“Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ von John Green

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

Oh nein. Das kann nicht funktionieren! Das wäre meine klare Aussage gewesen, wenn man mich gefragt hätte, ob der neue Roman von John Green mit dem Titel Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken ein neuer Meilenstein unseres Lesens werden könnte. Allein die Inhaltsangabe ließ schon vermuten, dass es hier um bereits tausendfach beschworene Klischees im Konflikt zwischen Arm und Reich geht, dass erneut die Geister einer Liebe durch ein Buch getrieben werden, die durch soziale Unterschiede unmöglich erscheint. Junge Frau trifft auf Milliardärssohn, dessen Vater sich aus Angst vor Strafverfolgung aus dem Staub gemacht hat, seine beiden Jungs auf dem Berg ungelöster Probleme in einer Welt zurücklässt, in der man sich alles kaufen kann.

Nein, dachte ich. Das geht nicht. Das hatten wir schon so oft. Dann auch noch das Mädchen mit einer psychischen Zwangsstörung auszustatten, ihr eine Freundin an die Seite zu stellen, die wie eine Hochgeschwindigkeits-Vorstadtdampfwalze durchs Leben rollt und beim ersten pseudo-romantischen Aufeinandertreffen der so unterschiedlichen Protagonisten den gemeinsamen Blick in den Sternenhimmel schweifen zu lassen, um dabei festzustellen, dass die Sterne vielleicht gar nicht mehr existieren, weil ihr Licht so lange unterwegs ist, dass man am Himmel nur die Vergangenheit sieht. Oh nein. Zu oft wurde dieses Bild bemüht, zu oft tobte sich ein Roman zwischen Reichtum und Armut aus. Ich hätte diesem Roman keine Chance gegeben.

Fieser Verräter und Fiese Gedanken von John Green

Dazu kommt noch, dass ich eine gewisse Hazel Grace im Herzen trage, die mir vor gar nicht langer Zeit von eben jenem John Green in seinem Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ in eben dieses Herz gebrannt wurde und die seitdem wie eine nie heilende Lesewunde auf meinen Gefühlen lastet. Selten hat mich eine Frauengestalt in der Literatur so nachhaltig bewegt, berührt und zum Weinen gebracht. Ihr „Okay“ hallte noch in mir nach, als ich nun Aza Holmes begegnete. Aza musste eine innere Barriere überwinden, um jenseits meiner Erinnerungen an Hazel Grace von mir wahrgenommen zu werden. Aza. Nein. Ich hätte ihr keine Chance gegeben. Ich hätte wohl gesagt, dass diese Story nicht funktionieren kann. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ wäre wohl nie in meinem Lesen aufgewacht.

Ich las dieses Buch nur unter Vorbehalt. Begann in ein Leben einzutauchen und ein junges Mädchen zu verstehen, das mit sich und seinem Körper nicht im Einklang steht. Ich lernte von Seite zu Seite ein gleichsam zerbrechliches wie schützenswertes und in jeder Beziehung zerrissenes Schicksal kennen, dem ich von Seite zu Seite betroffener folgte. Aza. Ein von ihrem Vater bewusst gewählter Vorname, der das ganze Alphabet umfasst, um ihr zu zeigen, dass sie alles sein kann. Aza, die ihren Körper nicht als das empfindet, wie wir uns empfinden, sondern als gefährliche Ansammlung von Bakterien, die sich im ständigen Überlebenskampf gegen eine feindliche Umwelt befinden. Angst. Das ist die Überschrift, die ihr Leben dominiert. Angst vor Infektionen, Krankheiten und damit auch gleichzeitig die krankhafte Unfähigkeit, sich anderen Menschen gegenüber körperlich zu öffnen. Und Küsse oder Berührungen sind da zum Beispiel gar nicht drin.

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

Was John Green aus den unmöglichen und verbrauchten Ausgangssituationen macht, ist ein kleines literarisches Wunder. Als würde er mit seinen Lesern spielen, als wäre er sich von Vorneherein jeder Kritik bewusst, zaubert er aus Perspektivwechseln und Dialogen eine völlig klischeefreie Atmosphäre in seinen Roman, die der Interaktion der beiden Hauptcharaktere eine Plattform bietet, ihr Schub verleiht ohne dabei kitschig oder vorhersehbar zu sein. Die beginnende Romanze zwischen Aza Holmes und dem Milliardärssohn Davis wäre dankbar, wenn ihr nur die sozialen Unterschiede der beiden jungen Menschen im Wege stünden. Aber erste Gefühle, Zuneigung und Lust ohne die Möglichkeit, Aza berühren zu dürfen stellt Davis auf eine weitere Probe. Auf eine, die er im Moment eigentlich gar nicht brauchen kann.

Wie er damit umgeht, welchen Raum er Aza lässt, wie die beiden frisch Verliebten in diesem Spannungsfeld das Leben des Anderen wahrnehmen und respektieren, das ist einer der lesenswertesten Aspekte dieses Romans. John Green bleibt auf dem Niveau seines erfolgreichen Schicksals-Romans ohne sich oder seine Protagonisten dabei zu verraten. Seine Dialoge sind brillant, die Empathie gegenüber seinen Charakteren fügt sich in die emotionale Achterbahnfahrt des Lesers ein, wie ein Gefühlskokon, dem man nicht entkommen will. Die Schlichtheit der jugendlichen Gedanken seiner Protagonisten erreicht in seinem Schreiben einen Tiefgang, der sich im Herz der Leser verankert. In alle Hoffnungslosigkeit auf eine gemeinsame Zukunft bricht John Green mit Worten ein, die wir so schnell nicht mehr vergessen.

„Sie sagte… Der Meteoritenschauer findet statt, über den Wolken, auch wenn wir ihn nicht sehen. Wen interessiert, ob sie küssen kann? Sie kann durch die Wolken sehen.“

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green – Mit Wendecover

Gedanken sind Bakterien. Sie sind fies, kreisen im Körper und im Geist und sind nicht so leicht zu therapieren. Sie ziehen Menschen in Strudel, aus denen sie sich nicht mehr befreien können. Zwangsstörungen haben ihre eigenen Gesetze, Verständnis gehört in den seltensten Fällen dazu. Aza Holmes will aus dieser Spirale ausbrechen. Sie will es nicht akzeptieren, dass ihr Leben nicht von ihr selbst gelebt werden kann. Sie will jenen fiesen Gedanken, die sie schlaflos machen die Stirn bieten. Sie will aus den Metaphern fliehen, die ihr Denken fesseln. Davis gewährt ihr einen Blick in den Sternenhimmel, er erhält im Gegenzug einen Einblick in die selbstzerstörerische Welt der Aza Holmes. Im Kosmos der beiden jungen Menschen sind es die Spiralnebel der Psyche, die sich mal lichten und mal über sie senken. Starke Bilder von John Green begleiten unser Lesen.

Wer „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ gelesen oder gesehen hat weiß, dass Happy Ends nicht unbedingt die Sache von John Green sind. Wer seine Vita kennt, weiß, dass seine eigenen inneren Kämpfe von miesen Verrätern und fiesen Gedanken bestimmt sind. Spätestens seit Hazel Grace wissen wir, dass John Green uns nicht aus einer Tragödie herauszaubern kann oder will. Seine Botschaft ist eine andere. Er führt uns intensiv in die Lebenswahrheiten und Gedanken anderer Menschen ein, mit denen wir nicht tauschen wollen. Wir sollen sie nur verstehen. Und das ist in der heutigen Zeit schon so viel…

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

„Das Schlimme ist, wenn die Kreise Kurve um Kurve enger werden. Wenn du in einen Strudel gezogen wirst, der immer kleiner wird, immer enger, bis du nur noch auf der Stelle drehst, wie in einer Gefängniszelle, die genau deine Größe hat, bis du irgendwann merkst, dass du nicht in einer Zelle bist, sondern du die Zelle bist.“

Oh doch. Es funktioniert. Sehr sogar. Es sind keine fiesen Gedanken, die nach dem Lesen bleiben. Es sind unvergessliche Metaphern für das Leben, die uns begleiten. Es sind eine Wiese, die Liebe zu einem Auto, ein verletzter Daumen und der Wechsel der Perspektive im Raum-Zeit-Gefüge, mit denen John Green begeistert. Lichtjahre werden hier zu einem Sehnsuchtsmoment, der nicht in Zeit aufgewogen werden kann.

Wer sich dafür interessiert, warum sich der Hanser Verlag für Titel „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ entschieden hat, dem sei dieser Link empfohlen. „Turtles All The Way Down“ hat seinen tieferen Sinn, der sich im deutschen Sprachraum jedoch kaum erschließt. Eine gute Wahl. Ebenso gut, wie die Buchgestaltung selbst. Die Erstauflage ist limitiert, die Bücher sind nummeriert und mit einem Wendecover versehen. Mehr als gelungen! Was bleibt ist eine aufrichtige Leseempfehlung und der Hinweis für all jene, die sich mit Hazel Grace verbunden fühlen. Aza Holmes, wird euer Lesen verändern.

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

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„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ – Bradbury / Kleist

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Zirkus ist in der Stadt! Schaut nur die bunten Plakate, die von Akrobaten, wilden Tieren, Sensationen und Clowns künden. Zieht euch die feinen Sachen an, bringt eure Kinder auf die Straße, folgt dem Einmarsch der Zirkuskapelle, schaut euch an, wie das farbenprächtige Zirkuszelt über der Manege errichtet wird und kauft euch Eintrittskarten, bevor es zu spät ist. Der Zirkus ist in der Stadt! Folgt den Elefanten und Löwen durch die Straßen, tanzt im Rhythmus der Marschmusik und freut euch auf Karussells, Orgeln und das bunte Treiben in hell erleuchteter Nacht. Der Zirkus ist in der Stadt

Öhm… Sorry. Kommando zurück. Es ist alles ganz anders. Es ist gar kein normaler Zirkus, der mit diesem Buch Einzug bei euch hält. Es ist handelt sich hier um Cooger & Dark, das Pandämonium der Schattenspiele, den wandernden Jahrmarkt, einen Zirkus aus der Feder von Ray Bradbury, der seit mehr als fünf Jahrzehnten sein literarisches Unheil treibt. „Something Wicked This Way Comes“ lautete 1962 der Originaltitel des Romans, der die Freude auf einen Zirkusbesuch sehr nachhaltig verderben konnte. Der Zirkus ist in der Stadt – rette sich wer kann, wäre der bessere Titel gewesen. Aber auch in seiner freien Übersetzung lässt er Gänsehaut sprießen.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Titel darf nicht neu für uns sein, erschien dieser Roman von Ray Bradbury doch schon im Jahr 1962 zum ersten Mal und wurde sogar 1983 in einer Produktion von Walt Disney mit Jason Robarts und Jonathan Pryce in den Hauptrollen verfilmt. Also müsste es doch eigentlich beim Leser klingeln, wenn man sich dem Bösen in diesem Buch nun ganz leise nähert. Zumindest jedenfalls, wenn man alt genug ist. Und genau hier liegt in der Zielgruppe das Geheimnis dieser Neuauflage verborgen. Es ist ein illustriertes und wertig aufgelegtes Jugendbuch, mit dem der Aladin Verlag den subtilen Zirkus-Schreck für eine neue Leserschicht zugänglich macht.

Unterschwellig spielt sich das Grauen ab. Seine allzu kaltblütigen Zugpferde heißen Neugierde und  jugendlicher Leichtsinn. Die Melodie des Buches klingt nach Abenteuer und der Rhythmus der Geschichte ist der eines Tornados, in dessen Auge der Leser in scheinbare Sicherheit gewogen wird. Die Illustrationen sind düster wie das Orakel einer magischen Welt. Schwarzweiß, scharf konturiert und stilsicher in die Handlung gebettet zeigt auch hier der Meister seines Fachs Reinhard Kleist, was Bilder im Kopf auslösen können. „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ erreicht mit seinen mehr als brillanten Grafiken ein Level, auf dem sich formidabel erschaudern lässt.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Bradbury´s Zirkus ist anders als jeder Zirkus dieser Welt. Er erscheint wie aus dem Nichts, wird mitten in der Nacht errichtet und strahlt eine ganz besondere Aura aus. Er wartet mit wahrhaft Einzigartigem auf. Eine Mischung aus Jahrmarkt und Panoptikum.

Cooger und Darks Pandämonium-Schattenspiele
Fantoccini, Marionettentheater, Bunter Rummelplatz.
Demnächst in dieser Stadt.
Mit vielen Attraktionen, unter anderem auch
DIE SCHÖNSTE FRAU DER WELT!

So kündigen ihn die Plakate an. Neben einem fantastischen Spiegellabyrinth sind es die Dämonen-Guillotine, ein illustrierter Mann, eine Staubhexe und Mademoiselle Tarot, die auf ihre Besucher warten. Den Mittelpunkt jedoch bildet ein historisch anmutendes Karussell, dessen Beschreibung einen ganz neuen Blick auf diese Attraktion bietet:

„… Seine Pferde, Ziegen, Antilopen, Zebras, deren Rücken von Messingspeeren durchbohrt waren, verharrten in verkrampftem Sprung wie im Todeskampf. Ihre verängstigten Augen erflehten Gnade, ihre vor Entsetzen grellen Zähne verhießen blutige Rache.“

Na, wer würde da nicht gerne einfach so aufsteigen und die Fahrt genießen?

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Also neugierig wäre ich ja schon, da die beiden Protagonisten des Romans Jim und Will bei ihren nächtlichen Abenteuer-Streifzügen eine mysteriöse Entdeckung machen. Kurz vor ihrem vierzehnten Geburtstag besteht die Welt für die beiden Jungs aus purer Neugier und Abenteuerlust. Nichts bleibt unversucht, nichts ungewagt. Der Zirkus dient für sie der perfekten Abwechslung im Alltagstrott des kleinen Kaffs. Bis auf Unwetter ist hier jeder Tag wie der andere. Doch mit dem Zirkus verändert sich alles. Und doch wird er zur größten Herausforderung ihres Lebens, da sie dem Geheimnis des Karussells so nah kommen, dass sie ihm kaum widerstehen können.

Fährt es vorwärts, werden die Fahrgäste von Umdrehung zu Umdrehung älter. Genau umgekehrt verhält es sich, wenn das Karussell sich rückwärts dreht. Eine Entdeckung, der man sich als junger Mensch kaum entziehen kann. Doch sind die beiden Rabauken nicht die einzigen Bewohner des Ortes, die aus ganz eigenen Gründen ein paar kleine Runden drehen wollen. Welcher ältere Mensch mag nicht gerne jünger werden und was sollte Jim daran hindern, endlich und mit einem Schlag erwachsen zu werden? Warum sollte er sich das entgehen lassen. Die Versuchung ist groß und doch bleibt nichts ohne Opfer. Wer die Fahrt wagt, wird zu einem der schattenhaften Wanderer, die den Zirkus fortan begleiten. Ein mephistophelischer Kontrakt, den man einzugehen hat. So treffen sie aufeinander: der Junge, der älter werden will und Will`s Vater, der das Gegenteil in seinem Herzen wünscht. Werden sie Opfer oder gibt es einen Weg, dem Kreislauf des geheimnisvollen Karussells zu entrinnen?

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

„Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ von Ray Bradbury erzählt eine Geschichte von Freundschaft, Sehnsucht und versinnbildlicht das jugendliche Streben nach dem Leben als Erwachsener. Die Schnittmenge der Wünsche und Hoffnungen mit den älteren und perspektivlosen Bewohnern des Ortes ist groß, nur ist die Fahrtrichtung anders. Es sind die Romanfiguren, die uns mitfiebern lassen, was der Zirkus aus ihnen macht. Es ist ein junges Mädchen unter einem Baum, das wir trösten und dem wir helfen wollen, weil wir es als ältere Frau kennen. Es ist die schönste Frau der Welt, die uns fasziniert, weil sie in einen Eisblock eingefroren wurde und es ist der Vater von Will, der seine geschützte Bibliothek verlässt, um im wahren Leben an seinen Sehnsüchten zu wachsen.

Reinhard Kleist hat diesen Jugendroman opulent in Szene gesetzt. Miniaturen und ganzseitige Illustrationen führen uns durch die grandios erzählte Geschichte. Szenisch versetzt er uns ins Bild, wenn wir von Kapitel zu Kapitel fliegen und wo atmosphärische Worte allein nicht genügen, löst er eine Kopfkinovorstellung der Extraklasse in uns aus. Kleist ist und bleibt Kleist. Ob er nun „nur“ illustriert, oder ob er auch gleichzeitig als der eigene Autor seiner Geschichten auftritt, er ist und bleibt lesens- und sehenswert. Hier beweist er sein ganzes Können. Ich bin ihm schon lange auf der Spur und mein Weg ist nicht am Ende angelangt. Mehr zu Reinhard Kleist findet ihr in der kleinen literarischen Sternwarte, wenn ihr den folgenden Links folgt:

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar
1914 – Ein Maler zieht in den Kriegund schon bald geht es weiter mit
Nick Cave – Mercy on me

Bleibt dran an den Graphic Novels und illustrierten Büchern meines Lebens.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen – Ray Bradbury – Reinhard Kleist

Der Zirkus bei AstroLibrium – Manege frei:

Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern – Ullstein Verlag
Sirius von Jonathan Crown – Kiepenheuer und Witsch
Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – Atlantik Verlag

„Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary“

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

„O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“ –

Anne Frank – Tagebucheintrag, 5. April 1944

Ach Anne, mehr als 70 Jahre sind vergangen, seit Du diese Zeilen in Dein Tagebuch geschrieben hast. Jahre die davon geprägt waren, Gräben zu überbrücken, Wunden zu heilen und dafür zu sorgen, dass auch Du nicht in Vergessenheit gerätst. Immer wieder hört man in den letzten Jahren, es sei doch aber langsam mal gut. Ob es nicht wichtige Themen unserer Zeit gäbe, anstatt immer wieder über die Vergangenheit zu schreiben, an der wir sowieso nicht schuld sind. Reicht jetzt. Hey, lasst uns einfach unseren Spaß haben. An die Opfer des Holocaust zu denken ist echt von gestern.

Ich will fortleben, auch nach meinem Tod…“

Tja, das ist Dir wohl gelungen. Leider erlebst Du nicht, wie zeitlos Du geworden bist. Leider bekommst Du nicht mehr mit, wie aktuell Dein Name immer noch ist und wie oft er in den Medien erwähnt wird. Es ist nur gut, dass wir Dein Tagebuch kennen, weil es wichtig ist zu begreifen, was mit Deinem Namen geschieht. Stell Dir vor, in Italien liefen die Spieler eines Fußballteams mit Aufwärmtrikots auf den Platz, die Dein Foto zeigten. Der Schriftzug „Wir sind alle Anne Frank“ war deutlich zu lesen. Da kann man schon Gänsehaut bekommen. Was du sicher nicht wissen möchtest ist, warum sie dies getan haben.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Wenige Tage zuvor fand man Dein Porträt auf Aufklebern, die sogenannte Fans im Stadion verteilt hatten. Fans genau dieses Vereins, der nun Dein Porträt auf dem Shirt trägt. Was sie damit bezwecken wollten? An Dich erinnern? Wachrütteln? Oh nein. Sie verunglimpften ihren Stadtrivalen und hatten Dein Gesicht zu diesem Zweck auf dessen Trikots montiert. Naja, und dann kamen ein paar Texte dazu, die zeigen sollten, was sie von ihrem sportlichen Gegner halten und was sie ihm wünschen.

„Auschwitz ist euer Land. Die Öfen sind eure Heimat!“

Es fällt mir schwer, diese Zeilen hier zu dokumentieren. Es fällt mir schwer, darüber nachzudenken, wie tief der Mensch sinken kann, um Hass zu verbreiten. Es fällt mir so schwer, zu akzeptieren, dass dies erst vor wenigen Tagen geschah. Nicht in der tiefen Provinz. Nein. In der italienischen Serie A. Lazio Rom-Ultras gegen den AS Rom. Vor wenigen Tagen. Seitdem bist Du wieder in aller Munde. Dein Porträt ist immer noch so bekannt, dass es sogar zum Missbrauch taugt. Opferbilder sind so. Täter kommen hier immer wieder in Versuchung. Heute. Und harmlos ist das nicht. Alles, nur das nicht.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

All dies geschah nur wenige Tage nach der Frankfurter Buchmesse. Eine Messe, auf der ich Dir begegnete. Eine Messe, der es so gut getan hätte, wenn Du selbst dort gesprochen hättest. Zu den Menschen, die auch bei uns Ausgrenzung und Hass in die Köpfe anderer hämmern. Oder zu jenen, die am Messestand des Fischer Verlages die Augen verdrehten, als sie ein neues Buch entdeckten, das Deine Geschichte erzählt. In vielen Gesichtern las man die Gedanken deutlich: Ist jetzt aber genug – ist doch alles erzählt. Muss man nicht noch mehr breittreten. Und Du, Anne? Herrlich einfach. Du hast sie aus dem Buch heraus angeschaut, mit großen Augen, den Mund geschlossen, denn Füllfederhalter schreibbereit in der Hand und Dein Tagebuch mit beiden Händen zart beschützt. Als würdest Du uns stumm zurufen „Ich sehe euch! Es ist leider nicht vorbei.

Du würdest staunen über dieses Buch. Es ist kein Sachbuch, keine Biografie, es ist ein Graphic Diary, ein illustriertes Tagebuch und stell Dir vor, es sind Deine Worte, die hier die Illustrationen umrahmen und ihnen Leben einhauchen. Man hat nichts von dem verändert, was Du uns hinterlassen hast. Und doch hat man eine Tür geöffnet, die es gerade jüngeren Menschen möglich macht, Deinen Ängsten, Hoffnungen, Träumen und Leidenschaften zu folgen. Man hat gezeichnet, was Du in Worte gefasst hast. Nicht um es zu verdeutlichen oder neu zu interpretieren, nein, nur um Dir in ganz besonderer Weise gerecht zu werden. Du würdest diesen Weg lieben, weil er Dir nichts nimmt. Weil er Dich so lässt, wie Du Dich selbst gesehen hast. Weil Du einfach Du sein kannst.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Das Tagebuch der Anne Frank von Ari Folman und David Polonsky eroberte eine große eigene Bücherwand auf dieser Messe. Flankiert von den Originaltexten, Büchern über Dein Leben und Gesamtausgaben zu Deinem Tagebuch. Das neue Werk war dort eingebettet und allein das Cover ist so faszinierend gut gelungen, dass man nicht daran vorbeigehen kann, ohne an Dich und Dein Leben zu denken. Wer Deine Zeilen jemals las, der wird ermessen, was den beiden Autoren hier gelungen ist. Sie haben sich Dir in Wort und Bild behutsam angenähert, haben nicht überzeichnet und sich wie Regisseure an ein Projekt gewagt, das jederzeit scheitern kann. Du hast selbst so starke Bilder mit Deinen Worten gemalt, dass man sie eigentlich nicht illustrieren muss. Und doch haben Ari Folman und David Polonsky in ihrer Verdichtung deines Tagebuches Perspektiven gefunden, die nur mit dem Stilmittel eines Comics versinnbildlicht werden können. Das ist für mich tatsächlich das Mantra über diesem Buch. Versinnbildlichung. Deine Sicht auf die Welt war die einer Gefangenen und im Verborgenen Lebenden. Dein Blick nach draußen war durch Dein Versteck getrübt.

Folman und Polonsky erweitern diesen Blick, illustrieren Zusammenhänge, erfinden Dialoge, die authentisch sind, weil sie von Deinen Worten begleitet werden. Sie malen Deine Träume im Stile ganz großer Künstler und visualisieren das, was vielleicht nur Du in Deinen Gedanken gesehen hast. Sie verführen dazu, sich mit Dir zu beschäftigen. In jedem einzelnen Bild finden wir den Mikrokosmos Deines Lebens bis zu seinem bitteren Ende. Auch dieses Tagebuch endet am 1. August 1944, kurz vor Deiner Verhaftung. Es verführt dazu, gemeinsam mit Deinem Tagebuch gelesen zu werden. Es verleitet dazu, gemeinsam mit jungen Menschen gelesen zu werden und es bringt Dich uns wieder ein Stück näher. Und das in einer Zeit, in der Distanz aufgebaut werden soll. Distanz zu Dir und zu weiteren Opfern des Holocaust, die noch heute in der Lage sind, Ideologien die Maske vom Gesicht zu reißen.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Man sollte dieses Buch vielleicht auch in Rom lesen. Nicht nur zum Aufwärmen ein Trikot tragen. Man sollte Dich nicht auf ein Bild und ein Schlagwort reduzieren. Du bist zeitlos und wir vermissen Dich mehr, als Du glaubst. In aller Melancholie und in allem Schmerz über das Ende Deines Lebensweges sind es doch Bücher, wie das von David Polonsky und Ari Folman, die Deinen Traum von damals ein stückweit lebendig halten. „Ich will fortleben, auch nach meinem Tod…“

Für Dich und all jene, die heute nicht mehr für sich selbst sprechen können.

Arndt

Ein Nachtrag. Kurz nach diesem Artikel sorgt Anne Frank erneut für Aufsehen. Jetzt ist es eine Welle der Kritik an der Deutschen Bahn, weil einer der neuen ICE-Züge auf den Namen Anne Frank getauft werden soll. Mein Statement dazu: HIER

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

„54 Minuten“ von Marieke Nijkamp – Das Schulmassaker

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Es sind Bilder, die man nie vergisst. Opfer von Amokläufen an Schulen. Jugendliche und Kinder, die scheinbar willkürlich ins Visier geistig verwirrter Täter geraten und aus den noch nicht gelebten Leben gerissen werden. Traumatisierte Überlebende, Eltern in heller Aufregung, Polizei-Großeinsätze und Rettungswagen-Kolonnen. Immer wieder in unseren oftmals wirren Tagen wiederholen sich solche Szenarien. Innerhalb und leider auch außerhalb von Schulen, wie der aktuelle Massenmord an mehr als 50 Besuchern eines Konzertes in Dallas zeigt. Hilflos ist man ausgeliefert, allzu unverarbeitet bleiben die Folgen, da die Täter die von ihnen verübten Anschläge nicht überleben.

Dabei sind es gerade und immer wieder Schulen, an denen sich diese Szenarien zu wiederholen scheinen. Winnenden und Ansbach, die Columbine High und Sandy Hook, Kauhajoki und Realengo. Deutschland, die USA, Finnland und Brasilien zeigen hier deutlich auf, dass es sich bei diesem traurigen Phänomen nicht um ein nationales Problem handelt, wie man es gerne vereinfacht darstellt. Freier Waffenbesitz ist nicht in jedem Fall die Ursache für einen möglichen Amoklauf. Forscht man nach den Ursachen für das Töten von Lehrern und Mitschülern, dann werden Ausgrenzung, fehlende oder verfehlte Inklusion oder Rache für Mobbing ins Feld geführt. Womit wir schon bei einer der wesentlichen Unterscheidung zwischen Amoklauf und Schulmassaker sind.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Ein Schulmassaker ist durch die gezielte Auswahl der Opfer gekennzeichnet, an denen sich der im Fachjargon „Active Shooter“ genannte Amokläufer rächen will. Eine Vorstellung, die gleichzeitig verstört und zeigt, wie tief der Hass auf die Mitschüler oder Lehrer sein kann, der einen Menschen zu einer solchen Tat antreibt. Und doch bleibt es unvorstellbar, wie hilflos sich die Opfer eines solchen Anschlages fühlen müssen. Auch die offiziellen Guidelines zum Verhalten bei Amokläufen an Schulen wirken da eher wie ein leichter Hohn, denn wir reden hier von Heranwachsenden, denen man Motto  „Run, Hide, Fight“ an die Hand gibt, um überleben zu können. Was aber wenn weder Laufen noch Verstecken möglich sind und das Kämpfen gegen einen bewaffneten Täter nicht denkbar ist? Was dann?

Marieke Nijkamp thematisiert ein solch brutales Schulmassaker in „54 Minuten“, ihrem neuen Jugendbuch, erschienen bei Fischer FJB. 54 Minuten. Länger dauert es nicht, um aus der Opportunity High in Alabama ein Schlachtfeld werden zu lassen. In nicht mal einer Stunde verändert sich das Leben hunderter Schüler und einiger Lehrer auf schlimme Art und Weise. Und dabei ist nichts an dieser fiktiven Schule so erfunden, dass es nicht wirklich hätte geschehen können. Die Authentizität des Erzählten und die aus mehreren Perspektiven konstruierte Geschichte beeindrucken von 10:01 bis 10:55 Uhr und halten dauerhaft an. Dieses Lesen wird man lesenslang nicht vergessen. Hier wird aus dem Slogan der Schüler „Wir schreiben Geschichte“ grausame Realität, als einer von ihnen bewaffnet in ihre Mitte tritt.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Marieke Nijkamp bestimmt die Lesegeschwindigkeit mit den multiperspektivisch wechselnden Blickwinkeln auf das Drama an der „Opportunity High“. Sie erzeugt einen Sog, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Es sind die rasanten Schnitte in einer Story, die wie ein Film vor unseren Augen abläuft, die sich anfühlen als wäre man Zeuge einer Liveübertragung bei NTV. Allerdings befinden wir uns nicht vor der Schule, sondern aus der Sicht der vier Hauptpersonen an unterschiedlichen Orten, die uns den komplexen Blick auf die Ereignisse ermöglichen.

Wir befinden uns an der Seite von Autumn und ihrer besten Freundin Sylv in der Aula der Highschool. Die Aula, die an diesem Tag mehrere hundert Schüler und ihre Lehrer zur legendären Semesterbeginn-Rede der Direktorin beherbergt. Um kurz nach 10 Uhr vormittags beginnt der langweilige Vortrag. Was niemand weiß, die Aula ist von außen hermetisch abgeschlossen. Es gibt keinen Ausweg mehr, als die Direktorin mit der Zeremonie beginnt und ein einzelner bewaffneter Mann die Bühne betritt. Wir sind mit Claire auf dem Sportplatz der Highschool und absolvieren das erste Training dieses Schuljahres. Sie ist von der Rede befreit. Sport ist wichtiger. Und wir sind mit Tomás im Sekretariat der Schule. Er hat sich absentiert, um einer Sache auf den Grund zu gehen, die ihn nicht mehr schlafen lässt.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Um 10:04 Uhr fällt in der Aula der erste Schuss. Ein Schuss, der nur der Auftakt zu einem Massaker darstellt, dem bis 10:55 Uhr neununddreißig Schüler und Lehrer zum Opfer fallen. Als Leser tasten wir uns langsam und schutzlos an die Ereignisse heran, verstehen keine Zusammenhänge und können angesichts des brutalen Vorgehens des Amokschützen kein Muster in Zusammenhängen oder Ursachen sehen. Erst langsam verstehen wir, wie Claire, Sylv, Autumn und Tomás miteinander verbunden sind. Wir erkennen auch, wer da auf der Bühne steht und in den geschossartigen Rückblenden der Betroffenen ergründen wir, in Deckung liegend, was hier vor sich geht.

Er ist wieder da. Tyler Browne. Er hat einen guten Grund, wieder hier zu sein. Seine Pistole wird zum verlängerten Arm seiner Rache. Die Munition reicht aus, um zahllose Mitschüler und Lehrer in den Tod zu reißen und jeder hat einen Grund, sich vor ihm zu fürchten. Hier finden wir die Automatismen und Ursachen für ein Schulmassaker. Es ist die gezielte Auswahl der Opfer, die verdeutlicht, welche Motive Tyler Browne zu seiner Tat veranlassen. Und in der Verknüpfung der Schicksale von Claire, Sylv, Autumn und Tomás erkennen wir die Ausweglosigkeit der Situation. Während wir schockiert Zeugen eines beispiellosen Mordens werden, vervollständigt sich das Bild eines Amoklaufes. In den Medien kursieren erste Nachrichten, die Polizei rückt an und besorgte Eltern haben sich eingefunden. Die Schule wird belagert, während in der Aula das Unausweichliche seine brutalen Kreise zieht. Wer kann sich retten? Wie sind alle Schicksale miteinander verbunden? Wer kann Tyler Browne stoppen?

54 Minuten von Marieke Nijkamp

Marieke Nijkamp entwirft in 54 Minuten ein klaustrophobisches Bild, das verstört und schockiert. Sie erzeugt Mitgefühl und Empathie, versetzt uns in eine Situation, aus der es kein Entrinnen gibt und macht uns zu hilflosen Lesern einer Story, die nicht mehr zu stoppen ist, nachdem der erste Schuss gefallen ist. Es ist eine Geschichte von Liebe und Hass, enttäuschter Hoffnungen und von verlorenem Halt. Es ist eine Geschichte in der Geheimnisse ans Tageslicht gezerrt werden und in der die Psyche des Täters dafür verantwortlich ist, dass Rache nicht unmittelbar vollzogen wird. Er geht viel brutaler vor. Er tötet diejenigen, die denen besonders am Herzen liegen, die er eigentlich treffen will. Er agiert subtil, unglaublich präzise und brutal. Man weiß schon von der ersten Seite an, dass dieses Lesen mehr Opfer fordern wird, als einem lieb ist.

Die Botschaft dieses Pageturners ist klar. „54 Minuten“ ist ein Statement gegen die fehlende Empathie und die Verständnislosigkeit für Menschen, die aus der Balance und der Lebensbahn geworfen werden. Dieser Roman ist wichtig, weil er anschaulich zeigt, wie schnell die Grenzen zwischen Opfer und Täter zu einem Niemandsland werden, in dem Opfer vorprogrammiert sind. Marieke Nijkamp zeichnet kein schwarz weißes Bild eines unausweichlichen Ereignisses. Sie packt ihre Leser genau da, wo gegenseitiges Verständnis schlimmeres verhindern kann. Sie packt uns am Kragen und rüttelt uns mit ihrem Jugendbuch auf. Das Ende ist gewaltig. Im wahrsten Sinne des Wortes.

54 Minuten von Marieke Nijkamp

„Endland“ von Martin Schäuble

Endland von Martin Schäuble

Nun wollen wir mal versuchen, uns dem Thema versachlicht zu nähern, Ironie und Polemik auszuschalten und zu beleuchten, was Martin Schäuble mit seinem aktuellen Roman „ENDLAND“ bezweckt. Denn er muss etwas bezwecken, da diese dystopische Utopie oder auch utopische Dystopie, so nah an den gefühlten Ängsten seiner Leser in Deutschland angesiedelt ist, dass ihm eine klare Intention unterstellt werden darf. Wenn ich nur von Ängsten spreche, dann klammere ich diejenigen Leser aus, für die Endland schon mehr dem Hoffen auf eine bessere Zukunft entspricht, weil es eben eine Zukunft literarisch wahr werden lässt, die sich Wähler einer bestimmten Partei herbeisehnen.

Nur, dass genau diese Wähler das Buch wohl niemals lesen werden, es unter dem Sammelbegriff Lügenpresse und -literatur abhaken und belustigt beiseitelegen. Mag es daran liegen, dass Martin Schäuble in seinem Buch rechtspopulistischen Politikern die Maske vom Gesicht reißt? Mag es daran liegen, dass er denjenigen, die den Gedanken dieser Meinungsmacher bedenkenlos folgen die Konsequenzen aufzeigt oder ist es so, wie im ganz normalen Leben, dass andere Meinungen mit der Trillerpfeife weggepfiffen werden? Wie dem auch sei, für mich ist „ENDLAND“ alternativlos, weil die Geschichte in einem Deutschland spielt, in dem die „Nationale Alternative“ (Ähnlichkeiten zu einer bereits real existierenden Partei sind nicht zufällig) regiert.

Endland von Martin Schäuble

Und das schon so lange, dass wichtige Ziele dieser Nationalen Alternative bereits realisiert wurden. Wie sieht das Deutschland Martin Schäubles aus? Ganz einfach. Es ist ein sicheres Deutschland. Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt und Deutschland ist an seinen Außengrenzen von einer acht Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten, und bestens bewachten Mauer umschlossen. Wozu? Na, auch ganz einfach. Sie dient dem Schutz gegen „Invasoren“, so der alternative Sammelbegriff für alle Flüchtlinge, die auf dem Weg sind, den Deutschen Land, Identität, Arbeitsplätze und Wohlstand zu rauben. Schluss mit grenzenloser Freiheit. Schluss mit Flüchtlingsrouten und Schluss mit dem unsäglichen Gutmenschentum im Lande.

Spätestens hier zuckt der gar nicht alternative Leser zusammen, lässt aktuelle und bedrohlich wirkende Wahlergebnisse an seinem geistigen Auge vorüberziehen und hat beim Lesen der folgenden 215 Seiten die Populisten unserer Tage im Sinn. Und das in jedem Land, das ihm gerade so einfällt. Ist es möglich ein Land so zu verändern? Ist es denkbar, die Globalisierung einzudämmen, sich aus der EU zu verabschieden und das Grundgesetz so zu ändern, dass auch der Einsatz der Bundeswehr im Inneren möglich ist, um die Mauer zu bewachen? Ist das möglich? Es ist so! Punkt. Hier wird nicht nach dem WIE gefragt. Hier werden wir mit dem Ergebnis des Rechtsrucks konfrontiert. Hier werden Alpträume wahr. Und das Schlimmste..: Martin Schäuble lässt sie uns plausibel träumen.

Endland von Martin Schäuble

Hier stehen wir nun mit den besten Freunden Anton und Noah an der Mauer. Wir laufen Streife mit ihnen, bewachen das eigene Land vor Terroristen, Flüchtlingen und Schleusern. Und was Anton betrifft, sind wir auch noch vollkommen davon überzeugt, genau das Richtige zu tun. Darüber hinaus ist die nationale Gesinnung schon so tief in der Gesellschaft verankert, dass man nur noch die Wahl hat, mitzulaufen oder eben in letzter Konsequenz zu verschwinden. Martin Schäuble skizziert diese vollzogenen und authentischen Veränderungen. Er nagelt seinen Lesern die Rahmenbedingungen in die Hirnwindungen und schreibt nicht übertrieben oder überzogen. Er bleibt (und das ist im wahrsten Wortsinn erschreckend) auf dem Boden der aktuellen Forderungen der Partei, die ihm als Vorbild für diese gesellschaftliche Utopie diente.

Wenn wir dieses runderneuerte Deutschland endlich verstanden haben, wechselt Schäuble die Perspektive. Ein harter Schnitt ist es, den er flüssig vollzieht. Ein Schnitt in der zwingend erforderlichen Konsequenz, um verstehen zu können, was Menschen dazu veranlasst, sich trotz des Schutzwalles nach Deutschland zu retten. Fana wird zu unserer Wegbegleiterin einer gar nicht beispiellosen Flucht. Addis Abeba, Äthiopien, ist der Startpunkt der Schleuserfahrt. Das einzige noch bestehende Aufnahmelager für die „Invasoren“ an der ummauerten Deutsch-Polnischen Grenze ist die Endstation. Hier ist es der linientreue Anton der auf sie wartet. Und nicht nur auf sie.

Endland von Martin Schäuble

Martin Schäuble ist kein Populist. Er ist ein eigentlich versachlichter Weltenbummler, Journalist und Schriftsteller, der die dunklen Seiten der Armut in Afrika nicht nur aus der Presse kennt. Er, der Politikwissenschaftler mit Herz, hat sich mit Büchern und Artikeln zu diesem Thema einen Namen gemacht. Differenziert und analytisch geht er Ursache und Wirkung auf den Grund. Doch jetzt scheint ihm die literarische Hutschnur gerissen zu sein und so hält er uns mit seiner Utopie „Endland“ den aktuellen Zerrspiegel einer Gesellschaft vor Augen, die auf dem Weg ist, in weiten Teilen rechts abzubiegen. Hier schreibt er im Klartext, bettet seine Handlung in einen internationalen Kontext ein und verdeutlicht die Konsequenzen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man einer Politik folgt, die alternativlos nur auf Angst setzt.

Hier sind es die immer wiederkehrenden Automatismen, die sich in seinem Roman auf das Leben aller Menschen auswirken. Wer durch Angst an die Macht kommt, muss Angst am Leben halten, um die Macht zu erhalten. Opposition und Lügenpresse muss schon im Keim erstickt werden und die Staatsorgane der Exekutive, wie die Polizei und die Bundeswehr entwickeln sich zu den tragenden Säulen einer klaren Sicherheit nach außen und dann auch nach innen. Und doch darf man nie vergessen, dass es sich bei „Endland“ lediglich um einen Roman handelt. Er bietet Denkanstöße, tritt Diskussionen los und polarisiert in seiner direkten Anspielung auf real existierende „Alternativen“. Im tiefsten Kern haben wir es nicht mit einem politischen Lehrbuch zu tun. Die Zielgruppe für diese Utopie liegt mit 14 Jahren auch deutlich im Jugendbuchbereich. Hier darf man keine weitschweifigen sozial-philosophischen Abschweifungen erwarten.

Endland von Martin Schäuble

Hier darf „Endland“ auch einfach nur spannend erzählt sein. Hier geht der Autor in die Vollen, wenn er den Grenzsoldaten Anton mit  einem Auftrag konfrontiert, der ihn an den Scheideweg seiner Existenz führt. Martin Schäuble schreibt seinen Anton in ein Szenario hinein, aus dem es eigentliche kaum einen Ausweg gibt. Er schreibt ihn in das Flüchtlingslager hinein. Mit einer tödlichen Mission im Gepäck. Hier spielt der Autor mit seiner brillant gestalteten Ausgangssituation, um ein explosives Finale zu erzählen. In jeder Hinsicht ein empfehlenswertes Buch, ein denkbares Buch, ein bedenkenswertes Buch. An einigen Stellen ist die deutliche Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen Gut und Böse zu drastisch. Aber dies ist als Stilmittel für die Kernaussage des Buches vielleicht ebenso legitim, wie dies auf der Seite alternativer Alternativen betrieben wird.

Zuletzt sei ein Hinweis gestattet: Wer „Endland“ gelesen hat, sollte sich auch „Krieg. Stell dir vor er wäre hier“ von Janne Teller ins Haus holen. Beide Bücher gehen von einem bestimmten Punkt an Hand in Hand und sollten sich auch in der eigenen kleinen Bibliothek komplementär ergänzen. Hier bekommt der Begriff Flucht eine Dimension, in der wir denken sollten, wenn wir über Flucht nachdenken. Wo andere versuchen, neue Mauern zu errichten, stelle ich Bücher dagegen. Wo andere nur mit Verallgemeinerung Stimmung machen, halte ich Fakten dagegen. Wo andere trennen wollen, mag ich auf der Basis aufrichtiger Gefühle vereinen und wo andere auf Abstumpfung setzen, gieße ich das zarte Pflänzchen der Empathie.

Endland von Martin Schäuble

27 Jahre Deutsche Einheit verdienen es, weitergelebt und täglich mit neuem Leben gefüllt zu werden. Bücher statt Mauern. Ein Projekt bei AstroLibrium, das nicht erst heute begonnen hat.

Endland von Martin Schäuble – Bücher statt Mauern