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Mr. Rail... das reicht, oder?

Walden von Henry D. Thoreau – Tiny House meets Tiny Book

Walden von Henry D. Thoreau - Astrolibrium - Tiny books

Walden von Henry D. Thoreau

Sie erleben gerade einen absoluten Boom. Sie symbolisieren, wie kaum ein zweites Lebenskonzept den Wunsch des Menschen nach Individualität und Minimalismus. Man begegnet ihnen in den sozialen Medien auf Schritt und Tritt und stellt sich unwillkürlich die Frage: „Könnte ich so leben?“ Gemeint ist das Tiny House. Wohnen auf wenigen Quadratmetern. Auf das Wesentliche reduziert, stehen diese kleinen Häuschen für das Streben nach einer Abkehr vom Wohnen in Metropolen, für eine neue Bescheidenheit in der Selbstwahrnehmung und für ein hohes Maß an Selbstverwirklichung. Noch steckt das Wohnkonzept in den Kinderschuhen. Tiny Houses gibt es zu Hauff. Einzig, es fehlt der Lebensraum, sie aufzustellen und zu bewohnen. Gesetze grenzen den Drang nach Freiheit und Flexibilität immer noch ein. Vielleicht steht jenes Tiny House von heute für die Lebensphilosophie von morgen. Doch Moment! Ist diese Idee neu? Stammt sie aus unserer Zeit und basiert auf den zwingenden Erfordernissen einer ständig wachsenden urbanen Bevölkerung?

Nein. Die Idee, die heute unter dem Schlagwort Tiny House aufgegriffen wird, ist ein alter Hut. Der Begriff ist neu. Die fast schon industrielle Großfertigung der kleinen Häuser ist neu. Naja – und angesichts der horrenden Preise für solche Wohncontainer mit einer höchst individuellen Einrichtung, kann man kaum von Minimalismus sprechen. Diese Wohnidee ist, auf den Quadratmeter gerechnet, der pure Luxus. Und doch ahmt man einen philosophischen Ansatz nach, der schon im Jahr 1845 für Aufsehen sorgte. Wirklich wahr. Wie ich schon schrieb: Ein alter Hut und eigentlich müsste man diesen holzverkleideten Container-Wohneinheiten den Namen „Walden Houses“ geben. Hier würde man an die Ursprünge der Wohnidee anknüpfen, müsste die Häuschen nur ein wenig erschwinglicher machen und schon wäre man ganz bei Henry D. Thoreau. Ihr glaubt das nicht? Kein Problem. Er schrieb darüber… Und wie er darüber schrieb!

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Walden von Henry D. Thoreau

Henry D. Thoreau (1817 – 1862), der amerikanische Philosoph und Schriftsteller war ein früher Anhänger des großen Ralph Waldo Emerson und entwickelte schon zu Beginn ihrer späteren Freundschaft ganz eigene Ideen zur Reform der Gesellschaft. Er war nicht nur ein Dichter und Denker. Thoreau war ein Mann der Tat. Sein Denken war nicht das eines Nostalgikers. Er wollte einfach nur herausfinden, wie man sich am besten über Wasser halten kann, ohne der modernen arbeitsteiligen Gesellschaft zum Opfer zu fallen. Er wollte endlich etwas Ganzes schaffen, autark sein und nicht nur Teil des Prozesses sein, an dessen Ende er nicht mehr genau weiß, welchen Anteil er am Ergebnis hatte. Er setzte die Ideen in die Tat um und wurde zum Aussteiger. Nur, dass dieser moderne Eremit nicht in einem Fass wohnte. Er zog in Richtung Walden-Pond und begann damit, sich eine kleine Hütte (Walden Hut) zu bauen. Niemand sollte ihm dabei helfen. So entstand das vielleicht erste Tiny House mit literarischem Background.

Etwa zwei Jahre lebte er im Einklang mit der Natur, nicht jedoch ohne Kontakte zur Welt außerhalb der einfachen Hütte. Er konnte sich auf dem Grundstück Emersons im wahrsten Sinn des Wortes erden. Der Zwang, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und die gesellschaftliche Erwartungshaltung fielen von ihm ab und machten seinen Kopf frei, um über diese Grenzerfahrung schreiben zu können. Walden ist das Ergebnis jener Zeit als Aussteiger aus dieser Gesellschaft, die mit der heutigen sicherlich vergleichbar scheint. Alles zielte allein auf Kommerz und Wertsteigerung ab. Der Materialismus war die einzige Geisteshaltung, der man sich zu unterwerfen hatte, um nicht unterzugehen. Der Raubbau an der Natur kennzeichnet diese Entwicklungsphase einer Ökonomie, in der wenige alles besitzen und der Rest arbeitet, um den Reichtum dieser Wenigen zu mehren. Kommt uns irgendwie bekannt vor. Spätestens die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie unserer Tage könnte schon Grund genug sein, auszusteigen und sich ein kleines Haus im Wald zu bauen…

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Walden von Henry D. Thoreau

Es ist die harrsche Gesellschaftskritik, die Thoreau in die Wälder treibt. Es ist das Bewusstsein, dass sich Menschen das Denken und Entscheiden bereitwillig abnehmen lassen, nur um in Ruhe ein einigermaßen abgesichertes Leben zu führen. Nicht jedoch mit Thoreau. Nicht mit diesem Selfmade-Geist, der selbst ausprobieren möchte, was er anderen als alternativen Lebensweg empfehlen würde. Klingt das nicht verstaubt, woran er vor 175 Jahren glaubte? Haben nicht Gewerkschaften und die Entwicklungen in der freien Welt all diese Misstände beseitigt? Ganz und gar nicht. Jeder findet in „Walden“ seinen ganz persönlichen Thoreau-Moment, dem man auch heute noch beherzt folgen kann. Eine Erkenntnis, dass sechs Wochen Lohnarbeit völlig ausreichen, um sich den Rest des Jahres um das wahre Leben zu kümmern, ist nicht weit hergeholt und könnte auch heute noch relevant sein. Würden wir alle nicht nur nach Reichtum streben.

Auch seine bildhaften Vergleiche lassen sich in unsere Zeit übertragen. Ob dies nur uns selbst betrifft, oder ob man seine Ansichten überprüfen sollte, wie man seine Kinder erzieht? Das ist jedem selbst überlassen. Nachdenkenswert sind seine Ansätze allemal. Ist Bildung ein theoretischer Prozess oder folgen wir da einem falschen Weg? Ein Beispiel gefällig?

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Walden von Henry D. Thoreau

Der Vergleich zweier junger Männer:

„Welcher von beiden hätte nach zwei Monaten größere Fortschritte
gemacht: der Junge, der sich selbst ein Taschenmesser verfertigte
aus dem Erz, das er eigenhändig ausgegraben und geschmolzen hat,
wobei er so weit als nötig Bücher zurate zog, oder der Junge, der
unterdessen Vorlesungen über Metallurgie besuchte und von
seinem Vater ein Taschenmesser geschenkt bekam?“

Henry D. Thoreau zog lieber in die einsame Wildnis am See, baute sich mit seinen eigenen Händen das bescheidene und abgelegene Refugium, um sich wiederzufinden. Nicht nur das ist ihm gelungen. Seine reinsten Gedanken haben jeden Bildersturm der Geschichte überstanden und sind so lesenswert, wie erhellend…

Ich bin seinen kreisförmigen Denkbewegungen gerne gefolgt. Thoreau zog sich in sein Schneckenhaus zurück, fokussierte, reflektiert die Gründe seines Aussteigens, ist in den kontemplativen Phasen geistreich und visionär, und dann verlässt er das Innere seines Rückzugsortes und beginnt seine Umgebung wahrzunehmen. Was wir dann mit seinen Augen sehen, seinen Worten ablesen dürfen, ist so kristallklar, als hätte ihn ein eiskalter Gebirgsbach innerlich und äußerlich gereinigt. Die Beschreibungen verlieren den Zorn des Gesellschaftskritikers und erhalten eine Eindringlichkeit, die der Natur im Umfeld seiner Hütte ein naturalistisches Denkmal setzt. Als wäre gröbstes Kaffeepulver durch einen Filter gepresst worden, so ist „Walden“ der zeitlos relevante Extrakt einer Erfahrung, die jeder für sich selbst nachvollziehen und nachempfinden kann.

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Walden von Henry D. Thoreau

Der Walden-See im Winter:

„Nach einer stillen Winternacht erwachte ich mit dem Gefühl es sei mir eine
Frage gestellt worden, die ich im Schlaf vergeblich zu beantworten versucht
hatte: was – wie – wann – wo? Doch da schaute die frühmorgendliche Natur,
in der alle Geschöpfe leben, gelassen bei mir zum Fenster herein und
machte keineswegs ein fragendes Gesicht. Ich fand beim Erwachen
eine bereits beantwortete Frage vor – Natur und Tageslicht.“

Es kann kein Zufall sein, dass Thoreaus Geschichte des ersten Tiny Houses und einer neuen Lebensphilosophie ausgerechnet im Manesse Verlag erschienen ist. Hier haben sich Autor und Verleger über die Grenzen der Zeit gefunden und sind eine Symbiose eingegangen, die Symbolcharakter hat. Welches Buch könnte besser davon erzählen, wie reinigend es sein kann, sich im Minimalismus wiederzufinden? Welchem Buchformat würde man diese Philosophie abkaufen, wenn nicht einem Tiny Book, das selbst dafür steht, nicht großformatig durchs Lesen zu gehen? Tiny House meets Tiny Book. Beide stehen für Lebensqualität und die Konzentration auf das Wesentliche. In beiden Philosophien (ob Lebens- oder Verlagsphilosophie) geht es nicht um Nostalgie. Hier ist die Zukunft fest im Blick. Es geht nicht um Größe und knallige Effekte. Es geht um den Kern aller Fragen. Kann ich so leben, kann ich so lesen? Verlockend und für mich ein wundervoller Dialog aus Geschichte und Medium.

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Walden von Henry D. Thoreau

Und im Ernst. Sollte man sich jemals für ein Tiny House entscheiden, mit welchem Buchformat ließe sich eine vergleichbar umfangreiche Bibliothek aufbauen? Da müssen schon die kleinen Großen aus dem Hause Manesse ins Tiny Regal…

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Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Ein Versteck unter Feinden - Roxane van Iperen - Astrolibrium

Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Manchmal erzählen Häuser ihre Geschichten. Es sind Geschichten über diejenigen, die sie bewohnten, die sich zuhause fühlten oder in ihnen ihre Geheimnisse verbargen. Jeder Blick in ein altes Haus gleicht dem Blick in ein Tagebuch, in dem man zwar sehr genau sehen kann, wann etwas geschrieben wurde. Die Worte jedoch sind nicht mehr da. An ihre Stelle rücken Grundrisse, Erker, Fenster, Keller und Dachgeschosse. Den Rest muss man schon selbst herausfinden. Was würden diese Wände erzählen, wenn sie reden könnten? Wie viel Glück, wie viel Blut, wie viel Freude und Leid könnten sie bezeugen, wenn wir sie zum Sprechen bringen könnten. Ruinen und verfallene Häuser sind keineswegs die legendären Lost Places der Geschichte. Sie hüten ihr Geheimnis so lange, bis jemand kommt, der in den Mauern lesen kann. Jemand, der nicht an die Renovierung denkt, sondern an jenen Zustand, in dem man das Haus vor vielen Jahren vorgefunden hätte. Dann kann man sie hören. Die Geschichten.

Ich mag solche Geschichten. Ich mag die demaskierten Gebäude, die uns in ihre Zeit entführen. In die Zeit, in der sie nicht nur Wohnraum boten, sondern selbst Geschichte schrieben. Zuletzt entlockte ich mit Simon Stranger dem Bandenkloster im Trondheim unter der Nazi-Herrschaft in Norwegen seine Geheimnisse. Erst nach dem Krieg verriet das Hauptquartier der Gestapo-Schergen, was in seinen Räumen geschah. Hier spielte sich Grausames ab, aber ohne diese Geschichte wäre der lautstarke Aufruf „Vergesst unsere Namen nicht“ von Simon Stranger wohl ungehört verhallt. Hier erzählt uns ein Schreckensort der Diktatur seine Geschichte. Roxane van Iperen geht einen anderen Weg. Sie hört ihrem neuen Haus in Holland aufmerksam zu. Sie findet doppelte Böden, Hohlräume und verborgene Kammern. Sie beginnt zu recherchieren und entlockt ihrer neuen Heimat ihre Geheimnisse. „Das hohe Nest“ (`t Hooge Nest) beginnt zu reden.

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Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Ein Versteck unter Feinden entführt uns in die Niederlande. Roxane van Iperen erzählt die wahre Geschichte von zwei jüdischen Schwestern im Widerstand. Es beginnt, wie so oft im Leben: Zufällig. Die Familie erwirbt ein Häuschen im Grünen. Im Osten von Amsterdam, idyllisch gelegen im kleinen Örtchen Naarden. Das hohe Nest sollte Heimat und Biotop für die Familie werden. Ein verwilderter Garten, das schlichte Anwesen und die etwas geheimnisvolle Aura des Hauses entfalteten ihre eigene Magie. Als Roxane van Iperen jedoch bei der Renovierung Verstecke, doppelte Wände, Luken und vergilbte Zeitungen des Widerstandes aus dem Zweiten Weltkrieg findet, lassen ihr diese Entdeckungen keine Ruhe mehr. Sie beginnt, dem Haus seine Geheimnisse zu entreißen:

Langsam, aber sicher, Zimmer für Zimmer, finden die Puzzlestücke zueinander, bis die unglaubliche Geschichte, jetzt, sechs Jahre später, auf dem Papier steht: Dieses Haus ist größer als wir. Wir sind nur Passanten, die das Glück haben, es bewohnen zu dürfen.

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Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Was sich hier noch romantisch und ein wenig verklärt anhört, entwickelt sich sehr schnell zu einer Geschichte, die mehr erzählt, als nur eine jüdische Familiengeschichte in den Niederlanden. Roxane van Iperen erzählt vom jüdischen Leben, von Hoffnungen, Integration, Ängsten, Liebe und Werten. Sie beginnt im Jahr 1912 in Amsterdam. Und wie so viele Familiengeschichten beginnt auch diese mit einem Zufall. Und sie endet wie viele jüdische Geschichten in Bergen-Belsen. Was rund um den Nieuwmarkt beginnt, ist der Anfang einer Liebesgeschichte, der zwei Mädchen entspringen. Lien und Janny Brilleslijper kommen im Abstand von fünf Jahren zur Welt und wachsen in Amsterdam auf. Um all das zu verstehen, was später geschah, ermöglicht uns Roxane van Iperen einen umfangreichen Blick auf das jüdische Leben in Amsterdam. Sie beschreibt, wie abgeschottet das jüdische Viertel einerseits war, andererseits ist deutlich zu erkennen, wie sehr die niederländischen Juden in die Gesellschaft integriert waren.

Mit der Machtergreifung der Nazis im benachbarten Deutschland und mit den ersten Gerüchten über Judenverfolgungen und die diskriminierenden Nürnberger Gesetze ist es vorbei mit der Ruhe in den Niederlanden. Zwar fühlt man sich noch sicher, aber die ersten Flüchtlinge aus dem „Reichsgebiet“ verunsichern die Bevölkerung sehr. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der Besetzung ihrer Heimat beginnt dann auch das Martyrium der Familie Brilleslijper. Amsterdam unter Kontrolle. Judengesetze und Ausgrenzung aus Studium, Beruf und Gesellschaft. Wer kann, flieht. Wer nicht fliehen kann, geht in den Untergrund. Man sucht Verstecke. Jüdische Familien tauchen unter. Es formiert sich Widerstand und selbst die nichtjüdische Bevölkerung stellt sich am 24. Februar 1941 im „Februarstreik“ den Besatzern offen entgegen. Lien und Janny sind zu diesem Zeitpunkt schon im Widerstand gegen die Nazis aktiv.

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Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Als man auf der Suche nach einer verborgenen Zentrale auf das Hohe Nest stößt, wird aus dem unscheinbaren Haus das Zentrum des jüdischen Widerstandes in einem besetzten Land. Ein Versteck in Naarden. Der Hochburg der Nazigrößen ihrer Zeit. Ein Versteck unter Feinden. Roxane van Iperen blättert die Geschichte vor uns auf. Sie hat alle Mosaiksteinchen zusammengetragen. Es ist eine Geschichte der Entrechtung, der schleichenden und konsequenten Ausdünnung der jüdischen Bevölkerung. Es ist eine Geschichte von Mitläufern, Verrätern, Mittätern und Tätern. Es ist eine Geschichte von Mut und Zuversicht und es ist die Geschichte zweier junger Frauen, die das Hohe Nest zum Zufluchtsort geflüchteter Juden machen. Als ihr Versteck verraten wird, findet man dort sechzehn Menschen in ihrem Versteck. Was folgt, ist die Deportation.

Es folgen Orte, die heute auf der Landkarte gegen das Vergessen jeder für sich den Holocaust symbolisieren. Westerbork, Auschwitz, Bergen-Belsen. Hier wird aus der Geschichte der beiden Schwestern mehr als die Beschreibung ihres Leidens und ihres Weges von einem Konzentrationslager ins nächste. Hier begegnen sie zum ersten Mal einer anderen jüdischen Familie, die sich in Amsterdam versteckt hatte. Hier treffen wir auf Menschen, deren Geschichte wir so gut kennen. Lien und Janny treffen auf Anne Frank und ihre Familie. Hier vereinten sich zwei Schicksalswege. Ich habe kaum weiterlesen können. Zu intensiv war meine eigene Auseinandersetzung mit dem Leben von Anne. Ich scharte die Bücher um mich, die ich über sie gelesen hatte. Ich nahm ihr Tagebuch zur Hand und ich versuchte mich für den Moment zu wappnen, in dem mir die beiden Brilleslijpers von den letzten Tagen mit Anne und Margot erzählten.

Vergebens. Alles Wappnen half nichts. Einer der traurigsten Momente meines Lesens.

Ein Versteck unter Feinden - Roxane van Iperen - Astrolibrium

Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

„Ein Versteck unter Feinden“ von Roxane van Iperen hat viele Lücken in meinem Wissen über den jüdischen Widerstand in den besetzten Niederlanden gefüllt. In jeder Beziehung ein absolut lesenswertes Buch über die Verfolgten, ihre Verfolger und ein kleines neutrales Land, das ideologisch vergewaltigt wurde. Die Autorin bleibt immer auf dem Boden der recherchierten Tatsachen. Sie hat es nicht nötig, zu dramatisieren, drückt nicht auf Tränendrüsen und emotionalisiert die Geschichte in keiner Weise. Sie stellt sich der Verantwortung, ein authentisches Zeitzeugnis abzulegen. Das spürt man ihrem sehr komplexen Schreiben an. Es ist ein zutiefst verantwortungsvolles Buch, das den Opfern des Nationalsozialismus gerecht wird. Es wirft Fragen auf, die wir heute nur für uns ganz alleine beantworten können. Hätten wir den Mut? Wären wir so selbstlos? Würden wir unser eigenes Leben hintanstellen? Würden wir uns für andere erheben?

Ich habe meine Antworten. Hier geht es zu meinem literarischen Kanon Gegen das Vergessen. Es ist wichtiger denn je, der Wahrheit ins Auge zu blicken und jeder Form von Rassismus und Antisemitismus die Stirn zu bieten.

Das besetzte Holland – Eine literarische Annäherung bei AstroLibrium.

Ein Versteck unter Feinden - Roxane van Iperen - Astrolibrium

Ein Versteck unter Feinden – Roxane van Iperen

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais – Astrolibrium

Es fällt schwer, in diesen Tagen über Rassismus zu schreiben, impliziert dieser Begriff doch die Existenz der Bezeichnung Rasse„, wenn es um die Beschreibung einer ethnischen, sozialen oder territorialen Herkunft von Menschen geht. Dabei gibt es keine menschlichen Rassen in der Definition genetischer Abstammungslinien. Herkunft ist gänzlich frei von einem Rasse-Begriff, den wir eigentlich nur in Züchtungslinien von Tieren oder bei der Unterscheidung von Arten im Tierreich finden sollten. Und doch ist dieser Begriff immer noch salonfähig, in unserem Grundgesetz verankert und Teil einer Weltgeschichte, die umgeschrieben werden müsste, sollte man das Wort Rasse durch einen alternativen Begriff, wie zum Beispiel „ethnische Herkunft„, ersetzen.

Warum müsste man Geschichte umschreiben? Weil man alle Verletzungen gegen den humanistischen Denkansatz der Gleichbehandlung aller Menschen mit dem Wort Rasse in Verbindung bringt. Es gibt Rassenunruhen, Rassentrennung und für jene, die sich in ihrer Lebensphilosophie als höherwertig empfinden und bereit sind, andere zu unterdrücken, auszugrenzen oder gar zu ermorden, hat man den passenden Begriff „Rassist“ in die Welt gesetzt. Ich bleibe bei dieser Bezeichnung, weil es nur so gelingt, diejenigen zu brandmarken, in deren Denken die Reinrassigkeit der Herkunft wichtiger ist, als die Würde eines jeden Menschen. Rassismus darf nicht weichgespült werden. Auch, wenn wir uns von der Verwendung längst überholter Begriffe trennen, sollten wir in unserem Urteil gegenüber den selbsternannten Herrenmenschen eindeutig bleiben. Rassismus ist eine Geißel der Gesellschaft. 

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais führt uns ohne jeden Umweg in ein Land, in dem die weiße Minderheit ein System der Apartheid errichtet hatte, das noch heute unfassbar erscheint. Besonders, weil es sich so lange hielt, und erst seit 1994 der Geschichte angehört. Zumindest auf dem Papier. Rassentrennung. Kein anderer Begriff ist in der Lage zu definieren, wie sich das Leben in Südafrika für die herrschenden Weißen und die ausgegrenzten, unterdrückten und benachteiligten Schwarzen angefühlt haben muss. Die ehemaligen europäischen Kolonisatoren haben ein Gedankengut zu sozialem und faktischem Recht erhoben, nach dem nur sie in der Lage sein konnten, das Land zu regieren. Die für minderwertig erklärte Urbevölkerung Südafrikas wurde entmündigt und durch das System der Apartheid in ihre Schranken gewiesen.

Wer könnte diesen Zustand besser beschreiben als eine Autorin, die in Südafrika aufgewachsen ist? Wer könnte das besser beschreiben, als eine weiße Autorin, die in der eigenen Kindheit der privilegierten Schicht angehörte und die von einem schwarzen Kindermädchen großgezogen wurde? Wer könnte sich besser in jene indifferente Lage eines weißen Mädchens hineinversetzten, für das die Rassentrennung zum Leben und zum Alltag gehörte? Bianca Marais wagt nicht nur den Sprung in eine autobiografische Vergangenheit. Sie verarbeitet in ihrem Roman ihre eigene Kindheit, in der doch alles so behütet und schön war, dass man gar nicht an das Unrecht dachte, auf dem dieser Zustand beruhte. Bianca Marais sagt selbst, dass die neunjährige Robin ihres Romans sehr viel mit ihr selbst gemeinsam hat.

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Wir schreiben das Jahr 1976 und befinden uns in Johannesburg. Die Apartheid führt zu heftigen Unruhen und der Schüleraufstand von Soweto ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Was als gewaltloser Protest schwarzer Schüler in den Townships begann, setzt eine Spirale der Gewalt in Gang, in deren Folge nicht nur der Protestmarsch von den Weißen brutal beendet wird. Das Chaos bricht aus und die Polizei schießt in die Menge. Gerüchte über tote Schulkinder lösen die nächste Welle der Gewalt aus. In den folgenden Tage werden nicht nur wahllos schwarze Schüler von der Polizei inhaftiert, auch die schwarze Bevölkerung greift zu den Waffen. Die blutigen Unruhen fordern auf beiden Seiten zahllose Tote. Der Schüleraufstand wird noch heute als der Wendepunkt in der Apartheidpolitik in Südafrika angesehen. Dieser Impuls war nicht mehr einzudämmen.

Die neunjährige Robin verliert ihre Eltern, die aus Rache für die Gewalt der Weißen ermordet werden. Das behütete Mädchen ist in einer Familie aufgewachsen, in der die Rassentrennung alltäglich vorgelebt wurde. Schwarze wurden hier umgangssprachlich heftig ausgegrenzt. Beleidigungen waren alltäglich. Privilegiert lässt es sich gut leben. Wenn dann jedoch erste Risse im selbstherrlichen System auftreten, und man nur zur Minderheit im Land gehört, dann wird es eng, auch wenn diese Minderheit die Macht verkörpert. Revolutionen schreiben hier ihre ganz eigene Geschichte. Während Robin bei ihrer mit der Situation überforderten Tante Zuflucht findet, wendet sich unser Blick den eigentlichen Opfern des Schüleraufstandes zu. Hier verschwindet Nomsa bei den Protesten. Die schwarze Vorzeigeschülerin gehört zu den Anführerinnen des Marschs und niemand weiß etwas darüber, ob sie tot, inhaftiert oder geflohen ist. Nur ihre Mutter Beauty Mbali beginnt eine verzweifelte Suche am Ort des Geschehens.

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Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Die Wirren dieser Tage führen diese beiden Menschen zusammen. Das elternlose Mädchen und die Mutter, die ihre Tochter nirgendwo finden kann. Hier verschwimmen die Grenzen, die zuvor von der Hautfarbe gezogen waren. Hier nähern sich Menschen aneinander an und fassen Vertrauen. Hier gibt Beauty die Geborgenheit, die Robin so sehr vermisst und Robin ihrerseits erweist sich als Rettungsanker für die verzweifelte Beauty Mbali. Ist das nur ein Burgfrieden mit begrenzter Lebensdauer? Wann brechen die Vorbehalte und Ressentiments auf? Wie lange kann das gutgehen und wie sehen die Menschen aus dem unterschiedlichen Umfeld diese Allianz? Eine Situation, deren Ausgang von Seite zu Seite des Romans ungewiss ist und bleibt. Einzig hilfreich kann eine Überlebensstrategie sein, die Robin verinnerlicht hat. Egal wie fremd einem das Leben erscheint, egal wie schwer einem alles fällt. Wo man sich wohlfühlt, sollte man Wurzeln schlagen. „Summ, wenn du das Lied nicht kennst“ wird zu Robins Mantra. Als Beautys Tochter gefunden wird, trifft Robin eine fatale Entscheidung.

Ein lesenswerter Roman, der durch seine Perspektivwechsel besticht. Wir finden keine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere, sondern blicken tief in ihr Innerstes. Bianca Marais schafft die Apartheid in ihrem Buch von Seite zu Seite ab und stellt in den chaotischen Zuständen dieser dramatischen Epoche zwei Menschen ins Zentrum ihres Romans, die aufeinander angewiesen sind. Dieses Lied habe ich mitgesummt, obwohl ich seinen Text nicht kannte. Gerade für jugendliche Lesende ein relevantes Buch, in dem Schüler*innen erkennen können, was es bedeutet, ausgegrenzt und zu minderwertigen Menschen erklärt zu werden. Das fängt mit der Bildung an und wenn jungen Menschen in der Schule verboten wird, die eigene Muttersprache zu sprechen, dann muss man auf die Straße gehen. Widerstand ist keine Frage der Zurückhaltung.

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais - Astrolibrium

Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Ein bewusstseinserweiterndes Buch zum Thema „Apartheid“ und ein Buch, das uns dazu verleitet, uns intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Auch wenn dieser Roman aus meiner Sicht mit dem Handlungsstrang einer Zwillingsschwester von Robin ein wenig überfrachtet war, ist es der Autorin gelungen, Grenzen zu überwinden, deren Folgen bis heute spürbar sind. Wie nachhaltig hat sich Südafrika gewandelt? Was hat Nelson Mandela in seinen zentralen Botschaften des gewaltlosen Widerstandes nicht nur für sein Land hinterlassen. Eine aktuelle Reportage im MARE-Magazin „Zeitschrift der Meere“ stellt die Frage, wem heute die Strände in Südafrika gehören und ob man die alten Schilder „Whites Only“ wirklich für alle Zeiten entfernt hat. Geschichtlich ist die Apartheid überwunden. In den Köpfen der Menschen spielt sie immer noch eine Rolle. Wunden heilen nicht so schnell, wie wir es uns erträumen würden.

In meiner Artikelserie „Ich hatte einen Blog in Afrika“ finden sich viele Bücher, die nicht nur auf diesem facettenreichen Kontinent spielen. Es sind viele Bücher, die in uns Bilder verankert haben, wie sehr die Narben der Kolonisatoren noch heute wuchern. Es ist nie zu spät, die Ursachen des heutigen Black Lives Matter dort zu suchen, wo ihre Geschichte begann. Sklaverei, Unterdrückung und Ausbeutung beginnen in Afrika. Ihre Folgen spüren wir weltweit. Dem Rassismus müssen Grenzen gesetzt werden. Dazu ist es wichtig, auch solche Bücher ins Gefecht führen zu können. Sie sind gewaltlose und doch höchst effektive Waffen im Kampf gegen den Rassismus…

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Summ, wenn du das Lied nicht kennst von Bianca Marais

Findelkind von Eva M. Bauer

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

Was macht generationsübergreifende Familiengeschichten relevant? Sind es die Geschichten prominenter Familien in historisch interessanten Zeitscheiben? Sind es in vielen Fällen einzelne Familienangehörige, die man besser einordnen kann, wenn man ihren Stammbaum kennenlernt und daraus Verhaltensweisen und Beweggründe für ihr späteres Leben ableiten kann? Sind es Opfergeschichten, die völlig harmlos beginnen und dann in den Wirren von Kriegen und Ideologien in Richtungen abdriften, die man hätte voraussehen können, wenn man nur genau hingeschaut hätte? Sind es nur diese Erinnerungen und Lebenswege, die uns Lesende hinter dem Ofen hervorlocken, oder werden wir auch hellhörig, wenn keine der genannten Voraussetzungen erfüllt ist?

Ich wurde es. Findelkind – Geschichte einer Münchner Familie von Eva M. Bauer fällt so gänzlich aus dem Rahmen, wenn man auf der Suche nach diesen Kriterien in Buchhandlungen unterwegs ist, um den eigenen Horizont zu erweitern. Was sollte mich dazu veranlassen einer Familiengeschichte meine Aufmerksamkeit zu schenken, die im Jahr 1850 begann und sich bis in unsere Zeit durch die Geschichte der Stadt München zieht, wie ein roter Faden, den man jedoch niemals wahrnehmen würde, hätte sich Eva M. Bauer nicht dazu entschlossen, ihrer Familie und insbesondere ihrer Ur-Großmutter ein kleines literarisches Denkmal zu setzen? Es war der Titel dieses Buches, der mir in aller Deutlichkeit zu sagen schien: „Lies es und schau, wie sich ein ungewolltes Kind in schwierigsten Zeiten zum Ausgangspunkt einer gewollten Familiengeschichte mausert.“

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

„Findelkind“ ist ein sympathisches Buch. Sympathisch, weil die Autorin ihre eigene Familie in dieser Geschichte nicht überhöht. Sympathisch, weil sie sich zu den Lücken in der Chronologie ihrer Ahnengalerie bekennt, weil sich niemand zuvor die Mühe gab, das Familienalbum zu sortieren und die einzelnen Bilder mit persönlichen Erinnerungen anzureichern. Sympathisch, weil sich die Autorin darüber im Klaren ist, dass wir in der Geschichte keine Meilensteine eines prominenten Münchner Lebens finden werden. Im Gegenteil. So kleinteilig, wie sie das München des aufstrebenden 20. Jahrhunderts in unverkünstelter Sprache beschreibt, so kleinteilig wirken die Generationen, die wir hier begleiten dürfen. München ist hier keine Metropole. Kein Zentrum der Kunst und keine politische Schaltzentrale. Es ist das München der einfachen und kleinen Leute, das uns ans Herz gelegt wird. Ein München, das ich so noch nicht kannte.

Tja, und dann wird aus dem Kleinteiligen ein großes Ganzes. Der Leser abstrahiert die konkrete Familiengeschichte und beginnt sich die Frage zu stellen, was es heißt, im Jahr 1850 auf den Treppen einer Kirche ausgesetzt zu werden. Man sieht nicht nur das Kind im ärmlichen Körbchen, man wird knallhart auf die hohe Kindersterblichkeit dieser Zeit hingewiesen, erlebt ein morbides München, das von regional auftretenden Seuchen heimgesucht wird und wird zum Zeugen widriger hygienischer Lebensbedingungen, die gerade der ärmeren Bevölkerung in der Stadt das Leben zur Qual machten. Sind es nur Glück und Zufall, die aus der kleinen Anna-Maria Körblin die Urmutter einer Familie im München des neuen Jahrhunderts werden lassen? Oder ist es einfach Schicksal?

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Findelkind von Eva M. Bauer

Hier wird die Geschichte des Findelkinds relevant, obwohl seine künftige Familie nie auch nur den Hauch einer greifbaren Spur in München hinterlassen hat. Hier lernen wir den wahren Wert eines ungewollten Lebens schätzen, weil wir 170 Jahre danach für uns erkennen, welche Menschen es niemals gegeben hätte, wäre jenes kleine Mädchen damals gestorben. Am seidenen Faden hingen die Ereignisse der Zukunft und jeder hat in seiner Familiengeschichte ähnlich seidene Fäden, die gehalten haben. Sonst könnte man dieses Buch nicht lesen. Nichts ist von der kleinen Anna-Maria geblieben. Es gibt keine Fotos, keine Briefe, kein Grab, nicht mal Geschichten über sie. Und doch scheint sie der unsichtbare magnetische Pol all ihrer Nachkommen zu sein, da sich alle von ihr angezogen fühlten und dorthin zurückkehrten, wo sie aufwuchs. Ein Kinderheim in der Au. Damals unwirtliches Schwemmland an der Isar. Aus dem gachen Steig wurde der Gasteig.

Als hätte dieses Quartier unsichtbare Fäden ausgeworfen und würde von Zeit zu Zeit einzelne Mitglieder der Familie nach Hause holen… Mit gleichsam magischen Kräften. Dabei war es nicht das gelobte Land, eher im Gegenteil…

Mit Anna-Maria wachsen wir in München auf. Wir arbeiten mit ihr in der Maxvorstadt, fürchten uns vor der allgegenwärtigen Cholera, erleben ihre kleine erste Liebelei, sehen sie mit ihrem zukünftigen Mann in einer kleinen Schankwirtschaft, deren Wirt Flaucher hieß und dieser ganzen Gegend damals einen Namen gab, ohne es zu wissen. Kinder kommen auf die Welt und der Stammbaum der Münchner Familie beginnt zu sprießen.

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Findelkind von Eva M. Bauer

Erste Fotos gesellen sich zu der Geschichte. Ereignisse, die wir zu kennen glauben werden hier individuell spürbar in ihren Konsequenzen. Die Kriege und Ideologien, die das Leben einrahmen. Vom Kaiserreich über die Revolution, in die Räterepublik hinein bis zum Nationalsozialismus. Vom Drückebergergässchen bis ins Braune Haus. Nur die Familie zählt, versucht zu überleben, um nicht im Wildwasser der Epochen ertrinken zu müssen. Wir erkennen ein München im Wandel der Zeit, teils bedrohlich, teils vital und lebenslustig. Am Chinesischen Turm wird schon morgens früh getanzt. Wer arm ist, muss feiern, wenn andere schlafen. Heute? Keine Spur mehr vom Amüsement von einst. Zumindest nicht zu diesen Uhrzeiten. Es lohnt sich dieses München an der Seite dieser Familie zu entdecken. Eine sehr erhellende und persönliche Städtereise…

Ich traf auf Menschen, mit denen ich gerne mal im Biergarten geratscht hätte. Ich erlebte ein München, in dem es 1905 bereits 101 Verlage und 55 Buchhandlungen gab und bummelte stauend durch das Kaufhaus Oberpollinger, das sich wohl gerade auf die Schließung vorbereitet. Ich erlebte 1920 die Geburt von Ernestine-Walburga und zog mit ihr durch ein München, das mir von Jahr zu Jahr vertrauter erschien. Bis ganz am Ende blieb ich bei ihr. Bei der Frau, die später den Namen Bauer tragen sollte und die Mutter der Autorin dieser Geschichte wurde. Was Eva M. Bauer im letzten Kapitel der Geschichte gelingt, ist ein grandioser literarischer Parabelflug durch ihr Leben. Hier schließt sie die Kreise vom ersten Augenblick ihrer Mutter bis zum letzten Loslassen in einer so bewegenden Art und Weise, dass Geburt und Tod nicht nur verschmelzen. In diesem Buch erlangen sie einen neuen Sinngehalt. Vom Findelkind zum Wunschkind brauchte es vier Generationen. Berührend. Meine uneingeschränkte Leseempfehlung!

Findelkind von Eva M. Bauer - Astrolibrium

Findelkind von Eva M. Bauer

Wer das Gefühl erleben möchte, unsterblich zu sein, während die Geschichte einer Familie in einer ganz besonderen Stadt wie ein zeitloses Daumenkino vor dem inneren Auge abläuft, der ist im „Findelkind“ bestens aufgehoben!

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Findelkind von Eva M. Bauer

Die verlorene Tochter der Sternbergs – A.L. Correa

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Das Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust ist ein Wagnis. Es besteht gerade bei Romanen die Gefahr, in eine verkitschte Darstellung der Verfolgung von Regimegegnern und ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen abzudriften. Allzu oft ist die Realität des menschenverachtenden Nationalsozialismus dann nur die Kulisse, die ein Schriftsteller benötigt, um eine Herzschmerzgeschichte zu erzählen. Gerade in der heutigen Zeit, in der Zeitgeschichte zu Geschichte wird, weil die Zeitzeugen sich nicht mehr äußern können, wird die Grenze zum „Holokitsch“ und zur romantisierten Form der literarischen Aufarbeitung häufig überschritten. Ich stehe dieser Entwicklung sehr kritisch gegenüber und versuche weiterhin beharrlich, jene Romane zu finden, die den hohen Anforderungen an die seriöse Auseinandersetzung mit einem Genozid gerecht werden.

Die verlorene Tochter der Sternbergs von Armando Lucas Correa gehört in die Phalanx der Romane, die nicht nur das Etikett „nach einer wahren Geschichte“ tragen, sondern sich dieser authentischen Vorlage tatsächlich verschrieben haben, um uns die Geschichte zu erzählen, die ansonsten niemand mehr niederschreiben könnte. Es geht nicht um die Symptome einer menschenverachtenden Ideologie. Es geht nicht um eine herzzerreißende Erzählung, die ihre Leser zu Tränen rührt. Hier geht es nicht um eine Geschichte, die uns packen soll, Spannungsbögen zur Dramatisierung konstruiert und in deren Verlauf wir auch noch unterhalten werden. Ganz im Gegenteil. Correa bedient sich stilistisch einer wenig emotionalen und angenehm sachlichen Beschreibung, der man ohne Ablenkung folgen kann, um das wahre Ausmaß der Ereignisse zu ermessen.

Die verlorene Tochter der Sternbergs - Armando Lucas Correa - Astrolibrium

Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Die Sternbergs werden im Berlin der 1930er Jahre von der Machtübernahme der Nazis überrollt, so wie es ihren jüdischen Mitbürgern ergeht. Es ist die schleichende Entrechtung, die wir an ihrem Beispiel erleben. Es sind die Einschränkungen im Alltag, die das Familienleben immer enger eingrenzen. Es ist die absolut fatale Hoffnung einer Familie, am Ende mit einem blauen Auge davonzukommen. Es ist die Fehleinschätzung der Eltern zweier kleiner Töchter, dass die Nazis nicht so weit gehen würden, wie man es in ihrem Umfeld behauptet. Erst als die Bücher des eigenen Buchladens in Flammen aufgehen und der eigene Ehemann ins Konzentrationslager verschleppt wird, sieht sich Amanda Sternberg in der Ausweglosigkeit der Situation dazu gezwungen, alles hinter sich zu lassen und mit ihren Töchtern zu fliehen.

Hier beginnt eine Odyssee, die den Entwurzelten alles nimmt, was ein normales Leben ausmacht. Hier wird eine Mutter vor die schwierigsten Entscheidungen gestellt, die man sich auch nur näherungsweise vorstellen kann. Eine Schiffspassage ist schon organisiert, alles verläuft nach Plan und doch scheitert die Flucht, wie so viele in dieser Zeit. Es gelingt Amanda nicht, ihre beiden Töchter ins sichere Kuba zu schicken. Im letzten Moment bringt sie es nicht übers Herz, sich von ihrer jüngsten Tochter Lina zu trennen und vertraut nur ihre sechsjährige Tochter Viera einem fremden Ehepaar an. Hier trennen sich die Lebenswege zweier Geschwister. Und nicht nur das. Das ist der Beginn einer Geschichte von Identitätsverlust, der Verleugnung des eigenen Glaubens und einer Zukunft, in der die Familienbande wie lose Enden in der Geschichte hängen.

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Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Es ist aber auch die Geschichte der wenigen aufrechten Helfer, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um verfolgte Juden zu retten. Es ist die Geschichte Frankreichs, das sich als Zufluchtsort anbietet und tragischerweise zur Todesfalle mutiert. 1939 schien es so, als wäre der Nationalsozialismus weit weg. Für Amanda und ihre Tochter Lien jedoch rückt die Gefahr immer näher. Das kleine Örtchen, in dem sie Zuflucht und Anschluss finden, gerät nach dem Angriff der Wehrmacht auf Frankreich ins Zentrum der Gewalt. Correa erzählt komplex, verwebt diese Familiengeschichte mit den Geschehnissen im besetzten Frankreich und engt den Freiraum von Mutter und Tochter immer mehr ein. Als sich schließlich die SS bei Vergeltungsaktionen gegen die Zivilbevölkerung wendet, wird das Massaker von Oradour-sur-Glane zum Fanal für die beiden Sternbergs, aus dem es kaum ein Entrinnen geben kann.

Armando Lucas Correa bleibt in seinem Roman nicht an der Oberfläche. Er taucht in die Tiefe der Urängste von Eltern ein, denen es nicht gelingt, ihre eigenen Kinder zu retten. Er versetzt uns in die Lage der Menschen, die vor die Wahl gestellt werden, für fremde Kinder Verantwortung zu übernehmen oder sie ihrem Schicksal zu überlassen. Correa stellt in seinem Roman Wegweiser auf, an denen man sich zu entscheiden hat, ob der eigene moralische Kompass funktioniert oder ob wir vor Angst versagen würden. Bei aller Hoffnung, die man schöpfen kann, bei aller Großherzigkeit, die man auf diese Weise erlebt, muss man immer wieder die Augen vor der Realität verschließen, da die Rettung von Kindern in dieser Zeit mit dem Verlust ihrer Geschichte verbunden war. In vielen Überlebensberichten decken sich diese Erkenntnisse. Jüdische Kinder mussten katholisch werden, um sie zu tarnen. Sie mussten die Namen ändern, um zu überleben. Und danach? Nach dem Krieg? Nach dem Ende des Wahnsinns? Wird es die Chance geben, die Kinderfotos von einst wieder in das echte Familienalbum zu kleben?

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Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Armando Lucas Correa lässt diese Frage nicht unbeantwortet. Er knüpft in seinem aufwühlenden Roman an die Geschichten vieler „Cut-Out-Children“ an, die aus ihren Stammbäumen ausgeschnitten werden mussten, um sie zu retten. Viele von ihnen sind wohl noch heute ahnungslos, weil sie adoptiert wurden und alle Verbindungen zu ihren eigentlichen Eltern in den Krematorien der Nazis in Rauch aufgingen. Wer die Identität verliert, hat keine eigene Geschichte zu erzählen. Wer am Ende seines Lebens nur am Ende des Lebens einer anderen Person angelangt, der ist auch heute noch ein Opfer einer Ideologie, die längst der Geschichte angehören sollte. Sollte! Diesen Fingerzeig auf unsere Zeit finden wir auch in Correas Buch. Namenlose Flüchtlinge gehören fast schon wieder zum Alltag unserer Zeit. Denken wir an ihre Stammbäume und Familien. Denken wir daran, wer diese Kinder von heute im Alter von 90 Jahren sind.

Diesen Zeitsprung wagt Armando Lucas Correa in seinem Roman Die verlorene Tochter der SternbergsEr verbindet Zeitebenen und Geschichte, in dem er sie neu schreibt. Er lässt uns staunen, wem wir im Jahr 2015 in New York begegnen. Er lässt uns fast atemlos dabei zuschauen, wie eine alte Dame auf Nachrichten reagiert, die in ihrem Leben nicht mehr damit gerechnet hätte, eine Geschichte zu entdecken, die sie seit mehr als 70 Jahren verdrängen wollte. Es sind Briefe aus der Vergangenheit, die sie über einen unglaublichen Umweg erreichen. Ein Wendepunkt in einer Geschichte, die so unglaublich ist, dass sie nur vom wahren Leben so geschrieben werden konnte. Er lässt uns verwundert die Augen reiben, als wir erkennen, dass die Lebensweisheit eines Vaters die Zeit überdauert hat und etwas verbindet, was für immer getrennt war:

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Die verlorene Tochter der Sternbergs – Armando Lucas Correa

Wenn du Angst hast und spürst, dass dein Herz rast, dann fang einfach an, die Herzschläge zu zählen. Zähle sie und konzentriere dich auf jeden Einzelnen…

Das Herzschlagfinale einer Geschichte, die sich in meinem Lesen und Schreiben Gegen das Vergessen einen wichtigen Platz erobert hat, und sich inmitten von Büchern wiederfindet, die von Kindern erzählen, denen nicht nur die Familien geraubt wurden, bewegt gerade in Zeiten eines aufflammenden Neo-Antisemitismus und bleibt nicht ohne Wirkung. Kinder ohne eigene Geschichte, keine Seltenheit:

Sonnenschein
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Junge ohne Namen

Mein Lesen geht weiter. Mein Schreiben setzt sich fort. Wir vergessen die Namen nicht, wir bleiben den Schicksalen auf der Spur. Wir erinnern… 

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