14. Juli von Éric Vuillard – Paris im Taumel der Revolution

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

Wir schreiben den 14. Juli 1789. Wir befinden uns in Paris und stehen unbeteiligt vor den Toren der kleinen Bastion, liebevoll auch Bastille genannt. Die kleine und ziemlich unbedeutende Festung war eigentlich als Teil der Stadtbefestigung geplant, hatte acht Zinnentürme und wurde im Laufe der Zeit von der immer weiter ausufernden Metropole einverleibt. So nutzte man sie als Gefängnis, in dem sich jedoch wenig prominente und zahlungskräftige Gefangene befanden. Die Haftbedingungen waren bescheiden, brutal und angsteinflößend. Die Wachmannschaft bestand aus Invaliden und Veteranen, was eigentlich zur Verteidigung der kleinen Festung völlig ausreichen sollte. Unter normalen Bedingungen. Die jedoch waren am 14. Juli 1789 nicht gegeben. Keineswegs.

Ich war erst vor kurzer Zeit hier und wusste wohl, was auf mich zukommt. Es war das fulminante Hörspiel „Brüder“ nach dem Revolutionsroman von Hilary Mantel, das mich auf die Ereignisse an der Bastille vorbereitet hatte. Die Französische Revolution hatte sich tief in mir verankert. Die Ursachen und Wirkungen des Aufstandes hatten mir die Augen geöffnet, wie umfassend die Erschütterungen waren, die eine ganze Nation bis zum heutigen Tage prägen sollten. Der Hochadel agierte fortan im wahrsten Sinne des Wortes kopflos, Könige und Königinnen legten sich unter die Guillotine und wurden mit einem konsequenten Schnitt zur Abdankung gezwungen. Ein komplexes und kaum zu entwirrendes Netz aus Ursachen, Wirkungen, Strömungen und Verwerfungen hatte zum großen Umsturz und zu einem Erdbeben für die europäischen Monarchien geführt.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

Ich war also im Bilde. Ich fühlte mich bestens informiert. Und ich war auf der Hut, als ich mich jetzt lesend vor der Bastille einfand und auf die Ereignisse des Tages wartete. Und doch zweifelte ich sehr daran, dass mir Éric Vuillard in seinem neuen Roman „14. Juli“ etwas erzählen konnte, dem ich zuvor keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Es sind schmale 136 Seiten, die er sich selbst gönnt, um einen so bedeutenden Tag in der Weltgeschichte zum Erzählraum zu machen. Das sieht gegenüber Hilary Mantels Epos „Brüder“ mehr als bescheiden aus. In der Kürze liegt jedoch manchmal die Würze und Vuillard hatte mich ja bereits mit der „Tagesordnung“ vollkommen überzeugt. Ich blieb gespannt und vertraute mich dem Erzähler an, der nicht viel Raum benötigt, um Räume voller Tiefe zu erzeugen.

So stand ich also vor der Bastille und war bereit für den 14. Juli. Was mir jedoch auf den folgenden 136 Seiten zustoßen sollte, damit hatte ich nicht gerechnet. Vuillard erzählt nicht die Geschichte der Französischen Revolution. Er führt keine prominenten Redner ins Feld, die durch eloquente Appelle, den Volkszorn kanalisierten. Er streift die Ursachen für die Revolution und degradiert mich zum namenlosen Teil der Masse. Die Perspektive schlägt unmittelbar und mit grandioser Wucht zu. Vuillard macht mich zum Augenzeugen der ganz kleinen Verwerfungen, der banalen Ungerechtigkeiten und der Verschwendungssucht, die in den Adelsfamilien grassierte. Er lässt mich Paris riechen und schmecken, er lässt mich hungern und leiden, er macht mich arbeitslos oder zum einfachen Handlanger, der seine Familie nicht ernähren kann. Er lässt Wut und Hass in mir aufkommen. Er macht seine Leser zum Pulverfass der Revolution.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

Danton, Robespierre, Marat oder Camille Desmoulins spielen keine Rolle. Dieser Roman benötigt keinen intellektuellen Brandbeschleuniger. Das erzeugt Vuillard in uns. Er führt uns durch ein Paris, in dem wir an allen Ecken und Kanten fühlen, was gerade aus den Fugen gerät. Er macht uns zu Wegbegleitern der ganz kleinen Leute, die sich nicht mehr zu helfen wissen. Er lässt Gerüchte aufkommen, bewegt die Masse, weil sie sich von selbst bewegt und verteilt Waffen, die eigentlich keine sind. Er hebt Anonyme aus dem Status der Namenlosigkeit heraus. Er verleiht ihnen in den kurzen Momenten, die sie aus der Masse hervorstechen, eigenes Leben. Sie gleichen Eintagsfliegen. Ihre Geschichten sind zu klein, um in Erinnerung zu bleiben.

Und doch gelingt es dem französischen Schriftsteller auf den wenigen Seiten des Romans, genau diesen namenlosen Helden der Geschichte einen kurzen Auftritt in der Weltgeschichte zu verschaffen. Hier wird Vuillard detailverliebt. Jedes Massenteilchen, das er hervorhebt, wird in Kleidung, Alltagsberuf und Herkunft genau beleuchtet, bevor es im Trubel des Chaos plötzlich erlischt. Er wirft Namen in den Raum, die zuvor noch keine Erwähnung fanden. Er verleiht der Masse ein Gesicht und lässt sie unkoordiniert handeln. Wie ein Schwarm, der nur seinen Instinkten folgt, zieht sie die Schlinge enger um das Symbol der Unterdrückung. Die Luft wird eng in der Bastille. Der Sturm fegt los.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

Der 14. Juli ist ein brillant erzählter Roman, der einen besonderen Sog entfaltet. Es ist nicht die große Politik, die hier in den Mittelpunkt drängt. Es ist der unterernährte, schlecht gekleidete und ungerecht behandelte kleine Mann und die kleine Frau von der Straße, die sich hier zum Volksaufstand erheben. Es sind Stuhlverleiherinnen, Metzger, Prostituierte, Musiklehrer, Dachdecker, Handlanger, Bäcker, Kleinkriminelle, die durch die Straßen ziehen. Sie alle versammeln sich vor der Bastille. Was dann folgt, stammt nicht aus strategischen Plänen großer Denker. Es ist die Masse, die erobert und Rache nimmt. Das Ende ist uns bekannt. Die Bastille fällt, mit ihr das Königreich und dann die Anführer des Aufstandes. Die Revolution fraß ihre Kinder. Éric Vuillard jedoch schreibt ein anderes Ende. Eines, das uns unvermittelt und emotional bewegt.

Wir folgen einer Frau. Acht Monate nach dem Sturm auf die Bastille. Sie ist auf der Suche nach einem der vielen namenlos gebliebenen Helden. Éric Vuillard sei Dank, ist uns dieser Vermisste ganz kurz begegnet. Er sagt uns mehr, als alle Prominenten. Wir sind ihm näher, weil er für einen ganz kurzen Moment seine Jackenknöpfe ins Licht der Weltgeschichte gehalten hat. Vuillard beschreibt den Mikrokosmos Revolution und geht dabei im Kern seiner Geschichte weiter, als es dieses Buch erwarten ließ. Spätestens, wenn wir am Tag nach der Erstürmung der Bastille den Papierregen sehen und uns die Gefangenenregister vorstellen, die vom Volkszorn vernichtet werden, denken wir auch an andere Revolutionen, denken wir an STASI-Archive, die ihren Niederschlag fanden. Der „14. Juli“ ist eine Revolution der Perspektive auf die Revolution. Lesenswert.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

14. Julivon Éric Vuillard / Matthes & Seitz Berlin / aus dem Französischen übersetzt von Nicola Denis / 136 Seiten / gebunden / 18 Euro

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Worüber wir reden, wenn wir über Gary Shteyngart reden. Es ist unstrittig, dass wir über ihn reden müssen, bevor wir uns dann mit seinem aktuellen Roman „Willkommen in Lake Success“ auseinandersetzen. Selten zuvor war es so angebracht, sich mit der Person des Autors zu beschäftigen, um die Relevanz seines Buches besser einordnen zu können. Reden wir also über einen jüdisch-russischen Emigranten, der im Alter von erst sieben Jahren mit seinen Eltern nach New York auswanderte. Reden wir über den in Leningrad geborenen Autor Igor Semyonowitsch Shteyngart. Reden wir über den Mann, der seiner Heimat mehr als kritisch begegnet, der Russland satt hat, weil es aus seiner Sicht zu viel Unglück über die Welt gebracht hat. Reden wir über jemanden, dem in den USA jenseits der Demokratie eine zu große Portion Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut ins Gesicht schlug.

Reden wir über einen Schriftsteller, der etwas zu erzählen hat. Über den Mann, der dem maßlosen Reichtum von Banken und Hedgefonds-Managern sein geschriebenes Wort entgegenzusetzen hat. Über eine aufrechte und kampfbereite Seele, die akribisch beobachtet, analytisch seziert und erzählt, wie ein leibhaftiger Leo Tolstoi, der im Big Apple aufgewachsen ist. Er ist in der Lage, gesellschaftspolitischen Entwicklungen und wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen einen Erzählraum zu gestalten, der sich in seiner Konstruktion durch unermessliche Weite auszeichnet. Er setzt sich selbst in den Greyhound-Bus, der in seinem Roman eine so gewichtige Rolle spielt, durchreist einen Kontinent und beobachtet die Menschen, denen er begegnet. Er verwickelt Manager in Dialoge, die er scharfzüngig gegen sie verwendet. Er ist der Hemingway, der in Fiesta seine zu Studienzwecken generierten Freunde dem Publikum zum Fraß vorwirft. Gary Shteyngart ist ein Undercoveragent im Unterhautgewebe einer Nation, die sich gerade dafür feiert, ein immer dickeres Fell zu bekommen.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Er ist die Stimme des Kleinen Mannes, obwohl er unaufhörlich mit der Stimme eines betrügerischen und manipulativen Geschäftsmannes spricht, der seinen Reichtum auf der zunehmenden Armut seiner Kunden begründet. Wer Gary Shteyngart gelesen hat wird sich die Augen reiben und aus der Überdosis von Sarkasmus und Zynismus seine Erkenntnisse ziehen, wie man die Welt verändern könnte. Wenn man es nur wollte. Ein „Wenn“, das sich wie ein roter Faden durch diesen Roman zieht. Wenn ich empathisch wäre, wenn ich fair wäre, wenn ich vorurteilsfrei wäre, wenn ich ein guter Ehemann und Vater wäre, wenn ich nicht selbstsüchtig und egoistisch wäre, wenn ich… wenn ich nur. All diese Wenns spiegelt Gary Shteyngart in seinem Protagonisten Barry Cohen. Alles ohne den Anspruch, aus auch nur aus einem einzigen „Wenn“ ein „Dann“ zu erzielen.

Und spätestens jetzt muss ich über Barry Cohen reden, der Willkommen in Lake Success einen unauslöschlichen Stempel aufdrückt. Egozentriker, Geldvampir an der Spitze der Nahrungskette, Hedgefonds-Manager ohne Gewissen, Uhren-Fanatiker, oberflächlich liebender und alle Reize seiner attraktiven Frau genießender Macho und der wohl schlechteste Vater der Welt, weil er nicht damit zurechtkommt, dass sein erst dreijähriger Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Autismus. Im Spektrum. Ein Krankheitsbild, das es vor der Öffentlichkeit zu verbergen gilt. Ebenso, wie existenzielle berufliche Krisen, die Angst vor der Börsenaufsicht, gescheiterte Lebenswege und das Dilemma, der eigenen Frau durch diese Haltung vor den Kopf zu stoßen. Alles kann er sich kaufen. Den schönen Schein, Physiotherapeutinnen und Kindermädchen. Nur die Gesundheit seines Sohnes lässt sich nicht kaufen. Ebenso wenig wie die Achtung der Frau, die um nichts anderes kämpft, als einen letzten Rest von Normalität im goldenen Käfig.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Hier prallen Charaktere und Kulturen aufeinander. Seema, die Ehefrau, Tamilin mit indischen Wurzeln, er selbst jüdischer Abstammung und zwei Familien im Hintergrund, die in ihrem soziokulturellen Umfeld fast ganz Amerika repräsentieren. Dazu ein Kind, das nicht ins System passt. Nicht gesellschaftsfähig. Nicht kontaktfähig. In seiner ganz eigenen Welt lebend. Alles bricht über Barry Cohen zusammen, als er realisiert, wo er schließlich gelandet ist. Auf dem Boden der Realität. Sein Hedgefonds kollabiert, seine familiäre Krise eskaliert, sein Sohn nimmt ihn nicht wahr und die Börsenaufsicht heftet sich an seine Fersen. Gezeichnet vom letzten handgreiflichen Gefecht mit seiner Frau beschließt Barry Cohen auszusteigen. Rein in einen Greyhound-Bus. Auf in ein neues Leben. Bestenfalls in sein altes. Er drückt den Resetknopf, wirft Handy und Kreditkarte weg und überlässt sich einem Roadtrip durch die USA, an dessen Ende er hofft, seine erste große Liebe Layla wiederzufinden. 

Eine Ausgangssituation für eine ganz große Erzählung, aus der Gary Shteyngart wirklich alles rausholt, was literarisch möglich ist. Der Greyhound-Bus wird zu der herbeigesehnten Rettungskapsel eines verzweifelten Mannes, der auf der Flucht ist. Es ist nur leider so, dass ihn diese Kapsel nicht hermetisch umschließt und beschützt. Ihm begegnet das Land in diesem Greyhound-Bus. Soziale Schichten, denen er niemals im Leben freiwillig begegnet wäre. Mexikaner, die an seiner Schulter einschlafen, Männer, die offen rassistisch über Afroamerikaner herziehen, obwohl der Bus voll von ihnen ist. Diebe, Rauschgiftdealer, gescheiterte Existenzen und ganz normale Menschen, die er nur aus Erzählungen kennt. Von Kilometer zu Kilometer wird er weiter durchgereicht zu jenen, die den Bodensatz der Gesellschaft bilden. Er mutiert zum Bettler und Schnorrer nachdem ihm sein Koffer mit seinen Luxusuhren abhandenkommt. Als er in El Paso auf die große und ebenso gescheiterte Liebe seines alten Lebens stößt, hofft man, dass er nochmal die Kurve bekommt.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Gary Shteyngart lässt seinen Protagonisten nicht durch ein anonymes Amerika reisen. Er bettet diese Odyssee in das Szenario des Präsidentschaftswahlkampfes ein und präsentiert mit Donald Trump den aufziehenden Kometen am Horizont, der vieles erst möglich macht. Er lässt uns die Verunsicherung spüren, mit der die Menschen der ungewissen Zukunft entgegenrasen. Er macht offenen Rassismus greifbar, denn jetzt, wenn doch sogar Donald Trump gegen Minderheiten hetzt, darf doch auch der Rassist von nebenan mal das Wort erheben. Populismus zieht durch diesen Roman, wie Gift in einer Küche, die nur leichte Kost verspricht. Gary Shteyngart bringt den Schmelztiegel der Nationen gewaltig zum Kochen. Dabei behält er seine Richtung beharrlich im Auge. Er verliert Barry Cohen nicht eine Sekunde aus dem Blick.

Unvergessen werden Barry Cohens multiple Wandlungen bleiben, das mehrfache Häuten einer Schlange, die Erkenntnisse, die ihn durchfluten, die Bestrebungen, sich zu bessern und das konsequente und dauerhafte Scheitern an sich selbst und seinem Umfeld. Tragischer als Barry Cohen kann man eine Romanfigur nicht durch sein Leben führen. Und doch hat auch er seine Momente der Größe. Ebenso, wie dieser Roman in versöhnlichen Momentaufnahmen schwelgt, sich der überbordenden Emotionalität der Charaktere hingibt und in der Wahrheit des Lebens schwelgt. Es gelingt dem Autor, in seiner Geschichte keine Sündenböcke zu generieren. Er blickt tief in die Seelen hinein und lässt Umstände im Leben mitverantwortlich für das Leben selbst werden. Prägung, Eltern, Kultur, Religion und Wertvorstellungen werden zu Bestimmungsgrößen für den Charakter von Menschen. Ein Roadtrip, der meilenweit entfernt vom Jakobsweg ist, da die Erkenntnis unter dem tonnenschweren Konstrukt an Verlogenheit lange verborgen bleibt. Aber sie kommt. Glaubt mir. Sie kommt gewaltig….

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

Wenn Gary Shteyngart heute gefragt wird, ob sich sein Land von heute mit anderen vergleichen lässt, was Populismus betrifft, dann erhält man eine bedrohlich anmutende Antwort:

„Wahrscheinlich ist es in Deutschland ähnlich mit der AfD.
Da stehen Leute auf und erklären: „Wir dürfen das jetzt sagen“.
Wenn so etwas in Deutschland möglich ist, nach diesem gewaltigen Umerziehungsversuch, dann geht das überall.“

(Interview: Spiegel Online “Amerika liebt Hochstapler“ – Eva C. Schweitzer)

Gary Shteyngart erzählt brillant und relevant. Er verpackt diese Geschichte nicht in Mainstream-Goldpapier, sondern bläst sie uns mit aller Intensität ins Gesicht. Er schreit uns an, wenn er die sozialen Missstände anprangert. Er lässt die Menschen am Rande der Gesellschaft zu Wort kommen. Er zeigt uns das wahre Leben jenseits des schönen Scheins. Dabei schafft er es mit Shiva, dem autistischen Sohn Cohens die eigentliche Hauptfigur des Romans, fast im Hintergrund zu skizzieren. Er ist Auslöser aller Zweifel, Grund für die Trennung, Zentrum aller Selbstvorwürfe und Blitzableiter allen Versagens. Der Autismus dieses Jungen ist nicht nur Kulisse. Er erzeugt in den großen Momenten des Romans Empathie und Verbundenheit. Eine Kampfschrift gegen die Erwartung der „normalen“ Menschen an ein Kind, das in seiner eigenen Welt lebt. Das ist großes Kino.

Lesen und hören. Meine Empfehlung. Das Hörbuch ist unterwegs, auf der Straße mit den Geräuschen rollender Reifen, einem hochdrehenden Motor und dem Fahrtwind im besten Sinne geeignet, den Roadtrip hörbar zu machen. Shenja Lacher bleibt als die Stimme dieser Produktion im Gedächtnis, weil er stets im Hintergrund bleibt. Er macht aus seiner Stimme keine Kunstform, die der großen Geschichte die Show stiehlt. Er ist moderat und angemessen, auch in Momenten, die den Zuhörer mitreißen. Ich mag das Understatement, mit dem er sich in die Aufnahme fallenlässt. Alles andere hätte dieser Geschichte geschadet. Großes Kompliment.

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart - Astrolibrium

Willkommen in Lake Success von Gary Shteyngart

„Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart
Penguin Verlag
/ 430 Seiten / Deutsch von Ingo Herzke / 24 Euro
Der Hörverlag / gekürzte Lesung / 13 h 36 min / Sprecher: Shenja Lacher / 24 Euro

Mehr Literatur über „New York“ in der kleinen literarischen Sternwarte: hier

NSA von Andreas Eschbach

NSA von Andreas Eschbach_AstroLibrium

NSA von Andreas Eschbach

Gesellschaftsutopien sind zukunftsgerichtet. Sie holen uns im Hier und Jetzt ab und halten uns vor Augen, wie sich die Welt verändern kann, wenn man nicht gut aufpasst. George Orwell begann schon 1946 das zu schreiben, womit wir uns bis ins Jahr 1984 nachhaltig zu beschäftigen hatten. Nur um dann zu erkennen, dass es keinesfalls allzu utopisch war, was er über totale Überwachungssysteme in die Welt setzte. Gerne wird das Sujet der Zeitreise mit dem Genre der Utopie verbunden, um einen Augenzeugen einen Blick in die Zukunft werfen zu lassen. Wesentlich seltener setzen Utopien in der Vergangenheit an. Erstens, weil uns diese bekannt und absolut unveränderbar ist, und zweitens, weil man sich als Autor in der Zukunft einfach freier bewegen kann. Hier sind der intelligenten Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Ausnahmen jedoch bestätigen die Regel. Utopien, die nur funktionieren, weil hier die Vergangenheit vom Schriftsteller bewusst manipuliert wurde. „Vaterland“ von Richard Harris zum Beispiel geht davon aus, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewann und versetzt seine Leser in das utopische Horrorszenario einer nationalsozialistischen Welt- und Allmacht, die in der Welthauptstadt Germania 1964 ihren Höhepunkt erreicht hat. Stephen Fry dagegen fabulierte sich in seinem Roman „Geschichte machen“ mit der Idee durch die Zeit, indem er es möglich machte, Hitlers Geburt zu verhindern. Er schickte einfach ein Unfruchtbarkeit erzeugendes Medikament rückwärts durch die Zeit. Mitten in die beschauliche Ruhe des kleinen Örtchens Braunau. Harris und Fry konnten auf diesem veränderten historischen Setting ihren Utopien freien Lauf lassen. Grandios.

NSA von Andreas Eschbach_AstroLibrium

NSA von Andreas Eschbach

Es ist die Frage nach dem „Was wäre wenn?“, die es literarisch möglich macht, der Vergangenheit ein Schnippchen zu schlagen und Utopien entstehen zu lassen, die uns nicht nur in die Welt der Fantasie entführen, sondern vielfältige Botschaften im Gepäck haben. Wenn man sich auf ein solches Gedankenspiel einlässt und wenn es dem Autor gelingt, das utopische Szenario plausibel und authentisch mit Leben zu füllen, dann hat man gerade in solchen „bipolaren Utopien“ seine wahre Freude. In der Manipulation der Vergangenheit liegt der Schlüssel für die Veränderung unserer Wahrnehmung, was in der Zukunft möglich ist. Und diese Zukunft sind in diesem Fall genau wir. Magisch!

Andreas Eschbach hat mit NSA einen großen literarischen Wurf in genau dieser Gattung historisch manipulierter Utopien gelandet. Sein Roman setzt Maßstäbe im Umgang mit historischen Fakten in Bezug auf die Möglichkeiten, sie so in eine fiktionale Geschichte einzubetten, dass die Geschichtsfälschung als Stilmittel erlaubt scheint. Im ersten Moment erschienen mir viele Handlungselemente wie ein Sakrileg. Eschbach ist ein großer Provokateur, wenn es darum geht, sich geheiligte historische Wahrheiten so zurechtzubiegen, bis sie zum explosiven Treibstoff seiner Romane werden. Seine „Was wäre wenn“-Frage zielt auf die technologischen Möglichkeiten des Dritten Reichs ab. Es ist abstrus, was er konstruiert und doch ist es geradezu faszinierend, sich seinen Ideen hinzugeben. Die Wahrheit war nur einen Katzensprung von dem entfernt, was Andreas Eschbach hier so intelligent zu seiner eigenen Fantasie werden lässt.

NSA von Andreas Eschbach_AstroLibrium

NSA von Andreas Eschbach

Was wäre, wenn es im Dritten Reich Computer gegeben hätte? Was wäre, wenn es in der NAZI-Diktatur ein Äquivalent zum heutigen Internet mit allen Chancen aber auch Risiken gegeben hätte. Was wäre, wenn die Menschen zu dieser Zeit über sogenannte „Volkstelephone“ verfügt hätten? Eine vollkommen vernetzte braune Gesellschaft wäre das gefundene Fressen für die Geheimdienste dieses Reiches gewesen. Vergessen wir einfach mal den Konjunktiv und ziehen den Vorhang zu „NSA“ auf. Es ist einfach Fakt. Nazi-Deutschland ist vernetzt. Das Nationale Sicherheitsamt (NSA) ist eine Behörde, in der die Fäden zusammenlaufen. Hier werden alle Informationen gespeichert, die man sich nur vorstellen kann.

Alle Einträge im „Deutschen Forum“, die Inhalte aller Elektrobriefe, die versandt werden und alle Telefongespräche mit Ortungsangaben. Darüber hinaus ist man in der Lage, das Volk live zu überwachen, weil jedes Fernsehgerät dem Geheimdienst als Sender aus dem Wohnzimmer der normalen Familien dient. In Weimar nun beschäftigt sich das „NSA“ mit der Auswertung all dieser Informationen. Wer die Datenflut im Griff hat, ist kriegswichtig und unverzichtbar für eine Diktatur. Und nur wer kriegswichtig ist, der wird nicht an der Front verheizt. Was für eine Motivation, der Regierung mal richtig zu zeigen, was man kann. Ein dunkles Szenario, in dem Eschbach seine Protagonisten zur vollen Entfaltung bringt und der wahren Geschichte Einhalt gebietet.

NSA von Andreas Eschbach_AstroLibrium

NSA von Andreas Eschbach

„Ja mir scheint, die Grausamkeit und Schärfe der Daten übertrifft die des Stahls bei weitem.“

Diese bedeutenden Worte legt Andreas Eschbach einem gewissen Reichsführer SS Heinrich Himmler in den Mund. Hier beginnt er mit den wahren Tätern zu spielen und bedient sich ihrer Ideologie, wie sie sich der Technik bedient hätten, wenn es sie in dieser Epoche gegeben hätte. Skrupellos. Eschbach und die Nazis. Faszinierend, wie der Autor seine Story aufzieht und gnadenlos durchdacht, jedes noch so kleine Detail. Von hohem Sachverstand geprägt, wie er den Nazis alle Informationen zur Verfügung stellt, die ihrer Ideologie noch gefehlt haben. Durchdacht und sehr perfide, mit welchen Möglichkeiten sich die Mitarbeiter des „NSA“ nun auf die Suche nach Regimekritikern begeben können.

Und nicht nur das. Eschbach macht die Technik zum Instrument der Verfolgung der Juden in Deutschland. Der Abgleich aller verfügbaren Daten (Kontobewegungen, Einkaufsverhalten, Wohnungsgrößen, Melde-Listen, Volkstelephon-Verbindungen) lässt keinen Spielraum zum Entkommen. Die Leistungsfähigkeit des „NSA“ wird untermauert, als es in Anwesenheit Himmlers gelingt, versteckte Juden in Amsterdam aufzuspüren. Hier bricht Eschbach mit allen denkbaren Tabus. Hier sorgt er dafür, dass seine Leser aufschrecken, den Kopf schütteln, „unmöglich“ ausrufen und sofort weiterlesen müssen, weil es nicht anders geht. Das „NSA“ verrät Anne Frank, enttarnt die Angehörigen der Weißen Rose und liefert auch noch Georg Elser ans Messer. Daten werden Verräter. Mitarbeiter des „NSA“ werden Täter. Doch damit nicht genug.

NSA von Andreas Eschbach_AstroLibrium

NSA von Andreas Eschbach

Während Eschbach Täter präsentiert, die jedes Opfer bringen würden, nur um selbst nicht ein Opfer zu werden, platziert er die junge Programmstrickerin Helene im Herzen seiner Utopie. Für sie ist der Umgang mit Daten rein analytisch. Sie beantwortet durch geschicktes Programmieren (übrigens reine Frauenarbeit) alle ideologisch motivierten Fragen. Sie versucht erst gar nicht zu begreifen, was sie mit den gelieferten Daten aus der Hand gibt und wen sie ausliefert. Erst als der Groschen fällt, wird aus Helene mehr als nur die brave Datenmaus der „NSA“. Sie beginnt das System zu verändern, weil sie plötzlich betroffen ist. Sie versteckt die Liebe ihres Lebens bei Freunden. Tja, und nach solchen wie ihm sucht das „NSA“ händeringend. Desertierte Soldaten… Das Gewissen wird wach. Der Roman implodiert vor Spannung. 

Andreas Eschbach erzählt eine unfassbare Geschichte, als hätte es sie gegeben. Was er jedoch wirklich unternimmt, ist der Versuch, uns die Augen zu öffnen, was uns alltäglich im Leben umgibt. Immer wenn wir ungläubig den Kopf schütteln und ausrufen, dass es damals gar nicht möglich war, halten wir plötzlich inne und müssen uns sagen: ABER JETZT. Diese Utopie ist das intelligenteste, mit allen Tabus brechende Buch, in dem ich in den letzten Jahren eintauchen durfte. Es lässt kein Buch unberührt, das mich durch das Lesen gegen das Vergessen begleitet hat. Es zerrt mit aller Macht an Stella, lässt Die Untergetauchten nicht in Ruhe und begeht Hochverrat an Anne Frank. Und all dies um uns die Augen zu öffnen, welche Daten wir freiwillig bereitstellen, die uns im ganz realen Leben schon jetzt jedem Missbrauch ausliefern.

NSA, TTIP und weitere heute sehr gebräuchliche Abkürzungen sollen uns hier die Augen öffnen. Ob es gelingt? Ob wir unser Weltnetz bewusster nutzen? Ich zweifle.

NSA von Andreas Eschbach_AstroLibrium

NSA von Andreas Eschbach

Als ich dachte bereits auf dem Höhepunkt des Grauens angelangt zu sein, drehte Andreas Eschbach die Schraube seines Romans noch eine Umdrehung weiter. In meinem ganzen Lesen habe ich ein Buch noch nie so hilflos beendet wie dieses. Es ist nicht leicht, dieses Ende. Passend zu einem literarischen Schwergewicht.

NSA von Andreas Eschbach_AstroLibrium

NSA von Andreas Eschbach und weitere Utopien auf AstroLibrium

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin - Astrolibrium

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Es ist eine Stadt, die mich fasziniert, obwohl ich sie nie in meinem Leben mit den eigenen Augen sah. Es ist eine Stadt, die ich literarisch bereiste und die im Laufe des letzten Jahrhunderts nicht nur häufig ihren Namen wechselte, sondern auch das Leben ihrer Bewohner vor immer größere Herausforderungen stellte. Ich betrat Leningrad auf meinen Reisen „Gegen das Vergessen“, erlebte die russische Metropole belagert und umklammert von allen Seiten. Die Wehrmacht versuchte die Stadt im Zweiten Weltkrieg auszuhungern. Eine Belagerung nach mittelalterlichen Maßstäben. Das Ziel lag auf der Hand: Der Exodus der Zivilbevölkerung durch Hunger, Krankheit und Kälte.

Ich befand mich lesend in der Stadt, verfolgte ihre Belagerung von innen und außen, verteidigte sie mit allen Mitteln und verhungerte schließlich am langen Arm der Diktatur des Dritten Reichs. Ich überlebte beseelt durch eine Sinfonie und überstand die großen Entbehrungen an der Seite der verzweifelten Bewohner. Im „Lärm der Zeit“ musizierte ich gegen den Feind an. „Mein Leutnant“ reihte mich freiwillig in die große Schar der Verteidiger ein, mit dem „Echolot“ gelang es mir, die Feldpostbriefe und Tagesbefehle der Wehrmacht zu durchforsten und doch verhungerte ich fast beim Lesen von „Lenas Tagebuch“. Leningrad hat sich mir eingebrannt, und doch war ich neugierig, die Stadt vor und nach dem Krieg kennenzulernen. Ich wollte den Glanz der großen Zarenstadt erleben, Sankt Petersburg entdecken und auf meiner Reise durch die Zeit eine Lücke schließen, die ich als schmerzhaft empfand.

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin - Astrolibrium

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Sankt Petersburg, Petrograd, Leningrad, Sankt Petersburg. Oder einfach liebevollPiter“, wie die einheimischen ihre Stadt an der Newa immer nannten. Unterschiedliche Namen für das Herz Russlands. Ich begab mich auf die Suche nach Büchern, die mich der Stadt der 2300 Paläste näherbringen konnten, Auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt wurde ich fündig. Nun hat diese Reise in die Zeit begonnen und am Ende der ersten Lese-Etappe habe ich 100 Jahre an der Seite des Autors Jewgeni Wodolaskin in Sankt Petersburg verbracht. Dabei kam es mir nur vor, als seien es ein paar Wochen gewesen. Ein Gefühl, das ich mit Innokenti Platonow, dem Protagonisten des Buches teilte. Der „Luftgänger“ führte mich an die Grenzen der Metropole, bis an die Grenzen meiner Wahrnehmungsfähigkeit und über die Grenzen meiner Vorstellungskraft hinaus.

Es hat gedauert, bis ich mich mit dem „Luftgänger“ anfreunden konnte. Ich muss zugeben, dass mir meine Vorstellungen von Zeit und der Chronologie von Ereignissen zu Beginn des Romans im Weg standen. Chronos und Logik mussten erst überwunden werden, bevor mich Sankt Petersburg in seine Arme schließen durfte. Ich möchte Euch diese Geschichte ans Herz legen. Ich kann sie nur wärmstens empfehlen, weil in ihr die perfekte Mischung aus Politthriller, historischem Roman und romantischer Lovestory zu einem generationsübergreifenden Erzählraum verdichtet wurde. Und doch muss ich ein wenig genauer werden, warum es sich unbedingt lohnt, sich auf den „Luftgänger“ aus der Feder von Jewgeni Wodolaskin einzulassen.

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin - Astrolibrium

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

„Innokentis Geschichte ist nicht nur zeitlos. Ihre Besonderheit liegt zudem darin, dass sie nicht aus Ereignissen besteht, sondern aus Phänomenen.“

Dieses Zitat aus dem Roman steht für den Roman. Wenn man sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lässt und sich von Kapitel zu Kapitel vorwärts und rückwärts durch die Zeit bewegt, dann nimmt einen jedes einzelne Bild, jeder Satz und jedes Gefühl der sprachlich brillant erzählten Geschichte gefangen. Wir begegnen Innokenti Platonow zum ersten Mal 1999 in einer Sankt Petersburger Klinik. Sein Gesundheitszustand ist miserabel. Sein Erinnerungsvermögen gleicht der Ruine eines prächtigen Palastes. Er memoriert Gefühle, Stimmungen und kann sich an Gesprächsfetzen und Menschen in seinem Leben erinnern. Allerdings völlig losgelöst von den Ereignissen und Jahren, in denen sie sich in seinem Kopf festgesetzt haben. 

Er liebt Sankt Petersburg. Das steht fest. Er weiß auch, dass er die Stadt seit ewigen Zeiten zu kennen scheint und er hat Bilder aus der alten Kaiserstadt vor Augen, die auf die Jahrhundertwende zurückzuführen sind. Sein behandelnder Arzt empfiehlt ihm alles aufzuschreiben, was ihm durch den Kopf geht, um dann ganz langsam die Geschichte zu rekonstruieren, die hier im Krankenbett des Jahres 1999 erwacht ist. Sein Name, ob er einen Unfall hatte und sein echtes Alter? Ein großes Rätsel für Innokenti Platonow. Und nicht nur für ihn. An seiner Seite tappen wir völlig im Dunkeln, bis sich Erinnerung an Erinnerung reiht, in ihrem Kontext Jahreszahlen auszumachen sind und ein Muster entsteht, in dem man die unglaubliche Lebensgeschichte eines Mannes erkennt. Diese Erkenntnis ist ein literarischer Paukenschlag, den Jewgeni Wodolaskin zelebriert, wie eine Sinfonie eines Orchesters, das zuvor nie miteinander gespielt hat.

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin - Astrolibrium

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Töne finden zueinander, Instrumente vereinigen sich und der literarische Dirigent lässt eine Harmonie entstehen, die zu Beginn des Romans undenkbar schien. Es klingt paradox, aber es ist umso wahrer. Platonow ist ein wahres Jahrhundertereignis. Er ist so alt, wie das vergangene 20. Jahrhundert. Geboren 1900. Er wacht am seinem Ende in einer Klinik des Jahres 1999 auf und ist doch erst dreißig Jahre alt. Erinnerung um Erinnerung an die ersten dreißig Lebensjahre in Sankt Petersburg kehrt zurück und dann herrscht Leere bis zum Tag des Erwachens. Der Zweite Weltkrieg, Leningrad, der russische Sieg, der Wettlauf zum Mond, die erste Mondlandung, die moderne Technik, tragbare Telefone, das Internet und Fernsehübertragungen, der aktuelle Präsident und Europa in der jetzigen Form, all dies ist völlig neu für ihn. Nicht erlebt. Nicht erinnerbar.

Dieses zeitliche Paradoxon zu verstehen, ist eine der zentralen Herausforderungen des „Luftgängers“. Es dauert eine Weile, dann jedoch schlägt Jewgeni Wodolaskin mit voller Wucht zu. Sein Konstrukt ist nicht an den Haaren herbeigezogen, es basiert viel mehr auf der Ideologie der kommunistischen Machthaber und auf der Realität des Umgangs von Machthabern mit politischen Gegnern. Wer in seinem Lesen jemals den Gulag der Sowjetunion ermessen hat, wer jemals ein „Lager“ dieser Ideologie betreten hat und wer das Leid der Inhaftierten dort sah, der weiß, was man gerne unternommen hätte, um seine Gegner mundtot zu machen. Jewgeni Wodolaskin lässt diese Vision real werden. Er macht aus Innokenti Platonow das Opfer einer Diktatur und lässt mit ihm einen wahren Zeitzeugen auf die heutige Welt los.

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin - Astrolibrium

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Was sich politisch, utopisch und fast fantastisch anhört, hat einen unglaublichen inhaltlichen Kern, den man nicht mehr schnell vergisst. Wir erleben Russland mehr als intensiv. Wir lesen uns durch alle Zeitscheiben der Erinnerungen des Patienten und lassen uns von seinem Arzt die Zeitlücken erklären. Das Bild von Sankt Petersburg hat alles, was ich mir von einer solchen Zeitreise erhofft habe. Man wird selbst zum tiefsten Liebhaber dieser Metropole. Und an der Seite von Innokenti Platonow stellen wir uns die Frage aller Fragen. Könnte es sein, dass die erste große Liebe seines Lebens, von der er vor fast sechzig Jahren getrennt wurde, noch lebt? Anastassija. Wie würde sie reagieren ihn als unverändert jungen Mann wiederzusehen? Was würde dies alles mit ihm selbst machen. Fragen, auf die Jewgeni Wodolaskin Antworten gibt. Antworten, die mich berühren, aufwühlen und meinen Traum vom heiligen Sankt Petersburg am Leben erhalten.

Es wird weitergehen. Ich reise mit „Lubotschka“ ins Sankt Petersburg von heute, höre ganz genau zu, wenn „Der Trompeter von Sankt Petersburg“ seine Fanfare über den Glanz und den Untergang der Deutschen an der Newa schmettert. Es ist schön, Euch an meiner Seite zu wissen. Es tut gut, nicht alleine zu reisen und ich wäre sehr froh, auf diesem Weg weitere gute Bücher zu dieser historischen Stadt empfohlen zu bekommen. Auf geht´s nach „Pita“. Ich bin stets reisefertig…

„Der Mensch ist tot, aber ein Buch, ja, ein Buch lebt weiter.“

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin - Astrolibrium

Luftgänger von Jewgeni Wodolaskin

Luftgänger / Jewgeni Wodolaskin / Aufbau Verlag / 429 Seiten / Übersetzung: Ganna-Maria Braungardt / 24 Euro

Deathland Dogs von Kevin Brooks [Dystopie]

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Nicht wundern bitte. In dieser Rezension findet man wirklich alles was es braucht um einen Roman vorzustellen. Nur eben kein einziges Komma. Wird ein ziemlich flüssig zu lesender Text. Warum sollte ich auch auf Satzzeichen zurückgreifen (ups – hier müsste eigentlich eins hin) auf die Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn bewusst verzichtet hat? Wie Du mir so ich Dir. Punkt. Er hat sich sogar die Mühe gemacht zu erklären was die Schriftsprache in „Deathland Dogs“ von Kevin Brooks so einzigartig macht dass es auch in der deutschen Fassung galt Zeichen zu setzen indem man einfach keine setzte. Also keine Kommata. Dafür aber umso mehr Gedankenstriche. Einerseits wird das dem Original gerecht und andererseits haben wir unser Kommunikationsverhalten schon auf den Verzicht von Kommata ausgerichtet. WhattsApp lässt grüßen.

Warum dies alles wird man sich fragen. Ganz einfach. Die Geschichte wird von Jeet erzählt. Und genau das ist nicht leicht für ihn wurde er doch von Hunden großgezogen. Ein Hundskind steht im Mittelpunkt einer Dystopie die in der Zukunft spielt. Der Mensch hat sich fast selbst abgeschafft. Die Natur ist zum lebensbedrohlichen Raum geworden und der Kampf um die letzten Ressourcen macht aus zwei Clans erbitterte Feinde. Und Jeet steckt mittendrin. Aus den Klauen der Deathland Dogs befreit die ihn als Säugling entführten. Rehumanisiert und in den eigenen Clan integriert so gut es eben ging. Er ist anders als seine Leute. Robust. Schnell. Instinktiv. Das hat er wohl mit der Muttermilch seiner Hundsmutter aufgesaugt zu der er immer noch eine tiefe innere Verbindung fühlt. Es ist die große Frage seines jungen Lebens was er wirklich ist. Mensch oder Hund?

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Kevin Brooks führt seine Leser bestens strukturiert in die Deathlands ein. Er lässt keine Frage offen indem er Jeet zum Chronisten der Ereignisse macht. Eigentlich passt das gar nicht gut weil das Hundskind alles besser kann als die Geschichte seiner Leute niederzuschreiben. Das wird in der Schriftsprache deutlich. Ein Stilmittel das den Leser zum Gefährten von Jeet macht. Er schreibt wie er spricht. Flüssig und oftmals spontan ohne groß zu überlegen. Er schreibt unter Anleitung seines Ziehvaters Starry über das was er fühlt und beobachtet. Das Ergebnis. Beeindruckend. Authentisch und voller Sog. Unwiderstehlich. Und schon befinden wir uns selbst mittendrin. Im Kampf zweier Clans. Den Leuten von Jeet und den DAU die ihnen zahlenmäßig deutlich überlegen sind. Es läuft auf das letzte Gefecht um die Wasservorräte hinaus. Die Dau im offenen Gelände flexibel und schlagkräftig. Jeets Clan in einer isolierten Stadt. Eingeschlossen und vom Feind belagert.

Kevin Brooks nimmt Fahrt auf und macht aus seiner dystopischen Ausgangslage einen spannungsgeladenen Action-Mix der im Setting an Mad Max erinnert. Dabei verbindet er die Außenseiterstellung des Hundskindes auf eindrucksvolle Weise mit den zentralen Handlungselementen des Romans. Hier finden wir mehr als bloße Action. Es ist das Anderssein das dominiert. Aus dem Underdog wird ein Kämpfer für die Zukunft seiner Leute. Gut dass Jeet nicht alleine ist. Er ist nicht das einzige Hundskind seines Clans. Chola Se das Hundsmädchen und er fühlen sich voneinander angezogen. Eine Beziehung die in den Augen des Clans nicht sein darf. Das ist gegen das Gesetz. Und doch lässt sich gegen die Faszination die beide Dogchilds aufeinander ausüben nichts machen. Sie ist übermächtig.

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Als Chola Se entführt und Jeet ins feindliche Lager geschickt wird um zu stehlen was die letzte Schlacht entscheiden kann entscheidet er sich nicht nur den gefährlichen Auftrag auszuführen sondern auch seine Freundin zu befreien. Kevin Brooks lässt Jeet zwischen allen Fronten ins Verderben laufen. Und doch lässt er ihn nicht allein. Hier ist es ein unsichtbares Band zu den Deathland Dogs und die Beziehung zur Hundsmutter das dieser Geschichte eine Dimension verleiht die uns extrem in ihren Bann zieht. Zwei Kinder an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Zwei Hundskinder. Traumatisiert und von ihrer Sonderstellung gezeichnet. Gefährten mit besonderen Begabungen. Und ein Verräter in den eigenen Reihen der seine Spuren so gut verwischt dass man ihm kaum auf die Schliche kommt. Und ein Rudel Deathland Dogs das draußen auf den verloren geglaubten Sohn wartet. Handlungselemente die eine explosive Mischung versprechen und ein Autor der jedes Versprechen hält. 

Ein waffenstarrendes apokalyptisches Szenario. Eine Mischung aus blutrünstigem Machtkampf zweier Clans und dem urwüchsigen Überlebenstrieb von Wildhunden. Ein actiongeladenes Gefecht auf mehreren Ebenen. Hier fließt Blut. Hier rollen Köpfe. Hier wird Auge um Auge abgerechnet. Gut und Böse verschmelzen in explosivstem Setting. Einzig den Hunden und den Hundskindern kann man vielleicht Gefolgschaft schwören. Den Menschen zu vertrauen fällt schwer. Und diejenigen denen man folgen würde sind die ersten Opfer des Schlachtens. Ein Pageturner dem ein extrem guter Plan zugrunde liegt. Eine Story die in all ihren Facetten so vielschichtig und greifbar ist dass man sich freiwillig mit Chola Se und Jeet jeder menschlichen Übermacht entgegenwerfen würde. Und eine Geschichte in der Raum bleibt für emotionale Momente.

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Wir sind Hunde sagte sie einfach. Hunde paaren sich fürs Leben. Das heißt wir sind jetzt eins – verstehst du? Wir leben zusammen kämpfen zusammen sterben zusammen.“

Ich liebe Dystopien. Ich liebe utopisch aus der Gegenwart abgeleitete Geschichten in einer literarischen Qualität die mich zum Nachdenken bringt. Was bei „Deathland Dogs“ augenscheinlich nur nach Action riecht hat einen inhaltlichen Beigeschmack der lange anhält. Ausgrenzung. Benachteiligung. Anderssein. Integration durch Zwang. Gesetze und Regeln zum Wohle einer Gemeinschaft und zu Lasten derer die außerhalb stehen. Hundskinder sind im Zweifelsfall unnütze Esser. Eine absolut unnötige Beanspruchung begrenzter Ressourcen. Unwertes Leben. Elementarer Bestandteil aller Ideologien die ihren Reichtum auf Kosten von Underdogs erwirtschaften. Spätestens hier schlägt der Roman eine wichtige Brücke zu politischen Diktaturen in denen die beschriebenen und gelebten Automatismen zum Massenmord führten.

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Darüber hinaus ist diese Dystopie eine Liebeserklärung an die Wildhunde in den Deathlands. Sie stehen als sozialer tierischer Gegenentwurf den menschlichen Clans gegenüber. Urwüchsig und brutal. Und doch nur tötend wenn es sein muss. Hassend wenn es dem Arterhalt dient und treu bis in den Tod. Wenn ich die Wahl hätte ich wäre im Freien unterwegs. An der Seite der Hunde. Inmitten des Rudels. Ob Jeet und Chola Se sich diesen Traum erfüllen können beantwortet „Deathland Dogs“ ohne eine Frage offen zu lassen. Ich hatte das Vergnügen Kevin Brooks und den Übersetzer des Buchs anlässlich der Jubiläumslesung zum 60. Geburtstag des Autors in München zu treffen. Natürlich war ich nicht allein vor Ort in der Internationalen Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg zu München. Steffi von „Nur Lesen ist schöner“ wollte mich den Hunden nicht alleine zum Fraß vorwerfen. Nicht unser erster gemeinsamer Lesungsbesuch. Es wird viel zu erzählen geben.

Der Lesungsbericht schließt sich bald an. Blogübergreifend. Es sind wichtige und unbequeme Fragen die beantwortet wurden. Fragen ob das Ausmaß an Gewalt in den Romanen von Kevin Brooks eigentlich für jugendliche Leser geeignet scheint. Fragen nach der Notwendigkeit von Gewalt aber eben auch Fragen nach der Moralvorstellung die hier vermittelt wird. Über die geniale Übersetzung wird zu sprechen sein. Aber auch darüber wie oft man in den „Deathlands“ schießen kann wenn man eine Pistole mit 15 Schuss Munition findet. Eine überraschende Frage. Zugegeben. Aber ich habe gezählt.

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Steffi und ich werden über den Abend berichten. Und ich werde die Kommata die in dieser Rezension eingespart wurden im Lesungsbericht verwenden. Eine Investition in die Zukunft. Bis bald an genau dieser Stelle und bei Steffi. Danke fürs Lesen.

Deathland Dogs“ / Kevin Brooks / dtv / 538 Seiten / 18,95 Euro / Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks