„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ (Buch und Film)

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Geht es euch auch manchmal so, dass ihr von Büchern heimgesucht werdet, die ihr vor langer Zeit gelesen habt? Manchmal sind es andere Bücher, manchmal auch nur Gedanken und Ideen die uns mit einem Werk in Verbindung bringen, das eigentlich ganz ruhig im Bücherregal des Lebens zu schlummern scheint. Aber glaubt mir. Bücher sind wie wilde Bestien. Sie warten auf den richtigen Moment im Leben und fallen dann erneut über ihr damaliges Opfer her und verzehren es mit Haut und Haaren. Besonders häufig ist dies bei Literaturverfilmungen der Fall. Im Schnitt liegen heutzutage zwischen der Veröffentlichung eines Romans und seiner filmischen Adaption ungefähr vier Jahre. Filmrechte gehen über den Tisch, Ein Drehbuch wird geschrieben, Schauspieler treffen sich zum Casting mit Produktionsgesellschaften und irgendwann geht es dann los.

Zuletzt war ich begeistert von Filmen wie „Wunder“ und „Raum“, weil sie einfach den Geist der Romanvorlagen in herausragender Art und Weise auf die Leinwände der Welt gezaubert haben. Wie gut solche Verfilmungen sein können, sieht man jährlich in Los Angeles, wenn es heißt And the Oscar goes to.“ Auch in diesem Jahr stehen die Verfilmungen von Bestsellern hoch im Kurs. Man erhofft sich dabei wohl, der Erfolg an den Kassen der Buchhandlungen möge sich im Kinosaal niederschlagen und im besten Fall sogar wiederholen. Ehrgeizige Projekte sind dabei. Verfilmungen, die ich nach dem Lesen eines Buches für nicht möglich gehalten hätte. Zu komplex, zu kompliziert und in vielerlei Hinsicht zu anspruchsvoll für das action-orientierte Kinopublikum sind Romane, die als Buch noch herausragend funktionieren. Eine Wirkung, die sie dann im Kino sehr oft einbüßen. Ihr kennt das sicher. Literaturverfilmungen und Romanvorlagen. Ein sehr heikles Thema.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Heikel mutet auch das folgende Filmprojekt an. Kann man einen Film auf den Markt bringen, in dem die Hauptrolle von mehr als zwanzig Darstellern verkörpert wird? Ist es dem Publikum auch visuell zu vermitteln, was einer Romanvorlage so exzellent gelang? Gelingt es im Kino, den Blick von den reinen Äußerlichkeiten auf das Innenleben eines Menschen zu lenken? Ist der Zuschauer in der Lage einem derart komplexen situativen Rahmen zu folgen? Ich hatte so meine Zweifel. Buch bleibt eben Buch und Vorstellung ist sicher nicht kompatibel zu den Bildern, die Regisseure und Produzenten vor Augen haben, wenn sie an einen Kassenerfolg denken. Doch worum geht es eigentlich?

Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan ging literarisch im Jahr 2014 durch die Decke. Ein Jugendbuch, wie ich es bis dahin nicht gelesen hatte. Eine Story mit einer tief angelegten Botschaft, die nicht nur junge Leser bewegte. Eine Story, die so einzigartig war, dass sie vielfach ausgezeichnet wurde. Ein Buch, das sich so erfrischend vom Mainstream abhob, dass man sich zwischen seinen Seiten nur wohl fühlen konnte. Und nicht zuletzt ein Roman, dem ich eine Lesenacht im Kinderheim St. Alban widmete. Jetzt holt mich das Universum im Kino wieder ein und glaubt mir, es ist mir gar nicht egal. Ich platze vor Neugier, wie man diese Geschichte verfilmen konnte.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Es geht um A. Er ist kein normaler Jugendlicher, nicht mal ein normaler Mensch. A. ist eine Seele, die sich täglich eine neue Heimat suchen muss. Hier ist Seelenwanderung mit einer Odyssee vergleichbar, denn A. hat keinen Einfluss darauf, in welchem Körper er am nächsten Tag erwacht und mit / in wem er diesen einen Tag verbringen muss. Er hat sich an dieses Leben gewöhnt, weil er es nicht anders kennt. Nichts ist konstant. A. wandert nur jeweils in Körper, die seinem Alter entsprechen und bleibt dabei fast immer in der gleichen regionalen Umgebung. Alles andere kann wechseln. Geschlecht, Größe und Gewicht, Hautfarbe und Charakter. A. ist die Eintagsfliege im Inneren seiner Wirte. Er fühlt sich in sie hinein, lebt mit ihnen und verlässt sie ohne Spuren zu hinterlassen.

A. hat dabei eines gelernt. Nicht festhalten, keine Bindung eingehen und nicht hoffen, an diesem einen Tag im Körper eines anderen Menschen die Welt zu verändern. Bis er sich im Körper von Justin wiederfindet und dessen Freundin Rhiannon begegnet. Da ist Ende mit Vernunft. Hier ist Schluss mit Disziplin. A. verändert den Tag, indem er Justin sympathisch macht. Er geht auf die Wünsche seiner Freundin ein, nimmt sie ernst und zeigt Gefühle. Völlig neu für Rhiannon. Schade nur, dass am nächsten Tag keine Spur mehr davon übriggeblieben ist. Hier nimmt die Story richtig Fahrt auf, denn aus der heil- und ziellosen Seelenwanderung wird jetzt eine Reise, die A. immer wieder zu Rhiannon führt. Er hat sich verliebt. Doch wie soll er dem jungen Mädchen zeigen, dass er es ist, der ihr da täglich im neuen äußeren Erscheinungsbild begegnet?

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Wir Leser leiden mit und hoffen pausenlos, dass Rhiannon die Wahrheit erkennt. Was zugegeben nicht einfach ist, denn A. ist vom Schicksal nicht gerade verwöhnt. Er muss mit dem Körper leben, der ihn beherbergt und genau in den wichtigen Situationen passt der so gar nicht zu seinen Wünschen. Wie soll er Rhiannon von seiner Liebe und seiner Situation überzeugen, wenn er ihr mal als schüchterner Nerd, als dunkelhäutige Schönheit, als homosexueller Junge, der sich nicht mit Mädchen treffen will oder in der Haut eines 140 Kilogramm schweren Jungen gegenübersitzt? Schon kompliziert, oder? Besonders, wenn man verliebt ist und sich von seiner besten Seite zeigen will.

„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ sprengt die Grenzen des Denkbaren. Und gleichzeitig schießt dieser Roman seinen Leser in eine Gefühlswelt hinein, die ihm zu keinem Zeitpunkt fremd ist. Wie gerne würden wir nur nach unseren inneren Werten beurteilt werden? Wie gerne würden wir Äußerlichkeiten abstreifen und der Liebe eines Lebens so begegnen wie wir wirklich sind? Wie schön wäre es, wenn unser Gegenüber unsere Makel nicht sehen wollte, weil er sich in unser Wesen verliebt hat. Dieses Buch beschäftigt nachhaltig. Spätestens als Rhiannon beginnt, die A. zu glauben. Spätestens als sie in den Menschen ihres Umfeldes nach seinem liebenswerten Wesen zu suchen. Und allerspätestens als sie realisiert, was genau dieses Umfeld davon hält, dass dieses ach so brave Mädchen täglich mit anderen Typen abhängt.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

„Kann es sein, dass der A, in den ich mich verliebt habe, jeden Tag in einem anderen Körper lebt? Aber wenn Glück sich so gut anfühlt, ist es eigentlich egal, ob es tatsächlich echt ist oder nicht.“

David Levithan ließ uns nicht mit dieser Geschichte alleine. Letztendlich geht es nur um dich“ ist die langersehnte Fortsetzung, die jedoch nicht mehr aus der Sicht des Körperwanderers, sondern aus der Perspektive von Rhiannon erzählt wird. Wer auf der Suche nach außergewöhnlichem Lesestoff ist, sollte in diesen Büchern sein Glück und allerbeste Unterhaltung suchen. Ich garantiere, dass keine der aufgeworfenen Fragen spurlos an euch vorübergehen wird. Ob die Verfilmung dem Universum jedoch egal ist oder nicht, das habe ich herausgefunden. Ich hatte meine Vorstellung von der Welt, die A. täglich neu erlebt. Der Film katapultiert mich jedoch auf die andere Seite der Körper und lässt mich A. in allen unterschiedlichen Daseinsformen erleben. Funktioniert das?

Und wie das funktioniert hat. Wenn der Film zum Déjà-vu-Erlebnis wird, man sich im Bilde fühlt und die Eingriffe des Regisseurs in die Handlung das zuvor Erlesene nicht in den Hintergrund drängt, dann hat man es mit einer sehr guten Adaption zu tun. Gefühle und Empathie gehören zu den Stärken des Romans und genau hier holt der Film seine Vorlage ab und visualisiert, was wir uns selbst ausgemalt hatten. Mit filmischen Mitteln gelingt der Spagat zwischen Erzählen und Zeigen brillant. Allein schon Angourie Rice als Darstellerin von Rhiannon verdient sich Bestnoten. In ihrem Gesicht kann man alles ablesen, was wir im Buch Wort für Wort aufgesaugt haben. Jedem Gefühl verleiht diese junge Schauspielerin Leben. Zweifel, Hoffen, Lieben, Leiden, Fliegen. Wenn man ihr in die Augen schaut, muss man nichts mehr erzählen.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Die Höhepunkte des Romans werden zu den Höhepunkten des Films. Lachen und Weinen gehen Hand in Hand. Alle Emotionen werden leinwandfüllend hervorgerufen. In jeder Sequenz funktioniert dieser Film so, wie schon das Buch funktioniert hat. Er packt uns und lässt nicht mehr los. Dabei handelt es sich hier nicht um EINE Buchverfilmung. Allein schon der Beginn des Films erinnert zu 100 Prozent an den Einstieg in Levithans Fortsetzungsroman „Letztendlich geht es nur um dich“. Rhiannons Perspektive prägt den Film mehr als die Erlebnisse des „Eintagsmenschen“ in den jeweiligen Gastgebern. Hier geht es darum, wie sie sich täglich finden können, wie Zuneigung entsteht und wie das Umfeld auf diese ungewöhnlichen Beziehungen reagiert.

Wir Leser wissen immer mehr. Wir sind privilegiert, wenn wir diesen Film sehen. Uns reicht der Blindenstock am Bett von A. um zu erkennen, was an diesem Tag schiefgeht. Uns muss man nicht alles erzählen. Wir sind auf Augenhöhe. Nichtleser sehen das mit anderen Augen. Ich möchte nicht mit ihnen tauschen. Das ist mein Buch, mein Film und meine Welt der Fantasie, in der ich in aller Tiefe eintauchen und mitfühlen darf. Und am Ende wurde ich auch nicht enttäuscht, weil man dem Ende in all seiner Melancholie und Gegenläufigkeit zur Vorstellung eines Happy-Ends das Ende gönnte, das mich im Buch schon so sehr beschäftigte.

Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Wenn vergossene Tränen im Kino der Maßstab für die Qualität eines Films sind, dann hat „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ fünf Tränen von möglichen fünf verdient. Davon zwei fürs Lachen und drei für Rührung und Gefühl. Was will ich mehr?

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„Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Es gibt keine Märchen mehr. Zumindest nicht mehr solche Märchen, die gemeinsam gelesen, zelebriert und in den Kontext eines jungen Lebens gestellt werden. Es gibt sie kaum noch, diese „Wir nehmen uns Zeit für ein Buch – Momente“, in denen wir uns mit einer Erzählung beschäftigen, an deren Ende man gerne sagen würde „Und die Moral von der Geschicht´“. Wir lesen vor uns hin, lassen junge Menschen oft alleine mit den Welten, die sie sich erlesen, verlieren so die gemeinsame Sprache und die Lehren aus dem Fokus, die man aus einem Buch ziehen könnte. Es ist im Lesen wie im Leben. Wir gehen „lost“, wenn es darum geht uns in der Welt unserer Kinder zu bewegen. Zeit, ein wenig dagegen anzugehen, das Ruder herumzureißen, den Kompass neu einzunorden und das Gemeinsame neu zu entdecken. Zeit für uns. Zeit für wir. Zeit für das Lesen in einer Dimension, die der mündlichen Überlieferung nahekommt. Vorlesen und Mitlesen werden so zu Vor- und Mitleben. Eine Vision? Mitnichten!

Was es braucht, um diese unsichtbare Grenze zu überschreiten? Nicht sehr viel! Eigentlich nur die innere Bereitschaft, ein gutes Buch und ein paar wichtige Menschen, mit denen das gemeinsame Lesen zelebriert werden kann. Und was soll ich sagen? Ich habe das alles. Ich bin bereit und bei bester Leselaune, habe ein wahrhaftiges Märchen im Gepäck und begegne im Kinderheim St. Alban jungen Menschen, denen ich gerne vorlese und mit denen ich schon seit Jahren Gedanken und Gefühle austausche. Es ist Zeit für eine Lesenacht. Es ist Zeit für gemeinsame literarische Wohlfühlzeit. Es ist Zeit für ein Buch, das wie ein Geschenk aus heiterem Himmel in meinen Schoß fiel. Zeit für ein besonderes Mädchen, das besonderen Menschen begegnen darf. Zeit für:

Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Was ist das für eine Welt, in der die Menschen sich Schutz vor einer bösen Hexe erkaufen, indem sie einmal im Jahr das jüngste Kind im Wald zurücklassen, um es zu opfern? Was ist das für eine Welt, in der einer Mutter das Kinder entrissen wird, um die Stadt zu retten? Wie groß muss die Angst sein, ein Kind zu bekommen. Nun gut, es ist den Ältesten des Schilf-Imperiums bekannt, dass es gar keine böse Hexe gibt. Aber es ist so schön einfach, den Aberglauben am Leben zu halten. Menschen in Angst lassen sich leicht kontrollieren. Echt praktisch. Ach, sagte ich, dass es keine Hexe gibt? Auch das ist falsch. Im Wald der ausgesetzten Kinder lebt wirklich eine Hexe. Allerdings eine gute. Xan rettet diese ausgesetzten Babys, päppelt sie auf und gibt sie an Eltern einer Stadt am anderen Ende des Waldes weiter. Sternenkinder werden sie dort seit jeher genannt. Sie entwickeln sich prächtig, als stünden sie unter einem guten Stern.

Was ist das für eine Welt, die wir hier im Wald kennenlernen? Die kleine Luna ist das diesjährige Opfer. Allerdings kommt es zu einem echten Missgeschick. Anstatt das Mädchen nur mit der Licht der Sterne zu füttern, lässt Xan es zu, dass die Kleine ganz aus Versehen den Mond trinkt. Und nun ist Luna magifiziert. Sagt man hier so. Sie ist also ziemlich aufgeladen mit Zauberkraft und es ist zu vermuten, dass sie im Alter von 13 Jahren zur echten Entfaltung kommt. Solange kann Xan die Zauberkraft mit eigenen Mitteln dämpfen. Luna und Xan bleiben zusammen. Ein solches Mädchen kann man ja schlecht an ahnungslose Menschen weitergeben. So wächst die kleine Familie, zu der auch ein sentimentales Flussmonster und ein Miniatur-Drache gehören glücklich, aber nicht gänzlich ohne magische Zwischenfälle zusammen.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Aus dieser magischen Ausgangssituation entwickelt Kelly Barnhill ein brillantes Märchen voller Überraschungen. Sie entwickelt ein Szenario, in dem wir aus einigen Perspektiven heraus das Leben im Wald, aber auch die Tristesse in der Stadt erleben, die regelmäßig ihre Kinder opfert. Lunas Mutter spielt dort eine ebenso wichtige Rolle, wie Antain, ein Junge aus besten Hause und ebensolchen Perspektiven. Er hat erlebt, wie Luna ihrer Mutter entrissen wurde. Er hat ihren Schmerz miterlebt. Und jetzt, wo er bald Vater wird, reift ein Plan in ihm. Sein Kind darf nicht das Opfer der bösen Hexe im Wald werden. Koste es was es wolle. Das ist Sehnsuchtslesen von Format. Aufgehellt durch skurrile und urkomische Situationen wissen wir nicht, ob wir lachen oder weinen sollen. Dieses Kinder- und Jugendbuch hat alles, was man sich nur wünschen kann. In jeder Ecke lauert Gefahr, aber auch jeweils ein entspannter Moment des Schmunzelns.

„Ein Baby mit Magie zu versehen, das ist, wie einem Kleinkind ein Schwert in die Hand zu drücken – zu viel Kraft kombiniert mit zu wenig Vernunft.“

Barnhill`s Charaktere sind so märchenhaft und nahbar, als wären wir selbst auch magifiziert worden. Wie die Geschichte endet? Warum ein Monster und ein Drache im Wald verborgen leben und ob es Antain gelingt, sein Kind zu retten? Das würde ich nie verraten. Ich würde euch um einen großen Moment des Lesens betrügen. Eines kann ich jedoch versprechen. Das furiose Ende lässt keine Frage offen und kein Auge trocken.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Am Ende allen gemeinsamen Lesens steht nun also die Frage alle Fragen: „Was ist die Moral von der Geschicht`?“ Was kann ich in mein Leben mitnehmen und wo sind Botschaften versteckt, an denen junge Menschen wachsen können? Hier geht es nicht um erhobene moralisierende Zeigefinger. Hier geht es nicht um leere Weisheiten oder theoretische Lehren, an denen man sich festhalten muss. Es geht um das Gefühl des Lesens, das zum Gefühl des Lebens werden kann. Glaubt mir, es ist nicht schwer, eine solche Leseemotion aus einem Buch zu extrahieren. Das Bauchgefühl ist hier der beste Ratgeber. Mit welchen Figuren der Geschichte würde ich gerne tauschen, warum steht mir ein Protagonist so nah und vor wem würde ich mich in Acht nehmen? Schlägt mein Herz bei einer bestimmten Situation im Buch höher und was schreckt mich ab? In wen kann ich mich gut hineinversetzen und wer bleibt mir völlig fremd? Eure Antworten auf diese Fragen stellen den magnetischen Pol des Lesens dar, nach dem ihr navigiert.

Hier blühen die Samen auf, die uns Schriftsteller mit viel Liebe ins Herz pflanzen. Wir sind das Gewächshaus des guten Lesens und zum Teil selbst dafür verantwortlich, ob sich Botschaften verfestigen und weitererzählt werden. Und nicht zuletzt können wir auch gute Ratgeber sein. Dabei helfen, wichtige Geschichten zu finden und schließlich am Ende mit der Frage nach der Moral einen Impuls geben, der oft fehlt, wenn man als junger Mensch ganz alleine liest. Wer einmal im Leben mit diesem Mädchen den Mond trank, wird erkennen wie wichtig dieses Märchen sein kann. Bei aller Fantasy, bei allem Märchenhaften ist es doch eine Message, die so lebendig und nachhaltig vermittelt und im Roman gelebt wird, wie selten zuvor.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

Seid nicht leichtgläubig, vertraut euren Gefühlen und Instinkten, macht den Mund auf, stellt Fragen, gebt euch nicht mit Ausflüchten oder nichtssagenden Antworten zufrieden und bleibt hellwach, wenn es darum geht eure Umwelt zu beobachten. Botschaften, die nicht ungehört bleiben. Lehren, die man nie vergisst und die zeitlos tragfähig sind. Jede Fake-News verliert ihre Wirkung, jedes noch so glaubwürdig gestreute Gerücht verpufft und viele Vorurteile verlieren ihre Grundlage. Wer „Das Mädchen, das den Mond trank“ aufmerksam liest, wird mit wachem Blick durch die Welt gehen und feststellen, dass es keine unbequemen Fragen gibt. Es gibt nur Menschen, für die es zu bequem geworden ist, aktiv denkend durchs Leben zu gehen. Sie gilt es aufzurütteln. Und wer könnte das besser als die Heranwachsenden, die alles hinterfragen dürfen. Traut euch. Trinkt vom Mond.

Es gibt keine Märchen mehr? Oh, was für ein Irrtum. Hexen, Miniaturdrachen und sentimentale Monster. Verzauberte Kinder und fliegende Origamis, mit Flügeln die so scharf sind wie Skalpelle. Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und ein Niemandsland, das wahrlich nicht niemandem gehört, sondern einer der grandiosesten guten Hexen, die man jemals kennenlernen durfte. Die geretteten Sternenkinder haben viel mit den verlorenen Jungs auf Nimmerland gemeinsam. Luna und Peter Pan haben sicher den Mond wie Muttermilch getrunken. Mit ihnen fliegt man wohlbehütet durch die größten Abenteuer der Literatur. St. Alban im Mondlicht sieht heute anders aus. Dieses Kinderheim hat so viel vom Wald, in dem Kinder ausgesetzt werden. Auch hier werden sie gerettet und zu Sternenkindern in einer besseren Welt. Ich habe in Schwester Anna meine Xan getroffen, die aus ihren Mondtrinkern glückliche Kinder macht.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill – Eine Lesenacht

Mehr zu St. Alban und AstroLibrium: Lesenächte, ein Drache im Kinderheim, ein Video mit Gesprächskreis bei Literatur Radio Bayern. Unsere Reise ging gestern weiter (hier noch ein Eindruck auf Facebook) und wird schon im Juli fortgesetzt.

Das Mädchen, das den Mond trank von Kelly Barnhill

„Das tiefe Blau der Worte“ von Cath Crowley

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

„Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“

David Foster Wallace – „Der bleiche König

Wenn sich eine Schriftstellerin dazu entscheidet, einen Roman mit diesem Zitat aus der Feder von David Foster Wallace zu beginnen, dann bin ich schon ihre Geisel. Hier ist Zufall in der Auswahl ausgeschlossen. Allzu bewusst hebt man das eigene Buch auf ein literarisches Niveau, das dem Leser schon vor den ersten Zeilen aus eigener Feder sagen soll: „Vorsicht, jetzt kommt eine Geschichte, die alles ist, nur keine Alltagskost.“ Würde man sich sonst für einen Autor entscheiden, dessen Bücher ebenso beliebt wie umstritten sind? Nein. Hier vollzieht sich Richtungsweisendes für einen ganzen Roman. Hier werden die Weichen des guten Lesens gestellt und ich glaube fest daran, dass es in meinem bibliophilen Leben keine Zufälle gibt.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Cath Crowley ist kein Zufall. Sie ist Bestimmung und ihr Roman „Das tiefe Blau der Worte„, erschienen im Carlsen Verlag, ist ein Volltreffer im Herzen meiner bibliophilen Leidenschaft. Ich liebe gute Romane, die von Büchern handeln. Ich liebe Geschichten, die in den Tankstellen des Geistes, den Buchhandlungen dieser Welt, angesiedelt sind und ich bin begeistert, wenn die in diesen Romanen erwähnten Bücher sich in meinem Besitz befinden. Was bleibt mir also übrig, als zu konstatieren, dass ich diesen Roman verehre, weil er all diese Facetten beinhaltet. „Das tiefe Blau der Worte“ ist ein Buch über Bücher, es ist eine Liebeserklärung an die Menschen, die sich dem Verkauf der Bücher verschrieben haben und es ist eine Hommage an die ewig währende Botschaft vieler Autoren aus längst vergangener Zeit, die uns bewiesen haben, dass uns Literatur verbindet, wie kaum ein zweites Medium.

„… Ich liebe es, dass du liest. Ich liebe es, dass du gebrauchte Bücher liebst. Ich liebe so ziemlich alles an dir und kenne dich jetzt schon zehn Jahre, das will also schon was heißen. Morgen fahre ich. Bitte ruf mich an, wenn du das hier liest…“

Rachel

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Mit diesen emotionalen Zeilen von Rachel geht es eigentlich los. Sie sind gewagt und verzweifelt, sie sind Liebeserklärung und Abschied zugleich und sie befinden sich an einem sicheren Ort. Zwischen den Zeilen eines Buches in einem ganz besonderen Bücherregal der Buchhandlung „Howling Books“. Sie befinden sich am besten Platz für Liebesbriefe, den man sich nur vorstellen kann. In der Briefbibliothek der kleinen Buchhandlung, die sich auf den Verkauf gebrauchter Bücher spezialisiert hat. Nur die Bücher der Briefbibliothek sind unverkäuflich. Kunden dürfen sie mit Notizen versehen, Markierungen vornehmen oder eben Briefe an Gleichgesinnte zwischen den Zeilen der Unverkäuflichen hinterlassen. Eigentlich ist es der beste Platz für diesen Brief, denn die „Gesammelten Gedichte von T.S. Elliot“ werden immer wieder von Henry, dem Sohn des Buchhändlerpaares, gelesen. Es ist der allerbeste Platz, dachte Rachel.

„Sanfte Gedanken treiben zwischen uns hin und her. Wir sind die Bücher, die wir lesen und die Dinge, die wir lieben.“

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

„Ich liege zusammen mit Amy in der Ratgeberecke von Howling Books. Wir sind allein… Normalerweise ist das die Zeit und der Ort, wo Amy und ich uns küssen.“

Tja, wenn Ratgeber gute Ratgeber wären, hätten sie Henry wohl geraten das Küssen sein zu lassen und in der Briefbibliothek nachzuschauen, was dort auf ihn wartet. Sind sie aber leider nicht. Und so reist Rachel nach ihrem ersten Liebesbrief an Henry und dem Versuch aus einer fast lebenslangen Freundschaft eine Liebe entstehen zu lassen ab, ohne sich von Henry zu verabschieden. Erst Jahre später kehrt sie an den Ort des Verlustes zurück, einen noch größeren Verlust im Gepäck und gezeichnet vom Trauma des Schicksals. Schulabschluss vertan, perspektivlos und auf fremde Hilfe angewiesen beginnt sie unfreiwillig dort zu arbeiten, wo alles begann. Bei „Howling Books„, an der Seite von Henry, der immer noch nichts von ihren wahren Gefühlen zu ahnen scheint.

Dass ihr Verlust weitreichende Folgen für die Menschen von Howling Books hat, ahnt sie nicht. Dass in der Briefbibliothek weitere Bücher stehen, die mit ihrem Leben verbunden sind, weiß sie nicht. Während das Leben bei Howling Books Saltos schlägt, erneuert sich ihre Freundschaft zu Henry. Eine gelebte tiefe Seelenverwandtschaft ist die Basis dieses kleinen Glücks. Doch Rachel will mehr. Immer noch. Wären da nicht die unheilbaren Wunden der Vergangenheit und jene Amy, die sich immer noch in ihr Leben schleicht.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Dieser Roman ist vorhersehbar. Ein Vorwurf, der einem Todesurteil gleichkommt. In diesem Fall ist die Vorhersehbarkeit ein bewusstes Stilmittel von Cath Crowley. Schon in der Mitte ihres Buches wissen ihre Leser ganz genau, worauf alles hinausläuft, wenn Rachel sich mit den Büchern der Briefbibliothek beschäftigt. Es ist unausweichlich. Es ist grandios, was Cath Crowley mit unseren Herzen veranstaltet, da wir genau wissen in welchen Büchern Briefe versteckt sind, die alle Fragen beantworten. Dieses Wissen ist schmerzhaft und schön zugleich. Schon in der Mitte eines Romans unter Tränen lesen zu dürfen ist ein Privileg des wahrhaft guten Lesens. Niemand hat eine Chance, dem zu entrinnen. Nicht Rachel, nicht Henry und auch nicht seine Schwester George, die so lange und verzweifelt auf eine Antwort auf ihre Briefe wartet.

„Das tiefe Blau der Worte“ beschenkte mich mit großen Lesemomenten. Bücher sind diesem Roman heilig. Die Bücher, die in ihm Erwähnung finden, sind Teil meiner Lebensbibliothek. Sie scharten sich um mich, während ich im tiefen Blau seiner Worte versunken war. Sie alle werden mich an die Briefbibliothek erinnern. Sie alle singen ihr ganz eigenes Lied von Freundschaft, Hoffnung und Liebe. Gemeinsam mit dem Roman von Cath Crowley ergeben diese einzelnen Lieder eine große literarische Komposition, die uns immer fühlen lässt, dass man in Büchern weiterleben kann. Inspirierend.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Wer lieber heute als morgen in Howling Books einziehen möchte, wird sich sofort in Bücher verlieben, die von Büchern handeln und in magischen Büchertempeln in der Literatur angesiedelt sind… Eine kleine große Auswahl von mir für euch

Howling Books und weiter magische Buchhandlungen in der Literatur

„Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„…Stell dir das Leben vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmern… Einige dieser Zimmer sind leer, andere voller Gerümpel. Manche sind groß und voller Licht, und wieder andere sind dunkel, sie verbergen Schrecken und Kummer. Und ab und zu öffnet sich die Tür zu einem dieser schrecklichen Zimmer…“

Stellt euch den Jugendroman Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmern. Stellt euch vor, der Autor würde euch Schlüssel für jeden einzelnen Raum überreichen und euch ganz persönlich einladen, dieses Haus zu besichtigen. Stellt euch nun vor, dieses Haus trüge den Namen „Visible„, weil es die die Menschen dazu zwingt, durch die großen Fenster einen weiten Blick auf die Welt zu werfen. Stellt euch jetzt vor, ihr würdet für die Dauer eures Lesens hier wohnen um mit den Menschen, für die „Visible“ mehr als nur Heimat bedeutet, auch die schrecklichen Zimmer zu betreten. Wenn ihr euch das vorstellen könnt, dann habt ihr einen Schlüssel zu diesem Buch gefunden. Es ist der Generalschlüssel zum guten Lesen. Herein…

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„… eines Tages spürst du vielleicht, dass nur durch dieses schreckliche Zimmer der Weg in einen größeren, schöneren Teil des Haues führt. Und dann brauchst du den Schlüssel.“

Was in der Sprachkunst von Andreas so poetisch klingt, durchzieht seinen Roman wie ein roter Faden. Nicht nur die außergewöhnliche Location Visible in einem niemals näher genannten Ort, auch die Menschen, denen wir hier begegnen verändern unsere Wahrnehmung für große Geschichten schlagartig. Sie prägen den Roman nicht nur von der ersten bis zur letzten Seite, sie hinterlassen tiefe Spuren der Empathie in unserem Lesen. Schon unsere ersten Schritte in den heiligen Hallen von Visible zeigen, dass es hier anders zugeht als in den normalen Familien, denen wir sonst in typischen Coming-of-Age-Romanen über den Weg laufen.

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Da ist die chaotisch liebenswerte Glass, die zwar ohne Ehemann und Vater für ihre beiden Kinder auskommt, nicht jedoch ohne Männer. Nach recht praktischen Aspekten scheint sie ihre kurzfristigen Wegbegleiter auszuwählen. Fällt auf Visible mal der Strom aus, ist es ein Elektriker, werden andere Reparaturen benötigt, dann greift sie halt zum Schreiner. Eine Lebenskünstlerin mit einem ganz eigenen Lebensentwurf, könnte man sagen. Wären da nicht ihre 17-jährigen Zwillinge Phil und Dianne, die sich dieser Welt ohne Fixpunkte und Orientierung seit Jahren ausgesetzt sehen. Wo sie sich manchmal nach Normalität und Halt sehnen, begegnet ihnen Improvisation und die „Alleswirdgut-Mentalität“ ihrer Mutter. Selbst die ständig bohrende Frage nach ihrem leiblichen Vater endet meist mit einem fragenden Blick auf die Liste der Affären ihrer Mutter.

… eine Liste, die ihre Männer aufführte, mit Namen und den Daten versehen, an denen, wie ich annahm, Glass mit ihnen geschlafen hatte. An einer Stelle stand lediglich eine Zahl. Es war ein Leichtes gewesen, vom Tag meiner und Diannes Geburt bis zu dem Datum zurückzurechnen, das neben der Nummer Drei stand.

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

All dies bietet sich noch nicht an, für Phil und Dianne Die Mitte der Welt zu sein und so ist es unser Privileg als Leser, den beiden ungleichen Zwillingen bei ihrer Suche nach ihrer persönlichen Mitte zu folgen und an ihrer Seite die schrecklichen Zimmer zu betreten, hinter denen die großen Geheimnisse des Lebens verborgen sind. Als Phil von einem Ausflug zurückkommt, erlebt er seine Schwester noch verschlossener, als sonst. Irgendwas muss in seiner Abwesenheit vorgefallen sein. Ein schwelender Konflikt muss sich Bahn gebrochen haben. Aber gerade jetzt kann sich Phil nicht um alles kümmern. Er ist knallverliebt in Nicholas. Und das Schönste an seinen tiefen Gefühlen: sie werden erwidert. Die erste große Liebe könnte seine Mitte der Welt sein. Sie müsste nur von Dauer sein. Ihm liegt eine Frage auf der Zunge, die er doch niemals stellen sollte:

„Frag ihn niemals, ob er dich liebt! Wenn er mit Nein antwortet, wünschst du dir, du hättest ihn nie gefragt. Sagt er Ja, kannst du nicht sicher sein, ob er es nur deshalb tut, weil er keine Lust auf hässliche Szenen hat.“

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Jetzt ist es der Kompass des Lebens, der seinen Nordpol finden muss. Jetzt ist es Kat, die beste Freundin von Phil, die ihn mit ihrem unvergleichlichen Lebensmut ziehen lassen muss. In ihrem Verzicht liegt der Zauber seiner Zukunft. Sie kennt ihn, wie keine Zweite und ist der große Halt seines Lebens. Seine Homosexualität steht nicht zwischen ihnen. Sie ist das tiefe Fundament des gegenseitigen blinden Vertrauens. Ausgerechnet Kat ist es, die den schrecklichsten Raum auf Visible betritt. Sie zieht ihrem Freund den Boden unter den Füßen weg, während seine Schwester ein Geheimnis preisgibt, hinter dem sie ihre unerfüllten Hoffnungen so gut versteckt hatte. Der Sturm fegt über Visible hinweg. Ein Sturm, der die Bruchbude endlich dorthin bringen kann, wo die Menschen des Ortes sie schon immer hinwünschten. Über den Abgrund hinaus in die Tiefe.

„Kinder sind Wachs in den Händen der Welt. Offene Bücher mit leeren Seiten, die von Erwachsenen beschrieben werden. Was in den ersten Kapiteln steht, kriegst du den Rest deines Lebens nicht mehr aus der Wäsche.“

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Die Mitte der Welt entzieht sich jeglicher Einordnung in die Schubladen unseres Geistes. Der Roman ist ebenso wenig ein reines Jugendbuch, wie ein Liebesroman. Es geht nicht um alternative Lebenswege, Lebenskünstler, Aussteiger oder das Coming-of-Age seiner Protagonisten. Hier wird nicht verkitscht oder romantisiert. Dieser Roman ist so außergewöhnlich, weil er eine schwule Liebe ohne vorheriges Outing möglich macht. Homosexualität ist hier so erfrischend, erhellend und erhebend normal, dass man sich nur denken kann, welches Erdbeben Andreas Steinhöfel bei der Erstveröffentlichung des Buches 1998 ausgelöst haben muss. Ein Roman ohne Rechtfertigung. Eine Story, die tief in sich ruht, für sich lebt und auch heute noch so frich verliebt daherkommt wie einst. Dieses Buch ist „Die Mitte der Welt“.

„Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest. Liebe treibt dich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun. Sie lässt dich in roten Schuhen durch die Straßen tanzen. Liebe schlägt tiefe Wunden, aber auf eine ihr eigene Art heilt sie auch deine Narben.“

Ein Wort noch zur Literaturverfilmung Die Mitte der Welt aus dem Jahr 2016. Ich stehe einer cineastischen Adaption von Büchern immer ein wenig skeptisch gegenüber. Allzu oft wurde ich enttäuscht und gerade hier war meine eigene Idee vom Kopfkino so präsent, dass ich nicht viel erwartet habe. Was ich aber dann sehen durfte war in jeder Beziehung überraschend. Ein Film, der durch die emotionale Präsenz seiner Darsteller zu faszinieren weiß. Ein Film, der zwar einige parallele Handlungsstränge des Romans ausblendet, dafür aber eine überzeugende Geschichte erzählt, die ich mir erhofft hatte. Und manchmal bekommt man ja von einem Film bei aller Verkürzung sogar noch etwas geschenkt, das man im Roman ein wenig vermisst hatte. Hier ist es eine Begegnung, die Andreas Steinhöfel nicht beschrieb. Es sind Worte, die mir fehlten. Kat und Phil mit ihrem Ende der Geschichte. Allein dieses Szene macht den Film so sehenswert.

Versucht es, wenn ihr bereits gelesen habt und lest, wenn ihr nur gesehen habt. 

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„Anne Frank und der Baum“ – Samen der Hoffnung

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Es gibt Bücher die unglaublich gefährlich sind. Bücher, die auf erschreckende Art und Weise aufzeigen, dass eine bestimmte politische Ideologie zwar in ihrer jeweiligen Zeit tun und lassen kann was sie will, dass die dabei begangenen Verbrechen und von der großen Masse eines Volkes getragenen Ansichten zwar möglich sind, aber niemals in Vergessenheit geraten. Besonders dann nicht, wenn der gesunde Menschenverstand wieder Einzug ins gesellschaftliche Leben hält und die Mitläufer und Täter von einst der Meinung sind, einfach in der neuen Masse untertauchen und weiter mitschwimmen zu können.

Es gibt Bücher, die für Dikaturen und ewig Gestrige der folgenden Generationen gefährlich werden, die Vergessenes ans Tageslicht bringen und Opportunismus, sowie die Folgen des Mitlaufens ebenso brandmarken, wie diejenigen, die sich aktiv und aus rein egoistischen Motiven an den Schwächeren einer Gesellschaft vergriffen haben. Es sind diese Bücher, die länger leben als die Menschen, von denen sie handeln. Es sind Bücher über Opfer, Ausgegrenzte, Deportierte, Entsorgte, Ermordete, Entrechtete und Entartete, die für Täter von gestern, heute und morgen gefährlich werden. Bücher, die uns nie mehr loslassen und einen zeitlosen Aufschrei gegen das Unrecht darstellen. Es sind Bücher „Gegen das Vergessen“ die uns wachhalten…

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Das Tagebuch der Anne Frank“ ist ein solches Buch. Brandgefährlich, weil es in der Lage ist, Menschen die Augen zu öffnen. Einerseits für den Rassenhass der Nazis von einst, andererseits für die frühen Symptome des Wiederaufflammens der Ideologie, die millionenhaftes Menschenleben ausgelöscht hat. Einzig beruhigend für die braunen Horden von heute mag es sein, dass dieses Zeitzeugnis erst so richtig verstanden wird, wenn Heranwachsende vielleicht schon den Verführungen der Wutgesellschaft erlegen sind und dieses Tagebuch gar nicht mehr ernst nehmen. Was also könnte gefährlicher sein, als die Botschaft der Anne Frank auch an ganz junge Menschen heranzutragen? Aus Sicht der rechten Radikalen von heute wäre das ein Tiefschlag in das Weltbild, das sie so gerne vermitteln würden.

Hier kommt ein erzählendes Bilderbuch ins Spiel. Ein wahrer Spielverderber für die Ansichten derer, die auf ihrer Suche nach den Underdogs unserer Gesellschaft erneut fündig geworden sind. Neid und Missgunst, Zukunftsangst und Hass fächern wieder aus. Grenzen schließen, Ausländer beschimpfen, Angst gegen Andersgläubige schüren und die freie Meinungsäußerung unterbinden. All dies scheint wieder salonfähig zu werden. Aber Vorsicht. Nichts bleibt im Verborgenen, nichts wird je vergessen und keiner kann sich später aus der Verantwortung ziehen oder leugnen. Vorsicht vor Bäumen. Lasst euch das gesagt sein. Bäume vergessen nichts. 

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Anne Frank und der Baum – Der Blick durch Annes Fenster von Jeff Gottesfeld, Peter McCarty und übersetzt von Mirjam Pressler ist dieser Spielverderber, der als einfaches Bilderbuch vom Sauerländer Verlag daherkommt. Berührende Illustrationen und nachhaltig wirkende einfach gehaltene Texte ermöglichen einen Perspektivwechsel, der in der gemeinsamen Betrachtung von Jung und Alt eine neue Sichtweise auf einen Hinterhof im besetzten Amsterdam des Jahres 1944 bietet. Die Prinsengracht 263 war der Zufluchtsort der jüdischen Familie Frank. Bis zu dem Tag, an dem sie verraten und deportiert wurden, führte Anne Frank dort ihr Tagebuch. Nur ihr Vater überlebte. Kaum ein anderes Tagebuch hat so viele Menschen bewegt, kaum ein Schicksal hat sich uns so tief erschlossen, kaum ein zweites Mädchen war in der Lage, ihr Leben im Versteck so eindringlich zu beschreiben. Ein Versteck, von dem aus sie nur einen Ausschnitt der Welt sah, vor der sie sich verbergen wollte.

Was sie sah, war ein wenig Sonne, den Hinterhof und einen Kastanienbaum. Drei Zitate aus ihrem Tagebuch sind ihrer Kastanie gewidmet. Zitate die später dazu führten, dass diese Kastanie als „Anne-Frank-Baum“ selbst zum stummen Zeitzeugen erhoben wurde. Das Bilderbuch erzählt seine Geschichte. Aus seiner Perspektive. Die Kastanie schaut mit ihren Blättern in das Fenster, hinter dem sich das Leben der Familie Frank im Verborgenen abspielte. Der Baum erzählt uns vom Krieg, den Bomben und von dem Tag, an dem Anne Frank mit den Menschen aus ihrem Versteck gerissen und in Autos getrieben wurde. Er erzählt bis zu jenem Tag, als Annes Vater Otto alleine zurückkehrte und das Tagebuch seiner Tochter fand.

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Was er las, bewegt heute noch die Welt. Was er über die Kastanie las, verdeutlichte ihm, wie wichtig dieser Baum für Anne Frank war.

23. Februar 1944

„Wir betrachteten den blauen Himmel, den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen glitzerten, die Möwen und die anderen Vögel, die im Tiefflug wie aus Silber aussahen. Das alles rührte und packte uns beide so,
dass wir nicht mehr sprechen konnten.“

18. April 1944.

„Der April ist tatsächlich wunderbar, nicht zu warm und nicht zu kalt und ab und zu ein kleiner Regenschauer. Unsere Kastanie ist schon ziemlich grün, und hier und da sieht man sogar schon kleine Kerzen.“

13. Mai 1944

„Unser Kastanienbaum steht von oben bis unten in voller Blüte
und ist viel schöner als im vergangenen Jahr.“

Annes Vater Otto Frank in einer Rede 1968

„Wie konnte ich wissen, wie viel es für Anne bedeutete, ein Stückchen blauen Himmel zu sehen, die Möwen im Flug zu beobachten und wie wichtig ihr der Kastanienbaum war, wenn ich daran denke, dass sie sich früher nie für die
Natur interessiert hatte. Aber sie sehnte sich danach, als sie sich wie ein
Vogel im Käfig fühlte. Schon der Gedanke an die freie Natur gab ihr Trost.
Doch alle diese Gefühle hatte sie für sich behalten.“

Und dann geht das Buch einen Schritt weiter und erzählt den Teil der Geschichte, den der Baum selbst nicht mehr erlebt hat. Hoffnungssamen, Sprösslinge, Setzlinge gegen das Vergessen kennzeichnen das letzte Kapitel des stummen Zeitzeugen, der bis heute an vielen Orten der Welt für Anne Frank steht. Ein magisches Ende, das niemals ein Ende sein wird.

Folgt mir ins Bilderbuch „Anne Frank und der Baum“. Beurteilt selbst, was dieses Werk auszurichten in der Lage ist und welche Türen es heute noch zur Welt der Anne Frank öffnen kann. Folgt mir zu anderen Büchern, die ich hier vorgestellt habe und die das Erinnern an Anne am Leben halten. Ein Graphic Diary, Das Buch einer besten Freundin und natürlich die Gesamtausgabe des Tagebuches sind Meilensteine des Lesens gegen das Vergessen. Vergissmeinnicht ist die Überschrift dieses Lesens und Schreibens.

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Und all jene, die dieses Bilderbuch niemals lesen werden, sollten auf ihren Wegen auf Bäume achten. Sie schauen auch heute noch zu. Sie stehen am Straßenrand und sehen die Fackelzüge und Mahnwachen gegen Ausländer, sie sehen Steine fliegen und vergessen die Werfer nicht. Achtet auf die Bäume. Sie künden später von euren Taten. Bäume vergessen nicht. Ich liebe diese stummen Zeitzeugen, die so laut schreien und erinnern können.