Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Es ist an der Zeit, die Kirche aus dem Dorf zu holen. Denn immer, wenn es darum geht, ein Romandebüt mit literarischen Lorbeeren zu bekränzen und es auf dem Schild der „sensationellen Entdeckung“ auf den Bücherolymp zu tragen, neige ich dazu, diese Kirche da zu lassen, wo sie hingehört: Im Dorf. Heute jedoch gehöre ich zu den Trägern dieses Schildes, reihe ich mich in den lauten Jubelreigen einer begeisterten Leseschar ein und bin dabei behilflich, einen neuen Roman wie eine kleine Kirche auf einen freien Platz zu tragen, um ihn ein wenig sichtbar zu machen. Nichts darf die Sicht verstellen, nichts darf seinen Schatten auf dieses Debüt werfen und es muss Freiraum geben, um dieses Buch von allen Seiten zu begutachten. Ich spreche hier vom Roman „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte.

Ich neige nicht dazu, voreilig Lobeshymnen anzustimmen. Und doch glaube ich ein gutes Gefühl für den besonderen Roman entwickelt zu haben. Es ist nicht immer Liebe auf den ersten Blick, die mir die Augen öffnet. Es ist das außergewöhnliche Erlebnis, in dem ich innehalte und das Staunen finde. So auch hier. Es waren die ersten Zeilen, die mich stocken ließen. Es war eine Sprache, die mich mit unverminderter Wucht und im Rhythmus eines Trommelwirbels in der Tiefe des Herzens traf, die ich als ungewöhnlich empfand. Als müsse hier noch ein Lektorat eingreifen, aus Schlagwörtern ganze Sätze formen und verschachteln, was unverschachtelt auf mich zurauschte. Die Sprache pur wie ein Extrakt, einfach und im Rohzustand belassen, wie man sie selten erlebt, wenn sie einen Verlag ins freie Lesen verlässt. Hier sollte doch sicher nachgebessert werden. Hatte ich doch das unkorrigierte Leseexemplar vom Diogenes Verlag in Händen. Diese Gedanken begleiteten mich in meinem Lesen. Und dann, auf Seite 146, gelang es mir eine erste Pause einzulegen. Beseelt von einem Gefühl, dass hier nichts und niemand mehr Hand anlegen darf, weil ich einen Schatz entdeckt hatte. Eine Kirche, die nicht im Dorf bleiben darf.

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Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

„Junge mit schwarzem Hahn“, welch minimalistisch anmutender Titel, der jedoch alles sagt, was man zum Einstieg in diesen zeitlosen Roman wissen muss. Zeitlos, weil aus der Zeit gefallen. Zeitlos, weil mit wenigen Angaben ausgestattet, die eine zeitliche Einordnung durch uns Lesende zulassen. Krieg, Tod und Pest muten mittelalterlich an, was uns auch schon reichen muss. Dunkle Zeitalter brauchen kein Kalenderlicht, wenn man Stefanie vor Schulte in ihre Welt folgt. Die Dunkelheit wird von ihr durch einen erst elfjährigen Jungen aufgebrochen, der als Lichtgestalt die letzten Reste von allem Guten in sich trägt und bündelt. Martin. Heller erstrahlend als der Rest der Welt. Klüger als es die Gesellschaft erlaubt. Weiser und herzlicher, als man es ihm zutrauen würde und im Gefolge eines schwarzen Hahns, der Glücksbringer, Wegbegleiter, Freund, Orakel und Mitstreiter ist. Alles zugleich. Das geht, wenn man ihm vertraut und ihm zuhört. Hier ist alles ausgefallen. Wie die Romanfiguren, die uns in die Hände fallen. Wie der Rahmen, in den alles passt, aus dem alles fällt, der alles hält und doch nichts aufhalten kann.

Es sind wirkungsvolle und nachhaltige Bilder, die uns die Autorin ins Gedächtnis schreibt. Ein Junge, der als einziger in der Familie den Mordwahn des Vaters überlebt; Kinder, die auf unerklärliche Art und Weise verschwinden; ein fahrender Maler, der sich um den Jungen und seinen Hahn kümmert, als man beschließt die verlorenen Kinder zu retten; ein Gaukler, der besser fliegen kann als der Hahn, eine schillernde Prinzessin, in deren Gesellschaft man besser auf schwarze Hähne hört. Und dann noch ein Mädchen, in das sich der Martin heimlich verliebt, für das er dann gar keine Worte hat außer „Die Franzi“, wenn man ihn fragt, wem er noch einmal in seinem Leben begegnen mag. Es klingt märchenhaft, was ich hier beschreibe? Es ist märchenhaft. Es erfüllt alle Kriterien, die man mit diesem Genre verbindet, wenn man sich durch die Magie der Geschichte bis zu ihrem Ende tastet. Dieser Roman ist ein Märchen. Kein Traum. Er ist real.

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Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Stefanie vor Schulte gelingt mit ihrem Debüt das Unglaubliche. Wir lassen uns auf ihre Geschichte ein, wir hinterfragen nicht, interpretieren kaum, werden mitgerissen im Sog ihrer einzigartigen Sprachmelodie. Wir beginnen schnell, ihr zu vertrauen, weil im Märchen am Ende doch immer dieser Satz zu lesen ist: „und wenn sie nicht gestorben sind“. Alles wird doch gut enden? Da ist doch Moral in der Geschicht`. Es bleiben keine Fragen offen und Hahn und Junge und wir und alle und die Leser und die Denker und die Zweifler sind unterwegs auf einer Mission, wie es sie noch niemals gab. Bis wir im Freien vor der Kirche stehen, die wir gerade aus dem Dorf geholt haben und uns daran erinnern, was wir hier lesen durften. Bis wir den Blick in unsere Kirche werfen und die Wandgemälde erkennen. Das ist mein Bild für diesen Roman, von dem ich nicht mehr loslasse, weil ich ein Bild brauche, das mich an dieses Leseerlebnis erinnert. Weil ich viel notiert und viel markiert habe beim Lesen und doch weiß, dass ich es erneut lesen muss. Nicht, weil ich es vergessen habe. Nein. Weil es das erneute Lesen wert ist.

Traut Euch hinein in diese Welt. Lasst Euch fallen und entführen. Begegnet Reitern, vor denen ihr alles verstecken würdet. Besonders eure Kinder. Folgt einem Jungen in ein Szenario, das nur er erhellen kann und wundert Euch über das Wunder in seinem glasklaren Verstand. Spielt mit einer Prinzessin das „Schlafspiel“ und versucht dabei hellwach zu bleiben. Gaukelt, malt und stochert in der Wahrheit herum. Freundet Euch mit diesem schwarzen Hahn an und wundert Euch nicht darüber, dass am Ende jeder Hahn danach krähen wird, was Ihr da wohl gelesen habt. Setzt die Bilder des Romans zu einem Gemälde zusammen und lernt dann das Staunen. Stefanie vor Schulte hat hier dem Zufall des Erzählens keinen Raum gelassen. Sie folgt einem grandiosen Plan und wir folgen ihr. Oftmals atemlos. Zumeist tief bewegt. Am Ende… Ja, am Ende. Das bleibt Euch überlassen, wie Ihr am Ende fühlt und denkt. Nur eines ist gewiss. Ihr solltet Euch das nicht entgehen lassen. Das wäre so, als würdet Ihr die Kirche einmal zu oft im Dorf lassen. Großer Fehler.

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Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung Eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Und eines ganz zum Schluss. Während gerade die ganze Welt mit Büchern beschäftigt ist, die auf Long- und Shortlists zu Buchpreisen stehen, lasst Euch nicht einfallen zu sagen „Ich lese ja NUR den Jungen mit schwarzem Hahn„. Dieser Roman würde allen aktuellen Buchpreislisten unglaublich gut tun, weil er wirklich alles ist. Nur nicht NUR… Nur nicht beliebig und nur nicht vergänglich. Hahn drauf!

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Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

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Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

Es gibt immer wieder die unterschiedlichsten Gründe, die meine Entscheidung für ein bestimmtes Buch beeinflussen. Natürlich ist der inhaltliche Aspekt von besonderem Interesse, wenn ich einen neuen Lesewegbegleiter auswähle. Hier jedoch sieht es auf den ersten Blick anders aus. „Der ehemalige Sohn“ von Sasha Filipenko stößt mich in eine Wahrnehmungsebene hinein, die ich als zutiefst schaurig empfinde. Wann habe ich jemals einen aktuellen Roman gelesen, der im europäischen Heimatland des Autors nur unter dem Ladentisch erhältlich ist, und den man tunlichst nicht in der Öffentlichkeit lesen sollte? Wann hatte ich zuletzt ein mehr oder weniger verbotenes Buch in Händen und wann habe ich mir zuletzt darüber Gedanken gemacht, welche Gefühle Menschen haben, die genau dort leben. In Weißrussland. Belarus. Einem Land in Europa. Es ist Sasha Filipenko, der sich seiner Heimat literarisch nähert und den Machthabern in der Pseudo-Demokratie den Boden unter den Füßen wegzieht. Sein Roman ist Utopie und Streitschrift zugleich. Er ist flammender Appell und selbsterfüllende Prophezeiung, weil die brutale Realität im Land dieses Buch täglich bestätigt. Wirklich täglich.

Der ehemalige Sohn“ hat mich wütend gemacht, weil ich während des Lesens im Fernsehen auf Nachrichten stoße, die mich demokratisch abstoßen. Da ist es ein vom Volk gewählter Präsident, der seine Macht undemokratisch ausdehnt und das Land in einen Satellitenstaat seines großen Nachbarn verwandelt. Proteste werden mit Gewalt unterdrückt, Regimegegner finden sich plötzlich an der Landesgrenze wieder, im Exil lebende Blogger werden mit Passagierflugzeugen ins Land entführt, um ihrer habhaft zu werden. Uniformierte Sonderkommandos ohne Hoheitsabzeichen streifen durch die Straßen von Minsk und verschleppen Demonstranten. Besonders hart trifft es Frauen. Bei den Olympischen Spielen in Tokio steht eine kritische Sprinterin kurz davor, in ihre Heimat entführt zu werden und in diesem Moment tickert die Nachricht über den Tod eines Dissidenten über den Bildschirm, der sich in der Ukraine beim Joggen erhängt haben soll. Kein Tag ohne eklatante Verletzung aller Menschenrechte. Kein Tag ohne Nachrichten aus einer Diktatur im Herzen Europas.

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Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

Ich wollte den Roman von Sasha Filipenko erst rezensieren, wenn die Lese-Wut verflogen ist. Dann, so habe ich jedoch festgestellt, würde ich nie ein Wort über einen Roman verlieren, der eigentlich zur Pflichtlektüre in unseren Schulen gehören müsste. Also schreibe ich wütend. Aufgewühlt und zornig. Gefühle, die eigentlich hier Fehl am Platz sein sollten, die ich aber nicht ausblenden kann. Das liegt natürlich an der mehr als brillanten Perspektive, aus der Sasha Filipenko mich zum Zeugen der Entwicklung der sozialen und politischen Missstände in seiner Belarussischen Heimat macht. Es ist das Stilmittel eines medizinischen Tiefschlafs, mit dem er uns alle einschläfert, um uns dann abrupt aufwachen zu lassen, und uns damit nicht nur die Augen öffnet. Es ist das Koma, in das er seinen Protagonisten fallen lässt, um ihn dann erst zehn Jahre später wieder aufwachen zu lassen. Schneewittchen in Weißrussland, könnte man sagen…

So erleben wir Franzisk, einen ganz normalen Jugendlichen in Belarus, mit seiner Lebensgier, seinen Freunden, Problemen und Träumen. Die politischen Umstände sind eher Schatten im Licht seiner Energie, aber er spürt die Einschränkungen, die aus dem normalen Leben ein vorsichtiges Herumtasten auf politischen Minenfeldern machen. Es ist ein fröhlicher Ausflug zu einem Rockkonzert, der dramatisch endet. Es fühlt sich an, wie das Drama der Love-Parade, als wir Franzisk aus den Augen verlieren. Erst in der Klinik finden wir ihn wieder. Er liegt im Koma. Hoffnung auf ein baldiges und gesundes Erwachen: Fehlanzeige. Während Ärzte, Eltern, Freunde und sogar seine Freundin ihn aufgeben, hält nur noch seine Oma zu ihm. Sie begleitet sein Koma wie eine gute Fee. Niemand ahnt, dass es genau zehn Jahre dauern wird, bis er die Augen öffnet. Er wird wach und erkennt, dass sich sein gesamtes Umfeld verändert hat. Nur das Land seiner Jugend hat sich nicht verändert. Es fühlt sich für den jetzt 26-Jährigen so an, als hätte auch Belarus im Koma gelegen. Ein Tiefschlaf, den der allmächtige Präsident nur dazu genutzt hatte, seine Position unangreifbar zu machen.

„Wir leben im besten Land für erwachende Komapatienten. Hier ändert sich absolut nichts. Egal, wie lang sie im Koma liegen. Monatelang, jahrelang, ewig…“

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Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

Das Koma als zentrale Metapher steht für die Teilnahmslosigkeit und die fehlende Reaktionsfähigkeit auf äußere Reize. Es ist hier der kollektive Tiefschlaf eines Volkes, den Filipenko auf drastische Art und Weise beschreibt. Die höchste Form der Lähmung des zentralen Nervensystems wird hier zum literarischen Symptom aller Unterdrückten. Fehlt nur noch der letzte Schritt. Der Hirntod. Die letzte Konsequenz. Doch hier versagt die allmächtige Regierung. Der Patient erwacht. Er erinnert sich an den Zustand, der in seiner Heimat vor zehn Jahren vorherrschte. Dieses Brennglas auf einen Herzstillstand löst nun ein fulminantes Erwachen aus, das einer Eruption gleicht. Ein Koma ist für ein Leben genug. Es ist die unfassbare Vitalität, die aus dem zweiten Teil dieses Romans das Buch einer Widerstandsbewegung macht, die in den Straßen von Minsk zu neuem Leben erwacht. Es pulsiert, es vibriert und wirkt endlich ansteckend, wie eine heilsame Krankheit. Sasha Filipenko träumt den Freiheitstraum seines Protagonisten.

Sein ehemaliger Komapatient befreit sich von den Ketten der Vergangenheit und steht auf. Es ist alles Ehemalige, das er nun abstreifen muss, um ein Gegenwärtiger zu werdenUnd genau hier begegnen wir den Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen in den Straßen von Minsk. Hier fühlen wir die Träume und die Grenzen, die ihnen gesetzt sind. Hier beginnt nach dem Lesen des Romans die Wut. Hier beenden wir ein Buch in der Hoffnung, die Zeiten würden sich ändern und werden doch täglich von Neuem von der Findigkeit eines Machthabers überrascht. Sind es nicht wir, die im Koma liegen? Ist es nicht die Staatengemeinschaft, die ihre Werte verliert und wie lange darf man im Herzen Europas einer solchen Fehlentwicklung zuschauen? Diese Fragen bleiben am Ende von „Der ehemalige Sohn“. Es sind bohrende Fragen und fehlende Antworten, die uns beschäftigen. Es ist ein tiefes Koma, aus dem wir hier geweckt wurden. Ist es zu spät, um endgültig wach zu bleiben? Sasha Filipenko hat seine Antwort literarisch formuliert. Ein erschreckend aktueller Roman, der täglich zitiert werden kann.

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Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

„Du weißt ja, in welchem Land du lebst. Hier sind schon die nichts wert, die gesund und am Leben sind, von Menschen im Koma ganz zu schweigen.“

Sasha Filipenko wurde 1984 in Minsk geboren, lebt und schreibt in Sankt Petersburg und arbeitet als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber für eine Satire-Show und TV-Moderator. Der belarussische Schriftsteller schreibt auf Russisch. Die Übersetzerin des Romans Ruth Altenhofer hat das Buch um einige hilfreiche Anmerkungen ergänzt, die den Zugang zum gesellschaftlichen Hintergrund und zum Verständnis des Textes mehr als erleichtern. Kompliment.

Constanze Matthes war mit „Zeichen & Zeiten“ ebenfalls literarisch in Minsk. Hier geht´s zu ihrer keinesfalls komatösen Rezension…!

Ein wütender Nachtrag: Wenn man hier Querdenker und Corona-Leugner durch die Straßen ziehen sieht, die unsere Demokratie mit einer Diktatur vergleichen, Berlin mit Minsk verwechseln und sich dabei auf eine Stufe mit belarussischen Demonstranten stellen, muss man sie deutlich fragen: Warum gibt es euch noch? Wo sind die ganzen Sprinter, die euch von den Straßen verschleppen? Wo bleiben die illegalen Milizen, die auf euch einprügeln? Welche Querdenker wurden ausgebürgert? Wie ist es möglich, in der Öffentlichkeit, bei genehmigten Demonstrationen und im frei zugänglichen Internet vom fehlenden Recht auf freie Meinungsäußerung zu reden? Eure Haltung ist abstrus. Lesen bildet. Sasha Filipenko könnte helfen…  Nur so ein Tipp an alle Unterdrückten.

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Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

Die Stille des Meeres von Donal Ryan

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Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Das Meer ist eine tragfähige Metapher für Geschichten voller Tiefgang, tosende Stürme, Flauten ohne jedes Vorankommen, Sehnsucht nach den letzten Abenteuern, rettungsloses Hoffen auf die Sichtung erster Leuchttürme und nicht zuletzt für all die Flüsse, die ihrem Lauf folgen und sich letztlich ins Meer ergießen. Wer eine gewisse Affinität zu den großen Ozeanen unserer Erde verspürt und literarisch immer wieder gerne in See sticht, der wird sicher hellhörig beim Titel des neusten Romans aus der Feder des irischen Schriftstellers Donal Ryan. „Die Stille des Meeres“ vermittelt auf den ersten Blick – auch in Anbetracht des atmosphärischen Wellengang-Covers – das Gefühl, es mit einem wahrhaftigen Meeres-Roman zu tun zu haben. Schaut man sich jedoch den Originaltitel „From a Low and Quiet Sea“ etwas genauer an, dann dürfte schnell klar werden, dass wir es eher mit einer Geschichte zu tun haben, die sich aus der Mitte einer ruhigen und nicht allzu tiefen See an unsere Ufer mäandert. Doch wie wir alle wissen: „Stille Wasser sind tief“ und so ist es auch mit diesem Buch. Es reißt uns mit, entwickelt einen unwiderstehlichen Sog, changiert in den unterschiedlichsten Windstärken und tritt schließlich über die Ufer, um alle Flüsse, von denen es gespeist wird, miteinander zu vereinen.

Es wirkt schon fast wie ein Schreib-Experiment, dem wir in „Die Stille des Meeres“ ausgesetzt sind. Schon der Klappentext bereitet uns auf drei einzelne Geschichten vor, die sich erst am Ende in einer kleinen irischen Stadt auf unwahrscheinliche Weise und mit fatalen Folgen miteinander vereinen. Und schon taucht hier der zweite Eyecatcher auf, der mich dazu führte, diesem Roman zu folgen. Irland. Land der Verheißung und literarischer Sehnsuchtsort, Schauplatz wahrlich großer Romane und Ausgangspunkt bewegender Schicksale, die von Auswanderung, Armut und der Flucht aus einem von der Weltgeschichte zerrissenen Land berichten. Im Gegensatz zu diesen Geschichten jedoch ist es diesmal die Grüne Insel, die zum Schmelztiegel der Geschichten dreier Männer wird. Hier fließt alles zusammen. Hier wird „Die Stille des Meeres“ zu einem tiefgründigen Rauschen und Murmeln von Wellenschlägen, die unsere Ufer erreichen.

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Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Um im maritimen Jargon zu bleiben, den „Die Stille des Meeres vorgibt“ möchte ich meine Wahrnehmung der drei Einzelgeschichten mit einem Aggregatzustand der hohen See überschreiben:

Der Sturm – Farouk

Es ist die Geschichte von Farouk, einem syrischen Arzt, der sich dazu durchringt, seine kleine Familie vor den Folgen des Krieges zu retten. Ein Flüchtlingsschicksal, das wir gerne als typisch bezeichnen würden, dem sich Donal Ryan jedoch literarisch in einer Wucht annähert, die Ihresgleichen sucht. Es sind nur knappe 80 Seiten dieses Buches, in denen er ein Land im Krieg, eine übermächtige Religion und den Vorbehalt beschreibt, unter dem ein Leben steht, das rein westlich orientiert ist. Am Ende steht die Flucht. Die letzte Chance für Farouk, sich selbst, seine Frau und seine Tochter retten zu können. Es ist die Hoffnung, die sie antreibt. Es ist das Entsetzen, das sich in ihnen ausbreitet, als sie das abgewrackte Schiff sehen, das sie nach Europa bringen soll. Es ist die perfide Masche der Schlepper, ihre Schutzbefohlenen zu betrügen. Das Drama ist vorprogrammiert. Das Scheitern auf hoher See nur eine Frage der Zeit. Und es ist die literarische Brillanz, mit der uns Donal Ryan zu Schiffbrüchigen macht. Wir folgen Farouk bis zum fatalen Wendepunkt seines Lebens. Als seine Geschichte endet, war ich den Tränen nah. Hier in eine neue Geschichte einzusteigen fühlte sich an, wie ein „Legere Interruptus“ – ein unterbrochenes Lesen vor dem Höhepunkt.

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Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Nur die Hoffnung aus dem Klappentext trieb mich weiter. Am Ende sollte ich ihm erneut begegnen, also hinein in die zweite Geschichte. Hinein in eine Begegnung mit jenem zweiten Mann, der dieses Buch prägt. Seine Geschichte überschreibe ich mit:

Die Flut – Lampy

Jetzt sind wir in Irland. Jetzt begegnen wir Lampy, der mit seiner Mutter und seinem Großvater auf dem Land lebt. Eigentlich hat er gerade nur „Scheiße am Schuh“. Seine Mutter verheimlicht ihm, wer sein Vater ist. Sein Großvater nervt mit seinen Witzen auf Kosten anderer Leute und die erste große Liebe Chloe hat ihm den Laufpass gegeben und sein Herz bei ihrer Abreise gleich mit nach Dublin genommen. Sein Leben scheint im Schlick zu versinken, den die Ebbe zurückgelassen hat. Zumindest hat er einen Job als Busfahrer in einem Seniorenheim. Zumindest hier fühlt er sich nützlich. Seine alten Leutchen in den Bus setzen, sie zur Therapie oder zu Verwandten fahren und dann ins Heim zurückbringen. Was soll da schon schiefgehen? Wie die steigende Flut sich dem Alltag von Lampy langsam nähert, ahnen wir, dass aus der harmlosen Fahrt mit seinen Senioren eine Situation erwächst, in der er den Überblick verliert… Kein Vater, den Job als letzten Halt, eine Mutter voller Ausflüchte, die Freundin, die gar keine mehr ist, und ein Großvater, der sich sicherlich über ihn lustig machen wird. Das sind die Aussichten eines Lebens, als wir Lampy am Straßenrand verlassen. Die Flutwelle kommt.

Die Stille des Meeres von Donal Ryan - Astrolibrium

Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Zeit, dem letzten Protagonisten zu begegnen. Ich nenne sein Kapitel:

Die Ebbe – John

Ihm steht der Schlick sprichwörtlich bis zum Hals. Das Lebenselixier Wasser hat sich zurückgezogen und ihm bleibt nur noch dieser letzter Versuch, mit sich und Gott seinen Frieden zu machen. Es ist eine Beichte, die John in der letzten Stunde seines Lebens ablegt. Und er hat viel zu erzählen. Der große Manipulator und Betrüger hat zeitlebens im irischen Ardnamoher die Strippen gezogen. Ob es die Verluste seines Lebens waren, die ihn zum Betrüger, Erpresser und schamlosen Lobbyisten gemacht haben? Wer weiß das schon.. Er versucht sich zaghaft in Ausflüchten, doch je näher sein Ende kommt, desto drängender wird die Frage, ob er mit seiner Lebensbeichte überhaupt seinen Schöpfer erreichen kann. John hatte nie anderes im Sinn, als Hass zu säen, Profit aus Gerüchten zu ziehen und sich an den Menschen seiner Heimat zu bereichern. Jetzt rechnet er mit sich ab, während das Lebensmeer sich zurückzieht. Auch hier gelingt es Donal Ryan, uns in einem außergewöhnlichen Beichtstuhl zum Zuhörer einer verlorenen Seele zu machen. Ob wir ihm seine Reue abnehmen oder nicht, sie ist essenziell für „Die Stille des Meeres„…

So lässt uns der Autor am Ende von drei Geschichten zurück, bevor er schließlich sein letztes Kapitel aufschlägt. Ein Kapitel, dem wir entgegenfiebern, eine letzte Welle eines stillen Meeres, das uns so sehr bewegt hat. Es ist dieser Spannungsbogen, der mich bis zum Ende trieb. Wie wollte der Autor diese drei Geschichten auf wundersame Weise miteinander verbinden? Wie wollte er auf einen Nenner bringen, was bisher für mich nur lose Enden waren? Zu weit voneinander entfernt bewegten sich drei Männer durch das Setting ihrer jeweiligen Geschichten. Sollte sein Finale „Seeinseln“ halten, was der Klappentext so geheimnisvoll angedeutet hatte?

Die Stille des Meeres von Donal Ryan - Astrolibrium

Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Der Gezeitentümpel – Meine Überschrift für das Ende

In „Die Nordsee“ von Tom Blass wurde ich auf diesen Ausdruck aufmerksam. Es sind kleine Seen, die von Stürmen verursacht werden, all das beinhalten, was die Flut angespült hat und was die Ebbe zurücklässt. In diesen Zeittümpeln bilden sich kleine Inseln, die bis zur nächsten Flut Bestand haben. Ein Brennglas der Zeit. Ein solcher „Gezeitentümpel ist es, in den uns Donal Ryan am Ende eintauchen lässt. Hier sind die Spuren seiner drei Geschichten zu finden. Hier vereinen sie sich und als Leser ist es nicht mehr die Frage, wie ihm diese Vereinigung gelingt. Die Frage lautet eher, wann und wo man selbst die Verbindungslinien hätte sehen können. Brillant konstruiert und großartig erzählt. Er führt uns die Zufälligkeiten des Schicksals vor Augen, spielt mit unserer Wahrnehmung und ruft uns aus der Stille des Meeres zu, dass es ja vielleicht gar keine Zufälle gibt. Es ist ein Roman der Bestimmung. Es ist eine Antwort auf die Frage, was es bedeutet, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Oder eben nicht. Versagen, Verlust und Hoffnung spiegeln sich in der Oberfläche dieses kleinen Gezeitentümpels wider. Ein würdiges Ende für einen lesenswerten Roman.

Weitere Meeresbücher in der kleinen literarischen Sternwarte. Meer geht immer! Und literarische Reisen nach Irland sind immer lesenswert. Hier geht´s lang!

Die Stille des Meeres von Donal Ryan - Astrolibrium

Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Hard Land von Benedict Wells

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – Astrolibrium

Da schreibt ein literarischer Jungspund über meine Achtziger Jahre. Da schreibt ein Autor, der in dieser für mich wegweisenden Zeit zur Welt kam über die Gefühle von Heranwachsenden und legt einen Coming-of-Age-Roman vor, der mich im Kern meiner eigenen Erinnerungen berühren und treffen sollte. Er, der 1984 geborene Schriftsteller Benedict Wells, wagt sich in eine Welt vor, die er nicht erlebt hat und die er eigentlich nur aus Filmen und vom Hörensagen kennt. Er möchte mir etwas erzählen, das sich in meiner Seele bis heute festgebrannt hat. Eine Zeit, in der man seine wenigen Freunde noch tatsächlich treffen musste, um etwas Gemeinsames zu erleben. Eine Zeitscheibe mit fest montierten Wandtelefonen und den eigenen Eltern als ständige Mithörer. Eine Zeit der atemlosen Musikaufnahmen mit einem Radiorecorder, Musikkassetten, die ich mit meinem Bleistift zu entwirren hatte und eine Zeit, in der das Internet noch Science Fiction war. Die Zeit von Bruce Springsteen, die Zeit der großen Festivals und die Zeit, in der ich mich in der Eifel so oft am falschen Platz gefühlt habe. Am Arsch der Welt.

Von dieser Zeit möchte er mir erzählen? In seinem neuen Roman Hard Land, der gerade das Licht der Bücherwelt erblickt hat. Er, der Jungspund. Mir, dem alten Hasen. Klingt jetzt so, als würde ich ihm das nicht zutrauen. Weit gefehlt, denn hier wagt sich ein literarisches Schwergewicht an ein Thema, dessen Exklusivrechte ich eigentlich für mich reserviert hatte. Zumindest in meinen Erinnerungen. Ich hatte die Befürchtung, in seinem Roman an eine Stimmung erinnert zu werden, die ich vielleicht zum Schutz vor den Geistern von einst ein wenig verdrängt hatte. Die eigene Unsicherheit, das eigene schüchterne Ich auf der Suche nach der großen Liebe und die Fehler, die ich damals schon fast zwangsläufig begehen musste, um erwachsen zu werden. Ich wusste schon vor dem Lesen, dass es eher ein Wagnis für mich war, sein „Hard Land“ zu betreten. In Sachen Wells bin ich nämlich ein emotional gebranntes Kind. Seine Romane „Vom Ende der Einsamkeit“ und „Becks letzter Sommer“ haben mich verändert und mein Lesen beeinflusst. Nachhaltig. Und es sollte erneut so kommen…

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells

Willkommen in Grady, Missouri. Herzlich willkommen im Jahr 1984 und willkommen in einer Stimmungslage, die für einen kleinen Ort in dieser Zeit schon fast typisch ist. Ein Diner, ein altes Kino und ein paar Jugendliche, die sich auf ihrem Weg in eine Zukunft nach der Schule auf den Abschied aus der Heimat vorbereiten. Wirtschaftlich befindet sich das Land im Stillstand und die Hymnen von Bruce Springsteen, U2 und Billy Idol klingen mehr nach Abgesang, als nach Aufbruch. Willkommen auch im Gefühl und im Denken von Sam Turner, der uns mit auf die emotionale Reise in den Sommer seines Lebens nimmt. Für ihn stehen die Zeichen nicht auf Abschied. Mit seinen 15 Jahren ist es sicher, dass Grady auch weiterhin sein Lebensmittelpunkt bleiben wird. Und doch ist es genau jener Sommer, der alles verändert. Seine Mutter stirbt, seine Schwester Jean hat schon lange den Absprung in die Welt jenseits von Grady geschafft und das Leben mit dem Vater gleicht dem Leben auf einer trostlosen Insel. Und mittendrin ein unsicher vor sich hin lebender Junge, der nach dem Sinn seines Lebens sucht.

Nur in Sam Turner schreit alles nach Aufbruch. Nur in ihm regt sich der Widerstand gegen die Trostlosigkeit von Grady. Er verändert sich und damit alles. Es ist der Job im Kino, der ihn aus der Tristesse katapultiert, es sind die ersten richtigen Freunde, die er dort findet, und last but not least ist es ein Mädchen namens Kirstie Andretti, das sich zur ersten großen Liebe seines Lebens mausert. Benedict Wells findet schon auf den ersten Seiten seines Romans den richtigen Sound für eine Zeit, die sich in Melancholie aufzulösen schien. Weltschmerz, Perspektivlosigkeit und Abschied hängen in der Luft. Er findet auch den richtigen Sound in der Stimme von Sam Turner, der uns mit seiner Schüchternheit und Unsicherheit für sich einnimmt. Es ist die unverfälschte und extrem authentische Perspektive eines Jungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die in ihm zu einer großen Geschichte wächst. Es sind seine Worte, die sich festsaugen und sich in der Folge nicht mehr von unserem Leseerlebnis lösen wollen.

„Wenn die First Base Küssen war und der Home Run Sex,
dann saß ich noch in der Umkleidekabine und band meine Schuhe.“  

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells

Benedict Wells erzählt, wie sehr Sam um die Freundschaft zu den Menschen kämpft, die Grady bald verlassen werden. Er nimmt uns mit ins alte Kino und lässt und erleben, wie aus dem wenig akzeptierten Jungen das Herzstück dieser kleinen Clique wird. Wir trauern mit ihm um seine Mutter, um viele Chancen und Träume. Darum, dass auch die Freundschaften, die er jetzt gerade schließt, endlich sind. Nach diesem Sommer bleibt nur er zurück. Universitäten rufen nach Kirstie, Cameron und Hightower. Und ich habe keine Chance, mich nicht mit Sam in dieses magische Mädchen zu verlieben. Sie allein steht für jede Verheißung des Sommers. Sie ist der Lichtblick im Dunkel. Sie ist es, die Sam Turner erweckt. Kirstie verkörpert alle Hoffnung, tiefe Zweifel und jedes denkbare Gefühl. Sich in sie zu verlieben ist wie im Treibsand zu versinken. Unnahbar, vergeben und dann wieder im strahlenden Schein ihrer Persönlichkeit steht sie für die verzweifelt und unglücklich scheinende Liebe. Ihre Worte elektrisieren Sam.

„Ich zähle jetzt langsam von zehn runter, und bei null bist du in mich verliebt.
Du hast keine Chance, es ist ein Zauber, und es dauert nur zehn Sekunden.“ 

Es ist die Magie dieser Menschen, die uns Benedict Wells in die Herzen schreibt. Es ist der Zauber von Grady, dem wir uns nicht entziehen können. Es ist eine Emotion, die er nicht beschreibt, nicht erzählt und nicht formuliert. Er lässt sie einfach entstehen und in uns wachsen. Das ist Literatur. Nicht zu schreiben, dass jemand traurig ist. Die Leser fühlen lassen, was mit den Menschen passiert, wie sie verändert werden. Wenn es Empathie erzeugendes Schreiben gibt, dann hier. Es sind die vielen Facetten eines Romans über den längsten Sommer im Leben eines jungen Menschen, die mich schon früh im Buch gefesselt haben. Es sind 49 Geheimnisse, die der Überlieferung zufolge in Grady zu entdecken sind. Es sind nicht zufällig 49 Kapitel, die sich Benedict Wells gönnt, um uns mit „Hard Land“ zu vereinen. Es ist die tiefe Poesie seiner Geschichte, die man einatmet und miterlebt.

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells

Ich erlebte eine Art von bipolarem Lesen in diesem Roman. Ich wollte der Handlung folgen, wurde jedoch immer wieder in meine Erinnerungen getrieben, um mich an einer Geschichte zu reiben, die Reibungsverluste erzeugt. Der erste Kuss. Die erste trunkene Schwerelosigkeit. Die Verzweiflung angesichts bevorstehender Trennungen. All dies war Teil meines Aufenthalts in Grady, untermalt vom Soundtrack eines Romans, der sich im Herzen verankert, wie die eigene Jugend. Benedict Wells erzählt nicht nur. Er spiegelt eigene Hoffnungen, Träume und Wünsche in seinen Lesern. Sein längster Sommer ist unser längster Sommer. Seine Unsicherheit wird zu der von Sam Turner. Er nimmt uns mit auf eine Reise ins „Hard Land„, die uns nicht unverändert entkommen lässt. Wenn er von der Heimat Grady schreibt, dann zupft er an den Saiten meiner Vergangenheit. Seine Worte erhalten durch unser eigenes Erinnern eine literarische Sprengkraft, der man schutzlos ausgeliefert ist.

„Es war nie wieder so toll, nicht mal, als es danach richtig toll war. Ich meine, es ist in den letzten Jahren fast alles wahr geworden, was ich mir damals erträumt habe. Aber es war trotzdem nie so schön, wie davon zu träumen.“

Vertraut euch Benedict Wells an. Folgt ihm nach Missouri und lasst euch in einen Roman entführen, der seine Leser wie ein furioser Roadtrip durch die eigene Jugend fesselt. Man muss die 1980er nicht erlebt haben, um dieser Magie zu erliegen. Ja, man muss sie nicht selbst erlebt haben, um so darüber zu schreiben. Vielleicht ist es gerade die Distanz zu dieser realen Zeit, die es Benedict Wells ermöglicht hat, über Emotionen und die großen Fragezeichen im Leben zu schreiben. Mich hat er begeistert. Ich habe keine zehn Sekunden benötigt, mich in Kirstie Andretti zu verlieben. Ich habe mich vor dem 49. Kapitel in diesem Buch gefürchtet. Ich wollte das letzte Geheimnis von Grady nicht lüften. Vielleicht war sie genau hier wieder da. Meine Unsicherheit aus einer Zeit, in der sich das Erwachsenwerden noch so abstrakt anfühlte. Am Ende von allem danke ich gerade für dieses Schlusskapitel. Für jedes Wort… 

Und wer mir allein nicht glauben mag, so sieht´s aus, wenn eine Jungspundin den Jungspund liest. Der weibliche Blick aufs Buch in der Kategorie KateView:

Hard Land von Benedict Wells - KateView - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – KateView

Zehn. Neun. Acht. Sieben. Sechs. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. JETZT.

„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“

Selten hat mich bereits ein erster Satz so festgehalten – immer ein Zeichen, dass ich ein außergewöhnliches Buch in den Händen halte.

Vertrauensvoll ließ ich mich an die Hand nehmen, bereit, um mit Sam den Sommer seines Lebens zu erleben. Wir reisten gemeinsam in eine Zeit, die weder Benedict Wells noch ich erlebt haben. Und trotzdem SIND wir dort. Der Autor schafft es, dass wir Sam sind. Die Welt mit seinen Augen sehen, seine Gefühle fühlen, seine Gedanken denken, seine Ängste erleben. Jeden Augenblick des Lesens SIND wir in dieser euphancholischen Welt der wunderschönen Worte, der bemerkenswert treffenden Sätze und der ausdrucksstarken Bilder. Jeden Augenblick des Lesens WAREN wir in diesem Sommer – frei, jung, fast schon ein wenig kitschig – genau so muss es sich anfühlen. Sehnsüchtig auf die coolen Kids schauend, im Augenblick lebend.

All die Eindrücke, die warmen Steine des Bahndammes unter den nackten Füßen, der Nachhall des leise in der Ferne verschwindenden Güterzuges, das leise Sirren der Fahrradspeichen, der Geruch des Staubes in der Luft, das Gefühl des kalten Wassers des Badesees. All das war da, während ich mit Sam, Kirstie, Cameron und Hightower unterwegs war. All das, was ich selber nie erlebt habe, erlebte ich jetzt beim Lesen. In meiner eigenen Zeit war ich dafür nicht cool genug, jetzt durfte ich dabei sein.

Der Zauber des Erwachsenwerdens wird einem nicht bewusst, während man ihn selbst erlebt. Erst zurückblickend erkennt man die Dimensionen des eigenen Erlebens, des eigenen Erwachens und das, was einen zu einem selbst macht.

Und dann blicke ich zurück auf mein rappelvolles Leben und sage nur drei Worte:
„Gut gemacht, Benedict!“

Hard Land - KateView - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – KateView

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Mehr Informationen zuHard Land„, zu Benedict Wells, zu seinen Tourdaten und Hintergründen zum Roman findet ihr auf derHard-Land-Homepage„. Alleine schon der Trailer zum Buch ist sehenswert. Und jetzt, auf nach Grady mit euch.

In meinem Artikel zu Vom Ende der Einsamkeit findet ihr den Weg zum Interview mit Benedict Wells während der Leipziger Buchmesse 2016. Und im Artikel zu allen Radio-Talks in Leipzig ist eine Dia-Show dieses Gesprächs eingebaut. Er prägt meine Sehnsucht nach guten Geschichten bis heute. Die vorgestellten Neuerscheinungen des Frühjahrs stellen sich seiner literarischen Konkurrenz… Seht selbst…

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells und mehr…

Update aus gutem Grund:

Gibt es eine Blaupause für Coming-of-Age-Romane? Gibt es ein Strickmuster, an dem man sich als Autor entlanghangeln kann, um im eigenen Werk keine Elemente zu vergessen, die von ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten vorgegeben sind? Mir scheint es fast so zu sein. Wer über das Erwachsenwerden schreibt, muss ein paar Zutaten in den großen literarischen Suppentopf werfen, auf die man absolut nicht verzichten kann. Sonst schmeckt das Ergebnis nicht nach kraftvoller Adoleszenz. Sonst bleibt ein fader Beigeschmack eines unfertigen Gerichts, das eher aufstößt, als genussvoll zu sein. Ich bin jenem Muster gefolgt und habe zwei Bücher aneinander gerieben…

Hier kommt ihr zu einem Vergleich: Grady meets Klein Krebslow… 

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Und gleich noch ein Vergleich: „Der große Sommer“ von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65).

Hier geht´s zur Rezension

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

Die Passion von Amélie Nothomb

Die Passion von Amélie Nothomb - Astrolibrium

Die Passion von Amélie Nothomb

„Es ist vollbracht.“

Ich hatte einen Traum. Ich träumte von einer Reise zurück in die Zeit. 2000 Jahre hätten mir gereicht, um in der Gegend von Jerusalem auf Jesus zu treffen und mich mit ihm über Gott und die Welt zu unterhalten. Ein Traum, der wohl immer einer bleiben würde, das war mir schon klar. Und doch lagen mir so viele Fragen auf den Lippen, die ich bei dieser Gelegenheit gestellt hätte. Dass ich nun literarisch Erlösung fand, gehört zu DEN absoluten Überraschungen des Bücherjahres 2020. Dass es eine französische Schriftstellerin wagen würde, in die Haut von Jesus zu schlüpfen, und aus seiner Sicht in der Nacht vor seiner Kreuzigung über all das zu sprechen, was nie erzählt, nie zuvor betrachtet wurde und bisher in der offiziellen theologischen Sicht nie eine Rolle gespielt hat, ist für mich ein literarisches Erdbeben sondergleichen. (Rezension hören)

Die Passion von Amélie Nothomb - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Die Passion von Amélie Nothomb – Die Rezension fürs Ohr

Die Passion“ von Amélie Nothomb, erschienen im Diogenes Verlag, bricht mit allen nur denkbaren Tabus, nimmt mögliche Vorverurteilungen wie Blasphemie und Sakrileg in Kauf und schlägt dabei einen Weg ein, den wir zwar alle vor uns sehen, von dem wir uns jedoch nie zuvor ein solches Bild gemacht haben. Es ist das menschlichste Porträt des Mannes, der durch seine Menschwerdung Geschichte schrieb, das jemals in einem Buch veröffentlicht wurde. Sein Martyrium in Jerusalem, sein Prozess, das Urteil, seine Liebe und der Verrat, der alles auslöste. All dies wurde uns nur überliefert. Nicht direkt von Augenzeugen, sondern von Evangelisten. Das Hörensagen war die Basis für einen Glauben und eine Religion. Waren diese Quellen verlässlich? Nein. Sie widersprechen sich vielfach. Warum also sollte man nicht den Versuch unternehmen, einen Roman in eine Welt zu setzen, die aufgeklärter und freidenkender ist, als jede Welt zuvor? Es ist an der Zeit, „Die Passion“ zu lesen. Gehen wir den Kreuzweg gemeinsam.

Die Passion von Amélie Nothomb - Astrolibrium

Die Passion von Amélie Nothomb

Was darf man also erwarten, wenn man Amélie Nothomb nach Jerusalem folgt? Ein religiös geprägtes Fabulierstück, in dem sich die Autorin ihrer Fantasie überlässt? Ich sage ganz deutlich: NEIN. Dann vielleicht eine philosophisch geprägte Spiegelung des Gottessohnes, über den man aus Sicht einer Schriftstellerin wahrlich alles sagen kann? Auch hier ein ganz deutliches NEIN. Vielleicht eine romantische Erzählung, in der uns der wohl prominenteste zum Tode Verurteilte seine Lebensbeichte vorlegt? Mitnichten. Hier ist nichts verklärt, hier wird nichts romantisiert, keine Spur von Glaubenstheorien oder ermüdenden Diskursen zu ethischen oder moralischen Religionsfragen. Dies ist ein Roman für all jene, die meinen Traum träumen und einfach unbefangen mit einem Menschen (ja, das ist er zweifelsfrei) reden würden, der uns als selbstlos, opferbereit und empathisch beschrieben wird, ohne wissenschaftliche Beweise für seine Existenz finden zu können. Reicht der Glaube? Reicht es zu glauben? Dieser Roman bringt uns weiter.

Dies ist kein Hollywoodstreifen oder ein buntes Gemälde. Amélie Nothomb schreibt sich in Jesus hinein und vollendet in ihrem Buch die Menschwerdung einer Legende in beeindruckender Weise. Egal, wie man sich religiös positioniert. Es sind die einfachen Sätze aus seinem Mund, die uns fesseln: „Ich muss versuchen zu schlafen.“ Niemals zuvor hatte er sich selbst geäußert. Sein Schweigen füllt Lehrbücher. Nie hatte ich das Gefühl, Jesus wirklich nahe zu sein. Nie hätte ich gedacht, es sein zu dürfen. Was er zu erzählen hat, ist revolutionär, blasphemisch und menschlich zugleich. Er spricht von seiner Rolle auf Erden, die ihm zugedacht war, erzählt von den Wundern, die man ihm zuschreibt und was er dabei empfand. Er spricht von der Liebe zu den Menschen und der besonderen Liebe zu Magdalena. Er beschreibt seinen Prozess und die logischen Folgen der Zeugenaussagen gegen ihn. Und er hat Angst vor der Kreuzigung, vor den Schmerzen und der Tatsache, die Welt verlassen zu müssen. Hier spricht ein Mensch.

Die Passion von Amélie Nothomb - Astrolibrium

Die Passion von Amélie Nothomb

Amélie Nothomb steht unserem Glauben nicht im Weg. Ganz im Gegenteil. Durch ihren Roman öffnet sie Türen für eine neue Herangehensweise an ein Thema, das im Lauf der Zeit zum Thema einer Institution verkam. Kann man an Gott glauben, ohne an die Kirche zu denken? Nothomb gibt alle Antworten. Sie lässt Jesus den eigenen Vater kritisieren und an sich selbst zweifeln. Sie lässt ihn davon träumen, ein ganz normales Leben führen zu können. Sie greift an keiner Stelle ihres Textes zu kurz und schon der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass wir es hier mit einem Menschenkind zu tun haben. Und gar nicht nebenbei finden wir in diesem Buch Halt, wenn wir uns selbst mit den tief existenziellen Fragen unseres Lebens auseinandersetzen. Das ist kein Coelho. Das ist meilenweit von einem Ratgeber entfernt. Hier schießt uns die Erkenntnis direkt ins Herz und versöhnt uns mit den kritischen Fragen, die uns beschäftigen.

Soif [swaf] – DURST ist der französische Originaltitel des Romans. Der Autorin gelingt Erstaunliches, wenn sie mit diesem Wort spielt. Wenn sie es dem Dürstenden in den Mund legt und dieses Gefühl zum Mantra ihres Romans erhebt. Allein hierfür lohnt es sich, diesen Roman zu lesen. Es ist der Durst nach Wahrheit und Weisheit, der uns am Ende überkommt. Er ist unstillbar, aufwühlend und schmerzhaft und doch ist er mit den Worten dieses Jesus von Nazareth gleichzeitig ein Fluchtpunkt im Leben, an den man glauben muss. Dieses Buch ist provozierend, wenn man ein reiner Theoretiker in der Religionswissenschaft ist. Es ist gotteslästerlich, weil es Kritik an Gott zulässt. Und es ist ein Sakrileg, weil es uns von einer Dogmatik befreit, die unser Leben beeinflusst. Aufopferung und Selbstlosigkeit werden mit einem neuen Wertevorrat hinterlegt.

Die Passion von Amélie Nothomb - Astrolibrium

Die Passion von Amélie Nothomb

Die Passion“ von Amélie Nothomb ist ein echter „Mindchanger“. Dieses Buch ist in der Lage, die eigene Meinung, eine verfestigte Grundhaltung und geprägtes Denken zu verändern. Der Roman ist kein Bildersturm, keine Revolution gegen den Glauben im wahrhaftigsten Sinn des Wortes. Wer Amélie Nothomb gelesen hat, findet vielleicht den Zugang zu Jesus, der ihm bisher verwehrt war. Sicherlich findet jeder von uns Ansätze, sich selbst zu hinterfragen. Nicht nur in Bezug auf Religion und Ethik. Am Ende dieser Geschichte (deren Ende weiß Gott keiner Spoiler bedarf) stand für mich fest, dass ich vor mehr als 2000 Jahren diesem Mann gefolgt wäre. Mehr muss ich nicht sagen. Der Traum vom Dialog mit Jesus wurde real.

„Es ist vollbracht.“

Persönliches: Ich hatte einen Freund. Er war katholischer Priester und mein Lehrer im Abitur. Er hat uns damals christlich getraut, unsere Kinder christlich getauft und dabei niemals die Institution erwähnt, für die er stand. Er öffnete mir die Tür zu dem Glauben, den er uns vorlebte. Wir haben nächtelang diskutiert und dabei über Gott und die Welt geredet. Er kannte keine Dogmatik, kein „Das darf man so nicht sehen“ und kein „Aber die Kirche sagt und schreibt.“ Ich hätte ihm „Die Passion“ geschenkt. Dann hätte ich ihm die Zeit gegeben, diesen Roman zu lesen. Und dann hätte ich ihn im Dom zu Trier besucht. „Hallo Engelbert, wir müssen reden“, hätte ich gesagt. „Hast Du Wein dabei?“ hätte er gefragt. Und dann… Entschuldigung, mein Freund, dass ich hier keine Worte mehr finde. Ich habe den Glauben an Dich nie verloren.

Diese Rezension ist liebevoll zugeeignet. Dr. Engelbert Felten (8.9.54 – 3.3.2019)

Die Passion von Amélie Nothomb - Astrolibrium

Die Passion von Amélie Nothomb