Die Passion von Amélie Nothomb

Die Passion von Amélie Nothomb - Astrolibrium

Die Passion von Amélie Nothomb

„Es ist vollbracht.“

Ich hatte einen Traum. Ich träumte von einer Reise zurück in die Zeit. 2000 Jahre hätten mir gereicht, um in der Gegend von Jerusalem auf Jesus zu treffen und mich mit ihm über Gott und die Welt zu unterhalten. Ein Traum, der wohl immer einer bleiben würde, das war mir schon klar. Und doch lagen mir so viele Fragen auf den Lippen, die ich bei dieser Gelegenheit gestellt hätte. Dass ich nun literarisch Erlösung fand, gehört zu DEN absoluten Überraschungen des Bücherjahres 2020. Dass es eine französische Schriftstellerin wagen würde, in die Haut von Jesus zu schlüpfen, und aus seiner Sicht in der Nacht vor seiner Kreuzigung über all das zu sprechen, was nie erzählt, nie zuvor betrachtet wurde und bisher in der offiziellen theologischen Sicht nie eine Rolle gespielt hat, ist für mich ein literarisches Erdbeben sondergleichen.

Die Passion“ von Amélie Nothomb, erschienen im Diogenes Verlag, bricht mit allen nur denkbaren Tabus, nimmt mögliche Vorverurteilungen wie Blasphemie und Sakrileg in Kauf und schlägt dabei einen Weg ein, den wir zwar alle vor uns sehen, von dem wir uns jedoch nie zuvor ein solches Bild gemacht haben. Es ist das menschlichste Porträt des Mannes, der durch seine Menschwerdung Geschichte schrieb, das jemals in einem Buch veröffentlicht wurde. Sein Martyrium in Jerusalem, sein Prozess, das Urteil, seine Liebe und der Verrat, der alles auslöste. All dies wurde uns nur überliefert. Nicht direkt von Augenzeugen, sondern von Evangelisten. Das Hörensagen war die Basis für einen Glauben und eine Religion. Waren diese Quellen verlässlich? Nein. Sie widersprechen sich vielfach. Warum also sollte man nicht den Versuch unternehmen, einen Roman in eine Welt zu setzen, die aufgeklärter und freidenkender ist, als jede Welt zuvor? Es ist an der Zeit, „Die Passion“ zu lesen. Gehen wir den Kreuzweg gemeinsam.

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Die Passion von Amélie Nothomb

Was darf man also erwarten, wenn man Amélie Nothomb nach Jerusalem folgt? Ein religiös geprägtes Fabulierstück, in dem sich die Autorin ihrer Fantasie überlässt? Ich sage ganz deutlich: NEIN. Dann vielleicht eine philosophisch geprägte Spiegelung des Gottessohnes, über den man aus Sicht einer Schriftstellerin wahrlich alles sagen kann? Auch hier ein ganz deutliches NEIN. Vielleicht eine romantische Erzählung, in der uns der wohl prominenteste zum Tode Verurteilte seine Lebensbeichte vorlegt? Mitnichten. Hier ist nichts verklärt, hier wird nichts romantisiert, keine Spur von Glaubenstheorien oder ermüdenden Diskursen zu ethischen oder moralischen Religionsfragen. Dies ist ein Roman für all jene, die meinen Traum träumen und einfach unbefangen mit einem Menschen (ja, das ist er zweifelsfrei) reden würden, der uns als selbstlos, opferbereit und empathisch beschrieben wird, ohne wissenschaftliche Beweise für seine Existenz finden zu können. Reicht der Glaube? Reicht es zu glauben? Dieser Roman bringt uns weiter.

Dies ist kein Hollywoodstreifen oder ein buntes Gemälde. Amélie Nothomb schreibt sich in Jesus hinein und vollendet in ihrem Buch die Menschwerdung einer Legende in beeindruckender Weise. Egal, wie man sich religiös positioniert. Es sind die einfachen Sätze aus seinem Mund, die uns fesseln: „Ich muss versuchen zu schlafen.“ Niemals zuvor hatte er sich selbst geäußert. Sein Schweigen füllt Lehrbücher. Nie hatte ich das Gefühl, Jesus wirklich nahe zu sein. Nie hätte ich gedacht, es sein zu dürfen. Was er zu erzählen hat, ist revolutionär, blasphemisch und menschlich zugleich. Er spricht von seiner Rolle auf Erden, die ihm zugedacht war, erzählt von den Wundern, die man ihm zuschreibt und was er dabei empfand. Er spricht von der Liebe zu den Menschen und der besonderen Liebe zu Magdalena. Er beschreibt seinen Prozess und die logischen Folgen der Zeugenaussagen gegen ihn. Und er hat Angst vor der Kreuzigung, vor den Schmerzen und der Tatsache, die Welt verlassen zu müssen. Hier spricht ein Mensch.

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Die Passion von Amélie Nothomb

Amélie Nothomb steht unserem Glauben nicht im Weg. Ganz im Gegenteil. Durch ihren Roman öffnet sie Türen für eine neue Herangehensweise an ein Thema, das im Lauf der Zeit zum Thema einer Institution verkam. Kann man an Gott glauben, ohne an die Kirche zu denken? Nothomb gibt alle Antworten. Sie lässt Jesus den eigenen Vater kritisieren und an sich selbst zweifeln. Sie lässt ihn davon träumen, ein ganz normales Leben führen zu können. Sie greift an keiner Stelle ihres Textes zu kurz und schon der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass wir es hier mit einem Menschenkind zu tun haben. Und gar nicht nebenbei finden wir in diesem Buch Halt, wenn wir uns selbst mit den tief existenziellen Fragen unseres Lebens auseinandersetzen. Das ist kein Coelho. Das ist meilenweit von einem Ratgeber entfernt. Hier schießt uns die Erkenntnis direkt ins Herz und versöhnt uns mit den kritischen Fragen, die uns beschäftigen.

Soif [swaf] – DURST ist der französische Originaltitel des Romans. Der Autorin gelingt Erstaunliches, wenn sie mit diesem Wort spielt. Wenn sie es dem Dürstenden in den Mund legt und dieses Gefühl zum Mantra ihres Romans erhebt. Allein hierfür lohnt es sich, diesen Roman zu lesen. Es ist der Durst nach Wahrheit und Weisheit, der uns am Ende überkommt. Er ist unstillbar, aufwühlend und schmerzhaft und doch ist er mit den Worten dieses Jesus von Nazareth gleichzeitig ein Fluchtpunkt im Leben, an den man glauben muss. Dieses Buch ist provozierend, wenn man ein reiner Theoretiker in der Religionswissenschaft ist. Es ist gotteslästerlich, weil es Kritik an Gott zulässt. Und es ist ein Sakrileg, weil es uns von einer Dogmatik befreit, die unser Leben beeinflusst. Aufopferung und Selbstlosigkeit werden mit einem neuen Wertevorrat hinterlegt.

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Die Passion von Amélie Nothomb

Die Passion“ von Amélie Nothomb ist ein echter „Mindchanger“. Dieses Buch ist in der Lage, die eigene Meinung, eine verfestigte Grundhaltung und geprägtes Denken zu verändern. Der Roman ist kein Bildersturm, keine Revolution gegen den Glauben im wahrhaftigsten Sinn des Wortes. Wer Amélie Nothomb gelesen hat, findet vielleicht den Zugang zu Jesus, der ihm bisher verwehrt war. Sicherlich findet jeder von uns Ansätze, sich selbst zu hinterfragen. Nicht nur in Bezug auf Religion und Ethik. Am Ende dieser Geschichte (deren Ende weiß Gott keiner Spoiler bedarf) stand für mich fest, dass ich vor mehr als 2000 Jahren diesem Mann gefolgt wäre. Mehr muss ich nicht sagen. Der Traum vom Dialog mit Jesus wurde real.

„Es ist vollbracht.“

Persönliches: Ich hatte einen Freund. Er war katholischer Priester und mein Lehrer im Abitur. Er hat uns damals christlich getraut, unsere Kinder christlich getauft und dabei niemals die Institution erwähnt, für die er stand. Er öffnete mir die Tür zu dem Glauben, den er uns vorlebte. Wir haben nächtelang diskutiert und dabei über Gott und die Welt geredet. Er kannte keine Dogmatik, kein „Das darf man so nicht sehen“ und kein „Aber die Kirche sagt und schreibt.“ Ich hätte ihm „Die Passion“ geschenkt. Dann hätte ich ihm die Zeit gegeben, diesen Roman zu lesen. Und dann hätte ich ihn im Dom zu Trier besucht. „Hallo Engelbert, wir müssen reden“, hätte ich gesagt. „Hast Du Wein dabei?“ hätte er gefragt. Und dann… Entschuldigung, mein Freund, dass ich hier keine Worte mehr finde. Ich habe den Glauben an Dich nie verloren.

Diese Rezension ist liebevoll zugeeignet. Dr. Engelbert Felten (8.9.54 – 3.3.2019)

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Die Passion von Amélie Nothomb

Kalmann von Joachim B. Schmidt

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Kalmann von Joachim B. Schmidt

Herzlich willkommen in Island. In Raufarhöfn, um ganz genau zu sein. Das beinahe ausgestorbene Fischerdorf ist auf unseren Landkarten kaum zu finden und doch ist es eine Reise wert. Das behauptet zumindest Joachim B. Schmidt, der Schriftsteller und ausgebildete Reiseleiter, der selbst seit dreizehn Jahren in Island lebt. Eigentlich sollte er es ja wissen, und so kann man sich diesem literarischen Auswanderer bedenkenlos anvertrauen, um ihm in die eisige Kälte am Rande der Zivilisation zu folgen. Dachte ich zu Beginn seines Romans „Kalmann“ zumindest. Ich war sehr gut vorbereitet. Warme Lesedecke, ausreichend Tee und Grog für den Notfall, Handschuhe, Mütze und Schal. Perfekt, sollte man eigentlich denken. Half jedoch alles nichts. Ich fror mir die Nase ab, ernährte mich von unsäglichen Dingen und begegnete Einheimischen, um die ich im Normalfall einen weiten Bogen machen würde.

Dies jedoch ist absolut kein Normalfall. Dies ist eine absolute Ausnahmesituation mit dem Titel „Kalmann“. Wer diesen Roman nicht erlebt hat, war noch nie in Island. Wer sich dieser Geschichte öffnet, wird sich gut überlegen, unvorbereitet dorthin zu reisen. Und wer das Buch unbeschadet übersteht, gehört zu den Glücklichen im Bücherland.

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Kalmann von Joachim B. Schmidt

Kalmann Óðinsson ist der Sheriff von Raufarhöfn. Nun ja, eigentlich ist er genau genommen alles, nur das nicht. Aber es ist die Rolle, in der er sich sieht und in der er lebt. 33 Jahre alt, ein Kerl wie ein Baum und das einfache Gemüt eines Kindes. Ohne Cowboyhut, Sheriffstern und Pistole trifft man ihn nicht an. Ihn einfach als Dorftrottel zu bezeichnen, nur weil er in der Schule ein paar Klassen wiederholt hat und in seinem Kopf die Räder anders laufen, als bei anderen Menschen, wäre schon an dieser Stelle fatal. Es ist nämlich Kalmann höchstpersönlich, der uns seine Geschichte erzählt. Und wer an dieser Stelle intellektuelle literarische Höhenflüge erwartet, der sollte seine hohe Erwartung ein wenig korrigieren. Nicht umsonst vergleicht man Kalmann hier mit einem gewissen „Forest Gump„.

Kalmann zu charakterisieren ist wie der Blick in ein kalmannisches Kaleidoskop. Er wirkt wie der Archetyp eines Ureinwohners am Rande des Nordpolarkreises. Dabei ist er genau jener Naturbursche, der hier am besten überleben kann. Eine gute Portion Jähzorn, ein wenig Vergesslichkeit und die Begabung, wichtige Dinge zu verdrängen, machen ihn zwar zu einem recht unzuverlässigen, aber liebenswerten Erzähler. Sein Leben ist geprägt vom pflegebedürftigen Großvater, der alles vergessen hat, was ihm jemals wichtig erschien; der Jagd nach Grönlandhaien und der Mission, seine Heimat vor der Ungerechtigkeit der Welt zu beschützen. Aus gutem Grund, denn die richtige Polizei hat das kleine verschneite Dorf, in dem es kaum mal richtig hell wird, längst in den eisigen Wind geschrieben und aufgegeben.

Kalmann von Joachim B. Schmidt - AstroLibrium

Kalmann von Joachim B. Schmidt

Und doch beschreibt Joachim B. Schmidt in jener Eiseskälte den liebenswertesten Außenposten der menschlichen Wärme, den man sich nur vorstellen kann. Es sind die Menschen von Raufarhöfn, die dem geborenen Außenseiter einen Platz in ihrer Mitte geben. Sie wissen, dass man nicht seine Intelligenz, aber sein Herz auf die Goldwaage legen kann. Von seiner alten Lehrerin über den Hafenmeister bis zu seinen ehemaligen Mitschülern, jeder akzeptiert den Dorfsheriff und gleichzeitig besten Haifischer, den es in dieser Einöde noch gibt. Joachim B. Schmidt räumt mit der tiefen Stimme Kalmanns in unseren Köpfen mit Vorurteilen und Ressentiments auf. Er gibt uns den Glauben an eine intakte Gemeinschaft zurück, in der jeder seinen Platz findet. Er zeigt aber auch, wie fragil solche Mikrogesellschaften sind, wenn das Außergewöhnliche geschieht.

Als Kalmann bei der Polarfuchsjagd auf eine Blutlache stößt, und gleichzeitig der reichste Mann aus dem Dorf als vermisst gemeldet wird, entwickelt sich aus der Idylle der Tatort eines vermeintlichen Mordes. Jetzt ist der Sheriff von Raufarhöfn gefordert. Denkt auch Nói, der einzige Gesprächspartner Kalmanns, der jedoch nur in der Tiefe eines Onlinechats existiert. Als jedoch die echte Polizei auftaucht und die Ermittlungen an sich zieht, wird aus Kalmann die zentrale Figur im Fall. Ein Mord, der viel aufdeckt, was bisher verborgen war. Die wirtschaftliche Not der Region, die Fangquoten, die in reichen Händen liegen, die Armut und Frustration der Dörfler. All dies und die wirren Theorien des wahren Sheriffs, vielleicht sei auch ein Eisbär der Mörder, machen aus einem blutigen Vermisstenfall einen Islandkrimi mit furiosem Finale.

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Kalmann von Joachim B. Schmidt

Joachim B. Schmidt entführt uns in ein anderes Island, das sich dem Tourismus nicht so präsentieren würde. Dem Autor gelingt nicht nur eine tragikomische Studie des sozialen Gefüges in einer von der Umwelt abgehängten Region. Ihm gelingt hier in der Perspektive des naivsten aller Bewohner eine Charakterstudie der Menschen, die hier ausharren und sich selbst nicht verlieren. Dabei ist Kalmann wie ein Rohdiamant, der ungeschliffen und unförmig wirkt, in dessen Innerem allerdings ein Licht glüht, das der Kälte des Nordens die Wärme des Herzens entgegensetzt. Wir träumen Kalmanns Träume von einem normalen Leben, von einer tiefen Liebe und einer festen Beziehung mit einer Frau, die er auf Händen tragen würde. Wir bereiten mit ihm Gammelhai zu und nehmen die Beine in die Hand, wenn wir uns vorstellen, wie das riecht. Und doch erkennen wir das Ritual eines Enkels, der weiß, dass nur dieser Geruch das Denken des Großvaters wieder in Gang setzt. Es ist die einfache Sprache Kalmanns, die uns an ihn bindet. Es sind seine Träume, die uns verbinden und es ist die Natur, in der wir Raum genug haben, um uns mit ihm entfalten zu können.

Jenseits der Urkomik, die uns hier begegnet, sind es die Perspektivwechsel des Jägers und Fischers Kalmann, die diese Geschichte so nachhaltig relevant machen. Ein Blick durch sein Fernglas wird zum Zoom in das Innere von Tieren. Haben Fische Angst, wenn sie gefangen werden? Hat der Polarfuchs auch seinem Jäger einen ganz eigenen Namen gegeben? Wie musste sich ein Grönlandhai fühlen, der in der größten Dunkelheit der Meerestiefe lebte und dessen Tran die Straßen Europas erhellte? Was kann einen Eisbären dazu bringen, nach Island zu schwimmen? Gedanken, die haften bleiben und eine Sympathiewelle für Kalmann erzeugen, auf der wir Leser noch lange vor der Küste von Raufarhöfn surfen. Wir sind alle ein bisschen Kalmann. Oder wir wären es zumindest gerne… Was für eine Erkenntnis am Ende des Romans. 

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Kalmann von Joachim B. Schmidt

Warnung: Wenn ich lese, mag ich ein Buch gerne mit allen Sinnen erfassen. Gerade bei „Kalmann“ macht das Sinn, spielt doch die isländische DelikatesseGammelhai“ eine große Rolle. Das Rezept jedoch sorgt für einen flächendeckenden Streik all derer, die in der kleinen literarischen Sternwarte für das Kochen zuständig sind. Flankiert von einem: Wehe, Du versuchst es selbst! Das nennt man eine literarische Zwickmühle, aus der es kaum ein Entkommen gibt. Hier sollte der Verlag dringend nachbessern und das Buch künftig mit Diogenes-Nasenklammern, Diogenes-Raumspray und ein paar Diogenes-Zauberbäumen als Lesezeichen verkaufen, um den Gammelhai-Geruch zu überdecken. (Sollte das überhaupt möglich sein.) Gammelhai-to-go – wie wäre es?

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Und keine Angst, wenn es unter dem Buch ziemlich dunkel ist beim Lesen. Fragt Kalmann. „Unter einem Eisbären kann es sehr dunkel sein.“ Nur Mut.

Auch Constanze von „Zeichen & Zeiten“ war in Island. Hier ihr Reisebericht.

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Kalmann von Joachim B. Schmidt

Der Halbbart von Charles Lewinsky

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Manchmal öffnet man die Tür zu einem neuen Buch und stellt sich sofort die Frage, wie man es einordnen soll, welchem Genre es angehört, welche Botschaften es in sich birgt und welche charakteristischen Merkmale es trägt. Fragen, die ich mir immer stelle, um das Buch in meiner Rezension strukturiert greifen und vorstellen zu können. Dann jedoch treffe ich auf Schriftsteller, die mir diese Fragen bereits an der Garderobe des Erzählraums abnehmen und mich fast nackt dazu einladen, mich einfach überraschen zu lassen. Charles Lewinsky ist ein solcher Autor. Ich hatte nicht das Gefühl, seinen neuen Roman „Der Halbbart“ zu lesen. Es fühlte sich an, als säße ich unvermittelt am Lagerfeuer des Geschichtenerzählers und dürfte im Kreise ganz weniger Zuhörer dem Strom einer alten Legende folgen.

Und während das Lagerfeuer noch leise knistert, stellt man fest, dass man die Zeit vergisst und tief in eine Geschichte eingetaucht ist, die man sich doch eigentlich ganz genau anschauen wollte. Man zittert, wenn es in der Erzählung allzu frostig wird. Man bekommt Hunger, wenn der Protagonist zu hungern beginnt, und man ängstigt sich im Angesicht der Dunkelheit, wenn vom Teufel erzählt wird. Es ist wie ein samtener Nebel, der sich um einen legt, der sich erst lichtet, wenn die Geschichte ihr Ende erreicht hat. Anders kann ich das Gefühl kaum beschreiben, das von mir Besitz ergriff, als ich mich in die ersten Seiten dieses Romans wagte. Ich wusste nicht, was mich faszinierte. Ich konnte kaum ausdrücken, warum ich keine Pause mehr einlegen konnte. Ich war mir nur darüber im Klaren, dass ich einen besonderen Roman vor mir hatte, dessen Sog nicht mehr nachlassen wollte. „Der Halbbart von Charles Lewinsky.

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Ich bin in der Schweiz. Wir schreiben das Jahr 1313 und das kleine Dorf, in dem der junge Sebi lebt, unterscheidet sich kaum von den anderen Dörfern der Talschaft Schwyz. Der Alltag ist geprägt vom Überlebenskampf in unwirtlicher Natur und für ein Kind bleiben neben der Feldarbeit und dem Schweinehüten nicht viele Möglichkeiten, sich die Zukunft auszumalen. Doch genau dafür ist der Sebi nicht geschaffen. Er hört lieber Geschichten und denkt sich welche aus. Er scheint zu weich für das Leben im Dorf und für die beiden älteren Brüder ist er eher eine Last. Die Dorfgemeinschaft ist verschworen, urwüchsig und die Rollen sind verteilt. Vom Totengräber bis zum Trottel, jeder scheint seinen Platz im Gefüge gefunden zu haben. Nur der Sebi sucht nach der wahren Bestimmung, der er vielleicht folgen kann.

Das Auftauchen eines Fremden verändert alles. Alles an ihm ist voller Geheimnisse. Seine Herkunft ist ebenso unbekannt, wie die Ursache für seine Brandnarben, die ihn entstellen. Viel ist von seinem Gesicht nicht üblrig, weshalb man ihn einfach „Halbbart“ nennt. Sebi freundet sich mit dem Fremden an und erfährt mehr von der Welt, als ihm lieb sein kann. Das Dorf weitet sich durch die Erzählungen des Fremden aus und der Junge, den sonst niemand wirklich ernst nimmt, hört erstmals vom komplexen Leben in der weiten Welt. Und ganz nebenbei bringt ihm der Halbbart auch noch ein Spiel bei, von dem er noch nie gehört hatte. Schach. Die eng umrissene Welt des kleinen Sebi wird größer. Er hört von Fürsten, Klöstern und vom Sog der Religion. Er erfährt viel von der Macht des Aberglaubens und der gefährlichen Wucht von Gerüchten. Die Naivität, die bisher sein Wegbegleiter war, verabschiedet sich von Tag zu Tag mehr.

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Es ist Sebis Sicht auf die Ereignisse, die uns fesselt. Es ist seine Perspektive, die der Autor einnimmt. Es ist Sebi selbst, der die Geschichte vom Halbbart erzählt. Es ist die scheinbar ungeschliffene leichte Sprache eines Kindes, die Aufmerksamkeit sucht, und es sind viele Ausdrücke aus dem schwyzer Idiom, die hier eingeflochten sind, die dem Erzählstrom eine spürbare Authentizität verleihen. Die Urgewalt dieser Sprache ist einer der großen Wirkfaktoren dieser Geschichte. Sie ist nicht überfrachtet mit Fakten und Stammbäumen. Der Roman ist kein historischer Roman im eigentlichen Sinn, weil er sich nicht an der geschichtlichen Realität der Ereignisse messen lassen muss. Was der Sebi erzählt, ist genau das, was er weiß. Nicht mehr und nicht weniger. Hier siegt die Subjektivität der in sich geschlossenen Dorfwelt über die großen Zusammenhänge der Weltgeschichte. Habsburger sind einfach Habsburger. Könige einfach Könige und ihren Streit um das Land bekommt man sofort am eigenen Leib zu spüren. Der Begriff des Leibeigenen erhält völlig neuen Klang.

Von diesem Ballast befreit, gelingt es Charles Lewinsky seine große Geschichte über kleine Leute zu erzählen. Hier ist Raum für das unmittelbare Erleben der Macht der Kirche und ihrer Klöster, hier spüren wir, wie tief der Aberglaube die Menschen im Griff hat. Wir werden zu Zeugen von Gerüchten, die sich wie ein Lauffeuer ausbreiten und ganze Landstriche in Brand setzen können. Standesunterschiede werden fühlbar und die Kluft zwischen den „Mehrbesseren“ und den Armen wird zum Rahmen dieser Erzählung. Nur so entfaltet sich die Magie einer Geschichte, die in ihrem tiefsten Kern die Geschichte jener Menschen ist, die im Mittelalter darunter zu leiden hatten, anders zu sein. Ob man nun ein feinfühliger „Finöggel“ (Mimose) ist, einer falschen Religion angehört, dem falschen Fürsten folgt, oder ob man einfach nur anders denkt. Es bleibt sich gleich. Opfer sind oft geborene Opfer und dieser Automatismus hat sich im Lauf der Jahre nicht verändert.

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Sebis kindlich naive Sicht auf die Welt mit ihrem Aberglauben, den Bräuchen und ihrer Religion ist ein wahres Gottesgeschenk. Das klingt vielleicht paradox, ist aber der eigentliche Schlüssel zur Pforte, hinter der all die Sakrilege auf uns warten, die hier begangen werden. Scheiterhaufen, Klosterplünderungen, Folter und Hinrichtung. Alles wird in seinen Dimensionen präziser, wenn es aus Sebis Sicht geschildert wird. Kinder sagen immer die Wahrheit. Das Prädikat verleiht diesem Buch eine besondere Wucht. Wenn wir mit Sebi ein Benediktinerkloster betreten müssen, erinnern wir uns lesend an „Der Name der Rose„. Wenn Menschen von ihren Krankheiten geheilt werden, sehen wir den „Medicus“ vor uns. Leseerlebnis-Welten, die mich in ihren Bann zogen. Wenn der Halbbart versucht, seine Geschichte zu erzählen, wird es sehr still am Lagerfeuer. Dann wird es emotional, dramatisch und brutal. Und doch ist die ganze Geschichte so sehr von Liebe und Zuneigung geprägt, dass man ihr einfach das Herz öffnen muss.

Die Bilder, die uns der Roman in die Seele schreibt, bleiben lange haften. Es sind Bilder von Hellebarden; alten Kämpfern, die aus Kriegen zurückkehren; von einer Frau, die ihren Lebensunterhalt mit dem Geschichtenerzählen bestreitet; von einem Mädchen, in das sich der Sebi verliebt, und dem Schreckliches widerfährt; von Mönchen, denen nichts heilig ist und die sich doch so sehr wandeln können und von einer Schmiede, in der wir verstehen, dass dieser Roman seines Glückes eigener Schmied ist. Es bleiben viele Eindrücke und Gefühle im Gedächtnis, wenn man am Ende angelangt ist. Einem Ende, das für mich das größte Sakrileg ist, das in diesem Roman begangen wird.

Der Halbbart ist eine Geschichte, von der man sich wünscht, sie möge niemals enden. Nur diesen Wunsch hat mir Charles Lewinsky nicht erfüllt. Ich hätte noch Jahre weiterlesen können. 

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Fazit:

Ein Entwicklungsroman allererster Güte, der jedoch alle Schubladen sprengt, in die man ihn gerne pressen würde. Charles Lewinsky ist mit „Der Halbbart“ für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert und befindet sich in allerbester Gesellschaft mit 19 weiteren Autoren und Autorinnen auf der Longlist. Ich halte das Buch nicht nur für preiswürdig, sondern in besonderer Weise sogar für preisverdächtig. Vielleicht schafft es ja unser Sebi auf die Shortlist. Ich werde das genau beobachten und wünsche ihm alles Glück der Bücherwelt.

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Die Begriffe aus dem schwyzer Idiom sind zumeist selbsterklärend. Zur Not könnt ihr jedoch auf ein Glossar zurückgreifen, das Diogenes im Internet zur Verfügung gestellt hat. Ich habe es nicht gebraucht, wer jedoch erfahren möchte, was es bedeutet, dass ich „giggerig“ auf die Bekanntgabe der Shortlist des Buchpreises warte und „gwundrig“ bin, ob es „Der Halbbart“ schafft, der kann hier nachschauen.

Es war mir ein Vergnügen, euch auf Der Halbbartgmerkig gemacht zu haben.

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Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

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Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Dystopien haben Hochkonjunktur in diesen Tagen. Als wäre die heutige Zeit nicht schon düster genug, sprießen Zukunftsvisionen aus dem literarischen Boden, als gäbe es kein Morgen mehr. Allein der Begriff Dystopie ist hier Prägesiegel einer Gattung, in der wir eine zumeist dunkle Vorschau auf denkbare Gesellschaftsformen und politische Systeme erhalten, um im schrecklichen Gefühl zu lesen, dass wir uns bereits heute im Anfangsstadium einer Fehlentwicklung befinden, die unsere Zukunft definieren wird. In kaum einem anderen Genre greift man gerne auf Romane zurück, die vor Jahrzehnten geschrieben wurden, um sie an der aktuellen Situation zu reiben. George Orwell wird mit seiner Überwachungsvision „1984“ immer dann durchs literarische Dorf getrieben, wenn sich die Exekutive eines Landes in den Ausbau der Videoüberwachung flüchtet.

Sehr beliebt ist auch der Rückgriff auf den Mega-Klassiker „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury, in dem er bereits 1953 eine Schreckensvision entwarf, die uns zeitlos vor Augen führt, wie ein diktatorisches System den Kampf gegen Meinungsvielfalt und die freie Entfaltung des menschlichen Geistes führen kann. Mitläufer und Täter werden hier zur kongenialen Einheit in einem Machtgefüge, das auf Entmündigung abzielt. Ein düsteres Bild, ein schrecklich anmutender Buchtitel, dessen wahre Bedeutung sich in den Tiefen dieser Utopie schonungslos offenbart. „Fahrenheit 451“ ist die Temperatur, bei der Buchpapier zu brennen beginnt. Es sind 233 Grad Celsius, die das Ende des geschriebenen Wortes bedeuten. Das Ende des Lesens und der Ausgangspunkt eines Informationsmonopols, das von einem absolut geführten Staat gelenkt wird. Im heutigen Internet-Zeitalter eine Horrorvorstellung und Ausgangspunkt für begründete Ängste, der Manipulation von Medien zum Opfer zu fallen.

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Diese klassischen Dystopien wirken wie literarische Orakel, die uns mit den Fragen konfrontieren, ob wir der heutigen Zeit aufmerksam genug gegenüber stehen, ob wir in den Anfängen von autokratischem Machtmissbrauch nicht mehr erkennen müssten und ob wir nicht schon längst den Point of no Return verpasst haben? Bradbury zeichnete schon vor fast siebzig Jahren ein Bild, das uns in Teilen nur zu bekannt vorkommt. Man wird von seichter Unterhaltung berieselt, sitzt in den eigenen vier Wänden und gibt sich der zentral gesteuerten Medienlandschaft hin, die genau diese Wände erobert. Virtuelle Realität nennen wir das heute. Bradbury nennt es „Wand“ und, wenn man vier Wände besitzt, ist die Rundumunterhaltung flächendeckend sichergestellt. Der Inhalt, den man auf diese Weise konsumiert, ist seicht und gleicht einer Dauerbeschallung. Seifenoper folgt auf Seifenoper… irgendwie kommt einem das heute bekannt vor. Die Gesellschaft befindet sich im Unterhaltungsmodus, während der Staat valide Informationsquellen mit aller Macht bekämpft.

Das Lesen ist verboten! Bücher und Leser sind geächtet und eine Spezialeinheit durchkämmt das Land, um die Letzten ihrer Art aufzuspüren. Guy Montag gehört zu einer solchen Einheit und es bereitet ihm Freude, seiner Berufung zu folgen. Er ist von der Mission überzeugt. Ihn als Mitläufer zu bezeichnen, wäre untertrieben. Zu klar sind seine Ansichten.

„Es war eine Lust, Feuer zu legen.
Es war eine besondere Lust zuzuschauen, wie etwas verzehrt wurde, schwarz wurde und sich verwandelte“

„Das ist wichtige Arbeit. Montag brennt Millay, Mittwoch Milton, Freitag Faulkner, verbrennt sie zu Asche, und verbrennt dann die Asche. So lautet unser Motto“

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Da stört es Guy Montag nur kaum, dass es wohl früher die Aufgabe seiner „Einheit“ war, genau das Gegenteil zu tun. Sie sind „Firemen“ und hatten in grauer Vorzeit wohl die Gesellschaft vor Feuer geschützt. Jetzt sind sie die Brandstifter des Systems. Erst als er einem Mädchen begegnet, das ihm zuerst die Augen öffnet, bevor es selbst zum Opfer wird, beginnt Guy Montag zu zweifeln. Erst als ihm bewusst wird, dass hier nicht nur die Bücher, sondern auch Leser verbrannt werden, beginnt der innere Widerstand zu wachsen. Erst als er realisiert, dass er seine Frau schon lange an die „Wände“ der Dauerberieselung verloren hatte, beginnt er sich zu hinterfragen. Die Antworten, die er findet, sind ernüchternd. Guy Montag rebelliert.

Ray Bradbury lässt die Geschichte des Dritten Reichs in Fahrenheit 451 erneut wahr werden.Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen.“ Nichts hat sich so sehr im kollektiven Gedächtnis der Menschheit festgebrannt. Seine Brandstiftung ist auch in metaphorischer Hinsicht ein gewaltiges Feuerwerk. Wissensmonopole sind im immer noch Machtgrundlage diktatorischer Herrscher. Wer sich an freien Medien und Informationsquellen vergreift, verbrennt damit zugleich auch alle Menschenrechte. Wo ein solcher Missbrauch endet, wissen wir nur zu gut. Ray Bradbury ist Warnsignal und Frühwarnsystem zugleich. Sein Roman ist zeitlos relevant, fulminant und gewaltig. Hier werden wir mit den ewigen Fragen von Schuld, Mitverantwortung, Opportunismus und innerer Bereitschaft zum offenen Widerstand konfrontiert. Fragen, denen wir uns Tag für Tag neu zu stellen haben.

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Die jetzt vorliegende Neuübersetzung von Peter Torberg wird dem zeitlosen Buch in besonderer Weise gerecht. Ray Bradbury schrieb seinen Roman in nur kurzer Zeit. Er brach aus ihm heraus, wie sich Lava bei einem Vulkanausbruch ergießt. Es ist die Urgewalt des Textes, die man jetzt spürt. Sie ist ganz nah am amerikanischen Original, das mir zum Vergleich in einer Ausgabe aus dem Reclam Verlag vorliegt. Eine mutige und wegweisende Übersetzung, die mit eingefahrenen Sprachmustern bricht. Aus dem bisherigen „Feuerwehrmann“ Guy Montag wird konsequenterweise der „Feuermann„, dessen Mission nicht mehr durch die widersprüchliche Bezeichnung gestört wird. Hier ist die Geschichtsfälschung schon so weit fortgeschritten, dass ein „Fireman“ sich auf seine wahre Brandstifter-Mission konzentrieren kann. Niemand verbindet diesen Beruf mehr mit einer Schutzfunktion. Die Übersetzung geht neue Wege, die dem Buch mehr Wucht verleihen.

Peter Torberg begründet diesen Schritt in seinem Nachwort zum Buch. Ich hätte mir vom Diogenes Verlag gewünscht, diesen Schritt konsequent zu begleiten. Warum jedoch auf dem Klappentext, der Umschlagrückseite und auf der Buchseite des Verlags im Internet beharrlich vom Feuerwehrmann Guy Montag die Rede ist, erschließt sich mir nicht. Das führt nur zum unnötigen Missverständnis, es im Roman selbst mit einem Fehler zu tun haben, wenn man erstmals auf das Wort Feuermann stößt, da man erst im Nachwort auf die Hintergründe der Übersetzung stößt. Ein Versehen oder vielleicht fehlender Mut, außen zu signalisieren, was den Lesenden im Inneren erwartet? Keine Ahnung. Fühlt sich jedenfalls an, wie die Blutgrätsche des Klappentexters gegen den Sturmlauf des Übersetzers! Vergessen wir die Feuerwehr. Behalten wir den Feuermann im Blick! (Siehe Update unten)

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury – Das Update

Update zur Blutgrätsche vom 31. August: Dankenswerterweise hat der Diogenes Verlag auf die Kritik reagiert und die Internetseite von Fahrenheit 451 an die brillante Übersetzung angepasst. Kein Wort mehr von Feuerwehr. Es lebe der Feuermann. Nach Betrachtung der Bilder wurde nun im Videokeller von AstroLibrium auf einfaches Foul entschieden, da der Widerspruch jetzt nur noch auf dem Buchumschlag zu finden ist. Herzlichen Dank für die Reaktion.

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Die Dystopien von einst scheinen uns einzuholen. Sie werden in der Tradition von George Orwell und Ray Bradbury heute fortgesetzt von Autoren und Autorinnen, denen es darum geht, uns wachzuhalten. Das beste Beispiel ist hier „Zerstörung“ von Cécile Wajsbrot. Ich würde dieses Buch im Buchhandel neben „Fahrenheit 451“ dekorieren und Lesern die Chance eröffnen, sich diesen sozialkritischen Zukunftsszenarien noch intensiver zu nähern. Moralische Wegweiser und Frühwarnsysteme in dieser Qualität gehören zu den Ausnahmeerscheinungen auf dem Buchmarkt. Ich halte sie für extrem relevant.

Mehr zu Ray Bradbury finden Sie hier: Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ klingt vielleicht auch, wie ein dystopischer Roman, ist aber eine Mystery-Graphic-Novel zu einem grandiosen Zirkus-Roman des großen Schriftstellers.Lesenswert…

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Nach Mattias von Peter Zantingh

Nach Mattias von Peter Zantingh - Astrolibrium

Nach Mattias von Peter Zantingh

Selten ist mir die Rezension eines Buches so schwergefallen und selten zuvor war sie zugleich so befreiend. Es ist wie ein Schicksalsbeben, den Roman Nach Mattias von Peter Zantingh am Firmament der ungelesenen Werke entdecken zu dürfen. Wie ein Fixstern leuchtet er auf und verspricht dabei nicht nur eine Geschichte zu erzählen, an der wir uns aufrichten und orientieren können. Es ist eine Geschichte, die im Verlust eines geliebten Menschen ihren Startpunkt nimmt. Hier könnte man vielleicht vermuten, der niederländische Journalist und Schriftsteller Peter Zantingh habe eine emotionale Geschichte verfasst, in der Trauer zum Pendelschlag des Alltags wird. „Nach Mattias“ bezeichnet sehr wohl eine Verwerfung in der Zeit. Einen Moment, der das Leben vieler Menschen in neue Zeitzonen verschiebt, aber es ist keine Trauergeschichte.

Ein Leben vor, ein Leben mit und ein Leben nach Mattias. Wer nun erwartet, hier in stereotypen Erzählstrukturen von veränderten Lebensbedingungen und der Einsamkeit ohne den betrauerten Mattias abgeholt zu werden, der sieht sich schnell getäuscht. Ich habe lange gewartet, bevor ich den Roman zur Hand nahm. Der richtige Zeitpunkt war entscheidend. Ich wollte in einer emotional neutralen Grundhaltung sein, um mich ohne inneres Störfeuer auf diesen Roman einzulassen. Das ist kräftig in die Hose gegangen. Ich musste in den letzten Tagen miterleben, wie eine Familie aus dem Bekanntenkreis den Zeitbegriff des „NACH“ kennenlernen musste. Unerwartet. Wie aus dem Nichts ins Leben geschossen. Ein Mädchen, eine Backpacker-Tour, Südamerika, der Besuch im Krankenhaus, keine greifbare Diagnose, eine Nacht voller Husten, Lungenentzündung und Erstickungsanfälle. Ein lauter Tod in der Ferne. Und plötzlich war es „Nach Juli“…

Nach Mattias von Peter Zantingh - Astrolibrium

Nach Mattias von Peter Zantingh

Man erlebt aus der Distanz den Schmerz, den Verlust und die Trauer und doch bleibt das Leid individuell. Hart und kaum zu bewältigen. „Nach Mattias“ von Peter Zantingh zu diesem Zeitpunkt zu lesen ist keine gute Entscheidung, dachte ich mir. Wie froh bin ich, diesen Gedanken schnell beiseitegeschoben zu haben. Der Autor erzählt hier nicht von linearer Trauer und von den Menschen, die unmittelbar betroffen sind. Er öffnet der Geschichte von Mattias einen ganz eigenen und schier unendlichen Kosmos, in dem er alle Sterne zum Leuchten bringt, die von Mattias` Existenz berührt wurden. Er stellt die Fragen, die wir gerne verweigern und geht damit weit über jedes individuelle Trauern in gewohntem Sinn hinaus. 

Es war befreiend, seinen Zeilen und Gedanken zu folgen. Er lässt dem Zufall Raum und nennt ihn nicht Schicksal. Zantingh erzählt ganz einfach, was geschieht, wenn ein Mensch eine Lücke hinterlässt. Unvorhergesehen und unabänderlich. Er gibt uns damit Raum in dieser multiperspektivischen Erzählung, weil wir oft nicht unmittelbar betroffen sind, uns jedoch irgendwie betroffen fühlen. Er verbindet lose Fäden eines Lebens zum Gewebe, das Mattias mit dem Rest der Welt verband. Hier müssen wir dem Autor blind vertrauen. Er nimmt uns an die Hand und stellt uns Menschen vor, die direkt betroffen sind vom Tod des jungen Mannes. Und nicht nur diese…

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Nach Mattias von Peter Zantingh

Seine Freundin Amber und sein bester Freund Quentin. Zantingh erzählt vom Loch, in das beide stürzen. Von ihren ungelebten Träumen, kleinen Streitereien, Eigenheiten und den offenen Fragen, die immer bleiben werden. Wie bei einer Kamerafahrt zieht er dann die Blende auf und stellt uns Leute vor, die wir niemals mit Mattias in Verbindung bringen würden. Hier gelingt ihm durch die Erweiterung seines Erzählraums und seiner Perspektive der Eintritt in ein absolutes Niemandsland des Sterbens. Hier stellt er seine Fragen. Was bleibt, wenn wir gehen? Was verändert der Tod eines Einzelnen? Welche Spuren hinterlassen wir selbst? Wie ist das Narrativ unserer Existenz und welches Lied wird man später einmal auflegen, wenn wir nicht mehr sind? Gibt es einen Soundtrack unseres Lebens? Und sind wir wieder anwesend, wenn sie „unser Lied“ spielen“?

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Zantingh spannt den Bogen eines Verlustes weit. Wir begegnen Menschen mit den individuellen Geschichten ihres Lebens. Menschen, die sich nie begegnet wären, hätte nicht Mattias eine große Lücke erzeugt. Der Autor präsentiert uns Identifikationsfiguren, mit denen wir Hand in Hand durch eine Geschichte gehen, in der der Zufall regiert. Das ist das wahre Leben und erst in der kleinen Banalität entdecken wir den Sinn von allem. Wie finden der blinde Chris und Mattias bester Freund Quentin zusammen? Ist jenes Band, das sie laufend verbindet der Rettungsanker für beide? Was treibt den Verkäufer Nathan mitten in der Nacht an den Strand, um eine unscheinbare Sandburg zu retten? Wem verdankt der Online-Gamer Issam seine sprichwörtliche Wiedergeburt im Internet und ist es denkbar, dass ein Vermächtnis auch in einer virtuellen Welt weiterlebt? Wem begegnet Mattias` Mutter Kristianne bei der Bewältigung ihrer Trauer und ist das nicht Gesagte vielleicht doch so gewaltig, dass es Leben verändern kann?

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Nach Mattias von Peter Zantingh

Und was widerfährt der letzten Liebe im Leben von Mattias, als sie einen Schritt wagt, den man niemals von ihr erwarten durfte? Lose Fäden. Belanglos. Oft nur durch Spurenelemente des Menschen miteinander verbunden, der jetzt eine ganz eigene Zeit zu haben scheint. „Nach Mattias“ gibt Hoffnung. Dieses Buch lässt uns davon träumen, dass wir mehr hinterlassen, als das Sichtbare. Dieser Roman klingt nach, weil Musik in und zwischen den Zeilen eine große Rolle spielt. Die Geschichte ist voller Aha-Effekte, die uns die zuvor vergossenen Tränen aus dem Gesicht zaubern. Unvergessen bleibt der Zusammenhang zwischen einer Sandburg, einem einsamen Strandhaus und einer zaghaft anklopfenden Gestalt vor der Tür. Hier erweist sich der Autor als schicksalhafte Dimension. Er ist der Pfadfinder in einer Geschichte der tausend Pfade.

Ich liebe den melodischen Klartext dieses Romans. Nicht schwülstig, Tränendrüsen bleiben ungedrückt. Zantingh erzielt seine Wirkung anders. Indirekt. Wie das Cello, auf dem Amber spielt, sind wir der Resonanzkörper dieser Geschichte. Was er uns außer Hoffnung und Zuversicht mit auf den Weg gibt? Eine kleine und wahrhaftige Lehrstunde über die Exklusivität von Trauer. Er thematisiert diejenigen, die sie instrumentalisieren, sie für ihre Zwecke missbrauchen. Er spannt den Bogen auch hier zu Solidaritäten und spontanen Mahnwachen. Seine Botschaft ist deutlich. Lest dieses Buch, singt euren Song und denkt bei den Menschen, um die ihr trauert an die vielen losen Fäden, die sie mit euch verbinden. Ihr müsst sie nur finden…

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Meinen Hass bekommt ihr nicht von Antoine Leiris begleitete mich auf der Reise mit Mattias. Viele Parallelen verbinden diese Bücher für mich. Zwar geht Zantingh den Schritt weiter, der mich selbst direkt in die Handlung zieht, Leiris berührt unser Lesen durch die Tatsache, dass seine Geschichte kein Roman ist. Am Ende bleibt nur wenig Unerwähntes. Für mich wird „Nach Mattias“ immer zugleich „Nach Juli“ sein. Ein loser Faden, der sich fest um mein Herz gewickelt hat.

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