Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi - Astrolibrium

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

Ihr kennt Domino? In seiner klassischen Variante benötigt man 28 Dominosteine, um das legendäre Legespiel beenden zu können. Auf  Augenzahlen kommt es hier an, und nur, wer passend anlegen kann, darf weitermachen. Ansonsten verzögert sich das Fortkommen und die zusätzlich zu ziehenden Steine erschweren den Sieg. Wer daran den Spaß verliert, kann die Spielsteine aufstellen und den ersten zu Fall bringen. Den sogenannten Domino-Effekt macht man sich gerne auch im Leben zunutze. Fällt der erste Stein und hat man gut aufgestellt, dann ist der Rest eine Kettenreaktion, der man sich nicht in den Weg stellen kann. Hierbei wird eine Kette von Ereignissen ausgelöst, von denen jedes einzelne gleichzeitig die Ursache des folgenden ist. Domino. Es war das Bild dieses Spiels, das mich in einem Roman begleitete, mir zugleich Zugang und Halt verschaffte und mich durchgehend beschäftigte, weil ich viele seiner Elemente im Verlauf einer epischen Erzählung wiederfand.

Im Saal von Alastalo“ von Volter Kilpi kommt in einer prachtvollen Schuberausgabe aus dem Mare Verlag ins Bücherregal. 1066 Seiten plus Anhang und Anmerkungen zur Übersetzung lassen diesen opulenten finnischen Klassiker auf 1135 Seiten anwachsen. Das kann abschrecken. Sollte es aber nicht. Auch, wenn der Roman mit seinen 68 Euro sicherlich so manches Literaturbudget zu sprengen droht, man sollte es sich wirklich gut überlegen, ob man an diesem Prachtstück einfach so vorbeigehen kann. Es ist wahrlich eine Anschaffung fürs Lesen, sorry Leben natürlich. Und beiläufig bemerkt, ich mag es, wenn ein Buch teurer ist, als das Regalbrett auf dem es steht. So sieht Bücher-Lifestyle aus. Doch kommen wir zurück zum Domino-Vergleich aus meiner Einleitung. Nicht ich möchte Euch zum kippen bringen. Es ist der Autor selbst, der sich wahrscheinlich eher unbewusst in einem Bild bewegte, das sich mir hier aufdrängte. Im „Saal von Alastalo“ kommen genau 28 Landbesitzer zusammen, um auf Einladung des Gutsbesitzers und Geschäftsmannes Hermann Matsson über die Anschaffung einer Dreimastbark für die Schärengemeinde zu beratschlagen.

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Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

Achtundzwanzig Partikularinteressen und Charaktere, Allianzen, eifersüchtige und egoistische Sichtweisen sowie Neid, Missgunst und eindeutige Manipulation gilt es nun richtig zu bewerten, abzuwägen, auszubalancieren und in Einklang zu bringen, um ein höheres Ziel zu verwirklichen. Volter Kilpi erklärt uns nicht nur auf beeindruckende Art und Weise, was das Prinzip der Anteilseignung für die entlegenen Gemeinden und die Geschäftsleute in den Schären bedeutete, er lässt auch das Handelssystem in der Mitte des 20. Jahrhunderts aufleben. Jenes Prinzip der Gewinnmaximierung bei gleichzeitiger Risikominimierung für den Einzelnen hat die Gutsbesitzer dahin gebracht, wo sie heute stehen. Es ist ein ansehnlicher Reichtum, der sie schon jetzt verbindet und doch neidet jeder dem anderen das Schwarze unter dem Fingernagel. Und nun sind sie vereint. Zu Gast beim Erfolgreichsten von ihnen, beim Gutsherren von Alastalo, der es im Saal im Herzen seines Gutes so richtig krachen lässt. Der Raum ist riesig, die Möbel gereichen jedem Schreiner zum Ruhm, die Pfeifensammlung an der Wand ist riesig und edel. Wer würde nicht neidisch reagieren auf das Ansinnen des Herrn von Alastalo, alle Mittel zu bündeln, um mit dem größten Handelsschifff der Schären, der eleganten und schnellen Dreimastbark über die man hier berät, in eine reiche Zukunft zu segeln.

Dominoday in den Schären. Verzeiht mein einfaches Bild für diesen mehr als komplex erscheinenden Klassiker. Ich fühlte mich wohl im Saal von Alastalo. Ich beobachtete die geladenen Gäste, ließ sie mir von Volter Kilpi einzeln vorstellen und genoss den Stil des finnischen Autors. Opulent fabuliert er, beobachtend und lauernd folgt er seinen Figuren durch das Setting seiner einzigartigen Erzählung. Dabei gönnt er sich alle Zeit der Welt, um seine Charaktere, ihre Absichten und verborgenen Hoffnungen zu beschreiben. Hier gönnt er alleine schon Malakias Afrodite Härkäniemi mehr als 100 Seiten, um sich im Regal der prächtigen Pfeifen die passende für diesen Anlass auszusuchen. Hier brilliert Volter Kilpi, weil man schnell merkt, dass es gar nicht um Pfeifen geht, sondern um den Status, den man für sich beansprucht, die Signale die man aussendet und die komplex ineinander greifenden Zahnräder der Schären-Diplomatie der Bauernschläue. So wird aus der Pfeife eine klare Verhandlungsposition, aus den Teppichen auf dem Boden ein Status und aus dem Sitzplatz auf dem gigantischen Sofa die Pole-Position für die bald beginnende Verhandlung.

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Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

„Mit Barken befährt man Meere und den Atlantik,
aber mit Kähnen Tümpel und die Buchten der Ostsee.“

Das große Denken greift endlich um sich, in jenem Saal, in jenen Tagen und in den versammelten Köpfen. Das braucht seine Zeit, das erfordert Geschick und das braucht Überredungskunst und so wirkt die Szenerie oft wie die großen Epen, in denen es um Thronfolger und zu erobernde Königreiche geht. Es sind die Ritter ihrer eigenen Güter, die hier die Politik für die Zukunft bestimmen. Es sind Hierarchien, die verborgen liegen bis man sie ans Licht zerrt. Nicht der einflussreichste Gutsherr ist auch der reichste. Es ist ein brillantes literarisches Verwirrspiel, dem wir uns ausliefern, wenn wir Volter Kilpi in seinen „Saal von Alastalo“ folgen. Seine Erzählweise entschleunigt den Tag, dämpft die Lautstärke des Alltags-Trubels und sensibilisiert uns für die Feinheiten, die zwischen den Zeilen zu finden sind. Einzig unsere Geduld fordert der finnische Autor ein. Hier, an der Garderobe des Saals von Alastalo sollten wir alles ablegen, was uns belastet. Auf große Fahrt kann man nur gehen, wenn man sich auf alles einlässt. Das haben wir mit den Gästen in diesem Saal gemeinsam.

Erst dann dürfen wir uns vom kleinen Boot ins große träumen. Von der Jacht in die Galeasse. Vom Schoner in die Brigg und zuletzt von der Brigg in die Bark.

„Die Franzosen haben Proust,
die Iren haben Joyce – 
die Finnen haben Kilpi.“

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Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

So bewirbt der Mare Verlag einen Autor, der 1933 finnische Geschichte schrieb, weil er eine finnische Geschichte schrieb. Das wird ihm vielleicht nominell gerecht, schreckt vielleicht aber gerade jene Leserschaft ab, die Marcel Proust einfach für zu elitär und James Joyce für zu schwierig hält. Nichts von beidem ist Volter Kilpi. Sein Schreiben ist nahbar und verständlich. Es ist bildhaft, schön und zeitgemäß schillernd, aber es ist niemals unverständlich, unstrukturiert oder uninterpretierbar. Der Saal von Alastalo hat viel mit der Tafelrunde eines König Artus gemeinsam. Es geht um Gefolgschaft, um die Chancen, die sich nicht immer jedem bieten, und die großen Abenteuer, die man eben nur gemeinsam stemmen kann. Ich fand in diesem Roman keine Länge, ich fand kein unbedachtes Wort und ich fand keine Figur, die man hätte streichen können. Ich fand eine Übersetzung aus der Feder von Stefan Moster, die einem Meisterwerk auch im Duktus unserer Sprache das Höchstmaß an Eleganz und Schlichtheit verliehen hat, die es benötigt, um auf mehr als 1000 Seiten zu fesseln und zu begeistern. Und doch ist es wohl keinem Lesenden möglich, die tatsächlich erzählten sechs Stunden in dieser Zeit zu lesen. Wie hat er das gemacht, der Herr Kilpi…?

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Antoine de Saint-Exupéry – Die Stadt in der Wüste

Kaum ein Zitat aus berufener Feder passt so gut zu diesem Roman, wie die Worte des Schöpfers unseres kleinen Prinzen. Lade all diese Menschen ein und erzähle ihnen „Im Saal von Alastalo“ von einer Dreimastbark und ihren Möglichkeiten. Lesen…!

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Der Abstinent von Ian McGuire

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Der Abstinent von Ian McGuire

Wenn man den Namen des Schriftstellers Ian McGuire auf einem Buchumschlag liest, sollte man sich schon gut überlegen, ob man einen Roman aus seiner Feder auf dem Büchertisch ignorieren darf. Spätestens seit Nordwasser sollte sich die Kunde verbreitet haben, dass der britische Erfolgsautor nicht nur viel zu erzählen hat, sondern wie er es erzählt. Die Walfangreise an Bord der „Volunteer“ mutiert zum einzigartigen Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer. Der Walfang allein reicht ihm nicht aus. Ian McGuire entfacht ein maritim geprägtes rechtsmedizinisches Inferno, in dem einem das Wasser bis zum Halse steht. Ich schrieb zu „Nordwasser„:

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Jetzt ist Ian McGuire wieder zurück. Es ist „Der Abstinent„, der uns ins England des Jahres 1867 entführt. Es ist ein historisches Szenario, das er als Impuls für den neuen Roman für sich entdeckte. Es ist die Zeit des irischen Widerstandes gegen das britische Königshaus. Ein Widerstand, der brutal niedergeschlagen werden soll. Ganz egal, wo er zutage tritt. Zum Beispiel in Manchester – fernab von der grünen Insel…

„Eine Krähe krächzt, als zöge man einen trockenen Korken aus einer Flasche; irgendwo am Fluss klappern Wagenräder und ein Pferd wiehert. Einen langen Augenblick stehen die drei Männer Seite an Seite unter dem schweren Eichenbalken wie grob gehauene Karyatiden, getrennt und doch vereint,
dann erschreckend plötzlich sind sie weg.“

Hier werden am 23. November 1867 drei Todesurteile vollstreckt. Öffentlich zeigen die royalen Machthaber, wie sie mit den „Fenians“, den irischen Terroristen umgehen. Ihre Anschläge tragen den Konflikt von Irland ins Herz ihres Feindes. Die große irische Community in Manchester scheint das ideale Brutnest für ihren Freiheitskampf zu sein. Dass man durch die Hinrichtung der Iren die Gewaltspirale erst recht beschleunigt und Märtyrer erzeugt, scheint den Regierenden egal zu sein. Jedes Mittel ist erlaubt. Darin zumindest sind sich die Konfliktparteien einig. Vom Polizistenmord bis zur Vergeltung, die Distanz zwischen Ursache und Folge schrumpft in sich zusammen und genau hier lässt Ian McGuire seine Protagonisten agieren. Auf beiden Seiten der formierten und geschlossenen Reihen.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Wer hier von Ian McGuire einen ausschweifenden historischen Roman erwartet, der en passant auch noch die Hintergründe des irischen Freiheitskampfes in aller Tiefe erläutert, komplexe historische Beschreibungen der Geschichte dieses Konflikts in den Mittelpunkt stellt und sozio-politische Themen im Spiegel der Zeit thematisiert, der sieht sich schnell getäuscht. Dieser Kampf ist ein Stellvertreterkrieg für alle Szenarien in der Weltgeschichte, die geeignet erscheinen, große Geschichten von einsamen Wölfen zu erzählen, die im Clash of Conflicts aufeinanderprallen. Hier geht es unvermittelt und im gestreckten Galopp zur Sache. Hier wirkt die Hinrichtung der Fenians wie der Aufzug eines Theatervorhanges, um uns einen ersten Blick auf die verfeindeten Kontrahenten werfen zu lassen. Hier betritt „Der Abstinent“ die Bühne des Freiheitskampfes. Und er betritt sie nicht allein….

Hier zeigt Ian McGuire seine größte Stärke. Es ist die Nähe zu seinen Protagonisten, die seine Romane zu psychologisch wertvollen Charakterstudien macht. Er führt seine Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten, mit ihren persönlichen Geschichten und in aller Tiefe ins Gefecht und verwischt alle Grenzen zwischen Gut und Böse. Er gewährt tiefe Einblicke hinter die harte Schale seiner Antihelden und macht uns zu Gefährten in schwierigen Zeiten, Komplizen im Verrat, Mitwissern bei gefährlichen Plänen und nicht zuletzt zu Mittätern, wenn wieder einmal die „Rules of engagement“ verletzt werden. Es ist der irische Polizist, der aus Dublin nach Manchester geschickt wird, um bei seinen Landsleuten Spitzel anzuwerben, um den Fenians jetzt zuvorzukommen. Für Constable James O´Connor ist dieser Job alternativlos. Eine Bewährungsprobe. Jetzt, abstinent und fern der Heimat, kann er wieder zeigen, was in ihm steckt. Ein harter Hund mit dem Instinkt eines Jagdhundes, in dem die Vergangenheit sehnsuchtsvoll schlummert.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Was er nicht ahnt, die Fenians sinnen auf Rache für die hingerichteten Patrioten und setzen dabei auf ein in Manchester unbeschriebenes Blatt. Der frisch aus Amerika eingereiste irische Bürgerkriegsveteran Stephen Doyle handelt nach der Maxime, im Krieg ist alles erlaubt und jeder Zweck heiligt die Mittel. Es entwickelt sich ein gewagtes Katz- und Mausspiel zwischen den beiden einsamen Wölfen. So unterschiedlich sie in ihren Zielen sind, so sehr ähneln sich ihre Charaktere. Getrieben vom Irrglauben, einer Sache verpflichtet zu sein. Gelenkt von der Idee, die Wahl der Mittel nur in der eigenen Hand zu haben. Unbeirrt in der Sichtweise, sich selbst auf einem fatalen Opfergang zu befinden und verwundert, wenn nicht sie den Ereignissen zum Opfer fallen. Das ist der Stoff, aus dem große Romane gewebt sind. Zwei Männer, innerlich verletzt und voll von durchlebten Verlusten, instrumentalisiert und fremdgesteuert, liefern sich nicht nur den Showdown dieses Romans. Sie liefern sich den Showdown ihres Lebens.

Ian McGuire bleibt seinem Erzählstil treu. Er schreibt Klartext, er beschönigt nicht in seinen Beschreibungen von Lebensumständen, Erfahrungen und Leid. Er erweitert den Erzählraum um ein paar wichtige Charaktere, an denen sich seine Hauptakteure reiben und aufreiben. Er bringt Liebe und Zuneigung ins Spiel, wo alles nach verbrannter Erde riecht. Er lässt sehnsuchtsvolle Momente zu, wenn Hass regiert. Und er wechselt nicht nur gekonnt die Perspektiven, sondern auch die Schauplätze. Eine Jagd, die eigentlich in Manchester begann, wird im fernen amerikanischen Harrisburg fortgesetzt. Es sind auch hier die ausgewanderten Iren, die ihrer fernen Heimat die Treue halten. Ein Spiel um Vaterlandsliebe, Loyalität und die eigenen Prinzipien. Der Einsatz ist hoch.

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Der Abstinent von Ian McGuire

„Wir stecken alle fest im selben, großen, sich langsam drehenden Hamsterrad, denkt er. Wir glauben, wir kommen voran, aber in Wahrheit geht es immer nur
im Kreis.“

Der Abstinentist alles andere als enthaltsam. Dieser Roman macht trunken vor purer Lesefreude. Gerade wird „Nordwasser“ von der BBC als Serie mit Colin Farrell in der Hauptrolle verfilmt. Man kann nur hoffen, dass „Der Abstinent“ auch einen Weg findet, um vom Kopfkino zum opulenten Realkino zu werden.

Folgen Sie mir zu weiteren Buchvorstellungen bei AstroLibrium, die uns das ewig sehnsuchtsvolle Herz der „Grünen Insel Irland“ näherbringen. Von Auswanderern und den unsterblichen Mythen, von der Geschichte des Regens bis ins ferne Brooklyn, von einem Freund der Toten bis zu den Tagen ohne Ende. Irland ist ein weites literarisches Feld, das jede Reise lohnt. Ich folge jetzt Sebastian Barry auf eine kleine irische Farm und freue mich auf die Begegnung mit „Annie Dunne„. Hier stelle ich sie Ihnen vor.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

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Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Als Betreiber der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium habe ich mich der Beobachtung des Bücherhimmels verschrieben, um buchige Fixsterne zu entdecken, die nicht nur schön aussehen, sondern als Orientierungshilfe in der unendlichen Weite wie ein literarisch-ethischer Kompass dienen können. Sternschnuppen fallen hier von Haus aus weg, weil sie nur einen temporären Knalleffekt liefern, bevor sie endgültig von der Bildfläche verschwinden. Kometen tauchen zwar mit einem prächtigen Schweif im Gefolge in regelmäßigen Abständen am Firmament auf, haben jedoch nichts Neues auf Lager. Einzig Fixsterne verfügen über eine ganz eigene Strahlkraft, müssen also nicht von Sonnen anderer Systeme angestrahlt werden, halten ihre Positionen dauerhaft und haben zeitlos Bestand. Ja, Bücher sind wie Sterne. Und, wenn Bücher von Menschen erzählen, die ihr ganzes Leben damit verbrachten, den Sternenhimmel wissenschaftlich zu beobachten, dann sind sie sozusagen Ehrengäste meiner literarischen Sternwarte.

AstroLibrium - Die kleine literarische Sternwarte

AstroLibrium – Die kleine literarische Sternwarte

Begrüßen wir also Olli Jalonen, einen der bedeutendsten Autoren in Finnland, als „Special Guest of Honour“ in meinem Bücher-Observatorium. „Die Himmelskugel“ aus dem Mareverlag ist geradezu prädestiniert, einen besonderen Platz im Bücherregal der Himmelsstürmer einzunehmen, vereint dieser Roman doch alle Erzähl-Elemente, die für mich von besonderer Relevanz sind, wenn es um gute Literatur geht. Wissenschaftlich fundiert, fiktional perfekt ausbalanciert und gespickt mit Protagonisten, die aus der Zeit gefallen erscheinen. „Die Himmelskugel“ kann man drehen und wenden, wie man will, man findet keine Schattenseiten, entdeckt immer wieder neues und wird im Universum des brillanten Erzählers Jalonen schnell heimisch. Das liegt ganz besonders an seiner Hauptfigur, die er uns unaufdringlich und doch unwiderstehlich ins Leserherz schreibt.

Wir befinden uns auf der Insel St. Helena und schreiben das Jahr 1679. Es ist der achtjährige Angus, den wir bei einer mehr als merkwürdigen Beschäftigung antreffen. Er sitzt in der Astgabel eines Baumes und beobachtet den Himmel. Er erzählt, was ihm dabei ins Auge fällt, und dabei fallen uns ein paar Dinge ins Auge, die dieser Situation einen ebenso skurrilen, wie unglaublichen Charakter verleihen. Sein Kopf ist am Baum fixiert. Nachts beobachtet er die Sterne und markiert ihre Postionen mit einem Stich in ein dünn geschnittenes Aloe-Blatt. Diese Lochmarkierungen überträgt er dann zuhause mit Tinte auf ein Stück Papier und ergänzt seine Beobachtungen durch das Datum aus seinem Kalender. Angus bezeichnet sich als Himmelsspäher und geht seiner Ausgabe akribisch nach. Nacht für Nacht und Tag für Tag, wobei er tagsüber die Vögel zählt und unterscheidet, die sein Beobachtungsloch durchfliegen. Ungewöhnlich für ein Kind und doch lässt Angus von der Totholzebene keine Frage offen, wenn er erklärt, warum er dieser oftmals eintönigen Mission im Baum schon seit Jahren folgt…

Die Himmelskugel von Olli Jalonen - Astrolibrium

Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Er beobachtet den Himmel im Auftrag des großen Forschers Edmond Halley. Ja, genau der Edmond Halley, der später den Kometen entdeckte, der seither gleichnamig alle 75,3 Jahre wieder an unserem Firmament erscheint. Er war auf St. Helena. Er hat in Angus einen Forscher-Samen gesät und dafür gesorgt, dass sich dieser kleine Kerl in ein lebendiges Observatorium verwandelte. Hier beginnt ein Abenteuerroman, der an die ganz großen Erzählungen anknüpft, die uns an der Seite von kindlichen Helden im tiefsten Kern unserer Leserseele berühren. Von Jim Hawkins und der „Schatzinsel“ bis zum Waisenjungen Bartholomäus und dem Museum der Weltreicht die Skala der oftmals naiv wirkenden und doch so altklug agierenden Jungs, denen man einfach durch ihre Abenteuer folgen muss.

Hier konstruiert Olli Jalonen eine literarische Brücke, die auf einem extrem soliden Fundament ruht und doch ständig in Schwingungen versetzt wird. Die Welt von Angus ist keinesfalls so paradiesisch, wie man es auf St. Helena vermuten dürfte. Nein. Ganz im Gegenteil. Alles ist im Aufruhr. Ohne Vater aufgewachsen erkennt der Junge, dass seine Tätigkeit im Auftrag des großen britischen Forschers die einzige Chance für ihn ist, die Insel jemals verlassen zu können. Ein ungerechter Gouverneur, religiöser Zwist und die grausamen Lebensumstände, denen seine Mutter und Schwester auf der Insel dauerhaft ausgesetzt sind, scheinen nur eine Flucht als Ausweg erscheinen zu lassen. Das ferne England ist für Angus der Rettungsanker. Er weiß, dass er noch viel lernen muss, um seinem Idol zu folgen, ihm seine Aufzeichnungen vorzulegen und schließlich als sein Gehilfe arbeiten zu können. Edmond Halley ist der Komet, der nur ein Mal für den Jungen erschienen ist und ihn seitdem nicht mehr loslässt. Nur Wunschdenken?

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Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Jalonen brilliert in der Art und Weise, wie er Angus als Ich-Erzähler des Romans etabliert. Wir wachsen mit ihm auf, erleben, wie er lesen und schreiben lernt und sich immer mehr dem Idealbild eines wissenschaftlichen Assistenten nähert. Angus erzählt zu Beginn der Geschichte kindlich naiv und grammatikalisch äußerst einfach. Als ihm der Pastor von St. Helena das Lesen beibringt, verändert sich auch sein Erzählen. Ein Entwicklungsroman, der es wirklich in sich hat. Absolut bestechend sind die Passagen, in denen Angus über seine neuen Fähigkeiten sinniert. Hier kann man sich jedes Zitat auf der Zunge zergehen lassen und seine immer weiser werdenden Worte genießen:

„Lesen ist Sehen, aber auch Hören. Schreiben ist kurzes Zeichnen.“

„Einen Brief schreiben ist Zeichnen, aber auch Sprechen. Wenn man lesen lernt, lernt man lautloses Sprechen zu hören. Wenn man schreiben kann, kann man sprechen ohne dass man etwas sagt.“

„Das vierte Lesen ist dann, dass man im Kopf noch einmal liest, was man gelesen hat. Das hilft sehr, wenn man erzählen muss, was ist und was man gelernt hat.“  

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Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Olli Jalonen legt mit seiner „Himmelskugel“ einen ungewöhnlichen Roman voller kolonisatorischem und wissenschaftlichem Flair vor, der seinen weiten Bogen von St. Helena bis ins ferne London schlägt. Wir erleben Angus auf seiner Insel, auf hoher See und zuletzt im Kapitol des großen Imperiums. Wir werden mit ihm zu einem Brief, den seine verzweifelten Weggefährten zu Edmond Halley schicken, um einen Aufruhr auf St. Helena zu beenden. Wir erleben Wellenberge, Zivilitationsschocks und die tiefe Verunsicherung dieses Heranwachsenden beim Erreichen seines Zieles. Dabei ist die Erzählweise Olli Jalonens nicht durch schnelle Szenenwechsel oder große Dynamik in den Abläufen gekennzeichnet. Er ist ein finnischer Autor, wurde mit dem renommierten Finlandia-Preis ausgezeichnet und wird der skandinavischen Tradition gerecht, seine Erzählung langsam zu entwickeln, ihr Raum zu geben und den Protagonisten nicht im Mahlstrom der Hektik untergehen zu lassen.

Erneut ein ganz großes Abenteuer aus dem Mareverlag, bei dem man mehr als 530 Seiten lang unglaublich gespannt darauf ist, ob Angus sein Ziel erreicht. Wer für Sterne schwärmt, Edmond Halley einmal gerne begegnet wäre, St. Helena im 17. Jahrhundert erleben mag, und gemeinsam mit unserem Himmelsspäher Angus seine ersten Schritte auf Londoner Boden gehen will, ist gut beraten, Die Himmelskugel zu lesen. Man wird auf keiner Seite enttäuscht, denn:

„Der Himmel beginnt in den Augen. Angus hat die Augen des tiefen Himmels.“

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Die Himmelskugel von Olli Jalonen

Constanze Matthes schreibt dazu auf Zeichen & Zeiten:

„Sein neuestes Werk ist eine großartige, wunderbar zu lesende Parabel über die Möglichkeiten mit Ehrgeiz, Offenheit und Neugierde die Welt zu entdecken und seine Träume und Ziele zu erreichen –
auch wenn diese auf den ersten Blick sehr fern erscheinen.“

Polarliebe von Sigri Sandberg und Anders Bache

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Polarliebe

Expeditionen bestimmen mein Lesen. Auf den Spuren der großen Entdecker habe ich die Terra Incognita bereist, war sowohl am Nord- als auch am Südpol, habe viele Entbehrungen mit den Männern der legendären Expeditionsschiffe Erebus, Nimrod, Terror, Endurance und Fram geteilt. Ich war jahrelang unterwegs, bevor ich wieder in den Heimathafen einlaufen durfte. Ich scheiterte, wurde im ewigen Eis eingeschlossen, fand Zeichen der Expeditionen, die vor mir ihre Ziele erreicht hatten, habe mich einem globalen Wettrennen um Ruhm und Ehre angeschlossen und musste erleben, wie viele jener freiwilligen Helden nie wieder nach Hause kamen. Ich fror in ewigen Nächten auf dem ewigen Eis, floh vor Eisbären und war gezwungen, mich von Schlittenhunden zu trennen, obwohl sie stets die treuesten Weggefährten waren. Ohne diese literarischen und meine Fantasie beflügelnden Reisen, sähe mein Lesen anders aus. Ich war immer auf der Seite der ewigen Zweiten, jener Verlierer im Rennen um Anerkennung.

Allein der Mare Verlag hat mir mit seinem schier unerschöpflichen Sortiment von Büchern zu diesem Thema stets neuen Auftrieb gegeben. Ich wurde nicht nur zum Zeugen der vergangenen Abenteuer. Ich durfte Das Eis brechen und Beinahe Alaska erreichen. Ich wandele auf Spuren der Entdecker und diese Reise ist nicht beendet. In meinem Lesen gibt es noch viel zu entdecken, obwohl es heute keine weißen Flecken mehr auf unserem Planeten gibt. Alles ist entdeckt und vermessen. Und doch finde ich immer wieder neue Ansätze, meine Forschungsreisen fortsetzen zu können. Was war das für ein Leben, das die Abenteurer im 19. Jahrhundert führten? Was bedeutete es für ihre Familien, für ihre Ehefrauen, dass sie von Träumen besessen waren? Aspekte, die sich uns erst heute richtig erschließen, weil uns die Vorstellungskraft fehlt, sich aus der Komfortzone in die Todeszone zu begeben, nur um Erster zu sein.

Polarliebe - AstroLibrium

Polarliebe

Diesen Fragen geht „Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eisvon Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) auf den Grund. In einer hochwertig illustrierten und bebilderten Ausgabe öffnen uns diese beiden Autoren die Tür zu einer verborgenen Welt. Sie gewähren uns Zutritt zu den Privatarchiven der großen und kleinen Entdecker. Nicht jedoch in ihrer angestammten Rolle als Forscher, sondern hier sind es die Beziehungen, Leidenschaften und Lieben, von denen sie und ihre zurückgelassenen Frauen in ihren Briefen Zeugnis ablegen. Hier wird Distanz zur Bestimmungsgröße von Gefühl. Hier sind es die Trennungen und die Ungewissheiten, die den Rahmen von Beziehungen abstecken. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube, die in der heutigen Zeit die Maßstäbe des Vermissens neu definieren kann.

Polarliebe“ ist nicht nur ein Geschenk für Abenteurer und Entdecker. Es ist nicht nur ein Geschenk für Lesende, die den alten Expeditionen seit Jahren folgen. Nein. In meinen Augen ist dieses aufwendig gestaltete und grandios erzählte Buch das perfekte Geschenk für alle Sehnenden und Liebenden, für die es schon problematisch ist, wenn man sich ein paar Tage nicht sieht. Es ist ein Herzensgeschenk für alle Menschen, die an die Macht von Briefen glauben, weil sie wie ein magisches Band Zeit und Raum zu überwinden in der Lage sind. Hier paart sich die Ungewissheit der Heimkehr mit jener Ungewissheit, wann ein Brief sein Ziel erreicht hat und wann er beantwortet wird. Hier sind Briefe das einzige Band, das bis zu einer bestimmten Stelle auf der Landkarte im ewigen Eis halten kann. Danach bricht der Kontakt ab. Dann ist Ruhe. Es bleiben nur die letzten Zeilen, die Hoffnung und die Liebe, die auf die größte Belastungsprobe im Lauf eines gemeinsamen Lebens gestellt wird. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an die Zeitlosigkeit des handgeschriebenen Wortes!

Polarliebe - AstroLibrium

Polarliebe

Hier treten die Ehefrauen der Entdecker aus dem Schlagschatten ihrer Männer. Hier verlieren sie ihre nur betrachtenden, beobachtenden, wartenden, passiven Rollen und werden zum wesentlichen Teil der Expeditionen. Sie sind Rettungsanker. Teil der Crew und Motivatoren zugleich. Ohne ihre Anziehungskraft hätte so mancher Forscher den Weg nach Hause nicht mehr gefunden. Wenn ER sich zum Nordpol aufmacht, ist SIE der magnetische Südpol, der ihn anzieht. Wenn ER im Packeis gefangen ist, weiß SIE das Eis zu schmelzen. Wenn ER in der ewigen Nacht in Dunkelheit versinkt, ist es IHR Foto in seiner Kajüte, das Strahlkraft und Wärme verströmt. Dieses Buch ist mehr als magisch, wenn es darum geht, die Begriffe Halt und Zuneigung zu untermauern. Es ist gewaltig, wenn es beschreibt, was lebenslange Treue bedeutet und es ist tragisch in den Momenten, in denen klar wird, dass die Liebe über den Tod hinaus Bestand haben muss.

Es sind die Amundsens, Nansens, Pearys und Scotts, die uns hier tiefste Einblicke gewähren. Es sind Schiffe, wie Nansens Fram, Schlitten und Heißluftballone mit denen wir uns in Lebensgefahr begeben. Es sind die Schreibtische der hoffenden Ehefrauen, die wir stets im Blick haben. Es sind die Briefe, die wir lesen dürfen – immer ein wenig im Gefühl von Indiskretion, weil sie nicht an uns adressiert sind. Und es sind die Bilder, die von einer gemeinsamen glücklicheren Zeit zeugen, aber auch die Einsamkeit in der Welt des ewigen Eises dokumentieren. Es ist das Unfassbare, was so plötzlich greifbar wird. Die Expedition von Fridtjof Nansen zum Beispiel, bei der er sich mit seiner Fram im Packeis festfrieren lässt, um sich zum Nordpol driften zu lassen. Briefe der Eheleute wandern hin und her. Bis zu dem Tag, an dem die Drift beginnt. Dann? Monologe. Stille Zwiesprache. Hoffen. Geduld. Aber niemals Zweifel. Bis sie DREI Jahre später wieder von ihm hört und nur antwortet: „Wo soll ich Dich treffen? Eva

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Polarliebe

Es sind neun Geschichten, in die sich die Autoren der Polarliebe intensiv und voller Empathie hinein recherchiert haben. Jede für sich bewegend, anrührend und unglaublich lesenswert. Es sind Geschichten, die man nicht vergisst, weil sie bisher in dieser Art und Weise unerzählt sind. Jede Episode endet mit einem Epilog, der es in sich hat. Dabei gehen die Autoren sachlich und mit genügend Distanz zu Werke. Sie dramatisieren nicht. Sie lassen das Reale wirken. Und dann sind es ein paar Sätze von ihnen, die unsere Schleusen öffnen. Es sind die Momente, in denen sie die Distanz zu verlieren scheinen und dem Gefühl Raum gegeben. Gerade diese Momente lassen uns innehalten, weil wir dringend Taschentücher brauchen. Die festgefrorenen Tränen im Augenwinkel werden zu Schmelzwasser des guten Lesens.

Denkt an mich, wenn ihr Polarliebe lest. Denkt an mich, wenn ihr Anna Charlier und Nils Strindberg begegnet. Wappnet euch allein vor dieser Geschichte. Sie wird euer Herz brechen, es zu Eis gefrieren lassen und dann auftauen. Ihr werdet mit Nils einen Heißluftballon besteigen. Ihr werdet den Nordpol überfliegen wollen. Ihr werdet euch kurz vor Beginn der Reise unsterblich in Anna verlieben. Ihr wollt nach dem Ende der Expedition heiraten. Sie soll nur sechs bis sieben Tage dauern. Wir schreiben das Jahr 1897. Wir heben ab. Anna bleibt zurück. Dreiunddreißig Jahre lang. Was dann folgt, was dann zu lesen ist, wie wir dann vor dem Epilog sitzen, das ist dann kein Buch mehr. Das ist auch mit meinen Worten nicht zu beschreiben. Lest es selbst…

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Polarliebe

Meine Reise endet nicht hier. Am Tag, als ich die Polarliebe beendete, kehrte die „Polarstern“ in den Heimathafen Bremerhaven zurück. Die größte Polarexpedition aller Zeiten hatte sich nicht dem Entdecken von neuen Territorien verschrieben. Es war der Klimawandel, den man erforschen wollte. Und nun schließen sich erneut Kreise in meinem Lesen. Die Polarstern ließ sich im Packeis der Arktis festfrieren, um mit dem Eis zu driften. Ein Jahr lang. Mitten hinein ins Epizentrum der Klimakatastrophe. Auf der gleichen Route eines Fridtjof Nansen und seiner Fram. Nach „Polarliebe“ liegt es auf der Hand, auch der Polarstern zu folgen.

Es kann kein Zufall sein, dass genau jetzt Expedition Arktis von Esther Horvath erschienen ist. Der wissenschaftlich geprägte Bildband der preisgekrönten Fotografin (Mit ihrem Eisbärenfoto aus der Arktis hat Esther Horvath den 2020 World Press Photo Award gewonnen) wird um die Sichtweisen der Expeditionsteilnehmer, Wissenschaftler und weiterer renommierter Experten ergänzt und somit zu einem Expeditionsbericht der ganz besonderen Art.  Ich bin dem Prestel Verlag unglaublich dankbar, dass mich das Buch so schnell erreicht hat. Ich drifte jetzt davon. Aber niemals ab. Bis gleich an Bord der Polarstern. Hier geht´s lang… Leinen los

Polarliebe und Polarstern - Es geht weiter - AstroLibrium

Polarliebe und Polarstern – Es geht weiter

Hier geht´s zum Logbuch des Expeditionsleiters: Markus Rex – Eingefroren am Nordpol“ – Eine andere Sicht auf die Expedition.

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Expeditionskreuzfahrt. Klingt das nicht verlockend? Nun gut, in Zeiten von Corona vielleicht nicht gerade. Das bekommt die Branche sehr deutlich zu spüren. Aber waren solche Abenteuerreisen vor der weltweiten Pandemie ein reines Vergnügen? Ging man als anderer Mensch von Bord, nachdem man mit einem Postschiff der Hurtigruten im Polarmeer war? Ist ein Eisbrecher in der Lage, unser inneres Eis zu schmelzen, oder muss man sich von solchen Träumen verabschieden, weil man nicht alleine unterwegs ist, und die Gesellschaft anderer Kreuzfahrer zu legendären Havarien führen kann. Ich denke da an David Foster Wallace und seine Reportage Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne micheinen fulminanten Abgesang auf den Zauber der Kreuzfahrten und eine Generalabrechnung mit dem Massentourismus auf hoher See. Wer nach der Lektüre dieses Buches noch singt Eine Kreuzfahrt, die ist lustig, dem ist nicht mehr zu helfen. Weder an Land, noch zu Wasser… David hat es selbst erlebt.

Seine Schilderung des maritimen Bordalltags gleicht einer Überdosis sozialkritischer Realsatire. Seine Beobachtungen erreichen an Bord der Zenith ihren Höhepunkt, wenn er das Verhalten seiner Mitreisenden und des gezwungen lächelnden Servicepersonals in aller Klarheit aufs Korn nimmt. Legendäre Passagier-Fragen wie: „Schläft die Crew auch an Bord?“ oder „Wird man beim Schnorcheln nass?“ bilden nur den Rahmen für den Wallace´schen Schiffskörper. Schrecklich amüsant zu lesen. Umso gespannter war ich nun auf „Beinahe Alaska“ von Arezu Weitholz. Eine Expeditonskreuzfahrt von Grönland nach Alaska, die Arktis, das Polarmeer, Packeis, Eisberge, Polarlichter, Eis, Eis und nochmal Eis und die unsichtbaren Spuren der großen Entdecker. Ja, das hat mich verführt, beim Mare Verlag einzuchecken und die Autorin lesend zu begleiten.

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Was anmutet wie die Reportage einer Autorin, die sich auf einer Recherchereise im Polarmeer befindet, entpuppt sich schnell als literarischer Paukenschlag. Was ich mir auch immer von dieser Lesereise versprochen hatte, Arezu Weitholz räumt schon mit ihren ersten Worten gewaltig mit meiner Erwartungshaltung auf. Es fühlt sich so an, als würde sie mich wie selbstverständlich beiseite nehmen und mir erklären, wovon ich mich bitte verabschieden solle, bevor ich mich an Bord der MS Svalbard begebe. Das erzeugt Nähe und Vertrauen. Das dämpft nicht, das macht neugierig. Der Sog in diese Geschichte über eine Frau und das Polarmeer beginnt schon hier, mich in die Tiefe zu ziehen:

„Es wird keinen Mord geben, keine Leichen, kein Monster, keinen Unfall, keine abgefrorenen Nasen oder Zehen. Es wird niemand schneeblind werden, keiner wird ertrinken oder festfrieren, sich das Bein brechen oder einen Anfall erleiden.“

„Es wird kein Mann und auch keine Frau über Bord gehen, es wird nicht knapp, nicht eng, nur kalt und gelegentlich ein bisschen böse. Die Abgründe bleiben in den Menschen.“

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Nachdem das also geklärt ist, wendet sich die Autorin mir erneut zu und verrät, was ich zu erwarten habe. Und bei Gott, sie hat sich nicht weit aus dem Fenster ihrer Kabine gelehnt. Alles ist eingetroffen. Alles ist genau so passiert und nichts davon ist geeignet, jemals vergessen zu werden. Arezu Weitholz hat Wort gehalten und mir eine Polarreise und ihren eigenen Blick auf dieses Welt ins Herz geschrieben.

„Sie werden aus dem Fenster sehen, in ihre Bücher – und aufs Meer, Sie werden mit einem Schiff fahren und aufs Meer schauen.“

Ich habe in „Beinahe Alaska“ dieses BEINAHE schätzen gelernt und meinen Blick aufs Wesentliche gerichtet. Ich habe beinahe eine Reise unternommen, bin beinahe in der Arktis an Land gegangen, traf beinahe auf Menschen, die sich an Bord fühlten, wie die Entdecker der Nordwestpassage, sprach beinahe mit Crewmitgliedern über die Liebe zum Meer, erreichte beinahe Alaska und erkannte beinahe eine Schriftstellerin, die sich auf der Svalbard neu entdecken wollte. Ich versank beinahe erneut in meinen Büchern über Polarexpeditionen und fühlte beinahe körperlich, was es bedeuten kann, beinahe glücklich zu sein. Beinahe mag sich anhören, wie fast oder unvollendet. Nah dran und doch nicht am Ziel. Arezu Weitholz gelingt es, uns mit den vielen Beinahes unseres Lebens zu versöhnen und die Welt neu zu entdecken.

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Ja, ich habe aus dem Fenster geschaut, das Polarmeer beobachtet und in meine Bücher gesehen. Ich habe nie entdeckte Länder mit eigenen Augen gesehen und nie geküsste Typen erlebt. Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, wenn mir vor Augen geführt wurde, wie es der „Erebus“ in diesen Gewässern erging. Ich folgte der Autorin in ihre Gedankenwelt, in der es ohne feste Bezugspunkte keine Orientierung geben kann und das Leben nur dazu verleitet wird, einem einen Streich zu spielen. Im Scheitern erlebte ich die Chance neuer Herausforderungen und stand doch kurz davor auch in diesem Buch eine Meuterei zu erleben, weil zahlende Passagiere niemals zu begreifen in der Lage sind, der Natur Rechnung zu tragen. Ich stand im Dialog mit den Büchern meines Lesens, die mich schon zuvor in diese Region entführt hatten. Und ich zog erneut den „Goldenen Atlas“ von Edward Brooke-Hitching zu Rate, um den Routen der ersten Forscher im Polareis zu folgen. Alle Bücher sprachen plötzlich miteinander

Wenn Julien Blanc-Gras davon träumt, „Das Eis brechen“ zu können, zeigt uns Arezu Weiholz, was ein echter Ice-Breaker ist. Mit ihr erleben wir Touristen von ihrer schlimmsten Seite, Fremde auf wundersame Weise und Distanz mit neuem Maßstab. Dabei schreibt sich Arezu Weitholz in einen Erzählrausch, der dem Abenteuer, das auf uns wartet, gerecht wird. Wo sie kritisch mit Kreuzfahrten ins Gericht geht, bleibt kein Auge trocken. Wenn sie die Natur verteidigt, wird Green Peace blass und, wenn sie sich selbst infrage stellt, sind die Leser die einzigen an Bord, die für sie in jedwede Bresche springen würden. Innenansichten wechseln mit Außenansichten und weisen den Weg zur inneren Balance. Sprachgewaltig, romantisch, verliebt und unsicher. So erleben wir eine Frau an Bord eines Eisbrechers, der auch ihr Eis langsam beiseite schiebt. Wundervolle Literatur im Ambiente von Polarlicht und Eisbergen.

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - AstroLibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Am Ende der Reise steht fest, dass man nicht dort ankommt, wohin man eigentlich aufgebrochen war. Insofern steht diese Geschichte für das ganze Leben. Wir werden zu Entdeckern unserer eigenen Ungeduld und entschleunigen von Seite zu Seite mehr. Es sind die Gedankenspiele der Autorin, die lange nachhallen. Bilder, die sich auch im Polareis bis in unsere Gedanken vorschmelzen. Warum wird man als alleinstehend und nicht als alleinlaufend bezeichnet? Ist das Singledasein wie ein Stillstand? Wie fühlt es sich an, wenn man glaubt, andere Menschen besäßen ein Lineal fürs Glück? Und was ist das für eine Natur, die einfach unmalbar ist? Diese feinsinnige Sprache der Autorin veredelt diesen Reisebericht, in dem sie beinahe selbst sichtbar wird. Man glaubt, ihr beinahe selbst zu begegnen, wenn sie sich in ihren Gedanken treiben lässt. Immer frei, niemals im Packeis gefangen.

Das Interview mit der Autorin in der Zeitschrift der Meere No 142 von Mare liest sich wie ein Schlüssel zu einer Schatztruhe. Sie ist vieles in diesem Buch und doch ist sie eben vieles nicht. Es sind ihre Augen, die alles sehen und ihre Gefühle, die uns die Bilder näherbringen. Alleinstehend oder alleinlaufend jedoch ist sie nicht. Sie pflegt jene Distanz zur Erzählerin und Beobachterin dieser Expeditionskreuzfahrt und befreit sich auf diese Weise vom Maßstab einer Reisereportage. Beinahe hat sie damit Erfolg Beinahe hat sie mich auch davon überzeugt. Beinahe ist das ein schönes Buch. Ja, das schreibe ich hier in voller Überzeugung und bin mir ganz sicher, dass die Autorin dieses Prädikat mit einem geschmeichelten Schmunzeln akzeptieren wird. Sie hat mir beigebracht, dass beinahe mehr ist, als man vermuten könnte… Es ist das pure Glück!

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Als ich schon dachte, ich hätte die MS Svalbard mit heiler Haut verlassen, kam ein neues Buch aus dem Mare Verlag an. „Polarliebe„. Ich las es sofort im Anschluss und wurde in die Zeit der großen Entdecker zurückgeworfen, die auch Arezu Weitholz am Horizont auftauchen lässt. Erneut begann ein intensiver Dialog mit meinen Büchern, von dem hier noch die Rede sein wird. „Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ – ein Buch, das selbst meine eisigsten Tränen zu Schmelzwasser am Nordpol werden ließ. Hier geht´s zur Rezension.

Beinahe Alaska und Polarliebe - Mare Verlag - AstroLibrium

Beinahe Alaska und Polarliebe – Mare Verlag

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