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Mr. Rail... das reicht, oder?

Hard Land von Benedict Wells

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – Astrolibrium

Da schreibt ein literarischer Jungspund über meine Achtziger Jahre. Da schreibt ein Autor, der in dieser für mich wegweisenden Zeit zur Welt kam über die Gefühle von Heranwachsenden und legt einen Coming-of-Age-Roman vor, der mich im Kern meiner eigenen Erinnerungen berühren und treffen sollte. Er, der 1984 geborene Schriftsteller Benedict Wells, wagt sich in eine Welt vor, die er nicht erlebt hat und die er eigentlich nur aus Filmen und vom Hörensagen kennt. Er möchte mir etwas erzählen, das sich in meiner Seele bis heute festgebrannt hat. Eine Zeit, in der man seine wenigen Freunde noch tatsächlich treffen musste, um etwas Gemeinsames zu erleben. Eine Zeitscheibe mit fest montierten Wandtelefonen und den eigenen Eltern als ständige Mithörer. Eine Zeit der atemlosen Musikaufnahmen mit einem Radiorecorder, Musikkassetten, die ich mit meinem Bleistift zu entwirren hatte und eine Zeit, in der das Internet noch Science Fiction war. Die Zeit von Bruce Springsteen, die Zeit der großen Festivals und die Zeit, in der ich mich in der Eifel so oft am falschen Platz gefühlt habe. Am Arsch der Welt.

Von dieser Zeit möchte er mir erzählen? In seinem neuen Roman Hard Land, der gerade das Licht der Bücherwelt erblickt hat. Er, der Jungspund. Mir, dem alten Hasen. Klingt jetzt so, als würde ich ihm das nicht zutrauen. Weit gefehlt, denn hier wagt sich ein literarisches Schwergewicht an ein Thema, dessen Exklusivrechte ich eigentlich für mich reserviert hatte. Zumindest in meinen Erinnerungen. Ich hatte die Befürchtung, in seinem Roman an eine Stimmung erinnert zu werden, die ich vielleicht zum Schutz vor den Geistern von einst ein wenig verdrängt hatte. Die eigene Unsicherheit, das eigene schüchterne Ich auf der Suche nach der großen Liebe und die Fehler, die ich damals schon fast zwangsläufig begehen musste, um erwachsen zu werden. Ich wusste schon vor dem Lesen, dass es eher ein Wagnis für mich war, sein „Hard Land“ zu betreten. In Sachen Wells bin ich nämlich ein emotional gebranntes Kind. Seine Romane „Vom Ende der Einsamkeit“ und „Becks letzter Sommer“ haben mich verändert und mein Lesen beeinflusst. Nachhaltig. Und es sollte erneut so kommen…

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Hard Land von Benedict Wells

Willkommen in Grady, Missouri. Herzlich willkommen im Jahr 1984 und willkommen in einer Stimmungslage, die für einen kleinen Ort in dieser Zeit schon fast typisch ist. Ein Diner, ein altes Kino und ein paar Jugendliche, die sich auf ihrem Weg in eine Zukunft nach der Schule auf den Abschied aus der Heimat vorbereiten. Wirtschaftlich befindet sich das Land im Stillstand und die Hymnen von Bruce Springsteen, U2 und Billy Idol klingen mehr nach Abgesang, als nach Aufbruch. Willkommen auch im Gefühl und im Denken von Sam Turner, der uns mit auf die emotionale Reise in den Sommer seines Lebens nimmt. Für ihn stehen die Zeichen nicht auf Abschied. Mit seinen 15 Jahren ist es sicher, dass Grady auch weiterhin sein Lebensmittelpunkt bleiben wird. Und doch ist es genau jener Sommer, der alles verändert. Seine Mutter stirbt, seine Schwester Jean hat schon lange den Absprung in die Welt jenseits von Grady geschafft und das Leben mit dem Vater gleicht dem Leben auf einer trostlosen Insel. Und mittendrin ein unsicher vor sich hin lebender Junge, der nach dem Sinn seines Lebens sucht.

Nur in Sam Turner schreit alles nach Aufbruch. Nur in ihm regt sich der Widerstand gegen die Trostlosigkeit von Grady. Er verändert sich und damit alles. Es ist der Job im Kino, der ihn aus der Tristesse katapultiert, es sind die ersten richtigen Freunde, die er dort findet, und last but not least ist es ein Mädchen namens Kirstie Andretti, das sich zur ersten großen Liebe seines Lebens mausert. Benedict Wells findet schon auf den ersten Seiten seines Romans den richtigen Sound für eine Zeit, die sich in Melancholie aufzulösen schien. Weltschmerz, Perspektivlosigkeit und Abschied hängen in der Luft. Er findet auch den richtigen Sound in der Stimme von Sam Turner, der uns mit seiner Schüchternheit und Unsicherheit für sich einnimmt. Es ist die unverfälschte und extrem authentische Perspektive eines Jungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die in ihm zu einer großen Geschichte wächst. Es sind seine Worte, die sich festsaugen und sich in der Folge nicht mehr von unserem Leseerlebnis lösen wollen.

„Wenn die First Base Küssen war und der Home Run Sex,
dann saß ich noch in der Umkleidekabine und band meine Schuhe.“  

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Hard Land von Benedict Wells

Benedict Wells erzählt, wie sehr Sam um die Freundschaft zu den Menschen kämpft, die Grady bald verlassen werden. Er nimmt uns mit ins alte Kino und lässt und erleben, wie aus dem wenig akzeptierten Jungen das Herzstück dieser kleinen Clique wird. Wir trauern mit ihm um seine Mutter, um viele Chancen und Träume. Darum, dass auch die Freundschaften, die er jetzt gerade schließt, endlich sind. Nach diesem Sommer bleibt nur er zurück. Universitäten rufen nach Kirstie, Cameron und Hightower. Und ich habe keine Chance, mich nicht mit Sam in dieses magische Mädchen zu verlieben. Sie allein steht für jede Verheißung des Sommers. Sie ist der Lichtblick im Dunkel. Sie ist es, die Sam Turner erweckt. Kirstie verkörpert alle Hoffnung, tiefe Zweifel und jedes denkbare Gefühl. Sich in sie zu verlieben ist wie im Treibsand zu versinken. Unnahbar, vergeben und dann wieder im strahlenden Schein ihrer Persönlichkeit steht sie für die verzweifelt und unglücklich scheinende Liebe. Ihre Worte elektrisieren Sam.

„Ich zähle jetzt langsam von zehn runter, und bei null bist du in mich verliebt.
Du hast keine Chance, es ist ein Zauber, und es dauert nur zehn Sekunden.“ 

Es ist die Magie dieser Menschen, die uns Benedict Wells in die Herzen schreibt. Es ist der Zauber von Grady, dem wir uns nicht entziehen können. Es ist eine Emotion, die er nicht beschreibt, nicht erzählt und nicht formuliert. Er lässt sie einfach entstehen und in uns wachsen. Das ist Literatur. Nicht zu schreiben, dass jemand traurig ist. Die Leser fühlen lassen, was mit den Menschen passiert, wie sie verändert werden. Wenn es Empathie erzeugendes Schreiben gibt, dann hier. Es sind die vielen Facetten eines Romans über den längsten Sommer im Leben eines jungen Menschen, die mich schon früh im Buch gefesselt haben. Es sind 49 Geheimnisse, die der Überlieferung zufolge in Grady zu entdecken sind. Es sind nicht zufällig 49 Kapitel, die sich Benedict Wells gönnt, um uns mit „Hard Land“ zu vereinen. Es ist die tiefe Poesie seiner Geschichte, die man einatmet und miterlebt.

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Hard Land von Benedict Wells

Ich erlebte eine Art von bipolarem Lesen in diesem Roman. Ich wollte der Handlung folgen, wurde jedoch immer wieder in meine Erinnerungen getrieben, um mich an einer Geschichte zu reiben, die Reibungsverluste erzeugt. Der erste Kuss. Die erste trunkene Schwerelosigkeit. Die Verzweiflung angesichts bevorstehender Trennungen. All dies war Teil meines Aufenthalts in Grady, untermalt vom Soundtrack eines Romans, der sich im Herzen verankert, wie die eigene Jugend. Benedict Wells erzählt nicht nur. Er spiegelt eigene Hoffnungen, Träume und Wünsche in seinen Lesern. Sein längster Sommer ist unser längster Sommer. Seine Unsicherheit wird zu der von Sam Turner. Er nimmt uns mit auf eine Reise ins „Hard Land„, die uns nicht unverändert entkommen lässt. Wenn er von der Heimat Grady schreibt, dann zupft er an den Saiten meiner Vergangenheit. Seine Worte erhalten durch unser eigenes Erinnern eine literarische Sprengkraft, der man schutzlos ausgeliefert ist.

„Es war nie wieder so toll, nicht mal, als es danach richtig toll war. Ich meine, es ist in den letzten Jahren fast alles wahr geworden, was ich mir damals erträumt habe. Aber es war trotzdem nie so schön, wie davon zu träumen.“

Vertraut euch Benedict Wells an. Folgt ihm nach Missouri und lasst euch in einen Roman entführen, der seine Leser wie ein furioser Roadtrip durch die eigene Jugend fesselt. Man muss die 1980er nicht erlebt haben, um dieser Magie zu erliegen. Ja, man muss sie nicht selbst erlebt haben, um so darüber zu schreiben. Vielleicht ist es gerade die Distanz zu dieser realen Zeit, die es Benedict Wells ermöglicht hat, über Emotionen und die großen Fragezeichen im Leben zu schreiben. Mich hat er begeistert. Ich habe keine zehn Sekunden benötigt, mich in Kirstie Andretti zu verlieben. Ich habe mich vor dem 49. Kapitel in diesem Buch gefürchtet. Ich wollte das letzte Geheimnis von Grady nicht lüften. Vielleicht war sie genau hier wieder da. Meine Unsicherheit aus einer Zeit, in der sich das Erwachsenwerden noch so abstrakt anfühlte. Am Ende von allem danke ich gerade für dieses Schlusskapitel. Für jedes Wort… 

Und wer mir allein nicht glauben mag, so sieht´s aus, wenn eine Jungspundin den Jungspund liest. Der weibliche Blick aufs Buch in der Kategorie KateView:

Hard Land von Benedict Wells - KateView - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – KateView

Zehn. Neun. Acht. Sieben. Sechs. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. JETZT.

„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“

Selten hat mich bereits ein erster Satz so festgehalten – immer ein Zeichen, dass ich ein außergewöhnliches Buch in den Händen halte.

Vertrauensvoll ließ ich mich an die Hand nehmen, bereit, um mit Sam den Sommer seines Lebens zu erleben. Wir reisten gemeinsam in eine Zeit, die weder Benedict Wells noch ich erlebt haben. Und trotzdem SIND wir dort. Der Autor schafft es, dass wir Sam sind. Die Welt mit seinen Augen sehen, seine Gefühle fühlen, seine Gedanken denken, seine Ängste erleben. Jeden Augenblick des Lesens SIND wir in dieser euphancholischen Welt der wunderschönen Worte, der bemerkenswert treffenden Sätze und der ausdrucksstarken Bilder. Jeden Augenblick des Lesens WAREN wir in diesem Sommer – frei, jung, fast schon ein wenig kitschig – genau so muss es sich anfühlen. Sehnsüchtig auf die coolen Kids schauend, im Augenblick lebend.

All die Eindrücke, die warmen Steine des Bahndammes unter den nackten Füßen, der Nachhall des leise in der Ferne verschwindenden Güterzuges, das leise Sirren der Fahrradspeichen, der Geruch des Staubes in der Luft, das Gefühl des kalten Wassers des Badesees. All das war da, während ich mit Sam, Kirstie, Cameron und Hightower unterwegs war. All das, was ich selber nie erlebt habe, erlebte ich jetzt beim Lesen. In meiner eigenen Zeit war ich dafür nicht cool genug, jetzt durfte ich dabei sein.

Der Zauber des Erwachsenwerdens wird einem nicht bewusst, während man ihn selbst erlebt. Erst zurückblickend erkennt man die Dimensionen des eigenen Erlebens, des eigenen Erwachens und das, was einen zu einem selbst macht.

Und dann blicke ich zurück auf mein rappelvolles Leben und sage nur drei Worte:
„Gut gemacht, Benedict!“

Hard Land - KateView - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – KateView

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Mehr Informationen zuHard Land„, zu Benedict Wells, zu seinen Tourdaten und Hintergründen zum Roman findet ihr auf derHard-Land-Homepage„. Alleine schon der Trailer zum Buch ist sehenswert. Und jetzt, auf nach Grady mit euch.

In meinem Artikel zu Vom Ende der Einsamkeit findet ihr den Weg zum Interview mit Benedict Wells während der Leipziger Buchmesse 2016. Und im Artikel zu allen Radio-Talks in Leipzig ist eine Dia-Show dieses Gesprächs eingebaut. Er prägt meine Sehnsucht nach guten Geschichten bis heute. Die vorgestellten Neuerscheinungen des Frühjahrs stellen sich seiner literarischen Konkurrenz… Seht selbst…

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Hard Land von Benedict Wells und mehr…

Die Harpyie von Megan Hunter

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Die Harpyie von Megan Hunter

Seit jeher habe ich einen riesigen Respekt von den weiblichen Mischwesen der griechischen Mythologie. Harpyien. Sie begegneten mir in der Odyssee von Homer, in der Aeneis von Vergil und sogar in modernen Märchenadaptionen wie dem Fantasy Animationsfilm „Das letzte Einhorn„. Immer treten diese Halbwesen als Verkörperung des Bösen auf, werden ihrem Ruf als Sturmwinde gerecht, hausen in der Unterwelt und sind die Begleiter der Verstorbenen ins Totenreich. Sie rächen, morden, strafen und in der Troja-Saga von Vergil werden sie eindringlich beschrieben:

„Es waren Vögel mit den Gesichtern von Mädchen,
äußerst scheußlich war der Unrat ihres Magens,
hakenförmig waren ihre Hände und immer
bleich vor Hunger ihre Gesichter.“

Man sollte sich vor ihnen hüten. Besonders als Mann, eilt doch den Harpyien der Ruf voraus, Männer für das zu bestrafen, was sie zu Lebzeiten anrichten. Ich war trotzdem mehr als begeistert und neugierig, als mir das Buch „Die Harpyie“ von Megan Hunter vorgestellt wurde. Zwei Faktoren gaben den Ausschlag, warum ich es unbedingt lesen musste. Das vielleicht Aufsehen erregendste Cover des Frühjahrs und ein Plot, in den man einfach eintauchen muss, wenn man Romane über verzweifelte Liebe, Betrug und Rache mag. Hier finden wir wahrlich alles, was unser Leserherz begehrt.

Die Harpyie von Megan Hunter - Astrolibrium

Die Harpyie von Megan Hunter

Da ist sie, die treu sorgende Ehefrau und Mutter zweier Kinder, deren Leben sich schlagartig verändert, als sie davon erfährt, dass sie von ihrem Mann betrogen wird. In nur einem winzigen Moment wird die heile Welt von Lucy Stevenson zur Illusion und durch die SMS eines ebenfalls Betrogenen in tausend Stücke gerissen.

„Ihr Ehemann – Jake Stevenson – schläft mit meiner Frau…
Ich meine, dass sie das wissen sollten.“

Und da ist er, der Betrügende, der Fremdgänger, der sich mit den üblichen Phrasen zu rechtfertigen versucht. Es sei ja nichts von Bedeutung, nur etwas Sexuelles, und er werde die Affäre sofort beenden, versichert ihr der ertappte Ehemann. Was er seiner Frau jedoch tatsächlich angetan hatte, entzieht sich seinem oberflächlichen Blick. Aus ihrer Perspektive erzählt Megan Hunter diese Geschichte von Betrug und Scham. Es ist die Sichtweise von Lucy, die uns verdeutlicht, was in einer Frau vorgeht, die genau das nicht erwartet hatte. Nicht in dieser Dimension, nicht in dieser Tragweite und ganz bestimmt nicht, dass es ihr jemals passieren würde. Ihr Leben verändert sich. Es sind ihre Wahrnehmungen, die im Auge des Orkans verletzter Gefühle zum Tornado dieser verletzten Frau anschwellen. Es ist die Harpyie, die in ihr erwacht. Ein Wesen, das auf Rache sinnt und dem Vergebung fremd ist.

Die Harpyie von Megan Hunter - Astrolibrium

Die Harpyie von Megan Hunter

Jake bleibt keine andere Chance, als sich auf das Spiel der Harpyie einzulassen, um seine Beziehung zu retten. Sie – die Verletzte – will Rache, sie will verletzten, sie ist es, die jetzt das Heft des Handelns in ihre Hand nimmt. Es ist ein verhängnisvoller Deal, auf den sich das Ehepaar einigt. Drei Mal darf Lucy Jake bestrafen. Wie sie bestraft und wann sie zuschlägt, das bleibt allein ihr überlassen. Ein Spannungsbogen, der sich wie eine Kaskade aus unvorhersehbarer Gewalt über eine Geschichte spannt, und uns nicht mehr ruhig schlafen oder lesen lässt. Wir werden durch die Seiten getrieben und erhalten einen tiefen Einblick in das Innenleben einer verletzten Frau. Für Männer fühlt sich dieser Ritt durch die Gefühlswelten von Lucy an, wie eine Anklageschrift, in deren Folge nur das Wort „schuldig“ übrig bleibt. Es ist eine schmerzhafte Leseerfahrung, in jeder Konsequenz einer falschen Entscheidung die Auswüchse zu erkennen, die man im Leben eines anderen Menschen verursacht.

Megan Hunter macht es sich in „Die Harpyie“ nicht so leicht, einen unterhaltsamen Racheroman zu schreiben, in dem sich Frauen vergnügt auf ihre Schenkel klopfen und denken „Da hast du, was du verdienst, du Schwein!„. Sie greift psychologisch tiefer und erzählt in Wellen, die sich aus der Vergangenheit ins Jetzt bewegen. Sie erzählt in tiefster Empathie von zwei Menschen, die sich verloren haben. Sie erzählt davon, dass niemand ohne seine Vorgeschichte in ein gemeinsames Leben eintritt und, dass es die unausgesprochenen Geheimnisse eines früheren Lebens sind, die wie Ballast auf dem Leben mit Mann und zwei Kindern lasten. Es ist bewegend zu erkennen, wie sich eine Frau im Lauf der Zeit verändert, was Geburten in ihr auslösen, welchen Bildern sie zu entsprechen hat, wie sehr sich das Bild der Harpyie schon sehr früh in ihr festgesetzt hat und nur darauf wartete, wie ein Schläfer in Diensten eines Geheimdienstes endlich in Erscheinung treten zu dürfen.

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Die Harpyie von Megan Hunter

Wer sich diesem Roman aufmerksam nähert, ob Mann oder Frau, wird mit einem Strudel aus Emotionen konfrontiert, der sich wie ein heilsamer Schock auswirken und rettend für eine wackelige Beziehungsbalance sein kann. Megan Hunter nimmt uns mit in den weißen Fleck im Leben der Menschen, die wir aufrichtig lieben. Sie klagt nicht an, sie zeigt uns nur die Konsequenzen und Untiefen auf, in die wir unbewusst steuern und untergehen. Dieser Roman ist ein Aufruf zum Dialog. Ein Impuls, sich den Welten zu öffnen, die wir nicht sehen wollen. Miteinander zu reden, um nicht den Schläfer in uns zu wecken. Vielleicht schlummert in jedem von uns eine Harpyie. Vielleicht ist der Auslöser für eine Katastrophe ganz banal. Vielleicht bedarf es Ignoranz und fehlender Empathie, um das Monster in uns freizusetzen. Und vielleicht dient dieser Roman als Beispiel für das Ausmaß der psychologischen und physischen Verletzungen, die man sich gegenseitig zufügt, ohne erkennen zu wollen, wohin das führt.

Betrogene Frauen scheinen dem Beck Verlag im Frühjahrsprogramm 2021 sehr am Herzen zu liegen. Es sind gleich zwei Romane, in deren Mittelpunkt es um Frauen geht, die sich urplötzlich in einer Situation wiederfinden, die kaum zu bewältigen ist. Es sind Frauen, die nur einen Ausweg sehen: Transformation. „Ich will kein Hund sein“ von Alma Mathijsen und „Die Harpyie“ von Megan Hunter stehen sich diametral wie Nord- und Südpol gegenüber. Während Alma Mathijsen von der unterwürfigen, und in letzter Konsequenz, irreversiblen Hundwerdung einer verlassenen Frau erzählt, steht der Roman von Megan Hunter für die Mutation einer Betrogenen in einen Racheengel. Beide Extreme sind literarisch brillant konstruiert und erzählt. In meiner Buchhandlung des Vertrauens sollten beide Bücher nebeneinander stehen. In meinem Leben jedoch wäre ich froh und dankbar, dass zwischen ihnen Platz genug wäre, um mein eigenes Buch zu platzieren. Es wäre mein Buch des Mittelweges. Nicht der fatalen Auswüchse. Es wäre vielleicht ein gemeinsames Buch über Gefahren, die einer Beziehung drohen und über Wege, sie ohne Unterwerfung oder Rache zu retten.

Die Harpyie von Megan Hunter - Astrolibrium

Die Harpyie von Megan Hunter

Um diesen Weg zu finden, sollte man die Transformationsgeschichten von Frau zu Hund oder Harpyie jedoch kennen. Das hilft ungemein weiter… 

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Oftmals ist das eigene Leid so unerträglich, dass man Jahre braucht, um es zu bewältigen. Manchmal wiegen eigene Verluste so schwer, dass man einfach für sich alleine Wege finden muss, um neuen Lebensmut zu fassen. Manchmal jedoch werden die dunklen Gefühle eines Schicksalsschlags wie mit einem Blitzlicht erhellt, wenn man im direkten Vergleich erleben muss, wie es anderen Menschen ergeht, die ein Leben ohne Trauer und Depression führen dürfen. Eine solche psychologische Ungleichung hat Kristina Hauff zum Schmelzkern ihres Romans „Unter Wasser Nacht“ gemacht. Ein Familiendrama in der malerisch einsamen Landschaft der Elbauen, ein Drama im Wendland, eine fulminante Geschichte über Trauer, Verlust, Liebe, Geheimnisse und Neid, die mich auf ihren knapp 300 Seiten nicht mehr loslassen wollte. Im Titel „Unter Wasser Nacht“ findet der gesamte Roman seine epische Entsprechung.

Alles könnte so schön sein auf dem gemeinsamen Hof zweier Paare im Wendland. Viele gemeinsame Jahre (darunter auch wilde und revolutionäre) lagen hinter ihnen, als sie auf einem kleinen Fleckchen Erde sesshaft wurden und ihre Familien gründeten. In ständiger Reichweite voneinander hatte sich ein Idyll Raum verschafft, das die beiden Paare in Sicherheit wog. Das Gemeinsame stellte die Grundmauern dar, und doch gab es ausreichend große Rückzugsorte, um sein eigenes Leben zu führen. Kinder kamen zur Welt und im Rückblick auf diese Zeit muss dieser Ort wie ein Biotop gewirkt haben. Als wir Sophie und Thies, sowie Inga und Bodo kennenlernen, ist von ihrer einstigen Harmonie kaum noch etwas übrig. Dafür wiegt das Drama zu schwer, dass sich vor 13 Monaten genau hier abgespielt hatte.

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Unter ungeklärten Umständen ertrank der elfjährige Sohn von Sophie und Thies. Seitdem ist das Leben auf dem Hof in zwei Welten zerbrochen. Eine trauernde, in der sich die Eltern endlose Fragen über den Tod ihres Sohnes Aaron stellen. Und die heile Welt von gegenüber. Inga und Bodo, vom Glück gesegnet. Eltern von zwei gesunden Kindern, die den trauernden Nachbarn immer vor Augen halten, wie schön das Leben sein könnte. Aus diesen täglichen Vergleichen entsteht die Welle von Neid, Einsamkeit und eine Atmosphäre der gegenseitigen Abschottung. Als wäre jener Hof ein Minenfeld emotionaler Blindgänger. Während Inga und Bodo mit ihren Kindern Jella und Lasse den Alltag voller Optimismus leben, versinken im gegenüber liegenden Haus Sophie in ihrer Verbitterung und Thies in einem rastlosen Fluchtverhalten. Auch ihre Beziehung hängt inzwischen am seidenen Faden. Die Trauer ist hier der Scheideweg, an dem im Endeffekt das ganze Leben scheitern kann. Liebe und Freundschaft eingeschlossen.

Kristina Hauff erweist sich als echte literarische Meisterin, wenn es darum geht, die beiden Gefühlslagen der zerrissenen Hofgemeinschaft zu beschreiben. Man fühlt sich „Unter Wasser Nacht„. Wir trauern und leiden mit, beneiden die Menschen auf der Sonnenseite des Hofes und andererseits erkennen wir auch bei ihnen Muster der Rücksichtnahme und des Mittrauerns, allerdings ohne je eine Chance zu haben, etwas gegen den Verlust ihrer Freunde tun zu können. Es herrscht eine trügerische Ruhe in den Elbauen. Man beäugt sich, man meidet den Kontakt und lebt so vor sich hin. Allein aus dieser Konstellation hätte die Autorin ein menschliches Drama formen können, in dem sich diese Konflikte im Laufe der Zeit zu einer Flutwelle vereint hätten. Aber damit nicht genug. Kristina Hauff erweitert ihren Erzählraum und dreht uns Lesenden mit der gekonnten Bewegung einer Spannungsbogenarchitektin die Daumenschrauben enger.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

In multiperspektivisch erzählten, sich überlappenden Szenen blicken wir mit Sophie neidisch aus dem Fenster und beobachten Inga und die Kinder, während wir schon im nächsten Moment mit Inga das Haus verlassen und Sophie am Fenster entdecken. Die Methode der schnellen Schnittfolgen bewirkt, dass wir uns extrem gut in die agierenden Charaktere hineinversetzen können. Jeder kommt zu Wort, niemand bleibt außen vor und es entsteht eine komplexe psychologische Atmosphäre, die nicht nur zermürbend ist, sondern ebenso plausibel wirkt. Als dann auch noch mit Mara eine Fremde diesen Schauplatz der geschundenen Gefühle betritt, wird aus einem Familiendrama eine tief angelegte und noch komplexere Geschichte eines Lebens in unmittelbarer Nähe eines Flusses, der den Lauf der Dinge zu definieren scheint: Die Elbe.

Spätestens von diesem Moment an ist man nicht mehr in der Lage, das Buch aus den Händen zu legen. Spätestens hier befinden wir uns in einem Mix aus Gefühlskino und kriminalistischer Ermittlung eines Cold Cases. Der Tod des Jungen wird mehr und mehr ins Zentrum gerückt. Was war hier passiert? Warum geht ein erst Elfjähriger aus freien Stücken vollständig bekleidet in die Elbe? Wo waren die Eltern, wo die anderen Bewohner des Hofes? Welches Geheimnis liegt hier verborgen? In atemlosem Tempo werden wir durch die Elbauen gejagt, werden zu Zeugen von Ausfallerscheinungen der direkt Beteiligten und kommen der Ursache für Aarons Tod immer mehr auf die Spur. Kein Hinweis erweist sich als banal, keine Fährte ist kalt, kein Verdacht unbegründet und doch führt nur ein Weg zur Lösung dieses Todesfalles. Mara. Auch, wenn sie alles durcheinanderbringt, sie wirkt wie Ariadne, die den roten Faden in der Hand hält. In ihr liegen Hoffnungen, Leid, Neid, Eifersucht, Verheißung und Zuversicht verborgen. Hier durchbricht die scheinbar Außenstehende alle inneren Widerstände.

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Es sind die zahllosen inhaltlichen Facetten, mit denen Kristina Hauff überzeugt. Es sind sich verändernde Freundschaften, unüberbrückbare Gräben und tiefe Wunden in einer ehemals heilen Welt, über die sie uns geleitet. Es ist die raue Elbe, die mit ihrer Gewalt Land und Menschen zu formen vermag. Es sind die Kontraste, die uns hier zu staunenden Betrachtern machen. Es ist das konservativ idyllische Wendland, es ist die exotische dänische Freistadt Christiania, deren Flair Mara mit sich trägt. Und es sind die vielfältigen Aspekte der verschachtelten Handlung in Verbindung mit den Akteuren dieses Romans, die eine Einordnung in eine literarische Schublade erfreulich schwer machen. Es ist ein Krimi und doch ist es keiner. Es ist ein psychologischer Roman im Schatten eines dramatischen Verlustes und doch ist es viel mehr. Es ist ein Drama, in dem aus Freunden, sich gegenseitig beäugende Kontrahenten und Wettbewerber um das wahre Glück im Leben werden und doch ist es kein reines Familiendrama. Und es ist in Teilen ein Roman der falschen Gefühle, weil man Aaron sehr ambivalent erlebt.

Die Autorin scheint es zu genießen, nicht in einem Genre gefangen zu sein. Man erwartet keinen kriminalistisch perfekten Fall, der lückenlos aufgeklärt wird. Man sucht nicht nach zusätzlichen Beweisen, muss mit Lügen leben, die nicht geradegerückt und aufgedeckt werden. Ja, wir müssen sogar Fragezeichen akzeptieren, weil wir hier ein Stück Leben präsentiert bekommen, das in seinen offenen Fragen sehr authentisch ist. Ich würde „Unter Wasser Nacht“ nicht in eine literarische Schublade stecken. Aber ich bin natürlich bereit, diesen Roman in eine Schublade meiner kleinen literarischen Sternwarte einzusortieren: „Lesenswerte Lektüre, die mich in einem unglaublichen  Sog nicht mehr loslassen wollte.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff – Das Hörbuch

Kurz vor Toresschluss erreichte mich die Hörbuchfassung zum Roman „Unter Wasser Nacht„, und so kann ich den Erzählraum um den Hörraum der Produktion aus dem Hause Der Audio Verlag erweitern. Acht Stunden und zwanzig Minuten der ungekürzten Lesung geben hier den Rahmen vor, in dem wir uns zuhörend bewegen. Die Schauspielerin und Sprecherin Julia Nachtmann liest sich tief in das Setting aus Wendland, Verlust, Elbe und Gefühl hinein. Sie führt uns erfreulich unaufgeregt durch einen Plot, der sein ganz eigenes Tempo aufnimmt. Das Problem der Multiperspektive löst sie brillant, indem sie sich in den Dialogen aus den Sichtweisen der Protagonisten befreit und den Stimmen der Akteure Leben einhaucht. Ihrer Stimme zu folgen ist hier sehr angenehm, weil sie unsere sprunghafte Neugier zügelt und ein Tempo vorgibt, in dem man wie die Elbe durch das Wendland treibt, in dem wir sonst haltlos untergehen würden. Sehr hörenswert.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Ein Nachtrag: Ich hatte das Gefühl, unfair zu „Unter Wasser Nacht“ gewesen zu sein. Ich hatte das Gefühl, dem Buch von Kristina Hauff nach den Romanen von T.C. Boyle und Benedict Wells zu kritisch zu begegnen, weil mich die Neuerscheinungen begeistert und bewegt hatten. Nach Boyle und Wells gelesen zu werden, ist wohl einer der undankbarsten Startplätze, den man sich nur vorstellen kann. Und dann saß ich vor diesem Roman und wusste schon nach 50 Seiten, dass meine Bedenken unbegründet waren. Die Autorin hat mich in einem Gefühl tiefer Lese-Melancholie aus „Hard Land“ abgeholt und mich an der Elbe aufgefangen. Es gab keinen Grund mehr zu denken, es sei nicht fair gewesen. Es gab tausend Gründe mich zu bedanken, dass ich in solchen Höhen weiterfliegen durfte. Dieses Gefühl wünsche ich jedem Lesenden…

Die emotionale Ungleichung von Kristina Hauff ist mathematisch betrachtet, eine mit vielen Unbekannten, Variablen und Ableitungen. Aber sie geht auf! Bleibt am Ende des Tages nur noch eine Frage offen, über die man trefflich diskutieren kann. Dies hier zu tun, würde zu sehr spoilern, aber im Off bin ich natürlich dazu bereit. Ihr wisst ja, wo man mich findet!

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig - Astrolibrium

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig

Da bin ich mal wieder mit den weltbewegenden Fragen, die uns philosophisch an den Rand der Verzweiflung treiben können. Es geht diesmal nicht darum, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, oder, wie wir unser Leben vor dem Tod in eine Richtung zu lenken in der Lage sind, die uns glücklich macht. Nein, es geht um eine Zwischenwelt, in der wir vielleicht die einmalige Chance erhalten, das Leben anders zu führen. Es sind unsere Entscheidungen, die uns Wege einschlagen lassen, von denen wir vorher nicht wissen, ob sie richtig sind, ob sie uns glücklich machen und ob wir am Ende der Wege nicht bereuen, sie gewählt zu haben. Das kennen wir wohl alle. Im wahren Leben heißt das „Augen zu und durch“. Unumkehrbar versuchen wir vor Enttäuschungen zu fliehen und dem Sinn unseres Lebens hinterherzujagen. Der Erfolg? Mal so und mal so. Wir sind die Getriebenen unserer Erwartungen. Was wäre aber, wenn es eine Möglichkeit gäbe, an bestimmten Kreuzungen unseres Lebensweges anders zu entscheiden?

„Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig beschreibt eine solche Alternative. Es ist nicht gerade der Wunschtraum jedes Menschen, den er hier in den Mittelpunkt eines Romans stellt, der ebenso philosophisch wie utopisch daherkommt. Aber es ist ein mehr als interessantes Gedankenspiel, zu dem er uns einlädt. Folgen wir doch seinen Thesen und spielen wir sein Spiel mit. Frei nach dem Motto: „Wir werden schon sehen, was wir davon haben!“ Zwischen dem Leben und dem Tod liegt eine Bibliothek. Sie besteht aus zahllosen Regalen, in denen sich die Bücher deines Lebens befinden. Jedes von ihnen erzählt eine Geschichte, die du nicht gelebt hast, weil du dich anders entschieden hast. Greif einfach zu und schau dir an, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn…! Ich vergaß zu erwähnen, dass man zuvor gestorben sein muss, um „Die Mitternachtsbibliothek“ betreten zu dürfen. Dann jedoch hat man die freie Auswahl zwischen all den Chancen und Möglichkeiten, gegen die man sich zu Lebzeiten entschieden hat. Und, wenn man dabei ganz zufällig auf ein Leben stößt, dass einen glücklich gemacht hätte, dann darf man es behalten.

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig - Astrolibrium

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Nun sind wir auch schon bei unserer Protagonistin Nora Seed angekommen. Wir lernen sie im finalen Countdown ihres Lebens kennen. Es sind die letzten Stunden, die hier erbarmungslos verrinnen, bevor sie Selbstmord begeht. Alles hat sich gegen Nora verschworen, nichts will gelingen und am Ende der Perspektivlosigkeit bleibt ihr nur der verzweifelte letzte Ausweg. Was hätte sie alles werden können? Was hätte sie erreicht, wenn sie anders entschieden hätte? Welche Träume hätte sie sich erfüllten können? In letzter Konsequenz jedoch steht sie mit leeren Händen da. Wenige Freunde, arbeitslos, Karrieren als Weltklasseschwimmerin oder professionelle Musikerin schon früh an den Nagel gehängt, vor einer Ehe geflüchtet, Träume niemals realisiert und Hoffnungen im Nichts versenkt. Auf ganzer Linie gescheitert. Depressionen, Drogen, fehlender Halt in Situationen, in denen sie hätte gehalten werden müssen. Das Finale: Suizid.

Statt jedoch zu sterben, wird ihr der Zugang zur Mitternachtsbibliothek gewährt. Hier wird sie von der Bibliothekarin mit den Regeln vertraut gemacht und dann geht sie los, die Jagd nach dem perfekten Leben. Die Zeit steht still, sie darf sich ein Buch aus dem Regal nehmen, in dem ein Leben beschrieben ist, das sie nicht geführt hat. Hinein ins Wunderland der Alternativen. Es liest sich humorvoll, und beinhaltet ebenso skurrile wie lustige Momente, in denen sich Nora immer wieder neu orientieren muss. Was ihr nämlich fehlt, sind Erinnerungen an diese ungelebten Leben. Wer sind die Menschen, denen sie nun begegnet, was hat sie zuletzt getan, wo lebt sie und mit wem? Und nicht zuletzt immer wieder die zentrale Frage: Bin ich hier glücklich und will ich bleiben? Ich hatte viel Spaß beim Lesen dieser Lebensvarianten, wäre da eben nicht jene Nora Seed gewesen, die sich hier wie in einem Lebens-Casting nur nach den Vorteilen der jeweiligen ungelebten Variante umschaut. Aus philosophischer Sicht eine egoistische Rosinenpickerin.

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig - Astrolibrium

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Matt Haig lässt viel Spielraum für philosophische Betrachtungsweisen. Wir finden Thesen über bestehende Paralleluniversen und das Theorem von Schrödingers Katze ebenso wieder, wie die Schlüsselthesen von Henry David Thoreau, den Nora als ihren Leib-und Magen-Philosophen verehrt. So froh ich über die Anspielungen auf „Walden“ war, so wenig wurde ich mit Nora Seed warm. Sie realisiert, dass die unterschiedlichen Leben, die sie nun ausprobieren darf, immer einen kleinen Haken haben. Nichts ist so perfekt, wie es bitte zu sein hat. Eine Bereitschaft, für sein Glück zu kämpfen, ist nicht erforderlich, denn wenn ein Leben nicht passt, kann sie zurück in ihre Bibliothek und sich ein neues aussuchen. Lebensträume von der Stange. So erleben wir sie als eine erfolgreiche Schwimmerin, als legendäre Musikerin, als Gletscherforscherin und auch als die Ehefrau, die sie nicht sein wollte. In ihrem Buch des Bereuens scheinen sich die falschen Entscheidungen nur so zu stapeln.

Matt Haig skizziert an Noras Beispiel das Nullsummenspiel der Entscheidungen. Was sie in einem Leben als Zugewinn verzeichnet, fehlt ihr auf der anderen Seite. Ein Leben mit sportlichem Erfolg ist eines ohne philosophischen Tiefgang. Ein Leben voller Erfolg als Musikerin ist ein Leben ohne bestimmte Menschen, auf die sie nie verzichten würde. Man kann nicht alles haben. So lautet die unsichtbare Überschrift über Kapiteln und Büchern, in denen Nora ihr Glück sucht. Matt Haig fühlt sich hier manchmal an, als hätte ihm Paulo Coelho beim Schreiben über die Schulter geschaut. Der Selbstmörder in uns weiß gar nicht, wohin mit all den Allgemeinplätzen zum wahren Glück im Leben. Und letztlich, warum sollte sich Nora Seed nur für ein einziges Leben entscheiden, wo sie doch eine ganze Bibliothek zur Auswahl hat? Greift Matt Haig in diesem Roman ins literarische Nichts, wenn er uns mit einer solchen Utopie konfrontiert? Mitnichten.

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig - Astrolibrium

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Seine Geschichte erreicht uns außerhalb des Buches mit erheblicher Wucht. Wo sind meine Kreuzungen, wann habe ich mich vielleicht falsch entschieden, wie wäre es wohl gelaufen, wenn ich intensiver für meine Träume gekämpft hätte und gibt es dieses Leben, das ich lieber leben würde? Man darf diese Spiegelung des Romans auf seinen eigenen Lebensweg nicht unterschätzen. Allein hierfür lohnt es sich sehr, dieses Buch zu lesen. Es ist facettenreich in den Situationen, unnachgiebig in seinen Points of no Return und hilfreich, wenn man sich selbst hinterfragt. Gedankenspiele und Kopfkino sind hier garantierte Nebenwirkungen einer Geschichte, deren Protagonistin den Weg zum eigenen Glück nur langsam findet. „Die Mitternachtsbibliothek“ hält viele Twists auf Lager. Man sollte sich nie zu sicher fühlen in diesem Buch. Man hat oftmals einen Hauch einer Idee, wie es enden könnte und doch liegt man falsch.

Matt Haig greift ein literarisches Muster auf, das ich liebgewonnen habe. Er lässt die Zeit nicht mehr vergehen. Im Stillstand der Sekundenzeiger läuft sie trotzdem weiter und schlägt genau in dem Moment zu, in dem wir es nicht erwarten. „Wie man die Zeit anhält“ spielte bereits mit der Zeitlosigkeit seines Ideenreichtums. Was diese Romane vereint ist die Tatsache, dass der Mensch immer wieder neu improvisieren muss. Ihm fehlt das Wissen, um in neuen Situationen bestehen zu können. Hieraus bezieht Haig den Treibstoff für unwiderstehliche Plots von der Zeitreise bis zum Lebens-Casting. Es ist unterhaltsam, ihm zu folgen. Es weist Tiefgang auf, aber es bleiben auch Fragen im Kontext seiner Beschreibung, die man sich selbst beantworten muss. Insgesamt sicher eine inspirierende Geschichte, die lange nachhallt. Eine Story, die Mut machen kann, deren Botschaft sich dem gesunden Menschenverstand jedoch schon vor dem Lesen täglich offenbart. Du kannst nicht alles haben. Man kann es aber versuchen. Und im Leben zählt, wie beim Schachspiel, nicht nur der nächste Zug. Sonst ist man MATT. (Sagt auch Herr Haig – MATT Haig).

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Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

„Ich glaube nicht, dass dein Problem Lampenfieber war, Auftrittsangst. Oder Hochzeitsangst. Ich glaube, dein Problem war Lebensangst.“

Dieses Zitat beschreibt für mich genau, warum man „Die Mitternachtsbibliothek“ betreten sollte. Wer Lust auf gedanklich-philosophische Experimente hat; wer keine Angst davor hat, seine Lebenswege selbst zu hinterfragen und wer sich gemütlich und ein wenig ängstlich zurücklehnen mag, um sich vorzustellen, welche Titel die „Bücher der eigenen ungelebten Leben“ wohl tragen, der wird diesen Roman sicher nicht mit Ablauf der Leihfrist zurückgeben wollen. Und doch hätte ich mit Nora Seed so manche Hühnchen zu rupfen, würde sie mir in einem ihrer Leben begegnen…

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Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

SEESUCHT von Marlies van der Wel

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Seesuchtsvoll habe ich nach einem Zoom-Meeting mit dem Mixtvision Verlag auf dieses Buch gewartet. Seesüchtig freute ich mich auf den Moment des Eintauchens in einem besonderen Bilderbuch. Inzwischen hat dieses Kunstwerk hohe Wellen in der kleinen literarischen Sternwarte geschlagen. „Seesucht“ von Marlies van der Wel hat mich eingesaugt, meine Wahrnehmung verändert und mich bereichert wieder an Land abgesetzt, wo ich jetzt – festen Boden unter den Füßen – darüber schreiben kann, was ich in diesem Buch erlebt habe. Doch Vorsicht, es kann sein, dass ich zwischendurch immer wieder mal abtauchen muss, um unter Wasser Luft zu holen, damit ich mir hier keine nassen Füße bei der Rezension einfange. Die Seesucht ist einfach zu groß.

Schon beim Lesen des Buchtitels verspürte ich schon tiefe Dankbarkeit. Ich bin literarisch oft „draußen auf See“. Ich bin fasziniert von diesem tiefblauen Element, das unser Leben bestimmt. Zahllose Bücher zu den Themen Meer und Wasser bevölkern meine kleine Bibliothek und vermitteln das Gefühl, eine kleine Aquanautik-Abteilung zu führen. Was ich bisher nicht in Worte fassen konnte, gelingt Marlies van der Wel mit dem Titel ihres Bilderbuchs. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes „seesüchtig„. Jetzt gibt es endlich ein Wort für die Sehnsucht nach dem Meer. Ein Wort für die tiefe Lust, in die Wellen zu laufen, mich schwerelos zu fühlen, treiben zu lassen, und in der Tiefe nach allem zu suchen, was sich dort verbirgt. Es ist die ungestillte Seesucht, die mich immer wieder in Bücher, an Strände und an Bord von Schiffen treibt.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Da darf man sich nicht wundern, dass ich in literarische Schnappatmung verfiel, als ich auf diese Neuerscheinung aufmerksam gemacht wurde. Ich jedoch durfte mich wundern, in welche Tiefen mich dieses Buch entführen konnte. In bewegenden Bildern mit minimalistisch erscheinenden, jedoch vielsagenden Texten, erzählt uns die Autorin und Illustratorin die Geschichte von Jonas. Wir lernen ihn im Kinderwagen am Strand kennen, sehen seine ersten, magisch vom Meer angezogenen, Schritte zum Meer und das erste Eintauchen in dem fremden Element. Den großen Augen sieht man die tiefe Begeisterung an, die Schwerelosigkeit umfasst das Kleinkind, doch atmen funktioniert nicht. Im letzten Moment rettet die Mutter ihren kleinen Sohn. Was niemand ahnt. hier beginnt die „Seesucht“ des kleinen Jonas.

In interessanten Zeitscheiben dürfen wir ihm weiter auf der Suche nach seinem Sinn des Lebens folgen. Ob als Acht- oder Achtzehnjähriger, man spürt  dass seine Faszination für das Meer kein Ende findet. Nur sein Ideenreichtum nimmt zu. Es sind Zufallsfunde, die ihm nun dabei helfen, seine Aufenthalte im Meer zu verlängern. Hier erlangt auch der Begriff „Strandgut“ eine neue Bedeutung. Letztlich jedoch scheitern seine Versuche immer wieder. Der dreißigjährige Jonas experimentiert mit einem U-Boot und endlich gelingt ihm eine Tauchfahrt auf Augenhöhe mit den Fischen. Seine Konstruktion ist gewagt und nur ein dummer Zufall beendet das Abenteuer. Die Jahre ziehen vorüber und Jonas sammelt beharrlich Strandgut. Er lässt sich treiben, es sind die Zufälle, die ihn mit neuen Fundstücken versorgen. Die Liebe zum Meer bleibt. Bis wir ihn zuletzt mit achtzig Jahren sehen. Bilder, die wir kaum glauben können. Bilder, die belegen, dass lebenslang geträumte Träume und Visionen real werden können. Wir versinken in großzügigen 78 Seiten eines kleinen Wunders.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Marlies van der Wel erzählt mit ihren facettenreichen Mitteln die Geschichte einer wahrhaftigen Bestimmung. Sie erzählt von nicht enden wollender Ausdauer und einer Beharrlichkeit, die ein ganzes Leben bestimmt. Sie malt uns ein Bild des Scheiterns ins Herz und zeigt zugleich, dass Aufgeben für Jonas niemals in Frage kommt. Sie erzählt in Wort und Bild, dass man Lebensziele nicht immer auf direktem Weg erreicht, und in vielen Fragen des Lebens geduldig sein muss. Das Meer steht hier als Sinnbild für das Glück, nach dem wir alle streben. Wenn wir die Flinte ins Korn werfen (oder den Anker über Bord), dann kommen wir keinen Schritt weiter. Und genau hier wird das Buch für Eltern und Kinder oder sogar für Großeltern und das gemeinsame Lesen interessant. Auch wir hatten und haben unsere Träume, auch wir haben ihnen hinterhergejagt, mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Wenn wir Werte an unsere Kleinen weitergeben möchten, dann sind dies eben gerade Beharrlichkeit und der Wille, nicht aufzugeben.

Was hier „Seesucht“ heißt, trägt für viele Kinder und Jugendliche andere Namen. Der Transfer zu ihren Visionen und Träumen fällt leicht. Vielleicht ist es ihre Sportsucht, die Reitsucht, die Ballettsucht oder einfach die Sucht nach Freiheit. Darüber lässt sich nach diesem aufrüttelnden Bilderbuch trefflich reden. Wovon träumst Du? Was bist Du bereit für Deinen Traum zu investieren, und hast Du die Geduld, es auch auf Umwegen zu schaffen? Die Themen gehen uns nicht mehr aus. Versprochen. Und wenn man es bis hierhin geschafft hat, dann kan man das Strandgut suchen und definieren, was uns helfen kann, Lebensträume zu verwirklichen. „Seesucht“ ist ein Traumbuch. Es sind in erster Linie die faszinierenden und großformatigen Bilder, die uns bestechen. Es sind die Details, die wir in ihnen entdecken. Es ist aber auch ein Muster, das jedem einzeln geträumten Wunschtraum zugrunde liegt, das wir hier auf unser Leben übertragen.

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SEESUCHT von Marlies van der Wel – Mit einem Klick zum Film auf Vimeo

„Seesucht“ ist nicht zuletzt auch der Beharrlichkeit von Marlies van der Wel zu verdanken. Was mit einem Kurzfilm begann, an dem sie viele Jahre gearbeitet hat, ist nun zu einem Buch geworden. Aus „Zeezucht“ oder „Jonas und das Meer“ wird jetzt ein Bilderbuch, das wir jederzeit wieder hervorholen können, wenn uns die Sehnsucht mal wieder packt. Es ist das Strandgut des Lebens, das uns die Autorin überreicht. In der Geschichte finden wir das Muster der Gegenstände, die ans Ufer gespült wurden. Auch wir haben unser Strandgut immer in unserer Nähe. Auch, wenn wir denken, es sei nutzlos und wenig wert, weil es anderen verloren ging. Einen wahren Nutzen zeigt unser Strandgut nur, wenn wir ihn erkennen wollen. Dieses Buch hilft uns dabei.

Das Meer und das Wasser bei AstroLibrium. Dies ist mein Strandgut, das ich mehr als gerne mit euch teilen möchte: Es sind die Bücher, die ich fand.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Ich habe die Suche niemals aufgegeben, und vielleicht schreibe ich mit 80 Jahren mein erstes Buch. Träumen wird man ja wohl noch dürfen. Das ist der Jonas in mir.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel