„Der Anfang“ von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Eigentlich sollte man angesichts eines Bilderbuches, in dem nur sehr wenige Worte verloren werden, nicht selbst ins Schwafeln kommen. Eigentlich. Da ich jedoch nicht mit der Gabe des brillanten Zeichnens gesegnet bin, kann ich meine Buchvorstellung zwar mit einigen atmosphärischen Fotos des vorgestellten Werkes garnieren, das Bilderbuch in den Kontext der von mir bereits besprochenen Werke bringen und meine Meinung zu Gestaltung und inhaltlicher Tragweite äußern, benötige hierfür aber deutlich mehr Text, als die Autorin Paula Carballeira.

Und doch versuche ich mich kurz zu fassen, denn in ebendieser Kürze besticht „Der Anfang“, ein erzählendes Bilderbuch für Kinder im Lesealter ab 3 Jahren, das 2014 im Bohem Verlag erschienen ist. Für mich persönlich ist „Der Anfang“ gar kein Anfang im eigentlichen Sinne, da ich bei der Betrachtung der Illustrationen in der Verlagsvorschau an ein Bilderbuch erinnert wurde, das ich hier schon vorgestellt habe. Die Zeichnungen weckten das Gefühl in mir, den gegenständlichen Stil der Zeichnerin wiederzuerkennen und ich begann zu forschen.

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Sonja Danowski. Ich lag richtig. Unverkennbar ist ihre Kunst, unverkennbar ist die Art und Weise, wie sie ihren Illustrationen Leben einhaucht. Die gezeichneten Menschen in diesem Bilderbuch haben eigene Charaktere, wirken nah, sympathisch, verletzlich und zutiefst real. Ich hatte dieses Gefühl schon im Bilderbuch „Oma trinkt im Himmel Tee“ von Fang Suzhen und eben Sonja Danowski, erschienen im NordSüd Verlag. Ging es hier um den Tod eines geliebten Menschen aus der Perspektive eines Kleinkindes, so entführt uns „Der Anfang“ erneut in ein Szenario, in dem gerade Kinder Trost und eine große Portion Hoffnung benötigen. In eine Zeit nach dem Krieg.

„Der Anfang“ beginnt mit dem Ende. Die Geschichte beginnt genau dort, wo wir alle zeitlos und unabhängig von allen Rahmenbedingungen des Lebens bei Null anfangen müssen. In einer Zeit, die in allen Regionen dieser Welt für alle Menschen identisch ist. In einer Zeit nach der Zerstörung, nach dem Desaster. Einer Zeit, in der es kein Hoffen gibt. Einer Zeit, in der es schwer ist daran zu glauben, dass nach dem Ende der Gewalt je wieder etwas Neues entstehen kann, das nach Leben schmeckt. Es ist die Tristesse der Nachkriegszeit, die „Der Anfang“ beschreibt, erzählt und fühlbar macht.

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Wie können Eltern ihren Kindern die Angst vor der ungewissen Zukunft nehmen? Wie können sie ihnen eine behütete Kindheit schenken, wo doch nichts mehr sicher ist? Wie kann man aus dem Nichts heraus Hoffnung schöpfen. „Der Anfang“ erzählt genau davon. Dieses Bilderbuch führt uns mit einfachen und hoffnungsvollen Worten, sowie in seinen Illustrationen zu einer Familie, die vor dem Nichts steht. Dunkel und erdig in der Farbgebung unterstreichen die Bilder von Sonja Danowski die Trostlosigkeit dieser Zeit und doch spiegeln sich in den Gesichtern der Eltern und ihrer Kinder Gefühle wider, die uns alle mit Hoffnung erfüllen.

Zuneigung und Liebe sind die Konstanten, die die Eltern ihren Kindern schenken. Gefühle, die sie in Sicherheit wiegen und alle materiellen Verluste aufwiegen. Auch mit Nichts lässt sich ein Anfang wagen. Diese Botschaft ragt aus diesem Bilderbuch heraus und macht es so unendlich wertvoll für gemeinsame Lesestunden mit den allerkleinsten Lesern. Zu sehen, wie sich das erste Lächeln in die unschuldigen Gesichter der Kinder dieser Geschichte stiehlt, ist ein großes gemeinsames Erlebnis. Zu erleben, wie dieses Lächeln sich in den Gesichtern der Kinder widerspiegelt, die der Geschichte folgen, ist ein Privileg des Lesens.

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Der Anfang beginnt mit dem Ende und doch gelingt es Paula Carballeira und Sonja Danowski im literarisch bildlichen Zusammenspiel eine Stimmung zu erzeugen, die uns davon überzeugt, dass die Hoffnung dieser Welt in den Kindern verborgen liegt. In aller Tiefe entwickelt sich ganz langsam eine Atmosphäre, die den Kindern im gemeinsamen Lesen Halt und Zuversicht vermittelt. „Der Anfang“ ist viel mehr als ein Anfang. Es liegt ein besonderer Zauber in dieser Geschichte, in ihren Worten und Bildern.

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„Doktor Jekyll und Mister Hyde“ illustriert von Sébastien Mourrain

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Oh nein, er schrieb nicht nur Die Schatzinsel. Robert Louis Stevenson blieb uns zwar hauptsächlich mit seinen legendären Romanfiguren Sam Hawkins und Captain Flint in Erinnerung, weil sie den Weg aus einem echten Klassiker in die Jugendliteratur unserer Zeit problemlos überwunden haben und so einem breiten Publikum das Lesen versüßt haben. Ein Sprung, der aus literarischer Sicht gewaltig ist und keineswegs mit jedem Romanstoff gelingen kann. Was mit Treasure Island gelang, könnte ja vielleicht auch mit einem anderen Roman aus Stevensons Feder gelingen, selbst wenn es dabei um einen der ganz großen psychologischen Gruselklassiker in der Literatur geht. Denn er schrieb nicht nur „Die Schatzinsel“…

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sebastien Mourrain

Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ ist das wohl meistverfilmte Buch aus der Feder des großen Schriftstellers. Denkt man an Horror-Literatur, dann hat man sehr schnell Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder den guten alten Frankenstein im Sinn. Hier ist Stevenson absolut bahnbrechend gewesen, indem er Gut und Böse in einer Person vereint und sowohl sympathische als auch dunkle Seiten voneinander losgelöst auf den Leser einwirken lässt. Ohne diesen Roman gäbe es wohl einige legendäre Bösewichte der Film- und Literaturgeschichte nicht. Auch einigen Superhelden hat R.L. Stevenson so den Weg geebnet. Two-in-One, vielleicht ein Genre, das man nach ihm benennen müsste. Denken wir nur an Batman, Superman, Hulk, Spiderman oder Die Maske.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Und nun schickt sich der für sehr edle Kinderbücher bekannte Bohem Verlag an, den Gruselklassiker über eine künstlich herbeigeführte Persönlichkeitsspaltung in neue Dimensionen vorstoßen zu lassen. So erblickt in diesen Tagen „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ als Bilderbuch mit Illustrationen von Sébastien Mourrain das Licht der Bücherwelt. Großformatig kommt es daher, verziert mit einem Eyecatcher auf dem Cover, das zugleich die gute und dunkle Seite im Wesen eines Schmetterlings zeigt. Eine gelungene Metapher, in der die Schönheit erst sichtbar wird, wenn am Ende der Verpuppung ein neues Geschöpf aus der Raupe entsteht.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Aber nicht nur in seiner Aufmachung überzeugt dieses literarische Wagnis. Auch inhaltlich und sprachlich gelingt ein absoluter Kunstgriff. Die verkürzte Übertragung des originalen Textes in der verknappten und umso authentischer wirkenden Übersetzung von Nils Aulike wirkt beinahe so, als hätte Robert Louis Stevenson den Extrakt seines Klassikers selbst in diese Kurzfassung gebracht. Im Vergleich mit dem kompletten Text kann man nur den Hut ziehen, weil hier einerseits ein Roman in vereinfachter Form und dabei doch unverfälscht in seiner Melodie einem größeren Publikum geöffnet wird. Hier kann man sich selbst auf Stand bringen, wenn man das komplette Werk nicht gelesen hat und darüber hinaus kann man es mit Jugendlichen erschließen, die es vielleicht aus eigenem Antrieb niemals lesen würden. Ein „Klassiker-to-Go“ sozusagen.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Genau diese gemeinsame Auseinandersetzung kann zeitlos Wunder bewirken, da dieser Romanstoff niemals an Relevanz verloren hat. Gute und böse Seiten im Wesen eines Menschen voneinander zu trennen ist unmöglich. Sie bedingen einander und wir befinden uns im ewigen Kampf um die innere Balance. Dass es Dr. Jekyll nur mit einer Droge gelingt, das Böse zu separieren ist ein komplexer Denkansatz, wie auch wir den modernen Drogen von heute zum Opfer fallen können. Die Novelle von Stevenson hält auch heute noch viele Überraschungen für uns bereit. Die Zeichnungen von Mourrain untermalen diese geniale Neufassung in einer eigenen, sehr atmosphärischen Dichte. Ja, es gruselt schon deutlich, das muss man zugeben, aber unsere heutige Jugend ist aus einem anderen Schrot und Korn, wenn es um Gänsehautfaktoren geht.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sebastien Mourrain

Stevenson wäre stolz auf dieses Buch. Es verkünstelt den Roman nicht, interpretiert nicht mehr in die Geschichte hinein, als es statthaft ist und lässt unausgesprochen, was der große Schriftsteller damals auch unbeschrieben ließ. Was hat Mr. Hyde auf seinen nächtlichen Streifzügen angestellt? Wie hat sich das Böse Bahn gebrochen? Das blieb unserer Fantasie überlassen und so bleibt es auch in diesem Bilderbuch. Lehrreich in seiner Botschaft, geschlossen und authentisch im Stil und atmosphärisch dunkel in der Gestaltung – Einfach klasse, wie man einem Klassiker neues Leben einhauchen kann.

Bilderbücher. Eine ganz eigene Galaxie im Visier der kleinen literarischen Sternwarte.

[Gegen das Vergessen] Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4 und die Zeit der versteckten Judensterne“ ist der Titel des illustrierten Kinder- und Jugendbuchs aus der Feder von Birgitta Behr, mit dem der Versuch unternommen werden soll, 10 – 12-jährigen Lesern die Schrecken der Juden­ver­folgung im Nazi-Deutsch­land von 1933 bis 1945 näher­zubringen. Ich habe bereits zwei Bilder­bücher oder Graphic Novels zu diesem sensiblen Thema vorgestellt und bin der Meinung, dass ein solches erzählendes Bilderbuch ein geeignetes Medium ist, um die Tür zu einem Erzählraum zu öffnen, dessen Inhalt für junge Leser schwer zu greifen und darüber hinaus sogar eher verstörend sein kann.

Behutsam sollte man vorgehen, ohne zu beschönigen oder abzuschrecken. Eine literarische Gratwanderung angesichts der Zielgruppe, bei der man nicht voraus­setzen darf und kann, dass sie sich im Vorfeld bereits intensiv mit dem Thema beschäf­tigt hat. Und genau hier beginnt mein ambi­valentes Verhältnis zum vor­liegen­den Buch. Es ist auf den ersten Blick hochwertig und erscheint für einen Preis von gerade einmal 12,99 Euro im wahrsten Sinne des Wortes preis­wert. Der Verlag Ars Edition wird hier einem Ruf gerecht, der hinsichtlich der rein haptischen und optischen Qualität seiner Produkte schon immer Maß­stäbe gesetzt hat.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Ein Haus erzählt…

„Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4“ hat mich darüber hinaus auch rein inhaltlich absolut überzeugt, weil es der Autorin Birgitta Behr gelungen ist, eine Erzählstimme zu finden, die in der Rolle eines neutralen Betrachters der Ereignisse unbestechlich und in sich plausibel erscheint. Es ist ein Haus, das uns diese Ge­schichte erzählt. Eine wahre, an biografische und zeitgeschichtliche Ereignisse angelehnte Geschichte verspricht das Haus uns zu erzählen. Eine Perspektive, die auch jüngsten Lesern zugänglich ist. Eine Per­spek­tive, die in ihrer Geschlossenheit besticht, weil wir uns sicherlich alle schon mal gefragt haben, wie es wäre, wenn alte Gebäude erzählen könnten.

Dieses Haus Nummer 4 am Nikolsburger Platz in Berlin hat viel zu erzählen. Es ist die Geschichte seiner Be­wohner, es ist die Geschichte von Susi und ihrer Familie, eine Geschichte, die eindringlich zu beschrei­ben vermag, wie sehr sich Deutschland in den Jahren nach der Machtübernahme durch die National­sozia­listen veränderte und welche Auto­matis­men bedient wurden, um den Hass eines ganzen Volkes auf eine Minderheit zu richten. Birgitta Behr bleibt erstaunlich sachlich und schildert auf leicht verständ­liche Art und Weise die Ent­wicklung einer Diktatur, wie eine gewählte Partei die Demokratie aushöhlte und alles auf einen Führer fokussierte, der aus seinen wahren Ab­sichten nie einen Hehl gemacht hatte.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Der rote Faden…

In diesen historischen Kontext bettet Birgitta Behr ihre Erzählung ein, beschreibt das Unfeld der 1936 ge­boren­en Susi Collm, deren jüdische Familie schon bis zum Tag ihrer Geburt an den Folgen der Gesetz­gebung für die jüdischen Bürger in Deutsch­land zu leiden hatte. Der Vater schon arbeits­los, die Mutter hoffnungs­los an­ge­sichts der um sich greifenden Un­gerech­tigkeit und der zunehmenden Bedrohung für ihr Leben. Susis Groß­mutter schenkt dem kleinen Mädchen einen ganz per­sönlichen Zauberer, der auf alles aufpassen soll. Ein großer Halt für das Mädchen, dessen kleine Welt schon bald in Scherben liegen sollte.

Eine kleine große Geschichte voller Wahrheit, die uns ein Berliner Haus aus seiner Sicht erzählt. Eine wahre Geschichte, die man in Teilen selbst recherchieren kann und die in ihrer Dramatik den zahllosen Geschichten von Entrechtung und Verfolgung aller Menschen ent­spricht, die nicht ins Rasse-Raster der Nazis passten. Der rote Faden der braunen Parolen zieht sich durch das ganze Buch und die Ausweg­losig­keit überstrahlt das Leben eines Mädchens, das kaum versteht, warum es plötzlich zu den Gejagten im Land gehört. Dieser rote Faden verbindet aber auch ihre Geschichte mit der Geschichte von Menschen, die nicht zuschauen wollten. Menschen, die eine Zeit der ver­steckten Judensterne erst möglich machten. Doch nicht jeder konnte auf Rettung hoffen, wie es heute noch die Stolpersteine zeigen, die vor dem damaligen Haus Nummer 4 liegen.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Die Gestaltung im Vergleich…

Inhaltlich gelungen, verkürzt und vereinfacht für die Ziel­gruppe angemessen und mit Begriffs­erklärung­en und Zeit­schienen versehen, die das Schicksal von Susis kleiner Familie in Verbin­dung mit der historisch ver­brief­ten Situation des Landes verbinden. Es ist vor diesem Hinter­grund für mich rein inhaltlich ein mehr als wichtiges Buch, dem ich wegen anderer Aspekte jedoch immer noch zweifelnd gegenüber­stehe. Die Gestal­tung der Seiten ist auffällig anders und augenscheinlich so interessant, als würde man durch lebendige Bilder laufen, Schlag­lichter und Wort­fetzen wahrnehmen und die Reden von Adolf Hitler am eigenen Leib gefährlich nah spüren.

Im Vergleich zu „Das versteckte Kind“, einer Graphic Novel zum Holocaust, verfehlt dieses Buch jedoch ein wesentliches Kriterium, um sich mit den Opfern iden­tifi­zieren zu können. Die Manga-ähnliche Dar­stellung der Menschen, besonders die Zeichnung von Susi hat mich erschreckt. Die Bilder machen Angst. Die dar­gestell­ten Menschen sind in einer befremd­lichen Art und Weise abgrundtief hässlich und gerade Kinder, mit denen ich mich unterhalten habe, wollten schon aufgrund dieser Darstellung nicht mehr weiter einsteigen. Diese aus meiner Bewertung einfach grauen­haften Bilder konter­karieren die unglaublich in­ten­sive Aussage­kraft des Buches.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Überzeichnet…

Sie stehen im krassen Gegensatz zu den Fotos von Susi, die im Buch veröffent­licht sind. Diese Zeichnungen lassen keine Sympathie für dieses Mädchen entstehen. Dies ist in „Das versteckte Kind“ für die Zielgruppe adä­qua­ter umgesetzt. Gerade Mangas sollen uns den Frei­raum lassen, um uns mit den Personen iden­tifi­zieren zu können, die beschrie­ben werden. Das gelingt in dem hier vorliegenden Fall nicht. Kinder emp­finden keine Nähe zu Susi und bewerten über­ein­stimmend auch schon das Cover des Buches als abschreckend. Sandra Wendeborn hat für mich hier deutlich Über­Zeichnet.

Ambivalent sagte ich eingangs. Ich bleibe dabei. Ich be­trachte dieses Buch als einen inhaltlich großen Wurf, der in den bildlichen Aspekten keine Ent­sprechung findet. Diese Ansicht habe ich gerade im Aus­tausch mit denjenigen Menschen gewonnen, die dieses Buch ge­winnen möchte, um sich einem besonders wichtigen Thema zu widmen. Es ist erhellend, dieses Buch mit Werken für die gleiche Ziel­gruppe zu vergleichen. Bilden Sie sich Ihre Meinung. Ich verstehe meine Sicht­weise nicht als Dogma, sondern als Anstoß. Was bleibt ist die tiefe Bot­schaft des Buches, die un­verwüst­lich ist und jede Zeich­nung überdauert. Lasst es nicht nochmal zu – Schaut hin und helft.

Hier geht es zu „Das versteckte Kind“ und „Erikas Geschichte„… Ein Vergleich.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr – Ein Vergleich

[Bilderbuch] John F. Kennedy – Zeit zu handeln

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Happy birthday to you,
Happy birthday to you,
Happy birthday Mr. President,
Happy birthday to you…

So würde sie wohl immer noch singen, wären nicht sie selbst und das hier besungene Geburtstagskind schon längst Geschichte. Sie, das ist Marilyn Monroe, Stilikone ihrer Zeit, mehr als nur die Schauspielerin und mutmaßliche Geliebte eines der mächtigsten Männer der Welt. Er, das war John F. Kennedy. 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Was wir heute noch von ihm wissen sind die Schlagzeilen einer Amtszeit, die nur 1036 Tage währte.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Fakten, die man nie vergisst:

  • Mit 43 Jahren jüngster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
  • Erster katholischer Präsident der USA,
  • Kubakrise – Schweinebucht – Invasion,
  • Bemannte Raumfahrt  – Wettrennen im All,
  • Geteiltes Deutschland – Berliner Mauer – Ich bin einer Berliner,
  • Rassenunruhen – Marsch auf Washington – Martin Luther King,
  • Dallas – Attentat – Jackie Kennedy – Witwe…

Und was bleibt ist eines der bedeutendsten Zitate, das einen Wandel in der Haltung der Bürger eines Landes gegenüber der Regierung einläutete und das auch heute noch nicht an Aktualität eingebüßt hat.

„Fragen Sie nicht, was Ihr Land für Sie tun kann –
fragen Sie was Sie für Ihr Land tun können.“

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Am 29. Mai 2017 jährt sich der Geburtstag von John F. Kennedy zum hundertsten Mal. Der Präsident, der im Alter von nur 46 Jahren erschossen wurde, hat viele offene Fragen zurückgelassen. Legenden ranken sich um seinen Lebensweg, die nie geklärte Frage ob der Attentäter alleine schoss und die zweifellos charismatische Ausstrahlung haben ihre Spuren bis in die heutige Zeit hinterlassen. Es sind Fakten und Daten, derer man sich heute erinnern kann. Es ist aber auch die Frage, was er noch hätte verändern können, wenn…

Aus dem Schulunterricht ist einer der wichtigsten Vorreiter in der Gleichstellung von schwarzen und weißen Bürgern eines Landes fast verdrängt. Was lernen wir heute noch? Welche Politiker des vergangenen Jahrhunderts sind wichtig und wie geht man mit ihrem Vermächtnis um? Bleiben nur Hollywood-Filme, Fotos, Zitate und einige Artikel auf Wikipedia? Reicht das aus, um verstehen zu können, wie lange es wirklich gedauert hat, die Lücke zwischen Abraham Lincoln und John F. Kennedy in Bezug auf die Rechtstellung schwarzer Amerikaner zu schließen? Wie kann man das Vergessen verhindern?

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Es ist ein Buch, das helfen kann. Es handelt sich hierbei nicht um eine Biografie im engeren Sinn. Es ist kein Sachbuch-Wälzer, der Altes im neuen Kleid präsentiert. Es ist ein Kinder- und Jugendbuch – ein Bilderbuch – das uns zum hundertsten Geburtstag von John F. Kennedy aus der Deckung lockt und die Schlaglichter im Leben eines der wohl einflussreichsten Menschen unserer Zeit visualisiert. Es ist ein Bilderbuch, das in der Lage ist, Lücken zu schließen. Nicht nur tiefe Wissenslücken, sondern auch die im Zusammenspiel zwischen Jung und Alt, zwischen Kindern und Eltern und oftmals auch zwischen den Menschen, die John F. Kennedy noch erlebt haben und denjenigen, für die er nur noch als Name existiert.

John F. Kennedy. Zeit zu handeln“ von Shana Corey und R. Gregory Christie, im NordSüd Verlag erschienen, ist für mich ein Musterbeispiel für den Versuch, Eltern und Kinder zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit den Themen der Zeitgeschichte zu bewegen, ohne die wir unsere Gegenwart kaum richtig einordnen können. Es ist dabei auch mehr als relevant für die jüngeren Leser, um im späteren Leben Romane besser verstehen zu können. Sich selbst eine Meinung zu bilden und mehr zu wissen, als man es manchmal von ihnen erwartet. Und wissen hat noch nie geschadet…

Lest dazu den Artikel über das Jugendbuch „Mein Name ist nicht Freitagund ihr versteht, was ich meine. Sklaverei ist keine geschichtlich überholte Zeiterscheinung und Romane zu diesem Thema sind auch heute noch brandaktuell. Selbst Erwachsene können die großen Romane von Harper Lee Wer die Nachtigall stört oder Gehe hin, stelle einen Wächternur einordnen, wenn sie um die Hintergründe wissen.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Die Illustrationen von R. Gregory Christie strahlen in ihrer angedeuteten Abstraktion eine faszinierende Vitalität und Energie aus. Sie sehen auf den ersten Blick grob und in mancherlei Hinsicht unfertig aus, aber genau hier liegt ihre Stärke. Sie erschlagen den Betrachter nicht und geben Spielraum für die eigene Vorstellungskraft, sie verleiten zur eigenen Recherche und zur Suche nach den echten Fotos von einst. In Verbindung mit dem Text von Shana Corey entsteht so ein mehrdimensionales Bild, in dem Leser auch nach ihrer eigenen Haltung suchen können.

Jedenfalls sollte man sich diesem Bilderbuch der Geschichte gemeinsam nähern. Die im Text auftauchenden Begriffe Zivilcourage, Segregation und Plädoyer erklären sich jungen Lesern nicht von selbst. Und für die Jüngsten ist es interessant, wenn man ihnen den Unterschied zwischen einem Telegramm von einst und einer SMS von heute erklärt. So macht gemeinsames Lesen Spaß und vermittelt auch noch Wissen und eine nicht unwesentliche Portion Haltung, um die wir sonst so sehr ringen.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Folgen wir doch dem Aufruf der Autorin, demzufolge „Geschichte ein Gespräch“ ist. Ohne unsere Stimme kommt dieser Dialog nicht zustande. Erwachsenen unter uns empfehle ich „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates. Ein Brief eines schwarzen Vaters an seinen 15-jährigen Sohn in den heutigen USA schließt die Lücke zwischen uns und John F. Kennedy. Unverzichtbar. Diesen Büchern sollte man Raum geben – sie verhindern, dass man seine innere Haltung verliert…

„Armstrong“ – Torben Kuhlmann revolutioniert die Raumfahrt

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Nee… Schon klar. Mäuse!

Die Geschichte der modernen Fliegerei muss umgeschrieben werden, nur weil ein illustrierender Autor aus Hamburg es sich in den Kopf gesetzt hat, mal eben mit einem Pinselstrich die Luftfahrthistorie auf den Kopf zu stellen. Beweise für seine Thesen hat er keine. Lediglich ein paar Zeichnungen und eine ganz nett erzählte Geschichte. Mich kann Torben Kuhlmann jedoch nicht auf den Leim führen. Mich nicht!

Seine Story von „Lindbergh haben wir ihm fast geglaubt. Aber eben nur fast. Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus war aber wirklich täuschend echt erzählt, dass man auf sie hereinfallen musste. Allein die Zeichnungen des wild vor sich hin bastelnden Nagers ließen erste Zweifel an unserer Version der Luftfahrtgeschichte aufkommen. Und dann gab es da noch dieses authentische Tondokument, in dem ein gewisser Bastian Pastewka die Geschichte Kuhlmanns, als Hörbuch getarnt, in Umlauf brachte. Der Hörverlag ist nicht ganz unschuldig, wenn man mich fragt.

Wer hatte denn nun den Atlantik zuerst in einem Flugzeug überquert? Etwa jener Charles Lindbergh oder doch viel eher eine kleine Maus, die auf ihrer Flucht vor Eulen und den immer zahlreicher werdenden Mausefallen ihre Chance ergriff, und Non-Stop über den Atlantik flog und wohlbehalten in Amerika landete? Also ich sage, Lindbergh. Wenn nur nicht diese leisen Zweifel blieben, die Torben Kuhlmann ohne Unterlass in die Welt setzt. Und das auch noch in einem Bilderbuch vom beim NordSüd-Verlag, der ja eigentlich als seriös gilt.

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Ich habe Torben Kuhlmann ja mal persönlich auf den Zahn gefühlt. Aber in diesem Interview hatte ich dann eher den Eindruck, er sei völlig von dem überzeugt, was er da so von sich gibt. Unter uns, er glaubt sogar daran, dass es eine Maulwurfstadt gibt, in der sich die blinden Buddeltierchen um ihre Umwelt Gedanken machen. Firlefanz. Man konnte nur hoffen, dass dem zweifellos hochbegabten Fabulisten das Handwerk gelegt würde, weil fast alle Kinder in meinem Umfeld begannen, seinen Geschichten Glauben zu schenken.

Das ist doch Gift für das Faktenwissen junger Menschen, wenn sie so sehr im Kern ihrer Fantasie berührt werden, dass sie letztlich alles für möglich halten. Da sollten wir als Eltern schon ein waches Auge auf die Lektüre unserer Kleinsten werfen. Wer weiß, wo das noch hinführt, wenn sie irgendwann in die Schule kommen und schon bei den ersten Fragen nach ihrer Allgemeinbildung steif und fest behaupten, Maulwürfe wären umweltfreundlich denkende Tierchen und Mäuse wären die ersten Flugpioniere in der Geschichte der bemannten (öhm… bemausten) Luftfahrt.

Und nun trifft mich ein weiterer Schlag aus der Ideenschmiede des liebenswerten Scharlatans! In der gleichen edlen Aufmachung wie seine vorherigen Werke, in feinen und satten Brauntönen gehalten, leicht abgegriffen und so authentisch wirkend, liegt jetzt das neueste Machwerk aus der Bilderbuchwelt von Torben Kuhlmann vor mir. Diesmal hat er den Bogen überspannt. Jetzt kommt man ihm auf die Schliche, denn er wagt sich an ein Thema, das er nicht einfach so und mal eben im Vorbeigehen neu erfinden kann.

Die bemannte Weltraumfahrt (oder sollte es auch hier „bemaust“ heißen)

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong“. Der Name ist Programm. Ich gehöre zu einer Generation, die vor dem TV-Gerät saß, als die Besatzung von Apollo XI (wer das nicht mehr lesen kann, das ist eine römische 11) auf dem Weg zum Mond war. Neil Armstrong und Buzz Aldrin waren die ersten beiden Menschen, die den Mond betraten. Unbestritten. „Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Schritt für die Menschheit!“ Das waren Armstrongs Worte. Kein Zweifel. So war es – ganz genau so – ich habe es gesehen!

Und nun schlage ich das großformatige Bilderbuch von Torben Kuhlmann auf und spüre ganz nebenbei, wie meine Kinnlade vor Staunen auf der Tischplatte landet. Die allererste unbemannte Kinnlade, eine tolle Pionierleistung. Und das, während mein Kopf noch um den Tisch kreist. Ich staune erneut und versinke tief in den Illustrationen aus der Feder des Hamburger Künstlers und beginne wieder einmal, alle Zweifel über Bord zu werfen.

Ist das alles nur die pure Fantasie oder steckt mehr dahinter? Natürlich weiß ich, dass es Affen, Hunde und auch Mäuse waren, die vor dem Menschen versuchsweise ins All geschickt wurden. Aber kann es sein, dass es eine kleine Maus geschafft hatte, noch vor dem ersten Menschen seine Pfote auf den Mond zu setzen? Kann es sein, dass eine Maus die ersten Spuren auf dem Mond hinterlassen hat und, dass die NASA all dies vor uns verheimlichen konnte?

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Ist es echt möglich, dass die unglaubliche Fantasie und das meisterliche Können Torben Kuhlmmans die Geschichte der Weltraumfahrt revolutionieren? Oder ist es wieder ein ganz großer Wurf in unsere zu strukturierte und an puren Fakten orientierte Denkwelt? Ist es wieder ein Befreiungsschlag für den freien Geist? Ein Wohlfühlbuch der Imagination? Hat Torben Kuhlmann es erneut geschafft, aus großen Lesern Kinder zu machen und aus jungen Menschen wahre Forscherherzen mit großem Tatendrang zu formen?

Torben Kuhlmann fasziniert in seinem bisher umfangreichsten Bilderbuch von der ersten bis zur letzten Seite. Jede einzelne Zeichnung ein Gemälde, bei dem man gerne verweilen möchte. Das Umblättern fällt schwer, weil die Faszination für jedes Detail viel zu tief sitzt. Kinder begleiten diese mutige Maus auf ihrem wagemutigen Weg, bei dem es viele Hürden zu überwinden galt. Mäuseschwerelosigkeit, Mäusesauerstoffmangel und Mäusebeschleunigungskräfte.

Kindern beim Betrachten, Lesen von Armstrong zu zuzuschauen ist ein Privileg, das Kuhlmann uns schenkt. Wir treffen uns mit den Kleinsten genau in der Mitte. Beim ungläubigen Staunen und bewegen uns dann in ein Bilderbuch voller Abenteuer. Wir befinden uns auf Augenhöhe, können fantasieren, was das Zeug hält und werden am Ende der Geschichte in ein kleines privates Lexikon der wahren Pioniere entführt. Hier schließt Torben Kuhlmann den Kreis zur Realität mit einem Augenzwinkern, das uns zu sagen scheint: „Aber es könnte doch sein…“

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Sollten doch noch Zweifel bleiben, Der Hörverlag beseitigt sie. Ein kleiner Schritt für Bastian Pastewka, ein großer Schritt für die Mausheit, so lässt sich beschreiben, was hier als sprachgewaltiges Hörbuch auf uns zukommt. Pastewaka schlüpft erneut in alle Rollen und verleiht dem Bilderbuch eine absolut unvergessliche Audio-Präsenz. Dabei erzählt er die Geschichte nicht nach, es hat eher den Anschein, er säße mit uns am Wohnzimmertisch und würde im gemeinsamen Betrachten des Bilderbuches genau die Lücken schließen, die in der Fantasie noch offen bleiben.

Unverzichtbarer Genuss für Fans der Bilderbücher. Hier ist nichts gedoppelt. Hier steht der pure Genuss im Vordergrund und alle Kinder, die immer noch nicht glauben mögen, dass eine Maus den Mond vor uns erobert hat, können mit dieser historischen Dokumentation ein wenig mehr aufs Glatteis der Fantasie geführt werden. Dabei ist Bastian Pastewka das fulminante Sprachrohr des Zeichenstiftes von Torben Kuhlmann.

Was mag da noch kommen? Wo wird es enden? Was haben wir von diesen Mäusen noch zu erwarten? Ich bin und bleibe gespannt. Angesichts der inhaltsfreien und häufig verkitschten Unterhaltung in unserer Zeit ist Torben Kuhlmann DER große Unterhalter im Bereich von All-Age-Bilderbüchern. Wenn ich einen Wunsch freihätte, ich würde mir sein Können sehr gerne im Kino anschauen. Und glaubt mir, dann könnten PIXAR und Disney sich warm anziehen. Diese Maus ist epochal.

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Houston, wir haben ein Problem. Es maust gewaltig in der Milchstraße.

PS: Die kleine Maus hat nur im Hörbuch einen eigenen Namen. Das Buch ist schon darauf angelegt in tausend Mausesprachen übersetzt zu werden. Deshalb wird sie hier nur „Die kleine Maus“ genannt. Wenn jedoch Bastian Pastewka in ihre Rolle schlüpft, heißt sie… ups… Fast hätte ich es verraten… 😉

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann