TELL von Joachim B. Schmidt

TELL von Joachim B. Schmidt - Astrolibrium

TELL von Joachim B. Schmidt

Die Literatur ist auf ewig mit dem situativen Kontext verbunden, in dem man sich einem Buch annähert. Das persönliche Erleben und die Erzählwelt eines Romans sind für die Zukunft untrennbar miteinander verbunden, weil tagesaktuelle Erinnerungen mit der eigenen Fantasie zu einem Reißverschluss des Denkens verschmelzen. Ich kann mein Lesen nicht vom Alltag lösen. Ebenso wenig gelingt es mir, ein Buch von der Zeit und ihrer (vielleicht sogar) historischen Dimension zu trennen, in der ich mich lesend in und zwischen den Seiten verlor. So darf es nicht verwundern, wenn diese Rezension in der konsequenten Anwendung dieser These die Verbindung zwischen der Ukraine und der Schweiz entstehen lässt. Es ist nur verständlich, dass ich im „TELL“ nicht nur eine Geschichte über einen Freiheitshelden lese, sondern diese Figur in meinem Geiste auf die dramatischen Geschehnisse in Europa spiegle. Nein. Keine Sorge, ich stilisiere hier aus dem neuen Buch von Joachim B. Schmidt keinen globalen Freiheitsroman. Aber: selbst unbeabsichtigte Ähnlichkeiten mit realen oder verstorbenen Personen liegen nie in der Deutungshoheit des Autors, sondern im Herzen seiner Leserschaft verborgen.

Da wagt sich also jener Joachim B. Schmidt, dessen Islandroman „Kalmann“ nicht nur in der Schweizer Heimat des Schriftstellers und in seiner neuen Wahlheimat Island für Furore gesorgt hat, an die literarische Freiheitsikone seines Landes heran und lässt seine Leserschaft glauben, er würde nur mal eben den Schiller geben. Was sonst sollte man erwarten beim Namen TELL? Zu dieser zweifelsohne rein fiktiven Gestalt kann es keine neuen Fakten geben. Niemand hat in einem Archiv sein Tagebuch gefunden. Die Geschichte muss nicht neu geschrieben werden, weil es plötzlich Augenzeugenberichte gibt, die in Archiven verschimmelten und die bezeugen: „Der Bolzen hat den Apfel gar nicht getroffen„. Nein. Nichts davon ist passiert und wer nach Kalmann geraten hätte, worüber Joachim B. Schmidt nun schreiben würde, Hand aufs Herz, Tell wäre niemals genannt worden. Also, womit haben wir es zu tun, sollte man das Buch lesen und was verbindet Schmidts Tell mit einem wahnwitzigen Krieg in einer wahnwitzigen Zeit?

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TELL von Joachim B. Schmidt

Also frisch hinein in eine urwüchsige Bergwelt des 13. Jahrhunderts. Von einem Land namens Schweiz war noch keine Rede. Andere Mächte hatten ihre langen und gierigen Finger ausgestreckt und Handelswege besetzt oder Dörfer geknechtet. Allen voran das Habsburger Reich. Hier spielt sie nun, die Heldengeschichte von Friedrich Schiller, der seinen Tell als echtes Drama oder Schauspiel veröffentlichte und dem ich als Schüler im Abitur kaum aus dem Weg gehen konnte. Pathos ohne Ende, Figuren aus einfachsten Schablonen, Gut und Böse säuberlich getrennt und nur schwarzweiß gezeichnet, alles gut gestylt bis zum epischen Höhepunkt und auf Effekthascherei mit Armbrust und Bolzen ausgerichtet. Für mich schon immer angestaubt, nicht mehr gut lesbar und sperrig. Trotzdem sicherlich ein Meilenstein der Literatur. Aber bitte. Genau dieser Kosmos wandelt sich und schreit manchmal nach einer Reanimation, nach der Wiederbelebung und nach einer echten Revitalisierung, die diesen Stoff für neue und neugierige Leser zeitgemäß lesbar macht.

Hier hat Joachim B. Schmidt angesetzt. Hier hat er als literarischer Geburtshelfer in die Literaturgeschichte eingegriffen und einen neuen Tell zur Welt gebracht, nach dem sich Lesende seit vielen Jahren gesehnt haben. Keinen heroischen, allzu stereotypen und zweidimensionalen Berghelden mit Freiheitsvisionen, sondern ganz einfach einen urwüchsigen Mann, der aus seiner Zeit in unsere Hände gefallen scheint. Und das mit Wucht. Er stinkt, ist grob, wirkt unzuverlässig, schleppt eigene Leichen im Keller seiner Vergangenheit mit sich herum, ist widerwilliger Bauer, eigenwilliger Vater und versteht sich nicht gut aufs Reden. Ein Mann der Tat, ohne große Visionen. Überlebenskünstler und tatkräftige Urgewalt, wenn es darum geht, das bisschen Hab und Gut verteidigen zu müssen. Nein, man sollte sich wirklich nicht mit ihm anlegen. Er ist hart zu sich und zu anderen. Woher wir das wissen? Von ihm selbst? Nein, weit gefehlt.

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TELL von Joachim B. Schmidt

Wie in einem Alpengewitter lässt uns Joachim B. Schmidt die Blitze um die Ohren fliegen, die jenen Wilhelm Tell aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Es sind die Frauen auf dem kleinen Tell-Hof, die Kinder, Dörfler und Menschen, die von ihm gehört haben, auf die wir uns hier verlassen müssen. Das Bild, das wir erkennen ist unscharf und doch ebenso kantig und grobkörnig, wie der Kerl, den es beschreibt. Ein Wilderer, der nicht viel zum Leben braucht. Ein Mann mit geradem Charakter und gutem Gespür für Ungerechtigkeit und ein Mensch, der tief in seinem Inneren fühlt, was falsch ist und was nicht sein darf. Die plündernden Schergen, die Steuern eintreiben und ganze Täler ausbeuten. die Männer des Landvogts, der alle knechtet und die Armut noch schlimmer macht. Nein, das ist dem Tell nicht egal. Er muss sich beherrschen, um nicht wie eine Berglawine abzugehen und alles mit sich zu reißen. Diesen Tell kannte ich so nicht. Er trauert, grübelt und zweifelt an sich selbst. Er würde gerne mehr tun, aber er ist in der Rolle des Mannes gefangen, der auf Haus und Hof zu achten hat. Als er endlich spricht, wird auch dieser Aspekt deutlich.

Schablonen sucht man in diesem Roman vergeblich. Authentische Charaktere sind auf allen Seiten zu finden. Verzweifelte und einfache Bauern, Kirchenmänner am Rand der bäuerlichen Gesellschaft, zweckmäßig denkende und handelnde Frauen, die voller Überlebenstrieb und -gier Haus und Hof in Schuss halten und Habsburger, die in ihren Rollen als Soldaten, Handlangern und Landvogt kaum einem Klischee entsprechen. Es ist die Besetzungsliste des Romans, die eine große Schnittmenge mit Friedrich Schiller aufweist. Das war es dann aber schon. Sucht man nach Spurenelementen des großen Klassikers, so sucht man vergebens. Sucht man bei Schmidt nach der Nacherzählung der Alpensaga, so findet man nichts. Sein Tell ist Wilhelm. Verletzlich, spröde, greifbar und urgewaltig. Die Charakterzeichnung ist die große Stärke dieses Romans. Gessler, der als Landvogt seit jeher in die Hall of Fame der Bösewichte einen Ehrenplatz hat, wird von Joachim B. Schmidt filigran aus einem Felsbrocken herausgemeißelt. Was bleibt, ist keine graue Statue, sondern ein lebendiges Abbild des Mannes, der von der Geschichte in eine hohle Gasse getrieben wird, die Geschichte schrieb.

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Schiller war gestern, Tell ist heute. Das ging mir leicht von der Hand, weil ich weiß, was ich schreibe. Mein Schiller liegt neben dem Schmidt und scheint gar nicht so sehr eifersüchtig zu sein. Die beiden Werke bedingen einander und werden wohl auf ewige Zeit miteinander verbunden sein. Schüler dürfen sich allerdings darauf freuen, sich im Abitur mit lebendiger Literatur auseinandersetzen zu dürfen. Der Diogenes Verlag hat diesen Tell mit Vorschusslorbeeren gepriesen, die angemessen waren und dem Status des Erfolgsschriftstellers gerecht wurden: „Ein Blockbuster in Buchform, The Revenant in den Alpen, Game of Thrones in Altdorf.“ Was für Prädikate und Vergleiche. Mir hätte schon „Von Joachim B. Schmidt, dem Autor von Kalmann“ gereicht. Sagt alles, hat alles, eindeutiges Prädikat. Diesen Tell sollte man lesen, um der Legende der Schweiz auf die Fährte zu kommen. Das ist eine große Geschichte von Loyalität, Verantwortung und Vaterliebe. Es ist der Urquell eines Freiheitskampfes, obwohl der erste Impuls des Kämpfenden nicht die Allgemeinheit ist. Tell steht für dieses nicht zu verbiegende Ego. Er ist das leuchtende Vorbild, das ausstrahlt und Beispiel gibt.

Und schon bin ich bei meiner eingangs gestellten Frage. Was verbindet Tell mit der Ukraine? Warum schmerzt es so sehr, dieses Buch gerade jetzt zu besprechen? Wäre es nicht möglich, die Armbrust zu nehmen? Könnte man nicht einfach…? Wo sind die Gerechten von heute und wie erkennt man die scheinbar seit langer Zeit vergebenen Rollen? Wen schieben wir jetzt in die Hall of Fame des Bösen? Und wie viel Rückgrat gehört bald dazu, sich nicht vor dem Hut eines neuzeitlichen Despoten zu verbeugen? Joachin B. Schmidt hat einen zeitlosen Roman geschrieben, der unseren moralischen Kompass nicht hohl drehen lässt. Das ist der Nordpol. Daran kann man sich ausrichten.

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TELL von Joachim B. Schmidt

Mehr von Joachim B. Schmidt? Gerne doch:

Herzlich willkommen in Island. In Raufarhöfn, um ganz genau zu sein. Das beinahe ausgestorbene Fischerdorf ist auf unseren Landkarten kaum zu finden und doch ist es eine Reise wert. Das behauptet zumindest Joachim B. Schmidt, der Schriftsteller und ausgebildete Reiseleiter, der selbst seit dreizehn Jahren in Island lebt. Eigentlich sollte er es ja wissen, und so kann man sich diesem literarischen Auswanderer bedenkenlos anvertrauen, um ihm in die eisige Kälte am Rande der Zivilisation zu folgen. Dachte ich zu Beginn seines Romans „Kalmann“ zumindest. (Rezension weiterlesen)

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Einer von euch von Martin Suter

Einer von euch von Martin Suter - Astrolibrium

Einer von euch von Martin Suter

Hallo Bücherwelt. Achtung festhalten, es geht diesmal um ein Buch, das genau in die aktuelle Phase einer kritischen Auseinandersetzung mit Literatur passt. Da schreibt ein vom Erfolg verwöhnter Autor aus der Schweiz über einen Fußballer, ohne jemals selbst auf dem Platz gestanden oder Champions League gespielt zu haben. Martin Suter. Da erzählt er von einer lebenden Legende ihres Sports, einem modernen Helden und einer Kultfigur der Fußballszene: Bastian Schweinsteiger. Weltmeister, mehrfacher Meister in nationalen und internationalen Ligen, Pokalsieger und Identifikationsfigur. Allerdings wirklich und weitgehend nur am runden Leder. Hört man Basti Schweinsteiger in seinen Interviews oder als TV-Experten zu, dann fällt einem das Prädikat „eloquent“ für seine Ausdrucksweise, gewählte Satzkonstruktionen oder für die Verwendung von passenden Synonymen eher nicht ein. Wer Basti Fantasti durch seine Karriere beim FC Bayern München gefolgt ist (ICH!), würde ihn angesichts seiner Interviews zu Life & Style eher nicht als belesenen Menschen beschreiben. In der Kategorie Lieblingsbuch klaffen hier deutliche Lücken.

Was haben wir also zu erwarten, wenn ein Nicht-Fußballer einen Kaum-Leser in den Mittelpunkt eines biografischen Romans stellt? Nun, völlig unabhängig von der Qualität der literarischen Begegnung, ganz sicher den kollektiven Aufschrei des Feuilletons. Zu banal, zu flach, zu irrelevant für die heutige Zeit. Zu wenig überprüfbar, nicht an Fakten orientiert und spekulativ und letztlich auch kaum von Interesse für die Leserschaft. Gut, die Frage, wer über was schreiben darf zirkuliert gerade wie ein Damoklesschwert über der Literaturszene und ich als Nicht-Fußballprofi aber Vielleser darf zumindest vielleicht noch über einen Teilaspekt des Buches schreiben. Als männlicher Tennislaie dann aber wohl schon nicht mehr über die zweite Hauptfigur des biografischen Romans, die Frau von Bastian Schweinsteiger, die ehemalige Nummer 1 der Weltrangliste Ana Ivanović. Ich breche allerdings mit den auferlegten Tabus und schreibe als Nicht-Schweizer und Kaum-Fußballer mit wenigen Tenniskenntnissen über genau dieses Buch, weil es mich bestens unterhalten hat. Und erst dann äußere ich Kritik zu: „Einer von euch.“

Einer von euch von Martin Suter - Astrolibrium

Einer von euch von Martin Suter

Als bekennender Fan des FC Bayern München habe ich natürlich eine besondere Affinität zu „meiner“ Nummer 31, Bastian Schweinsteiger. Das macht es dem Buch jedoch nicht leichter, da ich kritisch beleuchte, was ich aus eigener Erfahrung weiß, was ich sah, las und hörte. Ich sah unseren „Schweini“ spielen, sah ihn zweifeln, leiden und jubeln. Ich war im Stadion, wenn er gewann, verlor, gefoult und ausgepfiffen wurde. Ich  war dabei, wenn die Südkurve in Ekstase erbebte, las die bitterbösen Kolumnen, wenn er mal wieder alle Regeln verletzte, feierte unseren blutenden Weltmeister und war am Ende seiner Zeit in München dankbar für eine strahlende Vergangenheit. Was mich am Roman aus der Feder von Martin Suter reizte, war nicht die Decodierung eines Helden oder gar ein Sachbuch zu dieser allzu bekannten deutschen Biografie. Nein, ich wollte mich auf die Sicht Martin Suters einlassen, ungewohnte Perspektiven erlesen und mich in Form von 370 Seiten an meiner Vergangenheit reiben. Natürlich fand ich es mehr als spannend, auf diesem Wege auch Ana Ivanović ein wenig besser kennen zu lernen.

Wenn also Martin Suter das Leben Bastian Schweinsteigers vor uns aufblättert und in der Tiefe des Raums nach wegweisenden Begegnungen und Entscheidungen sucht, in  Zufall und Bestimmung stochert und Bastian selbst in Dialogen zu Wort kommen lässt, dann war ich darauf gefasst, diesem Menschen so zu begegnen, wie ich ihn selbst im Verlauf seiner Karriere erlebt habe. Ein recht typischer Bayer, der nicht dazu neigt, im Stile eines elitären Debattierers Akzente zu setzen. Er spricht und sprach Klartext. Wir können uns von seiner doch eher einfach gestrickten Redegewandtheit als TV-Experte überzeugen und sicher wird im Buch niemand erwarten, dass Martin Suter jetzt und an dieser Stelle einen Sprachhelden aus der Fußballikone machen wird. Der limitierende Faktor „Schweinsteiger“ ist da omnipräsent. Und doch gelingt es dem Erfolgsautor mit seinem Projekt in der Spur zu bleiben. Es ist Lokalkolorit und Münchner Ambiente, das die Seiten durchströmt, es ist ein spürbarer Coming-of-Age-Ansatz, dem er treu bleibt und es sind die Rahmenbedingungen, die nachvollziehbar beschrieben sind. Wem es hier allerdings an philosophischem Tiefgang mangelt, dem sei gerne wiederholt, dass es einen limitierenden Faktor im Projekt gibt. Den Jetzt-Menschen Schweinsteiger, der in seinen Entscheidungen und in seiner Selbstbetrachtung genau so beschrieben wird, wie man dies erwarten durfte und musste.

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Einer von euch von Martin Suter

Martin Suter ist kein Menschen-Tuning-Unternehmen. Er kann nicht mehr aus einer Situation herausholen, als derjenige, den sie betraf, investiert hatte. Entscheidungen im Hause Schweinsteiger wurden mit dem Bauch getroffen. Diskutiert wurde nicht so lange und wenn, dann waren die Entscheidungsparameter zu Beginn der Karriere doch recht überschaubar. Mir gefällt diese Annäherung an den Menschen Schweinsteiger, weil sie eben so authentisch gelingt. Ungekünstelt und nachvollziehbar. Nur so lassen sich jene Schritte, Fluchten und Entscheidungen erklären, die der Sportler später treffen musste, als es schwieriger wurde. Als die Akzeptanz schwand, die Zuneigung in kleinerer Dosis akzeptiert werden musste und die Ikone hinter ihre Kulissen blicken musste. Gelungen ist dieser Spagat. Gelungen sind auch die Aufschläge, die plötzlich einen Tennisball auf dem heiligen Rasen der Fußballgötter einschlagen lassen. Die Perspektive Ivanović ist eine wahre Bereicherung für diesen biografischen Roman. Die wahren Geheimnisse in der Beziehung zweier Weltstars seien ihnen vergönnt. Was Martin Suter sich erdachte oder in welche Bilder er Spurenelemente der Wahrheit integrierte, das mag sein großes Geheimnis bleiben. Oder eben das von Bastian und Ana.

Natürlich ist das ein Fußball-Buch. Ebenso, wie es ein Tennis-Buch ist. Natürlich darf man nicht erwarten, zwei Sportikonen losgelöst von ihren eigentlichen Welten zu erleben. Natürlich ist das eine Lovestory im klassischen Sinn. Es ist schlicht romantisch weil es einfach so romantisch schlicht ist, wie sich diese Wege kreuzen und nicht mehr trennen. Und doch ist es keine Boulevard-, keine Klatschgeschichte, weil es genau dies zuletzt ist, was wir von Martin Suter erwarten dürfen. Vielleicht spielt er dann und wann mit der Wahrheit. Mit den Gefühlen der beiden Menschen, die er hier beschreibt, spielt er nicht. Ein mehr als sympathischer Aspekt am Roman ist, dass wir dieser Geschichte weiterhin folgen dürfen und können. Der Fußballer, der am Ende seiner Karriere sagte „Ich bin einer von euch“ hat sich an sein Mantra gehalten. Er ist verbindlich und stets aufrichtig. Er sagt seine Meinung und zeigt klare Kante. Wenn er mit Frau und Kindern unterwegs ist, erleben wir ihn anders. Fast ungeschminkt, weich, nicht heldenhaft. Wer also nicht gerade die literarische Erleuchtung vor dem Herren erwartet, wird hier sehr gut unterhalten. Was will man mehr? „Einer von euch“ besticht das Publikum und ist Tabellenführer der Bestsellerlisten. (PS. Schweinsteiger war nie Vizemeister…)

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Einer von euch von Martin Suter

Ein kritisches Wort zum Schluss. Was erwartet der Fußballfan von diesem Buch? Das ist eine Frage, die man sich stellen muss und darf. Authentisch soll es schon sein, wenn es den Kern der Biografie betrifft. Der Sport ist messbar, faktischer Rahmen und nicht zu diskutieren. Angesichts der Karriere von Bastian Schweinsteiger ist es daher vorhersehbar und kalkuliert, dass dieses Buch eben genau von den Menschen gelesen wird, denen sein Name etwas sagt. Und unter denen befinden sich Fußballfans, die in und zwischen den Zeilen die schärferen Kritiker sind, als es das Feuilleton je sein kann. Es hat mich sehr gewundert, genau hier auf die zentralen Schwächen des Romans zu stoßen. Wenn ich die Hauptfigur an anderer Stelle als limitierenden Faktor bezeichnet habe, dann ist er in Sachen Fußballsachverstand der wahre Trumpf dieser Biografie. Und doch stockte mein Lesen bei einer Vielzahl von Fehlern im Fußballjargon, die ich mir auch nicht mit der neutralen Herkunft des Schweizer Autors erklären konnte, Wenn ein Basti Schweinsteiger das gelesen hätte, er hätte einigen Begriffen die rote Karte gezeigt.

Ich möchte das belegen, weil es den positiven Gesamteindruck des Buches für mich ein wenig geschmälert hat. Aus dem Suter-Schweini-Dreamteam der Pressekonferenz wird beim Lesen dann doch das Buch Suter, das wie so viele andere Werke im Hause Schweinsteiger nur Zierrat ist.

Zum Fußball-Sachverstand:

Schuhsenkel sind bei mir Schnürsenkel,
Der Spielrand ist mein Spielfeldrand,
Der Schuss ins weite Eck ist eigentlich der Schuss ins lange Eck,
Man wird nicht gegen, sondern für einen Mitspieler eingewechselt,

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Einer von euch von Martin Suter

Der Satz:

Doch dann, endlich, in der achtundsechzigsten Minute
wechselte Völler Schneider durch Schweinsteiger ein.
Zwei Minuten später schoss Basti aufs Tor.

ergibt einwechslungstechnisch einfach keinen Sinn.

Und zu unguter Letzt. Den Lebenshöhepunkt einer Fußballerkarriere mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft so krachend in den Sand zu setzen, indem man die Mannschaft zur „PREISVERLEIHUNG“ antreten lässt, verursachte bei mir Gänsehaut. Hier drängt sich mit der Verdacht auf, dass der eigentliche Trumpf dieses Buches nicht als Trumpf herangezogen wurde. Die Siegerehrung hätte ich mir gewünscht.

Mein Fazit: Ein gelungener Sturmlauf, tolle Tore und ein Trainer, der dem Spiel seinen Stempel aufgedrückt hat. Erst in der Zeitlupe kann man ein paar technische Probleme erkennen, die für ein paar Abseitsentscheidungen verantwortlich waren. Das Publikum auf der Tribüne hat viele dieser Feinheiten übersehen und jubelt immer noch. Schweini Schweini Fußballgott… dröhnt es durchs weite Rund. Abpfiff. Suter raus-Rufe waren vereinzelt zu hören, werden jedoch vom Verein wegmoderiert. Vertrag verlängert…

Einer von euch von Martin Suter - Astrolibrium

Einer von euch von Martin Suter

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Es ist an der Zeit, die Kirche aus dem Dorf zu holen. Denn immer, wenn es darum geht, ein Romandebüt mit literarischen Lorbeeren zu bekränzen und es auf dem Schild der „sensationellen Entdeckung“ auf den Bücherolymp zu tragen, neige ich dazu, diese Kirche da zu lassen, wo sie hingehört: Im Dorf. Heute jedoch gehöre ich zu den Trägern dieses Schildes, reihe ich mich in den lauten Jubelreigen einer begeisterten Leseschar ein und bin dabei behilflich, einen neuen Roman wie eine kleine Kirche auf einen freien Platz zu tragen, um ihn ein wenig sichtbar zu machen. Nichts darf die Sicht verstellen, nichts darf seinen Schatten auf dieses Debüt werfen und es muss Freiraum geben, um dieses Buch von allen Seiten zu begutachten. Ich spreche hier vom Roman „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte.

Ich neige nicht dazu, voreilig Lobeshymnen anzustimmen. Und doch glaube ich ein gutes Gefühl für den besonderen Roman entwickelt zu haben. Es ist nicht immer Liebe auf den ersten Blick, die mir die Augen öffnet. Es ist das außergewöhnliche Erlebnis, in dem ich innehalte und das Staunen finde. So auch hier. Es waren die ersten Zeilen, die mich stocken ließen. Es war eine Sprache, die mich mit unverminderter Wucht und im Rhythmus eines Trommelwirbels in der Tiefe des Herzens traf, die ich als ungewöhnlich empfand. Als müsse hier noch ein Lektorat eingreifen, aus Schlagwörtern ganze Sätze formen und verschachteln, was unverschachtelt auf mich zurauschte. Die Sprache pur wie ein Extrakt, einfach und im Rohzustand belassen, wie man sie selten erlebt, wenn sie einen Verlag ins freie Lesen verlässt. Hier sollte doch sicher nachgebessert werden. Hatte ich doch das unkorrigierte Leseexemplar vom Diogenes Verlag in Händen. Diese Gedanken begleiteten mich in meinem Lesen. Und dann, auf Seite 146, gelang es mir eine erste Pause einzulegen. Beseelt von einem Gefühl, dass hier nichts und niemand mehr Hand anlegen darf, weil ich einen Schatz entdeckt hatte. Eine Kirche, die nicht im Dorf bleiben darf.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

„Junge mit schwarzem Hahn“, welch minimalistisch anmutender Titel, der jedoch alles sagt, was man zum Einstieg in diesen zeitlosen Roman wissen muss. Zeitlos, weil aus der Zeit gefallen. Zeitlos, weil mit wenigen Angaben ausgestattet, die eine zeitliche Einordnung durch uns Lesende zulassen. Krieg, Tod und Pest muten mittelalterlich an, was uns auch schon reichen muss. Dunkle Zeitalter brauchen kein Kalenderlicht, wenn man Stefanie vor Schulte in ihre Welt folgt. Die Dunkelheit wird von ihr durch einen erst elfjährigen Jungen aufgebrochen, der als Lichtgestalt die letzten Reste von allem Guten in sich trägt und bündelt. Martin. Heller erstrahlend als der Rest der Welt. Klüger als es die Gesellschaft erlaubt. Weiser und herzlicher, als man es ihm zutrauen würde und im Gefolge eines schwarzen Hahns, der Glücksbringer, Wegbegleiter, Freund, Orakel und Mitstreiter ist. Alles zugleich. Das geht, wenn man ihm vertraut und ihm zuhört. Hier ist alles ausgefallen. Wie die Romanfiguren, die uns in die Hände fallen. Wie der Rahmen, in den alles passt, aus dem alles fällt, der alles hält und doch nichts aufhalten kann.

Es sind wirkungsvolle und nachhaltige Bilder, die uns die Autorin ins Gedächtnis schreibt. Ein Junge, der als einziger in der Familie den Mordwahn des Vaters überlebt; Kinder, die auf unerklärliche Art und Weise verschwinden; ein fahrender Maler, der sich um den Jungen und seinen Hahn kümmert, als man beschließt die verlorenen Kinder zu retten; ein Gaukler, der besser fliegen kann als der Hahn, eine schillernde Prinzessin, in deren Gesellschaft man besser auf schwarze Hähne hört. Und dann noch ein Mädchen, in das sich der Martin heimlich verliebt, für das er dann gar keine Worte hat außer „Die Franzi“, wenn man ihn fragt, wem er noch einmal in seinem Leben begegnen mag. Es klingt märchenhaft, was ich hier beschreibe? Es ist märchenhaft. Es erfüllt alle Kriterien, die man mit diesem Genre verbindet, wenn man sich durch die Magie der Geschichte bis zu ihrem Ende tastet. Dieser Roman ist ein Märchen. Kein Traum. Er ist real.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Stefanie vor Schulte gelingt mit ihrem Debüt das Unglaubliche. Wir lassen uns auf ihre Geschichte ein, wir hinterfragen nicht, interpretieren kaum, werden mitgerissen im Sog ihrer einzigartigen Sprachmelodie. Wir beginnen schnell, ihr zu vertrauen, weil im Märchen am Ende doch immer dieser Satz zu lesen ist: „und wenn sie nicht gestorben sind“. Alles wird doch gut enden? Da ist doch Moral in der Geschicht`. Es bleiben keine Fragen offen und Hahn und Junge und wir und alle und die Leser und die Denker und die Zweifler sind unterwegs auf einer Mission, wie es sie noch niemals gab. Bis wir im Freien vor der Kirche stehen, die wir gerade aus dem Dorf geholt haben und uns daran erinnern, was wir hier lesen durften. Bis wir den Blick in unsere Kirche werfen und die Wandgemälde erkennen. Das ist mein Bild für diesen Roman, von dem ich nicht mehr loslasse, weil ich ein Bild brauche, das mich an dieses Leseerlebnis erinnert. Weil ich viel notiert und viel markiert habe beim Lesen und doch weiß, dass ich es erneut lesen muss. Nicht, weil ich es vergessen habe. Nein. Weil es das erneute Lesen wert ist.

Traut Euch hinein in diese Welt. Lasst Euch fallen und entführen. Begegnet Reitern, vor denen ihr alles verstecken würdet. Besonders eure Kinder. Folgt einem Jungen in ein Szenario, das nur er erhellen kann und wundert Euch über das Wunder in seinem glasklaren Verstand. Spielt mit einer Prinzessin das „Schlafspiel“ und versucht dabei hellwach zu bleiben. Gaukelt, malt und stochert in der Wahrheit herum. Freundet Euch mit diesem schwarzen Hahn an und wundert Euch nicht darüber, dass am Ende jeder Hahn danach krähen wird, was Ihr da wohl gelesen habt. Setzt die Bilder des Romans zu einem Gemälde zusammen und lernt dann das Staunen. Stefanie vor Schulte hat hier dem Zufall des Erzählens keinen Raum gelassen. Sie folgt einem grandiosen Plan und wir folgen ihr. Oftmals atemlos. Zumeist tief bewegt. Am Ende… Ja, am Ende. Das bleibt Euch überlassen, wie Ihr am Ende fühlt und denkt. Nur eines ist gewiss. Ihr solltet Euch das nicht entgehen lassen. Das wäre so, als würdet Ihr die Kirche einmal zu oft im Dorf lassen. Großer Fehler.

Junge mit schwarzem Hahn - Stefanie vor Schulte - Astrolibrium

Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung Eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Und eines ganz zum Schluss. Während gerade die ganze Welt mit Büchern beschäftigt ist, die auf Long- und Shortlists zu Buchpreisen stehen, lasst Euch nicht einfallen zu sagen „Ich lese ja NUR den Jungen mit schwarzem Hahn„. Dieser Roman würde allen aktuellen Buchpreislisten unglaublich gut tun, weil er wirklich alles ist. Nur nicht NUR… Nur nicht beliebig und nur nicht vergänglich. Hahn drauf!

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Junge mit schwarzem Hahn – Stefanie vor Schulte

Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko - Astrolibrium

Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

Es gibt immer wieder die unterschiedlichsten Gründe, die meine Entscheidung für ein bestimmtes Buch beeinflussen. Natürlich ist der inhaltliche Aspekt von besonderem Interesse, wenn ich einen neuen Lesewegbegleiter auswähle. Hier jedoch sieht es auf den ersten Blick anders aus. „Der ehemalige Sohn“ von Sasha Filipenko stößt mich in eine Wahrnehmungsebene hinein, die ich als zutiefst schaurig empfinde. Wann habe ich jemals einen aktuellen Roman gelesen, der im europäischen Heimatland des Autors nur unter dem Ladentisch erhältlich ist, und den man tunlichst nicht in der Öffentlichkeit lesen sollte? Wann hatte ich zuletzt ein mehr oder weniger verbotenes Buch in Händen und wann habe ich mir zuletzt darüber Gedanken gemacht, welche Gefühle Menschen haben, die genau dort leben. In Weißrussland. Belarus. Einem Land in Europa. Es ist Sasha Filipenko, der sich seiner Heimat literarisch nähert und den Machthabern in der Pseudo-Demokratie den Boden unter den Füßen wegzieht. Sein Roman ist Utopie und Streitschrift zugleich. Er ist flammender Appell und selbsterfüllende Prophezeiung, weil die brutale Realität im Land dieses Buch täglich bestätigt. Wirklich täglich.

Der ehemalige Sohn“ hat mich wütend gemacht, weil ich während des Lesens im Fernsehen auf Nachrichten stoße, die mich demokratisch abstoßen. Da ist es ein vom Volk gewählter Präsident, der seine Macht undemokratisch ausdehnt und das Land in einen Satellitenstaat seines großen Nachbarn verwandelt. Proteste werden mit Gewalt unterdrückt, Regimegegner finden sich plötzlich an der Landesgrenze wieder, im Exil lebende Blogger werden mit Passagierflugzeugen ins Land entführt, um ihrer habhaft zu werden. Uniformierte Sonderkommandos ohne Hoheitsabzeichen streifen durch die Straßen von Minsk und verschleppen Demonstranten. Besonders hart trifft es Frauen. Bei den Olympischen Spielen in Tokio steht eine kritische Sprinterin kurz davor, in ihre Heimat entführt zu werden und in diesem Moment tickert die Nachricht über den Tod eines Dissidenten über den Bildschirm, der sich in der Ukraine beim Joggen erhängt haben soll. Kein Tag ohne eklatante Verletzung aller Menschenrechte. Kein Tag ohne Nachrichten aus einer Diktatur im Herzen Europas.

Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko - Astrolibrium

Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

Ich wollte den Roman von Sasha Filipenko erst rezensieren, wenn die Lese-Wut verflogen ist. Dann, so habe ich jedoch festgestellt, würde ich nie ein Wort über einen Roman verlieren, der eigentlich zur Pflichtlektüre in unseren Schulen gehören müsste. Also schreibe ich wütend. Aufgewühlt und zornig. Gefühle, die eigentlich hier Fehl am Platz sein sollten, die ich aber nicht ausblenden kann. Das liegt natürlich an der mehr als brillanten Perspektive, aus der Sasha Filipenko mich zum Zeugen der Entwicklung der sozialen und politischen Missstände in seiner Belarussischen Heimat macht. Es ist das Stilmittel eines medizinischen Tiefschlafs, mit dem er uns alle einschläfert, um uns dann abrupt aufwachen zu lassen, und uns damit nicht nur die Augen öffnet. Es ist das Koma, in das er seinen Protagonisten fallen lässt, um ihn dann erst zehn Jahre später wieder aufwachen zu lassen. Schneewittchen in Weißrussland, könnte man sagen…

So erleben wir Franzisk, einen ganz normalen Jugendlichen in Belarus, mit seiner Lebensgier, seinen Freunden, Problemen und Träumen. Die politischen Umstände sind eher Schatten im Licht seiner Energie, aber er spürt die Einschränkungen, die aus dem normalen Leben ein vorsichtiges Herumtasten auf politischen Minenfeldern machen. Es ist ein fröhlicher Ausflug zu einem Rockkonzert, der dramatisch endet. Es fühlt sich an, wie das Drama der Love-Parade, als wir Franzisk aus den Augen verlieren. Erst in der Klinik finden wir ihn wieder. Er liegt im Koma. Hoffnung auf ein baldiges und gesundes Erwachen: Fehlanzeige. Während Ärzte, Eltern, Freunde und sogar seine Freundin ihn aufgeben, hält nur noch seine Oma zu ihm. Sie begleitet sein Koma wie eine gute Fee. Niemand ahnt, dass es genau zehn Jahre dauern wird, bis er die Augen öffnet. Er wird wach und erkennt, dass sich sein gesamtes Umfeld verändert hat. Nur das Land seiner Jugend hat sich nicht verändert. Es fühlt sich für den jetzt 26-Jährigen so an, als hätte auch Belarus im Koma gelegen. Ein Tiefschlaf, den der allmächtige Präsident nur dazu genutzt hatte, seine Position unangreifbar zu machen.

„Wir leben im besten Land für erwachende Komapatienten. Hier ändert sich absolut nichts. Egal, wie lang sie im Koma liegen. Monatelang, jahrelang, ewig…“

Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko - Astrolibrium

Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

Das Koma als zentrale Metapher steht für die Teilnahmslosigkeit und die fehlende Reaktionsfähigkeit auf äußere Reize. Es ist hier der kollektive Tiefschlaf eines Volkes, den Filipenko auf drastische Art und Weise beschreibt. Die höchste Form der Lähmung des zentralen Nervensystems wird hier zum literarischen Symptom aller Unterdrückten. Fehlt nur noch der letzte Schritt. Der Hirntod. Die letzte Konsequenz. Doch hier versagt die allmächtige Regierung. Der Patient erwacht. Er erinnert sich an den Zustand, der in seiner Heimat vor zehn Jahren vorherrschte. Dieses Brennglas auf einen Herzstillstand löst nun ein fulminantes Erwachen aus, das einer Eruption gleicht. Ein Koma ist für ein Leben genug. Es ist die unfassbare Vitalität, die aus dem zweiten Teil dieses Romans das Buch einer Widerstandsbewegung macht, die in den Straßen von Minsk zu neuem Leben erwacht. Es pulsiert, es vibriert und wirkt endlich ansteckend, wie eine heilsame Krankheit. Sasha Filipenko träumt den Freiheitstraum seines Protagonisten.

Sein ehemaliger Komapatient befreit sich von den Ketten der Vergangenheit und steht auf. Es ist alles Ehemalige, das er nun abstreifen muss, um ein Gegenwärtiger zu werdenUnd genau hier begegnen wir den Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen in den Straßen von Minsk. Hier fühlen wir die Träume und die Grenzen, die ihnen gesetzt sind. Hier beginnt nach dem Lesen des Romans die Wut. Hier beenden wir ein Buch in der Hoffnung, die Zeiten würden sich ändern und werden doch täglich von Neuem von der Findigkeit eines Machthabers überrascht. Sind es nicht wir, die im Koma liegen? Ist es nicht die Staatengemeinschaft, die ihre Werte verliert und wie lange darf man im Herzen Europas einer solchen Fehlentwicklung zuschauen? Diese Fragen bleiben am Ende von „Der ehemalige Sohn“. Es sind bohrende Fragen und fehlende Antworten, die uns beschäftigen. Es ist ein tiefes Koma, aus dem wir hier geweckt wurden. Ist es zu spät, um endgültig wach zu bleiben? Sasha Filipenko hat seine Antwort literarisch formuliert. Ein erschreckend aktueller Roman, der täglich zitiert werden kann.

Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko - Astrolibrium

Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

„Du weißt ja, in welchem Land du lebst. Hier sind schon die nichts wert, die gesund und am Leben sind, von Menschen im Koma ganz zu schweigen.“

Sasha Filipenko wurde 1984 in Minsk geboren, lebt und schreibt in Sankt Petersburg und arbeitet als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber für eine Satire-Show und TV-Moderator. Der belarussische Schriftsteller schreibt auf Russisch. Die Übersetzerin des Romans Ruth Altenhofer hat das Buch um einige hilfreiche Anmerkungen ergänzt, die den Zugang zum gesellschaftlichen Hintergrund und zum Verständnis des Textes mehr als erleichtern. Kompliment.

Constanze Matthes war mit „Zeichen & Zeiten“ ebenfalls literarisch in Minsk. Hier geht´s zu ihrer keinesfalls komatösen Rezension…!

Ein wütender Nachtrag: Wenn man hier Querdenker und Corona-Leugner durch die Straßen ziehen sieht, die unsere Demokratie mit einer Diktatur vergleichen, Berlin mit Minsk verwechseln und sich dabei auf eine Stufe mit belarussischen Demonstranten stellen, muss man sie deutlich fragen: Warum gibt es euch noch? Wo sind die ganzen Sprinter, die euch von den Straßen verschleppen? Wo bleiben die illegalen Milizen, die auf euch einprügeln? Welche Querdenker wurden ausgebürgert? Wie ist es möglich, in der Öffentlichkeit, bei genehmigten Demonstrationen und im frei zugänglichen Internet vom fehlenden Recht auf freie Meinungsäußerung zu reden? Eure Haltung ist abstrus. Lesen bildet. Sasha Filipenko könnte helfen…  Nur so ein Tipp an alle Unterdrückten.

Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko - Astrolibrium

Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

Die Stille des Meeres von Donal Ryan

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Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Das Meer ist eine tragfähige Metapher für Geschichten voller Tiefgang, tosende Stürme, Flauten ohne jedes Vorankommen, Sehnsucht nach den letzten Abenteuern, rettungsloses Hoffen auf die Sichtung erster Leuchttürme und nicht zuletzt für all die Flüsse, die ihrem Lauf folgen und sich letztlich ins Meer ergießen. Wer eine gewisse Affinität zu den großen Ozeanen unserer Erde verspürt und literarisch immer wieder gerne in See sticht, der wird sicher hellhörig beim Titel des neusten Romans aus der Feder des irischen Schriftstellers Donal Ryan. „Die Stille des Meeres“ vermittelt auf den ersten Blick – auch in Anbetracht des atmosphärischen Wellengang-Covers – das Gefühl, es mit einem wahrhaftigen Meeres-Roman zu tun zu haben. Schaut man sich jedoch den Originaltitel „From a Low and Quiet Sea“ etwas genauer an, dann dürfte schnell klar werden, dass wir es eher mit einer Geschichte zu tun haben, die sich aus der Mitte einer ruhigen und nicht allzu tiefen See an unsere Ufer mäandert. Doch wie wir alle wissen: „Stille Wasser sind tief“ und so ist es auch mit diesem Buch. Es reißt uns mit, entwickelt einen unwiderstehlichen Sog, changiert in den unterschiedlichsten Windstärken und tritt schließlich über die Ufer, um alle Flüsse, von denen es gespeist wird, miteinander zu vereinen.

Es wirkt schon fast wie ein Schreib-Experiment, dem wir in „Die Stille des Meeres“ ausgesetzt sind. Schon der Klappentext bereitet uns auf drei einzelne Geschichten vor, die sich erst am Ende in einer kleinen irischen Stadt auf unwahrscheinliche Weise und mit fatalen Folgen miteinander vereinen. Und schon taucht hier der zweite Eyecatcher auf, der mich dazu führte, diesem Roman zu folgen. Irland. Land der Verheißung und literarischer Sehnsuchtsort, Schauplatz wahrlich großer Romane und Ausgangspunkt bewegender Schicksale, die von Auswanderung, Armut und der Flucht aus einem von der Weltgeschichte zerrissenen Land berichten. Im Gegensatz zu diesen Geschichten jedoch ist es diesmal die Grüne Insel, die zum Schmelztiegel der Geschichten dreier Männer wird. Hier fließt alles zusammen. Hier wird „Die Stille des Meeres“ zu einem tiefgründigen Rauschen und Murmeln von Wellenschlägen, die unsere Ufer erreichen.

Die Stille des Meeres von Donal Ryan - Astrolibrium

Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Um im maritimen Jargon zu bleiben, den „Die Stille des Meeres vorgibt“ möchte ich meine Wahrnehmung der drei Einzelgeschichten mit einem Aggregatzustand der hohen See überschreiben:

Der Sturm – Farouk

Es ist die Geschichte von Farouk, einem syrischen Arzt, der sich dazu durchringt, seine kleine Familie vor den Folgen des Krieges zu retten. Ein Flüchtlingsschicksal, das wir gerne als typisch bezeichnen würden, dem sich Donal Ryan jedoch literarisch in einer Wucht annähert, die Ihresgleichen sucht. Es sind nur knappe 80 Seiten dieses Buches, in denen er ein Land im Krieg, eine übermächtige Religion und den Vorbehalt beschreibt, unter dem ein Leben steht, das rein westlich orientiert ist. Am Ende steht die Flucht. Die letzte Chance für Farouk, sich selbst, seine Frau und seine Tochter retten zu können. Es ist die Hoffnung, die sie antreibt. Es ist das Entsetzen, das sich in ihnen ausbreitet, als sie das abgewrackte Schiff sehen, das sie nach Europa bringen soll. Es ist die perfide Masche der Schlepper, ihre Schutzbefohlenen zu betrügen. Das Drama ist vorprogrammiert. Das Scheitern auf hoher See nur eine Frage der Zeit. Und es ist die literarische Brillanz, mit der uns Donal Ryan zu Schiffbrüchigen macht. Wir folgen Farouk bis zum fatalen Wendepunkt seines Lebens. Als seine Geschichte endet, war ich den Tränen nah. Hier in eine neue Geschichte einzusteigen fühlte sich an, wie ein „Legere Interruptus“ – ein unterbrochenes Lesen vor dem Höhepunkt.

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Nur die Hoffnung aus dem Klappentext trieb mich weiter. Am Ende sollte ich ihm erneut begegnen, also hinein in die zweite Geschichte. Hinein in eine Begegnung mit jenem zweiten Mann, der dieses Buch prägt. Seine Geschichte überschreibe ich mit:

Die Flut – Lampy

Jetzt sind wir in Irland. Jetzt begegnen wir Lampy, der mit seiner Mutter und seinem Großvater auf dem Land lebt. Eigentlich hat er gerade nur „Scheiße am Schuh“. Seine Mutter verheimlicht ihm, wer sein Vater ist. Sein Großvater nervt mit seinen Witzen auf Kosten anderer Leute und die erste große Liebe Chloe hat ihm den Laufpass gegeben und sein Herz bei ihrer Abreise gleich mit nach Dublin genommen. Sein Leben scheint im Schlick zu versinken, den die Ebbe zurückgelassen hat. Zumindest hat er einen Job als Busfahrer in einem Seniorenheim. Zumindest hier fühlt er sich nützlich. Seine alten Leutchen in den Bus setzen, sie zur Therapie oder zu Verwandten fahren und dann ins Heim zurückbringen. Was soll da schon schiefgehen? Wie die steigende Flut sich dem Alltag von Lampy langsam nähert, ahnen wir, dass aus der harmlosen Fahrt mit seinen Senioren eine Situation erwächst, in der er den Überblick verliert… Kein Vater, den Job als letzten Halt, eine Mutter voller Ausflüchte, die Freundin, die gar keine mehr ist, und ein Großvater, der sich sicherlich über ihn lustig machen wird. Das sind die Aussichten eines Lebens, als wir Lampy am Straßenrand verlassen. Die Flutwelle kommt.

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Zeit, dem letzten Protagonisten zu begegnen. Ich nenne sein Kapitel:

Die Ebbe – John

Ihm steht der Schlick sprichwörtlich bis zum Hals. Das Lebenselixier Wasser hat sich zurückgezogen und ihm bleibt nur noch dieser letzter Versuch, mit sich und Gott seinen Frieden zu machen. Es ist eine Beichte, die John in der letzten Stunde seines Lebens ablegt. Und er hat viel zu erzählen. Der große Manipulator und Betrüger hat zeitlebens im irischen Ardnamoher die Strippen gezogen. Ob es die Verluste seines Lebens waren, die ihn zum Betrüger, Erpresser und schamlosen Lobbyisten gemacht haben? Wer weiß das schon.. Er versucht sich zaghaft in Ausflüchten, doch je näher sein Ende kommt, desto drängender wird die Frage, ob er mit seiner Lebensbeichte überhaupt seinen Schöpfer erreichen kann. John hatte nie anderes im Sinn, als Hass zu säen, Profit aus Gerüchten zu ziehen und sich an den Menschen seiner Heimat zu bereichern. Jetzt rechnet er mit sich ab, während das Lebensmeer sich zurückzieht. Auch hier gelingt es Donal Ryan, uns in einem außergewöhnlichen Beichtstuhl zum Zuhörer einer verlorenen Seele zu machen. Ob wir ihm seine Reue abnehmen oder nicht, sie ist essenziell für „Die Stille des Meeres„…

So lässt uns der Autor am Ende von drei Geschichten zurück, bevor er schließlich sein letztes Kapitel aufschlägt. Ein Kapitel, dem wir entgegenfiebern, eine letzte Welle eines stillen Meeres, das uns so sehr bewegt hat. Es ist dieser Spannungsbogen, der mich bis zum Ende trieb. Wie wollte der Autor diese drei Geschichten auf wundersame Weise miteinander verbinden? Wie wollte er auf einen Nenner bringen, was bisher für mich nur lose Enden waren? Zu weit voneinander entfernt bewegten sich drei Männer durch das Setting ihrer jeweiligen Geschichten. Sollte sein Finale „Seeinseln“ halten, was der Klappentext so geheimnisvoll angedeutet hatte?

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Der Gezeitentümpel – Meine Überschrift für das Ende

In „Die Nordsee“ von Tom Blass wurde ich auf diesen Ausdruck aufmerksam. Es sind kleine Seen, die von Stürmen verursacht werden, all das beinhalten, was die Flut angespült hat und was die Ebbe zurücklässt. In diesen Zeittümpeln bilden sich kleine Inseln, die bis zur nächsten Flut Bestand haben. Ein Brennglas der Zeit. Ein solcher „Gezeitentümpel ist es, in den uns Donal Ryan am Ende eintauchen lässt. Hier sind die Spuren seiner drei Geschichten zu finden. Hier vereinen sie sich und als Leser ist es nicht mehr die Frage, wie ihm diese Vereinigung gelingt. Die Frage lautet eher, wann und wo man selbst die Verbindungslinien hätte sehen können. Brillant konstruiert und großartig erzählt. Er führt uns die Zufälligkeiten des Schicksals vor Augen, spielt mit unserer Wahrnehmung und ruft uns aus der Stille des Meeres zu, dass es ja vielleicht gar keine Zufälle gibt. Es ist ein Roman der Bestimmung. Es ist eine Antwort auf die Frage, was es bedeutet, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Oder eben nicht. Versagen, Verlust und Hoffnung spiegeln sich in der Oberfläche dieses kleinen Gezeitentümpels wider. Ein würdiges Ende für einen lesenswerten Roman.

Weitere Meeresbücher in der kleinen literarischen Sternwarte. Meer geht immer! Und literarische Reisen nach Irland sind immer lesenswert. Hier geht´s lang!

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