Kinder mit Stern von Martine Letterie [Westerbork]

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

Westerbork. Nur ein Name, ein Ort, ein Begriff. Heute. Nur. Vor fast achtzig Jahren Inbegriff der NAZI-Ideologie in den Niederlanden. Ein Lager, könnte man sagen. Wenn man es verharmlosen möchte. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wurde aus diesem Namen das Schreckgespenst, ein Höllenschlund und Damoklesschwert in einem Atemzug. Zuerst für die Juden, die sich nach der Machtübernahme der Nazis in das freie Nachbarland geflüchtet hatten. Hier wurden sie zuerst zusammengeführt und konzentriert. Sie waren die ersten Opfer. Als dann die deutschen Judengesetze in den Niederlanden zur Anwendung kamen, wurde aus dem Sammellager ein Hauptbahnhof. Ein Durchgangslager für holländische Juden. Hier wurden sie, nachdem sie entrechtet und enteignet waren, inhaftiert. Eine Durchgangsstation.

Von hier aus ging es dann ins Deutsche Reich. Zielorte: Auschwitz, Sobibor, Bergen Belsen, Theresienstadt. Vernichtungslager. Holocaust-Fanale der Endlösung, die nach der Wannseekonferenz in die Realität umgesetzt wurde. Zahlen? Unvorstellbar. Nicht fassbar. 107.000 Juden, dazu Sinti und Widerstandskämpfer verließen zwischen 1942 und 1944 in endlosen Zügen diese Vorhölle zum Tod. Überlebende? Unvorstellbar und ebenso wenig fassbar. 5000 von ihnen kehrten zurück. Weitere Zahlen? Bitte nicht. Ich mag nicht mehr. 18.000 jüdische Kinder und 100 Sinti-Kinder, die nicht überlebten. Nur eine kleine Gruppe von ihnen kehrte zurück. Nur etwa 1000 Kinder überlebten. Zumeist elternlos, verwaist, ohne Angehörige. Die Letzten ihrer Familien. KINDER.

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

KINDER. Wie mögen sie diesen Schrecken erlebt haben? Was haben sie erlebt und wie kamen die Überlebenden später damit zurecht? Fragen, die man sich immer wieder stellt. Antworten, die man kaum findet. Wie kann man Kindern und Jugendlichen heute vermitteln, wo das Grauen begann, wie leichtfertig sich viele an der Verfolgung beteiligt haben und wie wenige Aufrechte dagegen ankämpften? Muss man sie überhaupt damit konfrontieren? Ist doch schon so lange her und kommt ja auch nicht wieder vor. Ist das so? Sind nicht unsere Kinder genau in ihrem alltäglichen Umfeld erneut betroffen, wenn ihnen in Kindergärten und Schulen Kinder begegnen, vor deren Eltern man uns warnt? Geht nicht schon wieder die Angst vor Menschen um, die anders sind? Ist man bei der Suche nach den neuen Außenseitern in unserer Gesellschaft nicht schon wieder fündig geworden? Menschen mit anderer Religion, Menschen aus anderen Kulturkreisen. War da nicht was?

Wir leben in der großen Verantwortung, Kinder nicht mit populistischen Ängsten zu vergiften. Gerade wir sollten die Augen offen haben, wenn Ausgrenzung und Hass erneut Automatismen in Gang setzen, die ihresgleichen im Nationalsozialismus finden. Und Kinder dürfen nicht zu den ersten Handlangern einer Meinungsmache werden, die schon bei Erwachsenen so gut zu funktionieren scheint. Wie man Kindern erklären und vermitteln kann, was Ausgrenzung bedeutet spielt sich auf der Gefühlsebene ab. Auch wenn das Wort Empathie für sie noch nicht greifbar ist, so können wir es mit Leben und Inhalt füllen. Ein besonderes Buch aus den Niederlanden ist prädestiniert, um den noch leeren Tank des Mitgefühls mit Leben zu füllen. Sich in andere hineinversetzen. Das ist es, worum es hier geht.

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

Kinder mit Stern von Martine Letterie (Carlsen Verlag) ist nicht nur der Versuch, in einem Kinderbuch kindgerechte Geschichten über Ausgrenzung, Angst und Verfolgung zu erzählen. In diesem, von Julie Völk gefühlvoll illustrierten Buch finden wir mehr als das. Es sind die Geschichten jüdischer Kinder, die überlebt haben und aus ihrer naiven Sicht, aus der unverfälschten und herzensreinen Kinderperspektive heraus, für Kinder erzählen, was ihnen widerfahren ist und wie es sich angefühlt hat. In Interviews haben Mitarbeiter des Erinnerungszentrums Westerbork diese Geschichten ergründet und dokumentiert. Auf diese Gespräche gehen die Geschichten, die Martine Letterie erzählt zurück. Sie beruhen auf den wahren Empfindungen der Betroffenen und erreichen auf diese Art und Weise eine Unmittelbarkeit, die schmerzhaft und lehrreich zugleich ist. 

Es sind erschreckend einfache Geschichten, in denen Rosa, Jules, Klaartje, Ruth und Bennie zu Wort kommen. Sie erzählen nichts von den politischen Hintergründen oder vom großen Ganzen. Sie berichten nur davon, wie alles begann, was sie im Lager erlebten und wie sich der Friede für sie anfühlte. Sie kommen mit kindlichen Worten zu Wort. Aus den Puzzlesteinchen ihres Erlebens setzen wir das Bild zusammen, vor dem wir uns lieber verstecken würden. Kinder jedoch sehen das Erzählte losgelöst von dem übergeordneten Schrecken. Sie vereinfachen, empfinden und fühlen die Direktheit der Geschichten, weil sie direkt angesprochen werden.

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

Das öffnet ihre Herzen, um später die großen Zusammenhänge zu verstehen und dafür eintreten zu können, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie sehen, wie sich das tägliche Leben der jüdischen Kinder plötzlich verändert. Sie fühlen mit, wie es schmerzen muss, nicht mehr mit den alten Freunden auf den Spielplatz zu dürfen, eine andere Schule besuchen zu müssen und damit zurechtzukommen, dass sie nicht mehr mit Bussen oder Straßenbahnen fahren dürfen. An der Seite der jüdischen Kinder wird nachvollziehbar wie sehr sich Eltern verändern können, wenn sie in Angst leben. Es ist schlimm, sich mit Jules im Schrank verstecken zu müssen und mitzuerleben, wie seine Eltern abgeholt werden. Es tut weh, Abschied zu nehmen und das Scheitern der Flucht zu erleben. Es brennt sich tief im Herzen fest, wie verletzend es war, dass sich andere Menschen nur wenig für ihr Schicksal interessierten, die Augen verschlossen und sogar mithalfen, die Juden zu verraten.

Manchmal möchte man aufschreien, wenn die kindliche Sicht zu Fehlern führt, Rosa stolz darauf ist im Alter von sechs Jahren endlich ihren eigenen gelben Stern tragen zu dürfen. Oder Ruth die Menschen im Lager darum beneidet, dass sie es mit einem Zug verlassen dürfen und sich unversehens im Inneren eines Deportationstransportes nach Auschwitz befindet. Man möchte helfen, verhindern, beistehen. Gemeinsam lesend ist schnell erkennbar, wie Kinder ihren Alltag in die Waagschale werfen und überlegen, ob sie in ihrem Umfeld Ausgrenzung erlebt haben. Diese Geschichten wirken unmittelbar. Es sind traurige Geschichten. Und doch müssen sie erzählt werden, damit die Kinder, die den Holocaust nicht überlebt haben, nicht umsonst zum Opfer wurden. Wir sind es ihnen schuldig. Gegen das Vergessen.

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

Die Geschichten überlagern sich, begegnen sich und wirken wie ein Kaleidoskop aus Bruchstücken kaputter Spiegel. Jede kleine Geschichte eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Jede Geschichte ein Ansatz, einen Moment zu finden, in dem jemand hätte helfen können. Einige Geschichten auch Beweis, wie geholfen wurde. Bewegend auch die Momente, in denen selbst die verfolgten Kinder kindlich naiv über Menschen urteilen, die anders sind. Es sind große Momente in diesem Buch, wenn man ihnen im Juden-Durchgangslager Westerbork erklärt, dass man keine Vorurteile haben soll. Hier greift das Buch nach Lesern jeden Alters. Wer auch nur eine dieser Geschichten, auch nur eines dieser Kinder im Herzen behält, der rettet all ihre Geschichten. Wer auch nur eine dieser Geschichten weitererzählt, der wird seiner Verantwortung gerecht.

Ich schließe das Buch „Kinder mit Stern“ mit Tränen in den Augen. Ich denke an die Kinder, die es nicht nach Hause geschafft haben, an deren Eltern und Familien. Ich denke an das Leben der Überlebenden nach der Befreiung und die Traumatisierungen, die sie lebenslang begleiteten. Ich denke an all die jüdischen Kinder, die ich in anderen Büchern kennenlernen durfte. Ich denke dabei besonders an Lieneke van der Hoeden und ihre Hefte, an Lien de Jong, das Mädchen mit dem Poesiealbum und an Anne Frank, die von Westerbork über Auschwitz nach Bergen-Belsen deportiert wurde. Hier muss ich innehalten. Durchatmen und meine Wut runterschlucken. Ich denke nämlich auch an Wahlplakate in unserem Land, auf denen „Islamfreie Schulen“ zum Programm gemacht werden. Und ich denke an die Menschen, die ihre Stimme dafür hergeben.

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

Lest dieses Buch. Lest die „Kinder mit Stern“ und korrigiert euren Weg. Sonst ist es nicht ausgeschlossen, dass später einmal Kinder von euch erzählen. Von Mitläufern und Tätern, die dann wieder nichts von alledem gewusst haben wollen.

Kinder mit Stern“ von Martine Letterie / dt. von Andrea Kluitmann / Illustrationen von Julie Völk / Carlsen Verlag / 128 Seiten / ab 10 Jahren / 11 Euro

Hinterhaus – Die Annäherung an einen Romanentwurf

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Die Entstehungsgeschichten großer Romane sind oft ganz eigene Geschichten. Sie sind geeignet, eigene Bücher zu füllen, weil sie so spannend sind, wie die erdachte Erzählung selbst. Sie zeugen von der kreativen Energie, dem Wagemut und der Liebe zum geschrieben Wort, die aus einer Idee einen guten Roman entstehen lassen. Es ist oftmals ein steiniger Weg von der Initialzündung bis zur Schlussfassung eines Romans. Am Ende des Schreibens ist der Leidensweg vergessen. Die Isolation, der Verzicht und das Entsagen treten in den Hintergrund und stolze SchriftstellerInnen erheben sich wie ein Phoenix aus der Asche, um ihr Werk zu präsentieren. Der Applaus der Leser, eine gute Rezeption in der Presse und positive Rezensionen sind der wahre Lohn am Ende eines Schaffensprozesses, der Spuren hinterlassen hat.

Ein Roman ist für mich immer an seine Entstehungsgeschichte gebunden. Er ist niemals losgelöst vom situativen Kontext und der Lebenssituation seines Verfassers zu betrachten. Die Seele von SchriftstellerInnen, die sie umgebenden Universen und eine Umgebung, in der das Schreiben erst möglich wurde, werden hier zu den Ingredienzien einer lesenswerten Geschichte. Ich liebe diesen Blick hinter die Kulissen eines Romans und genieße es in die Welt der WortschöpferInnen einzutauchen, weil ich auf diese Art und Weise besser verstehen kann, was sie mir erzählen wollen. Ihre Berufung wird zu meiner Leidenschaft. Heute beleuchte ich die besondere Entstehungsgeschichte eines Romans. Ich möchte von einer Schriftstellerin erzählen, die vom Wunsch einen Roman zu schreiben angetrieben wurde. Sie ist weltbekannt, aber ihren Namen verrate ich erst später.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Man kann sie schon als Außenseiterin bezeichnen. Nicht, dass sie sich diese Rolle selbst ausgesucht hätte, aber manchmal wird man einfach an den Rand gedrängt. Das schärft die Perspektive und setzt kreative Kräfte frei, die vielleicht niemals ans Licht der Welt gekommen wären. Sie lebte zurückgezogen, fast sogar isoliert, umgeben von nur wenigen vertrauten Menschen, die ihr nur wenig Privatsphäre ließen. Und doch gelang es ihr, über Jahre hinweg ein Manuskript zu entwickeln, aus dem später ein Bestseller werden sollte. Und doch war das Resultat ihres Schreibens nicht so ausgefallen, wie sie es sich erhofft hatte. Die Schlussfassung ihres Werks unterschied sich deutlich von der Vision, die sie vor Augen hatte, als sie ihr umfassendes Manuskript neu sortierte, einer Straffung unterzog und Streichungen vornahm, weil ihre frühen Aufzeichnungen nicht in das endgültige Werk einfließen sollten.

Auf die Idee, dies zu tun, kam sie durch eine Radiosendung. Ein Minister rief dazu auf, alle privaten Briefe und Tagebücher gut aufzuheben, damit sie in einer hoffentlich friedlichen Zukunft die Geschichte seines Landes und der Menschen erzählen könnten. Der Wunsch des Politikers basierte auf Veränderungen, die sich gerade abzeichneten, sich jedoch noch nicht konkret ausgewirkt hatten. Die Zukunft im Blick. Teil der eigenen Geschichtsschreibung zu werden. Das klang gut. Besonders für das junge Mädchen, in dessen Aufzeichnungen sich seit zwei Jahren so viel Energie freigesetzt hatte. Ja, sie wollte alles aufheben. Teil der Zukunft werden und aus ihrem Manuskript einen Roman herausfiltern, der von der Welt gelesen werden sollte.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Ein Briefroman sollte es werden. In der Unmittelbarkeit der direkten Rede und in der persönlichen Ansprache an fiktive Menschen lag ihre Stärke. Sie, die seit Jahren keine Post mehr bekommen hatte, kompensierte in ihrem Schreiben nicht nur das Fehlen von sozialen Kontakten, sondern öffnete sich für alle Menschen, die in der Lage waren, sich in die Rolle der Adressatin dieser Briefe zu versetzen. Eine brillante Idee. Also blätterte sie in ihrem Manuskript zurück, strich allzu ungelenke und jugendliche Passagen, setzte einen Schlussstrich unter eine gerade aufkommende Liebesbeziehung und beginnt frei im Herzen und motiviert vom Radioaufruf den Roman ihres Lebens zu schreiben.

In knapp zweieinhalb Monaten verknappte sie ihr vorheriges Manuskript auf 215 Seiten, blieb dabei aber eng an den Texten, die sie für ihren Roman auswählte. Heute kann man dies an den Datumsangaben der Briefe ablesen, die sie ohne Änderungen in die Schlussfassung übernahm. Die Briefe an ihre Freundin, die den Kern ihres Romans bildeten, blieben Teil eines groß angelegten Tagebuches, das im Geheimen entstehen musste. Der Krieg spielt eine große Rolle, die Besetzung des Heimatlandes und die um sich greifende Entrechtung von Menschen. Jene äußere Bedrohungssituation wird zum geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Die Zeit schien Druck auf die junge Autorin auszuüben. Auch in der endgültigen Fassung des Romans wirken manche Briefe noch ein wenig ungelenk, aber sie verraten bereits jetzt viel vom Talent der aufstrebenden Nachwuchsautorin.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

„Das Hinterhaus“. Ihr Arbeitstitel für einen Roman, der uns an die Seite eines jungen Mädchens trägt, die in einem Versteck auf Befreiung hofft. Ein Mädchen, das umgeben von wenigen vertrauten Menschen in einem hermetisch verschlossenen Versteck in der täglichen Angst vor Entdeckung lebt. Ein klaustrophobischer Erzählraum, in dem es gilt Ruhe zu bewahren und unsichtbar zu bleiben. Hier öffnet die junge Autorin ihrer fiktiven Freundin ihr Herz und beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Wir erfahren auf die unmittelbarste Art und Weise alles, was in dieser lebensbedrohlichen Situation in dieser jungen Frau vor sich geht. Ängste, Zweifel, Hoffnung, Träume und Fantasien schlagen sich aus dem Versteck bis zu unseren Herzen durch und bleiben haften. Am Ende hat man das Gefühl, in einer Zeitschleife wieder am Angang angelangt zu sein. Abrupt und unvermutet endet der Roman an der Stelle des Manuskripts, an der das Mädchen zum ersten Mal von der Idee schreibt, aus dem Tagebuch einen Roman zu extrahieren. 

Mittwoch 29. März 1944
Liebe Kitty,

Stell Dir mal vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman über das Hinterhaus herausbringen würde; allein vom Titel her würden die Leute denken, es sei ein Detektivroman. Aber jetzt im Ernst. Es muss ungefähr zehn Jahre nach dem Krieg schon komisch wirken, wenn wir erzählen, wie wir als Juden hier gelebt, gegessen und geredet haben. Auch wenn ich Dir viel von uns erzähle, weißt Du nur ein ganz kleines bisschen von unserer Geschichte.

Deine Anne

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ihr Name: Anne Frank. Ihr Geburtstag der 12. Juni 1929, also heute vor 90 Jahren. Verraten und entdeckt im Hinterhof des Hauses an der Prinsengracht 263, Amsterdam, am 4. August 1944. Mit ihren Eltern ins Lager Westerbork verbracht, nach Auschwitz deportiert, von dort ins KZ Bergen-Belsen verlegt. Verstorben: im Februar oder Anfang März 1945, nur einen Monat vor der Befreiung des Konzentrationslagers durch britische Truppen.

Verzeiht mir, dass ich jetzt ein wenig angegriffen bin. Ihr Tagebuch ist seit Jahren einer der wichtigsten Wegbegleiter im Lesen und Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust. Anne Frank nimmt einen wichtigen Platz in meinem Leben und in meiner Auseinandersetzung mit Ausgrenzung und systematischem Genozid ein. Ja, ich fühle mich ihr verpflichtet. Nun, zu ihrem Geburtstag ein Buch in Händen zu halten, das ihr den größten Wunsch ihres jungen Lebens erfüllt, ist ein ganz besonderes emotional zu nennender Moment.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Anne Frank Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen“ entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Secession Verlag und dem Anne Frank Haus in Amsterdam. Übersetzt wurde das Buch aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Mit einem Essay von Waltraud Nussbaum, Literaturwissenschaftlerin und damalige Schulfreundin von Anne Frank. Nie zuvor wurde dieser Roman aus ihrem gesamten Tagebuch editiert und als eigenständiger Text veröffentlicht. Zu ihrem 90. Geburtstag schließt sich jener Kreis, der durch nationalistische Rassisten für immer zum Schweigen gebracht werden sollte.

Liebe Anne. Ein großartiger Roman. Prädikat: Besonders lesenswert. Ein Fixstern am Firmament der nie verlöschenden Literatursterne in der kleinen literarischen Sternwarte. Und jetzt zitiere ich zum Ende dieses Artikels einen meiner Lieblingsschriftsteller David Foster Wallace:

„Weinen Sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ich werde das Anne Frank Haus in diesem Jahr besuchen. Amsterdam stand schon lange auf der Wunschliste der wichtigen Reiseziele. In Gedanken werde ich Euch ganz einfach mitnehmen. Alleine schaffe ich das nicht. Ich werde berichten. Gerne könnt ihr mir Grüße und Geburtstagswünsche für Anne Frank in den Kommentaren hinterlassen. Ich werde sie bei mir haben, wenn ich das Hinterhaus betrete…

Anne Frank Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen / dt. von Waltraud Hüsmert / 208 Seiten / Secession Verlag / Nachwort von Prof. Dr. Laureen Nussbaum / 18 Euro

Weitere Artikel zu Anne Frank und zum Holocaust in meiner kleinen literarischen Sternwarte. Zum Beispiel „Kinder mit Stern„. Lesen Sie gut.

„Der Schmerz“ von Marguerite Duras [Hörbuch]

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

La Douleur. Lassen Sie sich dieses Wort auf der Zunge zergehen. Spüren Sie, wie es immer schwerer wird, sich einfach nicht runterschlucken lässt und nur darauf wartet, im richtigen Moment zuzuschlagen, um eine alles zersetzende Kraft freizusetzen? Spüren Sie die zerstörerische Macht in diesem französischen Wort? Es steht über einem Buch der großen französischen Autorin Marguerite Duras. Es steht für dieses Buch und jetzt dringt es auch in meine Ohren vor, verschafft sich Gehör und vergewaltigt den Glauben an das Gute im Menschen. Ich kann das im Folgenden vorgestellte Hörbuch nicht ohne schlechtes Gewissen empfehlen. Ich kann den Inhalt zum Muss eines Diskurses eines kritischen Lesens und Hörens gegen das Vergessen der Opfer des Nationalsozialismus erheben. Aber ich kann es nicht empfehlen, weil es nur bei bester geistiger Konstitution verkraftbar ist.

Der Schmerz“ von Marguerite Duras

40 Jahre haben die Texte in ihren Manuskripten geschlummert. Wie ein Tagebuch memorierte sie ihre Erinnerungen zum Kriegsende. Die Befreiung ihrer Stadt Paris von den Nazis. Den Umschwung der Stimmung in der Bevölkerung und die Farben, die nun wieder sichtbar wurden, nach den Jahren des braunen Terrors. Wahre Texte. Biografie pur. Und daneben Texte, in denen sie fiktional mit den Erlebnissen dieser Monate und mit ihrer eigenen Rolle in der Resistance umgeht. Befreiung steht über allem, habe ich gedacht. Das Aufblühen einer Nation nach der Unterdrückung, so stieg ich in die Texte ein. Dabei hätte mir klar sein müssen, warum sie so lange unveröffentlicht blieben. Zu groß war „Der Schmerz“ der alles überlagerte. Zu verstörend, jedes Detail und jede zu präzise Erinnerung. La Douleur. Der Schmerz. Wer ihn verkraften kann, der möge mir folgen und immer den Appell von Marguerite Duras vergegenwärtigen:

„Lernt zu lesen. Es sind heilige Texte“

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

„Der Schmerz“ steht für die Ungewissheit dieser Tage. Er steht für das Warten auf ihren Ehemann, der als Angehöriger des Widerstands von den Nazis deportiert wurde. Er steht für die Sehnsucht einer Frau und die Sorge um den Mann, den sie liebt. Es ist der überbordende Schmerz, der Marguerite Duras miterleben lässt, wie die Heimkehrer Paris fluten. Die Deportierten aus den Konzentrationslagern. Es ist ihr Zustand, der sie verzweifeln lässt. Es ist der Hass der Franzosen, den sie miterlebt und mitträgt, als die freiwilligen Hilfsarbeiter aus dem besiegten Deutschland zurückkehren. Es ist der Hass gegenüber den Kollaborateuren, der die Seele zerfrisst. Es ist das Psychogramm einer Frau, die nicht weiß, wohin mit ihrem Schmerz.

„Der Schmerz“ überlagert das Hören. Heilige Texte. Schonungslos und ohne jeden Hauch von Rücksichtnahme auf sich selbst oder die Gefühle anderer beschreibt sie die Rückkehr ihres Mannes. Totgeglaubt. Jetzt steht er vor ihr. Sein Zustand. Unerträglich. Robert Antelme (L. genannt) ist zuhause. Zurück aus Dachau. Abgemagert auf nur 37 Kilogramm. Ausgezehrt. Traumatisiert. Fertig mit dem Leben. Zu keiner Regung fähig. Ein Pflegefall. Sie gibt sich der Pflege über Wochen hin. Hilft dabei, ihren Mann wieder aufzupäppeln, lässt keine Beschreibung aus. Nichts, was unbeschrieben bleiben sollte, erspart sie uns. Nichts erspart sie ihm. Seine Ausscheidungen, sein Essverhalten, sein Mangel an dem, was ihn zu ihrem Mann gemacht hatte. Nichts bleibt unausgesprochen. Sie ekelt sich. Sie entfernt sich emotional von dem Mann, den sie so herbeigesehnt hat. Am Ende bleibt ihm nur, gesund zu werden, um zu erfahren, dass sie ihn verlassen und sich scheiden lassen muss. Hart. Zum Kotzen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

Der Opfergang des Robert Antelme endet nicht mit der Befreiung. Die Freiheit wird lediglich zum anderen Rahmen seines Siechtums. Man hat das Gefühl, Frankreich sei am Ende noch ein weiteres Mal besiegt worden. Mir hat sich hörend der Magen häufig umgedreht. Mir wurde schlecht. Nur wer auf dem Boden dieser Erkenntnis zuhören und lesen kann, wird verstehen, wie traumatisiert Marguerite Duras selbst war. Nur wer hier bei der Stange bleibt, wird die unglaubliche Tragweite dieses Werks ermessen können. Marguerite Duras erhebt die Opfer des Nationalsozialismus aus der kleinen regionalen Ebene heraus, die sie einnehmen. Sie macht aus ihnen keine Opfer der Deutschen. Es sind die Opfer der Menschheit. Jeder trägt Verantwortung für die Entgleisung humaner Weltanschauungen im Zweiten Weltkrieg. Sie wirft ihren Hut in einen globalen Ring und gibt dem Leid der Opfer einen übergeordneten Sinn. 

Es ist schwer, diesen Texten zu folgen. Wobei nur der Schmerz autobiografisch bis zum letzten Blutstropfen ist. Die weiteren Texte zeigen, wie es ihr als Autorin gelang, in ihrem fiktionalen Schreiben zu verarbeiten, was nie zu verkraften war. Das ist erfunden. Das stellt sie diesen Texten voran. Und doch schlägt sie eine Brücke, indem sie betont, dass sie selbst unter anderem Namen darin vorkommt. Als „Therese“ übt sie Rache. In schonungslosen Sequenzen schildert sie die Folter eines Gestapo-Kollaborateurs. Hier liegt die andere Seite der Gewalt auf dem Seziertisch ihres Buches. Sie beschreibt die Geschichte eines Nazis, der sie in seine Gewalt bringt, sie unter Druck setzt, sie hoffen lässt, er könne ihren Mann befreien. Sie schildert die Ambivalenz der Gefühlslage und lässt den Gestapo-Mann nach der Befreiung auffliegen. Vor Gericht jedoch sagt sie zu seinen Gunsten aus. Unfassbar und paradox und doch so typisch für die Zeit.

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

Am Ende des Schmerzes bleibt ein flammender Appell, dem ich gerne folge. Das Grauen ist zu groß, um es klein zu halten. Kollektivschuld vor individuellem Versagen. Marguerite Duras bricht mit dieser Aussage alle Tabus, lässt alle Grenzen fallen und ist die wahre Avantgardistin im Denken für ein gemeinsames Europa. Ich verneige mich.

„Die einzige Antwort, die sich auf dieses Verbrechen geben lässt, ist die, daraus ein Verbrechen aller zu machen. Es zu teilen. Ebenso wie die Idee der Gleichheit, der Brüderlichkeit. Um es zu ertragen, um die Vorstellung davon auszuhalten, das Verbrechen teilen.“

Der Schmerz in der Hörbuchfassung von Der Audio Verlag ist brillant. Ungekürzt warten fast sechs Stunden auf 5 CDs gelesen von Doris Wolters auf uns. Ich kann das Hörbuch nicht empfehlen. Nein. Ich kann es nur ans Herz legen, wenn man in der Lage ist, es zu verkraften. Doris Wolters lässt die Ambivalenz der Gefühle und die Perversion allen Denkens in unseren Ohren nachhallen. Sie ist verliebt, verzweifelt, brutal, verwirrt und angeekelt. Sie spricht Marguerite Duras wohl aus der Seele, so wie sie diese Texte eingelesen hat.

Lernt zu hören. Es sind heilige Texte. Gegen das Vergessen. Mehr zum besetzten Frankreich in der Literatur: HIER

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich bin abgehärtet. Dachte ich. Ich habe alles über den Holocaust gelesen und werde immer weiterlesen. Ich stoße dabei in Regionen vor, die nicht mehr nur den Zeitzeugen vorbehalten sind, und ich erwarte eigentlich, die Verfolgung der Juden im Dritten Reich nur noch in verfälschten oder überzeichneten Erzählungen aus dritter Hand anzufinden. Wie sehr man sich täuschen kann. Gerade in einer Zeit, in der man davon ausgeht, das Authentische und Wahre des Horrors nicht mehr vorzufinden, bahnen sich Geschichten ihren Weg an die Öffentlichkeit, die so lange im Verborgenen lagen, dass sie fast nicht erzählt worden wären. Und ich dachte, ich hätte alles gelesen.

(Sie können diese Rezension auch bei Literatur Radio Hörbahn hören… hier…)

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium - Hörbahn

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich habe mich oft mit Kindern beschäftigt, die der Nazi-Ideologie zum Opfer gefallen sind. Kinder, die nicht mehr ins Rasse-Raster passten, deportiert, misshandelt, vergast oder totgespritzt wurden. Kinder, für die es keine Rettung gab. Von unwertem Leben ist die Rede gewesen. Von Volksschädlingen. Begriffe, die immer noch an mir zerren, wie böse Geister aus der Vergangenheit. Ich bin Kindern in ihre Verstecke gefolgt. Ich habe erlebt, wie sie mit ihren Familien denunziert und ermordet wurden. Und ich habe einige verzweifelte Versuche erlebt, in denen Eltern eigene Kinder weggegeben haben, um sie zu retten. Unvorstellbare Lebens- und Leidenswege verstecken sich hinter Geschichten und Familien dieser Zeit.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich lernte jetzt „Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ kennen. Ihr Schicksal ist kein Einzelschicksal. In den besetzten Niederlanden haben unzählige jüdische Familien den Versuch unternommen, ihre Kinder bei Fremden in Sicherheit zu bringen. Es existierten Netzwerke zur Rettung dieser Kinder. Viele konnten gerettet werden, obwohl die Suche nach ihnen während des Zweiten Weltkrieges niemals ruhte. Viele Geschichten enden mit der Befreiung dieser Kinder. Ein Ende im Frieden. Überlebt. Nicht, wie Anne Frank, doch noch entdeckt und deportiert. Es sind versöhnliche Geschichten, die uns über die harte Realität der Befreiung ebenso hinwegtäuschen, wie der Begriff der Befreiung der Konzentrationslager. Das war kein Schlusspunkt. Es war der Beginn des neuen Aktes im Horrorszenario der unerwünschten Überlebenden, die plötzlich wieder in der Heimat auftauchten.

Wenn Bart van Es uns das Poesiealbum eines jungen Mädchens übereignet, dann haben wir es heute mit einer Geschichte zu tun, die so einzigartig und brillant erzählt ist, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Die Geschichte einer Frau, die sie uns niemals freiwillig erzählt hätte. Eine Geschichte, die tief im Inneren vergraben war, weil es ohne Familie keine Geschichte gibt. Das sagt sie noch heute. Lien de Jong. Im Alter von über achtzig Jahren hält sie es nicht für erzählenswert, weil sie keine Familie hatte. Und damit auch keine Geschichte. Dass sie sich Bart van Es anvertraute, gehört für mich zu den hoffnungsvollsten Ergebnissen in der langen Kette der Zeitzeugen-Recherchen, da Bart van Es zu der Familie gehört, die Lien de Jong damals vor den Nazis versteckte. Eine Familie, die ihr, wie die eigene, verlorengegangen war.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bart van Es konfrontiert uns mit einem kaleidoskopischen Inferno, das in der Lage ist Menschen für immer zu zerstören, auch wenn sie nach objektiven Maßstäben zu der kleinen Gruppe der Überlebenden gehören. Die Geschichte seiner Familie ist auch die Geschichte des Widerstands in den besetzten Niederlanden. Es ist die Geschichte der Großeltern, die jüdische Kinder versteckten und so ihr eigenes Leben riskierten. Damit ist es auch die Geschichte von „Lientje“, der man im Alter von acht Jahren Obdach und Schutz gewährte. Ein Kind, dessen jüdische Eltern keinen anderen Ausweg sahen, um zumindest die eigene Tochter zu retten. Hier beginnt im Jahr 1942 eine Odyssee, die in den folgenden Jahrzehnten von weiteren nachhaltigen Verlusten geprägt sein sollte. 

Lientje hat den Krieg und die Verfolgung überlebt. Soweit so gut. Ihr Poesiealbum legt Zeugnis von Kindertagen, der eigenen Familie und der Zeit ab, in der die Angst um das eigene Leben der Vergangenheit angehören sollte. Und doch dauert es Jahrzehnte bis Bart van Es, lange nach dem Tod seiner Großeltern, diesem Mädchen auf die Spur kommt, das nach dem Kriegsende von den van Es adoptiert wurde und gemeinsam mit seinem Vater aufgewachsen war. Er stellt den Kontakt wieder her und in schmerzhaften und intensiven gemeinsamen Gesprächen mit Lien de Jong entstand ein Buch, das die Grenzen des Begreifbaren oftmals überschreitet. Es ist eine Familiengeschichte, die ich in dieser schonungslos offenen und investigativ persönlichen Art und Weise noch nicht vor Augen hatte.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Es ist nicht nur die Geschichte der Verfolgung der Juden in den Niederlanden. Es ist nicht nur die verzweifelt erzählte dramatische Geschichte der Verluste eines kleinen Mädchens. Es ist nicht nur die Geschichte einer Rettung gegen alle Widerstände. Hier erleben wir nach der Zermalmung ihrer eigenen Familie die Spätfolgen dieses Verlusts. Hier werden wir mit einer alten Dame konfrontiert, die Zeit ihres Lebens darunter leiden musste, identitätslos und ohne eigene Geschichte durchs Leben zu gehen. Wir erleben eine Frau, die von weiteren Brüchen erzählt, die uns sprachlos machen. Brüche, die im Erzähler dieser Geschichte zu Verwerfungen führen, die er so nicht erwartet hätte. Was hatte dazu geführt, dass seine Großeltern und Lien de Jong sich lange Jahre nach dem Krieg aus den Augen verloren hatten. Was hat dazu geführt, dass aus Lientje das „Cut Out Girl“ wurde. Das Mädchen, das aus den Familienalben herausgeschnitten wurde?

Bart van Es kommt einer Geschichte auf die Spur, die er sicher nicht gerne entdeckt hätte, weil sie die Grundfesten seiner Familiengeschichte erschüttert. Und doch führt er sie zu ihrem Ende, weil er in den langen Gesprächen mit Lien realisiert, dass es nie zu spät ist, wenn es darum geht alte Wunden zu heilen. Er lässt Liens Perspektive auf die eigene Familie zu und gibt ihr Raum, sich endlich so zu fühlen, wie sie nie zuvor fühlen durfte. Was ihm auf diese Art und Weise gelingt, ist uns mit der Traumatisierung eines Kindes vertraut zu machen, die auch nach der Befreiung nach ihren Opfern greift. Wir dürfen nicht aufhören zu lesen, wenn es heißt: „Wir sind frei“. Wir müssen weiter folgen und begleiten. Wir dürfen die Augen nicht verschließen. Verletze Seelen heilen nicht in sich selbst.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es wird international gerade mit Preisen überhäuft. Es ist ein einzigartiges Buch, weil es nicht nur die Verarbeitung der Vergangenheit ermöglicht, sondern weil es tatsächlich etwas bewegt. Lien de Jong schwieg jahrzehntelang, weil man ja nur etwas zu erzählen hat, wenn man eine Familie hat. Dass sie heute in der Lage ist ihre Geschichte zu erzählen, hat genau damit zu tun. Bart van Es hat ihr etwas zurückgegeben, was ihre Traumatisierung gestohlen hatte. Er hat sie behutsam zurückgeholt. In seine Familie und damit in die Familie, die damals ihr Leben gerettet hatte. Ein verstörendes, ein ergreifendes, ein vernichtendes Buch. Aber auch ein Buch, dem es gelingt, auf den Trümmern der Geschichte etwas entstehen zu lassen, das verloren geglaubt war. Zugehörigkeit.

Wenn Sie sich für dieses Buch entscheiden, sollten Sie bereit sein sich auf einige Aspekte dieser Geschichte einzulassen, die völlig unerwartet jedoch mit voller Wucht zuschlagen. Verlust, Verfolgung, Trennung, Leben im Verborgenen und tägliche Angst ums Überleben sind signifikante Eckpfeiler von Zeitzeugenberichten, die uns bisher im Lesen begegnet sind. Der sexuelle Missbrauch der versteckten Kinder, die Weigerung, sie nach dem Krieg an ihre Eltern (sofern sie ihn überlebt haben) zu übergeben und die offizielle Sichtweise, ihr Schicksal in der Öffentlichkeit zu verschweigen, sind nur einige Aspekte, die mich lesend in die Magengrube trafen. Das Poesiealbum spiegelt die Welt vor, die es nie gab. Ganz besonders nicht für „Lientje“ Lien de Jong. Das Buch spiegelt eine Welt wider, die es möglich macht, die Wunden zu heilen. Zuvor jedoch muss man sie schonungslos aufreißen. Bart van es ist dies meisterhaft gelungen. Ein relevanteres Buch gegen die Ausgrenzung von Menschen kann es nicht geben.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und versteckte Kinder im Holocaust.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde

Rezensionen im Rahmen meines Schreibens „Gegen das Vergessen“.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Stella“ von Takis Würger

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Man lese einen Roman. Man gehe davon aus, dass die Protagonisten fiktional sind. In jeder Beziehung frei erfunden, frei im Handeln, Denken, Fühlen und Sprechen. Dabei in manchen Fällen jedoch plausibel in einen realen historischen Kontext eingebettet, was für Leser besonders reizvoll ist, weil sie ihre Kenntnisse der Epoche mit den agierenden Charakteren des Romans in Einklang bringen können. Man denke dabei an literarische Beispiele, die diesem Genre ihren Stempel aufgedrückt haben. Ich denke da besonders an „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada.

Fallada löst sich von biografischen Zwängen, erfindet das Ehepaar Anna und Otto Quangel und platziert diese beiden einfachen Arbeiter im Nazi-Deutschland des Jahres 1940 in der Reichshauptstadt Berlin. Er lässt sie am „Heldentod“ ihres einzigen Sohnes verzweifeln, hilflos dem Untergang ins Auge schauen und einen Weg des Widerstands finden, um andere vor ihrem Schicksal zu warnen. Postkarten werden geschrieben und beginnen in Berlin für Aufsehen zu sorgen. Hans Fallada begleitet das Widerstandsnest der trauernden Eltern bis zu ihrer Entdeckung und Hinrichtung. Ein historischer Roman, der mich lange beschäftigt hat.

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Besonders, weil es die Quangels wirklich gegeben hat. Elise und Otto Hampel hat Fallada mit seinem Roman ein indirektes, doch umso zeitloseres Denkmal gesetzt. Und doch hat er sich entschieden, seinen fiktiven Charakteren andere Namen zu geben. Im technischen Vorgehen des Schreibens eine perfekte Entscheidung. Fallada konnte sich in seine Protagonisten hineinversetzten, ihnen Worte in den Mund legen, die historisch nicht belegt waren und sie miteinander interagieren lassen. Er überschritt niemals eine Grenze, die jenen realen Vorbildern für seinen Roman Schaden zugefügt hätte. Fallada erzielte einen unfassbaren Effekt. Immer dann, wenn man im Roman zweifelte, ob eine solche Widerstandsaktion denkbar gewesen wäre, dachte man an die Hampels. Hier ist Fallada für mich der Maßstab dessen, was Literatur kann und darf. Hier definiert sich in der gesamten Tragweite die Grenze zwischen Fiktion und Biografie.

Ich muss das erklären, damit ich beschreiben kann, welch ambivalente Gefühle mich beschlichen, als ich den Roman Stella“ von Takis Würger las. Auch er schreibt mich zurück ins Berlin der 1940er Jahre. Genau gesagt in das Jahr 1942. Auch er bettet die Handlung seines Romans in einen verbrieften und detaillierten historischen Kontext ein und beginnt jedes Kapitel mit den tatsächlichen Ereignissen des jeweiligen Monats. Er beschreibt dies so faszinierend, dass ich lesend immer wieder an „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ denken musste, weil Takis Würger ebenso wie Florian Illies kleine und große Ereignisse vor unseren Augen ablaufen lässt, um den Wahnsinn der Zeit für uns verständlich zu machen. Brillant in der Formulierung, faszinierend in der Technik.

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Darüber hinaus zitiert Takis Würger mehrfach reale Prozessdokumente, was dem Geschehen seines Romans Glaubwürdigkeit und Authentizität verleiht. Es handelt sich dabei um Zeugenaussagen, die nach dem Kriegsende von einem unglaublichen Verrat berichteten. Hatte es sein können, dass eine Jüdin die in Berlin untergetauchten Juden an die Gestapo verraten hatte? War es möglich, dass eine junge Frau als Greifarm der Nazis unterwegs war, um ihre eigentlichen Leidensgenossen zu enttarnen? Ja. Das ist real. Das ist Geschichte. Es gab diese Frau, die mehr als 300 Juden verraten hatte und damit für ihre Deportation verantwortlich war. Takis Würger bewegt sich in seinem Buch auf sicherem Terrain. Fallada lässt grüßen.

Und doch gibt es einen Unterschied, der mich zusammenzucken ließ. Dies ist ein Roman. Die Protagonistin ist erfunden. Sie hatte ein wahres Vorbild. Doch hier erleben wir sie in den nicht verbrieften Momenten, blicken tief in ihre Seele, ihre Gefühle und in den Gewissenskonflikt, der in ihr tobt. Stella Goldschlag wird als Jüdin mit ihren Eltern selbst inhaftiert. Sie wird misshandelt und kommt nur unter der Bedingung frei, dass sie sich auf die Suche nach jüdischen U-Booten begibt. Untergetauchte Juden musste sie denunzieren, um sich und ihre Eltern zu retten, die als Faustpfand inhaftiert blieben. Es ist verstörend, sich in die Situation der jungen Frau hineinzuversetzen. Es ist fatal, sich auch nur für einen Moment vorzustellen, was sie gefühlt und gedacht haben mag. Und immer, wenn man zweifelt, ob ein solcher Verrat überhaupt denkbar sei, denkt man an Hans Fallada, die Hampels und vergewissert sich, dass Stella Goldschlag ein Vorbild in der Geschichte hat.

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella Goldschlag im Film Die Unsichtbaren – Auch im Kino eine wichtige Rolle

Doch hier bricht Takis Würger mit dem Regelwerk, das ich gerade beschrieb. Das Vorbild für Stella Goldschlag ist Stella Goldschlag. Ihr Leben und ihr Verrat vor der realen Bedrohungssituation für das eigene und das Leben ihrer Eltern sind historisch in jeder Beziehung gesichert. Dazu auch die Zitate aus den Gerichtsdokumenten des real durchgeführten Prozesses gegen Stella Goldschlag nach dem Krieg. Hier überschreitet der Autor nicht nur die Grenze, den Namen seiner erfundenen Figur nicht zu verändern. Nein. Er verlegt auch die Handlung seines Romans in ein Jahr, in dem Stella noch gar nicht festgenommen war. „Stella“ spielt 1942. Das reale Geschehen, auf das sich die Gerichtsprotokolle beziehen, vollzog sich 1943. Nun mag man denken, dies spielt keine Rolle. Man mag denken, das sei ja völlig egal, weil es eben nur ein Roman ist. Für mich jedoch ist das ein technischer Bruch, den man hätte vermeiden können, wenn man den Weg Falladas gegangen wäre und Stella nicht Stella genannt hätte. Hier wird aus einer realen Person eine fiktionale Frau, die sich von ihrem realen Vorbild nicht mehr trennen lässt.

Hier setzt sich der Schriftsteller bewusst einer Diskussion aus, was die Literatur darf und kann. Hier beginnt beim historisch versierten Leser ein Konflikt, der geeignet ist, die Botschaft des Romans deutlich zu überlagern. Hier fragt man sich, hier frage ich mich, wie frei ein Autor ist, eine reale Person zu klonen und sie zeitversetzt agieren zu lassen. Takis Würger hätte es einfacher haben können. Er hätte sich befreien können. Er hätte sich ausschließlich der inhaltlichen Diskussion aussetzen müssen. Diese wäre es wert gewesen, sich nur auf sie zu konzentrieren. Denn im rein literarischen Ergebnis hat der Autor einen faszinierend konstruierten, zutiefst menschlich motivierten Roman über eine Zwangslage geschrieben, die den totalen Zusammenbruch eines Menschen verursachen kann. Er wirft brutale Fragen auf, die von zeitloser Relevanz sind. Wie weit darf ich gehen, um mich und meine Familie zu retten? Was bin ich bereit zu verraten, in welcher Dimension verliere ich alle Werte aus den Augen, wenn ich kollaboriere? Was kann mein gerettetes Leben danach noch wert sein?

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Trennen wir diesen Roman von all meinen Bedenken. Abstrahieren wir „Stella“ auf den reinen Inhalt und betrachten meine historisch motivierte Kritik als nicht relevant, so bleibt die Charakterstudie zweier Menschen, die im Berlin des Jahres 1942 miteinander lieben, leiden, leben, hoffen und verzweifeln. Ein junger Schweizer, der sich von Stella verzaubern lässt, eine Liaison mit ihr beginnt und dann erkennt, dass sie nicht die Frau ist, die sie zu sein vorgibt. Sie öffnet sich ihm. Sie zeigt ihm die Folterspuren und lässt ihn an ihren Seelenqualen teilhaben. Der unbedarfte junge Mann wird Mitwisser einer Frau, die selbst dann noch untergetauchte Juden verrät, nachdem ihre Eltern längst in ein KZ deportiert wurden. Drogen, Angst und Leidenschaft. Die Trauer um die eigenen Chancen, die es nicht mehr gibt. All das sind Bestimmungsgrößen der brillant erzählten Geschichte.

Takis Würger zwingt seine Leser in eine Auseinandersetzung mit eigenen Werten und Maßstäben. Er zwingt uns dazu, an die Verratenen zu denken. Er warnt vor jeder Form von Kollaboration bei gleichzeitiger Selbstaufgabe. Er formuliert keine Schuld, er macht sie spürbar. Er bringt uns dazu, Bücher über verfolgte Juden im Berlin der Nazis zu lesen. Ich habe „Untergetaucht“ von Marie Jalowicz Simon immer wieder im Sinn, wenn ich an jene denke, die in der Gefahr lebten, vom „Blonden Gift der Nazis“ Stella verraten zu werden. Ich habe „Stella“ von Peter Wyden im Sinn, ein Buch in dem sich der Autor bis hin zu einer persönlichen Begegnung mit der uneinsichtigen realen Stella Goldschlag vorwagte und zu Beginn der 1990er Jahre einen Tatsachenbericht vorlegte, der mit dem Tabu des jüdischen Verrates an jüdischen Opfern brach. Ich denke an alle Opfer des Holocaust, über die ich in meiner Rubrik „Gegen das Vergessen“ schrieb.

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Ich habe noch viele Fragen an Takis Würger. Wir sind so verblieben, dass wir uns in Leipzig treffen. Gedanken und Meinungen austauschen. Diskutieren. Ein Interview für Literatur Radio Hörbahn wäre das geeignete Mittel, dieses Gespräch festzuhalten. Ich bin dankbar für seine spontane Bereitschaft, sich den offenen Fragen und der Kritik zu stellen. Ich muss einfach herausfinden, wie weit Literatur gehen darf und wo ich meine gedanklichen Grenzen niederreißen muss, um im Niemandsland eines Romans Fuß zu fassen. Ich bleibe neugierig.

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Der Steidl Verlag schließt die Lücke: Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichtevon Peter Wyden ab dem 25. Februar im Handel und auch hier zu finden. Der Titel wurde geändert, die Ausgabe ist aktualisiert und doch ist es das absolute Referenzwerk zu dieser Diskussion. Ohne Peter Wyden keine wahre Geschichte…

Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte von Peter Wyden - Steidl - Astrolibrium

Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte von Peter Wyden – Steidl