Eine Buchmesse ist eine Buchmesse ist eine Buchmesse.

Eine Buchmesse ist eine Buchmesse – Leipzig 2017

Eigentlich lautete diese Zeile im Gedicht von Gertrude Stein Sacred Emiliy in der ursprünglichen Fassung „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“. Wiederholungen waren das beherrschende Stilmittel der umstrittenen Dichterin. Interpretationen blieben auch Generationen von Literaturwissenschaftlern meist verwehrt, weil ihre Texte viel zu kryptisch waren, um in ihrer wahren Bedeutung erschlossen zu werden. Wahrscheinlich schrieb sie über sich selbst und meinte, dass eine Künstlerin in allen Jahreszeiten ihres Schaffens immer eine Künstlerin bleibt. So, wie eine Rose immer eine Rose bleibt, egal ob sie blüht oder gerade verwelkt.

Eine Buchmesse ist eine Buchmesse ist eine Buchmesse.

Vielleicht hätte Gertrude Stein diesen semantischen Vergleich zugelassen. Es war an der Tagesordnung, dass man ihre Stilmittel überzeichnete und versuchte, Gertrude Stein damit ins Lächerliche zu ziehen. Selbst Ernest Hemingway widmete ihr ein Buch mit folgender Zeile: „A bitch is a bitch is a bitch.“ Womit er im Vergleich mit anderen netten Zeitgenossen nur einen von vielen Wirkungstreffern unter der Gürtellinie erzielte. So hatte selbst der Verleger A.C. Fields die Veröffentlichung ihrer Texte abgelehnt und eine Absage formuliert, in der er sich der repetitiven Wortkunst der Dichterin bediente:

„Nur ein Blick, nur ein Blick genügt. Kaum ein Exemplar ließe sich hier verkaufen. Kaum eins. Kaum eins.“

Eine Buchmesse ist eine Buchmesse – Leipzig 2017

Und doch kann ich nicht widerstehen meine Abwandlung ihrer Worte in Anspruch zu nehmen und auf meine Buchmesse-Besuche anzuwenden. Eine Buchmesse bleibt eine Buchmesse, egal wie sehr sich das Leben rund um die Messehallen verändert. Egal, ob die Branche blüht oder der Buchmarkt das Gefühl vermittelt nur noch das Schicksal von darbenden Mauerblümchen zu teilen. Buchmessen blühen am ersten Tag, sie blühen in aller Pracht am zweiten und dritten Tag und man riecht den Duft der literarischen Blüten noch lange, nachdem sie ihre Tore schon geschlossen haben.

Eine Buchmesse ist eine Buchmesse ist eine Buchmesse.

Dies trifft ganz besonders auf die Leipziger Buchmesse zu, da gerade dieses Event in den letzten Jahren deutlich gespürt hat, woher der Marktwind weht. Einzelne Verlage verzichten auf ihre Präsenz vor Ort, die Messehallen vermitteln von Jahr zu Jahr einen luftigeren Eindruck, was an fehlenden Ausstellern liegen mag. Und doch bleibt Leipzig Leipzig, wie es liest und lacht. Der Publikumsansturm ist ungebrochen und die ganze Stadt steht unter dem Zeichen des guten Lesens, während man in Frankfurt nur an den sinnlos überteuerten Hotelpreisen merkt, dass der Buchzirkus in der Stadt ist.

Leipzig tickt anders. Die Messe ist in sich familiärer und bietet einige Vorteile, die hier für ein besonderes Ambiente sorgen und beim Besucher das Gefühl vermitteln, sich wie zu Hause fühlen zu können. Gerade Blogger kennen und lieben diese Unterschiede. So beginnt der Tag für viele von uns im Pressezentrum bei kostenlosem Kaffee und in entspannter Atmosphäre bei besten Arbeitsmöglichkeiten. Man ist willkommen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal in Leipzig, das sich in der etablierten Bloggerlounge direkt fortsetzt. Hier hat, hier sucht und hier findet man seine Messeheimat. Ein Privileg!

Eine Buchmesse ist eine Buchmesse – Leipzig 2017

Und so wird sie auch jetzt die Buchmesse sein, die wir erwarten und erhoffen. Sie wartet mit allen Neuerscheinungen der letzten Zeit auf, bietet einen Ausblick auf einen wundervollen Lesesommer und schlägt die Brücke zu ihrer großen Schwestermesse in Frankfurt. Der Verzicht auf reine Fachbesuchertage, die Entspannung der Atmosphäre durch die Möglichkeit, seine Buchwünsche in den Messebuchhandlungen realisieren zu können und die Verlage mit ihren vielfältigen Programmangeboten von Lesungen bis zu Bloggertreffen, sind hier wohl die deutlichsten Unterschiede in der Positionierung einer Messe, weil hier im Kongresszentrum (CCL) eben auch Raum vorhanden ist.

Eine Buchmesse ist eine Buchmesse ist eine Buchmesse.

Mit diesen Gedanken im Kopf und Messegefühlen im Herzen bin ich nun wieder auf der Suche nach meinem Lesen für die nächsten Monate. Könnte man nicht einfach die Kataloge der Neuerscheinungen wälzen und dann aussuchen, welche Bücher man zu seinen Wegbegleitern macht? Wäre das nicht einfacher und insgesamt auch günstiger, da ja auch die Verlage immer mehr einsparen und ein Messebesuch für Blogger allein schon aufgrund der Unterkunftskosten ein gewaltiges Loch ins Jahresbudget reißt? Ich muss das für mich verneinen. Meine Entdeckungsreisen durch die Messehallen haben mich zu Themen, Büchern und Strömungen geführt, die ich sonst nicht entdeckt hätte.

Ein paar Beispiele gefällig? Gerne. Ohne den Besuch von Buchmessen hätte ich nie die Spur von Peter Pan aufgenommen und die bibliophile Ausgabe entdeckt, mit der uns der Coppenrath Verlag in diesen Tagen ins Staunen versetzt. Erst mein Pressetalk am Verlagsstand machte mich darauf aufmerksam und schon entstand die Idee, nicht nur dieses Buchkunstwerk zu reflektieren, sondern die Relevanz von Peter Pan in einer ganzen Artikelserie blogübergreifend in Angriff zu nehmen.

Eine Buchmesse ist eine Buchmesse – Leipzig 2017

Wenn man meinen Artikel zu „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ aufmerksam liest, ist es auch hier augenfällig, wie tief die Lesesamen bei einer Buchmesse ausgesät und im allerbesten Sinne zur Blüte gebracht werden. Dass Zelda Fitzgerald eine Bücherkette nach sich zieht die es in sich hat, liegt da nur auf der Hand. Im April erscheint „Und alle benehmen sich danebenbei dtv. Ernest Hemingway in Paris, die Entstehung seines Welterfolges „Fiesta“ und die Menschen in seinem Umfeld stehen hier im Mittelpunkt. Ich könnte schon jetzt darauf wetten, dass wir neben Ernest und Zelda Fitzgerald mit ihrem berühmten Ehemann Scott F. auch noch die oben erwähnte Gertrude persönlich treffen werden. Wie lautete noch die Widmung für sie? Echt, da haben sich einige ganz schön daneben benommen.

Auch die nie verschickten Briefe von Emily Trunko „Ich wollte nur, dass du noch weißt wären mir wohl entgangen, wenn ich nicht rechtzeitig mit der bibliophilen Nase darauf gestoßen worden wäre. Nur diesen guten Tipps und der langen Vorbereitung ist es zu verdanken, dass auch immer wieder Bücher für Aktionen bereitstehen, die gerne an die Freunde der kleinen literarischen Sternwarte weitergegeben werden. Ihr seht, es sind genau diese Spuren, denen ich auch in diesem Jahr in Leipzig folgen will. Ich bin ergebnisoffen und ohne klare Erwartungen. Ich weiß nur, dass es keine Zufälle gibt und ich bin mir sicher, dass ich in den Weiten der Messehallen in Staunen versetzt werde.

Besonders freue ich mich allerdings schon jetzt auf Jane Austen. Sie wird diesem Jahr ihren ganz eigenen Stempel aufdrücken und in vielen Verlagen erscheinen Bücher zum 100. Todestag der großen Autorin am 18. Juli. Eine kleine Vorauswahl hat mich ja schon erreicht, aber ich weiß schon jetzt, dass ich bei Manesse und Reclam auf neue Ausgaben stoßen werde, die mein Lesen in absolut klassischer Hinsicht bereichern. Es wird ein Fest fürs Lesen, farbenfroh, inhaltsreich und mehr als unterhaltsam. Folgt mir einfach auf meinen Wegen und lasst euch überraschen, was die warmen Jahreszeiten für uns bereithalten.

Eine Buchmesse ist eine Buchmesse – Leipzig 2017

Das wahre Salz in der Buchstabensuppe einer Buchmesse sind allerdings unsere Begegnungen. Ob bei Bloggertreffen, im kleinen familiären Kreis oder ganz zufällig. Es ist Messezeit und damit auch die Zeit für einen regen Austausch, engen Dialog und das übliche Klatschen und Tratschen, ohne das die Bücherwelt nicht existieren kann. Es ist schon jetzt klar, dass diese Treffen erneut zu den Highlights gehören werden. Auch die größte Online-Community des Bücherkosmos „LovelyBooks“ wird in Leipzig präsent sein und neben einem „Leser- und Bloggertreffen“ wieder in ein kleines Wohnzimmer des guten Lesens einladen (Halle 5 D 410). Ebenso kann man Literatur Radio Bayern in Halle 5 E 400a am Stand des Freien Deutschen Autorenverbandes besuchen.

Und nun geht´s los in den Messetrubel. Eine Buchmesse ist eine Buchmesse ist eine Buchmesse und wer nicht liest, der nicht gewinnt. Wir sehen uns…

Eine Buchmesse ist eine Buchmesse – Leipzig 2017

„Himbeeren mit Sahne im Ritz“ – Erzählungen von Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Oh, ich war so standhaft. Ich war so standhaft, wie selten zuvor in meinem Lesen und habe zuletzt doch versagt, weil ich einfach nicht entsagen konnte. Wie ihr wisst, lese ich niemals Kurzgeschichten und meide Erzählbände oder Anthologien wie die literarische Pest. Für mich liegt die Würze selten in der Kürze und Ausnahmen lasse ich nur selten zu. Eine dieser deutlichen Abweichungen von meinem normalen Leseverhalten war die Buchverführung Pariser Symphonie von Irène Némirovsky. Ich schrieb ausführlich über diese Phase meines Lesens und hoffte schließlich über den Berg zu sein.

(Sie können gerne weiterlesen oder im Radio zuhören: hier)

Himbeereb mit Sahne im Ritz... Eine Extraportion Buchgenuss

Himbeeren mit Sahne im Ritz… Eine Extraportion Hörgenuss mit einem Klick

Weit gefehlt. Ich habe meine Rechnung ohne professionell vorgehende Suchtberater gemacht. Während des DVA/Manesse Pressetermins auf der Frankfurter Buchmesse 2016 präsentierten Sonja Grau und Tonia Kempe ein Buch, das auf den ersten Blick so aussah, als würde es mein Herz im Sturm erobern. Das Cover war so augenscheinlich verheißungsvoll und aussagekräftig, dass man auf einen Inhalt hoffen konnte, der mehr als nur einfache Mainstream-Unterhaltung war. Umrankt von einer Federstola blickt die junge Dame glamourös in den großformatigen Spiegel eines  Ballsaals. Dabei wird aus dem Blick in die Zukunft ein vielfach sich reflektierender Rückblick in die Vergangenheit eines luxuriösen Lebens. Ich war verliebt.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Doch dann hörte ich, wie Sonja Grau zu mir sagte: Es sind nur Kurzgeschichten von Zelda Fitzgerald, ganz sicher nichts für Dich“, wobei ihr Blick das Gegenteil zu sagen schien. Ich ließ die Finger von diesem Buch. Ich widerstand der Versuchung und ging nicht weiter auf die Herausforderung ein, die mich schon einmal in wilde Lesetage gestürzt hatte. Nein. Es sollte keine zweite Pariser Symphonie in meinem Lesen geben. Basta! Irgendwie war ich schon ein wenig stolz auf mich. Ich hatte es geschafft. Dachte ich zumindest. Was ich nicht ahnte war, wie sehr der Keim der Buchverführung wächst und manchmal erst Monate später zur Blüte reift.

Himbeeren mit Sahne im Ritz“ von Zelda Fitzgerald tauchte dann unvermittelt in meinem Leben auf, als ich es in der Buchhandlung meines Vertrauens entdeckte. Ich konnte meinen Blick nicht vom Cover trennen und hörte die scheinbar gar nicht so ernst gemeinten Worte „Das ist doch sicher nichts für Dich“, als wären sie gerade erst an mich gerichtet worden. Oh, ich war so standhaft. Nein. Kurzgeschichten bitte nicht mehr und ein Buch mit diesem Titel schon gar nicht. Und doch griff ich nach wenigen Tagen zum Telefon und begab mich, um meine Niederlage wissend, in die Falle. Die harmlose Frage nach Zelda Fitzgerald gipfelte in einer Lobeshymne auf den inhaltlichen Reiz des Buches und bevor ich eine Chance hatte anders zu reagieren formulierte mein zweites Ich bereits die jammervolle Bitte „Ich mag das so gerne lesen… ich kann nicht mehr ohne dieses Buch sein!“ Schluss mit Standhaftigkeit. Inkonsequenz mit voller Wucht.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Dann war es endlich da und fühlte sich an, wie ein heiß ersehnter Buchschatz. Als Brandbeschleuniger meiner Vorfreude diente derweilen der Prachtband „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ (Piper Verlag) in dem ich zu allem literarischen Überdruss auch den Liebesbrief von Zelda an ihren Mann Scott F. Fitzgerald fand und mit jeder Faser meines Herzens zu fühlen begann, welch außergewöhnliche Beziehung die beiden so unterschiedlichen Liebenden miteinander verband. Sie lebten, liebten, stritten, weinten, reizten sich bis aufs Blut und schrieben gemeinsam, was das Zeug hielt. Sie waren im besten aller Sinne füreinander bestimmt:

„Meinst Du nicht, dass ich für Dich gemacht wurde? Ich empfinde so, als hättest Du mich in Auftrag gegeben… „ Zelda an Scott

Ebendieses Frauenbild finden wir fortan in den Kurzgeschichten aus ihrer Feder. Die Mädchen ihrer Erzählungen verbindet ihre lebenslange Suche nach dem richtigen Mann, der dann aber auch bitte nichts anderes zu tun hat, als ein sorgenfreies Leben in Saus und Braus zu ermöglichen. Starke Frauen sind es, die Zelda hier ins Rennen führt und denen sie moderne und selbstbewusste Züge einhaucht. Was auf den ersten Blick nur Oberflächlich wirkt, ist im tiefsten Inneren zerrissen, melancholisch und geplagt von unerfüllten Sehnsüchten. Man möchte sie allesamt so gerne in den Arm nehmen.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Dabei überzeugt Zelda Fitzgerald mit einer literarischen Leichtfüßigkeit, die tiefe Spuren hinterlässt. Sie schrieb so bildgewaltig und farbenfroh, wie sie malte. Sie tanzt durch ihre Wortgemälde und brilliert trotz oder gerade aufgrund der gewaltigen internen Konkurrenz ihres populären Ehemanns, der mit seinen Geschichten bereits unfassbare Honorare verdiente. Ein Grund, warum einige ihrer Geschichten unter seinem Namen in Magazinen und Zeitungen veröffentlicht wurden. Die Frische ihrer Geschichten und die unverbrauchten Beschreibungen lassen jedoch eher Zelda Fitzgerald zur Avantgarde der Roaring Twenties aufsteigen.

Ihre Mädchen und Frauen sind schillernde Persönlichkeiten mit doppeltem Boden und heben sich durch ihr vielschichtiges Charisma von der sehr blassen Männerwelt ab. Staffage, zu mehr taugen die Jungs im Leben nicht. Die Oberfläche verliert sich schnell und eine extrem zerbrechlich wirkende Tiefenausstrahlung verschafft sich Raum. Dabei skizziert Zelda Fitzgerald viel mehr als eine Zeiterscheinung. Sie zeichnet Frauen in der Welt von Männern, die sich lediglich einbilden, alles im Griff zu haben. Das fragile Bild, das sie von Amerika zeichnet ist hierbei ebenso zeitlos. Strahlkraft erlangt das Land nur durch inhaltsleere Unterhaltung. Einzig strahlend sind die Frauen, doch sie fordern den höchsten Preis, wenn man ihrer habhaft werden möchte. Es kann das Leben kosten.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Tanz und Rhythmus bestimmen diese Geschichten mit einer ganz eigenen Melodie. Manchmal ist die atmosphärische Dichte so greifbar, dass man den Theatervorhang zu fühlen scheint, der sich über allen Szenen öffnet. Frederick von Perikles Monioudis ist einer der wenigen aktuellen Romane, die hier sprachlich in aller Tiefe anknüpfen. Es ist ein Hochvergnügen, „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ zu genießen. Es ist traurig und bewegend, „Miss Ella“ in den Abgesang ihrer vergangenen Liebe zu begleiten und es bereitet ein diebisches Vergnügen dem Rachefeldzug von Gracie Axelrod zu folgen, die als „Unsere Leinwandkönigin“ Geschichte machen sollte und bitter enttäuscht wurde.

Literaturwissenschaftlich relevant werden Zelda Fitzgeralds rein autobiografische Geschichten, in denen sie sich selbst und ihre Leidenschaft zu Scott F. Fitzgerald aufs Korn nimmt. „Zwei Verrückte“. Oh ja, wie das passt. Ihr Blick auf die gemeinsame und von Skandalen geprägte Zeit in Paris an der Seite von Ernest Hemingway ist absolut schonungslos und ehrlich. Selbstinszenierung, Verschwendungssucht, Alkoholexzesse und Ehebetrug. Alles was Larry und Lou hier erleben und erleiden steht sinnbildlich für die eigene Zeit in der Metropole der Liebe.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Ich empfehle eine riesige Portion Himbeeren mit Sahne im Ritz“ und bin mir schon jetzt mehr als sicher, dass ich Zelda und Scott bald erneut begegne. Im April erscheint „Und alle benehmen sich daneben – Wie Hemingway sich seine Legende erschuf“ von Lesley M.M. Blume bei dtv. Das Buch ist bereits für mich reserviert und ich möchte darauf wetten, dass ich zwei Menschen kenne, die sich hier kräftig danebenbenommen haben. Zelda & Scott.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

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Ich wollte nur, dass du noch weißt – Nie verschickte Briefe

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko

Zugegeben. Ich bin ziemlich durcheinander und es ist nicht leicht, richtige Worte zu finden. Zugegeben. Ich habe mich einem Buch geöffnet, wohl wissend, dass es mich in den Grundfesten meiner Gefühlswelten erschüttern wird, da es eine Ebene berührt, die ich nicht mit einer besonders widerstandsfähigen Schutzschicht überzogen habe. Mein Herz hat mich schon auf der Frankfurter Buchmesse vorgewarnt und nun, nachdem ich Ich wollte nur, dass du noch weißt gelesen habe weiß ich, dass es Recht hatte. Ich bin tief gefallen, habe mich verletzt und eine Melancholie aufgesaugt, die ich früher nur als „Lachenweinen“ empfunden habe.

Zugegeben. Es ist etwas Großes, was hier aus einer kleinen Idee entstand. Selbst die sechzehnjährige Bloggerin Emily Trunko konnte nicht ahnen, welche Wellenberge sie auslösen würde, als sie ihren Tumblr-BlogDear My Blank“ ins Leben rief, um ihre nie verschickten Briefe zu veröffentlichen. Und davon hatte sie eine ganze Menge. Sie hatten sich in einem Notizblock angesammelt und richteten sich an Menschen, die auf die eine oder andere Weise Einfluss auf das Leben der jungen Frau genommen hatten.

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko – Dear My Blank – Der Blog

In diesen nie verschickten Briefen konnte Emily ihren Gefühlen freien Lauf lassen und Gedanken zu Papier bringen, die nur unter der Voraussetzung ihren Weg ans Licht fanden, weil die Adressaten die an sie gerichteten Zeilen ganz bestimmt niemals lesen würden. Diese Texte waren ihr so wichtig, dass sie einfach damit begann, sie auf „Dear My Blank“ zu veröffentlichen. Ihre Erwartungshaltung war nicht sonderlich groß:

„Zuerst war ich nur neugierig, ob andere Leute vielleicht genau dasselbe machen, wie ich.“

Zugegeben. Ja, Emily. Ich mache das auch, wäre aber nicht auf die Idee gekommen, sie zu veröffentlichen, da ich befürchtet hätte, dass sie ihren Zauber verlieren oder dass sie vielleicht doch von den Menschen gelesen würden, die sie auf gar keinen Fall lesen sollten. Mir hätte der Mut gefehlt und er fehlt mir noch heute. Was aber aus der kleinen Idee der amerikanischen Bloggerin wurde, ist eine kleine Internet-Sensation. Ihre Leser haben anders reagiert, als erwartet. Tausende von Menschen schickten ihr Nachrichten mit nie verschickten Briefen, versehen mit der Bitte, sie anonym zu veröffentlichen.

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko

Dreißigtausend dieser höchst persönlichen Beiträge hat sie bisher gepostet. Und täglich kommen neue unverschickte Briefe hinzu. Als auch die Medien auf diese starke Resonanz aufmerksam wurden, war die Welle nicht mehr zu stoppen und so war es nur eine Frage der Zeit, bis einige der schönsten Briefe in wundervoller Aufmachung, zum Teil illustriert und in wundervollem Handlettering das Licht der Welt als Buch erblicken. Ich wollte nur, dass du noch weißt – Nie verschickte Briefe“ von Emily Trunko ist jetzt im Loewe Verlag erschienen und vermittelt einen Eindruck von der Emotionalität, die all diese Texte miteinander verbindet.

Und genau hier sind wir an dem Punkt angelangt, der dieses Buch für mich zu einer der interessantesten Neuerscheinungen des Jahres macht. Man wird über dieses Buch reden wollen. Man wird sich austauschen, Gemeinsamkeiten im Lesen ausloten und es immer wieder mit dem eigenen Leben verbinden. Denn wer hat sie nicht im Giftschrank seiner Gefühlswelten? Diese nie verschickten Briefe, Nachrichten oder SMS, in die man sein ganzes Herzblut legte, sich seinen Weltschmerz von der Seele schrieb, Hoffnung und Verzweiflung zu Papier brachte und sie dann im entscheidenden Moment doch für immer und ewig unter Verschluss hielt.

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko

Und doch ist da immer dieses irrationale Gefühl, sein Gegenüber erreicht zu haben, ohne die Zeilen jemals auf den Weg zu bringen. Ob Liebeserklärung oder das genaue Gegenteil, ob Dank, Kriegserklärung oder Rechtfertigung, ob Geheimnisvolles oder zu Vertrauliches, alles hat seinen Platz in diesen Nachrichten, die das Licht der Welt nicht erblicken sollen. Allzu verlockend war es für die Leser von Emily Trunko, dem Angebot der Geburtshelferin dieser ungelesenen Gedanken zu folgen und nie verschickte Briefe anonym ins Netz zu stellen.

Zu tief und aufrichtig waren die Gedanken, als dass sie für immer verborgen bleiben sollten. Zu intensiv war die Zeit, in der sie entstanden und zu offen blieb die Tür, die es doch irgendwann zu schließen galt. Für die meisten Leser war die Veröffentlichung der eigenen Zeilen der wichtigste Schritt in der Verarbeitung der offenen Fragen im Leben. Das Buch sortiert die Beiträge in kleine, in sich geschlossene Themenkreise. Man kann sich ja vorstellen, wie sie heißen. Liebe, Freunde, Familie, Liebe, Verrat, unerwiderte Liebe, Verlust, Herzschmerz, Danke und Briefe an sich selbst… „Liebes Ich…“

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko – Verlust

Jeder einzelne Text ist eine menschliche Offenbarung. Auch, wenn man nichts über die Hintergründe der einzelnen Nachrichten erfährt, so sind sie doch in der emotionalen Aussagekraft in sich selbstverständlich und nachvollziehbar. Sie inspirieren und ziehen ihre Kreise in den eigenen Gedanken. Viele dieser bewegenden Nachrichten stehen für ein ganzes Leben. Oftmals auch für eines, das nicht weitergelebt werden konnte. Kann man gefühllos über diese Zeilen hinweggehen? Sicher nicht. Ich suchte meine eigenen nie verschickten Briefe und bin froh, sie in der jeweiligen Situation ganz allein für mich niedergeschrieben zu haben. Und doch wächst die Versuchung, den Blog von Emily zu besuchen, denn wer weiß… vielleicht…

Einer der emotional bewegendsten Beiträge ist sehr kurz. Es sind nur zwölf Wörter, die eine ganze Geschichte zu erzählen scheinen. Sie schreien den Leser an, nichts auf die lange Bank zu schieben, sich einfach zu trauen und nicht zu warten, bis es zu spät ist. Zeilen, die mich tief bewegt haben und über die ich gerne reden würde. Sie sind ein ganzes Leben. Vielleicht sogar viel mehr, weil sie im Nachhall des Vergangenen auch das Leben eines anderen Menschen mit einem großen Fragezeichen versehen. Lasst mich Eure Gedanken zu diesen Zeilen fühlen.

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L,
wir haben den Ring in deinem
Schreibtisch gefunden. Ich hätte
JA gesagt.
A

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Eine Ausgabe von „Ich wollte nur, dass du noch weißt“ liegt hier bereit für den / die Verfasser/In des Kommentars zu diesen Zeilen, der mich am meisten bewegt. Schreibt mir eure Gedanken, wir sind ja unter uns. Lasst Euren Gefühlen einfach mal freien Lauf und zeigt mir, wo dieses Herzensbuch künftig wohnen soll und mit wem ich mich dann über die vielen Einträge austauschen kann. Schreibt… Schreibt…

Einsendeschluss: Valentinstag, Dienstag 14. Februar Mitternacht… 😉

Ich wollte nur, dass du noch weißt - Emilly Trunko

Ich wollte nur, dass du noch weißt – Emily Trunko

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„Book of Lies“ von Teri Terry – Bücher lügen nicht

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

„Es gibt Dinge, die man lieber nicht tun sollte. Wie auf den Gleisen stehen, wenn ein Zug kommt, oder die Hand über eine offene Flamme zu halten.“

Oder das „Book of Lies“ von Teri Terry zu lesen, wenn man sich an einem frostigen Tag nach der Wärme einer gut erzählten Geschichte sehnt. Dann sollte man genau das nicht tun. Greift zu einer anderen Lektüre, aber lasst die Finger von diesem Roman mit dem eindrucksvollen Cover. Schon der Untertitel sollte zu denken geben: „Sie ist dein Zwilling, aber du darfst ihr nicht trauen.“ Na Bravo. Ich habe es trotzdem getan, weil sowohl die Aufmachung als auch die Ausgangssituation dieses Jugendbuches aus dem Coppenrath Verlag mir keine Chance ließen, es zu ignorieren.

Ich sollte diese Entscheidung bereuen. Gänsehaut, Spannungsattacken und frostige Leseatmosphäre haben von mir Besitz ergriffen. Die Nächte waren unruhig, die Tage in fiebriger Erwartung des nächsten Kapitels fahrig und nervös und die Lesestunden voller Spannung und Sorge. Leserherz, was willst du mehr. Doppelherz ist angesagt. Es geht um:

Zwillinge. Ein weites Feld in der Literatur und ein weites Feld im realen Leben. Wer hat nicht schon mal darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, das Leben mit einem Zwilling zu teilen? Mit jemandem, der so fühlt und denkt, wie man selbst? Mit jemandem der so eineiig spiegelbildlich gleich aussieht, wie man selbst und mit dem man die ganze Welt an der Nase herumführen könnte? Aber eben auch mit jemandem, der zeigt, dass man selbst nur ein Teil eines Paares ist, das nur gemeinsam ein Ganzes ergibt. Wie wäre es wohl, ein Zwilling zu sein?

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

„Es ist, als würde ich in den Spiegel schauen. Selbst ihr Haar, das sie sich hinters linke Ohr gesteckt hat, fällt in einer weichen, feuchten Welle übers Gesicht, wie bei mir sonst.“

Eigentlich keine Überraschung, diese Ähnlichkeit zwischen Piper und Quinn. Das haben Zwillingsschwestern so an sich, dass sie sich gleichen, wie ein Ei dem anderen. Wäre da nicht ein kleines, aber entscheidendes Detail, das sie von unserer Vorstellung des idealtypischen Zwillingspärchens unterscheidet. Die beiden rothaarigen Mädchen lernen sich erst im Alter von siebzehn Jahren bei der Beerdigung ihrer Mutter kennen.

„Der Schock in ihren Augen ist nicht gespielt. Sie hat es nicht gewusst.“

Hier setzt die Autorin Teri Terry mit ihrer Geschichte an. Auf einem Friedhof fängt alles an. Nicht nur für uns als Leser, auch für die Zwillingsschwestern Piper und Quinn, deren Leben bis zu diesem Tag nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Piper steht als trauernde Tochter am Sarg der Mutter, während Quinn sich als Außenseiterin und stille Beobachterin zur Trauergemeinde gesellt. Siebzehn Jahre nach ihrer Geburt sehen sich die beiden Mädchen zum ersten Mal und Teri Terry würzt diese Begegnung mit literarischem Treibstoff, der das „Book of Lies“ zum Pageturner werden lässt.

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

Tausend Fragen suchen nach Antworten. Warum wurden die Zwillinge schon bei der Geburt getrennt? Was verbindet sie? Wie hat sich ihre unterschiedlich erlebte Kindheit auf die beiden Mädchen ausgewirkt und welchen Geheimnissen können sie nur auf den Grund gehen, indem sie alle Mosaiksteinchen ihrer jeweiligen Erinnerungen zu einem gemeinsamen Bild vereinen? Zwei Perspektiven fesseln den Leser, der sich plötzlich im Mahlstrom einer dunklen Familiengeschichte voller mythischer Geheimnisse, Legenden und Gefahren wiederfindet.

Teri Terry hat sich nicht in das Klischee einer Hanny-und-Nanny-Story verstrickt. Sie spielt mit ihren Lesern, ebenso wie das Leben mit Piper und Quinn gespielt hat. Nur dass die beiden Mädchen siebzehn Jahre lang die Spielregeln nicht kannten. Während Piper in der scheinbar behüteten Welt mit Vater und Mutter aufgewachsen ist, war ihre Schwester gezwungen ein anderes Leben zu führen. Weitgehend abgeschottet und im Verborgenen. Gemeinsam gehen sie auf Spurensuche in der Vergangenheit und sind zum ersten Mal aufeinander angewiesen.

Hier mischen sich Mythen und Fantasy-Elemente mit alten Legenden. Wahrheit ist etwas sehr Subjektives, wenn das ganze Leben auf Lügen aufbaut. Kann man Wahrheit finden, wo eine ganze Familie versucht hat, genau diese zu verschleiern? Ist es wirklich so, dass Quinn die dunkle Seite des Zwillingspärchens darstellt? Ist sie eine Bedrohung für ihre Schwester und musste deshalb isoliert werden? Löst die Begegnung der beiden eine verhängnisvolle Kette alter Vorahnungen aus? Alle Wege führen zu einer Frau, die alle Antworten kennen sollte. Alle Wege führen zur gemeinsamen Großmutter und dem „Book of Lies“, dem Buch der Lügen, mit dem alles begann.  

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

Bei aller Geheimniskrämerei um die Ursache für die Trennung der Zwillinge, weiß Teri Terry bestens zu unterhalten. Piper und Quinn tauchen in die bisher unbekannte Welt ihres Gegenübers ein und sorgen für Verwirrung. Alleine schon Pipers Freund ist mit dem plötzlich auftretenden doppelten Lottchen in Rot sichtlich überfordert. Aus dem gemeinsamen Roadtrip in die Familiengeschichte wird für beide Mädchen eine Reise zu sich selbst. Die Sympathien des Lesers sind klar verteilt, doch sollte man sich nicht von all den Lügen täuschen lassen.

Das „Book of Lies“ ist mehr als nur ein Buch. Es steht über der Geschichte wie ein Mantra der Aufrichtigkeit, denn schnell wird klar, welche Bedeutung das Lügen für die Schwestern hat. Auch hier sind sie unterschiedlicher, als es ihnen lieb sein kann. Denn während Quinn auf die Wahrheit setzt, scheint es Piper nicht bewusst zu sein, dass es Lügen sind, die für die Zwillinge lebensgefährlich sind. Bücher lügen nicht, sagt man so schön. Das „Book of Lies“ macht da keine Ausnahme. Paradox? Nein! Sicher nicht.

Ein grandioser All-Age-Roman für Leser, die eine satte Portion „Twin & Mystery“ verkraften können. Jede Familie hat ihre Geheimnisse und Legenden. Niemand lässt sich gerne in Schubladen stecken, die mit der Aufschrift „Du bist gefährlich“ versehen sind. Wir alle sind auf der Suche nach den tiefen Wahrheiten unseres Lebens. Hier hat Teri Terry ihre Leser im Kern ihrer Seelen getroffen und ganz nebenbei und spielerisch wichtige Themen berührt, die das Leben von Zwillingen so geheimnisvoll machen. Ist es die Umwelt oder sind es die Gene, die dem Menschen die Richtung vorgeben? Fühlen und denken Zwillinge immer das Gleiche? Was geschieht, wenn man Eineiiges trennt?

Gefährliche Themen für Zwillinge, wie die Geschichte zeigt…

Book of Lies von Teri Terry

Book of Lies von Teri Terry

Doppelherz: Zwillinge und ihre Geschichten auf AstroLibrium

Auch im Mystery-Thriller „The Returned“ ist das Thema Zwillinge elementar für die Handlung. Aber eben ganz anders, als man es erwartet. That´s Horror.

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Nachdenkliches – UnENDliches gegen den Lauf der Zeit

Nachdenkliches - UnEndliches - Unvergessen

Nachdenkliches – UnEndliches – Unvergessen

Liebe Judith,

seit wenigen Tagen gehört die Frankfurter Buchmesse 2016 meiner persönlichen Geschichte an. Schön war`s. Unbestritten. Inspirierend und einfach literarisch exquisit. Und doch hänge ich in der Tiefe meines Geistes Gedanken nach, die mich schon lange beschäftigen. Wie schnelllebig ist unsere Lesezeit, wie dynamisch entwickelt sich mein Lesen und wie wenig bleibt am Ende eines Buches übrig. Gerade, wenn es sich um die Bücher von Menschen handelt, die in und zwischen den Zeilen rein autobiografisch um ihr Leben kämpfen.

Auch in diesem Jahr bin ich ihnen begegnet, sah ihre Bücher und hörte ihnen zu. Ich spreche hier von Autoren, die über ihren ganz persönlichen Krebs, ihre Unfälle und jene Momente schreiben, in denen sich das Leben in ein DAVOR und ein DANACH aufteilte. Sie schreiben von Diagnosen, inneren Kämpfen und Hoffnung. Oftmals ist es schon der Prozess des Schreibens allein, der sich therapeutisch auswirken kann. Manchmal sind es aber auch Buch gewordene Hilfeschreie in einer Gesellschaft, deren Empathietanks schon lange leergelaufen sind.

Mütter verarbeiten Verluste, Väter fressen nicht mehr in sich rein, sondern öffnen sich, Sportler erzählen vom neuen Leben im Rollstuhl und dem Leben danach. Einem Leben das nicht mehr viel mit dem Leben davor gemeinsam hat. Kira Grünberg sprang höher als die meisten Konkurrentinnen. Nach einem Trainingsunfall gelähmt, wird sie nun von der Schwerkraft in einen Rollstuhl gefesselt. Und Kira fliegt trotzdem. Trotzig, unfassbar kämpferisch und das eigene Schicksal nicht nur akzeptierend, sondern annehmend. Es sind Bücher, die uns zu Wegbegleitern machen und beiden Seiten helfen können.

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Und doch habe ich Angst, dass wir zu schnell vergessen, was wir lesen, wen wir begleiten, warum wir berührt sind und welche Botschaft uns erreichen sollte. Viel zu schnell verfliegt die Zeit. Viel zu schnell werden wir abgelenkt von neuen tragischen Ereignissen und globalen Problemen. Viel zu schnell verlieren wir aus den Augen, was wir nicht vergessen wollten. Jedes Mal, wenn ich auf der Buchmesse auf diese Bücher stoße, werde ich nachdenklich und kämpfe innerlich gegen den Lauf der Zeit. Ich kann mich nicht vielen dieser Geschichten öffnen, weil sie mich einfach nachhaltig bewegen und nicht mehr loslassen.

Deshalb schreibe ich hier und heute diese Zeilen, liebe Judith. Es ist nicht mehr als der Versuch, die Zeit zurückzudrehen und zu zeigen, dass nicht immer vergessen wird, was so leicht vergessen werden kann. Ja, Judith, diese Zeilen gehören Dir. Sie gehören Deinem Buch, das damals in aller Munde war und sie gehören auch Deiner Tochter, die mit ihrem emotionalen Appell an ihre an Brustkrebs erkrankte Mutter für Aufsehen und auch den Buchtitel sorgte.

„Sterben kommt nicht in Frage, Mama“.

Ich habe noch heute das Buchcover vor Augen. Ich sehe Dich, Judith und den Blick Deiner Augen. Hoffnungsvoll, kämpferisch und in die Ferne gerichtet. Und ich sehe das Mädchen, das Dir diesen magischen Satz einzuflüstern scheint. Paula, Deine Tochter. Lange ist es her, dass wir Dein Buch entdeckten. Lange ist es her, dass wir es gelesen haben und lange ist es her, dass wir es wagten mit Dir in Kontakt zu treten um für den Blog.LovelyBooks ein Interview zu führen. Wir, das waren und sind Bianca und ich.

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Wir lasen gemeinsam, rezensierten getrennt. Zu differenziert waren unsere Gefühle. So entstanden auf LovelyBooks zwei emotionale Besprechungen auf den Profilen, die wir damals als heilige Orte unseres Lesens betrachteten. Binea und Mr. Rail. Danach haben wir unsere Fragen für das Interview mit einer Frau ausgearbeitet, die von ihrem Leben nach der Diagnose erzählt. Erfrischend humorvoll und erschreckend nah. Paula stand im Mittelpunkt des Buches, flankiert von dem Versprechen, dass Sterben nicht in Frage kommt.

Unvergessen sind Deine Antworten auf unsere Fragen. Du hast uns noch näher an Dich herangelassen, als es im Buch möglich war. Unvergessen sind die Zwischentöne in den Mails, die wir vor und nach diesem Interview gewechselt haben. Unvergessen sind unsere Gefühle, als wir Deine Antworten in die Bücherwelt tragen durften. Es war kurz vor Weihnachten. Es war der 20. Dezember 2010. Du hast so viel erzählt von Dir. Den Einschränkungen im Alltag, dem Verlust Deiner Weiblichkeit und der Kraft, die Du aus der Familie schöpfst.

Du hast Hoffnungen und Sehnsüchte nach Liebe und Beziehung geteilt und ganz offen über Deine Verfassung in diesen Tagen geschrieben.

„Meine Immunabwehr ist nach wie vor nicht die beste, aber alles zusammen sind das nur Zipperlein mit denen ich ganz gut leben und einen normalen Alltag führen kann. Es geht mir gut. Ein herrlicher Satz!“

Das Interview wurde zwei Jahre später mit dem gesamten Blog.Lovelybooks vom Netz genommen, aber es führt ein Weg zu diesem Dialog, den wir niemals vergessen werden. Er führt hier entlang!

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Wir sind Dir auf Deinem weiteren Weg gefolgt. Schrieben uns, sahen Dich im TV und bewunderten Deine Haltung und die Kraft, die Du anderen Menschen und den von der gleichen Krankheit heimgesuchten Frauen vermittelt hast. Unvergessen sind Worte, die uns zeigten, was Dir die Literatur und das Lesen bedeutet.

„Gott, was wäre ich ohne euch, die ihr mein Fluchtweg seid, mich entführt und einlullt mit eurer Phantasie und euren Worten. Mir Flügel schenkt, wann immer ich sie nötig brauche. Was wäre ich ohne eure Geschichten, die mich auffangen, bergen, nicht mehr loslassen. Solang ich lesen kann bin ich lebendig.“

Warum ich dies heute alles schreibe? Weil ich dagegen ankämpfe es zu vergessen. Weil ich immer wieder an Dich und Dein Buch denken muss, wenn ich in der Weite der Messehallen Autoren begegne, die ihr Schicksal schreibend bewältigen und damit auch vielen Menschen Hoffnung geben. Weil ich hoffe, dass ihre Leser an ihrer Seite bleiben und sie nicht vergessen. Weil es eben nicht nur Geschichten sind, sondern das Leben. So hart es manchmal auch zuschlägt. Und weil ich oft an Paula denke, die Dir mit ihrem Appell das Sterben verboten hat.

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Sterben kommt nicht in Frage, Mama von Judith End

Warum ich eigentlich schreibe, Judith?

Weil Du es nicht geschafft hast. Weil Du am 20. Juni 2012 gestorben bist. Weil Du den letzten Kampf verloren hast. Weil ich oft in unseren Mails lese und Fotos von damals anschaue, die den Weg in unser Interview gefunden haben. Weil wir noch auf Facebook befreundet sind und ich Dich dort besuchen kann. Weil Dein Buch noch immer seine Kampfansage in mein Leben brüllt. Weil ich oft an Dich denke, wenn ich Autoren begegne, die um ihr Leben schreiben.

Weil ich erst jetzt dazu in der Lage war. Vielleicht auch das.

Für Judith End

Autorin des BuchesSterben kommt nicht in Frage, Mama
Erschienen am 4. Oktober 2010
Droemer Knaur

Judith End starb am 20.6.2012 in Hamburg. Sie wurde 31 Jahre alt. Ihre Schwester Dorothea und ihr Mann Felix, den sie noch kurz vor ihrem Tod geheiratet hat, kümmern sich um Paula..

Unvergessen – Bini & Raily im Oktober 2016

Es bleibt auch dieser bittere Vergleich von Dir. Wir denken an Dich.

Es bleibt auch dieser bittere Vergleich von Dir. Wir denken an Dich.