14. Juli von Éric Vuillard – Paris im Taumel der Revolution

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14. Juli von Éric Vuillard

Wir schreiben den 14. Juli 1789. Wir befinden uns in Paris und stehen unbeteiligt vor den Toren der kleinen Bastion, liebevoll auch Bastille genannt. Die kleine und ziemlich unbedeutende Festung war eigentlich als Teil der Stadtbefestigung geplant, hatte acht Zinnentürme und wurde im Laufe der Zeit von der immer weiter ausufernden Metropole einverleibt. So nutzte man sie als Gefängnis, in dem sich jedoch wenig prominente und zahlungskräftige Gefangene befanden. Die Haftbedingungen waren bescheiden, brutal und angsteinflößend. Die Wachmannschaft bestand aus Invaliden und Veteranen, was eigentlich zur Verteidigung der kleinen Festung völlig ausreichen sollte. Unter normalen Bedingungen. Die jedoch waren am 14. Juli 1789 nicht gegeben. Keineswegs.

Ich war erst vor kurzer Zeit hier und wusste wohl, was auf mich zukommt. Es war das fulminante Hörspiel „Brüder“ nach dem Revolutionsroman von Hilary Mantel, das mich auf die Ereignisse an der Bastille vorbereitet hatte. Die Französische Revolution hatte sich tief in mir verankert. Die Ursachen und Wirkungen des Aufstandes hatten mir die Augen geöffnet, wie umfassend die Erschütterungen waren, die eine ganze Nation bis zum heutigen Tage prägen sollten. Der Hochadel agierte fortan im wahrsten Sinne des Wortes kopflos, Könige und Königinnen legten sich unter die Guillotine und wurden mit einem konsequenten Schnitt zur Abdankung gezwungen. Ein komplexes und kaum zu entwirrendes Netz aus Ursachen, Wirkungen, Strömungen und Verwerfungen hatte zum großen Umsturz und zu einem Erdbeben für die europäischen Monarchien geführt.

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14. Juli von Éric Vuillard

Ich war also im Bilde. Ich fühlte mich bestens informiert. Und ich war auf der Hut, als ich mich jetzt lesend vor der Bastille einfand und auf die Ereignisse des Tages wartete. Und doch zweifelte ich sehr daran, dass mir Éric Vuillard in seinem neuen Roman „14. Juli“ etwas erzählen konnte, dem ich zuvor keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Es sind schmale 136 Seiten, die er sich selbst gönnt, um einen so bedeutenden Tag in der Weltgeschichte zum Erzählraum zu machen. Das sieht gegenüber Hilary Mantels Epos „Brüder“ mehr als bescheiden aus. In der Kürze liegt jedoch manchmal die Würze und Vuillard hatte mich ja bereits mit der „Tagesordnung“ vollkommen überzeugt. Ich blieb gespannt und vertraute mich dem Erzähler an, der nicht viel Raum benötigt, um Räume voller Tiefe zu erzeugen.

So stand ich also vor der Bastille und war bereit für den 14. Juli. Was mir jedoch auf den folgenden 136 Seiten zustoßen sollte, damit hatte ich nicht gerechnet. Vuillard erzählt nicht die Geschichte der Französischen Revolution. Er führt keine prominenten Redner ins Feld, die durch eloquente Appelle, den Volkszorn kanalisierten. Er streift die Ursachen für die Revolution und degradiert mich zum namenlosen Teil der Masse. Die Perspektive schlägt unmittelbar und mit grandioser Wucht zu. Vuillard macht mich zum Augenzeugen der ganz kleinen Verwerfungen, der banalen Ungerechtigkeiten und der Verschwendungssucht, die in den Adelsfamilien grassierte. Er lässt mich Paris riechen und schmecken, er lässt mich hungern und leiden, er macht mich arbeitslos oder zum einfachen Handlanger, der seine Familie nicht ernähren kann. Er lässt Wut und Hass in mir aufkommen. Er macht seine Leser zum Pulverfass der Revolution.

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14. Juli von Éric Vuillard

Danton, Robespierre, Marat oder Camille Desmoulins spielen keine Rolle. Dieser Roman benötigt keinen intellektuellen Brandbeschleuniger. Das erzeugt Vuillard in uns. Er führt uns durch ein Paris, in dem wir an allen Ecken und Kanten fühlen, was gerade aus den Fugen gerät. Er macht uns zu Wegbegleitern der ganz kleinen Leute, die sich nicht mehr zu helfen wissen. Er lässt Gerüchte aufkommen, bewegt die Masse, weil sie sich von selbst bewegt und verteilt Waffen, die eigentlich keine sind. Er hebt Anonyme aus dem Status der Namenlosigkeit heraus. Er verleiht ihnen in den kurzen Momenten, die sie aus der Masse hervorstechen, eigenes Leben. Sie gleichen Eintagsfliegen. Ihre Geschichten sind zu klein, um in Erinnerung zu bleiben.

Und doch gelingt es dem französischen Schriftsteller auf den wenigen Seiten des Romans, genau diesen namenlosen Helden der Geschichte einen kurzen Auftritt in der Weltgeschichte zu verschaffen. Hier wird Vuillard detailverliebt. Jedes Massenteilchen, das er hervorhebt, wird in Kleidung, Alltagsberuf und Herkunft genau beleuchtet, bevor es im Trubel des Chaos plötzlich erlischt. Er wirft Namen in den Raum, die zuvor noch keine Erwähnung fanden. Er verleiht der Masse ein Gesicht und lässt sie unkoordiniert handeln. Wie ein Schwarm, der nur seinen Instinkten folgt, zieht sie die Schlinge enger um das Symbol der Unterdrückung. Die Luft wird eng in der Bastille. Der Sturm fegt los.

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14. Juli von Éric Vuillard

Der 14. Juli ist ein brillant erzählter Roman, der einen besonderen Sog entfaltet. Es ist nicht die große Politik, die hier in den Mittelpunkt drängt. Es ist der unterernährte, schlecht gekleidete und ungerecht behandelte kleine Mann und die kleine Frau von der Straße, die sich hier zum Volksaufstand erheben. Es sind Stuhlverleiherinnen, Metzger, Prostituierte, Musiklehrer, Dachdecker, Handlanger, Bäcker, Kleinkriminelle, die durch die Straßen ziehen. Sie alle versammeln sich vor der Bastille. Was dann folgt, stammt nicht aus strategischen Plänen großer Denker. Es ist die Masse, die erobert und Rache nimmt. Das Ende ist uns bekannt. Die Bastille fällt, mit ihr das Königreich und dann die Anführer des Aufstandes. Die Revolution fraß ihre Kinder. Éric Vuillard jedoch schreibt ein anderes Ende. Eines, das uns unvermittelt und emotional bewegt.

Wir folgen einer Frau. Acht Monate nach dem Sturm auf die Bastille. Sie ist auf der Suche nach einem der vielen namenlos gebliebenen Helden. Éric Vuillard sei Dank, ist uns dieser Vermisste ganz kurz begegnet. Er sagt uns mehr, als alle Prominenten. Wir sind ihm näher, weil er für einen ganz kurzen Moment seine Jackenknöpfe ins Licht der Weltgeschichte gehalten hat. Vuillard beschreibt den Mikrokosmos Revolution und geht dabei im Kern seiner Geschichte weiter, als es dieses Buch erwarten ließ. Spätestens, wenn wir am Tag nach der Erstürmung der Bastille den Papierregen sehen und uns die Gefangenenregister vorstellen, die vom Volkszorn vernichtet werden, denken wir auch an andere Revolutionen, denken wir an STASI-Archive, die ihren Niederschlag fanden. Der „14. Juli“ ist eine Revolution der Perspektive auf die Revolution. Lesenswert.

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14. Juli von Éric Vuillard

14. Julivon Éric Vuillard / Matthes & Seitz Berlin / aus dem Französischen übersetzt von Nicola Denis / 136 Seiten / gebunden / 18 Euro

„Brüder“ von Hilary Mantel – Eine Revolution fürs Ohr

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Hörspiele haben gute Tradition. Sie zeichnen sich durch Atmosphäre, Soundeffekte, musikalische Untermalung und eine Vielzahl an Charakteren aus, die das Geschehen mit ihren Stimmen prägen. Hörspiele stehen hoch im Kurs und haben sich zu einer eher eigenständigen Gattung innerhalb der Hörbuchwelt etabliert. Sie sind wie Filme für die Ohren. Sie erzeugen ein akustisches Kopfkino, dem man sich schwer entziehen kann. Wichtig ist jedoch, dass die Anzahl der Rollen überschaubar bleibt. Entscheidend ist es für den Hörgenuss, dass die Stimmen einen hohen Wiedererkennungswert haben, weil man sie ansonsten allzu schnell verliert und sich ratlos fragt: Wer war das denn jetzt?

Hier kommt es schon auf die Auswahl der Romanvorlage an, die man als Hörspiel zu einem unvergesslichen Erlebnis machen möchte. Eine Handvoll Protagonisten und ein paar wichtige Nebenrollen sollten schon ausreichen ohne den Hörer zu überfordern. Wer jedoch kam auf die Idee, sich einen Roman auszusuchen, der genau hier schon in gebundener Form die größten Kritikpunkte einstecken musste? Wer kam auf die Idee, einen Roman über die Französische Revolution, den Sturm auf die Bastille, die Wirren des Aufruhrs, überbordende Nationalversammlungen und Wohlfahrtsausschüsse, Adel und Bürgertum, Armee und internationale Verstrickungen auszusuchen? Wenn man im Roman „Brüder“ von Hilary Mantel das dramtis personae aufschlägt, denkt man, es in einem einzigen Buch mit dem gesamten Who is Who der untergehenden Monarchie zu tun zu haben.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Nicht weniger als 18 Protagonisten prägen die Handlung der „Brüder“. Und damit noch lange nicht genug. Mehr als 200 Rollen galt es zu besetzten. Vom kleinen Mann auf der Straße bis zum Erfinder der Guillotine, vom schottischen Zeitzeugen bis zu den aufgeregten Bürgern in den großen Versammlungen. Vom eher kopflosen Adeligen bis zur ewig lockenden Maîtresse. Dazu ein paar Pferde, Kanonen, Kutschen und eine für die Handlung des Romans nicht ganz unwichtige, gut funktionierende Guillotine, die es klangvoll möglich macht, Köpfe rollen zu lassen. Nicht zu vergessen ein Orchester und Chöre für Revolutionsgesänge und Hymnen. Das war`s dann aber auch schon. Nun ja, fast, da man ja auch die drei absoluten Hauptfiguren mit unterschiedlichen Stimmen zu besetzen hatte. Entsprechend der Zeitscheiben ihres Auftrittes. Als Kind, Jugendlicher und zuletzt Erwachsener. So hat man es hier unversehens mit einer riesigen Crew von Haupt-, Nebenrollen sowie Statisten zu tun, die man eigentlich nur in Monumentalfilmen aufbietet. Aber bei einem Hörspiel?

Wer kommt auf eine solche Idee? Regisseur Walter Adler hatte wohl nicht die Angst, angesichts dieser Herkulesaufgabe seinen Kopf zu verlieren. So entstand im WDR eine Produktion, die man als bahnbrechend bezeichnen muss. Dreizehn Stunden dauert die Französische Revolution, die im WDR in 26 Teilen als Serie ausgestrahlt wurde. Mutig und revolutionär wirkt alles, was man hier auf die Beine gestellt hat, um uns in das Jahr 1789 zurückzuversetzen. Dabei ist es dem Regisseur grandios gelungen, einen Roman in einen Hörgenuss zu verwandeln, der in allerhöchster literarischer Güte den Umsturz einer Weltordnung in den Mittelpunkt stellt. Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Spruch, der in „Brüder“ zum Mantra einer ganzen Geschichte wird. Allianzen, Freundschaft und Verrat, unkalkulierbare Zufälle, vorherbestimmtes Schicksal und Willkür bis zum Terror sind die Determinanten dieses Epos. Wer ein Faible für lebendige Geschichte hat, der kommt an diesem fulminanten Hörspiel nicht vorbei.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Wer Maximilien Robespierre, Georges Jacques Danton und Camilles Demoulins bei ihrem Kampf gegen die französische Monarchie, die Vorherrschaft des verwöhnten Adels und die große Ungerechtigkeit der Welt erleben möchte, dem bleibt nur sich Zeit zu nehmen, sich entspannt zurückzulehnen und ganz vorsichtig und ehrfurchtsvoll auf die Playtaste des guten Hörens zu drücken. Der Audio Verlag hat das Hörspiel auf 13 CDs in einer hochwertigen Edition mit Booklet veröffentlicht. Wer mag, kann sich dazu noch die Romanvorlage von Hilary Mantel aus dem DuMont Buchverlag als Referenz besorgen und dann kann es losgehen. Hier wartet kein avantgardistisches Hörspiel auf seine Opfer. Hier wird nicht experimentiert. Hier bleibt man so eng an der Buchvorlage, dass die Hörspieldialoge im Roman wortwörtlich wiederzufinden sind. Hier hat man es geschafft, einen Kostümfilm für die Ohren zu „drehen“, der seiner literarischen Vorlage gerecht wird.

Bestechend die Stimmen. Bestechend die Art und Weise, wie sich die Sprecher in ihre Rollen fallen lassen und beeindruckend, wie leicht es ist, sich nur akustisch durch diese opulente Geschichte zu navigieren. Man ist verleitet, die Augen zu schließen und das Gehörte mit den Bildern zu kombinieren, die vor dem geistigen Auge entstehen. Es ist Versailles, das auditiv greifbar wird. Es ist die Bastille, die wir zu sehen glauben und es sind die Barrikaden in Paris, die wir schreiend gegen die Übermacht der Monarchie verteidigen. Es sind die kleinen Gestalten am Rande des Aufstandes, die uns mitreißen und es sind die großen Redner der Volksbewegung, die uns atemlos fesseln. Es ist ein Sturm, den dieses Hörspiel entfacht, der uns vorantreibt, niemals jedoch abdriften lässt. Dieses Hörspiel riecht und schmeckt nach Blut. Es fühlt sich an wie Begierde und sieht aus, wie der tiefste menschliche Abgrund. „Brüder“ ist ein revolutionäres Ereignis.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Es ist die große Geschichte dreier Jugendfreunde, die sich zu Wortführern gegen eine Monarchie erheben, die in Saus und Braus auf Kosten des einfachen Volkes lebt. Es sind drei einzigartige Lebenswege voller Leidenschaft, Liebe und Zuneigung die sich in Paris wiedervereinen. Es sind starke Stimmen ihrer Zeit, die eine Epoche prägen und die Massen bewegen. Danton, der ewig verschuldete Lebemann, dem Gerechtigkeit im Blut liegt, solange sie seinem Vorteil dient. Robespierre, der eloquente Taktiker, der im Trubel der Ereignisse die eigenen Freunde nicht aus dem Auge verliert. Und schließlich der stotternde Camille Desmoulins, der Blut sehen will, der die Massen anstachelt und sich in seinen widersprüchlichen Gefühlen zur Mutter seiner Frau Lucille und zu seinem Freund Robespierre zu verrennen droht. Emotionen kochen hoch, Barrikaden brennen, Zeitungen mit wilden Aufrufen werden gedruckt, doch zuletzt muss jeder für sich selbst feststellen, dass er der Dynamik eines entfesselten Mobs nichts entgegenzusetzen hat.

Die Guillotine hat Hochkonjunktur. Dass Blut des Adels fließt zuerst, dann folgen die Verräter, danach die Profiteure und zuletzt die Häupter der Köpfe der Revolution. Es ist unvorhersehbar und doch seltsam vorbestimmt, was ihnen zustößt. Freundschaft steht auf dem Prüfstand und endet auf dem Schafott. Liebe scheitert an Ambitionen und die Kerker der jungen Nation quellen über vor Opfern einer Terrorherrschaft, die anklagen darf ohne zu beweisen. Inhaltlich ein grandioser Gobelin-Wandteppich, der Geschichte lebendig werden lässt. Akustisch ein Meisterwerk der großen Stimmen. Jens Harzer in einer starken Interpretation eines Robespierre, dessen Sprechpausen seine Reden zu wahren Hinrichtungen erhoben. Robert Dölle als wagemutiger Danton, der nichts dem Zufall überlässt. Und der stotternde Matthias Bundschuh (für mich DIE Stimme dieser Inszenierung) als Camille Desmoulins, dessen Sprachfehler sich in Luft auflöst, wenn er die Stimme erhebt und zum Volk spricht.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Starke Frauen in kleinen Rollen. Bekannte Stimmen gut versteckt und noch sehr viele Aha-Erlebnisse des guten Hörens, wenn man zum Beispiel Axel Milberg als Comte de Mirabeau wiedererkennt. Eine grandios wienerische Marie Antoinette und Lucille, die uns ihr Tagebuch voller Emotionen öffnet. So viele Momente, die unvergessen bleiben und eine so groß angelegte Geschichte, die in sich revolutionär ist. Der Zufall regiert an Stelle des abgesetzten Königs. Der Terror zieht seine Kreise und am Ende ist man froh, mit heiler Haut aus Paris herausgekommen zu sein. Ein Thema, das nicht antiquiert ist. Spätestens, wenn man in den Nachrichten die Gelbwesten in Paris beobachtet, Brände in den Straßen und Barrikaden auf den Champs Elysées entdeckt, dann ist man schon versucht „Liberté, Égalité und Fraternité“ zu rufen und sich schnell aus dem Staub zu machen. Aber ganz schnell.

„Brüder“ war für den Deutschen Hörbuchpreis 2019 als „Bestes Hörspiel“ nominiert und stand auf der heiß umkämpften Shortlist. Leider ist mein Favorit leer ausgegangen. Für mich jedoch ist es der heimliche Gewinner aller Auszeichnungen, die ich in meinem Hören zu vergeben hätte. Unvergessen bleibt für mich die Guillotine, jenes Fallbeil, das eine Schneise in die Besetzung des Hörspiels fräst. Mit den überlebenden Charakteren könnte man am Ende des letzten Aktes gerade mal Skat spielen. Unerhört hörenswert.

Weitere Hörspiele in der kleinen literarischen Sternwarte. Verspielt, romantisch und ganz einfach bezaubernd.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Mit Éric Vuillard zurück nach Paris: 14. Juli – 1789 – Der Sturm auf die Bastille.

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14. Juli von Éric Vuillard

„Der Schmerz“ von Marguerite Duras [Hörbuch]

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

La Douleur. Lassen Sie sich dieses Wort auf der Zunge zergehen. Spüren Sie, wie es immer schwerer wird, sich einfach nicht runterschlucken lässt und nur darauf wartet, im richtigen Moment zuzuschlagen, um eine alles zersetzende Kraft freizusetzen? Spüren Sie die zerstörerische Macht in diesem französischen Wort? Es steht über einem Buch der großen französischen Autorin Marguerite Duras. Es steht für dieses Buch und jetzt dringt es auch in meine Ohren vor, verschafft sich Gehör und vergewaltigt den Glauben an das Gute im Menschen. Ich kann das im Folgenden vorgestellte Hörbuch nicht ohne schlechtes Gewissen empfehlen. Ich kann den Inhalt zum Muss eines Diskurses eines kritischen Lesens und Hörens gegen das Vergessen der Opfer des Nationalsozialismus erheben. Aber ich kann es nicht empfehlen, weil es nur bei bester geistiger Konstitution verkraftbar ist.

Der Schmerz“ von Marguerite Duras

40 Jahre haben die Texte in ihren Manuskripten geschlummert. Wie ein Tagebuch memorierte sie ihre Erinnerungen zum Kriegsende. Die Befreiung ihrer Stadt Paris von den Nazis. Den Umschwung der Stimmung in der Bevölkerung und die Farben, die nun wieder sichtbar wurden, nach den Jahren des braunen Terrors. Wahre Texte. Biografie pur. Und daneben Texte, in denen sie fiktional mit den Erlebnissen dieser Monate und mit ihrer eigenen Rolle in der Resistance umgeht. Befreiung steht über allem, habe ich gedacht. Das Aufblühen einer Nation nach der Unterdrückung, so stieg ich in die Texte ein. Dabei hätte mir klar sein müssen, warum sie so lange unveröffentlicht blieben. Zu groß war „Der Schmerz“ der alles überlagerte. Zu verstörend, jedes Detail und jede zu präzise Erinnerung. La Douleur. Der Schmerz. Wer ihn verkraften kann, der möge mir folgen und immer den Appell von Marguerite Duras vergegenwärtigen:

„Lernt zu lesen. Es sind heilige Texte“

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

„Der Schmerz“ steht für die Ungewissheit dieser Tage. Er steht für das Warten auf ihren Ehemann, der als Angehöriger des Widerstands von den Nazis deportiert wurde. Er steht für die Sehnsucht einer Frau und die Sorge um den Mann, den sie liebt. Es ist der überbordende Schmerz, der Marguerite Duras miterleben lässt, wie die Heimkehrer Paris fluten. Die Deportierten aus den Konzentrationslagern. Es ist ihr Zustand, der sie verzweifeln lässt. Es ist der Hass der Franzosen, den sie miterlebt und mitträgt, als die freiwilligen Hilfsarbeiter aus dem besiegten Deutschland zurückkehren. Es ist der Hass gegenüber den Kollaborateuren, der die Seele zerfrisst. Es ist das Psychogramm einer Frau, die nicht weiß, wohin mit ihrem Schmerz.

„Der Schmerz“ überlagert das Hören. Heilige Texte. Schonungslos und ohne jeden Hauch von Rücksichtnahme auf sich selbst oder die Gefühle anderer beschreibt sie die Rückkehr ihres Mannes. Totgeglaubt. Jetzt steht er vor ihr. Sein Zustand. Unerträglich. Robert Antelme (L. genannt) ist zuhause. Zurück aus Dachau. Abgemagert auf nur 37 Kilogramm. Ausgezehrt. Traumatisiert. Fertig mit dem Leben. Zu keiner Regung fähig. Ein Pflegefall. Sie gibt sich der Pflege über Wochen hin. Hilft dabei, ihren Mann wieder aufzupäppeln, lässt keine Beschreibung aus. Nichts, was unbeschrieben bleiben sollte, erspart sie uns. Nichts erspart sie ihm. Seine Ausscheidungen, sein Essverhalten, sein Mangel an dem, was ihn zu ihrem Mann gemacht hatte. Nichts bleibt unausgesprochen. Sie ekelt sich. Sie entfernt sich emotional von dem Mann, den sie so herbeigesehnt hat. Am Ende bleibt ihm nur, gesund zu werden, um zu erfahren, dass sie ihn verlassen und sich scheiden lassen muss. Hart. Zum Kotzen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

Der Opfergang des Robert Antelme endet nicht mit der Befreiung. Die Freiheit wird lediglich zum anderen Rahmen seines Siechtums. Man hat das Gefühl, Frankreich sei am Ende noch ein weiteres Mal besiegt worden. Mir hat sich hörend der Magen häufig umgedreht. Mir wurde schlecht. Nur wer auf dem Boden dieser Erkenntnis zuhören und lesen kann, wird verstehen, wie traumatisiert Marguerite Duras selbst war. Nur wer hier bei der Stange bleibt, wird die unglaubliche Tragweite dieses Werks ermessen können. Marguerite Duras erhebt die Opfer des Nationalsozialismus aus der kleinen regionalen Ebene heraus, die sie einnehmen. Sie macht aus ihnen keine Opfer der Deutschen. Es sind die Opfer der Menschheit. Jeder trägt Verantwortung für die Entgleisung humaner Weltanschauungen im Zweiten Weltkrieg. Sie wirft ihren Hut in einen globalen Ring und gibt dem Leid der Opfer einen übergeordneten Sinn. 

Es ist schwer, diesen Texten zu folgen. Wobei nur der Schmerz autobiografisch bis zum letzten Blutstropfen ist. Die weiteren Texte zeigen, wie es ihr als Autorin gelang, in ihrem fiktionalen Schreiben zu verarbeiten, was nie zu verkraften war. Das ist erfunden. Das stellt sie diesen Texten voran. Und doch schlägt sie eine Brücke, indem sie betont, dass sie selbst unter anderem Namen darin vorkommt. Als „Therese“ übt sie Rache. In schonungslosen Sequenzen schildert sie die Folter eines Gestapo-Kollaborateurs. Hier liegt die andere Seite der Gewalt auf dem Seziertisch ihres Buches. Sie beschreibt die Geschichte eines Nazis, der sie in seine Gewalt bringt, sie unter Druck setzt, sie hoffen lässt, er könne ihren Mann befreien. Sie schildert die Ambivalenz der Gefühlslage und lässt den Gestapo-Mann nach der Befreiung auffliegen. Vor Gericht jedoch sagt sie zu seinen Gunsten aus. Unfassbar und paradox und doch so typisch für die Zeit.

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Der Schmerz von Marguerite Duras

Am Ende des Schmerzes bleibt ein flammender Appell, dem ich gerne folge. Das Grauen ist zu groß, um es klein zu halten. Kollektivschuld vor individuellem Versagen. Marguerite Duras bricht mit dieser Aussage alle Tabus, lässt alle Grenzen fallen und ist die wahre Avantgardistin im Denken für ein gemeinsames Europa. Ich verneige mich.

„Die einzige Antwort, die sich auf dieses Verbrechen geben lässt, ist die, daraus ein Verbrechen aller zu machen. Es zu teilen. Ebenso wie die Idee der Gleichheit, der Brüderlichkeit. Um es zu ertragen, um die Vorstellung davon auszuhalten, das Verbrechen teilen.“

Der Schmerz in der Hörbuchfassung von Der Audio Verlag ist brillant. Ungekürzt warten fast sechs Stunden auf 5 CDs gelesen von Doris Wolters auf uns. Ich kann das Hörbuch nicht empfehlen. Nein. Ich kann es nur ans Herz legen, wenn man in der Lage ist, es zu verkraften. Doris Wolters lässt die Ambivalenz der Gefühle und die Perversion allen Denkens in unseren Ohren nachhallen. Sie ist verliebt, verzweifelt, brutal, verwirrt und angeekelt. Sie spricht Marguerite Duras wohl aus der Seele, so wie sie diese Texte eingelesen hat.

Lernt zu hören. Es sind heilige Texte. Gegen das Vergessen. Mehr zum besetzten Frankreich in der Literatur: HIER

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Der Schmerz von Marguerite Duras

„Serotonin“ – Michel Houellebecq provoziert meine Sinne

Serotonin von Michel Houellebecq - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

„Die bei Captorix am häufigsten zu beobachtenden unerwünschten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Libidoverlust, Impotenz.
Unter Übelkeit habe ich nie gelitten.“

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Oh man wird ihn lieben und hassen, verfluchen, vergöttern, verteufeln, in der Luft zerreißen und in den Himmel heben. Man wird ihn mit Literaturpreisen überhäufen, in Rezensionen und im Feuilleton über ihn herfallen, ihn in Interviews anhimmeln und zum Abschuss freigeben. Man wird ihn karikieren, mit Superlativen verehren und ausweiden. Man wird ihn wie eine Sau durchs Dorf treiben und ihn mit Lorbeeren schmücken. Und all dies, weil er ein Buch geschrieben hat. Die Rede ist von Michel Houellebecq. Es ist vulgär, wird man sagen. Es ist absolut brillant, wird man schreiben. Es ist der Abgesang eines abgehalfterten Autors in der größten Krise seines Lebens, wird man titeln. Und all das, weil er einen Roman geschrieben hat. (Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn)

Serotonin von Michel Houellebecq - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq – Die Rezension fürs Ohr

Michel Houellebecq. Der ständig polarisierende und durch die zerrissene französische Gesellschaft mäandernde Intellektuelle provoziert sich mit „Serotonin“ erneut ins Herz aller Diskussionen. Hatte er zuletzt mit „Unterwerfung“ die politischen Kontroversen in seinem Heimatland mit einem islamhaltigen Brandbeschleuniger zum Kochen gebracht, so ist es nun die depressive und libidinöse Abrechnung eines Mitvierzigers, der in einer frauenverachtenden Rückschau auf sein bisheriges verkorkstes Leben zum Entschluss kommt, nur noch der finale Ausstieg wäre der geeignete Schlussstrich unter ein Kapitel, das ausschließlich durch die Höhe des Serotoninspiegels beherrschbar war.

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Wir begegnen Florent-Claude Labrouste, 46 Jahre alt, erfolgreicher Mitarbeiter im Landwirtschaftsministerium und depressiv. Diese jungen Mädchen“ sind Auslöser der wohl größten Krise seines bisherigen Lebens und gleichzeitig Stoppschilder seiner den Alltag bestimmenden Lust auf Sex. „Diese jungen Mädchen“ sind es, denen er zur Seite steht, denen er hilft einen Reifen zu wechseln und bei denen er gleichzeitig sieht, dass er sich darüber hinaus NICHTS mehr von ihnen zu versprechen hat. Er, der schon seit geraumer Zeit, zur Bekämpfung anhaltender Depressionen, unter dem Einfluss von Captorix steht, hat jegliche Standfestigkeit in Bezug auf seine Männlichkeit verloren. Er leidet unter der Perspektivlosigkeit, wohl nie wieder eine Frau ins Bett zu bekommen.

Und das passiert ausgerechnet IHM. Dann schöpft er rückblickend aus dem Vollem seiner erotischen Erinnerungen, seiner Experimente, seiner Unfähigkeit Sex und Liebe miteinander in Einklang zu bringen. Hier sieht er sich plötzlich auf den Trümmern seiner Existenz, die sich in materieller Hinsicht eigentlich auf der Habenseite befindet. Es liest sich nur mit Schaudern, was Florent-Claude über die Frauen schreibt, mit denen er sich bisher auf welche Art und Weise, wo und wie auch immer gepaart hat. Sein Frauenbild ist menschenverachtend, oberflächlich und sprachlich vulgär katastrophal. Hier liegt der Schlüssel für den letzten Bilanzstrich des pornografischen Buchhalters seiner selbst.

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Reißleine, Ausstieg, Flucht und die Sorge, zumindest immer ein Raucherzimmer in den Hotels auf seiner finalen Reise zu finden, werden zu den Bestimmungsgrößen des Schlussakkords, den Houellebecq so komponiert, dass man im Fluss der „sentimental journey“ seines Protagonisten nicht mehr aus dem Lesen hinauskommt. Erst ganz am Boden liegend, sich von aller Oberflächlichkeit befreiend, wird die Sehnsucht in Florent-Claude wach, an die Orte seines emotionalen Scheiterns zurückzukehren und sich der Frau anzunähern, die er vermisst, seitdem er sie schändlich betrogen und verloren hat. Klarsichtig und unverfälscht verläuft die Analyse des Scheiterns. Schonungslos betreibt der Aussteiger die Jagd nach seinem früheren Ich. Hotels werden zu seinem Zuhause.

Wir erleben nicht das strahlend schöne und wildromantische Frankreich, das wir uns so gerne vorstellen. Wir befinden uns nicht im Paris der Touristen und Lichter. Wir sind im Herzen der „Grande Nation“ angekommen, in der Gelbwesten ohne Westen auf Polizisten losgehen und sich todesmutig für eine bessere Zukunft aufopfern. Wir sind in dem Frankreich angekommen, in dem Virginie Despentes ihren Vernon Subutex zum vagabundierenden Obdachlosen und Grenzgänger zwischen sozialen Schichten macht, in dem Leïla Slimani literarischen Kindsmord betreibt und sich der Hass eines Antoine Leiris nicht haben lässt. Es ist das Paris einer Delphine de Vigan, die schon lange die Loyalität gegenüber der malerischen Kulisse an den Nagel gehängt hat. Es ist die Tour de France eines kettenrauchenden Bestsellerautors, der polarisierend provozierend die Werte herausarbeitet, die sein Florent-Claude mit Füßen getreten hat.

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Ich war jetzt in meiner eigenen Hölle, die ich mir nach meinen eigenen Wünschen gebaut hatte.

Ich wusste lange Zeit nicht, wie weit ich Michel Houellebecq auf diesem Höllenritt folgen wollte. Sein Roman „Serotonin“ hat mich mit verstörenden Sequenzen oftmals zu sehr abgeschreckt. Ich habe mich dem Protagonisten in seinem Menschenbild kaum annähern können. Und doch verspürte ich von der ersten Seite an, dass ich zum Opfer eines literarischen Spiels werden sollte. Ich las weiter, mein Serotoninspiegel stieg, ich war in der Lage, verstörende Bilder zu verkraften und in den Kern des Wesens dieses Romans vorzustoßen, den ich nicht mehr erwartet hatte. Es ist die Tristesse, die man hinter sich lassen muss, um verlorene Werte zu erkennen. Es ist die hässliche Fratze, die man im Spiegel sieht, die es zu zerschlagen gilt, um einen Weg zu finden, der nicht mehr auf der Landkarte des Lebens verzeichnet ist.

Wenn alle Masken fallen und alle Fehler der Vergangenheit offenkundig werden, erst dann ist man soweit, am Ende der Bilanzierung eine Entscheidung zu treffen. Erst dann erschließt sich das eigene Leben für jene Menschen, die uns so gerne begleiten würden. Erst dann ist eine letzte Diagnose möglich. „Ich habe den Eindruck, Sie sind schlicht dabei, vor Kummer zu sterben.“ Ich bin auf eure Meinung zu Serotonin sehr gespannt. Ein Roman, der nach Disput schreit, zur Diskussion anregt und polarisiert. In jeder Beziehung echte Literatur, weil die Oberfläche sich niemals kräuseln würde. Tiefe erzeugt Stürme. Nur sie…

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

„Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Es ist schon so ein Kreuz mit Trilogien. Spätestens im Mittelband merkt man, wohin der Hase läuft, was man vom Ende erwarten darf und ob die zuvor investierte Lesezeit verschwendet war. Mittelbände lügen nicht. Entweder dienen sie als Story-Streckmittel, oder sie greifen relevante Fäden auf und man merkt als Leser, dass die Trilogiestruktur extrem sinnvoll war. „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes ist an der Stelle angelangt, an der sich die literarischen Geister normalerweise scheiden. Am Ende eines starken Mittelbandes lag so viel Potenzial in der Luft, dass ich es nur kaum erwarten konnte, das Ende endlich lesen und hören zu dürfen. Meine Rezension leitete in die offenen Fragen über, die der Schlussband zu beantworten hatte…

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Es gilt einen Mord aufzudecken, verloren geglaubte Tonbänder wiederzufinden, eine sich radikalisierende Tochter vom Islam fernzuhalten, für brutale Überfälle zu büßen, in Freundschafts-Kummer zu verfallen und ganz nebenbei die Stadt und sich selbst immer wieder neu zu definieren. Grandios, wie Virginie Despentes bekannte Fäden aufgreift, sie mit neuen verbindet und dann zu einem Spinnennetz verwebt, in dessen Mitte sie in aller Seelenruhe ihre Fäden zieht. Egal, wo sich etwas bewegt, alles vibriert. Es ist kein Ende in Sicht, wenn wir das Buch oder seine Hörbuchfassung verlassen. Es wird schon alles gutgehen. Es wird alles weitergehen. Es wird schon werden. So sitzt man vor dem letzten Wort dieses Mittelbandes. Wir werden Zeugen, wie sich eine Subkultur bildet, in deren Mittelpunkt niemand anderes steht, als der charismatische Looser Subutex. Nein, es endet nicht in Paris. Ja, ich freue mich auf die Fortsetzung und das Ende der Story, die mich immer noch bewegt. Ich freue mich auf alte und neue Bekannte. Oh ja, ich bin schon sehr gespannt auf „Das Leben des Vernon Subutex – 3“. Wir sehen und hören uns wieder… Versprochen…“

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Ich löse mein Versprechen ein. Hier bin ich wieder. Und nun am Ende des Lesens und damit am Ende der „Vernon-Subutex-Trilogie“ angelangt. Es ist nicht leicht, im Rückblick auf drei Bücher ein schlichtes Fazit zu ziehen. Virginie Despentes hatte mehr mit ihren Lesern vor, als man erwarten konnte. Das weiß ich jetzt. Sie hat nicht nur eine Aussteiger-Story erzählt. Sie hat uns nicht nur die Türen zu Menschen aufgestoßen, die in jeder Hinsicht für das moderne Frankreich in all seiner Zerrissenheit stehen. Wir sind der Erzählerin Despentes auf den literarischen Leim gegangen, denn während sie uns manchmal mit Nebenkriegsschauplätzen und scheinbar Belanglosem einlullte, bereitete sie den großen Anschlag auf unser Lesen vor.

Während wir davon ausgingen, Vernon Subutex und seine Freunde einfach noch ein wenig länger durch Paris begleiten zu dürfen, waren wir in Wirklichkeit schon Teil eines großen Plans, der im Schlussband der Trilogie gnadenlos aufging. Ja, diese Trilogie ist zutiefst politisch. Ja, sie ist ein Breitspektrum-Literarikum, das vom sozialen Zentrum ausgehend, alle extremen Ränder berührt. Ja, sie ist ein gesellschaftlicher Sandkasten, in dem uns ein Paris vor Augen geführt wird, das nur noch an der Oberfläche halbwegs intakt ist. Dabei bröckelt es schon an allen Ecken und Enden und nicht nur die Metro ist dabei, die Stadt weiter zu unterhöhlen. Jetzt fallen die Fassaden, jetzt wird der Plan der Autorin offensichtlich.

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

All die Menschen, die uns im Roman zuvor begegnen, all die kleinen und großen Geschichten münden in eine Geschichte, die uns nur zu gut bekannt sein sollte. Wir begegnen dem Terror in Paris. Wir erleben die Auswirkungen des ersten Anschlags auf die Seele der Stadt. Noch indirekt, aber spürbar. Was mit Charlie Hebdo beginnt, setzt sich im Bataclan fort. Wir erleben eine Stadt in Schockstarre, im Lähmungszustand, im Taumel. Wir fühlen mit den Protagonisten des Romans, wie der Stolz böckelt und jedes Empfinden von Sicherheit verlorengeht. Virginie Despentes hat uns die Türen geöffnet, hinter denen sich jetzt jeder zu verstecken versucht. Und doch geht die Handlung mehr als verzweifelt weiter. Die Subkultur rund um den neuen Heilsbringer Subutex wird zur verschworenen Gemeinschaft, in der die Musik einer längst vergangenen Zeit um sich greift. 

Alte Rechnungen werden beglichen und die Subkultur frisst ihre Kinder. Mit dem Chaos in Paris fallen auch alle persönlichen Schranken. Terror wird gesellschaftsfähig. Eine zweite große französische Revolution lässt Köpfe rollen. Ein ganzes Land verliert seine Unschuld und während wir noch denken, im finalen Schlussakkord angekommen zu sein, geht Virginie Despentes einen Schritt weiter. Sie führt uns in ein Szenario, das ich literarisch nur mit der „Roten Hochzeit“ von George R.R. Martin vergleichen kann. Den realen Anschlägen folgt nun ein fiktiver. Erfunden. Den Islamisten folgen die neuen Rechten. Die Opfer, erfunden. Fiktiv. Und doch so authentisch und plausibel, als hätten wir gerade eine Nachrichten-Sondersendung gesehen. So greifbar und ultimativ, als sei es wirklich passiert. So schockierend, weil wir die fiktiven Opfer kennen.

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Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Ein Finale Furioso, das ich so niemals erwartet hätte. Ein Ende, das der Trilogie die Krone aufsetzt und ihr gleichzeitig alle Zacken aus der Krone bricht. Nichts ist Virginie Despentes heilig. Nicht mal die Struktur ihres eigenen Romans. Aus einer realsozialen Ausgangssituation für eine erfundene Geschichte erwächst eine Gesellschaftsutopie, in deren Fortgang die französische Autorin alle Grenzen sprengt. Am Ende bleiben keine Fragen offen. Auf dieses Spiel lässt sich diese Autorin nicht ein. Ebenso wenig, wie sie einer möglichen Fortsetzung eine Chance einräumt. Sie ist nicht denkbar. Ende.

Ich kann diesen letzten Schritt nur von Herzen empfehlen. Ich hörte und las. Meine Gedanken waren oft in Paris in diesen Tagen. Wie geht es Vernon Subutex? Kommt er jemals wieder auf die Füße? Gelingt es Celeste und Aicha, sich vor dem rachsüchtigen Dopalet zu verstecken? Was macht die Vero mit dem unerwarteten Reichtum? Gelingt es Max, den aufflammenden Rassismus im Zaum zu halten und wie ergeht es anderen Charakteren, denen wir in dieser Trilogie begegnet sind? Keine Sorge, Sie werden alles erfahren. Restlos. Am Ende der Trilogie versammelten sich die Bücher meines Lesens, die von „Vernon Subutex“ tangiert wurden zu einem Abgesang auf diese Trilogie. Und ganz am Ende höre ich die letzten Worte der Hörbuchfassung, die wie ein Lamento des herrausragenden Sprechers Johann von Bülow dem Abgesang eine persönliche Note geben. Seine Stimme steht wie der Arc de Triomphe über dieser Trilogie und trägt sie.

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Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Vernon Subutex berührt nicht nur Leser. Er tangiert viele Bücher meines Lebens.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse
Meinen Hass bekommt ihr nicht von Antoine Leiris
Unterwerfung von Michel Houellebecq

Paris… Ans Herz gewachsen…

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

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