„Nordwasser“ von Ian McGuire – Moby Dick 2.0

Nordwasser von Ian McGuire

Ich habe lesend schon auf so manchem Seelenverkäufer angeheuert. Ich war Teil der Besatzung an Bord von Kriegsgaleonen, Walfangschiffen und Expeditionskreuzern. Ich habe gelernt, in die Wanten zu gehen, im Orlopdeck zu schlafen, Rettungsboote im richtigen Moment abzufieren und Kanonen bei hohem Seegang zielgerecht abzufeuern. Ich habe es mit Kapitänen zu tun gehabt, die all ihre Neurosen an mir ausgelassen und mich an den Rand der Meuterei gebracht haben. Einige haben mit ihrem Orgelspiel die ganze Mannschaft um den Verstand gebracht und andere schlugen Dublonen in einen Mast, um dem weißen Schreckgespenst der Meere nachzujagen. Nemo, Ahab, Drake, um nur einige von denen zu nennen, unter deren Kommando ich stand. Ich dachte, ich sei gewappnet für meine nächste Seereise. Ich dachte, ich hätte bereits alles erlebt.

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Weit gefehlt. Da schippert man auf den Weltmeeren umher, sieht Schiffe kommen und gehen, überlebt selbst die aberwitzigsten Situationen und lernt, selbst mit Kapitänen zu leben, die vom Pech verfolgt sind und absolut jedes Schiff auf Grund setzen. Ich dachte genügend gesponnenes Seemannsgarn entwirrt zu haben, um an Bord der Volunteer überleben zu können. Um es mit Elias zu sagen, der bereits einen gewissen Ismael vor der Fahrt mit der Pequod unter dem Kommando von Kapitän Ahab gewarnt hat: Nehmt Abstand von der Volunteer, wenn ihr sie im Hafen seht. Geht nicht an Bord. Heuert auf keinen Fall an, nehmt eure Beine in die Hand und rettet euch, bevor es zu spät ist. Eine Fahrt auf diesem Walfangschiff kann euch das Leben kosten. Ich weiß, wovon ich rede. Wenn ihr mir nicht glaubt, dann vertraut auf Ian McGuire. Lest das Logbuch der letzten Fahrt dieses Schiffes. Folgt ihm auf das Nordwasser und sagt später nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Nordwasser von Ian McGuire

Wir befinden uns in der Mitte des 19. Jahrhunderts im englischen Seehafen Hull. Der traditionelle Walfang ist im Niedergang begriffen. Einerseits wurden die Weltmeere von zahllosen Walfangflotten leergefischt und andererseits beeinträchtigen Erdölfunde den Absatz von Tran als Schmiermittel und Lampenbrennstoff. Umso verwunderlicher mutet es an, dass gerade ein Schiff für eine große Walfangexpedition ausgerüstet wird. Die „Volunteer“ liegt bereits im Hafen, die Mannschaft wird angeheuert und das Schiff wird beladen. Es werden Harpuniere, Schiffsjungen, Zimmerleute, Maate und Matrosen benötigt. Einen Kapitän hat der Schiffseigner Baxter bereits gefunden. Brownlee haftet jedoch der Makel an, vom Pech verfolgt zu sein. Katastrophen pflastern seinen Weg.

Und doch vertraut man gerade ihm die Volunteer an. Und wie überall in den großen Hafenstädten dieser Zeit tummeln sich undurchsichtige Gestalten, die auf einem Schiff anheuern wollen. Gründe gibt es viele. Die Suche nach Reichtum, der Wunsch einfach mal eine Zeitlang unterzutauchen, oder die Sehnsucht nach der Weite des Meeres. So setzt sich auch die Mannschaft der Volunteer zusammen. Heterogen, könnte man fast sagen. Als katastrophal müsste man es bezeichnen, wenn man ehrlich ist. Denn neben dem vom Seepech geplagten Kapitän gehen ein perverserer Serienmörder und ein Arzt an Bord, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. Henry Drax ist eine tickende Zeitbombe mit brutalsten Neigungen und Patrick Sumner therapiert sein Versagen auf dem indischen Kontinent, indem er der beste Kunde der eigenen Medikamente ist. Sie sind beide gleichermaßen süchtig. Gemeingefährlich ist nur Drax.

Nordwasser von Ian McGuire

Ian McGuire pfercht uns im Erzählraum Volunteer ein. Sie wird unser Schicksal und die Mission des Schiffes mündet in die Katastrophe. Spätestens als ein Schiffsjunge an Bord mehrfach vergewaltigt und auf bestialischste Art und Weise ermordet wird, wird es richtig eng auf der Volunteer. Jeder gegen jeden, so könnte man sagen und mittendrin ein Arzt, der als einziger einen kühlen Kopf bewahrt und dem Täter auf die Spur kommt. Hier schreibt uns der Autor in ein Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer hinein. Das Wagnis Walfang scheint ihm nicht zu genügen. Ian McGuire macht aus diesem Schiff ein schwimmendes rechtsmedizinisches Inferno. Man braucht gute Nerven, um angesichts der Taten bei Leseverstand zu bleiben. Hier geht es brutal und heftig zu. So behandelt man nicht Mal die gejagten Wale. Ehre ist ein Fremdwort.

Um dem gesamten Szenario die Spannungskrone aufzusetzen mischt Ian McGuire einige weitere eisige Zutaten in diese Mischung aus Abenteuerroman und Thriller. Das Nordwasser als Schauplatz der verwegenen Fahrt der Volunteer mutiert zum Szenario großer gescheiterter Expeditionen. Ernest Shackleton lässt grüßen, wenn das Eis droht, die Volunteer zu zerquetschen. „Wild“ von Reinhold Messner wird zum Setting, als die Kälte die Kabinen des Walfängers erreicht. „Everland“ von Rebecca Hunt könnte Pate gestanden haben, wenn es gilt auf verzweifelte Robben- und Bärenjagd zu gehen. Und „Moby Dick“ von Hermann Melville grüßt uns auf jeder Seite von „Nordwasser“. Keine Frage: Dies ist das facettenreichste vielschichtigste Abenteuer, auf das ich mich jemals einließ.

Nordwasser von Ian McGuire

Überlegt euch sehr gut, ob ihr das „Nordwasser“ befahren wollt. Stellt euch darauf ein, an Bord der Volunteer grausamste Verbrechen zu erleben. Rechnet damit, dass es kälter wird, als ihr es euch je vorstellen konntet. Lernt die Sprache der Eskimos. Wenn ihr ihnen im Roman begegnet, wisst ihr, wovon ich hier rede. Scheut nicht davor zurück, Robben zu jagen, Wale zu schlachten und Eisbären zu verfolgen. Bereitet euch darauf vor, das Indien der Kolonialzeit zu erleben, weil ihr nur so begreift, warum ein britischer Arzt unehrenhaft das Schlachtfeld räumen muss. Und habt keine Angst davor, an Bord an allem zu leiden, woran man nur leiden konnte, wenn man zur falschen Zeit nicht am richtigen Ort ist.

Spannender kann eine Schiffsreise nicht sein. Ian McGuire hat den bekannten und legendären Abenteuerklassikern die Krone aufgesetzt, indem er uns mit einer multiplen Szenerie konfrontiert. Es gibt keine Rettung aus seinem Erzählnetz. Wenn er die Leser harpuniert hat, gibt es kein Entrinnen. Weder an Bord, noch an Land könnt ihr gerettet werden. Ihr müsst schon bis zum finalen Showdown ausharren, die Augen offenhalten und den Mut nicht verlieren. Ich kann euch nur raten, euch dem Arzt anzuvertrauen. Er weiß, was er tut. Zumindest, wenn das Laudanum wirkt. Patrick Sumner ist in der Tiefe seines Charakters so treffend beschrieben, dass man sich am Ende der Reise mit ihm auf jede weitere Reise begeben würde. Ob das möglich ist? Ob er überlebt? Ob es ihm gelingt, den Orkan auf dem „Nordwasser“ zu besänftigen? Wer weiß, wenn man nicht liest? So ist es immer im Leben.

Nordwasser von Ian McGuire

Geht an Bord. Leinen los. Winkt euren Lieben ein letztes Mal und seid versichert, dass ihr gut versichert seid. Das ist allerdings auch das Einzige, das ich euch mit auf diesen Weg geben kann. Natur, Verbrechen, Hass, Glaube und Hoffnung gehen Hand in Hand in der Klaustrophobie dieser fulminanten Erzählung. Nur eines werdet ihr auf der Reise nicht finden. Romantik oder Liebe, Frauen oder Familien, die auf euch warten. Das hier ist eine Männerwelt, die allerdings geeignet ist, gerade weiblichen Lesern Gänsehaut in ihr beschauliches Leben zu zaubern. Hier gibt es kein „Frauen und Kinder zuerst“. Hier geht nicht der Kapitän als letzter Mann von Bord.

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

Ich winke euch ein letztes Mal zu. Gute Reise. Ahoi ihr Mare – Landleseratten…

Nordwasser von Ian McGuire

„Meeresroman“ – Glückliche Momente mit Petri Tamminen

Meeresroman von Petri Tamminen

Der Boden eines Schiffes ist nicht von dieser Welt. Er verhandelt mit dem Meer.

Was einem Schiff in zähen Verhandlungen mit dem Meer vielleicht gelingen mag, ist dem Menschen nicht immer gegeben. Die Ozeane sind das Leben. Wir sind oft nur die Gäste auf ihnen und ohne künstliche Hilfsmittel oder Navigation rettungslos verloren. Schiffsbrüchige, Ertrunkene oder Gestrandete wissen ein Lied davon zu singen und die Literatur ist voller Beispiele für Odysseen, Untergänge oder Sturmfluten, die uns in den Tiefen der Weltmeere versinken lassen. Metaphorisch ist das Meer hier dem Schicksal gleichbedeutend. Unausweichlich, unentrinnbar verloren, uferlos im wahrsten Sinne des Wortes ist es, wenn wir diese Naturgewalt beherrschen wollen. Schiffe sind viel mehr als nur Wasserfahrzeuge. Die Arche Noah steht stellvertretend für deren Bedeutung.

„Er war in dieser Stille aufgehoben, und das Leben war in ihm aufgehoben, und das Schiff kannte ihn und er das Schiff.“

Meeresroman von Petri Tamminen

S – Das Schiff des Theseus“ war bisher die aufregendste Fahrt meines Lesens. Immer wieder schreibe ich mich in die Heuerlisten bekannter Schiffe ein und versuche mein Glück auf hoher See zu machen. Die Pequod, die Golden Hinde oder auch die Endurance sind für mich die besten Beispiele für alle Walfang-, Kaper-, Eroberungs- und Kreuzfahrten meines Lesens. Unverändert hat mich keines dieser Schiffe gelassen und doch hatten sie eine große Gemeinsamkeit: Charismatische Kapitäne, die jederzeit in der Lage waren, das Steuer herumzureißen und der Gefahr zu trotzen. Meister ihres Fachs und doch zumeist tragische Helden und Opfer ihrer Leidenschaft.

„Seekapitän Huurna schämte sich für gestern und fürchtete sich vor morgen.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Und nun? Sollte ich mich wirklich Vilhelm Huurna anvertrauen? Einem finnischen Kapitän, der nicht nur für sein legendäres Zaudern bekannt ist, sondern auch dafür, in absolut atemberaubendem Tempo ein Schiff nach dem anderen auf Grund zu setzen? Ein Kapitän, der zwar ein Patent zum Führen von Schiffen hat, den man allerdings als nicht wirklich patent bezeichnen kann, wenn es darum geht die Frage zu beantworten, ob er als Kapitän jemals ein glückliches Händchen bewiesen hat. Hier geht es nicht nur darum, Vilhelm Huurna auf EIN Schiff zu folgen. Eine kleine Flotte der Versenkten und Verlorenen ist es, die ich im Meeresroman von Petri Tamminen kennenlerne. Eines jedoch spricht für ihn. Das kann man nicht verhehlen. Deshalb heuerte ich bei ihm an:

„Die Schiffe waren untergegangen, nicht er.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Petri Tamminen beschreibt in beschwingtem finnischem Gleichmut, was uns sofort in Unmut versetzen würde. Er entführt uns in die Handelsschifffahrt im 19. Jahrhundert und übergibt sein Kommando über alle von ihm erdachten Segelschiffe an den ebenso rein fiktiven Vilhelm Huurna. Leinen los, könnte man rufen. Alles in die Wanten, könnte das erste Kommando lauten. Viel Zeit bleibt uns nicht angesichts der 112 Seiten dieser schmalen Erzählung. Weit gefehlt, Was auf hoher See in eine epische Ballade ausufert braucht nicht viele Worte, wenn Petri Tamminen schreibt. Er erzeugt eine Welle, deren Krone er uns erzählt, deren Kamm wir jedoch inspiriert von seiner Wortkunst deutlich erkennen können. Bildhaft und komplex mutet an, was eher zart und eigentlich schlank daherkommt. Literarische Tiefe erzeugt der finnische Autor durch die Parabel, in die er unsere Gedanken treibt. Ein unwiderstehlicher Sog, an dessen Ende kein Ende steht.

„… aber sobald die Kräfte zurückkehrten, fing er wieder an, das Glück zu beschwören und zu hoffen, es werde doch noch einmal um ihn herum
flimmern. Manchmal nahm das Glück den Wunsch entgegen,
manchmal nicht, Glück ist Glückssache.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Folgt mir an Bord seiner Schiffe. Erlebt die Pleiten und Pannen, die Vilhelm Huurna nur erleiden muss, weil ihm das Seeglück fehlt. Aber das Fehlen von Glück allein ist für ihn kein Grund, am Leben selbst zu verzweifeln. Ob man sein Glück je erzwingen kann, steht hier nicht im Vordergrund. Viel eher, wie man mit dem Pech lebt und doch in der Lage ist, seinen Weg durchs eigene Leben zu gehen. Huurna verliert nicht nur Schiffe. Mit jeder Havarie havariert auch eine Liebe. Den schwersten Schiffbruch beklagt er am Grab seiner Frau und des Kindes, das er niemals sah. Eine Szene, die ich in meinem Lesen so unbeschreiblich emotional beschrieben fand, dass es mir das Herz brach.

„Wenn sich seine Frau getraut hatte, zu sterben, glaubte auch er,
sich zu trauen, wenn der Tag dafür gekommen wäre.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Vertraut euch Kapitän Huurna an. Hört ihm zu, wenn ihr denkt, dass euch etwas am Glück eures Lebens fehlt. Folgt seinem Kommando, wenn ihr euch vom Pech verfolgt fühlt. Zögert mit ihm, wenn Hyperaktiviät eure Seele lähmt und geht mit ihm unter, wenn ihr neugeboren auftauchen möchtet. Dieses kleine Büchlein ist ebenso lesenswert, wie das Leben dieses Kapitäns erzählenswert ist. Auch, wenn alles frei erfunden ist, glaubt mir: Ihr werdet euch selbst und eure versunkenen Schiffe wiedererkennen. Zeit, sie mit diesem großen kleinen Buch zu bergen…

„Aber nachdem er sich zahlreiche Vorwürfe gemacht hatte, stellte er auch fest, dass er gut darin war, seine Fehler zu erkennen und sich an sie zu erinnern.“

Meeresroman von Petri Tamminen

Meeresroman oder Einige glückliche Momente aus dem tristen Leben des Seekapitäns Vilhelm Huurna“ – Petri Tamminen – Mare Verlag. (112 Seiten, 18 Euro)

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„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Wann haben Sie zuletzt beim Lesen geweint?

Ich meine hier das gerührte Weinen, nicht das verzweifelte oder wütende. Ich meine das Weinen, das sich einstellt, wenn eine Geschichte in die letzten Fasern des Herzens eindringt, sich des ganzen Lesers bemächtigt und begleitet von eruptiven Wellen eines sehnsüchtigen Schluchzens einen Weg an die Oberfläche sucht. Ein Weinen, das man nicht unterdrücken kann, egal wie sehr man es auch versucht.

Dieses glückliche Weinen, das alles relativiert und in aller Deutlichkeit beweist, dass nicht nur der Kopf, sondern eben auch das Herz von einem Buch erobert wurde. Wann ist Ihnen das zuletzt passiert? Können Sie sich noch daran erinnern? War es zuhause? Ist es in aller Öffentlichkeit passiert? Hatten Sie das Buch noch in der Hand? Flossen die Lesetränen erst auf der letzten Seite oder gab es vielleicht dieses Weinen, das sich erst Tage später zeitversetzt seinen Weg bahnte?

Darf man diese Tränen als romantisches Buchweinen bezeichnen? Sicherlich! Ich bin fest davon überzeugt! Es ist wie im Kino, bevor der Vorhang fällt und das Licht den Saal mit sanfter Helligkeit flutet. Verstohlenes Schluchzen, Taschentücher, die schnell verschwinden und dezentes Schniefen zeugen davon, dass viele Herzen zur gleichen Zeit in aller Sanftheit berührt wurden. Was jedoch im Kino kalkulierbar im Dunkeln vor sich geht, ist beim Lesen eine Gratwanderung sondergleichen. Das Lesen ist bei Licht besehen nichts für geheime und verstohlen geweinte Tränen.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Sie können sich nicht mehr an die letzten Lesetränen erinnern? Sie träumen aber davon, dieses wundervolle Gefühl noch mal zu erleben? Sie wünschen sich ein Buch, das ohne Mord, Gewalt und Misshandlung auskommt? Eine Geschichte, die mit einem Ende endet, das seinen Namen verdient? Ein wirkliches Ende, von dem man einfach sagen kann, es sei „SCHÖN“ gewesen? Ja. Davon träume ich oft und ich genieße die wohlige Melancholie, die sich in mir ausbreitet, wenn ich ein Buch entdecke, das mich vor purem Glück weinen lässt.

Lesetränen sind geschlechtslos. Nur um das hier klarzustellen. Sie haben nichts mit Kitsch oder seichter Unterhaltung zu tun. Es ist nicht unmännlich, sich seinen Gefühlen hinzugeben, wenn man in einem Buch versunken ist. Und es ist nicht typisch weiblich, wenn am Ende eines Buches die Rührung um sich greift. Es ist menschlich, Gefühle zu zeigen und zuzulassen. Es ist ein zutiefst menschliches Privileg, sich von Worten dazu verführen zu lassen, Gefühle zu zeigen. Eine der wahren Stärken der Literatur. Und die große Stärke von Lesern, die ich hier als offenherzig bezeichne. Im wahrsten Wortsinn.

Der Roman, den ich heute im Zustand des Lese-Glücksgefühls vorstellen möchte hat nah am Wasser gebaut. Zumindest, wenn man dem Titel Glauben schenken mag. Fünf Viertelstunden bis zum Meer. Das ist nicht weit weg vom Wasser. Zumal sich diese Zeitangabe auf den Fußweg zum Strand bezieht, den man nicht unbedingt allein gehen muss. Ernest van der Kwast, der niederländische Autor mit indischen Wurzeln, hat einen Erzählraum gestaltet, der sich seinen Lesern auf ganz genau 96 Seiten und in wertig verarbeiteter gebundener Form öffnet. Und damit ist auch schon klar, dass man zum Lesen dieser Geschichte ebenso lange benötigt, wie man bräuchte, um den Strand von San Cataldo, am Stiefelabsatz Italiens, zu erreichen. Fünf Viertelstunden.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Wir lassen den Zweiten Weltkrieg kurz hinter uns und folgen den Brüdern Ezio und Alberto Ortolani ans Meer. Züchtig ging es im Juli 1945 an Italiens Küste zu und doch erhofften sich die beiden Brüder bei der Beobachtung der badenden jungen Frauen den ein oder anderen gewagten Einblick. Nur aus diesem Grund waren sie hier. Doch allzu viel bekamen sie eigentlich nicht zu bestaunen.

„Es gab nicht viel zu sehen, die Badeanzüge waren aus einem Stück… Aufregend waren die Momente, in denen eine Frau sich vorbeugte… oder aus dem Meer kam und vor den Wellen her auf den Strand lief.“

Bis das Unfassbare geschah und SIE das Wasser verließ und den Strand betrat.

„Und dann sah er sie zum ersten Mal, doch seine Augen begriffen nicht, was sie sahen. Mehr als eine Minute verging, bevor er sagte: Ich sehe einen Nabel! In der Brandung stand Giovanna Berlucchi. Unnahbar. Unwahrscheinlich schön. Gerade einmal zwanzig war sie und hatte langes, dunkles Haar, das sie immer offen trug.

Als Giovanna in ihrem zweiteiligen Badeanzug über den Strand von Cataldo ging und die Luft ihren Nabel streichelte, verzauberte sie Ezio Ortolani für sein ganzes Leben.“

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Genau das ist es, was Ezio widerfährt. Der ersten unbeholfenen Annäherung folgt der erste ebenso unbeholfene Kuss. Diesem Kuss folgt das Erwachen zweier Körper, das Begehren, die Erfüllung. Und doch stehen sich zwei junge Menschen gegenüber, deren Leidenschaft nicht konträrer verlaufen könnte. Ezio, der Giovanna am liebsten auf der Stelle heiraten würde und Giovanna, die ihr Leben ohne Bindung genießen will.

Das Leben trennt, was niemals hätte getrennt werden dürfen. Die Sehnsucht bleibt. Ernest van der Kwast entführt seine Leser auf eine Gefühlsreise durch die Zeit. Zwei Sichten auf zwei Leben. Auf zwei Lebensentwürfe, die immer weiter auseinanderdriften. Ezios Versuch, in der Mitte seines Lebens wieder zu Giovanna zu finden. Giovanna, die immer dann an Ezio denkt, ihn fühlt, ihn riecht und schmeckt, wenn das eigene Leben zu entgleiten droht. Eine Sentimental Journey der Sehnsucht, des Scheiterns und der nie enden wollenden Hoffnung.

Ernest van der Kwast schreibt italienisch. Seine tiefen Sprachbilder sind durchflutet von Sonne und Meer. Fluchtsequenzen, Trennungsszenen und Wunschträume lesen sich wie Wort gewordenes Herzflattern und das lebenslange Gefühl, etwas verloren zu haben wird auf jeder Seite des Romans greifbar. Selten hat Liebe auf so wenig Raum so viel Raum eingenommen. Man verliert niemals die Hoffnung, dass zwei Menschen die in ihrem tiefsten Inneren so sehr füreinander bestimmt zu sein scheinen, sich auch finden.

Fünf Viertelstunden bis zum Meer - Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Ernest van der Kwast

Fünf Viertelstunden bis zum Meer ist mehr als nur ein Sehnsuchtsroman. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an die zeitlose Relevanz von Liebe. Jeder Satz so zart und gefühlvoll, wie die erste Leidenschaft, jedes Aber so schmerzhaft und vernichtend, wie ein letzter Kuss. Jede Hoffnung so betörend, wie der Blick ins Paradies. Jede Zeile der Briefe, die sich Ezio und Giovanna im Lauf der Jahre aus ihren Herzen schrieben so schmerzhaft schön, dass man sie nie vergisst.

Und dann nähert sich Ernest van der Kwast einem Ende an, das schon auf Seite 8 seines Romans beginnt:

„Der Brief kam ohne Düfte. Der Bewohner von Nummer 5b erhob sich von seinem Stuhl und ging zur Haustür. Er bückte sich und hob den Brief vom Dielenboden auf. In einer weiblichen, runden Handschrift stand sein Name auf dem Umschlag: Ezio Ortolani.“

Dieser Brief katapultiert Ezio in eine längst vergangene Zeit. Mit fast allem hatte er gerechnet, nur nicht mehr damit. Ezio Ortolani ist 84 Jahre alt, als ihn dieser Brief von Giovanna erreicht. Ist es zu spät? Hat Liebe eine zeitliche Begrenzung? Ist Liebe eine Frage von Äußerlichkeiten und strahlender Jugend? Ist Liebe sterblich oder zeitlos? Sie sollten Ihr Lesen in die Hände von Ernest van der Kwast legen und am besten Ihr Herz noch dazu. Er wird Sie nicht enttäuschen. Das kann ich Ihnen versprechen!

„Ich habe so oft versucht, Dir nicht zu schreiben!“

Fünf Viertelstunden bis zum Meer und Seide - Lebensbücher

Fünf Viertelstunden bis zum Meer und Seide – Lebensbücher

PS: Ich kann Fünf Viertelstunden bis zum Meerin seiner zarten Verführungskraft nur mit Seide von Alessandro Baricco vergleichen. Beide Romane sind Blüten der Literatur, in kurzer Zeit gelesen, ewig unvergessen und niemals verblühend.

PPS: Das kleine gebundene Buch vom Mare Verlag ist seine 18 Euro wert. Jede Seite dieses Buches hat seinen Wert. Gerade Lebensbücher sollten die Zeit überdauern. Da ich aber weiß, dass die Kaufentscheidung oftmals auch vom Preis bestimmt wird, habe ich hier noch einen guten Tipp, der nur mit ein wenig Wartezeit verbunden ist.

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ erscheint schon am 8. August als Taschenbuch im btb Verlag. Für den Preis eines gebundenen Buches bekommt man auf diese Weise zwei Taschenbücher. Eines für das eigene Lesen und eines zum Verschenken an einen wichtigen Menschen. Wie man hier sehen kann

Fünf Viertelstunden bis zum Meer und Seide - Hardcover und Taschenbuch

Fünf Viertelstunden bis zum Meer – Hardcover und Taschenbuch

Lust auf noch mehr Meer aus dem Mare Verlag? Hier geht´s zum Meeresroman.

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