Die Tage des Rauchs von Ellis Avery

Die Tage des Rauchs von Ellis Avery - Astrolibrium

Die Tage des Rauchs von Ellis Avery

Es gibt Tage von solch historischer Relevanz, dass sie die Geschichte der Welt und das eigene Leben in ein DAVOR und DANACH aufteilen. Es gibt Tage, die sich in das kollektive Gedächtnis der Menschheit einbrennen und dem individuellen Erinnern kaum eigenen Spielraum lassen. Es gibt Tage, von denen man auch noch Jahrzehnte später genau weiß, wo und wie man sie verbracht hat. Ein solcher Tag war ein kühler Dienstag vor genau zwanzig Jahren. Man schrieb den 11. September 2001. Es war der Tag, der unter dem Namen “Nine Eleven” in die Geschichte eingegangen ist. Dieser tieftraurige Tag muss nicht erklärt werden, die Ereignisse bedürfen keiner Zusammenfassung mehr. Der grausame Tod Tausender von Menschen, deren Schicksal auf grausame Art und Weise miteinander verschmolzen wurde, steht heute für einen irreversiblen Wandel der Geschichte, als Auslöser für Krieg und das Ende im individuellen Sicherheitsempfinden.

Die Literatur hat sich den Anschlägen des 11.9. nur sehr zaghaft genähert. Ersten Ansätzen, die Terrorakte journalistisch aufzuarbeiten, folgten Jahre später vereinzelte Romane, die fiktive Einzelschicksale aus der kollektiven Erinnerung herauslösten, um in der geschützten Distanz eine Annäherung an das Unaussprechliche zu wagen. Zumeist blieben diese Romane bemüht und oberflächlich, weil der Schrecken zur Kulisse wurde und sich alle Lesenden als Augenzeugen empfanden, die dem geschilderten Szenario viel präzisere eigene Erinnerungen hinzufügen konnten. Eine ausweglose Situation für Autoren und Autorinnen, die keine Bilder erschaffen konnten, die man zuvor noch nicht wahrgenommen hatte. Jeder Roman wirkte wie ein Déjà-vu. Jede Geschichte steuerte plötzlich auf ein Ende zu, das so vorhersehbar war, wie der Untergang der Titanic. Nur waren das die Anschläge des 11. September 2001 keinesfalls, wie wir heute wissen.

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Die Tage des Rauchs von Ellis Avery

Heute, zwanzig Jahre nach Nine Eleven, hat sich der Blickwinkel erneut verschoben. Wieder sehen wir Menschen, die vom Himmel fallen. Diesmal nicht von Hochhäusern in New York, sondern von US-Transportmaschinen über Kabul. Der Krieg, den man führte, um eine Wiederholung des Terrorismus zu verhindern, ist krachend gescheitert. Kaum zwanzig Jahre danach steht der Westen wieder ratlos einem Phänomen gegenüber, in dessen Inneres man kaum vorstoßen kann. Und schon greift sie wieder um sich. Diese kollektive Sprachlosigkeit, in der nur noch Raum für Worthülsen und Allgemeinplätze in der Beschreibung des globalen Versagens bleibt. Der Konjunktiv greift um sich und die Opfer sprechen keine Sprache mehr, die man verstehen könnte. Eigentlich wollte ich ja heute auf die Ereignisse von vor genau zwanzig Jahren zurückblicken. Eigentlich wollte ich nur ein Buch lesen, das zum Jahrestag der einstürzenden beiden Türme des World Trade Centers erschien. Aus diesem „Eigentlich“ wurden schlaflose Nächte, Rückblicke auf die Bücher, die ich gelesen hatte, Filme und Dokumentationen, die ich sah und das Rückfühlen in meine Gefühle, die ich niemals vergessen habe…

Ich wollte Ellis Avery in ihre literarischen Beobachtungen folgen, die sich in ihr als Reaktion auf den erlebten Schrecken in New York Bahn gebrochen hatten. Sie schrieb an einem Coming-of-Age-Roman. Sie war sprachgewaltig und inspiriert. Sie wohnte in Manhattan und sie genoss ihren Blick auf die Zwillingstürme des WTC. Was an diesem Tag geschah, veränderte auch ihr Leben. Es war ein Weltuntergang, den sie aus ihrem geschützten Arbeitszimmer heraus beobachten konnte und doch war der Autorin sofort klar, dass es fortan keine Biotope oder Refugien mehr geben wird, weil die brennenden Türme mehr verändern würden, als die globale Politik. Ihre Reaktion auf das Gesehene und Erlebte ist kein Augenzeugenbericht. Es ist ein Stimmungsbild und ein Zeitzeugnis für den Anschlag auf New York, der sich für uns auf ein Datum fokussiert. Dabei waren es nicht nur vierundzwanzig Stunden, die das Leben veränderten. Es waren:

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Die Tage des Rauchs von Ellis Avery

Die Tage des Rauchs. 11. – 21. September 2001“ von Ellis Avery

Ellis Avery beschreibt uns diese Tage nicht. Sie erklärt uns nicht, was sie fühlte. Es ist wie der Blick in ihr tiefes Innerstes, den sie uns gewährt. Es fühlt sich an, als dürften wir mit ihren Augen sehen, mit ihrem Herzen fühlen und mit ihren Worten denken. Ellis beantwortet unsere Fragen, die wir seit zwanzig Jahren nicht stellen wollen. Oder, die wir uns nicht zu stellen trauen. Was war am Tag davor? Wie fühlte sich der Alltag an in einer Metropole, die uns mit ihrer pulsierenden Wucht in ihren Bann zog. Was nahm sie wahr? Wie? Wann realisierte sie es und was geschah in den Tagen nachdem wir schon lange abgeschaltet hatten? Die Überschriften ihrer Kapitel gleichen einem Gedicht auf den Untergang einer ganz eigenen Welt.

8., 9., 10., 11. September
Normalzeit

11. September
Auf den ersten Blick
Sehen kann, sehen konnte
Was ich vom Fenster aus sah

Sommer 1996
Es war einmal

So arbeitet sie sich vor und zurück. In und durch sechzehn Kapitel voller Wehmut im Herzen und Hoffnung im Sinn. Sie macht uns zu Teilhabern ihres Lebens, ihrer Verluste und Ängste. Sie zeigt und ihr Davor und Danach. Sie lässt uns intensiv nachfühlen, wie sie gefühlt hat und was sie nicht mehr fühlen konnte. Es ist die literarische Tiefe, die sie in uns nach oben holt, um das Unsagbare verständlich und greifbar zu machen. Dabei zeigt sie sich nicht gelähmt oder erlegt. Sie bleibt vital. Erschreckend vital und viral, da sie nichts mehr mehr bewegt, als ihre Mitmenschen davon zu überzeugen, jetzt nicht in blindem Hass zurückzuschlagen und das Leid weltweit zu potenzieren. Sie ahnte wohl schon, was bald passieren sollte. Es sind ihre Worte, die uns an die Hand nehmen und Verluste spürbar werden lassen. Es sind ihre Gesten, die so viel Größe besitzen. Nicht zuletzt sind es ihre Übersprungshandlungen, die uns so gut verstehen lassen, was sie an diesem Tag verlor.

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Die Tage des Rauchs von Ellis Avery

Wir sind an ihrer Seite, als sie…

  • Ansichtskarten der Türme kauft, weil die Souvenirs jetzt echte Andenken sind,
  • erstmals weiße Atemmasken in den Straßen sieht. (Heute so normal)…,
  • flammende Appelle zur Toleranz und gegen Hass vernimmt,
  • erste wüste Beschimpfungen der muslimischen Mitbürger miterlebt,
  • realisiert, dass Panik immer ein selbstbezogenes Gefühl ist,
  • fühlt, dass Überleben ein Glücksgefühl auslöst, das peinlich sein kann,
  • daran verzweifelt, dass die Zeit nicht stehenbleibt, sondern einfach verrinnt,
  • ihre Stadt mit einem Friedhof vergleicht, dessen Grabsteine Vermisstenbilder sind,
  • mit ihrer Frau erste Botschaften verfasst, die schon bald überall sichtbar werden:

„Die halten uns auch für Monster. Lasst uns ihnen das Gegenteil beweisen.“

„Wir müssen lernen, die Weiterlebenden mit der gleichen besonderen Aufmerksamkeit zu zählen, mit der wir die Toten beziffern.“

Ellis Avery erzeugt in mir unglaubliche Gefühle. Ich wünschte mir, bei ihr zu sein. Genau an diesem Tag, genau an diesem Ort und in genau jenen Straßen, in denen sie nun patrouilliert. Fern von jedem Voyeurismus. Fern von jeglicher Neugier. Einfach nur, weil ich in der Gefolgschaft einer Autorin wäre, die der Sprachlosigkeit dieser Stunden ein ganzes Buch entgegenzusetzen hat – vielleicht sogar ihr ganzes Sein…

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Die Tage des Rauchs von Ellis Avery

Auch heute noch lassen sich die Opfer nicht beziffern. Es sind zu viele. Weltweit. Auch heute noch sterben Menschen an den Folgen der Anschläge. Sie sind Opfer von Kriegen, erliegen den gesundheitlichen Spätfolgen der Rettungsarbeiten im Asbest der Turmruinen oder, oder. Der Opfer wird gedacht, während neue Opfer gebracht werden. Es sind die Jahrestage, die uns wieder erinnern. Und doch ist es auch so, dass wir uns ganz bewusst in diese Tage fallen lassen, um zu fühlen, wie lebendig wir sind. Wie gut es uns doch geht. Nichts ist von Dauer. Pathos ist fatal, wenn es um Trauer geht. Alles Dinge, die wir wissen und die wir doch verdrängen. Ich hätte mich jedenfalls gerne mit Ellis Avery über dieses Buch unterhalten. Darüber, wie ihr Leben aussieht, was heute ihr Schreiben ausmacht und, und, und… Ich zitiere einen Satz aus ihrem Buch, der in mir nachhallt und nicht untergehen wird. Sie beschreibt eindringlich ihr Gefühl, als ihr bewusst wird, wie sehr die Umwelt vergiftet wurde. Nicht nur die Menschen…

Ich hoffe, lange genug zu leben, um noch Krebs von dem Asbest zu bekommen.

Ellis Avery starb am 15. Februar 2019 an den Folgen einer Krebserkrankung. Das Nachwort im Buch aus der Feder ihrer Ehefrau Sharon Marcus setzt ihr ein Denkmal.

Die Tage des Rauchs von Ellis Avery - Astrolibrium

Die Tage des Rauchs von Ellis Avery

Die auf den Artikelbildern abgelichteten Bücher „Und auf einmal diese Stille“ und „This is New York – A Democracy of Photographs“ gehören zu meinen bisher noch nicht vorgestellten Büchern zum 11. September 2001. Ich hoffe, auch für sie Worte zu finden. Hier finden Sie weitere Artikel über Bücher zum Thema Nine Eleven in der kleinen literarischen Sternwarte.

GlockenbachWelle – Heidi Rehn

GlockenbachWelle - Heidi Rehn - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Heidi Rehn

Herzlich willkommen zur vierten Ausgabe der GlockenbachWelle. Unser PodCast beginnt in München und zieht dann mit großem Gefolge nach Berlin. Es ist die Autorin Heidi Rehn, die uns zu einer hörbaren Vernissage ihres Schreibens verführt. Es sind ihre historischen Romane, die in München spielen, es sind Stadtspaziergänge mit der Wahlmünchnerin und es ist ihr neues Buch, das diesem PodCast seinen Namen gibt.

Die vierte GlockenbachWelle – „Vor Frauen wird gewarnt“ – Heidi Rehn

Eine Buchhändlerin, zwei Blogger:innen und eine Autorin im Gespräch

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung München
Die Runde: Pamela Scholz (Buchhändlerin), Steffi Sack (Nur Lesen ist schöner), Arndt Stroscher (AstroLibrium) mit Heidi Rehn

Unterstützt von der Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Petra Schulz

GlockenbachWelle - Heidi Rehn - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Heidi Rehn

Heidi Rehn…

Die studierte Germanistin und Historikerin hat ihre Wahlheimat München in den letzten Jahren immer mehr zum Deutschen Eck der Literatur werden lassen. Aus dem Zusammenfluss von Mosel und Rhein, an dem sie einst aufgewachsen ist, wurde immer mehr die beschauliche Isar, die sich durch ihre Romane schlängelt. Und das mit gutem Grund. Hier geht sie ihrer wahren Profession auf die Spur, beleuchtet die gravierenden politischen Umbrüche, die in Deutschland (und in hohem Maße in München) begannen und die Welt in Krieg und Verderben stürzten. Ihre Romane genießen noch kurz einen „Sommer der Freiheit“ vor dem Ersten Weltkrieg, um nach Kriegsende im „Tanz des Vergessens“ zu versinken und sich dem „Spiel der Hoffnung“ hinzugeben. Für Heidi Rehn wird der historische Kontext nie zur Kulisse ihrer Romane. Es ist umgekehrt. Ihr Schreiben zeigt die Auswirkungen der politischen Verwerfungen zu Beginn des längst vergangenen Jahrhunderts auf die kleinen Leute, die uns Lesern nahestehen.

Und Heidi Rehn schreibt nicht nur. Sie flaniert mit Lesern zu den Schauplätzen der Romane, die in München spielen. Ihre Spaziergänge sind inzwischen echter Kult in der Kulturmetropole an der Isar. Frei nach dem Motto: Mit Mark Twain zum Mississippi? Leider nicht möglich! Mit Ernest Hemingway nach Pamplona? Zu spät. Mit Jane Austen zum Landhaus von Mr. Darcy? Nein, echt nicht machbar. Aber: mit Heidi Rehn durch München? Jederzeit! Wir folgten der Schriftstellerin zu den Spuren ihres Romans Tanz des Vergessens. Die Radioreportage gehört noch heute zu unseren absoluten Highlights als „Radio-Aktive“ Blogger. Hier kann man sie hören.

Das Schreiben von Heidi Rehn ist, wie ihre Haltung, niemals unpolitisch und doch immer unterhaltsam. Wenn sie in einem „Lichtspielhaus“ den Projektor bedient, wird aus einem Roman ein sozio-politisches Kaleidoskop seiner Zeit. Wenn sie die Tochter des Zauberers ins Feld führt, nähert sie sich Erika Mann als Exilkünstlerin in den USA an und lässt die Tochter von Thomas Mann schon 1936 gegen das Nazi-Regime in der Heimat ankämpfen. Biografische Stoffe liegen Heidi Rehn. Sie verwebt Geschichten zu Geschichte. So auch in ihrem aktuellen Roman „Vor Frauen wird gewarnt„, in dem sie der Schriftstellerin Vicki Baum neues Leben einhaucht. Hier setzt unser PodCast an.

GlockenbachWelle - Heidi Rehn - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Heidi Rehn

Worauf Sie sich im Podcast freuen dürfen:

  • Von Herzen kommende Buchempfehlungen von Heidi Rehn
  • Spannende Einsichten in das Leben einer Erfolgsautorin
  • München, Heidi Rehn und Steffis Frage… „Liebt Dich Deine Stadt?“
  • Heidi im Crossover mit allen Glockenbachwellenreitern
  • Eine Schreibmaschine, ein Paternoster und eine heikle Verlagsfrage
  • Die Sprengkraft im Schreiben von Vicki Baum
  • Die wilden Zwanziger in Berlin und Flapper Girls wie Zelda Fitzgerald
  • Biografisch oder Autobiografisch – Rezensentenfehler, die keine sind
  • Buchtipps der Glockenbachbuchhandlung
  • Der erste Gast bei der Aufzeichnung und vieles mehr…
GlockenbachWelle - Heidi Rehn - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Heidi Rehn

Besonders wertvoll ist erneut die Sichtweise von Buchhändlerin Pamela Scholz. Es sind nicht nur ihre Buchtipps, die sich an den Roman von Heidi Rehn anschmiegen. Nein, es sind diesmal auch ihre Fragen zur Stimme von Vicki Baum, die sie aktiv ins Gespräch eingreifen lassen und Wellen schlagen. .

Die Buchhändlerinnen-Tipps:

MOABIT“ von Volker Kutscher – Illustriert von Kat Menschik – Galiani Verlag
Stern 111“ von Lutz Seiler – Suhrkamp Verlag
Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ von Erich Kästner – Atrium Verlag

GlockenbachWelle - Heidi Rehn - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Heidi Rehn

Mehr Informationen finden Sie auf unseren Social-Media-Kanälen unter dem Hashtag #GlockenbachWelle und auf den Projektseiten der Wellenreiter:innen…

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sowie Literatur Radio Hörbahn
oder besuchen Sie Heidi Rehn

Spätestens jetzt sollten Sie vor Frauen gewarnt sein: Der vierte PodCast ist on

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn - Astrolibrium

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn – Ein Klick genügt…

Die Bilderbuch-GlockenbachWelle

Bilderbuch-Glockenbachwelle - Mixtvision Verlag - AstroLibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Mixtvision Verlag

Herzlich willkommen zur dritten Ausgabe der GlockenbachWelle. Diesmal sind es Bilderbücher, die im Mittelpunkt unseres Podcasts stehen und was liegt da näher, als einen ganzen Bilderbuchverlag einzuladen? Mit dem Münchner Mixtvision Verlag ist heute nicht nur ein Branchenprimus und Gewinner des Deutschen Verlagspreises zu Gast, in Person von Sabine Ginster haben wir die kompetente Gesprächspartnerin für ein Herzensthema gefunden, das uns Erwachsene ständig herausfordert und inspiriert.

Was macht die Bedeutung von Bilderbüchern aus, wie können wir die Impulse aus Bilderbüchern ins tägliche Leben übertragen? Welche Rolle nehmen wir Erwachsenen in der Begleitung der jüngsten Lesenden ein? Wie gehen wir mit Altersempfehlungen um? Und natürlich, wie arbeitet ein Verlag, der sich diesen Büchern verschrieben hat?  Wie findet man in Coronazeiten neue Talente und Illustrator:innen und welche großen Entdeckungen konnte man in der weiten Welt der Kinder- und Jugendliteratur für sich verbuchen?

Diese Fragen beantworten wir im Gespräch mit Sabine Ginster, der Social-Media-Leiterin und Lektorin des Münchner Mixtvision Verlages.

Bilderbuch-Glockenbachwelle - Mixtvision Verlag - Astrolibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Mixtvision Verlag

Die dritte GlockenbachWelle – ein Bilderbuch von einer Welle

Eine Buchhändlerin, zwei Blogger:innen und eine Lektorin im Gespräch

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung München – via SKYPE
Die Runde: Pamela Scholz (Buchhändlerin), Steffi Sack (Nur Lesen ist schöner), Arndt Stroscher (AstroLibrium) mit Sabine Ginster vom Mixtvision Verlag

Unterstützt von der Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Petra Schulz und mit Dank an Tom Dulovits für das digitale Remastern des Skype-Meetings. 

Bilderbuch-Glockenbachwelle - Mixtvision Verlag - Astrolibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Mixtvision Verlag

Drei besondere Bilderbücher aus dem Sortiment des Mixtvision Verlages stehen heute stellvertretend für die Vielfalt dieses Genres im Mittelpunkt unseres Gesprächs. Sie sind so unterschiedlich, wie Bilderbücher nur sein können. Sie sprechen uns auf ihre ganz eigene Art und Weise an, sind zum Teil absolute All-Ager und in einem Fall als Inspirationsquelle des Freestyle-Geistes von Kindern mehr als unverzichtbar für die kleine Bibliothek in den eigenen vier Wänden. Wir werden sie einzeln besprechen. Um sich die Bilder dieser Bücher zu vergegenwärtigen bieten sich unsere Rezensionen an.

Hier geht´s lang – Die Links führen zu unseren Buchvorstellungen:

Die große Wörterfabrik“ von Valeria Docampo und Agnès de Lestrade

Was wäre, wenn man für Wörter bezahlen müsste? Gäb es es dann wortreich und wortarm wirklich? Und wie könnte man jemanden von seiner Liebe überzeugen, wenn man zu arm wäre, die richtigen Worte aussprechen zu dürfen? Wäre der Preis für die Wörter zu hoch, gäbe es dann gar keine Liebe mehr? 

Als die Schweine ins Weltall flogen“ von Susanne Straßer

Denn plötzlich gibt es kein richtig oder falsch mehr, keine eindeutigen Antworten oder Erklärungen. Und dennoch geben die Bilder, die sich tatsächlich jeglicher Logik entziehen bzw. sich fernab der Realität abspielen, den Eltern Anlass, sich mit ihren Kindern über die Begrifflichkeiten auszutauschen… (Steffis Rezension)

Seesucht“ von Marlies van der Wel

Was hier „Seesucht“ heißt, trägt für viele Kinder und Jugendliche andere Namen. Der Transfer zu ihren Visionen und Träumen fällt leicht. Vielleicht ist es ihre Sportsucht, die Reitsucht, die Ballettsucht oder einfach die Sucht nach Freiheit. Darüber lässt sich nach diesem aufrüttelnden Bilderbuch trefflich reden. Wovon träumst Du?

Bilderbuch-Glockenbachwelle - Mixtvision Verlag - Astrolibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Mixtvision Verlag – Astrolibrium

Worauf Sie sich im Podcast freuen dürfen:

  • Drei ausgewählte Bilderbücher aus dem Mixtvision-Programm näher betrachtet. Die große Wörterfabrik, Als die Schweine ins Weltall flogen und Seesucht.
  • Buchempfehlungen und Persönliches aus dem Leben einer Lektorin.
  • Ein Bilderbuch-Schaufenster von Steffi und ein besonderer Malwettbewerb, dessen Gewinner:in heute gekürt wird (hier geht´s zum Bilderbuchfenster)
  • Bilderbuchtipps aus dem Leben einer Buchhändlerin von Pamela Scholz
  • Ein Kreuzverhör zu den wichtigen Fragen rund ums Bilderbuch und natürlich
  • die Vorschau auf unsere nächste Welle.
Bilderbuch-Glockenbachwelle - Tipps von Pamela Scholz - Astrolibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Tipps von Pamela Scholz

Besonders interessant ist diesmal der Auftritt der Buchhändlerin Pamela Scholz, die nicht nur gemeinsam mit Sabine Ginster das schönste Malwettbewerb-Kinderbild auswählt, sondern ihre persönlichen Bilderbuch-Tipps in unser Lesen bringt. Hier wird ein Kreis geschlossen, der unsere Verneigung vor dem großen Lebenswerk von Eric Carle zum Ausdruck bringt… Die kleine Raupe Nimmersatt lebt weiter… 

Die Buchhändlerinnen-Tipps:

Sulwe“ von Lupita Nyong – Mentor Berlin
Alle Farben des Lebens“ von Lisa Aisato – Woow Books
Vielleicht“ von Kobi Yamada – Adrian Verlag

Die Wahl des schönsten Malwettbewerb-Bildes ist ein Gänsehautmoment. Es ist toll, dass der Mixtvision Verlag nicht nur den Gewinner mit einem Buch überraschen wird. Auch die anderen Kinder, deren Werke noch im Schaufenster zu bewundern sind, dürfen sich ein kleines Geschenk in der Glockenbachbuchhandlung abholen. Dann mal los mit Euch, Ihr kleinen großen Künstler:innen…

Bilderbuch-Glockenbachwelle - Mixtvision Verlag - Astrolibrium

Bilderbuch-Glockenbachwelle – Mixtvision Verlag

Mehr Informationen finden Sie auf unseren Social-Media-Kanälen unter dem Hashtag #GlockenbachWelle und auf den Projektseiten der Wellenreiter:innen…

Sehens- und lesenswert: Wenn Bilderbücher zu Wellenreitern werden von Steffi

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 oder besuchen Sie den Mixtvision Verlag

Spätestens jetzt sollten Sie den Ritt wagen: Der dritte PodCast ist on Air

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn - Astrolibrium

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn – Mit einem Klick zum Podcast

Im Dschungel des menschlichen Miteinanders [Glockenbachwelle]

Glockenbachwelle - Im Dschungel des menschlichen Miteinanders - Astrolibrium

Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

Herzlich willkommen zur zweiten Ausgabe unserer GlockenbachWelle. Aus gutem Grund diesmal nicht als Präsenztalk im Münchner Glockenbachviertel, sondern einem pandemischen Geschehen Rechnung tragend, als Aufzeichnung eines Skype-Meetings. Wir freuen uns sehr, dass Sie erneut mit uns auf dieser Literaturwelle reiten. Wir: Das sind die Glockenbachbuchhandlung in München, Literatur Radio Hörbahn, Steffi Sack vom Blog Nur Lesen ist schöner und meine Wenigkeit. Wir möchten zukunfitg in genau dieser Konstellation gemeinsam neue Akzente setzen, Impulse geben und als Symbiose aus Buchhandel, Radio und Literaturblogs auf interessante Bücher und ihre Autoren und Autorinnen aufmerksam machen. Los geht´s:

Die GlockenbachWelle - Astrolibrium

Die GlockenbachWelle

Die zweite GlockenbachWelle

Eine Buchhändlerin, zwei Blogger:innen und zwei Autorinnen im Gespräch…

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung München – diesmal via SKYPE
Die Runde: Pamela Scholz (Buchhändlerin), Steffi Sack (Nur Lesen ist schöner), Arndt Stroscher (AstroLibrium) mit Henriette Kuhrt und Sarah Paulsen

Unterstützt von der Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Petra Schulz und mit Dank an Tom Dulovits für das digitale Remastern des Skype-Meetings. 

Das Buch: „Im Dschungel des menschlichen Miteinanders“ von Henriette Kuhrt und Sarah Paulsen. Ein Knigge für das 21. Jahrhundert erschienen im Goldmann Verlag.

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Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

Braucht es ein neues Regelwerk, um im Dschungel des menschlichen Miteinanders überleben zu können? Ist es an der Zeit, den „alten Knigge“ vom Sockel zu stoßen und den neuen Rollenbildern, Normen und Medien der Interaktion Rechnung zu tragen? Ist es nicht genau jetzt an der Zeit, sich ins „Trainingslager der untrainierten Tugenden“ zu begeben und miteinander nach Wegen zu suchen, die Fallstricke zu umgehen, die uns zum Opfer zahlloser Fettnäpfchen machen? Henriette Kuhrt und Sarah Paulsen sind sich einig. Wenn nicht jetzt, wann dann. So entstand das Gemeinschaftswerk, das sich als „Stabile Seitenlage für Krisen“ lesen lässt, aber auch geeignet ist, die Standards zu definieren, ohne die wir uns in unserer modernen Gesellschaft im Dschungel verirren.

Glockenbachwelle - Im Dschungel des menschlichen Miteinanders - Astrolibrium

Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

Worauf Sie sich freuen dürfen:

  • Zwei stilsichere Autorinnen als versierte Dschungel-Guides 
  • Eine überraschende „Schalte“ von München nach Berlin
  • Die Glockenbachbuchhandlung als Mission Control
  • Literaturtipps von Henriette Kurth, die es in sich haben
  • Shortcuts – kurze Fragen – kurze überraschende Antworten…
  • Ein besonderer Dschungel voller Lianen, Morast und Treibsand
  • Ein lange erwartetes Knigge-Update
  • Ein Dschungel-Talk über eine Pandemie, Sprache als verbaler Fingerabdruck, soziale Medien, einen besonderen Regenbogen, Sexismus, Rassismus und das große Minenfeld der Interaktion: Erziehung
  • Kritisch-Inspirierendes zu modernen Rollenbildern und Rollenverhalten
  • Das besondere Irritationspotenzial, das eher Männer betrifft
  • Sarah Paulsen, die auch mal etwas Gemeines sagen kann und Zustimmung erntet
  • Ein lang erwarteter Weckruf gegen Perfektionismus und
  • die von Pamela Scholz empfohlene Bücherkette zum „Dschungelbuch“

Hier geht´s direkt zur zweiten GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn.

Glockenbachwelle - Im Dschungel des menschlichen Miteinanders - Astrolibrium

Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

Zusatzinformationen:

Henriette Kurth empfiehlt aus dem Sortiment der Glockenbachbuchhandlung:

Glockenbachwelle - Im Dschungel des menschlichen Miteinanders - Astrolibrium

Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

Pamela Scholz empfiehlt für das Lesen nach dem Dschungel:

Wir wünschen gutes Hören. einen inspirierenden Ritt auf der GlockenbachWelle und wären dankbar, Sie auch im Mai begrüßen zu dürfen. Schon kurz nach der Münchner Bücherschau Junior entsteht im Glockenbachviertel die erst Bilderbuchwelle. Es geht um die prägende Relevanz dieser ersten literarischen illustrierten Wegbegleiter für die Jüngsten unter dem Bücherhimmel. Im Gespräch mit uns: Sabine Ginster, die Social- Media-Leiterin des Münchner Mixtvision Verlages. Das wird ein Bilderbuchpodcast in einem besonderen Gewand, da es erstmals zur Welle auch ein Bilderbuchschaufenster in der Glockenbachbuchhandlung geben wird.

Glockenbachwelle - Im Dschungel des menschlichen Miteinanders - Astrolibrium

Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

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Spätestens jetzt solltet ihr den Ritt wagen: Der zweite PodCast ist on Air

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn - Astrolibrium

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn

Bibliomanie – Bücherkrankheiten im Wandel der Zeit

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert – Bücherkrankheiten

Er war gerade einmal fünfzehn Jahre alt, der gute Gustave Flaubert, als im Jahr 1836 sein Aufsehen erregendes Debüt entstand. In Bibliomanie erzählt uns dieser junge aufstrebende französische Romancier von der alles verzehrenden Passion eines Mönchs, der sein ganzes Leben dem Besitz von  Büchern verschrieben hat. Nicht dem Lesen wohlgemerkt. Das beherrscht er nur schleppend. Nein, es ist die Sucht, seltene Werke in seiner Bibliothek zu horten und sie somit dem Zugriff anderer Menschen zu entziehen. Der Inhalt ist völlig nebensächlich. Es ist der unstillbare Bücherwahn eines Büchernarren, mit dem uns Gustave Flaubert in seinem psychologisch tiefgründig und erschreckend realistisch erzählten Szenario konfrontiert. Und das in diesem Alter. Wir begleiten Giacomo auf seinen Streifzügen durch Barcelona und werden zu Komplizen seiner düsteren Machenschaften. Er ist zu allem bereit, wenn es darum geht, ein von ihm begehrtes Buch in seinen Besitz zu bekommen.

War es reine Fiktion, die Flaubert dazu trieb, von der Obsession des vom Wahnsinn getriebenen Büchernarren zu schreiben, oder folgte er schon in frühen Jahren seiner Vision, was aus dem wertvollen Kulturgut Buch werden würde, wenn es für jedermann zugänglich wäre. Eine dunkle Geschichte voller Geheimnisse und Fallstricke für einen Mönch, der alles aufs Spiel setzt, um seine Bibliothek zu erweitern. Eine wundervolle Neuausgabe aus dem Insel Verlag beschenkt uns nicht nur mit dem wuchtigen Text, das schmale Büchlein der Insel-Bücherei ist reichhaltig illustriert, fesselt schon beim Anblick des in Fesseln liegenden Covers und ist das perfekte Geschenk für bibliophil veranlagte Menschen, die jeden Verdacht einer Bücherkrankheit von sich weisen und behaupten, ganz normale Leser zu sein. Aber sind wir das? Blicken wir doch einfach in den Spiegel, den uns Gustave Flaubert vorhält und seien wir ehrlich. So schwer es auch fallen mag….

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert

Als leidenschaftliche Leser möchten wir uns gerne bezeichnen, als Freunde und Liebhaber der Literatur – und doch stellen wir selbst in den tiefen Abgründen unserer buchigen Seele Veränderungen an uns fest, die man als Außenstehender durchaus als krankhaft bezeichnen könnte. Alles Humbug und Firlefanz, denkt Ihr sicherlich, oder ist doch ein Körnchen Wahrheit an der Sichtweise unbeteiligter Dritter?

Ist es Euch noch nie passiert, und ich frage wirklich: noch nie, dass Ihr zum „Herr der Ringe-Wesen“ Gollum mutiert, wenn jemand ganz freundlich fragt: „Uii, schönes Buch, leihst Du mir das mal aus?“ Habt Ihr Euch jemals selbst im Spiegel betrachtet, wie sich Eure Mimik bei dieser Frage verzerrt, sich Euer Puls rapide beschleunigt, Ihr das Buch krampfhaft hinter dem Rücken versteckt und leicht sabbernd zur Antwort gebt „Meiiiiiin Schatz…“? Noch nie? Dann seid Ihr fein raus und könnt jetzt ganz unbeteiligt weiterlesen. Es betrifft Euch ja nicht. Nicht im Geringsten! Und solltet Ihr doch noch auf Begriffe oder Symptome stoßen, die Euch ein wenig nachdenklich machen – gar kein Problem… echt nicht… alles nicht so schlimm!

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert

Bibliomanie und ihre Varianten

Unter diesem harmlos daherkommenden Begriff verstehen wir die übersteigerte Leidenschaft für Bücher, die durchaus Symptome einer Sucht aufweist. Meistens beginnt es mit dem Sammeln. Erst geordnet nach Interessen und Autoren, dann immer zielloser und ohne Bezug zu realen Umgebungsparametern, wie Wohnungsgröße oder verfügbare Regalmeter. Auch die vielleicht noch vorhandene Familie wird zusehends in den Hintergrund gedrängt. So fängt es meistens an. Ganz harmlos…

Galt das reine Sammeln von Büchern bis zum Ende des 17. Jahrhunderts noch als verwerflich, so wandelte sich das Bild und die Bibliophilie hielt als schöne Tugend Einzug in die aufgeklärten Gesellschaften. In der idyllischen Wohlstandsumgebung des Bildungsbürgertums wurden Bücher zusehends zum erschwinglichen Allgemeingut und die ersten großen Privatbibliotheken schossen aus dem Boden. Bibliophilie vollzieht sich nicht ungezielt und verständnislos – sie ist DAS Stilmittel der schönen und reinen Seite der Faszination für Literatur.  Wo das Schöne sich ausbreitet, da geht es jedoch meist Hand in Hand mit der dunklen Seite der Büchermacht. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hält die Bibliomanie mit all ihren denk- und undenkbaren Varianten Einzug in Europa. Zum ersten Mal werden kriminelle Auswüchse der Bücherleidenschaft bekannt und mit besonderer Schärfe bestraft.

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert

Johann Georg Tinius zum Beispiel veruntreute Kirchengelder und beging Raubmorde, um seine ziellose Sammelleidenschaft zu finanzieren. 1823 wurde er zu 12 Jahren Haft ohne jede Chance auf Bewährung verurteilt. Der Comte de Lignerolles zog sich 1848 vollständig aus der Gesellschaft zurück, um sich seiner Geheim-Bibliothek zu widmen. In einer abgeschotteten Pariser Wohnung hortete er all seine Schätze, leugnete deren Existenz, behielt alle durchs Lesen erlangten Kenntnisse für sich und entzog somit der Gesellschaft in beträchtlichem Umfang den Anspruch auf Literatur und Bildung. Diese krankhaften Varianten der Bibliomanie finden danach auch Einzug in die einschlägige Fachliteratur. Hier entdecken wir folgende Begrifflichkeiten für Literatursucht:

  • Biblioklast: Menschen, die besessen davon sind, Bücher zu zerstören
  • Bibliopath: Jemand, den Bücher krank machen
  • Bibliophag: Menschen, die Bücher verschlingen
  • Bibliophobie: Die Angst vor Büchern
  • Biblioskop: Jemand, der Bücher nur durchblättert ohne sie zu lesen
  • Bibliotaph: Menschen, die ihre Bücher zwanghaft verstecken
  • Biblioverser: Jemand der Bücher zweckentfremdet nutzt

Zu dieser Zeit entstand auch das geflügelte Wort: „Wer nach Büchern giert, der mordet auch!“

Ich hoffe, Ihr konntet diesem recht theoretischen Teil unbeteiligt folgen und habt nicht einen Begriff gefunden, der Euch innerlich zusammenzucken lässt. Das würde mich sehr freuen. Es unterscheidet Euch aber von mir (ein wenig …denn phag bin ich ja schon)… Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.

All diese Spielarten der Bibliomanie haben sich bis ins 21. Jahrhundert gerettet. Leicht abgewandelt, aber mehr als ernstzunehmen. Und es sind neuere Mutationen der krankhaften Sucht nach Büchern hinzugekommen. Vielleicht habt Ihr von den Begriffen und Symptomen bereits gehört? Aber nur vielleicht…

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert

Bibliomanie – Auswüchse / Mutationen des 21. Jahrhunderts

Bücher-Messi
Bücher und Verlagskataloge breiten sich in rasender Geschwindigkeit in der Wohnung aus und verdrängen alle biologischen Lebensformen. Von Ordnung keine Rede mehr – der Besitzer fühlt sich jedoch wie in einer lebensfernen Symbiose zu seiner Umgebung.

Schutzumschlag-Bügler
Neurotische Hobbyrestauratoren, die jedem minimal beschädigten Schutzumschlag mit einem Dampfbügeleisen zu Leibe Rücken, Eselsohren plätten oder mit Sekundenkleber die Buchbindekunst revolutionieren.

Bücher-Zapper
Parallel-Leser, Gleichzeitig-Verschlinger, Überblick-Verlierer, die sich auf allen Ebenen einer Zeitachse durch mehrere Romane fressen. Ständige Auf- und Zuklappgeräusche pflastern ihren Leseweg und am Ende bleibt ein rudimentärer inhaltlicher Überblick bei gleichzeitigem automatisiertem Vergessen der Titel und Autoren.

SUB-Diabetiker
Menschen, die in einen Zuckerschock fallen, wenn ihr Stapel der Ungelesenen Bücher eine Maßzahl von 100 unterschreitet. Medikamentös nicht behandelbar und zu Risiken und Nebenwirkungen können nur Blogger und der nächste Buchhändler des absoluten Vertrauens Auskunft geben.

Signier-Junkies
Bibliotaphe Leser, die ihre Bücher wie ihren Augapfel hüten, sie keinesfalls an Freunde verleihen, sie niemals aus der Hand geben und doch jedem dahergelaufenen Autor mit tintetriefendem Füllfederhalter erlauben, das Titelblatt unleserlich zu verschmieren.

Book Diver
Menschen, die so massiv in die Handlung eines Romans eintauchen, dass die im Buch beschriebenen Gefühle aus dem Buch ans Tageslicht treten und Grundbedürfnisse wie Hunger, Durst, oder Lust (worauf auch immer) erzeugen. Selbst Szenarien werden so tief verinnerlicht, dass ein harmloses Freibad zur Arena von Panem mutiert. Vorsicht – diese Menschen sind beim Auftauchen meist ungenießbar, realitätsfremd und brechen am Ende eines Buches aus unerfindlichen Gründen und an den absolut unpassenden Orten in Tränen oder Gelächter aus.

Die literarische Heuschreckenplage
Ehemaliges Messephänomen auf Großevents, das seit 2020 in Frankfurt und Leipzig in Vergessenheit geraten ist. Ein Virus hat dieser Plage ein Ende bereitet. Verlagsstände wurden als herrenlose Maisfelder betrachtet und von mehreren bibliophagen Menschen schier leergefressen, geplündert und bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Beliebt war dieser literarische Flash-Mob am letzten Tag einer Buchmesse (beliebte Ausrede: Es muss ja doch alles abgebaut werden). Häufige Nebenerscheinung jener Plage war das Auftreten biblioklaster Neigungen. („Besser kaputt als in der Hand eines Anderen“).

Leseexemplar-Kollektor
Unersättlicher Leser, der mehr Rezensionsexemplare hortet, als er in den nächsten 25 Jahren bewältigen, geschweige denn besprechen kann, dabei aber schon den Blick in die Neuerscheinungskataloge der nächsten Saison wirft, um immer aktuell zu sein. Auf dem besten Weg zum Biblioskop….

Bücherflüsterer
Menschen, denen das Talent in die Wiege gelegt wurde, JEDES (aber wirklich jedes) Thema sofort und ohne Umwege auf die literarische Ebene zu heben. Egal, wie sehr das Gegenüber versucht ein Gespräch einzuleiten – sinnlos – zwecklos – bereits der erste offensive Konter „Das kenn ich, darüber hab ich grad ein Buch gelesen, hör mal zu, ich erzähle schnell worum es da ging“ führt dazu, jeden Gesprächspartner mundtot zu machen.

Literatur-Muezzin
Leser, der mit allen multimedialen Mitteln den gesamten Erdkreis darüber informieren muss, in welches Buch er gerade seine Nase steckt. Instagram, Facebook oder Apple-Anwendungen und Twitter ersetzen hierbei Gebetstürme und Lautsprecheranlagen. Das Ergebnis bleibt gleich. Europa weiß ohne Zeitverzug, was Lieselotte Müller gerade liest. Und Europa dankt auf Knien für diese inhaltsreiche Information.

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert

Schier endlos sind die heutigen Ausprägungen der Bibliomanie. Uns betreffen sie gottlob nicht.. Wir sind weit entfernt von diesen Abarten des Missbrauchs von Literatur und des ungezügelten Buchkonsums. Nein! Wir doch nicht. Und sollten wir doch eines Tages erste Symptome an uns erkennen, die als Alarmsignal zu werten sind, sollten wir uns eines vor Augen führen: Eines jedoch haben all diese Auswüchse gemeinsam. Sie sind in der Lage, das nicht so lesebegeisterte Umfeld eines Büchermenschen in einen Zustand der Bibliophobie zu versetzen. Ein schmaler Grat – und das meine ich ernst!

Wer weitere Krankheits-Mutationen der Bücherkrankheit kennenlernen möchte, dem möchte ich „Das Papierhaus“ von Carlos Maria Dominguez ans Herz legen. Private Bibliotheken, Ordnungssysteme, Kaufsucht und bibliophiler Kontrollverlust sind hier die Parameter, in denen sich das Leben eines Mannes bewegt, der plötzlich mit seinen Büchern verschwindet. Ein erhellend erschreckendes Buch einer Obsession.

Bibliomanie – Gustave Flaubert und Das Papierhaus von Dominguez