Der geheime Garten von F.H. Burnett im neuen Gewand

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

Frances Hodgsen Burnett (1849 – 1924). Ein Name, der heute fast von der Bildfläche verschwunden ist. Eine in Vergessenheit geratene Schriftstellerin, obwohl ihr Werk die Zeit überdauert hat. Aber wer denkt schon an sie, wenn man sich zum gefühlt 1000sten Mal „Der kleine Lord“ anschaut? Wer denkt an die britische Autorin, deren Leben von vielen Schicksalsschlägen geprägt war, die als Tochter eines Goldschmieds aufwuchs, nach Tennessee auswanderte, heiratete, einen ihrer beiden Söhne im zarten Alter von gerade einmal 16 Jahren verlor, sich scheiden ließ, erneut heiratete, um diesen zweiten Ehemann nur zwei Jahre nach der Hochzeit zu Grabe zu tragen. Wer denkt noch an die Schriftstellerin, wenn der Jugendbuchklassiker „Der geheime Garten“ erwähnt wird?

Ich hatte das letzte Lesejahr zu meinem ganz eigenen Gartenjahr“ erklärt und im Gewächshaus der kleinen literarischen Sternwarte jene zarte Pflanze dieses geheimen Gartens gehegt und gepflegt. Das Hörspiel aus dem Hause Der Audio Verlag hat mich verzaubert. Sowohl die szenische Inszenierung, als auch die Straffung der Geschichte und die Besetzung der einzelnen Rollen waren dafür verantwortlich, dass ich mich nicht im Garten verirrte und die Grundzüge des Klassikers verinnerlichen konnte. In nur einer guten Stunde kann man natürlich nicht das komplexe Original zu Gehör bringen. Mir ist klar, dass es hier (wie bei einer Verfilmung) um den Kern der Handlung geht, um deren wesentliche Aussage, aber ich wusste, dass da noch mehr auf mich wartete.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

MinaLima sei Dank, dass Jugendbuchklassiker in neuem Gewand den Buchmarkt erobern. Die Mischung aus Grafik-Design, Buchlayout und ursprünglichem Text macht die Buchkunstwerke aus London zu absoluten Perlen ihrer Zunft. Mit „Peter Pan“, „Die kleine Meerjungfrau“ und „Die Schöne und das Biest“ hat man bereits gezeigt, dass es möglich ist, klassischen Geschichten ein neues Leben einzuhauchen. Als dann noch „Das Dschungelbuch“ die vollständigen „Dschungelbücher“ von Rudyard Kipling in Szene setzte, war eigentlich der Höhepunkt erreicht. Sollten man meinen. Interaktiv und innovativ kommen diese Bücher daher. PopUp-Bücher waren gestern. MinaLima setzte schon mit den ersten Veröffentlichungen neue Standards, die vom Coppenrath Verlag im Maßstab 1:1 für den deutschen Sprachraum adaptiert wurden.

Die Übersetzungen der Klassiker sind hervorragend umgesetzt, das Buchdesign mit seinen Illustrationen und Inlays muss man mit Fug und Recht als perfekte Klone der Originalausgaben bezeichnen und die Resonanz des Publikums ist riesig. Man wird schnell süchtig nach mehr. Die Sammlung will erweitert werden und sehnsüchtig blickt man nach London, ob sich nicht weitere Titel am Horizont abzeichnen. Zum Glück geht es weiter! „Der geheime Garten“ ist nun schon das fünfte Werk, das auf diese Art und Weise für Aufsehen sorgt. Die MinaLima-Bibliothek wächst beharrlich, wobei sie nicht auf Büchersammler abzielt. Die Prachtbände sind absolut alltagstauglich, verführen uns zum gemeinsamen Lesen und sind gerade in Händen von Kindern gut aufgehoben. Der Mitmach-Faktor macht den großen Reiz dieser Bücher aus.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett – AstroLibrium

So auch im geheimen Garten. Hier entfaltet die facettenreiche Geschichte ihren vollen Glanz. Hier werden die Charaktere nicht nur angerissen, sondern in ihrer ganzen Tiefe beschrieben. Wer das Hörspiel noch im Ohr hat, wird sich über die neuen Ebenen der Geschichte wundern. Der Garten selbst nimmt einen unfassbaren Raum ein, den es zu entdecken gilt. Nicht nur im geschriebenen Wort. Hier finden wir den Lageplan und den Schlüssel zum geheimen Garten, wir entdecken Drehscheiben, die Geheimnisse über Wind- und Himmelsrichtungen verraten und sogar die indische Vergangenheit von Mary Lennox wird atmosphärisch in Szene gesetzt.

Die junge Mary Lennox, die verwaist in ihre englische Heimat zurückkehrt, bei ihrem verbitterten Onkel Zuflucht findet, und dort auf ein Haus voller Geheimnisse stößt, steht im Mittelpunkt dieser Geschichte. Sie verwandelt sich aus der verwöhnten kleinen Göre in ein neugieriges und fürsorglich denkendes junges Mädchen, als sie in ihrem Cousin Colin einen verletzlichen Jungen erkennt, dem es zu helfen gilt. „Der geheime Garten“ wird für beide zum wichtigen Zufluchtsort und dem Sanatorium für die Seele. Und nicht nur der Cousin hat es Mary angetan. Auch ihr neuer Freund Dickon scheint für sie aus einer anderen Welt zu kommen. Alles ist neu für Mary. Niemand hört auf ihre Wünsche. Sie kann nicht mehr herumkommandieren. Ihr verzogenes Wesen glättet sich.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

Als sie dann auch noch das Tor zum geheimen Garten entdeckt, verändert sich ihr ganzes Leben. Vom verwitweten Onkel verschlossen, weil der Garten ihn an seine tote Frau erinnert, verbirgt dieser Garten mehr als nur die Faszination des Verbotenen. Hier entfaltet die Natur ihre Magie. Der geheimnisvolle Dickon, der einen besonderen Draht zu haben scheint, wird zum Gefährten des jungen Mädchens. Sie setzen sich über alle Verbote hinweg und bringen den kränkelnden Sohn des Onkels in dieses Biotop. Was sich dann ereignet und wie sich der geheime Garten auf die Kinder auswirkt ist einfach nur mit einem Wunder zu vergleichen. Hier wird die Buchgestaltung dem Anspruch der Lektüre gerecht. Wo wir uns wundern und wo das Staunen beginnt, dürfen wir mit den jüngsten Lesern gemeinsam geheime Briefe entdecken, den Garten erkunden und den Blumen beim Wachsen zuschauen.

Der Umgang mit Verlust und Trauer, sowie die Ängste eines übervorsichtigen Vaters lasten auf den Kinderseelen, bis sie den Garten für sich entdecken. Eine Geschichte, in deren Verlauf bedeutende Entwicklungen bei allen Beteiligten zu erleben sind. Frances Hodgsen Burnett hätte sicher gerne in dieser MinaLima-Ausgabe geblättert, gelesen und sich sehr darüber gefreut, dass ihre Original-Geschichte so authentisch umgesetzt wurde. Es ist eine liebevolle Hommage an eine große Schriftstellerin, deren Werk noch heute allgegenwärtig, deren Name jedoch fast vergessen scheint. Dabei waren es auch für sie die Gärten mit ihrer kontemplativen Atmosphäre, in denen sie in ihrem späteren Leben Zuflucht suchte. Vielleicht war sie da selbst die kleine Mary. Auf der Suche nach einem Leben voller Sinn und Zuversicht.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

Prachtvoll. Wundervoll. Ein Bücherschatz in der Reihe der Bücherschätze. Es ist nicht die letzte Blüte im geheimen Garten, die wir hegen und pflegen dürfen. Ich warte auf weitere Informationen zur Verfilmung, die wohl erst 2020 in die Kinos kommt. Dann ist mein Garten-Kabinett vollständig. Sehen, hören, lesen, fühlen, drehen, entfalten und entdecken. Allen Dimensionen habe ich dann Raum gegeben. Und das, obwohl ich nie einen grünen Daumen besaß. Vielleicht ändert sich das. Ich pflanze diesen Gedanken mal ein und wässere ihn. Mal schauen, ob er wächst.

Der geheime Garten wird uns wohl noch länger beschäftigen. Ebenso, wie uns die Buchreihe von MinaLima weiter auf Trab halten wird. Meine Sammlung wird größer, in England pfeifen es schon die Spatzen von den Dächern, dass „Alice im Wunderland“ schon Anfang des Jahres auch bei uns erscheinen wird. Und wer sonst, als der Verlag, der immer wieder bewiesen hat, dass man diese klassischen Buchkunstwerke perfekt übersetzen und adaptieren kann, ist in der Lage auch dieses Buch in unsere Regale zu zaubern? Ich war gespannt, was ich auf der Frankfurter Buchmesse beim Presstermin mit dem Coppenrath Verlag erfahren würde… Im Januar 2020 erscheint Alice bei uns!

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett und Alice im Wundelralnd

Der geheime Garten“ von Frances Hodgsen Burnett / Coppenrath Verlag / MinaLima / dt. von Michael Stehle / Einband mit Leinenstruktur und Folienprägung / Illustriert / Mit neun interaktiven Inlays / Gebunden / 384 Seiten / 32 Euro

AstroLibrium – Best of Print und Audio 2019

AstroLibrium - Best of Print und Audio 2019

AstroLibrium – Best of Print und Audio 2019

Immer wieder gegen Ende eines von Literatur geprägten Jahres blickt man gerne zurück auf die gelesenen und gehörten Schätze der vergangenen 365 Tage. Auch dieses Jahr ist es mir gelungen, euch genau 100 Bücher und Hörbücher vorzustellen. Eine Zahl, die nicht nur eine Zahl ist, weil man sich immer wieder Ziele setzt, was man bloggend und rezensierend bewegen möchte. Und so ist das vergangene Jahr für mich der Maßstab für die Zukunft. 100. Das scheint meine Zahl zu sein, seitdem ich mich mit meinem Blog im Büchermeer bewege. Es ist wie bei einer guten alten Segelyacht. Egal wieviel Tuch man setzt, eine bestimmte vorgegebene Geschwindigkeit kann nicht mehr überschritten werden. Ich lag gut im Bücherwind in diesem Jahr. Rückblickend ist es so, dass ich mit meiner Auswahl aus dem Meer der Neuerscheinungen glücklich bin. Es ist naturgemäß immer wieder schwer, die Besten zu wählen. Und doch wage ich es auch diesmal. Meine absoluten Highlights des Jahres. Meine Top Ten Bücher und Top Five Hörbücher sind:

Bücher, gebunden, ungebunden, gedruckt, gut riechend, prall gefüllt:

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak

Fans von Markus Zusak wissen, dass kein Mainstream auf sie zukommt. Sie sind nicht überrascht, wenn sich Romane aus seiner Feder strukturell und inhaltlich deutlich von der Masse vergleichbarer Bücher unterscheiden. Diesmal – und dies ist der große Unterschied zur Bücherdiebin – haben wir es nicht mehr mit einem Jugendbuch zu tun. Hier baut der australische Autor eine Brücke, die komplex und facettenreich ist, die auf vielen literarischen Wurzeln fußt und Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu sehr aktivem und aufmerksamem Lesen zwingt. Wir haben es nicht mit leichter literarischer Kost zu tun. Wir haben es im klassischen Sinn keinesfalls mit einem Familienroman zu tun, der in einer linearen Struktur unbeschwerte Lesestunden verspricht. Nicht weniger als ein Wunder liegt in unseren Händen. Wir müssen nur an dieses Buch glauben.

Ein Roman, ohne den meine Odyssee keinen Sinn gemacht hätte und ohne den ich eine gewisse Penelope Dunbar niemals kennengelernt hätte. Gut, dass ich mich davor bewahrt habe… Hörend und lesend.

Wem das nicht ZUSAKt, dem ist nicht zu helfen…

WEST von Carys Davies - AstroLibrium

WEST von Carys Davies

 WEST“ von Carys Davies

Es gibt Bücher, die körperliche Schmerzen verursachen können. Es gibt Romane, die in der Lage sind, ihren Lesern jeden Boden unter den Füßen wegzuziehen. Es gibt SchriftstellerInnen, die keine Cliffhanger, sondern komplette Abstürze ins Bodenlose in Szene setzen. Es gibt Romane, die so viele Facetten in einer bedrohlichen Atmosphäre verdichten, dass sie sich jeder Kategorisierung entziehen. Das ist kein Western. Das ist ein Western. Das ist kein Thriller. Das ist ein Thriller. Das ist kein Midlife-Crisis-Roman. Das ist ein Midlife-Crisis-Roman. Das ist kein Frauenbuch. Das ist ein Frauenbuch. Das ist eine der größten Geschichten des Jahres! „West“ von Carys Davies. Unglaublich.

Auch viele Monate nach dem Lesen hallt dieser Roman nach. Ein unvergesslicher Showdown mit einer noch unvergesslicheren Waffe, die ein Mädchen rettet. Ich sag` ja immer wieder. Vorsicht vor strickenden Frauen.

Davies schreibt einfach CARYSmatisch….

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger - AstroLibrium

Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger

Ein Roman mit „Hallowach-Effekt“. Ein Aufwachmoment der besonderen Art.

Wie man sich dieses Aufwecken vorstellen darf? Ganz einfach. John Ironmonger schreibt uns Bilder in die Seele, die uns daran zweifeln lassen, dass unsere Zukunft so aussieht, wie wir sie uns in unseren bunten Träumen vorstellen:

„Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Truthahn… Das Leben scheint es gut mit Ihnen zu meinen. Der Bauer gibt Ihnen mehr Futter, als Sie essen können. Er kümmert sich um Sie, hält Sie warm, schützt Sie vor Raubtieren… Und jeder Tag ist genau wie der Tag zuvor. Wenn Sie, als Truthahn eine Vorhersage für den nächsten Tag machen müssten, wie sähe sie aus? Wir werden nicht hungern. Denn Sie wissen nicht, dass morgen der Tag vor Weihnachten ist.“

Ein Bild, das ich nicht vergessen habe. Ein Buch, das die Wahrnehmung für globale Zusammenhänge schärft. Ein Eisenhändler (Ironmonger), der stahlharte Geschichten auf Lager hat.

Der Wintersoldat von Daniel Mason - AstroLibrium

Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat“ von Daniel Mason

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… Ja, dieses UND muss selbst erlesen werden. Ich werde diesen Roman sicherlich nicht mehr vergessen. Aus guten Gründen.

Gerade auch in meinem beruflichen Umfeld aus Medizinern und Assistenten im Sanitätsdienst der Bundeswehr hat dieser Roman für Aufsehen gesorgt. Authentisch und bewegend. So das einhellige Urteil. Ein Buch, das auch jenseits der Mason-Dixon- Linie gelesen werden sollte…

NSA von Andreas Eschbach_AstroLibrium

NSA von Andreas Eschbach

NSA“ von Andreas Eschbach

Andreas Eschbach erzählt eine unfassbare Geschichte, als hätte es sie gegeben. Was er jedoch wirklich unternimmt, ist der Versuch, uns die Augen zu öffnen, was uns alltäglich im Leben umgibt. Immer wenn wir ungläubig den Kopf schütteln und ausrufen, dass es damals gar nicht möglich war, halten wir plötzlich inne und müssen uns sagen: ABER JETZT. Diese Utopie ist das intelligenteste, mit allen Tabus brechende Buch, in dem ich in den letzten Jahren eintauchen durfte.

Man sollte sich darauf einlassen, auf die täglichen Nachrichten schauen und sich dann Gedanken darüber machen, was heute mit unseren Daten geschieht. Keine Angst… ist doch nur ein Buch…

Der vergessliche Riese von David Wagner - AstroLibrium

Der vergessliche Riese von David Wagner

Der vergessliche Riese“ von David Wagner

Nein, David Wagner hat keinen Bewältigungsroman verfasst. Dieses Buch ist auch kein Ratgeber. Es ist der zutiefst aufrechte Blick in eine Welt, die sich jedem Gesunden weitgehend entzieht und ihn dadurch hilflos macht. Würde. Dies ist die Überschrift, die für diesen Roman steht. Menschen, für die ihre Zeit stehengeblieben ist, sind begleitbar und zugänglich, wenn man seine eigene Zeit anhält. Auch wenn es frustrierend ist, dem Feind des Erinnerns täglich zu begegnen. Wer den Kampf aufgibt, verliert einen Riesen der letztlich nur gegen das Vergessen kämpft. Der letzte Satz dieses Romans bedeutet mir persönlich sehr viel, da er einen Weg weist, dem man sich am Ende zu stellen hat. Ein Ende, das dem vergesslichen Riesen gerecht wird, weil er von jenen in Erinnerung behalten wird, die ihm entgleiten. Ein wahrlich großes Buch.

Bayerischer Buchpreis 2019 für David Wagner. Eine verdiente Auszeichnung für ein Buch, das wirklich unvergesslich ist. Ich habe meinen vergesslichen Riesen tief bei mir gehabt, als ich dieses Buch las. Distanz zu wahren zu diesem Roman ist einfach nicht möglich.

Am Tag davor von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Facettenreich und unvergesslich schreibt uns Sorj Chalandon seinen Roman ins Herz. „Am Tag davor“ sollte von Buchhändlern mit einer Grubenlampe versehen und ganz besonders im sogenannten Ruhrpott ganz vorne auf den Highlight-Tischen liegen. Der Roman ist eine Liebeserklärung an einen Menschenschlag und Berufszweig, von dem man sich in den letzten Jahren immer mehr verabschieden musste. Ihr Leben und ihr Leiden, ihre Traditionen und die stoische Schicksalsergebenheit stehen hier wie ein Standbild für eine fast vergangene Epoche echter Arbeiter. Werte und Normen, Freund und Feind, Gefahr und Genuss gehen Hand in Hand durch einen wahrhaft großartigen Roman. Montan-Literatur. Der Tiefgang verspricht Schürfrechte an einem Buch, in dem ab einem bestimmten Punkt kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Lesen!

Im literarischen Quartett einstimmig bejubelt, vielfach herausragend besprochen, gibt es nun wahrlich keinen Grund mehr, Sorj Chalandon nicht zu kennen.

Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle - AstroLibrium

Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Kurt Oesterle hat einen sehr nachhaltigen Roman über einen Krieg geschrieben, der gerade mal 100 Jahre hinter uns liegt. Er bringt Krater zum Singen, ermöglicht uns Heimatabende im Niemandsland, trifft Reisevorbereitungen für einen Toten, gibt Raum für Rettung und Hoffnung. Er lässt uns in einer einfachen Bretterbude einen ganz leisen Hauch von Europa fühlen. Vielleicht das erste gemeinsame Haus, von dem man heute gerne spricht. Ein Haus mit nur einem Zimmer. Provisorisch und von Blindgängern der letzten Schlacht umgeben. Ein Haus, das es zu bewahren gilt. Auch, wenn wir gelernt haben, auf welch wackligem Boden das Ganze steht. Ein Roman mit Signalwirkung in Zeiten, in denen scheinbarer Patriotismus erneut dazu aufruft, Grenzen zu ziehen.

Ein Roman, der eine Chance verdient hat. Ich lege meine Hand für dieses Buch in jedes Trommelfeuer. 

Durchbruch von Ronan Farrow - AstroLibrium

Durchbruch von Ronan Farrow

Durchbruchvon Ronan Farrow

Es kommt nicht oft vor, dass man ein Buch in Händen halten darf, das im Bereich „investigativer Journalismus“ als Meilenstein betrachtet werden muss. Es kommt nicht oft vor, dass man sich sogar als Zeitzeuge des beschriebenen Geschehens selbst ein Bild der Ereignisse machen kann. Und es kommt nicht oft vor, dass man im eigenen Lesen auf den Ursprung einer Bewegung stößt, die sich in den letzten beiden Jahren in allen Ländern der westlichen Hemisphäre ausgeweitet hat. Gemeint ist ein Skandal im Herzen von Hollywood. Gemeint ist der systematische jahrelange sexuelle Missbrauch von Frauen in der Filmbranche. Gemeint ist Harvey Weinstein, der Medienmogul, dem zahllose Frauen vorwerfen, sie in ihrer Abhängigkeit von seiner Macht ausgenutzt und vergewaltigt zu haben. Hier beginnt, was wir heute als MeToo-Bewegung kennen.

Lesen, die Welt beobachten, Automatismen erkennen und sich nicht wundern, warum im laufenden Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump ausgerechnet die Zeugen systematisch diffamiert werden. Catch and Kill…

Herkunft von Saša Stanišić - AstroLibrium

Herkunft von Saša Stanišić

Herkunft von Saša Stanišić

Das Buch Herkunft wird für mich grandios ergänzt durch das Hörbuch. Hier liest der Autor selbst. Man muss ihm zuhören, weil er sein Schreiben auf ein ganz anderes Level hebt. Er liest mit leichtem Akzent. Er liest weich, zart, unglaublich sympathisch in jeder Akzentuierung. Sein Humor wird unerhört hörbar. Eine melancholische Stimmung zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte. Man möchte ihm zurufen, dass man ihn verstanden hat. Dass man selbst mit Flüchtlingen anders umgehen würde, dass man in Zukunft die Augen offenhält. Manchmal möchte man, dass Saša Stanišić einfach unser Lachen hört und unsere Nachdenklichkeit spürt. Er investiert so viel in sein Schreiben, dass man im Gefühl lebt, ihm etwas schuldig zu sein. Vielleicht begleicht dieser Artikel einen Teil meiner Schuld.

Buchpreisträger, literarische Lichtgestalt, Handke-Gegner. Literat von Format!

Hörbücher, gekürzt und ungekürzt, gelesen, gespielt, zelebriert:

Mit Markus Zusak und Saša Stanišić sind bei den bereits aufgeführten Büchern schon zwei meiner Top-Hörbuchempfehlungen enthalten. Bleiben mir also noch drei Top-Hörbücher des Jahres: 

Der dunkle Bote von Alex Beer - AstroLibrium

Der dunkle Bote von Alex Beer

Der dunkle Botevon Alex Beer

Nein, ich habe nicht das Buch gelesen. Ich bleibe hier den Hörbüchern treu. Und das aus gutem Grund. Cornelius Obonya. Reicht der Name des Sprechers aus oder muss ich weiter ausholen? Gerne. Cornelius Obonya lebt diese Buchreihe. Sie scheint den Stimmen, die aus ihm herausbrechen auf den Leib geschneidert zu sein. Er bietet alles, was die untergegangene KuK-Monarchie sprachlich und stimmlich zu bieten hat. Er lässt alle Dialekte der Wiener Unterwelt auferstehen. Serbisch, Ungarisch, das alte Wien selbst und natürlich August Emmerich, dem er eine Stimmfarbe verleiht, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man kann mit Obonya lachen und weinen, man folgt seinen Lippen, weil man ihn nicht unterbrechen möchte. Im seinem Sprachgewitter hat die Buchreihe von Alex Beer ihre kongeniale Entsprechung gefunden. Wer Obonya nur einmal gehört hat, der wird sich von der Stopptaste seines MP3-Players verabschieden.

Ohne Alex Beer keine Romane dieser Güteklasse. Ohne Cornelius Obonya keine Hörerlebnisse der besonderen Art. Ein Duo Wienfernale…

Die Jahre von Annie Ernaux - Astrolibrium

Die Jahre von Annie Ernaux

Die Jahrevon Annie Ernaux

Experimentell kam es mir vor, was ich hörte. Fragmentarisch, kaleidoskopisch und gewagt. Das waren meine ersten Eindrücke und ich hatte das Gefühl, im Vergleich zu einer Lesung oder einem traditionellen Hörspiel mit Erzähler und Akteuren sehr schwer in die Geschichte hineinzukommen. Ich hatte nicht erwartet, eine konstant tickende Uhr im Hintergrund zu hören. Ich hatte nicht erwartet, vier Stimmen zu begegnen, die in der sich ständig überlagernden und schlagwortartigen Sprechweise eher an eine moderne Performance erinnern, als die Erwartung an ein Hörspiel zu erfüllen. Das war etwas so Neues für mich, dass ich einige Anläufe benötigte, um hier Fuß zu fassen, eine Struktur zu finden und mich selbst in den Hörrhythmus zu versetzen, den „Die Jahre“ verdient haben.

Mehrfach ausgezeichnet. Ein Hörbuch, das niemals in die Jahre kommen wird…

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache von Walter Moers

Ihr trefft auf Bücherwürmer, helft dabei, dem Bücherdrachen seine Buchschuppen zu stehlen und spürt die inspirierende Macht des Orm. Ihr werdet zu Zeugen des einzigen Ormrakels, das die Welt je sah und verirrt Euch im Geflecht aus Wahrheit, Lügen und Spekulation. Und nicht zuletzt erkennt Ihr Euch im Bücherdrachen wieder, der nur aus Liebe zur Literatur existiert. Wer würde sich da nicht gerne im Ormsumpf suhlen? Eine grandiose Geschichte, die in allerbester zamonischer Tradition zu begeistern weiß. Im Hörbuch ist es erneut Andreas Fröhlich, mein stimmlicher Zamonienmeister, der alle Charaktere zum Leben erweckt. Seine Interpretation des Bücherdrachen, der nur in der Erzählung des kleinen Buchlings zu Wort kommt, ist magisch. Was die Illustrationen für das Buch sind, ist die Stimmfarbe dieses Wortkünstlers für das Hörbuch. Ich begegnete ihm auf der Leipziger Buchmesse. Ein Gespräch, das noch lange nachwirkt, weil ich in diesem Moment mit allen Stimmen Zamoniens sprach. Und nicht nur mit diesen.

Stimmzauberer liest Zamonische Charaktervielfalt. Fröhlich ist, wer Fröhlich hört.

AstroLibrium - Best of 2019

AstroLibrium – Best of 2019

Was mir noch zu sagen bleibt:

Ich danke Euch für Euer Interesse an meiner kleinen literarischen Sternwarte. Ich bin dankbar für Euer Lesen, Eure Kommentare und das vielfältige Feedback auf meine Artikel, Rezensionen oder Posts auf Facebook oder Instagram. Ich freue mich sehr auf ein neues Kapitel meines Lesens und Lebens. Ein Jahr der Veränderung steht vor der Tür. 2020. The Year of Changes. Was ich damit meine, werdet Ihr schon zum Beginn des neuen Jahres lesen können. Ich blicke nach vorne, gebe einen Ausblick auf meine Projekte, neue Bücher und Hörbücher und möchte gleichzeitig verdeutlichen, warum in wenigen Wochen eine neue Zeitrechnung für mich beginnt.

Es wäre ein Traum, Euch an meiner Seite zu wissen. Guten Bücherrutsch. Kommt gesund und glücklich ins neue Jahr.

AstroLibrium – Die literarische Sternwarte wünscht einen guten Rutsch

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo - Astrolibrium

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Der Titel dieser Rezension beinhaltet schon alle Verunsicherungen, die mich beim Schreiben dieser Zeilen begleiten. Eigentlich sollte ein anderer Name dort auftauchen. Der Name des Autors, mit dem man dieses Buch in Verbindung bringt, wie man selten zuvor einen anderen Autor mit seinem Werk assoziiert hat. Antoine de Saint-Exupéry ist zum Synonym für den kleinen Prinzen geworden. Erwähnt man einen Namen zieht der andere automatisch mit ins Feld. Sie zu trennen, erscheint mir wie ein literarisches Sakrileg. Das erschwert meine Herangehensweise an ein Buch, das ich schon jetzt als absolutes Buchkunstwerk bezeichnen muss. Was jedoch die Fragen seiner Entstehung und der Philosophie, die dahintersteckt, nicht beantwortet.

Seit dem 1. Januar 2015 ist der kleine Prinz gemeinfrei. Mir gefällt dieser Begriff in keiner Weise. Vogelfrei klingt da vielleicht besser. Genau 70 Jahre nach dem Tod eines Schriftstellers besteht kein urheberrechtlicher Schutz mehr für eine Geschichte, die aus seiner Feder stammt. Im Rahmen des kreativen schöpferischen Wettbewerbs darf das geistige Eigentum nach Ablauf dieser Schutzfrist kostenfrei und ohne jeglichen Verweis auf den eigentlichen Urheber frei verwendet werden. Ja, wir könnten uns jetzt alle ganz gemütlich an die Schreibtische zurückziehen und unsere Varianten des kleinen Prinzen zu Papier bringen und veröffentlichen, ohne dabei auch nur im Geringsten das Original zu erwähnen. Wenn man nun bedenkt, dass „Der kleine Prinz“ mit über 140 Millionen verkauften Exemplaren zu den weltweit erfolgreichsten Büchern gehört, vielleicht sogar ein lohnenswerter Gedanke.

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo - Astrolibrium

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Trennen wir jetzt also Antoine de Saint-Exupéry von seinem kleinen Prinzen. Ein Denkprozess, der mir nicht leichtfällt. Das muss ich voranschicken. Nur welchen Zweck kann es nun haben, sein Werk in neuer Form auf den Markt zu bringen? Lassen wir die rein finanziellen Aspekte mal ganz außer Acht. Haben wir es mit Neuinterpretationen zu tun, gar mit einer Hommage an den legendären Schöpfer oder bietet sich erstmals die Chance, ein in die Jahre gekommenes Werk neuen Lesergruppen zu erschließen? Hat „Der kleine Prinz“ in seinem ursprünglichen textlichen und bildlichen Gewand noch eine Relevanz für junge Leser, oder haben wir Erwachsenen ein Werk mystifiziert und damit eine fast schon sakrale Ebene gestaltet, die es für jede Kritik unerreichbar macht? Sind wir zu weit gegangen und haben das Buch denjenigen entfremdet, für die es eigentlich geschrieben wurde?

Haben wir es zu oft mit erhobenem Zeigefinger verschenkt, darum wissend, dass sein Inhalt nicht so leicht zu verstehen ist, wie wir es so gerne vorgeben? Haben wir es zugelassen, dass „Der kleine Prinz“ zum Jakobsweg der Literatur mutierte, den wir als sogenannte „Gutmenschen“ bis zum letzten Blutstropfen verteidigen? Haben wir Paulo Coelho und Saint-Exupéry zu einem transzendentalen Bündel geschnürt, das sich über so manche Glaubensrichtung erhebt? Und wie würde jener abgestürzte Pilot sein Buch heute schreiben, wenn er in die Herzen junger Menschen vorstoßen wollte. Sind seine Bilder noch zeitgemäß? Haben sie noch Aussagekraft oder könnte man sie im Kontext unserer Zeit aktueller gestalten? Wir leben in einer veränderten Gesellschaft. Könnte in diesem Zusammenhang der Kleine Prinz nicht mal transferiert werden?

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Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo (erschienen im Mixtvision Verlag) aufschlug. Eine sehr ambivalente Gefühlswelt begleitete mein Lesen, mein Betrachten der Illustrationen und mein Staunen über ein erzählendes Bilderbuch aus der Feder dieses kongenialen Duos, das schon mit „Die große Wörterfabrik“ und „Die Schneiderin des Nebels“ für Furore gesorgt hat. Ich bin ein großer Fan ihrer Werke. Ich habe sie oft verschenkt und an den Reaktionen junger Menschen bemerkt, wie tief sie berührt wurden. Und jetzt ein echtes literarisches Wagnis unter veränderten Rahmenbedingungen. Wo setzen diese beiden Buchkünstlerinnen an? Was verändern sie? Wo entsteht etwas Neues und was verbleibt von der Ursprungsfassung? Ist es eine Hommage? Öffnen sie jungen Lesern die Tür zu einer Geschichte, die so langsam anzustauben drohte?

Ich zuckte zurück. Blätterte hin, blätterte her, suchte, fand nicht. Eine Hommage? Nein. Dazu müsste man den Urschöpfer erwähnen. „Nach dem Original von…“ oder „In Anlehnung an…“ oder zumindest „Frei nach…“! Aber nein. Antoine de Saint-Exupéry wird im Bilderbuch mit keiner Silbe erwähnt. Und auch der Untertitel des Buches lässt keine Rückschlüsse zu:

Nacherzählt von Agnès de Lestrade
Illustriert von Valeria Docampo

UPDATES zur Erwähnung von Antoine am Ende des Artikels….

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo - Astrolibrium

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Allein der Begriff „Nacherzählt“ lässt auch darauf schließen, dass in rein textlicher Hinsicht kein Neuland zu erwarten ist. Auch Neuübersetzungen scheuen davor zurück, die weltbekannten Zitate zu verändern, weil ja gerade sie auf immer und ewig für einen hohen Wiedererkennungswert stehen. Klingt wenig konsequent, wenn ich ein Buch neu interpretiere, oder eine Variante veröffentliche, die nur noch an das Original angelehnt scheint. Und so findet man auch in dieser Nacherzählung, was zu erwarten war:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut.
das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

„Du bist für immer verantwortlich für das,
was du dir vertraut gemacht hast.
Du bist für deine Rose verantwortlich.“

„Was bedeutet zähmen?“
„Es bedeutet sich vertraut miteinander machen und anzufreunden.“

Und so finden sich neben diesen uns so sehr ans Herz gewachsenen Zitaten auch die Wegbegleiter wieder, die dem kleinen Prinzen auf seiner Reise begegnen. Hier wird auf die traditionellen Begriffe gebaut. Der Geograf, der Laternenanzünder, der Eitle und der König. Der Trinker und der Geschäftsmann, ein Fuchs, die gelbe Schlange und ein notgelandeter Pilot in der Wüste Sahara. (Ja, wir wissen, um wen es sich handelt.) Hier entspricht der Inhalt der Beschreibung auf dem Cover. Eine Nacherzählung, verkürzt in ihrer Ausführlichkeit, kindgerecht strukturiert und angeordnet, aber eben sprachlich in der Tradition des Originals. Kein Neuland, was auch Liebhabern der Urfassung gefallen dürfte. Auch Rosenliebhaber kommen auf ihre Kosten.

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo - Astrolibrium

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Und bildlich? Was ist mit den Illustrationen? Neuland? Eine ganz neue Welt? Was hat Valeria Docampo aus den kleinen Zeichnungen aus der Feder von Antoine de Saint-Eyupéry gemacht? Hier erhebe ich mich, rufe laut Bravo und Da Capo, blättere hin und her und staune mir die Augen aus dem Kopf. Ein neuer Kosmos voller Wärme erwartet diejenigen Menschen, die sich auf dieses Buch einlassen. Die alten sympathischen und doch eher amateurhaften (bitte verzeihen Sie mir, Antoine) Zeichnungen haben nie die Ebene der Geschichte erreicht. Womit man heute keinen Erstleser mehr begeistern und fesseln kann, ist hier eine visualisierte Dimension entstanden, die alles Bekannte hinter sich lässt. So liebevoll, detailverliebt und voller Zuneigung zu den Charakteren führt uns Valeria Docampo in ihre Welt des kleinen Prinzen.

Ein Meilenstein, der nicht mit dem Original bricht, sondern es auf eine Ebene hebt, die zeitgemäß und zugleich traditionell erscheint. Farben, Schattierungen und die Mimik der Charaktere strahlen in einer Pracht die nur einer großen Geschichte innewohnt. Ich hatte viel von diesen Illustrationen erwartet. Nach meinem Empfinden haben sie all das übertroffen, was für mich denkbar war. Und selbst wenn Antoine im Buch nicht erwähnt wird, Valeria Docampo hat ihn gezeichnet. Ja, auch so kann man einer Hommage im 21. Jahrhundert Ausdruck verleihen. Ich sehe die Entwicklung der Gemeinfreiheit nicht unkritisch. Ich stehe zu den Aspekten, die mich verunsichern. Eine Entwicklung, die im Lauf der Jahre nicht immer diese erfreuliche Richtung einschlagen muss. Und doch:

Seinen Namen nicht mehr zu erwähnen ist für mich ein literarisches Sakrileg!

UPDATES zur Erwähnung von Antoine am Ende des Artikels….

Meine Herzensempfehlung für die Hintergründe zum Originalbuch ist ein Bilderbuch, in dem selbst ich noch sehr viel gelernt habe: „Der Pilot und der Kleine Prinz“ aus der Feder von Peter Sis. Meine Rezension ist experimentell. Mein Dialog mit dem kleinen Prinzen ist vielleicht gewagt. Manchmal jedoch muss man sich einfach trauen.

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo - Astrolibrium

Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

UPDATE 1 zur fehlenden Erwähnung von Antoine de Saint-Exupéry im Buch:

Nach der Veröffentlichung dieser Rezension hat sich vieles getan. Ein bewegender Kommentar von Valeria Docampo (bitte scrollen) verdeutlichte, dass es nicht Absicht der Autorinnen war, den Namen Antoine de Saint-Exupéry unerwähnt zu lassen. Das zeigt das Foto der französischen Ausgabe, auf dessen Cover er aufgeführt ist. Valeria hat sich mit einigen Verlagen in Verbindung gesetzt, um in den Folgeauflagen dieses Buches in allen Ländern für die Namensnennung zu sorgen. Soeben hat mich auch der Mixtvision Verlag angeschrieben. Ab der dritten Auflage wird das auch hier realisiert.

Ich danke besonders Valeria Docampo für ihre Zeilen, weil für mich kein Zweifel an der Intention bestand, Antoine de Saint-Exupéry mit diesem Buch zu ehren. Jetzt bin ich beruhigt. So sehr… (Fürstenfeldbruck, 27.September 2019)

Der kleine Prinz von e Lestrade und Docampo - Kein Sakrileg - Astrolibrium

Der kleine Prinz von de Lestrade und Docampo – Kein Sakrileg

UPDATE 2 zur fehlenden Erwähnung von Antoine de Saint-Exupéry im Buch:

Wie versprochen. MIXTVISION hat Wort gehalten und seit Februar 2020 liegt mit der dritten Auflage vonDer kleine Prinz  ein Buch vor, das Antoine de Saint-Exupéry sowohl auf dem Cover, als auch im Textteil an exponierter Stelle aufführt. Hier ist es angebracht, dem Verlag zu danken. Meine Rezension führte zu dieser Korrektur und wurde nicht einfach nur zur Kenntnis genommen. Das zeigt wahre Größe. Die Zeilen, die das Buch begleiteten sprechen eine deutliche Sprache! Jetzt ist es eine Hommage!

Der kleine Prinz - In der dritten Auflage korrigiert

Der kleine Prinz – In der dritten Auflage korrigiert

Der kleine Prinzvon Agnès de Lestrade und Valeria Docampo / Mixtvision Verlag / 56 Seiten / illustriert / Übersetzt von Anna Taube / 15 Euro

Ein Besuch bei Anne Frank – Amsterdam 2019

Alles über Anne - Ein Besuch im Anne Frank Haus - AstroLibrium

Alles über Anne – Ein Besuch im Anne Frank Haus

Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust gehören für mich zu den wichtigsten Orten, um sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Direkt vor der Haustür liegt die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Ich bin regelmäßig dort. Nicht immer alleine, jedoch immer aus gutem Grund. Erlebnisberichte und aktuelle Bücher veranlassen mich immer wieder, dort auf Spurensuche zu gehen.

Der Schmerz“ von Marguerite Duras
Der Umweg von Luce d´Eramo – Eine Faschistin unter Nazis
Der Finsternis entgegen von Arne Molfenter und Rüdiger Strempel

Weitere Gedenkstätten, die mich begleiten sind die des ehemaligen KZ Flossenbürg, das alte jüdische Ghetto in Prag und der jüdische Friedhof des Benediktinerklosters St. Ottilien. Orte, die mir zeigen wie wichtig es ist, Erinnerungen aufrecht zu halten und gegen das Vergessen anzukämpfen. Wobei es gerade die Gedenkstätten der KZs sind, die von großer Bedeutung sind, weil gerade hier das Erinnern an die Opfer ausgelöscht werden sollte. So, wie sie selbst ausgelöscht wurden. In ihren Dimensionen unfassbar und in der Relevanz für die heutige Zeit ungebrochen. Es gibt allerdings auch die ganz unscheinbaren und kleinen Gedenkstätten. Das fängt bei Stolpersteinen an, setzt sich beim verweigerten Hitlergruß in der Münchener Drückebergergasse fort und führt zu Grabstätten, Inschriften und dem ganz individuellen Gedenken. Todesmarsch-Denkmal und Holocaust-Mahnmal sind hier indirekte Gedenkstätten. Neutral gewählte Orte. Das unterscheidet sie…

Heute stelle ich mir die Frage, welche Wirkung eine Gedenkstätte hat, die gerade mal 50 Quadratmeter misst. Heute stelle ich mir die Frage, ob es mir gelingen wird, in diesen beengten Verhältnisse und einem zu erwartenden hohen Besucherstrom einen Punkt der tiefen inneren Konzentration zu finden, der mich den Menschen näherbringt, die hier zu Opfern wurden. Und ich frage mich, mit welcher Erwartungshaltung ich jetzt einen Ort betrete, der auf der ganzen Welt bekannt ist, weil er als Versteck diente. Bis diejenigen, denen der Ort Zuflucht gewährte, verraten, deportiert und ermordet wurden. Lesend habe ich mich den Menschen, die sich hier verbargen, intensiv angenähert. Es waren zwei Jahre und ein Monat. Es waren 50 Quadratmeter. Es waren acht Menschen und sie waren hermetisch von der Umwelt abgeschottet. Es ist noch heute DIE Adresse des inneren Widerstands gegen die Nazi-Besatzer in den Niederlanden.

Das Anne-Frank-Haus. Prinsengracht 263. Amsterdam.

Das Tagebuch von Anne Frank ist mein Wegbegleiter. Die Innenansichten aus ihrer Feder beschreiben den Ort so, als hätte man sich selbst hinter der Tür versteckt, die an ein prall gefülltes Bücherregal erinnerte. Ihre Beschreibung der Lebensumstände in der Wohnung ist so lebendig, als würde man nach Hause kommen. Ich versuche mich nun dem Hinterhaus zugleich von mehreren Seiten zu nähern. Ich möchte Außenansichten hinzufügen. Ich weiß vom Kastanienbaum im Innenhof. Anne hat ihn täglich vor Augen gehabt. Er war draußen, sie gefangen im Inneren. „Anne Frank und der Baum“ ist ein Buch, das nicht nur diese Geschichte erzählt. Ich trage es im Herzen, weil es zwar den Baum nicht mehr gibt, seine unzähligen Samen jedoch die Zeit überdauert haben.

Ein Buch begleitet mich nach Amsterdam. Alles über Anne – Das Leben der Anne Frank von Menno Metselaar und Piet van Ledden, herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Anne-Frank-Haus und erschienen im Carlsen Verlag. Dieses Buch wartet nun schon seit geraumer Zeit darauf, dass ich mich endlich auf den Weg mache. Es ist eine bebilderte und illustrierte Auseinandersetzung mit Annes Franks Lebensgeschichte, den Rahmenbedingungen und einer Zeit, in der wir nicht mit einem deutschen Mädchen mit jüdischen Wurzeln hätten tauschen wollen. Dieses Buch beantwortet alle Fragen. Es ist so gestaltet, dass junge Leser einen sehr guten Überblick über die Situation, das Haus, das Leben vor, im und nach dem Krieg und die bedrückende Enge erhalten, in der sich acht Menschen zwei Jahre lang vor der Verfolgung zu retten versuchten. 

Es sind nicht nur die emotionalen und empathischen Texte, die hier überzeugen. Es sind aufklappbare Zeittafeln, Haus- und Zimmerpläne, Informationen zum Leben im besetzten Land, zum Verlauf des Krieges und insbesondere zu den Menschen, die sich hier versteckt hielten. Für jüngere Leser sind motivierend eingeflochtene Fragen in den Text eingebaut. Verständnis wird zu Wissen. Wissen wird zu einer massiven Mauer im eigenen Kampf gegen Ausgrenzung. Und doch ist dieses Buch kein Sachbuch, weil es alles beschreibt und erklärt, nur keine Sachen. Und, wenn ich von jungen Lesern rede, dann schließe ich die ältere Zielgruppe nicht aus. Für mich ist dieses Buch der perfekte Wegbegleiter für einen Besuch in Amsterdam. Und nicht nur das. Auch das Verfestigen der vielleicht flüchtigen Eindrücke eines solchen Besuches gehört zum Portfolio dieses Buches.

Alles über Anne - Ein Besuch - Anne Frank Haus - Astrolibrium

Die Eintrittskarten liegen schon lange in der Reisemappe. Nur online kann man sie bestellen. Nur mit einem zeitlichen Vorlauf von fast zwei Monaten hat man die Chance, sich Tag und Uhrzeit des Besuches auszusuchen. Der Strom der Menschen, die jeden Tag das Anne-Frank-Haus besuchen steigt stetig. Zeichen der Verunsicherung in einer Zeit des wieder erstarkenden braunen Gedankenguts. Anzeichen, dass Menschen auf mehreren Ebenen erleben, lesen und sehen wollen, um umfassend zu verstehen. Wir haben uns für einen Montag entschieden. In der Mitte unseres Urlaubs in Holland. Wir betreten das Haus mit gemischten Gefühlen. Allzu wach ist meine Erinnerung, in Prag angesichts tausender Namen deportierter Juden, Arm in Arm mit meiner Tochter Lena vor Gedenktafeln zu stehen, die neben den zahllosen Opfernamen Orte wie Dachau als Ziele für die Transporte verzeichneten. Die Juden in Prag verband vieles mit ihren verfolgten Leidensgenossen in Amsterdam. Angst wohl an erster Stelle.

Jetzt hier vor dem Anne Frank Haus zu stehen, ist ein anderes Gefühl. Es ist nicht leicht, sich emotional in den Besuch fallenzulassen. Zu viele Menschen haben sich hier eingefunden. Zu organisiert wirkt die sich viertelstündig aufbauende Warteschlange und zu unwirklich scheint der Gedanke zu sein mit einer Gruppe von Menschen ins Haus zu gehen, die größer ist, als die Gruppe der Versteckten damals war. Audioguides werden verteilt, Eintrittskarten kontrolliert, die Schlange setzt sich langsam in Bewegung und ich erwarte schon, am Ausgang anzukommen, ohne Anne Frank wirklich nahe gekommen zu sein. Und dann passiert es doch. Es kommt der Moment vor den eingeritzten Linien am Türrahmen, die zeigen, wie sehr Anne im Versteck gewachsen ist. Hier ist es sehr ruhig und die Gefühle schlagen zu. Nicht nur bei mir. Auch Lena fühlt, dasss hier Eltern und Kinder gelebt haben. Augenscheinlich ganz normal, aber doch unter Lebensgefahr.

Alles über Anne - Ein Besuch - Anne Frank Haus - Astrolibrium

Diese Gefahr ist spürbar, Verdunkelte Räume, spartanische Einrichtung, Privatsphäre Fehlanzeige. Die Angst vor Entdeckung wird greifbar. Und draußen geht das Leben für die Besatzer und die nicht Verfolgten weiter. Ich muss zugestehen, dass ich mich bald vom Audioguide getrennt habe. Ich brauchte keine Informationen. Ich wollte fühlen, wo das Tagebuch der Anne Frank entstand. Das Buch „Alles über Anne“ ist im Museum omnipräsent. In vielen Sprachen liegt es aus und im Nachhinein muss ich sagen, dass es Besucher jeden Alters perfekt auf dieses besondere Gedenkstätte vorbereitet. Es ist auch danach sehr wichtig. Das sah ich am Abend in unserem Ferienhaus. Hier schrieb Lena ihre Gedanken nieder. Für Anne. Begleitet vom Buch, ein paar Porträt-Karten und den Fotos, die sie selbst gemacht hat. Der Tag bleibt im Gedächtnis. Tief.

Es sind Orte wie dieser, die es zu entdecken gilt, um Geschichte greifen zu können. Es gibt noch mehr Orte, die vor mir / uns liegen, um jedes Vergessen zu verhindern. Es sind Orte wie das Erinnerungszentrum Westerbork. Die Kinder mit Stern wurden in dieses Durchgangslager im besetzten Holland verbracht (wie Anne Frank), bevor man sie in die KZs deportierte und ermordete. Es gibt viele Erinnerungsorte, die ich für mich selbst aufarbeiten muss. Ich werde viel reisen. Ich werde Euch davon erzählen und ich werde nach weiteren Büchern gegen das Vergessen suchen, die mich begleiten. Vielen Dank für Eure Grüße an Anne, die ich mitnehmen durfte. Danke fürs Lesen. Und, wenn Ihr mögt, folgt meinen Spuren in Bücher, die sich mit diesem faszinierenden Mädchen und ihrem Schicksal beschäftigen. Es ist nie zu spät für Anne Frank.

Drei auf einen Streich [Die neuen Disney-Hörbücher]

König der Löwen - Dumbo - Aladdin - Die Disney-Hörbücher_astrolibrium

König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher

Ein Paradigmenwechsel hat in diesem Jahr die Kinosäle erobert. Der Zeichentrick hat wohl ausgedient und neue Begriffe für die bestehende Dynamik auf dem Filmmarkt geben sich gerade die Türklinke in die Hand. Was ist passiert? Walt Disney hat erneut die Welt verändert. Aus liebgewonnenen Zeichentrickfilmen wurden Animationsfilme, in denen das gesamte Setting allerdings so real wirkt, als handele es sich um Live Action Filme. Dabei sind sie alles, nur das nicht. Entweder vereinen sie einen Mix aus realen und animierten (und hierbei sprechen wir von High-Level-computeranimierten) Szenen, oder sie sind ausschließlich an Computern entstanden, deren Rechenkapazität leicht ausreichen würde, um alle zukünftigen Mars-Weltraummissionen gleichzeitig starten zu können…

Dabei betritt Disney inhaltlich kein Neuland. Es handelt sich im weitesten Sinne um Remakes von Geschichten, die uns seit unserer Kindheit begleiten. Was steht hier jetzt im Vordergrund? Die Story selbst oder das Aufzeigen der technischen Möglichkeiten in der Realisierung von Kinofilmen, die einen garantierten Einnahmefluss garantieren? Ich denke, es ist ein Mix aus beidem. Die meisten Kinogänger sind wohl vertraut mit diesen Legenden von einst (wobei dieses Einst zum Teil gar nicht so lange her ist). Wer kennt nicht „Dumbo“, den fliegenden Elefanten? Wer hat noch nie zuvor mit „Aladdin“ an der magischen Wunderlampe gerieben? Und wer hat noch nichts vom „König der Löwen“ gehört? Ich wage zu behaupten, dass niemand unter uns ist, der nicht zumindest zwei dieser Filme in ihrer Zeichentrickvariante gesehen hat.

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König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher

Und natürlich lege ich auch meine Hand dafür ins Feuer, dass viele von Euch sich die Neuverfilmungen nicht entgehen lassen. Hand aufs Herz, wer kann da widerstehen und wer macht sich nicht gerne selbst ein Bild von den neuen Bildern? Ich werde mich jedenfalls ganz sicher von den neuen Filmen ins Kino locken lassen. Nicht jedoch ohne zuvor als Literaturblogger zu schauen, wie die Verlagswelt mit diesem Hype umgeht. In Erwartung exorbitanter Besucherzahlen will man sich doch die Chance sicherlich nicht entgehen lassen, von dieser Welle zu profitieren. In den Printmedien findet man gerade eine Vielzahl von Neuauflagen alt bekannter Bilderbücher, neuer Bücher zu den Filmen, aber letztlich keine großen Überraschungen. Ein Bereich hebt sich deutlich ab. Und das nicht nur durch die Neuauflage bestehender Produktionen.

Die Hörbuch-Branche boomt und gerade der Zuwachs an Hörbüchern zum Film zeigt, dass die hörige Kundenschar auch hier gerne mit Produktionen verwöhnt wird, in deren Mittelpunkt die Synchronsprecher der Filmvorlagen stehen. Fühlt sich dann ungefähr so an, wie Kino für die Ohren, kostet allerdings weniger, als eine Eintrittskarte mit Popcorn und Softdrink. Darüber hinaus wachsen beim gemeinsamen Hören mit unseren Kindern keine Kosten auf, die sich gemessen an der Anzahl der Sprösslinge potenzieren. Jetzt liegen sie mir vor, die drei aktuellsten Produktionen aus dem Hause Der Hörverlag. Es sind keine „alten Kamellen“, schnell noch frisch auf CD gebrannt und mit neuem Cover auf den Markt geworfen. Es sind die alten Geschichten, neu erzählt und angelehnt am Paradigmenwechsel, der sich in der Filmbranche vollzieht.

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König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher

Aladdin

Wir sind wieder zurück in der Welt des Orients, die sich anfühlt, wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Aladdin und die Wunderlampe. Abendfüllender Disney-Zeichentrick- und Musikfilm aus dem Jahr 1992. Bahnbrechend für die Zeit. Voller Understatement, was das Ausreizen technischer Möglichkeiten betraf. Sympathisch und typisch für den legendären Stil Walt Disneys spielte sich dieser Film in die Herzen der Zuschauer. Hier kam der Musik hohe Bedeutung zu. Unvergessene Titel blieben im Gedächtnis, lange nachdem sich der Vorhang im Kino geschlossen hatte. Ein Traum wird wahr (A Whole New World) erzeugt noch heute Gänsehaut.

„Aladdin“, das aktuelle Hörbuch zum Live-Action-Film, verspricht zwei Stimmen. Gelesen von Stefan Wilkening und Ian Odle. Wenn man dann noch verinnerlicht, dass genau dieser Ian Odle seit langer Zeit die deutsche Synchronstimme von Will Smith ist, der in Aladdin den Dschinn spielt, dann erwartet man viel von diesem Hörbuch. Doch ist auch drin, was draufsteht? Für mich nicht. Wilkening ist brillant. Er lässt den Orient mit seiner Stimme in unseren Ohren explodieren. Wer aber auf eine zweite Stimme wartet, wenn der Dschinn aus der Wunderlampe schwebt, der wartet vergeblich. Die grandiose Stimme von Ian Odle spricht lediglich den Prolog und den Epilog. Vier Tracks. Ich finde es nicht so ganz fair, dann davon zu sprechen, dass wir es mit zwei Sprechern zu tun haben und auch noch auf die Synchronrolle von Odle hinzuweisen. Das soll jedoch die Leistung und das Können von Stefan Wilkening nicht schmälern. Er brilliert. Fazit: Ein leichter Hauch von Etikettenschwindel, der das Hören trübt! Hörbucheule not amused!

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König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher

Dumbo

Der fliegende Elefant und der absolut tragische Held einer bunten Zirkuswelt. Er wurde schon 1941 mit dem Klapperstorch in die amerikanischen Kinos gebracht und ist seitdem ununterbrochen der wohl dickhäutigste Flugkünstler der Filmgeschichte. Jetzt erobert er in einem Mix aus Realfilm mit echten Schauspielern und Animationsfilm als computergenerierte Filmfigur die Welt. Das Hörbuch setzt hier auf eine einzige Stimme. Und was für eine. Die Hauptrolle im Film spielt Colin Farell. Sein Synchronsprecher ist Florian Halm, der in der Produktion mit einer Spielzeit von sieben Stunden und 32 Min. zu überzeugen weiß. Wer den Film gesehen hat, der wird das Gefühl haben, dass der legendäre Protagonist Holt Fanier die Geschichte erzählt. Das schafft Bindung zu den gesehenen Bildern und ist auch ohne Film von so großem Unterhaltungswert, dass es kaum gelingt, die Pausentaste zu betätigen. Die Hörbucheulen rümpften zwar die Nase wegen der zu bezweifelnden Flugtauglichkeit des Riesenohrs, waren aber zuletzt ganz auf der Seite der größten Flugeule ihres Lebens. Fazit: Mehr als eine Lesung.

König der Löwen - Dumbo - Aladdin - Die Disney-Hörbücher - Astrolibrium

König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher

König der Löwen

Eigentlich sollte jetzt jeder die Musik in den Ohren haben, die dem Film aus dem Jahr 1994 den Stempel aufgedrückt hat. Unvergessen die Zeichentrickszenen, aber eben auch unvergessen der Sound von Afrika, der bis heute auch im Musical nachhallt. Der aktuelle Film bricht mit allen Disney-Traditionen. Komplett am Rechner entstanden, alle Tiere so real animiert, als würde es sie so und nicht anders wirklich geben, zieht er uns in einen magischen Bann. Das ist nicht zu toppen. Das geweihte Land plante einst Zeuge der Klärung der Nachfolgeplanung zu werden. Mufasa präsentiert Simba, nicht nur der Löwensohn, sondern Löwenherz und zukünftiger König der Löwen. Elton John besang den Kreislauf des Lebens The Circle of Life und niemand konnte seine Tränen zurückhalten, als Simba ohne Vater durchs Leben gehen musste.

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König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher

Hier geht das Hörbuch einen anderen Weg, als die beiden oben Genannten. Keine Synchronstimme aus dem aktuellen Film oder ein Hörbuch mit zwei Stimmen. Hier ist es Steffen Groth, der die Geschichte neu erzählt. Frisch, dynamisch, emotional und in jeder einzelnen Szene absolut brillant. Diese Stimme trägt, sie braucht keine Effekte im Chor der Tiere. Hier konzentriert sich die Produktion auf den reinen Inhalt. Und das ist gut so, wird doch die fulminante Tragweite dieser Story oftmals unterschätzt. Hier muss ich wohl mit meinen Hörbucheulen ins Kino gehen und kann später mit dem Hörbuch in der guten Stube immer wieder hören, was einmal gesehen wurde. Simbas Blick allein rechtfertigt den Kinobesuch. Fazit: ein traditionelles aber eben auch brillantes Hörbuch, dem ich gerne gefolgt bin. Und das für dreieinhalb Stunden voller Abenteuer.

Wie auch immer Ihr Euch entscheidet, folgt Eurem Geschmack. Hört und geht ins Kino oder hört ausschließlich. Jedenfalls liegt eine große Auswahl vor Euch und es ist kaum möglich, von auch nur einem einzigen Hörbuch enttäuscht zu werden. Wir haben es hier nicht mit Trittbrettfahrern auf einer Erfolgswelle zu tun. Sie sind neuartig, haben viel zu bieten und unterhalten auf allerhöchstem Niveau. Meine Favoriten? Hach ist das schwer. „Dumbo“ steht für mich weit oben und „Der König der Löwen“ ist der beste Film. Aber das bleibt jetzt unter uns. Grüße von den Hörbucheulen an alle im weiten Land des guten Hörens.

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König der Löwen – Dumbo – Aladdin – Die Disney-Hörbücher