„Salz für die See“ von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Eigentlich befinden wir uns schon fast am Ende und doch geht es jetzt erst richtig los. Wir sind in Ostpreußen und die Vorboten des Kriegsendes sind deutlich zu spüren. Während Stalingrad schon lange aufgegeben, Leningrad befreit wurde und der Winter 1944 zum treuesten Verbündeten Russlands wird, ist die Niederlage der Nazi-Armeen besiegelt. Heillos und unkoordiniert vollzieht sich der Rückzug, Kilometer um Kilometer wird der Roten Armee überlassen und es beginnt die bittere Rache für einen Krieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hatte. Und es beginnt die Rache für die Verbrechen an der Zivilbevölkerung, Misshandlungen, Morde, Massaker und Deportationen in den besetzten Gebieten.

Heillos vollzieht sich auch die Flucht der Menschen, die auf der Flutwelle besiegter Soldaten mitgetragen werden und es setzt die Flucht aus Ostpreußen ein. Das Ziel: Die Ostsee, die kleinen und großen Häfen, in denen man sich Rettung verspricht. Alles Hab und Gut mit sich tragend, auf Karren, Schlitten oder am Körper taumeln die Menschen im letzten Kriegswinter des Jahres 1944 verzweifelt den letzten Strohhalmen entgegen, die noch greifbar sind. Gotenhafen. Schiffe. Schlepper. Jollen. Mittendrin der Stolz des überheblichen Dritten Reichs. Der Passagierdampfer Wilhelm Gustloff. Evakuierung steht über allem. Rette sich wer kann und koste es was es wolle. Nur nicht in die Hände derer fallen, die sich nun als Sieger fühlen dürfen.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Ruta Sepetys widmet dieser dramatischen Fluchtwelle ihren Roman Salz für die See, erschienen im Königskinder Verlag. Dabei legt die in Michigan lebende Autorin mit litauischen Vorfahren sehr viel Wert darauf, menschliche Schicksale im historischen Kontext nicht nur greifbar, sondern fühlbar zu machen. Ein gewagtes Unterfangen, hier einerseits zu vermitteln, was es bedeutet auf der Flucht zu sein, andererseits aber auch ganz genau zu umreißen, was es heißt Schuld zu tragen, verfolgt zu werden oder auch einfach zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Sie stellt sich der Herausforderung, in empathischer Art und Weise von Menschen zu erzählen, die so authentisch wirken, als seien sie direkt aus der Zeit vor unsere Augen gefallen und dabei geschichtlich Position zu beziehen. Ihr gelingt mit „Salz für die See“ ein zutiefst humanistischer Roman, der in der Lage ist Werte zu vermitteln und Hintergründe zu verstehen, die sich auf der reinen Gefühlsebene besser verstehen lassen.

Drei Menschen wirft Ruta Sepetys in diesen Flüchtlingsstrom. Protagonisten, mit denen wir uns identifizieren können. Menschen, die sie uns ans Herz legt und denen wir durch die unwirtliche verschneite Landschaft Ostpreußens folgen. Jeder Schritt kann der letzte sein und der Einzelne verliert an Bedeutung. Gemeinsam kämpft man um das nackte Leben. Es gleicht einer Massenpanik, in der Freund und Feind kaum zu trennen sind. Gefahr droht überall. Verfolgt von der Roten Armee läuft man sehenden Auges in die Arme der Wehrmacht, die genau dort wartet, wo die Flucht ihr Ende nehmen soll. In Gotenhafen, wo Willkür und Nazi-Ideologie darüber entscheiden, wer an Bord eines der Schiffe gehen darf.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Joana, Florian und Emilia bilden das Dreieck dieser gesamten Geschichte. Ihnen schließen sich Flüchtlinge an, sie stehen im Zentrum des Sturms und stehen in vielerlei Hinsicht stellvertretend für abertausende Menschen auf dem Weg in den Untergang. Da ist Joana, die litauische Krankenschwester, die nur noch nach Hause will. Unsicher, ob sie in ihrer Heimat noch überlebende Familienangehörige findet, oder ob sie ganz allein auf der Welt ist. Schuldgefühl begleitet sie. Schuld ist ihr Jäger. Da ist Florian der mehr verbirgt, als er verrät. Ein Deserteur könnte er sein, verletzt ist er. Ein Geheimnis wiegt schwer in seinem Rucksack. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort und traf die einzig richtige Entscheidung. Schicksal ist sein Jäger. Und da ist Emilia das Bauernmädchen. Schwanger. Doch von wem? Stimmt ihre Geschichte vom liebenden Freund oder ist es möglich, dass… ? Schande ist ihr Jäger.

Die Gejagten sind aufeinander angewiesen. Sie retten einander, geben sich Halt und doch verdrängen sie im Chaos der Flucht das Wichtigste. Die Wahrheit. Mit ihnen sind Menschen unterwegs, die den Mikrokosmos der Opfer der Nazi-Diktatur darstellen. Hier liegt eine der wesentlichen Stärken des Romans, da es Ruta Sepetys gelingt, mit ihren Charakteren Geschichte zu schreiben, die lebendiger ist, als Geschichte eigentlich mit einem Roman zu vermitteln wäre. Vom Holocaust über Euthanasie bis hin zu Kunstraub reichen die Spektren dieses Romans, der sich von Seite zu Seite in den Herzen seiner Leser festbrennt.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Wer sich diesem Roman nähert, der wird ein blindes Mädchen nicht mehr vergessen und beim Anblick von Schuhen immer an den Schuh-Poeten und den kleinen Jungen denken, für den er zum Ersatz-Opa wurde. Wer diesen Roman liest, wird immer wieder verstehen können warum das Zitat „Wer Hass sät, wird Sturm ernten“ so richtig ist. Und wer sich einmal auf den Weg durch das Frische ostpreußische Haff macht, wird sich so sehr in das Schicksal von Flüchtlingen unserer Zeit hineinversetzen können. Die Autorin macht es sich selbst, ihren Protagonisten und Lesern nicht sehr leicht. Die Geschichte kostet Menschenleben auf allen Seiten. Ein Schicksal, dass auch an ihren Charakteren nicht vorbeigehen kann. Der Tod ist allgegenwärtig. Und jede Geschichte ist nur so gut, wie das personifizierte Böse, das am Ende wartet. Alfred wartet an Bord der rettenden Wilhelm Gustloff darauf, endlich seine Macht zu demonstrieren. Er hat nicht lange zu warten, bis zehntausende Flüchtlinge in die Hafenstadt stürmen und sein kleines Nazi-Licht machtvoll erstrahlen kann.

Ruta Sepetys gelingt mit „Salz für die See“ ein All-Age-Drama mit sehr fundiertem historischem Background. Menschlich vermag sie Augen zu öffnen, geschichtlich ist es beeindruckend, wie klar sie Zusammenhänge erklärt, ohne schulbuchhaft zu wirken und ihre Botschaft lässt es an Klarheit nicht missen. Im Taumel des Lesens konnte ich mich der Geschichte nicht mehr entziehen. Ich las ohne Pause, ich las zornig, ich las in Tränen und ich las fassungslos. Je näher ich der Gustloff kam, umso mehr wollte ich in die Handlung eingreifen und warnen. Diese Hilflosigkeit beim Lesen bleibt. Aus ihr kann man Kraft schöpfen, im Leben nicht hilflos sondern voller Tatendrang zu sein. Im Finale des Romans versank ich mit der Wilhelm Gustloff in der eisigen Ostsee und durfte doch erleben, dass Hoffnung unsinkbar ist.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Ich lege euch das Buch ans Herz. Es lässt niemanden kalt, auch wenn das Klima nur frostig ist. Begegnet Romanfiguren, die es so oder so ähnlich ganz bestimmt gegeben hat. Achtet auf sie und auf euch. Haltet die Augen offen und tragt vielleicht einen ganz kleinen Teil dazu bei, dass die Gustloffs unserer Zeit unsinkbar werden. Für sehr viele Menschen ist heute unser Deutschland ein solches Rettungsschiff. Unglaublich, wenn man sich überlegt, wie viele unserer Vorfahren selbst auf der Flucht waren oder dafür gesorgt haben, dass Menschen fliehen mussten. Also – Rettungsringe raus. Werft sie zu den Menschen, die Hilfe suchen und fragt nicht schon vor dem Wurf, ob sie es wert sind. Diese Frage ist unmenschlich. Das sollte man nie vergessen...

Ich trug einen Siegelring beim Lesen. Nicht irgendeinen. Er hat den weiten Weg aus Ostpreußen bis in meine Geburtsstadt Trier hinter sich. Er kam allein zurück. Er lag am 21. Oktober 1944 auf dem Boden des weltberühmten Trakehner-Gestüts. An diesem Tag begann auch die Flucht von dort ins vermeintlich rettende Gotenhafen. Einen Ring beim Lesen zu tragen, der zur besagten Zeit vor Ort seine eigene Geschichte schrieb, fühlt sich seltsam an. Er gehörte dem Bruder meines Vaters. Er starb an diesem Tag in Ostpreußen, als seine Einheit die Evakuierung der Flüchtlinge sichern sollte. Nur dieser Ring kam nach Hause. Weihnachten 1944. Er hat vibriert, als ich „Salz für die See“ las. Als wollte er mir seine Geschichte erzählen.

Salz für die See von Ruta Sepetys und Im Krebsgang von Günter Grass

Salz für die See von Ruta Sepetys und Im Krebsgang von Günter Grass

Vielleicht oder sicher sogar waren russische Menschen vor meinem Onkel auf der Flucht. Vielleicht ist es besser, dass ich nicht weiß, was dieser Ring erlebt hat. Ich weiß nur, dass es mir viel bedeutet, ihn bei mir zu haben. Er erinnert mich täglich daran, was es bedeutet, im Räderwerk einer Diktatur zermalmt zu werden. Oder sich gar freiwillig zermalmen zu lassen, weil man zu blind oder zu gutgläubig oder einfach schlecht ist. Vielleicht mögt ihr mehr zu diesem Ring erfahren… Ich schrieb darüber

Am Ende waren wir gemeinsam an Bord der Gustloff. Literatwo auf der Flucht.

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„Sterndeutung“ und die kleine literarische Sternwarte

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Manchmal ist man einfach zu blind, um das Naheliegende zu erkennen. Manchmal ist man zu vertieft in den eigenen Ideen, dass man kaum realisiert, was man eigentlich geschaffen hat. Meine kleine literarische Sternwarte folgt seit Jahren einem tieferen Sinn. Buchsterne am literarischen Himmelszelt zu entdecken und Fixsterne zu finden, die auch im wahren Leben der Orientierung in dunkler Nacht dienen, das sind die Ziele, denen ich beharrlich folge. Dabei mein Lesen und Schreiben Gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust als moralische Leitlinie zu sehen, war und ist meine wichtigste Intention.

Bisher betrachtete ich beides voneinander losgelöst. Ich war zu blind zu erkennen, was ich hier im übertragenen Sinne schon mit meiner Blog-Philosophie aufgebaut und umgesetzt habe. Literarischer Sternwärter wollte ich sein. Sternbilder entdecken, in der Weite des Bücheruniversums jene Gestirne finden, die immer leuchten und dabei mein Lesen unter den Stern des Erinnerns stellen. War ich wirklich zu blind um erkennen zu können, dass ich schon mit den ersten Gedanken an meinen Blog etwas ganz anderes verwirklicht habe? Ein Buch musste mir die Augen öffnen. Ein Buch, das meinem Blog eine völlig neue Bedeutung verleiht, obwohl sie unterschwellig seit den ersten Stunden meines Schreibens hier existierte. Ich habe sie nur nicht erkannt.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung“ von Jan Himmelfarb (C.H. Beck Verlag) ist ein facettenreicher und tief angelegter Genre-Hybrid aus historischem Familienroman, Bewältigungsliteratur und aktueller Reflexion zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Dabei blickt der Autor aus der Perspektive des russlanddeutschen Aussiedlers Arthur Segall in eine Vergangenheit zurück, die von Sternen geprägt war. Ein vergangenes Leben, das unter keinem gutem Stern begann und in dem Arthur Segall nur durch Glück und Zufall davor bewahrt wurde, mit Abermillionen anderen Sternträgern im endlos erscheinenden Treck der Sterne an Sternorte gebracht und dort ausgelöscht zu werden.

Denn Arthur Segall ist Jude. Sein Geburtsort steht nicht so genau fest, da er in einem Zug die Dunkelheit der Welt erblickte. Von Licht konnte keine Rede sein, da sich dieser Zug im Oktober 1941 auf der Flucht ins russische Hinterland befand. Das Unternehmen Barbarossa hatte begonnen und die Nazis begannen ihren Feldzug mit unglaublichem Tempo und ebensolcher Brutalität. Arthur Segall ist ein Kind des Zuges. Flüchtling in einer Zeit, in der andere Züge zu rollen beginnen. Der systematische Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten beginnt und Deportationszüge in unvorstellbarer Zahl bestimmen den Fahrplan des Holocaust.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Für Arthur Segall sind es die Jahre, in denen die Nazis Menschen zu Sternträgern machen, sie danach als Sternschnuppen betrachten, um sie an den dunklen Sternorten Auschwitz, Treblinka und Sobibor für immer auszulöschen. Für Arthur sind es Jahre, an die er sich nicht eigenständig erinnern kann. Deshalb beginnt er im Alter von 51 Jahren zu recherchieren, niederzuschreiben und zu archivieren, was ihm und seiner Mutter auf der Flucht geschah, wer überlebte und wo die Wurzeln seiner Familie zu finden sind.

Er zeichnet ein Bild einer zum Tode verurteilten Generation. Er skizziert die Sterne seiner Familie, die erloschen sind, begreift das Glück, das ihm zum Überleben verhalf und beschreibt in quälenden Beschreibungen, was ihm und seiner Mutter erspart blieb. Die Abläufe der Sternenauslöschung. Die systematische und industrielle Vernichtung in einem Ausmaß, das noch immer unvorstellbar ist. Er beschreibt die Tilgung der ganzen jüdischen Galaxie vom Sternenhimmel.

„Ich habe einmal gelesen: Für die einen sind die Sterne Führer. Für andere sind sie nichts als kleine Lichter. Welche Sterne sah ich? Welche hörte ich? Alle, alle schwiegen.“

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Der Ausgangspunkt seiner Betrachtung stellt den Bruch der Geschichte dar. Das Land der Täter wurde zur neuen Heimat des damaligen Flüchtlings und nun lebt er seit der Wiedervereinigung Deutschlands in dem Land, das damals die Sterne vom Himmel holte. Und Arthur Segall lebt gut, seine Tochter studiert an einer Elite-Universität und es könnte fast besser nicht sein. Und doch zeigt sein schonungsloser Blick, was hier unter Integration verstanden wird, wie Migrationshintergründe das Leben erschweren und es neuen Zuwanderern schwer gemacht wird, ihre Identität im neuen Leben zu bewahren.

Arthur Segall beschreibt eine ganz eigene Sternzeit. Sowohl in seiner alten als auch der neuen Heimat werden Sterne immer unterschiedlichen Gruppen zugeschoben. Ein gesellschaftliches Leben ohne Underdogs scheint nirgendwo auf der Welt möglich zu sein und das Zuschieben vollzieht sich in ähnlich präziser bürokratischer Genauigkeit, mit der auch der Holocaust organisiert wurde. Überall auf der Welt sind die Nachfolger der Wannseekonferenz in den Räderwerken der Verwaltungen zu finden. Sternzeit. Es ist immer Sternzeit.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Jan Himmelfarb gelingt mit Sterndeutung ein großer und aktueller Wurf ins Herz unserer Denkkultur. Seine Deutungshoheit ist polyglott und er entlarvt die Sternzeit in all jenen Ländern, die sich selbst als weltoffen und frei bezeichnen. Und gleichzeitig ist es sein Verdienst, der Gedenkkultur neue Impulse zu geben. Seine Sternbilder sind es, die das Gedenken an einzelne erloschene Sterne erhellen. Er setzt sie ins rechte Licht und ruft dazu auf, dem Versuch seines Protagonisten zu folgen. Der Blick zurück zeigt, wo man steht, warum man genau da angekommen ist, wo man ist und wie weit man zu gehen bereit ist, um nicht mitschuldig zu werden.

Hier schließt sich der Kreis. Ich bin Sternwärter. Nicht nur weil Bücher wie Sterne sind. Nein. Ich empfinde mich seit dem Lesen dieses Buches und vor dem Hintergrund meiner Hoffnung, den Opfern des Nationalsozialismus gedenken zu können noch viel mehr in der Pflicht, erloschene Sterne mit Namen zu versehen und aktiv zu verhindern, dass Menschen Sterne zugeschoben bekommen, damit unzufriedene Gruppen sich ein wenig besser fühlen. Ich habe meine kleine literarische Sternwarte schon längst in den Dienst der Sterndeutung gestellt. Dieses Buch hat mir allerdings die Augen geöffnet und verdeutlicht, unter welch gutem Stern wir geboren sind. Lasst ihn uns teilen.

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Sterndeutung von Jan Himmelfarb

Wer die Seele Russlands verstehen möchte, muss die Vergangenheit kennen. Das weite Land und seine Menschen in der literarischen Reflexion bei AstroLibrium:

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Die „Wannseekonferenz“ von Peter Longerich – Ein Protokoll

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Manchmal werden Orte zum Synonym für bestimmte Ereignisse. Manchmal kommt es vor, dass die Geschichte einen Ort mit einem historischen Kontext verbindet und die Stigmata der Vergangenheit nie mehr gelöst werden können. Allein die Erwähnung des Ortsnamens ruft Assoziationen hervor, die mit der heutigen Realität nichts zu tun haben und für die Bewohner eher belastend sind. Woran denken wir eigentlich, wenn folgende Namen ganz zufällig erwähnt werden? Dachau. Hiroshima. Utøya. Eschede?

Woran denken wir, wenn wir heute an den Ortsteil von Berlin denken, der zu den begehrtesten Ausflugszielen der Hauptstädter gehört, weil ein Binnengewässer und ein Strandbad zum Abkühlen einladen? Woran denken wir, wenn wir das Wort „Wannsee“ hören? An die Sängerin Conny Froboes und den Refrain ihres legendären Schlagers?

Pack die Badehose ein,
nimm dein kleines Schwesterlein
Und dann nischt wie raus nach Wannsee

Das wäre schön. Aber schwingt nicht auch heute noch ein anderes Ereignis mit, wenn wir diese Zeilen trällern? War da nicht was? Haben sich nicht vor fast genau 75 Jahren einige hochrangige Uniformierte zu einer Villa am Westufer des Großen Wannsees auf den Weg gemacht, um dort ein – wir würden es heute so nennen – Meeting abzuhalten und die aus ihrer Sicht wichtigste Frage für die Zukunft ihrer Heimat zu diskutieren? Es darf aus heutiger Sicht angenommen werden, dass die Herrschaften keine Badehosen im Gepäck hatten. Ebenso sicher ist, dass dieses Treffen dafür verantwortlich war, dass aus einem Erholungsort das Synonym für den Holocaust wurde. Hier fand sie statt:

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

DIE WANNSEEKONFERENZ

Ich versuche mir das einfach mal bildlich vorzustellen. Da machen sich im Januar 1942 fünfzehn Männer auf den Weg in die damals sogenannte Reichshauptstadt Berlin. Sie packen ihre Koffer, planen ihre An- und Abreisen, werden von ihren Ehefrauen und Kindern fröhlich verabschiedet und sehr fürsorglich darauf hingewiesen, dass sie sich immer schön warm anziehen sollen (es ist ja ein kalter Winter in diesem Jahr) und dann machen sie sich mit den fröhlichen Worten „Papa ist bald wieder da und bringt euch was Schönes mit!“ auf den Weg…

Und dann treffen sie sich endlich mal wieder. Luxuriös ist das Ambiente. Neben den fünfzehn Teilnehmern an der Konferenz eilen fleißige Vertreter wichtiger Behörden und eifrige Sachbearbeiter hinzu. Die Konferenz ist perfekt vorbereitet und man will ja auch vorwärts kommen und die Zeit drängt. Mehr als einen Tag wird man nicht brauchen. Es sind ja alle Spezialisten anwesend, um schnell zu einem Ergebnis zu kommen. Man ist im dritten Kriegsjahr und nachdem eigentlich alles wie geschmiert läuft, bleibt nur noch eine Frage übrig, die schnellstens geklärt werden muss.

Ohne Wannseekonferenz kein Todeslager Auschwitz-Birkenau

Ohne Wannseekonferenz kein Todeslager Auschwitz-Birkenau

Wie kann man den bereits beschlossenen und zum Teil bereits in Gang gesetzten Völkermord an den Juden Europas bürokratisch strukturieren und organisieren?

Ja. So kann hätte man das Thema der Wannseekonferenz umreißen können, hätte man sich aus Gründen der Geheimhaltung nicht unverfänglicherer Formulierungen, wie zum Beispiel:

„Unter Beteiligung der infrage kommenden anderen Zentralinstanzen
alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher
und materieller Hinsicht für die Gesamtlösung
der Judenfrage in Europa zu treffen.“

bedient, um den finalen Eindruck zu vermeiden, hier würde der Holocaust beschlossen. Über die Tagesordnungspunkte der Konferenz herrschte lange Zeit Unklarheit. Geheim sollte bleiben, was hier im kleinen Kreis entworfen und anschließend nahezu perfekt im ganzen „Reichsgebiet“ umgesetzt wurde. Warum die Inhalte der Wannseekonferenz in vollem Umfang zugänglich sind ist leicht zu beantworten. Die akribische Recherche von unermüdlichen Historikern hat Dokumente ans Tageslicht gebracht, die eine eindeutige Bewertung der Konferenz aus heutiger Sicht ermöglicht.

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Die Wannseekonferenz von Peter Longerich

Peter Longerich, Professor für moderne deutsche Geschichte und Gründungsdirektor des Holocaust Research Centre der Universität London, hat sich als absoluter Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus einen Namen gemacht. Seine Bücher über die Politik der Vernichtung und ihre Resonanz in der deutschen Bevölkerung sind heute Standardwerke. Sein Buch Wannseekonferenz – Der Weg zur Endlösung muss hier als einer der wichtigsten Mosaiksteine in der historisch verlässlichen Aufarbeitung aller Verbrechen der Nazi-Diktatur angesehen werden.

Peter Longerich nähert sich dieser Wannseekonferenz präzise an und seziert den bis zu diesem Zeitpunkt zurückgelegten Weg der Nationalsozialisten mit dem Skalpell des Historikers, der hier allerdings nicht für Studenten oder Wissenschaftler schreibt. Es ist leicht, ihm in seiner Argumentation zu folgen, seine Herleitungen nachzuvollziehen und seinen Schlussfolgerungen zu vertrauen. Dabei ist sein Buch nicht ausufernd und bleibt an den Fakten orientiert, die in dieser gestrafften Form allerdings erneut geeignet sind, dem Leser das Grauen der geplanten, industriell betriebenen Massenvernichtung menschlichen Lebens näherzubringen.

Ohne Wannseekonferenz keine Deportationszüge - siehe Erikas Geschicte

Ohne Wannseekonferenz keine Deportationszüge – siehe Erikas Geschichte

Um die Wannseekonferenz in den historischen Kontext einreihen und bewerten zu können, arbeitet sich Peter Longerich durch das einzige Exemplar des Protokolls der Wannseekonferenz, das nach dem Krieg aufgefunden werden konnte. Seite für Seite ist es im vorliegenden Buch abgebildet und in sich unmissverständlich. Hier wird auf Linie getrimmt. Hier werden bürokratisch alle Zuständigkeiten für die Deportationen geregelt, die Zielgruppen innerhalb der jüdischen Bevölkerung nach Alter und Geschlecht ganz klar festgelegt. Es geht in der Konferenz zu, als würde man über die rein administrative Bewältigung eines Vorhabens diskutieren, das nichts mit Menschenleben zu tun hat.

Hier zeigt die deutsche Bürokratie ihre wahre Stärke, wenn sie von einem perfiden System instrumentalisiert wird. Es ist erschreckend, diesem Protokolltext zu folgen. Es ist erschreckend, in den handelnden Personen die Schlächter der kommenden Jahre zu sehen und es ist erschreckend zu erkennen, wie viele von ihnen auch nach der Tagung behaupten konnten, nichts von den Zusammenhängen geahnt zu haben.

Das Lesen von Peter Longerichs neuem Standardwerk „Wannseekonferenz – Der Weg zur Endlösung“ ist viel mehr als das Eintauchen in die Sekundärliteratur des Dritten Reichs. Es ist der gezielte Vorstoß in eine der Primärquellen, der deutlich zeigt, wozu Menschen in der Lage sind, wenn ihnen die Ideologie den Weg ebnet, das eigene rassistische Menschenbild auf unmenschlichste Art und Weise zum Holocaust werden zu lassen.

Gegen das Vergessen - Ein weiter Weg, den wir gemeinsam gehen...

Gegen das Vergessen – Ein weiter Weg, den wir gemeinsam gehen…

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„Señora Gerta“ – Die Biografie eines Lebens von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

„Ich weiß nicht, warum ich mir das alles merken kann, aber es ist da, ich sehe es vor mir in allen Details.“

[An dieser Stelle können Sie auch gerne bei Literatur Radio Bayern weiterhören]

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Das sagt Gerta Stern im Alter von über 100 Jahren. Sie ist eine polyglotte Zeitzeugin des vergangenen Jahrhunderts, hat es auf zwei Kontinenten erlebt und blickt nun voller Energie auf ein Leben zurück, das noch lange nicht ausgelebt ist. Zu vital ist sie, zu viel Energie hat sie sich für diesen Schlussspurt aufgespart. Disziplin und Haltung, die harte Schule des Balletts der frühen Jugend, zahlen sich heute aus. Gerta Stern verfügt noch heute über die perfekte Präsenz eines Menschen, der das Rampenlicht gewohnt ist. Sie hat viel zu erzählen. Ihre Biografin Anne Siegel weiß ein Buch davon zu singen.

Señora Gerta“, erschienen im Europa Verlag, sticht auch mit dem Untertitel „Wie eine Wiener Jüdin auf der Flucht nach Panama die Nazis austrickste“ ins Auge. Hier ist die vielleicht einzige Schwäche der Biografie aus der Feder von Anne Siegel zu finden, denn dieses Buch ist nicht nur auf eine wichtige, aber eben doch nur kleine Episode im Leben einer bewundernswerten Frau zu reduzieren. Dieses Buch erfüllt den Anspruch, eine komplexe Lebensgeschichte in aller Vielfalt brillant zu erzählen.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Eine Geschichte, die sehr lange gebraucht hat, um ihren Weg aus Panama zu uns zu finden und die so viel mehr beinhaltet, als den unglaublichen Mut einer Frau, der es in der entscheidenden Phase ihres Lebens gelungen war, ihren Mann vor den Nazis zu retten. Und genau hier trifft der Untertitel der Biografie ins Schwarze, bedeutet doch das dunkelste Kapitel der deutschen Vergangenheit für die Wiener Jüdin den größten Bruch ihres Lebens. Einen Einschnitt, der alles in ein Davor und Danach zerschneidet. Hier ist nicht nur das Austricksen der Nazis Schwerpunkt des Buches. Vielleicht ist es eher das Schnippchen, das Señora Gerta dem ganzen Leben schlägt, das uns in dieser Biografie fesselt und gefangen nimmt.

Um begreifen zu können, wie Gerta Stern dieses Husarenstück gelang, sollte man einfach verstehen lernen, wo sie aufwuchs, welche Werte ihr vermittelt wurden und was es für sie bedeutete, als Jüdin plötzlich entrechtet zu sein. Wenn man dieses Schicksal zu fassen bekommen möchte, dann sollte man erlesen, welche Lebenskraft diese Frau für die Zukunft schöpfte. Und wenn man dann begreifen will, warum sie auch im hohen Alter noch eine Suchende war, dann sollte man dieser Biografie folgen und ermessen, was es heißt, lebenslang auf der Suche nach der Antwort auf eine überlebenswichtige Frage zu sein:

Wer war damals jener unverhoffte Helfer in Naziuniform, der ihr half, das Leben ihres Mannes zu retten?

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel – Gemälde „Gegen das Vergessen“ by Peggy Steike

So entsteht im gemeinsamen Rückblick mit Gerta Stern eine epochale Biografie und Anne Siegel ist viel mehr als eine Chronistin. Sie betrachtet das Lebensalbum von Gerta und kitzelt angesichts der Bilder aus der Vergangenheit Emotionen, Details und Erinnerungen aus der innerlich jung gebliebenen alten Dame heraus. Was auf diese Art und Weise entsteht ist ein Mosaikbild, das sowohl die Geschichte zweier Kontinente im 20. Jahrhundert beschreibt. Es ist aber auch ein Dominospiel, das verdeutlicht, welche kleinen Steine alles in Bewegung setzen und wie persönliches Schicksal funktioniert.

Das Muster des Mosaiks reicht vom Bau des Panamakanals bis zu Charly Chaplin, es setzt sich fort in den Flüchtlingsströmen im Europa des Ersten Weltkriegs und führt von den reichen Bankiers-Dynastien der Rothschilds bis zu den Radikalisierungen, die von Gerta Stern Besitz ergreifen sollten. Eingebettet in diese Rahmenbedingungen zeichnet Anne Siegel ein gestochen scharfes, sympathisches und zutiefst menschliches Portrait einer Frau, die heute alle überlebt hat, die es zeitlebens zu schützen galt. Der Rahmen für dieses Portrait ist der Journalistin Anne Siegel ebenfalls brillant gelungen.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel – Ein Fußballprofi im KZ Sachsenhausen

Wenn wir dann vor diesem Bild stehen und denken, diese Gerta Stern zu kennen, ihr Selbstwertgefühl abschätzen zu können und schon auf dem besten Weg sind, sie zu bewundern, dann verdunkelt Anne Siegel die Szenerie und entführt uns nach Hamburg. Wir scheiben den 9. November 1938 und wir wissen, dass dieser Tag in die Geschichte eingehen wird. Ein schlechter Tag für ein jüdisches Ehepaar in der Hansestadt. Ein Tag der Gerta und ihren Ehemann, den Profifußballer Moses Stern in den Fokus des Nazis rückt. Es ist die Reichspogromnacht.

Als Moses verhaftet und ins berüchtigte KZ Sachsenhausen deportiert wird, zeigt sich, mit wem es die braunen Machthaber zu tun haben, als Gerta Stern nicht in Trauer versinkt, sondern zu handeln beginnt. Ihr liegt die ganze Welt zu Füßen. Zumindest in dem Moment, in dem sie beschließt alle Botschaften der Welt abzuklappern, um einen neuen Platz für sich und ihren Mann zu finden. Und so macht sie sich auf den Weg von einer diplomatischen Vertretung zur nächsten. Denn Gerta Stern hat einen Plan, wie sie die Nazis austricksen kann.

Als sie jedoch einem Mann in Nazi-Uniform begegnet, scheint ihr Weg am Ende zu sein. Seine Frage Haben Sie keine Angst, sind Sie Jüdin? verändert die Welt.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Es ist die unfassbare Mischung aus überbordender Lebensfreude und Angst, die aus der Biografie Señora Gerta“ eine der lesenswertesten Geschichten Gegen das Vergessen macht. Der Autorin gelingt es, Gerta Stern ins Rampenlicht ihres eigenen Lebens zu stellen. Ihr gelingt, den Mut und den Tatendrang der Wienerin in die Herzen der Leser zu schreiben. Ohne Pathos und jegliche Glorifizierung. Was ihr noch gelingt? Uns heute klarzumachen, wie sich die Welt für jüdische Mitbürger fast stündlich änderte und wie wenige Menschen sich dagegen auflehnten. Anne Siegel schreibt nicht nur die Lebensgeschichte einer bewundernswerten Frau nieder, sie erzählt auch von einer Welt der Entrechtung und Ausgrenzung. Eine Welt, die so niemals wieder entstehen darf.

Gerta Stern ist heute Ehrenbürgerin von Panama City. Sie feiert ihr Leben, weil sie auch jeden Grund dazu hat. Melancholie – Fehlanzeige. Eine Frau, an der wir uns auch heute noch ein Beispiel nehmen können. Ein Buch, an dem wir uns gerade heute noch ein Beispiel nehmen können. Und eine Autorin, die beispielhaft recherchiert, grandios erzählt und quasi en passant die wichtigste Frage im Leben Gerta Sterns beantwortet: Die Frage nach dem Mann, der ihr damals half.

Wer auch nur einen Menschen rettet, der rettet ein ganzes Volk. Dieses Zitat trägt bis in unsere Zeit. Das sollten wir nie vergessen. Panama ist überall.

Literatur "Gegen das Vergessen" - Hamburg im Brennpunkt

Literatur „Gegen das Vergessen“ – Hamburg im Brennpunkt

Liebe Gerta Stern. Es war mir eine Ehre, Ihr literarischer STERNwärter zu sein.

Besuchen Sie uns...

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Ich blätterte gerade in der Vogue – Eine Unity Mitford Biographie

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford Biographie

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Biographien zählen oftmals zu den eher trockenen Vertretern der Literatur, weil sie sich mit zumeist verstorbenen Prominenten beschäftigen und aus dem Vollen schöpfen, was verborgene Quellen, fundierte Recherchen und der soziokulturelle Hintergrund aus dem Leben des Biographierten hergeben. Dabei spürt man den Autoren an, dass sie im Verlauf der Beschäftigung mit dem Objekt ihrer Begierde so viel Wissen angehäuft und verinnerlicht haben und kaum noch in der Lage sind, Unwesentliches auszulassen.

So werden auch die noch so entferntesten Verästelungen von Stammbäumen der Ahnengalerie kultiviert, alle verfügbaren Anekdoten ein- statt ausgeblendet und selbst irrelevanteste Randereignisse zu Wegmarken eines Lebens überhöht. Wozu also in der heutigen Zeit noch Biographien, wo wir doch auf Wikipedia zurückgreifen können und die meisten aktuellen Biographien am eigentlichen Bild des Porträtierten nichts ändern?

Gerade in der heutigen medial geprägten Zeit verkommt die Biographie als Genre zum reinen sekundärliterarischen Relikt, das nur noch dann herangezogen wird, wenn sich ein Leser ausgiebig und auf der Grundlage verbriefter nachweisbarer Quellen mit einer historischen oder noch lebenden Person des öffentlichen Lebens beschäftigt. Ich formuliere das deshalb so überspitzt, weil ich in meinem bisherigen Lesen sehr oft mit genau solchen Biographien konfrontiert wurde.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Umso erfreulicher ist es auf wahre Ausreißer dieses Genres zu stoßen, die gerade in unserer Zeit eine Relevanz aufweisen, die unumstößlich ist und neue Sichtweisen zu den beschriebenen Menschen aufzeigen, die wir ohne eine fundierte Biographie sicher nicht erlangt hätten. Ich meine hiermit Bücher, die nicht um ihrer selbst willen verfasst wurden, sondern auch Leser mitreißen, die sich ganz gezielt und ohne akademischen Hintergrund für das Leben einer bedeutenden Persönlichkeit interessieren.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer anist nun nicht der absolut typische Titel für eine solche literarische Persönlichkeitsbeschreibung. Erst der abgesetzte Untertitel „Unitiy Mitford – Eine Biographie“ lässt darauf schließen, was uns erwartet, obwohl wir das bei dem knalligen Pop-Art-Cover vielleicht nicht erwarten würden: Eine brillant erzählte, herausragend recherchierte und schlichtweg flüssig zu lesende Biographie über eine der schillerndsten Frauen im Dunstkreis der Machthaber des Dritten Reiches.

„Unity Mitford – Eine Biographie“. Schon hier kokettiert die Autorin Michaela Karl mit einer sehr sympathischen Bescheidenheit. Es ist nicht „DIE“ Biographie, es ist nicht die erste Publikation über das Leben der heftig umstrittenen englischen Adeligen und es ist auch sicherlich nicht die letzte Auseinandersetzung mit einer Person, die sich im Alter von gerade einmal zwanzig Jahren den nationalsozialistischen Machthabern an den Hals geworfen hat und damit international für Furore sorgte. Die Akte „Mitford“ ist bis heute nicht geschlossen. Zu viele Mythen und ungeklärte Rätsel ranken sich um ihr Leben und ihren Tod. Eines steht jedoch fest:

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Nach der vorliegenden Biographie müssen Teile ihrer offiziellen Geschichte völlig neu bewertet werden. Was will man mehr von einem solchen Buch erwarten?

Mit wem haben wir es nun zu tun? Vielleicht mit dem ersten It-Girl der Geschichte. Kaum eine zweite Frau beherrschte während der unsäglichen NAZI-Herrschaft so sehr die Schlagzeilen, über kaum eine andere Angehörige des britischen Hochadels wurde im In- und Ausland kontroverser diskutiert. Und kaum eine zweite Zwanzigjährige hat sich in der Nazi-Diktatur besser in Szene gesetzt. Unity Mitford. 1934 in München zu einem Sprachstudium angereist, mutiert sie angesichts charismatischer Machthaber in der aufstrebenden Ideologie zum wahren Fan von Adolf Hitler.

Was mit Stalking in Münchner Gaststätten begann und in einer ersten persönlichen Begegnung gipfelt, entwickelt sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu einer Story, die in ihrem vollen Umfang heute ebenso skurril anmutet, wie damals. Wer kann  sich schon ernsthaft vorstellen, dass Adolf Hitler die Nähe einer englischen Adeligen sucht, um die Beziehungen zwischen beiden Ländern besser beeinflussen zu können? Und wer kann sich vorstellen, dass die strahlende Schönheit von der Insel gerade dem Mann verfällt, der ein völlig anderes Schönheitsideal propagiert. Schlicht und ländlich? Nein, alles konnte man behaupten. Aber das war Unity Mitford nicht.

Wer nun aber der jungen Frau lediglich die Faszination für Macht und grenzenlose Geltungssucht als Motive des Handelns unterstellt, der sollte Michaela Karl folgen und mit ihr gemeinsam in der Vogue blättern. Die Politologin und versierte Biographin macht es uns und der Geschichte nicht leicht, in Klischeebilder zu verfallen und das Bild von der Schönen und dem Biest zu kultivieren. Michaela Karl erkennt in ihrer Recherche die wahrlich politischen Motivationen, die Unity Mitford auf die Seite der Nazis ziehen. Hier setzt sie dezidiert an und schon früh im Lesen ihres Buches präzisiert sich ein Bild der jungen Engländerin, das von Seite zu Seite an Tiefenschärfe gewinnt.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Es ist eine fast unglaubliche Geschichte, die Michaela Karl rekonstruiert. Sie zeigt eine junge Frau, der es gelingt, sich aus der Masse der gleichgeschalteten Frauen des Dritten Reiches zu erheben und über ihnen allen zu thronen. Sie zeigt eine Frau, deren Gefühle für die eigene Heimat so stark ausgeprägt waren, dass sie fast jedes Opfer zu bringen breit wäre, um einen Krieg zu verhindern. Sie zeigt aber auch eine Frau, die bereitwillig die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich unterstützt, um in ihrer politischen Linie unverrückbar zu sein.

Michaela Karl lässt uns an der Seite von Unity Mitford die Massenhysterie und den Führerkult um Adolf Hitler erleben. Sie legt den Finger in jede Wunde der Geschichte und beleuchtet Hintergründe, die sich mir in dieser Komplexität erstmals eröffnet haben. Zusammenhänge zwischen der Vorsehung und Unity Mitford bleiben bei Michaela Karl nicht nur Spekulation. Sie weiß, warum Hitler ein Attentat überlebte, weil sein geplanter Tag anders verlief, als es geplant war. Der Grund: eine englische Lady.

Und zuletzt schreibt Michaela Karl die Geschichte neu, indem sie mit aller Präzision die Theorien vom Selbstmordversuch Unity Mitfords seziert, in ihre Bestandteile zerlegt und zu einem überraschenden Ergebnis kommt. Die Autorin spekuliert nicht. Sie bleibt den Fakten treu und analysiert Beweggründe im Vergleich zu reißerischen Thesen. Das macht diese Biographie relevant und lesenswert. Wir enden am Ende des Lesens in der Heimat der englischen Lady, die zerstört, verstört und gebrochen nach Hause kommt, um festzustellen, dass sie dort eine Fremde ist. Das Abenteuer Drittes Reich endet für Unity Mitford schmerzhaft. Mitleid lässt Michaela Karl an keiner Stelle aufkommen. Aus gutem Grund. Ihr beeindruckendes Schlusswort schlägt eine Brücke aus der damaligen in unsere Zeit.

Hier geht Michaela Karl für eine Biographin einen Schritt zu weit! Es ist der beste Schritt, den sie je machen konnte.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Ich werde Michaela Karl auf der Frankfurter Buchmesse zum Interview treffen. Es beschäftigen mich viele Fragen zu ihrer Herangehensweise, zur Methodik und auch zu ihrer ganz persönlichen subjektiven Meinung zum Tod von Unity Mitford. Vielleicht kann ich die Autorin für Literatur Radio Bayern dazu verleiten, ein wenig zu spekulieren. Im Anhang zu diesem Artikel finden Sie den Link zum Podcast.

Folgen Sie mir ins Interview zu „Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford – eine Biographie, zur Buchmesse im Hoffmann und Campe Verlag erschienen. Lesens- und hörenswert – Gegen das Vergessen.

Ich blätterte gerade in der Vogue... Michaela Karl - Das Interview

Ich blätterte gerade in der Vogue… Michaela Karl – Das Interview