„Nordwasser“ von Ian McGuire – Moby Dick 2.0

Nordwasser von Ian McGuire

Ich habe lesend schon auf so manchem Seelenverkäufer angeheuert. Ich war Teil der Besatzung an Bord von Kriegsgaleonen, Walfangschiffen und Expeditionskreuzern. Ich habe gelernt, in die Wanten zu gehen, im Orlopdeck zu schlafen, Rettungsboote im richtigen Moment abzufieren und Kanonen bei hohem Seegang zielgerecht abzufeuern. Ich habe es mit Kapitänen zu tun gehabt, die all ihre Neurosen an mir ausgelassen und mich an den Rand der Meuterei gebracht haben. Einige haben mit ihrem Orgelspiel die ganze Mannschaft um den Verstand gebracht und andere schlugen Dublonen in einen Mast, um dem weißen Schreckgespenst der Meere nachzujagen. Nemo, Ahab, Drake, um nur einige von denen zu nennen, unter deren Kommando ich stand. Ich dachte, ich sei gewappnet für meine nächste Seereise. Ich dachte, ich hätte bereits alles erlebt.

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Weit gefehlt. Da schippert man auf den Weltmeeren umher, sieht Schiffe kommen und gehen, überlebt selbst die aberwitzigsten Situationen und lernt, selbst mit Kapitänen zu leben, die vom Pech verfolgt sind und absolut jedes Schiff auf Grund setzen. Ich dachte genügend gesponnenes Seemannsgarn entwirrt zu haben, um an Bord der Volunteer überleben zu können. Um es mit Elias zu sagen, der bereits einen gewissen Ismael vor der Fahrt mit der Pequod unter dem Kommando von Kapitän Ahab gewarnt hat: Nehmt Abstand von der Volunteer, wenn ihr sie im Hafen seht. Geht nicht an Bord. Heuert auf keinen Fall an, nehmt eure Beine in die Hand und rettet euch, bevor es zu spät ist. Eine Fahrt auf diesem Walfangschiff kann euch das Leben kosten. Ich weiß, wovon ich rede. Wenn ihr mir nicht glaubt, dann vertraut auf Ian McGuire. Lest das Logbuch der letzten Fahrt dieses Schiffes. Folgt ihm auf das Nordwasser und sagt später nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Nordwasser von Ian McGuire

Wir befinden uns in der Mitte des 19. Jahrhunderts im englischen Seehafen Hull. Der traditionelle Walfang ist im Niedergang begriffen. Einerseits wurden die Weltmeere von zahllosen Walfangflotten leergefischt und andererseits beeinträchtigen Erdölfunde den Absatz von Tran als Schmiermittel und Lampenbrennstoff. Umso verwunderlicher mutet es an, dass gerade ein Schiff für eine große Walfangexpedition ausgerüstet wird. Die „Volunteer“ liegt bereits im Hafen, die Mannschaft wird angeheuert und das Schiff wird beladen. Es werden Harpuniere, Schiffsjungen, Zimmerleute, Maate und Matrosen benötigt. Einen Kapitän hat der Schiffseigner Baxter bereits gefunden. Brownlee haftet jedoch der Makel an, vom Pech verfolgt zu sein. Katastrophen pflastern seinen Weg.

Und doch vertraut man gerade ihm die Volunteer an. Und wie überall in den großen Hafenstädten dieser Zeit tummeln sich undurchsichtige Gestalten, die auf einem Schiff anheuern wollen. Gründe gibt es viele. Die Suche nach Reichtum, der Wunsch einfach mal eine Zeitlang unterzutauchen, oder die Sehnsucht nach der Weite des Meeres. So setzt sich auch die Mannschaft der Volunteer zusammen. Heterogen, könnte man fast sagen. Als katastrophal müsste man es bezeichnen, wenn man ehrlich ist. Denn neben dem vom Seepech geplagten Kapitän gehen ein perverserer Serienmörder und ein Arzt an Bord, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. Henry Drax ist eine tickende Zeitbombe mit brutalsten Neigungen und Patrick Sumner therapiert sein Versagen auf dem indischen Kontinent, indem er der beste Kunde der eigenen Medikamente ist. Sie sind beide gleichermaßen süchtig. Gemeingefährlich ist nur Drax.

Nordwasser von Ian McGuire

Ian McGuire pfercht uns im Erzählraum Volunteer ein. Sie wird unser Schicksal und die Mission des Schiffes mündet in die Katastrophe. Spätestens als ein Schiffsjunge an Bord mehrfach vergewaltigt und auf bestialischste Art und Weise ermordet wird, wird es richtig eng auf der Volunteer. Jeder gegen jeden, so könnte man sagen und mittendrin ein Arzt, der als einziger einen kühlen Kopf bewahrt und dem Täter auf die Spur kommt. Hier schreibt uns der Autor in ein Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer hinein. Das Wagnis Walfang scheint ihm nicht zu genügen. Ian McGuire macht aus diesem Schiff ein schwimmendes rechtsmedizinisches Inferno. Man braucht gute Nerven, um angesichts der Taten bei Leseverstand zu bleiben. Hier geht es brutal und heftig zu. So behandelt man nicht Mal die gejagten Wale. Ehre ist ein Fremdwort.

Um dem gesamten Szenario die Spannungskrone aufzusetzen mischt Ian McGuire einige weitere eisige Zutaten in diese Mischung aus Abenteuerroman und Thriller. Das Nordwasser als Schauplatz der verwegenen Fahrt der Volunteer mutiert zum Szenario großer gescheiterter Expeditionen. Ernest Shackleton lässt grüßen, wenn das Eis droht, die Volunteer zu zerquetschen. „Wild“ von Reinhold Messner wird zum Setting, als die Kälte die Kabinen des Walfängers erreicht. „Everland“ von Rebecca Hunt könnte Pate gestanden haben, wenn es gilt auf verzweifelte Robben- und Bärenjagd zu gehen. Und „Moby Dick“ von Hermann Melville grüßt uns auf jeder Seite von „Nordwasser“. Keine Frage: Dies ist das facettenreichste vielschichtigste Abenteuer, auf das ich mich jemals einließ.

Nordwasser von Ian McGuire

Überlegt euch sehr gut, ob ihr das „Nordwasser“ befahren wollt. Stellt euch darauf ein, an Bord der Volunteer grausamste Verbrechen zu erleben. Rechnet damit, dass es kälter wird, als ihr es euch je vorstellen konntet. Lernt die Sprache der Eskimos. Wenn ihr ihnen im Roman begegnet, wisst ihr, wovon ich hier rede. Scheut nicht davor zurück, Robben zu jagen, Wale zu schlachten und Eisbären zu verfolgen. Bereitet euch darauf vor, das Indien der Kolonialzeit zu erleben, weil ihr nur so begreift, warum ein britischer Arzt unehrenhaft das Schlachtfeld räumen muss. Und habt keine Angst davor, an Bord an allem zu leiden, woran man nur leiden konnte, wenn man zur falschen Zeit nicht am richtigen Ort ist.

Spannender kann eine Schiffsreise nicht sein. Ian McGuire hat den bekannten und legendären Abenteuerklassikern die Krone aufgesetzt, indem er uns mit einer multiplen Szenerie konfrontiert. Es gibt keine Rettung aus seinem Erzählnetz. Wenn er die Leser harpuniert hat, gibt es kein Entrinnen. Weder an Bord, noch an Land könnt ihr gerettet werden. Ihr müsst schon bis zum finalen Showdown ausharren, die Augen offenhalten und den Mut nicht verlieren. Ich kann euch nur raten, euch dem Arzt anzuvertrauen. Er weiß, was er tut. Zumindest, wenn das Laudanum wirkt. Patrick Sumner ist in der Tiefe seines Charakters so treffend beschrieben, dass man sich am Ende der Reise mit ihm auf jede weitere Reise begeben würde. Ob das möglich ist? Ob er überlebt? Ob es ihm gelingt, den Orkan auf dem „Nordwasser“ zu besänftigen? Wer weiß, wenn man nicht liest? So ist es immer im Leben.

Nordwasser von Ian McGuire

Geht an Bord. Leinen los. Winkt euren Lieben ein letztes Mal und seid versichert, dass ihr gut versichert seid. Das ist allerdings auch das Einzige, das ich euch mit auf diesen Weg geben kann. Natur, Verbrechen, Hass, Glaube und Hoffnung gehen Hand in Hand in der Klaustrophobie dieser fulminanten Erzählung. Nur eines werdet ihr auf der Reise nicht finden. Romantik oder Liebe, Frauen oder Familien, die auf euch warten. Das hier ist eine Männerwelt, die allerdings geeignet ist, gerade weiblichen Lesern Gänsehaut in ihr beschauliches Leben zu zaubern. Hier gibt es kein „Frauen und Kinder zuerst“. Hier geht nicht der Kapitän als letzter Mann von Bord.

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

Ich winke euch ein letztes Mal zu. Gute Reise. Ahoi ihr Mare – Landleseratten…

Nordwasser von Ian McGuire

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