„Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury

Das Mädchen, das in der Metro las

Kann eine Reise das Leben verändern? Ich denke, ja. Bis vor wenigen Monaten war ich lediglich literarisch in den Straßen von Paris unterwegs, habe die Metropole an der Seine im Wandel der Zeit erlebt und bin in Kathedralen, Cafés und Buchhandlungen im Herzen der Stadt den wohl wichtigsten Schriftstellern meines Lesens begegnet. Ich sah den Louvre in Händen der Nazi-Besatzer, erlebte Krönungen und Revolutionen, spürte den vibrierenden Sound der Zwanziger Jahre, sah gekrönte Häupter den Kopf verlieren und wurde zum Zeugen des Scheiterns einer Heiligen Jungfrau, die Paris befreien und für ihren König erobern wollte. Jeanne d´Arc brannte für diese Stadt. All dies durfte ich ganz nah empfinden, als ich Paris erstmals mit eigenen Augen sah. All dies ließ ich auf mich wirken. Ich hatte lange davon geträumt.

Das Mädchen, das in der Metro las

Ich war fasziniert von der Schönheit dieser Stadt. Ich spürte, dass Bücher hier eine ganz besondere Rolle spielen. Nicht nur in Bibliotheken oder Buchhandlungen, sondern auf den Straßen von Paris. Fliegende Buchhändler verwandeln Bushaltestellen in feine und erlesene Treffpunkte für bibliophile Bewohner und Touristen. Bücherregale vor den Schaufenstern der großen Büchertempel vermitteln den bleibenden Eindruck, dass ein Buch in Paris ein willkommener spontaner Wegbegleiter ist. Überall wird gelesen. Es ist der Pulsschlag der Literatur, den ich dort gefühlt habe. Kein Ruhepuls, echt nicht. In der Metro dachte ich immer wieder daran, wen ich hier im Lauf der letzten Jahrzehnte wohl getroffen hätte. Wer in den Zügen jener unter- und überirdischen Linien unterwegs war, um Freunde zu treffen, die Stadt fluchtartig zu verlassen oder den Rausch der Nacht in vollen Zügen zu genießen. Eine Liste dieser besonderen Menschen habe ich ans Ende dieses Artikels gestellt.

Das Mädchen, das in der Metro las

Es ist mir eine besondere Ehre, Euch eine ganz besondere junge Frau vorstellen zu dürfen, die aus literarischer Sicht am heutigen Tag das Licht der Welt erblickt. Eine junge Frau, der ich gerne in der Metro begegnet wäre, weil ich ganz genau weiß, dass wir uns gegenseitig ganz genau unter die Buchlupe genommen hätten. Sie würden die junge Frau schnell erkennen. Sie verbirgt ihre Augen hinter einer Sonnenbrille und trägt einen riesigen blassblauen Schal, der auch den Rest ihres Gesichts vor den Augen der Welt schützt. Sie ist eine gute Beobachterin. Sie liest in den Menschen, die in der Metro lesen. Ihrem wachen Blick entgeht nichts. Nicht der Mann mit dem grünen Hut, der sein Buch zu atmen scheint. Nicht die Verliebte, die immer in Tränen ausbricht, wenn sie die 247. Seite erreicht hat. Und auch nicht die alte Dame, die immer das gleiche Kochbuch zu lesen scheint. Juliette findet sie alle. Diese…

„Wortschmetterlinge, die in dem überfüllten Metro-Waggon flatterten, bevor sie sich auf Juliettes Fingerspitzen niederließen“

Das Mädchen, das in der Metro las

Juliette ist „Das Mädchen, das in der Metro las“. Wobei sie eigentlich nie so richtig zum Lesen kommt, weil sie Menschen und Bücher beobachtet. Jedenfalls solange, bis sie ihre Arbeitsstelle erreicht. Eine Arbeit, die den Rhythmus des Lesens unterbricht, in eine Welt eindringt, die von Fantasie geprägt ist. Eine Arbeit die das Mädchen aus dem Lesen reißt. Bis Juliette eines Tages beschließt, der Metro früher zu entfliehen und ein wenig gedankenverloren durch die Straßen zu wandeln. Hier findet sie die Tür zu einer Welt, die sie noch nicht entdeckt hatte. Hier trifft sie auf Menschen, deren Leben einem bibliophilen Traum folgen. Sie begegnet Soliman und seiner Tochter Zaïde. Sie betritt eine Welt, die mit der Inschrift „Bücher ohne Grenzen“ wahrhaft paradiesisch anmutet. Eine Welt der Bücher, die von Soliman auf den Weg gebracht werden, um die richtigen Leser zu finden. Eine individualisierte Form des Bookcrossings. Soliman ist der Sucher im Büchermeer. Seine Mission könnte lauten: „Auf den Zufall warten? Dafür ist ihre Zeit zu schade. Ich PaarBooke jetzt“. Und Juliette kommt genau zur rechten Zeit. Ein neuer Kurier zur Vermittlung von Büchern wird dringend gesucht.

Das Mädchen, das in der Metro las

Christine Féret-Fleury legt uns „Das Mädchen, das in der Metro las“ ans Herz. Im Kosmos der bibliophilen Romane sicherlich ein Werk mit einer überzeugenden Idee. Im Kern des Romans, der wie eine Pralinenschachtel der Literatur anmutet, entwickelt sich die Geschichte zu einem Erzählraum, der den Menschen eine Heimat gibt. Die Literatur ist nicht das Leben. Das Leben ist nicht das Lesen. Ohne Bücher jedoch würden einige Menschen nicht zueinander finden. Ohne Inspiration würden sie einander nie so richtig erkennen und wahrnehmen. Und ohne die Fähigkeit sich in ein Buch einzufühlen, ist es schwer, Empathie für Menschen zu entwickeln. Die Bücher, die uns hier über den Weg laufen sind wie Grundnahrungsmittel für den Geist. Sie sind der Sauerstoff des Lesens. Ohne sie würden wir nie erfahren, ob „Das Mädchen, das in der Metro las“ ein guter Kurier des guten Lesens wäre und ob sie das Geheimnis lüftet, das hinter der Mission dieses belesenen Arabers mitten in Paris verborgen ist? Lassen Sie sich überraschen und nehmen Sie gleich den nächsten Zug der Metro. Es gibt keine Endstation für diese Geschichte.

Und vielleicht begegnen Sie ja nach diesem Buch einem jungen Mann, der in der Metro laut vorzulesen pflegt. „Die Sehnsucht des Vorlesers“ und „Das Mädchen, das in der Metro las“ sind perfekt für das Lesen in vollen Zügen.

Das Mädchen, das in der Metro las

Wem ich auf einer Zeitreise durch Paris sicherlich in der Metro begegnet wäre:

Vernon Subutex auf seinem Roadtrip durch alle Schichten einer Gesellschaft.
Samuel Beckett,
der nicht warten konnte, wie sein späterer Godot.
Charlotte Salomon mit einem Koffer, der ihr ganzes Leben war.
Irène Nemirovsky
mit dem Manuskript ihrer „Suite Française“ auf dem Weg ins KZ.
Louise, einem mörderischen Kindermädchen auf dem Weg in ihr normales Leben.
Èdouard, dem Dichter der Familie, dem einfach der vor seiner Schreibblockade flieht.
Einem Mann, der den Gare d´Austerlitz zur Drehscheibe seiner Vergangenheit macht.
Ernest Hemingway, der sich endlich einmal kräftig daneben benehmen durfte.
Scott F. und Zelda Fitzgerald, die füreinander himbeersüße Tode sterben würden.
Catherine Meurisse auf dem Weg zurück in die Leichtigkeit nach den Attentaten.
Antoine Leiris auf seiner einsamen Fahrt zurück in ein Leben ohne Hass.
Pierrot, dem auf Hitlers Berghof die Heimatstadt Paris abhanden kommt.
Claire und Julie, die im Salz der gemeinsamen Tränen baden.
Einer Nachtigall, die in den Reihen der Résistance an Sabotage denkt.
Den Liebenden aus dem Chamäleon Club, die eher Blut, als Tränen vergießen.
Guylain Vignolles, der es liebt, laut vorlesend Metro zu fahren.
Julie, die Toilettenfrau, die einen USB-Stick mit ihrem Tagebuch in der Metro verlor.
Marie-Laure LeBlanc, das blinde Mädchen aus Paris, das in Saint-Malo Licht sieht.
Juliette, das Mädchen, das in der Metro las und Wortschmetterlinge züchtete.
Und nicht zuletzt hätte ich vielleicht den Hut des Präsidenten gefunden.

Fahren Sie mit der Metro durch Paris. Finden Sie ihr Lesen. Träumen Sie mit mir.

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„Die Schönheit der Nacht“ von Nina George

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Ich denke, wir sind uns darüber einig, dass alle Schriftsteller dieser Welt mit dem durchaus vergleichbaren Zeichenvorrat arbeiten. Es sind Buchstaben und Worte, in welcher Sprache auch immer, die auch uns zur Verfügung stehen. Im Unterschied zum Autor jedoch gelingt es uns nicht, diesen Zeichenvorrat so anzuordnen, dass daraus im Ergebnis Literatur oder Kunst entsteht. Stellen wir uns doch einfach mal eine Schmiede vor, in der Buchstaben gegossen und gehämmert werden. Sie werden anschließend im Rohformat auf dem Markt angeboten und stehen der Welt zur Verfügung. Es gibt dann Autoren, die sie polieren, aufhübschen und verzieren, sie zu Worten verbinden und das Ergebnis der Wortschöpfung als Geschichte bezeichnen. (Weiterhören? Hier…)

Die Schöheit der Nacht - PodCast bei Literatur Radio Bayern - AstroLibrium

Die Schönheit der Nacht – PodCast bei Literatur Radio Bayern – Hier geht´s lang…

Es gibt jedoch auch Schriftsteller, die lediglich mit dem Rohmaterial auskommen. Mit den unbearbeiteten Buchstaben und Wörtern, die sie ohne jegliche Verzierung oder Veredelung für sich selbst sprechen lassen, indem sie Verbindungen entstehen lassen, die ausschließlich durch den Prozess des Schreibens zu Kunstwerken werden. Ich bin der Autorin Nina George bisher lesend noch nicht begegnet. In der Literatur jedoch ist es nie zu spät für ein erstes Treffen. Ihr Roman „Die Schönheit der Nacht“ gehört nun eigentlich nicht unbedingt zu den Büchern, die mich inhaltlich dazu verführen, sie lesen zu wollen. Und doch bin ich dem Ruf der Seiten gefolgt, weil ich von guten Freunden in der Bloggerszene auf den besonderen Schreibstil von Nina George hingewiesen wurde. Schon bin ich beim Bild des Schmiedes angelangt. Bei einer Autorin, die es nicht nötig hat, die Rohstoffe Buchstabe und Wort an sich zu verkünsteln oder aufzuhübschen. Ich bin bei einer Schriftstellerin angekommen, die aus der ursprünglichen Rohmaterie eine Geschichte entstehen ließ, die sich deutlich von anderen Erzählungen abhebt.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Kein einziger Satz aus der Feder von Nina George klingt gewöhnlich. Kein Absatz wirkt so, als sei er in einem ungezügelten Schreibfluss entstanden. Mit Bedacht und mit unglaublichem Gefühl scheint sie Buchstaben und Worte zu arrangieren, Bilder im Kopf des Lesers zu erzeugen und Metaphern in völlig neuem Licht erstrahlen zu lassen. Hier sind es keine gestylten Kunstworte, die dem Text Glanz verleihen. Hier ist es die Magie der Komposition, die aus Buchstaben, Worten, Sätzen, Kapiteln und Seiten etwas ganz Besonderes entstehen lässt. Würde ich auf der Suche nach Zitaten aus diesem Buch jene auswählen müssen, die mir besonders gelungen scheinen, ich müsste den Roman an dieser Stelle wiedergeben. Müsste ich hervorheben, welche Passagen des Romans mich besonders beeindruckt haben, ich wüsste nicht, worauf ich mich beschränken und reduzieren könnte.

Der wahrhaft literarische Kreis schließt sich nun in der Verheiratung dieser Gabe mit einer Geschichte, die einfach erzählenswert ist. Die Begegnung zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bildet den Rahmen der Geschichte. Claire, 44 Jahre alt, etablierte Verhaltensbiologin, verheiratet und Mutter eines Sohnes, der selbst schon ein Mann ist, begegnet in einem Pariser Hotel dem 19-jährigen Zimmermädchen Julie. Klingt an sich nicht besonders aufregend. Wäre nicht Claire gerade nach einem erotischen Tête-à-Tête mit einem unbekannten Mann auf dem Rückweg in ihr normales Leben und würde sie nicht auf diese junge Frau stoßen, die sie dabei durchschaut. Aus dem Geheimnis ihres Lebens wird ein Augenblick des stillen Verstehens. Julie wird zur Komplizin der Momentaufnahme. Zur stillen Zeugin lauten Verlangens und damit sofort zur Gefangenen der neiderfüllten Vorstellung, so stark und selbstbestimmt zu sein, wie die Frau, die ihr im Hotelflur gegenübersteht.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Zwei Generationen, zwei Frauenbilder, zwei Rollen und letztlich zwei verletzliche Menschen werden auf dem Flur zu Gefährtinnen des Augenblicks.

„Die Gewordene.
Die Werdende.“

So beschreibt Nina George die beiden Frauen. So lässt sie uns eine Distanz fühlen, die sie scheinbar trennt. Und doch ist in der Schnittmenge der beiden Persönlichkeiten die Treibladung versteckt, die aus der Geschichte einer Begegnung die Geschichte von zwei Frauen macht, die nur Alter und Zeit voneinander trennen. Im Kern ihres Wesens jedoch sind sie sich näher, als sie es selbst wahrhaben wollen. Aus der Begegnung im Augenwinkel des Erkennens wird eine Begegnung im echten Leben. Das Geheimnis in der Verborgenheit des Hotelflurs wird jetzt zum dramaturgischen Spannungsbogen, als Claire die neue Freundin ihres Sohnes kennenlernt. Julie.

Aus den Komplizinnen des Augenblicks wird mehr. Die Werdende hütet das große Geheimnis der Gewordenen. Aus Vertrauen wird Zuneigung. In der Zuneigung werden alle Fragen des Lebens beantwortet und Julie verliert ihre Scheu, nicht nur sich selbst, sondern alles zu hinterfragen, was sie bisher am Leben gehindert hat. Seite an Seite begeben sich die beiden Frauen vor dem idyllischen Hintergrund der Bretagne auf die Selbstfindungsreise ihres Lebens. Die Gewordene an der Seite ihres Ehemannes, die Werdende an der Seite ihres Zukünftigen. Tiefgründig, poetisch und metaphorisch hält uns Nina George auf Augenhöhe mit den beiden Frauen. Sie gewährt tiefe Einblicke in das verborgene Intimste und lässt uns Sehnsucht, Verlangen und existenzielle Fragen des Lebens erfühlen, als würden wir sie uns selbst stellen.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

„Vier Sorten Salz.
Das Salz des Meeres.
Das Salz der Tränen.
Das Salz des Schweißes.
Das Salz des »Ursprungs der Welt«,
wie Gustave Courbet die dunkle Blüte einer Frau nannte.“

Es sind diese vier Sorten Salz, die uns Nina George schmecken lässt. Es ist „Die Schönheit der Nacht“, die sie in ihrem Roman ans Tageslicht bringt. Es sind Gemälde von unglaublicher Tiefenschärfe, die sie mit ihren Worten malt. Es ist das Meer, in dem das Leben entdeckt wird. Es ist das Meer, das beherrscht werden kann, wenn man sich freigeschwommen hat. Es sind zwei Frauen, die das Meer miteinander neu entdecken. Die Gewordene als Schwimmlehrerin, die Werdende als Nichtschwimmerin. Es sind die Ängste, die überwunden werden. Es ist das pure Nichts der Nacht, in dem Schönheit in aller Klarheit entsteht und es sind die Entscheidungen zweier Frauen, die uns am Ende eines fulminanten und emotionalen Romans nicht mehr fremd erscheinen.

Nina George macht uns zu Seelenverwandten ihrer Charaktere. Keine ihrer Fragen lässt uns kalt. Keine Betrachtung unseres oberflächlichen Miteinanders verfehlt uns. Es ist erstaunlich, wie tief Nina George unter der Oberfläche taucht, um fündig zu werden. Es ist erstaunlich, wie atemlos wir bereit sind mit einzutauchen, obwohl wir in unserem Leben oftmals nicht gewillt sind, die vier Sorten Salz zu kosten. Und es ist einfach mehr als grandios erzählt, was die beiden Frauen in den gemeinsamen Strudel zieht. Dieses Jahr habe ich für mich zum Lesejahr des Wassers und des Meeres erklärt. Maja Lunde hat mir „Die Geschichte des Wassers“ erzählt. Ein „Meeresroman“ hat mich auf hohe See entführt. Dass „Die Schönheit der Nacht“ das Meer mit solcher Wucht an meinen Lesestrand anbranden lässt, hätte ich nie vermutet.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Ich habe „Die Schönheit der Nacht“ für mich entdeckt. Ich bin zu nachtschlafender Zeit erneut in mein Paris gereist und an der Seite von Nina George in ein Nachtleben in der Metropole an der Seine eingetaucht, das eine ganz spezielle Vitalität versprüht. Ein Leben, das in den Silhouetten einer Stadt ihre wahre Schönheit offenbart. Schönheit ist auch ein Prädikat, das man diesem Roman verleihen kann. Eine Schönheit, die jedoch der Handlung nicht im Wege steht. Nichts wirkt künstlich überhöht oder verkitscht. Hier ist Platz für Emotion, Geheimnis, Missverständnis und hemmungslose Lust am Leben.

„Wie viele Frauen ist eine Frau?
Und wie viele Jahre fließen dahin, bis eine Frau das Eigene gefunden hat?
Und hat die Zeit dann noch eine Nische für das, wer sie wirklich ist, für ihre Pläne, ihre Gedanken, für den Reichtum ihrer Fähigkeiten – oder ist die Zeit zugeziegelt mit den Dingen, die sie tagtäglich tut und tun muss?“

Gehen Sie den Fragen selbst auf den Grund. „Die Schönheit der Nacht“ hilft bei der Beantwortung, schwingt sich jedoch nicht zum Almanach der weiblichen Psyche auf. Zum Abschluss noch ein Tipp, der mich selbst schon sehr traurig stimmt. Ich wäre gerne dabei, wenn Nina George bei meinem Herzensbuchhändler aus ihrem Roman liest. Ich hätte viele Fragen und wäre sehr gespannt darauf, in welchem Tempo sie mit welchem Timbre liest, was sich mir ins Herz gebrannt hat. Vielleicht gehen ja Sie selbst zur Lesung und erzählen mir davon… Das wäre schön…

Die Schönheit der Nacht von Nina George – Die Lesung

Nina George liest in Groß-Gerau
Nina George liest aus ihrem neuen Roman „Die Schönheit der Nacht“.

Wo: Stadtmuseum Groß-Gerau
Wann: 23.05.2018
Uhrzeit: 19 Uhr, Einlass ab 18 Uhr

Preis: 10 € im Vorverkauf, 12 € an der Abendkasse. (Inklusive eines Getränks)

Karten gibt es bei in der Buchhandlung Calliebe, über das Kartentelefon 06152 910235, per Mail an info@calliebe.de oder bei der Stadtbücherei Groß-Gerau.

PS: Thomas, nimmst Du meine Rezension mit zur Lesung? In Gedanken bin ich da!

„Ein Ire in Paris“ von Jo Baker

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Ich liebe Romane, die sich den existenziellen Lebensfragen in aller Tiefe widmen. Ich folge gerne sehr biografisch angehauchten Lebenslinien, die darüber hinaus Fragen beantworten, die mich auch über das eigentliche Lesen hinaus beschäftigen. Fragen, in denen ich Muster erkenne, die andere Bücher aufrufen, mit dem gerade Erlesenen eine literarische Einheit einzugehen und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Was macht ein Krieg aus den Menschen? Wie verändern sich Bedürfnisse, Begabungen? Wie geht man mit diesen Extremsituationen um und was bleibt am Ende des Weltenbrandes von demjenigen übrig, der in ihn verwickelt wurde? Wenn die Balance verlorengeht und der pure Überlebenswille regiert, dann verlieren andere Lebensbereiche an Bedeutung.

Die Bedürfnispyramide wird neu geordnet. Eines der ersten Opfer ist die Kultur. Wer täglich um sein Leben kämpft, braucht keine Bilder oder Romane, kein kreatives Feuer und keine Fantasie. Was macht dies nur mit einem Künstler? Vernichtet es ihn oder ist es eher so, dass genau diese Extremsituationen benötigt werden, um am Ende wie ein Phoenix aus der Asche ins Licht der Erkenntnis fliegen zu können. Was wäre ein Ernst Jünger ohne seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg? Gäbe es Remarque ohne Schlacht und hätte Hemingway den Nobelpreis gewonnen, ohne sich ganz bewusst als Reporter in den Krieg zu stürzen? Was trieb den Maler Franz Marc an, sein Blaues Pferd hinter sich zu lassen, um vor Verdun von einem braunen Ross geschossen zu werden? Was wäre die Literatur oder die bildende Kunst ohne die Grenzerfahrung Krieg?

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Die britische Autorin Jo Baker beschäftigt sich in ihrem Roman „Ein Ire in Paris“ mit genau diesen Fragen. Es ist der Zweite Weltkrieg, der bei ihr die Grenzwerte des Lebens neu definiert. Es ist der irische Autor Samuel Beckett, den sie durch den Krieg begleitet und dem sie diese autobiografische Hommage widmet. Es ist jener Autor, der 1969 mit dem Literatur-Nobelpreis für seine Werke ausgezeichnet wurde, die sehr vom französischen Kriegsschauplatz der Jahre 1939 bis 1945 geprägt waren. Ein Autor, der mit „Warten auf Godot“ alle Sinnfragen des eigenen Lebens reflektierte. Ein Autor, der kein Wort zu Papier brachte, als es ihm in konsolidierten Verhältnissen gut ging, der im Grenzbereich der eigenen Todesangst jedoch zum sprudelnden Quell der Literatur und zum Schriftsteller von Weltformat mutierte. Wer sich für diesen Spagat interessiert, wer Godot als langweilig und nichtssagend empfindet, und wer einen Roman lesen möchte, dessen inhaltliche Tiefe die Sinnkrise eines Autors adaptiert und veranschaulicht, dem sei „Ein Ire in Paris“ ans Hirn gelegt. Und keine Sorge. Das Herz liest mit.

Samuel Beckett. Irischer, als man irisch nur sein kann. Grün im Herzen, grün in der Seele und stets von Heimweh erfüllt, selbst wenn er Zuhause ist. Und doch treibt es ihn nach Frankreich. Vor dem Krieg ist es die Fluchtbewegung vor dem Elternhaus und der konservativen Erziehung. Während des Krieges zieht ihn die Liebe zurück in das Land, das kurz vor der Eroberung durch die Nazis steht. Die Pianistin Suzanne Deschevaux-Dumesnil hat sein Herz erobert. Und nicht nur das. Sie fördert seine Leidenschaft zur Literatur und hält ihm den Rücken frei damit er schreiben kann. Seine Bekanntschaften zu den Großen der Literatur beflügeln sie. Seine Nähe zu James Joyce beflügelt sie. In Paris ist der Nährboden für eine literarische Karriere besonders fruchtbar.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Nur. Samuel Beckett schreibt nicht. Er vergeudet seine Zeit. In Gedanken versunken durchlebt er eine Schreibblockade nach der anderen, fühlt sich sinnlos, nutzlos und ist nicht mehr als der stille Beobachter einschneidender Veränderungen, die aus Paris das Paris der Deutschen machen. An seiner Seite wachen wir nächtelang am Radio, hören Nachrichten von der Maginot-Linie, die nicht hielt, was sie versprach. Spüren die Enge in den Herzen der Franzosen, die den Rachefeldzug nach dem Ersten Weltenbrand auf sich zukommen sehen. Wir sehen die Zerschlagung einer Gesellschaft, werden Zeugen von Judenverfolgung, Deportation und Unterdrückung. Das Umfeld wird kleiner, Gewalt regiert, die Gestapo durchsucht jeden Winkel. Fehler enden tödlich.

Wir werden aber auch zu Zeugen eines Ausbruchs. Angesichts des Unrechts und in Folge der erlebten Erniedrigungen erhebt sich der bisher lethargische Beobachter und beschließt, den Krieg nicht mehr nur passiv über sich ergehen zu lassen. Was kann er als Schriftsteller tun? Wie kann er der Resistance helfen? Fragen, die wichtig sind, ihn aber wenig interessieren. Er will handeln, agieren und den Besatzern Schaden zufügen. Aus dem Beobachter wir ein Akteur. Er sammelt geheime Nachrichten, sortiert sie nach Übereinstimmungen und filtert relevante Informationen aus dem Dickicht. Als sich dann die Begriffe Brest, Gneisenau, Scharnhorst und Prinz Eugen häufen, weiß er was zu tun ist. Hilfe naht. Frankreich taumelt in die schmerzhafte Befreiung. Flucht und Elend werden zu Stellgrößen der dunklen Zukunft.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Jo Baker wirft uns literarisch ins Gefecht, lässt uns mit Beckett und seiner Geliebten durch Frankreich fliehen, hungern, frieren und verzweifeln. Hier vollzieht sich, was nun zur Unzeit geschieht. Beckett kann schreiben. Seine Worte fliegen. Angst befreit seine Seele und setzt einen Prozess in Gang, den Suzanne gerade jetzt nicht brauchen kann. Statt Feuerholz und Eiern liefert er nun Notizbücher voller klarer Gedanken. Hier greift Beckett erstmals die Themen auf, die signifikant für sein Schreiben sind. Das ständige und an Sinnlosigkeit grenzende Warten, die Tatenlosigkeit, das Gefühl, keinen Nutzen zu haben. Und immer wieder entsteht auf dieser Grundlage am Straßenrand einer der großen Fluchtrouten durchs Land eine neue brillante Idee.

Die irische Melancholie bleibt seine emotionale Triebfeder. Als James Joyce blind und verbittert stirbt, scheint ein zweiter Geist Besitz von Beckett zu ergreifen. Getrieben von der neu erwachten Rastlosigkeit kämpft er sich und seine Geliebte mit Worten und Taten aus der Hoffnungslosigkeit. Die tobenden inneren Konflikte, Gewissensbisse und die an Psychosen grenzenden Denkprozesse zerlegt Jo Baker in literarische Bilder, die Beckett verständlich machen. Wer einmal seinen Godot las und die wartenden Männer vor sich sieht, wird jetzt erahnen, wie sie in seinem Geist entstanden. Er selbst hat das sinnlose Warten erduldet und sich auf einer weitaus höheren Ebene davon befreit. Im ständigen Wechsel seiner Jugenderinnerungen begreifen wir die Zerrissenheit Becketts zwischen einer Straße, die wie ein steiler Pfad erobert werden muss und dem höchsten Baum, auf dem man sich selbst zum Warten verurteilt.

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Es ist ein großes literarisches Erlebnis, Jo Baker nach Paris zu folgen. Sie knüpft für mich an Bilder an, die ich in anderen Romanen zu diesem Thema las. Und doch ist es Jo Baker, die einen neuen Maßstab aufstellt, wenn es darum geht, Extremwelten in der Literatur literarisch zu antizipieren. Ihre sprachliche Wucht gleicht einer Lawine. Die Trägheit des Wartens ist ebenso quälend wie bewusstseinserweiternd. Sie schreibt im poetischsten Sinne poetisch, wenn es gilt Wortgemälde zu malen. Sie schreibt Klartext, wenn der Krieg in seiner ausufernden Dimension zu entgleiten beginnt. Sie erzählt und weiß zu packen. Sie lässt uns nicht los und vermittelt in ihrer Hommage ein deutliches und inhaltsgeladenes Psychogramm eines Schriftstellers und der besonderen Zeit, die ihn geprägt und verändert hat.

„A Country Road. A Tree.“ Ich mag diesen Originaltitel des Romans. Er spiegelt die Zerrissenheit zwischen Straße und Baum so eindringlich wider. Der deutsche Titel ist ebenfalls gelungen, obwohl der „Ire in Paris“ erst zu dem wird, den wir heute kennen, nachdem er die sterbende Metropole an der Seine verlassen hatte. Mein letzter Urlaub in Paris steht mir noch vor Augen. Zeichen der damaligen Besatzung sind immer noch deutlich zu erkennen. Zeichen, die die Zeit überdauert, den Hass aufeinander jedoch in vielfacher Hinsicht besiegt haben. Das Heute sieht anders aus, weil wir nicht vergessen und weil wir bereit sind, über den Tellerrand der Vergangenheit zu schauen. Jo Baker leistet einen großen Beitrag im Verständnis für diese Zeit und in der Wertschätzung für einen Schriftsteller, der sich mir bisher entzogen hat.

Ein Ire in Paris von Jo Baker und mehr Bücher zum besetzten Frankreich – Astrolibrium

Das besetzte Frankreich bot und bietet Stoff für große Romane. Sofern es gelingt, die üblichen Klischees im Keim zu ersticken und die Wahrheit plastisch und authentisch zu Wort kommen zu lassen, wird es immer lehrreich sein sich dieser Zeit zu widmen. In beiden Ländern hat man das Erbe vom Erzfeind abgelegt. Warum sollten wir zulassen, dass man heute politisch wieder in die andere Richtung manövriert. Besucht Paris, geht mit offenen Augen durch die Stadt der Liebe. Lasst euch fallen und vergesst nicht.

„Der Dichter der Familie“ von Grégoire Delacourt

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Mama
du bist kein Lama
Papi
und du bist kein Okapi
Oma du singst Paloma
Opi
alle machen Pipi

Damit fing alles an. Ein harmloser Kinderreim, verfasst von Édouard im zarten Alter von sieben Jahren. Die Welt stand dem Jungen weit offen und die Fantasie konnte sich frei entfalten. Wären doch diese Zeilen niemals den Verwandten zu Ohren gekommen, hätte doch die Familie des kleinen Édouard niemals Notiz davon genommen, hätten sie einfach weggehört, sein Leben wäre anders verlaufen. Haben sie aber nicht. Sie haben ganz genau hingehört. Zu genau. Und schon steckte der Junge in einer Schublade, aus der er zeitlebens nicht mehr entfliehen konnte.

„Mit sieben erlebte ich meinen ersten literarischen Erfolg. Mama schloss mich in die Arme. Der Papi, die Oma und der Opa applaudierten. Komplimente ertönten. Es wurde auf mich angestoßen. Bedeutende Worte wurden gesagt. Ein Dichter.“

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Mit sieben Jahren wurde Édouard zum Dichter der Familie. Mit acht Jahren hatte er nichts mehr zu schreiben. Die wohl früheste Schreibblockade der Literaturgeschichte. Wie so oft steht diesem kleinen Kerl in einem Moment der größten Zuneigung auch die größte Erwartungshaltung gegenüber. Das erste Dribbling eines Fußballzwergs vor den Augen des ehrgeizigen Vaters; die erste wackelige Drehung einer kleinen Ballerina vor den Augen der vom Leben enttäuschten Mutter; ein erster schiefer Ton auf einer Geige; der erste verwackelte Pinselstrich auf dem Papier und schon steht es fest. TALENT!

Grégoire Delacourt erzählt in seinem Roman „Der Dichter der Familie“, was eine solche Talent-Hypothek verursachen kann. Gerade diejenigen, die denken, alles sei dem Nachwuchs in die Wiege gelegt und das erste Zeichen von Begabung wäre schon ein Fingerzeig des Schicksals, finden sich in diesem Roman wieder. All jene, die ihre nie gelebten Träume plötzlich in die eigenen Kinder projizieren, dürfen an der Seite von Édouard erleben, was sie damit anrichten. Schublade auf. Kind rein. Schublade zu. Ein Bild, das wohl allen Eltern irgendwie bekannt vorkommt. Ein Bild auch, das viele Kinder ein ganzes Leben lang mit sich herumtragen.

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Aus Édouard wird ein lebenslang Suchender. Immer auf der Jagd nach dem ersten Lob, der ersten Bewunderung und der Zuneigung, die er nur im Alter von sieben Jahren erleben durfte. Von da an ging es bergab. Lebens- und Liebesentscheidungen werden geprägt von den Erwartungen an den „Dichter der Familie“. Es ist nie die Frage, ob er jemals ein Buch schreiben wird. Es ist immer nur die Frage, wann. Und aus dem guten Rat des Vaters: „Lass die Dinge sich schreiben!“ erwächst die Hoffnung, der Knoten möge doch irgendwann platzen. Vergebens.

Die Spirale beginnt sich bedrohlich zu drehen. Therapie im Alter von elf Jahren. Das Strohfeuer des Talents scheint erloschen. Die Lust am Leben vergeht. Sprachlosigkeit überkommt eine Familie, die doch wahrlich glaubt, einen Dichter in den eigenen Reihen zu haben. Delacourt überzeichnet bewusst und literarisch brillant, aber das Bild, das so entsteht ist bedeutungsschwer. Wenn ein Kind die Erwartungen nicht erfüllt, wenn alles Hoffen und Bangen vergebens ist, dann entwickelt sich Druck zu einer lebensgefährlich ausufernden Lawine.

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

Édouards Leben ist ein Leben, in dem er es niemandem recht machen kann. Sich selbst zu allerletzt. Selbst die Liebe seines Lebens steht unter dem Vorbehalt, dass sie Großes von ihm erwartet. Monique träumt davon, die Frau eines Schriftstellers zu sein. Édouard jedoch bringt als Werbetexter leider nur Worte heraus, die diesem Anspruch nicht gerecht werden. Grégoire Delacourt verfolgt Édouards Weg beharrlich, erzählt en passant die Geschichte einer Familie, die allzu oft an sich selbst, am Leben und an den Bildern scheitert, die viel zu früh viel zu präzise vorgezeichnet wurden. Und gar nicht im Vorbeigehen erzählt er die Geschichte dieses Buches.

Es fühlt sich an, als würde man „Der Dichter der Familie“ in einer Dunkelkammer lesen. Das Bild entwickelt sich. Das Positiv wird sichtbar und doch ist das Negativ sein treuer Wegbegleiter. Aus der Betrachtung dieser beiden Seiten besteht dieser Roman. Kein Glück ohne Pech. Keine Liebe ohne Hass. Keine Wortkunst ohne Sprachlosigkeit. Keine Zweisamkeit ohne Einsamkeit. Keine Geburt ohne Tod. Kein eigenes Buch ohne Schreibblockade. Kein Sex ohne Lustlosigkeit. Kein Flug ohne Absturz. Keine Heilung ohne Krankheit und keine Lebensfreude ohne Todesangst. Mir bleibt die Erinnerung an einen wundervollen Roman; den schönen Moment, als ich einem Mädchen begegnete, das auf dem Auto saß und ein Zitat, das ich mit in mein Leben nehme:

„Ein Herz aus Stein braucht einen Felsen, um wieder Funken zu schlagen.“

Der Dichter der Familie von Grégoire Delacourt

„Der Herr der Bogenschützen“ von Mac P. Lorne

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Noch vor wenigen Wochen stand ich ehrfurchtsvoll am Altar der Kathedrale zu Reims. Meine Reise durch Frankreich hatte mich zu einigen geschichtsträchtigen und magischen Plätzen geführt, doch hier spürte ich den Atemhauch der Geschichte ganz besonders intensiv. Hier stand sie neben ihrem soeben gekrönten und gesalbten König. Das wohl legendärste Banner in Händen, in silbern glänzender Rüstung und am Ende der Bestimmung angelangt, die für sie göttlicher Eingebung entsprach. Hier fühlte ich mich der heiligen Jungfrau von Orleans, Jeanne d`Arc besonders nah. Standbilder und Gemälde künden von ihrer Legende. Nicht nur hier, auch in der Kathedrale Notre Dame de Paris, hat sie Spuren hinterlassen. Diesen Spuren wollte ich auch literarisch folgen.

Ich wollte mehr über die Zeit des 15. Jahrhunderts erfahren, nicht nur ein Buch über Jeanne d`Arc lesen. Sie isoliert zu betrachten schien mir zu wenig. Und so fiel meine Wahl auf einen historischen Roman, der ganz aktuell bei Knaur erschienen ist. “Der Herr der Bogenschützen” von Mac P. Lorne sollte es sein. Ausschlaggebend war hier natürlich die Inhaltsangabe und der deutliche Hinweis auf die Verzahnung einer jungfräulichen Geschichte mit der eines Bogenschützen im Thronfolgekrieg zwischen England und Frankreich. Darüber hinaus hatte ich ja gerade mit diesem Schriftsteller in meinem vergangenen Lesen beste Erfahrungen gemacht. “Der Pirat”, ein echtes und absolut lesenswertes Meisterwerk über den legendären Sir Francis Drake bildete den Maßstab für das, was ich mir von diesem neuen Lesen erhoffte.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Der Herr der Bogenschützen ist eine intensive Annäherung an John Holland, eine historisch verbürgte Figur, die im umkämpften Frankreich sehr deutliche Spuren hinterlassen hat. Mac P. Lorne ist nun wirklich nicht bekannt dafür, biografische und trockene Romane zu schreiben. Er lehnt sich an. Recherchiert und spürt jene Fährten auf, die man zu einer verdichteten und hoch spannenden Erzählung benötigt. Er gönnt sich alle literarischen Freiheiten, seine Figuren auch mal dort zu auftauchen zu lassen, wo ihre Anwesenheit nicht in Chroniken erwähnt ist. Letztlich jedoch knüpft er einen historisch authentischen Gobelin, der plausibel erscheint und das Gefühl vermittelt, im Zentrum der Schlachten selbst bis zu den Knöcheln im Schlamm zu stehen.

An der Seite des noch ganz jungen John Holland lässt uns der Erzähler erleben, wie schnell Loyalität und Treue zu dieser Zeit unkalkulierbare Folgen für eine ganze Familie haben konnten. Eine falsche Entscheidung des Vaters, einmal dem Mann zu folgen, dessen Stern gerade verblasst und schon gehörte die Auslöschung der Familie zum damaligen Standardprogramm. John Holland überlebt diesen frühen Sturm, der seine Eltern und Geschwister auslöscht. Er schwört den heiligen Eid, den verlorenen Besitz der Hollands und die Titel seines Vaters zurückzuerobern. Er schwört all jenen Rache, die für diese dramatischen Verluste seines Lebens verantwortlich sind. Dieser Weg bis zur Einlösung seines Gelübdes ist der Weg, den wir erlesen dürfen.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Vom Kind zum Mann sehen wir John Holland reifen. Es weiß, wie sich Unrecht anfühlt. Er geht seinen aufrechten und geraden Weg durch die Geschichte und doch bleibt er ein Getriebener seiner Vergangenheit. Er lernt, was nur eine handverlesene Elite damals beherrschte. Die Kunst des Schießens mit dem berüchtigten Langbogen und das Geschick, hunderte Bogenschützen in einer Schlacht zu einer schlagkräftigen Truppe zu formieren. Ritterlich ist das noch nicht. Einzigartig jedoch ist es und John Holland schließt sich mit ihm ergebenen Bogenschützen Heinrich V. an und zeigt in der Feldschlacht von Azincourt, wozu seine Männer in der Lage sind. Das Überleben des englischen Königs und der Sieg gegen eine unglaubliche Überzahl von französischen Rittern ist nur John Holland zu verdanken. Er erlangt den ihm zustehenden Titel zurück und steigt in den Reihen des englischen Hochadels langsam aber stetig auf.

Wir lernen John Holland so gut kennen, als wären wir mit ihm befreundet. Seine Werte und Moralvorstellungen stehen im deutlichen Widerspruch zum Sittenbild der Zeit, in der er lebt. Menschenleben zählen nichts, die Religion hat längst ihre Unschuld und eigentlich auch die Daseinsberechtigung verloren und Machtgier lässt die Herrscher zu Monstern werden. Alles auf dem Rücken der Unschuldigen und Armen. Der Hochadel ist degeneriert und Alliierte von heute sind Todfeinde von morgen. Das besetzte und hart umkämpfte Frankreich erleidet in dieser Zeit eine ernüchternde Niederlage nach der anderen. Ein eigener gesalbter König ist nicht in Sicht. Zu mächtig sind die Engländer und zu unwiderstehlich ist ihre militärische Präsenz. Nur John Holland strebt innerlich nach dem Unerreichbaren. Verständigung und Frieden.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Als alle Hoffnung der Franzosen am Boden liegt und es nur noch einiger weiterer Siege bedarf, um das ganze Land endgültig zu beherrschen und ihm einen englischen König aufzuzwingen, erscheint ein 17-jähriges Mädchen am Hof des ungekrönten und kurz vor der Niederlage stehenden umstrittenen Thronfolgers Charles VII. und verheißt, das Schicksal des Landes retten zu können. Jeanne d`Arc. Die Stimmen der Heiligen haben sie bis hierher geführt und sie übernimmt mit ihrer charismatischen Art und auf der Grundlage der göttlichen Bestimmung die Führung über die Ritterschaft des Landes. Zweifler werden von ihren Erfolgen zum Schweigen gebracht. Die Befreiung Orleans bringt ihr den Beinamen Jungfrau von Orleans ein und das Volk liegt ihr zu Füßen. Hier kreuzen sich die jungfräulichen Wege mit denen des Herrn der Bogenschützen.

Spätestens hier hat Mac P. Lorne seine Schlachtreihen formiert und seine Figuren auf dem Schachbrett seines Romans in Aufstellung gebracht. Jetzt nimmt er sich alle Freiheiten, die ich extrem schätze und lässt sein fulminantes Historienspektakel zutiefst menschlich und unmenschlich zugleich werden. Jetzt wird aus dieser groß angelegten Geschichte die Gratwanderung zwischen Treue und Verblendung, Kadavergehorsam und Glaube. Jetzt beweisen sich Freundschaften und der Begriff Loyalität wird harten Proben unterzogen. Ich erlebe Jeanne d`Arc als treibende Kraft und als Getriebene in einem Konflikt, in dem dieses Bauernmädchen von einst zum Bauernopfer der Könige wird. Mac P. Lorne entmystifiziert die Legende um eine Heilige so gut er kann. Ihm gelingt, was nur guten Schriftstellern gelingt. Er schreibt nicht auf dem Nimbus einer Unantastbaren herum, sondern stößt sie vom Sockel, um genau hierdurch aufzuzeigen, welche Strahlkraft sie besessen haben muss.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

“Der Herr der Bogenschützen” ist ein Roman, der aus der Zeit gefallen scheint. Dieses Buch ist vulgär, scheinheilig, wollüstig und blutrünstig. Es ist groß in seinen Dialogen und so degeneriert wie der Adel auf beiden Seiten. Es entspricht den Idealen einer legendären Ritterschaft und verhöhnt sie in gleichem Maße. Mac P. Lorne hat mich zugleich einiger Illusionen beraubt, wie er auch den Samen an die Bestimmung neu gesät hat. Die Statue von Johanna begleitete mich durch mein Lesen. Sie schaute mir über die Schulter. Ich würde zu ihren Füßen immer wieder Kerzen anzünden. Nicht zur Verehrung dieser Heiligen. Eher aus Anteilnahme und Mitgefühl. Zuletzt stand ich an ihrem Scheiterhaufen. Das Ende ihres Lebens ist bekannt. So erzählt hat es mir jedoch noch niemals ein Schriftsteller.

Wo er in Azincourt jede Anlehnung an den Monolog Heinrichs V. aus der Feder von William Shakespeare geschickt vermeidet, lässt er John Holland angesichts der Flammen eine flammende Rede schwingen, die mir Gänsehaut verursachte. Ein wilder Abgesang auf Werte, Ehre, Anstand und die Integrität jener, die hier ein Urteil über ein junges Leben gefällt hatten, das nun in Flammen aufging. Flammen, die eine Märtyrerin aus Jeanne d`Arc machten. Alleine diese Passage ist das Lesen dieses Buches wert. Sie steht in der Tradition der ganz großen Reden eines Aufrechten an die Verbogenen. Hier erreicht dieser Roman in seinem Höhepunkt eine literarische Dimension, die ich euch aufrichtig ans Herz legen möchte.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Ein Makel bleibt am Ende. Ich würde Mac P. Lorne gerne weiter folgen. Der Inhalt und die Gestaltung der Bücher sind gediegen und die Cover ergeben eine geschlossene Einheit. Und doch ist und bleibt unverständlich, warum die Buchformate sich so extrem unterscheiden. Eine Reihe entsteht so nicht in meinem Regal. Wenn mir meine Buchfee einen Wunsch im Lesen erfüllen würde, dann diesen. Ein Autor, ein Verlag, ein Niveau, EIN FORMAT!

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne