„Versteckt unter der Erde“ – Eine Lesung gegen das Vergessen

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Nein. Heute kein wie und warum ich beharrlich Gegen das Vergessen schreibe. Kein erhobener Zeigefinger mit dem Ausruf „Nie wieder“ und auch keine Hinweise, das aktuelle Geschehen im Auge zu behalten, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Kein verzweifelter Appell, alternative politische Strukturen im Auge zu behalten, bevor es zu spät ist und die zugedrückten Augen plötzlich blau unterlaufen sind. Die Geschichte hat ausreichend viele Hämatome in den Gesichtern der Opportunisten hinterlassen. Heute neigt man wieder dazu, alle blauen Flecken fein zu überschminken und ganz locker zur Tagesordnung überzugehen. Ich bin heute kein Rufer im Wald. Ich verstecke mich.

Aber ich werde nicht müde, besondere Bücher vorzustellen, die den Holocaust, seine Ursachen und Folgen ins Zentrum des Betrachters rücken. Voller Angst blicke ich dabei in die Zukunft, weil mit dem Tod der letzten Zeitzeugen und Überlebenden immer mehr Publikationen auf den Büchermarkt kommen, die lediglich nach Kulissen für spannende Romane suchen. Die Romantisierung und Dramatisierung der Massenmorde des Nazi-Regimes schreitet voran. Wobei mit Dramatisierung gemeint ist, den schrecklichen und lebensgefährlichen Alltag der damals ausgegrenzten Menschen dramaturgisch so stark aufzupeppen, dass ein neuer literarischer Mainstream entsteht. Ich bezeichne das ganz einfach nur als „HoloKitsch“. Deshalb werde ich mich heute verstecken.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Versteckt unter der Erde. Hier liegt uns ein Überlebensbericht vor, der sich deutlich von vergleichbaren authentischen Zeitzeugenerzählungen unterscheidet. Es ist indirekt, mittelbar, auf Umwegen und aus zweiter Hand, was uns in diesem Buch von Dina Dor-Kasten erzählt wird. Und doch ist es die wohl ungewöhnlichste Form der Konfrontation mit der Verfolgung des jüdischen Volkes im Dritten Reich, die ich jemals erlesen durfte. Denn die Autorin des Buches war zum Zeitpunkt der Ereignisse gerade einmal 2 Jahre alt. Ihre eigenen Erinnerungen sind eher schemenhaft. Albträume, Bild-Fragmente und dunkle Schatten. Dina Kor-Kasten wurde 1940 in Bukaczowce als erste Tochter eines jüdischen Ehepaars geboren. Jossel und Lina Kasten lebten in der damaligen Ukraine in Erwartung des Sturms, der damals über das jüdische Volk hereinbrach.

Dina Dor-Kasten hat die Geschichte ihrer Familie niedergeschrieben. Dabei hat sie sich der sichersten Quelle bedient, die man sich vorstellen kann. Sie hörte ihrer Mutter zu. Sie folgte ihrem eigenen Traum, eines Tages die dramatische Geschichte der Jahre 1941 bis 1948 für die Nachwelt festzuhalten und selbst mehr über jene Zeit zu erfahren, die ihr ganzes Leben verändert hat. Da, wo andere Eltern schwiegen, hat Lina Kasten alles erzählt. Aus ihrer Perspektive, in der Erzähltradition der mündlichen Überlieferung, erfährt Dina Dor-Kasten, was damals wirklich geschah, wem sie und ihre Geschwister ihr Leben zu verdanken haben und welche Traumatisierungen sich tief in ihrer Psyche festgebissen haben. Es ist zutiefst persönlich, was wir erfahren. Es ist der Bericht eines Überlebens, das über Jahre am seidenen Faden hing. Dina Dor-Kasten wird in diesem Buch zur Stimme ihrer Mutter. Unverfälscht und liebevoll. Sie vollendet auf diese Weise den Kampf um das nackte Überleben und setzt damit ihren Eltern ein Denkmal.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

„Versteckt unter der Erde“ ist ein erdrückender Erlebnis- und Überlebensbericht aus dem dunkelsten Zeitalter, das jüdische Menschen durchleben mussten. Wir erleben im Verlauf der Schilderungen nicht nur den schleichend zunehmenden Antisemitismus im Machtbereich der Nazis. Wir erleben auch die Feindlichkeit der ukrainischen Menschen in dieser Zeit. Hier kommt das Hitler-Regime genau zur rechten Zeit. Man kann sich an den jüdischen Nachbarn bereichern, darf endlich den Hass offen ausleben und wird so zum Erfüllungsgehilfen der braunen Diktatur. Pogrome, Verfolgungen und Entrechtung werden zum täglichen Horrorszenario einer jungen Familie. Enteignung, Vertreibung in Sammellager, Ghettoisierung, Deportation und Liquidation sind die Konsequenzen, auf die sich die jüdische Bevölkerung einzustellen hat. Schutz gibt es nicht mehr. 

Jossel Kasten entschließt sich zur Flucht. Er will seine Familie nicht tatenlos opfern. Das Ghetto Rohatyn ist die Vorstufe zur endgültigen Hölle. Wir erleben dort schon die Hölle auf Erden ohne dass man glauben könnte, dass es noch schlimmer werden kann. Mordaktionen, Zwangsarbeit und Hunger sind tägliche Wegbegleiter der Inhaftierten. In größter Not flieht die kleine Familie kurz bevor alle Juden umgebracht werden. Das Ziel ihrer Flucht ist der Witan-Wald, in dem man Partisanen vermutet und sich Hilfe erhofft. Unter der Erde findet die Familie Unterschlupf. Ein dunkles Erdloch wird für zweieinhalb Jahre zum Versteck. Hunger, Todesängste, Kälte und Krankheiten sind Determinanten des Überlebens. Schilderungen, die schon lesend kaum zu verkraften sind. Lebend am eigenen Leib erfahren – unvorstellbar.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Diese Überlebensgeschichte lässt den Leser nicht mehr los. Das liegt nicht nur an den unmenschlichen Bedingungen, sondern auch an der schonungslos offenen Art und Weise, in der Lina Kasten ihr eigenes Versagen thematisiert. Sie erzählt ihrer Tochter, wie sich das Dahinvegetieren auf die Psyche der Eltern auswirkte. Hier blickt man tief in die Abgründe einer traumatisierten Seele, die an bestimmten Stellen sogar dazu bereit ist, die eigenen Kinder zurückzulassen, um selbst zu überleben. Der Kraftakt, das alles zu überstehen, wird von Seite zu Seite nachvollziehbarer. Absolut übermenschlich ist, was Jossel und Lina Kasten gelingt. Es ist ein Kampf. Eine Schlacht gegen sich selbst und die lebensfeindliche Umwelt. Und es sind die kleinen Wunder der Humanität, es ist die Hilfe von Menschen, die selbst bedroht sind, die der jüdischen Familie Kasten das Leben retten.

Am Ende steht die Befreiung. Hier genau wird aus der Überlebensgeschichte erneut ein Meilenstein der Verarbeitungsliteratur, weil Freiheit nicht Freiheit ist. Es ist die harte Landung in einer neuen Realität. Man hat überlebt. Gerade so. Und schon ist man dort angekommen, wo der Kampf vor Jahren begann. Unerwünscht. Heimatlos. Es beginnt eine Flucht, die uns heutige Flüchtlingsschicksale vor Augen führt. Schlepper, Illegale, geschlossene Grenzen, Schleuser, Fluchtrouten. Nichts wird sich verändern. Alles lebt wieder auf. Nur für die Kastens gibt es einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Israel. Sie sollten dieses Buch aus dem Metropol Verlag lesen. Es schließt viele Kreise in einer Geschichte, die unvergessen bleiben muss.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Die Buchhandlung Lesezeichen Germering, die dortige Stadtbibliothek, die VHS und der Schauspieler und Sprecher Uwe Kosubek haben sich am 9. November zu einer kraftvollen Allianz gegen das Vergessen vereint und dieses Buch im Rahmen der Lesung „Versteckt unter der Erde“ vorgestellt. Meine Reportage zu diesem Abend bei Literatur Radio Bayern umfasst neben einem Interview mit den Initiatoren der Lesung auch Fragestellungen zur besonderen Rolle eines Sprechers bei einer Buchvorstellung ohne Autorin, zur Relevanz solcher Veranstaltungen im öffentlichen Leseraum und zur Sortimentauswahl in Buchhandlungen.

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Meine Gesprächspartner sind:

Katrin Schmidt – Buchhandlung Lesezeichen Germering
Christine Förster-Grüber – Leiterin der Stadtbibliothek Germering

Uwe Kosubek – Sprecher und Schauspieler – Die Stimme des Abends
Andrea Franke – VHS Germering

Fotos in der Dia-Show vom Abend: Helen Hoff.

Begeben Sie sich mit uns in ein Versteck unter die Erde, das man heute verraten muss, um andere davor zu bewahren, sich jemals verstecken zu müssen.

Hier geht es zum PodCast bei Literatur Radio Bayern

Versteckt unter der Erde – Die Radio-Reportage

„Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Es ist schwer für mich, über „Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez zu schreiben. Es ist schwer, weil ich mich schon sehr lange mit Nazi-Ärzten des Dritten Reichs beschäftige. Mit ihren aberwitzigen Menschenversuchen, der führenden Rolle in der Frage der Euthanasie und den Morden an Menschen, zu deren Heilung sie sich eigentlich verpflichtet hatten. Zu lange schon stelle ich mir die Frage, wie man das mit sich selbst vereinbaren kann. Es ist schwer, darüber nachzudenken. Schwer, es in Worte zu fassen und doch unerlässlich, sich diesem Thema zu stellen. Aber das ist es nicht allein, was es so schwer macht für mich. Ich kenne eine Überlebende des aus der heutigen Sicht wohl größten „Monsters“ in der Geschichte der Humanmedizin.

Das Verschwinden des Josef Mengele – Die Rezension fürs Radio

Diese Rezension können Sie auch bei Literatur Radio Bayern hören

Eva Mozes Kor – Eine Mengele-Überlebende erzählt

Ich kenne Eva Mozes Kor. Ich hätte gerne auch ihre Schwester Miriam kennengelernt. Ihre Zwillingsschwester, um es deutlich zu sagen. Doch nur Eva hat den Holocaust und die Menschenversuche des Arztes Josef Mengele im Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Mir wäre es lieber, wir würden uns fortan mit den Opfern beschäftigen, anstatt unsere Aufmerksamkeit den Tätern zu schenken. Es wäre mir lieb, Sie würden meinen Verlinkungen zu den Artikeln folgen, die ich über die Opfer der Shoa schrieb. Und dann wäre es mir lieb, Sie würden hierher zurückkehren, um mit Olivier Guez zusammen die Perspektive zu wechseln, und sich mit den Innenansichten eines Täters auf der Flucht auseinandersetzen. Machen wir es so? Dann bis gleich. Hier geht es zuerst um Opfer:

Eva Mozes Kor – Eine Begegnung in München

„Ich habe den Todesengel überlebt“ von Eva Mozes Kor
Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Eine Begegnung in München
Wir haben das KZ überlebt“ von Reiner Engelmann – Radioreportage
27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

Wieder da? Danke. Nachdem wir nun also wissen, was der Todesengel in Auschwitz seinen Opfern antun durfte, werfen wir einen Blick auf die weitere Geschichte, die sich nach der Befreiung der Konzentrationslager abspielte. Und hier kommt der Ärger hoch, dass man genau diesen Todesarzt des Todeslagers niemals dingfest machen konnte. Josef Mengele entging allen Strafen, allen Täter-Prozessen, jeder Gegenüberstellung, und damit gab es auch niemals die Chance zu erfahren, was er Zwillingen, wie Miriam Kor injiziert hatte. Seine Flucht brachte auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Menschen ums Leben, weil die Ursachen für ihre Erkrankungen unbekannt waren. Hier mordete ein Arzt durch sein Schweigen weiter.

Genau hier setzt Olivier Guez in seinem Tatsachenroman Das Verschwinden des Josef Mengele“, erschienen beim Aufbau Verlag und Der Audio Verlag, an. Und hier ist bereits der erste Punkt dieses brillant erzählten „Flüchtlingsromans“, an dem es mir erstmals schlecht wird.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Der Zöllner kontrolliert sein Gepäck, die akkurat gefaltete Kleidung, verzieht das Gesicht, als er den Inhalt des kleineren Koffers entdeckt: Injektionsspritzen, Hefte mit Notizen und anatomische Zeichnungen, Blutproben und Zellplättchen. Er ist unsinnige Risiken eingegangen, um diesen kompromittierenden Aktenkoffer zu behalten, den kostbaren Ertrag jahrelanger Forschungen, sein ganzes Leben, das er mitgenommen hatte, als er damals überstürzt seine polnische Stelle verlassen musste.“

ER, das ist Josef Mengele, der mit falschem Pass in Argentinien ankommt. Er hat es geschafft. Vom Erdboden verschwunden und im Besitz von Substanzen, die Miriam Kor vielleicht das Leben gerettet hätten. Doch jüdisches Leben zählte nicht für ihn. Hier galt es der Rassentheorie des Dritten Reichs als medizinischer Vollstrecker zur vollsten Entfaltung zu verhelfen. Aus dem ambitionierten Mediziner war schon lange vor seiner Zeit in Auschwitz ein glühender Anhänger Hitlers und dessen Visionen geworden. Was Olivier Guez in seinem Buch beschreibt, ist so unglaublich, als würde man unter einem gut gehüteten Deckmäntelchen einer untergegangenen Diktatur ein braunes Netzwerk enttarnen, das einer Vielzahl von Tätern die Flucht nach Südamerika ermöglichte.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

1949 beginnt die verzweifelte Flucht Josef Mengeles nach Argentinien. Bis dahin war es ihm gelungen, in der Gegend seiner Heimatstadt Günzburg unterzutauchen. Als die Luft für die Täter des NS-Regimes immer dünner wird, verlassen die Ratten auf den Rattenrouten das sinkende Schiff. Guez ist tief in die Netzwerke eingetaucht, legt eine umfassende Recherche der Fluchtwege von Josef Mengele vor und wird dann fiktional, wenn er sich in die Gefühls- und Denkwelten seines Verfolgten hineinversetzt. Wir sind Zeugen und Fluchthelfer zugleich, erkennen die Schlepperorganisation der NSDAP und finden Unterschlupf in südamerikanischen Diktaturen. Man muss sich kaum verbergen dort. Man kann sogar seinen Namen behalten. Ratten verstehen sich blind. Noch dazu, wenn prominente Angehörige des NS-Apparats das Nest bereitet haben.

Es ist der Mix aus südamerikanischer Polititk, NS-Netzwerk, Mitläufern, bezahlten Helfern und einer intakten Täterfamilie, die alles Finanzielle regelt. Geld spielt keine Rolle. Dem Untertauchen folgt nach der Akklimatisierung das Arrangieren mit der neuen Umgebung. Guez verharrt nicht in den frühen Fluchtjahren. Er zieht die Schlinge enger zu und fängt an, mit der internationalen Suche nach den Nazi-Verbrechern, auch Josef Mengele immer mehr in die Enge zu treiben. Simon Wiesenthal, der israelische Mossad und Staatsanwälte der nicht mehr ganz jungen Bundesrepublik wollen Mengele fassen. Nach Eichmann ist er der wohl letzte lebende Massenmörder, der noch auf freiem Fuß ist. Einsicht zeigt er nie. Unrecht scheint ihm zu widerfahren. Mitleid will er. Er, der nicht gewillt war, Menschlichkeit zu zeigen.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Und doch gelingt Olivier Guez in seinem, mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Roman etwas Außerordentliches. Er begibt sich in seiner Täterprofilierung nicht auf ein Niveau der Schadenfreude oder des puren Voyeurismus, wenn er den panischen Josef Mengele schweißgebadet aufwachen lässt. Er vermittelt in seinem Buch keinen Hauch von Genugtuung, dass der Flüchtende der gerechten Strafe nie ganz entgehen konnte. Das Verschwinden des Josef Mengele“ zeigt in der Charakteristik des Täters, wie es passieren kann, dass aus einem Mitläufer ein Massenmörder wird. Das Buch zeigt, wie groß die Verantwortung einer zuschauenden Gesellschaft voller Opportunisten ist, die alles wollten, aber vorgaben, von nichts gewusst zu haben. Guez erweckt beileibe kein Mitleid mit Josef Mengele. Aber er hält uns den Spiegel vor, wie weit ein Mensch gehen kann, wenn man ihm die ideologische Möglichkeit gibt. Im Namen des Volkes. Hier trifft dieses Buch mitten in den Nerv der heutigen Zeit. Alle wollen. Viele hetzten und einige werden es tun.

Ich habe atemlos gelesen, sprachlos gehört und ungläubig nachgedacht. Olivier Guez ist Verfasser eines ausgezeichneten Buchs und eines Meilensteins Gegen das Vergessen. Burghart Klaussner ist der perfekte Sprecher für das beeindruckend und perfekt inszenierte Hörbuch. Ein Tatsachenroman, der gelesen werden sollte, weil er in jeder Beziehung verdeutlicht, wo die Grenze der Menschlichkeit gezogen werden kann, wenn man es nur zulässt. Eva Mozes Kor hat Josef Mengele vergeben. Sie wollte ihm nicht noch mehr Macht über ihr Leben einräumen. Für sie ist Vergebung mit Befreiung gleichzusetzen. Eva ist seit 1945 befreit. Josef Mengele konnte sich niemals befreien. Eine Strafe, die für mich schwerer wiegt, als der schnelle Tod durch einen Henker.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Ärzte im Dritten Reich. Nicht das erste und auch nicht das letzte Buch zu diesem Thema in der kleinen literarischen Sternwarte. Lesen Sie gut und passen Sie auf sich auf.

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm
Dr. Tod – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

Wer verstehen will, wie dieses pervertierte Denken sich Bahn brechen konnte, dem sei Die Tagesodnung“ von Éric Vuillard ans Herz gelegt. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt und wie das Buch von Olivier Guez herausragend übersetzt von Nicola Denis. Wenn man das bei einer Übersetzung sagen darf, man spürt ihre Handschrift in beiden Büchern. Kompliment.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Alle Bücher sind Teil meines Lesens und Schreibens „Gegen das Vergessen“.

„Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard – Prix Goncourt 2017

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Der renommierte französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ist ein Prädikat des guten Lesens. So habe ich es bisher empfunden. Hier wird kein Buch mit einem Etikett versehen, dessen Qualität man spätestens dann anzweifelt, wenn man nichts versteht. Manche Literaturpreise schrecken mich eher ab. Diese Auszeichnung empfinde ich als Brandbeschleuniger für meine literarische Neugier. Und dies nicht grundlos. Bisher hat mich noch kein Preisträger enttäuscht. Ich nenne hier nur Beispiele:

2006 Jonathan Littell – „Die „Wohlgesinnten
2010 Laurent Binet – „HHhH – Himmlers Hirn heißt Heydrich“ – Kategorie Debut
2011 Alexis Jenni – „Die französische Kunst des Krieges
2016 Leila Slimani – „Dann schlaf auch du

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Diese jeweils besten französischsprachigen Romane eines Jahres rütteln auf und bewegen zugleich. Sie thematisieren (für mich sehr überraschend) häufig die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die vielfältigen Verstrickungen der globalen Politik in eine Zeit, die man ansonsten in Frankreich lieber nicht mehr beschreiben würde. Und doch ist es ein großer Literaturpreis, der die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern sie auch noch prämiert. Nunja. Immerhin mit symbolischen 10 Euro, aber trotzdem ist der Prix Goncourt als ältester französischer Literaturpreis nicht nur bei Autoren heiß begehrt. (Ihr könnt diese Rezension auch hören)

Die Tagesordnung von Éric Vuillard – Als Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Kann es da verwundern, dass nun auch der Preisträger des Jahres 2017 in meine Bibliothek aufgenommen wurde? Nein. „Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard passt genau in mein literarisches Beuteschema. Diesmal in mehrfacher Hinsicht. Ein Thema, an dem ich einfach nicht vorbeikomme, ein Literaturpreis, den ich nicht ignorieren kann und ein Cover, das mich mehr als neugierig macht. Keine Überraschung also, dass ich meine Tagesordnung des guten Lesens um einen Roman von Matthes & Seitz Berlin erweiterte, mich erwartungsfroh ins Buch stürzte und sofort ergründen wollte, was denn der gute alte Gustav Krupp von Bohlen und Halbach so staatsmännisch strahlend auf diesem Buch zu suchen hat. Wer hier einen stahlharten Wirtschaftsroman erwartet, der sieht sich mehr als getäuscht. Viel interessanter ist es vielleicht, dass dieses Bild einen der 24 Hauptangeklagten des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher des Nazi-Regimes zeigt.

Der in sämtlichen vier Punkten Angeklagte wurde jedoch niemals verurteilt, weil sein bedenklicher Gesundheitszustand eine Eröffnung des Verfahrens verhindert hatte. Und nun spricht man in Frankreich wieder über eine Zeit, in der sich Menschen vierfach schuldig gemacht haben? Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. Nun wird ein Roman ausgezeichnet, der alte Wunden aufreißt und die Schuldigen in neuem Licht erscheinen lässt. Wie soll das bitte gehen? Wie kann das auf 117 Seiten funktionieren und wo ist der literarische Aspekt einer solchen Tagesordnung, deren Geheimnisse schon längst enzyklopädisch abgehandelt sind?

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

Éric Vuillard besticht alleine schon damit, dass er die Zeit zwischen Machtergreifung und Machtverlust der Nazis auf genau diesen magischen 117 Seiten bündelt, ohne hier in den Jargon eines Sachbuches zu verfallen oder in epischer Breite abzuschweifen. Er packt die Geschichte bei ihrem Extrakt und verdichtet das Konzentrat angereichert mit Namen und Fakten zu einer Momentaufnahme mit einer Belichtungszeit von 12 Jahren. Manche Gestalten verwischen bei dieser Art der Fotografie, einige Figuren hinterlassen kaum Spuren und andere sind auch nach Jahren noch scharf zu sehen, weil sie immer wieder an der gleichen Stelle auftauchen. Éric Vuillard skizziert die Automatismen einer Diktatur, er lässt Einschüchterung und Machtspiele wie einen perfekt einstudierten Tanz erscheinen. Dabei legte er das Stakkato der mörderischen Marschmusik unter seine, in jeder Hinsicht brillant erzählte, Aufführung. 

Es sind 24 Industrielle, die Hitler mit Finanzspritzen an die Macht spritzen. Es sind unpolitische Firmenmagnaten, die sich Gewinn versprechen, die denken, etwas steuern zu können, das sonst aus dem Ruder läuft. Es sind 24 Superreiche, die profitieren statt verlieren wollen. Und doch sind es für Éric Vuillard nur 24 Abziehbildchen im Album der vergangenen Unmenschen. Was bleibt sind die Firmen selbst. Was bleibt ist der schier unglaubliche Reichtum, den man trotz eines verlorenen Krieges anhäufen konnte. Was bleibt ist das müde Naserümpfen über die Ansprüche der ehemaligen Zwangsarbeiter. Was bleibt ist die saubere Weste des Konzerns. Was bleibt ist die Übelkeit, die Vuillard in unserem Geschichtsverständnis hinterlässt.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard

„Die Tagesordnung“ vereint alle Marionetten der historischen Vergangenheit zu einem skurrilen Kasperletheater, in dem die witzige Figur mit der Klatsche die größte Klatsche hat und gar nicht witzig ist. Éric Vuillard reißt den Nazi-Schergen die Masken vom Gesicht und blendet sich durch seine Zeitscheiben mit einer Präzision eines Laser-Pointers, der uns einschneidende Erkenntnisse aufzeigt. Zentral erleben wir den Ablauf des vermeintlichen Anschlusses von Österreich an das Deutsche Reich. Zentral können wir kaum glauben, was wir lesen. Zentral zeigt uns Éric Vuillard brutal auf, dass es nicht die Fakten, sondern eben Fake-News waren, die eine ganze Welt in einen Krieg zogen. Damit gelingt es ihm, unsere heutige Wahrnehmung auf „Die Tagesordnung“ zu setzen, genau hinzuhören, hinzuschauen, Skurriles nicht als oberflächlich, sondern als Intention zu verstehen.

Es sind große 117 Seiten, die hinter mir liegen. Es sind 117 Seiten, die dazu führen, dass man Sekundärliteratur um „Die Tagesordnung“ schart. Es ist ein schmales Buch, das es ganz schön dick hinter dem Einband hat. Man kann dieses Buch unterschätzen. Man kann denken, alles schon mal gelesen zu haben. Man kann es für eine Geschichte halten, die mit uns nichts mehr zu tun hat. All dies kann man. Aber man hält diese Sicht der Dinge nicht lange durch. Spätestens wenn man liest, wie die Angeklagten Nazis in Nürnberg ihr Schauspiel offen belächeln. Wie ertappte Kinder beim Schummeln. Leider hat dieses miese Schauspiel mehr Opfer gefordert als alle Kriege der Welt zusammen. Haltet die Augen auf und setzt das auffällig Unauffällige auf die Tagesordnung.

Die Tagesordnung von Éric Vuillard und andere Konferenzen

Vieles Stand auf der Tagesordnung, Nichts ging ohne Konferenzbescheinigung. Auch nicht am Wannsee, wie man später leidvoll erfahren musste. „Die Wannseekonferenz

„Der Umweg“ – Luce d´Eramo – Eine Faschistin unter Nazis

Der Umweg von Luce d´Eramo

Das Lesen und Schreiben „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust sind die wesentlichen inhaltlichen Triebfedern der kleinen literarischen Sternwarte. Ich bin ständig auf der Suche nach authentischen Zeitzeugenberichten, die das Erinnern in uns wachhalten, und den Opfern des NS-Regimes ein Gesicht geben. Ihre Identität und ihre Würde sollten Andersdenkenden, Andersgläubigen, Andersfühlenden, Behinderten, Homosexuellen und besonderen, als Untermenschen definierten Volksgruppen kollektiv genommen werden. Entrechtung, Entmenschlichung und Ausgrenzung wurden auf ihre Fahnen geschrieben. Die Hemmschwelle zum industriellen Massenmord wurde auf die Art und Weise systematisch in der Gesellschaft gesenkt. Aus Tätern wurden reflexartig nur noch Befehlsempfänger und der Rest hat nichts gewusst.

Alle Zeitzeugenberichte sind immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, die Rolle der Opfer dramatisch zu überhöhen, in Details zu übertreiben und den Verfasser selbst zur Ikone aller Opferbilder zu stilisieren. Misstrauen regiert. Beweise sind Mangelware, weil die Nazi-Bürokratie alles ebenso akribisch dokumentierte, was sie zum Kriegsende hin systematisch vernichtete. Und so geraten Opferberichte in den Zweifronten-Krieg einer Geschichtsinterpretation, die zumeist nur Pro und Contra kennt. Zweifel wird es immer geben, außer es gelingen wahre Husarenritte, die Beweise für die Nachwelt bewahren. Wilhelm Brasse ist hierfür wohl das beste Beispiel. Hätte der Fotograf von Auschwitz nicht tausende von Portraitfotos von Deportierten vor den Flammen gerettet, sie wären schon längst vergessen. Sein Zeitzeugnis ist zweifelsfrei authentisch. Schade, dass ich auch heute noch erleben muss, wie sehr vergleichbare Opferberichte angezweifelt und als Fake bezeichnet werden.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Was aber, wenn ein solcher Zeitzeugen-Opfer-Bericht so gar nicht in die üblichen Standards passt? Was, wenn er gar nicht von jemandem geschrieben wurde, der den ideologischen Rasterfahndungs-Klischees der Nazis entsprach? Was, wenn er aus der Feder einer Frau stammt, die das nationalsozialistische Deutschland als Idealbild einer modernen faschistischen Gesellschaft betrachtete und die ihr Heimatland Italien verließ, um sich in Deutschland davon zu überzeugen, dass die Gerüchte über Verbrechen und Konzentrationslager jeder Grundlage entbehren? Was, wenn die Verfasserin Bilder von Hitler und Mussolini im Gepäck hatte, weil sie nicht ohne ihre ideologischen Idole in das Land der Verheißung reisen wollte. Was, wenn die Autorin eine bekennende Faschistin war? Glauben wir ihr dann? Ich bin gespannt.

Wir sollten. Besonders unter diesen Voraussetzungen. Denn was der in Frankreich geborenen und aufgewachsenen und nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit ihren Eltern in die eigentliche Heimat Italien zurückgekehrten Luce d´Eramo zustieß ist nicht repräsentativ, unvergleichbar und absolut einzigartig. Ihr autobiografischer Roman „Der Umweg“ (Klett-Cotta) eröffnet uns eine bisher nie dagewesene Sichtweise auf ein Land am Rande des Untergangs. Eine Perspektive jedoch, die eher dazu gedacht war, seine Regierung zu verteidigen und mit schlimmen Gerüchten aufzuräumen. Eine Faschistin, die sich 1944 im Alter von 18 Jahren als Freiarbeiterin nach Deutschland meldet, gerät selbst in die Fänge der von ihr bewunderten Diktatur. Eine junge Frau voller Ideale wird zum Opfer, weil sie sich gegen die himmelschreienden Ungerechtigkeiten auflehnt, die sie zuvor nicht wahrhaben wollte. Vom Saulus zum Paulus im Dritten Reich. Ein Bericht voller Widersprüche und Ausrufezeichen. Das Zeitzeugnis einer Desillusionierten.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Luce d´Eramo war erst viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Lage, über ihre Erlebnisse zu berichten. Chronologisch geordnet ist es nicht, was wir in ihrem Buch lesen. Chronologisch sind lediglich die Zeitpunkte, zu denen sie von ihrer Erinnerung eingeholt wurde. In dieser Reihenfolge sind sie angeordnet. Und doch ist es sinnvoll, diese Bilder ihrer Vernissage nicht umzuhängen, sie in die Phasen des Lebens einzureihen, sondern sie in ihren Widersprüchen wirken zu lassen. Was im Buch im KZ Dachau beginnt, hat eine Vorgeschichte. Was eine junge Flüchtende 1944 in München erlebt hat eine Vorgeschichte. Diese Vorgeschichte voranzustellen würde dem Erlebten nicht gerecht. Die volle Wucht der Erkenntnis reift mit dem wachsenden Wissen um alle Zusammenhänge dieser bemerkenswerten Odyssee. 

Wie wird aus der freiwilligen Arbeiterin in den Fabriken der IG Farben in Frankfurt Höchst in letzter Konsequenz eine Gefangene im KZ Dachau? Was führt eine junge Frau dazu, diesem Lager zu entfliehen, in welchen illegalen Orbit im Hagel der alliierten Bomben taucht sie in München ein, was führte zu ihrer Deportation und wie gelang ihre Flucht bis nach Mainz, warum war sie dort zur falschen Zeit am falschen Ort und wieso stürzte ein Mauerrest gerade auf sie und nahm ihr zeitlebens die Möglichkeit ihre Beine zu bewegen? Was macht aus der linientreuen und nach Bestätigung suchenden jungen Faschistin in den Lagern der IG Farben eine Kämpferin für Gleichberechtigung und wie reagiert ihre Familie auf die Erkenntnisse eines Mädchens, dem alle Illusionen geraubt wurden? Hier schärft sich der Blick des Außenstehenden. Fassaden bröckeln und auch ideal wirkende Ideale werden zum Opfer der Machtgier. Die Welt der IG Farben besteht auf Freiarbeitern voller Ambitionen und Zwangsarbeitern, die dort gehalten werden wie Tiere. Russische und polnische Kriegsgefangene, Aufständische aus dem Warschauer Ghetto, inhaftierte Partisanen und französische Kriegsgefangene bilden den Kosmos in dem die kriegswichtige Produktion auf menschenverachtende Methoden zurückgreift.

Der Umweg von Luce d´Eramo

Hier wird aus der freiwilligen Faschistin die Kollaborateurin mit vielen Privilegien. Hier erlebt die junge Italienerin die Zustände, in denen die Zwangsarbeiter vor sich hin vegetieren. Hier regt sich ihr Gewissen. Hier wird sie zur Zeugin von Zuständen, die sie niemals wahrhaben wollte. Hier begehrt sie auf. Hier wechselt sie die Seite und schließt sich den „Bolschewiken“ an. Am untersten Rand der Nahrungskette angekommen, wird sie fast zur Märtyrerin für die Rechte der Gefangenen. Hier wird aus der Faschistin eine verzweifelt Zweifelnde, eine Hassende und Kämpfende. Hier wendet sich das Schicksal von Luce d´Eramo. Aus einer Anhängerin wird eine registrierte Gegnerin. Sie wird nach Italien repatriiert. Dort von der SS festgesetzt und nach Dachau deportiert. Hier beginnt „Der Umweg“ auf dem sie erneut nach Deutschland verbracht wird. Fortan wird sie, die ehemals Linientreue, zur Alliierten der Verzweifelten.

Was nun bei den Nazis als menschlicher Abschaum gilt, entwickelt sich zu treuen Weggefährten durch eine unglaubliche Odyssee. Eine Irrfahrt, die man als Leser auf sich nehmen sollte. Die Läuterung der Faschistin vollzieht sich nicht schlagartig, jedoch mehr als nachhaltig. Dass Luce d´Eramo den Zweiten Weltkrieg überlebte hat sie jenen zu verdanken deren Schicksal sie bezweifelte. „Der Umweg“ könnte einen Ausweg aus dem allzu linearen Denken darstellen. Perspektivwechsel und eigenes Erleben. Das ist es, was wir Populisten von heute wünschen. Eine Fahrt in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer, eine Nacht in Aleppo, zwei Monate im Status asylsuchend, abgeschoben in eine Heimat, die keine Sicherheit bietet. Es sind diese Perspektiven, die wir uns für die Menschen wünschen, die auch heute noch Kollaborateure der Unmenschlichkeit sind.

Der Umweg von Luce d´Eramo – Zurück in Dachau – Mehr als eine Impression…

Ich lese und schreibe weiter Gegen das Vergessen an. Ich suche nach wie vor die großen und kleinen wahren Geschichten aus einer Zeit, vor deren Wiederholung immer noch gewarnt werden muss. Populisten verbergen ihre wahren Absichten gut. Sie sind immer wieder in der Lage, Automatismen zu nutzen, Ideologien zu verbiegen und sich durch das Verbreiten von Angst unersetzlich zu machen. Populisten brauchen niemals Lösungsansätze. Sie brauchen nur die Unzahl von „Neins“ und „Abers“. Ihnen wünsche ich zahllose Luce d´Eramos. Begeisterte Anhänger, die schnell merken wohin der Hase läuft. „Der Umweg“ ist unter Berücksichtigung dieser besonderen Rahmenbedingungen ein wichtiges Buch, das „Gegen das Vergessen“ kämpft und die individuelle Geschichte von Menschen zutage fördert, die wir ansonsten vergessen würden.

Diesen Umweg habe ich gerne gemacht. Er zeigt mir, wie sehr die Betroffenen, egal ob nun als Opfer, Mitläufer oder Täter lebenslang mit der Verarbeitung der Geschichten ihres Lebens beschäftigt sind. Die schonungslose Offenheit mit der eigenen Erinnerung sticht besonders aus diesem Zeitzeugenbericht heraus. Luce d´Eramo gesteht sich und uns gegenüber ein, wie lange es gedauert hat, klar zu sehen, Wahres von Illusionen zu trennen und im Ergebnis die Tatsachen für sich sprechen zu lassen. Das Eingeständnis der Autorin, sich jahrelang selbst belogen zu haben, um mit ihrer Geschichte leben und sie verarbeiten zu können, macht aus einem ganz normalen Buch ein Standardwerk zu den großen Themen unserer Zeit. Ideologisch populistische Verführung und die Folgen für Linientreue und Gradlinige. Meine Gradlinigkeit ist durch eine rote Linie definiert, der Luce d´Eramo mehr Kontur verliehen hat.

Vor wenigen Tagen führte mich Der Umweg nach Dachau. Ein wichtiger Moment.

Freiwillig im KZ – Wahrlich kein Einzelfall

Freiwillig ins Konzentrationslager? Kein Einzelfall in der Geschichte.

 

„Belladonna“ von Daša Drndić – Ein Vermächtnis

Belladonna von Daša Drndić

„Habent sua fata libelli“. Bücher haben ihre Schicksale. Dieses Zitat aus dem alten Gedicht von Terentianus Maurus hat sich in meinem Lesen schon oft bestätigt. Bücher tragen nicht nur ihre jeweils erzählte Geschichte in sich. Sie werden nicht losgelöst von den situativen Rahmenbedingungen des Lesens aufgenommen und verändern sich im Lauf der Zeit. Deutungen sind schicksalhaft von den Entwicklungen der Geschichte und dem Verständnis der Leser abhängig. Bücher als zeitlos zu bezeichnen, bedeutet also eher, ihnen eine konstante Aussagekraft bei sich ständig verändernden Gegebenheiten zu attestieren. Egal, wann man sie liest, egal, welche politische oder soziale Strömung sie tangiert, ihre Botschaft bleibt tragfähig und relevant.

Belladonna“ von Daša Drndić ist in jeglicher Hinsicht ein schicksalhaftes Buch. Der kroatischen Autorin gelingt in ihrem letzten Werk ein vielschichtiger Abgesang auf die zerrissene Geschichte ihres Heimatlandes. Zugleich verknüpft die am 05. Juni 2018 verstorbene bedeutende literarische Stimme ihren großen Roman „Sonnenschein“ mit einer an Aktualität und Zeitlosigkeit kaum zu übertreffenden Geschichte, die uns erneut zeigt, dass sich Geschehenes und Erlebtes wiederholen kann. Was in „Sonnenschein“ mit der verzweifelten Suche nach verschleppten und der Identität beraubten jüdischen Kindern nach dem Holocaust begann, setzt sich in „Belladonna“ mit den Ursachen und Folgen des Zusammenbruches Jugoslawiens und der Renaissance einer Ideologie fort, die bereits für den Völkermord im Zweiten Weltkrieg verantwortlich war.

Belladonna von Daša Drndić

Es sind die ideologischen Wellenbewegungen, die Daša Drndić antrieben. Es sind die Parallelen und Muster, die man erkennen kann, wenn man nur genau hinschaut. Es ist der leise und doch unüberhörbare Unterton einer nationalsozialistischen Doktrin, die nicht auszurotten ist. Hier legt die Autorin die Finger in alle offenen Wunden, bricht mit allen nationalen Legenden ihrer kroatischen Heimat und hält uns damit den Spiegel für die eigene Blindheit vor. Ebenso fragmentarisch wie sich reale Geschichte im täglichen Leben zeigt, konstruiert sie ihren Roman. Ebenso in seine Einzelteile zerlegt präsentiert sie uns ihren Protagonisten Andreas Ban, der in der finalen Krise seines Lebens alles dem Vergessen entreißen will, was die Gesellschaft erfolgreich verdrängt hat.

Er, der Schriftsteller, der nicht mehr schreibt. Der Fremdenführer, der niemanden mehr führt. Der Psychologe, der nicht mehr analysiert. Er, der Intellektuelle ist nicht mehr sichtbar. Aus den offiziellen Ämtern verdrängt, der Lehrtätigkeit enthoben, an den Rand einer Gesellschaft gedrängt, die sich national neu erfinden möchte und doch der aufmerksame Beobachter dessen, was wirklich in Kroatien und Serbien geschah, als in den 1990er Jahren die ungeliebte gemeinsame Heimat Jugoslawien in ihre Einzelteile zerbrach. Er, Andreas Ban, lehnt sich in der Einsamkeit eines Sehers gegen den Krebs auf, der ihn so zerfrisst, wie der Nationalismus das Innere seiner Heimat verzehrt. Hier tauchen sie schemenhaft am Rande seiner Wahrnehmung auf: die Verantwortlichen für den neuerlichen Völkermord, die Täter und deren Nachfahren von einst, die nach vielen Jahrzehnten des Exils nach Hause kommen, um wiederentstehen zu lassen, wovon sie ewig gestrig träumten.

Belladonna von Daša Drndić

Daša Drndić macht aus dem von allen Seiten Ungewollten den Heilsbringer einer gemeinsamen Zukunft. Wäre nur jemand da, der sich noch vom Außenseiter Andreas Ban therapieren oder überzeugen ließe. Wäre nur noch jemand empfänglich für seinen zeitlosen Blick auf die Geschichte seiner Heimat. Auf die Opfer und Täter, auf zahllose Beispiele, die jenen populistischen Automatismus des Nationalismus veranschaulichen. Auf die Konsequenzen, die er hatte und immer haben wird. Hilflos kommt sich Andreas Ban vor. Ungehört, unerhört, vergessen. Dabei sollte man gerade ihm Aufmerksamkeit schenken. Er leitet ab, er leitet her und er leitet über, was niemand wahrhaben möchte. Genozid und Ausgrenzung haben ihre Vorgeschichte. Sie liegt nur solange im Schatten, wie man den „Sonnenschein“ leugnet.

Hier gelingt Daša Drndić in literarischer Hinsicht ein brillanter Geniestreich, zitiert sie sich doch an entscheidenden Stellen des Romans selbst. Sie hebt ihr eigenes Buch „Sonnenschein“ auf die Ebene einer Referenzquelle für die Sichtweisen von Andreas Ban. Er bezieht sich in seinen fragmentarischen Erinnerungen genau auf dieses Werk, seine inhaltliche Tragweite und die humanistische Botschaft, die es so relevant für das Verstehen des nationalsozialistischen Gedankengutes macht.

In Sonnenschein liest Andreas Ban über den bekannten Grafiker Christoph Meckel und seine Bücher Suchbild. Über meinen Vater. Meine Mutter, über
Monika Göth
(Tochter des Kommandanten des KZs in Plaszów, der zum Tod
durch Erhängen verurteilt wurde), die heute nach Überlebenden der Lager
sucht, nach Opfern ihres toten Vaters Amon Göth, und sie um Verzeihung bittet.

Belladonna von Daša Drndić

Hier schlägt Daša Drndić den Bogen ihres Romans „Belladonna“ bis zurück zum Zweiten Weltkrieg. So vermag sie die wahre Rolle ihrer kroatischen Vorfahren aus der Vergangenheit ans Tageslicht zu zerren, das Versagen der Kultur, die aktive Rolle ihrer Landsleute im Holocaust und die nicht überwundenen Demütigungen durch die Sieger nach dem verlorenen Krieg. Hier zeigt sich, wie lange dieses Gedankengut im Exil vor sich hin keimte, bevor es beim Zerfall Jugoslawiens wieder neu erblühen durfte. Hier ist augenfällig, wie fatal es ist, die Folgen der Geschichte zu vergessen. Einer Geschichte unter der heute noch die Nachkommen der Opfer von einst leiden. Anreas Ban lernt sie kennen, die Menschen, die noch heute auf der Suche nach ihren Familien sind. Kreise schließen sich und werden doch gewaltsam aufgerissen. Dem verweigert er sich. Hier kämpft er beharrlich gegen die Windmühlen des Vergessens.

Und vergessen ist nur, wessen Name vergessen ist. Hier setzt Daša Drndić auch in ihrem unvergessenen Stil an ihr vorheriges Buch an. Seiten voller Namen unterbrechen das Lesen nicht, sie torpedieren es und machen aus einem Roman ein Gedenkbuch für die Opfer der Völkermorde. Sie machen aus diesem Buch eine lebendige Warnung an alle, die heute willfährig in Kauf nehmen, dass erneut solche Listen niedergeschrieben werden. Diese Namen verleihen „Belladonna“ eine unfassbare Wucht, weil sie zeigen, dass sie nicht auszumerzen sind. Sie bleiben. Sie stehen wie Geister aus der brutalen Vergangenheit auf und fordern ihren Tribut. Als Stolperstein, als Erinnerung oder eben als immer noch lebendiges Ausrufezeichen für Völkermord.

Belladonna von Daša Drndić

„Belladonna“ – Das Teufelskraut, die Irrbeere. Ein Strauchgewächs, das sein Gift in hübschen lilafarbenen Beeren verbirgt. „Belladonna“, ein Roman, der nicht in den Giftschrank gehört. Er verbirgt die todbringende Wirkung nicht. Er stellt sie sogar offen zur Schau. Dies ist kein Roman über Kroatien und Serbien. Es ist keine separatistische Geschichte einer Zersplitterung. Es ist der Sonnenaufgang, der bis heute seine dunklen Schatten wirft. Wer bei der Fußball-WM in Russland erlebt hat, wie Nationalspieler der Schweiz mit Kosovo-Albanischen Wurzeln ihre Siegtore gegen Serbien mit dem Zeigen des Doppeladlers von einst feierten, weil sie pausenlos nationalistisch ausgepfiffen und beleidigt wurden, sieht, wieviel Belladonna das ehemalige Jugoslawien noch in harmlos scheinenden Beeren verspritzt.

„Belladonna“ lässt uns vieles verstehen. „Belladonna“ lässt uns an vielem zweifeln. Unzweifelhaft ist dieses Buch das literarische Vermächtnis einer bedeutenden Autorin, die nie aufgehört hat, gegen das Vergessen anzuschreiben. Ich halte „Sonnenschein“ und „Belladonna“ für zwei der wichtigsten Bücher zur Völkerverständigung. Wir sollten nicht vergessen, sondern verstehen und immer in der Lage sein, uns über den Gräbern von einst die Hand zu reichen. Ansonsten riskieren wir, dass sich wiederholt, was nicht wiederholbar sein sollte. Im Erkennen der Automatismen liegt ein Gegengift verborgen, gegen das auch die Tollkirsche machtlos ist. Im Vergessen liegt ihre wahre Kraft. Den Gefallen sollten wir dem Gesellschaftsgift nicht erweisen.

Belladonna von Daša Drndić

Am Ende des Lesens ergänze ich eine der Namenslisten im Buch um den Namen Daša Drndić. Ich weiß, dass sie unvergessen bleibt. Ich weiß, dass ihre beiden Bücher immer wieder zu Rate gezogen werden, wenn es gilt ideologisches Gift zu bekämpfen. Ein Zitat von Daša Drndić mag uns als Mahnung und Ratschlag für die Zukunft dienen. Ich trage es in meinem Herzen, weil ich nicht Teil einer Gesellschaft sein will, die ihre Opfer in Listen erfasst.

“Am Samstag, den 19. Januar 2002 nähen sich sechzig Insassen eines Flüchtlingslagers den Mund zu. Sechzig Menschen mit zugenähten
Mündern irren durch das Lager und starren in den Himmel. Kleine
streunende Hunde springen kläffend um sie herum. Die zuständigen
Stellen verzögern es hartnäckig, die Asylanträge dieser Menschen
zu bearbeiten.“

Lieber ein Vergissmeinnicht hegen, als mit Tollkirschen vergiftet zu werden

Mein Schreiben und Lesen „Gegen das Vergessen„. Eine eigene Welt.

Eine relevante Rezension zu Belladonna ist auch auf Zeichen & Zeiten zu finden.