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Mr. Rail... das reicht, oder?

„Das brennende Mädchen“ von Claire Messud

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Man steht vor einem Ölgemälde, das aus der Ferne betrachtet unglaublich realistisch wirkt und bemerkt, je näher man ihm kommt ein maschenartiges Netz kleiner Risse, die sich über das gesamte Bild ziehen. In der Kunstwissenschaft bezeichnet man diese oft auftretende Erscheinung bei Ölgemälden als „Krakelüre“. Die Risse entstehen, weil der Bildhintergrund arbeitet, während die Ölfarbe fest ist und mit zunehmender Zeit deutlich an Flexibilität verliert. Selbst die Mona Lisa ist von einem solchen Netz überzogen. Was hat das jedoch mit einem Roman zu tun?

Was hatDas brennende Mädchenvon Claire Messud mit der Mona Lisa zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Lesend schiebt sich mir jedoch dieser Alterungsprozess eines Bildes immer tiefer ins Bewusstsein, je weiter ich der Geschichte im Roman folge. Was im Auge des Künstlers bei der Entstehung eines Bildes so frisch und gegenwärtig erscheint, zeigt bereits kurz nach der Fertigstellung erste Risse. Wie kleine Kontinente beginnen sich die Bildbestandteile voneinander zu lösen, bis man die ganze Schönheit eines solchen Werkes nur noch aus der Ferne wahrnehmen kann…

Das brennende Mädchen von Claire Messud

„Das brennende Mädchen“ von Claire Messud ist ein absoluter Krakelüre-Roman. Die Autorin zeichnet das Bild der außergewöhnlichen Freundschaft zweier Mädchen, in die sich schon beim Zeichnen der Rahmenbedingungen die ersten Risse einschleichen, ohne dass sie bemerkt werden. Julia und Cassie kennen sich seit frühester Kindheit. Im Sandkasten begann, was hier im Rückblick aus der Perspektive von Julie erzählt wird. Einprägsam beginnt diese typische, jedoch nie stereotype, Coming-of-Age-Geschichte. Sie beginnt am Ende der Beziehung. Sie beginnt mit dem Verlust, an dem Julie immer noch leidet, obwohl ihre damalige Lebensfreundin schon vor zwei Jahren weggezogen ist und sie in der amerikanischen Kleinstadt zurückgelassen hat.

Nun steht Julie vor der entscheidenden Frage ihres noch jungen Lebens. Was ist damals, in jenem wundervollen „Zwillingssommer“ passiert, was hat sie nicht realisiert und woran zerbrach diese innige Beziehung zu Cassie, dem wichtigsten Menschen in ihrem Leben? Claire Messud erzählt von der Spurensuche einer jungen Frau, die nicht wahrnehmen konnte oder wollte, auf welch unterschiedlichen Lebensentwürfen die tiefe Freundschaft zu Cassie angelegt war. Die Autorin entführt uns in eine Welt, die für zwei Mädchen ganz einfach zu verstehen war, wenn sie nur zusammen unterwegs waren.

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Es ist unspektakulär, was Claire Messud erzählt. Es ist spektakulär, wie sie diese Geschichte erzählt. Es sind die kleinen Bilder, an die sich Julie erinnert. Es sind Bilder die sie als Zwölfjährige in ihre Leben gemalt haben. Es sind kleine Gemeinsamkeiten in zwei Herzen, die sie stärker machten, als sie es alleine waren. Es sind Ausflüge, Spiele und erste Wagnisse, die sie nur wagen konnten, weil sie sich wie Zwillinge aufeinander verlassen konnten. Jetzt im Rückblick, kann sich Julie kaum noch an eine Zeit erinnern, in der sie Cassie nicht kannte.

Und doch muss etwas schiefgelaufen sein, das Julie nicht erkannt hat. Und doch muss diese Freundschaft an den feinen Rissen, die sich unaufhörlich durch das Portrait zweier Mädchen zogen zerbrochen sein. Wie in einem Ölgemälde muss auch hier der Bildhintergrund gearbeitet haben, während diese Freundschaft zuerst an Festigkeit und dann an Flexibilität verlor, auf geänderte Rahmenbedingungen richtig zu reagieren. Wo haben diese Risse begonnen? Welche Rolle spielten die beiden Familien, Freunde und andere Menschen, die ihnen beiden auf ihrem Weg begegneten?

Das brennende Mädchen von Claire Messud

„Erwachsenwerden ist schwer, weil jeder von uns einem eigenen Stern folgen muss. Und ich fürchte, manche von uns haben hellere Sterne als andere.“

Das brennende Mädchen ist so brillant angelegt, dass man als Leser immer das Gefühl hat, einen solchen Riss wahrzunehmen, über den Julie und Cassie später noch stolpern würden. Die Autorin hält uns zwar immer auf Augenhöhe, und doch verstehen wir mit zunehmender Nähe zum Bild dieser Freundschaft, dass man oft zu nah dran ist, um Veränderungen überhaupt erkennen zu können. Claire Messud lässt viel Raum für Spekulationen, da sie uns mit der rein subjektiven Sichtweise der verlassenen Freundin konfrontiert. Sachlich kann und darf Julie nicht bleiben. Emotionen überlagern den Plot und so wird aus der Geschichte zweier heranwachsender Mädchen auch die, zweier im Kern ihrer Lebensentwürfe, unterschiedlicher Elternhäuser.

Hier steht behütete Kindheit gegen vaterloses Aufwachsen. Hier stehen Werte und Normen gegen Improvisation. Hier prallen Welten aufeinander, bei denen Julies Welt in konstanten Kreisen verläuft, während Cassie einen Umbruch nach dem anderen erlebt.

„… so ähnlich ging es mit Cassie und mir. Ich glaube, ich war Goya und machte einfach mein Ding, und sie war die Französische Revolution.“

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Die Goya-Erkenntnis kommt spät für Julie. Während Francisco de Goya spanischer Hofmaler wurde und das Leben genoss, rollten in Frankreich die Köpfe der Monarchen. Die Einsicht kommt zu spät, um etwas zu retten, aber sie kommt früh genug, um nicht am Verlust einer Freundschaft für das spätere Leben zu scheitern. Wir können viel aus dieser Geschichte mitnehmen. Sie lässt sich nicht auslöschen, dazu ist das brennende Mädchen zu intensiv in Flammen gehüllt. Ein sehr lesenswerter Roman und sicher kein „Frauenbuch“. Bevormundung und Restriktionen in Familien kommen zumeist nicht aus der weiblichen Ecke. Oft sind es die Väter, die Riegel vorschieben oder einfach fehlen, wenn man sie am meisten braucht.

Ich halte mich am Ende des Romans an der Erkenntnis fest, dass man gar nicht aufmerksam genug sein kann, wenn es darum geht, genau hinzuschauen. Ansonsten geht es einem wie Julie, die zwar sieht, aber allzu oft nur vermutet, was sie wirklich zu sehen denkt.

„Das ist wie bei einem Planeten: Man weiß, dass er rund sein muss, man sieht aber nur einen Halbmond oder einen Halbkreis. Also schlussfolgert man, dass ein Teil davon im Schatten liegt. Dann muss man herausfinden, was in diesem Schatten liegt und warum.“

Das brennende Mädchen von Claire Messud

Bleibt ganz nah am Bild eurer Freundschaften und verhindert Krakelüre! Sie lässt sich nicht restaurieren, wie ihr an der Mona Lisa seht. Hier geht´s zu weiteren Mädchen in der kleinen literarischen Sternwarte. Es sind immer besondere Mädchen...

Weitere besondere Mädchen auf AstroLibrium

Zu Gast im Bücherstadt Kurier – Das Fest der Vielfalt mit Alan Cole

Dieses Leben gehört: Alan Cole (Bitte nicht knicken)

Literaturfeste muss man feiern, wie sie fallen. Besonders dann, wenn sie ein Motto tragen, dem ich nicht widerstehen kann. Besonders dann, wenn die Veranstalter immer wieder zu gemeinsamen Aktionen rund ums gute Lesen aufrufen. Und ganz besonders dann, wenn man bereits 2017 einen bilderbuchhaften Auftritt bei einem solchen Projekt hingelegt hat. Ihr erinnert euch sicherlich an den „Bilderbuch-Monat“ beim Team vom Bücherstadt Kurier. Ich fühlte mich schon damals ganz Zuhause dort und war nur zu gerne bereit, auch in diesem Jahr dem Ruf zu einem neuen Gastbeitrag zu folgen.

Das Fest der Vielfalt“ wird vom Bücherstadt Kurier zelebriert. Der Fokus liegt hier auf Beiträgen die sich mit Diversität, queeren und feministischen Themen beschäftigen. Keine Frage. Ich wusste sofort, welches meiner aktuellen Jugendbücher ich genau hier vorstellen kann. Allein der Buchtitel passt so sehr zum vielfältigen Sommermotto. Allein das beschriebene Thema gehört genau unter diese inhaltliche Klammer. Es ist mir eine besondere Freude, euch zu meinem Gastbeitrag beim Bücherstadt Kurier einzuladen. Es geht um einen 12-jährigen Jungen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich in seinem eigenen Leben anzukommen.

Dieses Leben gehört: Alan Cole (Bitte nicht knicken)

Nicht leicht für ihn, denn seit sich der kunstbegeisterte Alan Cole in einen Mitschüler verliebt hat, schlagen ihm blanker Hass und Ablehnung entgegen. Sein eigener Bruder erpresst ihn mit diesem Geheimnis. Alles steht für Alan Cole auf dem Spiel, als er sich auf ein Spiel gegen seinen Bruder einlassen muss. Wenn Alan verliert, wird er geoutet. Und bisher hat er noch nie gegen seinen älteren Bruder gewonnen. Dabei hat Alan nur einen einzigen Wunsch. Wenn man sich den Buchtitel genau anschaut, kennt man ihn:

Dieses Leben gehört: Alan Cole (Bitte nicht knicken)

Feiert das Fest der Vielfalt. Genießt die Vielfalt der Beiträge, die ihr beim Bücherstadt Kurier unter dieser Überschrift findet und tragt euren Teil dazu bei, dass unsere Welt so bunt, vorurteilsfrei und queer bleibt, wie wir sie uns wünschen. Und nun ab mit euch zu Alan Cole. Ein bewegender Jugendroman aus dem Hause Sauerländer Verlag steht im Mittelpunkt meiner vielfältigen Gedankenwelten. Und damit auch ein Junge, bei dem es sich lohnt, ihm gut zuzuhören:

„Nun gut. Es ist mir lieber, dass es schwer ist, ich selbst zu sein,
als dass es schwer ist, jemand anderes zu sein.“

Ob es jedoch ausreicht, nur zu lesen? Hier findet ihr meine Antwort

Dieses Leben gehört: Alan Cole (Bitte nicht knicken)

Weitere bunte Bücher bei AstroLibrium: handverlesen zu diesem Projekt

„Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard – Prix Goncourt 2017

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Der renommierte französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ist ein Prädikat des guten Lesens. So habe ich es bisher empfunden. Hier wird kein Buch mit einem Etikett versehen, dessen Qualität man spätestens dann anzweifelt, wenn man nichts versteht. Manche Literaturpreise schrecken mich eher ab. Diese Auszeichnung empfinde ich als Brandbeschleuniger für meine literarische Neugier. Und dies nicht grundlos. Bisher hat mich noch kein Preisträger enttäuscht. Ich nenne hier nur Beispiele:

2006 Jonathan Littell – „Die „Wohlgesinnten
2010 Laurent Binet – „HHhH – Himmlers Hirn heißt Heydrich“ – Kategorie Debut
2011 Alexis Jenni – „Die französische Kunst des Krieges
2016 Leila Slimani – „Dann schlaf auch du

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Diese jeweils besten französischsprachigen Romane eines Jahres rütteln auf und bewegen zugleich. Sie thematisieren (für mich sehr überraschend) häufig die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die vielfältigen Verstrickungen der globalen Politik in eine Zeit, die man ansonsten in Frankreich lieber nicht mehr beschreiben würde. Und doch ist es ein großer Literaturpreis, der die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern sie auch noch prämiert. Nunja. Immerhin mit symbolischen 10 Euro, aber trotzdem ist der Prix Goncourt als ältester französischer Literaturpreis nicht nur bei Autoren heiß begehrt. (Ihr könnt diese Rezension auch hören)

Die Tagesordnung von Éric Vuillard – Als Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Kann es da verwundern, dass nun auch der Preisträger des Jahres 2017 in meine Bibliothek aufgenommen wurde? Nein. „Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard passt genau in mein literarisches Beuteschema. Diesmal in mehrfacher Hinsicht. Ein Thema, an dem ich einfach nicht vorbeikomme, ein Literaturpreis, den ich nicht ignorieren kann und ein Cover, das mich mehr als neugierig macht. Keine Überraschung also, dass ich meine Tagesordnung des guten Lesens um einen Roman von Matthes & Seitz Berlin erweiterte, mich erwartungsfroh ins Buch stürzte und sofort ergründen wollte, was denn der gute alte Gustav Krupp von Bohlen und Halbach so staatsmännisch strahlend auf diesem Buch zu suchen hat. Wer hier einen stahlharten Wirtschaftsroman erwartet, der sieht sich mehr als getäuscht. Viel interessanter ist es vielleicht, dass dieses Bild einen der 24 Hauptangeklagten des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher des Nazi-Regimes zeigt.

Der in sämtlichen vier Punkten Angeklagte wurde jedoch niemals verurteilt, weil sein bedenklicher Gesundheitszustand eine Eröffnung des Verfahrens verhindert hatte. Und nun spricht man in Frankreich wieder über eine Zeit, in der sich Menschen vierfach schuldig gemacht haben? Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Nun wird ein Roman ausgezeichnet, der alte Wunden aufreißt und die Schuldigen in neuem Licht erscheinen lässt. Wie soll das bitte gehen? Wie kann das auf 117 Seiten funktionieren und wo ist der literarische Aspekt einer solchen Tagesordnung, deren Geheimnisse schon längst enzyklopädisch abgehandelt sind?

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Éric Vuillard besticht alleine schon damit, dass er die Zeit zwischen Machtergreifung und Machtverlust der Nazis auf genau diesen magischen 117 Seiten bündelt, ohne hier in den Jargon eines Sachbuches zu verfallen oder in epischer Breite abzuschweifen. Er packt die Geschichte bei ihrem Extrakt und verdichtet das Konzentrat angereichert mit Namen und Fakten zu einer Momentaufnahme mit einer Belichtungszeit von 12 Jahren. Manche Gestalten verwischen bei dieser Art der Fotografie, einige Figuren hinterlassen kaum Spuren und andere sind auch nach Jahren noch scharf zu sehen, weil sie immer wieder an der gleichen Stelle auftauchen. Éric Vuillard skizziert die Automatismen einer Diktatur, er lässt Einschüchterung und Machtspiele wie einen perfekt einstudierten Tanz erscheinen. Dabei legte er das Stakkato der mörderischen Marschmusik unter seine, in jeder Hinsicht brillant erzählte, Aufführung. 

Es sind 24 Industrielle, die Hitler mit Finanzspritzen an die Macht spritzen. Es sind unpolitische Firmenmagnaten, die sich Gewinn versprechen, die denken, etwas steuern zu können, das sonst aus dem Ruder läuft. Es sind 24 Superreiche, die profitieren statt verlieren wollen. Und doch sind es für Éric Vuillard nur 24 Abziehbildchen im Album der vergangenen Unmenschen. Was bleibt sind die Firmen selbst. Was bleibt ist der schier unglaubliche Reichtum, den man trotz eines verlorenen Krieges anhäufen konnte. Was bleibt ist das müde Naserümpfen über die Ansprüche der ehemaligen Zwangsarbeiter. Was bleibt ist die saubere Weste des Konzerns. Was bleibt ist die Übelkeit, die Vuillard in unserem Geschichtsverständnis hinterlässt.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

„Die Tagesordnung“ vereint alle Marionetten der historischen Vergangenheit zu einem skurrilen Kasperletheater, in dem die witzige Figur mit der Klatsche die größte Klatsche hat und gar nicht witzig ist. Éric Vuillard reißt den Nazi-Schergen die Masken vom Gesicht und blendet sich durch seine Zeitscheiben mit einer Präzision eines Laser-Pointers, der uns einschneidende Erkenntnisse aufzeigt. Zentral erleben wir den Ablauf des vermeintlichen Anschlusses von Österreich an das Deutsche Reich. Zentral können wir kaum glauben, was wir lesen. Zentral zeigt uns Éric Vuillard brutal auf, dass es nicht die Fakten, sondern eben Fake-News waren, die eine ganze Welt in einen Krieg zogen. Damit gelingt es ihm, unsere heutige Wahrnehmung auf „Die Tagesordnung“ zu setzen, genau hinzuhören, hinzuschauen, Skurriles nicht als oberflächlich, sondern als Intention zu verstehen.

Es sind große 117 Seiten, die hinter mir liegen. Es sind 117 Seiten, die dazu führen, dass man Sekundärliteratur um „Die Tagesordnung“ schart. Es ist ein schmales Buch, das es ganz schön dick hinter dem Einband hat. Man kann dieses Buch unterschätzen. Man kann denken, alles schon mal gelesen zu haben. Man kann es für eine Geschichte halten, die mit uns nichts mehr zu tun hat. All dies kann man. Aber man hält diese Sicht der Dinge nicht lange durch. Spätestens wenn man liest, wie die Angeklagten Nazis in Nürnberg ihr Schauspiel offen belächeln. Wie ertappte Kinder beim Schummeln. Leider hat dieses miese Schauspiel mehr Opfer gefordert als alle Kriege der Welt zusammen. Haltet die Augen auf und setzt das auffällig Unauffällige auf die Tagesordnung.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard und andere Konferenzen

Vieles Stand auf der Tagesordnung, Nichts ging ohne Konferenzbescheinigung. Auch nicht am Wannsee, wie man später leidvoll erfahren musste. „Die Wannseekonferenz

„In deinem Namen“ von Harlan Coben – Ein Sehnsuchtsthriller

In deinem Namen von Harlan Coben

Wenn ich an Thriller denke, die mich emotional bewegt haben, dann denke ich an Harlan Coben. Wenn ich an spannungsgeladene Stories denke, die sich deutlich vom Mainstream abheben, in denen das Blut nicht von den Wänden läuft und die Sehnsucht das zentrale Erzählelement darstellt, dann lande ich in meinen Gedanken immer wieder in Romanen aus seiner Feder. Harlan Coben hat mich noch niemals enttäuscht. Er hat immer die hohen Erwartungen erfüllt und, was in diesem Genre außergewöhnlich ist, er hat mir Romane in die Seele geschrieben, die in meiner Erinnerung vollständig präsent sind. Wo zumeist nur Fragmente in Erinnerung bleiben, genügt ein Blick auf das Cover und ich bin wieder am Ort des Geschehens. Auf Augenhöhe.

Ich finde dich
Ich vermisse dich
Ich schweige für dich und
In ewiger Schuld

Ein Zitat aus „Ich finde dich“, das für mich das Schreiben Harlan Cobens treffend charakterisiert. Mir geht es mit seinen Thrillern, wie es seinen Protagonisten mit ihrer großen Liebe geht. Ich fühle mich magnetisch angezogen.

„… Ich glaube, dass man sich gelegentlich – ein, vielleicht zwei Mal im Leben – ungestüm, ursprünglich und unmittelbar zu einem Menschen hingezogen fühlt – stärker als durch Magnetismus.“

In deinem Namen von Harlan Coben

Thriller, die meine Sichtweise zu diesem Genre deutlich verändert haben. Thriller, die Spuren in meinem Lesen und Hören hinterlassen haben, weil ich eben nicht nur die Bücher, sondern insbesondere auch alle Hörbücher genossen habe. Detlef Bierstedt, die deutsche Synchronstimme von George Clooney, ist für mich zum Synonym für jene Thriller geworden. Facettenreich in seiner Modulation, im Timbre und dem emotionalen Zustand wird er dem Setting der jeweiligen Story mehr als gerecht. In der Rezension zu „Ich finde dich“ stellte ich mir die Frage, ob ein Thriller neben allen Stereotypen eines spannenden Pageturners auch knallhart romantisch sein darf. Meine Antwort lautet: Ja. Damals 2014, als ich Harlan Coben zum ersten Mal las und heute erneut. Ja. Ohne die tiefe, romantisch ausgeprägte Sehnsucht nach der großen Liebe eines Lebens wird es für mich keine Thriller geben, die das Prädikat Coben im Titel tragen.

In deinem Namen

Das fünfte Cover-Holzhaus, die fünfte Hütte, die ich nun betrete. Cover, die nicht in jedem Fall etwas mit den Inhalten der Romane zu tun haben, aber eben Cover, die sich zum Markenzeichen für viele Coben-Thriller gemausert haben. Brandbeschleuniger für den Verkauf. Optische Leckerbissen für das Bücherregal und visuelle Klammer für eine offene Buchreihe mit jeweils neuen in sich abgeschlossenen Thrillern, die nicht mal die Ermittler gemein haben. Jede Coven-Hütte ist eine neue Welt. Jede Hütte stellt für sich ein neues Erlesen und Erhören dar. Und doch haben die Hütten eines gemeinsam. Die ewige Suche nach einem wichtigen Menschen. So auch diesmal.

In deinem Namen von Harlan Coben

Und schon sind wir mittendrin im neuen Werk von Harlan Coben. Und schon sollte man wissen, worauf man sich einlässt, wenn man die ersten Zeilen liest, die erste Seite hört. Weit reicht die Traumatisierung von Napoleon (Nap) Dumas zurück. Bis heute ist der Detective einer Kleinstadt in New Jersey auf der Suche nach Antworten. Bis heute verfolgt ihn eine Nacht, die vor 15 Jahren sein Leben aus der Bahn geworfen hat. Eine Nacht, die sein Leben mit der Überschrift Verlust versehen hat. In jener Nacht verlor er nicht nur seinen Zwillingsbruder Leo, sondern mit Maura auch die große Liebe seines Lebens. Doch während Leo gemeinsam mit seiner Freundin Diana auf den Bahngleisen von einem Zug erfasst wurde, ist Maura einfach spurlos verschwunden.

Kein Abschied. Keine Begründung. Keine letzten Worte. Das gilt für beide Verluste. Doch während der Tod seines Bruders unabänderlich ist, hofft Nap seit 15 Jahren eine Spur oder ein Lebenszeichen von Maura zu finden. Grund genug für ihn damals Polizist zu werden. Doch vergebens. Bisher. Doch plötzlich kommt Fahrt in die Vergangenheit von Nap Dumas. Bei Ermittlungen in einem Polizistenmord findet man im Tatfahrzeug die Fingerabdrücke von Maura. Und nur weil er es war, der vor 15 Jahren die Abdrücke in die Polizeidatenbank eingespeist hat, wird er nun von den ermittelnden Polizisten in den Mordfall involviert. Die Vergangenheit holt ihn ein. Nap hofft, endlich Antworten auf die großen offenen Fragen seines Lebens zu erhalten.

In deinem Namen von Harlan Coben

Das ist Harlan Coben, wie er schreibt und lebt. Hier ist wieder die Ausgangsbasis für einen Thriller gelegt, der dem roten Faden seines Schreibens wie auf Schienen folgt. In jeder Sequenz wird spürbar, wie tief die Verletzungen verankert sind. In jedem Moment dieses Thrillers fühlt man die bohrende Last der ungeklärten Fragen. Die Triebfeder für Nap wird bis zum Bersten gespannt. Ebenso unsere Nerven. Denn die Ermittlungen im Polizistenmord scheinen nicht nur eine Spur zu Maura aufzudecken. Hier laufen Fäden zusammen, die vor 15 Jahren für eine Kette von Ereignissen verantwortlich waren, die bis heute völlig im Dunkeln liegen. Hier greift Harlan Coben in seiner Fantasie nicht ins Leere. Er verankert seinen Thriller in der Zeit und lässt ein plausibles Szenario vor den Augen seiner Leser entstehen, das einfach nur fesselnd ist.

Nap Dumas lebt auf. Er ermittelt im Vollgas-Tempo. Die Charakterzeichnung dieses Polizisten ist so tief angelegt, dass wir mal zurückschrecken und mal fasziniert sind. Er regelt die Dinge. Knallhart und auch mal außerhalb der Legitimation durch seinen Job. Nap ist Gerechtigkeitsfanatiker und wo seine Befugnisse als Polizist enden, da findet er kreative Wege, sie zu umgehen. Als er jedoch beginnt, die Fäden von einst in die Hand zu bekommen, führen ihn die ersten Antworten an die Grenzen seiner Vorstellungskraft. Alles hängt zusammen. Alle Spuren führen zurück in eine Zeit, die nun wieder lebendig zu werden scheint. Kein Verlust basiert auf Zufällen. Nap Dumas braucht alle Kraft der Welt, um das erneut durchzustehen.

In deinem Namen von Harlan Coben

Ein echter Coben! Mehr muss ich kaum sagen. Ein Thriller voller Geheimnisse, Gefühl und Hochspannung. Der Erzählraum einer amerikanischen Kleinstadt weitet sich enorm aus, wenn wir in die jüngere Vergangenheit blicken. Ein geheimer Raketenstützpunkt in neuer Verwendung, Überwachungskameras, Drogen und die ersten großen Lieben sind mehr als nur Randerscheinungen einer Geschichte, die ihre eigene Geschichte hat. Der Autor lässt keine Fragen offen. Auch das hat Tradition bei Harlan Coben. Er lässt uns in keinem seiner Fälle hängen. Vorhersehbar ist hier nichts. Kalkulierbar ist niemand. Und doch sagt man sich am Ende, man hätte es ahnen können, wenn es nicht so geschickt versteckt gewesen wäre.

Was mir nach dem Lesen und dem Hören bleibt ist erneut das gigantische Gefühl, einen großen Thriller erlebt zu haben. Was mir bleibt, sind die Sehnsuchtsmomente, in denen man Tränen in den Augen hat. Unvergessen wird es mir im Gedächtnis bleiben, einmal mit Mauras Augen einen Blick auf den Menschen zu werfen, den sie vor genau 15 Jahren verlassen hat. Unvergessen bleibt dieser Moment, in dem sie dem Schicksal das Angebot macht, alles zu ändern. Spätestens hier habe auch ich mich in sie verliebt. Unvergessen bleibt auch der eigentliche Adressat der Geschichte. Coben schreibt das Buch nicht für seine Leser. Nap Dumas erzählt diese Geschichte als endlosen Monolog für seinen Bruder Leo, in dessen Namen er der Vergangenheit den Schleier vom Antlitz reißen will. Großartig.

In deinem Namen von Harlan Coben

„Beale Street Blues“ von James Baldwin – Fonny und Tish

Beale Street Blues von James Baldwin

Er hat den Buchmarkt gerockt. Er ist eingeschlagen, wie eine Granate in befriedetem Niemandsland und hat tiefe Gräben sichtbar gemacht, die heute mit Nebelkerzen oder anderen Ablenkungsmanövern verschleiert werden sollen. Er hat posthum neue Wellen der Diskussion über Rassismus und Diskriminierung angestoßen, weil das Lesen seiner Romane deutlich aufzeigt, wie wenig sich in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Sein gesamtes Lebenswerk wird durch die erneute Veröffentlichung und die Neuentdeckung der Relevanz seiner Kernaussagen in den Kontext einer Epoche gestellt, die Populisten Tür und Tor öffnet, an den etablierten Underdogs einer Gesellschaft festzuhalten.

Die Rede ist von James Baldwin. Die Rede ist von einem der bedeutendsten Autoren seiner Zeit. Die Rede ist vom 1987 verstorbenen literarischen Aktivisten, der zeitlebens für die Identität der schwarzen Bürger in den USA kämpfte, Diskriminierung, Rassismus und sexuelle Selbstbestimmung thematisierte und aus leidvoller eigener Erfahrung den Finger in die offenen Wunden der nicht überwundenen Sklaverei legte. James Baldwin hat Generationen geprägt, das Selbstbewusstsein der Unterprivilegierten konturiert und durch seine Publikationen richtungsweisend auf Missstände hingewiesen. „Von dieser Welt“ war eines seiner zeitlos wichtigsten Bücher, das in Deutschland mehr als sechzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erneut für Furore sorgte.

Beale Street Blues von James Baldwin

Mit Beale Street Blues wird nun vom dtv Verlag und Der Audio Verlag die Reihe von Wiederentdeckungen fortgesetzt, die vielleicht schon aus dem Bewusstsein der Leser von einst verdrängt wurde, bei heutigen Lesern gar nicht mehr vorhanden ist und gerade jetzt in eine völlig neue Dimension der Wahrnehmung vorstößt. Genau hier wird es für mich wichtig, nicht nur ein Buch von Baldwin zu lesen. Hier wird es für mich mehr als elementar die Fäden aufzugreifen, die Baldwin über viele Generationen miteinander verknüpft hat und diese im Kontext unserer Zeit genau zu betrachten. Was hat sich hier verändert? Haben Diskriminierung und Rassismus nachgelassen oder ist es gerade die „Black Lives Matter“-Bewegung, die uns vor Augen hält, dass sich nichts getan hat?

Während Von dieser Welt noch im Harlem der 1930er Jahre spielt, entführt er uns mit seinem 1973 erstmals veröffentlichten Roman „Beale Street Blues“ erneut in diese den Schwarzen vorbehaltene Welt. Hier erleben wir die 1970er Jahre in New York und eigentlich sollte man denken, dass sich in diesen vierzig Jahren einiges zum Guten hin verändert hat. Eigentlich sollte man denken, dass eine aufgeklärte Gesellschaft sich im tiefsten Bewusstsein für Gleichbehandlung neu erfunden haben könnte. Eigentlich wäre es nur logisch, dass Diskriminierung mit fortschreitender Zeit im multikulturell geprägten Big Apple zum Fallobst der Geschichte gehört. Weit gefehlt. Sehr weit ist der Apfel des Rassismus nicht vom Stamm gefallen.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beale Street Blues“ ist vieles zugleich im Gewand einer großen Story. Es ist der große Liebesroman aus der Feder von James Baldwin. Gleichzeitig ist es jedoch auch die Generalabrechnung mit einem Justizsystem, das sein Recht der Hautfarbe anpasst. Im Schwerpunkt beschreibt Baldwin für mich auf erdrückende Art und Weise die extrem belastende Unkalkulierbarkeit einer Rechtsprechung für die schwarze Bevölkerung. Es herrscht Willkür. Man ist völlig ausgeliefert. Sollte auch nur der Hauch eines Verdachts auf einen Schwarzen fallen, greifen alle Automatismen eines legalen Unrechtssystems. Den Beschuldigten fehlt das Geld für Anwälte, weil Schwarze eben nur Berufe ergreifen die ihrer Hautfarbe zu entsprechen haben. Es fehlt jede Möglichkeit, der Justiz mit den dafür vorgesehenen Mitteln entgegenzutreten und dieser Justiz muss das Bewusstsein abgesprochen werden, gerecht im Sinne eines Angeklagten zu sein.

Kommt uns das nicht bekannt vor? Sind es nicht die gleichen Automatismen, die ich hier schon mehrfach als „RassisMuster“ beschrieben habe? Sind es nicht die gleichen Ungerechtigkeiten, die Geschichten wie „Mercy Seat“, „Wer die Nachtigall stört“ und „Ein anderes Leben als dieses“ miteinander verbinden? Ist das nicht die Kernaussage des Schreibens von Ta-Nehisi Coates, der seinem Sohn noch heute auf die Fahne des Lebens als Schwarzer schreibt, dass etwas „Zwischen mir und der Welt“ steht? Ist es nicht frustrierend, diese Muster über die Jahrzehnte hin immer wieder neu aufzuspüren und die tragischen Konsequenzen zu erleben? Wer diese Muster durchbrechen will, hat noch langen Weg vor sich. Das Lesen hilft. Das Verstehen hilft. Empathie wächst brutal langsam.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beale Street Blues“ setzt da an, wo wir Harlem in unserer Vorstellung ansiedeln. Diese Geschichte bestätigt alle Vorurteile, die man nur haben kann, wenn man sich nur vorstellt, in den 1970er Jahren in diesem schwarzen Universum zu leben. Zumindest in Bezug auf die weiße Welt, die schonungslos auf dem Rücken der Afroamerikaner ihren Weg in die strahlende Zukunft gestaltet. Das solltet ihr euch eigentlich besser von Tish erzählen lassen. Wobei sie ja gar nicht so heißt, und eigentlich heißt ihr Verlobter auch gar nicht Fonny. Aber, wenn man sich schon ein ganzes Leben lang kennt und einfach zueinander gehört, wie die beiden, dann spielen Spitznamen eine eher untergeordnete Rolle. „Beale Street Blues“ ist der literarische Song einer großen Liebe, die unter dem Vorbehalt der weißen Justiz steht.

Tish ist schwanger. Gewollt. Stolz drauf. Ein Kind von der Liebe ihres Lebens. Es ist ein Gottesgeschenk, das verbindet, was schon immer füreinander bestimmt war. Die Familien der beiden Verliebten hadern zwar mit dem jungen Glück, aber irgendwie wird schon alles gut werden. Die üblichen Vorbehalte. Kann er meine Tochter ernähren? Ist er gut genug für sie? Kann sie ihn glücklich machen? Wäre da nicht die Tatsache, dass Fonny im Gefängnis sitzt, man könnte einen gemeinsamen Weg in die Zukunft finden. Tish jedenfalls hält an ihm fest. Sie hat den Einen gefunden. Die eine große Liebe. Egal was man Fonny auch vorwirft. Hauptsache es gelingt, ihn vor der Geburt seines Kindes rauszuholen. Eine gewaltige Mission.

Beale Street Blues von James Baldwin

Der Fall hinkt an allen Ecken und Kanten. Fonny soll ein Vergewaltiger sein. Obwohl er ein Alibi hat, die Vergewaltigte schon außer Landes ist und die Beweisführung keiner ernsten Begutachtung standhalten würde, sitzt er in Untersuchungshaft. Es reicht, dass ihn ein weißer Polizist auf dem Kieker hatte. Es reicht, dass die Vergewaltigte sagte, es sei ein Schwarzer gewesen. Es genügt völlig, dass bei einer Gegenüberstellung Fonny der einzige Dunkelhäutige in der Reihe der möglichen Täter ist. Die Falle schnappt zu. Jetzt läuft die Zeit. Ein Anwalt muss her. Möglichst ein Weißer. Sonst hat man gar keine Chance. Und der muss den Fall komplett aufrollen. Und das, bis zur Geburt des Kindes.

James Baldwin lässt uns tief in den Charakter von Tish fallen. Sie erzählt uns, wie diese Liebe entstand. Sie entführt uns in den Rhythmus einer Beziehung, die sich allen Widerständen zu stellen hat. Während sie erzählt, verlieben wir uns selbst in die junge Frau, weil sie vorbehaltlos und bedenkenlos liebt. Leidenschaft, Lust, Freude und neue Sichtweisen auf das Leben. All dies lernen wir bei Tish. Sie kämpft für Fonny. Sie geht alle denkbaren Kompromisse ein, zwei Familien zum gemeinsamen Kampf zu vereinen. Und all dies, während Fonny im Gefängnis am Gefühl der Unschuld zu krepieren droht. Die Zeit läuft gegen die beiden Liebenden. Die beiden Familien finden keinen Konsens und die Justiz kennt keine Unschuldsvermutung. Nur der Anwalt beginnt, an der schier unmöglichen Aufgabe zu wachsen. Ein zarter Hoffnungsschimmer.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beal Street Blues“ ist ein in höchstem Maße relevanter Roman, der bespielhaft im Kosmos der Diskriminierung seine Kreise zieht. James Baldwin erzählt uns eine große Geschichte mit unfassbarem Tiefgang. Zwei Protagonisten, die wir so schnell nicht aus unseren Gedanken verdrängen können, beschäftigen uns auch nach dem Lesen. Eine Zeit voller Diskriminierung, Populismus und Ausgrenzung schreit nach diesem Roman. James Baldwin selbst hätte wohl nicht gedacht, ein Amerika nach Barak Obama in den Händen von Politikern wiederzufinden, die das Rad der sozialen Gleichbehandlung weit zurückdrehen. Es lohnt sich weiterhin am Ball zu bleiben. Es lohnt sich James Baldwin zu lesen und zu hören. Es lohnt sich, sich selbst eine Meinung zu machen und diese zu vertreten. Schweigen hilft nur denjenigen, die sich an der Diskriminierung bereichern.

Wer nicht lesen will, muss hören. Constanze Becker liest sich in dieser ungekürzten Hörbuchfassung in ihre Hörer hinein. Sie wurde für mich schnell zur authentischen und emotional passenden Stimme von Tish. Constanze Becker macht einen wesentlichen Aspekt des Romans nachhaltig hörbar. Im Vergleich zweier Gefangener, dem Vergleich zweier Gefängnisse liegt ein Geheimnis von „Beale Street Blues“ verborgen, das mich selbst gefangen nahm. Das ungeborene Kind im Bauch seiner Mutter ist wie sein Vater im Gefängnis der Willkür des Lebens ausgesetzt, die draußen das Schicksal bestimmt. Ob sich beide als freie Menschen begegnen werden, ist die große Frage, die nicht nur dieser Roman, sondern auch die Zeit zu beantworten hat. Baldwin hat eine Antwort.

Beale Street Blues von James Baldwin