„Die Hexenholzkrone 1“ von Tad Williams – Osten Ard lebt

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

„Sie werden einander so eng verbunden sein, wie Bruder und Schwester nur sein können, obwohl sie viele Jahre getrennt leben werden. Sie wird Länder bereisen, die nie zuvor von einer Sterblichen betreten worden sind, wird verlieren, was sie am meisten liebt, und mit dem, das sie einst verachtet hat, ihr Glück finden… Er wird einen neuen Namen bekommen. Niemals wird ihm ein Thron gehören, aber seine Hand wird Königreiche erheben und stürzen.“

Diese Prophezeiung begleitet mich seit 1994. Es sind die Worte, die im letzten Band der „Osten-Ard-Saga“ von Tad Williams hoffen ließen, dass ich „Das Geheimnis der großen Schwerter“ am Ende noch gar nicht gelöst hatte. Diese geheimnisvollen Worte am Tag der Geburt der Zwillinge Deornoth und Derra, die Prinz Josua und seiner Frau Vara geschenkt wurden, schrieb ich mir ebenso auf, wie mögliche Handlungsstränge in der großen Saga, die vielleicht wieder aufgegriffen werden würden. Doch seit nunmehr 23 Jahren stehen sie als Relikte meines vergangenen Lesens in einem Notizbuch über eine Buchreihe, die ich in Gedanken nie verlassen habe:

Der Drachenbeinthron
Der Abschiedsstein
Die Nornenkönigin
und
Der Engelsturm

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Erst mit dem Erscheinen des Sequels Das Herz der verlorenen Dinge begann ich daran zu glauben, dass Tad Williams seine eigene Prophezeiung nie vergessen hatte und sich schreibend zurück nach Osten Ard begeben hatte. Ich wurde nicht enttäuscht. Und doch war diese Geschichte nicht so viel mehr als der bisher ungelesene Ausklang der großen Saga. Diese Geschichte beleuchtet lediglich, was am Ende der Kämpfe um den Thron auf dem Hochhorst weiter geschah. Sie schließt ein Kapitel ab, führt dabei ein paar neue, bisher unbekannte Charaktere ein und bleibt in sich geschlossen, ohne die Handlungsfäden von einst erneut miteinander zu verknüpfen. Und doch verbirgt sich viel mehr in diesem Buch, als man es auf den ersten Blick vermuten durfte.

Bedeutet doch sein Erscheinen auch das Erwachen der alten Legenden. Bedeutet es doch den ersten literarischen Fanfarenstoß, der die lang ersehnte Fortsetzung einer der größten Fantasy-Geschichten unserer Zeit ankündigt. Jetzt bin ich wieder in Osten Ard. Meine Notizen von einst erwiesen sich als eigene Prophezeiung meiner Hoffnung, dass nicht enden kann, was weltweit so viele Leser begeistert hatte. Ich bin zurück und folge Tad Williams in ein Land, das wir wohl beide niemals ganz verlassen haben. Sein literarischer Kunstgriff, der mich von der ersten Seite an begeistert, ist unbeschreiblich.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Die Hexenholzkrone 1“ – Hobbit Presse / Klett-Cotta

Fast ebenso viel Zeit wie ich auf diese Fortsetzung warten musste, ist auch in der Geschichte vergangen. Genau 30 Jahre nach der letzten Schlacht gegen die Nornen begegne ich einem Königspaar, dem ich ewige Gefolgschaft geschworen hatte. Simon und Miriamel, die ich zuletzt sah, als sie den Thron bestiegen. Ein ungleiches Paar und doch das ewige Sinnbild für unerschrockene Liebe, Kampfesmut, Treue und Güte. Seit 30 Jahren regieren sie nun schon. Den Frieden haben sie über Osten Ard gebracht und im Rückblick hat Bestand, was sie erschufen. Die Menschen sehen sie als:

Den König und die Königin. Sie sehen uns und wissen, dass alles ist, wie es sein soll, dass Gott weiter über sie wacht… Sie sehen, dass die Jahreszeiten kommen und gehen,… dass der Regen fällt und die Ernte wächst. Sie sehen, dass jemand da ist, der sie vor bösen Dingen, vor denen sie Angst haben, beschützt.

Tad Williams jedoch wäre nicht er selbst, wenn er nicht ganz genau wüsste, dass dieses Bild mehr als trügerisch ist. Er öffnet ein neues Kapitel, erschließt eine neue Saga, die genau bei dieser trügerischen Illusion von Sicherheit beginnt und ganz Osten Ard in den Untergang reißen würde, wären da nicht die Weggefährten aus alter Zeit, die sich dem drohenden Unheil gemeinsam entgegenstellen. Zugegeben sie sind ein wenig gealtert, ihre Knochen sind sehr müde, das Aufstehen fällt schwer, das Reiten gleicht einer Tortur, aber wir sollte niemals jene unterschätzen, die einst Helden waren.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Aber auch hier schöpft Tad Williams aus dem Vollen, indem er neue Charaktere in seinen Zyklus einbringt, die er so brillant beschreibt, als wären sie schon immer Teil der Legende gewesen. Er folgt den initialen Impulsen, die er in „Das Herz der verlorenen Dinge“ selbst gesetzt hat. Besonders interessant ist hier der Aspekt, dass die Nornen ihren Geburtenrückgang durch die Vermischung ihrer Art mit Menschen kompensieren und auf diese Weise Halbwesen erschaffen, die zu Kämpfern ausgebildet werden. Hier vermischt Tad Williams nicht nur das Blut. Hier lässt er mit Nezeru eine Frauengestalt entstehen, die halb Norne, halb Mensch, auch den Fortbestand der Saga entscheidend vorantreibt.

Dieser Mix aus Altem und Neuem macht die auf vier Bände angelegte Fortsetzung des Osten-Ard-Epos zu einem eigenständigen und beeindruckenden Werk. Es ist durchaus möglich, sich dieser Geschichte zu nähern, ohne die vorhergehenden Bände gelesen zu haben. Tad Williams lässt alles Wesentliche aus der Vergangenheit in seine neue Geschichte einfließen, ohne dabei allzu sehr zu repetieren. Für die gewachsenen Leser der Buchreihe allerdings ist es ein Muss, dort fortzusetzen, wo er einst endete. Es ist ein Hochvergnügen, Binabik, Eolair und Tiamak nach so vielen Jahren erneut treffen zu dürfen. Es ist beklemmend, sich von alten Gefährten verabschieden zu müssen und es ist brillant, die Geschichte des Nornen Viyeki weiterverfolgen zu können, nachdem wir ihn erst im „Herz der verlorenen Dinge“ kennengelernt haben. Tad Williams schließt alle Kreise. Er greift alle Handlungsfäden auf und spinnt neue und hochaktuelle Fäden hinzu.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams – Das Hörbuch

Und ja. Er bringt uns auf die Spur der Prophezeiung, die mich seit Jahren beschäftigt. Schon in der „Hexenholzkrone“ fühlen wir, dass wir den Zwillingen ganz nah sind und bereits im zweiten Teil dieser Reihe mit dem Titel „Die Hexenholzkrone 2“ werden wir ihnen ganz bewusst begegnen. Auch das Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag hat mich intensiv begleitet. Andreas Fröhlich ist DIE STIMME Osten Ards. Er ist der einzig denkbare Erzähler und sprachlich wandlungsfähige Chronist, der mir diese Geschichte aus Osten Ard erzählen darf. Ich denke, er hat inzwischen Nornenblut in seinen Adern. Das kann man hören, wenn er Viyeki spricht und die großen Gesänge des alten Volkes rezitiert.

Nun gilt es weiterzulesen und zu hören. Das erwartet uns unter dem Gesamttitel der Reihe „Der letzte König von Osten Ard“::

„The Witchwood Crown” = “Die Hexenholzkrone 1 und 2
„The Empire of Grass” = “Das Graslandimperium”

„The Navigator´s Children” = “Die Kinder des Seefahrers”

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams – So geht es weiter…

Was uns noch erwartet? Mein persönliches Highlight der Frankfurter Buchmesse. Hobbit Presse und Klett-Cotta haben ihn tatsächlich wahr werden lassen: Den Traum, Tad Williams exklusiv für Literatur Radio Bayern interviewen zu dürfen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich viele Fragen habe. Wir hören uns also von der Messe und es wird kein Solo-Interview, da ich von einer besonderen Bloggerin begleitet werde, die zu den ganz großen Osten-Ard-Fans gehört. Überraschung.

Tad Williams -Das exklusive Radio-Interview – Nur hier

Update – Nach dem Interview ist vor dem Lesen

Am Messe-Samstag der FBM17 war es dann soweit. Gemeinsam mit Giulia Vedda begrüßte ich Tad Williams zum Interview am Stand von Klett-Cotta / Hobbit Presse. Das komplette Interview könnt ihr euch HIER bei Literatur Radio Bayern anhören. Eine kleine Interviewkabine sorgte für ein wenig Abschirmung vor dem Messetrubel und wir konnten uns ganz auf unseren prominenten Gesprächspartner einlassen. Tad Williams ließ keine Frage offen und so wurde aus einem literarischen Gespräch in kleiner Runde ein umfassender Ausflug in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Osten Ard.

Ausgehend von der alten Prophezeiung, die diesen Artikel einleitet, ergründeten wir die Motive des Schriftstellers, die zur Fortsetzung der Saga führten, erfuhren, dass Tad seine eigenen „alten“ Bücher lesen musste, um die Details für die neue Reihe wieder in sein Gedächtnis zu rufen und wie wichtig es sein kann, gute Freunde zu haben, die hier mit Rat und Tat zur Seite standen, die man selbst nachts anrufen konnte, um zu fragen ob man einen bestimmten Charakter weiterentwickeln kann, oder ob er vielleicht schon irgendwo in Osten Ard begraben liegt. Neben diesen technischen Informationen waren es auch rein inhaltliche Fragen, die uns beschäftigten. Würde ich der Wölfin Quantaqa jemals wieder begegnen und wie wichtig sind die Mischlinge, wie Nezeru, für das neue Schreiben von Tad Williams?

Was unterscheidet seine Saga von Tolkiens Herr der Ringe“ und wie nah ist Osten Ard an den großen Themen unserer Zeit, wie Rassismus, Fake-News, Ausgrenzung und Gendering? Letztlich beantwortet er sogar Fragen nach seinem Lieblingsort in der Saga, ob er vergleichbare Fantasy-Bücher anderer Autoren selbst besser geschrieben hätte, was er für seine Zukunft plant und ob seine offenen Buchreihen, wie Tinker Farm fortgesetzt werden. Die Antworten werden den geneigten Leser frohlocken lassen. Und doch wächst angesichts meiner letzten Frage ein wenig der Zweifel in mir, ob es mir je vergönnt sein wird, das Ende der Osten-Ard-Saga zu erlesen. Wenn er sie wieder in 23 Jahren fortsetzt, werde ich wohl im Alter von 78 Jahren einen Vorleser benötigen.

Tad Williams im Kreuzverhör mit AstroLibrium und Giulia (Das Buchmonster)

Habt Spaß mit diesem Interview und folgt diesem Link zu Giulias Artikel über einen absolut grandiosen Moment in unserem Leseleben und eine Begegnung, die man nicht so schnell vergessen wird. Osten Ard… Wir kommen. Hier geht es weiter. 

Die Hexenholzkrone (2) von Tad Williams

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„Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Zum Update – „Nach dem Interview ist vor dem Lesen“ bitte nach unten scrollen

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Es gibt literarische Einladungen, die so verführerisch klingen, dass man sie kaum ausschlagen kann! „Auf ein Glas Champagner mit Lorraine Fouchet.“ Klingt das nicht nach einem prickelnden Literaturevent? Einer französischen Autorin in München begegnen, im kleinen und erlesenen Kreis und noch dazu in einer noblen Location, die es wahrlich in sich hat? In einer Champagner Boutique habe ich mich jedenfalls bis zum heutigen Tag noch nicht über gute Bücher unterhalten. Und wenn diese Einladung auch noch vom Atlantik Verlag stammt, dann gibt es nur eins: Die Buchkorken knallen lassen

Natürlich lebt ein Literaturabend nicht nur von der Location. Auch die Verheißung, leckere Spezialitäten vom Viktualienmarkt zur Stärkung vorzufinden, ist zwar schön, es ist jedoch im Schwerpunkt die Autorin, die hier mit ihrem Schreiben im Mittelpunkt steht und wie wir alle wissen: Wo kein Inhalt, da hilft auch der teuerste Schampus nichts. So ist das mit der Literatur. Da kann man auffahren, was man mag, schlechte Bücher und Schriftsteller ohne Ausstrahlung und Talent werden durch knallbuntes Geschenkpapier nicht zu Fixsternen am Bücherhimmel.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Also bin ich gespannt. Begebe mich ins „Champagne Characters und freue mich auf einen Abend mit Büchermenschen und einem Roman, der mich schon seit einigen Tagen durch mein Lesen begleitet. Und natürlich bin ich absolut gespannt auf Lorraine Fouchet. Eine Autorin mit einer außergewöhnlichen Vita, die sie mit ihrem Heimatland auf sehr besondere Weise verbindet. Eine Schriftstellerin, die auch noch in der Lage ist sprachliche Barrieren durch fast akzentfreies Englisch zu überbrücken. Und die Autorin des gerade beim Atlantik Verlag erschienenen Romans Ein geschenkter Anfang“.

Verwandeln wir also die prickelnde Champagner-Insel im Herzen Münchens in ein Leseerlebnis, das sich ebenfalls auf einer Insel abspielt. Auf der Île de Groix. Lorraine Fouchet hat sich diese Insel nicht zufällig ausgesucht. Dieses bretonische Eiland bietet alles, was ein guter Roman braucht, um in Schwung zu kommen. Sie ist klein, lauschig, malerisch und wird von Menschen bewohnt, die ihre Heimat gerne mit Fremden teilen, sich aber als Einheimische fast wie in einer geschlossenen Gesellschaft empfinden. Es müssen vier Grabplatten sein, die einer Familie auf dem Friedhof der Insel gehören, es müssen vier Generationen sein, die hier gelebt haben. Erst dann gehört man selbst auf der Île de Groix zu den Menschen, die hier wahrlich beheimatet sind. Dabei gehört die Insel niemandem. Man teilt sie. Es ist der große Respekt gegenüber der Natur, der hier Bretonen miteinander verbindet. Heimat schmeckt hier anders….

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Genau auf dieser Insel, die einer geschlossenen Gesellschaft gleicht, beginnt eine Geschichte eigentlich mit ihrem Ende. Wir lernen Lou viel zu spät kennen. Nach ihrem Tod führt ihre Beerdigung die Familie zusammen und der trauernde Ehemann Jo merkt vielleicht zu spät in seinem Leben, was es bedeutet, wenn die Frau auf die er immer ein wenig warten musste, sich nun viel zu früh aus dem Staub macht. Von seinen Kindern hat er sich entfremdet, ihre Leben sind für ihn nur Konturen. Schattenrisse. Und genau diese Schatten folgen nun dem Sarg zum Friedhof auf der Île de Groix.

Ein melancholischer und wehmütiger Anfang, der sich hier noch gar nicht wie ein Geschenk anfühlt. Und doch fühlt man sich als Leser sehr schnell, als würde man zur Familie gehören, als kenne man die Menschen hinter dem Sarg und wisse genau, wie sehr Lou diesem Familienverbund nun fehlt, war sie doch die Radnabe im Schwungrad des Lebens. Da ihr Tod nicht überraschend kam, zumindest nicht für sie selbst, hat sie sich einen besonderen Weg ausgedacht, die Risse in ihrer zerbrechenden Familie zu kitten. In ihrem Testament veranlasst sie ihren Mann, nun endlich seine erwachsenen Kinder als Vater wahrzunehmen, ihnen beizustehen und sie glücklich zu machen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Erst dann sei es ihm gestattet, ihren allerletzten Brief an ihn zu lesen. Und dieser befindet sich versiegelt in einer Champagnerflasche. Sie setzt auf seine Neugier, baut auf seine unterschwelligen Vatergefühle und schien wohl zu hoffen, dass Lou den Weg nicht alleine gehen müsste. Seine Enkelin Pomme entwickelt sich zum kleinen Wunder an seiner Seite. Ist es wirklich „Ein geschenkter Anfang“, den Lou ihrem Mann in der ungewöhnlichen Flaschenpost vermacht? Was steht in ihrem Brief und wie reagieren Cyrian und Sarah auf einen Vater, dem plötzlich die Augen geöffnet wurden?

Eine Insel ist wohl der perfekte Erzählraum für eine solche Geschichte. Vielleicht können die Leuchtfeuer auch der kleiner gewordenen Familie neue Orientierung geben und vielleicht ist es auch die Magie der Bretagne, ihrer Lieder und der Atmosphäre, die hier zusammenbringt, was niemals getrennt werden darf. Wenn man Lorraine Fouchet aufmerksam zuhört, wird man von der Liebeserklärung an diesen besonderen Flecken Erde überflutet. „Entre ciel et Lou“ – der Originaltitel vermittelt die Stimmungslage in diesem Roman. Alles liegt nun zwischen dem Himmel und Lou und doch ist sie wie das Wasser (frz. l`eau), das sich wie bei Ebbe zurückgezogen hat, nur um später in Gestalt einer Sturmflut an den Ufern ihrer Familie anzubranden. Dieser Roman ist vielleicht das wertvollste StrandGut der Île de Groix.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Lorraine Fouchet macht neugierig auf mehr. Ihre freundliche, verbindliche und vitale Art weckt Neugier und Sehnsucht zugleich. Sie, die ehemalige Notärztin, hat auch jetzt die Zügel in der Hand, entscheidet über Leben und Tod ihrer Protagonisten und ist eine dem guten Lesen verpflichtete Schriftstellerin. Als Tochter eines Vaters, der mit Antoine de Saint Exupéry flog, im Zweiten Weltkrieg nach England desertierte, sich Charles de Gaulle anschloss, die Interessen seines Landes nach dem Krieg als Botschafter und als Minister vertrat, weiß sie wovon sie spricht, wenn sie von ihrem Frankreich erzählt. Als weltgewandte und weltoffene Frau zieht sie uns auf ihre Seite und man folgt gerne dem Rhythmus ihrer Geschichten

Für mich fühlte sich diese prickelnde Champagner-Begegnung wirklich wie „Ein geschenkter Anfang“ an. Ich habe mich mit Lorraine Fouchet verabredet. Wir sehen uns zur Frankfurter Buchmesse wieder und werden ein ausführliches Gespräch führen. Diesmal allerdings als Interview für Literatur Radio Bayern. Bis dahin werde ich auch wissen, ob es Pomme gelingt, ihren Großvater Jo zu einem väterlicheren Menschen zu machen und ob Jo tatsächlich den letzten Brief von Lou lesen durfte. Ich werde wissen, ob dem unglaublichen Tanz des Vaters mit seiner Tochter am Rande der Beerdigung seiner Frau weitere Tänze folgen. Ich werde hoffentlich noch viele Leuchtfeuer auf der Île de Groix entdeckt haben, die diesen Roman in der Reihe der Leuchtturm-Bücher der kleinen literarischen Sternwarte hell erleuchten lassen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

PS: Dass es zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends zu einer Umbenennung des Atlantik Verlages in „Champantik Verlag“ kam, ist nur ein Gerücht. Allerdings ein gutes…

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Update – Nach dem Interview ist vor dem Lesen

Was lange währt wird endlich gut. Unter diesem Motto könnte man das Interview mit Lorraine Fouchet zusammenfassen, wenn man die oben beschriebene Vorgeschichte kennt. Es war „Ein geschenkter Anfang“, den mir der Atlantik Verlag im März dieses Jahres bescherte und nach der ersten Begegnung mit der französisch Autorin stand ein Interview während der Frankfurter Buchmesse fest auf dem Messeplan. Europäisch ist es geworden. Deutscher Blogger begegnet französischer Schriftstellerin und interviewt sie auf Englisch. Und während das Ehrengastland Frankreich Flagge zeigte, entwickelte sich am Messestand von Hoffmann und Campe / Atlantik Verlag der Dialog, auf den ich mich so lange gefreut hatte.

Lorraine Fouchet stellt uns einleitend die wesentlichen Rahmenbedingungen vor, die für die Ausgangssituation ihres Romans von besonderer Wichtigkeit sind. Es ist die außergewöhnliche Atmosphäre der Île de Groix, die ihre Leser gefangen nimmt. Es ist die kleine verschworene Gemeinschaft, in die man schon geboren werden muss, in der man sterben muss, um dazuzugehören. Es ist aber auch die Touristenschwemme, die aus dieser kleinen abgeschotteten Welt zumindest in den Ferien einen Ort der Vielfalt entstehen lässt. In diesem Setting lässt sie ihre verstorbene Protagonistin Lou agieren. Ein Kunstgriff, der einer Verstorbenen eine eigene Perspektive auf die Geschichte gibt, die sie selbst mit ihrem Vermächtnis lostritt.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Lorraine Fouchet thematisiert hier ganz bewusst den Prozess der Entfremdung in den modernen Familien unserer Zeit. Sie thematisiert die trügerische Idylle, es sei doch alles gut. Und sie würzt diese Geschichte absichtlich mit der Perspektive von Lou. Eine Sichtweise, die – so Lorraine Fouchet – bestimmt dem Lektorat zum Opfer fallen würde. Doch weit gefehlt. Lou blieb im Roman. Nicht die einzige Protagonistin, die den Lesern ans Herz gewachsen ist. Lorraine Fouchet freut sich sehr über die große Resonanz der Leser auf die kleine Enkelin Pomme, die so viel frischen Wind in die Handlung bringt. In Frankfurt zu sein empfindet Lorraine als große Auszeichnung, wobei ihr nicht bewusst war, dass man bei Lesungen tatsächlich Passagen aus dem eigenen Buch vorliest. Ein Aspekt, den sie mit nach Hause nehmen möchte. Darauf angesprochen, was an ihrem Buch typisch französisch sei antwortet sie mit einem fast schon symbolträchtigen Satz: „Weil es eben so europäisch ist“. Eine Sichtweise, die uns in schwierigen politischen Zeiten ebenso wie ihr Roman die Hoffnung gibt, dass Geschichten verbinden können.

Sie bejaht meine Frage, ob die Profession einer Schriftstellerin ganz nah an ihrem früheren Beruf einer Notärztin liegt. Geschichten können zwar keine Toten ins Leben zurückholen, aber sie können sehr wohl dabei helfen, am Leben zu bleiben. Nach ihren neuen Projekten befragt, lüftet sie am Ende des Gesprächs noch das kleine Geheimnis um ihren neuen Roman, der im nächsten Jahr ebenfalls bei Atlantik erscheinen wird. Es wird aber auch die Rückkehr auf die Île de Groix, auf die ich mich schon jetzt freue.

„Die Farben des Lebens“. Ein Titel, den man sich schon jetzt vormerken sollte. Danke für das wundervolle Gespräch in Frankfurt, Lorraine Fouchet und a bientôt.

Hier kommt ihr auf dem direkten Weg zum Interview bei Literatur Radio Bayern.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

„Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg - AstroLibrium

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg – AstroLibrium

Wie fühlt man sich so als fünftes Rad am Wagen? Die Fachsprache bezeichnet es als Ersatzrad. Etwas im eigentlichen Sinne Überflüssiges, zumindest so lange, bis man im Notfall darauf zurückgreifen kann. Erst dann bemerkt man, wie lebenswichtig es sein kann, ein Rad in Reserve zu haben. Wie man sich als Mensch fühlt, in eine solche Rolle gedrängt zu werden, hat vielleicht jeder für sich in seinem Leben erlebt. Es ist kein allzu schönes Gefühl im Leben eines anderen Menschen nur dann wichtig zu sein, wenn Not am Mann (oder an der Frau) ist.

Johanna kennt dieses Gefühl nur zu gut. Eigentlich hätte sie alles, um im Leben von Boris die Hauptrolle zu spielen. Sie verstehen sich gut, können sich stundenlang und in aller Tiefe unterhalten. Gefühle sind auch vorhanden und doch hakt es zwischen ihnen. Es ist die Summe der verpassten Gelegenheiten, die aus Johannas Wunschtraum von Liebe eine nicht aufzulösende Ungleichung macht. Es sind die wenigen Zentimeter, die sie von einem ersten Kuss trennen, es sind die nicht genutzten Chancen, die Wahrheit gesagt zu haben. Und es ist die Unbekannte in der Ungleichung, die das Leben schwer macht. Ana-Clara.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Johanna entscheidet sich für einen Weg, der für sie die schlimmste aller Alternativen darstellt und zumindest ein wenig Nähe zu Boris garantiert. Sie fügt sich in die Rolle als Reserverad. Sie ist immer dabei, nicht wichtig genug für eine Hauptrolle, ungeliebt und im Stillstand, während Boris und Ana-Clara auf Hochtouren umeinander kreisen. Immer in der Hoffnung, Boris möge doch irgendwann erkennen, wer wirklich zu ihm passt, wer sein Leben in Schwung hält und was er Johanna bedeutet. Keine schöne Position, das eigene Sehnen im Kofferraum der Beziehungskiste anderer Menschen zu verbringen.

Wer an dieser Stelle der Meinung ist, es handele sich hier um eine archetypische Coming-of-Age-Geschichte, den kann ich beruhigen, denn es ist in Teilen wahrlich so. Wer jedoch denkt, es hier mit einer schablonenhaft erzählten Story einer unglücklichen Jugend vor sich hin pubertierender Teenager zu tun zu haben, der sieht sich getäuscht, wenn er sich mit dem Schriftsteller und der eigentlichen Geschichte hinter den Kulissen auseinandersetzt. „Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg ist in jeglicher Sicht ein Roman über Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Hoffnung. Dieser Roman ist ein aufrichtiger und wundervoll zu lesender Entwicklungsroman dreier Menschen, die in unterschiedlichen Konstellationen an- und aufeinanderprallen.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Und doch verbirgt sich hinter der Leichtigkeit des Schreibens eine Bildhaftigkeit, in der man lesend wie in einem der Kinofilme von Jan Schomburg versinken kann. Es ist kein Drehbuch, das er hier geschrieben hat. Die Montagetechnik der Szenen und einige Überblendungen weisen aber deutliche Spuren eines kreativen Menschen auf, der eine Geschichte anders erzählen kann, weil er sie vor seinem geistigen Auge sieht. Und hier geht Jan Schomburg einen Weg der in sich gewöhnungsbedürftig ist, weil man sich ihm ausliefern muss.

Chronologisches Erzählen? Fehlanzeige! Schomburg zwingt die Leser seines Buchs im positiven Sinne zu einer intuitiven Adaption der Geschichte. Er löst den Verstand des Lesers von Zeitvorstellungen und blendet Situationen ein, die im Film als Rückblick und Ausblick vielleicht farblich vom Gesamtwerk abgehoben wären. Schomburg schreibt sie in einem Fluss. Auf Johannas Erinnerung an einen bestimmten Abend folgt der Dialog, der sich nur dort zugetragen haben kann. Und wenn wir diesen Dialog verlassen, fühlen wir uns ganz spontan wieder in den Erzählraum Schomburgs ein und können uns nach vorne bewegen.

Schomburgs Roman liest sich so intuitiv, wie wir unsere Smartphones bedienen. Man benötigt keine Bedienungsanleitung, kein Handbuch zum Buch. Lesend folgt man einer unsichtbar angelegten Fährte und kommt doch ganz individuell ans Ziel. Basis für dieses Lesevergnügen ist das Vertrauen in den Schriftsteller. Jan Schomburg zahlt es auf jeder Seite zurück.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Er fährt hier keinen wirren Zickzackkurs durch seine Geschichte. Er folgt vielmehr dem unausgesprochenen Wunsch bibliophiler Menschen, nicht kapitelweise in die tiefe Vergangenheit der beschriebenen Menschen einzutauchen, sondern sequenziell und in wohldosierten Flashbacks zu erfahren, was geschah und welche Auswirkungen es jetzt auf die Situation hat, in der man sich gerade befindet. Dieses intuitive Lesen ist eine der prägendsten Leseerfahrungen, die ich in letzter Zeit machen durfte.

Handlungsfäden verschwinden, tauchen auf, verweben sich neu und gewinnen an Bedeutung, weil man sie in sich wandelnden Kontexten anders interpretieren kann. Ein Schulausflug nach Barcelona, das scheinbar menschenunwürdige Verhalten eines ihrer Mitschüler, die Suche nach den Gründen hierfür, der Versuch einer Bestrafung und die vielen Augenblicke von Zweisamkeit unter dem Damoklesschwert der allgegenwärtigen Ana-Clara vermischen sich zu anscheinend eher losen Elementen einer Geschichte, die aus einer jeweils anderen Perspektive unglaubliche Zusammenhänge offenbaren.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

So ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Boris auf der Suche nach Antworten auf die Fragen des Lebens verirrt und ausbricht. Sein Verschwinden ist der Weckruf für Johanna. Gemeinsam mit Boris` Eltern und der ewigen Konkurrentin beginnt die Suche nach der Liebe ihres Lebens. Und wieder nur als fünftes Rad am Wagen. Auch jetzt an der Seite der eigentlichen Freundin, die gar nicht so verzweifelt scheint, wie es vielleicht sein sollte. Island ist das gemeinsame Ziel und doch nur eine Etappe. Angst beherrscht die Gefühlswelt von Johanna, denn der letzte Brief von Boris schmeckte nach Abschied vom Leben.

„Irgendwie sehe ich kein Licht mehr und höre keine Geräusche…“

Dabei sind es genau „Das Licht und die Geräusche“ die das Leben so lebenswert machen und einen Menschen davon abhalten sollten, Selbstmord zu begehen. Das hat Johanna Boris anvertraut und die magischen Worte tragen den gesamten Roman und ganz intuitiv werden wir Zeugen einer auf den ersten Blick verstörenden Situation in der die Verzweiflung zweier Suchender ein Ventil findet. Ein emotionaler Vulkanausbruch in dem sich Ana-Clara und Johanna hemmungslos verlieren. Jan Schomburg überrascht und verstört zugleich, weil „Das Licht und die Geräusche“ in seiner Geschichte heller und lauter sind, als man es erwarten konnte.

„Das Licht und die Geräusche“ macht uns literarisch HELLHÖRIG…

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Versinken wir jetzt in geräuschloser Lichtlosigkeit? Keinesfalls. Es wird noch heller und lauter. Am 4. April ist Jan Schomburg im Literaturhaus München zu Gast. Er stellt dort sein Buch im Rahmen einer Lesung vor. Der perfekte Anlass, sich mit Mikrofon und Kamera dorthin zu begeben und von diesem besonderen Abend zu berichten. Ich freue mich schon jetzt, dies wieder mit meiner kongenialen Blogger-Partnerin Stephanie von Nur Lesen ist schönergemeinsam zum Herzensprojekt machen zu dürfen.

Und die Liste unserer Team-Reportagen ist schon recht ansehnlich. Sie reicht von Heidi Rehn, Alex Capus, Lily King bis zu Hannah Rothschild. Aber schaut selbst. Steffi hat sie mit feinem Auge zusammengefasst. HIER…

Jan Schomburg – Das Interview

Nach dem Lesen ist vor dem Interview

Ein geheimes Treffen in der Lobby des Hotels Cortina in München. Ein Interview mit Jan Schomburg im Ambiente eines stimmungsvollen Cafés und die abendliche Lesung im Literaturhaus München stellen den Schwerpunkt der Radioreportage für Literatur Radio Bayern dar. Folgen Sie uns zu einem Abend voller Licht und Geräusche, hören Sie uns zu und lesen Sie Steffis Artikel, der diesem PodCast das Krönchen aufsetzt.

Lesen Sie gut… Hier
Hören Sie gut… Hier

AstroLibrium – Nur Lesen ist schöner & Jan Schomburg

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„Die Launenhaftigkeit der Liebe“ von Hannah Rothschild

"Die Launenhaftigkeit der Liebe" von Hannah Rothschild - AstroLibrium

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild

Stellt euch einfach mal vor, ihr würdet den Pariser Louvre besuchen, um euch das berühmteste Porträt der Kunstgeschichte anzuschauen. Stellt euch dann vor, ihr würdet vor Leonardo da Vincis Mona Lisa stehen, ehrfurchtsvoll verharren und das wertvollste Gemälde der Welt bewundern. Und dann stellt euch vor, es würde einfach so mit euch sprechen. Allerdings nicht als Mona Lisa, sondern als lebendiges und eigenständiges Kunstwerk mit eigener Identität. Was hätte euch dieser Kunstschatz wohl zu erzählen?

Es wäre eine neue Welt der Wahrnehmung, die sich auf diese Weise öffnen würde und wir könnten aus erster Hand erfahren, was die Kunstgeschichte nur rekonstruieren oder mutmaßen kann. Ein solcher Dialog zwischen Kunstwerk und Betrachter klingt so irrwitzig, dass man ihn ins Reich der Fantasie verbannt. Und genau dort sind wir richtig, denn in unserer Fantasie ist alles möglich und wenn wir es zulassen, unseren Verstand für den Funkenflug des Irrationalen zu öffnen, dann sind wir bereit für:

Die Launenhaftigkeit der Liebe“ von Hannah Rothschild.

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild

Denn hier werden wir als Leser von der Autorin genau in die oben skizzierte Lage versetzt und dürfen in ihrem Roman über die Irrwege des internationalen Kunstmarktes einem der wertvollsten Gemälde der Welt zuhören. Es spricht zu uns. Zumindest in den Passagen des Romans, in denen das Bild das Gefühl hat, uns etwas mitteilen zu wollen oder uns sein Leid zu klagen. Genau dafür besteht nämlich auch jeder Grund, da unser Gemälde zu den großen verschollenen Werken der Kunstgeschichte gehört. Verstaubt und unbeachtet fristet es sein tristes Dasein in einem heruntergekommen Trödelladen.

Nur zu verständlich, dass es nicht bester Laune ist. Unser Gemälde, meine ich.

„Ich bin durchaus kein Snob, aber alles hat seine Grenzen. Ich habe keine Lust, mich mit Nachttöpfen und falschen Perlenketten herumzuschlagen. Non! Ich bin Luxus gewohnt, raschelnden Taft,… flackernde Kerzen, den Glanz von Mahagoni, den zarten Duft von Rosenwasser und Bienenwachs, das Knirschen von Kies und das Raunen von Höflingen. Kein armseliges Kämmerlein unter nackten Birnen, kein grünliches Licht, das sich durch schmutzverkrustete Scheiben quält!“

Was für ein bedauerlicher Zustand! Aber Rettung naht. Allerdings nicht in der Form, die sich unser Gemälde erhofft hatte. Die 30-jährige Köchin Annie McDee entdeckt das Bild bei der Suche nach einem preiswerten Geburtstagsgeschenk für ihren Freund. Der Handel kommt auf kuriose Weise zustande und der originale Watteau mit dem Namen „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ wechselt für ein paar Pfund den Besitzer. Wenn die junge Frau geahnt hätte, was sie da in Händen hält, sie hätte sich wohl gut überlegt, ob sie das Gemälde erworben hätte.

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild

Annie gerät in den Strudel des internationalen Kunstmarktes. Ihr Leben verändert sich in dem Moment, als man erkennt, was sie da erworben hat und aus der Frau, die sich kochend über Wasser hält, vor kulinarischer Kreativität zu platzen scheint und den Mann fürs Leben verzweifelt sucht, wird eine Gejagte. Hannah Rothschild schöpft aus dem Vollen, wenn sie ihre Leser nun in den Mahlstrom der künstlichen Welt der großen Kunst treiben lässt. Sie kennt diese Welt wie kaum eine andere, ist Kuratorin und mehr als renommiert, wenn es um Kunstexpertise geht.

Allerdings schrieb sie keinen Expertenroman. Die Launenhaftigkeit der Liebe“ ist ein traumwandlerisch sicher zubereitetes Potpourri aus allen Zutaten, die man benötigt, um höchsten Lesegenuss zu empfinden. Wir stoßen auf alle denkbaren Exzentriker, die mit unterschiedlichen Motivationen auf der Suche nach den großen Kunstschätzen der Welt sind. Liebhaber und Investoren, Freaks und Exilanten, Galleristen und Neureiche. Ein bunter Reigen versnobter und getriebener Sammler und Händler nimmt die Fährte des unschätzbar wertvollen Gemäldes auf, das ein großes Geheimnis verbirgt. Einzig Annie McDee ist der zutiefst menschliche und sympathische Pol in diesem Roman. Und doch ist es „Die Launenhaftigkeit der Liebe“, die ihr das Leben in jeder Beziehung schwer macht.

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild - Eine Lesung - Fotos: Steffi Sack

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild – Eine Lesung – Fotos: Steffi Sack

Seid ihr neugierig? Möchtet ihr mehr erfahren? Kein Problem. Wir haben Hannah Rothschild im Literaturhaus München getroffen und nicht nur sie interviewt. Stephanie Sack (Nur Lesen ist schöner – Eine Ode an das Lesen) und ich sind oft gemeinsam unterwegs, wenn es darum geht, von Lesungen zu berichten. So auch diesmal und wir haben nicht nur die Autorin, ihre Lektorin und die unglaublich tolle Vorlesestimme des Abends befragt, auch wir selbst plaudern bei einem Spaziergang durch unser festlich geschmücktes Vorweihnachts-München über den Roman und seine Bedeutung für uns.

Literatur Radio Bayern macht es möglich, dass ihr uns nun begleiten könnt. Herzlich willkommen zum Bummeln, Lauschen und Miterleben eines besonderen Abends mit:

Hannah Rothschild – Schriftstellerin
Karin Kirchhof – Lektorin
Ulrike Kriener – Schauspielerin, „Die Stimme“ des Abends und
Steffi & Raily

Hier geht es mit nur einem Klick zur Radio-Reportage.

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild - Astrolibrium

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild – Hier geht´s zum PodCast

Bei Steffi findet ihr einen atmosphärischen Lesungsbericht und tolle Fotos eines unvergesslichen Abends. Und da wir euch etwas mitgebracht haben, lohnt der genaue Blick auf beide Blogs ganz besonders, denn Hannah Rothschild hat zwei ihrer Bücher für euch signiert. .

Hier das Filetstück des Starterpakets...Signiert.

Hier findet ihr den Weg zu meinem signierten Exemplar – Advent, Advent…

Cecelia Ahern: „Flawed – Wie perfekt willst du sein?“

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Sie ist gebrandmarkt. Sie trägt den Buchstaben F für fehlerhaft auf ihrem Körper. Sie ist alles andere als perfekt, das war ihr schon immer klar. Die Brandzeichen jedoch machen aus ihrem Geheimnis ein Stigma, das sie in aller Öffentlichkeit als Fehlerhafte geißelt. Sie hat einen Makel, den sie nie wieder beseitigen kann. Sie hat gegen Regeln verstoßen und damit nicht nur den Zorn der Gesellschaft auf sich gezogen, sondern ist in einem aufsehenerregenden Prozess verurteilt worden. Schuldig, eine Fehlerhafte zu sein.

Sie kannte die Regeln nur zu genau. Sie war sich der Konsequenzen bewusst, die sie zu ertragen hätte, wenn sie sich den Gesetzen nicht perfekt anpassen würde. Und doch ist es ihr passiert. Gerade ihr. Dem Mädchen aus gutem Hause. Dem Mädchen mit der glänzenden Perspektive und noch dazu der Freundin von Art, dem Sohn des höchsten Richters im Lande. Sie dachte, sie sei sicher und vor Willkür geschützt. Zu spät hat sie realisiert, dass sie einer Illusion von Sicherheit erlegen ist.

Celestine ist gerade einmal siebzehn Jahre alt, als sie gegen die Regeln verstößt. Sie handelt aus dem Bauch heraus. In aller Öffentlichkeit und vor aller Augen. Sie setzt sich für einen Fehlerhaften ein. Nur ein einziges Mal. Celestine macht sich schuldig. Sie wird verurteilt. Niemand kann, niemand will, niemand darf sie schützen. Fehlerhafte wie sie stehen am Pranger der Gesellschaft und werden ihr ganzes Leben lang das Zeichen nicht los, das sie zu Außenseitern macht. Zu Sündenböcken. Zum Machtbeweis für die Unfehlbarkeit der Gilde, die über das Fehlerhafte richtet. Celestine ist FLAWED.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Und schon sind wir drin in „Flawed – Wie perfekt willst du sein?“, dem ersten Teil der dystopischen Jugend-Dilogie von Cecelia Ahern. Ja, ihr habt richtig gelesen. Es ist genau die Cecelia Ahern, die wir bisher im romantischen Genre der Literatur erleben durften. „PS – Ich liebe dich“ zählt wohl zu den größten Erfolgen der irischen Autorin, die nun ihren ersten All-Age-Zweiteiler präsentiert, der sich jedoch vornehmlich an das junge lesebegeisterte Publikum richtet und pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2016 bei Fischer FJB erschienen ist.

Und schon sind wir drin in einer Geschichte, die sich so gänzlich untypisch anfühlt, wenn man zu den Lesern von Cecelia Ahern gehört. Brandmale, Makel, Ausgrenzung und Verfolgung zählten bisher nicht zu ihren erzählerischen Welten. Und doch macht es neugierig, wie eine Autorin von Weltformat diesen Genrewechsel vollzieht und es stellt sich schnell die Frage, ob es ihr angesichts der großen Konkurrenz, wie „Die Tribute von Panem“, gelingen kann, sich ganz eigenständig abzuheben und zu begeistern.

Die Ausgangssituation von „Flawed“ hat es in sich. Da ist kein Platz für Gefühl. Es regieren Einschüchterung und Gehorsam. Angst und Vermeidungsverhalten führen zu einer scheinbar intakten Gesellschaft, in der moralisches Fehlverhalten konsequent und ohne Chance auf Wiedergutmachung bestraft wird. Hier wird nur bestraft. Reintegration ist unmöglich. Einmal fehlerhaft, immer fehlerhaft. So funktioniert das System. Und hier beginnt Cecelia Ahern das Leben ihrer Protagonistin mit nur einem einzigen Fehler um 360 Grad zu drehen.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Wenn man sich „Flawed“ nun kritisch analytisch nähert, dann kann man natürlich die soziale Ausgangslage mit dem Schneidbrenner in all ihre Bestandteile zerlegen und sezieren, bis man auf weniger plausible Elemente stößt. Aber hätte man unser jetziges Rechtssystem in einem dystopischen Roman vor dreißig Jahren beschrieben, auch hier wäre man fündig geworden. Cecelia Ahern gestaltet ihre Welt so, dass ihr der Sprung in das tiefe Wasser ihrer Erzählkunst möglich ist.

Und, wenn sie etwas kann, dann erzählen. Wenn sie etwas kann, dann dafür sorgen, dass sich ihre Leser mit den Protagonisten des Romans identifizieren, mit ihnen leiden, lachen, hoffen und um ihr Leben und die Liebe kämpfen. Wenn sie etwas kann, dann zu zeigen, dass die Brandzeichen ihres Romans auch in der gelebten Realität ihrer jungen Leser schon existieren. Man wird auch heute abgestempelt und in Schubladen gepackt, aus denen die Flucht kaum möglich scheint. Wenn sie etwas kann, dann das Lesen so sehr unter Dampf zu halten, dass man nach nur einem Tag am Ende von „Flawed“ den zweiten und letzten Teil Perfect – Willst du die perfekte Weltdringend herbeisehnt.

Cecelia Ahern konfrontiert die fehlerhafte Celestine natürlich mit jungen Männern, die als Rettungsanker und emotionale Fixsterne in sich mehr als verlockend sind. Dabei schwankt das gebrandmarkte Mädchen zwischen zwei Extremen. Art, der Richtersohn, der sich nicht traut, ihr zu helfen und lieber verschwindet, um seinen Weg zu finden und Carrick, der wie Celestine gebrandmarkt und fehlerhaft ist, dessen Spur sie jedoch viel zu schnell verliert. Von ihm bleibt nur der hoffnungsvolle Satz „Ich finde dich“.  

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Cecelia Ahern gelingt ein zweifelsohne großartiger Pageturner. Der Sprung in die Jugendliteratur ist ihr fulminant gelungen, da sie Bilder und Gefühle beschreibt, die nur zu nachvollziehbar sind. Gerade in einer Phase des Erwachsenwerdens, in der sich oft die ganze Welt von heute auf morgen verändern kann. Die Rolle der Medien entspricht den dunklen Vorahnungen, die man sich ausmalen kann, wenn man sich vorstellt, dass reale Brandzeichen und Schauprozesse zum TV-Ereignis werden könnten.

Darüber hinaus bin ich bereits jetzt begeistert, dass mir ein typischer Mittelband erspart bleibt. Zumeist erscheinen dystopische Romane als Trilogie. Zumeist erweist sich genau der zweite Teil als der schwächste. Zumeist verstecken sich die Längen und Wiederholungen nur im Mittelband. Ich erwarte von „Perfect – Willst du die perfekte Welt?“ einen ebenso fulminanten und dynamischen zweiten und letzten Teil, der schon im November erscheinen wird.

„Flawed“ funktioniert. Das ist für mich entscheidend. Ich werde weiterlesen und bin schon jetzt sehr gespannt auf das Finale. Als männlicher Leser hoffe ich natürlich, dass die beiden Jungs nun so richtig in den Mittelpunkt der Handlung rücken, aber ich denke, es wird ihnen gar nichts anderes übrigbleiben. Dafür ist die Story zu gut angelegt. Es ist nicht mehr lange hin bis sich der Kreis schließt und alle Fragen beantwortet werden. Es sieht für mich so aus, als würde ich auch in „Perfect“ bestens unterhalten.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Das könnte es nun sein für diese Rezension. Ist es aber nicht. Das Highlight folgt am Ende. Denn es war ein absolutes Highlight, Cecelia Ahern persönlich begegnen zu dürfen und ihr im Rahmen eines kleinen und exklusiven Meet&Greet auf Einladung des Verlages die Fragen zu stellen, die sich aus meinem Lesen ergeben haben. Während sich vor dem Verlagsstand eine unüberschaubare Schlange von Fans bildete, die alle zur Signierstunde von Cecelia Ahern erschienen waren, konnten wir uns für über eine halbe Stunde mit der sympathischen Schriftstellerin in einem eigens dafür reservierten Raum zurückziehen.

Wir: Das sind tolle Blogger-Kolleginnen und ich (wohl um die Quote männlicher Leser des Romans ein wenig zu heben). Berichte und Fotos zum Meet&Greet findet ihr hier:

Bookwives – Sabrina Cremer
Buchsichten – Ingrid und Hanna Eßer
Kates Leselounge – Kate Rupp
und
Vanessas Bücherecke – Vanessa Mattonet

Ich habe mir erlaubt, das Meet&Greet für Literatur Radio Bayern aufzunehmen und so hoffen wir gemeinsam, euch ein wenig von der ganz besonderen Atmosphäre dieses Treffens nach Hause zu bringen. Auch, wenn das Meet&Greet mit Cecelia Ahern unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, wir öffnen euch die Tür zu einem der wohl meist behütetsten Räume auf dem Messegelände.

Pst… kommt rein

Flawed - Mit einem Klick zum Meet&Greet mit Cecelia Ahern

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