„Die Enthüllung der Welt“ von Stefan Schmortte

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

Dem ersten Buch eines neuen Jahres kommt für mich große Bedeutung zu. Fast schon abergläubisch wähle ich es ganz bewusst aus, weil dieses erste Lesen für mich Signalwirkung hat und wegweisend ist. Diesmal sollte es ein historischer Roman sein. Ein Buch mit möglichst unverbrauchtem Thema, literarischem Neuland und einer Story, die geeignet erschien, mich in mein literarisches Universum 2018 zu katapultieren. Ich entschied mich für ein Debüt. Autor neu, Inhalt neu, Jahr neu. Was wollte ich mehr? Es ist ein fast heiliges Ritual, dieses erste Buch besonders zu zelebrieren.

Die Enthüllung der Welt“ von Stefan Schmortte, erschienen im Lago Verlag, sollte es sein. Das 17. Jahrhundert klang als Ziel meiner Zeitreise mehr als interessant und das Kernthema des Romans war mir bisher in gebundener Form noch nicht begegnet. Die Geschichte des Mikroskops. Im Kleinen das Große erkennen. Expeditionen in eine unentdeckte Welt, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Entdeckungen von großer wissenschaftlicher Tragweite in einer Zeit, in der sich die Gelehrten der Welt noch darum stritten, ob unsere Erde sich wirklich dreht. Eine Zeit, in der die Aufklärung den Ansichten der katholischen Kirche diametral entgegenstand und man als Forscher riskieren musste nicht nur seinen Ruf, sondern auch das Leben zu verlieren.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

In genau diese spannende Zeit wollte ich mich hineinlesen. Historisch fundiert und authentisch musste es sein. Und die Protagonisten sollten mich an sich binden. Gefühle wecken. Eine besondere geschichtliche Epoche mit ihrem Leben füllen und mich zum Wegbegleiter erwählen. Ja, Ansprüche an einen Roman können sehr hoch sein. Ich will es hier vorwegnehmen. Ich habe die beste Entscheidung meines Lesens getroffen. Es war ein grandioser Start ins Lesejahr 2018 und ich werde dieses Buch so schnell nicht vergessen, weil es in jeder Beziehung alles hielt, was ich mir von ihm versprach! Es ist spannend, emotional, unvorhersehbar, fundiert und wirkt wie aus der Zeit gefallen, weil es einen atmosphärischen Bogen spannt, der literarisch außerordentlich tragfähig ist.

Nur eines ist Die Enthüllung der Welt sicher nicht. Ein historischer Roman. Weg mit den Schubladen, hinfort ihr Klischees! Hier betritt ein Autor das literarische Parkett, der wie sein fiktionaler Protagonist Piet van Leeuwen der allzu dogmatischen Sicht der tradierten Kategorisierung des Denkens entgegentritt und sich von allen Zwängen löst. Stefan Schmortte verweigert sich der einfachen Einordnung, dem Schubladendenken des Mainstreams. „Die Enthüllung der Welt“ ist ein brillant erzählter Roman. Ich habe es mit einer Geschichte zu tun, die mir an einem Lagerfeuer erzählt werden könnte. Sie lebt von den Charakteren, die frei erfunden sind und doch so lebendig wirken, als hätte es sie wirklich gegeben. Dies ist kein historisch wissenschaftlicher Roman, der sich bei genauer mikroskopischer Betrachtung vermessen lässt. Dies ist eine tolle Geschichte.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

„Es war noch sehr früh am Morgen, als in der niederländischen Stadt Delft, am Ende einer kopfsteingepflasterten Gasse nahe der alten Kirche, ein junger Mann in seinem Haus erwachte, der mehr als jeder andere seiner Zeit einen Blick für die Kleinigkeiten in der Welt besaß.“

Mit diesem ersten Satz im Roman lernen wir Piet van Leeuwen kennen. Ein junger Mann mit einem außergewöhnlichen Lebensweg in ungewöhnlich unruhigen Zeiten. In diesem ersten Satz erkennen wir schon, dass er über eine besondere Fähigkeit verfügt, die ihn von anderen Menschen seines Zeitalters unterscheidet. Er ist scharfsichtig wie kein Zweiter. Er erkennt mit bloßem Auge Details, die andere nicht mal mit einer Lupe sehen würden. Eine Gottesgabe, könnte man sagen. Wenn man es sich leicht machen wollte. Fluch und Segen, könnte man sagen, wenn man diese Gabe im Kontext seines Lebens betrachtet.

Denn jeder guten Gabe scheint Gott ein ebenso großes Leid an die Seite gestellt zu haben. Piet van Leeuwen ist kleinwüchsig, verunstaltet und eben genau nicht das, was sich seine Mutter als Sohn gewünscht hat. Sie schämt sich für ihn. Missgeburt und Schande. Worte, die seine ganze Kindheit begleiten. Als sein Vater Selbstmord begeht entsorgt man den kleinen Piet mit Hilfe der Kirche in ein Kinderheim. Weg mit ihm. Aus den Augen aus dem Sinn. Die brutale Erziehung und ständige Misshandlungen härten Piet für sein Leben ab. Flucht ist sein einziger Ausweg. Seine Augen sind sein einziger Trumpf. Die letzte Botschaft seines Vaters wird zum Lebensmantra…

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

„Wer für das Allerkleinste im Leben ein Auge hat, wird das Allergrößte in seinem Leben erreichen!“

Mit seiner Scharfsichtigkeit öffnet er den Menschen in seinem Umfeld die Augen. Piet van Leeuwen geht seinen Weg. Einen Weg, der von Neugier und Liebe geprägt ist. Einen Weg, der das Unsichtbare sichtbar werden lässt. Wenn schon das bloße Auge in der Lage ist, Dinge zu sehen, die eigentlich unsichtbar sind, was könnte man da noch entdecken, wenn man die eigene Sehkraft verstärken würde? Diese Frage führt ihn zur Suche seines Lebens und damit in seine kleine Werkstatt und zu seiner Apparatur, mit der er erstmals Dinge beobachten kann, die dem menschlichen Auge verborgen waren.

Mit diesem ersten Mikroskop tritt er eine Kette von Ereignissen los, die sein Leben verändern. Er muss um sein Leben fürchten, da seine Beobachtungen im Widerspruch zur Kirchenlehre stehen. Er erlangt wissenschaftlichen Ruhm, indem er von Menschen unterstützt wird, die der Aufklärung im 17. Jahrhundert den Weg bereiten. Er hat gegen den Aberglauben der Zeit zu kämpfen und gegen die Stadt in der er lebt. Die Heimkehr nach Delft, die Stadt aus dem man ihn als Kind vertrieb, erweist sich als fatal. Nicht nur wegen der vermeintlichen Scharlatanerie des Unsichtbaren, sondern wegen der Liebe seines Lebens, die Piet nach Delft gefolgt ist. Eine Jüdin, die er aus einem Hurenhaus in Amsterdam freigekauft hat. Als hätte er nicht Probleme genug.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte – Der Lesestein

Stefan Schmortte lässt uns sehen, was sonst niemand sieht, er lässt uns fühlen, was niemand fühlt und er lässt uns erleben, was wir niemals selbst erleben wollen. In jeder Enthüllung seines Romans liegt ein eigener Weg verborgen. Freunde und Feinde von Piet van Leeuwen werden zu unseren Wegbegleitern. Wir versinken in Abgründen kirchlicher Dogmatik, verzweifeln an abstrusen wissenschaftlichen Fehldeutungen und kämpfen mit dem einzigen Freund seines Lebens auf hoher See ums Überleben. Es ist unfassbar facettenreich, was wir auf diesen 550 Seiten erlesen dürfen. Es ist ein Lesen voller Emotion und Zuneigung zu Piet und Carla. Es ist ein Lesen, geprägt von Zweifel und Erkenntnis. Ein Lesen, das so lesenswert ist, wie man es sich nur wünschen kann.

Am Scheideweg der „Enthüllung der Welt“ schreit uns der Autor eine Botschaft ins Leben, die „seinen“ Piet van Leeuwen zum großen Zweifelnden und Suchenden in der Literatur werden lässt. Wenn man das Allerkleinste im Leben zu wichtig nimmt, kann es sein, dass man das Allergrößte in seinem Leben verliert. Tragfähig ist der Roman. Tragfähig, seine Message. Er ist prädestiniert um das eigene Lesen zu feiern. Ich umgab mich mit Lesesteinen, Skizzen von Leonardo da Vinci, ich warf Blicke durch Lupen und versuchte doch das Größte nicht aus den Augen zu verlieren. Die Liebe. An der Seite von Piet van Leeuwen liest man die Welt mit anderen Augen.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

Stefan Schmortte, für mich ein Autor mit beachtlichem Potenzial. Ein Roman, der sich auf dem Buchmarkt nicht verstecken muss. Es war ein perfekter Lesestart in mein literarisches Traumjahr 2018. Wenn mich alle Bücher dieses Jahres so begeistern, ist mein Lesen ein Traum. Zelebriert euer Lesen… Es lohnt sich…

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte – Das Lesen zelebrieren

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„The Writer´s Cut“ von Monty Python Eric Idle

The Writer´s Cut von Eric Idle

Timing ist bekanntlich alles, wenn es um Gags geht! Die beste Comedy verpufft in Banalität, wenn der richtige Zeitpunkt für den Knalleffekt verpasst wird. Wer jemals den Film Das Leben des Brian von Monty Python gesehen hat, weiß ganz genau was es bedeutet, absolute Meisterschaft im Timing von Gags zu erreichen. Kaum eine andere Komikergruppe hat es jemals zu einer vergleichbaren Timing-Brillanz gebracht. Kaum ein zweites Team war in der Lage, dem Sinn des Lebens einen neuen Sinn zu geben oder die Geschichte des Mittelalters mit den Rittern der Kokosnuss zu garnieren.

Eric Idle war einer von ihnen. Auch 25 Jahre nach Brian gehört Idle immer noch zum internationalen Who-is-Who der Gag-Giganten. Der Schauspieler, Synchronsprecher, Regisseur und Komponist zieht seit den großen Erfolgen von Monty Python auch solo seine Kreise. Unsere Erwartungshaltung ist riesig, wenn wir ihm ihn seinem Schaffen begegnen. Punktgenau hat er immer geliefert. Wesentliche Teile meiner Lachmuskeln sind von ihm als Personal Trainer geformt worden und nun ein Buch aus seiner Feder vor Augen zu haben lässt mich schon vor dem ersten Satz erwartungsvoll schmunzeln.

The Writer´s Cut von Eric Idle

The Writer´s Cut“ liegt nun in einer zweisprachigen Taschenbuchausgabe aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch vor. So wird aus einer 165-seitigen Story doch ein ansehnliches Werk, da uns neben der Übersetzung von Julian Müller zugleich die originalen Zeilen des britischen Multitalents Eric Idle zur Verfügung gestellt werden. Ein gewagtes Unterfangen. Zumindest aus Sicht des Übersetzers. Für ihn steht hier schon viel auf dem Spiel, da jeder Leser damit beginnt, die beiden Fassungen zu vergleichen und zu mutmaßen, wie man selbst die ein oder andere Passage des Buches übersetzt hätte. Ein gewagtes Spiel eben auch, weil bestimmte Redewendungen und Wortspiele einer Hollywood-Satire sich dem deutschen Sprachgebrauch entziehen, wenn man sie wörtlich an den Mann oder die Frau bringen wollte…

„Ein Reality-Roman aus Hollywood“, was auch immer wir uns davon zu versprechen haben, gerade in der Zeit der #MeToo-Skandale darf und muss man darauf gespannt sein, was Eric Idle hier zu Papier gebracht hat. Eines ist jedoch sicher. Whistleblower sehen anders aus und realen Enthüllungsjournalismus darf man hier wirklich nicht von ihm erwarten. Was ich lesen durfte hat mich jedoch vom Hocker gehauen und meiner Lachmuskulatur dazu verholfen, nun als gestählt betrachtet zu werden. Muskelkater all inclusive! Was jedoch macht diese Story so real, was verleiht ihr Brisanz und warum ist es brüllend komisch, worüber sich Eric Idle hier amüsiert? Ganz einfach. Er nimmt alle Automatismen einer Unterhaltungsindustrie auf die Schippe und begeistert damit ganz besonders Buchliebhaber.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Stanley Hay ist Drehbuchautor. Noch dazu ein recht erfolgloser, dessen Existenz in Hollywood ebenso verschwiegen, wie unterbezahlt wird. Soviel zum Thema Realsatire. Als er jedoch ankündigt, einen Enthüllungs-Roman über die Prominenten der Filmsets auf den Markt bringen zu wollen, löst er schiere Hysterie aus. Doppelmoral trifft auf ihr voyeuristisches ungezogenes Schwesterlein. Jede Menge Sex und Drugs garniert mit weltbekannten Schauspielerinnen und Models. Das ist eine Sensation und Hollywood erzittert. Ein hochdotierter Buchvertrag wird schnell unterschrieben, die Filmrechte sind hart umkämpft, Interview folgt auf Interview und Stanley Hay steht im Mittelpunkt allen medialen Interesses.

Einziges Problem. Er hat noch keine einzige Zeile zu Papier gebracht. Aus dieser grandiosen Ausgangssituation heraus kommt Eric Idle aus seiner Deckung und schießt schärfer als die Polizei erlaubt. Aus dem Whistleblower wird ein Blowjobwhistler. In allen Details dieser Story entdecken wir die wahren Automatismen, die den Buchmarkt weltweit bestimmen. Sensationsgier und die Suche nach dem Mega-Seller lassen alle Schranken und Hüllen fallen. Und das absolut Perverse an der gesamten Situation. Die wahrhaft prominenten Weltklasse-Schauspielerinnen fürchten sich davor, nicht im Buch erwähnt zu sein. Kein Skandal – kein JetSet. Und so bemüht man sich doch noch kurz vor Toresschluss auf den eigentlich abgefahrenen Zug aufzuspringen. Koste es was es wolle.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Eigentlich haben es Komiker in den USA schwer genug. Eric Idle betont das mehr als deutlich:

„Da sitzt ein Clown im Weißen Haus und keiner lacht!“

Doch noch bevor wir wissend mit dem Prusten beginnen, bleibt uns das Lachen so sehr im Hals stecken, als hätten wir eine gute Portion Gräten gegessen. Der Roman ist im Jahr 2003 angesiedelt und gemeint ist hier George W. Bush. Spätestens hier wird klar, wie zeitlos die Story ist und dass es auch noch schlimmer kommen kann. Dieser Roman hat Potenzial, weil er mit der Potenz seines Protagonisten protzt. Das Bild der Frauen in dieser Unterhaltungsindustrie verkommt schnell zum Schlampenimage, auf das Hollywood heute mit Abscheu schaut. Diese Scheinheiligkeit stinkt in dieser Story gewaltig zum Himmel. Die Besetzungscouch ist hier kein geflügeltes Wort und Sex ist Währung, mit der auch Aktricen gerne zu zahlen bereit sind. Ein Skandal ? Nicht in Eric Idles Buch, das es gar nicht gäbe ohne reale Vorbilder. Das ist postironisch!

Wer jedoch ist nun der bessere Gagschreiber? Eric Idle oder sein Übersetzer? Ich habe keinen Zweifel, dass Julian Müller hier ein faszinierendes eigenständiges Werk geschaffen hat. Wortspiele die nicht übersetzbar sind hat er auf Gutdeutsch kompatibel gemacht. Redewendungen, die so nicht funktionieren, hat er lachbar gemacht. Wenn in der englischen Fassung etwas undicht ist, heißt es im Original „leaky as a cheap tent“. Julian Müller macht daraus „undicht wie ein Kondom aus dem Nähkästchen!“ Weit entfernt vom Ursprung, könnte man denken. Ich finde die Übersetzung hat Pep und ist alleine für sich schon ein Skandal, weil Julian Müller keine Details umschifft, die diese Story so schlüpfrig, skandalös und anzüglich machen. Hut ab.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Idle ist ein Perfektionist in Sachen Timing! Lesen, lachen, nachdenken und wieder lesen. Wer Bücher liebt und die große Story eines ungeschriebenen Bestsellers nicht verpassen möchte, ist hier genau an der richtigen Stelle. Kein uferloser Director`s Cut. „The Writer`s Cut“ stößt schnell und präzise zu. Wie sein Protagonist.

Raquel J. Palacio – „WUNDER“ – Vom Buch zum Film

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Manchmal werden Literaturverfilmungen gar nicht mehr als solche wahrgenommen, weil die Romanvorlage zum Film schon lange zurückliegt, oder nicht die Zielgruppe von Lesern erreicht hat, die nun die Kinokassen stürmen. Im Januar werden jedenfalls viele Menschen einen neuen Film bestaunen, auf den ich eigentlich schon seit Jahren warte. Raquel J. Palacio veröffentlichte 2012 ihren Roman „Wunder“, der das Schicksal von August Pullman in den Mittelpunkt stellt. Einen Jungen, der aufgrund eines Gendefekts stark entstellt ist. Das Jugendbuch trat gegen Ausgrenzung und gezieltes Mobbing an, erfreute sich großer Beliebtheit und doch werden viele Erwachsene den Film nicht mit einem Buch in Einklang bringen. Grund genug für mich, eine Retrospektive auf diesen außergewöhnlichen Roman zu wagen und mich mit gutem Gefühl ins Kino zu setzen.

Mit Julia Roberts hat Regisseur Stephen Chbosky die Bestbesetzung für Auggies Mutter gefunden. Hier kann sie alle Facetten einer kämpferischen, verzweifelten und oftmals auch hilflosen Mutter abrufen, die auf der Gratwanderung zwischen Bemuttern, Behüten und Umsorgen nun den Schritt in die harte Realität mit ihrem Sohn gehen will. Die Konfrontation mit einem entstellten Kind stellt die Umwelt vor eine Herausforderung, der sie kaum gewachsen scheint, „Wunder“ trägt seinen Namen zu Recht, weil Auggie die Welt verändert. Jacob Tremblay brilliert in der Rolle von August. Der Schauspieler ist bekannt aus der Verfilmung von Emma Donoghues Roman „Raum“. Schon hier hat er als der kleine Jack Newsome, der in absoluter Isolation mit seiner Mutter aufwächst, geglänzt. Auch für „Wunder“ wurde er bereits für die Critics Choice Movie Awards als bester Jungschauspieler nominiert.

Lasst euch den Film nicht entgehen und vielleicht werft ihr einen Blick ins Buch, bevor ihr ins Kino geht, oder auch danach. Wunder ist es wert, gemeinsam mit jungen Menschen gelesen und gesehen zu werden. Ich möchte euch Auggie gerne ein wenig näher vorstellen…  Ich sehe ihn oft vor mir, wenn ich an das Buch denke…

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich sehe einen Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Ich sehe einen Jungen, der nur einmal im Jahr befreit durchs Leben gehen kann. Ohne Angst gehänselt  zu werden und ohne Furcht, dass Menschen die Straßenseite wechseln, nachdem sie ihn sehen. Halloween. Der Tag, an dem sich alle Kinder verkleiden, sich hinter gruseligen Masken verstecken, nach „Süßem oder Saurem“ verlangen und sich diebisch freuen, wenn man entsetzt die Augen verdreht. Dieser Tag ist der schönste Tag des Jahres für August, weil er ohne Verkleidung den gleichen Effekt erzielt.

Ich lese die Worte des Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Sie sind an mich gerichtet und er versucht mir meine Berührungsangst zu nehmen. Er spricht zu mir und ich höre ihm gebannt zu, da ich ahne, dass die Worte mich tief bewegen werden. Über sich selbst sagt er nur:

Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer!“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich folge diesem Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Seine Eltern haben für ihn beschlossen, dass er trotz seiner genetisch bedingten Gesichtsdeformationen nun endlich eine richtige Schule besuchen muss. Den nächsten Schritt in ein Leben, in eine Zukunft der Normalität – dies ist ihr Ziel und auch August möchte diesen Schritt gehen. Denn hinter der verunstalteten Fassade ist er intelligent, liebenswürdig und hilfsbereit.

Ich erlebe ein Umfeld, das unnachgiebig nach Außenseitern sucht und einen solchen in August findet. Ein geborenes Opfer, das man gerne ausgrenzt – zumal man ja selbst unsicher ist, wie man einem Jungen begegnen soll, dem man nicht in die asymmetrisch angeordneten Augen schauen kann. Jemand, den man gut herumschubsen und leicht quälen kann – weil man es nicht besser weiß. Ich fühle „Auggies“ Schmerzen, Zweifel und die Zerrissenheit angesichts der Richtigkeit seines Weges. Ich ziehe mich heulend mit ihm zurück.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Spätestens an dem Tag, als jene, die es besser wissen müssten (die Eltern seiner Mitschüler) sein Gesicht auf dem offiziellen Klassenfoto wegretuschieren, bricht in mir die blanke Wut aus. Spätestens an diesem Tag bricht die Welt meines neuen Freundes „Auggie“ haltlos in sich zusammen, da er realisieren muss, dass sein Traum von einem normalen Leben wie eine Seifenblase platzt. Man lästert nicht nur hinter vorgehaltener Hand über ihn. Man schließt von seinem Äußeren auf sein Inneres und erklärt ihn zum hässlichen Menschen – zu einem Wesen, das in einer schönen Gemeinschaft wie ein Fremdkörper wirkt. Selbst jene, denen er vertraut, verraten ihn bitterlich.

Ich weine oft in dieser Zeit. Ich weine um Auggie und fühle seinen eigenen Schmerz. Bis jemand in sein Leben tritt, der ich im wahren Leben gerne wäre. Jemand, der ihn so annimmt, wie er wirklich ist. Jemand für den falsches Mitleid ein Fremdwort ist. Jemand der nicht aus geheuchelter Anteilnahme Interesse vorgaukelt, sondern ein Mensch, der zeigt was es heißt, sein Gegenüber ohne jedes Vorurteil wahrzunehmen.

„Ich heiße übrigens Summer. Wie heißt Du? August? Hey, unsere Namen passen gut zusammen. Wir können das hier zum exklusiven Sommer-Tisch erklären. Nur Leute mit Sommer-Namen dürfen hier sitzen… Gibt`s hier irgendwen, der June oder July heißt?“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Und dann hört das Weinen auf – dann enden die Zweifel, denn es ist „Auggie“ selbst, der mir auf die Schulter klopft und meint, es wäre nun aber wirklich mal an der Zeit mit erhobenem Kopf der Realität ins Auge zu schauen. Wie kann ein nicht mal 10-jähriger Junge nur so stark sein? Wie kann er das nur? Raquel J. Palacio gelingt mit „Wunder“ ein wahres Wunder. Sie stellt nicht nur August in den Mittelpunkt des Romans, sondern erzielt mit den wechselnden Erzählperspektiven eine beeindruckende Wirkung.

Nicht nur von innen lernen wir „Auggie“ kennen. Nein – auch das Außen entzieht sich nicht. Seine ältere Schwester kommt zu Wort, die einerseits wie eine Löwin für ihn kämpft, sich andererseits lebenslang zurückgesetzt fühlt, da sich doch alle Planeten der Familie nur um diesen einen Fixstern drehen. All jene, die „Auggie“ ganz bewusst oder unbewusst verletzen werden eingeblendet und als gänzlich außenstehender Leser wird man in einen literarisch hochklassigen Mahlstrom aus Missverständnissen, Hilflosigkeit, purer Falschheit und selbstloser Empathie verwickelt.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Raquel J. Palacio verleiht den Planeten des Sonnensystems „Auggie“ Gehör und allein durch diesen Kunstgriff erzählt sie keine von reinem Mitleid geprägte Geschichte, sondern nimmt uns Leser an die Hand und fragt nach jedem Kapitel ganz zart „Und Du? Was hättest Du getan?“ Und diese Frage stellt sie ohne jeden Vorwurf. Sie erhebt nicht einmal den Anspruch es selbst besser gemacht zu haben.

„Wunder“ ist ein Wunder von einem Buch. Eine Gesellschaft inmitten einer tiefen Debatte um gleiche Rechte für Menschen mit Handicap kann durch einen solchen Roman verändert werden. Familien können verändert werden, wenn man nur für sich selbst überlegt, was die Erkrankung eines Kindes, eines Bruders oder einer Schwester bedeuten kann. Dieser Roman kann uns verändern, da er menschliche Schwächen im Umgang mit solch außergewöhnlichen Erkrankungen nicht verurteilt, sondern lediglich zeigt, welche Folgen unbewusst und bewusst durch unser Verhalten und Fehlverhalten entstehen können.

Dies ist mit Sicherheit kein trauriges Buch für Leser von 10 bis 99 Jahren. Dies ist keine wehleidige Geschichte. „Wunder“ ist ein Roman, bei dem man ein Wunder erlebt. In jeder Beziehung des Lesens. Unverkitscht – ungeschönt und doch so sehr strahlend wegen der riesigen Portion Hoffnung, die „Auggie“ durchs Leben trägt. Ihr müsst diesen besonderen Jungen kennenlernen. Gebt ihm eine Chance, euch von seinem Leben zu erzählen und hört dabei seinen Verwandten und Freunden zu. Und begeht dabei nicht den Fehler, auch die falschesten aller Freunde zu verurteilen. „Auggie“ würde das auch nicht tun – niemals.

Am Ende dieses großen Romans solltet ihr bereit sein, „Auggie“ in sein eigenes Leben zu entlassen. Gute Autoren lassen ihre Protagonisten an dem Punkt ziehen, an dem sie davon überzeugt sind, dass sie es von da an selbst schaffen können. Ein Satz von Jennifer Benkau (Dark Canopy und Dark Destiny), den ich nicht vergessen werde. Er ist so wahr und zeugt von wahrer Größe. Aber glaubt mir, bevor ihr „Auggie“ alleine lassen müsst, werdet ihr Zeuge eines Finales, das diesem kleinen besonderen Jungen mehr als würdig ist.

“You are beautiful – no matter what they say” – Nur eine kleine unbedeutende Zeile eines weltbekannten Songs, könnte man wohl meinen. Die eigentliche Wahrheit dieser melodischen Botschaft geht tiefer – viel tiefer. „Du bist schön – egal was andere sagen“. Kein Song passt besser zu diesem Buch, kein Song passt besser zu „Auggie“ und kein Song ist ehrlicher als dieser.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Entdeckt die Schönheit von Buch und Film. Vielleicht findet ihr euch sogar selbst!

„Nichts als die Nacht“ – Das Debüt von John Williams

Nichts als die Nacht von John Williams

Am Ende eines Leseweges komme ich am Anfang an. Klingt komisch, ist aber so. In konzentrischen Kreisen bewegte ich mich lesend durch das schmale Gesamtwerk des 1994 verstorbenen Schriftstellers John Williams. Dabei vereint seine Bücher, dass sie erst nach seinem Tod richtig bekannt und international wertgeschätzt wurden. Ich lernte Williams in seinem elegischen Abgesang auf den wilden Westen „Butcher´s Crossing“ kennen, reiste an seiner Seite ins alte Rom und freundete mich mit „Augustus“ an und gelangte schließlich zu „Stoner“, dem für mich stärksten und brillantesten Buch aus der Feder des texanischen Schriftstellers.

Ich habe mich zumeist lesend und hörend durch sein Werk bewegt und war immer wieder fasziniert von seiner präzisen Erzählweise, seiner literarischen Suche nach der Wahrhaftigkeit des menschlichen Geistes und seiner Sprachmelodie, die mich in seine Welten eintauchen ließ. Drei Romane sind es, die seinen Weltruhm ausmachen. Dabei besteht sein Werk insgesamt aus vier Büchern. Nun schließt sich die Lücke zu seinem Debüt und erstmals liegt nun auch in deutscher Übersetzung von Bernhard Robben der erste Roman „Nichts als die Nacht“ in gebundener Fassung (dtv) und als Hörbuch mit der Stimme von Alexander Fehling (Der Hörverlag) vor. So schließt sich der Kreis.

Nichts als die Nacht von John Williams

Nun scheint es ja guter Verlagsbrauch zu sein, dass post mortem alle Werke eines Autors publiziert werden, die bei Drei nicht auf dem Baum sind. Man greift auf zuvor nie veröffentlichte Manuskripte, Fingerübungen, Briefe und Essays zurück, die im Nachlass zu finden sind und verstört auf diese Art und Weise oftmals die Fangemeinde, weil hier Werke ans Licht der Bücherwelt gelangen, die der Schriftsteller selbst wohl nicht gerne veröffentlicht sehen würde. Bei John Williams und seinem Buch „Nichts als die Nacht“ ist dies anders. Dieser Erstling wurde 1948 unter dem Titel „Nothing But the Night“ im Pressenverlag (kleine Auflage, hochwertiger Druck) von Allan Swallow herausgebracht. 

Wie aber gehe ich heute als großer Liebhaber der Werke von John Williams mit seinem Debüt um? Wie nähere ich mich einem Buch, das bei seinem Erscheinen kein literarisches Interesse hervorrief, sich zu einem wirtschaftlichen Misserfolg entwickelte, wieder von der Bildfläche verschwand, bevor es hinsichtlich der Reputation des jungen Autors Schlimmeres anrichten konnte und anschließend nie mehr erwähnt wurde? Wie nähere ich mich in meinem Lesen und Hören einem Werk, das selbst sein Verleger als „trostlos“ bezeichnete? Und zuletzt: Wie freunde ich mich mit einem Roman an, den der Schriftsteller selbst zeitlebens ablehnte und verleugnete? Keine gute Ausgangsbasis!

Nichts als die Nacht von John Williams

Ich versuchte meine leichten Vorbehalte auszublenden und stieg ohne besonders große Erwartungen wechselweise in das Buch und das Hörbuch ein. Ich bin kein Literaturwissenschaftler und wäre auch sicher nicht in der Lage, das Werk analytisch in den Zyklus der Werke von John Williams einzuordnen, würde ich nicht wissen, was ich weiß. Also frisch gewagt und hinein in sein erstes und für mich gleichzeitig letztes Buch aus seiner Feder. Wehmut überwog. Vielleicht fand ich ja zumindest die ersten Ansätze des großen Erzähltalents, das mich in den anderen Werken so sehr gefesselt hatte.

„Trostlos“, sagte einst der Verleger. Eine Stimmungslage, die schnell von mir Besitz ergriff, als ich dem jungen Arthur Maxley begegnete. In einer melancholisch verzweifelt wirkenden Selbstbetrachtung breitet sich sein  Weltschmerz über dem Leser aus. Arthur ist gerade aus einem Alptraum erwacht und die ganze Welt ekelt ihn nur an. Die letzten Worte aus dem Traum lasten auf seiner Psyche und sie gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. „Vater unser, der du bist im Himmel… Vater unser“ Schnell wird klar, dass wir es hier mit einem traumatisierten jungen Mann zu tun haben, der ein Kindheitserlebnis mit sich herumschleppt. Gestörte Vater-Sohn-Beziehung. Augenfällig.

Nichts als die Nacht von John Williams

Wir begleiten Arthur Maxley durch einen einzigen Tag seines traurigen Lebens. Verwöhnt, Muttersöhnchen, Dandy, Alkoholiker, ausschweifend, von den Schecks des Vaters lebend und zutiefst lethargisch empfinden wir den jungen Mann. Und lethargisch gleiten auch die Stunden und Minuten dieses Tages an uns vorbei. Selbstmitleid ist die Melodie dieses Buches. Unzufriedenheit sein Rhythmus. Die Begegnungen des Tages gipfeln in einem gemeinsamen Essen mit dem Vater, der seinem Sohn wohlgesonnen und -wollend gegenübersitzt. Finanzielle Unterstützung gerne. Der Rest: Undenkbar. In seiner Verzweiflung über fehlenden emotionalen Halt ruft sich Arthur Maxley die Bilder seiner Mutter in Erinnerung, die für Wärme und Zuneigung stehen. Einer Mutter, mit der die tiefsten Abgründe der Traumatisierung tief verwoben sind.

Wir werden zu Zeugen der eigentlichen Ursache für ein verstörtes Leben, ebenso unfreiwillig, wie der kindliche Arthur zum Zeugen wurde. Spätestens hier kann man nachvollziehen, wie groß das Trauma sein muss, das er vor Jahren erlitten hat. Hier ist es möglich ihm zu folgen, zu erkennen, wo seine Welt aus ihren Angeln gehoben wurde und warum es ihm nie wieder gelang, in die Spur zu kommen. Als er später an diesem Tag einer jungen Frau begegnet, befreit sich der innere Tornado der verwirrten Gefühle und verschafft sich Raum. Ein Finale das man nicht kommen sieht. Am Ende des Tages blutet nicht nur das Herz des Lesers.

Nichts als die Nacht von John Williams

“Nichts als die Nacht“ von John Williams ist mehr als nur die erste Fingerübung eine künftigen Autors von Weltformat. Hier offenbaren sich die unglaublich intensive Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, tiefste Gedanken eines Protagonisten zu Papier zu bringen ohne den Eindruck zu erwecken, sie seien durch einen Dritten verfasst. Hier zeigt sich das Unmittelbare im Schreiben von John Williams. Er tritt als Instanz nicht in Erscheinung und vermittelt den Eindruck, alles Erlebte und Gefühlte aus erster Hand zu erfahren. Das angepriesene literarische Juwel ist dieses Buch sicherlich für Liebhaber des Autors. Er legt hier die Spuren zu seinem späteren Schreiben, das allerdings mehr als 12 Jahre brauchte, um mit „Butcher´s Crossing“ einen zweiten Roman zur Welt zu bringen. Ich möchte das Debüt von John Williams nicht  überbewerten, es aber auch in keiner Beziehung kleinreden. Mit der geschlossenen Dimension seiner späteren Werke und seiner Fähigkeit, unterschiedliche Erzählstränge zu einem wahrhaft meisterlichen Bild zu verweben, hat „Nichts als die Nacht“ allerdings wenig gemein. Dafür ist es mir zu schlicht und – ja – zu trostlos…

Wer das Lesevergnügen noch steigern möchte, der sollte sich Alexander Fehling im gleichnamigen Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag anvertrauen. Sein Weltschmerz und die verzweifelte Melancholie, die er dem jungen Arthur Maxley in die Stimme legt, sind so intensiv, dass man es sich so nicht selbst vorlesen könnte. Fehling verleiht der psychologisch traumatisierten Figur eine besondere Plausibilität und Tiefe. Hätte John Williams dieses Hörbuch jemals gehört, ich denke, er würde nicht mehr leugnen wollen, wer diesen Roman geschrieben hat. Vervollständigt eure Williams-Sammlung und seid nicht allzu streng mit eurer Bewertung. Der Autor hätte gar nicht gewollt, dass wir diese erste Begegnung mit der Bücherwelt vor Augen oder in die Ohren bekommen.

Mehr zu John Williams in meinem exklusiven Interview mit Patricia Reimann: hier

Mein großes John-Williams-Interview mit Patricia Reimann – Hier klicken…

„Everland“ von Rebecca Hunt – Auf in die Antarktis

Everland von Rebecca Hunt

Eigentlich scheint es ja so zu sein, dass Romane über Antarktis-Expeditionen kaum noch Leser hinter dem gemütlichen Ofen hervorlocken, womit sie schon einiges mit den realen Forschungsvorhaben im ewigen Eis unserer Tage gemeinsam haben. Eigentlich ist alles erzählt, alles erforscht und die Technik von heute hat den Expeditionen letztlich jeden Reiz genommen. Von Risiko und Lebensgefahr kann keine Rede mehr sein, und wenn diese Zutaten fehlen, ist das Aussterben von Abenteuergeschichten rund um den Südpol wohl vorprogrammiert. Oder gab es in den letzten Jahren Schlagzeilen aus der Antarktis, die von verschollenen Forschern oder dramatisch gescheiterten Expeditionen berichteten? Nein. Fehlanzeige.

Und doch gelingt der Malerin und Schriftstellerin Rebecca Hunt mit ihrem zweiten Roman „Everland“ ein vielbeachteter großer literarischer Wurf. Dabei bleibt sie im gesamten Verlauf ihrer Story fiktiv, erfindet nicht nur sämtliche Protagonisten, sondern auch noch die im Buchtitel verewigte Antarktis-Insel „Everland“ gleich mit. Und damit nicht genug der Fiktion, sie erdenkt nicht nur eine einzige Expedition, der sich die Leser anschließen können, sondern konstruiert eine Geschichte auf zwei Zeitebenen, die nur 100 Jahre voneinander getrennt sind. 100 Jahre, die es jedoch in sich haben. Von den wahren Pionieren der Ersterforschung des Südpols bis in unsere Zeit reicht ihr Roman.

Everland von Rebecca Hunt

Diese Konstruktion lässt das ewige Eis noch ewiger erscheinen, unterstreicht die Vergänglichkeit menschlicher Höchstleistungen und relativiert in besonderer Weise den vermeintlichen technischen Fortschritt, der heutige Abenteuer nur noch langweilig und gar nicht mehr abenteuerlich erscheinen lässt. Rebecca Hunt gestaltet auf ihrer eisigen Insel Everland einen Erzählraum, der in der Geschichte der Erforschung der Antarktis nur zweimal betreten wird. 1913 und 2012. Sozusagen zum hundertsten Jubiläum der ersten Sichtung der Insel macht sich ein internationales Forschungsteam erneut auf die gar nicht mehr beschwerliche Reise zum Südpol, um vielleicht mehr über die Gründe zu erfahren, die damals – genau vor 100 Jahren – zum Desaster auf Everland führten.

Es sind jetzt Flugzeuge und Quads, die der menschlichen Leistungsfähigkeit Flügel verleihen. Es sind ununterbrochene Funkverbindungen, Satellitennavigation und neue Materialien in der Bekleidung, auf die Forscher jetzt zurückgreifen können. Die Kälte ist zwar eine Bedrohung, aber sie ist kalkulierbar, beherrscht, nicht mehr lebensgefährlich und im Falle eines Falles wird man eben schnell aus der Gefahr evakuiert. Da haben es die heutigen Expeditionen schon leichter, wenn man an die Pioniere denkt, die zumeist unter unsäglichen Bedingungen ihr Leben für die Forschung und ihr Land aufs Spiel zu setzen hatten, wenn sie erfolgreich sein wollten.

Everland von Rebecca Hunt

Das Spannungsfeld des 100-Jahre-Zeitsprungs und die augenscheinliche Duplizität der Ereignisse lassen einen Erzählungs-Mahlstrom entstehen, in dessen Strudel man in die Tiefe einer brillanten psychologischen Abenteuergeschichte gezogen wird. Dabei ist es die unterschiedliche Ausgangssituation zweier Expeditionen, die den Leser in seinen Bann zieht. 1913. Ein kleines Beiboot. Drei Männer unter dem Kommando eines ersten Offiziers, der an Bord des eigentlichen Forschungsschiffes eher durch offene Konflikte mit dem Kapitän der „Kismet“ (wie sinnstiftend: Schicksal) auffällt. Begrenzte Vorräte in lebensfremdem Umfeld. Ein Sturm, der die Landung auf der Insel in eine Bruchlandung verwandelt. Ein erstes Opfer, das es zu versorgen gilt. Erfrierungen, Wundbrand. Angst und ein Mutterschiff, das beschädigt abdrehen muss. Schlimmer geht nimmer.

2012. Die Hightech-Variante einer Gedenkfahrt auf den Spuren der Kismet. Es sind die besten Rahmenbedingungen bei unproblematischer Landung auf Everland. Es sind erneut drei Menschen, die sich der Insel stellen. Unter Führung eines erfahrenen Arktis-Veteranen stellen sich zwei Frauen dem Vorhaben, die Spuren ihrer Vorgänger und die Tierpopulation der Insel genauer in Augenschein zu nehmen. Sie sind im Vorteil. Diese Expedition steht unter einem guten Stern und die Basisstation hat ein waches Auge auf Everland. Eigentlich beste Voraussetzungen unter diesen Vorzeichen, würde sich nicht genau ein Detail beider Expeditionen allzu genau entsprechen. Der Mensch.

Everland von REbecca Hunt

Everland wird so zum zeitlos psychologischen Feldversuch für das Versagen des Menschen. Rebecca Hunt gelingt es in ihren Zeitsprüngen, das Brennglas auf jede der beiden Expeditionen zu lenken und dabei die Gemeinsamkeiten beider Expeditionen in aller Tiefe herauszuarbeiten. Es ist jeweils eine Person im Team, die nichts, aber auch gar nichts in der Antarktis verloren hätte. Gäbe es da nicht Beziehungen und Motive für diese „Fehlbesetzungen“. Und genau dieses schwächste Glied ist für das Bersten einer Kette verantwortlich, die nur bestehen kann, wenn alles ineinandergreift. Der Leser ahnt schnell, dass sich die Ereignisse von 1913 genau 100 Jahre später zu wiederholen und zu doppeln scheinen. Technik hin oder her. Das Zwischenmenschliche bestimmt über Leben und Tod, Erfolg oder Misserfolg.

Rebecca Hunt schreibt unglaublich facettenreich und mehrdimensional. Nicht nur die rein menschlichen Konflikte stehen im Mittelpunkt des Romans. Sie betrachtet das Leben auf Everland, die ökologische Situation, Veränderungen in der Population durch Robben und Pinguine. Sie wirft Fragen auf, ob es in einem Team überhaupt individuelle Gesundheit gibt oder ob der erfrorene Fuß des Einzelnen die Verletzung des Teams ist. Und sie stellt unbequeme Fragen nach der objektiven Wahrheit im Wandel der Zeit. Ist das Logbuch eines Kapitäns eine verlässliche Quelle und was bedeutete es 1912, wenn es in seiner dogmatischen Qualität Schuldfragen einseitig dokumentierte. Wo liegen die Wahrheiten, wo beginnen Legenden und wer sind die Opportunisten in diesem Spiel?

Everland von Rebecca Hunt

Everland ist ein genialer Abenteueroman, der uns die zeitlose Gefahr der Antarktis ebenso vor unsere Augen führt, wie die psychologische Komponente des Teamworks. Ich habe in meinem Lesen schon so einige Expeditionen zu den Polarregionen unserer Erde gewagt. Ich war als Besatzungsmitglied an Bord der Endurance bei Shackletons Reise, ich begleitete Roald Amundsen und Robert F. Scott bei ihrem Wettlauf um die Ehre, den Südpol entdeckt zu haben. Ich habe Sachbücher gewälzt, in Lese-Gedanken an erfrorenen Füßen gelitten, gehungert und auf Hilfe gehofft. Ich habe die Evolution in der Geschichte der Forschung erlesen und war mir doch sicher, dass jeder technische Fortschritt nur Nuancen der Risiken einer solchen Expedition verringern kann. Letztlich ist es der Mensch, der hier den Maßstab für den Begriff „Abenteuer“ definiert.

„Everland“ ist ein spannender und komplexer Pageturner, bei dem man sich einen warmen Kamin, gefütterte Handschuhe und einen heißen Tee wünscht. Ein Roman für die kalten Tage des Jahres weil er zeigt, was echte Kälte ist. Aber „Everland“ war auch meine erste Expedition ohne eigenen Schlittenhund. Erstmals ohne Schneeflocke im ewigen Eis. Mir sei diese persönliche Schlussnote erlaubt. Mir hat dein warmes Fell so sehr gefehlt, Alter. Nicht schön da draußen ohne dich.

Everland von Rebecca Hunt – Im Herzen mit Schneeflocke

So war es wirklich in der Antarkits: „Wild“ von Reinhold Messner

Wild von Reinhold Messner