Polarliebe von Sigri Sandberg und Anders Bache

Polarliebe - AstroLibrium

Polarliebe

Expeditionen bestimmen mein Lesen. Auf den Spuren der großen Entdecker habe ich die Terra Incognita bereist, war sowohl am Nord- als auch am Südpol, habe viele Entbehrungen mit den Männern der legendären Expeditionsschiffe Erebus, Nimrod, Terror, Endurance und Fram geteilt. Ich war jahrelang unterwegs, bevor ich wieder in den Heimathafen einlaufen durfte. Ich scheiterte, wurde im ewigen Eis eingeschlossen, fand Zeichen der Expeditionen, die vor mir ihre Ziele erreicht hatten, habe mich einem globalen Wettrennen um Ruhm und Ehre angeschlossen und musste erleben, wie viele jener freiwilligen Helden nie wieder nach Hause kamen. Ich fror in ewigen Nächten auf dem ewigen Eis, floh vor Eisbären und war gezwungen, mich von Schlittenhunden zu trennen, obwohl sie stets die treuesten Weggefährten waren. Ohne diese literarischen und meine Fantasie beflügelnden Reisen, sähe mein Lesen anders aus. Ich war immer auf der Seite der ewigen Zweiten, jener Verlierer im Rennen um Anerkennung.

Allein der Mare Verlag hat mir mit seinem schier unerschöpflichen Sortiment von Büchern zu diesem Thema stets neuen Auftrieb gegeben. Ich wurde nicht nur zum Zeugen der vergangenen Abenteuer. Ich durfte Das Eis brechen und Beinahe Alaska erreichen. Ich wandele auf Spuren der Entdecker und diese Reise ist nicht beendet. In meinem Lesen gibt es noch viel zu entdecken, obwohl es heute keine weißen Flecken mehr auf unserem Planeten gibt. Alles ist entdeckt und vermessen. Und doch finde ich immer wieder neue Ansätze, meine Forschungsreisen fortsetzen zu können. Was war das für ein Leben, das die Abenteurer im 19. Jahrhundert führten? Was bedeutete es für ihre Familien, für ihre Ehefrauen, dass sie von Träumen besessen waren? Aspekte, die sich uns erst heute richtig erschließen, weil uns die Vorstellungskraft fehlt, sich aus der Komfortzone in die Todeszone zu begeben, nur um Erster zu sein.

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Polarliebe

Diesen Fragen geht „Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eisvon Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) auf den Grund. In einer hochwertig illustrierten und bebilderten Ausgabe öffnen uns diese beiden Autoren die Tür zu einer verborgenen Welt. Sie gewähren uns Zutritt zu den Privatarchiven der großen und kleinen Entdecker. Nicht jedoch in ihrer angestammten Rolle als Forscher, sondern hier sind es die Beziehungen, Leidenschaften und Lieben, von denen sie und ihre zurückgelassenen Frauen in ihren Briefen Zeugnis ablegen. Hier wird Distanz zur Bestimmungsgröße von Gefühl. Hier sind es die Trennungen und die Ungewissheiten, die den Rahmen von Beziehungen abstecken. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube, die in der heutigen Zeit die Maßstäbe des Vermissens neu definieren kann.

Polarliebe“ ist nicht nur ein Geschenk für Abenteurer und Entdecker. Es ist nicht nur ein Geschenk für Lesende, die den alten Expeditionen seit Jahren folgen. Nein. In meinen Augen ist dieses aufwendig gestaltete und grandios erzählte Buch das perfekte Geschenk für alle Sehnenden und Liebenden, für die es schon problematisch ist, wenn man sich ein paar Tage nicht sieht. Es ist ein Herzensgeschenk für alle Menschen, die an die Macht von Briefen glauben, weil sie wie ein magisches Band Zeit und Raum zu überwinden in der Lage sind. Hier paart sich die Ungewissheit der Heimkehr mit jener Ungewissheit, wann ein Brief sein Ziel erreicht hat und wann er beantwortet wird. Hier sind Briefe das einzige Band, das bis zu einer bestimmten Stelle auf der Landkarte im ewigen Eis halten kann. Danach bricht der Kontakt ab. Dann ist Ruhe. Es bleiben nur die letzten Zeilen, die Hoffnung und die Liebe, die auf die größte Belastungsprobe im Lauf eines gemeinsamen Lebens gestellt wird. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an die Zeitlosigkeit des handgeschriebenen Wortes!

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Hier treten die Ehefrauen der Entdecker aus dem Schlagschatten ihrer Männer. Hier verlieren sie ihre nur betrachtenden, beobachtenden, wartenden, passiven Rollen und werden zum wesentlichen Teil der Expeditionen. Sie sind Rettungsanker. Teil der Crew und Motivatoren zugleich. Ohne ihre Anziehungskraft hätte so mancher Forscher den Weg nach Hause nicht mehr gefunden. Wenn ER sich zum Nordpol aufmacht, ist SIE der magnetische Südpol, der ihn anzieht. Wenn ER im Packeis gefangen ist, weiß SIE das Eis zu schmelzen. Wenn ER in der ewigen Nacht in Dunkelheit versinkt, ist es IHR Foto in seiner Kajüte, das Strahlkraft und Wärme verströmt. Dieses Buch ist mehr als magisch, wenn es darum geht, die Begriffe Halt und Zuneigung zu untermauern. Es ist gewaltig, wenn es beschreibt, was lebenslange Treue bedeutet und es ist tragisch in den Momenten, in denen klar wird, dass die Liebe über den Tod hinaus Bestand haben muss.

Es sind die Amundsens, Nansens, Pearys und Scotts, die uns hier tiefste Einblicke gewähren. Es sind Schiffe, wie Nansens Fram, Schlitten und Heißluftballone mit denen wir uns in Lebensgefahr begeben. Es sind die Schreibtische der hoffenden Ehefrauen, die wir stets im Blick haben. Es sind die Briefe, die wir lesen dürfen – immer ein wenig im Gefühl von Indiskretion, weil sie nicht an uns adressiert sind. Und es sind die Bilder, die von einer gemeinsamen glücklicheren Zeit zeugen, aber auch die Einsamkeit in der Welt des ewigen Eises dokumentieren. Es ist das Unfassbare, was so plötzlich greifbar wird. Die Expedition von Fridtjof Nansen zum Beispiel, bei der er sich mit seiner Fram im Packeis festfrieren lässt, um sich zum Nordpol driften zu lassen. Briefe der Eheleute wandern hin und her. Bis zu dem Tag, an dem die Drift beginnt. Dann? Monologe. Stille Zwiesprache. Hoffen. Geduld. Aber niemals Zweifel. Bis sie DREI Jahre später wieder von ihm hört und nur antwortet: „Wo soll ich Dich treffen? Eva

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Es sind neun Geschichten, in die sich die Autoren der Polarliebe intensiv und voller Empathie hinein recherchiert haben. Jede für sich bewegend, anrührend und unglaublich lesenswert. Es sind Geschichten, die man nicht vergisst, weil sie bisher in dieser Art und Weise unerzählt sind. Jede Episode endet mit einem Epilog, der es in sich hat. Dabei gehen die Autoren sachlich und mit genügend Distanz zu Werke. Sie dramatisieren nicht. Sie lassen das Reale wirken. Und dann sind es ein paar Sätze von ihnen, die unsere Schleusen öffnen. Es sind die Momente, in denen sie die Distanz zu verlieren scheinen und dem Gefühl Raum gegeben. Gerade diese Momente lassen uns innehalten, weil wir dringend Taschentücher brauchen. Die festgefrorenen Tränen im Augenwinkel werden zu Schmelzwasser des guten Lesens.

Denkt an mich, wenn ihr Polarliebe lest. Denkt an mich, wenn ihr Anna Charlier und Nils Strindberg begegnet. Wappnet euch allein vor dieser Geschichte. Sie wird euer Herz brechen, es zu Eis gefrieren lassen und dann auftauen. Ihr werdet mit Nils einen Heißluftballon besteigen. Ihr werdet den Nordpol überfliegen wollen. Ihr werdet euch kurz vor Beginn der Reise unsterblich in Anna verlieben. Ihr wollt nach dem Ende der Expedition heiraten. Sie soll nur sechs bis sieben Tage dauern. Wir schreiben das Jahr 1897. Wir heben ab. Anna bleibt zurück. Dreiunddreißig Jahre lang. Was dann folgt, was dann zu lesen ist, wie wir dann vor dem Epilog sitzen, das ist dann kein Buch mehr. Das ist auch mit meinen Worten nicht zu beschreiben. Lest es selbst…

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Polarliebe

Meine Reise endet nicht hier. Am Tag, als ich die Polarliebe beendete, kehrte die „Polarstern“ in den Heimathafen Bremerhaven zurück. Die größte Polarexpedition aller Zeiten hatte sich nicht dem Entdecken von neuen Territorien verschrieben. Es war der Klimawandel, den man erforschen wollte. Und nun schließen sich erneut Kreise in meinem Lesen. Die Polarstern ließ sich im Packeis der Arktis festfrieren, um mit dem Eis zu driften. Ein Jahr lang. Mitten hinein ins Epizentrum der Klimakatastrophe. Auf der gleichen Route eines Fridtjof Nansen und seiner Fram. Nach „Polarliebe“ liegt es auf der Hand, auch der Polarstern zu folgen.

Es kann kein Zufall sein, dass genau jetzt Expedition Arktis von Esther Horvath erschienen ist. Der wissenschaftlich geprägte Bildband der preisgekrönten Fotografin (Mit ihrem Eisbärenfoto aus der Arktis hat Esther Horvath den 2020 World Press Photo Award gewonnen) wird um die Sichtweisen der Expeditionsteilnehmer, Wissenschaftler und weiterer renommierter Experten ergänzt und somit zu einem Expeditionsbericht der ganz besonderen Art.  Ich bin dem Prestel Verlag unglaublich dankbar, dass mich das Buch so schnell erreicht hat. Ich drifte jetzt davon. Aber niemals ab. Bis gleich an Bord der Polarstern. Hier geht´s lang… Leinen los

Polarliebe und Polarstern - Es geht weiter - AstroLibrium

Polarliebe und Polarstern – Es geht weiter

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Expeditionskreuzfahrt. Klingt das nicht verlockend? Nun gut, in Zeiten von Corona vielleicht nicht gerade. Das bekommt die Branche sehr deutlich zu spüren. Aber waren solche Abenteuerreisen vor der weltweiten Pandemie ein reines Vergnügen? Ging man als anderer Mensch von Bord, nachdem man mit einem Postschiff der Hurtigruten im Polarmeer war? Ist ein Eisbrecher in der Lage, unser inneres Eis zu schmelzen, oder muss man sich von solchen Träumen verabschieden, weil man nicht alleine unterwegs ist, und die Gesellschaft anderer Kreuzfahrer zu legendären Havarien führen kann. Ich denke da an David Foster Wallace und seine Reportage Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne micheinen fulminanten Abgesang auf den Zauber der Kreuzfahrten und eine Generalabrechnung mit dem Massentourismus auf hoher See. Wer nach der Lektüre dieses Buche noch singt „Eine Kreuzfahrt, die ist lustig„, dem ist nicht mehr zu helfen. Weder an Land, noch zu Wasser… David hat es selbst erlebt.

Seine Schilderung des maritimen Bordalltags gleicht einer Überdosis sozialkritischer Realsatire. Seine Beobachtungen erreichen an Bord der Zenith ihren Höhepunkt, wenn er das Verhalten seiner Mitreisenden und des gezwungen lächelnden Servicepersonals in aller Klarheit aufs Korn nimmt. Legendäre Passagier-Fragen wie: „Schläft die Crew auch an Bord?“ oder „Wird man beim Schnorcheln nass?“ bilden nur den Rahmen für den Wallace´schen Schiffskörper. Schrecklich amüsant zu lesen. Umso gespannter war ich nun auf „Beinahe Alaska“ von Arezu Weitholz. Eine Expeditonskreuzfahrt von Grönland nach Alaska, die Arktis, das Polarmeer, Packeis, Eisberge, Polarlichter, Eis, Eis und nochmal Eis und die unsichtbaren Spuren der großen Entdecker. Ja, das hat mich verführt, beim Mare Verlag einzuchecken und die Autorin lesend zu begleiten.

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Was anmutet wie die Reportage einer Autorin, die sich auf einer Recherchereise im Polarmeer befindet, entpuppt sich schnell als literarischer Paukenschlag. Was ich mir auch immer von dieser Lesereise versprochen hatte, Arezu Weitholz räumt schon mit ihren ersten Worten gewaltig mit meiner Erwartungshaltung auf. Es fühlt sich so an, als würde sie mich wie selbstverständlich beiseite nehmen und mir erklären, wovon ich mich bitte verabschieden solle, bevor ich mich an Bord der MS Svalbard begebe. Das erzeugt Nähe und Vertrauen. Das dämpft nicht, das macht neugierig. Der Sog in diese Geschichte über eine Frau und das Polarmeer beginnt schon hier, mich in die Tiefe zu ziehen:

„Es wird keinen Mord geben, keine Leichen, kein Monster, keinen Unfall, keine abgefrorenen Nasen oder Zehen. Es wird niemand schneeblind werden, keiner wird ertrinken oder festfrieren, sich das Bein brechen oder einen Anfall erleiden.“

„Es wird kein Mann und auch keine Frau über Bord gehen, es wird nicht knapp, nicht eng, nur kalt und gelegentlich ein bisschen böse. Die Abgründe bleiben in den Menschen.“

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Nachdem das also geklärt ist, wendet sich die Autorin mir erneut zu und verrät, was ich zu erwarten habe. Und bei Gott, sie hat sich nicht weit aus dem Fenster ihrer Kabine gelehnt. Alles ist eingetroffen. Alles ist genau so passiert und nichts davon ist geeignet, jemals vergessen zu werden. Arezu Weitholz hat Wort gehalten und mir eine Polarreise und ihren eigenen Blick auf dieses Welt ins Herz geschrieben.

„Sie werden aus dem Fenster sehen, in ihre Bücher – und aufs Meer, Sie werden mit einem Schiff fahren und aufs Meer schauen.“

Ich habe in „Beinahe Alaska“ dieses BEINAHE schätzen gelernt und meinen Blick aufs Wesentliche gerichtet. Ich habe beinahe eine Reise unternommen, bin beinahe in der Arktis an Land gegangen, traf beinahe auf Menschen, die sich an Bord fühlten, wie die Entdecker der Nordwestpassage, sprach beinahe mit Crewmitgliedern über die Liebe zum Meer, erreichte beinahe Alaska und erkannte beinahe eine Schriftstellerin, die sich auf der Svalbard neu entdecken wollte. Ich versank beinahe erneut in meinen Büchern über Polarexpeditionen und fühlte beinahe körperlich, was es bedeuten kann, beinahe glücklich zu sein. Beinahe mag sich anhören, wie fast oder unvollendet. Nah dran und doch nicht am Ziel. Arezu Weitholz gelingt es, uns mit den vielen Beinahes unseres Lebens zu versöhnen und die Welt neu zu entdecken.

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - AstroLibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Ja, ich habe aus dem Fenster geschaut, das Polarmeer beobachtet und in meine Bücher gesehen. Ich habe nie entdeckte Länder mit eigenen Augen gesehen und nie geküsste Typen erlebt. Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, wenn mir vor Augen geführt wurde, wie es der „Erebus“ in diesen Gewässern erging. Ich folgte der Autorin in ihre Gedankenwelt, in der es ohne feste Bezugspunkte keine Orientierung geben kann und das Leben nur dazu verleitet wird, einem einen Streich zu spielen. Im Scheitern erlebte ich die Chance neuer Herausforderungen und stand doch kurz davor auch in diesem Buch eine Meuterei zu erleben, weil zahlende Passagiere niemals zu begreifen in der Lage sind, der Natur Rechnung zu tragen. Ich stand im Dialog mit den Büchern meines Lesens, die mich schon zuvor in diese Region entführt hatten. Und ich zog erneut den „Goldenen Atlas“ von Edward Brooke-Hitching zu Rate, um den Routen der ersten Forscher im Polareis zu folgen. Alle Bücher sprachen plötzlich miteinander

Wenn Julien Blanc-Gras davon träumt, „Das Eis brechen“ zu können, zeigt uns Arezu Weiholz, was ein echter Ice-Breaker ist. Mit ihr erleben wir Touristen von ihrer schlimmsten Seite, Fremde auf wundersame Weise und Distanz mit neuem Maßstab. Dabei schreibt sich Arezu Weitholz in einen Erzählrausch, der dem Abenteuer, das auf uns wartet, gerecht wird. Wo sie kritisch mit Kreuzfahrten ins Gericht geht, bleibt kein Auge trocken. Wenn sie die Natur verteidigt, wird Green Peace blass und, wenn sie sich selbst infrage stellt, sind die Leser die einzigen an Bord, die für sie in jedwede Bresche springen würden. Innenansichten wechseln mit Außenansichten und weisen den Weg zur inneren Balance. Sprachgewaltig, romantisch, verliebt und unsicher. So erleben wir eine Frau an Bord eines Eisbrechers, der auch ihr Eis langsam beiseite schiebt. Wundervolle Literatur im Ambiente von Polarlicht und Eisbergen.

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - AstroLibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Am Ende der Reise steht fest, dass man nicht dort ankommt, wohin man eigentlich aufgebrochen war. Insofern steht diese Geschichte für das ganze Leben. Wir werden zu Entdeckern unserer eigenen Ungeduld und entschleunigen von Seite zu Seite mehr. Es sind die Gedankenspiele der Autorin, die lange nachhallen. Bilder, die sich auch im Polareis bis in unsere Gedanken vorschmelzen. Warum wird man als alleinstehend und nicht als alleinlaufend bezeichnet? Ist das Singledasein wie ein Stillstand? Wie fühlt es sich an, wenn man glaubt, andere Menschen besäßen ein Lineal fürs Glück? Und was ist das für eine Natur, die einfach unmalbar ist? Diese feinsinnige Sprache der Autorin veredelt diesen Reisebericht, in dem sie beinahe selbst sichtbar wird. Man glaubt, ihr beinahe selbst zu begegnen, wenn sie sich in ihren Gedanken treiben lässt. Immer frei, niemals im Packeis gefangen.

Das Interview mit der Autorin in der Zeitschrift der Meere No 142 von Mare liest sich wie ein Schlüssel zu einer Schatztruhe. Sie ist vieles in diesem Buch und doch ist sie eben vieles nicht. Es sind ihre Augen, die alles sehen und ihre Gefühle, die uns die Bilder näherbringen. Alleinstehend oder alleinlaufend jedoch ist sie nicht. Sie pflegt jene Distanz zur Erzählerin und Beobachterin dieser Expeditionskreuzfahrt und befreit sich auf diese Weise vom Maßstab einer Reisereportage. Beinahe hat sie damit Erfolg Beinahe hat sie mich auch davon überzeugt. Beinahe ist das ein schönes Buch. Ja, das schreibe ich hier in voller Überzeugung und bin mir ganz sicher, dass die Autorin dieses Prädikat mit einem geschmeichelten Schmunzeln akzeptieren wird. Sie hat mir beigebracht, dass beinahe mehr ist, als man vermuten könnte… Es ist das pure Glück!

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Als ich schon dachte, ich hätte die MS Svalbard mit heiler Haut verlassen, kam ein neues Buch aus dem Mare Verlag an. „Polarliebe„. Ich las es sofort im Anschluss und wurde in die Zeit der großen Entdecker zurückgeworfen, die auch Arezu Weitholz am Horizont auftauchen lässt. Erneut begann ein intensiver Dialog mit meinen Büchern, von dem hier noch die Rede sein wird. „Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ – ein Buch, das selbst meine eisigsten Tränen zu Schmelzwasser am Nordpol werden ließ. Hier geht´s zur Rezension.

Beinahe Alaska und Polarliebe - Mare Verlag - AstroLibrium

Beinahe Alaska und Polarliebe – Mare Verlag

Weitere Expeditionen bei AstroLibrium: Von Schiffen, Bergen und Entdeckern.

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner - Astrolibrium

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner

Es gibt Bücher, die man sich für ganz besondere Momente aufhebt. Bücher, die eine bestimmte Lebensphase beschreiben, die man besser nachvollziehen kann, wenn es so weit ist. „Kanalschwimmervon Ulrike Draesner ist ein solcher Roman, den ich mir sorgfältig weggelegt hatte, bis ich pensioniert wurde. Nach 38 Dienstjahren in den Ruhestand zu gehen war für mich mit klaren Vorstellungen, Erwartungen und Träumen verbunden, die ich realisieren wollte. Keinen Gedanken wollte ich daran verschwenden, was wäre, wenn…! Wenn etwas dazwischenkäme, wenn jemand mit meinen Wünschen Schicksal spielen würde. Und doch gab es da dieses Buch, das mich warnte, mir nicht zu sicher zu sein. Es lauerte mir auf, bis ich dann im Juni nicht mehr zur Arbeit fahren musste und es endlich zur Hand nehmen konnte.

Ich wollte nicht hoffen, dass es mir so ergehen würde, wie Charles. Kurz vor dem Ruhestand teilt ihm seine Ehefrau Maude mit, dass sie künftig nichts mehr davon halte, ihr Leben nur noch mit ihm zu verbringen. Eine Menage à trois schwebt ihr nicht nur vor, ein gemeinsamer Freund aus längst vergangenen Zeiten überrascht den arglosen Bio-Chemiker kurz vor dem 62. Geburtstag mit seiner Anwesenheit. Mit Silas nicht nur das Haus, sondern auch noch für den Rest seiner Tage die Ehefrau teilen zu müssen, überfordert den in die Tage gekommen Wissenschaftler so sehr, dass ihm aus seiner Sicht keine andere Wahl bleibt, als sich in ein Flucht-Abenteuer zu stürzen, um seine Gedanken zu sortieren und das Gefühlschaos in den Griff zu bekommen.

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner - Astrolibrium

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner

Charles beschließt kurzerhand, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Als wahrer Brite darf man sich das nicht so vorstellen, dass man sich einfach so an die Kanalküste begibt, eine Badehose anzieht, ins Wasser steigt und mal eben die 36 Kilometer rüber bis an die französische Küste schwimmt. Nein. Eine solche Challenge unterliegt klaren Regeln und Vorgaben. Ganz Sportsmann unterzieht sich Charles einem Programm zur Vorbereitung auf die Strapaze. Hier geht es ebenso zu wie in einem Trainingslager für Extrem-Bergsteiger, die den Mount Everest besteigen wollen. Nur, dass man sich nicht von einem Sherpa nach Frankreich tragen lassen konnte. Genau die Herausforderung für einen Mann in der großen Lebens- und Beziehungskrise seines Lebens.

Seine Gedanken sind fokussiert. Er darf sich keinen einzigen Fehler erlauben. Das rettet ihn. Zumindest so lange, bis ihm das Wasser bis zum Halse steht. Hier mutiert die wässrige Challenge zum Jakobsweg eines Gepeinigten. Nur das Alleinsein ist ihm nicht vergönnt. Er hängt im wahrsten Sinne des Wortes an der Angel seines Piloten. Ein Bild, das sich festbrennt, denn wer die Angel, mit der ihm in regelmäßigen Abständen etwas zu Essen ins Wasser gereicht wird, berührt, ist raus. Ende des Versuchs. Gescheitert. Ulrike Draesner wählt eine starke Metapher, um den geplagten Geist des Betrogenen in der aufgewühlten Nordsee um sein Überleben schwimmen zu lassen. Hier ist das Meer ebenso feindlich, wie das eigene Zuhause, es ist unkalkulierbar, Wetteränderungen im Wasser sind ebenso lebensgefährlich, wie aufziehende Gewitter in der Beziehung. So beginnt die Challenge eines Lebens, die mich lesend immer wieder aus der Bahn warf und mich mit der Frage konfrontierte, wie ich denn selbst reagieren würde?

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner - Astrolibrium

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner

Der Kanalschwimmerbegibt sich auf eine paradoxe Odysseedenn ganz anders als der griechische Held, der nach zwanzig Jahren im Trojanischen Krieg nach Hause kommt und seine Frau Penelope dort von vielen Verehrern belagert sieht, flieht Charles nach siebenunddreißig Ehejahren aus der belagerten eigenen Festung ohne zu ahnen, wo er ankommen wird. Während sich der geschundene Körper im Kanal nur noch auf das reine Funktionieren beschränkt, verweigert sein Gehirn das mechanische Fressen von Seemeilen und schwenkt in die Vergangenheit ab. Es sind existenzielle Fragen in den Augenblicken zwischen dem Ein- und Ausatmen, die ihn jetzt heimsuchen. Wann zerbrach seine Zukunft, wo entstanden die Risse und hätte er die Warnzeichen vorher bemerken müssen?

Ulrike Draesner hat einen verwundeten Protagonisten ins Wasser geschickt und mit jedem Schwimmzug nähert sie ihn der Erkenntnis an, dass er schon seit Anbeginn der Zeit damit hätte rechnen müssen, dass sich sein eigenes Fehlverhalten irgendwann rächen würde. Folgt dem Scheitern der Beziehung auch das Scheitern auf hoher See? Es ist nicht nur diese Frage, die mich durch diesen Roman getrieben hat. Der Autorin gelingt es an allen neuralgischen Punkten, ihrer Leserschaft die Fragen in die Herzen zu schreiben, die unseren „Kanalschwimmer“ umtreiben  Sind wir schon an Punkten angelangt, die es unausweichlich machen, in naher Zukunft die Badehose anzuziehen? Fühlen wir uns in unseren Beziehungen zu sicher und sind wir am Ende angelangt, an dem wir nichts mehr in eine gemeinsame Zukunft investieren müssen? Und reichen wir unseren Lebenspartnern überhaupt noch aus, um deren Vision vom „Gemeinsam-Alt-Werden“ zu entsprechen?

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner - Astrolibrium

Ich fand schnell meinen Zugang zum Inhalt dieser Geschichte, weil ich sie für mich als Frühwarnsystem verstehen wollte. Etwas länger hat es gedauert, den Schreibstil zu erfassen, weil Ulrike Draesner eine Erzählweise präferiert, die nicht für das schnelle und vielleicht ab und an oberflächliche Lesen geeignet scheint. Sie fordert den aktiven Lesenden und belohnt uns mit Wortgebilden und Satzwunderwerken, die man oft auch mehrfach lesen muss, um ihnen auf den Grund zu gehen. Der „Kanalschwimmer“ ist kein Roman von der literarischen Stange. Er gehört zur Haute Couture seines Fachs. Wenn eine Schriftstellerin schreibt, wie sie schreibt und uns gefesselt ins Wasser der Nordsee wirft, dann kann man auch davon ausgehen, dass wir am Ende des Romans nicht mit einem Konfektions-Ende aus dem Wasser steigen, uns abtrocknen und ganz beruhigt den Heimweg antreten.

Ich habe mein Ende in dieser Geschichte gefunden und bin sehr beruhigt zu wissen, dass andere Lesende dieses Ende anders empfinden. Ein Roman wie ein Bausatz, der aus den Bausteinen eines Lebens besteht, das nicht nur ein einziges Leben ist. Daran sollten wir auch nach dem Lesen denken, wenn wir uns in einer intakten Partnerschaft wähnen. Wir sind nie allein. Wir gehen die Wege gemeinsam und wenn wir denjenigen aus den Augen verlieren, mit dem wir aufgebrochen sind, dann trifft uns die Erkenntnis viel zu spät. Vielleicht auf dem Wasser. Vielleicht auf den Bergen. Vielleicht auf einem Weg, den es zu erwandern gilt. Die Liebe ist die eigentliche Challenge, der wir uns an jedem Tag zu stellen haben. Ich wäre nicht ins Wasser gegangen. Ich hätte die Angel nach meiner Seelenverwandten ausgeworfen und die Challenge gewagt, sie davon zu überzeugen, dass ein Leben zu zweit jedes Extremerlebnis aufwiegt.

Der „Kanalschwimmer“ ist kein „Seepferdchen“ für Beziehungen. Rettungsboote sucht man vergeblich. Der Sprung ins kalte literarische Wasser lohnt sich.

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner - Astrolibrium

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner

Weitere mare-Titel in der Bibliothek der kleinen literarischen Sternwarte…

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner - Astrolibrium

Kanalschwimmer von Ulrike Draesner und mehr mare-Titel

Das Eis brechen – Meine Reise in die Arktis – Julien Blanc-Gras

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Hier sind es besonders die Polarregionen, die mich immer wieder faszinieren. Ob nun Antarktis und der Südpol oder die Arktis und das Nordpolarmeer, ob Pinguine oder Eisbären, eigentlich egal. Ich leide an der Seite der Pioniere, die sich in die feindlichen Gefilde der Eisberge, Polkappen und Packeiswelten begaben, um das Unerforschte zu entdecken. Erebus, Terror und Endurance. Expeditionsschiffe, die Synonyme für jene großen Entdeckungsfahrten wurden. Heimat von Besatzungen, die ihre Heimathäfen in England nie wieder oder nur nach aufwendigen Rettungseinsätzen erreichten. Zugleich jedoch auch Träger wichtiger Informationen über Landschaften und Menschen. Hier ist gerade die Franklin-Expedition mit der Erebus hervorzuheben. Ohne die Inuit und ihre mündlichen Überlieferungen hätte man das Rätsel der Expedition nie gelöst. Doch was wurde aus den Urvölkern von einst, nachdem ihre unberührte Heimat entdeckt wurde?

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Wie sieht es heute dort aus? Was wurde aus Grönland, aus den Eskimos (wie wir die Inuit eigentlich immer noch fälschlich bezeichnen)? Wie sieht die Welt der Ureinwohner heute aus? Was haben die Globalisierung, der Klimawandel und der Tourismus hier im Lauf der Zeit angerichtet? Stimmen unsere Klischees? Bleibt der romantisch verbrämte Blick auf die Vergangenheit bestehen oder erwarten wir auf einer solchen Insel nur das Museum einer längst vergangenen sozialen Gemeinschaft mit eigenen Gesetzen, Riten und Traditionen. Mit eigener Sprache, Kultur und einem Lebensraum, den man sich im Nordpolarmeer zunutze gemacht hatte. Oder sind es nur noch die Nordlichter, die uns faszinieren, wenn wir an Grönland denken? 

Julien Blanc-Gras wirft einen aktuellen Blick auf diesen Sehnsuchtsort ganz nah am Nordpol. „Das Eis brechen – Meine Reise in die Arktisist nicht nur in der Lage, unsere Wahrnehmung für Land und Leute zu schärfen. Dieser Reisebericht wird neuen und sehr relevanten Diskussionen um unsere Verantwortung im Umgang mit der Kultur der Inuit neuen Aufschwung verleihen. Blanc-Gras geht an Bord der „ATKA“, einem für die Nordpolarregion perfekt ausgerüsteten Segelschiff mit allen technischen Finessen. Dieses Schiff ist nicht nur in der Lage, das Eis im wahrsten Wortsinn zu brechen, es ist auch in der Lage das Eis zwischen den Besuchern Grönlands und den Inuit zu brechen, die als seefahrendes Kajak-Volk an diesem modernen Schiff extrem interessiert sind. In jeder Beziehung ein Reisebericht, der auf den Expeditionen von einst beruht, sich weit von den touristischen Pfaden entfernt und speziell dem Land seine Aufmerksamkeit zu widmen weiß.

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Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Wenn Julien Blanc-Gras an seine schriftstellerischen Grenzen kommt, dann hat er uns schon mehr über die Faszination kalbender Eisberge erzählt, als wir es vielleicht je selbst erleben könnten. Und doch streikt auch seine Vorstellungskraft, weil er sich nicht mehr in der Lage sieht, „die Erhabenheit des Eises in Worte zu fassen“. Das jedoch ist Jammern auf hohem Niveau, da seine Beschreibung der Eisberge in ihrer Schönheit uns zu einem Besatzungsmitglied der „ATKA“ werden lässt. Der Autor nimmt sich und seine Mitfahrer deutlich zurück. Sie sind für das Buch nicht von wesentlichem Interesse und bleiben anonym. Der Kapitän, der erste Offizier, ein Maler und ein Schriftsteller. Im Nachwort erst nennt er ihre Namen. Relevanz hat Grönland. Relevant sind Menschen und ihre Lebensumstände. Hier liegen der Fokus und gleichzeitig die größte Schwäche dieses Reiseberichts in den Beobachtungsschwerpunkten des Autors.

Die Zivilisation hat die Inuit alles gekostet, was sie als Urvolk ausgezeichnet hat. Aus selbstbestimmten Jägern hat man wirtschaftlich abhängige Fischer gemacht. Ihre Traditionen wurden auf dem Altar der Globalisierung und des Tourismus geopfert. Die ferne dänische Regierung ging mit Grönland so um, wie man es aus den USA und dem „fürsorglichen Umgang“ mit Sioux, Apachen und Navajo kennt. Schulsystem, Währung, Prägung und Infrastruktur. In jedem einzelnen Punkt erfolgte die Abschaffung einer der überlebenstauglichsten Kulturen unserer Erde.

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Dem trägt nun auch der Reisebericht Rechnung. Wenn Julien Blanc-Gras nun über den Untergang der Inuit schreibt, dann muss er mit Grönländern sprechen, die hier nur zu den Zugezogenen zählen. Westeuropäer oder Skandinavier, die sich in dem Biotop ihrer Fantasie niedergelassen haben und eine Gratwanderung zwischen Aktivismus zur Rettung der Urbevölkerung und Bewahrung traditioneller Bilder unternehmen. Die Inuit selbst? Schwer zu fassen. Sie entziehen sich. Sie bleiben zögerlich und indifferent. Es scheint dem Autor nicht gelungen zu sein, über seinen Menschenbild-Schatten und die eigenen Ressentiments springen zu können. Er ist sicherer im Umgang mit Dänen und Franzosen, die ihm „ihr“ Grönland beschreiben. Sprachliche Barrieren und so mancher oberflächliche Konflikt erschweren die Kontaktaufnahme. Inuit heißt Mensch. Das ist eigentlich die Überschrift über den Beschreibungen, die sich widerspiegeln sollte. Dass ihm dann doch Begriffe wie „Artgenossen“ und „örtliches Gesindel“ rausrutschen, ist der Distanz zu schulden, die er nicht zu überbrücken vermag.

Seine Naturbeschreibungen sind grandios. Es ist kein Wunschbild, das Blanc-Gras hier zeichnet. Es ist eine lebensgefährliche Umwelt, die er uns zu Füßen legt. An Bord der ATKA verlieren wir das Gefühl für unsere Zeit und befinden uns fast wieder auf der EREBUS. Es bleibt abenteuerlich und ein Eisberg kann jederzeit das Ende der Reise in dieser Region bedeuten. Was erfahren wir insgesamt, wenn das Eis gebrochen ist? Wo lässt uns der Autor zurück? Welche Botschaften ragen heraus? Grönland und die Inuit sind kein „Völkerkundemuseum“. Kreuzfahrt-Touristen suchen nach dem traditionellen Klischee und werden oft enttäuscht. Inuit tragen keine Pelzmäntel mehr, sie haben ihre Schlittenhunde gegen Schneemobile getauscht und das Kajak gehört zu den Relikten einer längst vergangenen Zeit.

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Die grönländische Jugend beginnt, die Stimme zu erheben, eine eigene Kultur zu entwickeln, unabhängig zu werden und sich Freiraum zu erobern. Julien Blanc-Gras nennt Autorinnen und ihre Projekte, geht auf die Signalwirkung ihrer neuen Stimmen in einer aufmerksamen Kulturwelt ein. Er legt viele Finger in viele Wunden und doch wirkt er oft doch eher als erwartungsvoller Tourist, denn als Journalist. Ich bereue die Reise auf der ATKA keinesfalls. Ich habe viel über das heutige Grönland gelernt. Ich bin jetzt neugierig auf neue Reisen. Denn, ob ich viel über die Menschen gelernt habe, die sich beharrlich hinter einem begründeten Schutzschild verbergen, das glaube ich nicht. Der französische Autor scheint mir mehr ein Landschaftsjäger und -fänger zu sein. Die Inuit sind ihm nicht ins Netz gegangen. Fast bin ich froh darüber. Sie verbergen ihre Seelen.

Ein Nachtrag: Das Magazin „mare – Die Zeitschrift der Meere“ wird bald zu einem echten Schwerpunkt bei AstroLibrum. Dabei sind es nicht nur viele Reportagen und Reiseberichte, die mich interessieren. Es sind die Ausblicke auf die neuen Bücher des Verlages, die hier schon im Vorfeld von lesenswerten Artikeln begleitet werden. Ich bin schon sehr gespannt auf das literarische Eigenleben meiner Magazin-Kategorie

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

EREBUS von Michael Palin

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Wir schreiben das Jahr 1845. Zwei Schiffe machen sich in England auf den Weg, die letzte offene Frage der Seefahrt zu klären und im arktischen Eis den verborgenen Weg durch die legendäre Nordwestpassage zu finden. 134 Seeleute folgen dem Oberbefehl von Sir John Franklin, dem nicht unumstrittenen Konteradmiral und Polarforscher. Er war nicht die erste Wahl für das Kommando dieser Expedition. Er galt als zu alt, viel zu behäbig und konnte nicht viele Erfolge vorweisen. Es war nur seiner Frau Jane Griffin, Lady Franklin zu verdanken, dass man ihn mit der Führung der prestigeträchtigen und kostspieligen Aufgabe betraute. Sie hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, ihr Netzwerk aktiviert und ihren Einfluss geltend gemacht, um ihren Mann unsterblich zu machen.

Unter seinem Kommando stießen die „Erebus“ und die „Terror“ in See. Gerüstet für eine mehrjährige Expedition, aufwendig umgebaut und für die arktische See perfekt ausgestattet, verließen die beiden Schiffe das britische Greenhithe. Hier beginnt eines der größten und lange Zeit ungeklärten Rätsel der Forschungsgeschichte. Nachrichten blieben aus. Zuerst nicht ungewöhnlich. Dann jedoch, nach zwei Jahren wurde man im Oberkommando der Marine zusehends nervös. Und nicht nur dort. Lady Jane Franklin baute einen unwiderstehlichen Druck auf, endlich nach ihrem Mann und den beiden auf See verschollenen Schiffen zu suchen. Elf Jahre lang dauerte die verzweifelte Suche in der Arktis, bevor erste Spuren und Beweise für das Scheitern der Expedition gefunden wurden. Beweise, die das Empire in helle Aufregung versetzten, machte sich doch das Gerücht breit, beide Schiffe seien gesunken und die Überlebenden hätten sich auf dem Weg durch das ewige Eis vom Fleisch ihrer toten Kameraden ernährt. Bis auch sie den Geist aufgaben. Unvereinbar mit den britischen Moralvorstellungen. (Weiterhören)

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Bis zum heutigen Tag ist nicht alles geklärt. Bis heute ranken sich Geheimnisse und offene Fragen um das Schicksal der verlorenen Expedition. Spekulationen gehen Hand in Hand mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es ist schwer, sich einen Überblick über den Stand der Dinge zu verschaffen. Zusammenhänge und Ursachen zu erkennen fällt schwerer denn je. Genau hier setzt Michael Palin in seinem Buch „Erebus“ an. Genau der Michael Palin, den wir eigentlich von einer ganz anderen Seite kennen. Als Mitglied der Komikergruppe Monty Python erlangte er als Texter und Schauspieler nicht zuletzt durch den Film „Das Leben des Brian“ Weltruhm und Kultstatus. Kaum jemand kennt jedoch seine anderen Facetten. Er ist nicht nur ein renommierter Reiseschriftsteller und ehemaliger Präsident der Royal Geographical Society. Nein. Seit 2018 ist er auch ein richtiger SIR, nachdem er von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen wurde. Er hat nach seiner beispiellosen Karriere als Komiker einen kaum vorstellbaren Imagewechsel vollzogen und gilt heute als renommierter Autor, Filmemacher und Wissenschaftler.

Dieses Buch aus seiner Feder in Händen halten zu dürfen ist in vielfacher Hinsicht ein echtes literarisches Erlebnis. Der mare Verlag hat „Erebus“ in jeder Beziehung zu einem absoluten Highlight im Bereich der Sachbuch-Neuerscheinungen gemacht. Das beginnt schon beim Cover, das als Eyecatcher heraussticht, und setzt sich bei Karten, Originalfotos und Zeichnungen fort, die an Bord beider Schiffe entstanden sind. Schon beim ersten Blick auf das Buch stand für mich fest, dass ich die festliche Zeit zwischen den Jahren mit ihm verbringen würde. Das Lesen zelebrieren. Welches Buch wäre hier besser geeignet. Ich scharte meine nautische Ausrüstung um mich, legte den Kompass und meinen Sextanten in Reichweite, griff zu meinem Globus und begab mich auf eine Reise, die ich nicht mehr vergessen werde. Die Bilder auf meiner Facebook-Seite und auf Instagram sprachen eine mehr als deutliche Sprache. Und so blieb ich nicht allein.

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EREBUS von Michael Palin

Was macht Erebus aus heutiger Sicht zu einem relevanten Thema? Warum zieht die Geschichte zweier verlorener Expeditionsschiffe die ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich? Fragen, die ich mir lesend gestellt habe. Ich denke, es ist die Faszination für die großen ungeklärten Fragen unserer Zeit. Es ist das Geheimnis, das die Expedition bis heute zum einem mystischen Akt überhöht und es sind die menschlichen Abgründe, in die man sich kaum noch hineinversetzen kann, weil uns das Verständnis für diese Zeit verlorengegangen ist. Eine Zeit, in der die Welt noch nicht vermessen war. Eine Zeit, in der Navigation über Leben und Tod entschied. Eine Zeit, in der Forscher bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um das Prädikat „DER ERSTE“ für sich beanspruchen zu können. Diese Faszination ist die große Klammer über „Erebus“ und Michael Palin gelingt es nicht nur, einen Forschungsbericht zu verfassen. Er befreit die beiden Schiffe und die Menschen an Bord von jeder Sachlichkeit, die ein Sachbuch eigentlich zu dem macht, was es sein soll.

Palin geht den persönlichen Weg. Er erzählt von den Menschen der Expedition und ihren Beweggründen. Er beleuchtet ihre Stärken und Schwächen. Vom einfachen Maat bis zum Offizier, niemandem wird die Wertschätzung entzogen. Um uns mit ins Boot zu nehmen, setzt Michael Palin bei einer früheren Reise der beiden Schiffe an. Es ist hier die Antarktis, die erforscht wurde. Es ist eine Reise, von der die Besatzung zurückkehrt und von der sie berichten kann. Briefe, Logbucheintragungen, Zeichnungen und später erzählte Geschichten zeugen von den Lebensumständen an Bord. Hier werden einzeln wahrzunehmende Schicksale greifbar. Hier schöpft Michael Palin aus dem Vollen aller verfügbaren Erinnerungen. Hier sind wir mit an Bord. Frieren, erleben den individuellen Rhythmus aus Wachen, Schlafen, Wachen und Schlafen. Wir geraten in Lebensgefahr und haben am Ende dieser Reise viel zu erzählen. Wir waren dabei.

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Der Bruch in der Beschreibung der eigentlichen Expedition zur Durchquerung der Nordwestpassage ist brutal. Hier hören die originalen Dokumente auf. Hier schweigt die Besatzung, hier wird nichts mehr überliefert. Ruhe, weil niemand zurückkehrte, um vom Scheitern zu erzählen. Wir sehen die Porträts der Offiziere, die kurz vor dem Auslaufen aufgenommen wurden. Wir erleben die aufwendige Umrüstung jener Schiffe. Dann wird es dunkel. Als läge nun der Mantel des Schweigens über 135 Menschen und der Reise in den Untergang. Michael Palin erzeugt ungekünstelt eine schaurige Stimmung, in der wir uns auf Sekundärquellen verlassen müssen. Stimmen aus London. Die verzweifelte Lady Jane und ihre Briefe zeigen das Ausmaß der Katastrophe. Wir ahnen, was beiden Schiffen zugestoßen sein muss. Wir begleiten die Suchmannschaften auf Expeditionen zur Rettung der Überlebenden. Wir hören ihre Berichte.

Und wir werden zu Zeugen der mündlichen Überlieferungen der Inuit. Sie sind die wohl letzten Zeugen vom Niedergang der Franklin-Expedition. Sie schreiben nichts auf. Sie erzählen es ihren Nachfahren. Ihnen muss man glauben schenken. Michael Palin erweist der Geschichtserzählung der Ureinwohner die größte Ehre. Sein Buch schließt die Kreise. Aus Spekulation wird Gewissheit und aus Zufallsfunden wird ein Muster. Bis zum Jahr 2010 setzte sich die internationale Suche fort. Was sie zutage fördert, ist im Kontext der Darstellung von Michael Palin nun ein zutiefst persönlicher Akt. Wir stehen persönlich vor den wenigen gefundenen Gräbern. Wir sehen die exhumierten Leichen und finden die Ursachen für ihren Untergang. Gerüchte bestätigen sich, Spekulationen werden ins Reich der Fabel verbannt. Nichts ist hier sachlich. Nichts neutral. Wir haben das Gefühl, dabei gewesen zu sein.

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EREBUS von Michael Palin

Michael Palin bereist viele Schauplätze seines Berichtes selbst. Er garniert seinen historisch fundierten Bericht mit persönlichen Eindrücken und lässt Emotionen zu. Wir begleiten ihn bis in die Themsemündung und stehen am Anleger, wo Angehörige und auch Lady Jane ihre Männer zum letzten Mal sahen. Wehmut ist Teil dieses Buches. Bei aller Kritik an der Ehefrau des Konteradmirals werden wir jedoch auch zu Zeugen einer niemals enden wollenden Suche. Wir erleben eine Frau, die alles versuchte, den Mann ihres Lebens wiederzufinden. Wir erleben die Frau, die am Ende und im Wissen um das Scheitern, nichts unversucht lässt, die Ehre von John Franklin reinzuwaschen. Sie selbst wird heute noch als Abenteuerin bezeichnet, obwohl sie nie auf See war. Sie war jedoch in jedem Augenblick an Bord der „Erebus“ präsent. 

Wenn ihr ein Buch sucht, mit dem sich das Lesen zelebrieren lässt, dann kann ich „Erebus“ nur empfehlen. Eine große, in dieser Form bisher unerzählte Geschichte von Abenteuer und Scheitern. Aber eben auch eine zutiefst menschliche Geschichte einer großen Tragödie, die bis heute nachwirkt. Reist besser nicht alleine. Die „Erebus“ war auch mit ihrem Schwesterschiff, der „Terror“ unterwegs. Gemeinsam lässt sich dieses Abenteuer leichter überstehen. Gemeinsames Lesen ist das schönste Lesen. Ich habe die Zeit an Bord genossen, bin aber heilfroh, überlebt zu haben. Und doch werde ich es wagen, wieder an Bord zu gehen. Franklin und seine Kameraden auf See gehörten zu den Barrows Boys, einer illustren Gesellschaft aus Offizieren, die statt in den Krieg, in die Welt segelten, um auch noch die letzten unberührten Fleckchen zu entdecken. Von ihnen handelt das gleichnamige Buch aus dem mare Verlag. Es legt bald bei mir an.

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