„Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ von J.E. Agualusa

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Rein literarisch gesehen habe ich eine sehr spezielle Theorie, welche Bücher man getrost vergessen darf. Es sind diejenigen Werke, die im Einerlei des oberflächlichen Erzählens weder durch Inhaltsreichtum, noch durch sprachliches Geschick bestechen. Dann wieder gibt es Bücher, die dem Leser in Erinnerung bleiben, weil zumindest eine dieser Komponenten im Text aufzuspüren war. Unvergessen brennen sich jedoch jene Romane in unser Lesegedächtnis ein, die mehr zu bieten haben, als man es gemeinhin erwarten darf.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ von José Eduardo Agualusa reiht sich gleich aus mehreren Gründen in den Reigen brillant erzählter und außergewöhnlich gut konstruierter Romane ein, die ihre Spuren beim Lesen hinterlassen. Darüber hinaus ist der Schauplatz der Geschichte so ungewöhnlich, neu und fast unentdeckt, dass man in jedem Kapitel Neuland betritt. Mir zumindest ging es so, was die Revolution in Angola betrifft. Ich musste mich rückversichern, in welcher Zeit diese Handlung angesiedelt ist und in welchem politischen Kontext man den Revolutionsbegriff zu verstehen hat. Hier stieß ich auf eine große Lücke in meinem Wissen. Neuland. Ich mag diese literarischen Pionierleistungen sehr, weil ich mich dann wie ein Entdecker fühle.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Wir befinden uns in Angola und ich bin damit lesend zurück in Afrika. Der dunkle Kontinent hat mich in meiner Artikelreihe „Ich hatte einen Blog in Afrika“ schon häufig in eine für mich völlig fremde Welt entführt. Eines haben diese Bücher gemeinsam. Die tiefen Verletzungen einzelner afrikanischer Länder durch die Wunden, die europäische Kolonisatoren in das Land und die Menschen geschlagen haben, um hier Ausbeutung und Reichtum in Reinkultur zu zelebrieren. So auch in Angola. Zumindest bis zum Jahr 1974, als die Kolonialmacht nach der Nelkenrevolution im eigenen Land unversehens beschloss, allen Kolonien die Unabhängigkeit zu gewähren. Portugal zog sich zurück.

Und wie es uns die Geschichte lehrt folgt auf jede Revolution ein Vakuum, in dem die Neuverteilung der Macht hart umkämpft wird. So auch in Angola. Die Befreiung von den Kolonisatoren führte unmittelbar in einen Bürgerkrieg. Drei Parteien kämpften verbissen um die Vorherrschaft im eigenen Land und so brach 1975 das Chaos aus. In der Hauptstadt Luanda war niemand mehr seines Lebens sicher. Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Motto, das seit der französischen Revolution zeitlos gültig blieb. Genau in diesen historischen Kontext platziert José Eduardo Agualusa seinen Roman, der in seinem Kern auf einer wahren Geschichte beruhen soll (auch wenn der Schriftsteller in aller Deutlichkeit die reine Fiktion der Handlung betont).

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Unkalkulierbare Gewalt, instabile Verhältnisse und keine Möglichkeit, Freund und Feind voneinander unterscheiden zu können. Das ist der Startpunkt der Geschichte. Ein Startpunkt, der die Portugiesin Ludovica Fernandes Mano dazu bringt, im Luanda des Bürgerkrieges unterzutauchen, bis die Luft rein ist. Nachdem sie den ersten Angriff auf ihre Wohnung abwehren konnte (mit einem tödlichen Blattschuss), zieht sie es vor, sich im obersten Stockwerk des Hochhauses, in dem sie lebt, einzumauern. Sie haben richtig gelesen. Ludovica zieht eine Mauer vor ihre Tür, beginnt die Dachterrasse in ein Biotop zu verwandeln, lebt von gefangenen Tauben und einer kleinen Hühnerzucht und verschwindet von der Bildfläche.

Den Bürgerkrieg beobachtet sie als Zaungast mit bester Aussicht. Verfolgung und Erschießungen sind an der Tagesordnung. Die Gewalt tobt in allen Straßen. Sicherheit findet Ludovica nur in ihren eigenen vier Wänden. Ein Zustand, an dem sie nichts mehr ändern möchte. Ihre Vergangenheit und die umkämpfte Gegenwart sorgen dafür, dass ihr selbst gewähltes Exil dreißig Jahre lang währt. Dreißig Jahre, die Ludos Dasein als Eremitin dauert. Eine Zeit, in der sie das Leben draußen nur in Radio-Ausschnitten und Gesprächsfetzen erlebt. Dreißig Jahre in denen sie Bücher verbrennt, um die Wohnung zu heizen. Jahrzehnte in der die reale Welt die klauen nicht mehr nach ihr ausstreckt.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Das hat etwas von Emma Donoghues „Raum“. Die Innenperspektive, die in beiden Fällen durch äußere Gewalt verursacht wird, lässt in der dramatischen Abkapslung von der realen Welt Parallelen erkennen, nur ist Ludo ihre eigene Gefangene im Gefängnis ihrer Wahl. Und doch vergleicht man beide Perspektiven, die Ängste und letztlich denkt man immer wieder an den Tag, an dem die Mauern fallen. Mit welcher Wucht bricht das Leben dann in den Stillstand ein? Wie kann man das verkraften. Ludovica beginnt ihre Wände wie ein Tagebuch zu beschreiben. Sehnsuchtstexte allesamt.

Der besondere Reiz dieses Romans liegt darin begründet, dass Ludovica die Welt verändert, ohne dies überhaupt zu bemerken. Sie tritt Ereignisse los, die unkontrollierte Folgen nach sich ziehen. Sie beobachtet passiv, ohne zu ahnen, dass sie in das Leben anderer Menschen in Luanda extrem eingreift. Hier fliegt uns diese Geschichte wie eine gebratene Taube in den Mund, da alles mit Tauben beginnt. Womit auch sonst, sind es doch die Ratten der Lüfte, die für Ludo überlebenswichtig sind. Wenn sie eine Taube in einer Falle fängt, dann genau die Brieftaube mit einer wichtigen Botschaft am Bein.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Wenn sie eine Taube erfolglos anzulocken versucht, indem sie das Tier mit kleinen leuchtenden Steinen ködert, dann verwendet sie Diamanten. Einmal aufgepickt und in die Freiheit entschwunden, beschenkt diese Taube ahnungslose Menschen mit einem unermesslichen Reichtum. Und so werden wir in diesem Buch zu Zeugen einer Zeit, in der ein ganzes Land am Rad dreht. Opfer und Täter begegnen einander mehrfach und in ganz unterschiedlichen Rollen. Gefangene und Wärter werden angesichts der Gewalt fast zeitgleich miteinander verrückt. Polizisten leiden an der Angst, nicht vergessen zu werden. Identitäten werden gewechselt, Erschossene sterben mehrfach und das Haus der Bescheidenen, in dem Ludo lebt, ist das Auge im Orkan des Sturms der Zeit.

José Eduardo Agualusa fabuliert meisterlich. Nichts steht in dieser Geschichte nur für sich allein. Alle Handlungsfäden sind miteinander verwoben. Jede kleine Handlung ist in der Lage, eine Welle von Ereignissen loszutreten, die unkalkulierbare Folgen hat. Solche Geschichten schreibt nur das Leben, oder eben ein großartiger Autor. Am Ende fällt die Mauer. Am Ende des Lesens konfrontiert uns der Autor mit den Wahrheiten der Geschichte. Am Ende steht Ludovica den Menschen gegenüber, deren Leben sie ganz unbewusst verändert hat. „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ wird in diesem Schlussakkord zur Präambel eines Romans, den man nicht so schnell vergessen wird.

Nach Angola führt mich mein Weg nach Ghana….

„Doktor Jekyll und Mister Hyde“ illustriert von Sébastien Mourrain

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Oh nein, er schrieb nicht nur Die Schatzinsel. Robert Louis Stevenson blieb uns zwar hauptsächlich mit seinen legendären Romanfiguren Sam Hawkins und Captain Flint in Erinnerung, weil sie den Weg aus einem echten Klassiker in die Jugendliteratur unserer Zeit problemlos überwunden haben und so einem breiten Publikum das Lesen versüßt haben. Ein Sprung, der aus literarischer Sicht gewaltig ist und keineswegs mit jedem Romanstoff gelingen kann. Was mit Treasure Island gelang, könnte ja vielleicht auch mit einem anderen Roman aus Stevensons Feder gelingen, selbst wenn es dabei um einen der ganz großen psychologischen Gruselklassiker in der Literatur geht. Denn er schrieb nicht nur „Die Schatzinsel“…

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sebastien Mourrain

Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ ist das wohl meistverfilmte Buch aus der Feder des großen Schriftstellers. Denkt man an Horror-Literatur, dann hat man sehr schnell Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder den guten alten Frankenstein im Sinn. Hier ist Stevenson absolut bahnbrechend gewesen, indem er Gut und Böse in einer Person vereint und sowohl sympathische als auch dunkle Seiten voneinander losgelöst auf den Leser einwirken lässt. Ohne diesen Roman gäbe es wohl einige legendäre Bösewichte der Film- und Literaturgeschichte nicht. Auch einigen Superhelden hat R.L. Stevenson so den Weg geebnet. Two-in-One, vielleicht ein Genre, das man nach ihm benennen müsste. Denken wir nur an Batman, Superman, Hulk, Spiderman oder Die Maske.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Und nun schickt sich der für sehr edle Kinderbücher bekannte Bohem Verlag an, den Gruselklassiker über eine künstlich herbeigeführte Persönlichkeitsspaltung in neue Dimensionen vorstoßen zu lassen. So erblickt in diesen Tagen „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ als Bilderbuch mit Illustrationen von Sébastien Mourrain das Licht der Bücherwelt. Großformatig kommt es daher, verziert mit einem Eyecatcher auf dem Cover, das zugleich die gute und dunkle Seite im Wesen eines Schmetterlings zeigt. Eine gelungene Metapher, in der die Schönheit erst sichtbar wird, wenn am Ende der Verpuppung ein neues Geschöpf aus der Raupe entsteht.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Aber nicht nur in seiner Aufmachung überzeugt dieses literarische Wagnis. Auch inhaltlich und sprachlich gelingt ein absoluter Kunstgriff. Die verkürzte Übertragung des originalen Textes in der verknappten und umso authentischer wirkenden Übersetzung von Nils Aulike wirkt beinahe so, als hätte Robert Louis Stevenson den Extrakt seines Klassikers selbst in diese Kurzfassung gebracht. Im Vergleich mit dem kompletten Text kann man nur den Hut ziehen, weil hier einerseits ein Roman in vereinfachter Form und dabei doch unverfälscht in seiner Melodie einem größeren Publikum geöffnet wird. Hier kann man sich selbst auf Stand bringen, wenn man das komplette Werk nicht gelesen hat und darüber hinaus kann man es mit Jugendlichen erschließen, die es vielleicht aus eigenem Antrieb niemals lesen würden. Ein „Klassiker-to-Go“ sozusagen.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Genau diese gemeinsame Auseinandersetzung kann zeitlos Wunder bewirken, da dieser Romanstoff niemals an Relevanz verloren hat. Gute und böse Seiten im Wesen eines Menschen voneinander zu trennen ist unmöglich. Sie bedingen einander und wir befinden uns im ewigen Kampf um die innere Balance. Dass es Dr. Jekyll nur mit einer Droge gelingt, das Böse zu separieren ist ein komplexer Denkansatz, wie auch wir den modernen Drogen von heute zum Opfer fallen können. Die Novelle von Stevenson hält auch heute noch viele Überraschungen für uns bereit. Die Zeichnungen von Mourrain untermalen diese geniale Neufassung in einer eigenen, sehr atmosphärischen Dichte. Ja, es gruselt schon deutlich, das muss man zugeben, aber unsere heutige Jugend ist aus einem anderen Schrot und Korn, wenn es um Gänsehautfaktoren geht.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sebastien Mourrain

Stevenson wäre stolz auf dieses Buch. Es verkünstelt den Roman nicht, interpretiert nicht mehr in die Geschichte hinein, als es statthaft ist und lässt unausgesprochen, was der große Schriftsteller damals auch unbeschrieben ließ. Was hat Mr. Hyde auf seinen nächtlichen Streifzügen angestellt? Wie hat sich das Böse Bahn gebrochen? Das blieb unserer Fantasie überlassen und so bleibt es auch in diesem Bilderbuch. Lehrreich in seiner Botschaft, geschlossen und authentisch im Stil und atmosphärisch dunkel in der Gestaltung – Einfach klasse, wie man einem Klassiker neues Leben einhauchen kann.

Bilderbücher. Eine ganz eigene Galaxie im Visier der kleinen literarischen Sternwarte.

Vernunft und Gefühl – Jane Austen – 200 Jahre postmortem

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Der erste Schritt eines Menschen auf dem Mond war ein Triumph des Verstandes, jedoch eine Niederlage der Vernunft. Womit explizit unterschieden wird, zu welchen Leistungen der menschliche Geist in der Lage ist, wenn es gilt Ziele zu erreichen, was jedoch nicht heißt, dass es sich hier um sinnvolle Ziele handelt. Verstand und Vernunft sind so unterschiedlich wie Katze und Maus, was auch erklärt, warum man sich zuerst mit diesen Begriffen beschäftigen muss, bevor man Jane Austens Roman „Sense and Sensibility“ aufschlägt.

Heißt es nun in der Übersetzung „Vernunft und Gefühl“ oder eher „Verstand und Gefühl“? Was kommt dem Beziehungsdrama und den unterschiedlichen Charakteren der Prota­gonistinnen näher? Welcher Begriff beschreibt den großen Unterschied, sich Herzens­dingen zu widmen besser? Bei Sensibility sind sich die Übersetzer einig. Hier geht es eindeutig um Gefühl. Da stehen Logik und Kalkül hinten an, das Herz regiert in jeder Bezie­hung und alle Schattierungen der Emotionalität im Guten und Bösen spielen eine gewichtige Rolle.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Bei „Sense“ gehen die Meinungen auseinander. Ich persönlich stimme der Variante des Manesse Verlages zu, der zum 200. Todestag von Jane Austen (sie verstarb am 18.Juli 1817) ihren ersten ganz großen Roman unter dem Titel Vernunft und Gefühlin wundervoller Aufmachung veröffentlicht. Zwei Schwestern stehen für diese Begriffe, weil sie sich in Fragen der Liebe so unterschiedlich verhalten wie ein Mathematiker und ein Romantiker. Und hier geht es eben nicht um den Verstand. Es geht nicht darum, ein rational greifbares Ziel zu erreichen. Hier spielte die Autorin ganz bewusst mit Begriffen aus dem Beziehungsgeflecht von Menschen. Liebesheirat und Vernunftehe. Das sind die Pole, deren Kappen wir in ihrem Roman betreten. Sie stoßen einander ab und doch ziehen sie sich auch an. Magnetisch magisch.

Ungewöhnlich, sich noch vor dem Lesen so intensiv mit dem Titel eines Romans zu beschäftigen? Vielleicht ja, aber für mich geht es hierbei um mehr, da man oftmals schon an dieser Stelle in die Irre geführt wird. Es musste einen guten Grund geben, den Roman im Vergleich zu anderen Ausgaben dieses Werkes mit diesem neuen Etikett zu versehen. Danach habe ich gesucht und wurde lesend bestätigt, dass es vernünftig war die Vernunft regieren zu lassen, weil der Verstand an keiner Stelle des Romans regiert. Während eine der Schwestern im Hause Dashwood sich nur von ihren Gefühlen leiten lässt, wägt die andere ab, zaudert, zögert, verschließt sich und leidet doch innerlich. Es ist hier der Kampf der Vernunft gegen die Emotion. Elinor Dashwood wäre nie auf dem Mond gelandet, weil es nicht richtig und somit unvernünftig gewesen wäre. Ihre jüngere Schwester Marianne hingegen wäre mit wehenden Fahnen zum Mond geflogen, wenn sie sich in ihn verliebt hätte. Die Gefahr des Scheiterns hätte sie nicht interessiert.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Habe ich das jetzt vernünftig abgeleitet? Ich hoffe, schon. Der kleine Exkurs musste einfach sein, da er meine Gedanken zu Beginn des Lesens widerspiegelt. Eines Lesens voller widersprüchlicher Gefühle. Darf ich mich wirklich erstmals in meinem Leben Jane Austen widmen? Ich lese gerne Klassiker, aber das Erstlingswerk einer zwanzigjährigen Schrift­stellerin über Liebe und Beziehungen in den gesellschaftlichen Konventionen des aus­gehenden 18. Jahrhunderts? Musste das nicht ein wenig angestaubt sein? Oder ist hier eine echte literarische Perle versteckt, die ich mich bisher zu suchen standhaft und beharrlich geweigert hatte?

Bei mir stimmten Vernunft und Gefühl auch nicht überein. Wäre es nicht vernünftig, einen aktuellen Roman zu lesen? Wäre es nicht vernünftig, sich Zeit zu sparen, sich die Verfilmung des Klassikers anzuschauen und dann zu urteilen? Mein Gefühl sagte nein. Mein Gefühl sagte mir, dass ich lesen muss, um fühlen zu können. Im Nachhinein muss ich sagen, dass mein Gefühl mich nicht betrogen hat. Manchmal ist auch in der Literatur der Sieg des Gefühls über die Vernunft der erste Schritt in der Auseinandersetzung mit einem Buch, das man eigentlich niemals lesen wollte.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl – Briefwechsel

Ich hatte mir eine gefühlsgeladene und in Widersprüchen verstrickte Geschichte erhofft. Ich begegnete zwei jungen Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In allen Facetten der Rahmenhandlung konstruierte Jane Austen eine explosive Situation, die in sich plausibel und authentisch wirkt. Der Verlust der gewohnten Umgebung durch Erbstreitigkeiten, die Un­sicher­heit einer Familie nach dem Tod des Vaters und der nicht freiwillige Umzug in ein bescheidenes Heim ohne große Perspektive gestalten ein Bild, in dem die beiden heran­wachsenden Töchter und die möglichen Verbindungen, die sie eingehen könnten von größter Bedeutung für die Sicherheit der Dashwoods werden. Es sind in sich geschlossene Charak­tere, die Jane Austen hier auf die Bühne schickt. Zwei Schwestern, die in Liebesdingen den Titel des Romans repräsentieren

Elinor Dashwood, mit 19 Jahren die ältere der Schwestern, ist die Vernunft. Liebe und Gefühl werden von ihr gegen die Chancen aufgewogen, die ihre Zuneigung für den Schwager überhaupt hat. Sie grübelt, zeigt ihre Liebe kaum und doch ist es in der Tiefe ihres Herzens Liebe, die sie für Edward Ferrars empfindet. Marianne, mit 17 Jahren die Dashwood, deren Leidenschaft sich ausleben möchte. Ihre Liebe zweifelt nicht. Und bei Enttäuschungen leidet sie offen und herzzerreißend. Sie ist das pure Gefühl und dabei so verletzlich wie ein waid­wundes Reh. Dass ausgerechnet der Mann ihres Herzens in Sachen Beziehung nicht so frei ist, wie er es vorzugeben scheint, erschüttert Marianne in ihren Grundfesten. Willoughby ist ebenso wie Edward Ferrars verlobt. Jane Austen brilliert im Aufeinandertreffen der beiden Welten, in denen „Vernunft und Gefühl“ die Parameter darstellen, an denen sich die Schwe­stern reiben. Immer wissend, dass ihre Entscheidungen das Leben der Mutter und ihrer jüngsten Schwester Margret verändern können. Ein tief angelegter Reigen voller Zweifel und Emotion beginnt und es wird sich weisen, welcher Weg für welche Schwester der richtige ist. Im Wechsel der Rollen liegt der Zauber dieser Geschichte.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl – Auch Reclam erweitert den Fokus

Ich wurde nicht enttäuscht. „Vernunft und Gefühl“ – beide Ebenen spricht dieser Roman in aller Tiefe an. So hatte ich mit Jane Austen vorgestellt, die ich vielleicht bald in weiteren Werken entdecken möchte. Ihre Vita klingt spannend und macht neugierig. Es gibt große Lücken in ihrer Biographie, die nie geschlossen wurden. Im Rätselhaften liegt hier die Faszi­nation. Was für mich in Jane Gardams Die geheimen Briefemit einer geheimnisvollen Affäre der jungen Jane Austen begann, setzte sich schon wenig später mit ihren Briefen im Buch Ich bin so gütig, Dir wieder zu schreibenfort, weil ich auch hier  auf ihr dreijähriges Schweigen stieß, das so viel Raum für Spekulationen über ihr verborgenes Liebesleben bietet.

Hat auch bei ihr die Vernunft über das Gefühl gesiegt? Oder wurde auch ihr Herz gebrochen und für alle Zeit versiegelt? Bahnte sich hier an, was sich schreibend seine Entsprechung suchte? Es lohnt sich, Jane Austen auf der Fährte zu bleiben. Gerade zu ihrem 200. Todestag warten Verlage mit Neuerscheinungen und weiteren Werken auf, die sich mit dem Phänomen Austen beschäftigen. Das Sortiment des Reclam Verlages sticht hier besonders heraus. Die kleinen feinen (und gar nicht mehr gelben) Bücher zu diesem Anlass ermöglichen viele Zugänge zur Legende. „100 Seiten Jane Austen“ ist eine komprimierte Einstiegsdroge, die an Fakten orientiert, faktisch amüsant und doch fundiert die Tür zu einer ganz besonderen Frau öffnet.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Für welches Buch ihr euch auch immer entscheidet, Jane Austen hat es verdient, auch heute noch gelesen zu werden. Das sagt mir mein Gefühl mit aller Vernunft.

J.R.R. Tolkien – „Beren und Lúthien“ – Ein Vermächtnis

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Er ist der Hüter eines der größten Vermächtnisse in der Geschichte der Fantasy-Literatur. Seit dem Tod seines Vaters im Jahr 1973 widmet sich der heute 93-jährige Christopher Tolkien dem literarischen Nachlass von John Ronald Reuel Tolkien. Im Laufe seines Lebens war er nicht nur Zeuge der Entstehungs­geschichte der Legen­den von Mittelerde, er ist auch heute noch der einzige lebende Mensch, der in der Lage ist, die unglaub­liche Materialmenge aus dem Nachlass seines Vaters überschauen und in den Kontext des Gesamt­werks ein­ordnen zu können. (Weiterhören: HIER)

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien bei Literatur Radio Bayern

Es ist eine eigene und große Geschichte, wie tief der Sohn dem Werk seines Vaters verpflichtet sein kann, wie aufrichtig, wissenschaftlich, akribisch und liebevoll er all die losen Manuskriptfäden, Notizberge und eigene Erinnerungen sortiert, archiviert und in immer wieder erstaunlichen Umfängen unveröffentlichte Werke seines Vaters postum publiziert hat. Ohne den jüngsten Tolkien-Sohn gäbe es weder das „Silmarillion“, noch das „Buch der ver­schol­lenen Geschichten“ oder „Die Kinder Hurins“. Diese Bücher hätten niemals das Licht der Bücherwelt erblickt und uns Wanderer in den tiefen Tälern des Auenlandes orien­tierungs­los herumirren lassen.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Der Hobbit und Der Herr der Ringe“ wären für uns noch immer Bücher mit sieben Siegeln und die gesamte kreative Wucht ihres Schöpfers würde in den Regalen seiner Nachlässe schlummern. Nun steht auch Chris­topher Tolkien selbst kurz vor dem Ende seines großen Weges als Chronist seines Vaters. In diesem Bewusst­sein vollendet er sein eigenes Schaffen und schließt damit einen emotionalen Kreis, der mit einem Brief J.R.R. Tolkiens begann, in dem er seinem Sohn ein Vermächtnis im Vermächtnis auf die Fahne schrieb.

„In einem Brief an mich, meine Mutter betreffend, geschrieben im Jahr nach
ihrem Tod, das auch das Jahr vor seinem eigenen war, schrieb er von dem überwältigenden Gefühl des Verlusts und von seinem Wunsch, unter ihrem Namen auf dem Grabstein das Wort „Lúthien“ eingravieren zu lassen.“

So kann man es noch heute lesen. Edith Mary Tolkien „Lúthien“ 1889 – 1971. Der Wunsch wurde erfüllt und dem geneigten Mittelerde-Liebhaber wird auf­fallen, dass dies nicht der einzige verborgene Hinweis auf dem Gemeinschaftsgrabstein der Tolkiens ist. Und so findet man bis heute das Wort „Beren“ unter dem Namenszug des legendären Schrift­stellers. Was bedeuten diese Namen? Warum stehen sie im Nach­hinein für das Leben eines Ehepaars, das durch das Werk des Ehemannes unsterblich wurde? Eine Frage, die Christopher Tolkien spät, aber keines­falls zu spät beantwortet.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Beren und Lúthien. So heißt auch das vielleicht letzte Werk aus seiner Feder. Es ist die Geschichte zweier Liebender, die in Mittelerde zueinander fanden. Lange bevor wir das Auenland betraten, Hobbits, Elben oder Zwerge kennenlernten, von der Macht eines Ringes erfuhren und mit dem großen Gandalf in die Schlacht zogen, um Sauron für immer zu besiegen. Das Mittelerde Tolkiens bestand niemals nur aus zwei Werken, die bis in unsere Zeit überdauert haben. Für ihn war es ein gesamter Kosmos, der aus Völkern, Land­schaften, Legenden, Gedichten, Gesängen und Sprachen bestand. Eine ganze Welt erschuf J.R.R. Tolkien und wenn wir weit genug zurückblicken, können wir sie noch deutlich erkennen. Den Menschen Beren und die unsterb­liche Elbin Lúthien, die sich ineinander verliebten und für eines der ersten Bündnisse zwischen Menschen und Elben stehen.

Ein Bündnis, das in einer Geschichte erzählt wird, die vor allen Legenden spielt, die wir kennen. Eine Ge­schich­te, die alles hat, was der Kosmos Mittelerde zu bieten hat. In vielen Fragmenten finden wir im Herrn der Ringe Hinweise auf die Geschichte, die man sich seit­dem an den Lagerfeuern erzählt. Sie handelt von Beren, der sich unsterb­lich in die Elbin Lúthien verliebt. Wobei der Begriff unsterbliche Liebe schon alles umschreibt, was man wissen muss, um sie selbst zu lieben. Wenn sich eine unsterb­liche Elbin Hals über Kopf in einen Sterblichen verliebt, dieser jedoch einen Silmaril aus der Krone des dunklen Herrschers rauben muss, um die Zustimmung ihres Vaters zu gewinnen, dann liegt hier alles Potenzial für eine epische Legende verborgen.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

Beren droht zu scheitern. Zu gewaltig ist die Aufgabe für einen Sterblichen. So ist es an Lúthien für ihre Liebe zu kämpfen, sich an Berens Seite zu gesellen, Bünd­nisse mit gefährlichen Wesen einzugehen, ihren Zauber wirken zu lassen, allen Wider­ständen zu trotzen und am Ende des gemeinsamen Kampfes eine Ent­scheidung zu treffen, die sie selbst betrifft. Am Scheide­weg zwischen Leben und Tod bringt sie ein Opfer, das Beren rettet, sie selbst jedoch sterblich werden lässt. Die Unsterb­lichkeit der Liebe begründet sich in der Ver­gäng­lichkeit der schönsten Elbin, die je gelebt hat.

Christopher Tolkien arbeitet die Fragmente der Ge­schichte aus den Erzählungen seines Vaters heraus. Er setzt sie aus einzelnen Mosaik­­steinchen zusammen, erklärt ihre Ent­stehung, ihre Verbindungen zum großen Ganzen und lässt erstmals entstehen was zuvor nie in dieser Klarheit zu lesen war. Er bedient sich des „Silma­rillions“, geht zu den Anfängen der Legende zurück und verfolgt die Spuren die „Beren und Lúthien“ in Mittelerde hinter­lassen haben. Gedichte und Lieder zeugen ebenso von ihrer Liebe, wie die über­lieferten Texte. Ein tiefes Bild der unendlichen Liebe entsteht und endet im Herrn der Ringe, als wir erkennen, dass der große Elbe Elrond einer der Nach­fahren der unsterblich Verliebten ist. Hier erlangen seine Worte von den Bündnissen zwischen Elben und Menschen eine völlig neue Dimension.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

So, und nun keine Angst vor diesem Buch. Christopher Tolkien schreibt einerseits natürlich für die große Fangemeinde von Mittelerde. Er weiß so viel, dass er sich nicht immer zügeln kann, wenn es um Hintergründe und Wissenswertes geht. Allerdings hat er sich der Auf­gabe verschrieben, die Legende von „Beren und Lúthien“ für alle Leser verständlich zu präsen­tieren. Dies gelingt ihm herausragend im Zusammenführen aller Fragmente seines Vaters und durch viele Aus­schnitte aus dem „Leithian Lied“, in dem diese unsterb­liche Liebe in Reimform besungen wird. Nicht nur für Insider von Tolkien und seiner Welt ein absoluter Hoch­genuss. Auch eine wahre Freude für Fans von Alan Lee, der dieses Buch reichhaltig in Farbe und mit vielen Skizzen grandios illustriert hat.

So gelingt Christopher Tolkien erneut ein literarisches Meisterwerk. Er verschafft seinem Vater erneut Gehör und belässt die Passagen der erzählten Geschichte so, wie man es vom Großmeister der Fantasy kennt. Und ganz nebenbei schließt er den Kreis zum eigent­lichen Vermächtnis seines Vaters, das noch heute auf dem Grabstein lesbar ist. Sterblich waren beide. Edith und John. Unsterblich wurden sie miteinander und im unver­gessenen Ge­samt­werk des Schrift­stellers, das nur entstehen konnte, weil ihn die Liebe inspirierte. Einer der ganz großen Sehn­suchts­momente außer­halb von Mittelerde und doch ein tiefer Moment, der alles erklärt, was Tolkien jemals schrieb.

Beren und Luthien von J.R.R Tolkien

„Tod und Teufel“ von Frank Schätzing – Das Hörbuch

Tod und Teufel von Frank Schätzing

Mehr als zehn Jahre ist es jetzt schon her. Seitdem hüte ich einen Buchschatz in der kleinen literarischen Sternwarte und hätte nie gedacht, dass er nach so langer Zeit eine große Rolle in meinem Lesen und Hören spielen würde. Großformatig strahlte mich ein wahrer Prachtband an und schrie um Hilfe. Die Resterampe der Buchhandlung war für dieses Buch­kunstwerk der denk­bar unwürdigste Ort und ich befreite es aus seiner allzu misslichen Lage. Seitdem lebt dieser Roman unge­lesen in meinem Bücherregal. Nur zu vergleichen mit einem geretteten Pferd auf dem Gnadenhof. Dass dieser Gaul nun neu gesattelt, aufgezäumt und geritten wurde ist einem aktuellen Hörbuch geschuldet.

Tod und Teufel war zugleich Debüt als auch Durch­bruch des im Jahr 1995 noch völlig unbekannten Schriftstellers Frank Schätzing. Der historische Roman rund um das mittelalterliche Köln entwickelte sich schnell zum lite­rarischen Gassenhauer und ist aus heu­tiger Sicht viel mehr als nur der Wegbereiter der nachfolgenden Romane. Frank Schätzing gilt heute als einer ganz großen seiner Zunft. Seine Romane „Der Schwarm“ und „Limit“ gelten in Fach- und Leserkreisen als wissenschaftlich fundierte und perfekt konstruierte Werke mit hohem Suchtfaktor. Und doch begann auch sein Weg mit einem historischen Roman voller Lokal­kolorit.

Tod und Teufel von Frank Schätzing – Prachtausgabe und Hörbuch

Wenn man sich das Cover meines Buchschatzes aus dem Jahr 2006 anschaut, ist es nicht überraschend, dass ich mehr als erstaunt war, als ich diese rote Armbrust auf dem Cover eines Hörbuchs entdeckte. Un­ver­kennbar in Farbe und Gestaltung handelt es sich um dieselbe Armbrust, die auf dem Buch zu sehen ist. Teuflisch rot mit Hörnern und einem ange­deuteten Schwanz am Ende des schuss­bereit eingelegten Bol­zens. Ich konnte kaum glauben, dass mein Relikt vom Wühltisch durch ein aktuelles Hörbuch mit neuem Leben gefüllt werden sollte. Am Tag der ersten Zu­sammen­kunft beider Medien schloss sich ein lite­rarischer Kreis höllischen Ausmaßes.

Und das liegt nicht nur an Frank Schätzing, das dürft ihr mir glauben. Über dreizehn Stunden Hörbuch warteten nun auf mich. Zwei MP3-CDs voller Hochspannung in Köln, darauf war ich so halbwegs eingestellt. Mittelalter pur, die Dombaustelle, Kreuzzüge ins Heilige Land und das Leben in einer Stadt, die ich aus dem Hier und Jetzt so gut kenne, das war das anvisierte Ziel meines Hö­rens. Was dann kam, hat mich extrem über­rascht und zugleich begeistert. Stefan Kaminski. Gelesen von Stefan Kaminski. So harmlos ist es auf dem Cover des Hörbuchs vermerkt. Dabei sollte man andere Begriffe wählen, um dem gerecht zu werden, was Stefan Kaminski hier leistet.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

Zelebriert von. Interpretiert von. Aufgeführt von! Das wären Möglichkeiten. Es klingt in Anbetracht der Dimension, in die Kaminski hier vordringt immer noch zu schwach. Es klingt zu einfach, weil man seine Kunst, Geschichten in Worte zu fassen kaum in Worte fassen kann. Stellt euch vor, ihr schaut eine synchro­nisierte Staffel der epischen Serie Game of Thrones und ver­bindet mit den Schau­spielern auch ihre deutschen Stimmen. Ob männliche oder weibliche Charaktere. Schauspiel und Stimme gehen Hand in Hand. Und dann stellt euch vor, ihr würdet erfahren, dass alle Rollen der Serie nur von einem einzigen Sprecher synchro­nisiert werden. Von EINEM. Egal, ob Mann oder Frau. Einer spricht alle. Vorstellbar?

Ich konnte es mir auch kaum vorstellen. Aber es kommt dem nahe, was ich zu hören bekam. Stefan Kaminski verfügt über eine unglaubliche Technik, den un­ter­schied­lichen Stimmen einer Geschichte über­gangslos und ohne Auf­nahme­schnitte eine ganz ei­gene und un­verfälschte Iden­tität mit hohem Wieder­erkennungs­wert zu verleihen. Stimm­farbe und -charakter sind seine Werkzeuge, die er meister­lich einzu­setzen weiß. Er selbst hat diesen Prozess als „Stimm-Morphing“ bezeichnet.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

„Das ist ein Begriff, den ich mich selber ausgesucht habe und ich meine damit ungefähr folgendes: Wenn die Polizei versucht, einen seit 20 Jahren flüchtigen Tä­ter zu finden, müssen die überlegen, wie der jetzt aussieht. Dann nimmt man das alte Bild und versucht es durch einen realistischen Übergang 20 Jahre älter zu machen. Das nennt man morphen. Wenn ich zwischen den Stimmen verschiedener Figuren wechsel, tue ich das ohne Absatz oder Pause. Da wird nichts ge­schnitten. Ausgehend von dem, was in meinem Hals passiert, ist das ein Morphprozess.“

(Quelle: Interview Der HörbücherBlog mit Stefan Kaminski vom 20.03.2013)

Hiervon kann man sich selbst überzeugen, wenn man „Tod und Teufel“ hört. Als Lesung oder Hörbuch würde ich diese Produktion schon nicht mehr bezeichnen. Es ist ein tat­säch­liches Hörspiel, die Inszenierung der einzelnen Stimmen Kaminskis, auf die sich der Zuhörer hier freuen darf. Es gelingt ihm dabei sogar, der weib­lichen Hauptrolle Richmodis von Weiden eine dermaßen authen­tische feminine Note zu verleihen, dass man hörend dahinschmilzt, wenn sie das Wort ergreift. Meine Lieblingsstimme in „Tod und Teufel“ hat Stefan Kaminski in den einfältigen Knecht Rolof hinein­gelegt. So tief gezeichnet und charakteristisch gut getroffen muss man sich den Guten vorstellen. Eine wahre Kunst, die wir hier erleben dürfen.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

„Der Hörverlag“ hat hier wirklich alles richtig gemacht. Statt einem dreißigköpfigen Ensemble hat man einen hun­dert­stimmigen Stimmkünstler engagiert. Stefan Kaminski verkörpert das Gute und Böse des gesamten Romans. Er ist Mörder und Held zugleich, versucht einerseits den Mord am Dom­baumeister Gerhard aufzuklären und ist doch im Geheimen unterwegs, um alle Zeugen dieser Tat zu beseitigen. Ein Historien­spektakel der ganz besonderen Extraklasse, in dem wir an der Seite von Jacop dem Fuchs durch das Köln des Jahres 1260 hetzen, fliehen und nicht nur die ganze Stadt, sondern auch die große Liebe seines Lebens retten.

Dieses grandiose Hörbuchspielkopfkinoereignis wird dem brillanten Roman von Frank Schätzing mehr als gerecht. Man spürt schon hier, wie intensiv sich Schätzing in seinen Romanstoff hinein recherchiert hat, wie authen­tisch er das Leben der kleinen Leute im mittelalterlichen Köln beschreibt und wie tief und fa­cetten­reich Konflikte eines Romans angelegt sein müssen, um einen solchen Sog zu erzeugen. Großes Kopfkino in einer meisterhaft inszen­ierten Hörbuch-Solovorstellung, der man das Solo zu keinem Zeitpunkt anmerkt. Auch die textlichen Kürzungen fallen nichts ins Genussgewicht.

Tod und Teufel von Frank Schätzing

Mein gebundenes Buch von einst ist heute noch in einer broschierten Sonderausgabe des Goldmann Verlags auf dem Buchmarkt. 80 Illus­trationen machen aus der Reise in das mittelalterliche Köln ein episches Abenteuer. Da­zu noch das Hörbuch mit gleichem Cover und los geht das multimediale Abenteuer für alle Sinne…