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Mr. Rail... das reicht, oder?

„Die Enthüllung der Welt“ von Stefan Schmortte

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

Dem ersten Buch eines neuen Jahres kommt für mich große Bedeutung zu. Fast schon abergläubisch wähle ich es ganz bewusst aus, weil dieses erste Lesen für mich Signalwirkung hat und wegweisend ist. Diesmal sollte es ein historischer Roman sein. Ein Buch mit möglichst unverbrauchtem Thema, literarischem Neuland und einer Story, die geeignet erschien, mich in mein literarisches Universum 2018 zu katapultieren. Ich entschied mich für ein Debüt. Autor neu, Inhalt neu, Jahr neu. Was wollte ich mehr? Es ist ein fast heiliges Ritual, dieses erste Buch besonders zu zelebrieren.

Die Enthüllung der Welt“ von Stefan Schmortte, erschienen im Lago Verlag, sollte es sein. Das 17. Jahrhundert klang als Ziel meiner Zeitreise mehr als interessant und das Kernthema des Romans war mir bisher in gebundener Form noch nicht begegnet. Die Geschichte des Mikroskops. Im Kleinen das Große erkennen. Expeditionen in eine unentdeckte Welt, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen. Entdeckungen von großer wissenschaftlicher Tragweite in einer Zeit, in der sich die Gelehrten der Welt noch darum stritten, ob unsere Erde sich wirklich dreht. Eine Zeit, in der die Aufklärung den Ansichten der katholischen Kirche diametral entgegenstand und man als Forscher riskieren musste nicht nur seinen Ruf, sondern auch das Leben zu verlieren.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

In genau diese spannende Zeit wollte ich mich hineinlesen. Historisch fundiert und authentisch musste es sein. Und die Protagonisten sollten mich an sich binden. Gefühle wecken. Eine besondere geschichtliche Epoche mit ihrem Leben füllen und mich zum Wegbegleiter erwählen. Ja, Ansprüche an einen Roman können sehr hoch sein. Ich will es hier vorwegnehmen. Ich habe die beste Entscheidung meines Lesens getroffen. Es war ein grandioser Start ins Lesejahr 2018 und ich werde dieses Buch so schnell nicht vergessen, weil es in jeder Beziehung alles hielt, was ich mir von ihm versprach! Es ist spannend, emotional, unvorhersehbar, fundiert und wirkt wie aus der Zeit gefallen, weil es einen atmosphärischen Bogen spannt, der literarisch außerordentlich tragfähig ist.

Nur eines ist Die Enthüllung der Welt sicher nicht. Ein historischer Roman. Weg mit den Schubladen, hinfort ihr Klischees! Hier betritt ein Autor das literarische Parkett, der wie sein fiktionaler Protagonist Piet van Leeuwen der allzu dogmatischen Sicht der tradierten Kategorisierung des Denkens entgegentritt und sich von allen Zwängen löst. Stefan Schmortte verweigert sich der einfachen Einordnung, dem Schubladendenken des Mainstreams. „Die Enthüllung der Welt“ ist ein brillant erzählter Roman. Ich habe es mit einer Geschichte zu tun, die mir an einem Lagerfeuer erzählt werden könnte. Sie lebt von den Charakteren, die frei erfunden sind und doch so lebendig wirken, als hätte es sie wirklich gegeben. Dies ist kein historisch wissenschaftlicher Roman, der sich bei genauer mikroskopischer Betrachtung vermessen lässt. Dies ist eine tolle Geschichte.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

„Es war noch sehr früh am Morgen, als in der niederländischen Stadt Delft, am Ende einer kopfsteingepflasterten Gasse nahe der alten Kirche, ein junger Mann in seinem Haus erwachte, der mehr als jeder andere seiner Zeit einen Blick für die Kleinigkeiten in der Welt besaß.“

Mit diesem ersten Satz im Roman lernen wir Piet van Leeuwen kennen. Ein junger Mann mit einem außergewöhnlichen Lebensweg in ungewöhnlich unruhigen Zeiten. In diesem ersten Satz erkennen wir schon, dass er über eine besondere Fähigkeit verfügt, die ihn von anderen Menschen seines Zeitalters unterscheidet. Er ist scharfsichtig wie kein Zweiter. Er erkennt mit bloßem Auge Details, die andere nicht mal mit einer Lupe sehen würden. Eine Gottesgabe, könnte man sagen. Wenn man es sich leicht machen wollte. Fluch und Segen, könnte man sagen, wenn man diese Gabe im Kontext seines Lebens betrachtet.

Denn jeder guten Gabe scheint Gott ein ebenso großes Leid an die Seite gestellt zu haben. Piet van Leeuwen ist kleinwüchsig, verunstaltet und eben genau nicht das, was sich seine Mutter als Sohn gewünscht hat. Sie schämt sich für ihn. Missgeburt und Schande. Worte, die seine ganze Kindheit begleiten. Als sein Vater Selbstmord begeht entsorgt man den kleinen Piet mit Hilfe der Kirche in ein Kinderheim. Weg mit ihm. Aus den Augen aus dem Sinn. Die brutale Erziehung und ständige Misshandlungen härten Piet für sein Leben ab. Flucht ist sein einziger Ausweg. Seine Augen sind sein einziger Trumpf. Die letzte Botschaft seines Vaters wird zum Lebensmantra…

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

„Wer für das Allerkleinste im Leben ein Auge hat, wird das Allergrößte in seinem Leben erreichen!“

Mit seiner Scharfsichtigkeit öffnet er den Menschen in seinem Umfeld die Augen. Piet van Leeuwen geht seinen Weg. Einen Weg, der von Neugier und Liebe geprägt ist. Einen Weg, der das Unsichtbare sichtbar werden lässt. Wenn schon das bloße Auge in der Lage ist, Dinge zu sehen, die eigentlich unsichtbar sind, was könnte man da noch entdecken, wenn man die eigene Sehkraft verstärken würde? Diese Frage führt ihn zur Suche seines Lebens und damit in seine kleine Werkstatt und zu seiner Apparatur, mit der er erstmals Dinge beobachten kann, die dem menschlichen Auge verborgen waren.

Mit diesem ersten Mikroskop tritt er eine Kette von Ereignissen los, die sein Leben verändern. Er muss um sein Leben fürchten, da seine Beobachtungen im Widerspruch zur Kirchenlehre stehen. Er erlangt wissenschaftlichen Ruhm, indem er von Menschen unterstützt wird, die der Aufklärung im 17. Jahrhundert den Weg bereiten. Er hat gegen den Aberglauben der Zeit zu kämpfen und gegen die Stadt in der er lebt. Die Heimkehr nach Delft, die Stadt aus dem man ihn als Kind vertrieb, erweist sich als fatal. Nicht nur wegen der vermeintlichen Scharlatanerie des Unsichtbaren, sondern wegen der Liebe seines Lebens, die Piet nach Delft gefolgt ist. Eine Jüdin, die er aus einem Hurenhaus in Amsterdam freigekauft hat. Als hätte er nicht Probleme genug.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte – Der Lesestein

Stefan Schmortte lässt uns sehen, was sonst niemand sieht, er lässt uns fühlen, was niemand fühlt und er lässt uns erleben, was wir niemals selbst erleben wollen. In jeder Enthüllung seines Romans liegt ein eigener Weg verborgen. Freunde und Feinde von Piet van Leeuwen werden zu unseren Wegbegleitern. Wir versinken in Abgründen kirchlicher Dogmatik, verzweifeln an abstrusen wissenschaftlichen Fehldeutungen und kämpfen mit dem einzigen Freund seines Lebens auf hoher See ums Überleben. Es ist unfassbar facettenreich, was wir auf diesen 550 Seiten erlesen dürfen. Es ist ein Lesen voller Emotion und Zuneigung zu Piet und Carla. Es ist ein Lesen, geprägt von Zweifel und Erkenntnis. Ein Lesen, das so lesenswert ist, wie man es sich nur wünschen kann.

Am Scheideweg der „Enthüllung der Welt“ schreit uns der Autor eine Botschaft ins Leben, die „seinen“ Piet van Leeuwen zum großen Zweifelnden und Suchenden in der Literatur werden lässt. Wenn man das Allerkleinste im Leben zu wichtig nimmt, kann es sein, dass man das Allergrößte in seinem Leben verliert. Tragfähig ist der Roman. Tragfähig, seine Message. Er ist prädestiniert um das eigene Lesen zu feiern. Ich umgab mich mit Lesesteinen, Skizzen von Leonardo da Vinci, ich warf Blicke durch Lupen und versuchte doch das Größte nicht aus den Augen zu verlieren. Die Liebe. An der Seite von Piet van Leeuwen liest man die Welt mit anderen Augen.

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte

Stefan Schmortte, für mich ein Autor mit beachtlichem Potenzial. Ein Roman, der sich auf dem Buchmarkt nicht verstecken muss. Es war ein perfekter Lesestart in mein literarisches Traumjahr 2018. Wenn mich alle Bücher dieses Jahres so begeistern, ist mein Lesen ein Traum. Zelebriert euer Lesen… Es lohnt sich…

Die Enthüllung der Welt von Stefan Schmortte – Das Lesen zelebrieren

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Arno Schmidt – „Tina oder über die Unsterblichkeit“

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“

Berthold Brecht

Oft hört man diese Zeilen, wenn es darum geht, Verstorbener zu gedenken. Es ist ein tröstender Gedanke, den Brecht hier in die Welt gesetzt hat. Unabhängig von allem Religiösen liegt es in der Hand und im Herzen der Zurückgebliebenen, demjenigen der sie zurückgelassen hat zur Unsterblichkeit zu verhelfen. Ein Gedanke, der uns hilft mit Verlusten umzugehen. Ob die Idee jedoch auch denjenigen hilft, die ihr irdisches Leben hinter sich gelassen haben, kann nicht mit Sicherheit belegt werden. Wie sieht sie wohl aus, diese Zwischenwelt vor dem endgültigen Tod, in der wir die Verblichenen noch so lange an uns binden können, bis sie wirklich gehen dürfen? Fühlen sie sich dort wohl?

Viele literarische Betrachtungen wurden seit Homer zu dieser Zwischenwelt, dem Elysium verfasst. Auf diese Insel der Seligen  werden diejenigen Helden entrückt, die von den Göttern geliebt wurden oder denen sie die Unsterblichkeit schenkten. Wie sich die Helden dort fühlten? Auch das ist fraglich. Arno Schmidt (1914 – 1979), der große deutsche Schriftsteller, hat sich so seine eigenen Gedanken gemacht. Gedanken über eine Zwischenwelt  für besondere Helden, die nicht durch Götter dort festgehalten. Wir sind es, die das Endgültige verhindern. Wir halten fest. Ganz im Sinne von Brecht. Wir verleihen Unsterblichkeit. Doch zu welchem Preis…

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Tina – oder über die Unsterblichkeit. Ein schmales Bändchen aus dem Insel Verlag mit atmosphärischen Radierungen und einem Nachwort von Eberhard Schlotter fand seinen Weg in die kleine literarische Sternwarte. Thomas Calliebe, Herzensfreund und Buchhändler meines Vertrauens, hat mit diesem Buch erneut beweisen, dass er genau weiß, welche Bücher bei mir Gedanken- und Gefühlsstürme auslösen. Geschenke, die ich selbst niemals aufspüren würde. Bücher, die mir nie begegnen würden. Welten, die ich nie erschlossen hätte, wäre da nicht Band Nr. 1387 aus der Insel Bücherei in mein Lesen getreten.

Hier schließt sich der Kreis von Brecht zu Homer. Hier werden Augen geöffnet und Gedankenstürme losgetreten. Hier werden die Perspektiven gewechselt und Horizonte erweitert. Hier wird das Unsterbliche bissig, satirisch überhöht und zur Bedrohung für jene, die alles wollen, nur eben nicht in einer Zwischenwelt festgehalten zu werden. Es ist ein literarischer Gewissensbiss, den mir  Arno Schmidt gerade hier versetzt, weil ich mitverantwortlich bin und mit genau diesen Worten, dieser Rezension einen Schaden anrichte, den ich nie wieder gutmachen kann. Dieser Artikel ist im Sinne dieses Buches ein Sakrileg an Arno Schmidt.  Und doch… ich kann nicht anders. Verzeihen Sie mir.

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Man stelle sich bitte Arno Schmidts Elysium vor. Jene Zwischenwelt, in die er seine Leser hier an der Hand von Tina entführt. Sie liegt geradewegs unter Darmstadt. Richtig gelesen! Gut erreichbar mit einem Fahrstuhl in einer Litfaßsäule und mit Reiseführerin immer einen Besuch wert. Ein wenig verstörend vielleicht, in der Zwischenwelt auf ein Standbild für jemanden zu stoßen, dem wir hier oben – also in unserer Welt – nie eines errichten würden. Ein Denkmal für Omar, jenen nie genug zu verehrenden Brandstifter, der die Bibliothek von Alexandria in Flammen aufgehen ließ. Bücherverbrennung wird hier zum heilsbringenden Mythos erhoben. Warum, das wird uns schnell klar.

Hier sind sie gefangen, die Schriftsteller und Autoren, die das Zeitliche gesegnet haben. All jene, die verstorben und doch nicht gänzlich tot sind, weil ihnen der Zugang zum endgültigen Nichts noch verwehrt wird, weil sie in der realen Welt nicht vergessen wurden. Denn hier unten gilt nur eine Regel:

„Jeder ist so lange zum Leben hier unten verdammt,
wie sein Name noch akustisch oder optisch auf
Erden oben erscheint.“

Das heißt im Klartext, in Ruhe tot sein darf nur derjenige, der auf Erden unerwähnt ist. Befindet sich noch ein einziges Werk eines verstorbenen Autors im Handel, wird er posthum in Anthologien veröffentlicht, in Vorworten anderer Bücher zitiert oder gar von einem Verlag neu verlegt, so war es das mit dem Abschied aus der Zwischenwelt. Erst wenn man aus den Buchhandlungen, Archiven, Bibliotheken und Bücherregalen dieser Welt verschwunden ist, darf man gehen. Erlösung. Insofern war die Bücherverbrennung von Alexandria ein wahrhaft großer Segen für viele der ewig hier Gefangenen.

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Und hier kommen wir Rezensenten, Blogger und Literaturliebhaber ins Spiel. Was fällt uns eigentlich ein noch länger über die großen Klassiker zu schreiben? Warum sind wir dazu verleitet, längst verblichene Autoren zu zitieren, sie zu erwähnen und ihnen so den Weg ins Nichts zu verbauen. Man stelle sich nur vor, ein Schriftsteller hätte es fast geschafft. Kurz vor der Erlösung kommen wir daher und verewigen ihn in einem Artikel, weil wir wieder eine Bücherkette aufgespürt haben, die ihn mit einschließt. Und schon war es das mit der himmlischen Ruhe und dem endgültigen Verschwinden. Der arme Goethe wird wohl niemals frei sein. Und ich selbst habe noch vor wenigen Tagen dafür gesorgt, dass sich Herman Melville im Zwischenreich noch ein wenig länger häuslich niederlassen darf. Oder muss.

Arno Schmidt hat eine Eintrittskarte für seine Leser. Wir müssen nur Tina folgen, mit ihr in den Fahrstuhl steigen und die Unterwelt besuchen. Sie wird uns alles zeigen, sie wird uns erklären auf wen wir hier treffen und was es bedeutet, hier auf Erlösung zu warten. Nur eines sollte uns dabei besser nicht passieren. Wir sollten uns nicht in Tina verlieben. Genau das passiert dem Erzähler dieser Geschichte. Er empfindet mehr, als er eigentlich empfinden sollte. Keine gute Idee, denn Tina ist eine fast Unbekannte. Sie ist fast vergessen, wird nicht mehr veröffentlicht, gelesen oder zitiert. Sie hat es schon fast geschafft. Und dann kommt er… und verliebt sich. So ein Pech.

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Hochemotional endete für mich das Lesen. Unsterblich ist und macht dieses kleine Buch. Inspirierend und betörend verlief meine Begegnung mit Tina. Sie zu erkennen ist magisch, sie zu vergessen unmöglich, sie zu halten schwer. Es gab nur einen Weg. Ich bin dankbar, dass Arno Schmidt ihn gewählt hat. Selbst riskierend, dass wir auf dieser Welle weiterreiten, ihn rezensieren, das Buch kaufen, es bewahren und daraus zitieren. Ich liebe dieses in mir erzeugte Bild, jemanden aus dem Vergessen zu befreien, um ihn lieben zu können. Ich liebe die Bilder von Eberhard Schlotter, weil seine Radierungen den Text umfließen, wie Tina ihren Besucher umfließt. Unwiderstehlich. Geheimnisvoll und zart. Der Notausgang wird unerreichbar.

Das Nachwort des Künstlers Eberhard Schlotter ist persönlich und bewegend. Es verdeutlicht, warum es ihm ein Anliegen war, genau dieses Büchlein zu illustrieren. Es zeigt, wie sehr er sich der Wucht seiner Bilder bewusst ist. Und ganz nebenbei erzählt er seine persönliche Geschichte, die ohne Insel Bücherei nicht denkbar wäre. So ende ich hier wissend, dass ich in vielfacher Hinsicht des Sakrilegs schuldig bin. Aber glaubt mir. Ich würde ewig schreiben, um ewig lieben zu dürfen. Nur um diesen Moment nicht zu vergessen:

„Gefällt übereinander. Ihr Haar hing von meinem Kopf.
Unsere Atemkolben stießen breiter hervor.
Geklebt: »Achdu«“

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Wenn Sie dieses „Achdu“ gerne hören wollen, folgen Sie mir zu meinem PodCast für Literatur Radio Bayern. Hier geht´s zu meiner Rezension fürs Ohr.

Dieser PodCast ist ein Sakrileg am Autor, aber ich konnte nicht anders!

„The Writer´s Cut“ von Monty Python Eric Idle

The Writer´s Cut von Eric Idle

Timing ist bekanntlich alles, wenn es um Gags geht! Die beste Comedy verpufft in Banalität, wenn der richtige Zeitpunkt für den Knalleffekt verpasst wird. Wer jemals den Film Das Leben des Brian von Monty Python gesehen hat, weiß ganz genau was es bedeutet, absolute Meisterschaft im Timing von Gags zu erreichen. Kaum eine andere Komikergruppe hat es jemals zu einer vergleichbaren Timing-Brillanz gebracht. Kaum ein zweites Team war in der Lage, dem Sinn des Lebens einen neuen Sinn zu geben oder die Geschichte des Mittelalters mit den Rittern der Kokosnuss zu garnieren.

Eric Idle war einer von ihnen. Auch 25 Jahre nach Brian gehört Idle immer noch zum internationalen Who-is-Who der Gag-Giganten. Der Schauspieler, Synchronsprecher, Regisseur und Komponist zieht seit den großen Erfolgen von Monty Python auch solo seine Kreise. Unsere Erwartungshaltung ist riesig, wenn wir ihm ihn seinem Schaffen begegnen. Punktgenau hat er immer geliefert. Wesentliche Teile meiner Lachmuskeln sind von ihm als Personal Trainer geformt worden und nun ein Buch aus seiner Feder vor Augen zu haben lässt mich schon vor dem ersten Satz erwartungsvoll schmunzeln.

The Writer´s Cut von Eric Idle

The Writer´s Cut“ liegt nun in einer zweisprachigen Taschenbuchausgabe aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch vor. So wird aus einer 165-seitigen Story doch ein ansehnliches Werk, da uns neben der Übersetzung von Julian Müller zugleich die originalen Zeilen des britischen Multitalents Eric Idle zur Verfügung gestellt werden. Ein gewagtes Unterfangen. Zumindest aus Sicht des Übersetzers. Für ihn steht hier schon viel auf dem Spiel, da jeder Leser damit beginnt, die beiden Fassungen zu vergleichen und zu mutmaßen, wie man selbst die ein oder andere Passage des Buches übersetzt hätte. Ein gewagtes Spiel eben auch, weil bestimmte Redewendungen und Wortspiele einer Hollywood-Satire sich dem deutschen Sprachgebrauch entziehen, wenn man sie wörtlich an den Mann oder die Frau bringen wollte…

„Ein Reality-Roman aus Hollywood“, was auch immer wir uns davon zu versprechen haben, gerade in der Zeit der #MeToo-Skandale darf und muss man darauf gespannt sein, was Eric Idle hier zu Papier gebracht hat. Eines ist jedoch sicher. Whistleblower sehen anders aus und realen Enthüllungsjournalismus darf man hier wirklich nicht von ihm erwarten. Was ich lesen durfte hat mich jedoch vom Hocker gehauen und meiner Lachmuskulatur dazu verholfen, nun als gestählt betrachtet zu werden. Muskelkater all inclusive! Was jedoch macht diese Story so real, was verleiht ihr Brisanz und warum ist es brüllend komisch, worüber sich Eric Idle hier amüsiert? Ganz einfach. Er nimmt alle Automatismen einer Unterhaltungsindustrie auf die Schippe und begeistert damit ganz besonders Buchliebhaber.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Stanley Hay ist Drehbuchautor. Noch dazu ein recht erfolgloser, dessen Existenz in Hollywood ebenso verschwiegen, wie unterbezahlt wird. Soviel zum Thema Realsatire. Als er jedoch ankündigt, einen Enthüllungs-Roman über die Prominenten der Filmsets auf den Markt bringen zu wollen, löst er schiere Hysterie aus. Doppelmoral trifft auf ihr voyeuristisches ungezogenes Schwesterlein. Jede Menge Sex und Drugs garniert mit weltbekannten Schauspielerinnen und Models. Das ist eine Sensation und Hollywood erzittert. Ein hochdotierter Buchvertrag wird schnell unterschrieben, die Filmrechte sind hart umkämpft, Interview folgt auf Interview und Stanley Hay steht im Mittelpunkt allen medialen Interesses.

Einziges Problem. Er hat noch keine einzige Zeile zu Papier gebracht. Aus dieser grandiosen Ausgangssituation heraus kommt Eric Idle aus seiner Deckung und schießt schärfer als die Polizei erlaubt. Aus dem Whistleblower wird ein Blowjobwhistler. In allen Details dieser Story entdecken wir die wahren Automatismen, die den Buchmarkt weltweit bestimmen. Sensationsgier und die Suche nach dem Mega-Seller lassen alle Schranken und Hüllen fallen. Und das absolut Perverse an der gesamten Situation. Die wahrhaft prominenten Weltklasse-Schauspielerinnen fürchten sich davor, nicht im Buch erwähnt zu sein. Kein Skandal – kein JetSet. Und so bemüht man sich doch noch kurz vor Toresschluss auf den eigentlich abgefahrenen Zug aufzuspringen. Koste es was es wolle.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Eigentlich haben es Komiker in den USA schwer genug. Eric Idle betont das mehr als deutlich:

„Da sitzt ein Clown im Weißen Haus und keiner lacht!“

Doch noch bevor wir wissend mit dem Prusten beginnen, bleibt uns das Lachen so sehr im Hals stecken, als hätten wir eine gute Portion Gräten gegessen. Der Roman ist im Jahr 2003 angesiedelt und gemeint ist hier George W. Bush. Spätestens hier wird klar, wie zeitlos die Story ist und dass es auch noch schlimmer kommen kann. Dieser Roman hat Potenzial, weil er mit der Potenz seines Protagonisten protzt. Das Bild der Frauen in dieser Unterhaltungsindustrie verkommt schnell zum Schlampenimage, auf das Hollywood heute mit Abscheu schaut. Diese Scheinheiligkeit stinkt in dieser Story gewaltig zum Himmel. Die Besetzungscouch ist hier kein geflügeltes Wort und Sex ist Währung, mit der auch Aktricen gerne zu zahlen bereit sind. Ein Skandal ? Nicht in Eric Idles Buch, das es gar nicht gäbe ohne reale Vorbilder. Das ist postironisch!

Wer jedoch ist nun der bessere Gagschreiber? Eric Idle oder sein Übersetzer? Ich habe keinen Zweifel, dass Julian Müller hier ein faszinierendes eigenständiges Werk geschaffen hat. Wortspiele die nicht übersetzbar sind hat er auf Gutdeutsch kompatibel gemacht. Redewendungen, die so nicht funktionieren, hat er lachbar gemacht. Wenn in der englischen Fassung etwas undicht ist, heißt es im Original „leaky as a cheap tent“. Julian Müller macht daraus „undicht wie ein Kondom aus dem Nähkästchen!“ Weit entfernt vom Ursprung, könnte man denken. Ich finde die Übersetzung hat Pep und ist alleine für sich schon ein Skandal, weil Julian Müller keine Details umschifft, die diese Story so schlüpfrig, skandalös und anzüglich machen. Hut ab.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Idle ist ein Perfektionist in Sachen Timing! Lesen, lachen, nachdenken und wieder lesen. Wer Bücher liebt und die große Story eines ungeschriebenen Bestsellers nicht verpassen möchte, ist hier genau an der richtigen Stelle. Kein uferloser Director`s Cut. „The Writer`s Cut“ stößt schnell und präzise zu. Wie sein Protagonist.

„Nick Cave – Mercy on me“ von Reinhard Kleist

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Was, wenn ein Buch augenscheinlich für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben wurde und ich mich ganz sicher nicht zu dieser Gruppe zähle? Finger weg? Links liegen lassen und nicht beachten? Was aber, wenn genau dieses Buch von jemandem verfasst und illustriert wurde, der mein Lesen schon mehrfach bereichert hat? Schwere Entscheidung? Vielleicht! Nicht jedoch, wenn es sich um Reinhard Kleist handelt, weil er mich schon mit „Ein Maler zieht in den Krieg“, „Der Traum von Olympia“ und „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ nachhaltig beeindruckt hat. Wort- und bildgewaltig ist er in mein Leben getreten, hat der verzweifelten jungen Olympiahoffnung Samia Yusuf Omar, meinem Lieblingsmaler Franz Marc und einem Klassiker von Ray Bradbury mit seinen Werken neues Leben eingehaucht und nun bin ich in vielerlei Hinsicht von „Nick Cave“ überwältigt, weil die Graphic Novel aus dem Hause Carlsen Verlag mit mehr als 320 großformatigen Seiten das wohl umfangreichste Buch von Reinhard Kleist ist.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Nick Cave. Mercy on me.” Ein verheißungsvoller Titel, da ich mich auch ein wenig nach Gnade sehnte. Oder sollte ich besser sagen „Shame on me“, weil mir der Name gar nichts sagte. Ein klassischer Fall von Bildungslücke oder selektiver Wahrnehmung, wie sonst sollte ich mir erklären, dass dieser Musiker bisher nicht auf meiner Playlist in Erscheinung getreten ist. Nick Cave. Ich musste doch tatsächlich Wikipedia bemühen und erst nach einer ersten Recherche erinnerte ich mich dunkel an ein Duett mit Kylie Minogue. „Where The Wild Roses Grow“. Ja, das sagte mir was, aber scheinbar war es so, dass ich 1995 eher auf die Sängerin geachtet habe, als auf den zotteligen Punk an ihrer Seite.

Allerdings konnte ich mich noch gut an das emotionale und traurige Musikvideo über die Vergänglichkeit der Schönheit und des Lebens erinnern. Warum jedoch sollte ich mich der Graphic Novel widmen, wenn mir schon der Name des Sängers gar nichts sagte? Konnte ich denn überhaupt verstehen, was Reinhard Kleist hier illustriert und geschrieben hatte? Ich zweifelte zwar, ließ mich aber doch auf das hochwertig und aufwendig gestaltete Buch ein. Nein. Ich kann nicht nein zu Reinhard Kleist sagen. Und so begegnete ich Nick Cave zum ersten Mal in meinem Leben in einem Buch. Nicht auf der Bühne oder in einem Musikalbum, nicht auf meiner Playlist und schon gar nicht rein akustisch. Der erste Zugang zu einem Menschen, der so durch seine Musik geprägt ist, war ein optischer. Konnte das gutgehen?

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Es hat dann ein wenig gedauert, bis mir klar war, was Reinhard Kleist mit meinen Sinnen veranstaltete. Allerdings wirklich nur ein wenig, denn dann surfte ich auf einer Welle, die ich musikalisch noch nie zuvor bewältigt hatte. Ich sah die Musik von einem Musiker, ich las sie und ich wurde in sein Leben entführt, das nun in allen Facetten vor mir ausgebreitet wurde. Diese Graphic Novel ist die Playlist einer Karriere, der es nicht an tiefgründigen Lyrics fehlt. Dieses Buch rockt sich in die Seele der Leser, weil es auf jeder Seite einen anderen Rhythmus vorgibt. Mal sanft, dann wieder rebellisch und am Ende fast schon versöhnlich sentimental. Ein Buch, das man hören kann, wenn man es zulässt. Ich habe es zugelassen und bin dankbar dafür.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Reinhard Kleist schreibt und illustriert eine Hommage an seine Rock-Ikone, ohne sich dabei auf das Leben von Nick Cave zu stürzen. Biografisch ist das Buch sicherlich, aber die Perspektive ist außergewöhnlich. Wir nähern uns dem Sänger durch die Texte und Songs, die er schrieb. Wir lernen ihn durch die fiktionalen Figuren kennen, die von ihm besungen, ermordet, geliebt und vergöttert wurden. Und diese Protagonisten sind es, die Nick Cave mit ihrem Schicksal in der Musik konfrontieren. Beeindruckend, den Sänger mit jenem besungenen Killer zu erleben, den er auf den „Mercy Seat“, also auf den elektrischen Stuhl, komponierte. Emotional, das Schöne sterben zu sehen, weil es eben sterben muss. Eine Rose zwischen den geschlossenen Lippen, den Blick gerade erst gebrochen und im Wasser treibend. Kylie Minogue mit einem glanzvollen Auftritt.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Am Beispiel Nick Cave beginnen wir uns in Künstler hineinzuversetzen, die nach neuen Wegen suchen, die einzigartig und anders sein wollen, die sich vom Mainstream und seinen Grenzen lösen wollen. Wir erleben Schaffenskrisen, Blockaden und Krisen. Die Bewusstseinserweiterung durch Drogen erscheint wie das Doping bei Sportlern. Im Wettstreit mit den Kreativen dieser Welt ist die neue Idee, der zündende Funke jeweils auch die Lebensversicherung ohne die auch ein Künstler nicht existieren kann. Extrem ist hier die Individualität. Und ohne Ego geht man unter. Nur so entstehen Ikonen. Und nur diese können die Welt verändern. Hier ist Nick Cave die Metapher für Kultur in ihrer reinsten Ausprägung. Trendsetter, Weltveränderer und Lifestyle-Prototypen leben ihre Genialität nicht in mathematischen Formeln und bürokratischen Schranken. Sie leben.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Nick Cave – Mercy on me“ steht nicht allein für sich. Ein aufwendiges Artbook im Schallplattenformat begleitet die Graphic Novel. „Nick Cave & The Bad Seeds“ ist im Gesamtkontext der biografischen Annäherung an diesen Musiker nicht nur eine reine Werkstudie von Reinhard Kleist. Der Bildband zeigt vielmehr weitere Details und auch Portraits, Lebensmomente und illustrierte Hintergründe zum Leben von Nick Cave. Es sind Bücher, die sich komplementär ergänzen und meiner kleinen Bibliothek der Werke von Reinhard Kleist sehr gut zu Gesicht stehen. Aus diesen Spiegelscherben eines Sängers wird ein Spiegelkabinett mit eigenem Sound. Das Songbook eines Lebens.

Nick Cave – Artbook von Reinhard Kleist

Moby Dick – Auf Hörspielwalfang

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

„Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.“

Mein Moby Dick – (B)Logbuch – Mit einem Klick zu Literatur Radio Bayern

So endete mein letzter (B)Logbucheintrag auf der Pequod, nachdem ich mich dem Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville in verschiedenen Medien gewidmet habe und zuletzt noch das epische Hörspiel aus dem Hause Der Hörverlag genießen wollte. Natürlich im inhaltlichen Abgleich mit einer echten Klassikerausgabe von Manesse.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus einer Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlassen habe, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, hörte ich und immer, wenn ich in meiner Hängematte lag, las ich ein wenig weiter in meiner Manesse-Ausgabe in der Übersetzung von Fritz Güttinger. Ich war auf der Spur der ungekürzten Fassung in ihrer literarischen Urform. Nicht eingedampft und verdichtet. Nicht als Jugendbuch. Ich wollte Herman Melville lesen und hören, wie er schrieb. Ich wollte in die Zeit fallen, aus der uns dieser Roman immer noch zuwinkt. 1851. Das war mein Reiseziel. Das Jahr in dem Moby Dick das Licht der Literaturwelt erblickte.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Und nun mal Klartext. Wenn ich der Lektor von Herman Melville gewesen wäre, hätte ich das ein oder andere Hühnchen mit ihm zu rupfen gehabt. Es muss ihm doch schon beim Schreiben seines Romans klar gewesen sein, dass sich die Leser ausschließlich auf den spannungsgeladenen Teil dieser Story gestürzt hätten. Die epische Jagd nach dem weißen Wal, den inneren Kampf und die Besessenheit von Kapitän Ahab und die endlose Spirale der selbstzerstörerischen Energie des Hasses auf eine Kreatur, die als Monster der Meere in die Literaturgeschichte eingehen würde. Und was macht Herman Melville aus diesem ganzen Potenzial einer grandiosen Idee?

Er kommt nicht zum Punkt. Immer dann, wenn es richtig spannend wird, schweift er ab und entführt seine Leser in eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über alle Meeressäugetiere, ihre Klassifizierungen, Besonderheiten und Wesensmerkmale. Und wenn er dann wieder in seiner Handlung und der Pequod Fahrt aufgenommen hat, hält er es für zwingend erforderlich, uns alle Details des Walfangs und der Verarbeitung der gerade erlegten Beute in epischer Breite näherbringen zu wollen. Ich hätte ihm gesagt, dass genau diese Anteile seines Romans in der Zukunft eingedampft würden, weil sie dem Tempo der Pequod jede Dynamik nehmen.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Die eigentliche Kernstory war damals schon so lang, wie wir sie heute kennen. In allen überlieferten Fassungen und Verfilmungen wird Moby Dick quasi im Zeitraffer der ursprünglichen Geschichte erzählt. Anheuern, Ahab kennenlernen, auslaufen, suchen, Beute vernachlässigen, anderen Kapitänen nicht helfen, Moby Dick sichten, Boote und Harpuniere aussetzen, jagen, mit dem Wal untergehen. Fertig. Nein. So leicht macht es sich Melville nicht. Wir brauchen in der Originalfassung seines Romans Geduld. Es ist eine umfassende Beschreibung des Walfangs und der Menschen, die sich dieser Jagd verschrieben haben. Es ist die umfassende Beschreibung jener Meereslebewesen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in den Fokus der Walfangschiffe gerieten. Moby Dick ist damals mehr gewesen, als der kleine Ausschnitt einer verzweifelten Jagd.

Das epische Hörspiel entspricht dieser Urform dieser Geschichte und hier gilt es sich als Hörer neu zu justieren. Wollen wir das Kurze? Wollen wir die eingedampfte und gekürzte Variante eines facettenreichen Abenteuers hören oder lassen wir uns mal ganz bewusst in die Zeit fallen, in der das Buch geschrieben wurde? Blenden wir doch unser heutiges Wissen über Walfang aus und versetzen uns in die Lage der Leser von einst. Ja, ich denke sie wollten mehr erfahren. Für sie war dies eine neue Welt, von der es keine Bilder oder gar Filme gab. Für die Leser des Jahres 1851 war der Walfang so abenteuerlich wie die erste Landung auf dem Mond. Ihr Interesse bediente Melville mit seinen literarischen Mitteln grandios.

Moby Dick – Herman Melville – Das Hörspiel

Insofern kommt Melville nur aus heutiger Sicht nicht auf den Punkt. Wenn man in der Lage ist, diese Perspektive einzunehmen, dann wird aus einer Zeitraffer-Story der komplexe Roman, der uns in eine Zeit des Staunens zurückversetzt. Und genau dieses Kunststück vollbringt das Hörspiel mit seinen 30 Sprechern, seinem Chor, den Effekten und Geräuschen, der Musik und der unausgesprochenen Atmosphäre, die das Gefühl vermittelt, wir seien selbst an Bord der Pequod. Jeder gesichtete Wal wird zum reinen Adrenalinschub, der uns antreibt, die Fangboote zu besetzen. Zahllose Begegnungen mit anderen Schiffen werden zur willkommenen Abwechslung auf hoher See. Leben an Bord der Pequod wird zum Alltagsrhythmus und erst eine in den Mast geschlagene Dublone läutet die Jagd ein, von der wir schon ewig träumen.

Wer diese Fangfahrt erleben möchte, sollte nun anheuern. Keine Sorge, ihr seid in Sicherheit, dafür hat die Regie des Hörspiels schon gesorgt. Ob ihr jedoch wieder so in eurem Leben ankommt, wie ihr zuvor abgelegt habt… Nun, das scheint fraglich.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter