„Die Geschichte des Wassers“ von Maja Lunde

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Ich höre noch immer das Summen der Bienen, denke sehr oft an die Konsequenzen ihres Aussterbens, vernehme Warnungen, die ungehört verhallen und kann einfach die kleine verendete Biene auf dem Cover von Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ nicht vergessen. Zu eindringlich war dieses Buch, zu intensiv wurde mir vor Augen und Ohren geführt, was doch bitte niemals Realität werden sollte. Das große Bienensterben hat bereits begonnen und doch hat vielleicht gerade dieser Roman mehr bewirkt, als so manche TV-Dokumentation. Maja Lunde ist es gelungen, das bedrohliche ökologische Thema so zu verpacken, dass es eine sehr heterogene Zielgruppe erreicht. Ein Roman, der nicht alleine stehen soll, geht es nach der norwegischen Erfolgsautorin. Sie hat den Bienenstock hinter sich gelassen und erzählt uns jetzt „Die Geschichte des Wassers“.

„Ich nannte meine Welt Erde, aber ich dachte,
eigentlich müsste sie Wasser heißen.“

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Von vier Romanen ist inzwischen die Rede, wenn Maja Lundes ökologischer Zyklus zur Sprache kommt. Die vier apokalyptischen Reiter kommen mir in den Sinn. Vorboten des Weltuntergangs. Es war Albert Einstein, dem das Zitat „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben“ zugeschrieben wird. Der erste Reiter der Apokalypse ist auf seinem Schlachtross durch unser Lesen getrabt und hat tiefe Spuren hinterlassen. Und wenn Maja Lunde jetzt über Wasser schreibt, ist es völlig klar, dass ihr zweiter Reiter wie eine Flutwelle an unseren Gestaden anlanden wird, nur um Dürre zu verbreiten. Brandaktuell ist das Thema. Ebenso aktuell, wie das Aussterben der Bienen. Und doch nehmen wir es nur am Rande wahr.

Kapstadt. Mehr muss ich nicht sagen. Die Wasserknappheit in der südafrikanischen Metropole führt schon jetzt dazu, dass man sein eigenes Wasser zum Friseur mitbringt, wenn man dort die Haare waschen lassen möchte. Sie führt dazu, dass man es danach in einem Kanister als Brauchwasser mit nach Hause nimmt, um die Toilettenspülung in Gang zu halten. Kein Problem der Unterschicht. Es trifft jeden. Und doch… was hat das mit uns zu tun? Drehen wir den Wasserhahn beim Zähneputzen zu und denken an jene Bewohner von Kapstadt? Springen wir nach vier Minuten aus der Dusche und waschen unsere Autos nur noch einmal im Jahr. Betrachten wir den Besuch einer Therme schon als Luxus und sparen uns Wasser für unsere Kinder vom Mund ab? Nein! Warum denn auch. Es fließt. Es ist billig und es ist im wahrsten Wortsinn im Überfluss vorhanden. Es ist nur Wasser. Also immer mit der Ruhe. Wasser und Bienen. Zwei Apokalypsen, zwei Botschafter des Untergangs, zwei Szenarien, die uns nicht betreffen. Punkt.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Maja Lunde räumt auch mit diesem Irrglauben auf. Die Geschichte des Wassers“ lässt kaum Spielraum für Fehldeutungen. Sie macht betroffen, obwohl Maja Lunde, wie bei den Bienen alles andere als ein Sachbuch präsentiert. Sie schreibt auch nicht über das Wasser an sich. Sie erzählt von Menschen. Sie erzählt Geschichten. Doch während ihr Bienenroman noch aus drei Erzählebenen bestand, die das Vor, Während und Nach dem Aussterben der fleißigen Bestäuber beschrieben, beschränkt sie sich nun mit zwei Handlungssträngen. Wir alle durchleben gerade die nicht vorhandene erste Ebene ihrer Geschichte. Wir erleben das Vor der globalen Wasserknappheit. Der Roman zeigt uns, wie es weitergeht, wenn wir wegschauen. Kapstadt wird zu Europa, Europa wird global und alles wird durch einen Mangel verbunden, den der Mensch kaum zu ersetzen weiß. Wasser.  

Und genau hier reißt uns Maja Lunde aus unseren Träumen. Sie beginnt im Jetzt. Sie erzählt die Geschichte der Umweltaktivistin Signe, die alle Klima-Veränderungen in ihrer Heimat, den norwegischen Fjorden am eigenen Leib erlebt, die in der Rückschau auf ihr fast siebzig Jahre währendes Leben all die Fehlentwicklungen mitbekommen hat und nun die Ausweglosigkeit erkennt. Dass ewige Eis der Gletscher wird zum Luxuseis der Schönen und Reichen, die ihre Gläser auf ein tolles Leben erheben. Die Natur wird zur Geisel der Menschheit. Flüsse werden begradigt, unterirdisch umgeleitet und Signe ergreift die wohl letzte Chance ihres Lebens, ein Zeichen zu setzen. Nicht nur für Natur und Umwelt, nicht nur für die Zukunft der Menschheit. Nein. Ein Zeichen, das zeigt, wie sehr ihr eigenes Leben vom Verrat, der Illoyalität und dem Egoismus von Menschen in ihrem engsten Umfeld geprägt war. Sie geht an Bord ihres Segelbootes und begegnet ihrem apokalyptischen Reiter auf ihrer Fahrt nach Frankreich. Die „Blau“ ist ihre Arche.

Die Geschichte des Wassers

Dieser Erzählstrang im Hier und Heute ist ein genialer Kunstgriff von Maja Lunde, weil sie uns damit verdeutlicht, dass unser gefühltes Vor der Katastrophe in Wirklichkeit das Während bedeutet. Wir wollen es nur nicht realisieren. Signes Geschichte allein ist schon in der Lage, uns zu wecken, Dinge zu sehen, die wir verdrängen. Unseren Blick zu schärfen und den belächelten Umweltaktivisten von heute mehr Vertrauen entgegen zu bringen. Maja Lunde wäre aber nicht die Maja Lunde der Bienen und des Wassers, wenn sie nicht einen entscheidenden Schritt weitergehen würde. Ein Schritt der aus den offenen Augen nun mehr entstehen lässt. Sie beschreibt eine apokalyptische Vision in der das Wasser ebenso verschwunden ist, wie einst die Bienen des ersten Romans.

Hier lernen wir David und seine Tochter Lou kennen. Wir schreiben das Jahr 2041. Wir befinden uns in einem Land in dem Wasser nicht nur knapp, sondern umkämpft ist und ein Land, in dem die verzweifelten Menschen sich auf der Flucht befinden. Wobei die Flucht eher einer ziellosen Reise gleicht. Das Ziel „Wasser“ ist unerreichbar. David durchlebt mit seiner Tochter das Horrorszenario der Wasserknappheit, sieht den Sturz der Menschen in die Hoffnungslosigkeit und doch bleibt ihm keine andere Wahl. Nach der Trennung von seiner Frau und seinem Sohn bleibt ihm nur der Weg in die großen Flüchtlingslager, um zu suchen und zu überleben. Eine heillose Flucht. Verlust, Angst und Panik gehen Hand in Hand. Bis Vater und Tochter auf einem Streifzug auf etwas stoßen, das hier absolut fehl am Platz ist. Ein altes Segelboot mitten in Frankreich. Auf dem Trockenen.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Eine tote Biene und ein gestrandetes Boot zieren diese beiden Bücher von Maja Lunde. Die wertigen Printausgaben vom btb Verlag versprechen und halten viel. Beide Romane schmiegen sich aneinander und nähren meine Hoffnung auf ein ökologisches Quartett. Vielleicht geht es ja mit Luft weiter. Vielleicht auch mit einem apokalyptischen Reiter, den wir alle noch gar nicht auf dem Schirm haben. Maja Lunde überzeugt, weil sie ein brisantes Thema einer breiten Masse von Lesern ins Stammbuch schreibt. Wir können uns den Bienen und dem Wasser nicht entziehen. Das macht die Botschaft der Romane aus. In der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag kommen die zwei Erzählstränge alleine schon durch eigene Erzählstimmen zum Tragen.

Atmosphärisch verbreitet das mehr als achtstündige Hörbuch die Stimmung der Romanvorlage. Christiane Blumhoff ist so sehr Signe, dass es schmerzt zu erahnen, wie ihre letzte Mission endete und Shenja Lacher spricht seinen Zuhörern einen David in die Seele, der vor Sorge um das Überleben seiner Tochter sich selbst und all jene zu vergessen scheint, die ihm etwas bedeuten. Der Dialog der beiden Stimmen entspricht der Geschichte in herausragender Art und Weise. Ein brillantes Hörbuch, das uns eine Tür in eine Welt öffnet deren Teil wir heute schon sind. Wir wollen es nur nicht glauben. Maja Lunde sensibilisiert uns für unausweichliche Themen. Kein erhobener Zeigefinger und keine Besserwisserei in Buchform. Sie erreicht ihre Ziele indirekt. Durch die Brust ins Herz. Der intelligenteste literarische Hinterhalt, den ich bisher erlebt habe.

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Nun kann man sich die Frage stellen, ob das „System Lunde“ auch die nächsten beiden Bücher tragfähig macht, oder ob das Festhalten am Prinzip „Never change a running book“ künftige Leser sogar langweilt, weil die Methode mehrerer Perspektiven auf eine drohende Apokalypse sich irgendwann verbraucht. Eine berechtigte Frage. Es mag dann vorhersehbar sein, was Maja Lunde schreibt. Es mag absehbar sein, wie ein Roman endet, wenn er strukturell nach einer erprobten Blaupause konstruiert wird. Ich sehe trotzdem auch weiterhin viel Potenzial in ihren Geschichten, da sie eigentlich nie „Die Geschichte der Bienen“ oder „Die Geschichte des Wassers“ erzählte.

Maja Lunde erzählt Menschengeschichten und die Menschen, von denen sie uns in ganz besonderen ökologischen Rahmenbedingungen erzählt, sind diese Bücher wert. Ich habe dieses Lesejahr zu meinem Jahr des Wassers erklärt. Nun gut, man weiß ja, dass ich bloggend oft nah am Wasser gebaut habe, aber es lohnt sich auch weiter mit mir in See zu stechen. Es gibt viel zu entdecken. Folgt mir ins Büchermeer

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