Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers - Astrolibrium

Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Du bist auf der Flucht. Der Alltag ist hinter dir her und du kannst sie nicht mehr hören, all die Parolen aus den Weiten des Internets, all die Nachrichten, Gerüchte und fatalen Aufmerksamkeitserreger, die dir die Kraft rauben. Corona, Wahlkampf, fallende Türme, Kriege und Konflikte. Alles nagt an dir und zieht dich runter. Du willst nur raus aus dem Kreislauf des alltäglichen Wahnsinns und rettest dich in ein Buch. Und schon die ersten Worte wiegen dich in ihren Armen. Sie umfassen dich und lassen dich vergessen…

„Es gibt noch immer Felder in England, die so ungeheuer groß sind, dass du
eine Stunde oder länger an ihnen entlanggehen oder sie überqueren oder durchqueren kannst und es dir so vorkommt, als hättest du dich keinen Zentimeter bewegt.“

Das Tempo entweicht und du lässt dich fallen. Wie eine Saugglocke, die sich leise senkt, schottet dich ein Schriftsteller vor der wahren Welt und ihren Schattenseiten ab. Er ist kein Unbekannter für dich. Du hast ihm schon einmal dein Lesen anvertraut und er hat dich wohlbehalten durch die „Offene See“ getragen. Nun schließt er den Kreis und entführt dich in seine Felder. Du lässt los, entspannst und genießt. Wort für Wort.

„Es gibt Felder, die irgendwo im Nirgendwo liegen, Felder, größer als Dörfer. Felder, die hunderte Menschen ernähren und Lebensraum für Tausende
oder gar Millionen von koexistierenden Geschöpfen und Arten bieten,
von der winzigsten Zecke bis zum größten Hirsch.“

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Hier im Nirgendwo atmest du den Rhythmus seiner Worte, inhalierst den Extrakt seiner Beschreibungen und wirst eins mit einer Erzählstimme, die dich bedächtig auf eine Geschichte vorbereitet, die sich in dir festsetzen wird. Eine Geschichte, die keinen Makel hat, die in Schönheit badet, und doch erst erzählt werden konnte, nachdem sich auch ihre Protagonisten in dieses Buch retten konnten. „Der perfekte Kreis“ liegt jetzt vor dir. Du musst ihn nur noch betreten, dich treiben lassen und die Wurzeln spüren, in die er dich verwickelt…

„In diese Felder greifen die Wurzeln einer Insel hinein. Sie greifen und tasten nach Sinn, nach Erkenntnis. Sie sind Teil der Geschichte, die ohne Ende ist.“

Hier spürst du, dass deine Flucht gelungen ist. Der Alltag bleibt als träges Rauschen zurück, das nicht mehr an dir zieht. Die Verantwortung für die Deinen ist noch da, es ist nur so unglaublich angenehm zu fühlen, wie deine Kraft zurückkehrt, wie sich die Akkus in deinem Inneren aufladen und die Bereitschaft wächst, tiefer in die Felder einzutreten.

„Und in einer stillen Sommernacht draußen auf den Feldern, wo der Himmel
ein umgedrehter Spiegel ist…, erhebt sich ein leichter Wind, der ein Meer von Platinnadeln zum Flimmern bringt, und seltsame Geschichten geschehen.“

Lass sie geschehen, diese Geschichten…!

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Und genau da beginnt „Der perfekte Kreis“. Im Jahr 1989 im Süden Englands, als in Kornfeldern kreisrunde Muster auftauchen und wilde Spekulationen hervorrufen, ob sie von Menschen oder gar Außerirdischen stammen. Zu gleichmäßig, zu künstlerisch und viel zu ungewöhnlich sind die kreisrunden Muster der Kornkreise, als dass man sie als Alltagsphänomene abhaken könnte. In Wahrheit jedoch sollten diese Kreise die Namen ihrer Schöpfer tragen. Calvert und Redbone. Freunde seit ewigen Zeiten und doch so unterschiedlich, wie zwei Menschen nur sein können. Verschwiegen und geheimnisvoll, wenn es um ihre Vergangenheit geht. Nicht gerade Plaudertaschen, was ihre jeweilige Zukunft betrifft. Und doch ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, die mysteriösen Kornkreise in ihre Landschaft zu ziehen. Es gleicht einer perfekten Choreografie, dem nie geprobten und doch blind aufgeführten Tanz zweier bildgewaltiger Visionäre, wenn man sie zu ihren nächtlichen Vorhaben und geheimen Tatorten folgt und ihnen zusieht, wie sie ihre Kreise ziehen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Benjamin Myers erzählt keine Geschichte im ursprünglichen Sinn. Er scheint einer inneren Eingebung zu folgen, die ihn zum aufmerksamen Chronisten jener Kunstwerke seiner Protagonisten macht. Er heftet sich an ihre Fersen, folgt ihnen in die Felder ihrer Heimat und beobachtet sie bei ihrem kreativen Schaffen. Sie verändern die Umwelt und mit dieser Veränderung bewirken sie eine veränderte Wahrnehmung genau dieser Welt in den Augen der Betrachter. Mit feinem Pinselstrich entsteht das Psychogramm zweier Männer, die man auf den ersten Blick niemals mit ihren geheimnisvollen Kornkreisen in Verbindung bringen würde. Jeder Kreis ein eigenes Kapitel. Jedes Kapitel am Ende mit einer Pressemeldung abgerundet. Jeder Kreis ein Kunstwerk. Ihre Schöpfer – anonym. Das haben sie sich geschworen, die beiden Männer, deren Wunden nur heilen können, wenn sie unentdeckt weitermachen können.

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

Man spürt dieser Geschichte deutlich an, dass sie ihren Autor schlicht überfallen und gezwungen haben muss, sie niederzuschreiben. Es ist eine wortgewaltige Dynamik, die sich hier Raum verschafft. Es sind dynamische Satzkonstruktionen voller Kreativität, die einerseits beruhigen, andererseits aber aufwühlen und antreiben. Es sind die Kreise, in die wir abtauchen. Es sind die Mythen, die sie ausstrahlen und es der pure unmittelbare Schöpfungsakt, dem wir beiwohnen, ohne ihn genau zu verstehen. Benjamin Myers ist es gelungen, weit in den Hintergrund zu treten und seinen Roman für sich sprechen zu lassen. Was fragmentarisch wirkt, erhält seinen Sinn in den Kreisen. Was unvollständig klingt, wächst im Lesen zusammen. Wo manchmal die sogenannten Sidekicks fehlen, in denen man in Romanen so gerne abschweift, erlangen die Kreise die metaphorische und selbsterklärende Reife eines großen Gestaltungsprozesses. Das Innerste wird hier nach außen gekehrt. In der vermeintlichen, tatsächlich jedoch vermiedenen Zerstörung der Kornfelder liegt eine Magie verborgen, die Neues sichtbar werden lässt. Benjamin Myers metaphert nicht. Er tritt nur altbekannte literarische Muster flach und lässt neue entstehen.

Die Deutungshoheit überlässt er seiner Leserschaft, was ihn so sympathisch macht. Sein Roman schließt viele Kreise. Wo er zu scheitern droht, befreit er sich mit Urgewalt und Verve aus den Fesseln der Kritik. Die ewige Suche nach dem perfekten Kreis treibt die beiden Kreisläufer an. Ihm gilt ihr ganzes Streben. Ihm ordnen sie alles unter. Jede Panne, jede zufällige Begegnung und ihr eigenes Sein. Unfassbar schön, in einer Welt des Unbeständigen durch unbeständige Kunst den Hauch von Ordnung und Schönheit zu erschaffen. „Die offene See“ erzählte eine geschlossene Geschichte und mutierte in kürzester Zeit zum Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen. Ob es Benjamin Myers auch mit „Der perfekte Kreis“ gelingen wird, seine Leser zu begeistern, liegt an uns ganz allein. Stellen wir uns vor, wir wären ein Kornfeld. Stellen wir uns einfach vor, es wäre Calvert und Redbone gelungen, uns ein ganz klein wenig zu verändern. Und dann stellen wir uns vor, welches Muster wir sehen könnten. Eines, das schon immer in uns ruhte. Nur zu verborgen, es zu sehen. Der perfekte Kreis. Poetisch und eine runde Sache.

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Der perfekte Kreis von Benjamin Myers

A propos runde Sache. Natürlich kann man sich die Geschichte der Kornkreise auch als Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag zu Gemüte führen. Fast sechseinhalb Stunden dauert die ungekürzte Lesung, in der uns Sprecher Sebastian Rudolph mit seiner Stimmkunst zu gebannten Zuhörern macht. Es fühlt sich an, als würde er ganz langsam Steine in einen See werfen. Die so entstehenden Kreise erreichen das Ufer und versetzen uns in Erstaunen. Auch, wenn dieser Roman sehr polarisieren wird, in seiner klaren Eigenständigkeit und in den Unterschieden zu klassischen Plots wird er Anklang finden. Auch für Hörbuchliebhaber ein echter Ohrenschmaus. Ich empfehle ein Bett im Kornfeld, einen guten Landwein und diese CD. Dann geht´s rund…

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Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Es ist an der Zeit, die Kirche aus dem Dorf zu holen. Denn immer, wenn es darum geht, ein Romandebüt mit literarischen Lorbeeren zu bekränzen und es auf dem Schild der „sensationellen Entdeckung“ auf den Bücherolymp zu tragen, neige ich dazu, diese Kirche da zu lassen, wo sie hingehört: Im Dorf. Heute jedoch gehöre ich zu den Trägern dieses Schildes, reihe ich mich in den lauten Jubelreigen einer begeisterten Leseschar ein und bin dabei behilflich, einen neuen Roman wie eine kleine Kirche auf einen freien Platz zu tragen, um ihn ein wenig sichtbar zu machen. Nichts darf die Sicht verstellen, nichts darf seinen Schatten auf dieses Debüt werfen und es muss Freiraum geben, um dieses Buch von allen Seiten zu begutachten. Ich spreche hier vom Roman „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte.

Ich neige nicht dazu, voreilig Lobeshymnen anzustimmen. Und doch glaube ich ein gutes Gefühl für den besonderen Roman entwickelt zu haben. Es ist nicht immer Liebe auf den ersten Blick, die mir die Augen öffnet. Es ist das außergewöhnliche Erlebnis, in dem ich innehalte und das Staunen finde. So auch hier. Es waren die ersten Zeilen, die mich stocken ließen. Es war eine Sprache, die mich mit unverminderter Wucht und im Rhythmus eines Trommelwirbels in der Tiefe des Herzens traf, die ich als ungewöhnlich empfand. Als müsse hier noch ein Lektorat eingreifen, aus Schlagwörtern ganze Sätze formen und verschachteln, was unverschachtelt auf mich zurauschte. Die Sprache pur wie ein Extrakt, einfach und im Rohzustand belassen, wie man sie selten erlebt, wenn sie einen Verlag ins freie Lesen verlässt. Hier sollte doch sicher nachgebessert werden. Hatte ich doch das unkorrigierte Leseexemplar vom Diogenes Verlag in Händen. Diese Gedanken begleiteten mich in meinem Lesen. Und dann, auf Seite 146, gelang es mir eine erste Pause einzulegen. Beseelt von einem Gefühl, dass hier nichts und niemand mehr Hand anlegen darf, weil ich einen Schatz entdeckt hatte. Eine Kirche, die nicht im Dorf bleiben darf.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

„Junge mit schwarzem Hahn“, welch minimalistisch anmutender Titel, der jedoch alles sagt, was man zum Einstieg in diesen zeitlosen Roman wissen muss. Zeitlos, weil aus der Zeit gefallen. Zeitlos, weil mit wenigen Angaben ausgestattet, die eine zeitliche Einordnung durch uns Lesende zulassen. Krieg, Tod und Pest muten mittelalterlich an, was uns auch schon reichen muss. Dunkle Zeitalter brauchen kein Kalenderlicht, wenn man Stefanie vor Schulte in ihre Welt folgt. Die Dunkelheit wird von ihr durch einen erst elfjährigen Jungen aufgebrochen, der als Lichtgestalt die letzten Reste von allem Guten in sich trägt und bündelt. Martin. Heller erstrahlend als der Rest der Welt. Klüger als es die Gesellschaft erlaubt. Weiser und herzlicher, als man es ihm zutrauen würde und im Gefolge eines schwarzen Hahns, der Glücksbringer, Wegbegleiter, Freund, Orakel und Mitstreiter ist. Alles zugleich. Das geht, wenn man ihm vertraut und ihm zuhört. Hier ist alles ausgefallen. Wie die Romanfiguren, die uns in die Hände fallen. Wie der Rahmen, in den alles passt, aus dem alles fällt, der alles hält und doch nichts aufhalten kann.

Es sind wirkungsvolle und nachhaltige Bilder, die uns die Autorin ins Gedächtnis schreibt. Ein Junge, der als einziger in der Familie den Mordwahn des Vaters überlebt; Kinder, die auf unerklärliche Art und Weise verschwinden; ein fahrender Maler, der sich um den Jungen und seinen Hahn kümmert, als man beschließt die verlorenen Kinder zu retten; ein Gaukler, der besser fliegen kann als der Hahn, eine schillernde Prinzessin, in deren Gesellschaft man besser auf schwarze Hähne hört. Und dann noch ein Mädchen, in das sich der Martin heimlich verliebt, für das er dann gar keine Worte hat außer „Die Franzi“, wenn man ihn fragt, wem er noch einmal in seinem Leben begegnen mag. Es klingt märchenhaft, was ich hier beschreibe? Es ist märchenhaft. Es erfüllt alle Kriterien, die man mit diesem Genre verbindet, wenn man sich durch die Magie der Geschichte bis zu ihrem Ende tastet. Dieser Roman ist ein Märchen. Kein Traum. Er ist real.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Stefanie vor Schulte gelingt mit ihrem Debüt das Unglaubliche. Wir lassen uns auf ihre Geschichte ein, wir hinterfragen nicht, interpretieren kaum, werden mitgerissen im Sog ihrer einzigartigen Sprachmelodie. Wir beginnen schnell, ihr zu vertrauen, weil im Märchen am Ende doch immer dieser Satz zu lesen ist: „und wenn sie nicht gestorben sind“. Alles wird doch gut enden? Da ist doch Moral in der Geschicht`. Es bleiben keine Fragen offen und Hahn und Junge und wir und alle und die Leser und die Denker und die Zweifler sind unterwegs auf einer Mission, wie es sie noch niemals gab. Bis wir im Freien vor der Kirche stehen, die wir gerade aus dem Dorf geholt haben und uns daran erinnern, was wir hier lesen durften. Bis wir den Blick in unsere Kirche werfen und die Wandgemälde erkennen. Das ist mein Bild für diesen Roman, von dem ich nicht mehr loslasse, weil ich ein Bild brauche, das mich an dieses Leseerlebnis erinnert. Weil ich viel notiert und viel markiert habe beim Lesen und doch weiß, dass ich es erneut lesen muss. Nicht, weil ich es vergessen habe. Nein. Weil es das erneute Lesen wert ist.

Traut Euch hinein in diese Welt. Lasst Euch fallen und entführen. Begegnet Reitern, vor denen ihr alles verstecken würdet. Besonders eure Kinder. Folgt einem Jungen in ein Szenario, das nur er erhellen kann und wundert Euch über das Wunder in seinem glasklaren Verstand. Spielt mit einer Prinzessin das „Schlafspiel“ und versucht dabei hellwach zu bleiben. Gaukelt, malt und stochert in der Wahrheit herum. Freundet Euch mit diesem schwarzen Hahn an und wundert Euch nicht darüber, dass am Ende jeder Hahn danach krähen wird, was Ihr da wohl gelesen habt. Setzt die Bilder des Romans zu einem Gemälde zusammen und lernt dann das Staunen. Stefanie vor Schulte hat hier dem Zufall des Erzählens keinen Raum gelassen. Sie folgt einem grandiosen Plan und wir folgen ihr. Oftmals atemlos. Zumeist tief bewegt. Am Ende… Ja, am Ende. Das bleibt Euch überlassen, wie Ihr am Ende fühlt und denkt. Nur eines ist gewiss. Ihr solltet Euch das nicht entgehen lassen. Das wäre so, als würdet Ihr die Kirche einmal zu oft im Dorf lassen. Großer Fehler.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung Eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Und eines ganz zum Schluss. Während gerade die ganze Welt mit Büchern beschäftigt ist, die auf Long- und Shortlists zu Buchpreisen stehen, lasst Euch nicht einfallen zu sagen „Ich lese ja NUR den Jungen mit schwarzem Hahn„. Dieser Roman würde allen aktuellen Buchpreislisten unglaublich gut tun, weil er wirklich alles ist. Nur nicht NUR… Nur nicht beliebig und nur nicht vergänglich. Hahn drauf!

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Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

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Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Es ist wieder einmal Japan. Es ist der gesamte Kosmos einer Kultur, die sich gerne in seidene Gewänder hüllt und sich vor den Augen der Welt verbirgt. Es sind Traditionen, die sich der westlichen Sichtweise entziehen und es ist eine Lebensweise, die Werte in den Vordergrund stellt, die in ihrer kaum nachvollziehbaren Überhöhung schon oft den Untergang Japans heraufbeschworen haben. Stolz bis zur Selbstaufgabe, Tapferkeit in den aussichtslosesten Situationen, Treue bis zum Kadavergehorsam, Kaiserverehrung, die Unmöglichkeit, Gefühle offen zu zeigen und das Bekenntnis der Frauen zu devotem Verhalten. Traditionelle Verhaltensmuster, die noch heute auf der Abschottung Japans gegenüber der restlichen Welt basieren. Unverfälscht und aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß. 

Und doch wieder so faszinierend, weil diese sozialen Codes dafür verantwortlich sind, dass die japanische Bevölkerung mit Schicksalsschlägen oder Katastrophen eher souverän, als kopflos umgeht. Vieles ist in der Vergangenheit angelegt und oftmals sind wir Europäer angesichts der Fremdartigkeit dieser Kultur eher ratlos. In der Literatur ist es schon oft gelungen, Brücken zu bauen, Verständnis und Empathie zu wecken, fremd und fern wirkende Denkweisen transparenter zu machen und dabei zu helfen, Grenzen zu überwinden. Ich war schon oft in Japan. Literarisch wohlgemerkt und immer kam ich mir fremd vor. Ein echter Gaijin, der es wagt japanischen Boden zu betreten und schon im Denken und Fühlen kein einziges Fettnäpfchen auslassen kann. Aber ich gebe nicht auf. Japan. Immer wieder Japan.

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Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Diesmal jedoch bin ich nicht allein. Ich fühle mich nicht allein, weil ein anderer Gaijin an meiner Seite ist und mir eine Geschichte erzählt, die so japanisch ist, wie kaum eine zweite in meinem bisherigen Lesen. Es ist der legendäre Filmemacher und Schriftsteller Werner Herzog, der nach vielen Jahren des Schweigens ein literarisches Signal in die Welt sendet, das aufhorchen lässt. Es ist „Das Dämmern der Welt“ dem er den Kampf ansagt. Es ist der einsame Kampf eines verlorenen japanischen Soldaten auf einer fast einsamen Insel, die am Ende des Zweiten Weltkrieges auch am Ende der Befehlskette der Kaiserreichs angelangt ist. Vergessen, aufgegeben und wertlos, da der gottgleiche Kaiser am 02. September 1945 die Waffen vor den USA gestreckt und kapituliert hatte. Ein unerhörter Vorgang. Nicht vereinbar mit japanischer Tradition, mit den Ehrbegriffen und Wertvorstellungen einer Gesellschaft, die genau das nicht kennt: Aufgeben.

Eine kriegerische Nation, deren Vorstellung von Treue, Ehre und Loyalität immer noch mit Samurai, rituellen Selbstmorden und Kamikaze-Piloten in Verbindung gebracht wird, erlebte das absolute Horroszenario. Die unehrenhafte Niederlage. Nur ein paar wenige Japaner blieben davon verschont. Soldaten, die auf den abgeschnittenen Außenposten ihres Landes nichts vom Ende des Krieges erfuhren und mit den letzten Befehlen ihrer Offiziere ausharrten, um ihr Fleckchen Erde bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. „Das Dämmern der Welt“ erzählt die Geschichte eines solchen Soldaten. Es ist nicht nur die Geschichte eines Leutnants, der in seiner Ahnungslosigkeit mehr als 29 Jahre lang seine kleine Insel Lubang gegen einen nicht mehr existierenden Feind verteidigte. Es ist die Geschichte von Menschen deren Kadavergehorsam einer Einordnung in den Wertekanon einer Gesellschaft bedarf, um sie nicht als selbstvergessene Trottel in die Geschichte eingehen zu lassen. Werner Herzog gelingt diese Einordnung.

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Es ist Hiroo Onoda, den uns Werner Herzog ins Leben schreibt. Es ist ein realer und leibhaftiger Mensch, der sich jeglicher Fiktionalisierung entzieht, da es ihn wirklich gab. Seine Geschichte ist im kollektiven Gedächtnis seines Landes verankert, für uns jedoch so fremd, als würden wir von der Verteidigung eines Planeten erfahren. Herzog lässt es dämmern über der Insel, er macht uns zu Zeugen einer letzten Befehlsausgabe an den viel zu jungen Soldaten. Es sind Durchhalteparolen und Guerilla-Anweisungen, die ihn für die nächsten 29 Jahre zum unsichtbaren Gespenst auf dieser Insel machen. Es ist die Natur, mit der er verschmelzen muss. Es ist seine Intelligenz, die ihn zum absoluten Überlebenskünstler macht. Es sind seine Empathie und die Leaderqualitäten, die dabei helfen, die wenigen versprengten Soldaten unter seinem Kommando zu halten. Es ist ein Leben ohne Freund-Feind-Kennung, das ihn in Atem hält, weil er niemandem mehr vertrauen kann. Es sind mehr als hundert Hinterhalte, die gelegt werden und denen er entkommt. Es sind Versuche, ihn zur Aufgabe zu bewegen, Manipulation, Propaganda und Betrug. Alles prallt an ihm ab. Er zieht sein Ding durch.

Werner Herzog gelingt auf schmalen 128 Seiten eine facettenreiche Annäherung an einen Mann, der zur Legende wurde. Zeitebenen verschieben sich, Gegenwärtiges und Zukünftiges verschmelzen in der Wahrnehmung des einsamen Kämpfers. Er lebt in der eigenen Zeitzone des Kommandosoldaten, dem alles erlaubt ist, um im Besitz der Insel zu bleiben. Anschläge, Morde, Plünderung. Alles drin im kaiserlichen Freifahrtschein. In letzter Konsequenz ein abschreckendes Beispiel für einen Verblendeten, der als einzig Sehender „Das Dämmern der Welt“ zu durchschauen glaubt. Und doch macht Werner Herzog klar, dass dieser Kampf alternativlos ist. Tief verankert in der Seele jener, die in ihrer Treue fehlgeleitet und instrumentalisiert werden. Es sind unglaubliche Erlebnisse, die wir an der Seite von Hiroo Onada und einigen wenigen Kameraden machen, die er nach und nach verliert. Es sind bewegende und skurrile Momente, die wir erleben, als der einsame Kämpfer gefunden und vom Ende dies Krieges überzeugt wird. Es ist ein besonderer Moment, den uns Werner Herzog literarisch erschließt. Keine letzte Klappe des großen Regisseurs könnte dem letzten Kapitel aus seiner Feder das Wasser auch nur ansatzweise reichen. Herzog ist nicht nur ein König des Films, er ist im literarischen Hochadel unseres Landes ein Autor, für den man sein letztes Buch bis zur letzten Seite verteidigen würde.

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Die Essenz dieses Romans ist der Extrakt eines Begriffs, dem man sich kaum noch neutral nähern kann. Wie sollte ein Krieg aussehen? Welche Regeln sollten gelten und wie könnte man einen Krieg auf das Wesentliche reduzieren. Es sind tiefgreifende und bewegende Erkenntnisse, die den Geist Japans greifbar und begreifbar machen. Es ist der Blick zurück auf die große Tradition der Samurai, es sind Pfeil und Bogen, die im Gefecht von Ehre und Treue zum Kaiserreich erzählen. Es ist der Verrat am Krieg, den moderne Schusswaffen begehen. Es ist das Eigenleben des Krieges, dem Herzog im Herzen seines Protagonisten begegnet. Gerade im Hinblick auf aktuelle Konflikte kann dieses Buch die Dämmerung über so manchem Kriegsschauplatz lichten. Wenn es hell wird, bleiben die Verblendeten und es dauert lange, bis sie die Erkenntnis trifft. Oftmals hat die Geschichte ihre Krieger vergessen. Krieger jedoch vergessen ihre Heimat nicht. Das klingt vielleicht pathetisch, aber nach 38 Jahren im Dienste einer Armee, weiß ich was ich hier schreibe. Viele waren auf verlorenem Posten. Leutnant Hiroo Onada ist kein Einzelfall in der Geschichte.

Eine ungewöhnliche Geschichte für Werner Herzog? Eher nein. Es war ein Wunsch des Schriftstellers und Regisseurs, jenem Hiroo Onada zu begegnen. Ein Wunsch, der sich erfüllte. Ein direkter Draht sei zwischen ihnen entstanden. Ein Wunder? Nein. Hier begegneten sich zwei Einzelkämpfer. Einer, der seinen Dschungel bewaffnet überlebte und einer, der ihn mit seiner Kamera festhielt. Zwei ergebene Kämpfer, die für das Alte und gegen die neuen Einflüsse ins Gefecht zogen. Ein Japaner, der sicher aufmerksam lauschte, als ihm der Deutsche von einem Dampfer erzählte, den er durch den Urwald von einem Fluss zum anderen ziehen ließ. Eine Geschichte von einem Opernhaus im peruanischen Dschungel mag den japanischen Veteran ebenso begeistert haben, wie der deutsche Filmveteran von der Verteidigung der verlorenen Insel begeistert war. Ob nun alles wahr ist, wie es geschrieben steht?

Werner Herzog ist ein wahrer Meister seiner Fächer. Er schreibt im Vorwort dazu:

„Viele Details stimmen, viele stimmen nicht. Dem Autor kam es auf etwas
anderes an, auf etwas Wesentliches, wie er es bei seiner Begegnung mit
dem Protagonisten dieser Erzählung zu erkennen glaubte..“

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog - Astrolibrium

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Jetzt habe ich ihn also doch gelesen. Meinen ersten Roman, der sich mit dem akuten Corona-Szenario in unserer Gesellschaft auseinandersetzt und lähmende Begriffe wie Quarantäne und Social-Distancing zu Stellgrößen einer familiären Interaktion werden lässt. John von Düffel wagt sich aus der literarischen Deckung und legt einen Roman vor, in dem wir eigentlich genau das finden, wovon wir gerade kaum noch etwas hören wollen. Wir leben unsere Probleme, bewältigen unsere Alltage und finden selbst kaum Worte für eine Welt im Klammergriff der Pandemie. Die Literatur ist unser Fluchtpunkt, hilft uns, Ablenkung zu finden und unsere Fantasie abschweifen zu lassen. Da scheint es sehr gewagt zu sein, einen Familienroman zu schreiben, der die Corona-Pandemie nicht nur streift, sondern ihr den Raum gibt, den sie sich auch in unserem realen Leben genommen hat.

Die Wütenden und die Schuldigen“ will gerade aus diesen Gründen gelesen werden. Wie verarbeiten wir solche existenziellen Krisen literarisch? Wie lesen wir Geschichten, deren Rahmenbedingungen wir gerade wie im Livestream erleben? Wie reiben wir uns an diesem Roman? Wie sehr wühlt er uns auf, können wir etwas lernen oder prallt das Setting an uns ab, weil wir es einfach nicht mehr hören und lesen wollen? Alles Gründe für mich, diesen Roman auf meine Leseliste zu setzen. Fragen, denen ich mich widmen wollte, weil nur jetzt und nur heute das unmittelbare Leseerlebnis in der Zeitscheibe der Pandemie die Wirkung entfalten kann, die der Autor beabsichtigt. Eine große Aufgabe, der sich John von Düffel stellt. Aber wer, wenn nicht jener erfolgreiche Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und Professor für szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste könnte dramaturgisch geschärft in Szene setzen, was mich im realen Leben oftmals sprachlos macht?

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

John von Düffel beschreibt keine Stereotype, er wählt nicht beliebig aus, wenn es um das Casting für seinen Roman geht und konfrontiert uns nicht mit einer Allerwelts-Familie, die sich „Lindenstraßen-gleich“ in unser Lesen „beimert. Nein, die Szenerie seines Schreibens ist besonders, keinesfalls beliebig. Hier geht es um Menschen, die sich schon ohne Pandemie zu verlieren scheinen. Hier geht es um eine Familie, die es heftig gebeutelt hat. Mutter Maria, Anästhesistin der Charité, mit ihrem gesamten Team zwangsweise in Quarantäne, nachdem es zwei positive Tests gab. Jetzt gilt es, für sich selbst zu sorgen, weil der Rest ihrer Familie für alles Zeit hat, nur nicht für sie. Tochter Selma ist mit einer professionellen Sterbebegleiterin unterwegs zu Großvater Richard, einem protestantischen Pfarrer in der Uckermark, dessen Zeit abzulaufen scheint. Und Bruder Jakob hat gerade nichts anderes im Kopf, als seine kopflose Leidenschaft für seine Kunstprofessorin, die seine Sinne sprichwörtlich betäubt. Vier Lebensentwürfe in einem gesellschaftlichen Irrgarten, die kaum noch miteinander zu verbinden sind.

Und jetzt kommt auch noch die Pandemie hinzu, deckt alles mit Einschränkungen zu und erschwert den letzten Rest der Gemeinsamkeiten, die diese Familie noch hat. Hier sind es jetzt die fehlenden Teile im Familien-Puzzle, die neuen Herausforderungen und die Corona-Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, die zur Unzeit zu unlösbar scheinenden Problemen mutieren. Und mittendrin Selma, die verzweifelt versucht, die Lebensfäden einer zerstreuten Familie zu bündeln. Mission Impossible in der einsamen Uckermark. Kontaktverbot, Quarantäne und soziale Distanz werden zu den Mauern, an denen gerade jetzt eine Wiedervereinigung scheitern muss. John von Düffel lässt uns an diesen verschiedenen Welten teilhaben. Wir gehen in Quarantäne und lernen einen Rabbi kennen, wir begleiten einen Sterbenden und stranden in der Uckermark, stehen nackt einer Kunstprofessorin Modell und schämen uns für das Ergebnis, das wir sehen. Es fühlt sich lose und unverbindlich an, was Selma zu verbinden sucht. Besonders im Kontext einer Pandemie…

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

„Die Wütenden und die Schuldigen“ ist ein Roman voller Variablen. Es ist kaum noch auf einen Nenner zu bringen, wenn es der komplexen Formelwelt einer Familie an Konstanten fehlt. Auch ohne Virus hätte es kaum einen größten gemeinsamen Teiler gegeben, der es ermöglicht hätte, die Familie ohne Rest berechenbar zu machen. Ich habe mich oft in den Parallelwelten verloren, denen John von Düffel Raum gibt, um in seinen Erzählräumen nicht eindimensional zu bleiben. Es sind tiefgründige Gespräche mit einem Rabbi, mystisch anmutende Begegnungen mit Katzen, Dorfjugendliche, die wie Abziehbilder einer vergangenen Zeit wirken und starke Charaktere, die sich mitten im Chaos behaupten, ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, richtig zu liegen. Angesichts des nahenden Todes ist es eine starke These im Roman, dass es am Ende nur zwei Sorten von Sterbenden gibt: „Die Wütenden und die Schuldigen“. Ich habe lange darüber nachgedacht, kann der Argumentation im Roman folgen, bin aber ganz zuletzt der Meinung, dass es ein größeres Spektrum an Gefühlslagen gibt. Wir finden hier jedoch einen unfassbar brillanten Zündfunken für unseren Geist, an dem wir uns noch lange reiben, nachdem die letzte Seite gelesen ist.

Sprachlich überzeugt John von Düffel, weil er seine Satzgebilde mit einem Florett in unser Lesen sticht. Seine Beschreibungen betonen nicht, was man fühlen soll. Sie lassen uns fühlen. Das orientierungslose Erwachen eines sterbenden Pfarrers oder die leidenschaftlich aufgeladene Atmosphäre einer niemals unschuldigen Aktstudie bleiben ebenso haften, wie die professionelle Herangehensweise einer Sterbebegleiterin an die Zielperson. Hin- und hergerissen zwischen aktueller Herausforderung und Aufarbeitung der Vergangenheit trägt uns Lesende ein Spannungsbogen durch einen Roman, der in wenigen Passagen brüchig und stockend scheint. Ich habe ihn immer wiedergefunden, weil es eben auch die fehlenden Puzzlesteine der Familie sind, die von Interesse sind. Ich fand Mutter, Großvater und zwei Geschwister. Die Tiefe des Erzählten liegt jedoch beim abwesenden Vater. Ihn zu entdecken. Ihn sprichwörtlich wahr zu nehmen, seine Verluste und Ängste auf seine Familie zu übertragen, erklärt nicht nur den Titel dieses Romans. Es erklärt auch, warum dieses Buch so unberechenbar ist…

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Am Ende bleibt die Frage nach der Relevanz dieses Romans. Für mich hat John von Düffel einen sehr soliden und interessanten Familienroman geschrieben, der im Corona-Setting nicht untergeht, von den Besonderheiten der pandemischen Situation jedoch in Gänze profitiert. Wir finden schon ein paar Antworten, wie wir den sozialen Boden verlieren können, wie leicht Ausreden werden und wie sehr die Abkapselung in einer Gesellschaft zur Vereinsamung in einer Familie führen kann. Wir werden schon bald gefragt werden, wie wir uns verhalten haben. Wir werden uns selbst fragen. Und dann gilt es, die Maske abzulegen und ehrlich zu sein. John von Düffel mag dabei in begrenztem Umfang helfen… Dies ist ein Roman – kein Ratgeber…

Die Wütenden und die Schuldigen - John von Düffel - Astrolibrium

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Was wir scheinen – Hildegard E. Keller

Was wir scheinen - Hildegard E. Keller - Astrolibrium

Was wir scheinen – Hildegard E. Keller – Astrolibrium

Hannah Arendt (1906 – 1975), Ikone, Jahrhundertdenkerin, vergöttert, verfolgt und beschimpft. Intellektuelle mit hohem Spaltbarkeitsfaktor, unversöhnliche Kämpferin auf verlorenem Posten. Emigriert, immigriert, polyglott, heimatlos. Jüdische Professorin mit professioneller Haltung. Unverbiegbare, anlehnungsbedürftige, unerhört und verzweifelt Liebende. Zwischen den Fronten stehender Prototyp einer Influencerin mit Sprengkraft, Zeitzeugin des weltumfassenden Eichmann-Prozesses in Israel und Fettnapftreterin im Urteil über einen Massenmörder. Wie kann man sich dieser Frau nähern, die einerseits so unnahbar wie ein fremder Kontinent und andererseits so greifbar wie der rote Faden des Erinnerns an den Holocaust ist? Ich wollte ihren Leben begegnen. Im ersten Schritt sollten mir drei Bücher dabei helfen, eine Frau zu verstehen, die oft unverstanden blieb:

Was wir scheinen - Hildegard E. Keller - Hannnah arendt Astrolibrium

Was wir scheinen – Hildegard E. Keller

Die drei Leben der Hannah Arendt – Graphic Biography von Ken Krimstein
Im Vertrauen – Briefe 1949 – 1975 Hannah Arendt und Mary McCarthy – Hörbuch
Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, Hannah Arendt

Drei Literaturwege, die für mich in einen Königsweg zur Annäherung an Hannah Arendt mündeten. Und doch fühlte sich dieses Lesen nicht ganz vollständig an, weil in den drei oben genannten Werken vieles verborgen blieb. Die polarisierende Diva hatte es erfolgreich verstanden, ihre private Seite zu verbergen, wenige Einblicke in die Welt ihrer Emotionen zu gewähren und ausschließlich ihre politisch-literarischen Ambitionen in den Vordergrund zu stellen. „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller verspricht diese Lücke zu schließen. Ein Lebensroman über eine Frau, die nun in allen Facetten ihres Seins erlesbar sein würde. Als Tochter, Geliebte, Ehefrau, Professorin, Freundin und Witwe. Als vertriebene Getriebene und Opfer ihrer Standhaftigkeit. In der Fiktion liegt oftmals die große Chance, sich einem Menschen zu nähern und ihm dabei Raum zu lassen, der bisher unbeschrieben, unerzählt und unausgesprochen war.

Was wir scheinen - Hildegard E. Keller - Hannnah arendt Astrolibrium

Was wir scheinen – Hildegard E. Keller

Es ist ein Wagnis, einen Roman über das Leben und Schaffen einer umstrittenen historischen Person zu schreiben, da immer die Gefahr besteht, dass die damaligen Kontroversen um Hannah Arendt wiederbelebt werden und sich negav auf den Roman auswirken. Wer jemals ein Interview mit ihr gesehen hat, wird mir vielleicht  zustimmen, dass sie hier teilweise arrogant, distanziert, herb und wenig sympathisch wirkt. Könnte ein Roman jene bewusst erzeugten Bilder korrigieren, uns neugierig auf den Menschen hinter der Fassade der intellektuellen Kämpferin machen? Ich war gespannt darauf, zu erlesen, wie sich Hildegard E. Keller an die schillernde Hannah Arendt heranwagt, um sie für eine breite Leserschaft greifbar zu machen. Man merkt ihrer Geschichte schnell an, dass sie nicht das Ziel verfolgt, einer abstrakten Figur näherzukommen.

Schon im ersten Kapitel fühlte sich mein Lesen wie eine literarische Reanimation an. Als sei ich Augenzeuge, wie die Schriftstellerin mit ihrem Autorinnen-Defibrillator Kontakt zur Vergangenheit aufnimmt, zwei Elektroden aufsetzt und mit dem Ruf „Weg vom Tisch“ einen Impuls aussendet, der zum Wiedererwachen der Frau führt, die zu den umstrittensten Charakteren ihrer Zeit gehörte. Und schon verfliegt jedes Rauschen des bisher Gelesenen, Gehörten und Gesehenen. Wir begegnen der Totgeglaubten in einem Zugabteil und vernehmen ihre Gedanken, ihren inneren Monolog und fühlen die Träume, die sie begleiten. Hier beginnt eine Reise an der Seite von Hannah Arendt in immer wiederkehrenden Zeitschleifen, Rückblenden und Aufzügen. Hier, im Jahr 1975 beginnt meine persönliche Begegnung mit ihr. Und die erste Erkenntnis trifft mich wie ein leuchtender Blitz. Sie wirkt nahbar, natürlich und alles andere als unsympathisch.

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Was wir scheinen – Hildegard E. Keller

Dies ist der Technik und der Erzählkunst von Hildegard E. Keller zu verdanken. Sie tritt Hannah Arendt nicht zu nah, lässt sie nicht als Ich-Erzählerin ihres eigenen Lebens auftreten, sondern bedient sich der personalen Erzählform, um aus der kurzen Distanz sehr tiefe Einblicke gewähren zu können. Die Autorin sagte kürzlich in einem Zoom-Meeting dazu: „Hannah will keinen Thron, sie will keinen Klappstuhl, sie will mit uns am Tisch sitzen.“ Man spürt, dass es ihr augenscheinlich darum geht, einen Menschen zu erzählen. Ihn von den Zwängen der Faktenlage zu befreien, und in einem Roman mit neuem Leben und einer Individualität zu versehen, die authentisch aber frei von formalen Vorschriften ist. Endlich, dachte ich mir. Endlich fallen die Schleier, die Hannah Arendt selbst blickdicht gewebt hatte. Nach aller Theorie endlich ein Treffen in der fiktionalen Realität eines Romans, der Hannah Arendt schon auf den ersten Seiten gerecht wird.

Hier packt mich die pure Neugier, endlich aus erster Literatur-Hand zu erfahren, wie Hannah Arendt ihr Leben sah. Wie sie zu den Menschen stand, die ihre Wege säumten, begleiteten und ihr dabei auch im Weg standen. Namen tauchen auf, die nur in ihren Erinnerungen so plastisch erscheinen können. Namen von Menschen, die sich im Arendt-Universum um sie drehten, wie die Planeten um die Sonne. Jaspers, Walter Benjamin, Martin Heidegger, Kurt Blumenfeld, Heinrich Blücher, Theodor W. Adorno, Günther Stern, Mary McCarthy und viele andere werden im Verlauf dieser Geschichte zu realen und fühlbaren Weggefährten eines facettenreichen Lebens. Wir erleben die Fluchten der Hannah Arendt, ihre Ängste und den inneren Kampf gegen die Nazis des Dritten Reichs. Die Kapitel wandern im Rhythmus eines Zuges zurück in der Zeit und kehren immer wieder zum letzten Fluchtpunkt im letzten Lebensjahr 1975 zurück.

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Was wir scheinen – Hildegard E. Keller

Jeder interessierte Lesende wird einen eigenen Weg durch diesen Roman finden. Jeder findet seine Ankerpunkte, die faszinieren und inspirieren. Ich war natürlich mehr als interessiert am Aspekt „Adolf Eichmann„. Für Hannah Arendt blieb er der Mann im Glaskasten. Für sie blieb er der Administrator des Holocaust, über den sie oft berichtet und geschrieben hatte. Seinen Prozess in Israel hatte sie beobachtet und die Welt fast in Aufruhr versetzt, als sie darüber schrieb, dass Eichmann nur ein blasser Buchhalter sei, nicht aber das monströse Monster, das man weltweit erwartet hatte. „Die Banalität des Bösen“ nannte sie ihn. Diese Begegnung prägte sie, dieser Eindruck ließ Hannah Arendt nicht mehr los und jahrzehntelang stand sie für die scheinbare „Verharmlosung“ eines Täters im Kreuzfeuer. Die Israel-Kapitel dieses Romans sind für mich plausibel und unfassbar dicht in ihrer erzählerischen Wucht. Der Wendepunkt im Leben dieser Kämpferin gegen Unterdrückung und Rassismus wurde für mich nie zuvor im Kontext der Realität so grandios beschrieben.

„Was wir scheinen“ rückt Hannah Arendt und ihr Leben in ein neues Licht. Jener abstrakten Diva einer längst vergangenen Zeit eine so intensive Vitalität einzuhauchen, ist eine herausragende literarische Leistung. Ich entdeckte völlig unbekannte Seiten an der Frau, über die ich schon einiges zu wissen glaubte. Die Lyrikerin Arendt wurde mir zum ersten Mal so intensiv, poetisch und feinfühlig nähergebracht. Bereichernd und im Zusammenhang mit dem erneut erwachenden rechtsradikalen Gedankengut in unseren Tagen, ist dieser Roman in jeder Hinsicht als besonders lesenswert zu betrachten. Hier liest man sich nicht in eine biografische Welt voller Fakten und Daten hinein. Wir sind im Herzen einer empathischen Lebensgeschichte gefangen, die nicht nur Aficionados von Hannah Arendt begeistern wird. Mir scheint, „Was wir scheinen“ ist ein größerer Wurf im literarischen Kalender dieses Jahres und stellt einen diametralen Gegensatz zu Hannahs Sicht auf ihr eigenes Leben dar.

„Was wir sind und scheinen,
ach wen geht es an.
Was wir tun und meinen,
Niemand stoß` sich dran.“

Hannah Arendt saß weder auf einem Thron noch auf einem Klappstuhl, sondern mit mir am Tisch, während ich mit ihr ein Leben durchschritt, das zuvor aus drei Leben bestand. Dieses vierte Leben, Was wir scheinen, gehört nun zu meinem Königsweg des Lesens und Hörens dazu.

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