„Das tiefe Blau der Worte“ von Cath Crowley

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

„Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“

David Foster Wallace – „Der bleiche König

Wenn sich eine Schriftstellerin dazu entscheidet, einen Roman mit diesem Zitat aus der Feder von David Foster Wallace zu beginnen, dann bin ich schon ihre Geisel. Hier ist Zufall in der Auswahl ausgeschlossen. Allzu bewusst hebt man das eigene Buch auf ein literarisches Niveau, das dem Leser schon vor den ersten Zeilen aus eigener Feder sagen soll: „Vorsicht, jetzt kommt eine Geschichte, die alles ist, nur keine Alltagskost.“ Würde man sich sonst für einen Autor entscheiden, dessen Bücher ebenso beliebt wie umstritten sind? Nein. Hier vollzieht sich Richtungsweisendes für einen ganzen Roman. Hier werden die Weichen des guten Lesens gestellt und ich glaube fest daran, dass es in meinem bibliophilen Leben keine Zufälle gibt.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Cath Crowley ist kein Zufall. Sie ist Bestimmung und ihr Roman „Das tiefe Blau der Worte„, erschienen im Carlsen Verlag, ist ein Volltreffer im Herzen meiner bibliophilen Leidenschaft. Ich liebe gute Romane, die von Büchern handeln. Ich liebe Geschichten, die in den Tankstellen des Geistes, den Buchhandlungen dieser Welt, angesiedelt sind und ich bin begeistert, wenn die in diesen Romanen erwähnten Bücher sich in meinem Besitz befinden. Was bleibt mir also übrig, als zu konstatieren, dass ich diesen Roman verehre, weil er all diese Facetten beinhaltet. „Das tiefe Blau der Worte“ ist ein Buch über Bücher, es ist eine Liebeserklärung an die Menschen, die sich dem Verkauf der Bücher verschrieben haben und es ist eine Hommage an die ewig währende Botschaft vieler Autoren aus längst vergangener Zeit, die uns bewiesen haben, dass uns Literatur verbindet, wie kaum ein zweites Medium.

„… Ich liebe es, dass du liest. Ich liebe es, dass du gebrauchte Bücher liebst. Ich liebe so ziemlich alles an dir und kenne dich jetzt schon zehn Jahre, das will also schon was heißen. Morgen fahre ich. Bitte ruf mich an, wenn du das hier liest…“

Rachel

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Mit diesen emotionalen Zeilen von Rachel geht es eigentlich los. Sie sind gewagt und verzweifelt, sie sind Liebeserklärung und Abschied zugleich und sie befinden sich an einem sicheren Ort. Zwischen den Zeilen eines Buches in einem ganz besonderen Bücherregal der Buchhandlung „Howling Books“. Sie befinden sich am besten Platz für Liebesbriefe, den man sich nur vorstellen kann. In der Briefbibliothek der kleinen Buchhandlung, die sich auf den Verkauf gebrauchter Bücher spezialisiert hat. Nur die Bücher der Briefbibliothek sind unverkäuflich. Kunden dürfen sie mit Notizen versehen, Markierungen vornehmen oder eben Briefe an Gleichgesinnte zwischen den Zeilen der Unverkäuflichen hinterlassen. Eigentlich ist es der beste Platz für diesen Brief, denn die „Gesammelten Gedichte von T.S. Elliot“ werden immer wieder von Henry, dem Sohn des Buchhändlerpaares, gelesen. Es ist der allerbeste Platz, dachte Rachel.

„Sanfte Gedanken treiben zwischen uns hin und her. Wir sind die Bücher, die wir lesen und die Dinge, die wir lieben.“

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

„Ich liege zusammen mit Amy in der Ratgeberecke von Howling Books. Wir sind allein… Normalerweise ist das die Zeit und der Ort, wo Amy und ich uns küssen.“

Tja, wenn Ratgeber gute Ratgeber wären, hätten sie Henry wohl geraten das Küssen sein zu lassen und in der Briefbibliothek nachzuschauen, was dort auf ihn wartet. Sind sie aber leider nicht. Und so reist Rachel nach ihrem ersten Liebesbrief an Henry und dem Versuch aus einer fast lebenslangen Freundschaft eine Liebe entstehen zu lassen ab, ohne sich von Henry zu verabschieden. Erst Jahre später kehrt sie an den Ort des Verlustes zurück, einen noch größeren Verlust im Gepäck und gezeichnet vom Trauma des Schicksals. Schulabschluss vertan, perspektivlos und auf fremde Hilfe angewiesen beginnt sie unfreiwillig dort zu arbeiten, wo alles begann. Bei „Howling Books„, an der Seite von Henry, der immer noch nichts von ihren wahren Gefühlen zu ahnen scheint.

Dass ihr Verlust weitreichende Folgen für die Menschen von Howling Books hat, ahnt sie nicht. Dass in der Briefbibliothek weitere Bücher stehen, die mit ihrem Leben verbunden sind, weiß sie nicht. Während das Leben bei Howling Books Saltos schlägt, erneuert sich ihre Freundschaft zu Henry. Eine gelebte tiefe Seelenverwandtschaft ist die Basis dieses kleinen Glücks. Doch Rachel will mehr. Immer noch. Wären da nicht die unheilbaren Wunden der Vergangenheit und jene Amy, die sich immer noch in ihr Leben schleicht.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Dieser Roman ist vorhersehbar. Ein Vorwurf, der einem Todesurteil gleichkommt. In diesem Fall ist die Vorhersehbarkeit ein bewusstes Stilmittel von Cath Crowley. Schon in der Mitte ihres Buches wissen ihre Leser ganz genau, worauf alles hinausläuft, wenn Rachel sich mit den Büchern der Briefbibliothek beschäftigt. Es ist unausweichlich. Es ist grandios, was Cath Crowley mit unseren Herzen veranstaltet, da wir genau wissen in welchen Büchern Briefe versteckt sind, die alle Fragen beantworten. Dieses Wissen ist schmerzhaft und schön zugleich. Schon in der Mitte eines Romans unter Tränen lesen zu dürfen ist ein Privileg des wahrhaft guten Lesens. Niemand hat eine Chance, dem zu entrinnen. Nicht Rachel, nicht Henry und auch nicht seine Schwester George, die so lange und verzweifelt auf eine Antwort auf ihre Briefe wartet.

„Das tiefe Blau der Worte“ beschenkte mich mit großen Lesemomenten. Bücher sind diesem Roman heilig. Die Bücher, die in ihm Erwähnung finden, sind Teil meiner Lebensbibliothek. Sie scharten sich um mich, während ich im tiefen Blau seiner Worte versunken war. Sie alle werden mich an die Briefbibliothek erinnern. Sie alle singen ihr ganz eigenes Lied von Freundschaft, Hoffnung und Liebe. Gemeinsam mit dem Roman von Cath Crowley ergeben diese einzelnen Lieder eine große literarische Komposition, die uns immer fühlen lässt, dass man in Büchern weiterleben kann. Inspirierend.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Wer lieber heute als morgen in Howling Books einziehen möchte, wird sich sofort in Bücher verlieben, die von Büchern handeln und in magischen Büchertempeln in der Literatur angesiedelt sind… Eine kleine große Auswahl von mir für euch

Howling Books und weiter magische Buchhandlungen in der Literatur

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„Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„…Stell dir das Leben vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmern… Einige dieser Zimmer sind leer, andere voller Gerümpel. Manche sind groß und voller Licht, und wieder andere sind dunkel, sie verbergen Schrecken und Kummer. Und ab und zu öffnet sich die Tür zu einem dieser schrecklichen Zimmer…“

Stellt euch den Jugendroman Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmern. Stellt euch vor, der Autor würde euch Schlüssel für jeden einzelnen Raum überreichen und euch ganz persönlich einladen, dieses Haus zu besichtigen. Stellt euch nun vor, dieses Haus trüge den Namen „Visible„, weil es die die Menschen dazu zwingt, durch die großen Fenster einen weiten Blick auf die Welt zu werfen. Stellt euch jetzt vor, ihr würdet für die Dauer eures Lesens hier wohnen um mit den Menschen, für die „Visible“ mehr als nur Heimat bedeutet, auch die schrecklichen Zimmer zu betreten. Wenn ihr euch das vorstellen könnt, dann habt ihr einen Schlüssel zu diesem Buch gefunden. Es ist der Generalschlüssel zum guten Lesen. Herein…

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„… eines Tages spürst du vielleicht, dass nur durch dieses schreckliche Zimmer der Weg in einen größeren, schöneren Teil des Haues führt. Und dann brauchst du den Schlüssel.“

Was in der Sprachkunst von Andreas so poetisch klingt, durchzieht seinen Roman wie ein roter Faden. Nicht nur die außergewöhnliche Location Visible in einem niemals näher genannten Ort, auch die Menschen, denen wir hier begegnen verändern unsere Wahrnehmung für große Geschichten schlagartig. Sie prägen den Roman nicht nur von der ersten bis zur letzten Seite, sie hinterlassen tiefe Spuren der Empathie in unserem Lesen. Schon unsere ersten Schritte in den heiligen Hallen von Visible zeigen, dass es hier anders zugeht als in den normalen Familien, denen wir sonst in typischen Coming-of-Age-Romanen über den Weg laufen.

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Da ist die chaotisch liebenswerte Glass, die zwar ohne Ehemann und Vater für ihre beiden Kinder auskommt, nicht jedoch ohne Männer. Nach recht praktischen Aspekten scheint sie ihre kurzfristigen Wegbegleiter auszuwählen. Fällt auf Visible mal der Strom aus, ist es ein Elektriker, werden andere Reparaturen benötigt, dann greift sie halt zum Schreiner. Eine Lebenskünstlerin mit einem ganz eigenen Lebensentwurf, könnte man sagen. Wären da nicht ihre 17-jährigen Zwillinge Phil und Dianne, die sich dieser Welt ohne Fixpunkte und Orientierung seit Jahren ausgesetzt sehen. Wo sie sich manchmal nach Normalität und Halt sehnen, begegnet ihnen Improvisation und die „Alleswirdgut-Mentalität“ ihrer Mutter. Selbst die ständig bohrende Frage nach ihrem leiblichen Vater endet meist mit einem fragenden Blick auf die Liste der Affären ihrer Mutter.

… eine Liste, die ihre Männer aufführte, mit Namen und den Daten versehen, an denen, wie ich annahm, Glass mit ihnen geschlafen hatte. An einer Stelle stand lediglich eine Zahl. Es war ein Leichtes gewesen, vom Tag meiner und Diannes Geburt bis zu dem Datum zurückzurechnen, das neben der Nummer Drei stand.

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

All dies bietet sich noch nicht an, für Phil und Dianne Die Mitte der Welt zu sein und so ist es unser Privileg als Leser, den beiden ungleichen Zwillingen bei ihrer Suche nach ihrer persönlichen Mitte zu folgen und an ihrer Seite die schrecklichen Zimmer zu betreten, hinter denen die großen Geheimnisse des Lebens verborgen sind. Als Phil von einem Ausflug zurückkommt, erlebt er seine Schwester noch verschlossener, als sonst. Irgendwas muss in seiner Abwesenheit vorgefallen sein. Ein schwelender Konflikt muss sich Bahn gebrochen haben. Aber gerade jetzt kann sich Phil nicht um alles kümmern. Er ist knallverliebt in Nicholas. Und das Schönste an seinen tiefen Gefühlen: sie werden erwidert. Die erste große Liebe könnte seine Mitte der Welt sein. Sie müsste nur von Dauer sein. Ihm liegt eine Frage auf der Zunge, die er doch niemals stellen sollte:

„Frag ihn niemals, ob er dich liebt! Wenn er mit Nein antwortet, wünschst du dir, du hättest ihn nie gefragt. Sagt er Ja, kannst du nicht sicher sein, ob er es nur deshalb tut, weil er keine Lust auf hässliche Szenen hat.“

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Jetzt ist es der Kompass des Lebens, der seinen Nordpol finden muss. Jetzt ist es Kat, die beste Freundin von Phil, die ihn mit ihrem unvergleichlichen Lebensmut ziehen lassen muss. In ihrem Verzicht liegt der Zauber seiner Zukunft. Sie kennt ihn, wie keine Zweite und ist der große Halt seines Lebens. Seine Homosexualität steht nicht zwischen ihnen. Sie ist das tiefe Fundament des gegenseitigen blinden Vertrauens. Ausgerechnet Kat ist es, die den schrecklichsten Raum auf Visible betritt. Sie zieht ihrem Freund den Boden unter den Füßen weg, während seine Schwester ein Geheimnis preisgibt, hinter dem sie ihre unerfüllten Hoffnungen so gut versteckt hatte. Der Sturm fegt über Visible hinweg. Ein Sturm, der die Bruchbude endlich dorthin bringen kann, wo die Menschen des Ortes sie schon immer hinwünschten. Über den Abgrund hinaus in die Tiefe.

„Kinder sind Wachs in den Händen der Welt. Offene Bücher mit leeren Seiten, die von Erwachsenen beschrieben werden. Was in den ersten Kapiteln steht, kriegst du den Rest deines Lebens nicht mehr aus der Wäsche.“

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Die Mitte der Welt entzieht sich jeglicher Einordnung in die Schubladen unseres Geistes. Der Roman ist ebenso wenig ein reines Jugendbuch, wie ein Liebesroman. Es geht nicht um alternative Lebenswege, Lebenskünstler, Aussteiger oder das Coming-of-Age seiner Protagonisten. Hier wird nicht verkitscht oder romantisiert. Dieser Roman ist so außergewöhnlich, weil er eine schwule Liebe ohne vorheriges Outing möglich macht. Homosexualität ist hier so erfrischend, erhellend und erhebend normal, dass man sich nur denken kann, welches Erdbeben Andreas Steinhöfel bei der Erstveröffentlichung des Buches 1998 ausgelöst haben muss. Ein Roman ohne Rechtfertigung. Eine Story, die tief in sich ruht, für sich lebt und auch heute noch so frich verliebt daherkommt wie einst. Dieses Buch ist „Die Mitte der Welt“.

„Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest. Liebe treibt dich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun. Sie lässt dich in roten Schuhen durch die Straßen tanzen. Liebe schlägt tiefe Wunden, aber auf eine ihr eigene Art heilt sie auch deine Narben.“

Ein Wort noch zur Literaturverfilmung Die Mitte der Welt aus dem Jahr 2016. Ich stehe einer cineastischen Adaption von Büchern immer ein wenig skeptisch gegenüber. Allzu oft wurde ich enttäuscht und gerade hier war meine eigene Idee vom Kopfkino so präsent, dass ich nicht viel erwartet habe. Was ich aber dann sehen durfte war in jeder Beziehung überraschend. Ein Film, der durch die emotionale Präsenz seiner Darsteller zu faszinieren weiß. Ein Film, der zwar einige parallele Handlungsstränge des Romans ausblendet, dafür aber eine überzeugende Geschichte erzählt, die ich mir erhofft hatte. Und manchmal bekommt man ja von einem Film bei aller Verkürzung sogar noch etwas geschenkt, das man im Roman ein wenig vermisst hatte. Hier ist es eine Begegnung, die Andreas Steinhöfel nicht beschrieb. Es sind Worte, die mir fehlten. Kat und Phil mit ihrem Ende der Geschichte. Allein dieses Szene macht den Film so sehenswert.

Versucht es, wenn ihr bereits gelesen habt und lest, wenn ihr nur gesehen habt. 

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„Anne Frank und der Baum“ – Samen der Hoffnung

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Es gibt Bücher die unglaublich gefährlich sind. Bücher, die auf erschreckende Art und Weise aufzeigen, dass eine bestimmte politische Ideologie zwar in ihrer jeweiligen Zeit tun und lassen kann was sie will, dass die dabei begangenen Verbrechen und von der großen Masse eines Volkes getragenen Ansichten zwar möglich sind, aber niemals in Vergessenheit geraten. Besonders dann nicht, wenn der gesunde Menschenverstand wieder Einzug ins gesellschaftliche Leben hält und die Mitläufer und Täter von einst der Meinung sind, einfach in der neuen Masse untertauchen und weiter mitschwimmen zu können.

Es gibt Bücher, die für Dikaturen und ewig Gestrige der folgenden Generationen gefährlich werden, die Vergessenes ans Tageslicht bringen und Opportunismus, sowie die Folgen des Mitlaufens ebenso brandmarken, wie diejenigen, die sich aktiv und aus rein egoistischen Motiven an den Schwächeren einer Gesellschaft vergriffen haben. Es sind diese Bücher, die länger leben als die Menschen, von denen sie handeln. Es sind Bücher über Opfer, Ausgegrenzte, Deportierte, Entsorgte, Ermordete, Entrechtete und Entartete, die für Täter von gestern, heute und morgen gefährlich werden. Bücher, die uns nie mehr loslassen und einen zeitlosen Aufschrei gegen das Unrecht darstellen. Es sind Bücher „Gegen das Vergessen“ die uns wachhalten…

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Das Tagebuch der Anne Frank“ ist ein solches Buch. Brandgefährlich, weil es in der Lage ist, Menschen die Augen zu öffnen. Einerseits für den Rassenhass der Nazis von einst, andererseits für die frühen Symptome des Wiederaufflammens der Ideologie, die millionenhaftes Menschenleben ausgelöscht hat. Einzig beruhigend für die braunen Horden von heute mag es sein, dass dieses Zeitzeugnis erst so richtig verstanden wird, wenn Heranwachsende vielleicht schon den Verführungen der Wutgesellschaft erlegen sind und dieses Tagebuch gar nicht mehr ernst nehmen. Was also könnte gefährlicher sein, als die Botschaft der Anne Frank auch an ganz junge Menschen heranzutragen? Aus Sicht der rechten Radikalen von heute wäre das ein Tiefschlag in das Weltbild, das sie so gerne vermitteln würden.

Hier kommt ein erzählendes Bilderbuch ins Spiel. Ein wahrer Spielverderber für die Ansichten derer, die auf ihrer Suche nach den Underdogs unserer Gesellschaft erneut fündig geworden sind. Neid und Missgunst, Zukunftsangst und Hass fächern wieder aus. Grenzen schließen, Ausländer beschimpfen, Angst gegen Andersgläubige schüren und die freie Meinungsäußerung unterbinden. All dies scheint wieder salonfähig zu werden. Aber Vorsicht. Nichts bleibt im Verborgenen, nichts wird je vergessen und keiner kann sich später aus der Verantwortung ziehen oder leugnen. Vorsicht vor Bäumen. Lasst euch das gesagt sein. Bäume vergessen nichts. 

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Anne Frank und der Baum – Der Blick durch Annes Fenster von Jeff Gottesfeld, Peter McCarty und übersetzt von Mirjam Pressler ist dieser Spielverderber, der als einfaches Bilderbuch vom Sauerländer Verlag daherkommt. Berührende Illustrationen und nachhaltig wirkende einfach gehaltene Texte ermöglichen einen Perspektivwechsel, der in der gemeinsamen Betrachtung von Jung und Alt eine neue Sichtweise auf einen Hinterhof im besetzten Amsterdam des Jahres 1944 bietet. Die Prinsengracht 263 war der Zufluchtsort der jüdischen Familie Frank. Bis zu dem Tag, an dem sie verraten und deportiert wurden, führte Anne Frank dort ihr Tagebuch. Nur ihr Vater überlebte. Kaum ein anderes Tagebuch hat so viele Menschen bewegt, kaum ein Schicksal hat sich uns so tief erschlossen, kaum ein zweites Mädchen war in der Lage, ihr Leben im Versteck so eindringlich zu beschreiben. Ein Versteck, von dem aus sie nur einen Ausschnitt der Welt sah, vor der sie sich verbergen wollte.

Was sie sah, war ein wenig Sonne, den Hinterhof und einen Kastanienbaum. Drei Zitate aus ihrem Tagebuch sind ihrer Kastanie gewidmet. Zitate die später dazu führten, dass diese Kastanie als „Anne-Frank-Baum“ selbst zum stummen Zeitzeugen erhoben wurde. Das Bilderbuch erzählt seine Geschichte. Aus seiner Perspektive. Die Kastanie schaut mit ihren Blättern in das Fenster, hinter dem sich das Leben der Familie Frank im Verborgenen abspielte. Der Baum erzählt uns vom Krieg, den Bomben und von dem Tag, an dem Anne Frank mit den Menschen aus ihrem Versteck gerissen und in Autos getrieben wurde. Er erzählt bis zu jenem Tag, als Annes Vater Otto alleine zurückkehrte und das Tagebuch seiner Tochter fand.

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Was er las, bewegt heute noch die Welt. Was er über die Kastanie las, verdeutlichte ihm, wie wichtig dieser Baum für Anne Frank war.

23. Februar 1944

„Wir betrachteten den blauen Himmel, den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen glitzerten, die Möwen und die anderen Vögel, die im Tiefflug wie aus Silber aussahen. Das alles rührte und packte uns beide so,
dass wir nicht mehr sprechen konnten.“

18. April 1944.

„Der April ist tatsächlich wunderbar, nicht zu warm und nicht zu kalt und ab und zu ein kleiner Regenschauer. Unsere Kastanie ist schon ziemlich grün, und hier und da sieht man sogar schon kleine Kerzen.“

13. Mai 1944

„Unser Kastanienbaum steht von oben bis unten in voller Blüte
und ist viel schöner als im vergangenen Jahr.“

Annes Vater Otto Frank in einer Rede 1968

„Wie konnte ich wissen, wie viel es für Anne bedeutete, ein Stückchen blauen Himmel zu sehen, die Möwen im Flug zu beobachten und wie wichtig ihr der Kastanienbaum war, wenn ich daran denke, dass sie sich früher nie für die
Natur interessiert hatte. Aber sie sehnte sich danach, als sie sich wie ein
Vogel im Käfig fühlte. Schon der Gedanke an die freie Natur gab ihr Trost.
Doch alle diese Gefühle hatte sie für sich behalten.“

Und dann geht das Buch einen Schritt weiter und erzählt den Teil der Geschichte, den der Baum selbst nicht mehr erlebt hat. Hoffnungssamen, Sprösslinge, Setzlinge gegen das Vergessen kennzeichnen das letzte Kapitel des stummen Zeitzeugen, der bis heute an vielen Orten der Welt für Anne Frank steht. Ein magisches Ende, das niemals ein Ende sein wird.

Folgt mir ins Bilderbuch „Anne Frank und der Baum“. Beurteilt selbst, was dieses Werk auszurichten in der Lage ist und welche Türen es heute noch zur Welt der Anne Frank öffnen kann. Folgt mir zu anderen Büchern, die ich hier vorgestellt habe und die das Erinnern an Anne am Leben halten. Ein Graphic Diary, Das Buch einer besten Freundin und natürlich die Gesamtausgabe des Tagebuches sind Meilensteine des Lesens gegen das Vergessen. Vergissmeinnicht ist die Überschrift dieses Lesens und Schreibens.

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Und all jene, die dieses Bilderbuch niemals lesen werden, sollten auf ihren Wegen auf Bäume achten. Sie schauen auch heute noch zu. Sie stehen am Straßenrand und sehen die Fackelzüge und Mahnwachen gegen Ausländer, sie sehen Steine fliegen und vergessen die Werfer nicht. Achtet auf die Bäume. Sie künden später von euren Taten. Bäume vergessen nicht. Ich liebe diese stummen Zeitzeugen, die so laut schreien und erinnern können.

Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter

Raquel J. Palacio – „WUNDER“ – Vom Buch zum Film

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Manchmal werden Literaturverfilmungen gar nicht mehr als solche wahrgenommen, weil die Romanvorlage zum Film schon lange zurückliegt, oder nicht die Zielgruppe von Lesern erreicht hat, die nun die Kinokassen stürmen. Im Januar werden jedenfalls viele Menschen einen neuen Film bestaunen, auf den ich eigentlich schon seit Jahren warte. Raquel J. Palacio veröffentlichte 2012 ihren Roman „Wunder“, der das Schicksal von August Pullman in den Mittelpunkt stellt. Einen Jungen, der aufgrund eines Gendefekts stark entstellt ist. Das Jugendbuch trat gegen Ausgrenzung und gezieltes Mobbing an, erfreute sich großer Beliebtheit und doch werden viele Erwachsene den Film nicht mit einem Buch in Einklang bringen. Grund genug für mich, eine Retrospektive auf diesen außergewöhnlichen Roman zu wagen und mich mit gutem Gefühl ins Kino zu setzen.

Mit Julia Roberts hat Regisseur Stephen Chbosky die Bestbesetzung für Auggies Mutter gefunden. Hier kann sie alle Facetten einer kämpferischen, verzweifelten und oftmals auch hilflosen Mutter abrufen, die auf der Gratwanderung zwischen Bemuttern, Behüten und Umsorgen nun den Schritt in die harte Realität mit ihrem Sohn gehen will. Die Konfrontation mit einem entstellten Kind stellt die Umwelt vor eine Herausforderung, der sie kaum gewachsen scheint, „Wunder“ trägt seinen Namen zu Recht, weil Auggie die Welt verändert. Jacob Tremblay brilliert in der Rolle von August. Der Schauspieler ist bekannt aus der Verfilmung von Emma Donoghues Roman „Raum“. Schon hier hat er als der kleine Jack Newsome, der in absoluter Isolation mit seiner Mutter aufwächst, geglänzt. Auch für „Wunder“ wurde er bereits für die Critics Choice Movie Awards als bester Jungschauspieler nominiert.

Lasst euch den Film nicht entgehen und vielleicht werft ihr einen Blick ins Buch, bevor ihr ins Kino geht, oder auch danach. Wunder ist es wert, gemeinsam mit jungen Menschen gelesen und gesehen zu werden. Ich möchte euch Auggie gerne ein wenig näher vorstellen…  Ich sehe ihn oft vor mir, wenn ich an das Buch denke…

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich sehe einen Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Ich sehe einen Jungen, der nur einmal im Jahr befreit durchs Leben gehen kann. Ohne Angst gehänselt  zu werden und ohne Furcht, dass Menschen die Straßenseite wechseln, nachdem sie ihn sehen. Halloween. Der Tag, an dem sich alle Kinder verkleiden, sich hinter gruseligen Masken verstecken, nach „Süßem oder Saurem“ verlangen und sich diebisch freuen, wenn man entsetzt die Augen verdreht. Dieser Tag ist der schönste Tag des Jahres für August, weil er ohne Verkleidung den gleichen Effekt erzielt.

Ich lese die Worte des Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Sie sind an mich gerichtet und er versucht mir meine Berührungsangst zu nehmen. Er spricht zu mir und ich höre ihm gebannt zu, da ich ahne, dass die Worte mich tief bewegen werden. Über sich selbst sagt er nur:

Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer!“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich folge diesem Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Seine Eltern haben für ihn beschlossen, dass er trotz seiner genetisch bedingten Gesichtsdeformationen nun endlich eine richtige Schule besuchen muss. Den nächsten Schritt in ein Leben, in eine Zukunft der Normalität – dies ist ihr Ziel und auch August möchte diesen Schritt gehen. Denn hinter der verunstalteten Fassade ist er intelligent, liebenswürdig und hilfsbereit.

Ich erlebe ein Umfeld, das unnachgiebig nach Außenseitern sucht und einen solchen in August findet. Ein geborenes Opfer, das man gerne ausgrenzt – zumal man ja selbst unsicher ist, wie man einem Jungen begegnen soll, dem man nicht in die asymmetrisch angeordneten Augen schauen kann. Jemand, den man gut herumschubsen und leicht quälen kann – weil man es nicht besser weiß. Ich fühle „Auggies“ Schmerzen, Zweifel und die Zerrissenheit angesichts der Richtigkeit seines Weges. Ich ziehe mich heulend mit ihm zurück.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Spätestens an dem Tag, als jene, die es besser wissen müssten (die Eltern seiner Mitschüler) sein Gesicht auf dem offiziellen Klassenfoto wegretuschieren, bricht in mir die blanke Wut aus. Spätestens an diesem Tag bricht die Welt meines neuen Freundes „Auggie“ haltlos in sich zusammen, da er realisieren muss, dass sein Traum von einem normalen Leben wie eine Seifenblase platzt. Man lästert nicht nur hinter vorgehaltener Hand über ihn. Man schließt von seinem Äußeren auf sein Inneres und erklärt ihn zum hässlichen Menschen – zu einem Wesen, das in einer schönen Gemeinschaft wie ein Fremdkörper wirkt. Selbst jene, denen er vertraut, verraten ihn bitterlich.

Ich weine oft in dieser Zeit. Ich weine um Auggie und fühle seinen eigenen Schmerz. Bis jemand in sein Leben tritt, der ich im wahren Leben gerne wäre. Jemand, der ihn so annimmt, wie er wirklich ist. Jemand für den falsches Mitleid ein Fremdwort ist. Jemand der nicht aus geheuchelter Anteilnahme Interesse vorgaukelt, sondern ein Mensch, der zeigt was es heißt, sein Gegenüber ohne jedes Vorurteil wahrzunehmen.

„Ich heiße übrigens Summer. Wie heißt Du? August? Hey, unsere Namen passen gut zusammen. Wir können das hier zum exklusiven Sommer-Tisch erklären. Nur Leute mit Sommer-Namen dürfen hier sitzen… Gibt`s hier irgendwen, der June oder July heißt?“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Und dann hört das Weinen auf – dann enden die Zweifel, denn es ist „Auggie“ selbst, der mir auf die Schulter klopft und meint, es wäre nun aber wirklich mal an der Zeit mit erhobenem Kopf der Realität ins Auge zu schauen. Wie kann ein nicht mal 10-jähriger Junge nur so stark sein? Wie kann er das nur? Raquel J. Palacio gelingt mit „Wunder“ ein wahres Wunder. Sie stellt nicht nur August in den Mittelpunkt des Romans, sondern erzielt mit den wechselnden Erzählperspektiven eine beeindruckende Wirkung.

Nicht nur von innen lernen wir „Auggie“ kennen. Nein – auch das Außen entzieht sich nicht. Seine ältere Schwester kommt zu Wort, die einerseits wie eine Löwin für ihn kämpft, sich andererseits lebenslang zurückgesetzt fühlt, da sich doch alle Planeten der Familie nur um diesen einen Fixstern drehen. All jene, die „Auggie“ ganz bewusst oder unbewusst verletzen werden eingeblendet und als gänzlich außenstehender Leser wird man in einen literarisch hochklassigen Mahlstrom aus Missverständnissen, Hilflosigkeit, purer Falschheit und selbstloser Empathie verwickelt.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Raquel J. Palacio verleiht den Planeten des Sonnensystems „Auggie“ Gehör und allein durch diesen Kunstgriff erzählt sie keine von reinem Mitleid geprägte Geschichte, sondern nimmt uns Leser an die Hand und fragt nach jedem Kapitel ganz zart „Und Du? Was hättest Du getan?“ Und diese Frage stellt sie ohne jeden Vorwurf. Sie erhebt nicht einmal den Anspruch es selbst besser gemacht zu haben.

„Wunder“ ist ein Wunder von einem Buch. Eine Gesellschaft inmitten einer tiefen Debatte um gleiche Rechte für Menschen mit Handicap kann durch einen solchen Roman verändert werden. Familien können verändert werden, wenn man nur für sich selbst überlegt, was die Erkrankung eines Kindes, eines Bruders oder einer Schwester bedeuten kann. Dieser Roman kann uns verändern, da er menschliche Schwächen im Umgang mit solch außergewöhnlichen Erkrankungen nicht verurteilt, sondern lediglich zeigt, welche Folgen unbewusst und bewusst durch unser Verhalten und Fehlverhalten entstehen können.

Dies ist mit Sicherheit kein trauriges Buch für Leser von 10 bis 99 Jahren. Dies ist keine wehleidige Geschichte. „Wunder“ ist ein Roman, bei dem man ein Wunder erlebt. In jeder Beziehung des Lesens. Unverkitscht – ungeschönt und doch so sehr strahlend wegen der riesigen Portion Hoffnung, die „Auggie“ durchs Leben trägt. Ihr müsst diesen besonderen Jungen kennenlernen. Gebt ihm eine Chance, euch von seinem Leben zu erzählen und hört dabei seinen Verwandten und Freunden zu. Und begeht dabei nicht den Fehler, auch die falschesten aller Freunde zu verurteilen. „Auggie“ würde das auch nicht tun – niemals.

Am Ende dieses großen Romans solltet ihr bereit sein, „Auggie“ in sein eigenes Leben zu entlassen. Gute Autoren lassen ihre Protagonisten an dem Punkt ziehen, an dem sie davon überzeugt sind, dass sie es von da an selbst schaffen können. Ein Satz von Jennifer Benkau (Dark Canopy und Dark Destiny), den ich nicht vergessen werde. Er ist so wahr und zeugt von wahrer Größe. Aber glaubt mir, bevor ihr „Auggie“ alleine lassen müsst, werdet ihr Zeuge eines Finales, das diesem kleinen besonderen Jungen mehr als würdig ist.

“You are beautiful – no matter what they say” – Nur eine kleine unbedeutende Zeile eines weltbekannten Songs, könnte man wohl meinen. Die eigentliche Wahrheit dieser melodischen Botschaft geht tiefer – viel tiefer. „Du bist schön – egal was andere sagen“. Kein Song passt besser zu diesem Buch, kein Song passt besser zu „Auggie“ und kein Song ist ehrlicher als dieser.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Entdeckt die Schönheit von Buch und Film. Vielleicht findet ihr euch sogar selbst!