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Mr. Rail... das reicht, oder?

Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

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Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Jetzt habe ich ihn also doch gelesen. Meinen ersten Roman, der sich mit dem akuten Corona-Szenario in unserer Gesellschaft auseinandersetzt und lähmende Begriffe wie Quarantäne und Social-Distancing zu Stellgrößen einer familiären Interaktion werden lässt. John von Düffel wagt sich aus der literarischen Deckung und legt einen Roman vor, in dem wir eigentlich genau das finden, wovon wir gerade kaum noch etwas hören wollen. Wir leben unsere Probleme, bewältigen unsere Alltage und finden selbst kaum Worte für eine Welt im Klammergriff der Pandemie. Die Literatur ist unser Fluchtpunkt, hilft uns, Ablenkung zu finden und unsere Fantasie abschweifen zu lassen. Da scheint es sehr gewagt zu sein, einen Familienroman zu schreiben, der die Corona-Pandemie nicht nur streift, sondern ihr den Raum gibt, den sie sich auch in unserem realen Leben genommen hat.

Die Wütenden und die Schuldigen“ will gerade aus diesen Gründen gelesen werden. Wie verarbeiten wir solche existenziellen Krisen literarisch? Wie lesen wir Geschichten, deren Rahmenbedingungen wir gerade wie im Livestream erleben? Wie reiben wir uns an diesem Roman? Wie sehr wühlt er uns auf, können wir etwas lernen oder prallt das Setting an uns ab, weil wir es einfach nicht mehr hören und lesen wollen? Alles Gründe für mich, diesen Roman auf meine Leseliste zu setzen. Fragen, denen ich mich widmen wollte, weil nur jetzt und nur heute das unmittelbare Leseerlebnis in der Zeitscheibe der Pandemie die Wirkung entfalten kann, die der Autor beabsichtigt. Eine große Aufgabe, der sich John von Düffel stellt. Aber wer, wenn nicht jener erfolgreiche Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und Professor für szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste könnte dramaturgisch geschärft in Szene setzen, was mich im realen Leben oftmals sprachlos macht?

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Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

John von Düffel beschreibt keine Stereotype, er wählt nicht beliebig aus, wenn es um das Casting für seinen Roman geht und konfrontiert uns nicht mit einer Allerwelts-Familie, die sich „Lindenstraßen-gleich“ in unser Lesen „beimert. Nein, die Szenerie seines Schreibens ist besonders, keinesfalls beliebig. Hier geht es um Menschen, die sich schon ohne Pandemie zu verlieren scheinen. Hier geht es um eine Familie, die es heftig gebeutelt hat. Mutter Maria, Anästhesistin der Charité, mit ihrem gesamten Team zwangsweise in Quarantäne, nachdem es zwei positive Tests gab. Jetzt gilt es, für sich selbst zu sorgen, weil der Rest ihrer Familie für alles Zeit hat, nur nicht für sie. Tochter Selma ist mit einer professionellen Sterbebegleiterin unterwegs zu Großvater Richard, einem protestantischen Pfarrer in der Uckermark, dessen Zeit abzulaufen scheint. Und Bruder Jakob hat gerade nichts anderes im Kopf, als seine kopflose Leidenschaft für seine Kunstprofessorin, die seine Sinne sprichwörtlich betäubt. Vier Lebensentwürfe in einem gesellschaftlichen Irrgarten, die kaum noch miteinander zu verbinden sind.

Und jetzt kommt auch noch die Pandemie hinzu, deckt alles mit Einschränkungen zu und erschwert den letzten Rest der Gemeinsamkeiten, die diese Familie noch hat. Hier sind es jetzt die fehlenden Teile im Familien-Puzzle, die neuen Herausforderungen und die Corona-Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, die zur Unzeit zu unlösbar scheinenden Problemen mutieren. Und mittendrin Selma, die verzweifelt versucht, die Lebensfäden einer zerstreuten Familie zu bündeln. Mission Impossible in der einsamen Uckermark. Kontaktverbot, Quarantäne und soziale Distanz werden zu den Mauern, an denen gerade jetzt eine Wiedervereinigung scheitern muss. John von Düffel lässt uns an diesen verschiedenen Welten teilhaben. Wir gehen in Quarantäne und lernen einen Rabbi kennen, wir begleiten einen Sterbenden und stranden in der Uckermark, stehen nackt einer Kunstprofessorin Modell und schämen uns für das Ergebnis, das wir sehen. Es fühlt sich lose und unverbindlich an, was Selma zu verbinden sucht. Besonders im Kontext einer Pandemie…

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Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

„Die Wütenden und die Schuldigen“ ist ein Roman voller Variablen. Es ist kaum noch auf einen Nenner zu bringen, wenn es der komplexen Formelwelt einer Familie an Konstanten fehlt. Auch ohne Virus hätte es kaum einen größten gemeinsamen Teiler gegeben, der es ermöglicht hätte, die Familie ohne Rest berechenbar zu machen. Ich habe mich oft in den Parallelwelten verloren, denen John von Düffel Raum gibt, um in seinen Erzählräumen nicht eindimensional zu bleiben. Es sind tiefgründige Gespräche mit einem Rabbi, mystisch anmutende Begegnungen mit Katzen, Dorfjugendliche, die wie Abziehbilder einer vergangenen Zeit wirken und starke Charaktere, die sich mitten im Chaos behaupten, ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, richtig zu liegen. Angesichts des nahenden Todes ist es eine starke These im Roman, dass es am Ende nur zwei Sorten von Sterbenden gibt: „Die Wütenden und die Schuldigen“. Ich habe lange darüber nachgedacht, kann der Argumentation im Roman folgen, bin aber ganz zuletzt der Meinung, dass es ein größeres Spektrum an Gefühlslagen gibt. Wir finden hier jedoch einen unfassbar brillanten Zündfunken für unseren Geist, an dem wir uns noch lange reiben, nachdem die letzte Seite gelesen ist.

Sprachlich überzeugt John von Düffel, weil er seine Satzgebilde mit einem Florett in unser Lesen sticht. Seine Beschreibungen betonen nicht, was man fühlen soll. Sie lassen uns fühlen. Das orientierungslose Erwachen eines sterbenden Pfarrers oder die leidenschaftlich aufgeladene Atmosphäre einer niemals unschuldigen Aktstudie bleiben ebenso haften, wie die professionelle Herangehensweise einer Sterbebegleiterin an die Zielperson. Hin- und hergerissen zwischen aktueller Herausforderung und Aufarbeitung der Vergangenheit trägt uns Lesende ein Spannungsbogen durch einen Roman, der in wenigen Passagen brüchig und stockend scheint. Ich habe ihn immer wiedergefunden, weil es eben auch die fehlenden Puzzlesteine der Familie sind, die von Interesse sind. Ich fand Mutter, Großvater und zwei Geschwister. Die Tiefe des Erzählten liegt jedoch beim abwesenden Vater. Ihn zu entdecken. Ihn sprichwörtlich wahr zu nehmen, seine Verluste und Ängste auf seine Familie zu übertragen, erklärt nicht nur den Titel dieses Romans. Es erklärt auch, warum dieses Buch so unberechenbar ist…

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Die Wütenden und die Schuldigen – John von Düffel

Am Ende bleibt die Frage nach der Relevanz dieses Romans. Für mich hat John von Düffel einen sehr soliden und interessanten Familienroman geschrieben, der im Corona-Setting nicht untergeht, von den Besonderheiten der pandemischen Situation jedoch in Gänze profitiert. Wir finden schon ein paar Antworten, wie wir den sozialen Boden verlieren können, wie leicht Ausreden werden und wie sehr die Abkapselung in einer Gesellschaft zur Vereinsamung in einer Familie führen kann. Wir werden schon bald gefragt werden, wie wir uns verhalten haben. Wir werden uns selbst fragen. Und dann gilt es, die Maske abzulegen und ehrlich zu sein. John von Düffel mag dabei in begrenztem Umfang helfen… Dies ist ein Roman – kein Ratgeber…

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Die Stille des Meeres von Donal Ryan

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Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Das Meer ist eine tragfähige Metapher für Geschichten voller Tiefgang, tosende Stürme, Flauten ohne jedes Vorankommen, Sehnsucht nach den letzten Abenteuern, rettungsloses Hoffen auf die Sichtung erster Leuchttürme und nicht zuletzt für all die Flüsse, die ihrem Lauf folgen und sich letztlich ins Meer ergießen. Wer eine gewisse Affinität zu den großen Ozeanen unserer Erde verspürt und literarisch immer wieder gerne in See sticht, der wird sicher hellhörig beim Titel des neusten Romans aus der Feder des irischen Schriftstellers Donal Ryan. „Die Stille des Meeres“ vermittelt auf den ersten Blick – auch in Anbetracht des atmosphärischen Wellengang-Covers – das Gefühl, es mit einem wahrhaftigen Meeres-Roman zu tun zu haben. Schaut man sich jedoch den Originaltitel „From a Low and Quiet Sea“ etwas genauer an, dann dürfte schnell klar werden, dass wir es eher mit einer Geschichte zu tun haben, die sich aus der Mitte einer ruhigen und nicht allzu tiefen See an unsere Ufer mäandert. Doch wie wir alle wissen: „Stille Wasser sind tief“ und so ist es auch mit diesem Buch. Es reißt uns mit, entwickelt einen unwiderstehlichen Sog, changiert in den unterschiedlichsten Windstärken und tritt schließlich über die Ufer, um alle Flüsse, von denen es gespeist wird, miteinander zu vereinen.

Es wirkt schon fast wie ein Schreib-Experiment, dem wir in „Die Stille des Meeres“ ausgesetzt sind. Schon der Klappentext bereitet uns auf drei einzelne Geschichten vor, die sich erst am Ende in einer kleinen irischen Stadt auf unwahrscheinliche Weise und mit fatalen Folgen miteinander vereinen. Und schon taucht hier der zweite Eyecatcher auf, der mich dazu führte, diesem Roman zu folgen. Irland. Land der Verheißung und literarischer Sehnsuchtsort, Schauplatz wahrlich großer Romane und Ausgangspunkt bewegender Schicksale, die von Auswanderung, Armut und der Flucht aus einem von der Weltgeschichte zerrissenen Land berichten. Im Gegensatz zu diesen Geschichten jedoch ist es diesmal die Grüne Insel, die zum Schmelztiegel der Geschichten dreier Männer wird. Hier fließt alles zusammen. Hier wird „Die Stille des Meeres“ zu einem tiefgründigen Rauschen und Murmeln von Wellenschlägen, die unsere Ufer erreichen.

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Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Um im maritimen Jargon zu bleiben, den „Die Stille des Meeres vorgibt“ möchte ich meine Wahrnehmung der drei Einzelgeschichten mit einem Aggregatzustand der hohen See überschreiben:

Der Sturm – Farouk

Es ist die Geschichte von Farouk, einem syrischen Arzt, der sich dazu durchringt, seine kleine Familie vor den Folgen des Krieges zu retten. Ein Flüchtlingsschicksal, das wir gerne als typisch bezeichnen würden, dem sich Donal Ryan jedoch literarisch in einer Wucht annähert, die Ihresgleichen sucht. Es sind nur knappe 80 Seiten dieses Buches, in denen er ein Land im Krieg, eine übermächtige Religion und den Vorbehalt beschreibt, unter dem ein Leben steht, das rein westlich orientiert ist. Am Ende steht die Flucht. Die letzte Chance für Farouk, sich selbst, seine Frau und seine Tochter retten zu können. Es ist die Hoffnung, die sie antreibt. Es ist das Entsetzen, das sich in ihnen ausbreitet, als sie das abgewrackte Schiff sehen, das sie nach Europa bringen soll. Es ist die perfide Masche der Schlepper, ihre Schutzbefohlenen zu betrügen. Das Drama ist vorprogrammiert. Das Scheitern auf hoher See nur eine Frage der Zeit. Und es ist die literarische Brillanz, mit der uns Donal Ryan zu Schiffbrüchigen macht. Wir folgen Farouk bis zum fatalen Wendepunkt seines Lebens. Als seine Geschichte endet, war ich den Tränen nah. Hier in eine neue Geschichte einzusteigen fühlte sich an, wie ein „Legere Interruptus“ – ein unterbrochenes Lesen vor dem Höhepunkt.

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Nur die Hoffnung aus dem Klappentext trieb mich weiter. Am Ende sollte ich ihm erneut begegnen, also hinein in die zweite Geschichte. Hinein in eine Begegnung mit jenem zweiten Mann, der dieses Buch prägt. Seine Geschichte überschreibe ich mit:

Die Flut – Lampy

Jetzt sind wir in Irland. Jetzt begegnen wir Lampy, der mit seiner Mutter und seinem Großvater auf dem Land lebt. Eigentlich hat er gerade nur „Scheiße am Schuh“. Seine Mutter verheimlicht ihm, wer sein Vater ist. Sein Großvater nervt mit seinen Witzen auf Kosten anderer Leute und die erste große Liebe Chloe hat ihm den Laufpass gegeben und sein Herz bei ihrer Abreise gleich mit nach Dublin genommen. Sein Leben scheint im Schlick zu versinken, den die Ebbe zurückgelassen hat. Zumindest hat er einen Job als Busfahrer in einem Seniorenheim. Zumindest hier fühlt er sich nützlich. Seine alten Leutchen in den Bus setzen, sie zur Therapie oder zu Verwandten fahren und dann ins Heim zurückbringen. Was soll da schon schiefgehen? Wie die steigende Flut sich dem Alltag von Lampy langsam nähert, ahnen wir, dass aus der harmlosen Fahrt mit seinen Senioren eine Situation erwächst, in der er den Überblick verliert… Kein Vater, den Job als letzten Halt, eine Mutter voller Ausflüchte, die Freundin, die gar keine mehr ist, und ein Großvater, der sich sicherlich über ihn lustig machen wird. Das sind die Aussichten eines Lebens, als wir Lampy am Straßenrand verlassen. Die Flutwelle kommt.

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Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Zeit, dem letzten Protagonisten zu begegnen. Ich nenne sein Kapitel:

Die Ebbe – John

Ihm steht der Schlick sprichwörtlich bis zum Hals. Das Lebenselixier Wasser hat sich zurückgezogen und ihm bleibt nur noch dieser letzter Versuch, mit sich und Gott seinen Frieden zu machen. Es ist eine Beichte, die John in der letzten Stunde seines Lebens ablegt. Und er hat viel zu erzählen. Der große Manipulator und Betrüger hat zeitlebens im irischen Ardnamoher die Strippen gezogen. Ob es die Verluste seines Lebens waren, die ihn zum Betrüger, Erpresser und schamlosen Lobbyisten gemacht haben? Wer weiß das schon.. Er versucht sich zaghaft in Ausflüchten, doch je näher sein Ende kommt, desto drängender wird die Frage, ob er mit seiner Lebensbeichte überhaupt seinen Schöpfer erreichen kann. John hatte nie anderes im Sinn, als Hass zu säen, Profit aus Gerüchten zu ziehen und sich an den Menschen seiner Heimat zu bereichern. Jetzt rechnet er mit sich ab, während das Lebensmeer sich zurückzieht. Auch hier gelingt es Donal Ryan, uns in einem außergewöhnlichen Beichtstuhl zum Zuhörer einer verlorenen Seele zu machen. Ob wir ihm seine Reue abnehmen oder nicht, sie ist essenziell für „Die Stille des Meeres„…

So lässt uns der Autor am Ende von drei Geschichten zurück, bevor er schließlich sein letztes Kapitel aufschlägt. Ein Kapitel, dem wir entgegenfiebern, eine letzte Welle eines stillen Meeres, das uns so sehr bewegt hat. Es ist dieser Spannungsbogen, der mich bis zum Ende trieb. Wie wollte der Autor diese drei Geschichten auf wundersame Weise miteinander verbinden? Wie wollte er auf einen Nenner bringen, was bisher für mich nur lose Enden waren? Zu weit voneinander entfernt bewegten sich drei Männer durch das Setting ihrer jeweiligen Geschichten. Sollte sein Finale „Seeinseln“ halten, was der Klappentext so geheimnisvoll angedeutet hatte?

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Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Der Gezeitentümpel – Meine Überschrift für das Ende

In „Die Nordsee“ von Tom Blass wurde ich auf diesen Ausdruck aufmerksam. Es sind kleine Seen, die von Stürmen verursacht werden, all das beinhalten, was die Flut angespült hat und was die Ebbe zurücklässt. In diesen Zeittümpeln bilden sich kleine Inseln, die bis zur nächsten Flut Bestand haben. Ein Brennglas der Zeit. Ein solcher „Gezeitentümpel ist es, in den uns Donal Ryan am Ende eintauchen lässt. Hier sind die Spuren seiner drei Geschichten zu finden. Hier vereinen sie sich und als Leser ist es nicht mehr die Frage, wie ihm diese Vereinigung gelingt. Die Frage lautet eher, wann und wo man selbst die Verbindungslinien hätte sehen können. Brillant konstruiert und großartig erzählt. Er führt uns die Zufälligkeiten des Schicksals vor Augen, spielt mit unserer Wahrnehmung und ruft uns aus der Stille des Meeres zu, dass es ja vielleicht gar keine Zufälle gibt. Es ist ein Roman der Bestimmung. Es ist eine Antwort auf die Frage, was es bedeutet, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Oder eben nicht. Versagen, Verlust und Hoffnung spiegeln sich in der Oberfläche dieses kleinen Gezeitentümpels wider. Ein würdiges Ende für einen lesenswerten Roman.

Weitere Meeresbücher in der kleinen literarischen Sternwarte. Meer geht immer! Und literarische Reisen nach Irland sind immer lesenswert. Hier geht´s lang!

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Niemals trennen. So lautet mein Mantra, das ich ständig vor Augen habe, wenn ich mich mit Geschichten auseinandersetze, in denen Eltern ihre Kinder in die Obhut von fremden Menschen oder Institutionen übergeben, um sie zu retten. Allein im Zweiten Weltkrieg vertrauten zahllose ideologisch verfolgte Eltern ihre Kinder Menschen und Organisationen an, die für die Sicherheit der Schutzbefohlenen bürgten. Für Eltern in Sorge der wohl letzte Ausweg und die letzte Chance, zumindest ihre Kinder zu retten. Und nach dem Krieg? Fanden sie sich wieder? In den seltensten Fällen. Dramatische Berichte von Überlebenden legen erschreckende Zeugnisse darüber ab, was eben mit genau diesen Kindern geschah. Sie waren immer zur falschen Zeit an falschen Orten. Sie wurden verraten, verkauft, zurückgelassen, deportiert, getötet oder verschwanden in den Archiven von Institutionen, die sich weigerten, sie wieder herauszugeben. Wenn ich in meiner Auseinandersetzung mit Kinderschicksalen bis in die heutige Zeit hinein etwas gelernt habe, dann, dass man sich nicht von seinen Kindern trennen sollte. Auf keinen Fall. Niemals. Never. Auch Ljuba Arnautovic kann ein Lied davon singen. Das Lied ihrer eigenen Familie, das sie in ihrem Roman „Junischnee“ erzählt.

Es ist das Klagelied der Nachfahren auf eine verlorene Generation. Es ist eine der Geschichten, die von Entwurzelung, Trennung, Identitäts- und Heimatverlust und jener Leere erzählen, die diese Kinder hinterlassen, nachdem sie von ihren eigenen Eltern in bester Absicht in eine trügerische Sicherheit „verschickt“ wurden. Es ist eine dieser so typischen und fatalen Geschichten von „Cut Out Children„, die an uns appellieren, es anders zu machen, wenn wir vor die Wahl gestellt werden. Es sind Kinder, die aus den Familienalben herausgeschnitten wurden und deren Bilder bis heute fehlen. Selbst im positivsten Fall einer erfolgreichen Suche und Wiedervereinigung mit den Eltern haben diese „Cut Out Children“ nichts mehr mit den Kindern gemein, die man weggegeben hatte. Sie sind traumatisiert, sprechen kaum noch die eigene Muttersprache und sind als lose Fäden einer komplexen Familiengeschichte kaum noch mit dem Stammbaum zu verbinden, der ihre Wurzeln bedeutet. „Junischnee“ ist eine solche Geschichte.

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

„Junischnee“ ist die, im Roman auf literarische Distanz gebrachte, fiktionalisierte Geschichte der Familie von Ljuba Arnautovic. Es ist die Geschichte ihrer Eltern und deren Vorfahren und sie beginnt in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es ist eine Zeit, in der die Länder Europas weit voneinander entfernt sind. Nichts ist global, nichts ist mal eben so mit einem Katzensprung zu erreichen und das einfache Leben in der Sowjetunion ist Welten entfernt vom pulsierenden Wien. Es sind zwei Familien, die dieser Geschichte ihre prägenden Stempel aufdrücken. Und nicht nur das. Es sind die Eruptionen der Weltgeschichte, die sich auf die Landkarten dieser Familien auswirken. Sie werden zusammengefaltet, verlieren ihre realen Distanzen, lassen Orte in beiden Ländern kurz miteinander verschmelzen und erweisen sich später als zerknitterte und kaum noch rekonstruierbare Zeugen einer Trennung, die niemals wieder ausgebügelt werden konnte. Und dabei haben es die Eltern von Karl und Slavko Arnautovic mehr als gut gemeint…

Eva Arnautovic schickt ihre Söhne in die Sowjetunion. Sie, die wacker kämpfende politisch denkende Frau aus den Reihen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, sieht, wie sich das politische Blatt im Österreich der dreißiger Jahre wendet. Sie wird verfolgt, inhaftiert und ihre Familie gerät in den Fokus der rechtsgerichteten Regierung. Hier ist die paramilitärische Gruppierung innerhalb der Sozialdemokraten, der „Demokratische Schutzbund“ der letzte Ausweg, um die eigenen Kinder in Sicherheit zu bringen. Noch dazu, wo sich im benachbarten Deutschland die Nationalsozialisten auf den Thron der ehemaligen Demokratie schwingen. Die Halbbrüder werden über die Hilfsorganisation der Kommunistischen Internationale evakuiert und zuerst in die Sommerfrische auf die Krim und anschließend nach Moskau gebracht. Es sind für viele Jahre die letzten Spuren ihrer beiden Söhne, die Eva Arnautovic im Mai 1934 erkennt, als sie sich von ihnen trennt.

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Wie sehr sich doch das Leben von Jjodor und Anastasia in der Sowjetunion von dem Leben einer Mutter im hart umkämpften Wien unterscheidet. Sie freuen sich auf die Geburt der Tochter, bereiten alles für das Kind vor und folgen der alten Tradition, eine Birke zu pflanzen. Doch man verwechselt die Samen und statt der Birke wird eine Pappel gepflanzt, die im Juni die Kinder mit ihrem Samenflug begeistern wird. Es ist der „Junischnee„, der Ninas Leben fortan begleiten wird. Vielleicht ist es die Verwechslung, die alles verändert. Vielleicht ist es aber auch das Rad der Zeit, die Weltgeschichte, die jetzt ausufert und ihrerseits beginnt, die Weltkarte zu zerknittern und neu zu falten. Es ist die sich ständig verändernde politische Situation in allen Ländern, die sich auf jene Menschen auswirkt, die sich sonst nie begegnet wären. Es ist die junge Nina, die dem österreichischen Flüchtling Karl begegnet. Es sind zwei Stammbäume, die sich hier in den Wirren der Geschichte vereinen und es ist die tiefe Tragik dieser Begegnung, die aus der Tochter dieser beiden Getriebenen die Frau werden ließ, die uns heute diese Geschichte erzählt: Ljuba Arnautovic.

Wir sollten ihr in das Leben ihrer Eltern folgen, um zu verstehen, was Kriege und Diktaturen aus Menschen machen. Wenn wir ihr folgen, müssen wir uns wappnen, in den Lebenswegen dieser beiden Menschen dramatische Verluste zu erleben. Es sind verstörende Bilder, die kaum erklärbar wären, wenn wir nicht wüssten, was die Politik mit Menschen macht. Es sind Bilder aus dem „Gulag, dem Netz aus Straflagern, das die ganze Sowjetunion durchzog und in dem sich politische Gegner zu Tode arbeiten und hungern sollten. Genau hier landen die beiden Halbbrüder Karl und Slavko. Hier werden sie gefoltert und als Feinde betrachtet. Spätestens seit dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion gelten sie als DEUTSCHE und damit als Feinde. Nur einer von ihnen wird überleben. Nur einer von ihnen wird in einem der Lager eine Frau kennenlernen, die sein neues Leben bedeuten wird. Hier entsteht der Hauch einer Vision von einem Leben in seiner Heimat. Nina folgt ihm Jahre nach dem Krieg in seine Heimat. Es ist eine weitere Entwurzelung, die sich durch die Geschichte dieser Menschen ziehen wird.

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Junischnee von Ljuba Arnautovic

Ljuba Arnautovic erzählt ihre Familiengeschichte in einer erschreckend plastischen Dichte. Ihre Bilder sind atmosphärisch und empathisch zugleich. Sie zeigt auf, wo sich das Schicksal in eine nicht beabsichtigte Richtung wendet und wie unkalkulierbar und unbeherrschbar die politischen Entwicklungen auf einem Kontinent sein können. In der Folge erleben wir, was die Traumatisierungen aus dem Gulag aus dem „verschickten“ Karl gemacht haben. Die Autorin macht uns zu Zeugen der Suche nach einem Bruder, der nicht zurückkehrte. Es sind die erschreckenden Aufzeichnungen aus dem Archiv des Grauens, die uns sprachlos machen. Wir sehen neue Beziehungen zerbrechen, psychologische Abgründe der Überlebenden und tragische Lebenswege, die mit der Entscheidung einer Mutter begannen, ihre Söhne in Sicherheit zu bringen. Was wäre geschehen, wenn sie sich nicht getrennt hätte? Das vermag niemand zu sagen. Mich jedoch würde eine jahrzehntelange Ungewissheit über die Schicksale meiner Kinder mehr treffen, als mit ihnen gemeinsam in eine Krise zu gehen.

Es ist die Frage nach Verantwortung, die hier im Raum steht. Es ist die Frage, ob man überhaupt eine andere Chance gehabt hätte. Für mich liegen viele Antworten auf der Hand. Zu viele Geschichten enden in ewiger Trennung, Unwissenheit und Tod. Zu viele Geschichten zeigen, dass man sich nicht trennen sollte. Ein kleines Verzeichnis von Büchern, die dies belegen, findet Ihr am Ende dieses Artikels. Ljuba Arnautovic hat einen sehr relevanten Roman geschrieben, weil seine Tragweite das Geschehene in der Vergangenheit immer wieder auf neue Ebenen hebt. Unbeaufsichtigt reisende Flüchtlingskinder – Dieser Begriff verursacht einen Kloß im Hals, wenn man ihn heute in den Nachrichten hört. Was wird in fünfzig Jahren sein? Werden sie ihre Eltern oder Verwandten jemals wiederfinden? Welche Geschichten verbinden sie dann noch? Und wann hätte man daran etwas ändern können? Ein zeitlos lesenswerter Roman für all jene, die ihre Kinder niemals gehen lassen würden. 

Eine weitere lesenswerte Rezension findet sich auf „Zeichen & Zeiten„.
„Es wäre spannend und überaus wünschenswert, wenn die Autorin mit weiteren Werken ihre literarische Familiengeschichte ergänzen würde – auch als wichtiger Beitrag einer Erinnerungskultur.“ (Constanze Matthes)

Junischnee von Ljuba Arnautovic - Astrolibrium

Junischnee von Ljuba Arnautovic

Es sind Fluchtwege und Fluchtrouten, die im Zweiten Weltkrieg Menschen in ihrem Schicksal vereinten. Es ist die literarische Aufarbeitung dieser Schicksale, aus der wir heute noch lernen können. Ich lese und recherchiere viel, wenn ich in einem Buch eine solche Flucht erlebe. Im „Junischnee“ werden zwei Brüder nach Russland geschickt, um sie vor den Nazis zu retten. Die Eltern bleiben zurück und erleben in ihrer Heimat  eigene Odysseen. Eine führt nach England. Dort als „Enemy Alien“ stigmatisiert, wird der Vater eines der beiden Jungen nach Australien deportiert. Die Reise ins Ungewisse beginnt auf dem britischen Flottenschiff „Dunera“

Hier zucke ich kurz zusammen. Den Namen kenne ich. Ein anderer Flüchtling teilte dieses Schicksal. Er war ebenfalls an Bord. Ulrich Alexander Boschwitz. Es ist „Der Reisende„, in dem er seine Flucht verarbeitete. Für ihn war dies allerdings eine Reise ohne Wiederkehr. Sein Versuch, nach Europa zurückzukehren endete mit dem Angriff eines deutschen U-Bootes. Wenn die Literatur Schicksale verbindet

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und vermisste Kinder in der Literatur.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Archiv der verlorenen Kinder

Rezensionen im Rahmen meines Schreibens „Gegen das Vergessen“.

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Russische Literatur bei AstroLibrium – Ein Klick genügt…

Ruslan aus Marzahn von Sebastian Stuertz

Ruslan aus Marzahn - Sebastian Stuertz - Astrolibrium

Ruslan aus Marzahn – Sebastian Stuertz

Menschen mit seinem Schreiben zum Lachen zu bringen gehört wahrlich zu den Königsdisziplinen der Literatur. Nichts ist wohl schwerer, als ein Buch zu schreiben, das seine Leser nicht nur unterhalten soll, sondern sie mit einem Brillantfeuerwerk der humorig abgefeuerten und gut gezielten Gags bei bester Laune zu halten. Satire und Comedy gehen hier Hand in Hand, wenn es um Stilmittel des Humors geht, mit denen wir angeregt werden sollen, den Ernst des Alltags einfach mal hinter uns zu lassen. Es ist kein leichtes Unterfangen, dieses Lachen-Machen, weil nichts so individuell geprägt ist, wie unser Humor. Situationskomik (neudeutsch Sitcom) auch literarisch greifbar zu machen, ist eine Sache des perfekten Timings, komplex konstruierter Situationen und einer Dialogregie, mit der man alles gewinnen oder verlieren kann. Und dann steht da auch noch das geflügelte Wort von Wolfgang Herbst im Raum, das als Schlüssel zum Erfolg zu sehen ist:

„Moderne Literatur ist die Kunst, den richtigen Interpreten zu finden.“
(Wolfgang Herbst)

Ruslan aus Marzahn - Sebastian Stuertz - Astrolibrium

Ruslan aus Marzahn – Sebastian Stuertz

Humor ist also eine ernste Sache, zumindest was seinen Schöpfer betrifft. Nichts ist schlimmer, als ein stoisch nicht lachendes Publikum, das den Rohrkrepierer aus der Feder eines gut aufgelegten Schriftstellers nur mit wohlmeinendem Applaus goutiert. Es ist also ein gewagtes Unterfangen, ein solches Projekt anzugehen. Warum ich dies der Rezension zu Ruslan aus Marzahn“ von Sebastian Stuertz voranstelle? Ich denke, es ist wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, auf welche Gratwanderung man sich im Schreiben begibt, wenn man uns zum Lachen bringen möchte… Das ist kein Spaß.

Herzlich willkommen also auf dem schmalen Grat dieser Hörbuchvorstellung. Ja, richtig gelesen. Es geht ausschließlich um das Hörerlebnis eines Audio-Originals, weil der Autor diese Geschichte so konzipiert hat, dass man sie unbedingt hören muss. Und das kam so: Bei einer früheren Zusammenarbeit mit dem bekannten Schauspieler und Sprecher Shenja Lacher erlebte der Autor in den Pausen ein Feuerwerk an Anekdoten über die russische Verwandtschaft des Sprechers. Der Inspirationsfunke hat gezündet. Lachers facettenreiche Stimme im Kopf, die Anekdoten im Hinterkopf und eigene Ideen auf den Lippen, entstand die Idee zu einem Hörbuch, das Shenja Lacher auf den Leib geschneidert werden sollte. Das Ergebnis: ein literarischer Maßanzug, eine Symbiose zweier Künstler, der man nun satte viereinhalb Stunden lang hörend folgen kann. Aber Vorsicht. Eure Lachmuskeln sollten gestählt sein. Für Spätfolgen wird keine Haftung übernommen.

Ruslan aus Marzahn - Sebastian Stuertz - Astrolibrium

Ruslan aus Marzahn – Sebastian Stuertz

Denn, wenn es um das perfekte Pointen-Timing und garantiert Lachflash-sichere Dialoge in einer perfekten konstruierten Story geht, sind wir bei Sebastian Stuertz an der richtigen Adresse. Sein Protagonist ist der absolute Schlüssel zum Erfolg. Sein Ruslan hat sich freigestrampelt, seine russische Herkunft hinter sich gelassen und im Berliner Stadtteil Marzahn ein neues Leben begonnen. Es läuft. Seine kleine Karriere als Schauspieler macht echte Fortschritte. Er hat es inzwischen vom Theater bis zum Hauptdarsteller einer Krimiserie geschafft. Sogar die Beziehung zu seiner Ex-Frau ist auf einem guten Weg und mit ein wenig Glück darf er den gemeinsamen Sohn Jonny bald mal wieder unbeaufsichtigt treffen. Dass er ihn mal im IKEA-Bällebad vergessen hat, gehört genauso der Vergangenheit an, wie die nächtlichen Touren und Eskapaden. Ja, Ruslan Blinow hat es geschafft und die Erinnerungen an seine Jugendzeit sind auf dem besten Weg zu verblassen.

Fast hätte er es geschafft, sein Leben zu ordnen. Fast. Wäre da nicht plötzlich sein Bruder Tasho aufgetaucht. Genau der Bruder, mit dem ihn nur die Streiche verbinden, mit denen sie sich in der Jugendzeit bis an den Rand des Wahnsinns getrieben haben. Aber Tasho hat keinesfalls nur üble Streiche im Gepäck, sondern dazu auch noch die komplette Verwandtschaft des bodenständigen Ruslan. Es kommt, wie es ja kommen musste. Statt sich um seinen Sohn und die Karriere kümmern zu können, drängen sich nun Menschen in seinen Alltag, auf die er besser verzichten könnte. Allein „Zwergej„, sein kleinwüchsiger kleinkrimineller Onkel hat es faustdick hinter den Ohren, wenn es darum geht, Ruslans Leben aus dem Lot zu bringen. Hier sitzt jede Pointe, hier landet Sebastian Stuertz mit jeder Situation einen Volltreffer in unserem Lachzentrum. Sind wir eben noch mit heiler Haut aus dem einen Desaster entkommen, stürzen wir an der Seite von Ruslan in die nächste chaotische Situation..

Ruslan aus Marzahn - Sebastian Stuertz - Astrolibrium

Ruslan aus Marzahn – Sebastian Stuertz

Strenggläubige Polizisten, eine kontrollbesessene Exfrau, Schlägertypen, ein Priester mit unglaublich feingliedriger Holzhand, ein zugelaufener Kampfhund, der sich fast auf Knopfdruck in ein Monster verwandeln kann, fatale Cousinen und eine neue Liebe im Leben von Ruslan machen es nicht einfacher. Die gemeinsame Zukunft mit Jonny steht auf dem Spiel, die große Premiere seiner Fernsehserie steht auf dem Programm und genau jetzt gerät alles in Gefahr. Aus Rückblicken wissen wir, wozu allein Tasho fähig ist, wenn es darum geht aus normalen Situationen Dramen zu generieren. Wer nur ein einziges Mal mit Ruslan und Tasho in der Alten Försterei bei einem Fußballspiel war, den Sieg der eisernen Hausherren bejubeln durfte und im entscheidenden Moment für Ruslans Beziehungsstatus ein Flugzeug mit Werbebanner im Schlepptau am Berliner Himmel entdeckt, weiß genau, wozu Tasho fähig ist. Die Lawine, die auf Ruslan zurollt hat es mehr als in sich. Ob er sie aufhalten kann?

Sebastian Stuertz definiert den Begriff Situationskomik neu, lässt skurrile Dialoge vom Stapel und Hunde von der Leine. Der Spannungsbogen reißt nicht ab. Er hält in jeder Beziehung sein Niveau und hält die Geschichte des verzweifelt um Gelassenheit und Normalität kämpfenden Ruslan auf der nach oben offenen Richterskala des guten Lachens auf einer stabilen Neun. Das ist allerdings auch insbesondere Shenja Lacher zu verdanken. Er ist der richtige Interpret, der sich in seinem Maßanzug sehr trittsicher durch diese Story bewegt. Wenn Shenja Lacher erzeugt (kleines Wortspiel), dann mit der Brillanz seiner Interpretationsfähigkeit von Charakteren. Er berlinert, bedient sich in seinem Vortrag sämtlicher russischer Dialekte, die jeder Figur Leben einhauchen und gerät in seinem Vortrag in einen solchen Flow, dem man kaum entrinnen kann. Shenja Lacher macht aus diesem Hörbuch ein Hörspiel. Die Ein-Mann-Besetzung ist filmreif!

Ruslan aus Marzahn - Sebastian Stuertz - Astrolibrium

Ruslan aus Marzahn – Sebastian Stuertz

Der Hörverlag hat meinem Rezensionsexemplar von „Ruslan aus Marzahn“ eine Flasche JESCHOW-Vodka beigelegt. Ich denke nicht, dass sie meine Sinne benebeln oder meine Meinung beeinflussen sollte. Vielmehr spielt dieser hochprozentige Vodka eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Story. Wenn man jedes Mal, wenn das Wort JESCHOW erwähnt wird, einen Schluck zu sich nimmt, überlebt man das Hörbuch auf keinen Fall. Ich blieb standhaft und bewahre ihn als Andenken auf. Vielleicht trinke ich meinen ersten Schluck, wenn Ruslan in eine Fortsetzung geschickt wird. Hier ist noch viel Potenzial, es ist noch viel zu erzählen und man darf gespannt sein, ob das geniale Duo Stuertz-Lacher zu weiteren Schlägen in die Zentrale meines Bauchmuskelkaters ausholen wird. Ich würde es mir wünschen und Freunde bester Hörbuch-Unterhaltung werden mir sicher zustimmen.

Wenn ich einen Vergleich wagen müsste, würde ich behaupten, dass all jene, die im Hörbuch „Achtsam morden“ von Karsten Dusse gelesen von Matthias Matschke das Non plus ultra der Dramedy-Comedy-Hörbuchgeschichte sehen, sich auch bei „Ruslan aus Marzahn“ sehr wohlfühlen werden. Dafür lege ich meine Hand in den Vodka. Das Flambieren lasse ich mal… Hab` ja keine Lust auf eine gelenkige Holzhand. Ihr werdet schon hören, warum… Oder?

Ruslan aus Marzahn - Sebastian Stuertz - Astrolibrium

Ruslan aus Marzahn – Sebastian Stuertz

Nacht ohne Sterne von Paula McLain

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Nacht ohne Sterne von Paula McLain

Schuster, bleib bei deinen Leisten. Das war mein erster Gedanke, als ich sah, dass sich die amerikanische Bestseller-Autorin Paula McLain mit Nacht ohne Sterne in ein Genre vorgewagt hatte, das ich niemals mit ihrem Namen in Verbindung gebracht hätte. Ich bin ein Fan ihres Schreibens, liebe die präzisen Charakterzeichnungen aus ihrer Feder und habe ihre historischen und zugleich biographischen Romane mit sehr viel Interesse gelesen. Ich folgte ihr mit „Madame Hemingway“ und „Hemingway & ich“ in das Eheleben des wohl größten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts, lernte die Frauen an seiner Seite kennen, durchlebte mit ihnen die zerstörerische Zerrissenheit in seiner Gefühlswelt und seine toxische Männlichkeit. Ohne diese beiden Bücher wäre mein Bild von Ernest Hemingway ein anderes. Und zuletzt flog ich mit Paula McLain und ihrer „Lady Africa“ über einen Kontinent, den ich zuvor nur von der großen Tania Blixen so plastisch vor Augen geführt bekam. Biographisch geprägte Begegnungen und perfekt recherchierte historische Settings sind McLain´s absolutes Markenzeichen.

Und jetzt das. Glaubt man dem Klappentext (und ich kann vorwegnehmen, dass man dies schon aus Selbstschutz tun sollte) dann haben wir es bei „Nacht ohne Sterne“ mit einem literarischen Thriller zu tun, der sich mit vermissten Kindern, einer Ermittlerin mit einer dramatischen Vorgeschichte, mit den Folgen von Adoptionen und einer Reihe von Mädchen beschäftigt, die spurlos verschwunden sind.  Ein Genre-Sprung, den ich nicht erwartet hätte. Ein Thriller, der augenscheinlich in die dunkelsten Welten abtaucht, die von sexuellem Missbrauch, traumatisierten Eltern und Angehörigen und der ständigen Angst vor dem Verlust des eigenen Kindes gekennzeichnet sind. Ein Themenbereich, der bei vielen Lesern und besonders Leserinnen Triggerpunkte auslöst, die man ernst nehmen sollte. In dieser Hinsicht ist der Klappentext nichts anderes als eine faire und deutliche Warnung an die Menschen, die solche Geschichten lieber meiden, weil sie ihnen zu nah gehen.

Nacht ohne Sterne von Paula McLain - AstroLibrium

Nacht ohne Sterne von Paula McLain

Paula McLain steht für Tiefgang und Unterhaltung mit literarischen Anspruch. In mir erwachte sofort eine unbändige Neugier, was sie dazu veranlasst hatte, das Genre zu wechseln und wie sich ein Thriller aus ihrer Feder liest. Die Erwartungen waren so hoch wie die Messlatte, die sie selbst in schwindelerregende Höhen geschraubt hatte. Wir befinden uns in Mendocino und schreiben das Jahr 1993. Aus kriminaltechnischer Sicht ein dunkles Ermittlungszeitalter ohne Internet, Handy, Navigationssysteme und landesweite Datenbanken zum Abgleich genetischer Täterprofile. Intuition und wahre detektivische Handarbeit waren hier gefragt, wollte man Tätern auf die Spur kommen. Und genau das ist die Profession der Ermittlerin Anna Louise Hart. Eine Profession, die in ihrem Leben Spuren hinterlassen hat. Sie ist eine Getriebene, wenn es darum geht, mysteriöse Fälle zu lösen, in denen es um spurlos verschwundene, misshandelte oder entführte Kinder geht. Ein dramatischer eigener Verlust, das Scheitern ihrer Ehe und eigene Probleme mit den Traumatisierungen aus ihrer Jugend bringen sie an den Punkt, an dem nichts mehr geht.

Sie zieht sich aus San Francisco zurück, um sich eine Auszeit zu gönnen und zu sich selbst zurückzufinden. Es gibt nur einen einzigen Ort, an dem sie zur Ruhe und letztlich auch zu der alten Anna Louise Hart finden kann, die sie einmal war. Wäre da nicht ein verschwundenes Mädchen, das ganz Mendocino in Atem hält, wäre da nicht die Erinnerung an ein entführtes Mädchen in ihrer eigenen Jugendzeit in diesem Kaff und wäre da nicht ein weiterer Vermisstenfall in unmittelbarer Nachbarschaft, es hätte gelingen können. Reflexartig mutiert die ausgebrannte Ermittlerin zur Suchmaschine und bietet dem Sheriff, einem Jugendfreund aus alten Zeiten, ihre Hilfe an. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Kann es Anna mit ihrer legendären Intuition gelingen, die erst 15-jährige Cameron Curtis aufzuspüren? Kann sie diesen Fall lösen oder verlangt sie auch hier wieder zu viel von sich selbst und geht am eigenen Anspruch zugrunde?

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Nacht ohne Sterne von Paula McLain

Es ist das Setting, das an herkömmliche Thriller erinnert und viel Potenzial in sich trägt, um eine nervenaufreibende und spannungsgeladene Geschichte zu erzählen. In den ersten Kapiteln jedoch erkenne ich mehr. Ich erkenne die Tiefe der Charaktere, in die sich Paula McLain hineinversetzt. Ich fühle die Wortgewalt ihrer Beschreibungen, mit denen sie sich Land und Leuten nähert. Sie nimmt sich den Raum, um jenen Raum zu geben, um die es hier geht. Empathie und die Folgen unsäglicher Verbrechen sind hier eng miteinander verbunden. An der Seite von Anna Louise Hart bewegen wir uns auf den Grenzlinien des Unfassbaren. Niemals flach, niemals schablonenhaft und nie ohne unmittelbare Auswirkungen auf unsere Denk- und Gefühlswelten. Sie geht den Ursachen auf den Grund, analysiert Opfer, mögliche Täter und die Angehörigen. Sie legt ihre Finger in alle Wunden, die durch Kindesmissbrauch aufgerissen werden. Sie beschreibt die Folgen von Adoptionen, den Identitätsverlust junger Menschen, deren leibliche Eltern versagt haben. Sie zieht ihre literarischen Schlingen aus Ursachen und Wirkungen immer enger zusammen, bis sich tiefste Beklemmung breitmacht. Sie wirkt wie eine Getriebene im Schreiben und damit ähnelt sie ihrer eigenen Ermittlerin.

Es ist die literarische Wucht ihrer bisherigen Romane, die hier zum Tragen kommt. Es sind die Abgründe der menschlichen Psyche, in die sie uns blicken lässt und es ist das Überraschende, das uns hier erschaudern lässt. Denn Paula McLain erzählt in all ihrer fiktionalen Fabulierkunst nicht nur fiktionale Vermisstenfälle. Sie beschreibt auch ein tatsächliches Verbrechen, eine tatsächliche Entführung, ein reales Opfer. Nicht im kleinen Mendocino, sondern nur wenige Meilen entfernt verschwindet die junge Polly Hannah Klaas. Es ist der zweite Fall in kurzer Zeit, der hier für Aufsehen sorgt. Paula McLain greif auf das Reale zurück, um ihren fiktionalen Fall zu konturieren. Hier greift sie auf Fakten zurück und beschreibt die unterschiedlichen Wege, wie eine Gemeinde nach ihren Kindern sucht. Es ist bewegend und berührend, in diesem Thriller erleben zu dürfen, was Zusammenhalt und Solidarität bewegen können. Anna Louise Hart sucht nach einem gemeinsamen Muster, nach einem Schema, nach einem Serientäter…

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Nacht ohne Sterne von Paula McLain

Als ein dritter Fall hinzukommt verdichtet sich der Erzählraum zu einem Theater des Schreckens. Anna zieht mit größtem Einsatz in den Kampf, bewältigt dabei nicht nur ihre eigenen Traumatisierungen, sondern verliert auch nicht das Verschwinden des Mädchens in ihrer eigenen Jugendzeit aus den Augen. Kann sie in diesem Orkan aus Gewalt bestehen? Geht sie mit allen Strömungen der Ermittlung richtig um? Sie öffnet sich nicht nur dem traditionellen Profiling. Sie geht viele Schritte weiter und wagt einen Blick in die geheimnisvolle Welt des Mysteriösen. Wir folgen ihr durch die Wälder, den weiten Weg zurück zu ihrer eigenen Pflegefamilie in Mendocino und erkennen Muster, die immer deutlicher zutage treten. Und immer dann, wenn wir an ihrer Seite zweifeln und den Glauben verlieren, ist es die Autorin, die uns mit Sätzen wie diesen Hoffnung macht.

„Die Geister der Kinder, denen Sie geholfen haben, die hängen an Ihnen wie Sterne. Sie sind überall um Sie herum, sogar in diesem Augenblick.“

Warum man diesen Thriller lesen sollte? Weil das Sternbild der verlorenen Kinder so strahlend hell leuchtet, dass man es kaum ertragen kann, die „Nacht ohne Sterne“ zu erleben. Weil die Charaktere in diesem Roman so greifbar sind, dass man sich mit ihnen identifizieren kann, solange sie auf der Seite des Guten stehen. Weil es auch im wahren Leben Zufälle gibt, die Leben retten. Weil ein zugelaufener Hund mehr als nur ein Zeichen ist. Weil eine Hellseherin ihren Ruf verdient und weil dieser Roman nicht nur eine fiktionale, sondern eben auch reale Denk- und Streitschrift für jene zahllosen Opfer sexueller Gewalt gegen Kinder ist. Und doch bleiben Fragen. Darf man in einen Thriller einen echten Vermisstenfall integrieren? Warum schreibt Paula McLain dieses Buch so voller Kraft und Gefühl? Geht sie nicht auch mit sich selbst zu weit, wenn sie uns in den Strudeln der Gewaltspiralen in die Tiefe zieht? Keine Sorge. Diese Fragen bleiben nicht offen.

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Nacht ohne Sterne von Paula McLain

Es ist ist „Anmerkung der Autorin“ in der Paula McLain letztlich die Maske lüftet und sich ihres Schutzschilds entledigt. Es sind Sätze, die dieses Buch zu einem Ereignis werden lassen. Es sind Worte, die sich einbrennen und dem Thriller einen neuen und völlig unerwarteten Sinn verleihen. Es ist ein Bekenntnis, das unerwartet kommt und sich tief in die Herzen der Lesenden einbrennt. Ich verneige mich vor diesem Roman und seiner Autorin. Es ist kein Genre-Sprung, den sie hier vollführt. Es ist die logische Konsequenz ihres Schreibens… Chapeau.

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