„Nichts als die Nacht“ – Das Debüt von John Williams

Nichts als die Nacht von John Williams

Am Ende eines Leseweges komme ich am Anfang an. Klingt komisch, ist aber so. In konzentrischen Kreisen bewegte ich mich lesend durch das schmale Gesamtwerk des 1994 verstorbenen Schriftstellers John Williams. Dabei vereint seine Bücher, dass sie erst nach seinem Tod richtig bekannt und international wertgeschätzt wurden. Ich lernte Williams in seinem elegischen Abgesang auf den wilden Westen „Butcher´s Crossing“ kennen, reiste an seiner Seite ins alte Rom und freundete mich mit „Augustus“ an und gelangte schließlich zu „Stoner“, dem für mich stärksten und brillantesten Buch aus der Feder des texanischen Schriftstellers.

Ich habe mich zumeist lesend und hörend durch sein Werk bewegt und war immer wieder fasziniert von seiner präzisen Erzählweise, seiner literarischen Suche nach der Wahrhaftigkeit des menschlichen Geistes und seiner Sprachmelodie, die mich in seine Welten eintauchen ließ. Drei Romane sind es, die seinen Weltruhm ausmachen. Dabei besteht sein Werk insgesamt aus vier Büchern. Nun schließt sich die Lücke zu seinem Debüt und erstmals liegt nun auch in deutscher Übersetzung von Bernhard Robben der erste Roman „Nichts als die Nacht“ in gebundener Fassung (dtv) und als Hörbuch mit der Stimme von Alexander Fehling (Der Hörverlag) vor. So schließt sich der Kreis.

Nichts als die Nacht von John Williams

Nun scheint es ja guter Verlagsbrauch zu sein, dass post mortem alle Werke eines Autors publiziert werden, die bei Drei nicht auf dem Baum sind. Man greift auf zuvor nie veröffentlichte Manuskripte, Fingerübungen, Briefe und Essays zurück, die im Nachlass zu finden sind und verstört auf diese Art und Weise oftmals die Fangemeinde, weil hier Werke ans Licht der Bücherwelt gelangen, die der Schriftsteller selbst wohl nicht gerne veröffentlicht sehen würde. Bei John Williams und seinem Buch „Nichts als die Nacht“ ist dies anders. Dieser Erstling wurde 1948 unter dem Titel „Nothing But the Night“ im Pressenverlag (kleine Auflage, hochwertiger Druck) von Allan Swallow herausgebracht. 

Wie aber gehe ich heute als großer Liebhaber der Werke von John Williams mit seinem Debüt um? Wie nähere ich mich einem Buch, das bei seinem Erscheinen kein literarisches Interesse hervorrief, sich zu einem wirtschaftlichen Misserfolg entwickelte, wieder von der Bildfläche verschwand, bevor es hinsichtlich der Reputation des jungen Autors Schlimmeres anrichten konnte und anschließend nie mehr erwähnt wurde? Wie nähere ich mich in meinem Lesen und Hören einem Werk, das selbst sein Verleger als „trostlos“ bezeichnete? Und zuletzt: Wie freunde ich mich mit einem Roman an, den der Schriftsteller selbst zeitlebens ablehnte und verleugnete? Keine gute Ausgangsbasis!

Nichts als die Nacht von John Williams

Ich versuchte meine leichten Vorbehalte auszublenden und stieg ohne besonders große Erwartungen wechselweise in das Buch und das Hörbuch ein. Ich bin kein Literaturwissenschaftler und wäre auch sicher nicht in der Lage, das Werk analytisch in den Zyklus der Werke von John Williams einzuordnen, würde ich nicht wissen, was ich weiß. Also frisch gewagt und hinein in sein erstes und für mich gleichzeitig letztes Buch aus seiner Feder. Wehmut überwog. Vielleicht fand ich ja zumindest die ersten Ansätze des großen Erzähltalents, das mich in den anderen Werken so sehr gefesselt hatte.

„Trostlos“, sagte einst der Verleger. Eine Stimmungslage, die schnell von mir Besitz ergriff, als ich dem jungen Arthur Maxley begegnete. In einer melancholisch verzweifelt wirkenden Selbstbetrachtung breitet sich sein  Weltschmerz über dem Leser aus. Arthur ist gerade aus einem Alptraum erwacht und die ganze Welt ekelt ihn nur an. Die letzten Worte aus dem Traum lasten auf seiner Psyche und sie gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. „Vater unser, der du bist im Himmel… Vater unser“ Schnell wird klar, dass wir es hier mit einem traumatisierten jungen Mann zu tun haben, der ein Kindheitserlebnis mit sich herumschleppt. Gestörte Vater-Sohn-Beziehung. Augenfällig.

Nichts als die Nacht von John Williams

Wir begleiten Arthur Maxley durch einen einzigen Tag seines traurigen Lebens. Verwöhnt, Muttersöhnchen, Dandy, Alkoholiker, ausschweifend, von den Schecks des Vaters lebend und zutiefst lethargisch empfinden wir den jungen Mann. Und lethargisch gleiten auch die Stunden und Minuten dieses Tages an uns vorbei. Selbstmitleid ist die Melodie dieses Buches. Unzufriedenheit sein Rhythmus. Die Begegnungen des Tages gipfeln in einem gemeinsamen Essen mit dem Vater, der seinem Sohn wohlgesonnen und -wollend gegenübersitzt. Finanzielle Unterstützung gerne. Der Rest: Undenkbar. In seiner Verzweiflung über fehlenden emotionalen Halt ruft sich Arthur Maxley die Bilder seiner Mutter in Erinnerung, die für Wärme und Zuneigung stehen. Einer Mutter, mit der die tiefsten Abgründe der Traumatisierung tief verwoben sind.

Wir werden zu Zeugen der eigentlichen Ursache für ein verstörtes Leben, ebenso unfreiwillig, wie der kindliche Arthur zum Zeugen wurde. Spätestens hier kann man nachvollziehen, wie groß das Trauma sein muss, das er vor Jahren erlitten hat. Hier ist es möglich ihm zu folgen, zu erkennen, wo seine Welt aus ihren Angeln gehoben wurde und warum es ihm nie wieder gelang, in die Spur zu kommen. Als er später an diesem Tag einer jungen Frau begegnet, befreit sich der innere Tornado der verwirrten Gefühle und verschafft sich Raum. Ein Finale das man nicht kommen sieht. Am Ende des Tages blutet nicht nur das Herz des Lesers.

Nichts als die Nacht von John Williams

“Nichts als die Nacht“ von John Williams ist mehr als nur die erste Fingerübung eine künftigen Autors von Weltformat. Hier offenbaren sich die unglaublich intensive Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, tiefste Gedanken eines Protagonisten zu Papier zu bringen ohne den Eindruck zu erwecken, sie seien durch einen Dritten verfasst. Hier zeigt sich das Unmittelbare im Schreiben von John Williams. Er tritt als Instanz nicht in Erscheinung und vermittelt den Eindruck, alles Erlebte und Gefühlte aus erster Hand zu erfahren. Das angepriesene literarische Juwel ist dieses Buch sicherlich für Liebhaber des Autors. Er legt hier die Spuren zu seinem späteren Schreiben, das allerdings mehr als 12 Jahre brauchte, um mit „Butcher´s Crossing“ einen zweiten Roman zur Welt zu bringen. Ich möchte das Debüt von John Williams nicht  überbewerten, es aber auch in keiner Beziehung kleinreden. Mit der geschlossenen Dimension seiner späteren Werke und seiner Fähigkeit, unterschiedliche Erzählstränge zu einem wahrhaft meisterlichen Bild zu verweben, hat „Nichts als die Nacht“ allerdings wenig gemein. Dafür ist es mir zu schlicht und – ja – zu trostlos…

Wer das Lesevergnügen noch steigern möchte, der sollte sich Alexander Fehling im gleichnamigen Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag anvertrauen. Sein Weltschmerz und die verzweifelte Melancholie, die er dem jungen Arthur Maxley in die Stimme legt, sind so intensiv, dass man es sich so nicht selbst vorlesen könnte. Fehling verleiht der psychologisch traumatisierten Figur eine besondere Plausibilität und Tiefe. Hätte John Williams dieses Hörbuch jemals gehört, ich denke, er würde nicht mehr leugnen wollen, wer diesen Roman geschrieben hat. Vervollständigt eure Williams-Sammlung und seid nicht allzu streng mit eurer Bewertung. Der Autor hätte gar nicht gewollt, dass wir diese erste Begegnung mit der Bücherwelt vor Augen oder in die Ohren bekommen.

Mehr zu John Williams in meinem exklusiven Interview mit Patricia Reimann: hier

Mein großes John-Williams-Interview mit Patricia Reimann – Hier klicken…

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„Everland“ von Rebecca Hunt – Auf in die Antarktis

Everland von Rebecca Hunt

Eigentlich scheint es ja so zu sein, dass Romane über Antarktis-Expeditionen kaum noch Leser hinter dem gemütlichen Ofen hervorlocken, womit sie schon einiges mit den realen Forschungsvorhaben im ewigen Eis unserer Tage gemeinsam haben. Eigentlich ist alles erzählt, alles erforscht und die Technik von heute hat den Expeditionen letztlich jeden Reiz genommen. Von Risiko und Lebensgefahr kann keine Rede mehr sein, und wenn diese Zutaten fehlen, ist das Aussterben von Abenteuergeschichten rund um den Südpol wohl vorprogrammiert. Oder gab es in den letzten Jahren Schlagzeilen aus der Antarktis, die von verschollenen Forschern oder dramatisch gescheiterten Expeditionen berichteten? Nein. Fehlanzeige.

Und doch gelingt der Malerin und Schriftstellerin Rebecca Hunt mit ihrem zweiten Roman „Everland“ ein vielbeachteter großer literarischer Wurf. Dabei bleibt sie im gesamten Verlauf ihrer Story fiktiv, erfindet nicht nur sämtliche Protagonisten, sondern auch noch die im Buchtitel verewigte Antarktis-Insel „Everland“ gleich mit. Und damit nicht genug der Fiktion, sie erdenkt nicht nur eine einzige Expedition, der sich die Leser anschließen können, sondern konstruiert eine Geschichte auf zwei Zeitebenen, die nur 100 Jahre voneinander getrennt sind. 100 Jahre, die es jedoch in sich haben. Von den wahren Pionieren der Ersterforschung des Südpols bis in unsere Zeit reicht ihr Roman.

Everland von Rebecca Hunt

Diese Konstruktion lässt das ewige Eis noch ewiger erscheinen, unterstreicht die Vergänglichkeit menschlicher Höchstleistungen und relativiert in besonderer Weise den vermeintlichen technischen Fortschritt, der heutige Abenteuer nur noch langweilig und gar nicht mehr abenteuerlich erscheinen lässt. Rebecca Hunt gestaltet auf ihrer eisigen Insel Everland einen Erzählraum, der in der Geschichte der Erforschung der Antarktis nur zweimal betreten wird. 1913 und 2012. Sozusagen zum hundertsten Jubiläum der ersten Sichtung der Insel macht sich ein internationales Forschungsteam erneut auf die gar nicht mehr beschwerliche Reise zum Südpol, um vielleicht mehr über die Gründe zu erfahren, die damals – genau vor 100 Jahren – zum Desaster auf Everland führten.

Es sind jetzt Flugzeuge und Quads, die der menschlichen Leistungsfähigkeit Flügel verleihen. Es sind ununterbrochene Funkverbindungen, Satellitennavigation und neue Materialien in der Bekleidung, auf die Forscher jetzt zurückgreifen können. Die Kälte ist zwar eine Bedrohung, aber sie ist kalkulierbar, beherrscht, nicht mehr lebensgefährlich und im Falle eines Falles wird man eben schnell aus der Gefahr evakuiert. Da haben es die heutigen Expeditionen schon leichter, wenn man an die Pioniere denkt, die zumeist unter unsäglichen Bedingungen ihr Leben für die Forschung und ihr Land aufs Spiel zu setzen hatten, wenn sie erfolgreich sein wollten.

Everland von Rebecca Hunt

Das Spannungsfeld des 100-Jahre-Zeitsprungs und die augenscheinliche Duplizität der Ereignisse lassen einen Erzählungs-Mahlstrom entstehen, in dessen Strudel man in die Tiefe einer brillanten psychologischen Abenteuergeschichte gezogen wird. Dabei ist es die unterschiedliche Ausgangssituation zweier Expeditionen, die den Leser in seinen Bann zieht. 1913. Ein kleines Beiboot. Drei Männer unter dem Kommando eines ersten Offiziers, der an Bord des eigentlichen Forschungsschiffes eher durch offene Konflikte mit dem Kapitän der „Kismet“ (wie sinnstiftend: Schicksal) auffällt. Begrenzte Vorräte in lebensfremdem Umfeld. Ein Sturm, der die Landung auf der Insel in eine Bruchlandung verwandelt. Ein erstes Opfer, das es zu versorgen gilt. Erfrierungen, Wundbrand. Angst und ein Mutterschiff, das beschädigt abdrehen muss. Schlimmer geht nimmer.

2012. Die Hightech-Variante einer Gedenkfahrt auf den Spuren der Kismet. Es sind die besten Rahmenbedingungen bei unproblematischer Landung auf Everland. Es sind erneut drei Menschen, die sich der Insel stellen. Unter Führung eines erfahrenen Arktis-Veteranen stellen sich zwei Frauen dem Vorhaben, die Spuren ihrer Vorgänger und die Tierpopulation der Insel genauer in Augenschein zu nehmen. Sie sind im Vorteil. Diese Expedition steht unter einem guten Stern und die Basisstation hat ein waches Auge auf Everland. Eigentlich beste Voraussetzungen unter diesen Vorzeichen, würde sich nicht genau ein Detail beider Expeditionen allzu genau entsprechen. Der Mensch.

Everland von REbecca Hunt

Everland wird so zum zeitlos psychologischen Feldversuch für das Versagen des Menschen. Rebecca Hunt gelingt es in ihren Zeitsprüngen, das Brennglas auf jede der beiden Expeditionen zu lenken und dabei die Gemeinsamkeiten beider Expeditionen in aller Tiefe herauszuarbeiten. Es ist jeweils eine Person im Team, die nichts, aber auch gar nichts in der Antarktis verloren hätte. Gäbe es da nicht Beziehungen und Motive für diese „Fehlbesetzungen“. Und genau dieses schwächste Glied ist für das Bersten einer Kette verantwortlich, die nur bestehen kann, wenn alles ineinandergreift. Der Leser ahnt schnell, dass sich die Ereignisse von 1913 genau 100 Jahre später zu wiederholen und zu doppeln scheinen. Technik hin oder her. Das Zwischenmenschliche bestimmt über Leben und Tod, Erfolg oder Misserfolg.

Rebecca Hunt schreibt unglaublich facettenreich und mehrdimensional. Nicht nur die rein menschlichen Konflikte stehen im Mittelpunkt des Romans. Sie betrachtet das Leben auf Everland, die ökologische Situation, Veränderungen in der Population durch Robben und Pinguine. Sie wirft Fragen auf, ob es in einem Team überhaupt individuelle Gesundheit gibt oder ob der erfrorene Fuß des Einzelnen die Verletzung des Teams ist. Und sie stellt unbequeme Fragen nach der objektiven Wahrheit im Wandel der Zeit. Ist das Logbuch eines Kapitäns eine verlässliche Quelle und was bedeutete es 1912, wenn es in seiner dogmatischen Qualität Schuldfragen einseitig dokumentierte. Wo liegen die Wahrheiten, wo beginnen Legenden und wer sind die Opportunisten in diesem Spiel?

Everland von Rebecca Hunt

Everland ist ein genialer Abenteueroman, der uns die zeitlose Gefahr der Antarktis ebenso vor unsere Augen führt, wie die psychologische Komponente des Teamworks. Ich habe in meinem Lesen schon so einige Expeditionen zu den Polarregionen unserer Erde gewagt. Ich war als Besatzungsmitglied an Bord der Endurance bei Shackletons Reise, ich begleitete Roald Amundsen und Robert F. Scott bei ihrem Wettlauf um die Ehre, den Südpol entdeckt zu haben. Ich habe Sachbücher gewälzt, in Lese-Gedanken an erfrorenen Füßen gelitten, gehungert und auf Hilfe gehofft. Ich habe die Evolution in der Geschichte der Forschung erlesen und war mir doch sicher, dass jeder technische Fortschritt nur Nuancen der Risiken einer solchen Expedition verringern kann. Letztlich ist es der Mensch, der hier den Maßstab für den Begriff „Abenteuer“ definiert.

„Everland“ ist ein spannender und komplexer Pageturner, bei dem man sich einen warmen Kamin, gefütterte Handschuhe und einen heißen Tee wünscht. Ein Roman für die kalten Tage des Jahres weil er zeigt, was echte Kälte ist. Aber „Everland“ war auch meine erste Expedition ohne eigenen Schlittenhund. Erstmals ohne Schneeflocke im ewigen Eis. Mir sei diese persönliche Schlussnote erlaubt. Mir hat dein warmes Fell so sehr gefehlt, Alter. Nicht schön da draußen ohne dich.

Everland von Rebecca Hunt – Im Herzen mit Schneeflocke

„Austerlitz“ von W.G Sebald – (Buch und Hörbuch)

Austerlitz von W.G. Sebald

Ehrenwort: Ich verfasse diese Rezension nicht im Stil des Schriftstellers, den ich hier mit seinem Roman „Austerlitz“ vorstelle. Wobei ich zugeben muss, dass es gar nicht so leicht ist, sich von der Sprache und Fabulier­kunst des im Jahr 2001 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Autors und Dozenten W.G. Sebald zu lösen. Allzu dominant und ausufernd er­scheint sein Erzählen. Es wirkt, als habe er ohne Punkt und Komma gedacht, ohne Absätze geschrieben und dem Ge­danken­fluss an keiner Stelle Einhalt gebieten wollen.

Ich begegne W.G. Sebald erstmals in meinem Lesen. Und das hörend. Ich tat mich anfänglich sehr schwer, den Gedanken und ausufernden Beschreibungen zu folgen. Es ist dem Sprecher Michael Krüger zu ver­danken, dass ich mich 11 Stunden, verteilt auf 9 CDs, durch einen Roman treiben ließ, ohne jemals den Faden zu verlieren. Dabei war es die größte Heraus­forder­ungen, Sollbruch­stellen zu finden, an denen man den Faden für einen Moment aus der Hand legen konnte, um eine Pause zu machen. Schwierig in einem Roman, der keine Kapitel oder Absätze kennt…

Austerlitz von W.G. Sebald – Frederick, der Namensvetter Fred Astaire

Die Geschichte…

Dabei ist die Geschichte eigentlich leicht erzählt – zumindest rein inhaltlich. Dem namenlosen Ich-Erzähler des Romans fällt 1967 im Bahnhof von Antwerpen ein Mann auf, der in völliger Konzentration versunken die Architektur des Gebäudes bewundert. Die beiden Männer kommen ins Gespräch und verabreden sich für den folgenden Tag. Aus dieser ersten zufälligen Be­geg­nung entwickelt sich Dialog, der in un­regel­mäßigen Abständen und weiteren zufälligen Treffen über mehr als dreißig Jahre fortgesetzt wird. Austerlitz, Kunst­historiker, so stellt sich der Fremde vor und beginnt sogleich über das Wunder der Konstruktion der Bahnhofs­halle zu dozieren.

Atemlos und gebannt folgt man seinen Ausführungen. Von Gespräch zu Gespräch, von Ort zu Ort reift langsam das Verstehen. London, Paris und Prag sind Stationen der beiden Männer. Festungsanlagen, Friedhöfe und Archive werden zum Gegenstand der detailreichen Schilderungen von Austerlitz. Doch während unser Erzähler eher zufällig vor Ort ist, folgt Austerlitz dem unsichtbaren Plan, der das große Rätsel seines Lebens lösen soll. Als Kleinkind von seinen jüdischen Eltern aus Prag nach England verschickt, unter neuem Namen in Wales aufgewachsen; erst viel zu spät erfahren, wie er wirklich heißt; erst viel zu spät begriffen, warum seine Leidenschaften und Talente nicht zu den Eltern passte, die ihn aufgezogen hatten; zu spät begriffen, warum er Sprachen spricht, die er niemals lernte. Zu spät erkannt, dass ihn seine wahren Eltern zwar vor den Nazis gerettet hatten, aber seine Identität vollständig verloren ging. Austerlitz. Das bin ich. So die große Erkenntnis auf der langen Reise zum Ich.  

Austerlitz von W.G. Sebald – Kindertransporte im Dritten Reich

Die Kindertransporte…

Diese Kindertransporte nach England sind mir nicht neu. Die dramatischen Folgen für die vermeintlich Geretteten beschrieb auch Marion Charles in ihrem Lebensbericht „Ich war ein Glückskind. Der Moment des Erkennens der Hintergründe dieser Suche nach der wahren Familie, nach den Orten der Kindheit, dem Moment der Trennung und nach Menschen, die viel­leicht noch lebten und ihn kannten, lassen die Erzählungen von Austerlitz in neuem Licht erscheinen. Er sucht nach Verwandten, nach Stationen seiner Kind­heit und stößt sogar auf einen berühmten Namens­vetter. Frederick (Fred Astaire) Austerlitz. Un­be­irrt eilt der immer älter werdende Mann der Ver­gangen­heit hinterher.

Aus den Begegnungen mit dem Erzähler erfahren wir die Fortschritte der Reisen. Wir werden Zeugen einer Geschichte, die unerträglich scheint und doch so wahr ist. Es ist die Geschichte der Judenvernichtung, die Geschichte des Holocaust, dem Austerlitz entging. Aber um welchen Preis. W.G. Sebald wird zum Chronisten von Deportation und Entrechtung, er skizziert das Geflecht eines Genozids und die Automatismen einer gezielten Auslöschung. Ohne Absätze schreibt er, weil Atemlosigkeit und Entsetzen die Wegbegleiter des Hörens und Lesens werden. Die Zeit rast durch diesen Roman. Nach vorne mit den beiden Männern. Zurück durch die Recherche. Sie bleibt niemals stehen.

Austerlitz von W.G. Sebald

Der große Unterschied…

Die Stationen der Reise sind die Stationen eines Le­bens. Ich war verleitet, selbst zu recherchieren, wo sich die beiden Männer trafen und stieß dabei auf eine Besonderheit des Romans, die das Buch von seiner Hörbuchadaption erheblich unterscheidet. H.G. Sebald verzichtet in seinem Erzählstil bewusst auf Brüche im Tempo. Er bleibt im Fluss und verlagert dabei die Authen­tizität des Erzählten auf verschiedene Ebenen. Austerlitz lebt hier vom Hörensagen und genau so gibt er seine Erkenntnisse an den Ich-Erzähler weiter. Auch dieser filtert nicht, sondern weist in seiner Zu­sammen­fassung darauf hin, aus welcher Quelle die jeweilige Be­schreibung stammt.

„Sagte Agáta, sagte Vera, sagte Austerlitz…“

Durch diese Quellenverschiebung von der ersten bis hin zur dritten Ebene erfolgt auch gleichzeitig die Rela­tivierung des Wahrheitsgehaltes, weil Erinnerung sub­jek­tiv ist. Im Buch jedoch bedient sich Sebald eines Instruments, das genau dieses Problem der Authen­tizi­tät von Augenzeugenberichten in mehrfacher Hinsicht konterkariert. Dort, wo Kapitel und Absätze fehlen, fügt er 80 Fotografien ein, die in ihrer Beweis­kraft für das Gesagte bestechen. Das Highlight ist hierbei das Kinder­bild, das Austerlitz so zeigt, wie er auf dem Titelbild von Hörbuch und Roman zu sehen ist.

Diese elementare Ebene fehlt dem Hörbuch und sie ist auch nicht zu ersetzen.

Austerlitz von W.G. Sebald

Das Buch

Was blieb mir also übrig, als mir noch während des Hörens das Buch zu bestellen, es parallel zu inhalieren, den unglaublichen Sätzen über bis zu neun Seiten zu folgen und die Bilder zu betrachten, die das Erzählte nicht nur flankieren, sondern ihm den letzten Schuss Wahrheitsgehalt verleihen. Am Ende der gehörten und gelesenen Geschichte bin ich nun in der Lage, allein durch die Betrachtung der Fotografien im Roman alles zu rekapitulieren, als wären sie lebendige Lesezeichen aus der Vergangenheit.

Hier wäre es hilfreich gewesen, die Bilder im bei­liegen­den Booklet des Hörbuchs zu veröffentlichen. Man benötigt keine Seitenzahlen, um sie einzusortieren. Ein Blick genügt und man weiß ganz genau, wann Auster­litz dieses Bild vor Augen hatte und wie er sich dabei fühlte. Der Vortragskunst von Michael Krüger ist es geschuldet, dass ich dem Hörbuch bis zum Ende treu geblieben bin. Ohne die Buchvorlage mit ihren Bildern würde mir jedoch eine der wesentlichen Ebenen dieses großartigen Romans fehlen. Ich kann „Austerlitz“ in dieser Kombination nur empfehlen. Lesen und hören. Wer sich für einen einzigen Weg entscheiden mag oder muss, dem bleibt nur das Buch, da seine Bilder nicht lügen.

Austerlitz von W.G. Sebald – Der Friedhof von London

„Ein Mann der Tat“ von Richard Russo

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Oh ja. Hier. Ich möchte sofort umziehen. Mein Leben ist so langweilig und öde, dass ich meinen Lebens­schwerpunkt unbedingt verlagern muss. Eine male­rische Kleinstadt an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika hat es mir angetan. Es sind nicht nur die erschwing­lichen Häuser und Wohnungen, die mich faszinieren. Es liegt auch an den Menschen, die diesem Ort ein ganz besonderes Flair verleihen. Und natürlich liegt es an den Nachrichten, die mich aus North Bath im Bundesstaat New York erreichen. Also echt, wenn man sich für Idylle und Beschau­lichkeit in feinster Wohngegend und im Einklang mit der Natur interessiert, dann sollte man eher fernbleiben. Sollte man jedoch eine Ader für skurrile Typen und pro­vinz­ielles Ambiente haben, dann gibt es nur diesen einen Ort auf Erden, um glücklich zu werden.

Ein Mann der Tatvom Pulitzerpreisträger Richard Russo lässt allerdings die Mieten in diesem Kaff erstaunlich in die Höhe schnellen, denn wer lässt sich das schon gerne entgehen, was hier geboten ist? Ernsthaft! Ich nicht. So verlagere ich meinen Wohnsitz für genau 686 Seiten nach North Bath. Mich stören keine Unkenrufe, die von Gestank und Um­welt­ver­schmut­zung künden. Eine eklig riechende Dunst­wolke über dem neuen Vorzeigeprojekt der Gemeinde soll wohl eher abschrecken. Was soll`s? Ich lasse mich auch nicht von Gerüchten über einstürzende Neubauten oder verloren­gegangene und nicht wieder­gefundene Gift­schlangen verunsichern. Nein. Ich bin da! Jetzt.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Der Friedhof Hilldale…

Herrlich ist es hier. Das „Memorial-Day-Wochenende“ lädt einfach zum Verweilen ein. Die Straßen sind geschmückt (Ok – mit ziemlich faden­scheinigen Trans­parenten) und die tollen Restaurants (Schnellimbisse von gestern) strahlen im fettigen Glanz, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Und das Schulzentrum (unbedeutend im Vergleich zur Nachbar­stadt) wartet auf die Umbenennung nach der längst verstorbenen und von den meisten ehemaligen Schülern gehassten Lehrerin des Ortes. Also, alles fein, wäre da nur nicht der unpassende Zeitpunkt meiner Anreise. Die meisten Leute sind gerade unterwegs und haben sich zur Beisetzung des ehemaligen Richters von North Bath auf dem Friedhof Hilldale versammelt. Und ja, so wie mein erster Blick von einem offenen Grab angezogen wird, so beginnt Richard Russo seinen Roman.

„Ein Mann der Tat“ steht vor dem Sarg und wartet darauf, dass die Zeremonie bald vorüber ist. Er ist ja auch falsch angezogen für diese Hitze. Die Polizei­uniform gibt ihm auch angesichts seines etwas durch­einander­geratenen Gesund­heits­zustands den Rest. Und so verwundert es nicht, dass Chief Raymer angesichts einer nie enden wollenden Trauerrede und in eigene tiefe Gedanken versunken zum Opfer des Tages wird, in sich zusammensinkt und kopfüber ins offene Grab stürzt. Echt kein Wunder. Solche Pannen passieren ihm eigentlich oft. Doch während wir zuerst nur Äußer­lich­keiten wahrnehmen, ist es Richard Russo, der uns in die Gedanken der Menschen blicken lässt, die sich am Grab des Richters versammelt haben.

Zum Beispiel fühlen wir intensiv mit Chief Raymer, der gerade den einzigen Beweis für die Untreue seiner Frau verloren hat. Eine Fernbedienung zur Garage ihres Lovers, die er in ihrem Auto fand und nun zweifelt er daran, diesen Typen jemals zu finden.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Kampf gegen den Müll…

Eine wuchtige amerikanische Erzählung voller Lokal­kolorit beginnt sich Raum zu verschaffen und Richard Russo nimmt sich die Zeit, seine Charaktere zu zeichnen. Er begnügt sich nicht mit blassen Skizzen oder stereotypen Blaupausen. Seine Menschen sind Menschen, die aus dem Leben gegriffen sind. Sie passen in diese Stadt, als hätten sie dort wirklich seit Jahrzehnten ihre Spuren hinterlassen. Schon nach wenigen Seiten fühlt man sich, als wäre man selbst Teil dieser Gemeinde, als wäre man den Menschen schon selbst begegnet und zunehmender Lesedauer taucht man selbst tiefer und tiefer in den Erzählraum ein.

Da ist die Besitzerin eines kleinen Lokals, deren Ehe­mann sein Hobby so weit treibt, dass es den Lebensraum der Familie zu erobern scheint. Allein die Schilderung dieses Kleinkrieges um jeden freien Qua­drat­zentimeter Wohnraum ist es wert, sich auf diese Reise einzulassen. Schrott und Plunder, Sperrmüll und Weggeworfenes. Das ist seine Bestimmung und je intensiver Zack sie lebt, desto mehr Lebensraum wird durch diese Sammelwut verdrängt. Wie in einem eska­lierenden Gefecht steht Ruth diesem Chaos gegenüber. Sie macht Zu­ge­ständ­nisse, stellt Regeln auf und kämpft einsam gegen den Müll an. Eine plötzlich auftauchende riesige Lagerhalle auf ihrem Grundstück bringt das Fass zum Überlaufen.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Der einsame Rächer…

Es sind die kleinen Zwistigkeiten und Verwerfungen, zu deren Zeugen wir werden und die uns so bekannt vor­kommen, als würden sie sich in unserer Nachbarschaft oder sogar in unserem Leben abspielen. Die Summe der Verwerfungen jedoch konzentriert sich in North Bath auf einen einzigen Mann, den Loser, den Gescheiterten, den Knacki, der vor nichts zurück­schreckt. Roy steht seit Jahren mit jedem Bürger dieser Kleinstadt auf Kriegs­fuß. Die Ehe gescheitert, Raubüberfälle auf­geflo­gen, die Gefängnisstrafe ver- und das Besuchsrecht bei der eigenen Tochter eingebüßt.  Wo alle Handlungsfäden es auch nur ermöglichen, Roy ist in ihnen gefangen und das ist genau der Zustand, den er am wenigsten ertragen kann.

Everybody`s Fool heißt Russos Roman in seiner Originalfassung. Wie treffend. Wie sagen wir so schön? „Everybody darling is everybodys Depp“ Wäre unser guter Police-Officer doch nur ein wenig konsequenter, wäre er von seinem Job nicht frustriert und würde er auf die Ratschläge seiner Mitarbeiterin und ihres Bruders hören, er hätte das beste Leben, das man sich nur vorstellen kann. So allerdings gerät er zwischen die Fronten der Betrogenen, der Enttäuschten und der Desillusionierten. Es trennen ihn ein paar Meilen von der Bezeichnung „Ein Mann der Tat“ und doch scheint in ihm so viel mehr zu schlummern, als man auf dem Boden eines offenen Grabes vermuten könnte.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Die Todesliste…

Richard Russo erzählt fabelhaft. Manchmal wirkt er wie das Sprachrohr der Gerüchte in diesem Kleinstadt-Szenario. Dann wieder mutiert er schon fast analytisch zum „North Bath-Leaks“ und enthüllt schonungslos alle Missstände. Die Umwelt ist sekundär, das Zwischen­menschliche wird überbewertet, das Ego wird gepflegt und Rassismus steht eigentlich immer auf der Tages­ordnung. Der Underdog wird zur Gefahr für die Gruppe und das Alter zermürbt selbst den enga­gier­testen Geist.

Es gibt da eine Liste im Buch. Sie ist handschriftlich erstellt. Sie gehört Roy. Er, dem man immer vorwirft, er würde sich keine Gedanken machen, hat nachgedacht. Nur eins ist offen auf der Liste. Die Reihenfolge. Fünf Menschen hat er aufgeschrieben, die sein Leben verändert haben. Fünf Menschen, an denen Rache nehmen will. Und bei dem was er vorhat ist der Kiefer­bruch, den er seiner Frau verpasst hat eine Lappalie. Lesen Sie doch selbst, ob sich ihm jemand  in den Weg stellen wird. Ob sich „Ein Mann der Tat“ findet, oder ob „Everybody`s Fool“ in Schockstarre verharrt und weiter nach dem Typen sucht, zu dem die Fremdgeh-Fernbedienung einer Garage gehört. Neugierig?

Richard Russo ist für jede Wendung des Schicksals gut, weil er ein schicksalhafter und begnadeter Schriftsteller ist.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

„Als das Meer uns gehörte“ von Barbara J. Zitwer

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

„Aber ein schlechter Tag auf See ist besser, als der beste Tag an Land.“

Alles beginnt im Wasser, alles endet im Wasser. Der Kreislauf des Lebens definiert sich durch ein Element, das unseren Erdball und uns selbst dominiert. Lesenslang sind es den Ozeanen gewidmete Romane, die Generationen von Lesern das Gefühl geben, in einem Boot zu sitzen. Urgewalten und unerforschte Tiefen ziehen uns dabei ebenso an, wie die geheimnisvollen Lebewesen der Meere. Was in meinem Lesen mit „Moby Dick“ begann und sich im „Salz für die See“ und der Irrfahrt mit Kurs „Nordnordwest“ fortsetzte, zieht mich immer wieder magisch an, wenn ich lesend in See stechen kann.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer, erschienen bei rütten und loening, erregte in mehrfacher Hinsicht meine Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt einen Jungen, der in direkter Nähe eines tauchenden Wals völlig unbefangen zu schwimmen scheint. Ein Bild, das nicht bedrohlich wirkt, sondern viel mehr den Buchtitel widerspiegelt. Eine erste Information zum Schauplatz der Handlung, erfüllte mich mit der Hoffnung, erneut einen Roman in der Reihe meiner Lebensleseserie Leuchtturm-Literatur gefunden zu haben.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Montauk auf Long Island, nicht nur bekannt durch seine Nähe zu New York, sondern eben auch wegen des Wahrzeichens dieses Küstenstreifens, dem Montauk-Lighthouse und damit ein Buch, das ich gerne einreihen wollte in die Leuchtfeuer-Geschichten des Lesens. Romane, die auch in dunkler Lesenacht Orientierung bieten. Rettung aus tiefer Lese-Seenot garantieren. Ich wurde nicht enttäuscht. Weder vom Schauplatz, noch von der meeres-affinen Grundstimmung des Romans, und ganz bestimmt nicht vom Inhalt.

„Hier passiert die ganze Zeit so viel… Hier wird einem nie langweilig.“

Ein Zitat, das für einen ganzen Roman steht. Facettenreichtum und die Erweiterung des Erzählraums auf die Weite des Meeres verwandeln eine gut erzählte Geschichte in eine Reise für Landratten und Seeleute. Montauk wird zur Metapher für die Flucht einer Frau, die das Leben völlig überraschend aus der Bahn wirft. Montauk wird zum Ziel der Neuausrichtung und zum Ankerpunkt bei höchstem Seegang und Montauk wird für uns Leser zu einem Idyll, zur Idealvorstellung von einer kleinen heilen Welt, in der Freunde und Nachbarn noch in ihren Rollen leben. Aber auch zum Sinnbild einer untergehenden Welt, die durch ihre Nähe zu New York im kommerziellen Strom zu versinken droht.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Tess Harding, Ehefrau, Mutter eines gehörlosen Sohnes und Schuhdesign-Workaholic steht von heute auf morgen am Scheideweg ihres Lebens. Wie aus dem nichts heraus wird ihr Ehemann getötet. Sinnlos. Grundlos, Schicksal. Ihr Leben besteht nur noch aus der Sorge um Robbie, der den Tod seines Vaters nicht verkraften kann. Zu intensiv war er auf ihn, den großen Musikproduzenten, fixiert, zu stark war die Prägung und zu viele Spuren hatte der Vater im Leben seines Sohnes hinterlassen, um im Alter von nur neun Jahren verkraften zu können, was nicht zu verkraften ist.

Tess Harding steigt aus! Nicht nur der Verlust des geliebten Partners, sondern auch die Begleitumstände, die langsam ans Tageslicht kommen, zermürben sie und die Welt versinkt in einen dunklen Nebel aus Vorwürfen, Zweifeln und Selbstvorwürfen. Montauk wird zum Fluchtpunkt. Ihr Onkel Ike, sein marodes Motel und die Landschaft, die Tess aus ihrer Kindheit kennt, versprechen Zuflucht und Schutz zu bieten. Nicht ohne innere Widerstände lässt sich auch Robbie auf diesen Umzug auf Zeit ein. Sein Trauma lässt sich jedoch auf gar nichts ein. Er verschließt sich.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Wer an dieser Stelle einen typischen Entwicklungsroman auf der Grundlage eines einschneidenden Erlebnisses erwartet, der wird sich nur in Teilen bestätigt sehen. Die neuen Lebensumstände erweisen sich natürlich als heilsam für die gepeinigten Seelen. Freunde, Nachbarn und die Familie geben Halt und die Autorin führt uns schrittweise in ruhigeres Fahrwasser. Die unverbrauchten und brillant verflochtenen Kernelemente der Geschichte heben sie jedoch vom Einerlei des Üblichen deutlich ab.

Da ist ein gehörloser Junge, der die musikalische Begabung des Vaters in sich trägt, Tuba spielt, die Vibrationen der Musik wie ein absolutes Gehör empfindet und nicht nur Gebärden beherrscht, sondern auch mittels seiner implantierten Hörgeräte am Leben teilhaben kann. Ein Junge, der verzweifelt gegen den Verlust kämpft, seiner Mutter die Schuld am Schicksal gibt und darin zu versinken droht. Da ist der Meeresbiologe Kip, der auf der Suche nach dem Wunder der Walgesänge die Küste von Montauk absegelt und in Robbie ein neues Wunder kennenlernt. Einen Jungen, für den die Melodie eines Wals kein Geheimnis zu sein scheint.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Da sind die Menschen von Montauk, die gegen den Untergang ihrer Stadt kämpfen. Da ist eine Stimmung von Neubeginn, von Aufbruch und Kampf auf scheinbar verloren geglaubtem Posten. Da ist die verzweifelte Mutter, die mehr verloren hat, als nur ihren Mann. Ein zusätzlicher Verlust, der ihr Selbstwertgefühl bricht. Und da ist die Natur, da ist ein Wal, der seine Kreise zieht, Lebensfreude versprüht, obwohl auch er bedroht ist. Ein Wal, der in aller Einsamkeit das Wunder des Lebens in sich trägt. Und da sind die Zufälle des Lebens, die daran glauben lassen, dass alles wieder gut werden kann.

Und da ist eine Autorin, die auf magische Art und Weise alle zusammenführt. Den Wal mit den Menschen, die Musik der Tuba mit dem Walgesang, die Melodie von Tod und Verlust mit dem Sound von Neuanfang, die Menschen miteinander und die große Unbekannte Hoffnung mit dem scheinbar Vorherbestimmten. Barbara J. Zitwer zaubert aus dem Abgesang eines Lebens eine brillante Symphonie des Neubeginns. Dabei ist die Melodie, in der sie erzählt, dramatisch, traurig, lebensbejahend, fröhlich, zweifelnd, komisch, exzessiv und tief in sich verschlossen zugleich. Diese Melodie hat alles, was große Kompositionen brauchen. Sie erreicht die Herzen.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer – Leuchtturmliteratur