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Mr. Rail... das reicht, oder?

Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

Ich erwarte die Ankunft des Teufels - Mary MacLane - Astrolibrium

Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

Heutzutage hätte Mary MacLane wohl ein provozierendes Selfie gemacht oder sie würde als Aktivistin einer Initiative zur Abschaffung der Weltkirche die Stimme erheben. Vielleicht wäre sie die wilde Vorreiterin einer Frauenbewegung. Sie säße in Talkshows, gäbe Radiointerviews oder würde mit entblößtem Busen die Bühnen des Establishments stürmen. Damals jedoch. Im Jahr 1901. In Montana. Als 19jährige Frau. Da schrieb sie Tagebuch. Damals schon war sie skandalös. Heute wäre sie es erneut. Mary MacLane. Sie schrieb gegen die Verzweiflung an, am Arsch der bekannten Welt zu einem Leben verurteilt zu sein, das sie in dem traditionellen Frauenbild des amerikanischen Westens einsperren würde. Sie schrieb sich die Wut von der Seele, täglich an ihre Grenzen zu stoßen und sich selbst im archaischen Kosmos der Kleinstadt Butte zu verlieren…

Dabei verkörperte sie alles, was ihr direktes Umfeld in Angst und Schrecken versetzt haben musste. Sie brach alle Tabus, widersetzte sich allen Normen und wirkte auf die Menschen ihrer Stadt wie ein Schreckgespenst. In einer Zeit von Law and Order und einer von Männern dominierten Welt, in der ein Revolver Peacemaker genannt wurde, war sie das, was wir heute eine Systemsprengerin nennen würden. Ihr Ausbruch aus dem goldenen Käfig ist ein literarischer Hilfeschrei, ein Manifest gegen die Fesseln der Gesellschaft und das Psychogramm einer jungen Frau, die auch aus heutiger Sicht als psychotherapeutischer Notfall bezeichnet werden könnte. Hier reichte alleine schon der Buchtitel Ich erwarte die Ankunft des Teufels, um einen echten Skandal auszulösen. Ein Skandal jedoch, der aus einem wilden Tagebuch einen Bestseller machte.

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Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

Dabei war Mary MacLane sich des gewählten Stilmittels mehr als bewusst. Es ist eine geladene Waffe in ihrer Hand. Nur ein Tagebuch. Augenscheinlich ja nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Es ist intim. Es ist, als würde man der jungen Autorin über die Schultern schauen, wenn sie fabuliert. Wir fühlen uns, als würden wir selbst mit einem Tabu brechen, wenn wir diese Zeilen lesen. Das hat sie geschickt aufgebaut. Was sie dann aus dieser Waffe abfeuert ist für das Jahr 1901 eine Sensation. Da sitzt also ein Mädchen in ihrem Zimmer und outet sich in jeder Beziehung. Sie lebt ihre Träume aus und lässt uns an ihren Leidenschaften und Hoffnungen teilhaben. Sie bricht damit alle Konventionen ihrer Zeit. Ihr Manifest muss zur Schockstarre geführt haben.

Mary MacLane verabscheut Männer, sie zweifelt an der Autorität der Kirche, nur der Teufel selbst verheißt ihr das Glück, das ihr von der Gesellschaft verweigert wird, sie ist von ihrer ehemaligen Lehrerin fasziniert, mit der sie homoerotische Lustträume und ein Gefühlsleben teilt, das den Frauen im Westen nicht nur Schamesröte ins Gesicht trieb. Mary MacLane wartet auf die Ankunft des Teufels, weil sie sich nur von ihm Befreiung erhofft. Die Liste der Sakrilege, die sie in ihrem Tagebuch begeht ist endlos. Sie heitzt alle Gerüchte an, die über sie schon im Umlauf waren. Sie dabei als Vorreiterin einer modernen emanzipatorischen Bewegung zu sehen, wäre grundfalsch. Sie ist eher der Prototyp einer feministischen Egomanin, da ihr der Rest der Welt völlig egal ist.

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Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

Glaubt mir, es ist nicht leicht den Gedankengängen von Mary MacLane zu folgen. Sie kommt wie eine verzogene junge Göre mit übersteigertem Selbstbewusstsein daher, die nur provozieren will. Ihre ewige Litanei, sie sei ein Genie, könne jedes Buch besser schreiben, als die eigentlichen Schriftsteller, ihre offen gezeigte Gewissenlosigkeit und andere Facetten ihrer Selbstreflexion schreckten mich oftmals ab. Und doch präsentiert sie uns damit die äußere Schale ihrer zerrissenen Persönlichkeit. Es ist der sichtbare Teil des Vulkans, den sie offen zur Schau stellt. Es ist die Wut-Lava, die sich über uns und die Leser von einst ergießt und Montana zu einem zweiten Pompeji werden lässt.

Wenn sie jedoch in das innere des Vulkans blickt, dann kommen Unsicherheit und Verletzlichkeit ans Tageslicht. Dann sehen wir ihre tiefsten Gedanken, die beseelt sind vom Wunsch, eine unvergessene Schriftstellerin zu werden. Man spürt, wie sehr sich Mary McLane wünscht, die Lava möge bis zu uns fließen, erstarren und ein Denkmal errichten, das ewig an sie erinnern soll. Das Buch hat heute nichts Skandalöses mehr. Die Zeit hat die Konventionen beiseite gespült, hat Frauen neue Rollen ermöglicht und die Gefängnismauern weitgehend gesprengt. Was von Mary MacLane bleibt, ist die mit Händen zu fassende Kreativität, die in jedem Wort, jedem Satz zu pulsierender Lava im Tagebuch ihres jungen Lebens wird.

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Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

Ich bin dankbar, ihr begegnet zu sein. Ich habe ihr Tagebuch geschlossen und mich gefragt, ob sie ihren Teufel jemals getroffen hat. Ich fragte mich, ob sie ihr Glück jemals gefunden hat. Der frühe Ruhm ihres Erstlingswerkes muss ihr gefallen haben. Ihr Buch hat damals hohe Wellen geschlagen und doch hat man Mary MacLane wohl irgendwann vergessen. Es war nicht relevant, was sie schreibt. Es gehörte nur ihr. Zu egozentrisch und skandalumwittert. Nach ihrem Tod im Alter von 48 Jahren konnte man ihr Schaffen selbst in Montana nicht mehr konservieren. Die Bergarbeiterregion hatte wichtigere und weitreichendere Probleme zu bewältigen, als das Andenken an Mary MacLane pflegen zu wollen.

Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ hat aus meiner ganz persönlichen Sicht für das heutige Frauenbild wenig Relevanz. Und doch bleibt es ihr Geist, der mich nachhaltig beschäftigt. Sitzen nicht auch gerade in diesem Augenblick viele junge Frauen an ihren Computern und schreiben von aberwitzigen Träumen, radikalen Ideen und den Teufeln, die uns heimsuchen sollen, um sie zu befreien? Wird man in mehr als hundert Jahren auch von ihnen schreiben, dass die Konventionen und Tabus nicht mehr existieren, die ihr Leben so sehr beschränkten. Erklären wir sie also nicht leichtfertig für verrückt oder durchgeknallt. Blicken wir hinter ihre Kulissen und Fassaden. Vielleicht finden wir eine moderne Mary MacLane, die sich wie Phönix aus der Asche erhebt und für Skandale, Furore und Aufsehen sorgt. Ist das nicht die wahre Aufgabe von Literatur? Dem Neuen Raum geben, das Ungeschriebene formulieren und Grenzen zu überwinden? Bleiben wir in Bewegung… 

Ich erwarte die Ankunft des Teufels - Mary MacLane - Astrolibrium

Ich erwarte die Ankunft des Teufels – Mary MacLane

„Das erste Drittel unseres Lebens verbringen wir in der Erwartung des Glücks. Dann kommt es, vielleicht, und bleibt für zehn Jahre, oder für einen Monat, oder drei Tage, und der Rest unseres Lebens wird in Ruhe und Frieden verbracht, mit der Erinnerung an das Glück.“

Mary MacLane hätte ich damals sicher eine Seite meines Kalenders Frauen lieben Schreiben gewidmet. Sie hätte die illustre Runde bestimmt aufgemischt.

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Eine Deutschlandreise“ von Thomas Wolfe – Manesse Verlag

Es sind sechs Etappen, in denen wir mit Thomas Wolfe durch Deutschland reisen können. Es sind zugleich sechs Zeitzonen der deutschen Geschichte, die wir an seiner Seite erleben dürfen. Warum jedoch ist das Reisejournal eines Schriftstellers relevant, der im Alter von 38 Jahren auf dem Höhepunkt des Erfolgs 1938 verstarb? Warum sind seine Tagebücher geeignet, uns hinter dem literarischen Ofen hervorzulocken? Sicher gibt es Autoren, deren Betrachtungen des sich intensiv veränderndes Landes objektiver und im geschichtlichen Zusammenhang fundierter sind. Warum einen Romancier lesen, dessen Lebenswerk durch monströse Werke wie „Schau heimwärts, Engel“ und „Von Zeit und Fluss“ geprägt ist? Was kann er uns geben, was wir nicht schon wissen? Hat dieses Buch das Potenzial, mein Lesen zu bereichern? (PodCast verfügbar)

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - Die Rezension fürs Ohr - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Dies waren die zentralen Fragen, die mich zuerst daran zweifeln ließen, als Horst Lauinger – seineszeichens Programmleiter des Manesse Verlages – dieses Buch auf der Frankfurter Buchmesse im kleinen Kreis vorstellte. Ich zweifelte daran, weil ich dem Zeitgenossen von Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald bisher literarisch nicht begegnet bin. Seine Bücher waren mir unbekannt und eigentlich wollte ich nicht gerne ein Lesekapitel öffnen, das eher einer Retrospektive gleichkäme. Und doch erlag ich in der kleinen Runde der Leidenschaft des Verlegers, der sich lapidar als Türsteher und Animateur im Club der toten Dichter bezeichnet.. Hätte ich geahnt, wie dramatisch sich das Lesen der „Deutschlandreise“ auf mein zukünftiges Lesen auswirkt, ich hätte vielleicht davor zurückgescheut. Das Opfer jedoch, Wolfe nicht kennenzulernen, wäre einfach zu groß gewesen. Nun schreibe ich hier als glückliches Opfer…

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe - AstroLibrium

Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe – Programmleiter Horst Lauinger

Wenn ich also Eine Deutschlandreise hier vorstelle, spreche ich damit eine klare Leseempfehlung aus. Einem Opfer nimmt man das vielleicht ab, weil ich jetzt aus einer Gefangenschaft schreibe, die ich nicht bereue. Mein Urteil: lesenslänglich. Ich bin selbst schuld daran. Das mag ich nicht verhehlen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle mit ein paar handfesten Bedenken aufräumen, die dem Genuss dieses Buches im Weg stehen könnten. Und schon sind wir mittendrin in der Rezension eines Reiseberichtes, der alles ist, nur kein Reisebericht. Es handelt sich eher um die geschickte Kollektion aller Texte, die Thomas Wolfe in den Jahren 1926 bis 1936 als Selbstzeugnis seiner Reisen durch Deutschland verfasste. Es sind skizzenhafte Tagebuchaufzeichnungen, Ansichtskarten und lange Briefe an die Liebe und Muse seines Lebens Aline Bernstein, seinen Lektor Maxwell E. Perkins und Freunde, die er hinterließ. Es sind starke Kurzgeschichten, zu denen er inspiriert wurde und es sind letztlich die Romane, auf die man neugierig wird, wenn man die Deutschlandreise beendet hat.

Thomas Wolfe ist in der Herangehensweise an sein Sehnsuchtsland Deutschland so wundervoll naiv und subjektiv. Man spürt seine deutschen Wurzeln, das Gefühl für seine heimliche Muttersprache und das stereotype Menschenbild, das er an jeder Ecke zu erwarten scheint. Es sind die specknackigen Deutschen, auf die er trifft. Es sind die Angehörigen der studentischen Vereinigungen, auf die er mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung blickt. Der „Schmiss„, also die Narbe aus dem Fechtkampf, wird für ihn zum Synonym einer Generation. Er erlebt die Weimarer Republik und den langsam aufziehenden Nationalsozialismus. Er erlebt die braunen Horden. Er sieht mit Hitler den „starken Mann“, der das Gefüge der Welt aus den Angeln hebt. Und alles was ihm am Anfang der Zeitenwende noch so harmlos erscheint wird greifbar lebensgefährlich, als er die Konsequenzen der Machtübernahme der Nazis für seine jüdischen Verleger im Dritten Reich realisiert. Die einzelnen Reise-Etappen werden zu Momentaufnahmen im Sturm der Zeit. Eindrucksvolle Fotos aus dieser Zeit belegen das eindringlich.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Dabei werden wir zu Weggefährten eines aufmerksamen Beobachters und eines Mannes, mit dem wir uns gerne mal auf ein Glas Bier in einem Lokal verabredet hätten. Gerade die unterschiedlichsten Phasen seiner Schriftsteller-Karriere machen das Buch so lesenswert. Erste Reisen durch Deutschland erlebt er als noch nicht verlegter Autor. Neidisch blickt er in die Schaufenster der Buchhandlungen, bestaunt die Bücher seiner Kollegen, die ihre Spuren bereits im deutschen Sprachraum hinterlassen haben. Sein Blick fällt auf James Joyce, Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald. Später, nach der Veröffentlichung der Übersetzung seines ersten Romans Schau heimwärts, Engel wird auch er wahrgenommen. Er sonnt sich im aufstrebenden Ruhm und genießt es, im Rampenlicht zu stehen.

Wir entdecken die Muster seines Schreibens, spüren die Textmelodien, die sich aus den Tagebüchern in die längeren Briefe übertragen. Hier werden die Skizzen ausgemalt und lebendig. Seine darauf aufbauenden Kurzgeschichten „Dunkel im Walde, seltsam wie Zeit„, „Oktoberfest“ oder „Nun will ich ihnen etwas sagen“ sind dann bereits von einer außergewöhnlichen literarischen Klarheit gekennzeichnet. Es ist gerade der flotte Wechsel zwischen Tagebuch, Postkarten, Brief und fiktionaler Erzählung, der hier zum Strickmusterbogen jenes Buches wird, das uns Thomas Wolfe so nahbringt, wie es ihm selbst wohl gar nicht recht gewesen wäre. Es fühlt sich an, wie das Lüften der intimsten Geheimnisse des Schriftstellers, der uns niemals einen Blick auf die Blaupause seines Schaffens gewährt hätte. Hier liegt sie nun offen. Wir sollten behutsam mit ihr umgehen. „Eine Deutschlandreise“ entschlüsselt die literarische DNA eines großen Autors.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Wer sich mit Thomas Wolfe auf Eine Deutschlandreise begibt, wird in vielfacher Hinsicht von einer meisterlichen Kollage begeistert werden. Wir werden zu Zeugen der Entwicklung eines Genies zu einem Bestsellerautor, wir treffen ganz zufällig auf die wichtigen Weggefährten seines Lebens und begegnen ganz zufällig James Joyce. Wir entdecken unsere Heimat neu. Frankfurt, München oder Berlin in den Zeitscheiben des Buches zu erwandern, ist ein besonderes Erlebnis. Es wird zusehends dunkler im Land seiner Väter. Thomas Wolfe begibt sich auf eine Gratwanderung, die ihn selbst fast zu einem Flüchtling werden lässt. Diese Eindrücke verfestigen sich in seinen Romanen. In kaum einer anderen Vita steckt so viel eigenes Erleben als Grundlage des Schreibens, wie in der von Thomas Wolfe. Authentizität und Leidenschaft gehen hier Hand in Hand.

Ich bin ein Opfer. Und ich bin es mehr als gerne. Ich habe seine Romane um mich versammelt, ich werde sie lesen, werde die Fährten aufspüren, die Thomas Wolfe auf seinen Reisen gelegt hat. Ich werde Menschen in seinen Büchern wiedererkennen, die er schon in seinen Kurzgeschichten nicht sehr gut verbergen konnte. Ich werde Berge und Städte wiedererkennen, die er im Tagebuch nur angerissen hat und ich werde mir wohl die Augen verwundert reiben, wenn ich die kleinen Belanglosigkeiten des Reisens in seinen Romanen zur Literatur erhoben sehe. Man wird noch von mir hören, da mich Thomas Wolfe noch lange beschäftigen wird. Er schrieb nicht viele Geschichten, bevor er im Alter von 38 Jahren starb. Und doch sind es tausende Seiten, die er hinterließ.

Ich bin infiziert und gebe den Thomas-Wolfe-Virus gerne weiter. Hier ist jedoch das Gegenmittel bekannt. Es ist in jeder Buchhandlung zu erhalten, nur kann ich euch leider kein Rezept ausstellen. Privatleser kennen das ja schon. Es gibt keine Versicherung in unserem Land, die unsere Leidenschaft unterstützt. Was kommt also noch? Was könnt ihr noch von mir erwarten. Zuerst einmal ein Filmtipp. „Genius“ mit Jude Law und Colin Firth gehört für mich zu den brillantesten Literaturfilmen. Hier wird die Geschichte eines Lektors erzählt, dessen heroische Aufgabe darin besteht, die mehreren tausend Seiten der Mansukripte von Thomas Wolfe so zu literaturisieren, dass es lesbare Meisterwerke werden. Seine Referenzen: Hemingway und F. Scott Fitzgerald. (Die auch in diesem Film vorkommen). Stark inszeniert und vor bibliophiler Leidenschaft nur so strotzend.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Und dann folgen die Bücher: Schau heimwärts, Engel, Von Zeit und Fluss und Die Party bei den JacksIch danke dem Türsteher im Club der toten Dichter für die Infektion. Ich komme mit den Symptomen derzeit ganz gut zurecht. Doch werde ich oft mitten in der Nacht wach und schrecke im Gefühl auf, noch ungelese Wolfe-Romane auf dem SUB liegen zu haben. Unheilbar lesekrank.

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Eine Deutschlandreise von Thomas Wolfe

Die Bagage von Monika Helfer

Die Bagage von Monika Helfer - AstroLibrium

Die Bagage von Monika Helfer

Manchmal ist eine Geschichte so brüchig und fragil wie Blätterteig. Manchmal ist eine Geschichte so persönlich und intim, dass sie von Schriftstellern in so viele Lagen des Butterteigs gehüllt wird, bis nur noch ein hauchdünner Schleier als äußere Schicht bleibt, die es zu durchstoßen gilt, um zur eigentlichen Füllung vorzustoßen. Ein wenig Puderzucker lenkt vielleicht für einen kurzen Moment ab, wenn man sich dann jedoch ins Innere des literarischen Strudels vorgetastet hat, kann man Zeuge einer Explosion werden, die man in der Tiefe des Zuckerwerks nicht ansatzweise erwartet hätte. Dabei war es gerade der Blätterteig, der in den Zeiten des Ersten Weltkriegs im Vorarlberg als wahrer Luxus angesehen wurde. Besonders bei Menschen, deren Armut ihnen die Tür zu solchen Genüssen versperrte.

Es  ist die österreichische Autorin Monika Helfer, die uns in ihrem neuen Roman in ihre Heimat entführt, in eine Zeit, in der sie noch nicht auf der Welt war. Eine Zeit ihrer familiären Wurzeln. Sie blickt zurück auf das Leben ihrer Großeltern, deren Kinder und die Lebensumstände eines besonderen Familienverbundes am Rande der Gesellschaft. Sie sind „Die Bagage„. Zu arm, um im abgelegenen Bergdorf als Teil der Gemeinschaft akzeptiert zu sein. Zu ab- und ausgegrenzt, um sich als zugehörig fühlen zu können. Zu „anders“, um von den Dörflern als gleichwertig betrachtet zu werden. Und doch sind die Moosbruggers mit ihrem Leben zufrieden und machen das Beste aus der Situation.

Die Bagage von Monika Helfer - AstroLibrium

Die Bagage von Monika Helfer

Als der Erste Weltkrieg losbricht, ist es nur logisch zuerst den Josef ins Feld zu schicken. Ohne ihren Mann bleibt Maria Moosbrugger mit ihren Kindern zurück. Es ist die Abängigkeit von der Mildtätigkeit des Bürgermeisters, die fortan ihr Leben bestimmt. Es ist die Einsamkeit, in der Maria mit ihren Kindern zurückbleibt und es ist Sehnsucht, die ihr Leben bestimmt. Die Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit, nach einer Zeit ohne Sorgen und es ist die Sorge um ihren Mann, die sie verzehrt. Allein auf dem Hof wird es für Maria von Tag zu Tag unerträglicher. Sie, die Hübscheste im Tal, wir zur Zielscheibe der Begierde. Jeder hätte sie gerne gehabt, jeder träumt von ihr und nun endlich hat sie der Bürgermeister in der Hand.

Es ist aber auch die Zeit, in der ein geheimnisvoller Fremder das Dorf erreicht. Ein Mann, der so anders ist, als die Männer im Tal. Er spricht hochdeutsch, ist gut gekleidet und sieht blendend aus. Sein Blick fällt auf die einzigartige Maria. Als Georg an die Tür der Bagage klopft, scheint sich die Sehnsucht von Maria nach der „einen“ großen Liebe ihres Lebens in der guten Stube zu bewahrheiten. Jetzt sind es schon zwei Männer, die ihr den Hof machen, sie umgarnen und Maria für sich einnehmen wollen. Unterbrochen nur von einem kurzen Fronturlaub ihres Mannes genießt sie die Avancen des Fremden und lehnt sich gegen die Übergriffe des Bürgermeisters auf. Und mittendrin vier Kinder, die zu naiven Zeugen des Geschehens werden. „Die Bagage“ kommt ins Gerede.

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Die Bagage von Monika Helfer

Als Maria schwanger wird, brodeln die Gerüchte im Dorf. Es wird gerechnet und spekuliert, verurteilt und sanktioniert. Die Kirche handelt, die Menschen sprechen von der Hure, und als Josef am Ende des Krieges nach Hause kommt, steht auch für ihn fest, dass Grete nicht von ihm sein kann. Das fünfte Kind der Bagage wird von Josef ignoriert, er spricht kein Wort mit Grete, sieht sie nicht ein einziges Mal an. Als würde sie nicht existieren, wird das Leben fortgesetzt. Zwei weitere Kinder kommen zur Welt. Die Bagage wächst. Grete bleibt für alle Zeiten das große Geheimnis der Familie. Wie gehen die Geschwister mit ihr um? Wie reagiert Maria? Was macht ein solches Leben mit einem Mädchen? Bohrende Fragen, denen sich Monika Helfer im tiefsten Inneren ihrer Blätterteig-Erzählung widmet. Sie entfernt Schicht um Schicht der brüchigen Hülle und führt uns ins Zentrum ihrer eigenen Lebensgeschichte.

Es ist die Geschichte ihrer eigenen Mutter, die hier Gestalt annimmt. Jener Grete, der die Erzählerin entstammt. Hier wird ihre persönliche Betroffenheit zur Triebfeder der Geschichte. Stammt sie von einer untreuen Mutter ab? Basiert alles auf einer Lüge? Hat diese alte Geschichte Auswirkungen bis in die Gegenwart? Monika Helfer erinnert sich an die Geschwister ihrer Mutter, öffnet sich Erinnerungen und beschwört Bilder herauf, die Antworten geben können. Sie geht nicht linear durch die Schichten ihrer Erzählung. Es sind Erinnerungsfetzen, die sie zu einem Bild zusammenfügt. Es sind Aussagen der Tanten und Onkel, die sie neu zu werten beginnt. Das so entstehende Bild wird zu einer bewegenden und aufwühlenden Hommage an die eigene Mutter, den distanzierten und kalten Vater und an ihre Brüder und Schwestern. Eine Liebeserklärung an die Bagage.

Die Bagage von Monika Helfer - AstroLibrium

Die Bagage von Monika Helfer

Mit ursprünglicher Wucht, zerbrechlicher Eleganz und zweifelnder Empathie lässt uns Monika Helfer zum Teil ihrer Bagage werden. Sie erzählt tieftraurig, melancholisch und dann wieder voller Stolz und Lebensgier von den Ihren. Wir schultern die Gewehre, um Maria zu verteidigen, ziehen mit Josef in die Schlacht, verjagen den miesen Pfarrer vom Hof und kämpfen im Tal gegen alle Gerüchte. Und doch können wir jenen Fremden aus Hannover verstehen, wir leiden mit dem Bürgermeister und verurteilen Maria nicht für ihre Träume. Eine verzweifelt aufrechte Geschichte von Sehnsucht, Vorurteilen und Träumen, die nicht gelebt werden durften. Ein Zitat hallt lange nach. Es steht für so viel in diesem Roman. Verzicht und Genügsamkeit in absolut unwirtlichen Zeiten. So erzählt nur eine große Autorin:

„Wir haben alles gehabt, und das meiste war uns nicht vergönnt.“

Als Monika Helfer am Ende ihrer Erzählung vor einem Gemälde des großen Pieter Bruegel steht und es aufmerksam betrachet, verschwimmen die Ebenen zwischen der Erzählung und ihrer Wahrnehmung, Hier lässt sie ihre Bagage auferstehen, erweist ihr die Ehre und erweist allen, die je waren und sein werden ihre Referenz. Der würdevolle Umgang mit ihren Eltern, Onkeln, Tanten und ihren eigenen Kindern ist sehr bewegend und schützt uns fortan, den Begriff „Bagage“ mit negativer Betonung zu verwenden. Er ist zum Prädikat für eine Familiengeschichte geworden, die zu den großen literarischen Ereignissen dieses Jahres gehört.

Die Bagage von Monika Helfer - AstroLibrium

Die Bagage von Monika Helfer

Es war ein Privileg, diese Erzählung nicht nur lesen, sondern parallel dazu hören zu dürfen. Monika Helfer liest das Hörbuch zu ihrem Buch selbst. Wer auch nur eine Sekunde an der Authentizität dieser Geschichte zweifelt, der möge hören. Ihre brüchige Stimme trägt die Handlung durch die Zeitebenen. Man wagt es kaum noch zu atmen, so zerbrechlich wirkt der Vortrag. Und doch ist ihre Sprache so klar und gefestigt, dass sie ihren Zuhörer in ihren Bann zieht, als säße man selbst in der abgelegenen kleinen Hütte und warte mit den Kindern und der Mutter auf die Heimkehr des Vaters. Die vollständige Lesung dauert 4 1/2 Stunden. Stunden, die Zeit und Raum verschmelzen lassen und im Lesenhören Spuren hinterlassen.

Ich dachte oft an Jeannette Walls und ihr „Schloss aus Glas. Auch hier ist es eine Familie im Abseits, eine Bagage, die gegen alle Vorurteile ein eigenes und freies Leben führt. Nicht ohne Wunden, nicht ohne Traumata, die lebenslang anhalten. Und doch so intensiv und authentisch, wie ich es nun bei Monika Helfer erleben durfte. „Die Bagage“ ist ein aus der Zeit gefallener Roman, der uns zeitlos vor Augen hält, welche Folgen es haben kann, ein Gerücht in die Welt zu setzen. Hüten wir uns davor und verteidigen die Bagage mit allem, was wir haben. Absolute Lese- und Hörempfehlung!

„Du hast wahrscheinlich keine Chance, nicht etwas Besonderes zu sein.“

Das trifft sowohl auf die schöne Maria als auch auf diese Geschichte zu! 

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Die Bagage von Monika Helfer

Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Der Zirkel der Literaturliebhaber - Amir Hassan Cheheltan - Astrolibrium

Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan – Astrolibrium

Es ist die Liebe zum literarischen Erbe ihrer Heimat, die sie alle vereint. Es ist die Liebe zum geschrieben Wort, die sie zusammenführt und es ähnelt einem literarischen Salon in Europa, wenn sie sich in einem besonderen Raum eines einfachen Hauses im Zentrum von Teheran versammeln. Es ist Der Zirkel der Literaturliebhaber, in den wir von Amir Hassan Cheheltan ohne Vorbehalte eingeführt werden. Der Schriftsteller ist sich sehr wohl darüber im Klaren, dass er sich mit seinem Buch nicht an Lesende und Literaturfreunde wendet, die ein Studium der persischen Literaturgeschichte absolviert haben. Nein. Er macht es uns leicht, weil wir uns von der ersten Seite an wünschen, in diesem Zirkel der Weltoffenheit und Bücherleidenschaft stille Zaungäste sein zu dürfen.

Es ist sein Leben, das der im Iran geborene Journalist und Schriftsteller hier vor uns öffnet. Es war sein Elternhaus, das dem Zirkel als Versammlungsort diente und es waren die guten Freunde seiner Eltern, die sich hier über Jahrzehnte hinweg trafen, in ihren Leseerinnerungen versanken, diskutierten, rezitierten und auch über Bücher und Autoren stritten. Es war sein Vater, der diesen Zirkel ins Leben rief. Und er war es, der seinem Sohn schon in ganz jungen Jahren den Zutritt zu einem „Club“ gewährte für den er eigentlich noch viel zu jung war. Die Exklusivität dieser Gesellschaft und das Land, in dem sich so viel verändern sollte, steckten den Rahmen für jene Treffen ab. Ein fragiler Rahmen voller Risiko und Gefahr. Fast vierzig Jahre lang währten die Treffen. Jahre, in denen sich die großen persischen Literaten ein Stelldichein gaben. Obwohl diese schon seit ewigen Zeiten verstorben sind, gehören sie zum inneren Kreis des Zirkels. Als wäre Shakespeare unter uns, wenn wir über Romeo und Julia sprechen. Magisch.

Der Zirkel der Literaturliebhaber - Amir Hassan Cheheltan - Astrolibrium

Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Natürlich geht es um Literatur in diesem Buch. Aber es geht auch um das Land, in dem sich Literaturliebe ihren Weg bahnt und dabei steht der Iran sinnbildlich für jedes Land dieser Welt und für viele politische Systeme, die ihre Finger nach der Kultur und den Menschen ausgestreckt haben, für die Literatur mit freiem Denken gleichzusetzen war. Was uns Amir Hassan Cheheltan über sein Heimatland erzählt ist erschreckend und doch so greifbar, weil wir vergleichbare Wellenbewegungen von Machtmissbrauch auch in den verschiedenen Deutschlands seit 1933 noch gut vor Augen haben. Hier ist uns nichts fremd. Lediglich die Rolle der Religion tritt an die Stelle von Ideologien, in denen Kultur als systemfeindlich gebrandmarkt, verbrannt und als entartet ausgegrenzt wurde.

Insofern ist der „Zirkel der Literaturliebhaber“ ein Sehnsuchtsort, ein Biotop des freien Denkens und gleichzeitig Dorn im Auge und Stachel im Fleisch jener, die solche Biotope trockenlegen wollen. Da ist es echt egal, ob wir von Nazis, Sozialisten oder von einem persischen Schah und den Mullahs sprechen, die ihn aus dem Land trieben. Wir verstehen dieses Buch richtig. Wir erkennen die Risiken eines solchen Reservates und wir können gut nachvollziehen, was im inneren Gefüge des Zirkels vor sich ging, als die Mitglieder der Gruppe nach der Revolution erfuhren, dass Geheimdienstmitarbeiter des Schah-Regimes den Zirkel unterwandert hatten und detailliert über die Treffen berichtet hatten. Hier klingeln Worte, wie inoffizielle Mitarbeiter und Denunzianten mehr als heftig in unseren Ohren.

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Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Hier ist die Schönheit der persischen Sprache, die Hochkultur des Schreibens der beste Fluchtpunkt. Hierhin kann man sich zurückziehen, um über Liebe, Leidenschaft und die großen Dinge des kleinen Lebens zu philosophieren. Und Flucht ist immer dann von besonderer Relevanz, wenn sich das tägliche Leben in instabilen Verhältnissen und immer engeren Grenzen abspielt. Ein Refugium ist hier lebenswichtig. Das Buch strotzt nur so vor kleinen und wundervollen Anekdoten aus den alten Büchern der Dichter des Landes. Sie muten an, wie Geschichten aus Tausend und einer Nacht. Wir erleben den Affen, der immer ohne Herz verreist, weil es so traurig ist, dass er seine Freunde nicht mit seinem Schmerz konfrontieren möchte. Als er unterwegs auf einem Menschen trifft, der auf der Suche nach einem Affenherz als Medizinersatz ist, rettet ihm seine Marotte das Leben. Herrlich erzählt, wundervoll zu lesen und metaphorisch in jedem Kulturkreis von Relevanz. Man sollte nicht mit schwerem Herzen reisen.

Es sind die ganz großen Autoren der persischen Literatur, die hier ins Feld geführt werden. Rumi, Hafis, Saadi, Ferdowsi und viele andere öffnen dem Zirkel ihre Bücher und inspirieren die Männer und Frauen zu eigenen wunderbaren Gedanken. Während vor der Tür die Revolution tobt, die Mullahs die Macht an sich reißen und auch Literatur in den Fokus der islamischen Führer rückt, wird es zusehends gefährlich für den Zirkel. Der Koran steht über allem. Er scheint jedoch nicht vereinbar mit der Freiheit der alten Meister, auch sexuelle Themen in den Mittelpunkt ihres Schreibens zu stellen. Hier geht die Schere zwischen Kunst und Religion zu weit auf. Hier wird es gefährlich und hier ist der Zirkel der Literaturliebhaber allein auf weiter Flur. Untergrundlesen ist angesagt.

Der Zirkel der Literaturliebhaber - Amir Hassan Cheheltan - Astrolibrium

Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Toleranz: Fehlanzeige und die Freiheit des Denkens kann man abhaken. Hier geht Amir Hassan Cheheltan einen weiteren Schritt in ein Niemandsland, das man eigentlich nicht gerne betritt. Er setzt homophobe politische und religiös überlagerte Systeme auf die Anklagebank. Hier zeigt er deutlich auf, wie selbstverständlich gleichgeschlechtliche Liebe in der historischen persischen Literatur thematisiert wurde. Während draußen vor der Tür Homosexuelle zum Tode verurteilt oder hingerichtet werden, vertieft sich jener Zirkel in Textpassagen, die an Freizügigkeit nicht zu überbieten sind. Literatur ist ohne Vorurteil. Literatur ist nicht heterosexuell, sie ist oft so schwul, wie sie nur sein kann und sie geht diesen Weg konsequent zurück bis zu ihren Anfängen.

Hier liegt eine der wesentlichen Leistungen dieses Buches, das wie ein Wolf im Schafsfell daherkommt. Das ist nichts für homophobe Lesende voller Vorurteile. Hier wird es provokant und überschreitet eine Vielzahl von Grenzen, die in vielen Ländern auch heute noch gezogen sind. Hier zeigt das Buch Flagge und lehnt sich gegen jede religiöse Doktrin auf und hier bezieht der Schriftsteller Stellung im Schützengraben der weltoffenen Freigeister. Ich wünsche es mir so sehr, dass dieses Werk aus Versehen jemandem in die Finger fällt, dem seine Vorurteile bitter aufstoßen. Eine differenzierte Beschreibung homoerotischer literarischer Passagen darf man hier nicht erwarten. Es geht bei den großen Meistern recht unverblümt zur Sache. Ich war mehr als begeistert von diesen Aspekten. Ein zutiefst humanistisches Buch voller Botschaften – gerade für den nicht-persischen Sprachraum. So sehr lesenswert.

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Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Und ich wünsche mir, dass ich eines Tages etwas erlebe, was mir bisher verwehrt blieb (und das ist wahrlich kein Vorwurf):

„Mein Vater hat das später lachend als meinen Sturm auf seine Bibliothek
bezeichnet. Er hatte recht, an jenem Nachmittag hatte ich seine Bibliothek
gestürmt. Ein Dürstender, nicht ahnend, dass er von Flüssen umgeben war.“

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Der Zirkel der Literaturliebhaber – Amir Hassan Cheheltan

Da sind wir – Magisches von Graham Swift

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Da sind wir von Graham Swift

Wo liegt der Unterschied zwischen Zauberei und Magie? Laut Graham Swift gibt es eine Scheidelinie, die beide Welten trennt. Eine Grenze zwischen Trick und Illusion. Es ist eine gefährliche Grenze, die sich nur überschreiten lässt, wenn ein Zauberer seine Kunstfertigkeit so weit perfektioniert hat, dass ihm sein Übertritt in das neue Universum gelingt, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Dem Publikum zu geben, was das Publikum erwartet, ist und bleibt in beiden Zweigen des Metiers die relevante Ausgangsposition. Doch nur ein Magier wird jemals Weltruhm erlangen und sich schließlich „Der Große“ nennen dürfen.

Wir kennen sie alle. Die Houdinis, Copperfields und Uri Gellers dieser Welt. Wir haben ihre Shows gesehen und, im Fall des Großen Houdini, von seinen Fähigkeiten gelesen. Wir haben gestaunt und waren verzaubert. Die Faszination des Unfassbaren hat uns dabei fest im Griff. Neugier treibt uns in die Hände des „Maskierten Magiers„, der im Fernsehen die großen Geheimnisse seiner Kollegen verrät. Ein Whistleblower der magischen Zirkel. Ein Sakrileg, dem wir gerne folgten. In genau diesem Kosmos der Phänomene spielt der neue Roman von Graham Swift. „Da sind wir“ lässt jedoch auf den ersten Blick nicht vermuten, dass wir uns in den `50er Jahren auf dem legendären Pier in Brighton befinden und im Showbetrieb des Seebades versinken.

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Da sind wir von Graham Swift

Auf Sand gebaut, von Wasser umspült, nicht für die Ewigkeit erdacht scheint der Steg zu sein, den ich schon selbst betreten durfte. Unwirklich im strahlenden Weiß ist die historische Holzkonstruktion noch heute ein Magnet für Touristen an der Küste des Ärmelkanals. In den 1950er Jahren ein wahrer Hotspot jener Unterhaltungsbranche, da man schon ein Theater besuchen musste, um Künstler zu bewundern. Und doch ist es ein Papagei, der das Buchcover ziert. Keine Taube, wie es eigentlich vom Berufsstand der Zauberkünstler oder Magier zu erwarten wäre. Eine Mogelpackung? Mitnichten. Es ist der erste visualisierte Missing Link, der im Lauf der Geschichte eine besondere und einfach magische Bedeutung erlangt.

Graham Swift erzählt die Geschichte einer besonderen Dreiecksbeziehung. Es ist eine wahrhaftig magische ménage à trois, in der es nicht nur auf der Bühne, sondern eben gerade hinter den Kulissen pulsiert und vibriert. Sie sind die Stars des Programms und sie werden von Tag zu Tag berühmter. Ihre Show rückt immer mehr in das Zentrum des Abends. Vor ausverkauftem Haus verzaubern Ronnie Deane und Evie White jeden Tag die Zuschauer als „Pablo und Eve„. Der Zauberer und seine Assistentin haben ihr Publikum fest im Griff. Doch beide wären nichts ohne den heimlichen Star des Abends, den Conférencier und Entertainer Jack Robbins. Er hat sie zusammengebracht. Er hat ihnen das Engagement ermöglicht und er hat den eigentlichen Zauber losgetreten.

Da sind wir von Graham Swift - Astrolibrium

Da sind wir von Graham Swift

Der Plot ist schnell erzählt. Zauberer und Assistentin sind mehr als nur das. Nicht nur eine Nummer im Programm, sie sind verlobt. Die Hochzeit naht bereits. Und doch ist es der Entertainer, der Abend für Abend nur Augen für die schöne Evie White hat. Als es zum unvermeidlichen Seitensprung kommt und der „Große Pablo“ erkennt, was passiert ist, kommt es zum großen Finale auf offener Bühne. Aus der Zauber. Keine Spur mehr vom großen Gemeinsamen. Nichts mehr mit „Da sind wir„. Der Magier verschwindet im Farbenrausch seines großen Regenbogen-Tricks. Und nicht nur das. Er bleibt für alle Zeiten verschwunden, als wäre dies die größte Illusion seiner grandiosen Karriere.

Wo liegt der literarische Unterschied zwischen einem magischen Buch und einem Roman, der uns verzaubert? Graham Swift hat eine Antwort: „Da sind wir„. Wenn ein Autor sich von all seinen Tricks zu lösen vermag und der Illusion Raum verschafft, dann gelingt ihm in der Konstruktion seiner Geschichte der Übertritt in eine Welt jenseits des Niemandslands, in dem die schreibende Zunft nur dadurch besticht, weiße Tauben aus dem Zylinder zu zaubern. Es ist der Abschied von der Vorhersehbarkeit, die vehemente und radikale Trennung von der Beliebigkeit, die spürbar wird. Graham Swift ist auf dem besten Weg, am Ende seines Romans als der „Große Swift“ bejubelt zu werden. Bleibt nur zu hoffen, dass er nicht mit einem großen Knall von der Bühne verschwindet.

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Da sind wir von Graham Swift

Swift verschiebt alle Zeitebenen in seinem Roman. Er entführt uns in das Davor, das Während und das Danach. Er macht uns zu Wegbegleitern seiner Protagonisten in die Vergangenheit ihrer Lebensgeschichten, als sie noch keine Entertainer, Zauberer oder nur Assistentin waren. Er entführt uns in die Welten der großen Erwartungen von Eltern und in die Abschiebung eines kleinen Jungen in eine Evakuierung im Zweiten Weltkrieg. Er erweckt Welten zum Leben, die wir später auf der Bühne wiedererkennen. Er verleiht seinen Charakteren den Schein der Realität und Plausibilität, den wir benötigen, um uns an sie zu binden. Nein, es ist nicht zauberhaft, was Graham Swift hier erzählt. Es ist die pure Magie.

Graham Swift wartet wie eine Spinne inmitten seines Spinnennetzes auf uns. Ihm gelingt das magische Momentum, wenn wir die 75-jährige Evie White im Spiegel sehen und gerührt sind, wenn sie die Andenken einer längst vergangenen Zeit betrachtet. Hier gelingt es dem Autor, uns in Schwingung zu versetzen, wenn er nur an einem einzigen Faden seines Spinnennetztes zieht. Damit gibt er sich nicht zufrieden. Er versetzt sein ganzes Netz in Schwingung. Es ist dabei ein Ort, der unvergessen bleibt. Es ist der Ort, an dem der junge Ronnie Deane einen Teil seiner Kindheit verbrachte, als er alles war, nur kein Zauberer. Niemand wird dieses Haus, die Menschen und die Stimmung dieser Umgebung vergessen, wenn die letzte Seite dieses Romans geschlossen ist. Niemand wird jemals „Evergrene“ vergessen. 

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Da sind wir von Graham Swift

Ich habe Da sind wir gelesen und gehört. Im magischen Wechsel, um mich nicht auf der Bühne zu verlieren. Ulrich Noethen erreicht hier ein bühnenreifes Niveau in einer Geschichte, die ohne jene Bretter, die die Welt bedeuten nicht funktionieren kann. Er wird zum Conférencier und Zauberer. Er lässt eine Sprache lebendig werden, die im Roman so wichtig für die gesamte Story ist. Und er verkörpert die niemals alternde Evie White in all ihrer Melancholie, ihrem schlechten Gewissen und der Sehnsucht am Ende einer langen Geschichte. Und, wenn Ulrich Noethen das Wort „Evergrene“ in den Mund nimmt, dann rette sich wer kann. Dann verschwindet auch ihr im Regenbogen einer der schönsten Geschichten des Jahres. Aus der Zauber. Lest oder hört selbst. Bringt euch nach Evergrene. Gar kein fauler Zauber. Versprochen.

Buch: dtv Verlagsgesellschaft – 160 Seiten – Aus dem Englischen von Susanne Höbel – Originaltitel „Here we are“ – 20 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag – ungekürzte Lesung – Sprecher: Ulrich Noeten – Laufzeit: 5 Stunden 41 Minuten – 4 CDs – 20 Euro

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