Danach, das Leben von Antoine Leiris

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Danach, das Leben von Antoine Leiris

Am 13. November jährten sich die Anschläge auf Paris zum fünften Mal. Das Jahr 2015 war das Annus horribilis für die französische Metropole. Im Januar begann es mit dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ und zum Ende des Jahres gipfelte der Terror in Paris in einer nie zuvor dagewesenen Anschlagsserie. Am 13. November schlugen islamistische Terroristen an einigen Orten zugleich zu, töteten 130 Menschen und verletzten mehr als 350 weitere schwer. Wer an diesem Abend das Fußball-Länderspiel im Fernsehen verfolgte, die beiden Explosionen vor den Toren des Stadions hörte, und die weiteren Nachrichten aus Paris verfolgte, der wird diese Nacht ebenso wenig vergessen, wie den 11. September 2001 in New York. Auch hier wurde die ganze Welt Zeuge der verheerenden Anschläge.

Was mir auch in Erinnerung blieb, war ein Satz des französischen Schriftstellers Antoine Leiris, der an diesem Abend im Bataclan seine Ehefrau Hélène verlor und als Witwer mit seinem erst siebzehn Monate alten Sohn Melvil zurückblieb. Er schrieb nur: „Meinen Hass bekommt ihr nicht. Diese Botschaft an die Terroristen äußerte er drei Tage nach dem Massaker in Paris. Worte, die um die ganze Welt gingen. Tiefe Worte, die keinen Vater und keine Mutter unbewegt ließen. Worte der Liebe, Trauer und Klage. Verzweifelte Worte der Verantwortung für den gemeinsamen Sohn Melvil. Gleichzeitig auch eine Kampfansage an die Verantwortlichen für solche Anschläge. Antoine Leiris verweigerte den Terroristen den Sieg über die eigene Familie. Dieses Geschenk macht er ihnen nicht. Dies war seine Rache und ein Wegweiser in die ungewisse Zukunft für Vater und Sohn.

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Danach, das Leben von Antoine Leiris

Und nun? Fünf Jahre danach? Was ist aus dem Mann geworden, der so gerne ein normales Buch geschrieben hätte? Der Mann, der gerne Romane in die Welt entlassen hätte, um zu unterhalten oder Spannung zu erzeugen? Der Mann, dessen Schreiben in der größten Krise seines Lebens ein Buch hervorgebracht hatte, von dem er sich nicht mehr trennen konnte? Stigmatisiert als traurige und kämpferische Stimme Frankreichs sollte es ihm nicht gelingen, einen fiktionalen Stoff zur Entfaltung zu bringen. Ihm blieb nur die Beobachterrolle, während sich Schriftsteller, die selbst keine Opfer zu beklagen hatten, das Fanal von Paris in Romanen aneigneten. Er verschwand von der Bildfläche. Bis jetzt. „Danach, das Leben“ ist mehr als ein Lebenszeichen von ihm. Allerdings ist es auch ein deutliches Zeichen seines Scheiterns als Romanautor. Seine Worte sind begrenzt auf die Folgen des Terrors. Sein inneres Gefängnis ist hermetisch verriegelt und lässt ein befreites und neutrales Schreiben nicht zu.

„Danach, das Leben“ beschreibt schon im Titel den großen Widerspruch, in dem der Autor und Vater heute lebt. Man fragt sich sofort, was für ein Leben das denn sein kann. Ob es lebenswert, von Trauer dominiert oder vom kleinen Melvil bestimmt ist. Man fragt sich, wie es dem Menschen Leiris hinter dem Vorhang geht und ob er es zulässt, einen Blick hinter seine Kulissen und Fassaden zu werfen. Man fragt sich auch, ob das neue Buch Teil einer Therapie ist, die immer noch nicht abgeschlossen ist. Auf all diese Fragen gibt Antoine Leiris Antworten. Er lässt nichts aus. Er zieht blank, nicht nur, was seine Gefühle und Perspektiven betrifft. Er schreibt von den kleinen Erfolgen, von dem Rückschlag, der ihn jedes Mal trifft, wenn er einen Schritt nach vorne wagt. Er schreibt über seine Frau, ihr Fehlen und seine Rolle als alleinerziehender Vater. Von Umzügen und Neuanfängen, vom Loslassen und Festhalten, von dunklen und hellen Nächten. Es ist ein Buch, das uns vielleicht Mut macht. Ob es ihm gelungen ist, sich zu ermutigen? Das steht auf einem anderen Blatt Papier.

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Man möchte ihn in den Arm nehmen, wenn er sich dem Selbstvorwurf hingibt, im Versuch den Schmerz zu bewältigen, seine Frau „dargeboten zu haben, ohne dass sie ein Wort hätte mitreden können.“ Man trifft auf einen Mann, der schwer darunter leidet, seine Frau zu einer öffentlichen Person gemacht zu haben, die ihm nicht mehr gehört. Es ist nicht nur dieser Verlust, den er zutiefst beklagt. Es ist ein Zugeständnis, das ihn heute einholt, als er zum ersten Mal ein Theater besucht, in dem seine Geschichte auf der Bühne aufgeführt wird. Dieses Erlebnis mit ihm teilen zu können, gehört eindeutig zu den großen Momenten dieses Buches. Seltsam von sich selbst entrückt, folgt er im Theater dem Monolog des Schauspielers, der sich seine Geschichte nun aneignet. Es ist das Spiegelkabinett der Trauer, das wir mit Antoine Leiris betreten.

Was er uns als Vater eines kleinen Wirbelwinds erzählt, rührt und bewegt. Er gibt sich alle Mühe, der Normalität Raum zu geben und Melvil behütet großzuziehen. Er wird beim Vorlesen von Kinderbüchern zu Vater und Mutter für seinen kleinen Jungen. Eine Passage im Buch beschäftigt mich sehr. Es ist Pinocchio, dem Vater und Sohn hier gemeinsam begegnen. Es ist die innige Nähe, die spürbar wird und doch fühlt sich die Geschichte für Antoine Leiris an, wie ein Feld voller Tretminen. Keinen Fehler machen und die Fragen des kleinen Melvil ernst nehmen – das sind die Herausforderungen, die er hier zu meistern hat. Es gibt sehr viele dieser großen Momente in diesem schmalen Buch. Leiris gelingt es erneut, uns mit kaum 200 Seiten nachhaltig und bewegend mit seiner Welt zu konfrontieren. Er bietet uns keine Bewältigungsstrategien, er beschreibt keinen Trauer-Musterweg. Er schreibt aus meiner Sicht für sich selbst, um einen Weg zu einem neuen Schreiben zu finden.

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Antoine Leiris beschreibt, dass eine private Geschichte niemals Geschichte wird. Er schreibt ein intimes Buch, das ihn sicherlich irgendwann wieder einholen wird, weil er nun im Gefühl lebt, seinen Sohn „dargeboten“ zu haben. Ich denke nicht, dass es so ist. Er überschreitet keine Grenzen, die seinem Sohn nicht gerecht werden. Leiris geht nur mit sich extrem hart ins Gericht. Man sollte dieses Buch lesen, wenn man Antoine Leiris zuvor begegnet ist. Aus der Distanz heraus gelingt ihm nun, was vor fünf Jahren kaum möglich war. Die echte Liebeserklärung an seine Frau. Allein das ist lesenswert:

„Hélène ist der Stift, den ich halte, die Tinte, die darin fließt, die Tasten meines Computers, die Wörter, die auf dem Bildschirm erscheinen. Die Buchstaben haben ihre sanften Linien, die Wörter ihr Zartgefühl, die Assoziationen schwingen durch ihre Musikalität.“

In letzter Konsequenz jedoch sind es diese tiefen Worte, die aus seinem Herzen einen diebstahlsicheren Tresor machen. Jeder Versuch, den Schlüssel einer neuen Frau in seinem Leben in die Hand zu drücken, scheitert kläglich. Bisher. Vielleicht wird dieses neue Buch von ihm ein hilfreicher Panzerknacker für Menschen, die ihm in der Zukunft begegnen. Ich hoffe es für ihn…

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Ein Beispiel für einen Roman, der im November vor fünf Jahren gipfelt:

Hilmar Klute legt einen bipolaren Roman vor, in dem es gelingt, die Menschen in den Vordergrund zu stellen und gleichzeitig die Situation in Paris nicht zur Kulisse zu degradieren. Ein Ausnahmebuch zu einer Stadt im Ausnahmezustand. Oberkampf

Wilde Freude von Sorj Chalandon

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Es ist mir eine wahrhaftige und Wilde Freude, den neuen gleichnamigen Roman aus der Feder von Sorj Chalandon vorstellen zu können. Ich fühle mich immer am wohlsten in Büchern und Hörbüchern, wenn ich dem Autor oder der Autorin bereits auf meinen Wegen durch die weite Welt der Literatur begegnet bin. Es fühlt sich an, wie in einen mir bekannten Erzählraum einzutreten, von dem ich ahne, was ich erwarten darf und was auf mich zukommt. Sorj Chalandon ist eine bekannte Größe in meinem Lesen. Ich weiß, dass er in der Lage ist, Gefühlswelten erlebbar zu machen. Ich weiß, dass er seine Geschichten gerne in unvorhersehbare Richtungen treibt und ich habe in seinem Roman „Am Tag davor“ eine Art von Urvertrauen zu ihm aufgebaut, weil er mich schon damals an die Hand nahm, und mich bis zum Ende sicher durch seine Geschichte und die unterschiedlichen Aspekte seines Romans führte. Aus gutem Grund schrieb ich:

Aus dem Bergarbeiter-Roman wird schlagartig ein brillanter Justiz-Roman, der es schafft, die Atmosphäre der Kohle-Region in den Gerichtssaal zu transportieren. Es ist die Aufarbeitung einer Rache. Die Abrechnung mit dem scheinbaren Täter, aus der im Verlauf des Prozesses jedoch die Aufarbeitung der Katastrophe wird. Wo ist Schuld zu suchen? Wo wird man sie finden? Wer hat das Recht zu rächen? Und nicht zuletzt die Frage, was „Am Tag davor“ geschah, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Hier sitzen wir bei den Beobachtern des Prozesses und wissen nicht, wie wir urteilen sollten. Wir wissen nichts. Nur, dass wir keine Opfer und keine Täter erkennen. Die Grenzen in dieser Bewältigungsgeschichte verschwimmen. Und das auf eine intelligent-emotionale Art und Weise, die lange im Gedächtnis bleiben wird.

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Worauf war ich also vorbereitet, als ich mich in das Buch Wilde Freude und die Hörbuchfassung, gelesen von Jodie Ahlborn, begab? Nein, Chalandon würde nicht nur ein Thema behandeln. Er würde Genres miteinander verbinden und am Ende einer Geschichte auf die Füße helfen, die eben nur in diesem Mix existieren kann. Er würde keinen Roman über die Krebserkrankung seiner Protagonistin Jeanne verfassen, er würde keinen Roman über die Freundschaft von Frauen schreiben, die er zu einer im tiefsten Inneren verschworenen Schicksalsgemeinschaft zusammenfügt. Und er würde sicher keinen Thriller über den Raubüberfall auf einen Nobeljuwelier in Paris schreiben. All diese Ingredienzien der Chalandon-Rezeptur sind im Klappentext aufgeführt. Klingt wie eines buntes Potpourri aus Handlungssträngen, die nicht zusammenpassen. Klingt allerdings nach einem typischen Chalandon, da literarische Einbahnstraßen nicht zur Landkarte seines Schreibens gehören. Es sind Kreuzungen, Boulevards und Feldwege, die zu seinem Stadtplan werden, in dem wir der menschlichen Psyche begegnen.

Da ist Jeanne. Die Pariser Buchhändlerin, der wir zu einer Mammografie folgen und miterleben müssen, wie sich ihr Leben von einer auf die andere Sekunde dramatisch in die Zeitscheiben vor und nach der Krebsdiagnose aufteilt. Chalandon versetzt uns hier tief in das Innenleben einer Frau, die sich nach einem bereits erlittenen Verlust erneut darauf einstellen muss, einen medizinischen Kampf gegen die Zeit zu führen. Hier geht der Autor schonungslos mit den Wahrheiten um, er löst blankes Entsetzen aus, wenn er „seine“ Jeanne im Stich lässt, weil er ihr einen Ehemann zur Seite stellt, der wohl einer der am wenigsten mitfühlenden Charaktere ist, der mir jemals in einem Buch begegnet ist. Ich scheue mich nicht, ihn hier als „echtes Arschloch“ zu bezeichnen. Ein Prädikat, das er sich im Verlauf der Geschichte ehrlich verdient hat. Nur ein guter Autor ist in der Lage, mich mit einer solchen Figur zur Lese-Weißglut zu treiben. Gelungen. Danke.

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Und da sind die drei Frauen, denen Jeanne während der Therapie über den Weg läuft. Brigitte, Assia und Melody. Alle vom Leben gezeichnet, alle in der Situation, die kaum Auswege kennt und doch mit feinen Antennen für ihre Mitmenschen ausgestattet. Sie entdecken das Gemeinsame. Sie verbünden sich und suchen nach einem Weg, in ihrer eigenen Ausweglosigkeit dem eigenen Leben wieder einen neuen Sinn zu geben. Was also könnte näher liegen, als sich nun zusammenzutun, um Melody zu helfen, die nichts anderes mehr gebrauchen kann, als Geld. Sie folgt einer Mission, zu der sich in aller Konsequenz unsere Ladies zusammenschließen. Sie, die kaum etwas zu verlieren haben, beschließen, einen Pariser Nobeljuwelier zu überfallen. Hier haben wir ihn. Den augenscheinlichen Bruch in einem Roman, der wie eine Krankenakte begann. Hier ist Chalandon in seinem Element.

Hier passt augenscheinlich nichts mehr zusammen. Nicht der Titel zum Buch, nicht die Protagonistinnen zur Handlung, nicht die Männer ins Bild, nicht die Krankheiten zur Geschichte eines Überfalls. Es fühlt sich an, wie ein Puzzle aus Steinen, die sich kaum verbinden lassen. DAS IST CHALANDON. Denn so spiegelt er das Leben literarisch im Herzen seiner Erzählungen. Auch in unserem Leben passt nicht viel zusammen. Nicht die Realität zu unseren Träumen, nicht die Menschen aus unserem Umfeld zu Visionen von Harmonie, nicht die Krankheiten zu unserer Vorstellung von einer heilen Welt. Und letztlich würden wir den Titel unserer Lebensgeschichte auch gerne ändern. Hier wird aus einem Roman ein Spiegelkabinett des wahren Lebens. „Wilde Freude“ ist für mich der große Trugschluss, der diesen Roman so trefflich auf den Punkt bringt.

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Aus all diesen Widersprüchen zieht Chalandon die Berechtigung, als Schriftsteller zu verbinden, was im eigentlichen Sinn niemals miteinander in Beziehung zu setzen ist. Seine Fiktion schlägt Brücken über Flüsse, die so weit auseinanderliegen, dass man in der kühnsten Fantasie keinen Brückenschlag erwarten würde. Ihm gelingt es, in dieser Geschichte, Puzzlesteine zu einem Bild zu vereinen, die zuvor als unvereinbar galten:

  • Krebs und Crime
  • Mammografie und Überfallskizzen
  • Therapeutische Perücken und Täter-Tarnung
  • Empathie und Betrug
  • Hass und Liebe
  • Selbstlosigkeit und Egozentrik
  • Kinderlosigkeit und Elternschaft

Oder, um es mit den Worten des Autors zu sagen, hier ein Zitat aus dem Roman:

Dies ist die Geschichte von vier Frauen. Sie wagten sich sehr weit vor. In die tiefste Dunkelheit, in die größte Gefahr, in den äußersten Wahnsinn. Gemeinsam rissen sie die Krebsstation nieder und errichteten auf ihren Trümmern eine Zitadelle.

Ob man sich dem Roman „Wilde Freude“ lesend in der gebundenen dtv-Ausgabe nähert, oder sich auf das Hörbuch einlässt, es ist eine besondere literarische Reise, die uns erwartet. In der ungekürzten Der Audio Verlag-Lesung brilliert Jodie Ahlborn in besonderer Weise, weil man ihr die Zerrissenheit Jeannes deutlich anhört. Aus ihrer Sicht ist der Roman erzählt. Eine wundervolle Spielwiese für eine große Stimme, die in einem einzigen Aufzug von der leidenden Frau zur kaltblütigen Räuberin mutieren darf. Großes Kopf- und Stimmkino…

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Ein Nachtrag: Chalandon weiß, worüber er schreibt, wenn er von Krebs schreibt. Eine Krankheit, die nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Ehefrau heimgesucht hat. Es ist sicher eine Expertise, auf die man als Autor verzichten kann. Allerdings spürt man jeder Faser des Buches in den Krebs-Passagen an, dass hier mehr erzählt wird, als nur eine Geschichte. Constanze Matthes weist in ihrer Buchvorstellung auf dem Blog „Zeichen & Zeiten“ ebenso deutlich darauf hin. Was macht der Krebs mit einem Menschen? Wie sehr dominiert die Angst das Leben? Wann geht die Hoffnung verloren? Wie groß wird die pure Eifersucht auf die gesunden Menschen, die nur Mitleid zeigen? Und wann ist der Point of no Return erreicht, an dem man zu allem bereit ist? Die Antworten sind in diesem Roman verborgen. Es bereitet eine „Wilde Freude“, sie zu teilen…

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Christo and Jeanne Claude. Paris! Das Buch zur Ausstellung

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

Ein Virus hat das Jahr 2020 auf den Kopf gestellt. Besonders die Kunstwelt hat die Folgen der globalen Pandemie zu spüren bekommen. Dabei sollte gerade dieses Jahr unter dem Stern großer Kunstprojekte stehen, die uns in Staunen versetzt hätten. Paris wäre einer der absoluten Hotspots der internationalen Kunstszene geworden und viele Kunstfreunde aus aller Welt wären wohl in die Weltstadt gepilgert, um dort mit eigenen Augen zu bewundern, was nur temporär zu sehen wäre, bevor es verschwindet und in die Geschichtsbücher Einzug hält. Eines dieser Projekte wäre die Verhüllung des Arc de Triomphe durch den legendären Aktionskünstler Christo gewesen. Für den Herbst war nicht nur dieses Aufsehen erregende Projekt geplant, auch eine Ausstellung sollte das Kunst-Highlight begleiten und schon im Frühjahr im Centre Pompidou die Pforten öffnen.

Alles kam anders. Corona legte Paris ebenso lahm, wie viele andere Großstädte. An den Beginn der umfangreichen Vorbereitungen für das Großprojekt war kaum noch zu denken. Die Eröffnung der Ausstellung wurde ebenso verschoben und als man der Meinung war, es könne nicht mehr schlimmer kommen, erschütterte die Nachricht vom Tod des Künstlers die Welt. Christo war am 31. Mai im Alter von 84 Jahren in seinem Atelier- und Wohnhaus im New Yorker Stadtviertel Tribeca verstorben. Er folgte seiner Ehefrau, Muse und genialen Partnerin Jeanne-Claude elf Jahre nachdem sie am 18. November 2009 im Alter von 74 Jahren an einem Hirnaneurysma verstorben war. Man kann es nicht anders sagen. Das Künstlerpaar hatte die Welt verändert. Sie hatten in vielen gemeinsamen Aktionen Impulse gesetzt, die nicht nur von Kennern ihrer Kunst bewundert wurden. Allein der verhüllte Reichstag in Berlin zog mehr Besucher an, als das unverhüllte Monumentalbauwerk je zuvor gesehen hatte.

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

Ihren Tod zu verkraften, entwickelte sich zur wohl größten Herausforderung für den gebürtigen Bulgaren und jetzigen US-Staatsbürger Christo. Es blieb seinem Versprechen treu, „die Kunst von Christo und Jeanne-Claude auch über den Tod hinaus fortzusetzen“. So geriet der Plan eines verhüllten Triumphbogens im Herzen von Paris nicht in Vergessenheit. Als Verpackungskünstler wollte Christo dabei jedoch nicht bezeichnet werden. Dieses leicht greifbare Etikett sorgte zwar dafür, dass sich auch weniger Kunst-affine Menschen seinem Werk annähern konnten, er sah in jener besonderen Form der Aktionskunst allerdings mehr. Formen und Architektur wollte er auflösen, die Kunst von ihrem Sockel der Erhabenheit stoßen und andere Blickwinkel ermöglichen. Wer ihn jedoch in Diskussionen über den tiefen Sinn seiner Kunstwerke verstrickte, hörte oft: Es ist total irrational und sinnlos. So bleiben die Installationen von Christo und Jeanne-Claude im optischen Gedächtnis der Welt. Ob es „Umbrellas“ in Japan und Kalifornien waren, der „Valley Curtain“ in Colorado, die „Floating Piers“ auf dem italienischen Iseo-See oder der legendäre verhüllte „Pont Neuf“ in Paris. Ihre Kunst war vergänglich, nicht für die Ewigkeit und doch konnte man sich der Magie des Augenblicks nicht entziehen, dem sie einen eigenen Stempel aufgedrückt hatten.

Ist jetzt vergangen, was auf Vergänglichkeit angelegt war? Sind wir am Ende einer Kunstgeschichte angelangt, die Menschen vereinte und Blicke lenkte? Bleiben nur noch Erinnerungen, oder gibt es noch Auswege aus diesem „Dilemma der Vergänglichkeit“ einer einzigartigen, luftig leichten, alles verhüllenden Kunstform? Wer in diesen Tagen den Blick in Richtung Paris wendet, erlebt die Wiedergeburt von Christo und Jeanne-Claude. Der Traum ist nicht ausgeträumt. Er lebt weiter… 

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

Die Ausstellung Christo and Jeanne-Claude. Paris! hat im Centre Pompidou die Pforten geöffnet. Bis zum 19. Oktober kann man sie noch besuchen. Oder eben doch nicht. Paris gehört zu den Risikogebieten der Corona-Schutzmaßnahmen und es dürfte extrem problematisch sein, den Ausstellungsbesuch zu planen. Man kann sie sich aber nach Hause holen. Und nicht nur das. Der Sieveking Verlag hat mit dem Begleitbuch zur Ausstellung ein kleines Kunstwerk geschaffen, das international für Aufsehen sorgt. Dieses Buch ist eine schillernde Hommage an ein Künstlerpaar, das uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Es ist kein Ausstellungskatalog im klassischen Sinn. Es ist im tiefsten Kern der Rückblick auf ein Paris, das Christo und Jeanne-Claude so prägte, wie es selbst von den beiden Künstlern geprägt wurde.

Paris war für Christo und Jeanne-Claude in künstlerischer und privater Hinsicht von herausragender Bedeutung. Hier lernten sie sich 1958 kennen, hier skizzierten sie die ersten Ideen für gemeinsame Projekte. Hier streiften sie durch die Straßen und überzeugten sowohl die Anwohner, als auch die Stadtoberhäupter davon, im Jahr 1985 das erste Großprojekt im öffentlichen Raum realisieren zu dürfen. Die Verhüllung der Pont Neuf hat Geschichte geschrieben. Im Buch finden wir selten gezeigte Frühwerke und Studien, Skizzen, Zeichnungen und Collagen, sowie beeindruckende Fotografien vom fertigen Kunstwerk, das die Seine überspannte und die Brücke in goldene Farben hüllte. Man kann in und zwischen den Seiten die Verbundenheit der Künstler zu dieser Stadt fühlen und erkennt, was hier begann und sich mit einem Verhüllungs-Siegeszug auf der ganzen Welt fortsetzte.

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

Das großformatige Softcover-Buch „Christo an Jeanne-Claude. Paris!“ zeigt auf seinen 256 Seiten ca. 300, teils ganzseitige Abbildungen, die uns fesseln und dem Schaffen des Künstlerpaars näherbringen. Man kann es erlesen, wie eine Vernissage durch das Centre Pompidou, nur dass dieses Buch nicht der Vergänglichkeit seiner Protagonisten unterliegt. Englisch ist die Sprache des Buches. Es ist trotzdem leicht verständlich und die Begleittexte ergeben mit den Abbildungen eine polyglotte Einheit im Sinne der internationalen Kunstwelt. Das Buch hat mich dazu inspiriert, den beiden Künstlern nachzueifern und kleine Dinge mit Stoff zu verhüllen. Es ist erstaunlich, wie sehr das Gegenständliche verschwindet und zum Geheimnisvollen wird. Der Kreativität wird hier ein spürbarer Impuls verliehen. Und wenn man nicht gerade verhüllt und im Buch nach neuen Inspirationen stöbert, wird man es spätestens im nächsten Jahr zu schätzen wissen.

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

2021 wird der Arc de Triomphe nach den Plänen von Christo und Jeanne-Claude verhüllt. Es wird epochal, monumental und sentimental. Es wird das erste Wrapping-Projekt im öffentlichen Raum, das nur von ihren Ideen lebt. Es ist absehbar, dass die Kunstaktion als Erbe von Christo und Jeanne-Claude weltweite Schlagzeilen machen wird. Spätestens dann wird dieses Buch eine neue Bedeutungsebene erhalten. Es tritt dieses Erbe im Bücherregal an, es zeigt die Skizzen zum Triumphbogen und lässt uns ahnen, welche Dimension das Projekt erreichen wird. Spätestens dann wird der Wert dieses Buches emotional in die Höhe schießen. Ich kann Kunstliebhabern empfehlen, sich jetzt dieses Buch ins Haus zu holen. Verhüllt es nicht. Stöbert und flaniert auf den Seiten und dann: 2021 – schaut nach Paris und hofft mit mir gemeinsam, dass die Kunst vielleicht auch Corona verhüllen kann…

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

In einer Zeit, in der wir zum Schutz vor einer Corona-Infektion Teile des Gesichts verhüllen, sollte uns diese Kunstform näher sein, als jemals zuvor. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie Christo die Face-Wrapping-Welle künstlerisch verarbeitet hätte.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Dies ist nicht mein erster Kunst-Kontakt mit dem Verlag. Franz Marc ist schuld.

Oberkampf von Hilmar Klute

Oberkampf von Hilmar Klute - Astrolibrium

Oberkampf von Hilmar Klute

Die Zeit heilt alle Wunden? Nicht wirklich. Alleine die Literatur sorgt dafür, dass man immer wieder an Schocknachrichten aus der Vergangenheit erinnert wird. Sie trägt die Verantwortung für die Konsequenzen einer literarischen Aufarbeitung, die geeignet ist, altes Narbengewebe wieder aufzureißen und lange verdrängte Ereignisse erneut in den Brennpunkt zu rücken. Hier wirkt die Literatur wie ein Gerichtsprozess, der Jahre nach der Tat alle Details des Verbrechens in epischer Breite ausführt, und den Angehörigen der Opfer kaum Erleichterung verschafft. Oft passiert genau das Gegenteil. Wenn dann Prozess und Literatur Hand in Hand gehen, liegt eine hochexplosive Mischung vor, der man sich nur behutsam nähern sollte. (Weiterhören – hier geht´s zum PodCast)

Oberkampf von Hilmar Klute - Die Rezension fürs Ohr - AstroLibrium

Oberkampf von Hilmar Klute – Die Rezension fürs Ohr – Hier klicken…

Fünfeinhalb Jahre sind seit dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris vergangen. Am 7. Januar 2015 richteten zwei islamistische Terroristen in der Rue Nicolas Appert ein Blutbad an und massakrierten elf Menschen, verletzten mehrere Anwesende schwer und töteten auf ihrer Flucht einen Polizisten. In ihrem Gefolge kam es zu weiteren Anschlägen, nicht nur in der Hauptstadt. Wir sehen wohl alle noch die dramatischen Bilder von einst vor Augen. Ein Paris in Schockstarre, trauernde Menschen vor den Redaktionsräumen von „Charlie Hebdo„, Ein Supermarkt voller Geiseln, in dem sich ein weiterer Terrorist verschanzt hatte. Polizei-Einsätze und weitere Tote. Erschossene Attentäter und eine Prozession der Erschütterten unter dem Motto „Je suis Charlie„. Ich denke, niemand hat diese Januartage vergessen.

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Oberkampf von Hilmar Klute

In diesen Tagen hat in Paris der Prozess gegen die Hintermänner der Terroristen begonnen. Die Corona-Pandemie hat den Prozessauftakt verschoben. Gleichzeitig hat die neue Redaktion von Charlie Hebdo das Magazin neu aufgelegt, das den Anschlag der Islamisten verursacht hatte. Mohammed-Karikaturen hatten für einen Aufschrei in der islamischen Welt gesorgt und Extremisten dazu veranlasst, ihren Propheten rächen zu wollen. Unter dem Titel „Tout ça pour ça“ (All dies, nur dafür?) wurde das damalige Skandalblatt in einer Auflage von rund 400000 Exemplaren an die Kiosks der Metropole ausgeliefert. Der Aufschrei folgte sofort. Bilder der Überlebenden beim Prozess zeigen das Ausmaß der Traumatisierungen aus dem Jahr 2015. Nicht aufgeben, immer weiter für die Presse- und Gedankenfreiheit zu kämpfen, vereint die Menschen in Frankreich. Die Narben sind tief. Und jetzt kommt auch noch ein Roman hinzu…

Oberkampf“ von Hilmar Klute mutet wie eine martialische Überschrift an, die uns auf eine absolute Meta-Ebene der Konfliktbewältigung vorbereitet. Dabei entpuppt sich der kämpferische Titel schnell als verträumte Straße mit gleichnamiger Metro-Station in unmittelbarer Nähe zu den Redaktionsräumen der Satirezeitschrift. Es sind gerade mal neun Gehminuten von der Rue Oberkampf Nr.11 bis ins Auge des Orkans. Und genau hier zieht Jonas Becker am 6. Januar 2015 ein. Tief in der Midlifecrisis gefangen, die eigene Ehe gescheitert, eine Agentur in den Sand gesetzt und nun auf der Suche nach einem literarischen Restart im Herzen von Paris. Im Auftrag eines Verlages hat er jetzt nur noch ein Ziel. Den ebenso legendären, wie erfolglosen Schriftsteller Richard Stein zu treffen und seine Biografie zu schreiben. Was eigentlich recht harmlos klingt, wird schnell zu einem Ritt auf einer doppelt geschliffenen Rasierklinge in einer Stadt, in der schon am nächsten Tag nichts mehr so ist, wie es je zuvor war. Am 7. Januar bricht die Hölle los.

Oberkampf von Hilmar Klute - Astrolibrium

Oberkampf von Hilmar Klute

Hilmar Klute legt einen bipolaren Roman vor, in dem es gelingt, die Menschen in den Vordergrund zu stellen und gleichzeitig die Situation in Paris nicht zur Kulisse zu degradieren. Ein Ausnahmebuch zu einer Stadt im Ausnahmezustand. Es sind die zwei Pole dieser MetroPole, die den Erzählraum abstecken. Es sind die Begegnungen, die aus Jonas Becker einen Wanderer in zwei unterschiedlichen Welten machen. Es ist in erster Linie der Schriftsteller Richard Stein, der ihn in seine Welt entführt. Und so, wie es am geografischen Nordpol nun mal wirklich keine Pinguine gibt, existiert in der Welt des Egozentrikers Stein kein Terror. Hier steht die Biografie im Vordergrund. Losgelöst von den Salven, die in den Straßen von Paris ihren lauten Nachhall finden. Hier sind es die Salven eines Lebens im Tunnelblick des Ichs, die in einem Buch verdichtet werden sollen. Und Steins Vorrat an Munition ist unendlich.

Und dann ist es die Zufallsbekanntschaft, die zuerst zur Liaison und dann zu viel mehr wird, die Jonas Becker mit der Pariser Archivarin Christine zum Südpol dieser Geschichte führt. Hier erlebt er die Realität des Terrors in der Stadt, hier blickt er hinter die Kulissen der Emotionen und der Trauer. Hier wird er von Christine mit Bildern aus den Banlieues konfrontiert, weil sie ihm die Ausweglosigkeit der Ausgestoßenen zeigen möchte. Hier wird er hineingestoßen in eine Stadt, die darum kämpft, ihren Alltagsstolz zu bewahren. Hilmar Klute bewegt sich literarisch brillant zwischen diesen Welten. Er transportiert die Stimmung nach dem Anschlag in jede Zeile seines Romans. Und doch gelingen ihm auch die zarten und magischen Zwischentöne, die einer Emotionalität zu Höhenflügen verhilft, die genau in diesen Zeiten so lebenswichtig ist. Es ist der Beginn der Liaison zwischen Jonas und Christine, die so sehr nach dem unbeschwerten Paris schmeckt und riecht, wie man es sich einfach nur träumen kann…

„Dann“, sagte sie… „vielleicht auf ein anderes Mal. Vielleicht im Centenaire eines Mittags.“ „Ich werde da sein“ sagte Jonas…   

Oberkampf von Hilmar Klute - Astrolibrium

Oberkampf von Hilmar Klute

Es ist der scharfe Kontrast zwischen der Geschichte des Anschlages und einem Künstlerroman, der uns durch die Seiten von „Oberkampf“ treibt. Es sind brutale Schnitte, die uns in zwei Welten entführen, deren Schnittmenge äußerst gering zu sein scheint. Es ist Jonas Becker, der versucht, Verbindungslinien zu ziehen. Er trägt seine eigenen Schlachten aus. Er will seinen Job machen und mit Christine ein neues Leben beginnen. Ein Konflikt, der ihn an die Grenzen bringt. Hilmar Klute bettet seinen Roman nicht in dieses Szenario ein, weil er sich einer Kulisse bedient. Er beschreibt ein Paris, das er selbst erlebt hatte. Er verarbeitet sicher auch selbst, wie sich ein Autor inmitten der Wirren jener Tage gefühlt hat. Es ist beeindruckend, wie er dem Erschrecken und dem Gefühl, manchmal nur ein Voyeur zu sein, Ausdruck verleiht. Es ist erschreckend, wie einfach der Weg zur hermetisch abgeschlossenen Ignoranz sein kann, wenn man sich hinter einer Aufgabe versteckt. Es ist sehr atmosphärisch, war er erzählt und wie es ihm gelingt, Nord- und Südpol der bipolaren Geschichte zu vereinen.

Wir finden viele literarische Entsprechungen, wenn wir die Rue Oberkampf Nr. 11 betreten. Hilmar Klute erzählt von der Unterwerfungvon Michel Houellebecq, jenem Roman, in dem ein muslimischer Bürgermeister Paris regiert, und der genau in den Tagen des Anschlages auf Charlie Hebdo erschien. Wir fühlen uns an Bücher zu diesen Ereignissen erinnert. Klute gelingt dieser intensive Einblick in die französische Gesellschaft in einer Intensität, die ich zuvor nur bei Virginie Despentes gefühlt habe. Ihre Trilogie über „Das Leben des Vernon Subutex“ endet dort, wo Klute beginnt. In allen Beschreibungen schwingt „Die Leichtigkeit“ mit, die an diesem 7. Januar 2015 verloren ging. Ein Verlust den Catherine Meurisse literarisch verarbeitete. Sie kam an diesem Tag zu spät zur Arbeit. Die Karikaturistin von Charlie Hebdo hatte verschlafen und überlebte den Anschlag der Al-Qaida-Terroristen nur durch diesen Zufall. All diese Bücher habe ich bereits vorgestellt. Sie ergeben eine literarische Einheit, in die sich Oberkampf nahtlos einreiht.  

Oberkampf von Hilmar Klute - Astrolibrium

Oberkampf von Hilmar Klute

Hilmar Klute verdeutlicht in seinem RomanOberkampf„, dass sich die beiden Pole seiner Geschichte ähnlicher sind, als man denkt. Die Metropole an der Seine und das Leben des Schriftstellers Richard Stein sind vergleichbar. Von sich eingenommen und nach außen hin stabil und unverletzlich wirkend. Und doch ist es kein Wunder, dass in beiden Mikrokosmen der Terror von innen angelegt ist, bevor es dem Feind von außen gelingt, sich Zutritt zu verschaffen. Hochexplosiv.

Zum Ende bleibt mir nur, ein Buch zu erwähnen, das auch von Paris und seinen Anschlägen handelt. Es ist ein Buch, das ich absichtlich nicht in die Reihe der zuvor erwähnten Bücher stelle, weil es nichts mit Charlie Hebdo und dem Januar 2015 zu tun hat. Hier beschreibt Antoine Leiris sein Leben, seine Geisteshaltung, seinen Schmerz und seine Weigerung, sich lebenslang dem Terrorismus zu beugen, als ein Mann, der seine Frau bei einem späteren Anschlag in Paris im November 2015 verloren hatte. „Meinen Hass bekomt ihr nicht“ ist eines der bewegendsten Werke, die uns zeigen, wie ein Hinterbliebener mit aufkommendem Hass umgeht und seinen kleinen Sohn vor Vorurteilen und einer weiteren Spirale der Gewalt beschützen möchte. Ein Manifest.

Oberkampf von Hilmar Klute - Astrolibrium

Oberkampf von Hilmar Klute

Ich hätte mir wirklich gewünscht, Antoine Leiris hier nicht erwähnen zu müssen. Jetzt jedoch steht sein Buch neben „Oberkampf“. Ich habe es kommen sehen und es war wohl unvermeidlich. Auch das ist Hilmar Klute. Es gibt einen dritten Pol, auch wenn man es nicht wahrhaben möchte.

Wenn ein Autor eine Brücke zwischen zwei Terror-Ufern schlägt, riskiert er, dass manche Leser den Brückenschlag für vorhersehbar halten. Für mich geht es in meiner Bewertung dieses Romans nicht um die beiden Ufer, sondern um die Tragfähigkeit der Brücke. Keine Leichtbauweise. Das steht für mich fest. Sie trägt…

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Werfen wir heute einen aufmerksamen Blick auf unser Land, dann fragt man sich, ob unsere Gesellschaft mit ihrem Wertevorrat langsam zersetzt wird. Man stellt sich die Frage, wie Deutschland aussehen würde, wenn Menschen an die Macht kämen, deren Ansichten nichts mit unserem demokratischen Grundverständnis zu tun haben. Es wird zum Horrorszenario weltoffener Menschen, akzeptieren zu müssen, dass eine Haltung um sich greift, die an die braune Ideologie der Nazis von einst erinnert. Beschneidung von Kultur, Ausgrenzung von Minderheiten, Einschränkung der Pressefreiheit und eine Abkehr von der historisch verankerten Verantwortungskultur gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus gelten schon jetzt als erklärte Ziele einer Partei, die sich als einzige Alternative für unser Land präsentiert und Menschen im Schleppnetz fängt.

Was, wenn sie an die Macht kämen? Was, wenn wir den Moment verpassen würden, noch aktiver gegen das Alternativlose in ihren Ansichten vorzugehen? Was, wenn wir in einigen Jahren mit verwunderten Augen auf ein Land blicken, das auf der Strecke der Geschichte den Rückwärtsgang eingelegt hat? Was, wenn wir unterschätzen, welches Ausmaß von Zerstörung schon heute an den Grundfesten unserer Demokratie rüttelt? Es ist extrem bitter zu erkennen, dass meine Ängste die Hoffnungen einer großen Zahl von Menschen sind. Menschen, die in meinem Umfeld leben und auf den Punkt warten, an dem wir alle nicht wachsam genug sind. Was ist, wenn man einen Roman liest, dem ein solches Szenario zugrunde liegt? Ein Roman, der aus der nahen Zukunft zu seinen Lesern spricht. Aus einer Zeit nach der Zerstörung der Demokratie. Einer Zeit, in der der Machtwechsel vollzogen ist, man auf den Trümmern der Vergangenheit die Diktatur errichtet hat, die sich so deutlich abgezeichnet hat? Dann muss man einfach lesen.

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Cécile Wajsbrot ist es gelungen, mit Zerstörung eine Dystopie zu verfassen, die in der Konstruktion eine zeitlose Relevanz erlangt. Das gelingt durch ein Höchstmaß an Anonymität in den Rahmenbedingungen ihrer Geschichte. Konkret wird sie nur selten und genau das lässt uns den Spielraum, den wir benötigen, um das Horrorszenario auf unsere Gesellschaft zu übertragen. Konkret ist Paris als Schauplatz. Das war es schon. Was sich genau zugetragen hat, wie es sich entwickelte und wann es wirklich begann, ist nicht erkennbar. Fest steht, dass sich Frankreich in einer Diktatur befindet. Konkret zu erkennen sind die Einschränkungen, die der Bevölkerung auferlegt sind und aus all diesen Fakten lässt sich ein erstes Mosaik einer Ideologie ableiten, die das Leben der Menschen in klare Bahnen lenkt.

Und diese Einschränkungen machen das Leben der anonymen Protagonistin zur Qual. Sie, die ihr ganzes Leben dem Lesen und Schreiben gewidmet hatte, findet sich in einem politischen System wieder, das ihr den Lebensraum raubt. Nichts ist mehr so, wie vor der Machtergreifung der (ebenso anonymen) Diktatoren. Jede Einschränkung ist ein Schlag in ihre intellektuelle Magengrube.

* Bücher werden konfisziert,
* das Schreiben wird verboten,
* die Kultur erfährt einen inhaltlichen Bildersturm,
* seichte Unterhaltung wird zum Programm, echte Inhalte verschwinden,
* die Grenzen sind geschlossen,
* Pflicht-Apps machen soziale Medien zum überwachten Raum,
* die freie Meinungsäußerung ist abgeschafft,
* die Vergangenheit hat ausgedient,
* alles, was älter ist, als 10 Jahre ist zu vernichten
* dazu gehören Familienfotos, Briefe und persönliche Aufzeichnungen
* nur noch die Zukunft zählt,
* das Gedenken an die Opfer von einst wird abgeschafft,
* es gibt nur noch Sieger und Verlierer im System,
* die persönliche Vergangenheit jedes Einzelnen wird gelöscht,
* das Denken wird zerstört…

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

All ihrer Waffen beraubt, versucht sich die Liebhaberin der geschriebenen Worte an die Anfänge zu erinnern. Sie sieht die Zeit vor sich, in der die Dialoge in den sozialen Medien zusehends hasserfüllter wurden, in der Fakenews die Welt eroberten und sich Parolen Raum verschafften, mit denen den ewig Gestrigen der Kampf angesagt wurde, und von der Chance derer die Rede war, die bis jetzt keine Zukunft hatten. Sukzessive breitete sich das neue Denken aus. Der Freundeskreis schrumpfte, Kommunikation in jeder Form wurde zum Wagnis und die Menschen um sie herum waren zufrieden, weil die Zeit so unterhaltsam war. Theater dienten nur noch dem Seichten, im TV sah man nur noch die Berieselung fürs Volk und die Restaurants waren gut gefüllt. Erst als man am eigenen Leib spürte, was es bedeutet, der eigenen Vergangenheit zu entsagen, ist die Stimmung in eine allmächtige Tristesse gekippt. Was dagegen tun? Wie agieren?

Hier kommt ihre Stimme ins Spiel. Wenn die „Weiße Rose“ keine Flugblätter gehabt hätte, wie hätte der Widerstand ausgesehen? Was kann man tun, wenn man sich nicht mehr mit geschriebenen Worten wehren kann? Wen erreicht man? Hier kommt ihr eine Aufforderung einer Gruppe anonymer Widerständler als greifbare Alternative vor. Man muss sich mit der Stimme wehren. Sie sei ausgewählt. Einen Sound Blog sollte sie mit ihren Erlebnissen füllen. Geheime Aufnahmen, die ausgestrahlt würden. Gegengewicht zur Zensur des geschriebenen Wortes. Verbindlich, konkret, die Zusammenhänge und Konsequenzen beschreibend. Und so beginnt sie schließlich zu sprechen. So bekommt sie das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie fühlt sich einem Netzwerk zugehörig und denkt, auf diese Art und Weise, ihren Beitrag zur Befreiung des Landes leisten zu können.

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Diese Dystopie ist wie ein Manga-Comic. Die Gesichter sind nur konturiert, lassen in jeder Hinsicht jedoch den Freiraum, das Szenario mit der selbst empfundenen Realität zu füllen. Man erfährt nichts über die Ideologie der Diktatur, der Widerstand bleibt fast unsichtbar. Die Umgebung verschwimmt in der Anonymität und so bleibt eine Dystopie, die ihre Leser mit jedem Satz in die eigene Welt katapultiert. Hier ist kein Platz, um zu behaupten, das sei an den Haaren herbeigezogen, leben wir doch heute in einer Welt der Symptome, die Cécile Wajsbrot in der Phase vor der Zerstörung beschreibt. Hier geht es um die Angst jedes Einzelnen, das Momentum zu verpassen, in dem man noch etwas hätte verhindern können. Das ist ein großer französischer Roman, der unter dem Eindruck der Gelbwesten-Bewegung entstand, und die Französische Revolution in ihrer radikalen Form einer Volkserhebung tief verinnerlicht hat. Paris mit der eigenen Stimme zu befreien, was für eine Idee. Was für eine Motivation.

Dieser Roman steht für begeistertes und erschrockens Lesen. In der Anonymität der Rahmenbedingungen liegt seine Stärke. Niemand wird dieses Buch lesen und dann einer Diskussion auf Facebook zu Umweltthemen, Rechtsradikalismus, der Leugnung des Holocaust oder Corona-Disputen folgen, ohne an Cécile Wajsbrot zu denken. Im Hier und Jetzt fühlen wir die zerstörerischen Tendenzen ihres Romans. Wir werden im tiefsten Inneren an den Wurzeln unserer Wertvorstellungen gepackt. Wir schauen uns unsere kleine Welt an und hinterfragen, was sie ohne Erinnerung wert wäre. Was sie uns noch bedeuten würde, wenn alles, was älter als zehn Jahre ist, nicht mehr greifbar wäre. Selten hat ein Roman eine solche Aktualität durch die Auslassung konkreter und kritisierbarer Fakten erreicht. „Zerstörung“ ist ein Weckruf, der lange nachhallt.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Genau diese Stärken wurden dem Buch im „Literarischen Quartett“ angekreidet. Es sei „so wahnsinnig unkonkret“, „seltsam unpolitisch“ und nur als „Angstpsychose“ zu verstehen. Hier griff die Diskussion für mich zu kurz. Es ging kaum noch darum, Leser für ein Buch zu begeistern oder sich über dessen Relevanz auszutauschen. Für mich ging es lediglich darum, wer seine Meinung eloquenter formulieren kann. Das geht am Ziel eines solchen Formates vorbei. Selten habe ich beim Lesen so gelitten, selten hat mich ein Buch so bewegt und in der Realität nicht mehr losgelassen. Als Redakteur von „Literatur Radio Hörbahn“ habe ich mich gefragt, was meine Sound-Blog-Beiträge heute bewegen oder verändern könnten. Die Poly-Anonymität und die Vagheit dieser Dystopie sind die Schlüssel zu ihrem Erfolg. Und das in einer Zeit, die ganz zufällig in einer virusbedingten Isolation verhaftet ist, die der Ansteckungsgefahr mit vergifteten Ideen in „Zerstörung“ so sehr entspricht. Aber hören Sie selbst. Mein PodCast zum Buch.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt…

Gäbe es etwas an diesem Roman zu kritisieren, dann vielleicht die Tatsache, dass es sich um ein Buch handelt. Was wäre das für ein Hörbuch. Wie intensiv könnte die Gänsehaut sein, den Sound Blog quasi als Ohrenzeuge zu erleben. Wie intensiv wären wir an die Stimme einer Frau gefesselt, die ihre geschriebenen Worte zu den Akten legt und sich hörbar neu erfindet. Vielleicht wird ein Hörbuchverlag auf das Werk aus der Feder von Cécile Wajsbrot aufmerksam. Vielleicht geht auch der Wallstein Verlag den neuen Weg angesichts der zeitlosen Dimension dieses Werks.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Dieses Logbuch in Tönen wäre ein herausragender moralischer Kompass für all jene, die einen Leitfaden für Widerstand in einer Diktatur suchen. Die Autorin hat für diese Form des Widerstands die Metapher eines Leuchtturms treffend verwendet. Das Lichtsignal bestreicht das ganze Land. Nicht alles wird erhellt, aber es kommt und geht regelmäßig. Es zeigt Gefahrenzonen auf und verhindert Tragödien. Ein einzelner Leuchtturm reicht nicht aus. Sie sind Teil einer Gruppe. Für Cécile Wajsbrot befindet sich der bedeutendste Leuchtturm inmitten von Paris. Ich sah das Lichtsignal von der Spitze des Eiffelturms. Ich glaube an seine Macht…

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Ein Nachtrag:

Die Dystopien von einst scheinen uns einzuholen. Sie werden in der Tradition von George Orwell und Ray Bradbury heute fortgesetzt von Autoren und Autorinnen, denen es darum geht, uns wachzuhalten. Das beste Beispiel ist hier „Zerstörung“ von Cécile Wajsbrot. Ich würde dieses Buch im Buchhandel neben „Fahrenheit 451“ dekorieren und Lesern die Chance eröffnen, sich diesen sozialkritischen Zukunftsszenarien noch intensiver zu nähern. Moralische Wegweiser und Frühwarnsysteme in dieser Qualität gehören zu den Ausnahmeerscheinungen auf dem Buchmarkt. Ich halte sie für extrem relevant. Hier geht´s zur brandaktuellen Buchvorstellung

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury