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Mr. Rail... das reicht, oder?

„Der 1000-jährige Junge“ von Ross Welford

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford - AstroLibrium

Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Es ist schon immer das Spiel mit der Zeit gewesen, das uns Leser fasziniert. Wir träumen gerne davon, unsterblich zu sein, auf Zeitreise gehen zu dürfen, oder einfach auch mal die Zeit anhalten zu können. Einstein hat die Zeit relativiert. Wir messen Zeit nicht in Maßeinheiten, sondern eher willkürlich mit eigentlich vorsintflutlichen Uhren. Es ist heute sehr leicht, Zeit zu gewinnen, sie verstreichen zu lassen, sie zu verschwenden oder sie einfach mal spontan an unsere Lebensbedingungen anzupassen. Denken wir nur an die Winter- oder Sommerzeit. Zeit zieht sich wie ein Kaugummi oder vergeht wie im Flug. Jeder denkt, eine innere Uhr zu haben oder der Zeit hilflos ausgeliefert zu sein. In der Literatur ist es sogar möglich, durch die Zeit zu reisen.

H.G. Wells hat in unserer Fantasie tiefe Spuren hinterlassen, seitdem er mit seiner Zeitmaschine den Sprung in die Zukunft gewagt hat. Viele Autoren sind seinem guten Beispiel gefolgt und haben einen wahren Zeitreise-Tourismus-Boom ausgelöst. Zuletzt bin ich Matt Haig in seinen Roman „Wie man die Zeit anhält“ gefolgt und habe dabei sehr genossen, dass er hierbei nicht auf Zeit gespielt hat. Er lässt seinen Protagonisten durch die Jahrhunderte wandern, nicht unsterblich, jedoch nur in mäßigen Schritten der normalen Alterung unterworfen. So treffen wir im Hier und Jetzt auf einen Mann, der im Moment wie ein Vierzigjähriger auf uns wirkt, in Wahrheit jedoch über 400 Jahre alt ist. Was er mitbringt, ist ein großer Fundus an selbst erlebtem historischen Wissen, das ihn zum zeitlosen Zeitzeugen vergangener Epochen macht. Welch tiefgründiger Spaß.

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Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Als ich auf den Roman „Der 1000-jährige Junge“ von Ross Welford stieß, musste ich sofort an Matt Haig und die Grundidee seiner Geschichte denken. Sie unterscheidet sich natürlich grundlegend, allerdings ist die Ausgangssituation sehr ähnlich. Wir treffen auf einen elfjährigen Jungen, der im Hier und Jetzt eigentlich ganz normal wirkt. Er wirkt nicht, als wäre er etwas Besonderes. Durchschnitt. Dass er allerdings schon seit 1000 Jahren elf Jahre alt ist, das wissen nur wir. Wir Leser sind immer im Vorteil. Der Junge altert jedoch im Vergleich zu seinem Alter Ego aus dem Roman von Matt Haig nicht um einen Tag. Er war elf, als er zeitlos wurde, er blieb elf in den Zeitscheiben, die er erlebt hat und er ist elf als er nun einen folgenschweren Entschluss fasst.

Schluss mit lustig. Schluss mit der Zeitlosigkeit. Alfie Monk will älter werden. Wo Matt Haig für erwachsene Leser schreibt und seinen Protagonisten zu einem zeitlosen Liebenden und Suchenden nach Zuneigung macht, bleibt Ross Welford sprachlich und inhaltlich bei seiner Zielgruppe, den Lesern und Leserinnen ab dem 10. Lebensjahr. Sie sollen zu Wegbegleitern von Alfie Monk werden. Sie sollen seine Andersartigkeit sehen und verstehen. Sie sollen mit ihm gemeinsam nach Lösungen suchen, wie man endlich aus der Zeitschleife des Nichtalterns entfliehen kann. Und dabei sehen sie die Welt aus der Perspektive eines Alfie Monk, der genau ihre Sprache spricht. Denn altklug ist Alfie sicher nicht! Nur ist sein Erfahrungsschatz um 1000 Jahre größer. Amüsant.

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Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Die Geschichte von Alfie Monk hat Sogwirkung. Erst damit angefangen, kommt man aus dem Lesen nicht mehr heraus. Ross Welford spielt vorzüglich mit der Zeit und lässt auch hinsichtlich der Ursachen für das ewige Leben keine Frage offen. Er nimmt seine Leser an die Hand, erklärt seine „Untoten“, die Einschränkungen, die ein solches Leben mit sich bringt und lässt niemanden im Unklaren darüber, dass Alfie Monk sterblich ist. Sieht man ja an seiner Mutter. Dabei fing alles mit ein paar geheimnisvollen Glasperlen an, die Alfies Vater besitzt. Livperler. Lebensperlen. Der wohl wertvollste Besitz seiner Familie. Tja, und statt abzuwarten, bis der richtige Zeitpunkt gekommen war, hatte Alfie seine Livperler im Alter von elf Jahren eingenommen. Und schon war es passiert. 1000 Jahre lagen nun vor ihm…

„Manchmal schäme ich mich immer noch.
Bis dahin hatte ich elf Winter erlebt.
Und ich sollte über tausend Jahre lang elf bleiben.“

Das macht ihn anders. Innerlich. Und jetzt, ohne seine Mutter, die in einem Feuer ums Leben kommt und vor die Alternative gestellt, die nächsten 1000 Jahre als Elfjähriger in einem Kinderheim zu verbringen, zieht er die Notbremse. Was er jetzt braucht sind gute Freunde und Glück. Hier entwickelt Ross Welford einen zeitlosen Jugendroman, der es in sich hat. Voller Anekdoten über das ewige Leben als Elfjähriger (ein doofes Alter für das ewige Leben – es gäbe so viele spannendere Lebensphasen, denkt auch Alfie) und erweitert um die wundervolle zweite Erzählperspektive seines Freundes Aidan, besticht dieser Roman in seinen Bildern, die haften bleiben.

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Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Freundschaft, blindes Vertrauen, die Sehnsucht nach einem anderen Leben, das Ausbrechen aus dem alltäglichen Muster, der Wunsch erwachsen zu werden und eine unglaubliche Lust an der Schönheit des Lebens machen den Roman zu einem absolut lesenswerten Genuss. Wer also erfahren möchte, wie ein elfjähriger Junge an originale handsignierte Bücher von Charles Dickens kommt, wen es interessiert, wie ein junger allwissender Zeitzeuge in einer Ausstellung zur Geschichte der Angelsachsen auffällig wird und wer mit einem 1000-jährigen Spannungsbogen zurechtkommt, dem sei diese Geschichte ans Herz gelegt. Und wer denkt, es hier mit einem Roman für Jungs zu tun zu haben, der darf sich auf Roxy freuen. Die gemeinsame Freundin von Alfie und Aidan hat es faustdick hinter den jungen Ohren und erweist sich als wahrer Wirbelwind in der zeitlosen Story.

Doch es ist Vorsicht geboten. Tiefgang gehört zu diesem Buch wie die Anekdoten zur Geschichte. Ross Welford bringt seine Leser schon sehr ins Grübeln. Der Roman hat seine tief angelegten Momente, wenn man sich mit Verlust, Trauer und der Illusion auseinandersetzt, wie es wäre, ewig elfjährig zu sein. Man kann dieses Buch mit gutem Gewissen seinen Kindern schenken. (Und es sich dann ganz heimlich ausleihen, um es selbst zu lesen). Dieser Lesespaß ist alterslos. Also zumindest, wenn man irgendwie im Herzen jung geblieben ist. In jedem steckt ein kleiner Alfie…

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Der 1000-jährige Junge von Ross Welford

Zeitlose Zeitreise-Romane bei AstroLibrium, die keine Zeitverschwendung sind:

Kunde von Nirgendwo“ – Eine Zeitreise mit William Morris
Blätterrauschen“ eine Zeitreise mit Holly-Jane Rahlens
Flügel aus Papier“ – Eine Zeitreise mit Marcin Szczygielski
Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig [Buch und Hörbuch]
Marmorkuss“ von Jennifer Benkau [Urban Mystery]
So nah und doch so fern“ – Eine Liebes-Zeitreise von Ann Brashares
Anne Frank – Wenn du jetzt bei mir wärst“ – Waldtraut Lewin
„Zeitreise mit Hamster“ von Ross Welford… Das steht noch in meinem SUB

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„Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen
kann der Seele eine ähnliche Entlastung
und Ruhe geben wie die Meditation.“

Hermann Hesse

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Ich bin sicher nicht der Leser mit dem grünen Daumen“. Und doch habe ich bereits einen literarischen Ausflug in eine Gartenlandschaft gewagt, der mir gezeigt hat, wie es sich auf Körper und Geist auswirken kann, wenn man sät, pflanzt und erntet. Oder sich ganz einfach an der bunten Blütenpracht berauscht, der man eine Heimat gegeben hat. Gärten können kontemplative Atmosphäre erzeugen, entschleunigen und den Geist vor Überlastung schützen. „Der Garten von Hermann Hesse“ sollte eigentlich mein letztes Gartenbuch sein. Dachte ich. Und nun stehe ich kurz davor, das Jahr 2019 zu meinem Lesejahr des Gartens auszurufen. Wie kommt es dazu?

Nun, die Literatur bringt viele Überraschungen mit sich. Während Hermann Hesse mir zeigte, wie kreativ man in der Gestaltung von Gartenwegen sein kann (er befestigte sie mit unaufgefordert zugeschickten Rezensionsexemplaren), las ich mich ohne ahnen zu können, was mich künftig erwarteten sollte, durch meine MinaLima-Bilbiothek. Von „Peter Pan“ über „Die Schöne und das Biest“. Bis mitten hinein ins „Dschungelbuch“ und „Die kleine Meerjungfrau“ führte mich mein Lesen in die Fantasiewelt der großen klassischen Kinder- und Jugendbücher. Als ich dann die Fortsetzung dieser magischen Buchreihe entdeckte, war es um mich geschehen. The Secret Garden von Frances Hodgson Burnett erblickte in London das Licht der Welt und schon auf der Frankfurter Buchmesse durfte ich einen ersten Blick auf das deutsche Cover werfen.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Der geheime Garten wird als Buchkunstwerk aus dem Hause Coppenrath Verlag diese MinaLima-Reihe auch bei uns fortsetzen. Grüner Daumen hin oder her. Es ist unausweichlich, mich in diesen Garten zu begeben. Zuerst erreichte mich ein geheimes Buchpaket aus London, um meine Neugier im Zaum zu halten. Dann erfuhr ich, was im neuen Jahr so auf mich zukommt. Und jetzt sitze ich wie angepflanzt in einer Oase der Literatur und entwickle mich zum Gärtner meines grünen Lesens. Schon 2019 wird nun die Verfilmung des Jugendbuch-Klassikers mit Colin Firth in der Hauptrolle in den Kinos zu sehen sein. Darüber hinaus hat Der Audio Verlag ein atmosphärisches Hörspiel im Programm, das dieses Abenteuer brillant in Szene setzt. Ich hatte keine Chance. Nach meinem Ausflug in die wundervolle Hörspielwelt von „Peter Pan“ wollte ich mich gerne hörend in den Garten begeben.

Hier bin ich nun. Das Original von MinaLima in Händen, auf die Verfilmung und die Übersetzung des Buches wartend und bereits am Ende des Hörens eines Hörspiels. Ja. Ich konnte nicht warten. Ich zog mich für eine gute Stunde zurück und hörte mich in die Welt der 10jährigen Mary Lennox hinein. Mehr als hundert Jahre alt ist die Geschichte und eigentlich könnte man annehmen, sie sei in die Jahre gekommen. Angestaubt oder zumindest leicht antiquiert. Mit unseren Heutigen schwer in Einklang zu bringen und für Kinder des 21. Jahrhunderts vielleicht wenig zeitgemäß. Weit gefehlt. Sehr weit. Ich bin mir inzwischen ganz sicher, dass ich die Lese- und Hörzeit in diesem geheimen Garten genau richtig investiert habe und noch investieren werde.

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Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Heute lege ich mein Ohrenmerk auf die 2018 bei Der Audio Verlag veröffentlichte SWR 2 – Produktion aus dem Jahr 1999. Hörspiele sind cineastische Inszenierungen fürs Ohr. Ein vollständiges Ensemble muss seine Zuhörer schon von Beginn an mit der klar erkennbaren Rollenverteilung überzeugen. Hier bleibt kein Raum für „Mary sagte“ oder ähnliche Zuordnungen und Hilfen. Hier muss man Mary und andere Protagonisten sofort heraushören, als unverkennbar für die Folgehandlung einstufen, in jedem Aufzug der Handlung wiedererkennen und sogar aus dem Chor verschiedener und sich häufig überlagernder Stimmen klar identifizieren können. Gelingt dieser Spagat aus Hören und Inszenierung nicht, sorgt dies gerade bei jungen Zuhörern nur für Verwirrung. Es ist als würde man einen Film mit geschlossenen Augen verfolgen. Einzig ein Erzähler wird als Bindeglied zwischen Handlung und Schauspiel fürs Ohr eingeflochten. Ihm kommt hier eine große Verantwortung zu. Lenken, leiten, erklären, erläutern und überleiten. Regie und Inszenierung vermögen hier einen Kosmos zu gestalten, dem man folgen kann. In einigen Fällen jedoch gelingt diese Gratwanderung nur bedingt. Hier schon!

In „Der geheime Garten“ unter der Regie von Götz Fritsch haben wir es immerhin mit elf Charakteren zu tun, die für die Handlung von großer Bedeutung sind. Hier ist die Erzählerin Doris Schade unsere Vermittlerin zwischen Ohr und Roman. Dieses Hörspiel bringt uns junge Stimmen näher, die wir den heute erwachsenen Sprechern im ersten Moment des Hörens nicht zuordnen würden. Was schon vor fast zwanzig Jahren aufgenommen wurde, entwickelt allein schon hier einen frischen und zeitlosen Charme. Das Ensemble des Hörspiels besteht aus:

Doris Schade (Erzählerin)
Solvej Krause (Mary)
Samuel Teixeira (Colin)
Tobias Schmidt (Dickon)
Jaschka Lämmert (Martha)
Helga Grimme (Mrs. Medlock)
Peter Fricke (Sir Archibald Craven)
Fritz Lichtenhahn (Ben Weatherstaff)
Christine Davis (Mrs. Crawford)
Hans Treichler (Mr. Pitcher)
Klaus Hemmerle (Dr. Craven)
Joachim Hall (Roach)

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Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Die Handlung des Romans wurde im Hörspiel natürlich verknappt und auf seinen wesentlichen inhaltlichen Kern reduziert. Und doch gelingt es, dieses komplexe und tief angelegte Jugendbuch authentisch zu erzählen. Die junge Mary, die verwaist in die englische Heimat zurückkehrt, bei ihrem verwitweten und verbitterten Onkel Archibald Zuflucht findet, und dort auf ein Haus voller Geheimnisse stößt, erweicht das Hörerherz. Sie verwandelt sich aus der verwöhnten kleinen Göre in ein neugieriges und fürsorglich denkendes junges Mädchen, als sie in ihrem Cousin Colin einen verletzlichen Jungen erkennt, dem es zu helfen gilt. Der geheime Garten wird für beide zu einem wichtigen Zufluchtsort und zum Sanatorium für die Seele. Hier entfaltet die Natur ihre Magie. Der Umgang mit Verlust und Trauer, sowie die Ängste eines übervorsichtigen Vaters lasten auf den Kinderseelen, bis sie den Garten für sich entdecken..

Solvej Krause und Samuel Teixeira verleihen ihren Figuren so viele Facetten, die diese Verletzungen verdeutlichen, dass man schon ab einem Alter von acht Jahren gut nachvollziehen kann, was in ihren Herzen vor sich geht. Trauer und Angst sind die Bestimmungsgrößen ihres Alltags. Eine eingebildete und verwöhnte Zicke trifft auf den eingebildeten kranken Jungen. Ein weiter Weg liegt vor ihnen. Freunde müssen erst zu Freunden werden, um helfen zu können. Das Wunder wartet am Ende des Gartens. Es ist die alte Botschaft von Frances Hodgson Burnett, die auch nach mehr als hundert Jahren noch zu uns durchdringt. Alleine schafft man es nicht aus Krisen zu entkommen und erst, wenn man sich anderen anvertraut, sich öffnet und zuhört, gelingt ein Wunder.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – Ab März beim Coppenrath Verlag

Gemeinsames Hören, vielleicht sogar im Garten, wird hier zum Erlebnis. Ich mag auf diesem Hörspiel aufbauend in das Buch mit dem Originaltext eintauchen. Ich werde mir die Literaturverfilmung anschauen und erlaube mir, Euch einfach mitzunehmen. Ein Jahr voller Gartenlesetage wartet auf uns und so wie ich mich kenne, wird sich noch so manche andere Geschichte diesem Weg anschließen. Es grünt so grün, wie unsere Bücher blühen… Ich glaub` jetzt hab` ich`s… Bis bald. Im Garten.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - 2019 als Film mit Colin Firth

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – 2019 als Film mit Colin Firth – AstroLibrium

Mehr zu der MinaLima Bibliothek der Jugendbuchklassiker auf AstroLibrium.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Die MinaLima Bibliothek bei AstroLibrium

„Roter Rabe“ – Frank Goldammer (Max-Heller-Reihe Band 4)

Roter Rabe von Frank Goldammer - AstroLibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer

1945 „Der Angstmann“, 1947 „Tausend Teufel“, 1948 „Vergessene Seelen“ und 1951 „Roter Rabe“. Seit erlesenen sechs Jahren bin ich nun treuer Wegbegleiter von Max Heller. Sechs Jahre, die nicht nur sein Leben, sondern auch ein ganzes Land und seine Heimatstadt Dresden extrem verändert haben. In der Bombennacht ausradiert, von der Roten Armee besetzt, im geteilten Deutschland dem Osten zugeschlagen und sozialistisch geprägt in eine neue Zeitrechnung treibend. Die eigene Familie getrennt in Ost und West, ein kleines Mädchen gerettet und an Eltern statt aufgenommen und dem Taumel der Zeit ausgesetzt, wie ein Blatt im Wind. Kein Stein blieb auf dem anderen…

(Sie entscheiden selbst: Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn oder lesen…)

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Roter Rabe von Frank Goldammer – Ab 6.2. als Rezension fürs Ohr

Nur Max Heller blieb und bleibt die Konstante in dieser Konstellation. Polizist aus Überzeugung, Gerechtigkeitsfanatiker sowie Gefühlsunterdrücker. Verantwortungsvoller Vater und blitzgescheiter Ermittler, der mit keiner Situation überfordert scheint. Mensch ohne Vorurteile, zweifelnd mit der eigenen Rolle hadernder Opportunist der Systeme in den Wellenbewegungen politischer Indoktrination und mehr als verlässlicher Partner für seine Kollegen. Wenig kompromissbereit bei der Wahrheitssuche, verbissen bei seiner Jagd nach Mördern und sonstigen Kriminellen, Workaholic mit sozialen Defiziten und in der Tiefe des Herzens, vor allen verborgen, liebend, vermissend und darunter leidend, seine beiden Söhne in getrennten Staaten zu wissen. Max Heller.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Frank Goldammer hat augenscheinlich einen letzten echten Sheriff in seine High-Noon-Szenarien geschrieben. Von Gerechtigkeit getrieben, unfähig, Gefühle offen in sein Leben zu tragen, von vielen um seine Gradlinigkeit beneidet, gefürchtet und doch als Einzelkämpfer auftretend, wenn es darum geht, im Finale auf offener Straße für das Recht alles zu riskieren. Man ist oft an die guten alten Western erinnert, wenn wir Max Heller in diesem historischen Setting beobachten. Mag die Welt auch untergehen, mag das Leben auf der Kippe stehen. Er ist der tapfere Texas Ranger mit der Polizeimarke. Der letzte Aufrechte. Das einzige Gegengewicht auf der Wippe zwischen Gut und Böse. Das Zünglein an der Waage der Wahrheit. Nicht korrumpierbar. Eigentlich ein Held.

Wäre da nicht der große Makel seines Lebens. War er Teil der Nazi-Exekutive im Dresden vor dem Untergang? Wäre er nicht noch ermittelnder Teil der Diktatur, hätte sie den Krieg gewonnen? War er nicht zur Zusammenarbeit mit den Siegern bereit, nur um Polizist bleiben zu können? Wäre es ihm nicht egal gewesen, ob sie kommunistisch oder demokratisch gewesen wären? War er nicht jetzt, im Jahr 1951, offizieller Vertreter der neuen Staatsmacht einer sozialistischen Regierung? Hatte er sich nicht mit wahrlich jedem Teufel arrangiert, der ihn fütterte, damit er in Ruhe seinem Beruf nachgehen und Polizist bleiben durfte? Hatte er sich nicht innerlich bereits damit abgefunden, mit allen Geheimdiensten gemeinsame Sache zu machen, wenn es darum ging, auch politische Verbrechen aufzuklären? Max Heller. Gefangen in einem mephistophelischen Konflikt. Seele verkauft. Berufung gefunden?

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Es wird immer schwerer, an seiner Seite zu bleiben, weil Frank Goldammer genau diesen Konflikt in seinen Kriminalfällen auf die Spitze treibt. Fälle, in denen es für mich schon lange nicht mehr um die Aufklärung von Verbrechen geht. Fälle, die zeigen, wie zerrissen derjenige ist, der hier als Hüter für Recht und Ordnung ermittelt, bis er die Schuldigen dingfest gemacht hat. Fälle, die eigentlich nur das kriminelle Beiwerk für die philosophisch menschliche Betrachtung eines Charakters sind, in den man sich so gut hineinversetzen kann. Max Heller wirft Fragen auf, die mich heute beschäftigen. Wäre ich selbst bereit, die Lieder verschiedener Systeme zu singen? Hätte ich eine Wahl, als Vater und Ehemann? Bliebe ich auf der Strecke oder würde ich im inneren der Systeme als Gegengewicht zum Pendelschlag der Macht wirken wollen. Mehr als ein Krimi. Viel mehr.

Ich weiß schon, wohin mich Frank Goldammer mit seinen Büchern treibt. Ich sehe die Zeitscheiben vor mir, die unaufhaltsam auf mich zurasen. „Roter Rabe“, der vierte Band der Max-Heller-Reihe wurde für mich zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Keine Chance, der neuen DDR zu entkommen, keine Chance, sich dem Weltbild zu entziehen oder ihm offensiv zu entsagen. Keine Möglichkeit, bei aller Integrität unbelastet zu sein. Max Heller hat nur eine Chance, wenn er sich selbst im Spiegel betrachten möchte. Er muss DER GERECHTE bleiben, egal, welche Welt ihn umgibt. Gerade in „Roter Rabe“ wird dies wichtiger als jemals zuvor. Er hat gelernt. In seinem Inneren weiß er Gut und Böse zu unterscheiden. Er geht seinen Weg, auch wenn die Morde, die in Dresden um sich greifen, nicht fassbar, weil unfassbar sind.

Max Hellers Charakter bleibt der große literarische Konflikt, den wir Leser mit ihm gemeinsam auszutragen haben. Der Zweck heiligt niemals die Mittel und ich befürchte, dass man ihn eines Tages genau an dieser Achillesferse tödlich verletzen wird. Er hätte es kommen sehen müssen. Auch jetzt…

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Seine Ostseeurlaube sind inzwischen genehmigungspflichtig. Im Kollegenkreis hat man das Gefühl bespitzelt zu werden, seine eigene Frau befindet sich, ein Sakrileg, im westlichen Teil Deutschlands, um den gemeinsamen Sohn Erwin zu besuchen und die Pflegetochter Annie dient nur noch als Faustpfand für Karins Rückkehr. Und noch dazu gehört ihr zweiter Sohn Klaus inzwischen zum gar nicht so geheimen Geheimdienst der jungen DDR. Als dann auch noch zwei unter Spionageverdacht stehende Männer in der Haft Selbstmord begehen, fokussiert sich Max Heller, blendet alles Irrelevante aus und stürzt sich in die Arbeit. Karin? Ein dauernder Schmerz der Sehnsucht ganz tief und gut verborgen. Annie? In guten Händen, so denkt er. Der Rest? Wird sich finden, das hofft Max Heller.

Zeugen Jehovas. Die beiden Selbstmörder. Und der Suizid offensichtlich alles andere als ein Freitod. Heller ermittelt im Umfeld von Menschen, die zu einer anderen Zeit, im gleichen Land, von anderen Machthabern in Lager deportiert und liquidiert wurden. Er wird mit Menschen konfrontiert, die Gewalt ablehnen, auch jene gegen sich selbst. Ein Selbstmord scheidet für ihn aus. Er beginnt, nicht nur für sich, sondern auch gegen das System zu ermitteln, dem er eigentlich dient. Es sind nur ganz lose Fäden, die Heller in Händen hält. Und doch deuten sie auf Zusammenhänge hin, die in einer unglaublichen Dynamik über die Ufer treten. „Eine Flut wird kommen“. Diese Nachricht findet man in den Händen eines weiteren Opfers. Wo und wie Max Heller auch nachforscht, es wirkt, als wäre ihm jemand immer einen Schritt voraus. Die Liste der Zeugen entspricht schon bald der Liste der Menschen, die beseitigt werden, kaum, dass Heller sie aufsucht.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

„Roter Rabe“ ist ein höchst investigativer Krimi, der sich in dieser Art und Weise nur in der beschriebenen Zeit und am gewählten Ort abgespielt haben kann. Das Klima für Spionage und Gegenspionage, verknappte Rohstoffe und Wirtschaftsdelikte, Verfolgungsszenarien gegenüber den alten Sündenböcken aus früherer Zeit, Chancen, Identitäten in den Nachkriegswirren abzustreifen und ein Staatssicherheitsdienst, der in allem und jedem eine Gefahr sieht. All dies sind authentische Rahmenbedingungen für den Moment, in dem ein „Roter Rabe“ zuschlagen kann. Gerüchte von einer Bombe in Dresden machen die Runde, Fake-News grassieren, Leichen werden gestohlen, um an Särge zu kommen, die eigenen Kollegen geraten ins Fadenkreuz der Spionageabwehr und über allem schwebt das Damoklesschwert, Hellers Frau könnte sich in den Westen abgesetzt haben. Wenn das keine Flut ist, die kommt, dann weiß ich es nicht. 

Das Szenario ist komplex. Frank Goldammer verliert jedoch keinen seiner Fäden aus dem Blick. Darauf kann man sich verlassen. Ebenso, wie man sich auf Charaktere verlassen kann, denen man seit Jahren folgt. So spannend die Ermittlungsarbeit Hellers auch wieder ist, viel spannender ist und wird sein schwelender innerer Konflikt bleiben. Wir werden sehen, was mit ihm passiert. Es ist kein Ende abzusehen und Potenzial für weitere Heller-Fälle ist ausreichend vorhanden. Die Zeitscheiben liegen bereit. Deutsch- Deutsche Geschichte. Was für ein Tummelplatz für künftige Bücher und Hörbücher. Ich werde weiterlesen und auch -hören. Heikko Deutschmann bleibt für mich die Stimme dieser grandiosen Reihe…

Hier geht’s zu allen Bänden. Es ist Heller in der kleinen literarischen Sternwarte.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Wenn das nicht spannend ist: Uwe Rennicke mit der Replique zu meiner Rezension. Natürlich auf Litterae DresdensisWas für ein Spaß. Bloggerfreunde eben… 😉

„Elegie des Großen Krieges“ von Dorothe Reimann

Elegie des großen Krieges von Dorothe Reimann - AstoLibrium

Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Ein Klagelied, oftmals mit geschichtsphilosophischer Perspektive, ein Abgesang oder auch ganz einfach Gräberpoesie. Das ist gemeint, wenn wir es im literarischen Sinn mit einer Elegie zu tun haben. Dabei hat in unserer heutigen Zeit die Elegie ihren poetischen Charakter zumeist eingebüßt. Ihre Qualität misst sich nicht mehr an Reimen oder Versmaßen, hat sich vom Lyrischen entfernt und beheimatet melancholische und trauernde Stimmungsbilder im Rückblick auf Vergangenes. Weltschmerz kann man es nennen. Nicht jedoch ohne Botschaft, die in die Zukunft weist.

Die Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann könnte keinen größeren Weltschmerz beinhalten, beschäftigt sich dieser elegische Abgesang doch mit einer der größten Menschheitskatastrophen. Der Erste Weltkrieg als Urmutter aller Kriege der Neuzeit, in denen das industrialisierte Töten zum Maßstab wurde. Wenn man sich nur die historischen Begriffe auf der Zunge zergehen lässt, dann wird dem Leser heute noch schlecht, weil er erkennt, was hier mit Menschen geschah. Abnutzungsgefecht, Material- und Ausblutungsschlacht, Zermürbungs- und Stellungskrieg. Hier wurde der einfache Soldat zum Kanonenfutter. Strategische Ziele bezogen sich auf das Halten von Stellungen bis zum letzten Mann, das Erobern von zerschossenen Hügeln und den Landgewinn von wenigen Metern. Eingraben. Aushalten, tapfer sein. Gas abwarten.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Wer sich in der heutigen Zeit die Schlachten an der Somme oder die Gefechte vor Verdun als Schauplatz eines Romans aussucht, der hat kein unbeschriebenes Blatt vor Augen und besingt kein ungesungenes Lied. Alles ist erzählt, alles ist beschrieben und was noch nicht erzählt oder besungen wurde, ist in Dokumentationen zu sehen. Im Bücherregal meines Lebens zum Ersten Weltenbrand sind sie alle versammelt. Werke aus der Feder von Soldaten beider Seiten, Zeitzeugen, Leidtragende. Romane aus den Federn großer Autoren, die den Schrecken des Krieges in ihren fiktionalen Charakteren aufleben lassen, um uns zu sensibilisieren und uns vor neuzeitlicher Entmenschlichung zu warnen. Tagebücher, Feldpostbriefe, Romane und Dokumentationen gehen Hand in Hand, um mir Leitfaden zu sein und mich verstehen zu lassen, was meine Großväter in dieses Schlachten trieb.

Ich mag es nicht, wenn dieses Horrorszenario zur Kulisse verkommt. Ich bin sehr vorsichtig mit Büchern, die ohne plausiblen Hintergrund und mit fehlender Authentizität lediglich nach Knalleffekten für eine Geschichte suchen, die unter der Überschrift Erster Weltkrieg ihre Käufer finden wird. All dies war Dorothe Reimann bewusst, als wir über ihre „Elegie des Großen Krieges“ sprachen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, vertraute sie mir ihr Buch an. Und gerade deshalb las ich es. Kritisch. Begleitet von den wahren Zeitzeugen, die mir diesen Weltenbrand in die Seele geschrieben haben. Ernst Jünger und Fritz Rümmelein beäugten diese Elegie. Zwei Offiziere des Weltkriegs an der Seite eines einfachen Schneidergesellen. Konnte das gutgehen?

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann vergreift sich nicht in ihrer Elegie vom Großen Krieg! Weder im Ton, noch in der Klangfarbe und erst recht nicht an den verbrieften historischen Fakten. Sie bedient sich nicht. Weder am Szenario noch an den Menschen, über die sie hier in der gebotenen Seriosität schreibt. Sie verrennt sich nicht. Weder im Stil noch in der Art, das Kriegsgeschehen authentisch greifbar zu machen. Sie hält Stand, wo viele Autoren den Boden verloren haben. Sie verteidigt ihren Erzähl-Schützengraben gegen jeden nur denkbaren Zweifel, weil sie sich in ihrer Erzählung bewegt, als wäre sie selbst durch die Stellungen an der Front gekrochen.

Ihre Elegie schmeckt, riecht und klingt schmutzig. Sie gibt Pathos keinen Raum. Im Detail bleibt sie, auch in allen Begrifflichkeiten, trittsicher und stabil. Befehl bleibt Befehl, Schlamm bleibt Schlamm, Grabenfüße modern in ihren Stiefeln, Ratten und Läuse sind Wegbegleiter der Frontschweine und die Standesunterschiede zwischen Offizieren und dem einfachen Fußvolk kosten Menschenleben. Dorothe Reimann individualisiert jenes Grauen und schickt zwei Protagonisten in ihre Schlacht. Nicht sinnlos. Sie tragen beide ihre eigenen und verborgenen Missionen in ihren Herzen. Herzen, die sich täglich mehr verkrampfen und eigentlich keinen Spielraum mehr für das Menschsein geben.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann geht in ihrer Elegie keinen leichten Weg, weil sie Soldaten beider Seiten in den Mittelpunkt ihrer Schlachtreihe stellt. Sie richtet den Fokus auf zwei ganz einfache Jungs, die vom Schicksal an die Front geworfen wurden. Ernst Berger, einen einfachen Schneidergesellen aus Bückeburg und Ben, den jungen Bauern aus Dorset. Nur wenige Meter trennen sie in jenen Tagen 1916 an der Somme. Sie hören dieselben Explosionen, riechen das gleiche Gas, essen ähnlich vergammelten Fraß, sehen vielen Kameraden beim Sterben zu und greifen auf Befehl zur Waffe. Im äußeren Schein sind sie kaum zu unterscheiden. Verschmutzt, stinkend, kaum als Menschen zu erkennen.

In ihrem Inneren vereint sie mehr, als sie sich je vorstellen könnten. Während Ben nur hier ist, um auf seinen besten Freund Henry zu achten, schreibt Ernst verzweifelte Feldpostbriefe an seine große Liebe Marie. Die Unmöglichkeit vereint, was Feindschaft trennt. Beide jagen Illusionen nach. Ben fühlt, dass er mehr für Henry empfindet. Wobei ihm klar ist, dass er alles zeigen darf, nur nicht jenes verwirrende Gefühl. Und Ernst hat sich in eine Frau verliebt, der er gar nicht schreiben darf, weil ihr Verlobter nun mit ihm im Dreck liegt. Nicht jedoch auf Augenhöhe, sondern als Vorgesetzter.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann verlangt Übermenschliches von ihren beiden Kriegern. In einem Umfeld, das jede Menschlichkeit verloren hat, sind sie dazu verdammt, nach außen die tapferen Soldaten zu geben, während in ihrem Inneren ganz andere Kriege toben. Hier stoßen sie an ihre Grenze. Hier können sie nicht angreifen, in die Offensive gehen und den Frontverlauf der eigenen Konflikte verändern. Sie sind dazu verdammt, im Inneren die größte Schlacht auszutragen. Während Ernst seiner Angebeteten beschreibt, welch ein menschenverachtendes Schwein ihr Verlobter ist, folgt Ben seinem Freund, wie ein treuer Hund von einem Gemetzel ins nächste. Als Henry vermisst wird, brechen Welten zusammen. Als Ernst den Angriffsbefehl bekommt, macht sich Ben auf die Suche nach seinem Freund. Im Moment des Aufeinandertreffens der beiden Feinde zeigt sich, was der Krieg aus Menschen macht. Obsiegt die äußere Rolle oder das pochende Herz?

Dorothe Reimann beherrscht ihr Metier, ringt jeden Zweifel nieder und überzeugt mit ihrer Elegie. Sie kann erzählen. Oh ja. Und sie weiß, kritische Schwellen mit einer geschickten und stilsicheren Bewegung zu umgehen. Ernsts Briefe werden niemals an Marie geschickt. Es ist das Ungesagte und Unsägliche, was er hier niederschreibt. Die Zensur hätte es nie ermöglicht, auch nur einen Brief Bückeburg erreichen zu lassen. In jeder Beziehung bleibt stilsicher, was so gerne entgleiten würde. Nicht hier. Verzweifelt ungelebtes Lieben vebindet die beiden Kämpfer. Wir Leser wissen, welche Konflikte in ihnen toben, während die Ausblutung beider Armeen voranschreitet. Was bleibt ist eine „Elegie des Großen Krieges“. Was bleibt, ist nachzudenken und allen Geschichten um den Ersten Weltenbrand eine weitere, sehr lesenswerte, hinzuzufügen.

Der Erste Weltenbrand – Eine Artikelserie bei AstroLibrium und ein ganz kleines Hörspiel auf Literatur Radio Hörbahn: „Sie flüstern„.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

„Die Jahre“ von Annie Ernaux als fulminantes Hörspiel

Die Jahre von Annie Ernaux - Astrolibrium

Die Jahre von Annie Ernaux

Eigentlich nennt man es Nahtoderfahrung. Eigentlich spricht man davon, wenn das ganze Leben als Film vor dem geistigen Auge abläuft, bevor man die Augen für immer schließt. Eigentlich hat diese Rezension ja nichts mit einer Nahtoderfahrung zu tun und doch war es das Gefühl, das mich beschlich, als ich „Die Jahre“ von Annie Ernaux als Hörspieladaption erleben durfte. Es war, als würde sich das ganze Leben von Annie Ernaux vor meinem geistigen Ohr abspulen. Die französische Schriftstellerin hat erst vor wenigen Wochen ihre „Erinnerung eines Mädchens“ mit mir geteilt. Ich hatte den Klang ihrer Erzählmelodie noch im Ohr, wusste, wie sie schreibt und war sehr gespannt darauf, wie sie nun im autobiografischen Rückblick weiter ausholt, um ihr ganzes Leben Revue passieren zu lassen.

Aber als Hörspiel? Mit den unvergleichlichen Stimmen von Corinna Harfouch, Nicole Heesters, Birte Schnöink und Constanze Becker? Ich konnte mir nicht vorstellen, wie eine hochpersönliche Lebensbilanz, die im Buch ohne Ich-Perspektive auskommt, nun als Quartett-Performance umgesetzt werden könnte? Verteilte Rollen konnte es kaum geben. Schon in der Erinnerung an 1958, das Jahr ihrer sexuellen Unterwerfung, hatte sie das „Ich“ nur verwendet, wenn sie ganz tief in die Zeit zurückkehrte. Ansonsten war es die wertende Perspektive einer Zuschauerin, die sie selbst als „Das Mädchen“ oder einfach „Sie“ beschrieb. Konnte ein Hörspiel hier als Stilmittel geeignet sein, das Leben von Annie Ernaux miterlebbar zu machen? Ich war gespannt.

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Die Jahre von Annie Ernaux

Experimentell kam es mir vor, was ich hörte. Fragmentarisch, kaleidoskopisch und gewagt. Das waren meine ersten Eindrücke und ich hatte das Gefühl, im Vergleich zu einer Lesung oder einem traditionellen Hörspiel mit Erzähler und Akteuren sehr schwer in die Geschichte hineinzukommen. Ich hatte nicht erwartet, eine konstant tickende Uhr im Hintergrund zu hören. Ich hatte nicht erwartet, vier Stimmen zu begegnen, die in der sich ständig überlagernden und schlagwortartigen Sprechweise eher an eine moderne Performance erinnern, als die Erwartung an ein Hörspiel zu erfüllen. Das war etwas so Neues für mich, dass ich einige Anläufe benötigte, um hier Fuß zu fassen, eine Struktur zu finden und mich selbst in den Hörrhythmus zu versetzen, den „Die Jahre“ verdient haben.

No! Das Hörspiel aus dem Hause Der Audio Verlag ist nicht geeignet für das mal eben Nebenbei-Hören im Auto. Es verlangt nach einer ruhigen Atmosphäre ohne viel Ablenkung. Es verlangt nach dem aktiven Hörer. Es fordert schlicht dazu auf, sich beim Hören Notizen zu machen und die so verschlagworteten Fragmente zu einem sich weit ausfächernden Mosaik der Erinnerungen zu formen. Dann ist man schnell drin. Dann ist man gefangen und kann sich dem Sog dieser Stimmen nicht mehr entziehen. Dann hat man Blut geleckt und ertappt sich dabei, die Erinnerungen der Annie Ernaux mit dem eigenen Lebenskosmos abzugleichen. Gibt es Schnittmengen? Gibt es sogar kollektive Erinnerungsfetzen in diesem höchst individuellen Universum? Schritt für Schritt, Track für Track erfolgt die Annäherung an eine Frau, die uns in ihrer Biografie vorkommt, wie ein Buch mit sieben Siegeln. Eine Stunde und achtzehn Minuten reichen aus, um einer Atmosphäre Raum zu geben, die in dieser Form bisher einzigartig ist. Die Regisseurin Luise Vogt unterstreicht in dieser Inszenierung die Distanz, die Annie Ernaux zu ihrem eigentlichen „Ich“ erzeugt hat und erweitert sie um eine kollektive Dimension, die einen gemeinsamen Erinnerungs-Ansatz ermöglicht. Aktiver kann das Zuhören nicht sein.

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Es sind ständig wiederkehrende Muster, die dem Hörspiel Kontur verleihen. Es ist der Blick auf die Fotos der Vergangenheit. Es ist eine Beschreibung, wie das Kind, das Mädchen, die junge Frau, wie werdende Mutter, die enttäuschte Ehefrau und später die Großmutter auf den Bildern wirkt. Was sie ausstrahlt, wie sie dem neutralen Betrachter erscheint. Es ist ein Fotoalbum, das jeder von sich selbst kennt. Voller Trugbilder. Nicht geeignet, die Wahrheit zu erzählen. Geschönte und komponierte Erinnerungen, die der Nachwelt wie ein lebenslanges Schauspiel erhalten bleiben. Fotos halten kein Unglück fest. Sie zeigen keine Familienkonflikte, dokumentieren nicht die Frustration eine Frau, die in der eigenen Ehe zur Randfigur wird. Ein Familienalbum ist nur Show.

Diese Show zu zerstören, sie infrage zu stellen und sie in den wahren Kontext einer Zeit zu stellen, die Spuren hinterlassen hat, dem hat sich diese einstimmige Produktion mit vier Stimmen verschrieben. Die Beschreibung der Bilder wird überlagert von einem Gemisch an historischen Fakten und persönlichen Erinnerungen, die nicht zum Schein des Aufgenommenen passen. So entwickelt sich ein bildhaft dichtes Panoptikum eines Lebens. Ein facettenreiches Bild von Annie Ernaux, das aus den Puzzlesteinen besteht, die mit dem Jahr 1941 (ihrem ersten Lebensjahr) beginnen und erst 75 Jahre später ein Bild ergeben. Und spätestens hier sieht man weder ein Zerrbild, noch das Portrait einer im Leben nur glücklichen oder gescheiterten Frau. Wir erkennen uns selbst im Spiegel dieser Erzählung, weil wir Erinnerungen teilen.

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So begleiten wir Annie Ernaux durch die Zeitscheiben einer im Wandel befindlichen französischen Gesellschaft. Aus Kriegsjahren werden Nachkriegsjahre. Kollaborateure, die „Boches“, der Holocaust und Krematorien verblassen unter der Überschrift „Genießt das Leben“. Ein unsichtbares Vermächtnis vereint die Guten nach der Zeit des Krieges. Paris lebt auf. Musik wird zum Lebensinhalt. Männer- und Frauenbilder definieren sich an den Dogmen der Zeit. Aus dem Kind Annie wird ein Mädchen im Badeanzug, das im Alter von neun Jahren ein neugieriges Leben führt. Mitte der 1950er Jahre wird aus der Vaterrolle der Hackklotz, der alles bedroht. Unsicherheit dominiert. Geborgenheit fehlt. Der Raum weitet sich aus. Die Jugend experimentiert in engen Grenzen, bis wir dann in jenem Sommer 1958 ankommen, der Annie für immer verändern wird. Man beschimpft sie als Nutte. Der Makel dieser Zeit bleibt.

Eine Gesellschaft der Doppelmoral nimmt ihre Menschen gefangen. Konservative Haltungen werden durch die Antibabypille torpediert. Die Frau beginnt sich zu befreien. Die Studentin Annie will intellektuell werden, nicht Mutter. Sie will genießen und lernen. Die Hochzeit naht, aus der Frau wird die Madame. Es hört sich gut an. Die Gesellschaft kultiviert den Konsum und beutet Algerien aus. Die eigene Familie wird fremd. Die Zeit rast davon. 1968 – man revoltiert und ist doch nicht dabei. Die 1970er finden ihre neuen Themen im Umweltschutz und Homosexualität. Aus Bildern werden Super-8-Filme. Das Staunen über sich selbst nimmt zu. Die Unzufriedenheit auch. Die Grenzen sind eng. In ihr Leben schleicht sich ihr Sohn ein. Ihre Rolle wird zum Klotz am Bein. Politik wird zu dominant. Das Land kommt herunter. Armut fächert aus. Annie auch. Sie trocknet aus, bemüht sich nicht um sich selbst. Droht unterzugehen.

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Die 1990er geben Raum für Populisten, Rassismus, Ausgrenzung, Terroristen. In der Gesellschaft sucht man nach Sündenböcken. Banlieus werden Schmelzpunkte und Araber zum Feind. Familie kommt aus der Mode. Pornos erobern den Kopf. 1992 dann die besten Jahre, bis alles kippt. Der Point of no return ist längst erreicht und Computer entfremden Eltern von ihren Kindern. Es geht bergab. Das 21. Jahrhundert zieht feiernd auf und doch wird es eine anklagende Zeit. Erinnerungen verblassen und in New York wird die Zeit in ein Davor und das Danach getrennt. Nine Eleven. Zeit wird global. Liebe wird austauschbar. Und plötzlich sitzt da eine ältere Frau im Ohrensessel und hält den Enkel im Arm. Wie werden wir zu dem was wir sind? Was verändert uns? Was hat sich so abgespielt, wie wir es empfunden haben und worauf hatten wir je selbst Einfluss?

Es sind die existenziellen Fragen, die Annie Ernaux stellt. Ihre Erinnerungen retten etwas von der Zeit, in der sie nie wieder sein wird. Die Pensionierung, der Tod der alten Katze und das Gefühl der Sterblichkeit geben den neuen Rhythmus vor. Mit sich selbst ins Reine kommen wird von Tag zu Tag schwerer. Und dann kommen die Bilder wieder, die sie 1958 verdrängen wollte. Was hat der Missbrauch ihr angetan? Keine Frage wird beantwortet. Sie überlagern sich stimmgewaltig in diesem Hörspiel. Vier starke Frauen, vier mahnende, zeternde, schwärmende, verliebte und verträumte Stimmen ziehen uns in den Bann. Am Ende sitzt man vor dem eigenen Fotoalbum eines langen Lebens und ruft erfreut aus: „Das war es noch nicht!“ Annie Ernaux sei Dank. Es ist kein Abgesang, den sie als „Die Jahre“ bezeichnet. Dank Corinna Harfouch, Nicole Heesters, Birte Schnöink und Constanze Becker hat jede Erinnerung nun eine eigene Stimme.

„Blasses Licht kündet vom Anbruch eines neuen unbedeutenden Tages.“

In diesem Hörspiel ist absolut nichts unbedeutend. Schon gar nicht die Rolle der Frau und ihre Emanzipation in der Differenz. Keinesfalls in der Gleichheit. Hören und staunen.

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