Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff - Astrolibrium

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Oftmals ist das eigene Leid so unerträglich, dass man Jahre braucht, um es zu bewältigen. Manchmal wiegen eigene Verluste so schwer, dass man einfach für sich alleine Wege finden muss, um neuen Lebensmut zu fassen. Manchmal jedoch werden die dunklen Gefühle eines Schicksalsschlags wie mit einem Blitzlicht erhellt, wenn man im direkten Vergleich erleben muss, wie es anderen Menschen ergeht, die ein Leben ohne Trauer und Depression führen dürfen. Eine solche psychologische Ungleichung hat Kristina Hauff zum Schmelzkern ihres Romans „Unter Wasser Nacht“ gemacht. Ein Familiendrama in der malerisch einsamen Landschaft der Elbauen, ein Drama im Wendland, eine fulminante Geschichte über Trauer, Verlust, Liebe, Geheimnisse und Neid, die mich auf ihren knapp 300 Seiten nicht mehr loslassen wollte. Im Titel „Unter Wasser Nacht“ findet der gesamte Roman seine epische Entsprechung.

Alles könnte so schön sein auf dem gemeinsamen Hof zweier Paare im Wendland. Viele gemeinsame Jahre (darunter auch wilde und revolutionäre) lagen hinter ihnen, als sie auf einem kleinen Fleckchen Erde sesshaft wurden und ihre Familien gründeten. In ständiger Reichweite voneinander hatte sich ein Idyll Raum verschafft, das die beiden Paare in Sicherheit wog. Das Gemeinsame stellte die Grundmauern dar, und doch gab es ausreichend große Rückzugsorte, um sein eigenes Leben zu führen. Kinder kamen zur Welt und im Rückblick auf diese Zeit muss dieser Ort wie ein Biotop gewirkt haben. Als wir Sophie und Thies, sowie Inga und Bodo kennenlernen, ist von ihrer einstigen Harmonie kaum noch etwas übrig. Dafür wiegt das Drama zu schwer, dass sich vor 13 Monaten genau hier abgespielt hatte.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Unter ungeklärten Umständen ertrank der elfjährige Sohn von Sophie und Thies. Seitdem ist das Leben auf dem Hof in zwei Welten zerbrochen. Eine trauernde, in der sich die Eltern endlose Fragen über den Tod ihres Sohnes Aaron stellen. Und die heile Welt von gegenüber. Inga und Bodo, vom Glück gesegnet. Eltern von zwei gesunden Kindern, die den trauernden Nachbarn immer vor Augen halten, wie schön das Leben sein könnte. Aus diesen täglichen Vergleichen entsteht die Welle von Neid, Einsamkeit und eine Atmosphäre der gegenseitigen Abschottung. Als wäre jener Hof ein Minenfeld emotionaler Blindgänger. Während Inga und Bodo mit ihren Kindern Jella und Lasse den Alltag voller Optimismus leben, versinken im gegenüber liegenden Haus Sophie in ihrer Verbitterung und Thies in einem rastlosen Fluchtverhalten. Auch ihre Beziehung hängt inzwischen am seidenen Faden. Die Trauer ist hier der Scheideweg, an dem im Endeffekt das ganze Leben scheitern kann. Liebe und Freundschaft eingeschlossen.

Kristina Hauff erweist sich als echte literarische Meisterin, wenn es darum geht, die beiden Gefühlslagen der zerrissenen Hofgemeinschaft zu beschreiben. Man fühlt sich „Unter Wasser Nacht„. Wir trauern und leiden mit, beneiden die Menschen auf der Sonnenseite des Hofes und andererseits erkennen wir auch bei ihnen Muster der Rücksichtnahme und des Mittrauerns, allerdings ohne je eine Chance zu haben, etwas gegen den Verlust ihrer Freunde tun zu können. Es herrscht eine trügerische Ruhe in den Elbauen. Man beäugt sich, man meidet den Kontakt und lebt so vor sich hin. Allein aus dieser Konstellation hätte die Autorin ein menschliches Drama formen können, in dem sich diese Konflikte im Laufe der Zeit zu einer Flutwelle vereint hätten. Aber damit nicht genug. Kristina Hauff erweitert ihren Erzählraum und dreht uns Lesenden mit der gekonnten Bewegung einer Spannungsbogenarchitektin die Daumenschrauben enger.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

In multiperspektivisch erzählten, sich überlappenden Szenen blicken wir mit Sophie neidisch aus dem Fenster und beobachten Inga und die Kinder, während wir schon im nächsten Moment mit Inga das Haus verlassen und Sophie am Fenster entdecken. Die Methode der schnellen Schnittfolgen bewirkt, dass wir uns extrem gut in die agierenden Charaktere hineinversetzen können. Jeder kommt zu Wort, niemand bleibt außen vor und es entsteht eine komplexe psychologische Atmosphäre, die nicht nur zermürbend ist, sondern ebenso plausibel wirkt. Als dann auch noch mit Mara eine Fremde diesen Schauplatz der geschundenen Gefühle betritt, wird aus einem Familiendrama eine tief angelegte und noch komplexere Geschichte eines Lebens in unmittelbarer Nähe eines Flusses, der den Lauf der Dinge zu definieren scheint: Die Elbe.

Spätestens von diesem Moment an ist man nicht mehr in der Lage, das Buch aus den Händen zu legen. Spätestens hier befinden wir uns in einem Mix aus Gefühlskino und kriminalistischer Ermittlung eines Cold Cases. Der Tod des Jungen wird mehr und mehr ins Zentrum gerückt. Was war hier passiert? Warum geht ein erst Elfjähriger aus freien Stücken vollständig bekleidet in die Elbe? Wo waren die Eltern, wo die anderen Bewohner des Hofes? Welches Geheimnis liegt hier verborgen? In atemlosem Tempo werden wir durch die Elbauen gejagt, werden zu Zeugen von Ausfallerscheinungen der direkt Beteiligten und kommen der Ursache für Aarons Tod immer mehr auf die Spur. Kein Hinweis erweist sich als banal, keine Fährte ist kalt, kein Verdacht unbegründet und doch führt nur ein Weg zur Lösung dieses Todesfalles. Mara. Auch, wenn sie alles durcheinanderbringt, sie wirkt wie Ariadne, die den roten Faden in der Hand hält. In ihr liegen Hoffnungen, Leid, Neid, Eifersucht, Verheißung und Zuversicht verborgen. Hier durchbricht die scheinbar Außenstehende alle inneren Widerstände.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Es sind die zahllosen inhaltlichen Facetten, mit denen Kristina Hauff überzeugt. Es sind sich verändernde Freundschaften, unüberbrückbare Gräben und tiefe Wunden in einer ehemals heilen Welt, über die sie uns geleitet. Es ist die raue Elbe, die mit ihrer Gewalt Land und Menschen zu formen vermag. Es sind die Kontraste, die uns hier zu staunenden Betrachtern machen. Es ist das konservativ idyllische Wendland, es ist die exotische dänische Freistadt Christiania, deren Flair Mara mit sich trägt. Und es sind die vielfältigen Aspekte der verschachtelten Handlung in Verbindung mit den Akteuren dieses Romans, die eine Einordnung in eine literarische Schublade erfreulich schwer machen. Es ist ein Krimi und doch ist es keiner. Es ist ein psychologischer Roman im Schatten eines dramatischen Verlustes und doch ist es viel mehr. Es ist ein Drama, in dem aus Freunden, sich gegenseitig beäugende Kontrahenten und Wettbewerber um das wahre Glück im Leben werden und doch ist es kein reines Familiendrama. Und es ist in Teilen ein Roman der falschen Gefühle, weil man Aaron sehr ambivalent erlebt.

Die Autorin scheint es zu genießen, nicht in einem Genre gefangen zu sein. Man erwartet keinen kriminalistisch perfekten Fall, der lückenlos aufgeklärt wird. Man sucht nicht nach zusätzlichen Beweisen, muss mit Lügen leben, die nicht geradegerückt und aufgedeckt werden. Ja, wir müssen sogar Fragezeichen akzeptieren, weil wir hier ein Stück Leben präsentiert bekommen, das in seinen offenen Fragen sehr authentisch ist. Ich würde „Unter Wasser Nacht“ nicht in eine literarische Schublade stecken. Aber ich bin natürlich bereit, diesen Roman in eine Schublade meiner kleinen literarischen Sternwarte einzusortieren: „Lesenswerte Lektüre, die mich in einem unglaublichen  Sog nicht mehr loslassen wollte.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff – Das Hörbuch

Kurz vor Toresschluss erreichte mich die Hörbuchfassung zum Roman „Unter Wasser Nacht„, und so kann ich den Erzählraum um den Hörraum der Produktion aus dem Hause Der Audio Verlag erweitern. Acht Stunden und zwanzig Minuten der ungekürzten Lesung geben hier den Rahmen vor, in dem wir uns zuhörend bewegen. Die Schauspielerin und Sprecherin Julia Nachtmann liest sich tief in das Setting aus Wendland, Verlust, Elbe und Gefühl hinein. Sie führt uns erfreulich unaufgeregt durch einen Plot, der sein ganz eigenes Tempo aufnimmt. Das Problem der Multiperspektive löst sie brillant, indem sie sich in den Dialogen aus den Sichtweisen der Protagonisten befreit und den Stimmen der Akteure Leben einhaucht. Ihrer Stimme zu folgen ist hier sehr angenehm, weil sie unsere sprunghafte Neugier zügelt und ein Tempo vorgibt, in dem man wie die Elbe durch das Wendland treibt, in dem wir sonst haltlos untergehen würden. Sehr hörenswert.

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Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Ein Nachtrag: Ich hatte das Gefühl, unfair zu „Unter Wasser Nacht“ gewesen zu sein. Ich hatte das Gefühl, dem Buch von Kristina Hauff nach den Romanen von T.C. Boyle und Benedict Wells zu kritisch zu begegnen, weil mich die Neuerscheinungen begeistert und bewegt hatten. Nach Boyle und Wells gelesen zu werden, ist wohl einer der undankbarsten Startplätze, den man sich nur vorstellen kann. Und dann saß ich vor diesem Roman und wusste schon nach 50 Seiten, dass meine Bedenken unbegründet waren. Die Autorin hat mich in einem Gefühl tiefer Lese-Melancholie aus „Hard Land“ abgeholt und mich an der Elbe aufgefangen. Es gab keinen Grund mehr zu denken, es sei nicht fair gewesen. Es gab tausend Gründe mich zu bedanken, dass ich in solchen Höhen weiterfliegen durfte. Dieses Gefühl wünsche ich jedem Lesenden…

Die emotionale Ungleichung von Kristina Hauff ist mathematisch betrachtet, eine mit vielen Unbekannten, Variablen und Ableitungen. Aber sie geht auf! Bleibt am Ende des Tages nur noch eine Frage offen, über die man trefflich diskutieren kann. Dies hier zu tun, würde zu sehr spoilern, aber im Off bin ich natürlich dazu bereit. Ihr wisst ja, wo man mich findet!

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Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig - Astrolibrium

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig

Da bin ich mal wieder mit den weltbewegenden Fragen, die uns philosophisch an den Rand der Verzweiflung treiben können. Es geht diesmal nicht darum, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, oder, wie wir unser Leben vor dem Tod in eine Richtung zu lenken in der Lage sind, die uns glücklich macht. Nein, es geht um eine Zwischenwelt, in der wir vielleicht die einmalige Chance erhalten, das Leben anders zu führen. Es sind unsere Entscheidungen, die uns Wege einschlagen lassen, von denen wir vorher nicht wissen, ob sie richtig sind, ob sie uns glücklich machen und ob wir am Ende der Wege nicht bereuen, sie gewählt zu haben. Das kennen wir wohl alle. Im wahren Leben heißt das „Augen zu und durch“. Unumkehrbar versuchen wir vor Enttäuschungen zu fliehen und dem Sinn unseres Lebens hinterherzujagen. Der Erfolg? Mal so und mal so. Wir sind die Getriebenen unserer Erwartungen. Was wäre aber, wenn es eine Möglichkeit gäbe, an bestimmten Kreuzungen unseres Lebensweges anders zu entscheiden?

„Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig beschreibt eine solche Alternative. Es ist nicht gerade der Wunschtraum jedes Menschen, den er hier in den Mittelpunkt eines Romans stellt, der ebenso philosophisch wie utopisch daherkommt. Aber es ist ein mehr als interessantes Gedankenspiel, zu dem er uns einlädt. Folgen wir doch seinen Thesen und spielen wir sein Spiel mit. Frei nach dem Motto: „Wir werden schon sehen, was wir davon haben!“ Zwischen dem Leben und dem Tod liegt eine Bibliothek. Sie besteht aus zahllosen Regalen, in denen sich die Bücher deines Lebens befinden. Jedes von ihnen erzählt eine Geschichte, die du nicht gelebt hast, weil du dich anders entschieden hast. Greif einfach zu und schau dir an, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn…! Ich vergaß zu erwähnen, dass man zuvor gestorben sein muss, um „Die Mitternachtsbibliothek“ betreten zu dürfen. Dann jedoch hat man die freie Auswahl zwischen all den Chancen und Möglichkeiten, gegen die man sich zu Lebzeiten entschieden hat. Und, wenn man dabei ganz zufällig auf ein Leben stößt, dass einen glücklich gemacht hätte, dann darf man es behalten.

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig - Astrolibrium

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Nun sind wir auch schon bei unserer Protagonistin Nora Seed angekommen. Wir lernen sie im finalen Countdown ihres Lebens kennen. Es sind die letzten Stunden, die hier erbarmungslos verrinnen, bevor sie Selbstmord begeht. Alles hat sich gegen Nora verschworen, nichts will gelingen und am Ende der Perspektivlosigkeit bleibt ihr nur der verzweifelte letzte Ausweg. Was hätte sie alles werden können? Was hätte sie erreicht, wenn sie anders entschieden hätte? Welche Träume hätte sie sich erfüllten können? In letzter Konsequenz jedoch steht sie mit leeren Händen da. Wenige Freunde, arbeitslos, Karrieren als Weltklasseschwimmerin oder professionelle Musikerin schon früh an den Nagel gehängt, vor einer Ehe geflüchtet, Träume niemals realisiert und Hoffnungen im Nichts versenkt. Auf ganzer Linie gescheitert. Depressionen, Drogen, fehlender Halt in Situationen, in denen sie hätte gehalten werden müssen. Das Finale: Suizid.

Statt jedoch zu sterben, wird ihr der Zugang zur Mitternachtsbibliothek gewährt. Hier wird sie von der Bibliothekarin mit den Regeln vertraut gemacht und dann geht sie los, die Jagd nach dem perfekten Leben. Die Zeit steht still, sie darf sich ein Buch aus dem Regal nehmen, in dem ein Leben beschrieben ist, das sie nicht geführt hat. Hinein ins Wunderland der Alternativen. Es liest sich humorvoll, und beinhaltet ebenso skurrile wie lustige Momente, in denen sich Nora immer wieder neu orientieren muss. Was ihr nämlich fehlt, sind Erinnerungen an diese ungelebten Leben. Wer sind die Menschen, denen sie nun begegnet, was hat sie zuletzt getan, wo lebt sie und mit wem? Und nicht zuletzt immer wieder die zentrale Frage: Bin ich hier glücklich und will ich bleiben? Ich hatte viel Spaß beim Lesen dieser Lebensvarianten, wäre da eben nicht jene Nora Seed gewesen, die sich hier wie in einem Lebens-Casting nur nach den Vorteilen der jeweiligen ungelebten Variante umschaut. Aus philosophischer Sicht eine egoistische Rosinenpickerin.

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Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Matt Haig lässt viel Spielraum für philosophische Betrachtungsweisen. Wir finden Thesen über bestehende Paralleluniversen und das Theorem von Schrödingers Katze ebenso wieder, wie die Schlüsselthesen von Henry David Thoreau, den Nora als ihren Leib-und Magen-Philosophen verehrt. So froh ich über die Anspielungen auf „Walden“ war, so wenig wurde ich mit Nora Seed warm. Sie realisiert, dass die unterschiedlichen Leben, die sie nun ausprobieren darf, immer einen kleinen Haken haben. Nichts ist so perfekt, wie es bitte zu sein hat. Eine Bereitschaft, für sein Glück zu kämpfen, ist nicht erforderlich, denn wenn ein Leben nicht passt, kann sie zurück in ihre Bibliothek und sich ein neues aussuchen. Lebensträume von der Stange. So erleben wir sie als eine erfolgreiche Schwimmerin, als legendäre Musikerin, als Gletscherforscherin und auch als die Ehefrau, die sie nicht sein wollte. In ihrem Buch des Bereuens scheinen sich die falschen Entscheidungen nur so zu stapeln.

Matt Haig skizziert an Noras Beispiel das Nullsummenspiel der Entscheidungen. Was sie in einem Leben als Zugewinn verzeichnet, fehlt ihr auf der anderen Seite. Ein Leben mit sportlichem Erfolg ist eines ohne philosophischen Tiefgang. Ein Leben voller Erfolg als Musikerin ist ein Leben ohne bestimmte Menschen, auf die sie nie verzichten würde. Man kann nicht alles haben. So lautet die unsichtbare Überschrift über Kapiteln und Büchern, in denen Nora ihr Glück sucht. Matt Haig fühlt sich hier manchmal an, als hätte ihm Paulo Coelho beim Schreiben über die Schulter geschaut. Der Selbstmörder in uns weiß gar nicht, wohin mit all den Allgemeinplätzen zum wahren Glück im Leben. Und letztlich, warum sollte sich Nora Seed nur für ein einziges Leben entscheiden, wo sie doch eine ganze Bibliothek zur Auswahl hat? Greift Matt Haig in diesem Roman ins literarische Nichts, wenn er uns mit einer solchen Utopie konfrontiert? Mitnichten.

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Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

Seine Geschichte erreicht uns außerhalb des Buches mit erheblicher Wucht. Wo sind meine Kreuzungen, wann habe ich mich vielleicht falsch entschieden, wie wäre es wohl gelaufen, wenn ich intensiver für meine Träume gekämpft hätte und gibt es dieses Leben, das ich lieber leben würde? Man darf diese Spiegelung des Romans auf seinen eigenen Lebensweg nicht unterschätzen. Allein hierfür lohnt es sich sehr, dieses Buch zu lesen. Es ist facettenreich in den Situationen, unnachgiebig in seinen Points of no Return und hilfreich, wenn man sich selbst hinterfragt. Gedankenspiele und Kopfkino sind hier garantierte Nebenwirkungen einer Geschichte, deren Protagonistin den Weg zum eigenen Glück nur langsam findet. „Die Mitternachtsbibliothek“ hält viele Twists auf Lager. Man sollte sich nie zu sicher fühlen in diesem Buch. Man hat oftmals einen Hauch einer Idee, wie es enden könnte und doch liegt man falsch.

Matt Haig greift ein literarisches Muster auf, das ich liebgewonnen habe. Er lässt die Zeit nicht mehr vergehen. Im Stillstand der Sekundenzeiger läuft sie trotzdem weiter und schlägt genau in dem Moment zu, in dem wir es nicht erwarten. „Wie man die Zeit anhält“ spielte bereits mit der Zeitlosigkeit seines Ideenreichtums. Was diese Romane vereint ist die Tatsache, dass der Mensch immer wieder neu improvisieren muss. Ihm fehlt das Wissen, um in neuen Situationen bestehen zu können. Hieraus bezieht Haig den Treibstoff für unwiderstehliche Plots von der Zeitreise bis zum Lebens-Casting. Es ist unterhaltsam, ihm zu folgen. Es weist Tiefgang auf, aber es bleiben auch Fragen im Kontext seiner Beschreibung, die man sich selbst beantworten muss. Insgesamt sicher eine inspirierende Geschichte, die lange nachhallt. Eine Story, die Mut machen kann, deren Botschaft sich dem gesunden Menschenverstand jedoch schon vor dem Lesen täglich offenbart. Du kannst nicht alles haben. Man kann es aber versuchen. Und im Leben zählt, wie beim Schachspiel, nicht nur der nächste Zug. Sonst ist man MATT. (Sagt auch Herr Haig – MATT Haig).

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Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

„Ich glaube nicht, dass dein Problem Lampenfieber war, Auftrittsangst. Oder Hochzeitsangst. Ich glaube, dein Problem war Lebensangst.“

Dieses Zitat beschreibt für mich genau, warum man „Die Mitternachtsbibliothek“ betreten sollte. Wer Lust auf gedanklich-philosophische Experimente hat; wer keine Angst davor hat, seine Lebenswege selbst zu hinterfragen und wer sich gemütlich und ein wenig ängstlich zurücklehnen mag, um sich vorzustellen, welche Titel die „Bücher der eigenen ungelebten Leben“ wohl tragen, der wird diesen Roman sicher nicht mit Ablauf der Leihfrist zurückgeben wollen. Und doch hätte ich mit Nora Seed so manche Hühnchen zu rupfen, würde sie mir in einem ihrer Leben begegnen…

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig - Astrolibrium

Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

SEESUCHT von Marlies van der Wel

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Seesuchtsvoll habe ich nach einem Zoom-Meeting mit dem Mixtvision Verlag auf dieses Buch gewartet. Seesüchtig freute ich mich auf den Moment des Eintauchens in einem besonderen Bilderbuch. Inzwischen hat dieses Kunstwerk hohe Wellen in der kleinen literarischen Sternwarte geschlagen. „Seesucht“ von Marlies van der Wel hat mich eingesaugt, meine Wahrnehmung verändert und mich bereichert wieder an Land abgesetzt, wo ich jetzt – festen Boden unter den Füßen – darüber schreiben kann, was ich in diesem Buch erlebt habe. Doch Vorsicht, es kann sein, dass ich zwischendurch immer wieder mal abtauchen muss, um unter Wasser Luft zu holen, damit ich mir hier keine nassen Füße bei der Rezension einfange. Die Seesucht ist einfach zu groß.

Schon beim Lesen des Buchtitels verspürte ich schon tiefe Dankbarkeit. Ich bin literarisch oft „draußen auf See“. Ich bin fasziniert von diesem tiefblauen Element, das unser Leben bestimmt. Zahllose Bücher zu den Themen Meer und Wasser bevölkern meine kleine Bibliothek und vermitteln das Gefühl, eine kleine Aquanautik-Abteilung zu führen. Was ich bisher nicht in Worte fassen konnte, gelingt Marlies van der Wel mit dem Titel ihres Bilderbuchs. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes „seesüchtig„. Jetzt gibt es endlich ein Wort für die Sehnsucht nach dem Meer. Ein Wort für die tiefe Lust, in die Wellen zu laufen, mich schwerelos zu fühlen, treiben zu lassen, und in der Tiefe nach allem zu suchen, was sich dort verbirgt. Es ist die ungestillte Seesucht, die mich immer wieder in Bücher, an Strände und an Bord von Schiffen treibt.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Da darf man sich nicht wundern, dass ich in literarische Schnappatmung verfiel, als ich auf diese Neuerscheinung aufmerksam gemacht wurde. Ich jedoch durfte mich wundern, in welche Tiefen mich dieses Buch entführen konnte. In bewegenden Bildern mit minimalistisch erscheinenden, jedoch vielsagenden Texten, erzählt uns die Autorin und Illustratorin die Geschichte von Jonas. Wir lernen ihn im Kinderwagen am Strand kennen, sehen seine ersten, magisch vom Meer angezogenen, Schritte zum Meer und das erste Eintauchen in dem fremden Element. Den großen Augen sieht man die tiefe Begeisterung an, die Schwerelosigkeit umfasst das Kleinkind, doch atmen funktioniert nicht. Im letzten Moment rettet die Mutter ihren kleinen Sohn. Was niemand ahnt. hier beginnt die „Seesucht“ des kleinen Jonas.

In interessanten Zeitscheiben dürfen wir ihm weiter auf der Suche nach seinem Sinn des Lebens folgen. Ob als Acht- oder Achtzehnjähriger, man spürt  dass seine Faszination für das Meer kein Ende findet. Nur sein Ideenreichtum nimmt zu. Es sind Zufallsfunde, die ihm nun dabei helfen, seine Aufenthalte im Meer zu verlängern. Hier erlangt auch der Begriff „Strandgut“ eine neue Bedeutung. Letztlich jedoch scheitern seine Versuche immer wieder. Der dreißigjährige Jonas experimentiert mit einem U-Boot und endlich gelingt ihm eine Tauchfahrt auf Augenhöhe mit den Fischen. Seine Konstruktion ist gewagt und nur ein dummer Zufall beendet das Abenteuer. Die Jahre ziehen vorüber und Jonas sammelt beharrlich Strandgut. Er lässt sich treiben, es sind die Zufälle, die ihn mit neuen Fundstücken versorgen. Die Liebe zum Meer bleibt. Bis wir ihn zuletzt mit achtzig Jahren sehen. Bilder, die wir kaum glauben können. Bilder, die belegen, dass lebenslang geträumte Träume und Visionen real werden können. Wir versinken in großzügigen 78 Seiten eines kleinen Wunders.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Marlies van der Wel erzählt mit ihren facettenreichen Mitteln die Geschichte einer wahrhaftigen Bestimmung. Sie erzählt von nicht enden wollender Ausdauer und einer Beharrlichkeit, die ein ganzes Leben bestimmt. Sie malt uns ein Bild des Scheiterns ins Herz und zeigt zugleich, dass Aufgeben für Jonas niemals in Frage kommt. Sie erzählt in Wort und Bild, dass man Lebensziele nicht immer auf direktem Weg erreicht, und in vielen Fragen des Lebens geduldig sein muss. Das Meer steht hier als Sinnbild für das Glück, nach dem wir alle streben. Wenn wir die Flinte ins Korn werfen (oder den Anker über Bord), dann kommen wir keinen Schritt weiter. Und genau hier wird das Buch für Eltern und Kinder oder sogar für Großeltern und das gemeinsame Lesen interessant. Auch wir hatten und haben unsere Träume, auch wir haben ihnen hinterhergejagt, mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Wenn wir Werte an unsere Kleinen weitergeben möchten, dann sind dies eben gerade Beharrlichkeit und der Wille, nicht aufzugeben.

Was hier „Seesucht“ heißt, trägt für viele Kinder und Jugendliche andere Namen. Der Transfer zu ihren Visionen und Träumen fällt leicht. Vielleicht ist es ihre Sportsucht, die Reitsucht, die Ballettsucht oder einfach die Sucht nach Freiheit. Darüber lässt sich nach diesem aufrüttelnden Bilderbuch trefflich reden. Wovon träumst Du? Was bist Du bereit für Deinen Traum zu investieren, und hast Du die Geduld, es auch auf Umwegen zu schaffen? Die Themen gehen uns nicht mehr aus. Versprochen. Und wenn man es bis hierhin geschafft hat, dann kan man das Strandgut suchen und definieren, was uns helfen kann, Lebensträume zu verwirklichen. „Seesucht“ ist ein Traumbuch. Es sind in erster Linie die faszinierenden und großformatigen Bilder, die uns bestechen. Es sind die Details, die wir in ihnen entdecken. Es ist aber auch ein Muster, das jedem einzeln geträumten Wunschtraum zugrunde liegt, das wir hier auf unser Leben übertragen.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel – Mit einem Klick zum Film auf Vimeo

„Seesucht“ ist nicht zuletzt auch der Beharrlichkeit von Marlies van der Wel zu verdanken. Was mit einem Kurzfilm begann, an dem sie viele Jahre gearbeitet hat, ist nun zu einem Buch geworden. Aus „Zeezucht“ oder „Jonas und das Meer“ wird jetzt ein Bilderbuch, das wir jederzeit wieder hervorholen können, wenn uns die Sehnsucht mal wieder packt. Es ist das Strandgut des Lebens, das uns die Autorin überreicht. In der Geschichte finden wir das Muster der Gegenstände, die ans Ufer gespült wurden. Auch wir haben unser Strandgut immer in unserer Nähe. Auch, wenn wir denken, es sei nutzlos und wenig wert, weil es anderen verloren ging. Einen wahren Nutzen zeigt unser Strandgut nur, wenn wir ihn erkennen wollen. Dieses Buch hilft uns dabei.

Das Meer und das Wasser bei AstroLibrium. Dies ist mein Strandgut, das ich mehr als gerne mit euch teilen möchte: Es sind die Bücher, die ich fand.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Ich habe die Suche niemals aufgegeben, und vielleicht schreibe ich mit 80 Jahren mein erstes Buch. Träumen wird man ja wohl noch dürfen. Das ist der Jonas in mir.

SEESUCHT von Marlies van der Wel - Astrolibrium

SEESUCHT von Marlies van der Wel

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Ich will kein Hund sein - Alma Mathijsen - Astrolibrium

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Es sind auffällige Brüche in der Novelle „Ich will kein Hund sein„, die sie wertvoll machen. Es sind die Widersprüche, die sie greifbar und ergreifend machen und es ist der skurrile Einfall einer hoffnungslos Liebenden, der uns die Geschichte einer Frau in lebhafter Erinnerung bleiben lässt, die wegen ihrer gescheiterten Beziehung eine fatale Entscheidung trifft. Alma Mathijsen betritt in vielfacher Hinsicht Neuland, weil sie ihrer Sehnsucht nach der großen Liebe die Utopie einer Transformation gegenüberstellt. Der Titel des Buches konterkariert seinen Inhalt. Ein Bruch, der dieses Werk zu einem sehr lesenswerten Ereignis werden lässt. „Ich will kein Hund sein“ steht für das wahre Ich der Ich-Erzählerin. Die Entscheidung, die sie jedoch trifft, steht ihrem selbstbewussten Ich diametral gegenüber. So ist es wohl, wenn die Liebe endet und die verlassene Frau alles, ganz besonders sich selbst infrage stellt und zu allem bereit ist, um den brutalen Bruch zu kitten. Liebe bis zur Selbstaufgabe. Das zentrale Thema dieser Geschichte.

Und schon sind wir mittendrin in einem stereotyp wirkenden, aber alles andere als stereotyp erzählten Liebes-Verlustszenario. Es sind unterschiedliche Sprachen und die nicht mehr geteilten Emotionen, die unserer Ich-Erzählerin verdeutlichen, dass sich die Liebe ihres Lebens in Schall und Rauch aufgelöst hat. Es ist die Einsamkeit danach, in der sie versinkt. Es ist die Unsicherheit sich selbst gegenüber, versagt zu haben und es ist der Wunsch, alles rückgängig zu machen, nur um die Liebe ihres Lebens nicht zu verlieren, der sie in Endlosschleifen immer tiefer trudeln lässt. Es ist die Selbstaufgabe, der sie langsam verfällt, als sie vor Eifersucht auf mögliche neue Partnerinnen ihres so sehr vergötterten Gegenübers in depressiver Trostlosigkeit versinkt. Sie löscht ihr Profil auf Instagram, nur um nicht sehen zu müssen, wie er seine neue Freiheit genießt. Ein Schritt, der zugleich andeutet, dass sie ihr reales Profil zu löschen bereit ist. Wie weit darf man gehen, um im hoffnungslosen Kampf um die Liebe nicht selbst unterzugehen?

Ich will kein Hund sein - Alma Mathijsen - Astrolibrium

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Ich will kein Hund sein.“ Ein Eingangsstatement, das schnell an Relevanz verliert, da genau hier der einzige Ausweg zu liegen scheint, den unsere verlassene Liebende zu finden scheint. Eine Anlaufstelle für gebrochen Herzen. Ein Rettungsanker für all jene, die eine desillusionierende und erfolglose Paartherapie abgebrochen haben, weil sich der entliebte Partner nicht aufraffen will, um die gemeinsame Zukunft zu kämpfen. Am Ende der Liebe bleibt nur noch der Untergang oder die Flucht nach vorne. Hier könnte eine Annonce helfen. Hier könnte die Selbstaufgabe in Vollendung die einzige Lösung sein. Hier trifft sie eine Entscheidung, weil es einfach zu verlockend klingt.

Wir bieten einen Ausweg
Für alle Menschen mit einem weinendem Herzen
Für alle gebrochenen Menschen
Fühlen Sie sich verlassen?
Ist Ihr Herz anderswo?
An einem Ort, der unerreichbar geworden ist?…
Dann warten Sie nicht länger, sondern beginnen Sie… mit der Transformation.

Ich will _ein Hund sein. Dieser Gedanke manifestiert sich in ihr. Hier beginnt eine Utopie, die nach dem letzten Allheilmittel klingt. Die verlassene Frau mutiert zum Hund und wird dann genau an den Mann vermittelt, der sie verlassen hat. So kann sie künftig in seiner Nähe sein, Teil seines Lebens werden, alles mit ihm teilen, Weggefährtin und alles andere sein, wovon sie verzweifelt und hoffnungslos träumt. „Eine Agentur“ erfüllt ihr den ultimativen Wunsch.

Ich will kein Hund sein - Alma Mathijsen - Astrolibrium

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Alma Mathijsen beschreibt nicht nur das Ende einer Liebe, sie macht nun auch den Weg frei für die unumkehrbare Hundwerdung einer verzweifelten Frau. Es beginnt eine Transformation, die in literarischer Hinsicht betrachtet brillant erzählt und lustig anmutet. Die Veränderung der Wahrnehmungen, zunehmende Verhaltensmuster eines Tieres und nicht mehr steuerbare Triebe werden zu Wegmarken des Prozesses. Das liest sich flüssig und ist unglaublich unterhaltsam. Man stelle sich nur vor, das sei tatsächlich möglich. Man stelle sich nur einmal vor, man könne diesen Weg tatsächlich gehen. Und schon vergeht einem das Lachen. Schon steckt man in der Hundefalle, in die uns Alma Mathijsen gelockt hat. Hier vergeht einem das Lachen und jeder Sinn für die Skurrilität der Utopie pulverisiert sich von Seite zu Seite. Sitz, Platz, Bleib. Sind es diese Kommandos, die am Ende stehen?

Dieser Transformationsprozess in einen treuen Hund ist eine Metapher für etwas, das sich täglich vor unseren Augen vollzieht. Wer dies nicht registriert, der ist mit emotionaler Blindheit geschlagen. Ist es nicht ein wahrhaftiger Automatismus am Ende einer Liebe, dass sich gerade die verlassene Frau in ihrer Situation nicht zurechtfindet, sich hinterfragt, sich die Schuld gibt und zu vielen denkbaren Zugeständnissen bereit ist, nur um den Mann fürs Leben nicht zu verlieren? Ist es nicht auch so, dass sie mit dieser toxischen männlichen Gefühlskälte nicht mehr zurechtkommt und verzweifelt? Und am Ende wartet keine Agentur mit ein paar Pillen und Infusionen. Am Ende steht nicht die Vision vom treuen Gefährten mit den sanften Augen und dem struppigen Fell. Diese Novelle ist die knallharte Abrechnung mit dem Fluchtverhalten von Menschen, die einer Beziehung keine Chance mehr geben wollen und sich nicht darum scheren, was sie im Verlassenen auslösen.

Ich will kein Hund sein - Alma Mathijsen - Astrolibrium

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Wir sollten den Titel dieses Buches ernst nehmen und den Text so lesen, wie er bereits auf dem Cover unter Vorbehalt gestellt wird. „Ich will kein Hund sein“. Dieses Recht sollten wir jedem zubilligen, mit dem wir einen Teil unseres Liebes-/Lebensweges gegangen sind. Daran sollten wir denken, wenn wir erkennen, wenn sich Menschen in unserem Umfeld nach dem Ende einer Beziehung plötzlich kleiner machen, unsichtbar werden oder von Selbstzweifeln geplagt werden. Diese Novelle ist ein heilsamer Schuss vors Kontor all jener, die sich erhoffen, durch Selbstaufgabe weiterzukommen. Hier ist klar, was am Ende dieses irreversiblen Prozesses steht. Die Auslöschung der eigenen Persönlichkeit. Ein Leben an der langen Leine eines Herrchens ist keine Alternative in einer modernen Gesellschaft. Therapeutisch kann dieses Buch vieles bewirken.

Und doch ist gerade das Scheitern einer Beziehung die große Triggerwarnung in diesem Buch. Wir kennen das. Das falsche Buch zur falschen Zeit kann fatale Folgen haben. Ich denke „Ich will kein Hund sein“ ist für ein frisch gebrochenes Herz schwer zu verkraften. Wenn all die Gedanken und Gefühle frisch sind, dann können die Worte aus der Feder von Alma Mathijsen sehr schmerzen. Denn, wie sie schreibt und wie sie uns an den Gefühlswelten einer Frau teilhaben lässt, das ist ganz großes literarisches Kino. Gerade die Kapitel über das Scheitern einer Beziehung und das Versagen jeder Form von Empathie bewegen unglaublich. Ein mehr als lesenswertes Buch, ein Ausflug in eine Utopie, die sich oftmals im Geiste einer Verlassenen realisiert. Unumkehrbar.

Passt auf euch auf!

Ich will kein Hund sein - Alma Mathijsen - Astrolibrium

Ich will kein Hund sein – Alma Mathijsen

Betrogene Frauen scheinen dem Beck Verlag im Frühjahrsprogramm 2021 sehr am Herzen zu liegen. Es sind gleich zwei Romane, in deren Mittelpunkt es um Frauen geht, die sich urplötzlich in einer Situation wiederfinden, die kaum zu bewältigen ist. Es sind Frauen, die nur einen Ausweg sehen: Transformation. „Ich will kein Hund sein“ von Alma Mathijsen und „Die Harpyie“ von Megan Hunter stehen sich diametral wie Nord- und Südpol gegenüber. Hier geht´s zur Rezension der „Harpyie“.

Die Harpyie von Megan Hunter - Astrolibrium

Die Harpyie von Megan Hunter

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

„Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja – Hanser Literaturverlage

Du kommst vom Einkaufen nach Hause, desinfizierst zuerst deine Hände, verstaust deine FFP2-Maske, hörst in den Nachrichten die aktuellen Inzidenz-Zahlen und machst dir über die Corona-Impfung Gedanken, rufst deine Freundin an, die sich seit Tagen in Quarantäne befindet und lebst seit Monaten unter dem Vorbehalt einer Ansteckung mit einem Virus, das die ganze Welt verändert. Du suchst dir Fluchtpunkte, genießt deine wenigen Biotope, die nicht infizierbar sind und versuchst, das Beste für dich und deine Familie aus dieser Situation zu machen. Du hast eine Seuche in der Stadt. Wenn du dann auf ein gleichnamiges Buch stößt, wirst du wohl primär abgestoßen, weil es ja mal gut sein muss. Nicht auch noch in deiner literarischen Auszeit, nicht auch noch in dem Refugium, in dem du dich sicher fühlst. Warum sollte ich gerade jetzt ein solches Buch lesen? Ja, warum nur?

Noch dazu, wenn es sich augenscheinlich um ein Drehbuch handelt, und nicht um ein Sachbuch oder einen Roman zur Lage, um vielleicht Aspekte zu beleuchten, die dir bisher entgangen sind. Es gäbe doch ganz andere Stilformen. Aber jetzt ausgerechnet ein Drehbuch? Warum? Weil es meine aktuellen Gedanken in turbulente Umdrehungen versetzt? Drehbuch, weil es die szenischen Wechsel eines Romans zur Vorbereitung für einen Film in schnellen Schnittfolgen verknappt wiedergibt? Drehbuch, weil sich in diesem Buch alles um ein eng umrissenes Thema dreht. Oder Drehbuch, weil sich mir beim Lesen nicht nur der Magen, sondern auch mehrfach das Hirn umdreht? Ich fand meine Antworten, weil ich „Eine Seuche in der Stadt“ von Ljudmila Ulitzkaja las. Hier wurde die Drehzahl meines Geistes beschleunigt, das Drehmoment meines Gehirns in Wallung gebracht und meine intellektuelle Drehscheibe in Schwung versetzt. Drehbuch halt.

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Wir befinden uns im stalinistischen Moskau des Jahres 1939. Der Rahmen dieser wahren Geschichte ist schnell abgesteckt. Der Zweite Weltkrieg hält Russland fest im Griff, das kommunistische Regime konzentriert alle Anstrengungen auf den Feind und dann kommt es zu einem Zwischenfall. Rudolf Iwanowitsch Mayer wird aus der tiefen Provinz in die Hauptstadt zitiert, um über den Stand seiner Forschungen zu berichten. Er arbeitet in einem geheimen Labor an einem Impfstoff und das Volkskommissariat für Gesundheit verlangt ein Update und Ergebnisse. So weit, so gut. Wäre es nur im Labor nicht zu dieser kleinen Unachtsamkeit gekommen. Wäre die Schutzmaske nicht ein klein wenig verrutscht und hätte sich der Wissenschaftler nicht selbst mit der Pest infiziert, die Dienstreise nach Moskau wäre unspektakulär verlaufen. So jedoch hat er eine Seuche im Gepäck, die sich schneller ausbreitet, als man sie eindämmen kann.

Ljudmila Ulitzkaja hätte dies in einem weit ausschweifendem historischen Roman in der Tradition der größten russischen Erzähler*innen verarbeiten können. Aber genau das war nicht ihre Intention. Sie war auf diesen wahren Fall gestoßen, hatte sich durch Recherchen sattelfest gemacht und ein Szenario verfasst, das sie schon 1978 in dieser Fassung als Bewerbung für einen Drehbuchgrundkurs eingereicht hatte. Ihr war damals klar, dass die Geschichte an sich keine Aussicht auf Erfolg haben konnte, weil sie im Zusammenprall zwischen der Naturgewalt einer Seuche und der Staatsgewalt der kommunistischen Geheimdienste einen diffizilen Aspekt herausgearbeitet hatte, den man lieber unter den Tisch fallen lassen wollte. Wie war es damals gelungen, das Virus an seiner Ausbreitung zu hindern? Zu welchen Mitteln hatte das Regime gegriffen, um die Hauptstadt vor einer Katastrophe zu bewahren? Und hatte sie hier eine Blaupause zur Bewältigung künftiger Epidemien entdeckt?

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Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Hier entfaltet das Drehbuch seine literarische Urgewalt. Es sind schnelle Schnitte, die uns durch ein „cineastisch“ anmutendes Lesen treiben. Ein Anruf im Labor, Hektik, ein kleiner Fehler, die Verabschiedung und eine Zugreise nach Moskau. Begegnungen und Zufallsbekanntschaften, der Vortrag vor der Kommission, Schulterklopfen und die obligatorischen Bruderküsse, ein harmloser Haarschnitt im Hotel, eine Delegierte, die aus Moskau abreist, um in der Provinz Hof zu halten. Bewegungsmuster, die uns nicht unberührt lassen, wissen doch nur wir, dass der Pest-Forscher bei jeder Interaktion zu einem Auslöser einer neuen Infektionskette wird. Als er die ersten Symptome zeigt, in einer Klinik auf einen aufmerksamen Arzt trifft, der schnell begreift, womit er es zu tun hat, beginnt eine beispiellose Aktion eines totalitären Staates zur Verhinderung einer Katastrophe. Die Pest  wird zur Geheimdienstsache.

Und genau hier finden wir die Ursache für das Verschwinden dieses Textes. Darf man es als Erfolg eines menschenverachtenden Systems bezeichnen, die Ausbreitung einer Seuche durch eine Inhaftierungswelle des Geheimdienstes verhindert zu haben? Welche Türen würde man öffnen? Könnte die Büchse der Pandora je wieder versiegelt werden? Diese Fragen stößt „Eine Seuche in der Stadt“ an. Gerade in einer Zeit, die durch die Einschränkungen von Grundrechten gekennzeichnet ist, die zum Schutz der Gesellschaft ergriffen werden, muss eine Diskussion geführt werden, wie weit man hier gehen darf. Gerade in einer Zeit, in der sich eine Demokratie offen den Vergleich mit einer Diktatur gefallenlassen muss, sollte man den Blick auf wahrhaft totalitäre Systeme richten. Dieses Drehbuch stößt eine Diskussion an, die unerlässlich ist. Es zeigt aber ebenso beeindruckend auf, wie weit wir von autokratischen Zuständen entfernt sind.

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Dieses Buch wird polarisieren, weil es beschreibt, dass die Pest in diesem Fall nur durch die brutale Staatsgewalt besiegt werden konnte. Wie harmlos kommen uns dann die Maßnahmen unserer Regierung vor. Und wie weit würden wir gehen, um den Rest der Bevölkerung vor jenen zu schützen, die bewusst oder unbewusst zu Virenträgern wurden? Es sind 102 Seiten, die sich unvergesslich ins Hirn einbrennen. Es sind die Momente der Ansteckung, die uns verdeutlichen, wie schnell man zum Opfer werden kann. Es ist die Wucht des Virus, die uns vor Augen geführt wird. Und es ist ein Text, der genau in dieser Form genau jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort angekommen ist.

Ljudmila Ulitzkaja reiht sich mit dem Drehbuch Eine Seuche in der Stadt in die systemrelevante russische Literatur ein, die so viel über die Seele dieses Landes aussagt und deren Signalwirkung niemals unterschätzt werden sollte. Ihre kurzen und prägnanten Aufzüge, die bewegenden Szenenwechsel und Charakterzeichnungen der Menschen, denen wir begegnen, bedürfen keiner weiteren Worte. Leseempfehlung: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Die Seele Russlands in der Literatur auf AstroLibrium

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