[Gegen das Vergessen] Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4 und die Zeit der versteckten Judensterne“ ist der Titel des illustrierten Kinder- und Jugendbuchs aus der Feder von Birgitta Behr, mit dem der Versuch unternommen werden soll, 10 – 12-jährigen Lesern die Schrecken der Juden­ver­folgung im Nazi-Deutsch­land von 1933 bis 1945 näher­zubringen. Ich habe bereits zwei Bilder­bücher oder Graphic Novels zu diesem sensiblen Thema vorgestellt und bin der Meinung, dass ein solches erzählendes Bilderbuch ein geeignetes Medium ist, um die Tür zu einem Erzählraum zu öffnen, dessen Inhalt für junge Leser schwer zu greifen und darüber hinaus sogar eher verstörend sein kann.

Behutsam sollte man vorgehen, ohne zu beschönigen oder abzuschrecken. Eine literarische Gratwanderung angesichts der Zielgruppe, bei der man nicht voraus­setzen darf und kann, dass sie sich im Vorfeld bereits intensiv mit dem Thema beschäf­tigt hat. Und genau hier beginnt mein ambi­valentes Verhältnis zum vor­liegen­den Buch. Es ist auf den ersten Blick hochwertig und erscheint für einen Preis von gerade einmal 12,99 Euro im wahrsten Sinne des Wortes preis­wert. Der Verlag Ars Edition wird hier einem Ruf gerecht, der hinsichtlich der rein haptischen und optischen Qualität seiner Produkte schon immer Maß­stäbe gesetzt hat.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Ein Haus erzählt…

„Susi, die Enkelin von Haus Nummer 4“ hat mich darüber hinaus auch rein inhaltlich absolut überzeugt, weil es der Autorin Birgitta Behr gelungen ist, eine Erzählstimme zu finden, die in der Rolle eines neutralen Betrachters der Ereignisse unbestechlich und in sich plausibel erscheint. Es ist ein Haus, das uns diese Ge­schichte erzählt. Eine wahre, an biografische und zeitgeschichtliche Ereignisse angelehnte Geschichte verspricht das Haus uns zu erzählen. Eine Perspektive, die auch jüngsten Lesern zugänglich ist. Eine Per­spek­tive, die in ihrer Geschlossenheit besticht, weil wir uns sicherlich alle schon mal gefragt haben, wie es wäre, wenn alte Gebäude erzählen könnten.

Dieses Haus Nummer 4 am Nikolsburger Platz in Berlin hat viel zu erzählen. Es ist die Geschichte seiner Be­wohner, es ist die Geschichte von Susi und ihrer Familie, eine Geschichte, die eindringlich zu beschrei­ben vermag, wie sehr sich Deutschland in den Jahren nach der Machtübernahme durch die National­sozia­listen veränderte und welche Auto­matis­men bedient wurden, um den Hass eines ganzen Volkes auf eine Minderheit zu richten. Birgitta Behr bleibt erstaunlich sachlich und schildert auf leicht verständ­liche Art und Weise die Ent­wicklung einer Diktatur, wie eine gewählte Partei die Demokratie aushöhlte und alles auf einen Führer fokussierte, der aus seinen wahren Ab­sichten nie einen Hehl gemacht hatte.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Der rote Faden…

In diesen historischen Kontext bettet Birgitta Behr ihre Erzählung ein, beschreibt das Unfeld der 1936 ge­boren­en Susi Collm, deren jüdische Familie schon bis zum Tag ihrer Geburt an den Folgen der Gesetz­gebung für die jüdischen Bürger in Deutsch­land zu leiden hatte. Der Vater schon arbeits­los, die Mutter hoffnungs­los an­ge­sichts der um sich greifenden Un­gerech­tigkeit und der zunehmenden Bedrohung für ihr Leben. Susis Groß­mutter schenkt dem kleinen Mädchen einen ganz per­sönlichen Zauberer, der auf alles aufpassen soll. Ein großer Halt für das Mädchen, dessen kleine Welt schon bald in Scherben liegen sollte.

Eine kleine große Geschichte voller Wahrheit, die uns ein Berliner Haus aus seiner Sicht erzählt. Eine wahre Geschichte, die man in Teilen selbst recherchieren kann und die in ihrer Dramatik den zahllosen Geschichten von Entrechtung und Verfolgung aller Menschen ent­spricht, die nicht ins Rasse-Raster der Nazis passten. Der rote Faden der braunen Parolen zieht sich durch das ganze Buch und die Ausweg­losig­keit überstrahlt das Leben eines Mädchens, das kaum versteht, warum es plötzlich zu den Gejagten im Land gehört. Dieser rote Faden verbindet aber auch ihre Geschichte mit der Geschichte von Menschen, die nicht zuschauen wollten. Menschen, die eine Zeit der ver­steckten Judensterne erst möglich machten. Doch nicht jeder konnte auf Rettung hoffen, wie es heute noch die Stolpersteine zeigen, die vor dem damaligen Haus Nummer 4 liegen.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Die Gestaltung im Vergleich…

Inhaltlich gelungen, verkürzt und vereinfacht für die Ziel­gruppe angemessen und mit Begriffs­erklärung­en und Zeit­schienen versehen, die das Schicksal von Susis kleiner Familie in Verbin­dung mit der historisch ver­brief­ten Situation des Landes verbinden. Es ist vor diesem Hinter­grund für mich rein inhaltlich ein mehr als wichtiges Buch, dem ich wegen anderer Aspekte jedoch immer noch zweifelnd gegenüber­stehe. Die Gestal­tung der Seiten ist auffällig anders und augenscheinlich so interessant, als würde man durch lebendige Bilder laufen, Schlag­lichter und Wort­fetzen wahrnehmen und die Reden von Adolf Hitler am eigenen Leib gefährlich nah spüren.

Im Vergleich zu „Das versteckte Kind“, einer Graphic Novel zum Holocaust, verfehlt dieses Buch jedoch ein wesentliches Kriterium, um sich mit den Opfern iden­tifi­zieren zu können. Die Manga-ähnliche Dar­stellung der Menschen, besonders die Zeichnung von Susi hat mich erschreckt. Die Bilder machen Angst. Die dar­gestell­ten Menschen sind in einer befremd­lichen Art und Weise abgrundtief hässlich und gerade Kinder, mit denen ich mich unterhalten habe, wollten schon aufgrund dieser Darstellung nicht mehr weiter einsteigen. Diese aus meiner Bewertung einfach grauen­haften Bilder konter­karieren die unglaublich in­ten­sive Aussage­kraft des Buches.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr

Überzeichnet…

Sie stehen im krassen Gegensatz zu den Fotos von Susi, die im Buch veröffent­licht sind. Diese Zeichnungen lassen keine Sympathie für dieses Mädchen entstehen. Dies ist in „Das versteckte Kind“ für die Zielgruppe adä­qua­ter umgesetzt. Gerade Mangas sollen uns den Frei­raum lassen, um uns mit den Personen iden­tifi­zieren zu können, die beschrie­ben werden. Das gelingt in dem hier vorliegenden Fall nicht. Kinder emp­finden keine Nähe zu Susi und bewerten über­ein­stimmend auch schon das Cover des Buches als abschreckend. Sandra Wendeborn hat für mich hier deutlich Über­Zeichnet.

Ambivalent sagte ich eingangs. Ich bleibe dabei. Ich be­trachte dieses Buch als einen inhaltlich großen Wurf, der in den bildlichen Aspekten keine Ent­sprechung findet. Diese Ansicht habe ich gerade im Aus­tausch mit denjenigen Menschen gewonnen, die dieses Buch ge­winnen möchte, um sich einem besonders wichtigen Thema zu widmen. Es ist erhellend, dieses Buch mit Werken für die gleiche Ziel­gruppe zu vergleichen. Bilden Sie sich Ihre Meinung. Ich verstehe meine Sicht­weise nicht als Dogma, sondern als Anstoß. Was bleibt ist die tiefe Bot­schaft des Buches, die un­verwüst­lich ist und jede Zeich­nung überdauert. Lasst es nicht nochmal zu – Schaut hin und helft.

Hier geht es zu „Das versteckte Kind“ und „Erikas Geschichte„… Ein Vergleich.

Susi – Die Enkelin von Haus Nummer 4 von Birgitta Behr – Ein Vergleich

[Bilderbuch] John F. Kennedy – Zeit zu handeln

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Happy birthday to you,
Happy birthday to you,
Happy birthday Mr. President,
Happy birthday to you…

So würde sie wohl immer noch singen, wären nicht sie selbst und das hier besungene Geburtstagskind schon längst Geschichte. Sie, das ist Marilyn Monroe, Stilikone ihrer Zeit, mehr als nur die Schauspielerin und mutmaßliche Geliebte eines der mächtigsten Männer der Welt. Er, das war John F. Kennedy. 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Was wir heute noch von ihm wissen sind die Schlagzeilen einer Amtszeit, die nur 1036 Tage währte.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Fakten, die man nie vergisst:

  • Mit 43 Jahren jüngster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
  • Erster katholischer Präsident der USA,
  • Kubakrise – Schweinebucht – Invasion,
  • Bemannte Raumfahrt  – Wettrennen im All,
  • Geteiltes Deutschland – Berliner Mauer – Ich bin einer Berliner,
  • Rassenunruhen – Marsch auf Washington – Martin Luther King,
  • Dallas – Attentat – Jackie Kennedy – Witwe…

Und was bleibt ist eines der bedeutendsten Zitate, das einen Wandel in der Haltung der Bürger eines Landes gegenüber der Regierung einläutete und das auch heute noch nicht an Aktualität eingebüßt hat.

„Fragen Sie nicht, was Ihr Land für Sie tun kann –
fragen Sie was Sie für Ihr Land tun können.“

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Am 29. Mai 2017 jährt sich der Geburtstag von John F. Kennedy zum hundertsten Mal. Der Präsident, der im Alter von nur 46 Jahren erschossen wurde, hat viele offene Fragen zurückgelassen. Legenden ranken sich um seinen Lebensweg, die nie geklärte Frage ob der Attentäter alleine schoss und die zweifellos charismatische Ausstrahlung haben ihre Spuren bis in die heutige Zeit hinterlassen. Es sind Fakten und Daten, derer man sich heute erinnern kann. Es ist aber auch die Frage, was er noch hätte verändern können, wenn…

Aus dem Schulunterricht ist einer der wichtigsten Vorreiter in der Gleichstellung von schwarzen und weißen Bürgern eines Landes fast verdrängt. Was lernen wir heute noch? Welche Politiker des vergangenen Jahrhunderts sind wichtig und wie geht man mit ihrem Vermächtnis um? Bleiben nur Hollywood-Filme, Fotos, Zitate und einige Artikel auf Wikipedia? Reicht das aus, um verstehen zu können, wie lange es wirklich gedauert hat, die Lücke zwischen Abraham Lincoln und John F. Kennedy in Bezug auf die Rechtstellung schwarzer Amerikaner zu schließen? Wie kann man das Vergessen verhindern?

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Es ist ein Buch, das helfen kann. Es handelt sich hierbei nicht um eine Biografie im engeren Sinn. Es ist kein Sachbuch-Wälzer, der Altes im neuen Kleid präsentiert. Es ist ein Kinder- und Jugendbuch – ein Bilderbuch – das uns zum hundertsten Geburtstag von John F. Kennedy aus der Deckung lockt und die Schlaglichter im Leben eines der wohl einflussreichsten Menschen unserer Zeit visualisiert. Es ist ein Bilderbuch, das in der Lage ist, Lücken zu schließen. Nicht nur tiefe Wissenslücken, sondern auch die im Zusammenspiel zwischen Jung und Alt, zwischen Kindern und Eltern und oftmals auch zwischen den Menschen, die John F. Kennedy noch erlebt haben und denjenigen, für die er nur noch als Name existiert.

John F. Kennedy. Zeit zu handeln“ von Shana Corey und R. Gregory Christie, im NordSüd Verlag erschienen, ist für mich ein Musterbeispiel für den Versuch, Eltern und Kinder zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit den Themen der Zeitgeschichte zu bewegen, ohne die wir unsere Gegenwart kaum richtig einordnen können. Es ist dabei auch mehr als relevant für die jüngeren Leser, um im späteren Leben Romane besser verstehen zu können. Sich selbst eine Meinung zu bilden und mehr zu wissen, als man es manchmal von ihnen erwartet. Und wissen hat noch nie geschadet…

Lest dazu den Artikel über das Jugendbuch „Mein Name ist nicht Freitagund ihr versteht, was ich meine. Sklaverei ist keine geschichtlich überholte Zeiterscheinung und Romane zu diesem Thema sind auch heute noch brandaktuell. Selbst Erwachsene können die großen Romane von Harper Lee Wer die Nachtigall stört oder Gehe hin, stelle einen Wächternur einordnen, wenn sie um die Hintergründe wissen.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Die Illustrationen von R. Gregory Christie strahlen in ihrer angedeuteten Abstraktion eine faszinierende Vitalität und Energie aus. Sie sehen auf den ersten Blick grob und in mancherlei Hinsicht unfertig aus, aber genau hier liegt ihre Stärke. Sie erschlagen den Betrachter nicht und geben Spielraum für die eigene Vorstellungskraft, sie verleiten zur eigenen Recherche und zur Suche nach den echten Fotos von einst. In Verbindung mit dem Text von Shana Corey entsteht so ein mehrdimensionales Bild, in dem Leser auch nach ihrer eigenen Haltung suchen können.

Jedenfalls sollte man sich diesem Bilderbuch der Geschichte gemeinsam nähern. Die im Text auftauchenden Begriffe Zivilcourage, Segregation und Plädoyer erklären sich jungen Lesern nicht von selbst. Und für die Jüngsten ist es interessant, wenn man ihnen den Unterschied zwischen einem Telegramm von einst und einer SMS von heute erklärt. So macht gemeinsames Lesen Spaß und vermittelt auch noch Wissen und eine nicht unwesentliche Portion Haltung, um die wir sonst so sehr ringen.

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Folgen wir doch dem Aufruf der Autorin, demzufolge „Geschichte ein Gespräch“ ist. Ohne unsere Stimme kommt dieser Dialog nicht zustande. Erwachsenen unter uns empfehle ich „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates. Ein Brief eines schwarzen Vaters an seinen 15-jährigen Sohn in den heutigen USA schließt die Lücke zwischen uns und John F. Kennedy. Unverzichtbar. Diesen Büchern sollte man Raum geben – sie verhindern, dass man seine innere Haltung verliert…

„Armstrong“ – Torben Kuhlmann revolutioniert die Raumfahrt

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Nee… Schon klar. Mäuse!

Die Geschichte der modernen Fliegerei muss umgeschrieben werden, nur weil ein illustrierender Autor aus Hamburg es sich in den Kopf gesetzt hat, mal eben mit einem Pinselstrich die Luftfahrthistorie auf den Kopf zu stellen. Beweise für seine Thesen hat er keine. Lediglich ein paar Zeichnungen und eine ganz nett erzählte Geschichte. Mich kann Torben Kuhlmann jedoch nicht auf den Leim führen. Mich nicht!

Seine Story von „Lindbergh haben wir ihm fast geglaubt. Aber eben nur fast. Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus war aber wirklich täuschend echt erzählt, dass man auf sie hereinfallen musste. Allein die Zeichnungen des wild vor sich hin bastelnden Nagers ließen erste Zweifel an unserer Version der Luftfahrtgeschichte aufkommen. Und dann gab es da noch dieses authentische Tondokument, in dem ein gewisser Bastian Pastewka die Geschichte Kuhlmanns, als Hörbuch getarnt, in Umlauf brachte. Der Hörverlag ist nicht ganz unschuldig, wenn man mich fragt.

Wer hatte denn nun den Atlantik zuerst in einem Flugzeug überquert? Etwa jener Charles Lindbergh oder doch viel eher eine kleine Maus, die auf ihrer Flucht vor Eulen und den immer zahlreicher werdenden Mausefallen ihre Chance ergriff, und Non-Stop über den Atlantik flog und wohlbehalten in Amerika landete? Also ich sage, Lindbergh. Wenn nur nicht diese leisen Zweifel blieben, die Torben Kuhlmann ohne Unterlass in die Welt setzt. Und das auch noch in einem Bilderbuch vom beim NordSüd-Verlag, der ja eigentlich als seriös gilt.

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Ich habe Torben Kuhlmann ja mal persönlich auf den Zahn gefühlt. Aber in diesem Interview hatte ich dann eher den Eindruck, er sei völlig von dem überzeugt, was er da so von sich gibt. Unter uns, er glaubt sogar daran, dass es eine Maulwurfstadt gibt, in der sich die blinden Buddeltierchen um ihre Umwelt Gedanken machen. Firlefanz. Man konnte nur hoffen, dass dem zweifellos hochbegabten Fabulisten das Handwerk gelegt würde, weil fast alle Kinder in meinem Umfeld begannen, seinen Geschichten Glauben zu schenken.

Das ist doch Gift für das Faktenwissen junger Menschen, wenn sie so sehr im Kern ihrer Fantasie berührt werden, dass sie letztlich alles für möglich halten. Da sollten wir als Eltern schon ein waches Auge auf die Lektüre unserer Kleinsten werfen. Wer weiß, wo das noch hinführt, wenn sie irgendwann in die Schule kommen und schon bei den ersten Fragen nach ihrer Allgemeinbildung steif und fest behaupten, Maulwürfe wären umweltfreundlich denkende Tierchen und Mäuse wären die ersten Flugpioniere in der Geschichte der bemannten (öhm… bemausten) Luftfahrt.

Und nun trifft mich ein weiterer Schlag aus der Ideenschmiede des liebenswerten Scharlatans! In der gleichen edlen Aufmachung wie seine vorherigen Werke, in feinen und satten Brauntönen gehalten, leicht abgegriffen und so authentisch wirkend, liegt jetzt das neueste Machwerk aus der Bilderbuchwelt von Torben Kuhlmann vor mir. Diesmal hat er den Bogen überspannt. Jetzt kommt man ihm auf die Schliche, denn er wagt sich an ein Thema, das er nicht einfach so und mal eben im Vorbeigehen neu erfinden kann.

Die bemannte Weltraumfahrt (oder sollte es auch hier „bemaust“ heißen)

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong“. Der Name ist Programm. Ich gehöre zu einer Generation, die vor dem TV-Gerät saß, als die Besatzung von Apollo XI (wer das nicht mehr lesen kann, das ist eine römische 11) auf dem Weg zum Mond war. Neil Armstrong und Buzz Aldrin waren die ersten beiden Menschen, die den Mond betraten. Unbestritten. „Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Schritt für die Menschheit!“ Das waren Armstrongs Worte. Kein Zweifel. So war es – ganz genau so – ich habe es gesehen!

Und nun schlage ich das großformatige Bilderbuch von Torben Kuhlmann auf und spüre ganz nebenbei, wie meine Kinnlade vor Staunen auf der Tischplatte landet. Die allererste unbemannte Kinnlade, eine tolle Pionierleistung. Und das, während mein Kopf noch um den Tisch kreist. Ich staune erneut und versinke tief in den Illustrationen aus der Feder des Hamburger Künstlers und beginne wieder einmal, alle Zweifel über Bord zu werfen.

Ist das alles nur die pure Fantasie oder steckt mehr dahinter? Natürlich weiß ich, dass es Affen, Hunde und auch Mäuse waren, die vor dem Menschen versuchsweise ins All geschickt wurden. Aber kann es sein, dass es eine kleine Maus geschafft hatte, noch vor dem ersten Menschen seine Pfote auf den Mond zu setzen? Kann es sein, dass eine Maus die ersten Spuren auf dem Mond hinterlassen hat und, dass die NASA all dies vor uns verheimlichen konnte?

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Ist es echt möglich, dass die unglaubliche Fantasie und das meisterliche Können Torben Kuhlmmans die Geschichte der Weltraumfahrt revolutionieren? Oder ist es wieder ein ganz großer Wurf in unsere zu strukturierte und an puren Fakten orientierte Denkwelt? Ist es wieder ein Befreiungsschlag für den freien Geist? Ein Wohlfühlbuch der Imagination? Hat Torben Kuhlmann es erneut geschafft, aus großen Lesern Kinder zu machen und aus jungen Menschen wahre Forscherherzen mit großem Tatendrang zu formen?

Torben Kuhlmann fasziniert in seinem bisher umfangreichsten Bilderbuch von der ersten bis zur letzten Seite. Jede einzelne Zeichnung ein Gemälde, bei dem man gerne verweilen möchte. Das Umblättern fällt schwer, weil die Faszination für jedes Detail viel zu tief sitzt. Kinder begleiten diese mutige Maus auf ihrem wagemutigen Weg, bei dem es viele Hürden zu überwinden galt. Mäuseschwerelosigkeit, Mäusesauerstoffmangel und Mäusebeschleunigungskräfte.

Kindern beim Betrachten, Lesen von Armstrong zu zuzuschauen ist ein Privileg, das Kuhlmann uns schenkt. Wir treffen uns mit den Kleinsten genau in der Mitte. Beim ungläubigen Staunen und bewegen uns dann in ein Bilderbuch voller Abenteuer. Wir befinden uns auf Augenhöhe, können fantasieren, was das Zeug hält und werden am Ende der Geschichte in ein kleines privates Lexikon der wahren Pioniere entführt. Hier schließt Torben Kuhlmann den Kreis zur Realität mit einem Augenzwinkern, das uns zu sagen scheint: „Aber es könnte doch sein…“

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Sollten doch noch Zweifel bleiben, Der Hörverlag beseitigt sie. Ein kleiner Schritt für Bastian Pastewka, ein großer Schritt für die Mausheit, so lässt sich beschreiben, was hier als sprachgewaltiges Hörbuch auf uns zukommt. Pastewaka schlüpft erneut in alle Rollen und verleiht dem Bilderbuch eine absolut unvergessliche Audio-Präsenz. Dabei erzählt er die Geschichte nicht nach, es hat eher den Anschein, er säße mit uns am Wohnzimmertisch und würde im gemeinsamen Betrachten des Bilderbuches genau die Lücken schließen, die in der Fantasie noch offen bleiben.

Unverzichtbarer Genuss für Fans der Bilderbücher. Hier ist nichts gedoppelt. Hier steht der pure Genuss im Vordergrund und alle Kinder, die immer noch nicht glauben mögen, dass eine Maus den Mond vor uns erobert hat, können mit dieser historischen Dokumentation ein wenig mehr aufs Glatteis der Fantasie geführt werden. Dabei ist Bastian Pastewka das fulminante Sprachrohr des Zeichenstiftes von Torben Kuhlmann.

Was mag da noch kommen? Wo wird es enden? Was haben wir von diesen Mäusen noch zu erwarten? Ich bin und bleibe gespannt. Angesichts der inhaltsfreien und häufig verkitschten Unterhaltung in unserer Zeit ist Torben Kuhlmann DER große Unterhalter im Bereich von All-Age-Bilderbüchern. Wenn ich einen Wunsch freihätte, ich würde mir sein Können sehr gerne im Kino anschauen. Und glaubt mir, dann könnten PIXAR und Disney sich warm anziehen. Diese Maus ist epochal.

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Houston, wir haben ein Problem. Es maust gewaltig in der Milchstraße.

PS: Die kleine Maus hat nur im Hörbuch einen eigenen Namen. Das Buch ist schon darauf angelegt in tausend Mausesprachen übersetzt zu werden. Deshalb wird sie hier nur „Die kleine Maus“ genannt. Wenn jedoch Bastian Pastewka in ihre Rolle schlüpft, heißt sie… ups… Fast hätte ich es verraten… 😉

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

Erikas Geschichte [Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti]

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Wer ein Leben rettet, rettet ein ganzes Volk.

Unzählige Beispiele stehen auch heute noch für diese alte Weisheit, die uns immer wieder vor Augen halten soll, wie gering der eigene Wagemut sein muss, um die ganze Welt zu retten. Angesichts des Holocausts wird die Dimension dieses Satzes mehr als greifbar. Allein schon die aufmerksame Betrachtung des Films Schindlers Liste zeigt am Ende, was aus nur einem einzigen geretteten Menschen wird. Er ist der Same einer neuen Familie, Ursprung von Generationen und Quell eines ganzen Volkes.

Im Umkehrschluss erkennt man an den Ausmaßen dieses Genozids, dass nicht nur die Opfer von einst zu beklagen sind, sondern die niemals geborenen Kinder, die Enkel, die es niemals geben würde und alle Generationen, die nie die Chance haben würden, ihr Spuren in unserer Geschichte zu hinterlassen. Und doch ist es genau der einleitende Satz, der uns Mut macht. Genau dieses Mantra, das uns Möglichkeiten in die Hand gibt, um gegen die Ungerechtigkeit der Welt anzudenken und anzukämpfen.

Sie kommt nicht oft im Leben, diese Chance, sich zu erheben und der Gerechtigkeit die Bahn zu ebnen. Keine Ausreden sind akzeptabel, wenn man die Rettung auch nur eines einzigen Lebens für unzureichend hält. Was sollte ich tun? Wie hätte ich helfen können? Was kann ich schon als einzelner bewegen. Es sind die elementaren Fragen unseres Lebens auf die wir Antworten finden. Wir müssen nur bereit sein, die Tragweite dieser Antworten für das eigene Handeln zu erkennen. Zeitlos. Immerwährend.

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Und eigentlich kann man in seinem Leben gar nicht früh genug anfangen, über solche Wahrheiten nachzudenken. Hier geht es im eigentlichen Sinne nicht unmittelbar um den Holocaust. Es geht um die Lehren, die wir unseren Kindern an die Hand geben, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern. Es geht um die Vermittlung von Werten. Es geht darum, Gefühle mit Leben zu füllen und Vorurteile nicht zu kultivieren. Andere akzeptieren, niemanden aufgrund seiner Herkunft, Hautfarbe oder Religion zu benachteiligen und sich selbst nicht als das Maß der Dinge zu sehen. Darum geht es.

Bilderbücher können dabei helfen, genau diese Botschaften zu vermitteln. Das versteckte Kind hat in mehr als beeindruckender Weise verbildlicht, was eigentlich unvorstellbar war. Bilderbücher und kindgerechte einfache Texte vermögen Türen zum Unverständlichen zu öffnen und dem Gedanken Kontur verleihen, dass man so etwas nicht erleben möchte – und auch nicht möchte, dass andere Menschen das je erleben müssen. Nur können diese Bücher für die jüngste Generation die Transferleistung ins eigene Leben nicht ganz alleine bewirken. Hier muss gemeinsam gelesen, geschaut und erklärt werden. Erst dann nähern sie sich ihrem Ziel. Bilderbücher können Leben retten. Und wenn es nur ein einziges ist…

Erikas Geschichte“ von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti, erschienen im Gerstenberg Verlag, hat tatsächlich das Potenzial, Leben zu retten. Und dabei greift das großformatige Bilderbuch auf gerade einmal zwanzig Seiten die großen Themen der Judenverfolgung auf, verdichtet sie zu einer bewegenden individuellen Geschichte und zeigt allein schon durch die Erzählperspektive, dass ein einziges gerettetes Leben die Welt verändern kann. Denn hier erzählt eine Gerettete. Es ist Erikas Geschichte und genau diese Erika würde heute nicht erzählen können, wenn nicht… Ja, wenn nicht…

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Wenn nicht ihre Eltern alles in die Waagschale geworfen hätten, um Erikas Leben zu retten und andere Menschen nicht bereit gewesen wären, jedes Risiko einzugehen, um sich an der Rettung zu beteiligen. Und genau an diesem Punkt setzt die Geschichte an. Eine Geschichte, an die sich Erika eigentlich nicht erinnern kann. Eine Geschichte, die sie nicht mal bildlich vor ihren Augen hat. Eine Geschichte, die sie in dem Moment verlassen hat, als Erikas Eltern den größten Schritt wagten und das wohl größte Opfer ihres Lebens brachten.

Mit wenigen Worten beschreibt Ruth Vander Zee eine Geschichte, die sich 1995 ereignete. Diese wenigen Worte jedoch vermitteln alles, was Einfühlungsvermögen zu beschreiben vermag. Sie berichtet von der Begegnung mit einer Frau, Und sie erzählt davon, dass diese Frau beginnt, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die stellvertretend für so viele Juden steht und doch so außergewöhnlich ist, dass sich auch Kinder in dieses Bild hineinversetzen können.

Erika ist ihr Name. Sie kennt ihre Eltern nicht, weiß nicht, welchen Namen sie ihr gaben, ob sie Geschwister hatte, sie kennt ihr genaues Geburtsdatum nicht, weiß nicht wo sie geboren wurde, die Geschichte ihrer Familie ist nicht erzählbar, weil Erika das einzige Mosaiksteinchen ist, das den Holocaust überlebte. So bleibt ihr nur Spekulation, so bleiben ihr nur Gedanken an die Situation, in der sich ihre Eltern befunden haben müssen, als sie den undenkbaren Schritt wagten.

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Die Dimension der Illustration gibt „Erikas Geschichte“ ihr eigentliches Gesicht, wobei Roberto Innocenti in seinen dunklen Bildern genau auf diesen Faktor verzichtet. Gesichtslos werden wir zu Zeugen all dessen, was sich abgespielt haben muss, bevor Erikas Geschichte eigentlich begann. Gesichtslos verschwinden Menschen, bewacht von Soldaten in einem Güterwaggon. Deportation. Sofort zu erkennen, kein Zweifel ist möglich. Wir werden Zeuge eines der unzähligen Transporte jüdischer Menschen in ein Konzentrationslager. Aufgenähte gelbe Davidsterne ordnen das Geschehen ein.

Die Assoziationen Zug, Soldat, Güterwagen und die Ausblendung der Gesichter der Opfer machen das Grauen der Deportation greifbar. Andererseits spart Innocenti die Angst aus, die sich auf den Gesichtern der namenlosen Opfer abzeichnen mag. Er hält mit seinen Mitteln genau den Moment fest, in dem aus einzelnen Menschen die Masse derer wird, die ohne Identität ganz gezielt in die Vernichtung getrieben wird. Einzig ein Kinderwagen bleibt leer am Bahnhof zurück, während der Zug mit den auf engem Raum eingesperrten Menschen seinem letzten Ziel entgegen strebt.

Erikas Kinderwagen. Leer. Die Geschichte beginnt mit einer Trennung, die für die Eltern wohl mit der Erkenntnis des eigenen nahenden Todes einhergehen musste. Erst von diesem Moment an kennt Erika ihre Geschichte. Es ist der Moment, in dem sie als kleines Bündel Mensch von ihrer Mutter aus dem fahrenden Zug geworfen wird. Sie wird ins Leben geworfen, gefunden und gerettet. Mutige Menschen nehmen sich ihrer an, geben ihr einen Namen und wagen alles, um dieses Mädchen zu retten.

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Der Verbleib ihrer leiblichen Eltern beruht auf Vermutungen. Überlebt haben sie nicht, auch das erzählen die Bilder. Das Symbol der Einfahrt des Zuges in Auschwitz sagt mehr als tausend Worte. Bild und Text ergeben eine Erzähleinheit, die von einem Neubeginn auf den Trümmern eines Lebens berichten. Erikas Bündel ist der einzig spürbare rosafarbene Klecks vor dem Hintergrund der grauen Geschichte. Wie das kleine Mädchen mit dem roten Mantel in „Schindlers Liste“ fesselt sie unseren Blick.

Erikas Geschichte gibt Hoffnung. Sie erzählt von Mut und Selbstlosigkeit und doch ist es zutiefst traurig und bewegend darüber nachzudenken, wie viele Überlebende des Holocaust nicht nur ihre Verwandten, sondern auch ihre Identitäten verloren haben. Sonnenschein ist hier die absolute Pflichtlektüre für Erwachsene. Dieses Buch zeigt alles auf, was mit Kindern geschehen kann, deren Vergangenheit das große Geheimnis ihres späteren Lebens ist.

Erika hat überlebt. Aber um welchen Preis? Nie wieder dürfen Kinder aus Zügen geworfen werden. Viel früher müssen wir ansetzen, um das zu verhindern. Dazu gehört es, solche Bücher gemeinsam zu lesen. Auf Fragen einzugehen, den Mut vorzuleben und alle Menschen vorurteilsfrei gleich zu behandeln. Nur so können wir den Opfern von damals die Sinnlosigkeit des Todes von den Schultern nehmen.

Roas Weiss von Roberto Innocenti - Gar nicht gesichtslos

Roas Weiss von Roberto Innocenti – Gar nicht gesichtslos

Ein wichtiges Buch. Innocentis Illustrationen waren schon immer überwältigend. In Rosa Weiss, seinem ersten Kinderbuch zum Thema Holocaust, ging er noch weiter. Diese Bilder waren schwer zu ertragen. „Erikas Geschichte“ entfaltet seine Wirkung indirekt. Die Botschaft aus Bild und Text wird greifbar. Ein Leben ist wie ein Stern. Ein Leben zu retten rettet unzählige Sterne. Diese leuchten dann an einem Himmel, der sie eigentlich verbergen wollte. Wer nur ein Leben rettet… Daran wird man auf jeder Seite dieses Buches erinnert.

Und wenn man einem Kind dann noch den Davidstern in die Hand geben kann, der aus dem Cover herausklickt werden kann, dann kommt zur Erzähldimension die haptische Wirkung hinzu, die nicht unterschätzt werden darf. Mit dem Davidstern hält man EIN Erinnern fest. Ein Erinnern, das mit dem Erinnern an unzählige andere Opfer des Holocaust einen Sternenhimmel ergibt, der zeitlos voller Fixsterne für eine bessere gemeinsame Zukunft leuchtet.

Dies ist auch für uns der Königsweg des Erinnerns. Diese Individualisierung des Erinnerns steht im Vordergrund unserer gemeinsamen Projekte. Peggy Steike und ich werden „Erikas Geschichte“ in unseren Kanon der wichtigen Bücher aufnehmen. Wir werden von der namenlosen Erika erzählen, wenn wir mit unserer Hannah Schulen besuchen. Stellvertretend für alle Kinder ohne Identität und so viele Opfer, die gebracht wurden, um das Leben all dieser Kinder zu retten. Unser Weg ist auf einem guten Weg. Wort und Bild vereint im Gedenken. Das haben wir mit Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti gemeinsam. Folgt uns.

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit Erikas Geschichte von Ruth Vander Zee und Roberto Innocenti in Verbindung stehen.

Erikas Geschichte und die Bücherkette auf AstroLibrium

Erikas Geschichte und die Bücherkette auf AstroLibrium

Die Insel von Armin Greder – Ein Buch, das Leben retten kann

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

„Am Morgen fanden die Inselbewohner einen Mann am Strand,
da wo Meeresströmung und Schicksal
sein Floß hingeführt hatten.
Er stand auf,
als er sie kommen sah.

Er war nicht wie sie.“

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Diesen gestrandeten Mann, der vom Schicksal an den Strand „unserer Insel“ gespült wurde, sehen wir gerade tausendfach in allen Medien. Er ist alles: Kind, Bruder, Frau, Mann, Schwester, Greis und Baby. Aber vor allem ist er eines: Mensch. Unbewaffnet, nackt, abgemagert und fern seiner Heimat. Und sofort fühlt er sich wie ein Fremder, wie eine Gefahr auf der rettenden Insel. Diese Erkenntnis reift schnell.

Er war nicht wie sie.

Als ich das Bilderbuch „Die Insel“ von Armin Greder aufschlug, durchzuckten mich viele Gedanken. Ich fühlte sofort, dass mir die Geschichte dieses Mannes einen Spiegel vor Augen halten würde, der tagesaktueller und brisanter nicht sein kann. Ich spürte, wie sich das Schicksal aller Flüchtlinge dieser Welt zu einer abstrahierten Geschichte eines Einzelnen verdichtete, die das Geschehen der letzten Wochen derart eindringlich und emotionslos beleuchtet, dass ich mir immer wieder vorstellte, wenn es dieses Buch nicht gäbe, es müsste erfunden werden.

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder - AstroLibrium

Die Insel von Armin Greder – AstroLibrium

Wenn nur ein einziges Buch über Flüchtlinge jemals punktgenau im Bewusstsein des Lesers landete, dann dieses. Wenn ein Buch über das Schicksal eines Menschen in Not je den Kern der Realität abzubilden vermag, dann dieses. Wenn ein Buch über die glückliche Ankunft auf einer rettenden Insel jemals den Anspruch erheben darf, allen Flüchtlingen dieser Welt gerecht zu werden, dann dieses. Wenn es einem Buch gelingt, die soziologischen Automatismen von Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit so greifbar zu veranschaulichen, dass man sie beim Lesen aktueller Schlagzeilen immer vor Augen hat, dann diesem.

Er war nicht wie sie.

Dieses Anderssein reicht den Bewohnern der Insel aus. Es ist völlig ausreichend, sich hinter einer pauschalen Aussage und den gewachsenen Vorurteilen zu verstecken, um kollektive Ablehnungshaltungen zu erzeugen. Und doch gibt es in einer solchen verschworenen und geschlossenen Gemeinschaft immer wieder diese Gutmenschen, die an die Menschlichkeit ihrer Mitbewohner appellieren. Die versuchen, die Meinung zu ändern, Vorurteile abzubauen und dabei selbst riskieren, Kopf und Kragen zu verlieren.

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

Diese Gutmenschen sehen wir auch heute in allen Nachrichten. Sie sind es, die ebenso heftig beschimpft werden, wie die Flüchtlinge selbst. Sie sind es, die ebenso mit Vorurteilen konfrontiert werden, wie die hilflosen Menschen, die einfach nur Schutz und Essen suchen. Diesen Gutmenschen mag es gelingen, die Geschichte für einen kurzen Moment anzuhalten, ihr ein anderes Gesicht zu verleihen, eine Gemeinschaft davon zu überzeugen, einem notleidenden Menschen eine reale Chance zu geben. Doch letztlich haben sie immer das Gefühl, ebenso allein zu stehen, wie der Flüchtling für den sie sich einsetzen. Denn während der Gutmensch fast alles in die Waagschale wirft, um seine Menschlichkeit zu beweisen, werden im Hintergrund die Messer gewetzt.

Er war nicht wie sie.

Daran ändert der Gutmensch gar nichts. Integration und gemeinsame Wege müssen gewollt sein. Sie lassen sich nicht von humanistisch geprägten Minderheiten erzwingen. Im Hintergrund rasseln die Säbel, kursieren die üblen Gerüchte und werden die Bilder verbreitet, für die es zwar keinen Beleg gibt, aber Mobbing gegen Fremde ist so leicht. Und man steht so gut da in der tumben Masse.

Er war nicht wie sie.

Denn letztlich reichen die Vorurteile und der Querschnitt aller Ablehnungen, um zu zeigen, wie die ach so sozial geprägte Gemeinschaft denkt, wie sie sich Fremdkörpern gegenüber positioniert und warum sie sich hinter der Angst versteckt, selbst etwas zu verlieren, wenn man einem anderen hilft. Der Gutmensch und der Flüchtling haben fast keine Chance gegen das dauerhafte Geschrei der Masse. „Ich habe nichts gegen ihn, aber…“ und „Da wo der herkommt sind doch alle kriminell…“ – Sätze, die nichts aussagen. Sätze, die unschuldig klingen, wie „Man wird doch noch sagen dürfen…“

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

Aber es sind Sätze, die jene Gewaltbereiten aufmuntern, tätig zu werden, weil sie sich schließlich im Konsens mit der Masse wähnen. Bilder, die uns heute nur zu bekannt vorkommen. Dieses Buch über eine Insel ist so zeitlos, wie man es sich nur wünschen darf. Es zeigt uns deutlich, auf welcher Seite wir nicht stehen wollen, aber auch, wie schwer es ist, sich zu erheben und zu den Anständigen zu gehören. „Die Insel“ ist ein episches Mahnmal für alle Flüchtlinge in der Geschichte der Menschheit, weil Flüchtlingsschicksale niemals anders aussahen. Nie waren sie willkommen, immer bestand die Gefahr, dass es ihnen besser gehen könnte als den Menschen, die ihnen Schutz gewähren.

Und wenn kein Gerücht mehr half, wenn alle Vorurteile versiegten, dann blieb immer noch das ewig währende “Er war anders als sie“.

Die Insel“ von Armin Greder wurde bereits im Jahre 2002 erstmals veröffentlicht. Der Sauerländer Verlag kommt mit dieser Publikation zum einzig richtigen Zeitpunkt auf den Markt, denn dieses Buch kann dabei helfen, dass die Mauern auf der Insel nicht zu hoch in den Himmel wachsen. Es kann dabei helfen, dass sie überwindbar bleiben und die wenigen Aufrechten Mittel finden, gegen die Automatismen der blinden Ablehnung eigene Automatismen der Menschlichkeit zu entwickeln.

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

Das sollte der beste Grund sein, jemandem zu helfen. Selbstlos, ohne Vorbehalte und in aller Aufrichtigkeit. Lest „Die Insel“ und schaut euch die unglaublichen Illustrationen an. Sie spulen ihren eigenen Film vor eurem geistigen Auge ab. Einen Film, den ihr gerade täglich seht. Und allein das Erkennen dieses einzelnen Schicksals lässt uns verstehen, was wir Menschen zu tun haben.

HELFEN….

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Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Initiative „Blogger für Flüchtlinge„. Hier werden Hilfsangebote und -möglichkeiten aufgezeigt, koordiniert und veröffentlicht. Es ist so leicht, die Augen nicht zu verschließen und aus einer Insel voller Mauern eine wahre Rettungsinsel zu machen.

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PS: Menschen, die sich in den letzten Tagen für Flüchtlinge einsetzen und ihnen helfen, werden in der medialen Öffentlichkeit als „Gutmenschen“ beschimpft. Hierbei bedient sich der dumpfe Mob eines Begriffes, der genau das Gegenteil dessen aussagen soll, was der Wortsinn hergibt. Ich lasse mich jedoch gerne als Gutmensch beschimpfen. Ich trage den Begriff in seinem wörtlichen Sinn vor mir her und weiß, wer mich beschimpft. Es sind die Gleichen, die auf der Insel die Mauern errichten und Flüchtlinge vertreiben.