, beim Vorlesen einen zusätzlichen Impuls zu setzen. Die Eltern hatten im Vorfeld kleine grüne Steine vorbereitet, die am Ende der Geschichte zufällig vor den Kindern lagen. Nun sollten sie entscheiden, ob man sie behält oder ihnen ihre Freiheit zurückgibt. Die Reaktionen zeigten, dass „Der Stein und das Meer“ nicht nur ein einfaches Bilderbuch ohne Botschaft ist. Einige Kinder wollten sich nicht von ihrem „Sören“ trennen, da der Stein plötzlich eine eigene Persönlichkeit und eine Geschichte hatte. Andere nahmen ihn mit zu einem Spaziergang und suchten sichere Plätze, weil ein Glücksstein ja nur dort Glück bringt, wo er gefunden werden möchte. Manchmal ist es einfach interessant, den Dingen seinen freien Lauf zu lassen. Kinder können Dinge nicht nur gut verlieren. Sie können Dinge finden und ihnen eine eigene Geschichte im Leben geben. Wie auch immer. „Der Stein und das Meer“ ist ein Bilderbuch mit einer Seele und einem intensiven Innenleben. Wir alle sind „Sören“ und sollten Erfahrungen machen dürfen, die uns auch mal aufreiben und erstmal kleiner werden lassen.

Wort und Bild gehen im Bilderbuch „Der Stein und das Meer“ Hand in Hand. Auch wenn sich die Illustrationen deutlich vom Stil vergleichbarer Geschichten unterscheiden, sind die Collagen und Suchbilder wesentlich für den Erfolg dieser Geschichte. Zeit wird sichtbar und ein Hauch von Surrealität lässt dem Denken in und zwischen den Zeilen der Geschichte viel Freiraum. Und wenn Kinder heute etwas ganz besonders brauchen, dann das: Freiraum und Freestyle im Denken. Versucht es mit eurem Sören

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Der Stein und das Meer

Der Mixtvision Verlag ist immer einen Besuch wert und schon bald geht es hier mit „Vront – Was ist die Wahrheit“ weiter. Es wird dystopisch und brandaktuell…

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