Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

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Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Der Titel dieser Rezension beinhaltet schon alle Verunsicherungen, die mich beim Schreiben dieser Zeilen begleiten. Eigentlich sollte ein anderer Name dort auftauchen. Der Name des Autors, mit dem man dieses Buch in Verbindung bringt, wie man selten zuvor einen anderen Autor mit seinem Werk assoziiert hat. Antoine de Saint-Exupéry ist zum Synonym für den kleinen Prinzen geworden. Erwähnt man einen Namen zieht der andere automatisch mit ins Feld. Sie zu trennen, erscheint mir wie ein literarisches Sakrileg. Das erschwert meine Herangehensweise an ein Buch, das ich schon jetzt als absolutes Buchkunstwerk bezeichnen muss. Was jedoch die Fragen seiner Entstehung und der Philosophie, die dahintersteckt, nicht beantwortet.

Seit dem 1. Januar 2015 ist der kleine Prinz gemeinfrei. Mir gefällt dieser Begriff in keiner Weise. Vogelfrei klingt da vielleicht besser. Genau 70 Jahre nach dem Tod eines Schriftstellers besteht kein urheberrechtlicher Schutz mehr für eine Geschichte, die aus seiner Feder stammt. Im Rahmen des kreativen schöpferischen Wettbewerbs darf das geistige Eigentum nach Ablauf dieser Schutzfrist kostenfrei und ohne jeglichen Verweis auf den eigentlichen Urheber frei verwendet werden. Ja, wir könnten uns jetzt alle ganz gemütlich an die Schreibtische zurückziehen und unsere Varianten des kleinen Prinzen zu Papier bringen und veröffentlichen, ohne dabei auch nur im Geringsten das Original zu erwähnen. Wenn man nun bedenkt, dass „Der kleine Prinz“ mit über 140 Millionen verkauften Exemplaren zu den weltweit erfolgreichsten Büchern gehört, vielleicht sogar ein lohnenswerter Gedanke.

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Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Trennen wir jetzt also Antoine de Saint-Exupéry von seinem kleinen Prinzen. Ein Denkprozess, der mir nicht leichtfällt. Das muss ich voranschicken. Nur welchen Zweck kann es nun haben, sein Werk in neuer Form auf den Markt zu bringen? Lassen wir die rein finanziellen Aspekte mal ganz außer Acht. Haben wir es mit Neuinterpretationen zu tun, gar mit einer Hommage an den legendären Schöpfer oder bietet sich erstmals die Chance, ein in die Jahre gekommenes Werk neuen Lesergruppen zu erschließen? Hat „Der kleine Prinz“ in seinem ursprünglichen textlichen und bildlichen Gewand noch eine Relevanz für junge Leser, oder haben wir Erwachsenen ein Werk mystifiziert und damit eine fast schon sakrale Ebene gestaltet, die es für jede Kritik unerreichbar macht? Sind wir zu weit gegangen und haben das Buch denjenigen entfremdet, für die es eigentlich geschrieben wurde?

Haben wir es zu oft mit erhobenem Zeigefinger verschenkt, darum wissend, dass sein Inhalt nicht so leicht zu verstehen ist, wie wir es so gerne vorgeben? Haben wir es zugelassen, dass „Der kleine Prinz“ zum Jakobsweg der Literatur mutierte, den wir als sogenannte „Gutmenschen“ bis zum letzten Blutstropfen verteidigen? Haben wir Paulo Coelho und Saint-Exupéry zu einem transzendentalen Bündel geschnürt, das sich über so manche Glaubensrichtung erhebt? Und wie würde jener abgestürzte Pilot sein Buch heute schreiben, wenn er in die Herzen junger Menschen vorstoßen wollte. Sind seine Bilder noch zeitgemäß? Haben sie noch Aussagekraft oder könnte man sie im Kontext unserer Zeit aktueller gestalten? Wir leben in einer veränderten Gesellschaft. Könnte in diesem Zusammenhang der Kleine Prinz nicht mal transferiert werden?

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Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo (erschienen im Mixtvision Verlag) aufschlug. Eine sehr ambivalente Gefühlswelt begleitete mein Lesen, mein Betrachten der Illustrationen und mein Staunen über ein erzählendes Bilderbuch aus der Feder dieses kongenialen Duos, das schon mit „Die große Wörterfabrik“ und „Die Schneiderin des Nebels“ für Furore gesorgt hat. Ich bin ein großer Fan ihrer Werke. Ich habe sie oft verschenkt und an den Reaktionen junger Menschen bemerkt, wie tief sie berührt wurden. Und jetzt ein echtes literarisches Wagnis unter veränderten Rahmenbedingungen. Wo setzen diese beiden Buchkünstlerinnen an? Was verändern sie? Wo entsteht etwas Neues und was verbleibt von der Ursprungsfassung? Ist es eine Hommage? Öffnen sie jungen Lesern die Tür zu einer Geschichte, die so langsam anzustauben drohte?

Ich zuckte zurück. Blätterte hin, blätterte her, suchte, fand nicht. Eine Hommage? Nein. Dazu müsste man den Urschöpfer erwähnen. „Nach dem Original von…“ oder „In Anlehnung an…“ oder zumindest „Frei nach…“! Aber nein. Antoine de Saint-Exupéry wird im Bilderbuch mit keiner Silbe erwähnt. Und auch der Untertitel des Buches lässt keine Rückschlüsse zu:

Nacherzählt von Agnès de Lestrade
Illustriert von Valeria Docampo

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Der kleine Prinz von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Allein der Begriff „Nacherzählt“ lässt auch darauf schließen, dass in rein textlicher Hinsicht kein Neuland zu erwarten ist. Auch Neuübersetzungen scheuen davor zurück, die weltbekannten Zitate zu verändern, weil ja gerade sie auf immer und ewig für einen hohen Wiedererkennungswert stehen. Klingt wenig konsequent, wenn ich ein Buch neu interpretiere, oder eine Variante veröffentliche, die nur noch an das Original angelehnt scheint. Und so findet man auch in dieser Nacherzählung, was zu erwarten war:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut.
das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

„Du bist für immer verantwortlich für das,
was du dir vertraut gemacht hast.
Du bist für deine Rose verantwortlich.“

„Was bedeutet zähmen?“
„Es bedeutet sich vertraut miteinander machen und anzufreunden.“

Und so finden sich neben diesen uns so sehr ans Herz gewachsenen Zitaten auch die Wegbegleiter wieder, die dem kleinen Prinzen auf seiner Reise begegnen. Hier wird auf die traditionellen Begriffe gebaut. Der Geograf, der Laternenanzünder, der Eitle und der König. Der Trinker und der Geschäftsmann, ein Fuchs, die gelbe Schlange und ein notgelandeter Pilot in der Wüste Sahara. (Ja, wir wissen, um wen es sich handelt.) Hier entspricht der Inhalt der Beschreibung auf dem Cover. Eine Nacherzählung, verkürzt in ihrer Ausführlichkeit, kindgerecht strukturiert und angeordnet, aber eben sprachlich in der Tradition des Originals. Kein Neuland, was auch Liebhabern der Urfassung gefallen dürfte. Auch Rosenliebhaber kommen auf ihre Kosten.

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Und bildlich? Was ist mit den Illustrationen? Neuland? Eine ganz neue Welt? Was hat Valeria Docampo aus den kleinen Zeichnungen aus der Feder von Antoine de Saint-Eyupéry gemacht? Hier erhebe ich mich, rufe laut Bravo und Da Capo, blättere hin und her und staune mir die Augen aus dem Kopf. Ein neuer Kosmos voller Wärme erwartet diejenigen Menschen, die sich auf dieses Buch einlassen. Die alten sympathischen und doch eher amateurhaften (bitte verzeihen Sie mir, Antoine) Zeichnungen haben nie die Ebene der Geschichte erreicht. Womit man heute keinen Erstleser mehr begeistern und fesseln kann, ist hier eine visualisierte Dimension entstanden, die alles Bekannte hinter sich lässt. So liebevoll, detailverliebt und voller Zuneigung zu den Charakteren führt uns Valeria Docampo in ihre Welt des kleinen Prinzen.

Ein Meilenstein, der nicht mit dem Original bricht, sondern es auf eine Ebene hebt, die zeitgemäß und zugleich traditionell erscheint. Farben, Schattierungen und die Mimik der Charaktere strahlen in einer Pracht die nur einer großen Geschichte innewohnt. Ich hatte viel von diesen Illustrationen erwartet. Nach meinem Empfinden haben sie all das übertroffen, was für mich denkbar war. Und selbst wenn Antoine im Buch nicht erwähnt wird, Valeria Docampo hat ihn gezeichnet. Ja, auch so kann man einer Hommage im 21. Jahrhundert Ausdruck verleihen. Ich sehe die Entwicklung der Gemeinfreiheit nicht unkritisch. Ich stehe zu den Aspekten, die mich verunsichern. Eine Entwicklung, die im Lauf der Jahre nicht immer diese erfreuliche Richtung einschlagen muss. Und doch:

Seinen Namen nicht mehr zu erwähnen ist für mich ein literarisches Sakrileg!

Meine Herzensempfehlung für die Hintergründe zum Originalbuch ist ein Bilderbuch, in dem selbst ich noch sehr viel gelernt habe: „Der Pilot und der Kleine Prinz“ aus der Feder von Peter Sis. Meine Rezension ist experimentell. Mein Dialog mit dem kleinen Prinzen ist vielleicht gewagt. Manchmal jedoch muss man sich einfach trauen.

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Der kleine Prinzvon Agnès de Lestrade und Valeria Docampo
Mixtvision Verlag / 56 Seiten / illustriert / Übersetzt von Anna Taube / 15 Euro

Das Theater von nebenan von Sonja Danowski [Bilderbuch]

Das Theater von nebenan von Sonja Danowski - Astrolibrium

Das Theater von nebenan von Sonja Danowski

Es gibt Illustratoren/-innen, die man schon auf ersten den Pinselstrich erkennt. In der kleinen literarischen Sternwarte genießen Bilderbücher einen hohen Stellenwert. Im Kontext meiner Schwerpunktthemen wähle ich gerne solche Bilderbücher aus, die nicht nur unterhaltsam, sondern zugleich lehrreich sind. Ich suche nach Botschaften und der Moral in der Geschichte. Dabei ist mir eine Bildgestalterin besonders aufgefallen. Ihren Stil erkennt man wieder. Ihre Art und Weise, optische Akzente zu setzen hebt sich sehr deutlich von üblichen Kinderbuchzeichnungen ab. Als ich einen ersten zaghaften Blick auf „Das Theater von nebenan“ warf, war mir wieder alles klar. Ich erkannte ihr Werk.

Sonja Danowski. Ich lag richtig. Unverkennbar ist ihre Kunst, unverkennbar ist die Art und Weise, wie sie ihren Illustrationen Leben einhaucht. Die gezeichneten Menschen in diesem Bilderbuch haben eigene Charaktere, wirken nah, sympathisch, verletzlich und zutiefst real. Ich hatte dieses Gefühl schon im Bilderbuch „Oma trinkt im Himmel Tee“ von Fang Suzhen und eben Sonja Danowski, erschienen im NordSüd Verlag. Ging es hier noch um den Tod eines geliebten Menschen aus der Sichtweise eines Kleinkindes, so entführte uns wenig später „Der Anfang“, erschienen im Bohem Verlag erneut in ein Szenario, in dem Kinder Trost und eine große Portion Hoffnung benötigen. In eine Zeit nach dem Krieg.

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Das Theater von nebenan von Sonja Danowski

„Der Anfang“ beginnt mit dem Ende. Die Geschichte beginnt genau dort, wo wir alle zeitlos und unabhängig von allen Rahmenbedingungen des Lebens bei Null anfangen müssen. In einer Zeit, die in allen Regionen dieser Welt für alle Menschen identisch ist. In einer Zeit nach der Zerstörung, nach dem Desaster. Einer Zeit, in der es kein Hoffen gibt. Einer Zeit, in der es schwer ist daran zu glauben, dass nach dem Ende der Gewalt je wieder etwas Neues entstehen kann, das nach Leben schmeckt. Es ist die Tristesse der Nachkriegszeit, die „Der Anfang“ beschreibt, erzählt und fühlbar macht.

Der Anfang beginnt mit dem Ende und doch gelingt es Paula Carballeira und Sonja Danowski im Zusammenspiel von Text und Bild eine Atmosphäre zu erzeugen, die uns davon überzeugt, dass die Hoffnung dieser Welt in den Kindern verborgen liegt. Ich bin ihr in beide Bücher gefolgt und betrachte sie als äußerst relevant, wenn man versucht, junge Menschen auf den richtigen Weg zu begleiten. Doch nun ist vieles anders. Es ist nicht mehr „nur“ die Illustratorin Sonja Danowski, die auf dem fröhlich bunten Cover des neuen Bilderbuches aus dem Bohem Verlag aufgeführt wird. Sie ist nicht mehr „nur“ die optische Komponente eines Werks, sie ist auch die Erzählerin. Wort und Bild aus einer Hand. Ich war gespannt, ob ich auch die Erzählerin der Geschichte mögen würde.

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Das Theater von nebenan von Sonja Danowski

Sie wirkt befreit, ihr Bilderbuch wirkt befreit, losgelöst und auf einem neuen Level angelangt. Es ist nicht mehr die Schwere einer staatstragenden Botschaft, die hier ihre Feder lenkt. Sie widmet sich einem Thema, das völlig frei ist von den Problemen, deren Ursachen für Kinder schwer zu verstehen sind. Sie spielt mit unserem Alltag, sie erzählt das Banale und hebt es über den Status des Unwichtigen heraus. Wenn wir Kinder mit Themen wie Verlust und Krieg, Ausgrenzung und Mobbing, Rollendenken und Gender-Orientierung konfrontieren, treten vielleicht Themen in den Hintergrund, die ihnen mehr am Herzen liegen, als alles anders. Sonja Danoswki lässt die Kinder wieder spielen. Ein in sich ruhendes Bilderbuch für beschwingte Tage und gemeinsame Stunden spielt sich in die Herzen spielender Kinder.

Man kann ihr leicht folgen. Man kann der Geschichte leicht folgen. Sie stellt in den Mittelpunkt, was oft ignoriert wird. Sie widmet sich dem Gemeinsamen, dem Spielen im Großen. Im Verbindenden unterschiedlicher Spielzeugwelten und den Kompromissen, die Kinder täglich eingehen, um in der Schnittmenge der Unterschiede neue Welten zu entdecken, liegt nun der Zauber einer Geschichte. Der Zauber eines Theaters, das für seine kleinen und großen Betrachter und Leser die Pforten öffnet. Eine Geschichte, die nicht überfrachtet ist. Sie stellt einzig das kleine Problem in den Mittelpunkt, wie Jungs und Mädchen ihre Spielwelten miteinander verbinden können. Kein Drama, keine tiefen Zerwürfnisse, keine großen Verwerfungen. Einfach die Idee, wie aus dem Theater von nebenan eine Manege des gemeinsamen Spielens werden kann. Technikspielzeug in Verbindung mit Spielzeugpuppen. Verbündet euch. Spielt gemeinsam und genießt mal ein Bilderbuch, das farbenfroh, unterhaltsam und einfach nur schön ist.

Das Theater von nebenan von Sonja Danowski - Astrolibrium

Das Theater von nebenan von Sonja Danowski

Natürlich kann man auch hier mehr reininterpretieren. Dafür ist Raum genug. Sonja Danowski gelingt es auch hier unter der Oberfläche eine kleine Saat keimen zu lassen, die ihre indirekte Wirkung schnell entfaltet. Jungenspielzeug und Mädchenspielzeug als Barriere des gemeinsamen Spielens. Klischees und Rollenmuster. All das finden wir im Herzen dieser Geschichte. Ich mag das nicht zu sehr in den Vordergrund stellen. Einer aufmerksamen Leserschaft fallen diese Botschaften ins Auge, aber sie überlagern das Bild nicht, das sie zeichnet und erzählt. Gerade in Familien mit Jungs und Mädels kann dieses Bilderbuch zu mehr Gemeinsamkeit im Spielen führen. Und das ganz ohne den erhobenen Zeigefinger, den man gerade überall in der Welt der Erziehung findet.

Vorhang auf für das Theater von nebenan. Ein Bilderbuch frei von Ballast. Dafür aber ein Bilderbuch mit hohem Spiel- und Wiedererkennungswert. Ich werde es in „meinem“ Kinderheim St. Alban beheimaten. Da gehört es hin. Genau hier sind Impulse für gemeinsames Spielen so wichtig. Manege frei…Die Bühne gehört euch…

Das Theater von nebenan von Sonja Danowski - Astrolibrium

Das Theater von nebenan von Sonja Danowski

Bilderbuchwelten bei AstroLibrium

„Everest“ von Sangma Francis und Lisk Feng

Everest - Das Bilderbuch - AstroLibrium

Everest – Das Bilderbuch

Bilderbücher erzählen große und kleine Geschichten, indem sie das geschriebene Wort durch das Medium der kindgerechten Illustration ergänzen und vertiefen. Sie sind Impulse für die kindliche Fantasie. Dabei vereinfachen die Autoren und Gestalter dieser Bilderbuch-Welten ihre Botschaften so sehr, dass sie im gemeinsamen Betrachten und Lesen ihre Magie entfalten können, da ihre Werke leicht verständlich sind. Auf diese Art und Weise erschließen sich dann den jüngsten Lesern selbst komplexere Sachverhalte. Bilderbücher sind mehr als nur Ablenkung und reine Unterhaltung. Sie sind der Einstieg in die große Welt der Bücherliebe und bestimmen oftmals den weiteren Leseweg eines Menschen. Manchmal vermitteln sie sogar mehr Wissen, als man ihnen auf den ersten Blick zutraut.

Shackletons Reise von William Grill - astrolibrium

Shackletons Reise von William Grill

Ein Musterbeispiel für ein Bilderbuch, das sich zum kindlichen Standardwerk der großen Polarexpeditionen erhebt, ist „Shackletons Reise“ von William Grill.

Dem Autor gelingt mit diesem Buch ein großer Wurf im Bilderbuchland. Er erzählt nicht nur eine wahre Geschichte, er weckt die Abenteuerlust und öffnet uns die Augen für drohende Gefahren. William Grill begeistert mit einer kindlich abstrakten Detailtreue seiner Illustrationen, die den jungen Betrachtern Raum gibt, sich in sie hineinzudenken und selbst Teil der Besatzung zu werden. Planänderungen werden erklärt, Krankheiten und Fachbegriffe in einem Glossar erläutert und selbst das Überleben im Inneren eines umgedrehten Rettungsbootes wird anschaulich erklärt. Diese erzählenden Bilderbücher sind Initialzündungen für den kindlichen Geist. Sie fördern das Denken und bewegen in ihrer spielerischen Komplexität mehr, als man sich vorstellen kann.

Everest - Das Bilderbuch - AstroLibrium

Everest – Das Bilderbuch

Ich habe lange nach einem neuen Bilderbuch gesucht, das diesem hohen Anspruch gerecht werden könnte. Ich lese gemeinsam mit Kindern, ich bin dankbar, wenn sie aus sich heraus und inspiriert durch solche Bücher eigene Transferleistungen erbringen, die ihrem Alter vielleicht noch gar nicht entsprechen. Ich bin fündig geworden. Erneut beim NordSüd Verlag und erneut in einem großformatigen Bilderbuch, das in seinem Design sehr an William Grill erinnert. Und noch dazu bin ich fündig geworden in einem Thema, das mich seit Jahren intensiv beschäftigt. Es ist der Mount Everest. Das Dach der Welt. Es ist die Faszination, die vom höchsten Berg der Erde ausgeht, es sind Gefahren und Risiken, die ihn so geheimnisvoll machen und nicht zuletzt ist es die Frage, wie weit der Mensch gehen darf, um die Natur zu bezwingen.

Everest“ von Sangma Francis und Lisk Feng ist meine Bilderbuchentdeckung des Jahres, wenn es darum geht, neben der reinen Unterhaltung existenzielles Basiswissen zu vermitteln. Lehrreich, spielerisch, komplex, ökologisch, historisch, unterhaltsam und facettenreich kommt dieses Bilderbuch daher. Ein kolossaler Berg in buntem Gewand. Und das in einem Jahr, in dem sich die Erstbesteigung des Chomolungma, der Mutter des Universums, zum 66 Mal jährt. Dieses Bilderbuch wird dem Mythos „Everest“ mehr als gerecht. Man darf den Berg im Himalaya als Naturwunder bestaunen, man darf die Bergsteiger und ihre Helfer bewundern. Man darf sogar davon träumen, sich selbst der Herausforderung eines Gipfelsturms zu stellen. Träumen darf man. Das Bilderbuch ruft jedoch eher dazu auf, woanders nach Zielen zu suchen, die der Natur nicht schaden. In jeder Sehnsucht gibt es einen unbestiegenen Berg. Jedes Kind hat seinen Everest. Der Everest im Buch ist so heilig, wie die Natur, die ihn ausmacht. Und so sollte er bleiben.

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Everest – Das Bilderbuch

Für die Autorin Sangma Francis ist der „Everest“ mehr als ein Berg. Sie reduziert ihn nicht nur auf das alpine Element oder die Herausforderung an Extremsportler. Hier erweitert das Buch den Horizont und beschreibt eine Region, ihre Menschen, die Flora und Fauna am Fuß des Mount Everest und die religiösen und mythologischen Faktoren, die das Massiv so wichtig für die Menschen machen. Legenden bis hin zum Yeti finden ihren Platz in diesem Bilderbuch. Aber natürlich ist es auch der Mensch, der nicht aus Nepal stammt, der Mensch, den die Höhe des Gebirges magisch anzieht, der Mensch, der Unmenschliches leistet, um ihn zu bezwingen. Doch wozu? Was bringt es, diesem Mythos die Faszination zu rauben, indem man ihn einem Massentourismus zugänglich macht? Sangma Frances findet die richtigen Themen rund um den Everest. Sie findet die richtigen Worte, um jüngsten Lesern ans Herz zu legen, was ihr am Herzen liegt. 

Und sie fand mit Lisk Feng die richtige Illustratorin, die alle Facetten des Everest in ganz eigenen, abstrakt vereinfachten, und doch brillanten Zeichnungen mit Leben füllt. Wort und Bild gehen hier Hand in Hand und bilden eine magische Seilschaft, die bis in die höchsten Höhen aufzusteigen vermag. Vom Fuß des Gebirges bis zu seinem Gipfel in 8848 Metern Höhe. Doch wenn man plötzlich Lust bekommt dieses Abenteuer selbst zu wagen, dann blenden Autorin und Illustratorin im kongenialen Zusammenspiel Bilder ein, die nachdenklich machen und abschrecken. Müll auf dem Everest. Menschen über Menschen, vereint zu endlosen Kolonnen, die in den idealen Zeitfenstern versuchen, in Reichweite des Gipfels zu gelangen. Rushhour am Berg. Selten so veranschaulicht und selten so abschreckend beschrieben. Die Botschaft ist klar: Lasst ihn in Ruhe! Gebt ihm seinen Frieden. Ihr zerstört den heiligen Berg.

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Everest – Das Bilderbuch

In vielfacher Hinsicht ein grandioses und lehrreiches Buch. Es schmälert nicht den menschlichen Erfindungsreichtum, die Leistungen der Bergsteiger, die ihn als Pioniere bezwangen, die traurigen Schicksale der Verschollenen und Gescheiterten. Es hebt in besonderer Weise die Fähigkeiten der Sherpas hervor, ohne die Expeditionen niemals möglich gewesen wären und waren. Das Buch versetzt seine kindlichen Betrachter mit Detailreichtum in die Lage, sich genau vorstellen zu können, was man benötigt, um es bis zum Gipfel zu schaffen. Eine Liste der Ausrüstungsgegenstände findet sich ebenso im Buch, wie wichtige Hinweise über Sauerstoff und die Fähigkeiten, über die man als Bergsteiger verfügen sollte, um sein Ziel zu erreichen.

Darüber hinaus wird unser Augenmerk jedoch deutlich auf den Klimawandel und das ökologische Gleichgewicht in dieser Region gelenkt. Selbst für Erwachsene ist dieses Buch eine illustrierte Goldgrube, der es gelingt, auf 80 Seiten in die Tiefe seines verborgenen Schatzes vorzudringen. Und natürlich finden wir in der Ahnengalerie jener erfolgreichen Bezwinger des Everest auch Reinhold Messner, womit das Buch seinen Bogen in mein bisheriges Lesen spannt. Der „Absturz des Himmels“ beschäftigt sich zwar mit dem Matterhorn, ist jedoch für mich ein brillantes Werk des großen Meisters, das die Faszination der höchsten Berge nachvollziehbar macht.

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Everest – Das Bilderbuch

Die Todeszone kostet auch in diesem Buch ihre Opfer. Von Mallory und Irvine wird ebenso berichtet, wie von vielen weiteren gescheiterten Expeditionen. Ich habe mich in meinem Lesen bereits einer der größten Tragödien am Mount Everest angenähert und da ich ja kein Bergsteiger bin, habe ich mir Rat bei einer hochalpinen Kletterin gesucht. Gemeinsam haben wir die Bücher verglichen, die sich mit der Katastrophe vom 10. Mai 1996 beschäftigen, bei der alleine acht Bergsteiger ihr Leben verloren. Buchsicht und Bergsicht. So haben wir diesen Vergleich genannt. Jon KrakauersIn eisige Höhen“ steht im Mittelpunkt dieser Betrachtung. Die Seilschaft der Bücher setzt sich aus jenen Berichten zusammen, die Überlebende dieses schwarzen Tages verfasst haben. Hier gelangen Sie zum Special: Gipfelsturm – Tod in eisigen Höhen – Eine Reportage.

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Everest – Eine besondere Reportage

„Everest“ von Sangma Francis und Lisk Feng erhält einen Ehrenplatz in meinem „Everest-Bücherregal“. Ökologischer, multikultureller und inhaltlich facettenreicher ist mir bisher kein Bilderbuch über den Weg gelaufen. Großes Bilderbuch-Kino…

(Everest – Francis / Feng / NordSüd Verlag / 80 Seiten / Übersetzer: Harald Stadler / 20 Euro)

Everest - Das Bilderbuch - AstroLibrium

Everest – Das Bilderbuch – AstroLibrium

Und schon geht es mit der Schlagintweit-Expedition zurück zum Himalaya.

„Die Wahrheit über Monster“ von Tim Dowling

Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling - AstroLibrium

Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling

Man kann es ja mit den Ängsten unserer Kleinsten halten, wie man will. Man kann sie ignorieren, herunterspielen, sich darüber lustig machen, oder sie ernstnehmen. Sie wirken sich jedoch nicht nur belastend auf Kinder aus, sondern verkomplizieren unsere Vorstellung vom ganz normalen Alltag. Eltern können mehrere Lieder davon singen. Es sind schlaflose Nächte an der Seite des verängstigten Nachwuchses, es sind Nächte in denen das eigene Bett von bibbernden kleinen Wesen erobert wird und Abende, die es in sich haben, weil es nicht gelingt, den eigenen Kindern glaubhaft die Ängste davor zu nehmen, das Kinderzimmer sei voller schrecklicher Monster…

So wird das Einschlafen zur Qual. Es gibt nun viele Möglichkeiten, sich mit der Angst auseinanderzusetzen. Sie einfach zu ignorieren hilft nicht weiter. Also greift man zu den bewährten Hausmitteln, beschwichtigt, verharmlost und als letzte Eskalationsstufe geht man dazu über, den Kleinen Lügen aufzutischen. Richtig gelesen. Lügen. Das reicht im Allgemeinen, um sie zu beruhigen. „Es gibt keine Monster. Du kannst ganz beruhigt im Dunklen schlafen. Nachts ist noch nie was passiert. Das sind ganz normale Geräusche. Keine Angst.“ Kennen wir alles, weil wir es in unserer Kindheit selbst gehört haben. Und jetzt schmunzeln wir über die Ausflüchte unserer Eltern und retten uns in vergleichbare Verhaltensmuster.

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Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling

Monsterpulver wird gekauft. Das Kinderzimmer wird mit magischen Abwehrritualen in Nullkommanichts zur monsterfreien Zone erklärt und das abendliche Einschlafritual wird zur Nervenprobe für alle Beteiligten. Dabei gibt es weitere Möglichkeiten, sich mit Angst auseinanderzusetzen. Bücher. Gemeinsames Lesen, pädagogisch wertvolle Tipps und Denkimpulse, die gerade in Bilderbüchern besser funktionieren, als in der Realität. Hier finden wir unterschiedliche Wege, die dem Nachwuchs Auswege aus ausweglosen und beängstigenden Situationen aufzeigen. Man muss nur den richtigen Weg wählen. Zwei denkbar gute Alternativen möchte ich vorstellen. Zwei Varianten der Angstbewältigung, die aus meiner Sicht gute Chancen auf Erfolg haben.

MONSTA“, geschrieben von Dita Zipfel und illustriert von Mateo Dineen, ist vom Tulipan Verlag als rezeptfreie Therapie für Monsterängste aller Art in Umlauf gebracht worden. Ich habe dieses Bilderbuch bereits vorgestellt. Es basiert auf dem Ansatz, den Kindern gegenüber zuzugeben, dass es durchaus Monster gibt. Nur eben nicht hier bei ihnen. Dazu liegt dem Buch gar ein handschriftliches Kündigungsschreiben von Monsta bei, mit dem sich leicht nachweisen lässt, dass die Luft endgültig rein ist. Ich mag diese Idee. Ich mag die Vorstellung vom gelangweilten Monster, das frustriert abhaut und sich auf die Suche nach ängstlicheren Kindern macht. Ob diese Methode jedoch immer hilft, muss der Praxistest erweisen.

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Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling

Ein anderer Denkansatz stammt aus der Feder von Tim Dowling, der Kindern Die Wahrheit über Monster erzählt. Auch hier haben wir es mit einem Bilderbuch zu tun, in dem Text und Illustrationen Hand in Hand gehen, um das Leben der kleinsten Leser zu erleichtern. Beiden Werken ist der philosophische Ansatz gemeinsam, die Existenz solcher Monster nicht einfach zu leugnen. Kinder werden ernst genommen, ihre Ängste werden nicht heruntergespielt, man zeigt eben nur auf, wie man jene Monster besiegen kann. Entweder, wie bei „Monsta“, indem man einfach zu tapfer und mutig war und das gruselige Wesen sich gelangweilt vom Acker gemacht hat, oder, und das ist der Ansatz von Tim Dowling, indem man den Kindern zeigt, wie Monster wirklich gestrickt sind.

Hier kommt die kleine Luna ins Spiel. Tja, und wie es so ist im richtigen Leben, ist es das kleine Mädchen, das eigentlich das wahre Monster im Haus ist. Sie ist ungezogen, frech und hat es faustdick hinter den Ohren. Und sie hat eines ganz sicher nicht: Angst vor Monstern. Sie freut sich sogar, wenn sie den Unwesen begegnet. Aber wie groß ist ihre Enttäuschung, als sie feststellen muss, wie wohlerzogen, brav und ängstlich diese Gesellen doch in Wirklichkeit sind. Dagegen ist jedes kleine Kind ein Schreckgespenst. Hier hält der Autor unseren Kindern auf sehr sympathische Art und Weise den Spiegel vors Gesicht und stellt ganz offen die Frage, wer denn eigentlich schlimmer ist. Unsere lieben Kleinen oder die größten Fantasiemonster, die man sich nur vorstellen kann.

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Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling

Ein greifbarer Ansatz, wissen wir doch selbst, wozu unsere Kleinen fähig sind. Es macht Spaß, „Die Wahrheit über Monster“ zu erfahren und die Lehren dieses Buches ins eigene Leben zu übertragen. Der Ansatz ist pädagogisch wertvoll, weil wir uns nicht über die Ängste lustig machen, sondern viel eher darüber nachdenken, wie schlimm ein Monster wirklich sein kann. Und während bei „Monsta“ das gefrustete Schreckgespenst das Haus verlässt, ziehen kleine und große Monster bei Luna im Zimmer ein. Sie finden ein neues Zuhause. Sie sind brav und jagen niemandem einen Schrecken ein. Sie sind alles andere als frech. Jetzt haben sie ihre kleine Lehrmeisterin vor Augen. Luna kann ihnen sicher einiges beibringen.

Die Zeiten des Monsterpulvers sind vorbei. Zwei, im Ergebnis sehr unterschiedliche Bücher können für ruhige Nächte in vielen Kinderzimmern sorgen. „Monsta“ macht die Bude monsterfrei und „Die Wahrheit über Monster“ (Bohem Verlag) sorgt dagegen für einen Zuwachs an freundlichen und harmlosen Monstern unter dem Bett. Beide Bücher nehmen die Angst, anstatt sie zu leugnen. Beide Bilderbücher nehmen die Ängste ernst und spielen sie nicht herunter. Es ist der Umgang mit der eigenen Angst, den wir hier in spielerischer Art und Weise lernen und vermitteln können. Wer also wieder einmal eine ruhige Nacht ohne verängstigte Kinder erleben möchte, der sollte zu einem Bilderbuch greifen. Erstens ist der gemeinsame Spaß vorprogrammiert und zweitens gibt es nichts Schöneres als ein befreites Kinderlächeln beim Einschlafen…

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Die Wahrheit über Monster von Tim Dowling

Man kann den Versuch ja schon zum Weihnachtsfest wagen. Eines dieser beiden Bilderbücher würde sich gut auf dem Gabentisch machen. Beide zusammen sollte man jedoch nicht verschenken. Sie widersprechen sich doch zu sehr in der Lehrmeinung. So ist es ja immer in der Monster-Wissenschaft. Frohes Fest. Mit oder ohne Monster.

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„Die Schneiderin des Nebels“ bringt Sonne ins Lesen

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Nochmal!

So endet eine der wundervollsten illustrierten Geschichten meines Lesens. Eine Geschichte, die in einem traumhaften erzählenden Bilderbuch tiefe Spuren in meinem literarischen Gedächtnis hinterlassen hat und seitdem noch oft durch meine Gedanken mäanderte. „Die große Wörterfabrik“ von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo hat uns auf beeindruckende Art und Weise vermittelt, wie man mit nur wenigen Worten eine komplexe Denkwelt verändern kann. Der Wert der Wörter und die Fähigkeit, auch mit scheinbar wertlosen Begriffen Herzensdinge formulieren zu können, sind Parameter einer kleinen Geschichte, die so sympathisch geschrieben und gezeichnet ist, dass sie sich auf direktem Wege ins Leserherz schleicht.

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Ich habe kein anderes Buch so oft verschenkt, wie dieses. Die Reaktionen auf das Buch waren vielfältig. Ungläubiges Staunen, freudiges Jauchzen und heftiges Blättern. Eine Endlosschleife des Lesens wurde durch das letzte Wort der Geschichte ausgelöst. „Nochmal“. Jetzt kann es gelingen, dieses kleine große Buchkunstwerk aus der Hand zu legen und eine neue Welt des genialen Duos de Lestrade & Docampo zu betreten. Eine perfekte Symbiose aus Text, Gestaltung, Aussagekraft, Visualisierung, Illustration und Buchdesign führt uns einen großen Schritt weiter, als es „Die große Wörterfabrik“ noch vermuten ließ. Ein literarischer Evolutionsschritt der mich unverhofft in den Nebel einer wundervollen Erzählung eintauchen ließ. Ein Nebel, dem sich jeder Herzensleser aussetzen sollte, um wieder klarer zu sehen.

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Die Schneiderin des Nebels“ (Mixtvision Verlag) ist der neue große Wurf der Autorin Agnès de Lestrade und ihrer kongenialen Illustratorin Valeria Docampo. Wir werden verführt, entführt, berührt und finden uns in einer metaphorischen Geschichte wieder, in der sich junge und ältere Leser und Betrachter gleichermaßen heimisch fühlen. Es sind tiefe Botschaften, die sich auf den ersten und zweiten Blick erschließen, es sind große Gefühle, die eruptiv ausgelöst werden und es ist das bleibende Gefühl von Schönheit, das sich in uns verankert, wenn wir das Buch beiseitelegen. Wenn das so einfach wäre.

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Die kleine Rosa hat ein ganz besonderes Talent. Sie fängt am frühen Morgen Nebel ein. Mit einem großen Schmetterlingsnetz gelingt es ihr, einen Nebelsack zu füllen und ihren milchig schimmernden Fang am Spinnrad in Fäden zu verwandeln und schließlich Stoffe zu weben, die so einzigartig sind, dass sie einen reißenden Absatz finden. Dabei sind ihre Schleier, Teppiche und Kleidungsstücke so flüchtig, dass Rosa sie von Zeit zu Zeit erneuern muss. Ihre Kunden verbergen unliebsame Dinge und Gefühle unter ihren Nebelkreationen, wie sie sich selbst und ihre Unzulänglichkeiten sehr gerne unsichtbar machen würden. Rosa`s Nebelgewebe werden zum dichten Schleier, der sich über die Wahrheit legt.

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

Ein Brief ihres Vaters ändert alles. Aus dem Nebelmädchen wird ein Sonnenkind. Die Nebel lichten sich und Wärme breitet sich im Buch aus. Die grauen Schleier, unter denen auch die kleine Rosa ihre unliebsamen Gefühle verborgen hat, lüften sich. Eine Geschichte, auf die man sich unbedingt einlassen sollte, wenn man nicht lebenslang mit Nebelschlusslicht navigieren möchte. Ein Buch, dem man Raum geben sollte, weil hier deutlich aufgezeigt wird, dass Licht, Wärme und Hoffnung stärkere Signale aussenden, als jedes Nebelhorn dieser Welt. Liebe kann sich nur ausbreiten, wenn es gelingt, den Nebel über unseren dunklen Gefühlen in alle Winde zu zerstreuen.

Die Schneiderin des Nebels – Agnès de Lestrade und Valeria Docampo

„Die Schneiderin des Nebels“ ist ein Mehrgenerationen-Buch par excellence. Ein Buch, das in bester Tradition der großen Wörterfabrik steht und doch neue Wege geht. Transparente Seiten mit Texten haben sich über die Illustrationen gelegt. Beim Blättern entsteht der Wow-Effekt, den die Erzählung selbst nicht erreichen könnte. Wir legen die Illustrationen frei, die in ihren warmen Orange- und Gelbtönen die Grundstimmung des Buches symbolisieren. Pustet den Nebel weg, folgt Rosa zu ihrer eigenen Wahrheit und entdeckt dabei die Ursache für die Vernebelung ihrer Welt. Ein Familienbuch, das nicht flüchtig wirkt. Ein Vater-Tochter-Buch, das herzerweichend ist. Ein Buch für Familien, in denen Trennungen die Wärme zu verschleiern drohen. Eine Lichtgestalt in Buchform.

Und nochmal!

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