„Sechs Koffer“ von Maxim Biller

Sechs Koffer von Maxim Biller

Es gibt wohl kaum einen deutschen Schriftsteller, der in der breiten Öffentlichkeit kontroverser aufgenommen wird, als Maxim Biller. Es zieht sich wie ein roter Faden durch seine Lebens- und Literaturgeschichte, dass man ihn einerseits bejubelt und mit einer Sänfte durchs Land trägt, während man ihn gleichzeitig wie eine literarische Sau durchs Dorf treibt. Biller polarisiert. Biller provoziert und Biller weiß alles besser. Seine Auftritte im Literarischen Quartett haben ihn, den Schriftsteller und Erzähler, zu einem Kritiker werden lassen, der die Werke seiner Kollegen in ihre Bestandteile zerlegte und wertete. Das verhärtet die Fronten. Das macht aus einem Autor ein Amphibienfahrzeug im Literaturbetrieb. Schreiben und kritisieren. Ist das miteinander vereinbar? Kann man gleichzeitig fahren und schwimmen? Wie wird dann der neue Roman des Hybriden von jenen aufgenommen, deren Profession das Kritisieren ist und wie leben Kollegen damit, dass er nun den Anspruch erhebt, neutral gesehen und bewertet zu werden?

Es ist, wie es zu erwarten war. Einerseits bejubelt und auf der Sänfte der Shortlist des Deutschen Buchpreises durch die staunende Leserschar getragen, andererseits jedoch genau von jenen in die Tonne geklopft, von denen er als Kritiker stets Alles-oder-Nichts Literatur fordert, die zugleich wagemutig als auch komplex daherkommen soll. Hat hier ein subjektiv als negativ wahrgenommenes Fernseh-Image den Inhalt seines Romans überlagert? Steht Maxim Biller der alte Vorwurf im Weg, er selbst käme nicht mit Kritik zurecht? Ist es Futterneid auf der einen Seite, der zum Verriss tendiert und Verneigung vor einer wichtigen literarischen Stimme auf der anderen Seite, mit der man sich gut zu stellen hat, falls sie sich erneut zur Kritikerstimme erhebt? Kann man einen Roman, der von solchen Extremen flankiert wird eigentlich neutral betrachten? Nein. Das würde ihm nicht gerecht.

Sechs Koffer von Maxim Biller

Billers Buch bleibt Billers Buch. Maxim Biller von seinem Werk zu trennen wäre, als würde man Günter Grass als Person ausblenden, um dann sein Lebenswerk zu wiegen und zu werten. Was man jedoch können sollte, ist einem Roman eine echte Chance zu geben, selbst wenn man Vorbehalte gegen dessen Verfasser hegt. Ebenso neutral und unvoreingenommen sollte man sich einem Werk von der anderen Seite her nähern. Die Lorbeeren, die seinen Weg säumen, sollten mit Bedacht und ohne Abwägen möglicher Konsequenzen zu einem Kranz geflochten werden. Das meine ich mit neutral. Das hat eigentlich jedes Buch verdient. Und damit auch jeder Schriftsteller. Hier hilft kein grüner Klee, über den er gelobt wird. Auch keine Antipathie, gegen die er nicht anzuschreiben vermag. Ich versuche es. Keine Alles-oder-Nichts Rezension und doch vielleicht mutig genug, um dem Werk nahezukommen.

Sechs Koffer“ von Maxim Biller, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch.

Maxim Biller geht ein sehr großes Wagnis ein. Er hebt die Immunität seiner Familie auf, um einen autobiografischen Roman über ein Familiengeheimnis zu schreiben, das bis heute wie ein großer Schatten die Vita des Schriftstellers bestimmt. Insofern handelt es sich hier um einen Familienroman mit historisch verbrieftem Setting. Es geht um die Geschichte einer jüdischen Familie, der es gelang dem Kommunismus zu entfliehen, in die Welt zu ziehen und ihr großes oder kleines Glück zu machen. Einziger Makel an der Geschichte ist das Opfer, das gebracht wurde, um sich loszueisen. Irgendjemand muss den Großvater Biller verraten haben. Irgendjemand hat ihn auf dem Gewissen. Ihn, den die sowjetische Geheimpolizei aufgespürt und 1960 hingerichtet hat.

Sechs Koffer von Maxim Biller

Dabei waren es nur kleine Wirtschaftsdelikte, die man ihm nachweisen konnte. Ein paar geschmuggelte Nähmaschinen, ein bisschen Devisenschieberei. Vergehen, die in der Hochzeit des Kommunismus, und noch dazu von Juden begangen, drakonisch und endgültig bestraft wurden. Nun lastet die Frage, wer den Großvater denunziert hat auf den in alle Winde zerstreuten Billers. Verdächtig ist jeder. Jeder verdächtigt jeden. Wer kommt in Frage? Dem geht Maxim Biller in der Rolle des Ich-Erzählers nach, indem er sich in die Zeitscheiben der verworrenen Familiengeschichte begibt, um Spurensuche auf der Basis eigener Erinnerungen zu betreiben. Verdächtig sind sechs Personen. Der eigene Vater, dessen drei Brüder, die eigene Mutter und seine Tante. Sechs Verwandte kommen auf diese Weise zu Wort. Menschen, die zeitlebens auf gepackten Koffern und auf einem Geheimnis saßen, das es nun zu lösen gilt.

„Sechs Koffer“ öffnet Maxim Biller. Dabei handelt es sich für mich, bildlich gesehen, um eine umgekehrt proportional aufgebaute Matrjoschka-Puppe. Im kleinsten Koffer, den Biller aus Sicht seines erst fünfjährigen Ichs beschreibt, verbergen sich die immer größer werdenden Koffer mit immer relevanter werdendem Inhalt. Über die weite Welt hat es die Verdächtigen verstreut. In unterschiedlichen Zeitscheiben finden sich Fährten und Anhaltspunkte. Moskau hinter dem Eisernen Vorhang, Prag im Prager Frühling, ein freies westliches Hamburg, Zürich, Montreal und London. Schauplätze einer Reise, bei der die Perspektiven sich zu einem großen Verwirrspiel um Daten und Fakten, Abläufe und mögliche Motive verdichten.

Sechs Koffer von Maxim Biller

Hier rekonstruiert Maxim Biller nicht nur die Geschichte seiner Familie, sondern in besonderer Weise auch die zeitgeschichtlichen Aspekte des Untergangs einer Diktatur, die jedoch zumindest noch den Großvater des Erzählers mit sich ins dunkle Grab zieht. Ja, es liest sich spannend. Ja, das ist geheimnisvoll genug, um einem Roman in einem stabilen Geflecht aus Handlungselementen Tragkraft zu verleihen. Und nein, es ist auf keinen Fall ausufernd oder episch in die Länge gezogen, was Maxim Biller hier erzählt. Etwas mehr als 200 Seiten gönnt er sich zur Spurensuche. Nicht besonders viel Raum, um einer vielschichtigen Geschichte auf den Grund zu gehen. Nicht viel Platz für einen Plot, der Geschichte und Familie, Religion und Vorbehalte, Flucht und Kriminalität, Tod und Intrigen miteinander zu einem Ganzen verwebt. 

Verwirrend wirken Elemente, die sich dem Zugriff des Lesers manchmal zu entziehen drohen. Es ist der erst fünfjährige Maxim, der das Innenleben seiner Eltern beschreibt, als sei er praktizierender Psychologe. Es sind die Widersprüche, die als Stilmittel eines Geheimnisses in den Sichtweisen der „Verdächtigen“ versteckt werden. Es sind Lieben und Leiden, die nicht nur Ländergrenzen, sondern auch die Anstandsgrenzen deutlich überschreiten. Biller scheint es manchmal nicht um Aufklärung zu gehen. Eigentlich ist dieses Geheimnis gar nicht dafür geeignet, gelüftet zu werden. Die Gegenwart zu leben und die Vergangenheit dabei nicht übermächtig werden zu lassen, das scheint für mich eine der zentralen Botschaften des Romans zu sein. Dass es trotzdem nicht gelingt, ist ebenso typisch für diesen Roman und die Authentizität mit der er in der Vita des Autors verankert ist.

Sechs Koffer von Maxim Biller – Der fehlende siebte Koffer

Ich habe mich an manchen Stellen des Romans nicht sehr wohl gefühlt in diesem Buch. Wo ich gerne ausführlicher gelesen hätte, war es zu minimalistisch. Wo ich dem fünfjährigen Ich-Erzähler nicht folgen wollte, hat mich der spätere und reifere Biller mit seinem rückblickenden Weitblick mehr begeistert. Wo ich Atmosphärisches vermisste wurde ich vom indirekten Charisma der Erzählung überrascht. Wo ich Betroffenheit und Empathie empfand, neutralisierte sich der Autor gegenüber der eigenen Familie. Er hat auf hohem Niveau mit mir gespielt. Er hat es gewagt, in den Mittelpunkt des jüdischen Miteinanders im Familienverbund das Schachern, Schmuggeln und Zweifeln zu stellen. Er hat sich vielleicht mit diesem Roman befreit, ohne dabei zu viel preiszugeben. Wer hat den Großvater verraten? Ein Leitmotiv des Romans, dem ich gerne auf den Grund gegangen wäre. Ein Buch, das lesenswert ist, für mich jedoch mit Einschränkung.

Jedenfalls darf man nicht erwarten, dass er dieses große Familiengeheimnis löst. Diesen siebten Koffer überlässt er seiner eigenen Schwester. Ihr Buch könnte diesem Geheimnis auf den Grund gehen. „In welcher Sprache träume ich? Die Geschichte meiner Familie“ wurde in Deutschland nur wenig beachtet. Könnte es sein, dass jetzt? Wäre es möglich, dass Leser nun beginnen, diesen siebten Koffer zu öffnen? Wäre es denkbar, dass Maxim Biller hier versucht, uns einen weiteren Koffer ins Bücherregal zu schmuggeln. Das wäre, der Familientradition folgend, nur logisch, aber wäre es legitim? Ich mag seinen Roman. Er verleitet mich jedoch nicht dazu, weiter in dieser Geschichte zu graben. Er ist zweifelsohne lesenswert. Eine Buchpreis-Bindung (Verzeihung für das Wortspiel) sehe ich jedoch nicht. Da hatte ich einen anderen Favoriten

Ich mag es nicht, wenn mir am Ende einer Geschichte zum zentralen Gegenstand des Spannungsbogens erzählt wird: „Das geht niemanden etwas an. Das verstehen Sie doch, oder?“ Nö, hab` ich nicht verstanden!

Sechs Koffer von Maxim Biller auf der Shortlist. Mein Favorit ist raus…

„Auf immer verbunden“ von Domenico Starnone

Auf immer verbunden von Domenico Starnone

Also, das ist schon harter Tobak, den ich mir hier auf den ersten Seiten anhören muss. Mir nichts, dir nichts bin ich gut gelaunt in den Roman „Auf immer verbunden“ gestolpert und fange mir schon zu Beginn die Breitseite einer gesalzenen Standpauke einer verlassenen Ehefrau ein, bevor ich auch nur behutsam umblättern kann. Ich kann gar nicht so schnell lesen, wie ich alle stereotypen Beschimpfungen und Vorwürfe aus dem Munde der betrogenen Ehefrau und Mutter Vanda um die Lese-Ohren bekomme. Der arme Aldo ist gottlob nicht in Reichweite. Auf den gepfefferten „Ich-bin-die-ärmste- Sau-der-Welt-Briefmonolog“ seiner Noch-Ehefrau kann er sich allerdings freuen.

Dabei ist es echt nicht so abwegig, was er da angestellt hat. Besonders, wenn man sich den Tonfall Vandas mal auf der Zunge zergehen lässt. Verlassen, abgelegt und ins Abseits gestellt von einer blutjungen Konkurrentin – so kommt sie sich vor. Am Ende, in Armut versunken, alleine verantwortlich für die gemeinsamen und inzwischen erheblich traumatisierten Trennungskinder Sandro und Anna, während es sich der „feine Herr“ in den Armen einer 19-Jährigen gutgehen lässt. Hier weht Männern ein scharfer Wind um die Ohren, sind doch Vandas Ehevorwürfe so einseitig, dass man nur noch schnell den Kopf einziehen und sich rennend in Sicherheit bringen kann. Dabei sollte man doch die beiden Seiten der Medaille betrachten. Niemals ist es die Schuld eines Partners, wenn sich der gemeinsame Weg an einer dramatischen Kreuzung zu teilen beginnt

Auf immer verbunden von Domenico Starnone – Überspitzte Einleitung

“Auf immer verbunden“ von Domenico Starnone (DVA) provoziert auf den ersten Seiten, um in der Folge die gescheiterte Beziehung der beiden Protagonisten auf dem literarischen Seziertisch in ihre Bestandteile zu zerlegen. Schonungslos und neutral. In diesem Sinne gilt es Ruhe zu bewahren, diese erste Standpauke zu ertragen und dann mit Weitblick und vorurteilsfrei zu erlesen, was, warum und wie geschah. Es dauert nie lange, bis sich der erste Eindruck relativiert. Wirklich nie… Die Abwesenheit von Glück hat viele Ursachen. Entfremdung trägt viele Namen und der Beziehungskiller Alltag hat schon mehr Ehen in den Abgrund driften lassen, als man es sich vorstellen kann. Sucht man nach Schuldigen und dreht man jeden Stein der gemeinsamen Zeit um, dann wird man schon sehen, dass nie einer allein für die Ruine einer Beziehung verantwortlich ist.

„Falls du´s vergessen haben solltest, mein Lieber, muss ich dich eben mal daran erinnern: Ich bin deine Frau. Ich weiß, du warst mal froh darüber, aber jetzt stört es dich plötzlich…“

So kommt man nicht weiter. Das weiß auch Domenico Starnone. Und so bleibt der Roman „Auf immer verbunden“ nicht in der Selbstmitleids-Arie einer verlassenen Frau gefangen, sondern befreit sich mit einer ungeheuren Dynamik in eine Richtung, die mir den Glauben an dieses Buch nach einigen verstörenden Seiten schnell wiedergegeben hat.

Auf immer verbunden von Domenico Starnone – Am Ende eines langen Weges

Hier wird aus dem Ende einer Ehe der Beginn einer neuen Zeit. Hier wird aus dem Davor die Basis für das Danach. Richterlich geregelt, auf ewig getrennt, seiner Kinder durch das alleinige Sorgerecht der Mutter entsorgt, wider- und einspruchslos. Aldo ist Geschichte. Als Ehemann und Vater. Endgültig. Schmutzig. Rosenkrieg. Suizidversuch der Ehefrau. So kann eine Geschichte beginnen. Hier erlangt der Buchtitel „Auf immer verbunden“ eine fast schon bodenlose Skurrilität, die wie ein Reset-Knopf diese Liebe auf Anfang stellt und dann lauthals Überraschung ruft! Man muss nur ein wenig Zeit ins Land einer guten Geschichte gehen lassen.

„Du schreibst, dass du das Bedürfnis hast, wieder Kontakt zu deinen Kindern aufzunehmen. Sagst, dass es nach nunmehr vier Jahren möglich sein müsse das Problem konstruktiv anzugehen… Sie haben beschlossen, dich zu treffen. Sie leiden unter Unsicherheit und Angst. Mach es für sie nicht noch schlimmer.“

Starnone spielt mit der Vorverurteilung der ersten Seiten. Er bezweckt das genaue Gegenteil und lässt uns stutzig werden. Als wir Aldo dann zum ersten Mal sehen, bleibt vom Zweifel wenig. Ich möchte mir selbst ein Urteil bilden, seine Sicht der Dinge sehen und seinen Teil der Geschichte hören. Nicht nur die Geschichte einer Ehe, sondern die Geschichte von Lidia, die ihn in ein neues Leben katapultiert hatte. Was war passiert?

Auf immer verbunden von Domenico Starnone – Perspektivspiele

„Auf immer verbunden“ ist ein Sehnsuchtsroman allererster Güte. Unausweichlich schleicht sich Distanz durch Routine in unser Leben. Unausweichlich ist es die Eitelkeit, die uns für Verführungen empfänglich macht. Unausweichlich steht man dann vor dem Scherbenhaufen eines gemeinsamen Versprechens. Wie tief die Verbindungen reichen erweist sich, nachdem man in die falsche Richtung abgebogen ist. Eine Flucht ist dabei nie nur demjenigen anzulasten, der ausbrechen will. Schuld ist etwas, das uns ewig mit dem Menschen verbindet, den wir treu begleiten wollten. Ob das neue Leben geeignet ist, das Versprechen von Freiheit, Liebe und Neustart ohne Routine einzulösen, ist eher fraglich. Wer jedoch am Ende eines solchen Weges unbeschadet bleibt, ist lesenswert.

Die Verlassene? Der Ausbrechende? Die Verführende? Der Rückkehrer? Ist es die Flucht von einer Lebenslüge in die nächste und zurück oder steckt mehr dahinter, wenn es Aldo wieder in die Arme seiner Familie treibt? Bekommt der Begriff Entscheidung in diesem Roman eine völlig neue Bedeutung im Sinne der Umkehr einer Trennung? Wird die Verlassene jemals vergeben können? Domenico Starnone berührt uns nachhaltig in und zwischen den Zeilen seines Romans. Keine der aufgeworfenen Verwerfungen lässt uns kalt. Keine Frage wird umschifft und keine Antwort verweigert. Und doch gelingt es auch diesem Roman nicht, uns gegen Versuchungen zu immunisieren. Zielstrebig geht es in Richtung Untergang, wenn Unzufriedenheit und Eitelkeit sich ihren Weg bahnen.

Auf immer verbunden von Domenico Starnone – Endgültig getrennt?

Vielleicht ist dies gar nicht so sehr ein Roman für die Menschen, die sich hier so treffend getroffen fühlen. Vielleicht ist er ja gar nicht für Verlassene und Fliehende im eigentlichen Sinne geschrieben. Eine unverhoffte Wendung zeigt mir vielmehr, dass er die Kinder anspricht, die diesem Ehetaifun ihrer Eltern gnadenlos ausgesetzt sind. Ihre Fragen bleiben im Leben unbeantwortet. Ihre selbst zugewiesene Schuld zerstört mehr, als die Scheidungen oder Entscheidungen der Eltern. Sie sehen sich als Mittäter eines Scheiterns und belasten sich lebenslänglich mit diffusen Vorwürfen.

Die große Botschaft dieses Romans ist, dass man „Auf immer verbunden“ bleibt. Egal auf welcher Seite man steht, egal welchen Weg man wählt. Das große Fehl eines Lebens ist die unausgesprochene Wahrheit. Man sollte sie niemals vor den Menschen verbergen, die einem am wichtigsten sind. Und auf keinen Fall sollte man sie von den eigenen Kindern ans Tageslicht bringen lassen. Dann ist es zu spät. Lesenswert.

„Lincoln im Bardo“ von George Saunders – Überweltliches Lesen

Lincoln im Bardo von George Saunders

Selten findet man heutzutage einen Roman, der nach allen Regeln der Kunst als innovativ bezeichnet werden kann. Sprachlich gelten die meisten literarischen Felder als längst abgegrast und strukturell vermag uns kaum noch etwas zu überraschen. Und wenn man dann doch fündig wird, erweist sich das Lesen als experimentell und schwer zugänglich. Das Neue wird selten. Maßstäbe sind längst gesetzt und Gewagtes erblickt das Licht der Bücherwelt nur noch in Ausnahmefällen. „Lincoln im Bardo“ von George Saunders (Luchterhand Verlag) ist eine solche Ausnahmeerscheinung, die sich in jeder Hinsicht von allem unterscheidet, was wir in gebundener Form vor unseren neugierigen Augen hatten… (Sie können diese Rezension auch hören. Hier geht´s zum PodCast)

Lincoln im Bardo – Die Rezension fürs Ohr

Wann wird ein (so gar nicht historischer) Roman über eine (mehr als historische) Gestalt geschrieben, der nicht nur inhaltlich ein neues Level erreicht, sondern auch in Bezug auf die verwendeten Erzählperspektiven alle gewohnten Grenzen sprengt? Wie schafft es ein US-amerikanischer Autor den mit Abstand legendärsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in den Fokus eines Romans zu stellen und dabei gar Leser zu erreichen, die sich nicht ansatzweise mit dessen Biografie auseinandergesetzt haben? Welchen Inhalt legt George Saunders seinem Buch zugrunde, um uns weltweit mit dem Phänomen Abraham Lincoln auf Augenhöhe zu bringen? Ganz einfach. Gehe unentdeckte Wege und finde neue Leser. Ein Motto, dem George Saunders beharrlich gefolgt sein muss.

Lincoln im Bardo von George Saunders

Worum geht´s? Was muss ich vorher wissen und wen spricht Lincoln im Bardo an? Fragen, denen ich mich hier widmen möchte, um die Berührungsängste zu einem Roman abzubauen, der für mich eine absolute literarische Sensation ist. Trauer könnte die Klammer heißen, die den gesamten Erzählraum dieses Buches zusammenhält. Der Tod seines elfjährigen Sohnes Willie trifft Abraham Lincoln zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Der Amerikanische Bürgerkrieg erlebt seine ersten brutalen Schlachten, der Kampf zur Befreiung der Sklaven hat gerade erst begonnen und der Präsident hat alles, nur kein Privatleben mehr. Keine Zeit zu trauern. Keine Chance zu verarbeiten. Er hat über die Zukunft einer Nation zu entscheiden. Und dann das. Ihm stirbt der jüngste und liebste Sohn unter den Händen weg.

Mehr über Abraham Lincoln zu wissen ist nicht schädlich, aber eben auch nicht erforderlich. Knietief kann ich in meiner kleinen Bibliothek in Büchern über ihn waten, Biografien und Romane, Schlachtenepen und Dokumentationen pflastern meinen Weg an seiner Seite. Und doch bleibt am Ende nur der verzweifelte Vater übrig, der mich in seinem Inneren waten lässt. Tiefer, als ich je zu ihm vordringen durfte. Saunders bringt jeden Leser dazu, Lincoln abstrahiert als Synonym für die Zerrissenheit zwischen einer Berufung und dem Privatleben zu verstehen. Den Rest übernimmt unser Herz. Ein Tag ist es, den sich Abraham Lincoln einräumt, um sich von Willie zu verabschieden. Einen einzigen Tag nimmt er Abstand vom Leben als Präsident. Ein Tag der ihn seinem Sohn näher bringt, als er es sich vorzustellen vermochte…

Lincoln im Bardo von George Saunders

Wie George Saunders über diesen Tag schreibt, ist außergewöhnlich. Wo er diese letzte Begegnung zwischen Vater und verstorbenem Sohn ansiedelt, ist in literarischer Hinsicht eine absolute Grenzerfahrung. Wir befinden uns im Bardo. Eine Zwischenwelt, in der Verstorbene verweilen, bevor sie endgültig vom Erdboden verschwinden und im Himmel oder der Hölle ankommen. Nennt es Fegefeuer, oder Wartezone für Geister. In „Lincoln im Bardo“ ist es der Friedhof, auf dem der junge Willie gerade erst beigesetzt wurde. Und wer könnte diese Geschichte nun besser erzählen, als die Geister, die dort verweilen? Wer könnte diese Geschichte besser ergänzen, als ein Mix aus erfundenen und realen Zeitzeugen, aus deren Briefen, Tagebüchern und Veröffentlichungen zitiert werden kann? Was kann uns der Realität näherbringen, als die Potenzierung subjektiv wahrgenommener Halbwahrheiten in Verbindung mit geisterhaften Perspektiven?

George Saunders gelingt ein erzählerisches Feuerwerk der hundert Stimmen. Wo die gesamte Geschichte authentisch werden muss, lässt er seine Zeitzeugen-Armada zu Wort kommen. Sie beschreiben aus der Sicht von Chronisten, Autoren, Dienern und ganz normalen Menschen von nebenan, wie sie diese Tage erlebt haben. Wie Lincoln auf sie wirkte, wie man die Beisetzung Willies empfunden hat und wie der Bürgerkrieg sich immer weiter in den Ängsten der Menschen festsetzt. Dieses schillernde Potpourri aus teilweise real existierenden Dokumenten erzeugt ein atmosphärisches Diorama, in dem das Ende des Jahres 1862 zum Greifen nah rückt. Hier erleben wir, wie Lincoln in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, was seinen Ruf ausmachte und wie sehr man an seinem Verlust Anteil nahm. Ein starkes Stück subjektive Geschichtsschreibung, die wir hier erleben. Zersplittert in kurze Zitierpassagen mit Quellenangaben, die ein Lesen in Hochgeschwindigkeit ermöglichen.

Lincoln im Bardo von George Saunders

Die zweite Seite des Perspektivmixes ist die staatstragend relevante Seite dieses Romans. Geister. Wartende. Sich der nächsten Nichtseins-Ebene Verweigernde, weil sie noch nicht mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Letzte Botschaften an die Erben, wichtige Informationen an die Nachwelt oder noch niemals Erlebtes halten diese Geister beharrlich im Bardo fest. Noch nie geliebt, noch nie begehrt, noch nie geküsst. Es sind die unerfüllten Hoffnungen, die den Friedhof unsichtbar übervölkern. Ein Bild, das sich tief im Leser verankert. Gefühle, die eigene Verluste denken lassen und Gedanken frei im Raum toben lassen, die man vor dem Lesen dieses Romans nicht zu denken bereit war. Hier entstehen Bindungen zu den Geisterwesen auf dem Friedhof. Ihr Hoffen wird zu unserem.

Und dann erscheint ein trauernder Vater auf dem Friedhof, der alle Grenzen des bisher Dagewesenen sprengt. Abraham Lincoln kann nicht loslassen. Er kann nicht nur besuchen. Er muss berühren, anfassen, im Schoß wiegen und erzählen. Nur, dass sich Willie schon nicht mehr in seinem Körper befindet und als Geist seinem trauernden Vater dabei zusehen muss, wie er ihn im Arm hält. Das spricht sich rum. Die Gerüchte von einem Menschen, der einen Toten zärtlich berührt grassieren auf dem Friedhof und locken all jene an, die sich von diesem Vater mehr versprechen. Vielleicht kann man ja ihn erreichen. Vielleicht kann man ihn dazu bewegen, das Unausgesprochene in seine Welt mitzunehmen. Vielleicht könnte Abraham Lincoln das Medium für all jene sein, die noch so viel zu sagen hätten. (Ich habe im PodCast eine solche Passage eingelesen)

Lincoln im Bardo von George Saunders

Auch hier bleibt Saunders seinem Stil treu. Stimmen kommen zu Wort, werden von wieder anderen Stimmen unterbrochen und es entsteht auch hier das Satzmosaik, dem der Leser mühelos folgt. Von Seite zu Seite vereinen sich die Stimmen zu individuellen Geschichten. Zu Leben voller Hoffnungen und Widersprüchen. Der Reverend, der hier ist, weil er sich vor der letzten Entscheidung fürchtet. Der Liebende, der verstarb, ohne die Liebe vollzogen zu haben und nun mit geisterhafter Dauererektion zurechtkommen muss. Und der heimlich Homosexuelle, der sich so oft selbst verleugnen musste, dass sein Gesicht im Zwischenreich zu viele Gesichter zeigt. Sie alle stehen Willie bei. Denn nichts kann hoffnungsvoller für alle Geister sein, gelänge es dem kleinen Jungen noch ein einziges Mal mit seinem Vater zu reden. Ihm zu verzeihen. Sich zu verabschieden. 

Wir erleben Großes in diesem Buch. Zutiefst Menschliches, Soziales, Politisches und Geschichtliches. Wir können nach dem Lesen von „Lincoln im Bardo“ keinen Friedhof betreten, ohne an die Geister zu denken, die uns dort hoffnungsvoll erwarten könnten. Spätestens, wenn wir realisieren, dass auch hier der Rassismus grassiert, spätestens, wenn wir die Geister der Afroamerikaner in Massengräbern sehen und allerspätestens, wenn auch sie sich erheben, um ihren Präsidenten zu beseelen und ihm von sich und der Sklaverei zu erzählen erkennen wir die grandios erzählte Relevanz dieses Romans. Den Rest sollten Sie selbst erlesen. Es ist ein Erzählen auf einem völlig neuen Niveau, es ist eine literarische Erfahrung, die man sich keinesfalls entgehen lassen darf und es ist ein Buch gewordener Befreiungsschlag für die versklavten Seelen von einst. Ja, ich habe Geister kennengelernt, denen ich gerne geholfen hätte. Habe mich heftig verliebt und zu hassen begonnen. Und ich habe gelernt, meine Welt ein klein wenig anders zu sehen.

Selten war Literatur so geistreich…

Lincoln im Bardo von George Saunders

„Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury

Das Mädchen, das in der Metro las

Kann eine Reise das Leben verändern? Ich denke, ja. Bis vor wenigen Monaten war ich lediglich literarisch in den Straßen von Paris unterwegs, habe die Metropole an der Seine im Wandel der Zeit erlebt und bin in Kathedralen, Cafés und Buchhandlungen im Herzen der Stadt den wohl wichtigsten Schriftstellern meines Lesens begegnet. Ich sah den Louvre in Händen der Nazi-Besatzer, erlebte Krönungen und Revolutionen, spürte den vibrierenden Sound der Zwanziger Jahre, sah gekrönte Häupter den Kopf verlieren und wurde zum Zeugen des Scheiterns einer Heiligen Jungfrau, die Paris befreien und für ihren König erobern wollte. Jeanne d´Arc brannte für diese Stadt. All dies durfte ich ganz nah empfinden, als ich Paris erstmals mit eigenen Augen sah. All dies ließ ich auf mich wirken. Ich hatte lange davon geträumt.

Das Mädchen, das in der Metro las

Ich war fasziniert von der Schönheit dieser Stadt. Ich spürte, dass Bücher hier eine ganz besondere Rolle spielen. Nicht nur in Bibliotheken oder Buchhandlungen, sondern auf den Straßen von Paris. Fliegende Buchhändler verwandeln Bushaltestellen in feine und erlesene Treffpunkte für bibliophile Bewohner und Touristen. Bücherregale vor den Schaufenstern der großen Büchertempel vermitteln den bleibenden Eindruck, dass ein Buch in Paris ein willkommener spontaner Wegbegleiter ist. Überall wird gelesen. Es ist der Pulsschlag der Literatur, den ich dort gefühlt habe. Kein Ruhepuls, echt nicht. In der Metro dachte ich immer wieder daran, wen ich hier im Lauf der letzten Jahrzehnte wohl getroffen hätte. Wer in den Zügen jener unter- und überirdischen Linien unterwegs war, um Freunde zu treffen, die Stadt fluchtartig zu verlassen oder den Rausch der Nacht in vollen Zügen zu genießen. Eine Liste dieser besonderen Menschen habe ich ans Ende dieses Artikels gestellt.

Das Mädchen, das in der Metro las

Es ist mir eine besondere Ehre, Euch eine ganz besondere junge Frau vorstellen zu dürfen, die aus literarischer Sicht am heutigen Tag das Licht der Welt erblickt. Eine junge Frau, der ich gerne in der Metro begegnet wäre, weil ich ganz genau weiß, dass wir uns gegenseitig ganz genau unter die Buchlupe genommen hätten. Sie würden die junge Frau schnell erkennen. Sie verbirgt ihre Augen hinter einer Sonnenbrille und trägt einen riesigen blassblauen Schal, der auch den Rest ihres Gesichts vor den Augen der Welt schützt. Sie ist eine gute Beobachterin. Sie liest in den Menschen, die in der Metro lesen. Ihrem wachen Blick entgeht nichts. Nicht der Mann mit dem grünen Hut, der sein Buch zu atmen scheint. Nicht die Verliebte, die immer in Tränen ausbricht, wenn sie die 247. Seite erreicht hat. Und auch nicht die alte Dame, die immer das gleiche Kochbuch zu lesen scheint. Juliette findet sie alle. Diese…

„Wortschmetterlinge, die in dem überfüllten Metro-Waggon flatterten, bevor sie sich auf Juliettes Fingerspitzen niederließen“

Das Mädchen, das in der Metro las

Juliette ist „Das Mädchen, das in der Metro las“. Wobei sie eigentlich nie so richtig zum Lesen kommt, weil sie Menschen und Bücher beobachtet. Jedenfalls solange, bis sie ihre Arbeitsstelle erreicht. Eine Arbeit, die den Rhythmus des Lesens unterbricht, in eine Welt eindringt, die von Fantasie geprägt ist. Eine Arbeit die das Mädchen aus dem Lesen reißt. Bis Juliette eines Tages beschließt, der Metro früher zu entfliehen und ein wenig gedankenverloren durch die Straßen zu wandeln. Hier findet sie die Tür zu einer Welt, die sie noch nicht entdeckt hatte. Hier trifft sie auf Menschen, deren Leben einem bibliophilen Traum folgen. Sie begegnet Soliman und seiner Tochter Zaïde. Sie betritt eine Welt, die mit der Inschrift „Bücher ohne Grenzen“ wahrhaft paradiesisch anmutet. Eine Welt der Bücher, die von Soliman auf den Weg gebracht werden, um die richtigen Leser zu finden. Eine individualisierte Form des Bookcrossings. Soliman ist der Sucher im Büchermeer. Seine Mission könnte lauten: „Auf den Zufall warten? Dafür ist ihre Zeit zu schade. Ich PaarBooke jetzt“. Und Juliette kommt genau zur rechten Zeit. Ein neuer Kurier zur Vermittlung von Büchern wird dringend gesucht.

Das Mädchen, das in der Metro las

Christine Féret-Fleury legt uns „Das Mädchen, das in der Metro las“ ans Herz. Im Kosmos der bibliophilen Romane sicherlich ein Werk mit einer überzeugenden Idee. Im Kern des Romans, der wie eine Pralinenschachtel der Literatur anmutet, entwickelt sich die Geschichte zu einem Erzählraum, der den Menschen eine Heimat gibt. Die Literatur ist nicht das Leben. Das Leben ist nicht das Lesen. Ohne Bücher jedoch würden einige Menschen nicht zueinander finden. Ohne Inspiration würden sie einander nie so richtig erkennen und wahrnehmen. Und ohne die Fähigkeit sich in ein Buch einzufühlen, ist es schwer, Empathie für Menschen zu entwickeln. Die Bücher, die uns hier über den Weg laufen sind wie Grundnahrungsmittel für den Geist. Sie sind der Sauerstoff des Lesens. Ohne sie würden wir nie erfahren, ob „Das Mädchen, das in der Metro las“ ein guter Kurier des guten Lesens wäre und ob sie das Geheimnis lüftet, das hinter der Mission dieses belesenen Arabers mitten in Paris verborgen ist? Lassen Sie sich überraschen und nehmen Sie gleich den nächsten Zug der Metro. Es gibt keine Endstation für diese Geschichte.

Und vielleicht begegnen Sie ja nach diesem Buch einem jungen Mann, der in der Metro laut vorzulesen pflegt. „Die Sehnsucht des Vorlesers“ und „Das Mädchen, das in der Metro las“ sind perfekt für das Lesen in vollen Zügen.

Das Mädchen, das in der Metro las

Wem ich auf einer Zeitreise durch Paris sicherlich in der Metro begegnet wäre:

Vernon Subutex auf seinem Roadtrip durch alle Schichten einer Gesellschaft.
Samuel Beckett,
der nicht warten konnte, wie sein späterer Godot.
Charlotte Salomon mit einem Koffer, der ihr ganzes Leben war.
Irène Nemirovsky
mit dem Manuskript ihrer „Suite Française“ auf dem Weg ins KZ.
Louise, einem mörderischen Kindermädchen auf dem Weg in ihr normales Leben.
Èdouard, dem Dichter der Familie, dem einfach der vor seiner Schreibblockade flieht.
Einem Mann, der den Gare d´Austerlitz zur Drehscheibe seiner Vergangenheit macht.
Ernest Hemingway, der sich endlich einmal kräftig daneben benehmen durfte.
Scott F. und Zelda Fitzgerald, die füreinander himbeersüße Tode sterben würden.
Catherine Meurisse auf dem Weg zurück in die Leichtigkeit nach den Attentaten.
Antoine Leiris auf seiner einsamen Fahrt zurück in ein Leben ohne Hass.
Pierrot, dem auf Hitlers Berghof die Heimatstadt Paris abhanden kommt.
Claire und Julie, die im Salz der gemeinsamen Tränen baden.
Einer Nachtigall, die in den Reihen der Résistance an Sabotage denkt.
Den Liebenden aus dem Chamäleon Club, die eher Blut, als Tränen vergießen.
Guylain Vignolles, der es liebt, laut vorlesend Metro zu fahren.
Julie, die Toilettenfrau, die einen USB-Stick mit ihrem Tagebuch in der Metro verlor.
Marie-Laure LeBlanc, das blinde Mädchen aus Paris, das in Saint-Malo Licht sieht.
Juliette, das Mädchen, das in der Metro las und Wortschmetterlinge züchtete.
Und nicht zuletzt hätte ich vielleicht den Hut des Präsidenten gefunden.

Fahren Sie mit der Metro durch Paris. Finden Sie ihr Lesen. Träumen Sie mit mir.

„Die Frau, die liebte“ von Janet Lewis

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Ich denke, das kennt jeder von uns, der sein Leben seit langen Jahren mit einem Partner zusammen verbringt. Man wird morgens wach, schaut im Bett auf die rechte Seite und fragt sich, wer der fremde Mensch ist, der neben uns liegt. Oder man fühlt in besonderen Situationen eine plötzliche Befremdnis aufkommen, wenn sich der Partner nicht so verhält, wie man es von ihm erwartet. Man fragt sich dann, ob es sich bei dem Menschen, den man ganz neu wahrnimmt, wirklich um den Lebensgefährten handelt, in den man sich vor Jahren verliebt hat. Wer ist der Fremde da in meinem Bett? Das habt Ihr euch doch sicher auch schon mal gefragt. Oder?

Was aber, wenn aus diesem plötzlichen Fremdeln heraus eine fixe Idee entsteht? Was, wenn man tatsächlich zu vermuten beginnt, dass sich eine fremde Person in das eigene Leben eingeschlichen hat. Was, wenn sich dieser Verdacht manifestiert und in ganz kleinen Mosaiksteinen ein Bild entsteht, das jeden Zweifel rechtfertigt? Was dann und wie weiter? Zieht man Vertraute ins Vertrauen? Geht man zum Psychiater oder ist man auf sich alleine gestellt, wenn sogar Verwandte und gute Freunde darauf beharren, dass man so langsam durchdreht? Klingt extrem spannend und habt Ihr vielleicht sogar bildlich vor Augen.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Könnt ihr euch an den Spielfilm „Sommersby“ erinnern? Könnt Ihr Euch an Jodie Foster und Richard Gere erinnern, die 1993 gemeinsam auf der Leinwand brillierten? Seht Ihr den zerlumpten Soldaten noch, der aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg nach Hause kommt und seine Frau nach vielen Jahren erstmals wieder in die Arme schließt. Könnt Ihr Euch noch an die zweifelnde Ehefrau erinnern, die gegen jedes innere Gefühl den Fremden bei sich aufnimmt, der behauptet, ihr Ehemann zu sein? Ein Verwirrspiel voller Wendungen sondergleichen. Immer, wenn man sich sicher war, Sommersby auf die Spur gekommen zu sein, überraschte er mit überzeugendem Wissen, über das man nur verfügen konnte, wenn man der echte Sommersby war.

Aus dem Wechselspiel der Gefühle wurde dank der brillanten Schauspieler eine große Psychostudie zweier Menschen, die zu den Gefangenen der Geschichten und Legenden ihres Lebens wurden. Spannend bis zur letzten Sekunde. Wusstet Ihr, dass dieser Film auf einem Roman basierte, der bereits 1941 erstmals veröffentlicht wurde? Janet Lewis schrieb unter dem Originaltitel „The Wife of Martin Guerre“ eine Novelle, die auf wahren Ereignissen beruhte. Heute müsste man jedoch sagen: „Oft kopiert, nie erreicht!“ Denn diese Story geht psychologisch tiefer, als diese bekannte Filmadaption. Endlich liegt das Buch in deutscher Übersetzung von Susanne Höbel bei dtv vor. Ich habe mich lesend schnell von allen Bildern verabschiedet, die ich aus der Verfilmung in Erinnerung hatte. Zu eigenständig ist das Buch. Zu weit entfernt erscheint die Adaption. Ein Lesen, das sich mehr als lohnt. Die Frau, die liebte“ – Eine Herzensempfehlung.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Janet Lewis holte psychologisch weiter aus, als sie einen Fremden im Bett ins Leben rief. Sie bringt einen situativen Kontext des Frankreichs im 16. Jahrhundert ins Spiel und entwickelt auf der Grundlage von komplex verflochtenen Familienstrukturen reicher Grundbesitzer den eigentlichen Nährboden für ihre Erzählung. Hier wird nicht einfach geheiratet. Hier werden Ehen arrangiert, Kinder versprochen und Hochzeiten dienen dem Erhalt des Reichtums. Patriarchat in Reinkultur. So wird auch Bertrande schon im zarten Kindesalter dem jungen Martin Guerre versprochen. Von Liebe kein Hauch zu erkennen. Auch einige Jahre später nach der Hochzeit begegnen sich eher Fremde im gemeinsamen Bett. Man arrangiert sich, auch wenn Martin sehr nach dem herrschsüchtigen Vater schlägt. Ein gemeinsamer Sohn festigt das Arrangement. Als Martin jedoch vom gemeinsamen Hof flieht, weil er seinen Vater betrogen hat, bleibt Bertrande wartend mit Kind zurück. Als Verlassene nicht viel wert. Nur Männer sind relevant für den Fortbestand des Besitzes.

Als Jahre später die Familie die Rückkehr des Martin Guerre feiert, ist Bertrande von allem überzeugt, nur nicht vom zufälligen Erscheinen ihres Gemahls. Hier setzen Mischgefühle ein, die den Gewissenskonflikt einer eigentlich zur Treue verpflichteten Frau widerspiegeln. Denn der neue Martin Guerre ist ganz anders, als derjenige, der sie vor Jahren verließ. Er ist sanftmütig, sympathisch und liebevoll. Und doch darf nie sein was sich hier abzuzeichnen droht. Bertrandes moralische Festungen stürzen ein. Sie wird schwanger und sucht Hilfe bei den Schwestern ihres vermeintlichen Mannes und beim Pfarrer. Doch steht sie allein mit ihrem Verdacht. Alle halten sie für verrückt und auch Martin Guerre kann nicht fassen, was sich hier zusammenbraut. Und selbst Bertrande wünscht sich eigentlich nichts sehnlicher, als den neuen liebevollen Mann.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis

Auf dem Höhepunkt der Selbstzweifel tritt sie eine richterliche Untersuchung los und löst eine Kette von Ereignissen aus, die nicht mehr steuerbar sind. Brillant und stichhaltig erzählt. Das Wechselbad zwischen Gefühl, Hoffnung und Moral lässt keinen Spielraum für Bertrande. Lieber das Selbst opfern um der Verpflichtung zu entsprechen. Lieber auf den Mann verzichten, den sie zwar liebt, dem sie jedoch nicht verpflichtet ist. Ein Frauenbild, das katastrophaler nicht selbst interpretiert werden kann. Ein Moralbild, dem man nur erliegen kann. „Die Frau, die liebte“ muss im Herzen scheitern, egal wie sie sich entscheidet, egal welchen Weg sie geht und egal, was sie dabei fühlt.

Wer nun denkt, die Frage des echten Martin Guerre würde im Gericht geklärt, der sollte einfach dieses Buch lesen. Janet Lewis hat es sich nicht leichtgemacht. Sie hat in alten Prozessakten gestöbert und einen solchen Fall in der Vergangenheit gefunden, in dem sie die Inspiration verspürte, die Geschichte aus der Perspektive von Bertrande zu erzählen. Inneneinsichten einer verzweifelt Liebenden bietet sie uns auf 128 Seiten, die keine Frage offenlassen. Und doch stellt sie uns viele Fragen. Identität, Zuneigung und Selbstaufgabe stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Wie würde eine solche Geschichte heute enden? Wie würden wir entscheiden und wie würden wir am Ende reagieren? Im Leben wie im Lesen ist es so, dass es keine klare Antwort gibt. Nur ein Gefühl. Und das ist eigentlich untrüglich. Doch das Ende hätte auch ich nicht kommen sehen. Nicht so.

Die Frau, die liebte von Janet Lewis