Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Astrolibrium

Hannah Arendt (1906 – 1975), Ikone, Jahrhundertdenkerin, vergöttert, verfolgt und beschimpft. Intellektuelle mit hohem Spaltbarkeitsfaktor, unversöhnliche Kämpferin auf verlorenem Posten. Emigriert, immigriert, polyglott, heimatlos. Jüdische Professorin mit professioneller Haltung. Unverbiegbare, anlehnungsbedürftige, unerhört und verzweifelt Liebende. Zwischen den Fronten stehender Prototyp einer Influencerin mit Sprengkraft, Zeitzeugin des weltumfassenden Eichmann-Prozesses in Israel und Fettnapftreterin im Urteil über einen Massenmörder. Wie kann man sich dieser Frau nähern, die einerseits so unnahbar wie ein fremder Kontinent und andererseits so greifbar wie der rote Faden des Erinnerns an den Holocaust ist? Ich möchte ihren drei Leben begegnen. Ich will ihr durch Deutschland, Frankreich und die USA folgen. Mein Weg stellt eine Kreuzung dar, die drei Werke miteinander verbindet, die mir helfen sollen, eine Frau zu verstehen, die stets auf Unverständnis stieß.

Die drei Leben der Hannah Arendt“ – Graphic Biography von Ken Krimstein
Im Vertrauen – Briefe 1949 – 1975“ Hannah Arendt und Mary McCarthy – Hörbuch
Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“, Hannah Arendt

Drei Wege, die für mich zu einem Königsweg im Verständnis wurden. Wege, die in ihren unterschiedlichen Herangehensweisen Türen und Augen öffneten. Wege, die ich trotz der zu vermutenden Komplexität auf ein paar einfache Nenner bringen möchte, die meine Sichtweise zum Holocaust stark beeinflusst haben. Wege, die bis in die heutige Zeit reichen, weil eine Wiederholung der Geschichte nur dann erfolgen kann, wenn die Automatismen von einst wieder zu greifen beginnen. Hannah Arendt ist Grenzgängerin und Chefanklägerin der Humanität. Man sollte ihr sehr gut zuhören.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Die drei Leben der Hanna Arendt“ – Graphic Biography von Ken Krimstein

Was kann eine Graphic Novel bewegen? Wie kann sie sich einem Thema annähern, das augenscheinlich nicht für dieses literarische Gerne geeignet erscheint? Ich bin der Meinung, dass gerade dieser Widerspruch Neugierde weckt. Wer greift heute noch zur ausschweifenden Biografie? Wer taucht noch gerne in Sekundärliteratur voller Quellen- und Rechercheangaben ein? Kann man nicht einen Weg wählen, der plakativ und doch inhaltlich ausgewogen eine breitere Leserschicht anspricht? Ken Krimstein hat sich für diese ganz individuelle Herangehensweise entschieden. Ich möchte mich hier gerne als Maßstab dafür bezeichnen, warum das Experiment mehr als gelungen ist. Nein. Ich bin Hannah Arendt bisher literarisch nicht begegnet. Nein. Ich las bisher keine Zeile von ihr und hielt eine Auseinandersetzung mit ihr für wenig erfolgversprechend. Sie schien mir zu „elitär“, um ihren Gedanken folgen zu können. Die Hemmschwelle war zu groß. 

Und doch. Ich tauchte tief in den Illustrationen und Texten von Ken Krimstein ein. Ich hatte schon auf den ersten Seiten dieser Graphic Novel das Gefühl, dass Krimstein alle meine Bedenken kennen würde und schon in seiner Einleitung die Hemmschwellen auf mein Bodenlevel absenken konnte. Er setzt nicht voraus, dass man Hannah Arendt in- und auswendig kennt, bevor man sich seinem Buch widmet. Er ermöglichte mir eine unbefangene Annäherung. Krimstein akzeptiert mein Unwissen. Was er jedoch von mir erwartet, darauf darf er mit Fug und Recht bauen. Interesse und unvoreingenommenes Denken. Dafür bin ich zu haben. Er knüpft hier an so viele Schicksale an, die mir schon begegnet sind, wie die von Charlotte Salomon und Irène Némirovsky. Künstlerinnen, die von Nazis verfolgt, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und ermordet wurden.

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Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Was Hannah Arendt von ihnen unterscheidet, ist ihre Flucht nach Frankreich. Ihr erstes Leben in der deutschen Heimat endete 1933 mit der Machtübernahme der Nazis und führte sie als Emigrantin zuerst nach Paris dann in die USA. Was sie verbindet, ist die Tatsache, dass auch Paris kein sicheres Refugium war. So wie Charlotte Salomon Ihre Bilder in einem Koffer bei sich trug und sagte „C´est toute ma vie“ hatte auch ihre Leidensgefährtin Irène alles Wertvolle bei sich, als sie floh. „Trennt euch niemals von diesem Koffer, denn er enthält das Manuskript eurer Mutter.“ Und auch Hannah ist gedanklich bei einem Koffer, als sie nach dem Schicksal von Walter Benjamin gefragt wird. Sie erinnert sich daran „Wie er die schweren Koffer mit dem Passagen-Projekt die Berge hochgeschleppt hat… Wie er sagte, dass diese Dokumente ihm teurer seien als sein eigenes Leben.“ Nur, wer dies erlebt hat, weiß was Verfolgung heißt.

Doppelte Vertreibung, doppelte Entwurzelung, die Veränderung ihres Umfelds und der Menschen, die ihr nahestehen, der ideologische Sieg der braunen Kultur auch über die Liebe ihres Lebens, Martin Heidegger, all dies wird sie nicht mehr los. All dies wird sie verfolgen. Egal, wo sie ist. Die Wahrheit finden, für sie ein ekstatischer Genuss. Ihr Lebenscocktail besteht aus Leidenschaft, Liebe, Lügen und Philosophie. Sie bleibt eine Getriebene, die keine Opfer scheut, um das Licht der Erkenntnis zu erblicken. Grenzen gibt es für sie nicht. Als sie 1961 als Prozessbeobachterin in Israel weilt und Eichmann als bürokratisches und unauffälliges kleines Licht erlebt, erkennt sie die Banalität des Bösen. Weltweit hagelt es Kritik, weil sie zu verharmlosen scheint. Dabei gelingt ihr ein Bravourstück erster Güteklasse. Sie zeigt die Täter in ihrer lächerlichen Normalität und nicht als Übermenschen. Jeder kann schuldig sein. Auch der harmloseste Kleingeist.

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Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Als Hannah Arendt sich auch mit der internationalen jüdischen Gesellschaft anlegt und hinterfragt, warum sie die europäischen Juden im Stich ließ, verliert sie an Boden. Zu gewagt sind ihre Thesen. Zu früh kommen sie für eine Welt im Wandel, die sich nur zu gerne vor einer Mitschuld verstecken möchte. Wenige Freunde begleiten sie bis zum Ende. Mary McCarthy ist eine von ihnen. Eine Herzensbeziehung zweier Frauen, über alle Grenzen hinweg. Ken Krimstein gelingt mit seiner Graphic Novel ein Meisterwerk. Die Illustrationen skizzieren drei Leben. Seine Worte beschreiben sie. Gemeinsam sind sie in ihrer symbiotischen Wirkung ein Wegweiser zu Hannah Arendt, der animiert, sich intensiver mit ihr auseinanderzusetzen. Das ist gelungen. Ich muss mehr erfahren. Ich muss die Bilder des Buches „Die drei Leben der Hannah Arendt“ mit eigenen Bildern anreichern. Ich muss mir jetzt ein eigenes Bild von ihr machen. Es fühlt sich so an, als würde mich Ken Krimstein dazu einladen, seine Skizzen auszumalen. Ein bewegendes Gefühl.

Die Relevanz dieses Buches liegt in Schlüsselsätzen, wie diesem: „Wie Feuer sich aus Sauerstoff speist, tut dies der Totalitarismus aus der Unwahrheit.“ Zeitlos und bedeutend ist die Botschaft, die uns Hannah Arendt hinterlässt. Eine Botschaft, die wir ernstnehmen sollten, weil sich ansonsten wiederholt, was man nicht wiedergutmachen kann – auch nicht in drei Leben. Diese Graphic Biography ist ein Muss, wenn man sich mit Hannah Arendt auseinandersetzen will, wenn man Vergangenes verstehen möchte, Gegenwärtiges mitprägen will, um das Zukünftige zu verändern. Am Ende des Lesens pausierte ich nur kurz. Ich wollte hören, was Hannah zu erzählen hatte. Ich wollte dem Briefgeheimnis zum Trotz hören, was sie ihrer Freundin anvertraute. Ich griff zu:

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Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Im Vertrauen – Briefe

Im Vertrauen / Briefe 1949 / 1975“. Hannah Arendt und Mary McCarthy. Ein Hörbuch wie eine Offenbarung. Briefe aus ihrem dritten Leben, dem in den USA, um im Rahmen von Ken Krimstein zu bleiben. Was wir hier hören dürfen, ist einer der brillantesten und bewegendsten Briefwechsel, den man sich nur vorstellen kann. Zwei kluge Frauen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Es waren Welten, die hier aufeinandertrafen. Eine Jüdin und eine Katholikin. Eine der deutschen Universitätstradition verhaftete Gelehrte und eine Frau aus dem Umfeld amerikanischer Elitecolleges. Eine verfolgte Heimatlose und eine sicher verwöhnte Aufstrebende. Schreibende waren beide. Künstlerinnen und Intellektuelle von Format. Der Beginn der Freundschaft, ein Missverständnis. Als dieses ausgeräumt war, begannen die Worte zu sprudeln. Hannah spürt man Vergangenes an, Mary das Künftige. Suchend sind sie beide. Intimes wird ausgetauscht. Liebe und Leid verbinden sie.  

Für Mary McCarthy war Hannah Arendt der einzige Mensch, dem sie beim Denken zuschaut. Hier werden Bilder von Ken Krimstein lebendig. Wo man bei den Briefen oft ohne Hintergrund fragend zögert, erhellen sie sich im Licht der Graphic Novel. Hörend bricht man in sich zusammen, wenn sich die Briefe dem Ende zuneigen. Man wünschte sich, Hannah hätte geahnt, an welcher Stelle der Tod die beiden Frauen trennen würde. Hörend lauscht man auf die endlichen Worte. Findet Wehmut, Hoffnung und Zuneigung. Ein unglaublich tiefer Einblick in die Seelen zweier Seelenverwandter. Unter der Regie von Sandra Quadflieg entstand hier eine authentische Produktion, die rührt und bewegt zugleich. Katharina Thalbach (Hannah) und Sandra Quadflieg (Mary) schlüpfen nicht nur stimmlich in die Rollen ihrer Protagonistinnen. Man fühlt, dass es vibriert, atmet und bebt. Spannung, Sorge und Zuneigung werden mit Händen greifbar. Räumliche Distanz wird durch Worte zum Nichts. Ich blicke auf zweieinhalb Stunden eines Dialogs zurück, ohne den ich mir Hannah Arendt nicht ausmalen wollte. Zuletzt lese ich sie selbst.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Eichmann in Jerusalem

Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Hannah Arendt in Israel. Sie beobachtet den Prozess gegen den Designer der Endlösung. Sie schreibt über das Szenario, das weltweite Aufsehen, dass Adolf Eichmanns Entführung erregte. Sie wandert auf der Grenze zwischen Schauprozess und Gerechtigkeit, sie prangert zu Beginn des Berichts die schlechte Dolmetscherleistung an, die es dem Angeklagten im Verlauf des Prozesses erschwerte, der Anklage zu folgen. Sie klagt die ganze jüdische Welt an, gewusst und nichts unternommen zu haben. Sie erkennt einen Bürokraten, im eigentlichen Sinn ein kleines Rädchen. Banal. Er könnte jeder sein. Das polarisiert. Die Welt hatte einen Bösewicht erhofft. Und jetzt? Ein blasser Buchhalter des Todes. Und Hannah Arendt geht weiter. Sie beklagt den klaglosen Opfergang der Juden. Sie kann sich nicht mit dem Bild „wehrlos zur Schlachtbank geführt zu werden“ abfinden. Worte, die die Welt aufrütteln, bewegen, verletzen. Worte, die zu früh kommen, verstörend und maßlos wirken. Und doch eben Gedanken, ohne die eine künftige Welt nicht existieren könnte.

Dieses Buch aus der Feder des Großgeistes Hannah Arendt ist eine Offenbarung und eine Verpflichtung zugleich. Hier schließt sich der Kreis. Drei Leben lebte sie im vergangenen Jahrhundert. Drei Jahrhunderleben. Jedes Leben wäre ohne das andere nicht denkbar. Wir sollten uns bemühen, diese Leben nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Es wäre fatal für unsere Gegenwart. Es wäre fatal für die Zukunft.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Eine neue Bücherkette

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Wenn ich über verlorene Mädchen schreibe, ist es mir meist schwer ums Herz. In meinem Lesen bin ich vielen realen und fiktiven Schicksalen begegnet, die mir speziell als Vater sehr nah gegangen sind. Ich habe diesen Lost Girls eine eigene Kategorie in der kleinen literarischen Sternwarte gewidmet und habe die Suche nach ihnen nie ganz aufgegeben. Zu viele Geschichten erzählen von ihnen. Zu viele Mädchen gehen in und zwischen den Zeitfalten der Weltgeschichte verloren. Insbesondere in den dunklen und menschenunwürdigen Epochen der jüngeren Vergangenheit verlieren sich ihre Spuren. Deportationen, Genozide und die Auslöschung ganzer Familienstammbäume zeichnen dafür verantwortlich, dass sie verloren bleiben. Namenlos zumeist, ohne Identität, ohne eigene Geschichte. Ich schrieb sehr viel darüber…

Das Mädchen mit dem Poesiealbum steht stellvertretend für die realen Schicksale, die zur Zeit der Judenverfolgung unter dem Nazi-Regime zu beklagen sind. Holocaust. Ein schrecklicher Begriff für das Unaussprechliche. Mir ist bewusst, dass der Fokus auf den „Verlorenen Mädchen“ niemals die anderen Opfer ausblenden darf. Und doch bin ich, gerade als Vater einer wundervollen Tochter, emotional besonders betroffen, wenn ich ihnen begegne. Sie verdeutlichen die Wucht der Auslöschung ganzer Generationen. Sie mahnen uns und stehen für alles, was wir heute nicht mehr erleben wollen. Hier ist die literarische Aufarbeitung der Vergangenheit von besonderer Wichtigkeit. Und wem die realen Schicksale zu nahegehen, der sollte in der anspruchsvollen Fiktionalisierung eine Chance sehen, sich anzunähern. Lesen gegen die Namenlosigkeit und das ewige Vergessen ist ein gehaltvolles und wichtiges Lesen.

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Ich möchte Euch heute ein besonderes Mädchen vorstellen. Und, so unglaublich diese Geschichte auch klingen mag, sie ist doch in der Lage, uns einen emotionalen und nachhaltigen Zugang zu einem Opfer des Nationalsozialismus zu gewähren. Diese unschuldige Seele erlangt im Roman von Martin Horváth eine Dimension, die in einer fiktionalisierten Figur selten zu finden ist. Sie überschreitet Grenzen des Vorstellbaren. Genau hier liegt die Stärke dieses Romans. Hier liegt die Stärke eines Romans. Denn Literatur darf alles. Sie darf Ebenen verschwimmen lassen, Illusionen und Traumbilder zur Realität erheben und Wege aufzeigen, die unser Verstand verweigert. Literatur ist hier Wegbereiter eines neuen Denkens. Dieses Mädchen wird zum Synonym für diese gewagte und doch gelungene Form der Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, die auch heute noch nach uns greift. Gebt diesem Mädchen eine Chance.

Mein Name ist Judith“. Mit diesen Worten stellt sich uns ein 10-jähriges Mädchen vor, das aus der Zeit gefallen scheint. Wir begegnen Judith im Wien des Jahres 2023. Über der Stadt hängt nach terroristischen Anschlägen der Schatten des Ausnahmezustands. Panzer auf den Brücken. Polizei an allen Ecken und Enden. Angst geht um. Der Autor León Kortner verlor bei einem der Anschläge Frau und Tochter. Seine Welt ist aus den Fugen geraten. Nun versucht er, einen Roman über eine jüdische Familie zu schreiben, die in seinem Haus eine Buchhandlung betrieb, bis sie von den Nazis vertrieben wurde. Ein Verlorener schreibt über Verlorene. Über Menschen, die zwar ihr Leben retten und ins Ausland fliehen konnten, die aber doch ein Opfer brachten, das bis heute an ihnen nagt. Sie haben die jüngste Tochter zurückgelassen. Ihr Schicksal ist ungeklärt. Judith Klein, ihr Name.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Als plötzlich ein Mädchen in der Küche von León Kortner auftaucht, sich als Judith vorstellt und in jeder Hinsicht wie eine Scheingestalt aus dem letzten Jahrhundert wirkt, kommt der Schriftsteller völlig aus dem Tritt. Sie ist zehn Jahre alt. Sie trägt altmodisch wirkende Kleidung und besteht beharrlich darauf, dass der Buchladen im Erdgeschoss ihren Eltern gehört. Nur, da ist nichts mehr. Keine Spur von der alten Buchhandlung. In tiefster Verwirrung, ob er träumt oder ob alles real ist, beschäftigt sich León Kortner mit dem Mädchen. Judith nimmt einerseits die Rolle seiner toten Tochter ein, andererseits fühlt sich León in der Lage, ihr die Geschichte ihrer verlorenen Familie zu erzählen. Ein schmerzhafter Prozess, der von Ausflüchten über Lügen bis hin zur Wahrheit führt. Die Wahrheit, die auch den Verbleib von Judith Klein erklärt.

León Kortner nimmt die Rolle des unzuverlässigen Erzählers ein. Er bezweifelt, in seinen Wahrnehmungen richtig zu liegen. Er gesteht sich selbst zu, dass Judith nur ein Geist sein kann. Ich mag diese unzuverlässige Perspektive nicht, weil sie einem Autor jede Fluchtmöglichkeit aus einem Roman ermöglicht. Martin Horváth jedoch zelebriert diese Sichtweise so intensiv, dass Realität, Trugbilder und Träume zu einem plastisch wirkenden Bild verschmelzen. Letztlich ist es egal, ob es Judith in dieser Form gibt. Wir lernen sie kennen, wir lernen die Geschichte der Kleins kennen. Schnell schließen sich alle Kreise zu den Geschichten verlorener Kinder in Zeiten von Verfolgung, Flucht und Krieg. Sehr schnell wird deutlich, was Judith mit so vielen Mädchen gemeinsam hat, die man vor dem Zugriff der Nazis retten wollte.

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith von Martin Horváth ist ein äußerst ungewöhnlicher, jedoch nicht minder fesselnder Roman über Verlust, Einsamkeit und niemals verheilte Wunden aus der Vergangenheit. Wer am Verstand von León Kortner zweifelt, der sollte auch am kollektiven Verstand der Menschheit zweifeln. Aus der Geschichte zu lernen, gehört zu den absoluten Fremdwörtern unserer Gesellschaft. Auch im Wien des Jahres 2023 wird Fremdenhass zur Methode. Terror, Ideologien und Ausgrenzung bestimmen den Alltag. Daneben wirkt die Geschichte dieses Mädchens, das wie in einer Zeitschleife gefangen ist und verzweifelt nach seiner verlorenen Geschichte sucht, wie eine kleine Unwucht in der Unendlichkeit. Und doch dominiert Judith diesen Roman. Sie stellt ihre Fragen wohl für alle Kinder dieser Welt, die im Niemandsland gestrandet sind.

Martin Horváth streut Geschichten in seinen Roman ein, die sich wie ein Buch im Buch lesen. Es sind die Verarbeitungstexte von Judiths Bruder, der sich nur schreibend und ganz in sich zurückgezogen mit dem Verlust der kleinen Judith, seiner Schwester, beschäftigen konnte. Es sind diese Texte, die schwer im Magen liegen. Sie strahlen im Buch wie leuchtende Fackeln gegen das Vergessen. Wir werden von Seite zu Seite zu Zeugen eines Heilungsprozesses in der Psyche von León Kortner. Hier zeigt sich, dass man über Verlust reden und schreiben muss. Man darf nichts verschweigen, denn nur, wenn man etwas totschweigt, wird es vergessen werden. Ein sinnstarker Roman, dem eine Dynamik innewohnt, die nicht mehr lockerlässt. Ein Roman voller Bilder, die mich verstört, zerstört und wieder aufgerichtet haben.

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith“ von Martin Horváth ist eine literarische Ausnahmeerscheinung auf ganzer Linie. Sprachlich präzise und doch verträumt und verwundert. In seiner vom Autor gewählten Perspektive absolut einzigartig und in der Botschaft signifikant. Wenn man an Judiths Existenz glaubt, dann sieht man tausende von Kindern vor sich, denen wir Antworten schulden. Kinder, die uns in einer Parallelwelt begleiten. Fast können wir sie sehen, in den Wohnungen, in denen sie einst lebten. In den Städten, aus denen sie vertrieben wurden. Verlorene Kinder. Verlorene Mädchen. Es würde mich beruhigen zu wissen, dass ihre Schicksale zählbar sind. Das ist nicht der Fall. Freundet Euch mit der kleinen Judith an und passt auf sie auf. Sie ist einzigartig!

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und versteckte Kinder im Holocaust.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Kinder mit Stern

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Bald werde ich mich auf einem anderen Kontinent mit verlorenen Kindern unserer Zeit auseinandersetzen. Ihre Zahl scheint wieder zu wachsen. Ob wir je ihre Fragen beantworten können? In welcher Sprache auch immer. Bald sind es mexikanische und andere südamerikanische Kinder, die auf der Suche nach ihren Eltern an einer Grenze stranden, an der man heute gerne eine Mauer errichten würde. Trump lässt grüßen.

Das „Archiv der velorenen Kinder“ – hier geht´s zur Rezension…

Das Archiv der verlorenen Kinder - Bald auf AstroLibrium

Das Archiv der verlorenen Kinder – Bald auf AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie [Westerbork]

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

Westerbork. Nur ein Name, ein Ort, ein Begriff. Heute. Nur. Vor fast achtzig Jahren Inbegriff der NAZI-Ideologie in den Niederlanden. Ein Lager, könnte man sagen. Wenn man es verharmlosen möchte. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wurde aus diesem Namen das Schreckgespenst, ein Höllenschlund und Damoklesschwert in einem Atemzug. Zuerst für die Juden, die sich nach der Machtübernahme der Nazis in das freie Nachbarland geflüchtet hatten. Hier wurden sie zuerst zusammengeführt und konzentriert. Sie waren die ersten Opfer. Als dann die deutschen Judengesetze in den Niederlanden zur Anwendung kamen, wurde aus dem Sammellager ein Hauptbahnhof. Ein Durchgangslager für holländische Juden. Hier wurden sie, nachdem sie entrechtet und enteignet waren, inhaftiert. Eine Durchgangsstation.

Von hier aus ging es dann ins Deutsche Reich. Zielorte: Auschwitz, Sobibor, Bergen Belsen, Theresienstadt. Vernichtungslager. Holocaust-Fanale der Endlösung, die nach der Wannseekonferenz in die Realität umgesetzt wurde. Zahlen? Unvorstellbar. Nicht fassbar. 107.000 Juden, dazu Sinti und Widerstandskämpfer verließen zwischen 1942 und 1944 in endlosen Zügen diese Vorhölle zum Tod. Überlebende? Unvorstellbar und ebenso wenig fassbar. 5000 von ihnen kehrten zurück. Weitere Zahlen? Bitte nicht. Ich mag nicht mehr. 18.000 jüdische Kinder und 100 Sinti-Kinder, die nicht überlebten. Nur eine kleine Gruppe von ihnen kehrte zurück. Nur etwa 1000 Kinder überlebten. Zumeist elternlos, verwaist, ohne Angehörige. Die Letzten ihrer Familien. KINDER.

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

KINDER. Wie mögen sie diesen Schrecken erlebt haben? Was haben sie erlebt und wie kamen die Überlebenden später damit zurecht? Fragen, die man sich immer wieder stellt. Antworten, die man kaum findet. Wie kann man Kindern und Jugendlichen heute vermitteln, wo das Grauen begann, wie leichtfertig sich viele an der Verfolgung beteiligt haben und wie wenige Aufrechte dagegen ankämpften? Muss man sie überhaupt damit konfrontieren? Ist doch schon so lange her und kommt ja auch nicht wieder vor. Ist das so? Sind nicht unsere Kinder genau in ihrem alltäglichen Umfeld erneut betroffen, wenn ihnen in Kindergärten und Schulen Kinder begegnen, vor deren Eltern man uns warnt? Geht nicht schon wieder die Angst vor Menschen um, die anders sind? Ist man bei der Suche nach den neuen Außenseitern in unserer Gesellschaft nicht schon wieder fündig geworden? Menschen mit anderer Religion, Menschen aus anderen Kulturkreisen. War da nicht was?

Wir leben in der großen Verantwortung, Kinder nicht mit populistischen Ängsten zu vergiften. Gerade wir sollten die Augen offen haben, wenn Ausgrenzung und Hass erneut Automatismen in Gang setzen, die ihresgleichen im Nationalsozialismus finden. Und Kinder dürfen nicht zu den ersten Handlangern einer Meinungsmache werden, die schon bei Erwachsenen so gut zu funktionieren scheint. Wie man Kindern erklären und vermitteln kann, was Ausgrenzung bedeutet spielt sich auf der Gefühlsebene ab. Auch wenn das Wort Empathie für sie noch nicht greifbar ist, so können wir es mit Leben und Inhalt füllen. Ein besonderes Buch aus den Niederlanden ist prädestiniert, um den noch leeren Tank des Mitgefühls mit Leben zu füllen. Sich in andere hineinversetzen. Das ist es, worum es hier geht.

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Kinder mit Stern von Martine Letterie

Kinder mit Stern von Martine Letterie (Carlsen Verlag) ist nicht nur der Versuch, in einem Kinderbuch kindgerechte Geschichten über Ausgrenzung, Angst und Verfolgung zu erzählen. In diesem, von Julie Völk gefühlvoll illustrierten Buch finden wir mehr als das. Es sind die Geschichten jüdischer Kinder, die überlebt haben und aus ihrer naiven Sicht, aus der unverfälschten und herzensreinen Kinderperspektive heraus, für Kinder erzählen, was ihnen widerfahren ist und wie es sich angefühlt hat. In Interviews haben Mitarbeiter des Erinnerungszentrums Westerbork diese Geschichten ergründet und dokumentiert. Auf diese Gespräche gehen die Geschichten, die Martine Letterie erzählt zurück. Sie beruhen auf den wahren Empfindungen der Betroffenen und erreichen auf diese Art und Weise eine Unmittelbarkeit, die schmerzhaft und lehrreich zugleich ist. 

Es sind erschreckend einfache Geschichten, in denen Rosa, Jules, Klaartje, Ruth und Bennie zu Wort kommen. Sie erzählen nichts von den politischen Hintergründen oder vom großen Ganzen. Sie berichten nur davon, wie alles begann, was sie im Lager erlebten und wie sich der Friede für sie anfühlte. Sie kommen mit kindlichen Worten zu Wort. Aus den Puzzlesteinchen ihres Erlebens setzen wir das Bild zusammen, vor dem wir uns lieber verstecken würden. Kinder jedoch sehen das Erzählte losgelöst von dem übergeordneten Schrecken. Sie vereinfachen, empfinden und fühlen die Direktheit der Geschichten, weil sie direkt angesprochen werden.

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

Das öffnet ihre Herzen, um später die großen Zusammenhänge zu verstehen und dafür eintreten zu können, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie sehen, wie sich das tägliche Leben der jüdischen Kinder plötzlich verändert. Sie fühlen mit, wie es schmerzen muss, nicht mehr mit den alten Freunden auf den Spielplatz zu dürfen, eine andere Schule besuchen zu müssen und damit zurechtzukommen, dass sie nicht mehr mit Bussen oder Straßenbahnen fahren dürfen. An der Seite der jüdischen Kinder wird nachvollziehbar wie sehr sich Eltern verändern können, wenn sie in Angst leben. Es ist schlimm, sich mit Jules im Schrank verstecken zu müssen und mitzuerleben, wie seine Eltern abgeholt werden. Es tut weh, Abschied zu nehmen und das Scheitern der Flucht zu erleben. Es brennt sich tief im Herzen fest, wie verletzend es war, dass sich andere Menschen nur wenig für ihr Schicksal interessierten, die Augen verschlossen und sogar mithalfen, die Juden zu verraten.

Manchmal möchte man aufschreien, wenn die kindliche Sicht zu Fehlern führt, Rosa stolz darauf ist im Alter von sechs Jahren endlich ihren eigenen gelben Stern tragen zu dürfen. Oder Ruth die Menschen im Lager darum beneidet, dass sie es mit einem Zug verlassen dürfen und sich unversehens im Inneren eines Deportationstransportes nach Auschwitz befindet. Man möchte helfen, verhindern, beistehen. Gemeinsam lesend ist schnell erkennbar, wie Kinder ihren Alltag in die Waagschale werfen und überlegen, ob sie in ihrem Umfeld Ausgrenzung erlebt haben. Diese Geschichten wirken unmittelbar. Es sind traurige Geschichten. Und doch müssen sie erzählt werden, damit die Kinder, die den Holocaust nicht überlebt haben, nicht umsonst zum Opfer wurden. Wir sind es ihnen schuldig. Gegen das Vergessen.

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

Die Geschichten überlagern sich, begegnen sich und wirken wie ein Kaleidoskop aus Bruchstücken kaputter Spiegel. Jede kleine Geschichte eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Jede Geschichte ein Ansatz, einen Moment zu finden, in dem jemand hätte helfen können. Einige Geschichten auch Beweis, wie geholfen wurde. Bewegend auch die Momente, in denen selbst die verfolgten Kinder kindlich naiv über Menschen urteilen, die anders sind. Es sind große Momente in diesem Buch, wenn man ihnen im Juden-Durchgangslager Westerbork erklärt, dass man keine Vorurteile haben soll. Hier greift das Buch nach Lesern jeden Alters. Wer auch nur eine dieser Geschichten, auch nur eines dieser Kinder im Herzen behält, der rettet all ihre Geschichten. Wer auch nur eine dieser Geschichten weitererzählt, der wird seiner Verantwortung gerecht.

Ich schließe das Buch „Kinder mit Stern“ mit Tränen in den Augen. Ich denke an die Kinder, die es nicht nach Hause geschafft haben, an deren Eltern und Familien. Ich denke an das Leben der Überlebenden nach der Befreiung und die Traumatisierungen, die sie lebenslang begleiteten. Ich denke an all die jüdischen Kinder, die ich in anderen Büchern kennenlernen durfte. Ich denke dabei besonders an Lieneke van der Hoeden und ihre Hefte, an Lien de Jong, das Mädchen mit dem Poesiealbum und an Anne Frank, die von Westerbork über Auschwitz nach Bergen-Belsen deportiert wurde. Hier muss ich innehalten. Durchatmen und meine Wut runterschlucken. Ich denke nämlich auch an Wahlplakate in unserem Land, auf denen „Islamfreie Schulen“ zum Programm gemacht werden. Und ich denke an die Menschen, die ihre Stimme dafür hergeben.

Kinder mit Stern von Martine Letterie - AstroLibrium

Kinder mit Stern von Martine Letterie

Lest dieses Buch. Lest die „Kinder mit Stern“ und korrigiert euren Weg. Sonst ist es nicht ausgeschlossen, dass später einmal Kinder von euch erzählen. Von Mitläufern und Tätern, die dann wieder nichts von alledem gewusst haben wollen.

Kinder mit Stern“ von Martine Letterie / dt. von Andrea Kluitmann / Illustrationen von Julie Völk / Carlsen Verlag / 128 Seiten / ab 10 Jahren / 11 Euro

Hinterhaus – Die Annäherung an einen Romanentwurf

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Die Entstehungsgeschichten großer Romane sind oft ganz eigene Geschichten. Sie sind geeignet, eigene Bücher zu füllen, weil sie so spannend sind, wie die erdachte Erzählung selbst. Sie zeugen von der kreativen Energie, dem Wagemut und der Liebe zum geschrieben Wort, die aus einer Idee einen guten Roman entstehen lassen. Es ist oftmals ein steiniger Weg von der Initialzündung bis zur Schlussfassung eines Romans. Am Ende des Schreibens ist der Leidensweg vergessen. Die Isolation, der Verzicht und das Entsagen treten in den Hintergrund und stolze SchriftstellerInnen erheben sich wie ein Phoenix aus der Asche, um ihr Werk zu präsentieren. Der Applaus der Leser, eine gute Rezeption in der Presse und positive Rezensionen sind der wahre Lohn am Ende eines Schaffensprozesses, der Spuren hinterlassen hat.

Ein Roman ist für mich immer an seine Entstehungsgeschichte gebunden. Er ist niemals losgelöst vom situativen Kontext und der Lebenssituation seines Verfassers zu betrachten. Die Seele von SchriftstellerInnen, die sie umgebenden Universen und eine Umgebung, in der das Schreiben erst möglich wurde, werden hier zu den Ingredienzien einer lesenswerten Geschichte. Ich liebe diesen Blick hinter die Kulissen eines Romans und genieße es in die Welt der WortschöpferInnen einzutauchen, weil ich auf diese Art und Weise besser verstehen kann, was sie mir erzählen wollen. Ihre Berufung wird zu meiner Leidenschaft. Heute beleuchte ich die besondere Entstehungsgeschichte eines Romans. Ich möchte von einer Schriftstellerin erzählen, die vom Wunsch einen Roman zu schreiben angetrieben wurde. Sie ist weltbekannt, aber ihren Namen verrate ich erst später.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Man kann sie schon als Außenseiterin bezeichnen. Nicht, dass sie sich diese Rolle selbst ausgesucht hätte, aber manchmal wird man einfach an den Rand gedrängt. Das schärft die Perspektive und setzt kreative Kräfte frei, die vielleicht niemals ans Licht der Welt gekommen wären. Sie lebte zurückgezogen, fast sogar isoliert, umgeben von nur wenigen vertrauten Menschen, die ihr nur wenig Privatsphäre ließen. Und doch gelang es ihr, über Jahre hinweg ein Manuskript zu entwickeln, aus dem später ein Bestseller werden sollte. Und doch war das Resultat ihres Schreibens nicht so ausgefallen, wie sie es sich erhofft hatte. Die Schlussfassung ihres Werks unterschied sich deutlich von der Vision, die sie vor Augen hatte, als sie ihr umfassendes Manuskript neu sortierte, einer Straffung unterzog und Streichungen vornahm, weil ihre frühen Aufzeichnungen nicht in das endgültige Werk einfließen sollten.

Auf die Idee, dies zu tun, kam sie durch eine Radiosendung. Ein Minister rief dazu auf, alle privaten Briefe und Tagebücher gut aufzuheben, damit sie in einer hoffentlich friedlichen Zukunft die Geschichte seines Landes und der Menschen erzählen könnten. Der Wunsch des Politikers basierte auf Veränderungen, die sich gerade abzeichneten, sich jedoch noch nicht konkret ausgewirkt hatten. Die Zukunft im Blick. Teil der eigenen Geschichtsschreibung zu werden. Das klang gut. Besonders für das junge Mädchen, in dessen Aufzeichnungen sich seit zwei Jahren so viel Energie freigesetzt hatte. Ja, sie wollte alles aufheben. Teil der Zukunft werden und aus ihrem Manuskript einen Roman herausfiltern, der von der Welt gelesen werden sollte.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Ein Briefroman sollte es werden. In der Unmittelbarkeit der direkten Rede und in der persönlichen Ansprache an fiktive Menschen lag ihre Stärke. Sie, die seit Jahren keine Post mehr bekommen hatte, kompensierte in ihrem Schreiben nicht nur das Fehlen von sozialen Kontakten, sondern öffnete sich für alle Menschen, die in der Lage waren, sich in die Rolle der Adressatin dieser Briefe zu versetzen. Eine brillante Idee. Also blätterte sie in ihrem Manuskript zurück, strich allzu ungelenke und jugendliche Passagen, setzte einen Schlussstrich unter eine gerade aufkommende Liebesbeziehung und beginnt frei im Herzen und motiviert vom Radioaufruf den Roman ihres Lebens zu schreiben.

In knapp zweieinhalb Monaten verknappte sie ihr vorheriges Manuskript auf 215 Seiten, blieb dabei aber eng an den Texten, die sie für ihren Roman auswählte. Heute kann man dies an den Datumsangaben der Briefe ablesen, die sie ohne Änderungen in die Schlussfassung übernahm. Die Briefe an ihre Freundin, die den Kern ihres Romans bildeten, blieben Teil eines groß angelegten Tagebuches, das im Geheimen entstehen musste. Der Krieg spielt eine große Rolle, die Besetzung des Heimatlandes und die um sich greifende Entrechtung von Menschen. Jene äußere Bedrohungssituation wird zum geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Die Zeit schien Druck auf die junge Autorin auszuüben. Auch in der endgültigen Fassung des Romans wirken manche Briefe noch ein wenig ungelenk, aber sie verraten bereits jetzt viel vom Talent der aufstrebenden Nachwuchsautorin.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

„Das Hinterhaus“. Ihr Arbeitstitel für einen Roman, der uns an die Seite eines jungen Mädchens trägt, die in einem Versteck auf Befreiung hofft. Ein Mädchen, das umgeben von wenigen vertrauten Menschen in einem hermetisch verschlossenen Versteck in der täglichen Angst vor Entdeckung lebt. Ein klaustrophobischer Erzählraum, in dem es gilt Ruhe zu bewahren und unsichtbar zu bleiben. Hier öffnet die junge Autorin ihrer fiktiven Freundin ihr Herz und beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Wir erfahren auf die unmittelbarste Art und Weise alles, was in dieser lebensbedrohlichen Situation in dieser jungen Frau vor sich geht. Ängste, Zweifel, Hoffnung, Träume und Fantasien schlagen sich aus dem Versteck bis zu unseren Herzen durch und bleiben haften. Am Ende hat man das Gefühl, in einer Zeitschleife wieder am Angang angelangt zu sein. Abrupt und unvermutet endet der Roman an der Stelle des Manuskripts, an der das Mädchen zum ersten Mal von der Idee schreibt, aus dem Tagebuch einen Roman zu extrahieren. 

Mittwoch 29. März 1944
Liebe Kitty,

Stell Dir mal vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman über das Hinterhaus herausbringen würde; allein vom Titel her würden die Leute denken, es sei ein Detektivroman. Aber jetzt im Ernst. Es muss ungefähr zehn Jahre nach dem Krieg schon komisch wirken, wenn wir erzählen, wie wir als Juden hier gelebt, gegessen und geredet haben. Auch wenn ich Dir viel von uns erzähle, weißt Du nur ein ganz kleines bisschen von unserer Geschichte.

Deine Anne

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ihr Name: Anne Frank. Ihr Geburtstag der 12. Juni 1929, also heute vor 90 Jahren. Verraten und entdeckt im Hinterhof des Hauses an der Prinsengracht 263, Amsterdam, am 4. August 1944. Mit ihren Eltern ins Lager Westerbork verbracht, nach Auschwitz deportiert, von dort ins KZ Bergen-Belsen verlegt. Verstorben: im Februar oder Anfang März 1945, nur einen Monat vor der Befreiung des Konzentrationslagers durch britische Truppen.

Verzeiht mir, dass ich jetzt ein wenig angegriffen bin. Ihr Tagebuch ist seit Jahren einer der wichtigsten Wegbegleiter im Lesen und Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust. Anne Frank nimmt einen wichtigen Platz in meinem Leben und in meiner Auseinandersetzung mit Ausgrenzung und systematischem Genozid ein. Ja, ich fühle mich ihr verpflichtet. Nun, zu ihrem Geburtstag ein Buch in Händen zu halten, das ihr den größten Wunsch ihres jungen Lebens erfüllt, ist ein ganz besonderes emotional zu nennender Moment.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Anne Frank Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen“ entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Secession Verlag und dem Anne Frank Haus in Amsterdam. Übersetzt wurde das Buch aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Mit einem Essay von Waltraud Nussbaum, Literaturwissenschaftlerin und damalige Schulfreundin von Anne Frank. Nie zuvor wurde dieser Roman aus ihrem gesamten Tagebuch editiert und als eigenständiger Text veröffentlicht. Zu ihrem 90. Geburtstag schließt sich jener Kreis, der durch nationalistische Rassisten für immer zum Schweigen gebracht werden sollte.

Liebe Anne. Ein großartiger Roman. Prädikat: Besonders lesenswert. Ein Fixstern am Firmament der nie verlöschenden Literatursterne in der kleinen literarischen Sternwarte. Und jetzt zitiere ich zum Ende dieses Artikels einen meiner Lieblingsschriftsteller David Foster Wallace:

„Weinen Sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ich werde das Anne Frank Haus in diesem Jahr besuchen. Amsterdam stand schon lange auf der Wunschliste der wichtigen Reiseziele. In Gedanken werde ich Euch ganz einfach mitnehmen. Alleine schaffe ich das nicht. Ich werde berichten. Gerne könnt ihr mir Grüße und Geburtstagswünsche für Anne Frank in den Kommentaren hinterlassen. Ich werde sie bei mir haben, wenn ich das Hinterhaus betrete…

Folgt mir in die Prinsengracht. Mein Artikel zum Besuch im Anne Frank Haus.

Alles über Anne - Ein Besuch - Anne Frank Haus - Astrolibrium

Alles über Anne – Ein Besuch – Anne Frank Haus

Anne Frank Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen / dt. von Waltraud Hüsmert / 208 Seiten / Secession Verlag / Nachwort von Prof. Dr. Laureen Nussbaum / 18 Euro

Weitere Artikel zu Anne Frank und zum Holocaust in meiner kleinen literarischen Sternwarte. Zum Beispiel „Kinder mit Stern„. Lesen Sie gut.

„Der Schmerz“ von Marguerite Duras [Hörbuch]

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

La Douleur. Lassen Sie sich dieses Wort auf der Zunge zergehen. Spüren Sie, wie es immer schwerer wird, sich einfach nicht runterschlucken lässt und nur darauf wartet, im richtigen Moment zuzuschlagen, um eine alles zersetzende Kraft freizusetzen? Spüren Sie die zerstörerische Macht in diesem französischen Wort? Es steht über einem Buch der großen französischen Autorin Marguerite Duras. Es steht für dieses Buch und jetzt dringt es auch in meine Ohren vor, verschafft sich Gehör und vergewaltigt den Glauben an das Gute im Menschen. Ich kann das im Folgenden vorgestellte Hörbuch nicht ohne schlechtes Gewissen empfehlen. Ich kann den Inhalt zum Muss eines Diskurses eines kritischen Lesens und Hörens gegen das Vergessen der Opfer des Nationalsozialismus erheben. Aber ich kann es nicht empfehlen, weil es nur bei bester geistiger Konstitution verkraftbar ist.

Der Schmerz“ von Marguerite Duras

40 Jahre haben die Texte in ihren Manuskripten geschlummert. Wie ein Tagebuch memorierte sie ihre Erinnerungen zum Kriegsende. Die Befreiung ihrer Stadt Paris von den Nazis. Den Umschwung der Stimmung in der Bevölkerung und die Farben, die nun wieder sichtbar wurden, nach den Jahren des braunen Terrors. Wahre Texte. Biografie pur. Und daneben Texte, in denen sie fiktional mit den Erlebnissen dieser Monate und mit ihrer eigenen Rolle in der Resistance umgeht. Befreiung steht über allem, habe ich gedacht. Das Aufblühen einer Nation nach der Unterdrückung, so stieg ich in die Texte ein. Dabei hätte mir klar sein müssen, warum sie so lange unveröffentlicht blieben. Zu groß war „Der Schmerz“ der alles überlagerte. Zu verstörend, jedes Detail und jede zu präzise Erinnerung. La Douleur. Der Schmerz. Wer ihn verkraften kann, der möge mir folgen und immer den Appell von Marguerite Duras vergegenwärtigen:

„Lernt zu lesen. Es sind heilige Texte“

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

„Der Schmerz“ steht für die Ungewissheit dieser Tage. Er steht für das Warten auf ihren Ehemann, der als Angehöriger des Widerstands von den Nazis deportiert wurde. Er steht für die Sehnsucht einer Frau und die Sorge um den Mann, den sie liebt. Es ist der überbordende Schmerz, der Marguerite Duras miterleben lässt, wie die Heimkehrer Paris fluten. Die Deportierten aus den Konzentrationslagern. Es ist ihr Zustand, der sie verzweifeln lässt. Es ist der Hass der Franzosen, den sie miterlebt und mitträgt, als die freiwilligen Hilfsarbeiter aus dem besiegten Deutschland zurückkehren. Es ist der Hass gegenüber den Kollaborateuren, der die Seele zerfrisst. Es ist das Psychogramm einer Frau, die nicht weiß, wohin mit ihrem Schmerz.

„Der Schmerz“ überlagert das Hören. Heilige Texte. Schonungslos und ohne jeden Hauch von Rücksichtnahme auf sich selbst oder die Gefühle anderer beschreibt sie die Rückkehr ihres Mannes. Totgeglaubt. Jetzt steht er vor ihr. Sein Zustand. Unerträglich. Robert Antelme (L. genannt) ist zuhause. Zurück aus Dachau. Abgemagert auf nur 37 Kilogramm. Ausgezehrt. Traumatisiert. Fertig mit dem Leben. Zu keiner Regung fähig. Ein Pflegefall. Sie gibt sich der Pflege über Wochen hin. Hilft dabei, ihren Mann wieder aufzupäppeln, lässt keine Beschreibung aus. Nichts, was unbeschrieben bleiben sollte, erspart sie uns. Nichts erspart sie ihm. Seine Ausscheidungen, sein Essverhalten, sein Mangel an dem, was ihn zu ihrem Mann gemacht hatte. Nichts bleibt unausgesprochen. Sie ekelt sich. Sie entfernt sich emotional von dem Mann, den sie so herbeigesehnt hat. Am Ende bleibt ihm nur, gesund zu werden, um zu erfahren, dass sie ihn verlassen und sich scheiden lassen muss. Hart. Zum Kotzen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

Der Opfergang des Robert Antelme endet nicht mit der Befreiung. Die Freiheit wird lediglich zum anderen Rahmen seines Siechtums. Man hat das Gefühl, Frankreich sei am Ende noch ein weiteres Mal besiegt worden. Mir hat sich hörend der Magen häufig umgedreht. Mir wurde schlecht. Nur wer auf dem Boden dieser Erkenntnis zuhören und lesen kann, wird verstehen, wie traumatisiert Marguerite Duras selbst war. Nur wer hier bei der Stange bleibt, wird die unglaubliche Tragweite dieses Werks ermessen können. Marguerite Duras erhebt die Opfer des Nationalsozialismus aus der kleinen regionalen Ebene heraus, die sie einnehmen. Sie macht aus ihnen keine Opfer der Deutschen. Es sind die Opfer der Menschheit. Jeder trägt Verantwortung für die Entgleisung humaner Weltanschauungen im Zweiten Weltkrieg. Sie wirft ihren Hut in einen globalen Ring und gibt dem Leid der Opfer einen übergeordneten Sinn. 

Es ist schwer, diesen Texten zu folgen. Wobei nur der Schmerz autobiografisch bis zum letzten Blutstropfen ist. Die weiteren Texte zeigen, wie es ihr als Autorin gelang, in ihrem fiktionalen Schreiben zu verarbeiten, was nie zu verkraften war. Das ist erfunden. Das stellt sie diesen Texten voran. Und doch schlägt sie eine Brücke, indem sie betont, dass sie selbst unter anderem Namen darin vorkommt. Als „Therese“ übt sie Rache. In schonungslosen Sequenzen schildert sie die Folter eines Gestapo-Kollaborateurs. Hier liegt die andere Seite der Gewalt auf dem Seziertisch ihres Buches. Sie beschreibt die Geschichte eines Nazis, der sie in seine Gewalt bringt, sie unter Druck setzt, sie hoffen lässt, er könne ihren Mann befreien. Sie schildert die Ambivalenz der Gefühlslage und lässt den Gestapo-Mann nach der Befreiung auffliegen. Vor Gericht jedoch sagt sie zu seinen Gunsten aus. Unfassbar und paradox und doch so typisch für die Zeit.

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

Am Ende des Schmerzes bleibt ein flammender Appell, dem ich gerne folge. Das Grauen ist zu groß, um es klein zu halten. Kollektivschuld vor individuellem Versagen. Marguerite Duras bricht mit dieser Aussage alle Tabus, lässt alle Grenzen fallen und ist die wahre Avantgardistin im Denken für ein gemeinsames Europa. Ich verneige mich.

„Die einzige Antwort, die sich auf dieses Verbrechen geben lässt, ist die, daraus ein Verbrechen aller zu machen. Es zu teilen. Ebenso wie die Idee der Gleichheit, der Brüderlichkeit. Um es zu ertragen, um die Vorstellung davon auszuhalten, das Verbrechen teilen.“

Der Schmerz in der Hörbuchfassung von Der Audio Verlag ist brillant. Ungekürzt warten fast sechs Stunden auf 5 CDs gelesen von Doris Wolters auf uns. Ich kann das Hörbuch nicht empfehlen. Nein. Ich kann es nur ans Herz legen, wenn man in der Lage ist, es zu verkraften. Doris Wolters lässt die Ambivalenz der Gefühle und die Perversion allen Denkens in unseren Ohren nachhallen. Sie ist verliebt, verzweifelt, brutal, verwirrt und angeekelt. Sie spricht Marguerite Duras wohl aus der Seele, so wie sie diese Texte eingelesen hat.

Lernt zu hören. Es sind heilige Texte. Gegen das Vergessen. Mehr zum besetzten Frankreich in der Literatur: HIER

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras