„Zimmermanns Stunde“ von Karolien Berkvens

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Das Leben könnte so schön sein danach. Befreit von allen beruflichen Zwängen und Verpflichtungen könnte man den Lebensabend nach der Pensionierung in vollen Zügen genießen. Zeit mit Menschen verbringen, die man liebt. Zeit mit Hobbies genießen, für die man im Arbeitsalltag so wenig Zeit hatte. Zeit einfach auch mal verstreichen lassen und alle Viere von sich strecken. Es könnte so schön sein, und doch wundert man sich, wenn man Rentner und Pensionäre trifft über so manche Aussagen. Mehr Termine als jemals zuvor, voll verplant, keine Zeit oder auf der anderen Seite die Schilderung, eines tiefen Loches, in das man unvermittelt gefallen sei. Mir kann das nicht passieren. Mein Ruhestand wird seinem Namen gerecht werden. Leben. Einfach leben.

Das hatte sich auch Loet Zimmermann gedacht. Nach vierzig Jahren im Schuldienst endlich pensioniert zu werden, an diese Vorstellung konnte man sich schon gewöhnen. Bitte kein großes Tamtam um den letzten Arbeitstag machen, bitte keine üblicherweise unehrlichen Reden schwingen, bitte nicht an die große Schulglocke mit dem Abschied. Mehr hatte sich Zimmermann nicht gewünscht. Einfach nur gehen. Einen Schlussstrich ziehen. Die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen und ein geordnetes neues Leben in Angriff nehmen. Das hatte er sich mehr als verdient. Als schließlich Zimmermanns Stunde schlug, sah alles doch so anders aus, als er sich in seinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Er, das lebendige Synonym für Zuverlässigkeit, leise Pflichterfüllung, lückenlose Ordnung und perfektes Zeitgefühl, sollte am letzten Tag des Berufslebens aus einer Bahn geworfen werden, die er sich ganz anders vorgestellt hatte. Ein Mann, der seine Zeit nicht verschwendete, sie sich nicht vertrieb und die Zeit anderer sinnvoll verplante, sollte aus der Zeit fallen. Die Landung. Brutal und hart. Zeitlos. Zimmermann denkt den Tag in acht Blöcken von jeweils fünfzig Minuten. Als Stundenplan-Koordinator hämmert sich dieser Zeitrhythmus wohl ins Blut. Jeder Abweichung von der Norm gilt es aktiv zu begegnen. Zeitverschwendung – einfach undenkbar. Und jetzt? Danach? Welchen Wert hat die freie Zeit? Was kann man damit anfangen? Fragen, die uns durch das Lesen in unser Leben begleiten. Fragen, die wir uns für Zimmermann stellen, ohne ihn je richtig kennengelernt zu haben. Ein Trugschluss des Lesens, in den uns die Autorin Karolien Berkvens treibt. Wenn wir denken, sie schriebe über Zeit, über einen Menschen, der in letzter Konsequenz seinen Rhythmus verliert und an der Zeitlosigkeit scheitert, dann ist ihr bereits auf den ersten Seiten ihres Romans „Zimmermanns Stunde“ gelungen, was uns auf den Folgeseiten unvermutet einholt.

„Die stille Kraft beklagt sich nicht, die stille Kraft tut ihre Arbeit.“

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Wir neigen dazu, Menschen über ganz einfache Assoziationen zu definieren. Zeit und Zimmermann. Das passt. Darauf kann man weiter rumdenken, dieser heißen Spur kann man weiter folgen. Oberflächlich betrachtet, genau das, was wir täglich mit jenen Menschen in unserem Umfeld veranstalten, denen wir nur an der Oberfläche begegnen. Karolien Berkvens jedoch entführt uns in die Tiefe. Und die ist zeitlos, besteht nicht aus klischeehaften Zeit-Wortspielen oder wenig originellen Davor-Danach-Vergleichen. Sie macht das Fehlen zum zentralen Thema ihres Romans. Ein Fehlen, das schmerzhaft in einem Leben verankert ist und sehr schmerzhaft bewusst macht, wie schön es ist, Zeit MIT einem geliebten Menschen verbringen zu dürfen.

„Zimmermann genießt nicht, Zimmermann lebt.“

Diesem Roman fehlt etwas. Ihm fehlt Lucy. Sie fehlt in jeder Zeile, in jedem Kapitel und besonders auch zwischen den Zeilen. Sie fehlt im Leben des gerade pensionierten Loet Zimmermann. Sie fehlt schmerzhaft. Lucy, seine schon lange verstorbene Ehefrau fehlt in dieser Lebensphase, die Zeitgewinn darstellen könnte. Gemeinsames wird zum Einsamen. Verlust wird spürbar weil es keine Flucht mehr in die Stundenpläne gibt. Das Leben schlägt mit voller Wucht zu. Das allein würde schon reichen, um Zimmermann in eine tiefe Krise zu stoßen. Karolien Berkvens belässt es nicht dabei. Sie lässt nicht nur den Verlust seiner Frau gewaltig zuschlagen, sie lässt ihren Loet Zimmermann so heftig zu Boden gehen, dass man denkt, sein letztes Stündchen hätte geschlagen.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Karolien Berkvens wirft in ihrem Roman entscheidende Fragen des Miteinanders in einer Gesellschaft auf, die zur Separationsmaschine verkommt. Jeder denkt an sich. Jeder ist sich selbst der Nächste. Oberfläche zählt. Vorurteile dominieren den Tag und Abweichungen von der Norm sind absolut unverzeihlich. Und wenn man aus seiner Bahn geworfen wird, dann gerät man schnell in die Umlaufbahn professioneller Richter. Menschen, die es wieder richten. Therapeuten. Außenstehende. Zuschauer. Bitte nicht ich. Bitte nicht unmittelbar und intensiv. Eine bahnbrechende Kollision mit dem eigenen Leben, mit seinen Verlusten, mit dem eigenen Sohn und mit der Vergangenheit macht aus einem eigentlich zeitlos einfachen Buch einen melancholischen Abgesang auf ein Leben, das wir bitte so nicht führen wollen. Mitgefühl. Das überwiegt, wenn ich an Loet Zimmermann denke. Sehnsucht, wenn ich mir Lucy vorstelle…

„Alle Sätze, die mit »Was würde Lucy« anfangen, brach er sofort ab, weil es bis in alle Ewigkeit Sätze ohne Ende, Fragen ohne Antwort sein würden.“

Prädikat lesenswert, definitiv keine Zeitverschwendung.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Ein Nachtrag zum Buchcover: Im direkten Vergleich zum deutschen Cover wirkt das Original eher wie eine graue literarische Maus, die man sicher nicht als Eye-Catcher bezeichnen kann. Dagegen lässt das Droemer-Cover ein eher philosophisch geprägtes Lesevergnügen vermuten. Mein Fazit: Ich würde das Blau dem Grau vorziehen, weil es mich optisch sehr anspricht. Hat man jedoch Loet Zimmermann und seine Geschichte einmal kennengelernt, kann man die Entscheidung für ein tristes nachdenkliches Cover sehr gut nachvollziehen. Es spricht aus meiner Sicht vielleicht sogar die Leser direkter an, die eigentlich erreicht werden sollen. Sie würden nur nicht zugreifen.

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„So sprach Achill“. Alessandro Baricco erobert Troja

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Troja. Synonym für Verrat, Heldentum und Verlust. Wer kennt nicht Achill, Aeneas, Odysseus und die schöne Helena? Doch wer hat Homers „Ilias“ gelesen? Ist das Epos aus der griechischen Antike für uns heute überhaupt noch lesbar? Eher nein. Gedichte, Reime, Oden, Versformate, die Gliederung in Gesänge und nicht zuletzt die unüberschaubare Flut an Göttern mit zahllosen Stammbäumen und Verflechtungen sorgen beim Lesen des Originals schnell für Verzweiflung. Zumindest,wenn man kein altgriechisches Studium in der Hinterhand hat. Also was tun, wenn man die größte Heldensage verstehen möchte?

„So sprach Achill“ verspricht Rettung. Man greife einfach zum großen italienischen Wortmagier Alessandro Baricco (Seide) und vertraue sich seiner Nacherzählung des Trojanischen Krieges, erschienen bei Hoffmann und Campe, an. Was ihm gelingt ist grandios. Wie er uns zeitgemäß und zeitlos in die Schlacht führt?

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Ganz einfach. Man nehme das Original von Homer; entfrachte es von allen Göttern; mache die Helden zu eigenständig denkenden und handelnden Menschen; lasse diese aus ihrer Sicht erzählen und füge eigene typische Baricco-Texte ein. Was so entstand ist ein spannendes und flüssig zu lesendes Meisterwerk. Gleichsam eine Hommage an Homer, wie auch ein Buchkunstwerk für jeden, der mit der griechischen Mythologie auf Kriegsfuß steht. Alessandro Baricco erzählt hier von der größten Liebe aller Zeiten, von unglaublicher Feigheit, bedenkenlosem Verrat und tragischem Verlust, von betörendem Stursinn und wahrem Heldenmut. Zeitloser war Troja niemals zuvor. Und doch ist es eine große literarische Herausforderung sich in der heutigen Zeit mit Agamemnon, Ajax und Hektor vor die Tore Trojas zu begeben und ein Schlachtengemetzel zu erleben, das in der Literaturgeschchte seinesgleichen sucht.

Ich tat es aus gutem Grund. Ich musste nach Troja, weil mich die Sehnsucht trieb. Es war Tania Blixen, die mich schon vor langer Zeit in die Schlacht trieb. Endlich war ich bereit, ihr zu folgen. Tania Blixen? Richtig gelesen…

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Meine Affinität zum Trojanischen Krieg wurde mir schon 1986 von Tania Blixen in die Seele geschrieben. Sie verglich ihr Scheitern in Afrika mit dem Verlust Trojas und zitierte in „Jenseits von Afrika“ aus der Aeneis von Vergil…

„Infandum, regina, jubes renovare dolorem,
Troja in Flammen, sieben Jahre Verbannung,
dreizehn der besten Schiffe verloren!
Was wird das Ende sein von alledem?
Unerträumte Schönheit, königliche Ruhe
und süßes Entzücken.“

Seitdem assoziiere ich Verlust und Scheitern mit jenem Bild aus Tanias Lebensroman. Seitdem verbinde ich Melancholie mit Troja. Jetzt stehe ich mit Alessandro Baricco vor den Toren der Stadt. Rüste mich einerseits für ihre Verteidigung, plane andererseits die Eroberung und denke dabei an eine dänische Schriftstellerin. „So sprach Achill“ öffnet bei mir die Schleusen, die 1986 in meinem Herzen errichtet wurden.

Ach Tane, Du würdest das gerade jetzt so gut verstehen. Und nicht nur ich folgte dem Ruf zu den Waffen. Alessandro Baricco vollbrachte mit seiner Nacherzählung der „Ilias“ ein wahres Wunder.

So sprach Achill von Alessandro Baricco

10.000 Menschen zahlten Eintritt, um in Rom einer Lesung zu folgen, die Homers „Ilias“ zum Thema hatte. Nicht jedoch zur Originalfassung aus der Feder des großen Homer. Alessandro Baricco hatte eingeladen seiner Nacherzählung des Epos zu folgen. Eine Bearbeitung, die das Heldenepos rund um den Trojanischen Krieg auf neue Füße stellt. Einige chirurgisch präzise Eingriffe, einige Perspektivwechsel, neue Zutaten und schon war mit „So sprach Achill“ ein neues Werk entstanden. Ich lud Homer in meine kleine literarische Sternwarte ein. Ich wollte die „Ilias“ aus dem Anaconda Verlag und den neuen Achill miteinander vergleichen. Ich wollte Homer fragen und sehen, was von ihm übrig geblieben ist. Ich ließ mich vor die Tore von Troja schleifen, kämpfte dort um mein gutes Lesen und erlebte einen Gänsehautmoment nach dem anderen.

Baricco nimmt Homer nicht, was des Homers ist. Er würdigt sein Schreiben, macht es jedoch durch die inhaltliche Verkürzung transparent und nachvollziehbar. Die eigene schriftstellerische Leistung Bariccos setzt mit seinen Texten ein, die er ganz zart in das Epos einfließen lässt und die wir durch die kursive Schriftart sofort erkennen. Ehre und Heldenmut relativiert er ebenso, wie er Liebe und Abhängigkeit hervorhebt. Hier werden Helden lebendig, verwundbar und nachdenklich. Baricco entfrachtet und revitalisiert die Geschichte, die Geschichte schrieb. Seine Handschrift ist deutlich spürbar:

„Wir kämpften mit den Waffen in der Hand:
Dieser Mann ging in die Schlacht,
und in seiner Hand hielt er die Welt“

So sprach Achill von Alessandro Baricco

Wer erfahren möchte, warum Baricco in die Schlacht zog, der wird am Ende des Buchs in Staunen versetzt. Sein Nachwort ist das Nachwort eines Pazifisten, der dem Krieg der heutigen Zeit den Krieg erklärt. Er verdammt und verurteilt nicht. Er kommt zu der Erkenntnis, dass Krieg eine besondere Schönheit, eine magische Anziehungskraft und eine zeitlose Faszination auf uns Menschen ausübt. Das Gegenmittel? Eine andere Schönheit ins Feld zu führen. Eine Schönheit die noch faszinierender ist, als das Töten auf dem Schlachtfeld. Seine „Postille über den Krieg“ zeigt deutlich, dass er mit „So sprach Achill“ ein Trojanisches Pferd vor unsere Stadttore geschoben hat, dem er nun entsteigt um eine Geschichte zu erzählen. Manchmal sind es die Erzähler, die der Welt den Frieden bringen. Ein großes, ein zeitloses, ein wichtiges Buch.

„Wir wussten, auch der lange Krieg, den wir führten, war alt,
und eines Tages würde ihn der gewinnen,
der imstande sein würde,
ihn auf eine neue Weise zu führen.“

Alessandro Baricco zu lesen ist ein Privileg. Über ihn zu schreiben, meine wahre Passion. Hier geht´s zu meiner Baricco-Lebensbibliothek… 

So sprach Achill von Alessandro Baricco und mehr von Hoffmann und Campe

Der endlose Sommer – Ein Requiem von Madame Nielsen

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„… wir bleiben im »endlosen Sommer«, der gleich dem Paradies der Ort ist, der nie war und an den man nie zurückkehren kann, außer in der Erzählung…“

Der endlose Sommer – Sommerzeit bei Literatur Radio Bayern – Ein Klick genügt

Könnt Ihr Euch noch an Euren letzten Endlosen Sommer erinnern? An diese Zeit in Eurer Jugend, in der fast alles möglich schien, in der man sich unsterblich fühlte, auf der Suche nach der ersten wahren Liebe jedes Risiko eingehen konnte und dachte, die Freunde dieser Tage wären jene Menschen mit denen man sein Leben lang zusammen sein würde? Könnt Ihr Euch noch daran erinnern? An diesen verschleierten Traum, der alle Konturen verwischte und an dessen Ende man inständig hoffte, nicht irgendjemand zu sein. Jemand wollten wir werden. Geliebt, nicht beliebig. Die flirrenden Träume und Fantasien jener Tage hinterlassen in jedem Menschen eine nicht mehr auzuslöschende Melodie, der wir lange hinterher trauern, wenn sie erst verklungen ist.

Könnt Ihr Euch an diese Zeit in Eurem Leben erinnern? Seid Ihr bereit, den Kokon zu durchbrechen, der Eure Erinnerungen vor dem Hier und Jetzt beschützt und seid Ihr bereit, in ein Paradies zurückzukehren, in das man niemals zurückkehren kann? Außer in Erzählungen? Wenn ja, dann seid Ihr bereit für Madame Nielsen. Aber Vorsicht, die Rückkehr in dieses Paradies kann alte Wunden aufreißen und Gefühle wecken, die Ihr schon lange vergessen habt. „Der endlose Sommer“ beginnt erneut.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„Der Junge, der vielleicht ein Mädchen ist, es aber noch nicht weiß. Der scheue Junge, der vielleicht ein Mädchen ist, aber nie einen Mann berühren, sich nie mit einem Mann ausziehen und Haut an Haut reiben würde, nie im Leben…“

Der endlose Sommer ist kein Roman und keine Erzählung im üblichen Sinn. Wir tauchen in ein Requiem ein, den emotionalen Abgesang auf das verlorene Paradies, in dem eine Gruppe junger Menschen die wundervollste Zeit ihres Lebens verbrachten. Es ist eine Phase der unbeschwerten Orientierungslosigkeit und Offenheit für die Wunder der Welt. Alles scheint erlaubt und doch ist es mutig, die moralischen Schranken einer Gesellschaft zu durchbrechen die keine Durchbrüche toleriert. Ein junges Mädchen und ihr zarter scheuer Freund erleben dies am eigenen Leib. Die eigene Suche nach den großen und sicheren Gefühlen wird durcheinandergewirbelt, als zwei Portugiesen im strahlenden Licht des endlosen Sommers erscheinen. Die feste Gemeinschaft dieser Tage wird um eine Melodie erweitert, die alles vergessen macht und vieles neu erfindet.

Den Stiefvater, der seine Frau eifersüchtig mit dem Gewehr bewacht. Die Brüder, die haltlos durch ihr Leben taumeln und die Mutter, die plötzlich alle Zweifel über Bord wirft und sich hoffnungslos in einen der Portugiesen verliebt. Eine wahrlich unmögliche Liebe, die alles in ihren Bann zieht, alles mit sich reißt und auch nicht endet, als der letzte Sonnenstrahl des endlosen Sommers für immer untergeht.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„Doch manches ist selbst im Traum nur ein Traum, »der endlose Sommer« zum Beispiel, vielleicht beginnt er nie, vielleicht ist er nichts als die Befreiung, von der das Mädchen oder der schmale Junge träumen…“

Vom Olymp des Erzählers macht uns Madame Nielsen nicht nur zu Beobachtern.  Wir spüren, dass sie die Fäden in der Hand hält und das Schicksal bestimmt. Wie eine griechische Göttin vermag sie die Gefühle der jungen Menschen aufzuspüren und uns ins Herz zu schreiben. Dabei schreibt Madame Nielsen nicht im traditionellen Sinn den Roman den man vielleicht erwartet hat. Sie komponiert ihr Requiem wie ein Musikstück, dessen melancholische Grundmelodie uns gefangen nimmt. Sprachlich eine Klasse für sich. In der Struktur der Erzählung so vergleichbar, wie ein Traum im Traum, der jede Struktur verweigert und sich erst erschließt, nachdem man aufgewacht ist. Dieses Buch ist die Kathedrale, in der dieses Requiem aufgeführt wird.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„… und viele Jahre später, als er schon längst eine alte Frau ist…“

Wer sich dieser Erzählung bedingungslos ausliefert, wird schnell fühlen, dass sie sich den Kategorien entzieht, die wir gerne über Literatur stülpen würden. Wir haben es hier nicht mit einem Coming-of-Age-Roman zu tun, dies ist sicher keine Geschichte über diffuse Rollenbilder oder gar eine Gender-Story. Wir erleben kein sexuelles Outing oder homo-erotische Trugbilder. Hier ist alles möglich. Alles ist ungeformt und im Fluss. Das Leben liegt nicht als Blaupause zum Nachzeichnen auf dem Tisch. Die Menschen dieses Romans sind Skizzen, die keine scharfen Kanten haben und die wir gemeinsam mit der grandios fabulierenden Autorin ganz zart ausmalen dürfen.

Ihr werdet den Roman nicht zu fassen bekommen, wie Ihr Euren eigenen endlosen Sommer auch heute nicht zu fassen bekommt. Er besteht aus Sequenzen, Bildern und Rhythmen, die sich langsam aneinander reihen. Sucht nicht verzweifelt nach Struktur, wo Euer Paradies selbst nie strukturiert war. Versucht Euch hinzugeben, das Requiem zu erhören und saugt die Melodie auf, die wir schon lange nicht mehr summen können.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

Sucht nach Euren eigenen Antworten auf die Fragen des Lebens. Wer gehört zu wem, wer ist wer und was bleibt am Ende von allem? Ist es nur das liebestrunkene und unvergessliche Gefühl der letzten großen unbeschwerten Lebensphase und die Angst vor der Unausweichlichkeit des Schicksals? Ist es Liebe? Ist es Unsicherheit oder gar die eigene Erinnerung, die es plausibel erscheinen lässt, dass ein Junge vielleicht ein Mädchen ist. Madame Nielsen reicht Euch ihre Hand und summt ihr ganz eigenes Lied. Durchleben müsst Ihr diesen endlosen Sommer ganz allein. Das ist Euer Privileg. Es ist wundervoll, in diesem Roman den eigenen endlosen Sommer zu finden und sich dabei zu fragen, was wir im Herbst und Winter unseres Lebens davon noch im Herzen haben. Ich fand meine Antworten.

Dieser Roman entspricht seiner Autorin. Madame Nielsen ist alles, was man sich vorstellen kann, wenn man das Wort Künstlerin reflektiert. Sie ist Kunstperson und Lebenskünstlerin, Performance-Artist, Autorin und Sängerin. Ihre Vita klingt skurril, was sie für mich nur umso faszinierender macht. Sie löste sich 2001 sehr konsequent von ihrem männlichen Ich, trug Claus Beck-Nielsen zu Grabe, erfand sich selbst und lebt ihr Leben, wie sie ihren endlosen Sommer lebte. All diese Geheimnisse möchte ich gerne im Verborgenen lassen und sie so akzeptieren, wie sie schreibt. Außergewöhnlich und einfach als grandiose literarische Stimme. Ich fühlte mich sprachlich ein wenig an die große Tania Blixen erinnert. Ja, ich denke, das hätte ihr gefallen. Dänische Stimmen tragen die Weltliteratur auf leichten Schultern. Ich verneige mich.

„Es ist stets die Idee des Paradieses, auf die es ankommt,
und wenn eine hinreichend ansprechende Illusion erschaffen werden kann,
folgt die Wirklichkeit von selbst.“
(Tania Blixen)

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

Ihr könnt diese Rezension auch auf Literatur Radio Bayern hören. 

Inzwischen ist die endlose Sommerzeit auch bei Zeichen und Zeiten angebrochen.

„Die Enthüllung der Welt“ von Stefan Schmortte

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

Dem ersten Buch eines neuen Jahres kommt für mich große Bedeutung zu. Fast schon abergläubisch wähle ich es ganz bewusst aus, weil dieses erste Lesen für mich Signalwirkung hat und wegweisend ist. Diesmal sollte es ein historischer Roman sein. Ein Buch mit möglichst unverbrauchtem Thema, literarischem Neuland und einer Story, die geeignet erschien, mich in mein literarisches Universum 2018 zu katapultieren. Ich entschied mich für ein Debüt. Autor neu, Inhalt neu, Jahr neu. Was wollte ich mehr? Es ist ein fast heiliges Ritual, dieses erste Buch besonders zu zelebrieren.

Die Enthüllung der Welt“ von Stefan Schmortte, erschienen im Lago Verlag, sollte es sein. Das 17. Jahrhundert klang als Ziel meiner Zeitreise mehr als interessant und das Kernthema des Romans war mir bisher in gebundener Form noch nicht begegnet. Die Geschichte des Mikroskops. Im Kleinen das Große erkennen. Expeditionen in eine unentdeckte Welt, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Entdeckungen von großer wissenschaftlicher Tragweite in einer Zeit, in der sich die Gelehrten der Welt noch darum stritten, ob unsere Erde sich wirklich dreht. Eine Zeit, in der die Aufklärung den Ansichten der katholischen Kirche diametral entgegenstand und man als Forscher riskieren musste nicht nur seinen Ruf, sondern auch das Leben zu verlieren.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

In genau diese spannende Zeit wollte ich mich hineinlesen. Historisch fundiert und authentisch musste es sein. Und die Protagonisten sollten mich an sich binden. Gefühle wecken. Eine besondere geschichtliche Epoche mit ihrem Leben füllen und mich zum Wegbegleiter erwählen. Ja, Ansprüche an einen Roman können sehr hoch sein. Ich will es hier vorwegnehmen. Ich habe die beste Entscheidung meines Lesens getroffen. Es war ein grandioser Start ins Lesejahr 2018 und ich werde dieses Buch so schnell nicht vergessen, weil es in jeder Beziehung alles hielt, was ich mir von ihm versprach! Es ist spannend, emotional, unvorhersehbar, fundiert und wirkt wie aus der Zeit gefallen, weil es einen atmosphärischen Bogen spannt, der literarisch außerordentlich tragfähig ist.

Nur eines ist Die Enthüllung der Welt sicher nicht. Ein historischer Roman. Weg mit den Schubladen, hinfort ihr Klischees! Hier betritt ein Autor das literarische Parkett, der wie sein fiktionaler Protagonist Piet van Leeuwen der allzu dogmatischen Sicht der tradierten Kategorisierung des Denkens entgegentritt und sich von allen Zwängen löst. Stefan Schmortte verweigert sich der einfachen Einordnung, dem Schubladendenken des Mainstreams. „Die Enthüllung der Welt“ ist ein brillant erzählter Roman. Ich habe es mit einer Geschichte zu tun, die mir an einem Lagerfeuer erzählt werden könnte. Sie lebt von den Charakteren, die frei erfunden sind und doch so lebendig wirken, als hätte es sie wirklich gegeben. Dies ist kein historisch wissenschaftlicher Roman, der sich bei genauer mikroskopischer Betrachtung vermessen lässt. Dies ist eine tolle Geschichte.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

„Es war noch sehr früh am Morgen, als in der niederländischen Stadt Delft, am Ende einer kopfsteingepflasterten Gasse nahe der alten Kirche, ein junger Mann in seinem Haus erwachte, der mehr als jeder andere seiner Zeit einen Blick für die Kleinigkeiten in der Welt besaß.“

Mit diesem ersten Satz im Roman lernen wir Piet van Leeuwen kennen. Ein junger Mann mit einem außergewöhnlichen Lebensweg in ungewöhnlich unruhigen Zeiten. In diesem ersten Satz erkennen wir schon, dass er über eine besondere Fähigkeit verfügt, die ihn von anderen Menschen seines Zeitalters unterscheidet. Er ist scharfsichtig wie kein Zweiter. Er erkennt mit bloßem Auge Details, die andere nicht mal mit einer Lupe sehen würden. Eine Gottesgabe, könnte man sagen. Wenn man es sich leicht machen wollte. Fluch und Segen, könnte man sagen, wenn man diese Gabe im Kontext seines Lebens betrachtet.

Denn jeder guten Gabe scheint Gott ein ebenso großes Leid an die Seite gestellt zu haben. Piet van Leeuwen ist kleinwüchsig, verunstaltet und eben genau nicht das, was sich seine Mutter als Sohn gewünscht hat. Sie schämt sich für ihn. Missgeburt und Schande. Worte, die seine ganze Kindheit begleiten. Als sein Vater Selbstmord begeht entsorgt man den kleinen Piet mit Hilfe der Kirche in ein Kinderheim. Weg mit ihm. Aus den Augen aus dem Sinn. Die brutale Erziehung und ständige Misshandlungen härten Piet für sein Leben ab. Flucht ist sein einziger Ausweg. Seine Augen sind sein einziger Trumpf. Die letzte Botschaft seines Vaters wird zum Lebensmantra…

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

„Wer für das Allerkleinste im Leben ein Auge hat, wird das Allergrößte in seinem Leben erreichen!“

Mit seiner Scharfsichtigkeit öffnet er den Menschen in seinem Umfeld die Augen. Piet van Leeuwen geht seinen Weg. Einen Weg, der von Neugier und Liebe geprägt ist. Einen Weg, der das Unsichtbare sichtbar werden lässt. Wenn schon das bloße Auge in der Lage ist, Dinge zu sehen, die eigentlich unsichtbar sind, was könnte man da noch entdecken, wenn man die eigene Sehkraft verstärken würde? Diese Frage führt ihn zur Suche seines Lebens und damit in seine kleine Werkstatt und zu seiner Apparatur, mit der er erstmals Dinge beobachten kann, die dem menschlichen Auge verborgen waren.

Mit diesem ersten Mikroskop tritt er eine Kette von Ereignissen los, die sein Leben verändern. Er muss um sein Leben fürchten, da seine Beobachtungen im Widerspruch zur Kirchenlehre stehen. Er erlangt wissenschaftlichen Ruhm, indem er von Menschen unterstützt wird, die der Aufklärung im 17. Jahrhundert den Weg bereiten. Er hat gegen den Aberglauben der Zeit zu kämpfen und gegen die Stadt in der er lebt. Die Heimkehr nach Delft, die Stadt aus dem man ihn als Kind vertrieb, erweist sich als fatal. Nicht nur wegen der vermeintlichen Scharlatanerie des Unsichtbaren, sondern wegen der Liebe seines Lebens, die Piet nach Delft gefolgt ist. Eine Jüdin, die er aus einem Hurenhaus in Amsterdam freigekauft hat. Als hätte er nicht Probleme genug.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte – Der Lesestein

Stefan Schmortte lässt uns sehen, was sonst niemand sieht, er lässt uns fühlen, was niemand fühlt und er lässt uns erleben, was wir niemals selbst erleben wollen. In jeder Enthüllung seines Romans liegt ein eigener Weg verborgen. Freunde und Feinde von Piet van Leeuwen werden zu unseren Wegbegleitern. Wir versinken in Abgründen kirchlicher Dogmatik, verzweifeln an abstrusen wissenschaftlichen Fehldeutungen und kämpfen mit dem einzigen Freund seines Lebens auf hoher See ums Überleben. Es ist unfassbar facettenreich, was wir auf diesen 550 Seiten erlesen dürfen. Es ist ein Lesen voller Emotion und Zuneigung zu Piet und Carla. Es ist ein Lesen, geprägt von Zweifel und Erkenntnis. Ein Lesen, das so lesenswert ist, wie man es sich nur wünschen kann.

Am Scheideweg der „Enthüllung der Welt“ schreit uns der Autor eine Botschaft ins Leben, die „seinen“ Piet van Leeuwen zum großen Zweifelnden und Suchenden in der Literatur werden lässt. Wenn man das Allerkleinste im Leben zu wichtig nimmt, kann es sein, dass man das Allergrößte in seinem Leben verliert. Tragfähig ist der Roman. Tragfähig, seine Message. Er ist prädestiniert um das eigene Lesen zu feiern. Ich umgab mich mit Lesesteinen, Skizzen von Leonardo da Vinci, ich warf Blicke durch Lupen und versuchte doch das Größte nicht aus den Augen zu verlieren. Die Liebe. An der Seite von Piet van Leeuwen liest man die Welt mit anderen Augen.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

Stefan Schmortte, für mich ein Autor mit beachtlichem Potenzial. Ein Roman, der sich auf dem Buchmarkt nicht verstecken muss. Es war ein perfekter Lesestart in mein literarisches Traumjahr 2018. Wenn mich alle Bücher dieses Jahres so begeistern, ist mein Lesen ein Traum. Zelebriert euer Lesen… Es lohnt sich…

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte – Das Lesen zelebrieren

„The Writer´s Cut“ von Monty Python Eric Idle

The Writer´s Cut von Eric Idle

Timing ist bekanntlich alles, wenn es um Gags geht! Die beste Comedy verpufft in Banalität, wenn der richtige Zeitpunkt für den Knalleffekt verpasst wird. Wer jemals den Film Das Leben des Brian von Monty Python gesehen hat, weiß ganz genau was es bedeutet, absolute Meisterschaft im Timing von Gags zu erreichen. Kaum eine andere Komikergruppe hat es jemals zu einer vergleichbaren Timing-Brillanz gebracht. Kaum ein zweites Team war in der Lage, dem Sinn des Lebens einen neuen Sinn zu geben oder die Geschichte des Mittelalters mit den Rittern der Kokosnuss zu garnieren.

Eric Idle war einer von ihnen. Auch 25 Jahre nach Brian gehört Idle immer noch zum internationalen Who-is-Who der Gag-Giganten. Der Schauspieler, Synchronsprecher, Regisseur und Komponist zieht seit den großen Erfolgen von Monty Python auch solo seine Kreise. Unsere Erwartungshaltung ist riesig, wenn wir ihm ihn seinem Schaffen begegnen. Punktgenau hat er immer geliefert. Wesentliche Teile meiner Lachmuskeln sind von ihm als Personal Trainer geformt worden und nun ein Buch aus seiner Feder vor Augen zu haben lässt mich schon vor dem ersten Satz erwartungsvoll schmunzeln.

The Writer´s Cut von Eric Idle

The Writer´s Cut“ liegt nun in einer zweisprachigen Taschenbuchausgabe aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch vor. So wird aus einer 165-seitigen Story doch ein ansehnliches Werk, da uns neben der Übersetzung von Julian Müller zugleich die originalen Zeilen des britischen Multitalents Eric Idle zur Verfügung gestellt werden. Ein gewagtes Unterfangen. Zumindest aus Sicht des Übersetzers. Für ihn steht hier schon viel auf dem Spiel, da jeder Leser damit beginnt, die beiden Fassungen zu vergleichen und zu mutmaßen, wie man selbst die ein oder andere Passage des Buches übersetzt hätte. Ein gewagtes Spiel eben auch, weil bestimmte Redewendungen und Wortspiele einer Hollywood-Satire sich dem deutschen Sprachgebrauch entziehen, wenn man sie wörtlich an den Mann oder die Frau bringen wollte…

„Ein Reality-Roman aus Hollywood“, was auch immer wir uns davon zu versprechen haben, gerade in der Zeit der #MeToo-Skandale darf und muss man darauf gespannt sein, was Eric Idle hier zu Papier gebracht hat. Eines ist jedoch sicher. Whistleblower sehen anders aus und realen Enthüllungsjournalismus darf man hier wirklich nicht von ihm erwarten. Was ich lesen durfte hat mich jedoch vom Hocker gehauen und meiner Lachmuskulatur dazu verholfen, nun als gestählt betrachtet zu werden. Muskelkater all inclusive! Was jedoch macht diese Story so real, was verleiht ihr Brisanz und warum ist es brüllend komisch, worüber sich Eric Idle hier amüsiert? Ganz einfach. Er nimmt alle Automatismen einer Unterhaltungsindustrie auf die Schippe und begeistert damit ganz besonders Buchliebhaber.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Stanley Hay ist Drehbuchautor. Noch dazu ein recht erfolgloser, dessen Existenz in Hollywood ebenso verschwiegen, wie unterbezahlt wird. Soviel zum Thema Realsatire. Als er jedoch ankündigt, einen Enthüllungs-Roman über die Prominenten der Filmsets auf den Markt bringen zu wollen, löst er schiere Hysterie aus. Doppelmoral trifft auf ihr voyeuristisches ungezogenes Schwesterlein. Jede Menge Sex und Drugs garniert mit weltbekannten Schauspielerinnen und Models. Das ist eine Sensation und Hollywood erzittert. Ein hochdotierter Buchvertrag wird schnell unterschrieben, die Filmrechte sind hart umkämpft, Interview folgt auf Interview und Stanley Hay steht im Mittelpunkt allen medialen Interesses.

Einziges Problem. Er hat noch keine einzige Zeile zu Papier gebracht. Aus dieser grandiosen Ausgangssituation heraus kommt Eric Idle aus seiner Deckung und schießt schärfer als die Polizei erlaubt. Aus dem Whistleblower wird ein Blowjobwhistler. In allen Details dieser Story entdecken wir die wahren Automatismen, die den Buchmarkt weltweit bestimmen. Sensationsgier und die Suche nach dem Mega-Seller lassen alle Schranken und Hüllen fallen. Und das absolut Perverse an der gesamten Situation. Die wahrhaft prominenten Weltklasse-Schauspielerinnen fürchten sich davor, nicht im Buch erwähnt zu sein. Kein Skandal – kein JetSet. Und so bemüht man sich doch noch kurz vor Toresschluss auf den eigentlich abgefahrenen Zug aufzuspringen. Koste es was es wolle.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Eigentlich haben es Komiker in den USA schwer genug. Eric Idle betont das mehr als deutlich:

„Da sitzt ein Clown im Weißen Haus und keiner lacht!“

Doch noch bevor wir wissend mit dem Prusten beginnen, bleibt uns das Lachen so sehr im Hals stecken, als hätten wir eine gute Portion Gräten gegessen. Der Roman ist im Jahr 2003 angesiedelt und gemeint ist hier George W. Bush. Spätestens hier wird klar, wie zeitlos die Story ist und dass es auch noch schlimmer kommen kann. Dieser Roman hat Potenzial, weil er mit der Potenz seines Protagonisten protzt. Das Bild der Frauen in dieser Unterhaltungsindustrie verkommt schnell zum Schlampenimage, auf das Hollywood heute mit Abscheu schaut. Diese Scheinheiligkeit stinkt in dieser Story gewaltig zum Himmel. Die Besetzungscouch ist hier kein geflügeltes Wort und Sex ist Währung, mit der auch Aktricen gerne zu zahlen bereit sind. Ein Skandal ? Nicht in Eric Idles Buch, das es gar nicht gäbe ohne reale Vorbilder. Das ist postironisch!

Wer jedoch ist nun der bessere Gagschreiber? Eric Idle oder sein Übersetzer? Ich habe keinen Zweifel, dass Julian Müller hier ein faszinierendes eigenständiges Werk geschaffen hat. Wortspiele die nicht übersetzbar sind hat er auf Gutdeutsch kompatibel gemacht. Redewendungen, die so nicht funktionieren, hat er lachbar gemacht. Wenn in der englischen Fassung etwas undicht ist, heißt es im Original „leaky as a cheap tent“. Julian Müller macht daraus „undicht wie ein Kondom aus dem Nähkästchen!“ Weit entfernt vom Ursprung, könnte man denken. Ich finde die Übersetzung hat Pep und ist alleine für sich schon ein Skandal, weil Julian Müller keine Details umschifft, die diese Story so schlüpfrig, skandalös und anzüglich machen. Hut ab.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Idle ist ein Perfektionist in Sachen Timing! Lesen, lachen, nachdenken und wieder lesen. Wer Bücher liebt und die große Story eines ungeschriebenen Bestsellers nicht verpassen möchte, ist hier genau an der richtigen Stelle. Kein uferloser Director`s Cut. „The Writer`s Cut“ stößt schnell und präzise zu. Wie sein Protagonist.