Kalmann von Joachim B. Schmidt

Kalmann von Joachim B. Schmidt - AstroLibrium

Kalmann von Joachim B. Schmidt

Herzlich willkommen in Island. In Raufarhöfn, um ganz genau zu sein. Das beinahe ausgestorbene Fischerdorf ist auf unseren Landkarten kaum zu finden und doch ist es eine Reise wert. Das behauptet zumindest Joachim B. Schmidt, der Schriftsteller und ausgebildete Reiseleiter, der selbst seit dreizehn Jahren in Island lebt. Eigentlich sollte er es ja wissen, und so kann man sich diesem literarischen Auswanderer bedenkenlos anvertrauen, um ihm in die eisige Kälte am Rande der Zivilisation zu folgen. Dachte ich zu Beginn seines Romans „Kalmann“ zumindest. Ich war sehr gut vorbereitet. Warme Lesedecke, ausreichend Tee und Grog für den Notfall, Handschuhe, Mütze und Schal. Perfekt, sollte man eigentlich denken. Half jedoch alles nichts. Ich fror mir die Nase ab, ernährte mich von unsäglichen Dingen und begegnete Einheimischen, um die ich im Normalfall einen weiten Bogen machen würde.

Dies jedoch ist absolut kein Normalfall. Dies ist eine absolute Ausnahmesituation mit dem Titel „Kalmann“. Wer diesen Roman nicht erlebt hat, war noch nie in Island. Wer sich dieser Geschichte öffnet, wird sich gut überlegen, unvorbereitet dorthin zu reisen. Und wer das Buch unbeschadet übersteht, gehört zu den Glücklichen im Bücherland.

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Kalmann von Joachim B. Schmidt

Kalmann Óðinsson ist der Sheriff von Raufarhöfn. Nun ja, eigentlich ist er genau genommen alles, nur das nicht. Aber es ist die Rolle, in der er sich sieht und in der er lebt. 33 Jahre alt, ein Kerl wie ein Baum und das einfache Gemüt eines Kindes. Ohne Cowboyhut, Sheriffstern und Pistole trifft man ihn nicht an. Ihn einfach als Dorftrottel zu bezeichnen, nur weil er in der Schule ein paar Klassen wiederholt hat und in seinem Kopf die Räder anders laufen, als bei anderen Menschen, wäre schon an dieser Stelle fatal. Es ist nämlich Kalmann höchstpersönlich, der uns seine Geschichte erzählt. Und wer an dieser Stelle intellektuelle literarische Höhenflüge erwartet, der sollte seine hohe Erwartung ein wenig korrigieren. Nicht umsonst vergleicht man Kalmann hier mit einem gewissen „Forest Gump„.

Kalmann zu charakterisieren ist wie der Blick in ein kalmannisches Kaleidoskop. Er wirkt wie der Archetyp eines Ureinwohners am Rande des Nordpolarkreises. Dabei ist er genau jener Naturbursche, der hier am besten überleben kann. Eine gute Portion Jähzorn, ein wenig Vergesslichkeit und die Begabung, wichtige Dinge zu verdrängen, machen ihn zwar zu einem recht unzuverlässigen, aber liebenswerten Erzähler. Sein Leben ist geprägt vom pflegebedürftigen Großvater, der alles vergessen hat, was ihm jemals wichtig erschien; der Jagd nach Grönlandhaien und der Mission, seine Heimat vor der Ungerechtigkeit der Welt zu beschützen. Aus gutem Grund, denn die richtige Polizei hat das kleine verschneite Dorf, in dem es kaum mal richtig hell wird, längst in den eisigen Wind geschrieben und aufgegeben.

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Und doch beschreibt Joachim B. Schmidt in jener Eiseskälte den liebenswertesten Außenposten der menschlichen Wärme, den man sich nur vorstellen kann. Es sind die Menschen von Raufarhöfn, die dem geborenen Außenseiter einen Platz in ihrer Mitte geben. Sie wissen, dass man nicht seine Intelligenz, aber sein Herz auf die Goldwaage legen kann. Von seiner alten Lehrerin über den Hafenmeister bis zu seinen ehemaligen Mitschülern, jeder akzeptiert den Dorfsheriff und gleichzeitig besten Haifischer, den es in dieser Einöde noch gibt. Joachim B. Schmidt räumt mit der tiefen Stimme Kalmanns in unseren Köpfen mit Vorurteilen und Ressentiments auf. Er gibt uns den Glauben an eine intakte Gemeinschaft zurück, in der jeder seinen Platz findet. Er zeigt aber auch, wie fragil solche Mikrogesellschaften sind, wenn das Außergewöhnliche geschieht.

Als Kalmann bei der Polarfuchsjagd auf eine Blutlache stößt, und gleichzeitig der reichste Mann aus dem Dorf als vermisst gemeldet wird, entwickelt sich aus der Idylle der Tatort eines vermeintlichen Mordes. Jetzt ist der Sheriff von Raufarhöfn gefordert. Denkt auch Nói, der einzige Gesprächspartner Kalmanns, der jedoch nur in der Tiefe eines Onlinechats existiert. Als jedoch die echte Polizei auftaucht und die Ermittlungen an sich zieht, wird aus Kalmann die zentrale Figur im Fall. Ein Mord, der viel aufdeckt, was bisher verborgen war. Die wirtschaftliche Not der Region, die Fangquoten, die in reichen Händen liegen, die Armut und Frustration der Dörfler. All dies und die wirren Theorien des wahren Sheriffs, vielleicht sei auch ein Eisbär der Mörder, machen aus einem blutigen Vermisstenfall einen Islandkrimi mit furiosem Finale.

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Kalmann von Joachim B. Schmidt

Joachim B. Schmidt entführt uns in ein anderes Island, das sich dem Tourismus nicht so präsentieren würde. Dem Autor gelingt nicht nur eine tragikomische Studie des sozialen Gefüges in einer von der Umwelt abgehängten Region. Ihm gelingt hier in der Perspektive des naivsten aller Bewohner eine Charakterstudie der Menschen, die hier ausharren und sich selbst nicht verlieren. Dabei ist Kalmann wie ein Rohdiamant, der ungeschliffen und unförmig wirkt, in dessen Innerem allerdings ein Licht glüht, das der Kälte des Nordens die Wärme des Herzens entgegensetzt. Wir träumen Kalmanns Träume von einem normalen Leben, von einer tiefen Liebe und einer festen Beziehung mit einer Frau, die er auf Händen tragen würde. Wir bereiten mit ihm Gammelhai zu und nehmen die Beine in die Hand, wenn wir uns vorstellen, wie das riecht. Und doch erkennen wir das Ritual eines Enkels, der weiß, dass nur dieser Geruch das Denken des Großvaters wieder in Gang setzt. Es ist die einfache Sprache Kalmanns, die uns an ihn bindet. Es sind seine Träume, die uns verbinden und es ist die Natur, in der wir Raum genug haben, um uns mit ihm entfalten zu können.

Jenseits der Urkomik, die uns hier begegnet, sind es die Perspektivwechsel des Jägers und Fischers Kalmann, die diese Geschichte so nachhaltig relevant machen. Ein Blick durch sein Fernglas wird zum Zoom in das Innere von Tieren. Haben Fische Angst, wenn sie gefangen werden? Hat der Polarfuchs auch seinem Jäger einen ganz eigenen Namen gegeben? Wie musste sich ein Grönlandhai fühlen, der in der größten Dunkelheit der Meerestiefe lebte und dessen Tran die Straßen Europas erhellte? Was kann einen Eisbären dazu bringen, nach Island zu schwimmen? Gedanken, die haften bleiben und eine Sympathiewelle für Kalmann erzeugen, auf der wir Leser noch lange vor der Küste von Raufarhöfn surfen. Wir sind alle ein bisschen Kalmann. Oder wir wären es zumindest gerne… Was für eine Erkenntnis am Ende des Romans. 

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Kalmann von Joachim B. Schmidt

Warnung: Wenn ich lese, mag ich ein Buch gerne mit allen Sinnen erfassen. Gerade bei „Kalmann“ macht das Sinn, spielt doch die isländische DelikatesseGammelhai“ eine große Rolle. Das Rezept jedoch sorgt für einen flächendeckenden Streik all derer, die in der kleinen literarischen Sternwarte für das Kochen zuständig sind. Flankiert von einem: Wehe, Du versuchst es selbst! Das nennt man eine literarische Zwickmühle, aus der es kaum ein Entkommen gibt. Hier sollte der Verlag dringend nachbessern und das Buch künftig mit Diogenes-Nasenklammern, Diogenes-Raumspray und ein paar Diogenes-Zauberbäumen als Lesezeichen verkaufen, um den Gammelhai-Geruch zu überdecken. (Sollte das überhaupt möglich sein.) Gammelhai-to-go – wie wäre es?

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Und keine Angst, wenn es unter dem Buch ziemlich dunkel ist beim Lesen. Fragt Kalmann. „Unter einem Eisbären kann es sehr dunkel sein.“ Nur Mut.

Auch Constanze von „Zeichen & Zeiten“ war in Island. Hier ihr Reisebericht.

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Schwitters von Ulrike Draesner

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Schwitters von Ulrike Draesner

Beschäftigt man sich intensiv mit dem Roman „Schwitters“ von Ulrike Draesner, dann begegnet man der Autorin sehr schnell in den Weiten des Internets und kann ihr aufmerksam zuhören, wenn sie über die Entstehungsgeschichte ihres Romans spricht und versucht, die Deutungshoheit über ihr Buch zu behalten. Ein spannender Prozess für Lesende, wenn sich eine Autorin offensiv mit dem eigenen Roman auseinandersetzt und tiefe Einblicke gewährt, was sie inspiriert hat, über Kurt Schwitters zu schreiben. Für sie stand eine Frage im Mittelpunkt: „Wie schreibt man ein Leben?“ Wie schafft man es, die Lebensgeschichte eines Künstlers in Worte zu fassen, der sich eigentlich jeder biografischen Betrachtung verweigert hätte? Was ist „Life Writing“ und wie kann man verhindern, dass die wesentlichen Themen im Leben des großen Dadaisten nicht in der alltäglichen Banalität untergehen?

Diese Fragen haben mich in diesen Roman getrieben. Diese Konfrontation mit dem eigenen Schreiben hat mich fasziniert. Darüber hinaus bin ich Ulrike Draesner schon in ihrem „Kanalschwimmer“ begegnet und war fasziniert von der sprachlichen Brillanz ihrer Erzählung. Nun schreibt sie also über einen kunstbesessenen, exzessiv lebenden Kreativen, dessen Leben sich jeder Einordnung entzieht. Ein Mann, der nur sich selbst, nicht jedoch den Menschen in seiner Nähe treu war. Ein Mann, dem das Schreiben im nationalsozialistischen Deutschland verboten wurde, dessen bildende Kunst für alle Zeit als „entartet“ diffamiert und bloßgestellt wurde und den man zur Flucht zwang, weil es in der Heimat einfach zu gefährlich für ihn wurde. Eine Flucht, die die für ihn zu einer Odyssee ohne Wiederkehr wurde.

Schwitters von Ulrike Draesner - Astrolibrium

Schwitters von Ulrike Draesner

Es wird sehr schnell klar, wie sich Ulrike Draesner dem Künstler und Menschen Kurt Schwitters annähert. Sie schreibt nicht über ihn. Sie schreibt ihn. Sie spiegelt seine Wortwerke, Collagen, Skulpturen und Installationen in seinen Geist und lässt ihn zu Wort kommen. Er, der von der Kunst Getriebene, der Rastlose, der vom Verbot zu schreiben in die Flucht zur bildenden Kunst Gehetzte, der sich Verbarrikadierende und heimlich Erschaffende, der Unverstandene und Entartete. Er findet in der Autorin, die voller Empathie in ihn eintaucht, eine neue Stimme. Ulrike Draesner spielt mit uns und mit den Schubladen, in die wir das Buch gerne einsortieren würde. Ein Kunstroman? Sicher. Auf seine ganz eigene Weise. Ein biografischer Roman? Ganz bestimmt im Kern seines Wesens. Und doch spricht dieses Buch eine ganz andere Sprache. Hier wird zeitlos, was endlich war. Hier wird offensichtlich, was verborgen werden sollte.

Wir betreten an der Seite von Kurt Schwitters seinen Merzbau. Ein Biotop seiner Energie, ein Refugium des Staunens und ein avantgardistischer Kunstraum in der Villa in Hannover. Alltagsmüll, Fundstücke, Zeitungsschnipsel. Alles, was ihn inspiriert wird in dieser verborgenen Galerie zu Kunst. Jeder Vorwurf des Entarteten verpufft, da wir an der Seite der unsichtbar agierenden Schriftstellerin einen Zugang zu einem Menschen erhalten, der sein Publikum und letztlich auch sein Selbstwertgefühl verloren hatte. Hier wird die Kunst eines Kurt Schwitters zum Auge des Orkans, in dem er lebt. Und nicht nur das. Wir folgen den Flutwellen seiner Kreativität, beobachten die Außenwelt durch Spiegel, die er an seinem Haus angebracht hatte, um vor den braunen Schergen und ihrer Willkür gewarnt zu sein. Ulrike Draesner findet eine Erzählstimme, der man nicht entfliehen kann. Kurt Schwitters zeigt uns, wie entartet die Welt vor seiner Haustür ist.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner - AstroLibrium

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

An diesem Punkt angelangt, wird aus dem Roman ein eigenständiger Merzbau„. Hier wird alles versammelt, was den Menschen Kurt Schwitters auszeichnet, bestimmt und in Erinnerung hält. Eine Collage zwischen zwei Buchdeckeln, die ein eigenes und nachhaltiges Leben voller Botschaften entwickelt. Ulrike Drasener wird in ihrem Buch zur Wortdadaistin, die ein Erbe anzutreten scheint, das Kurt Schwitters bisher verwehrt war. Sie lässt in unglaublich intensiven Rhythmuswechseln die Menschen aus seinem Umfeld zu Wort kommen. Die Ehefrau, den Sohn, seine spätere englische Frau. Wir sind gefangen im „Merzbau“ dieses Romans, wie in einem Künstlerarchiv, und folgen dem Leben Kurt Schwitters über die Etappen seiner Flucht. Eine Collage, die ihn im Lauf der Jahre so spiegelt, wie es gewesen sein könnte. Die ihn denken lässt, wie er gedacht haben mag. Eine „Life-Writing-Collage„, die aus der Art schlägt. Wohl das größte Kompliment für einen Roman über einen Dadaisten, der als entartet galt.

Schwitters zu folgen gleicht literarischer Magie. Zu erleben, was Entwurzelung bei einem Künstler bedeutet, dessen Kunst sich im Inneren seiner Villa manifestiert, schafft unglaubliche Nähe. Ihn mit seinem Sohn auf seiner Flucht nach Norwegen zu begleiten, zeigt die Ausweglosigkeit des Unterfangens. Die Wehrmacht ist omnipräsent. Und doch erschafft Kurt Schwitters an allen Orten seiner Flucht Merzräume, die Zeugnis ablegen. Seiner Frau Helma zu folgen, die in Hannover die Stellung hält, um den Merzbau gegen die Nazis zu verteidigen, gehört zu den bewegendsten Teilen dieser Collage. Sie wird Zeugin von Deportationen, erlebt Hausdurchsuchungen der heftigsten Art und erleidet die Bombardierung ihrer Heimatstadt in einem furiosen Kapitel des Romans. Nur Kurt Schwitters lebt in einer eigenen Welt. Norwegen, England, die dortige Inhaftierung als „Enemy Alien“ und der Befreiungsschlag an der Seite einer neuen Frau lassen ihn im Verlauf des Romans in einem Licht erscheinen, das er wohl selbst niemals angemacht hätte.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

SCHWITTERS von Ulrike Draesner – AstroLibrium

Es ist ein sprachliches Bravourstück, das Ulrike Drasener gelingt, indem sie Kurt Schwitters pulsierende Rückkehr zur feinen Wortkunst zu Papier bringt. Der Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland fällt ihm kurz vor der Invasion in die Hände. In Lautschrift werden die Invasoren auf die deutsche Sprache vorbereitet und der einstig wortgewaltige Immigrant beginnt nun mit der englischen Sprache zu spielen. Hier wird Sprachkunst zur Erzählkunst. Ulrike Draesner erzählt eine Geschichte vom Verlust in den Wirren des Krieges. Sie erzählt von Untreue, Treue und Obsession. Ihr merkt man an, dass sie niemals im Sinn hatte, eine einfache Romanbiografie zu schreiben. Dafür ist „Schwitters“ zu komplex angelegt, zu facettenreich konstruiert und zu farbgewaltig in Szene gesetzt.

Was bewirkte dieses Buch in mir? Eine Frage, die mich begleitete. Nein, ich finde keinen inhaltlichen Zugang zum Dadaismus, zur Entkörperlichung von Gegenständen in einer abstrakten Umwelt. Mein Kunstverständnis findet in Franz Marc seinen Höhepunkt und auch schon seine Grenzen. Auch er galt als entartet. Seine Werke wurden mit den Collagen von Schwitters in der Ausstellung „Entartete Kunst“ vorgeführt. Würde ich nun einen Merzbau betreten, meine Perspektive wäre anders. Verständiger, emotionaler in Bezug auf die Menschen, die von dieser Kunst betroffen waren. Ulrike Draesner hat in mir etwas losgetreten, das vorher von Unverständnis charakterisiert war. Was kann in der Literatur schöner sein? Ich schaue mich um und erkenne in meiner Wohnung den Merzbau meines Lebens. Verwurzelt, immobil und vor aller Welt verborgen. Ich hoffe, dass sich Ulrike Draesner niemals in mich hinein recherchiert und denkt. Das vereint mich mit Kurt Schwitters. Diese Collage meines Lebens wäre zu tiefgründig.

Und bevor mir jemand moralisch kommt: Ja, auch ich hätte mich in Wantee verliebt, die englische Frau an der Seite von Kurt Schwitters, die nicht nur Lebensgefährtin und später dann Nachlassverwalterin wurde. Sie war alles, was ihr Spitzname impliziert.

Edith „Wantee“ Thomas hatte ihm gezeigt, dass want auch fehlen bedeutete. Englisch-logisch: Wantee hatte ihm gefehlt.

SCHWITTERS von Ulrike Draesner - AstroLibrium

SCHWITTERS von Ulrike Draesner

Constanze von Zeichen & Zeiten schreibt: Ein großes Buch, dem man sich wieder und wieder widmen kann und sollte, weil es so reich in vielerlei Hinsicht ist.

Schwitters von Ulrike Draesner ist für den Bayerischen Buchpreis 2020 in der Kategorie Belletristik nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Buchpreisblogger begleiten darf, werde ich auch die weiteren nominierten Titel lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November. Alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Ulrike Draesner: Schwitters (Penguin Verlag)
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik (Hanser Literaturverlage)
Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Klett-Cotta Verlag)

Warum ich schon jetzt denke, dass Ulrike Draesner einen preiswürdigen Roman geschrieben hat? Ihr gelingt mit ihren Worten etwas, das sie in ihrem Buch eigentlich ihrem Protagnisten Kurt Schwitters zugeschrieben hat:

Menschen mit Worten aus ihren Dreiteilern, Leibbindern und Uniformen schmelzen.

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SCHWITTERS von Ulrike Draesner

UPDATE 19.11.2020 – Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises – Belletristik

Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises - Belletristik - Astrolibrium

Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises – Belletristik

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Meine Partnerbuchhandlung zum Bayerischen Buchpreis

14. Juli von Éric Vuillard – Paris im Taumel der Revolution

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

Wir schreiben den 14. Juli 1789. Wir befinden uns in Paris und stehen unbeteiligt vor den Toren der kleinen Bastion, liebevoll auch Bastille genannt. Die kleine und ziemlich unbedeutende Festung war eigentlich als Teil der Stadtbefestigung geplant, hatte acht Zinnentürme und wurde im Laufe der Zeit von der immer weiter ausufernden Metropole einverleibt. So nutzte man sie als Gefängnis, in dem sich jedoch wenig prominente und zahlungskräftige Gefangene befanden. Die Haftbedingungen waren bescheiden, brutal und angsteinflößend. Die Wachmannschaft bestand aus Invaliden und Veteranen, was eigentlich zur Verteidigung der kleinen Festung völlig ausreichen sollte. Unter normalen Bedingungen. Die jedoch waren am 14. Juli 1789 nicht gegeben. Keineswegs.

Ich war erst vor kurzer Zeit hier und wusste wohl, was auf mich zukommt. Es war das fulminante Hörspiel „Brüder“ nach dem Revolutionsroman von Hilary Mantel, das mich auf die Ereignisse an der Bastille vorbereitet hatte. Die Französische Revolution hatte sich tief in mir verankert. Die Ursachen und Wirkungen des Aufstandes hatten mir die Augen geöffnet, wie umfassend die Erschütterungen waren, die eine ganze Nation bis zum heutigen Tage prägen sollten. Der Hochadel agierte fortan im wahrsten Sinne des Wortes kopflos, Könige und Königinnen legten sich unter die Guillotine und wurden mit einem konsequenten Schnitt zur Abdankung gezwungen. Ein komplexes und kaum zu entwirrendes Netz aus Ursachen, Wirkungen, Strömungen und Verwerfungen hatte zum großen Umsturz und zu einem Erdbeben für die europäischen Monarchien geführt.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

Ich war also im Bilde. Ich fühlte mich bestens informiert. Und ich war auf der Hut, als ich mich jetzt lesend vor der Bastille einfand und auf die Ereignisse des Tages wartete. Und doch zweifelte ich sehr daran, dass mir Éric Vuillard in seinem neuen Roman „14. Juli“ etwas erzählen konnte, dem ich zuvor keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Es sind schmale 136 Seiten, die er sich selbst gönnt, um einen so bedeutenden Tag in der Weltgeschichte zum Erzählraum zu machen. Das sieht gegenüber Hilary Mantels Epos „Brüder“ mehr als bescheiden aus. In der Kürze liegt jedoch manchmal die Würze und Vuillard hatte mich ja bereits mit der „Tagesordnung“ vollkommen überzeugt. Ich blieb gespannt und vertraute mich dem Erzähler an, der nicht viel Raum benötigt, um Räume voller Tiefe zu erzeugen.

So stand ich also vor der Bastille und war bereit für den 14. Juli. Was mir jedoch auf den folgenden 136 Seiten zustoßen sollte, damit hatte ich nicht gerechnet. Vuillard erzählt nicht die Geschichte der Französischen Revolution. Er führt keine prominenten Redner ins Feld, die durch eloquente Appelle, den Volkszorn kanalisierten. Er streift die Ursachen für die Revolution und degradiert mich zum namenlosen Teil der Masse. Die Perspektive schlägt unmittelbar und mit grandioser Wucht zu. Vuillard macht mich zum Augenzeugen der ganz kleinen Verwerfungen, der banalen Ungerechtigkeiten und der Verschwendungssucht, die in den Adelsfamilien grassierte. Er lässt mich Paris riechen und schmecken, er lässt mich hungern und leiden, er macht mich arbeitslos oder zum einfachen Handlanger, der seine Familie nicht ernähren kann. Er lässt Wut und Hass in mir aufkommen. Er macht seine Leser zum Pulverfass der Revolution.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

Danton, Robespierre, Marat oder Camille Desmoulins spielen keine Rolle. Dieser Roman benötigt keinen intellektuellen Brandbeschleuniger. Das erzeugt Vuillard in uns. Er führt uns durch ein Paris, in dem wir an allen Ecken und Kanten fühlen, was gerade aus den Fugen gerät. Er macht uns zu Wegbegleitern der ganz kleinen Leute, die sich nicht mehr zu helfen wissen. Er lässt Gerüchte aufkommen, bewegt die Masse, weil sie sich von selbst bewegt und verteilt Waffen, die eigentlich keine sind. Er hebt Anonyme aus dem Status der Namenlosigkeit heraus. Er verleiht ihnen in den kurzen Momenten, die sie aus der Masse hervorstechen, eigenes Leben. Sie gleichen Eintagsfliegen. Ihre Geschichten sind zu klein, um in Erinnerung zu bleiben.

Und doch gelingt es dem französischen Schriftsteller auf den wenigen Seiten des Romans, genau diesen namenlosen Helden der Geschichte einen kurzen Auftritt in der Weltgeschichte zu verschaffen. Hier wird Vuillard detailverliebt. Jedes Massenteilchen, das er hervorhebt, wird in Kleidung, Alltagsberuf und Herkunft genau beleuchtet, bevor es im Trubel des Chaos plötzlich erlischt. Er wirft Namen in den Raum, die zuvor noch keine Erwähnung fanden. Er verleiht der Masse ein Gesicht und lässt sie unkoordiniert handeln. Wie ein Schwarm, der nur seinen Instinkten folgt, zieht sie die Schlinge enger um das Symbol der Unterdrückung. Die Luft wird eng in der Bastille. Der Sturm fegt los.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

Der 14. Juli ist ein brillant erzählter Roman, der einen besonderen Sog entfaltet. Es ist nicht die große Politik, die hier in den Mittelpunkt drängt. Es ist der unterernährte, schlecht gekleidete und ungerecht behandelte kleine Mann und die kleine Frau von der Straße, die sich hier zum Volksaufstand erheben. Es sind Stuhlverleiherinnen, Metzger, Prostituierte, Musiklehrer, Dachdecker, Handlanger, Bäcker, Kleinkriminelle, die durch die Straßen ziehen. Sie alle versammeln sich vor der Bastille. Was dann folgt, stammt nicht aus strategischen Plänen großer Denker. Es ist die Masse, die erobert und Rache nimmt. Das Ende ist uns bekannt. Die Bastille fällt, mit ihr das Königreich und dann die Anführer des Aufstandes. Die Revolution fraß ihre Kinder. Éric Vuillard jedoch schreibt ein anderes Ende. Eines, das uns unvermittelt und emotional bewegt.

Wir folgen einer Frau. Acht Monate nach dem Sturm auf die Bastille. Sie ist auf der Suche nach einem der vielen namenlos gebliebenen Helden. Éric Vuillard sei Dank, ist uns dieser Vermisste ganz kurz begegnet. Er sagt uns mehr, als alle Prominenten. Wir sind ihm näher, weil er für einen ganz kurzen Moment seine Jackenknöpfe ins Licht der Weltgeschichte gehalten hat. Vuillard beschreibt den Mikrokosmos Revolution und geht dabei im Kern seiner Geschichte weiter, als es dieses Buch erwarten ließ. Spätestens, wenn wir am Tag nach der Erstürmung der Bastille den Papierregen sehen und uns die Gefangenenregister vorstellen, die vom Volkszorn vernichtet werden, denken wir auch an andere Revolutionen, denken wir an STASI-Archive, die ihren Niederschlag fanden. Der „14. Juli“ ist eine Revolution der Perspektive auf die Revolution. Lesenswert.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

14. Julivon Éric Vuillard / Matthes & Seitz Berlin / aus dem Französischen übersetzt von Nicola Denis / 136 Seiten / gebunden / 18 Euro

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard - AstroLibrium

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Ein Buch für eine Stunde – Eine Geschichte fürs ganze Leben!

Der Krieg der Armen – Eric Vuillard, Matthes & Seitz Berlin, 16 Euro, 64 Seiten, aus dem aus dem Französischen brillant übersetzt von Nicola Denis

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Worüber wir reden, wenn wir über Gary Shteyngart reden. Es ist unstrittig, dass wir über ihn reden müssen, bevor wir uns dann mit seinem aktuellen Roman „Willkommen in Lake Success“ auseinandersetzen. Selten zuvor war es so angebracht, sich mit der Person des Autors zu beschäftigen, um die Relevanz seines Buches besser einordnen zu können. Reden wir also über einen jüdisch-russischen Emigranten, der im Alter von erst sieben Jahren mit seinen Eltern nach New York auswanderte. Reden wir über den in Leningrad geborenen Autor Igor Semyonowitsch Shteyngart. Reden wir über den Mann, der seiner Heimat mehr als kritisch begegnet, der Russland satt hat, weil es aus seiner Sicht zu viel Unglück über die Welt gebracht hat. Reden wir über jemanden, dem in den USA jenseits der Demokratie eine zu große Portion Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut ins Gesicht schlug.

Reden wir über einen Schriftsteller, der etwas zu erzählen hat. Über den Mann, der dem maßlosen Reichtum von Banken und Hedgefonds-Managern sein geschriebenes Wort entgegenzusetzen hat. Über eine aufrechte und kampfbereite Seele, die akribisch beobachtet, analytisch seziert und erzählt, wie ein leibhaftiger Leo Tolstoi, der im Big Apple aufgewachsen ist. Er ist in der Lage, gesellschaftspolitischen Entwicklungen und wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen einen Erzählraum zu gestalten, der sich in seiner Konstruktion durch unermessliche Weite auszeichnet. Er setzt sich selbst in den Greyhound-Bus, der in seinem Roman eine so gewichtige Rolle spielt, durchreist einen Kontinent und beobachtet die Menschen, denen er begegnet. Er verwickelt Manager in Dialoge, die er scharfzüngig gegen sie verwendet. Er ist der Hemingway, der in Fiesta seine zu Studienzwecken generierten Freunde dem Publikum zum Fraß vorwirft. Gary Shteyngart ist ein Undercoveragent im Unterhautgewebe einer Nation, die sich gerade dafür feiert, ein immer dickeres Fell zu bekommen.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Er ist die Stimme des Kleinen Mannes, obwohl er unaufhörlich mit der Stimme eines betrügerischen und manipulativen Geschäftsmannes spricht, der seinen Reichtum auf der zunehmenden Armut seiner Kunden begründet. Wer Gary Shteyngart gelesen hat wird sich die Augen reiben und aus der Überdosis von Sarkasmus und Zynismus seine Erkenntnisse ziehen, wie man die Welt verändern könnte. Wenn man es nur wollte. Ein „Wenn“, das sich wie ein roter Faden durch diesen Roman zieht. Wenn ich empathisch wäre, wenn ich fair wäre, wenn ich vorurteilsfrei wäre, wenn ich ein guter Ehemann und Vater wäre, wenn ich nicht selbstsüchtig und egoistisch wäre, wenn ich… wenn ich nur. All diese Wenns spiegelt Gary Shteyngart in seinem Protagonisten Barry Cohen. Alles ohne den Anspruch, aus auch nur aus einem einzigen „Wenn“ ein „Dann“ zu erzielen.

Und spätestens jetzt muss ich über Barry Cohen reden, der Willkommen in Lake Success einen unauslöschlichen Stempel aufdrückt. Egozentriker, Geldvampir an der Spitze der Nahrungskette, Hedgefonds-Manager ohne Gewissen, Uhren-Fanatiker, oberflächlich liebender und alle Reize seiner attraktiven Frau genießender Macho und der wohl schlechteste Vater der Welt, weil er nicht damit zurechtkommt, dass sein erst dreijähriger Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Autismus. Im Spektrum. Ein Krankheitsbild, das es vor der Öffentlichkeit zu verbergen gilt. Ebenso, wie existenzielle berufliche Krisen, die Angst vor der Börsenaufsicht, gescheiterte Lebenswege und das Dilemma, der eigenen Frau durch diese Haltung vor den Kopf zu stoßen. Alles kann er sich kaufen. Den schönen Schein, Physiotherapeutinnen und Kindermädchen. Nur die Gesundheit seines Sohnes lässt sich nicht kaufen. Ebenso wenig wie die Achtung der Frau, die um nichts anderes kämpft, als einen letzten Rest von Normalität im goldenen Käfig.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Hier prallen Charaktere und Kulturen aufeinander. Seema, die Ehefrau, Tamilin mit indischen Wurzeln, er selbst jüdischer Abstammung und zwei Familien im Hintergrund, die in ihrem soziokulturellen Umfeld fast ganz Amerika repräsentieren. Dazu ein Kind, das nicht ins System passt. Nicht gesellschaftsfähig. Nicht kontaktfähig. In seiner ganz eigenen Welt lebend. Alles bricht über Barry Cohen zusammen, als er realisiert, wo er schließlich gelandet ist. Auf dem Boden der Realität. Sein Hedgefonds kollabiert, seine familiäre Krise eskaliert, sein Sohn nimmt ihn nicht wahr und die Börsenaufsicht heftet sich an seine Fersen. Gezeichnet vom letzten handgreiflichen Gefecht mit seiner Frau beschließt Barry Cohen auszusteigen. Rein in einen Greyhound-Bus. Auf in ein neues Leben. Bestenfalls in sein altes. Er drückt den Resetknopf, wirft Handy und Kreditkarte weg und überlässt sich einem Roadtrip durch die USA, an dessen Ende er hofft, seine erste große Liebe Layla wiederzufinden. 

Eine Ausgangssituation für eine ganz große Erzählung, aus der Gary Shteyngart wirklich alles rausholt, was literarisch möglich ist. Der Greyhound-Bus wird zu der herbeigesehnten Rettungskapsel eines verzweifelten Mannes, der auf der Flucht ist. Es ist nur leider so, dass ihn diese Kapsel nicht hermetisch umschließt und beschützt. Ihm begegnet das Land in diesem Greyhound-Bus. Soziale Schichten, denen er niemals im Leben freiwillig begegnet wäre. Mexikaner, die an seiner Schulter einschlafen, Männer, die offen rassistisch über Afroamerikaner herziehen, obwohl der Bus voll von ihnen ist. Diebe, Rauschgiftdealer, gescheiterte Existenzen und ganz normale Menschen, die er nur aus Erzählungen kennt. Von Kilometer zu Kilometer wird er weiter durchgereicht zu jenen, die den Bodensatz der Gesellschaft bilden. Er mutiert zum Bettler und Schnorrer nachdem ihm sein Koffer mit seinen Luxusuhren abhandenkommt. Als er in El Paso auf die große und ebenso gescheiterte Liebe seines alten Lebens stößt, hofft man, dass er nochmal die Kurve bekommt.

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Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Gary Shteyngart lässt seinen Protagonisten nicht durch ein anonymes Amerika reisen. Er bettet diese Odyssee in das Szenario des Präsidentschaftswahlkampfes ein und präsentiert mit Donald Trump den aufziehenden Kometen am Horizont, der vieles erst möglich macht. Er lässt uns die Verunsicherung spüren, mit der die Menschen der ungewissen Zukunft entgegenrasen. Er macht offenen Rassismus greifbar, denn jetzt, wenn doch sogar Donald Trump gegen Minderheiten hetzt, darf doch auch der Rassist von nebenan mal das Wort erheben. Populismus zieht durch diesen Roman, wie Gift in einer Küche, die nur leichte Kost verspricht. Gary Shteyngart bringt den Schmelztiegel der Nationen gewaltig zum Kochen. Dabei behält er seine Richtung beharrlich im Auge. Er verliert Barry Cohen nicht eine Sekunde aus dem Blick.

Unvergessen werden Barry Cohens multiple Wandlungen bleiben, das mehrfache Häuten einer Schlange, die Erkenntnisse, die ihn durchfluten, die Bestrebungen, sich zu bessern und das konsequente und dauerhafte Scheitern an sich selbst und seinem Umfeld. Tragischer als Barry Cohen kann man eine Romanfigur nicht durch sein Leben führen. Und doch hat auch er seine Momente der Größe. Ebenso, wie dieser Roman in versöhnlichen Momentaufnahmen schwelgt, sich der überbordenden Emotionalität der Charaktere hingibt und in der Wahrheit des Lebens schwelgt. Es gelingt dem Autor, in seiner Geschichte keine Sündenböcke zu generieren. Er blickt tief in die Seelen hinein und lässt Umstände im Leben mitverantwortlich für das Leben selbst werden. Prägung, Eltern, Kultur, Religion und Wertvorstellungen werden zu Bestimmungsgrößen für den Charakter von Menschen. Ein Roadtrip, der meilenweit entfernt vom Jakobsweg ist, da die Erkenntnis unter dem tonnenschweren Konstrukt an Verlogenheit lange verborgen bleibt. Aber sie kommt. Glaubt mir. Sie kommt gewaltig….

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Wenn Gary Shteyngart heute gefragt wird, ob sich sein Land von heute mit anderen vergleichen lässt, was Populismus betrifft, dann erhält man eine bedrohlich anmutende Antwort:

„Wahrscheinlich ist es in Deutschland ähnlich mit der AfD.
Da stehen Leute auf und erklären: „Wir dürfen das jetzt sagen“.
Wenn so etwas in Deutschland möglich ist, nach diesem gewaltigen Umerziehungsversuch, dann geht das überall.“

(Interview: Spiegel Online “Amerika liebt Hochstapler“ – Eva C. Schweitzer)

Gary Shteyngart erzählt brillant und relevant. Er verpackt diese Geschichte nicht in Mainstream-Goldpapier, sondern bläst sie uns mit aller Intensität ins Gesicht. Er schreit uns an, wenn er die sozialen Missstände anprangert. Er lässt die Menschen am Rande der Gesellschaft zu Wort kommen. Er zeigt uns das wahre Leben jenseits des schönen Scheins. Dabei schafft er es mit Shiva, dem autistischen Sohn Cohens die eigentliche Hauptfigur des Romans, fast im Hintergrund zu skizzieren. Er ist Auslöser aller Zweifel, Grund für die Trennung, Zentrum aller Selbstvorwürfe und Blitzableiter allen Versagens. Der Autismus dieses Jungen ist nicht nur Kulisse. Er erzeugt in den großen Momenten des Romans Empathie und Verbundenheit. Eine Kampfschrift gegen die Erwartung der „normalen“ Menschen an ein Kind, das in seiner eigenen Welt lebt. Das ist großes Kino.

Lesen und hören. Meine Empfehlung. Das Hörbuch ist unterwegs, auf der Straße mit den Geräuschen rollender Reifen, einem hochdrehenden Motor und dem Fahrtwind im besten Sinne geeignet, den Roadtrip hörbar zu machen. Shenja Lacher bleibt als die Stimme dieser Produktion im Gedächtnis, weil er stets im Hintergrund bleibt. Er macht aus seiner Stimme keine Kunstform, die der großen Geschichte die Show stiehlt. Er ist moderat und angemessen, auch in Momenten, die den Zuhörer mitreißen. Ich mag das Understatement, mit dem er sich in die Aufnahme fallenlässt. Alles andere hätte dieser Geschichte geschadet. Großes Kompliment.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

„Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
Penguin Verlag
/ 430 Seiten / Deutsch von Ingo Herzke / 24 Euro
Der Hörverlag / gekürzte Lesung / 13 h 36 min / Sprecher: Shenja Lacher / 24 Euro

Mehr Literatur über „New York“ in der kleinen literarischen Sternwarte: hier

NSA von Andreas Eschbach

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NSA von Andreas Eschbach

Gesellschaftsutopien sind zukunftsgerichtet. Sie holen uns im Hier und Jetzt ab und halten uns vor Augen, wie sich die Welt verändern kann, wenn man nicht gut aufpasst. George Orwell begann schon 1946 das zu schreiben, womit wir uns bis ins Jahr 1984 nachhaltig zu beschäftigen hatten. Nur um dann zu erkennen, dass es keinesfalls allzu utopisch war, was er über totale Überwachungssysteme in die Welt setzte. Gerne wird das Sujet der Zeitreise mit dem Genre der Utopie verbunden, um einen Augenzeugen einen Blick in die Zukunft werfen zu lassen. Wesentlich seltener setzen Utopien in der Vergangenheit an. Erstens, weil uns diese bekannt und absolut unveränderbar ist, und zweitens, weil man sich als Autor in der Zukunft einfach freier bewegen kann. Hier sind der intelligenten Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Ausnahmen jedoch bestätigen die Regel. Utopien, die nur funktionieren, weil hier die Vergangenheit vom Schriftsteller bewusst manipuliert wurde. „Vaterland“ von Richard Harris zum Beispiel geht davon aus, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewann und versetzt seine Leser in das utopische Horrorszenario einer nationalsozialistischen Welt- und Allmacht, die in der Welthauptstadt Germania 1964 ihren Höhepunkt erreicht hat. Stephen Fry dagegen fabulierte sich in seinem Roman „Geschichte machen“ mit der Idee durch die Zeit, indem er es möglich machte, Hitlers Geburt zu verhindern. Er schickte einfach ein Unfruchtbarkeit erzeugendes Medikament rückwärts durch die Zeit. Mitten in die beschauliche Ruhe des kleinen Örtchens Braunau. Harris und Fry konnten auf diesem veränderten historischen Setting ihren Utopien freien Lauf lassen. Grandios.

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NSA von Andreas Eschbach

Es ist die Frage nach dem „Was wäre wenn?“, die es literarisch möglich macht, der Vergangenheit ein Schnippchen zu schlagen und Utopien entstehen zu lassen, die uns nicht nur in die Welt der Fantasie entführen, sondern vielfältige Botschaften im Gepäck haben. Wenn man sich auf ein solches Gedankenspiel einlässt und wenn es dem Autor gelingt, das utopische Szenario plausibel und authentisch mit Leben zu füllen, dann hat man gerade in solchen „bipolaren Utopien“ seine wahre Freude. In der Manipulation der Vergangenheit liegt der Schlüssel für die Veränderung unserer Wahrnehmung, was in der Zukunft möglich ist. Und diese Zukunft sind in diesem Fall genau wir. Magisch!

Andreas Eschbach hat mit NSA einen großen literarischen Wurf in genau dieser Gattung historisch manipulierter Utopien gelandet. Sein Roman setzt Maßstäbe im Umgang mit historischen Fakten in Bezug auf die Möglichkeiten, sie so in eine fiktionale Geschichte einzubetten, dass die Geschichtsfälschung als Stilmittel erlaubt scheint. Im ersten Moment erschienen mir viele Handlungselemente wie ein Sakrileg. Eschbach ist ein großer Provokateur, wenn es darum geht, sich geheiligte historische Wahrheiten so zurechtzubiegen, bis sie zum explosiven Treibstoff seiner Romane werden. Seine „Was wäre wenn“-Frage zielt auf die technologischen Möglichkeiten des Dritten Reichs ab. Es ist abstrus, was er konstruiert und doch ist es geradezu faszinierend, sich seinen Ideen hinzugeben. Die Wahrheit war nur einen Katzensprung von dem entfernt, was Andreas Eschbach hier so intelligent zu seiner eigenen Fantasie werden lässt.

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NSA von Andreas Eschbach

Was wäre, wenn es im Dritten Reich Computer gegeben hätte? Was wäre, wenn es in der NAZI-Diktatur ein Äquivalent zum heutigen Internet mit allen Chancen aber auch Risiken gegeben hätte. Was wäre, wenn die Menschen zu dieser Zeit über sogenannte „Volkstelephone“ verfügt hätten? Eine vollkommen vernetzte braune Gesellschaft wäre das gefundene Fressen für die Geheimdienste dieses Reiches gewesen. Vergessen wir einfach mal den Konjunktiv und ziehen den Vorhang zu „NSA“ auf. Es ist einfach Fakt. Nazi-Deutschland ist vernetzt. Das Nationale Sicherheitsamt (NSA) ist eine Behörde, in der die Fäden zusammenlaufen. Hier werden alle Informationen gespeichert, die man sich nur vorstellen kann.

Alle Einträge im „Deutschen Forum“, die Inhalte aller Elektrobriefe, die versandt werden und alle Telefongespräche mit Ortungsangaben. Darüber hinaus ist man in der Lage, das Volk live zu überwachen, weil jedes Fernsehgerät dem Geheimdienst als Sender aus dem Wohnzimmer der normalen Familien dient. In Weimar nun beschäftigt sich das „NSA“ mit der Auswertung all dieser Informationen. Wer die Datenflut im Griff hat, ist kriegswichtig und unverzichtbar für eine Diktatur. Und nur wer kriegswichtig ist, der wird nicht an der Front verheizt. Was für eine Motivation, der Regierung mal richtig zu zeigen, was man kann. Ein dunkles Szenario, in dem Eschbach seine Protagonisten zur vollen Entfaltung bringt und der wahren Geschichte Einhalt gebietet.

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NSA von Andreas Eschbach

„Ja mir scheint, die Grausamkeit und Schärfe der Daten übertrifft die des Stahls bei weitem.“

Diese bedeutenden Worte legt Andreas Eschbach einem gewissen Reichsführer SS Heinrich Himmler in den Mund. Hier beginnt er mit den wahren Tätern zu spielen und bedient sich ihrer Ideologie, wie sie sich der Technik bedient hätten, wenn es sie in dieser Epoche gegeben hätte. Skrupellos. Eschbach und die Nazis. Faszinierend, wie der Autor seine Story aufzieht und gnadenlos durchdacht, jedes noch so kleine Detail. Von hohem Sachverstand geprägt, wie er den Nazis alle Informationen zur Verfügung stellt, die ihrer Ideologie noch gefehlt haben. Durchdacht und sehr perfide, mit welchen Möglichkeiten sich die Mitarbeiter des „NSA“ nun auf die Suche nach Regimekritikern begeben können.

Und nicht nur das. Eschbach macht die Technik zum Instrument der Verfolgung der Juden in Deutschland. Der Abgleich aller verfügbaren Daten (Kontobewegungen, Einkaufsverhalten, Wohnungsgrößen, Melde-Listen, Volkstelephon-Verbindungen) lässt keinen Spielraum zum Entkommen. Die Leistungsfähigkeit des „NSA“ wird untermauert, als es in Anwesenheit Himmlers gelingt, versteckte Juden in Amsterdam aufzuspüren. Hier bricht Eschbach mit allen denkbaren Tabus. Hier sorgt er dafür, dass seine Leser aufschrecken, den Kopf schütteln, „unmöglich“ ausrufen und sofort weiterlesen müssen, weil es nicht anders geht. Das „NSA“ verrät Anne Frank, enttarnt die Angehörigen der Weißen Rose und liefert auch noch Georg Elser ans Messer. Daten werden Verräter. Mitarbeiter des „NSA“ werden Täter. Doch damit nicht genug.

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NSA von Andreas Eschbach

Während Eschbach Täter präsentiert, die jedes Opfer bringen würden, nur um selbst nicht ein Opfer zu werden, platziert er die junge Programmstrickerin Helene im Herzen seiner Utopie. Für sie ist der Umgang mit Daten rein analytisch. Sie beantwortet durch geschicktes Programmieren (übrigens reine Frauenarbeit) alle ideologisch motivierten Fragen. Sie versucht erst gar nicht zu begreifen, was sie mit den gelieferten Daten aus der Hand gibt und wen sie ausliefert. Erst als der Groschen fällt, wird aus Helene mehr als nur die brave Datenmaus der „NSA“. Sie beginnt das System zu verändern, weil sie plötzlich betroffen ist. Sie versteckt die Liebe ihres Lebens bei Freunden. Tja, und nach solchen wie ihm sucht das „NSA“ händeringend. Desertierte Soldaten… Das Gewissen wird wach. Der Roman implodiert vor Spannung. 

Andreas Eschbach erzählt eine unfassbare Geschichte, als hätte es sie gegeben. Was er jedoch wirklich unternimmt, ist der Versuch, uns die Augen zu öffnen, was uns alltäglich im Leben umgibt. Immer wenn wir ungläubig den Kopf schütteln und ausrufen, dass es damals gar nicht möglich war, halten wir plötzlich inne und müssen uns sagen: ABER JETZT. Diese Utopie ist das intelligenteste, mit allen Tabus brechende Buch, in dem ich in den letzten Jahren eintauchen durfte. Es lässt kein Buch unberührt, das mich durch das Lesen gegen das Vergessen begleitet hat. Es zerrt mit aller Macht an Stella, lässt Die Untergetauchten nicht in Ruhe und begeht Hochverrat an Anne Frank. Und all dies um uns die Augen zu öffnen, welche Daten wir freiwillig bereitstellen, die uns im ganz realen Leben schon jetzt jedem Missbrauch ausliefern.

NSA, TTIP und weitere heute sehr gebräuchliche Abkürzungen sollen uns hier die Augen öffnen. Ob es gelingt? Ob wir unser Weltnetz bewusster nutzen? Ich zweifle.

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NSA von Andreas Eschbach

Als ich dachte bereits auf dem Höhepunkt des Grauens angelangt zu sein, drehte Andreas Eschbach die Schraube seines Romans noch eine Umdrehung weiter. In meinem ganzen Lesen habe ich ein Buch noch nie so hilflos beendet wie dieses. Es ist nicht leicht, dieses Ende. Passend zu einem literarischen Schwergewicht.

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