„Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Wenn man Leser nach ihren Lieblingsbüchern fragt und wenn man wissen möchte, welcher Klassiker der Literaturgeschichte ihr Leben geprägt hat und welches Buch man unbedingt kennen sollte, dann hört man sehr oft „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson. Der grandiose schottische Autor hat mit Sam Hawkins, Long John Silver oder Billy Bones nicht nur legendäre Charaktere geschaffen, um die er von wohl allen Autoren beneidet wird, ihm gelang auch mit der reinen Geschichte ein großer Wurf ins Herz einer abenteuerlustigen Leserschaft. Auch ich bin bekennender Stevenson-Leser und Liebhaber.

Ich entdeckte mit ihm „Das Licht der Flüsse“, suchte mir ausreichend Platz in einem der beiden Segelkanus Cigarette und Arethusa und ließ mich im Jahr 1876 gemeinsam mit dem noch unbekannten Schriftsteller von Antwerpen bis fast nach Paris treiben. Ich geriet an seiner Seite in Kriegsgefangenschaft und wurde in Edinburgh eingekerkert. In der uneinnehmbaren Festung der Stadt lernte ich den französischen Adeligen „St. Ives“ kennen, gefangen nicht nur in Konflikten zwischen neuer Liebe und ererbtem Reichtum, sondern eben auch Gefangener. Grandios, ihm zur Flucht zu verhelfen. Und zuletzt bin ich recht zwiegespalten einem Mann durchs nächtliche London gefolgt, der als Prototyp einer gespaltenen Persönlichkeit Geschichte schrieb. „Doktor Jekyll und Mister Hyde“ gilt auch heute noch als einer der ganz großen Grusel-Klassiker aus der Feder von R.L. Stevenson.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Vieles gilt es auch heute noch zu entdecken. Erzählungen und Kurzgeschichten von Stevenson sind oftmals so schmal angelegt, dass sie trotz ihrer literarischen Qualität in eigenständigen Büchern kaum Veröffentlichung finden. Einige seiner Novellen gehören für mich jedoch unabdingbar ins Bücherregal einer Leserschaft, die leidenschaftlich und unaufhörlich auf der Suche nach klassischen Raritäten ist. Der Mare Verlag versucht nun, genau diesen „kleinen“ Großen besonderes Augenmerk zu verleihen. Es sind hier nicht nur die rein inhaltlichen Aspekte, die eine neue Klassiker-Reihe kennzeichnen. Es ist auch das besondere Layout, mit dem sie auf dem Buchmarkt eine literarische Lücke schließen. Es ist das besondere Format, das diese neuen „Kleinen“ auszeichnet. 10 x 16 cm. Das sind die neuen Zaubermaße. Taschenformat. 160 Seiten. Großzügig in der Schriftgröße und dadurch unterwegs hervorragend lesbar und darüber hinaus in einer Ausstattung, die dem Inhalt gerecht wird. Ein bibliophiles Kleinod. Beispiel gefällig?

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Ein hochwertiger Leineneinband mit einem Gemälde von Edward Hopper, ein eher dünner, jedoch augenfälliger Schuber und ein farblich gut abgestimmtes Lesebändchen heben das Buch von der Konkurrenz im Bereich der kleinformatigen Ausgaben deutlich ab. Sie eignen sich hervorragend als Geschenk für Büchersammler, dienen Liebhabern klassischer Literatur als sinnvolle Erweiterung ihrer Bibliotheken um Texte, die bisher in Anthologien zu finden waren. Und nicht zuletzt beinhalten sie ausgesprochen gediegen gestalteten und inhaltlich brillanten Lesestoff. Eine kleine hochwertige Privatsammlung könnte man so entstehen lassen. Neben Stevenson ist bald auch August Strindbergs Der romantische Küster auf Rånö“ erhältlich. Und weitere Titel sind in Planung. Mir jedoch hat es der „Pavillon in den Dünen“ mehr als angetan. Eine frische Novelle, die für Stevenson den literarischen Durchbruch bedeutete.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

So schrieb zum Beispiel Sir Arthut Conan Doyle:

„… Ich werde mich stets des Vergnügens erinnern, mit welchem ich seine frühen Geschichten im Cornhill Magazine las… Noch heute halte ich den Pavillon in den Dünen für eine der bedeutendsten Kurzgeschichten der Welt!“

1879 als eines seiner frühen Werke entstanden, offenbart die kleine Geschichte viel von dem schlummernden Talent eines Schriftstellers der später durch widersprüchliche Charaktere und facettenreiche Settings zu Weltruhm gelangte. Dabei handelt es sicher nicht um eine Fingerübung, denn die Veröffentlichung im Cornhill Magazine gehörte zu einer der ersten magischen Hürden, die es erfolgreich zu meistern galt, um in Rufweite des literarischen Olymps zu gelangen. Dafür musste er nur einen Pavillon an der rauen Nordseeküste Schottlands erfinden, in dem sich Geheimnisvolles ereignet. Hier beginnt eine maritim angehauchte und stürmisch, tragische Liebesgeschichte zugleich, in deren Verlauf selbst eine als Kurzgeschichte angelegte Novelle richtig Fahrt aufnimmt.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Worum es in der Novelle geht? Ganz einfach. Um den ältesten aller Konflikte, den ein Mann mit sich selbst auszumachen hat. Es geht um die Entscheidung, ob man sein hart erkämpftes autonomes Leben weiterführt, oder ob es ein moralisches Niveau gibt, dem man selbstlos alles unterordnet, was man bisher erreicht hat. Frank Cassilis hat alles, was er braucht. Ein entspanntes Vagabundenleben treibt ihn durch die Lande und um das liebe Geld muss er sich keine Sorgen machen. Ein akademischer Lonesome-Rider. Alles endet am Pavillon, einem abgelegenen Landhaus auf den Dünen im schottischen Graden Easter. Hier trifft er auf die junge Clara Huddlestone, die ihren betrügerischen Vater durch das Ja-Wort mit seinem Komplizen freikaufen soll. Nur über die Leiche von Cassilis. Das beschließt er, nachdem er sich in das Mädchen verliebt hat und steht ihr und ihrem Vater gegen die anstürmenden Geldeintreiber bei. Hier wird der Pavillon zur Festung und der Vagabund zum Beschützer einer jungen Frau in Not.

Überraschend endet die Geschichte nicht. Vorhersehbar ist vieles. Allein schon, weil der aufrechte Akademiker Cassilis in der Rückschau auf die Ereignisse von seiner Frau Clara redet. So liegt schon in der Struktur der Novelle ihr Reiz verborgen. Obwohl man weiß, dass Clara und Cassilis zusammenfinden, muss man einfach weiterlesen, wie es passiert ist. Romantik, Mut, Kampf, Verlust und Loyalität sind die Parameter, an denen sich die Charaktere messen lassen müssen. Und dies vor dem maritimen, urwüchsigen Hintergrund der schottischen Landschaft an der Nordseeküste. Stevenson holt nicht zu weit aus. Er kommt auf den Punkt und erzählt extrem strukturiert. „Der Pavillon in den Dünen“ ist sicher kein Jahrhundertwerk, aber es ist der Fingerzeig des Talents, das im späteren Schreiben zur Legende wurde. Und lesenswert ist diese Novelle allemal. Hier gehen der Inhalt und das Buchdesign Hand in Hand mit uns ins Feuer. Denn, genauso wie die Liebe, entbrennt hier der Pavillon. Was für ein schönes Bild. Was für ein feines, kleines, edles Buch. Und was für ein gelungenes Nachwort aus der Feder von Lucien Deprijck. Ihm gelingt es, dieses kleine Werk in den Kontext des Lebens von Stevenson einzubetten und Verbindungslinien zwischen der fiktionalen Clara Huddlestone und der Frau zu ziehen, in die Stevenson selbst unsterblich verliebt war. Fanny Osbourne, die zukünftige Mrs. Stevenson. Bewegend.

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Ich berichte weiter, was in der Klassiker-Reihe des Mare Verlages auf uns zukommt. Fanny Stevenson schrieb sich ihre Liebe im Tagebuch „Südseejahre“ von der Seele. Es juckt mich gerade in den Fingern, ihr lesend zu folgen. Wer weiß, wohin mich meine bibliophile Neugier noch treibt…

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„Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss – AstroLibrium

Oh ja, es ist durchaus möglich, Bücher völlig neutral vorzustellen. Persönliches auszublenden und sie quasi aus Sicht der breiten Leserschaft auf Herz und Nieren zu prüfen. Bloß keine Gefühle zeigen. Immer schön abstrakt bleiben und sich selbst ganz aus der Schusslinie nehmen. Ich kann das nicht. Ich bin nicht das Feuilleton und bin in meiner Rolle als Blogger in einer anderen Position. Mein Blog ist das Tagebuch meines Lesens. Ihm vertraue ich Privates und Persönliches an. Ich öffne mich und erzähle von meiner Geschichte, die mich dazu treibt, ein bestimmtes Buch zu lesen. Ich mache mir mein Lesen und Rezensieren nicht leicht. Es ist diese persönliche Note, die ich einfach nicht unterschlagen kann. So auch heute.

Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss ist für mich ein literarischer Flashback in das Jahr 2013. Ein Jahr, in dem unser Leben unter Vorbehalt gestellt wurde, das mich und meine Familie in den Grundfesten erschütterte und uns monatelang aus der Bahn warf. Intensivstation, künstliches Koma, 12-stündige Operationen, Ungewissheit, unerwartete Komplikationen und eine lange Rehabilitation. Begriffe, die ich mit dieser Zeit verbinde in der unsere Tochter im Alter von 14 Jahren aus der Bahn geworfen wurde. Heute erst bin ich in der Lage darüber zu schreiben. Heute kann ich sogar wieder Bücher lesen, in denen es im weitesten Sinn um väterliche Verlustängste und die schwere Erkrankung von Kindern geht. „Gezeitenwechsel“ hätte ich noch im letzten Jahr verweigert. Angst frisst manchmal die Seele auf. Ich hätte mich nicht getraut. Es wäre zu nah an meinem Leben gewesen.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Es ist etwas passiert. Diese Worte verursachen heillose Panik bei Eltern. Worte, die in der Lage sind, das beschauliche und normale Leben vollkommen aus den Angeln zu heben. Sie bezeichnen den Moment, in dem das Leben auf brutale Art und Weise in zwei Zeitscheiben zerteilt wird. Die Zeit vor dieser Aussage und die Zeit danach. Worte, vor denen ich mich heute noch fürchte, weil sie alles verändern. Ohne Vorwarnung. So geht es auch den Eltern der 15-jährigen Miriam Goldschmidt. Es ist ein einziger Anruf mit dem alles ins Wanken gerät. Herzstillstand. Atemstillstand. Reanimation. Gerettet. In letzter Sekunde. Aber. Dieses Aber frisst sich fest, weil man in der Klinik nicht in der Lage ist, eine Ursache zu diagnostizieren. Dieses Aber bedeutet, dass Miriam fortan in jeder unbeobachteten Sekunde ihres so jungen Lebens sterben kann. Ein Herzstillstand ist jederzeit möglich.

Es ist der Vater des Mädchens, der zuerst den Boden unter den Füßen verliert. Er, der Hausmann und erster Ansprechpartner seiner beiden Töchter, verfällt in eine totale Angstpsychose, die von Hilflosigkeit und Ohnmacht geprägt ist. Wie soll und kann man so weiterleben. Was kann er seiner Tochter erlauben, wenn sie wieder zuhause ist und wie intensiv kann man ihr Leben überwachen, um bei ihr zu sein, wenn ihr Organismus erneut versagt? Adam Goldschmidt begibt sich auf die schmale Gratwanderung, seine beiden Mädchen als Vater zu sehr zu bemuttern. Wenn alles genetisch bedingt ist, hat auch das Leben des Nesthäkchens Rose gerade einen Warnschuss kassiert.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Emma Goldschmidt, Ärztin und Ernährerin der Familie, hingegen schlüpft eher in die rationale Rolle. Sie wird vom Job aufgefressen, und wo noch ein wenig Freiraum bleibt, flieht sie zu ihren Patienten, weil eine schwerkranke eigene Tochter für sie nicht verkraftbar ist. Rollenbilder haben in Gezeitenwechsel keinen Bestand. Fragen, wie es weitergehen kann, dominieren das Leben. Perspektivwechsel zwischen Klinik und dem normalen Leben erweitern den geschlossenen Erzählraum um eine Dimension, die wir nur zu intensiv selbst erlebt haben. Draußen geht für alle das normale Leben weiter, in der Klinik jedoch steht die Zeit still. Der „Gezeitenwechsel“ kommt zum Stillstand. Ebbe bleibt Ebbe. Die Flut hat sie hierhin gespült und zurückgelassen.

Sarah Moss löst den Mikrokosmos Familie im Makrokosmos Schicksal auf. Es ist die Urangst von Eltern, den Tod der eigenen Kinder miterleben zu müssen, die sich im Herzen dieses Romans immer mehr ausbreitet. Eine zerstörerische Angst, die zermürbt und aufreibt. Eine Angst, die in der Lage ist, feste Beziehungen zu sprengen und jeden Stein umzudrehen, der bisher ganz ruhig an seinem Platz im Familienpuzzle lag. Mitten in diesem Mahlstrom kämpft die lebenslustige, widerspenstige und agile Miriam um den letzten Rest von Normalität. Schule, Freunde, das normale Leben stehen für sie auf der Kippe. Sie verweigert sich dem goldenen Käfig der Dauerüberwachung, während ihren Eltern die Angst über den Kopf wächst. Oh, wie nah geht mir dieses Bild.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Wenn Sarah Moss über Ängste oder Verlustgefühle schreibt, dann bemüht sie kein Klischee und keine literarische Plattitüde. Sie erzeugt Bilder von realer Brutalität, die in uns selbst kleine Wunder bewirken. Sie schrecken nicht ab. Sie werden endlich greifbar und verschaffen sich Raum. Sie kommen aus der Ecke heraus, in die man sie so gerne verdrängen würde. Und genau in diesem Verdrängungsprozess besteht die Gefahr des Kontrollverlustes. Ich sah mich selbst wieder am Krankenbett meiner Tochter. Ich habe die schlaflosen Nächte an der Seite eines Mädchens vor Augen, das sich im Koma ins Leben zurück schlief. Ich sehe plötzlich wieder die paradoxe Welt vor mir, das Draußen, in dem alles völlig normal weiterging, was uns damals unwirklich erschien. Sarah Moss hat mit ihrem Roman eine Grenze überschritten, die ich für geschlossen hielt. Und das nicht nur durch die präzise Charakterzeichnung ihrer Protagonisten, sondern auch, weil sie eine Flucht ermöglicht, ohne die man in einer solchen Situation nicht leben kann.

Sie öffnet uns die Tür zur Kathedrale in Coventry. Sie erweitert die Dimension ihres Romans um eine metaphorische Ebene, die heilsame Kräfte hat. Sie lässt Adam in ein Projekt entfliehen, das ihn vielleicht retten kann. Er recherchiert die Geschichte dieser Kathedrale. Seiner verpassten akademischen Karriere ein wenig nachtrauernd, geht er der Vergangenheit auf den Grund. Hier wird die Kathedrale zum Synonym des eigenen Lebens. Ohne Vorwarnung im Zweiten Weltkrieg bis auf die Grundfesten zerbombt, neu errichtet auf ihren Ruinen, völlig losgelöst vom ursprünglichen Baustil neu gedacht und neu gelebt Er taucht in eine Geschichte ein, die der seiner Familie zu gleichen scheint. Ein Erzählstrang, der eine besondere Dynamik an den Tag legt. Ein Perspektivwechsel, der dem Roman eine besondere Note verleiht.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Unvorhersehbares wird zur Herausforderung. Und oftmals erkennt man erst im Chaos, wie gefährlich der Stillstand war, in dem man sich so sicher fühlte. Sarah Moss lässt in „Gezeitenwechsel“ keinen Stein auf dem anderen. Sie lässt Konflikte zu, die jeder gerne vermeiden würde. Sie hinterfragt den Lebensentwurf einer Familie und zerstört ganz bewusst jede Grundlage für ein komfortables künftiges Miteinander. Jede Nuance dieses Romans ist relevant. Kein Handlungsstrang ist hier nur Beiwerk. So, wie es in jeder Familie Triggerpunkte in der Vergangenheit gibt, die in der Zukunft Auslöser von Ereignissen werden, so ist in diesem Roman jedes Detail für das tiefe Verständnis der Zusammenhänge relevant. Und wenn man denkt, die Elternängste könnten deutlich übertrieben sein, hält Sarah Moss den Atem an. Nicht ihren. Das sei verraten.

Sie ist heute gesund! Unsere Tochter. Und doch bleibt ein Spurenelement von Angst. Es bleibt, was auch im Roman beschrieben wird. Das Gefühl von Sicherheit, sich in der Nähe einer Klinik aufzuhalten, auch wenn man im Urlaub ist. Das Streben nach Schutz in jedem Bereich des Lebens und die Tendenz, nur schwer loslassen zu können. Es hat mir persönlich sehr gut getan, diese Gedanken, so aberwitzig und psychotisch sie auch klingen mögen, im „Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss wiederzufinden. Man fühlt sich weniger allein, wenn man diesen Roman gelesen hat. Man darf sogar einen Gedanken wagen, den man ebenfalls weit in den Hintergrund verdrängt. Habe ich im Umgang mit meinem Sohn damals alles richtig gemacht? Was musste er für sich alleine regeln, weil der Tunnelblick der Eltern ausschließlich auf seine Schwester fokussiert war? Ein Buch, dem ich nicht nur diese Denkansätze verdanke. Ich wurde bestätigt in meinen eigenen Fluchtpunkten, die wie ein Freiheitskampf wirken müssen. Was für Adam Goldschmidt die Kathedrale von Coventry ist, hat mir die Literatur gegeben. Fluchtpunkt des Lebens.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss

PS: Diesen Roman neutral vorzustellen, mich selbst auszublenden und Lesern nur den Inhalt ans Herz zu legen, genau dies wollte ich versuchen. Ob ich es geschafft habe, ist im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe (er)lesen I. Quartal 2019“ zu sehen. Selten zuvor habe ich so intensiv nach einer Sichtweise gesucht, die nicht von meinem eigenen Leben überlagert wird. Dass es mir vielleicht gelungen ist, verdanke ich Sarah Moss.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe

Gezeitenwechsel von Sarah Moss im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe

PPS: Was Dresden und Coventry über die radikale Bombardierung hinaus verbindet? Der Chor der Überlebenden. Für mich eines der bedeutendsten Versöhnungssymbole unserer Zeit.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss – Ein Geschenk aus Dresden

„Nordwasser“ von Ian McGuire – Moby Dick 2.0

Nordwasser von Ian McGuire

Ich habe lesend schon auf so manchem Seelenverkäufer angeheuert. Ich war Teil der Besatzung an Bord von Kriegsgaleonen, Walfangschiffen und Expeditionskreuzern. Ich habe gelernt, in die Wanten zu gehen, im Orlopdeck zu schlafen, Rettungsboote im richtigen Moment abzufieren und Kanonen bei hohem Seegang zielgerecht abzufeuern. Ich habe es mit Kapitänen zu tun gehabt, die all ihre Neurosen an mir ausgelassen und mich an den Rand der Meuterei gebracht haben. Einige haben mit ihrem Orgelspiel die ganze Mannschaft um den Verstand gebracht und andere schlugen Dublonen in einen Mast, um dem weißen Schreckgespenst der Meere nachzujagen. Nemo, Ahab, Drake, um nur einige von denen zu nennen, unter deren Kommando ich stand. Ich dachte, ich sei gewappnet für meine nächste Seereise. Ich dachte, ich hätte bereits alles erlebt.

Diese Rezension kann man auf Literatur Radio Bayern hören… Oder weiterlesen.

Diese Rezension kann man auf Literatur Radio Bayern hören

Weit gefehlt. Da schippert man auf den Weltmeeren umher, sieht Schiffe kommen und gehen, überlebt selbst die aberwitzigsten Situationen und lernt, selbst mit Kapitänen zu leben, die vom Pech verfolgt sind und absolut jedes Schiff auf Grund setzen. Ich dachte genügend gesponnenes Seemannsgarn entwirrt zu haben, um an Bord der Volunteer überleben zu können. Um es mit Elias zu sagen, der bereits einen gewissen Ismael vor der Fahrt mit der Pequod unter dem Kommando von Kapitän Ahab gewarnt hat: Nehmt Abstand von der Volunteer, wenn ihr sie im Hafen seht. Geht nicht an Bord. Heuert auf keinen Fall an, nehmt eure Beine in die Hand und rettet euch, bevor es zu spät ist. Eine Fahrt auf diesem Walfangschiff kann euch das Leben kosten. Ich weiß, wovon ich rede. Wenn ihr mir nicht glaubt, dann vertraut auf Ian McGuire. Lest das Logbuch der letzten Fahrt dieses Schiffes. Folgt ihm auf das Nordwasser und sagt später nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Nordwasser von Ian McGuire

Wir befinden uns in der Mitte des 19. Jahrhunderts im englischen Seehafen Hull. Der traditionelle Walfang ist im Niedergang begriffen. Einerseits wurden die Weltmeere von zahllosen Walfangflotten leergefischt und andererseits beeinträchtigen Erdölfunde den Absatz von Tran als Schmiermittel und Lampenbrennstoff. Umso verwunderlicher mutet es an, dass gerade ein Schiff für eine große Walfangexpedition ausgerüstet wird. Die „Volunteer“ liegt bereits im Hafen, die Mannschaft wird angeheuert und das Schiff wird beladen. Es werden Harpuniere, Schiffsjungen, Zimmerleute, Maate und Matrosen benötigt. Einen Kapitän hat der Schiffseigner Baxter bereits gefunden. Brownlee haftet jedoch der Makel an, vom Pech verfolgt zu sein. Katastrophen pflastern seinen Weg.

Und doch vertraut man gerade ihm die Volunteer an. Und wie überall in den großen Hafenstädten dieser Zeit tummeln sich undurchsichtige Gestalten, die auf einem Schiff anheuern wollen. Gründe gibt es viele. Die Suche nach Reichtum, der Wunsch einfach mal eine Zeitlang unterzutauchen, oder die Sehnsucht nach der Weite des Meeres. So setzt sich auch die Mannschaft der Volunteer zusammen. Heterogen, könnte man fast sagen. Als katastrophal müsste man es bezeichnen, wenn man ehrlich ist. Denn neben dem vom Seepech geplagten Kapitän gehen ein perverserer Serienmörder und ein Arzt an Bord, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. Henry Drax ist eine tickende Zeitbombe mit brutalsten Neigungen und Patrick Sumner therapiert sein Versagen auf dem indischen Kontinent, indem er der beste Kunde der eigenen Medikamente ist. Sie sind beide gleichermaßen süchtig. Gemeingefährlich ist nur Drax.

Nordwasser von Ian McGuire

Ian McGuire pfercht uns im Erzählraum Volunteer ein. Sie wird unser Schicksal und die Mission des Schiffes mündet in die Katastrophe. Spätestens als ein Schiffsjunge an Bord mehrfach vergewaltigt und auf bestialischste Art und Weise ermordet wird, wird es richtig eng auf der Volunteer. Jeder gegen jeden, so könnte man sagen und mittendrin ein Arzt, der als einziger einen kühlen Kopf bewahrt und dem Täter auf die Spur kommt. Hier schreibt uns der Autor in ein Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer hinein. Das Wagnis Walfang scheint ihm nicht zu genügen. Ian McGuire macht aus diesem Schiff ein schwimmendes rechtsmedizinisches Inferno. Man braucht gute Nerven, um angesichts der Taten bei Leseverstand zu bleiben. Hier geht es brutal und heftig zu. So behandelt man nicht Mal die gejagten Wale. Ehre ist ein Fremdwort.

Um dem gesamten Szenario die Spannungskrone aufzusetzen mischt Ian McGuire einige weitere eisige Zutaten in diese Mischung aus Abenteuerroman und Thriller. Das Nordwasser als Schauplatz der verwegenen Fahrt der Volunteer mutiert zum Szenario großer gescheiterter Expeditionen. Ernest Shackleton lässt grüßen, wenn das Eis droht, die Volunteer zu zerquetschen. „Wild“ von Reinhold Messner wird zum Setting, als die Kälte die Kabinen des Walfängers erreicht. „Everland“ von Rebecca Hunt könnte Pate gestanden haben, wenn es gilt auf verzweifelte Robben- und Bärenjagd zu gehen. Und „Moby Dick“ von Hermann Melville grüßt uns auf jeder Seite von „Nordwasser“. Keine Frage: Dies ist das facettenreichste vielschichtigste Abenteuer, auf das ich mich jemals einließ.

Nordwasser von Ian McGuire

Überlegt euch sehr gut, ob ihr das „Nordwasser“ befahren wollt. Stellt euch darauf ein, an Bord der Volunteer grausamste Verbrechen zu erleben. Rechnet damit, dass es kälter wird, als ihr es euch je vorstellen konntet. Lernt die Sprache der Eskimos. Wenn ihr ihnen im Roman begegnet, wisst ihr, wovon ich hier rede. Scheut nicht davor zurück, Robben zu jagen, Wale zu schlachten und Eisbären zu verfolgen. Bereitet euch darauf vor, das Indien der Kolonialzeit zu erleben, weil ihr nur so begreift, warum ein britischer Arzt unehrenhaft das Schlachtfeld räumen muss. Und habt keine Angst davor, an Bord an allem zu leiden, woran man nur leiden konnte, wenn man zur falschen Zeit nicht am richtigen Ort ist.

Spannender kann eine Schiffsreise nicht sein. Ian McGuire hat den bekannten und legendären Abenteuerklassikern die Krone aufgesetzt, indem er uns mit einer multiplen Szenerie konfrontiert. Es gibt keine Rettung aus seinem Erzählnetz. Wenn er die Leser harpuniert hat, gibt es kein Entrinnen. Weder an Bord, noch an Land könnt ihr gerettet werden. Ihr müsst schon bis zum finalen Showdown ausharren, die Augen offenhalten und den Mut nicht verlieren. Ich kann euch nur raten, euch dem Arzt anzuvertrauen. Er weiß, was er tut. Zumindest, wenn das Laudanum wirkt. Patrick Sumner ist in der Tiefe seines Charakters so treffend beschrieben, dass man sich am Ende der Reise mit ihm auf jede weitere Reise begeben würde. Ob das möglich ist? Ob er überlebt? Ob es ihm gelingt, den Orkan auf dem „Nordwasser“ zu besänftigen? Wer weiß, wenn man nicht liest? So ist es immer im Leben.

Nordwasser von Ian McGuire

Geht an Bord. Leinen los. Winkt euren Lieben ein letztes Mal und seid versichert, dass ihr gut versichert seid. Das ist allerdings auch das Einzige, das ich euch mit auf diesen Weg geben kann. Natur, Verbrechen, Hass, Glaube und Hoffnung gehen Hand in Hand in der Klaustrophobie dieser fulminanten Erzählung. Nur eines werdet ihr auf der Reise nicht finden. Romantik oder Liebe, Frauen oder Familien, die auf euch warten. Das hier ist eine Männerwelt, die allerdings geeignet ist, gerade weiblichen Lesern Gänsehaut in ihr beschauliches Leben zu zaubern. Hier gibt es kein „Frauen und Kinder zuerst“. Hier geht nicht der Kapitän als letzter Mann von Bord.

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

Ich winke euch ein letztes Mal zu. Gute Reise. Ahoi ihr Mare – Landleseratten…

Nordwasser von Ian McGuire

„Meeresroman“ – Glückliche Momente mit Petri Tamminen

Meeresroman von Petri Tamminen

Der Boden eines Schiffes ist nicht von dieser Welt. Er verhandelt mit dem Meer.

Was einem Schiff in zähen Verhandlungen mit dem Meer vielleicht gelingen mag, ist dem Menschen nicht immer gegeben. Die Ozeane sind das Leben. Wir sind oft nur die Gäste auf ihnen und ohne künstliche Hilfsmittel oder Navigation rettungslos verloren. Schiffsbrüchige, Ertrunkene oder Gestrandete wissen ein Lied davon zu singen und die Literatur ist voller Beispiele für Odysseen, Untergänge oder Sturmfluten, die uns in den Tiefen der Weltmeere versinken lassen. Metaphorisch ist das Meer hier dem Schicksal gleichbedeutend. Unausweichlich, unentrinnbar verloren, uferlos im wahrsten Sinne des Wortes ist es, wenn wir diese Naturgewalt beherrschen wollen. Schiffe sind viel mehr als nur Wasserfahrzeuge. Die Arche Noah steht stellvertretend für deren Bedeutung.

„Er war in dieser Stille aufgehoben, und das Leben war in ihm aufgehoben, und das Schiff kannte ihn und er das Schiff.“

Meeresroman von Petri Tamminen

S – Das Schiff des Theseus“ war bisher die aufregendste Fahrt meines Lesens. Immer wieder schreibe ich mich in die Heuerlisten bekannter Schiffe ein und versuche mein Glück auf hoher See zu machen. Die Pequod, die Golden Hinde oder auch die Endurance sind für mich die besten Beispiele für alle Walfang-, Kaper-, Eroberungs- und Kreuzfahrten meines Lesens. Unverändert hat mich keines dieser Schiffe gelassen und doch hatten sie eine große Gemeinsamkeit: Charismatische Kapitäne, die jederzeit in der Lage waren, das Steuer herumzureißen und der Gefahr zu trotzen. Meister ihres Fachs und doch zumeist tragische Helden und Opfer ihrer Leidenschaft.

„Seekapitän Huurna schämte sich für gestern und fürchtete sich vor morgen.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Und nun? Sollte ich mich wirklich Vilhelm Huurna anvertrauen? Einem finnischen Kapitän, der nicht nur für sein legendäres Zaudern bekannt ist, sondern auch dafür, in absolut atemberaubendem Tempo ein Schiff nach dem anderen auf Grund zu setzen? Ein Kapitän, der zwar ein Patent zum Führen von Schiffen hat, den man allerdings als nicht wirklich patent bezeichnen kann, wenn es darum geht die Frage zu beantworten, ob er als Kapitän jemals ein glückliches Händchen bewiesen hat. Hier geht es nicht nur darum, Vilhelm Huurna auf EIN Schiff zu folgen. Eine kleine Flotte der Versenkten und Verlorenen ist es, die ich im Meeresroman von Petri Tamminen kennenlerne. Eines jedoch spricht für ihn. Das kann man nicht verhehlen. Deshalb heuerte ich bei ihm an:

„Die Schiffe waren untergegangen, nicht er.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Petri Tamminen beschreibt in beschwingtem finnischem Gleichmut, was uns sofort in Unmut versetzen würde. Er entführt uns in die Handelsschifffahrt im 19. Jahrhundert und übergibt sein Kommando über alle von ihm erdachten Segelschiffe an den ebenso rein fiktiven Vilhelm Huurna. Leinen los, könnte man rufen. Alles in die Wanten, könnte das erste Kommando lauten. Viel Zeit bleibt uns nicht angesichts der 112 Seiten dieser schmalen Erzählung. Weit gefehlt, Was auf hoher See in eine epische Ballade ausufert braucht nicht viele Worte, wenn Petri Tamminen schreibt. Er erzeugt eine Welle, deren Krone er uns erzählt, deren Kamm wir jedoch inspiriert von seiner Wortkunst deutlich erkennen können. Bildhaft und komplex mutet an, was eher zart und eigentlich schlank daherkommt. Literarische Tiefe erzeugt der finnische Autor durch die Parabel, in die er unsere Gedanken treibt. Ein unwiderstehlicher Sog, an dessen Ende kein Ende steht.

„… aber sobald die Kräfte zurückkehrten, fing er wieder an, das Glück zu beschwören und zu hoffen, es werde doch noch einmal um ihn herum
flimmern. Manchmal nahm das Glück den Wunsch entgegen,
manchmal nicht, Glück ist Glückssache.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Folgt mir an Bord seiner Schiffe. Erlebt die Pleiten und Pannen, die Vilhelm Huurna nur erleiden muss, weil ihm das Seeglück fehlt. Aber das Fehlen von Glück allein ist für ihn kein Grund, am Leben selbst zu verzweifeln. Ob man sein Glück je erzwingen kann, steht hier nicht im Vordergrund. Viel eher, wie man mit dem Pech lebt und doch in der Lage ist, seinen Weg durchs eigene Leben zu gehen. Huurna verliert nicht nur Schiffe. Mit jeder Havarie havariert auch eine Liebe. Den schwersten Schiffbruch beklagt er am Grab seiner Frau und des Kindes, das er niemals sah. Eine Szene, die ich in meinem Lesen so unbeschreiblich emotional beschrieben fand, dass es mir das Herz brach.

„Wenn sich seine Frau getraut hatte, zu sterben, glaubte auch er,
sich zu trauen, wenn der Tag dafür gekommen wäre.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Vertraut euch Kapitän Huurna an. Hört ihm zu, wenn ihr denkt, dass euch etwas am Glück eures Lebens fehlt. Folgt seinem Kommando, wenn ihr euch vom Pech verfolgt fühlt. Zögert mit ihm, wenn Hyperaktiviät eure Seele lähmt und geht mit ihm unter, wenn ihr neugeboren auftauchen möchtet. Dieses kleine Büchlein ist ebenso lesenswert, wie das Leben dieses Kapitäns erzählenswert ist. Auch, wenn alles frei erfunden ist, glaubt mir: Ihr werdet euch selbst und eure versunkenen Schiffe wiedererkennen. Zeit, sie mit diesem großen kleinen Buch zu bergen…

„Aber nachdem er sich zahlreiche Vorwürfe gemacht hatte, stellte er auch fest, dass er gut darin war, seine Fehler zu erkennen und sich an sie zu erinnern.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Meeresroman oder Einige glückliche Momente aus dem tristen Leben des Seekapitäns Vilhelm Huurna“ – Petri Tamminen – Mare Verlag. (112 Seiten, 18 Euro)

Ihr habt Lust auf mehr Meer? Navigiert euch hier entlang…

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Wann haben Sie zuletzt beim Lesen geweint?

Ich meine hier das gerührte Weinen, nicht das verzweifelte oder wütende. Ich meine das Weinen, das sich einstellt, wenn eine Geschichte in die letzten Fasern des Herzens eindringt, sich des ganzen Lesers bemächtigt und begleitet von eruptiven Wellen eines sehnsüchtigen Schluchzens einen Weg an die Oberfläche sucht. Ein Weinen, das man nicht unterdrücken kann, egal wie sehr man es auch versucht.

Dieses glückliche Weinen, das alles relativiert und in aller Deutlichkeit beweist, dass nicht nur der Kopf, sondern eben auch das Herz von einem Buch erobert wurde. Wann ist Ihnen das zuletzt passiert? Können Sie sich noch daran erinnern? War es zuhause? Ist es in aller Öffentlichkeit passiert? Hatten Sie das Buch noch in der Hand? Flossen die Lesetränen erst auf der letzten Seite oder gab es vielleicht dieses Weinen, das sich erst Tage später zeitversetzt seinen Weg bahnte?

Darf man diese Tränen als romantisches Buchweinen bezeichnen? Sicherlich! Ich bin fest davon überzeugt! Es ist wie im Kino, bevor der Vorhang fällt und das Licht den Saal mit sanfter Helligkeit flutet. Verstohlenes Schluchzen, Taschentücher, die schnell verschwinden und dezentes Schniefen zeugen davon, dass viele Herzen zur gleichen Zeit in aller Sanftheit berührt wurden. Was jedoch im Kino kalkulierbar im Dunkeln vor sich geht, ist beim Lesen eine Gratwanderung sondergleichen. Das Lesen ist bei Licht besehen nichts für geheime und verstohlen geweinte Tränen.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Sie können sich nicht mehr an die letzten Lesetränen erinnern? Sie träumen aber davon, dieses wundervolle Gefühl noch mal zu erleben? Sie wünschen sich ein Buch, das ohne Mord, Gewalt und Misshandlung auskommt? Eine Geschichte, die mit einem Ende endet, das seinen Namen verdient? Ein wirkliches Ende, von dem man einfach sagen kann, es sei „SCHÖN“ gewesen? Ja. Davon träume ich oft und ich genieße die wohlige Melancholie, die sich in mir ausbreitet, wenn ich ein Buch entdecke, das mich vor purem Glück weinen lässt.

Lesetränen sind geschlechtslos. Nur um das hier klarzustellen. Sie haben nichts mit Kitsch oder seichter Unterhaltung zu tun. Es ist nicht unmännlich, sich seinen Gefühlen hinzugeben, wenn man in einem Buch versunken ist. Und es ist nicht typisch weiblich, wenn am Ende eines Buches die Rührung um sich greift. Es ist menschlich, Gefühle zu zeigen und zuzulassen. Es ist ein zutiefst menschliches Privileg, sich von Worten dazu verführen zu lassen, Gefühle zu zeigen. Eine der wahren Stärken der Literatur. Und die große Stärke von Lesern, die ich hier als offenherzig bezeichne. Im wahrsten Wortsinn.

Der Roman, den ich heute im Zustand des Lese-Glücksgefühls vorstellen möchte hat nah am Wasser gebaut. Zumindest, wenn man dem Titel Glauben schenken mag. Fünf Viertelstunden bis zum Meer. Das ist nicht weit weg vom Wasser. Zumal sich diese Zeitangabe auf den Fußweg zum Strand bezieht, den man nicht unbedingt allein gehen muss. Ernest van der Kwast, der niederländische Autor mit indischen Wurzeln, hat einen Erzählraum gestaltet, der sich seinen Lesern auf ganz genau 96 Seiten und in wertig verarbeiteter gebundener Form öffnet. Und damit ist auch schon klar, dass man zum Lesen dieser Geschichte ebenso lange benötigt, wie man bräuchte, um den Strand von San Cataldo, am Stiefelabsatz Italiens, zu erreichen. Fünf Viertelstunden.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Wir lassen den Zweiten Weltkrieg kurz hinter uns und folgen den Brüdern Ezio und Alberto Ortolani ans Meer. Züchtig ging es im Juli 1945 an Italiens Küste zu und doch erhofften sich die beiden Brüder bei der Beobachtung der badenden jungen Frauen den ein oder anderen gewagten Einblick. Nur aus diesem Grund waren sie hier. Doch allzu viel bekamen sie eigentlich nicht zu bestaunen.

„Es gab nicht viel zu sehen, die Badeanzüge waren aus einem Stück… Aufregend waren die Momente, in denen eine Frau sich vorbeugte… oder aus dem Meer kam und vor den Wellen her auf den Strand lief.“

Bis das Unfassbare geschah und SIE das Wasser verließ und den Strand betrat.

„Und dann sah er sie zum ersten Mal, doch seine Augen begriffen nicht, was sie sahen. Mehr als eine Minute verging, bevor er sagte: Ich sehe einen Nabel! In der Brandung stand Giovanna Berlucchi. Unnahbar. Unwahrscheinlich schön. Gerade einmal zwanzig war sie und hatte langes, dunkles Haar, das sie immer offen trug.

Als Giovanna in ihrem zweiteiligen Badeanzug über den Strand von Cataldo ging und die Luft ihren Nabel streichelte, verzauberte sie Ezio Ortolani für sein ganzes Leben.“

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Genau das ist es, was Ezio widerfährt. Der ersten unbeholfenen Annäherung folgt der erste ebenso unbeholfene Kuss. Diesem Kuss folgt das Erwachen zweier Körper, das Begehren, die Erfüllung. Und doch stehen sich zwei junge Menschen gegenüber, deren Leidenschaft nicht konträrer verlaufen könnte. Ezio, der Giovanna am liebsten auf der Stelle heiraten würde und Giovanna, die ihr Leben ohne Bindung genießen will.

Das Leben trennt, was niemals hätte getrennt werden dürfen. Die Sehnsucht bleibt. Ernest van der Kwast entführt seine Leser auf eine Gefühlsreise durch die Zeit. Zwei Sichten auf zwei Leben. Auf zwei Lebensentwürfe, die immer weiter auseinanderdriften. Ezios Versuch, in der Mitte seines Lebens wieder zu Giovanna zu finden. Giovanna, die immer dann an Ezio denkt, ihn fühlt, ihn riecht und schmeckt, wenn das eigene Leben zu entgleiten droht. Eine Sentimental Journey der Sehnsucht, des Scheiterns und der nie enden wollenden Hoffnung.

Ernest van der Kwast schreibt italienisch. Seine tiefen Sprachbilder sind durchflutet von Sonne und Meer. Fluchtsequenzen, Trennungsszenen und Wunschträume lesen sich wie Wort gewordenes Herzflattern und das lebenslange Gefühl, etwas verloren zu haben wird auf jeder Seite des Romans greifbar. Selten hat Liebe auf so wenig Raum so viel Raum eingenommen. Man verliert niemals die Hoffnung, dass zwei Menschen die in ihrem tiefsten Inneren so sehr füreinander bestimmt zu sein scheinen, sich auch finden.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer ist mehr als nur ein Sehnsuchtsroman. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an die zeitlose Relevanz von Liebe. Jeder Satz so zart und gefühlvoll, wie die erste Leidenschaft, jedes Aber so schmerzhaft und vernichtend, wie ein letzter Kuss. Jede Hoffnung so betörend, wie der Blick ins Paradies. Jede Zeile der Briefe, die sich Ezio und Giovanna im Lauf der Jahre aus ihren Herzen schrieben so schmerzhaft schön, dass man sie nie vergisst.

Und dann nähert sich Ernest van der Kwast einem Ende an, das schon auf Seite 8 seines Romans beginnt:

„Der Brief kam ohne Düfte. Der Bewohner von Nummer 5b erhob sich von seinem Stuhl und ging zur Haustür. Er bückte sich und hob den Brief vom Dielenboden auf. In einer weiblichen, runden Handschrift stand sein Name auf dem Umschlag: Ezio Ortolani.“

Dieser Brief katapultiert Ezio in eine längst vergangene Zeit. Mit fast allem hatte er gerechnet, nur nicht mehr damit. Ezio Ortolani ist 84 Jahre alt, als ihn dieser Brief von Giovanna erreicht. Ist es zu spät? Hat Liebe eine zeitliche Begrenzung? Ist Liebe eine Frage von Äußerlichkeiten und strahlender Jugend? Ist Liebe sterblich oder zeitlos? Sie sollten Ihr Lesen in die Hände von Ernest van der Kwast legen und am besten Ihr Herz noch dazu. Er wird Sie nicht enttäuschen. Das kann ich Ihnen versprechen!

„Ich habe so oft versucht, Dir nicht zu schreiben!“

Fünf Viertelstunden bis zum Meer und Seide - Lebensbücher

Fünf Viertelstunden bis zum Meer und Seide – Lebensbücher

PS: Ich kann Fünf Viertelstunden bis zum Meerin seiner zarten Verführungskraft nur mit Seide von Alessandro Baricco vergleichen. Beide Romane sind Blüten der Literatur, in kurzer Zeit gelesen, ewig unvergessen und niemals verblühend.

PPS: Das kleine gebundene Buch vom Mare Verlag ist seine 18 Euro wert. Jede Seite dieses Buches hat seinen Wert. Gerade Lebensbücher sollten die Zeit überdauern. Da ich aber weiß, dass die Kaufentscheidung oftmals auch vom Preis bestimmt wird, habe ich hier noch einen guten Tipp, der nur mit ein wenig Wartezeit verbunden ist.

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ erscheint schon am 8. August als Taschenbuch im btb Verlag. Für den Preis eines gebundenen Buches bekommt man auf diese Weise zwei Taschenbücher. Eines für das eigene Lesen und eines zum Verschenken an einen wichtigen Menschen. Wie man hier sehen kann

Fünf Viertelstunden bis zum Meer und Seide - Hardcover und Taschenbuch

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Hardcover und Taschenbuch

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