„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich bin abgehärtet. Dachte ich. Ich habe alles über den Holocaust gelesen und werde immer weiterlesen. Ich stoße dabei in Regionen vor, die nicht mehr nur den Zeitzeugen vorbehalten sind, und ich erwarte eigentlich, die Verfolgung der Juden im Dritten Reich nur noch in verfälschten oder überzeichneten Erzählungen aus dritter Hand anzufinden. Wie sehr man sich täuschen kann. Gerade in einer Zeit, in der man davon ausgeht, das Authentische und Wahre des Horrors nicht mehr vorzufinden, bahnen sich Geschichten ihren Weg an die Öffentlichkeit, die so lange im Verborgenen lagen, dass sie fast nicht erzählt worden wären. Und ich dachte, ich hätte alles gelesen.

(Sie können diese Rezension auch bei Literatur Radio Hörbahn hören… hier…)

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium - Hörbahn

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich habe mich oft mit Kindern beschäftigt, die der Nazi-Ideologie zum Opfer gefallen sind. Kinder, die nicht mehr ins Rasse-Raster passten, deportiert, misshandelt, vergast oder totgespritzt wurden. Kinder, für die es keine Rettung gab. Von unwertem Leben ist die Rede gewesen. Von Volksschädlingen. Begriffe, die immer noch an mir zerren, wie böse Geister aus der Vergangenheit. Ich bin Kindern in ihre Verstecke gefolgt. Ich habe erlebt, wie sie mit ihren Familien denunziert und ermordet wurden. Und ich habe einige verzweifelte Versuche erlebt, in denen Eltern eigene Kinder weggegeben haben, um sie zu retten. Unvorstellbare Lebens- und Leidenswege verstecken sich hinter Geschichten und Familien dieser Zeit.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich lernte jetzt „Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ kennen. Ihr Schicksal ist kein Einzelschicksal. In den besetzten Niederlanden haben unzählige jüdische Familien den Versuch unternommen, ihre Kinder bei Fremden in Sicherheit zu bringen. Es existierten Netzwerke zur Rettung dieser Kinder. Viele konnten gerettet werden, obwohl die Suche nach ihnen während des Zweiten Weltkrieges niemals ruhte. Viele Geschichten enden mit der Befreiung dieser Kinder. Ein Ende im Frieden. Überlebt. Nicht, wie Anne Frank, doch noch entdeckt und deportiert. Es sind versöhnliche Geschichten, die uns über die harte Realität der Befreiung ebenso hinwegtäuschen, wie der Begriff der Befreiung der Konzentrationslager. Das war kein Schlusspunkt. Es war der Beginn des neuen Aktes im Horrorszenario der unerwünschten Überlebenden, die plötzlich wieder in der Heimat auftauchten.

Wenn Bart van Es uns das Poesiealbum eines jungen Mädchens übereignet, dann haben wir es heute mit einer Geschichte zu tun, die so einzigartig und brillant erzählt ist, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Die Geschichte einer Frau, die sie uns niemals freiwillig erzählt hätte. Eine Geschichte, die tief im Inneren vergraben war, weil es ohne Familie keine Geschichte gibt. Das sagt sie noch heute. Lien de Jong. Im Alter von über achtzig Jahren hält sie es nicht für erzählenswert, weil sie keine Familie hatte. Und damit auch keine Geschichte. Dass sie sich Bart van Es anvertraute, gehört für mich zu den hoffnungsvollsten Ergebnissen in der langen Kette der Zeitzeugen-Recherchen, da Bart van Es zu der Familie gehört, die Lien de Jong damals vor den Nazis versteckte. Eine Familie, die ihr, wie die eigene, verlorengegangen war.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bart van Es konfrontiert uns mit einem kaleidoskopischen Inferno, das in der Lage ist Menschen für immer zu zerstören, auch wenn sie nach objektiven Maßstäben zu der kleinen Gruppe der Überlebenden gehören. Die Geschichte seiner Familie ist auch die Geschichte des Widerstands in den besetzten Niederlanden. Es ist die Geschichte der Großeltern, die jüdische Kinder versteckten und so ihr eigenes Leben riskierten. Damit ist es auch die Geschichte von „Lientje“, der man im Alter von acht Jahren Obdach und Schutz gewährte. Ein Kind, dessen jüdische Eltern keinen anderen Ausweg sahen, um zumindest die eigene Tochter zu retten. Hier beginnt im Jahr 1942 eine Odyssee, die in den folgenden Jahrzehnten von weiteren nachhaltigen Verlusten geprägt sein sollte. 

Lientje hat den Krieg und die Verfolgung überlebt. Soweit so gut. Ihr Poesiealbum legt Zeugnis von Kindertagen, der eigenen Familie und der Zeit ab, in der die Angst um das eigene Leben der Vergangenheit angehören sollte. Und doch dauert es Jahrzehnte bis Bart van Es, lange nach dem Tod seiner Großeltern, diesem Mädchen auf die Spur kommt, das nach dem Kriegsende von den van Es adoptiert wurde und gemeinsam mit seinem Vater aufgewachsen war. Er stellt den Kontakt wieder her und in schmerzhaften und intensiven gemeinsamen Gesprächen mit Lien de Jong entstand ein Buch, das die Grenzen des Begreifbaren oftmals überschreitet. Es ist eine Familiengeschichte, die ich in dieser schonungslos offenen und investigativ persönlichen Art und Weise noch nicht vor Augen hatte.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Es ist nicht nur die Geschichte der Verfolgung der Juden in den Niederlanden. Es ist nicht nur die verzweifelt erzählte dramatische Geschichte der Verluste eines kleinen Mädchens. Es ist nicht nur die Geschichte einer Rettung gegen alle Widerstände. Hier erleben wir nach der Zermalmung ihrer eigenen Familie die Spätfolgen dieses Verlusts. Hier werden wir mit einer alten Dame konfrontiert, die Zeit ihres Lebens darunter leiden musste, identitätslos und ohne eigene Geschichte durchs Leben zu gehen. Wir erleben eine Frau, die von weiteren Brüchen erzählt, die uns sprachlos machen. Brüche, die im Erzähler dieser Geschichte zu Verwerfungen führen, die er so nicht erwartet hätte. Was hatte dazu geführt, dass seine Großeltern und Lien de Jong sich lange Jahre nach dem Krieg aus den Augen verloren hatten. Was hat dazu geführt, dass aus Lientje das „Cut Out Girl“ wurde. Das Mädchen, das aus den Familienalben herausgeschnitten wurde?

Bart van Es kommt einer Geschichte auf die Spur, die er sicher nicht gerne entdeckt hätte, weil sie die Grundfesten seiner Familiengeschichte erschüttert. Und doch führt er sie zu ihrem Ende, weil er in den langen Gesprächen mit Lien realisiert, dass es nie zu spät ist, wenn es darum geht alte Wunden zu heilen. Er lässt Liens Perspektive auf die eigene Familie zu und gibt ihr Raum, sich endlich so zu fühlen, wie sie nie zuvor fühlen durfte. Was ihm auf diese Art und Weise gelingt, ist uns mit der Traumatisierung eines Kindes vertraut zu machen, die auch nach der Befreiung nach ihren Opfern greift. Wir dürfen nicht aufhören zu lesen, wenn es heißt: „Wir sind frei“. Wir müssen weiter folgen und begleiten. Wir dürfen die Augen nicht verschließen. Verletze Seelen heilen nicht in sich selbst.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es wird international gerade mit Preisen überhäuft. Es ist ein einzigartiges Buch, weil es nicht nur die Verarbeitung der Vergangenheit ermöglicht, sondern weil es tatsächlich etwas bewegt. Lien de Jong schwieg jahrzehntelang, weil man ja nur etwas zu erzählen hat, wenn man eine Familie hat. Dass sie heute in der Lage ist ihre Geschichte zu erzählen, hat genau damit zu tun. Bart van Es hat ihr etwas zurückgegeben, was ihre Traumatisierung gestohlen hatte. Er hat sie behutsam zurückgeholt. In seine Familie und damit in die Familie, die damals ihr Leben gerettet hatte. Ein verstörendes, ein ergreifendes, ein vernichtendes Buch. Aber auch ein Buch, dem es gelingt, auf den Trümmern der Geschichte etwas entstehen zu lassen, das verloren geglaubt war. Zugehörigkeit.

Wenn Sie sich für dieses Buch entscheiden, sollten Sie bereit sein sich auf einige Aspekte dieser Geschichte einzulassen, die völlig unerwartet jedoch mit voller Wucht zuschlagen. Verlust, Verfolgung, Trennung, Leben im Verborgenen und tägliche Angst ums Überleben sind signifikante Eckpfeiler von Zeitzeugenberichten, die uns bisher im Lesen begegnet sind. Der sexuelle Missbrauch der versteckten Kinder, die Weigerung, sie nach dem Krieg an ihre Eltern (sofern sie ihn überlebt haben) zu übergeben und die offizielle Sichtweise, ihr Schicksal in der Öffentlichkeit zu verschweigen, sind nur einige Aspekte, die mich lesend in die Magengrube trafen. Das Poesiealbum spiegelt die Welt vor, die es nie gab. Ganz besonders nicht für „Lientje“ Lien de Jong. Das Buch spiegelt eine Welt wider, die es möglich macht, die Wunden zu heilen. Zuvor jedoch muss man sie schonungslos aufreißen. Bart van es ist dies meisterhaft gelungen. Ein relevanteres Buch gegen die Ausgrenzung von Menschen kann es nicht geben.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und versteckte Kinder im Holocaust.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde

Rezensionen im Rahmen meines Schreibens „Gegen das Vergessen“.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Zimmermanns Stunde“ von Karolien Berkvens

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Das Leben könnte so schön sein danach. Befreit von allen beruflichen Zwängen und Verpflichtungen könnte man den Lebensabend nach der Pensionierung in vollen Zügen genießen. Zeit mit Menschen verbringen, die man liebt. Zeit mit Hobbies genießen, für die man im Arbeitsalltag so wenig Zeit hatte. Zeit einfach auch mal verstreichen lassen und alle Viere von sich strecken. Es könnte so schön sein, und doch wundert man sich, wenn man Rentner und Pensionäre trifft über so manche Aussagen. Mehr Termine als jemals zuvor, voll verplant, keine Zeit oder auf der anderen Seite die Schilderung, eines tiefen Loches, in das man unvermittelt gefallen sei. Mir kann das nicht passieren. Mein Ruhestand wird seinem Namen gerecht werden. Leben. Einfach leben.

Das hatte sich auch Loet Zimmermann gedacht. Nach vierzig Jahren im Schuldienst endlich pensioniert zu werden, an diese Vorstellung konnte man sich schon gewöhnen. Bitte kein großes Tamtam um den letzten Arbeitstag machen, bitte keine üblicherweise unehrlichen Reden schwingen, bitte nicht an die große Schulglocke mit dem Abschied. Mehr hatte sich Zimmermann nicht gewünscht. Einfach nur gehen. Einen Schlussstrich ziehen. Die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen und ein geordnetes neues Leben in Angriff nehmen. Das hatte er sich mehr als verdient. Als schließlich Zimmermanns Stunde schlug, sah alles doch so anders aus, als er sich in seinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Er, das lebendige Synonym für Zuverlässigkeit, leise Pflichterfüllung, lückenlose Ordnung und perfektes Zeitgefühl, sollte am letzten Tag des Berufslebens aus einer Bahn geworfen werden, die er sich ganz anders vorgestellt hatte. Ein Mann, der seine Zeit nicht verschwendete, sie sich nicht vertrieb und die Zeit anderer sinnvoll verplante, sollte aus der Zeit fallen. Die Landung. Brutal und hart. Zeitlos. Zimmermann denkt den Tag in acht Blöcken von jeweils fünfzig Minuten. Als Stundenplan-Koordinator hämmert sich dieser Zeitrhythmus wohl ins Blut. Jeder Abweichung von der Norm gilt es aktiv zu begegnen. Zeitverschwendung – einfach undenkbar. Und jetzt? Danach? Welchen Wert hat die freie Zeit? Was kann man damit anfangen? Fragen, die uns durch das Lesen in unser Leben begleiten. Fragen, die wir uns für Zimmermann stellen, ohne ihn je richtig kennengelernt zu haben. Ein Trugschluss des Lesens, in den uns die Autorin Karolien Berkvens treibt. Wenn wir denken, sie schriebe über Zeit, über einen Menschen, der in letzter Konsequenz seinen Rhythmus verliert und an der Zeitlosigkeit scheitert, dann ist ihr bereits auf den ersten Seiten ihres Romans „Zimmermanns Stunde“ gelungen, was uns auf den Folgeseiten unvermutet einholt.

„Die stille Kraft beklagt sich nicht, die stille Kraft tut ihre Arbeit.“

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Wir neigen dazu, Menschen über ganz einfache Assoziationen zu definieren. Zeit und Zimmermann. Das passt. Darauf kann man weiter rumdenken, dieser heißen Spur kann man weiter folgen. Oberflächlich betrachtet, genau das, was wir täglich mit jenen Menschen in unserem Umfeld veranstalten, denen wir nur an der Oberfläche begegnen. Karolien Berkvens jedoch entführt uns in die Tiefe. Und die ist zeitlos, besteht nicht aus klischeehaften Zeit-Wortspielen oder wenig originellen Davor-Danach-Vergleichen. Sie macht das Fehlen zum zentralen Thema ihres Romans. Ein Fehlen, das schmerzhaft in einem Leben verankert ist und sehr schmerzhaft bewusst macht, wie schön es ist, Zeit MIT einem geliebten Menschen verbringen zu dürfen.

„Zimmermann genießt nicht, Zimmermann lebt.“

Diesem Roman fehlt etwas. Ihm fehlt Lucy. Sie fehlt in jeder Zeile, in jedem Kapitel und besonders auch zwischen den Zeilen. Sie fehlt im Leben des gerade pensionierten Loet Zimmermann. Sie fehlt schmerzhaft. Lucy, seine schon lange verstorbene Ehefrau fehlt in dieser Lebensphase, die Zeitgewinn darstellen könnte. Gemeinsames wird zum Einsamen. Verlust wird spürbar weil es keine Flucht mehr in die Stundenpläne gibt. Das Leben schlägt mit voller Wucht zu. Das allein würde schon reichen, um Zimmermann in eine tiefe Krise zu stoßen. Karolien Berkvens belässt es nicht dabei. Sie lässt nicht nur den Verlust seiner Frau gewaltig zuschlagen, sie lässt ihren Loet Zimmermann so heftig zu Boden gehen, dass man denkt, sein letztes Stündchen hätte geschlagen.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Karolien Berkvens wirft in ihrem Roman entscheidende Fragen des Miteinanders in einer Gesellschaft auf, die zur Separationsmaschine verkommt. Jeder denkt an sich. Jeder ist sich selbst der Nächste. Oberfläche zählt. Vorurteile dominieren den Tag und Abweichungen von der Norm sind absolut unverzeihlich. Und wenn man aus seiner Bahn geworfen wird, dann gerät man schnell in die Umlaufbahn professioneller Richter. Menschen, die es wieder richten. Therapeuten. Außenstehende. Zuschauer. Bitte nicht ich. Bitte nicht unmittelbar und intensiv. Eine bahnbrechende Kollision mit dem eigenen Leben, mit seinen Verlusten, mit dem eigenen Sohn und mit der Vergangenheit macht aus einem eigentlich zeitlos einfachen Buch einen melancholischen Abgesang auf ein Leben, das wir bitte so nicht führen wollen. Mitgefühl. Das überwiegt, wenn ich an Loet Zimmermann denke. Sehnsucht, wenn ich mir Lucy vorstelle…

„Alle Sätze, die mit »Was würde Lucy« anfangen, brach er sofort ab, weil es bis in alle Ewigkeit Sätze ohne Ende, Fragen ohne Antwort sein würden.“

Prädikat lesenswert, definitiv keine Zeitverschwendung.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Ein Nachtrag zum Buchcover: Im direkten Vergleich zum deutschen Cover wirkt das Original eher wie eine graue literarische Maus, die man sicher nicht als Eye-Catcher bezeichnen kann. Dagegen lässt das Droemer-Cover ein eher philosophisch geprägtes Lesevergnügen vermuten. Mein Fazit: Ich würde das Blau dem Grau vorziehen, weil es mich optisch sehr anspricht. Hat man jedoch Loet Zimmermann und seine Geschichte einmal kennengelernt, kann man die Entscheidung für ein tristes nachdenkliches Cover sehr gut nachvollziehen. Es spricht aus meiner Sicht vielleicht sogar die Leser direkter an, die eigentlich erreicht werden sollen. Sie würden nur nicht zugreifen.