„Die Rache“ – Nach Japan mit Shugoro Yamamoto

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Es ist wieder einmal Japan. Es ist der gesamte Kosmos einer Kultur, die sich gerne in seidene Gewänder hüllt und sich vor den Augen der Welt verbirgt. Es sind Traditionen, die sich der westlichen Sichtweise entziehen und es ist eine Lebensweise, die Werte in den Vordergrund stellt, die in ihrer kaum nachvollziehbaren Überhöhung schon oft den Untergang Japans heraufbeschworen haben. Stolz bis zur Selbstaufgabe, Tapferkeit in den aussichtslosesten Situationen, Treue bis zum Kadavergehorsam, Kaiserverehrung, die Unmöglichkeit, Gefühle offen zu zeigen und das Bekenntnis der Frauen zu devotem Verhalten. Traditionelle Verhaltensmuster, die noch heute auf der Abschottung Japans gegenüber der restlichen Welt basieren. Unverfälscht und aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß. 

Und doch wieder so faszinierend, weil diese sozialen Codes dafür verantwortlich sind, dass die japanische Bevölkerung mit Schicksalsschlägen oder Katastrophen eher souverän, als kopflos umgeht. Vieles ist in der Vergangenheit angelegt und oftmals sind wir Europäer angesichts der Fremdartigkeit dieser Kultur eher ratlos. In der Literatur ist es schon oft gelungen, Brücken zu bauen, Verständnis und Empathie zu wecken, fremd und fern wirkende Denkweisen transparenter zu machen und dabei zu helfen, Grenzen zu überwinden. Ich war schon oft in Japan. Literarisch wohlgemerkt und immer kam ich mir fremd vor. Ein echter Gaijin, der es wagt japanischen Boden zu betreten und schon im Denken und Fühlen kein einziges Fettnäpfchen auslassen kann. Aber ich gebe nicht auf. Japan. Immer wieder Japan.

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Das Kopfkissenbuch“ von Sei Shonagon machte mich mit den Sitten und Bräuchen am japanischen Kaiserhof vertraut. Die Indiskretionen dieser japanischen Hofdame und die geheimen Gedanken der jungen Frau waren meine Wegweiser in die Literatur über das geheimnisvolle Land. Ich lernte mit Jean-Marc Ceci Kraniche falten und Probleme aus einer anderen Perspektive heraus als Chance zu betrachten. „Herr Origami‘ ist ein guter Lehrmeister. Ich lernte an der Seite von Paulo Coelho die Kunst des Kyūdō. „Der Weg des Bogens“ zeigte mir, dass Pfeile nicht immer ihr Ziel treffen müssen, wenn es darum geht, kunstfertig zu sein. „Sadako“ zeigte mir, wie sehr man sich entfalten kann, wenn man sich dem Falten tausender Origami-Kraniche hingibt. „Ein einfaches Leben“ verdeutlichte mir, dass nicht nur ich selbst fremd in diesem Land sein kann. Auch aus der Sicht einer koreanischen Familie ist es schwer bis unmöglich, in Japan heimisch zu werden.

Über allem jedoch steht meine Reise nach Japan, als das Land völlig abgeschottet war. „Seide“ ist eines der wichtigsten Bücher meines Lebens, weil mich die sprachlose Begegnung einer japanischen Frau mit einem Europäer so nachhaltig geprägt hat, wie kaum eine andere Geschichte. Ich las Murakami und Yoko Ogawa. Ich folgte Autoren auf ihren Reisen nach Japan und wusste schon vorher, auf welche Konflikte sie stoßen würden. Interkulturell hat mich das Lesen in meinem japanischen Lesezimmer in jeder Beziehung bereichert. Ich freue mich immer wieder darauf, neue Erzählräume betreten zu dürfen, neue Geschichten zu entdecken und scheue auch nicht mehr davor zurück, wenn es sich hierbei um Erzählungen aus dem Herzen der japanischen Seele handelt.

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Die Rache“ von Shugoro Yamamoto, erschienen bei Cass, ist ein schmaler Band, der es in sich hat. Es sind gerade einmal 55 Seiten mit vier Illustrationen, die der Autor sich gönnt, um eine Geschichte zur Entfaltung zu bringen, die sich meinem westlichen Denken nicht entzieht. Sie ist nicht sperrig, philosophisch oder kryptisch. Sie basiert auf gelebter Tradition und einem erfrischenden Missverständnis. Hier prallen keine Welten aufeinander, es ist eher das Aufeinanderprallen japanischer Verhaltenserwartungen mit einem jungen Mann, der sich außerhalb dieser Normen bewegt. Das ist erfrischend zu lesen, weil ich hier feststelle, dass nicht nur ich von einem Fettnäpfchen zum nächsten springe. Auch im traditionellen Japan können Missverständnisse für große Geschichten sorgen. Schmunzeln garantiert inklusive.

Dabei befinden wir uns im Jahr 1645. In der Welt der Abschottung, der Samurai und der überbordenden Ehrbegriffe in Japan. Eigentlich kein Spielraum für einen Ausbruch aus dem sozial vorgegebenen Normenkatalog. Und doch lernen wir einen jungen Mann kennen, der uns in der kleinen Erzählung wahrlich ans Herz wächst. Iwata. Sein Vater wird vom größten Schwertkämpfer seiner Zeit abgeschlachtet. Iwata selbst wird von der eigenen Familie verstoßen. Er ist einfach unwürdig, möchte gerne Koch sein, was dem dahingemetzelten Vater gar nicht schmeckte. Iwata bleibt nur noch ein Ausweg. Betteln. Und so lässt er sich in einer ärmlichen Hütte am Wegesrand nieder und bettelt. Das war es dann mit den hochfliegenden Träumen von einem schönen Leben als Koch mit einer wundervollen Frau an seiner Seite. O-Kita wäre seine Frau geworden. Aber so? Bettler sind wenig ehetauglich…!

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Aus dieser verzweifelten Ausgangssituation konstruiert Shugoro Yamamoto eine Geschichte, die lange in Erinnerung bleibt. Sie benötigt nicht viele Seiten, um sich entfalten zu können. Sie ist wie ein Origami, das man auseinanderfaltet und in dessen Muster wir alle Wendungen des Schicksals erkennen können. Kein Weg verläuft linear. Kreuzungen und Abwege bestimmen das Bild. Iwata erlebt am eigenen Leib, wie sehr man sich täuschen kann, wenn man einen vorbestimmten Weg einschlägt. Hier spielen ihm die Tradition und die Erwartungshaltung seiner Mitmenschen ein sehr erfreuliches und unverhofftes Schnippchen. Er erhält pausenlos Besuch in seiner Hütte. Er wird von seinen Besuchern reich beschenkt. Gold, Silber und wertvolle Speisen finden den Weg zu ihm. Als auch noch die liebliche O-Kita auftaucht, um ihn frisch einzukleiden, keimt ein Verdacht in Iwata. Die denken doch wohl nicht, er wolle…? Einen Samurai?

Grandios erzählt. Frisch erzählt und dabei schon vor so langer Zeit erzählt. 1952 erschien die Geschichte in Japan. Seitdem gehört sie zu den Klassikern japanischer Literatur. Dabei wirkt der Schriftsteller Shugoro Yamamoto selbst schon ein wenig wie sein tragikomischer Protagonist. Der 1967 verstorbene Autor brauchte lange, um in der Literaturszene anzukommen, und als er es endlich geschafft hatte, lehnte er fortan jede Auszeichnung und Anerkennung ab. Auch so ein Missverständnis. Was ihm schreibend gelang, ist zeitlos. Seine Dialoge sind nicht verstaubt, wenig traditionell und wenn Iwata das Wort ergreift, muss man auch mal herzhaft lachen…

Die Rache von Shugoro Yamamoto

„Hä?“ Iwata spuckte aus. „Was war das denn? Ist der noch richtig im Kopf?… Sie vertreiben mich nicht? Was sagt man dazu?… Und dann krieg ich auch noch eine Silbermünze. Wollen die mich auf den Arm nehmen?“

Ja, hier reibt man sich ob der sprachlichen Frische die geneigten Leseraugen. Es ist ein Kleinod aus Japan, das hier in deutscher Erstausgabe vorliegt. Vier Illustrationen aus der Feder von Hideki Nagai runden das Rache-Erlebnis ab. Ein Buch nicht nur für Japan-Liebhaber oder Samurai-Fans. Einfach ein Roman mit einer kurzen Geschichte, die im Gedächtnis bleibt. Diese Geschichte entledigt sich vieler Klischees und unterhält bravourös. Wer das Bogenschießen beherrscht, Origamis falten kann und sich traut, als Gaijin eine Lesereise nach Japan zu unternehmen, der sollte herausfinden, warum der junge Bettler so reich beschenkt wird, was sich die schöne O-Kita vom gar nicht armen Iwata erhofft und wie diese Geschichte endet. Es lohnt sich. Nehmt Rache…

Hai… das heißt auch in der kleinen literarischen Sternwarte JA. Zu Japan… 

Die Rache von Shugoro Yamamoto

„Versteckt unter der Erde“ – Eine Lesung gegen das Vergessen

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Nein. Heute kein wie und warum ich beharrlich Gegen das Vergessen schreibe. Kein erhobener Zeigefinger mit dem Ausruf „Nie wieder“ und auch keine Hinweise, das aktuelle Geschehen im Auge zu behalten, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Kein verzweifelter Appell, alternative politische Strukturen im Auge zu behalten, bevor es zu spät ist und die zugedrückten Augen plötzlich blau unterlaufen sind. Die Geschichte hat ausreichend viele Hämatome in den Gesichtern der Opportunisten hinterlassen. Heute neigt man wieder dazu, alle blauen Flecken fein zu überschminken und ganz locker zur Tagesordnung überzugehen. Ich bin heute kein Rufer im Wald. Ich verstecke mich.

Aber ich werde nicht müde, besondere Bücher vorzustellen, die den Holocaust, seine Ursachen und Folgen ins Zentrum des Betrachters rücken. Voller Angst blicke ich dabei in die Zukunft, weil mit dem Tod der letzten Zeitzeugen und Überlebenden immer mehr Publikationen auf den Büchermarkt kommen, die lediglich nach Kulissen für spannende Romane suchen. Die Romantisierung und Dramatisierung der Massenmorde des Nazi-Regimes schreitet voran. Wobei mit Dramatisierung gemeint ist, den schrecklichen und lebensgefährlichen Alltag der damals ausgegrenzten Menschen dramaturgisch so stark aufzupeppen, dass ein neuer literarischer Mainstream entsteht. Ich bezeichne das ganz einfach nur als „HoloKitsch“. Deshalb werde ich mich heute verstecken.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Versteckt unter der Erde. Hier liegt uns ein Überlebensbericht vor, der sich deutlich von vergleichbaren authentischen Zeitzeugenerzählungen unterscheidet. Es ist indirekt, mittelbar, auf Umwegen und aus zweiter Hand, was uns in diesem Buch von Dina Dor-Kasten erzählt wird. Und doch ist es die wohl ungewöhnlichste Form der Konfrontation mit der Verfolgung des jüdischen Volkes im Dritten Reich, die ich jemals erlesen durfte. Denn die Autorin des Buches war zum Zeitpunkt der Ereignisse gerade einmal 2 Jahre alt. Ihre eigenen Erinnerungen sind eher schemenhaft. Albträume, Bild-Fragmente und dunkle Schatten. Dina Kor-Kasten wurde 1940 in Bukaczowce als erste Tochter eines jüdischen Ehepaars geboren. Jossel und Lina Kasten lebten in der damaligen Ukraine in Erwartung des Sturms, der damals über das jüdische Volk hereinbrach.

Dina Dor-Kasten hat die Geschichte ihrer Familie niedergeschrieben. Dabei hat sie sich der sichersten Quelle bedient, die man sich vorstellen kann. Sie hörte ihrer Mutter zu. Sie folgte ihrem eigenen Traum, eines Tages die dramatische Geschichte der Jahre 1941 bis 1948 für die Nachwelt festzuhalten und selbst mehr über jene Zeit zu erfahren, die ihr ganzes Leben verändert hat. Da, wo andere Eltern schwiegen, hat Lina Kasten alles erzählt. Aus ihrer Perspektive, in der Erzähltradition der mündlichen Überlieferung, erfährt Dina Dor-Kasten, was damals wirklich geschah, wem sie und ihre Geschwister ihr Leben zu verdanken haben und welche Traumatisierungen sich tief in ihrer Psyche festgebissen haben. Es ist zutiefst persönlich, was wir erfahren. Es ist der Bericht eines Überlebens, das über Jahre am seidenen Faden hing. Dina Dor-Kasten wird in diesem Buch zur Stimme ihrer Mutter. Unverfälscht und liebevoll. Sie vollendet auf diese Weise den Kampf um das nackte Überleben und setzt damit ihren Eltern ein Denkmal.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

„Versteckt unter der Erde“ ist ein erdrückender Erlebnis- und Überlebensbericht aus dem dunkelsten Zeitalter, das jüdische Menschen durchleben mussten. Wir erleben im Verlauf der Schilderungen nicht nur den schleichend zunehmenden Antisemitismus im Machtbereich der Nazis. Wir erleben auch die Feindlichkeit der ukrainischen Menschen in dieser Zeit. Hier kommt das Hitler-Regime genau zur rechten Zeit. Man kann sich an den jüdischen Nachbarn bereichern, darf endlich den Hass offen ausleben und wird so zum Erfüllungsgehilfen der braunen Diktatur. Pogrome, Verfolgungen und Entrechtung werden zum täglichen Horrorszenario einer jungen Familie. Enteignung, Vertreibung in Sammellager, Ghettoisierung, Deportation und Liquidation sind die Konsequenzen, auf die sich die jüdische Bevölkerung einzustellen hat. Schutz gibt es nicht mehr. 

Jossel Kasten entschließt sich zur Flucht. Er will seine Familie nicht tatenlos opfern. Das Ghetto Rohatyn ist die Vorstufe zur endgültigen Hölle. Wir erleben dort schon die Hölle auf Erden ohne dass man glauben könnte, dass es noch schlimmer werden kann. Mordaktionen, Zwangsarbeit und Hunger sind tägliche Wegbegleiter der Inhaftierten. In größter Not flieht die kleine Familie kurz bevor alle Juden umgebracht werden. Das Ziel ihrer Flucht ist der Witan-Wald, in dem man Partisanen vermutet und sich Hilfe erhofft. Unter der Erde findet die Familie Unterschlupf. Ein dunkles Erdloch wird für zweieinhalb Jahre zum Versteck. Hunger, Todesängste, Kälte und Krankheiten sind Determinanten des Überlebens. Schilderungen, die schon lesend kaum zu verkraften sind. Lebend am eigenen Leib erfahren – unvorstellbar.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Diese Überlebensgeschichte lässt den Leser nicht mehr los. Das liegt nicht nur an den unmenschlichen Bedingungen, sondern auch an der schonungslos offenen Art und Weise, in der Lina Kasten ihr eigenes Versagen thematisiert. Sie erzählt ihrer Tochter, wie sich das Dahinvegetieren auf die Psyche der Eltern auswirkte. Hier blickt man tief in die Abgründe einer traumatisierten Seele, die an bestimmten Stellen sogar dazu bereit ist, die eigenen Kinder zurückzulassen, um selbst zu überleben. Der Kraftakt, das alles zu überstehen, wird von Seite zu Seite nachvollziehbarer. Absolut übermenschlich ist, was Jossel und Lina Kasten gelingt. Es ist ein Kampf. Eine Schlacht gegen sich selbst und die lebensfeindliche Umwelt. Und es sind die kleinen Wunder der Humanität, es ist die Hilfe von Menschen, die selbst bedroht sind, die der jüdischen Familie Kasten das Leben retten.

Am Ende steht die Befreiung. Hier genau wird aus der Überlebensgeschichte erneut ein Meilenstein der Verarbeitungsliteratur, weil Freiheit nicht Freiheit ist. Es ist die harte Landung in einer neuen Realität. Man hat überlebt. Gerade so. Und schon ist man dort angekommen, wo der Kampf vor Jahren begann. Unerwünscht. Heimatlos. Es beginnt eine Flucht, die uns heutige Flüchtlingsschicksale vor Augen führt. Schlepper, Illegale, geschlossene Grenzen, Schleuser, Fluchtrouten. Nichts wird sich verändern. Alles lebt wieder auf. Nur für die Kastens gibt es einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Israel. Sie sollten dieses Buch aus dem Metropol Verlag lesen. Es schließt viele Kreise in einer Geschichte, die unvergessen bleiben muss.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Die Buchhandlung Lesezeichen Germering, die dortige Stadtbibliothek, die VHS und der Schauspieler und Sprecher Uwe Kosubek haben sich am 9. November zu einer kraftvollen Allianz gegen das Vergessen vereint und dieses Buch im Rahmen der Lesung „Versteckt unter der Erde“ vorgestellt. Meine Reportage zu diesem Abend bei Literatur Radio Bayern umfasst neben einem Interview mit den Initiatoren der Lesung auch Fragestellungen zur besonderen Rolle eines Sprechers bei einer Buchvorstellung ohne Autorin, zur Relevanz solcher Veranstaltungen im öffentlichen Leseraum und zur Sortimentauswahl in Buchhandlungen.

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Meine Gesprächspartner sind:

Katrin Schmidt – Buchhandlung Lesezeichen Germering
Christine Förster-Grüber – Leiterin der Stadtbibliothek Germering

Uwe Kosubek – Sprecher und Schauspieler – Die Stimme des Abends
Andrea Franke – VHS Germering

Fotos in der Dia-Show vom Abend: Helen Hoff.

Begeben Sie sich mit uns in ein Versteck unter die Erde, das man heute verraten muss, um andere davor zu bewahren, sich jemals verstecken zu müssen.

Hier geht es zum PodCast bei Literatur Radio Bayern

Versteckt unter der Erde – Die Radio-Reportage

„Des Lebens fünfter Akt“ – Volker Hage über Arthur Schnitzler

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Des Lebens fünfter Akt“ von Volker Hage, erschienen im Luchterhand Verlag, kann als biografischer Roman und intimes Portrait zugleich verstanden werden. Hier sind es die letzten Lebensjahre des österreichischen Arztes, Erzählers und Dramatikers Arthur Schnitzler, die den Kern der sehr persönlichen Auseinandersetzung mit einem großen Schriftsteller seiner Zeit darstellen. Die dramaturgische Struktur von Theaterstücken ist hier das Mantra eines gesamten Romans. Der fünfte Akt umfasst im klassischem Sinne die Katastrophe. Nach dem Aufstieg und dem Höhepunkt folgt der freie Fall, dem eine katastrophale Schluss-Sequenz die literarische Krone aufsetzt. Alles zuvor Erlebte wird auf diese Weise zur Zündschnur, die das Pulverfass im Schlussakt zur Explosion bringt.

Ein gut gewählter Titel. Schon beim Lesen der ersten Seiten kommt man nicht auf die Idee, auf das gute Ende einer Lebensgeschichte zuzusteuern. Die Tragik tritt allzu offen in den Vordergrund und der Spielraum für ein Happy End im klassischen Sinn wird von Seite zu Seite geringer. Einzig verantwortlich für die bevorstehende Ex- oder Implosion scheint der Schriftsteller Arthur Schnitzler selbst zu sein. Der Bewunderte, Geliebte und Angebetete konnte und kann nicht widerstehen. Nicht den Verlockungen der Frauen, in die er sich fortwährend Hals über Kopf verliebt. Nicht den süßen Träumen einer ewigen Jugend, die durch immer jüngere Weggefährtinnen untermauert werden. Seine Eitelkeit ist die Basis, die scheinbar nicht ins Wanken gerät. Er fällt ihr beharrlich zum Opfer und im Jahr 1928 gerät das gesamte Lebensgebäude Schnitzlers in akute Einsturzgefahr.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Schnitzler hat noch drei Jahre zu leben. Was er nun erlebt, ist der Abgesang auf ein langes Leben in Saus und Braus. Er ist inzwischen 66 Jahre alt, zweifelt intensiv daran, noch ein einziges Werk in seinem Leben vollenden zu können, fühlt sich unverstanden, und erlebt neben den vermeintlich letzten Zuckungen seiner literarischen Kreativität die Verwerfungen seines Privatlebens. Lawinen, die er in den vorausgegangenen Akten im schillernden Autoren-Leben selbst losgetreten hat und die ihn nun einholen. Es sind die Frauen, denen er so sehr verfallen war, die ihm nun zusetzen. Es sind Verflossene und aktuelle Verliebte, die ihm zusetzen. Es sind Beziehungen, die er so sehr auf die Probe stellte, die ihn nun einengen, herausfordern und an den Rand des Wahnsinns treiben.

Volker Hage gelingt es nicht nur, Arthur Schnitzler in dessen letzten Lebensjahren zu porträtieren. Er flechtet rückblickend die Erosionen ein, die für die Erdrutsche am Ende verantwortlich sind. Er lässt die großen Lieben im Leben des Schriftstellers schaulaufen und zeigt dabei deutlich auf, wie unwiderstehlich Schnitzler lebenslang auf Frauen allen Alters gewirkt haben muss. Diese Anziehungskraft hat er nie verloren. Was er jedoch in diesem Jahr verliert, ist der letzte Anker im Leben, ohne den er nun beharrlich abdriftet. Seine Tochter Lili begeht im Alter von 18 Jahren Selbstmord. In Venedig, der Stadt der großen Romanzen. Was ihm bleibt, sind die zahllosen Tagebücher seiner Tochter, die nicht nur ihr Leben, sondern auch sein eigenes skizzieren. In ihnen versinkt er.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Volker Hage greift nicht nur die zentralen Themen im Leben Schnitzlers auf. Ihm gelingt eine literarisch feine Auseinandersetzung mit Themen, die unabhängig vom hier betrachteten Protagonisten, feinfühlig und interessant erzählt sind. Wie trauert man um die eigene Tochter, wenn die Beziehung zur ehemaligen Frau und Mutter von Lili mehr als zerstört ist. Wer darf in Patchwork-Beziehungen überhaupt trauern? Bringt Verlust Menschen wieder zusammen, deren Wege sich schon lange getrennt haben? Und wie reagiert das neue Umfeld auf diese Annäherung. Olga Schnitzler, bis 1921 mit Arthur verheiratet, kommt mit dem Verlust der Tochter nicht zurecht. Sie will zurück in ihr altes Leben.

Und so gerät Arthur Schnitzler zwischen alle Fronten. Clara Katharina Pollaczek, seine Lebensgefährtin seit der Scheidung, auf der einen Seite. Seine Ex-Frau Olga auf der anderen. Mühlsteine, die ihn zu zermahlen drohen. Jetzt auch noch selbst den Tod der eigenen Tochter zu verarbeiten, weiter literarisch zu wirken, Kontakte zu wichtigen Weggefährten zu pflegen und Verleger von seinem Schaffen zu überzeugen, schwierig. Ablenkung findet er, symptomatisch für seine Vita, bei anderen Frauen. Platonisch oder leidenschaftlich. Egal. Hauptsache, seine Libido ist in Bewegung. Ein indiskretes Buch, dessen Veröffentlichung Schnitzler niemals zugestimmt hätte. Ein psychologisch in sich geschlossener Roman, der mehr beschreibt, als einen Künstler im letzten, fünften Akt.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Des Lebens fünfter Akt ist nicht für Schnitzler-Liebhaber geschrieben. Ich selbst habe bisher (Schande über mich) keinen seiner Romane gelesen, keines seiner vielen Theaterstücke gesehen und bin ihm nur indirekt begegnet. „Ein Winter in Wien“ spielt im Hause Schnitzler. In der Sternwartestraße 71 zu Wien. Petra Hartlieb lässt uns im Jahr 1910 hinter die Kulissen dieser Familie blicken, wobei sie nicht Arthur Schnitzlers Geschichte erzählt, sondern die seines Kindermädchens. Lili war gerade erst zur Welt gekommen. Kaum 18 Jahre später begegne ich ihr nur noch flüchtig auf dem jüdischen Friedhof von Venedig. Katastrophe. Dieser fünfte Akt. Ein Väter-Roman und die große Geschichte vergangener und kommender Leidenschaften. Ein Sittengemälde einer Zeit, in der die Wiener Moderne um sich greift, Freud seine Freude hat und Hofmannsthal im Leben von Schnitzler für Berg und T(h)alfahrten sorgt.

Ein Künstlerroman, der Zweifeln, Krisen und dem ewigen Kampf um eine positive Außenwirkung viel Raum verschafft. Ein Literaturroman, der Leser von Schnitzler im Kontext seiner Werke vielleicht aus einer anderen Perspektive heraus begeistern wird. Innenansichten eines Schriftstellers in einer melancholischen Stadt, die von einer tiefen Traurigkeit geprägt sind und so viel über einen Menschen verraten, dem man sich eben nur auf diese Weise annähern kann. Volker Hage verführt dazu, sich intensiver mit dem Mann zu beschäftigen, dem er seine Recherchen gewidmet hat. Er verführt dazu, jene vier Akte vor der Katastrohe zu beleuchten. Und er verführt dazu, mit wachem Blick auf die eigene Familie zu schauen. Das hätte Schnitzler zeitlebens sicher geholfen. Es war nur nicht leicht für ihn, weil immer irgendeine Frau im Weg stand.

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage

Was mir bleibt ist eine herrliche Aussage Arthur Schnitzlers zum Charakter von Literaturkritikern und Rezensenten. Ich hoffe, dass sich die Zeiten geändert haben und wir Blogger ein wenig von den Vorbehalten abbauen konnten, die er zeitlebens vor uns Amateuren aufgebaut hatte.

„Der Kritiker ist in seinen Augen immer auch <Kunsthistoriker>, Versteher von Zusammenhängen, selber Künstler. Den Rezensenten kennzeichnen Halbtalent, Missgunst, Übelwollen, Rachsucht und Unbildung. Reporterdeutsch genügt.“

Herrlich, wenn man das auf sich wirken lässt. Meine Rezension mag von Halbtalent und Unbildung geprägt sein. Missgunst, Übelwollen, Rachsucht oder Reporterdeutsch liegen mir jedoch fern. Ich hoffe, das liest auch Volker Hage so. Und da ich selbst nicht im fünften Akt meines Lebens durch die Sternwartestraße hüpfe, kann ich ja auch noch ein wenig an mir arbeiten. Schnitzler lesen. Eine Aufgabe für die Zukunft. Wer weiß. 

Des Lebens fünfter Akt von Volker Hage – AstroLibrium

Immerhin bin ich in der Liebesbriefkollektion Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ fündig geworden. Ein Liebesbrief an Arthur Schnitzler aus dem späten zweiten Akt des Lebens zeigt, wie sehr er damals von einer Schauspielerin verehrt wurde, die in einem seiner Theaterstücke die Hauptrolle spielte. Kann man sich diesen Zeilen entziehen?

„Kann man denn ein Wesen, das man liebt, genug seh`n?“

Adele Sandrock an Arthur Schnitzler – Wien, 2. Januar 1894, 1 Uhr nachts.

Schreiben Sie mir, oder ich sterbe…

„Ein einfaches Leben“ von Min Jin Lee

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Wer könnte die Teilung eines Landes besser nachvollziehen, als wir? Wer könnte sich intensiver in die Menschen hineinversetzen, deren Heimat sich in mehrere politisch ausgerichtete Systeme aufspaltet, Familien trennt, Mauern errichtet und sich bis an die Zähne bewaffnet an der gemeinsamen Grenze gegenübersteht, wenn nicht wir? Wenn wir heute Bilder aus Nord- und Südkorea sehen, den Nachrichten folgen, und dabei nur flüchtig an unsere eigene geteilte Vergangenheit denken, dann steht uns Korea näher, als so manches andere Land dieser Erde. Die literarische Aufarbeitung unserer Mauer-Zeit ist inzwischen eine zeitgeschichtlich geprägte Rückblende auf Überwundenes. Ein Roman über eine koreanische Familie im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist hingegen im engsten Sinne ein Generationenroman, der im faktisch geteilten Heimatland endet. Der Status quo von Nord- und Südkorea ist unverändert. Zerrissen.

Ein einfaches Leben heißt der Roman der koreanischen Autorin Min Jin Lee, der auf 550 Seiten alles beschreibt, nur eben nicht das einfache Leben im Sinne von leicht. Min Jin Lee spannt ihren Generationenbogen von 1910 bis zum Jahr 1989. Was für ein Zufall, gerade für deutsche Leser, da genau in diesem Jahr die deutsche Teilung in den Geschichtsbüchern erstmals als „überwunden“ bezeichnet werden konnte. Mehr als 20 Jahre hat die Autorin an diesem Buch gearbeitet. Sie, die geborene Südkoreanerin, die 1976 im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in die USA auswanderte, ein Studium in Yale absolvierte und erfolgreich als Anwältin arbeitete wirft nun einen präzisen Blick auf „Ein einfaches Leben“. Das Ergebnis ihrer literarischen Auseinandersetzung mit ihren eigenen Wurzeln ist ein einfacher Roman. Und das im besten Sinne des Wortes.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

„Ein einfaches Leben“ meint im eigentlichen Sinn ein bescheidenes Leben ohne große Ansprüche. Ein einfacher Roman hingegen ist ein leicht zu lesender. Ein Buch, an das man sich bestens anlehnen kann, weil es nicht überbordend eine andere Kultur in den Mittelpunkt stellt, weil die politischen Verwerfungen nicht das Zentrum darstellen, sondern ganz allein Menschen beschreibt, auf die man sich einlassen kann, weil wir sie authentisch und plausibel erleben. Ein empathisches Buch ohne Migrationshintergrund. Korea mit vielen multikulturellen Verwerfungen wird uns kaum mehr näherkommen, als in diesem Roman, der überall auf der Welt spielen könnte, wo Menschen ihr Heil in der Flucht suchen. Dabei ist dieser Roman kein koreanischer Roman im engsten Sinne. Er spielt in Japan. Dem Fluchtpunkt für Koreaner, die auf der Suche nach dem einfachen Leben Asien nicht den Rücken kehren wollten oder konnten.

Min Jin Lee legt uns ein bewegendes Familienalbum in die Hände mit dem wir sehr behutsam umgehen sollten. Es fühlt sich an, wie das Erbe, das sie selbst nicht antreten konnte, weil sie zu den Auswanderern gehörte, denen das Privileg eines Neubeginns in den USA geschenkt wurde. Ganz anders jedoch erging es den Koreanern, die im Laufe der Zeit nach Japan flohen. Und dieses Land hatte viele Worte für die Geduldeten, jene Flüchtlinge ohne Rechte und Status. Gaijin bedeutet Mensch von außerhalb und damit auch gleichzeitig Außenseiter. Zainichi umfasst Ausländer mit Wohnsitz in Japan. Was beiden Begriffen gemein ist, umfasst den diskriminierenden und durchaus rassistischen Aspekt der Ausgrenzung. Das Leben als Underdog war für Koreaner vorprogrammiert. Sicher kein einfaches Leben.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Die Leben, von denen Min Jin Lee erzählt, sind erzählenswert. Es sind die kleinen Geschichten, die in der Lage sind das Schicksal ganzer Familien zu verändern. Es sind die kleinen Fehltritte im Leben, die der Weichenstellung für folgende Generationen eine neue Richtung geben. Es ist das Mädchen Sunja, das sich diesen Fehltritt erlaubt. Ihre uneheliche Schwangerschaft tritt die Welle los, die 1910 in einem kleinen koreanischen Fischerdorf ihren Anfang nimmt und die gesamte Familiengeschichte bis ins Jahr 1989 ins japanische Yokohama trägt. Ein Nordkoreaner springt als Sunjas Ehemann ein, um ihre Ehre zu retten. Ihn begleitet das junge Mädchen nach Japan, um fortan als doppelt Außenseitige zu leben. Koreanerin und durch die Heirat mit Isak auch noch Christin. In Japan genügt das für den lebenslangen Stempel: „Ihr gehört nicht dazu!“ 

Min Jin Lee nimmt uns mit in eine facettenreiche Geschichte, die von inniger Liebe, Loyalität, Gefühl, Bescheidenheit, grenzenlosem Stolz und familiärem Zusammenhalt in allen Lebenslagen geprägt ist. Sunja bleibt unsere konstante Wegbegleiterin. Sie bricht mit allen Konventionen, und stellt doch das von ihr erwartete tradierte Frauenbild nie in Frage. An ihrer Seite sehen wir ihre Söhne Noa und Mozasu aufwachsen und erleben, welche Lebenswege ihnen vorbestimmt sind. Wir verzweigen uns in den Familienästen, die 1910 am Strand in einer leidenschaftlichen Stoßwelle wurzeln. Keiner dieser Äste lässt den Spannungsbogen der Geschichte abflachen. Mit jedem Nachkommen Sunjas werden wir sofort warm. Wir kennen ihre Herkunft, ihren tiefen Stolz und erkennen, wie schwer es für sie ist, eigene Wege zu finden. Ehen, Kinder, Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Mobbing begleiten sie durch alle Zeitscheiben der grandiosen Erzählung.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Sunjas Nachkommen machen ihr kleines großes Glück. Immer umweht vom Hauch der Illegalität, immer auf der Gratwanderung zwischen Anpassung und Abschiebung. In jeder historischen Epoche, die wir an ihrer Seite durchschreiten sind es die Menschen, die Min Jin Lee uns näherbringt. Das geteilte Korea, ein Weltkrieg, Atombomben und politische Verwerfungen bilden den Rahmen des Familienepos, nicht jedoch den Kern. Sprachlich bleibt die Autorin auf der Höhe ihrer Protagonisten. Einfach und wesentlich. Nicht klischeehaft und schon gar nicht verschachtelt kompliziert. Sie erzählt eine starke Geschichte, die überall auf der Welt beheimatet sein könnte, wo Heimaten zerrissen im Wind flattern.

Wir fühlen uns der Familie Sunjas verbunden. Es gelingt der Autorin, Empathie für ihre Kinder, Enkel und Urenkel zu wecken und am Leben zu halten. Wir lernen auf dem gemeinsamen Weg viel über eine verborgene Kultur, ohne das Gefühl zu haben es mit einer literarischen Lehrmeisterin zu tun zu haben. Wir empfinden den gleichen Stolz auf eine Herkunft, die von den Japanern mit Füßen getreten wird. Und wir erkennen, dass man manchmal auch mit Glücksspiel am Rande der Legalität sein Glück machen kann. Bewegend ist und bleibt für mich, dass der uneheliche Erzeuger von Sunjas Sohn Noa, trotz seiner Ablehnung das Mädchen zu heiraten, bis an ihr gemeinsames Lebensende wie ein guter Geist an ihrer Seite bleibt. Unsichtbar, verborgene Fäden ziehend und tief bereuend, sich damals am Strand anders entschieden zu haben. Und immer gegen den Stolz der Frau, Mutter und Großmutter ankämpfend, den sie niemals ablegen kann.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee – AstroLibrium

Ein wundervoll erzählter Roman, dem es jederzeit gelingt, die Gefühlsebene nicht zu verlassen. Ein einfacher Roman, der genau durch seine Einfachheit Wurzeln im Herzen der Leser schlägt. Ein Augenöffner gegen Diskriminierung und Vorurteile. Ein perfektes Buch, das aus einer Zeit in unsere Zeit gefallen ist. Besonders beeindruckend für mich ist auch die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag. Mit Gabriele Blum wurde eine Sprecherin gefunden, die in den leichten Untertönen am Rande des gesprochenen Wortes den Hauch von Korea in unser Hören trägt. Ihr leicht gehauchtes „NE“ am Ende eines Satzes schleicht sich tief ins Herz des Hörers und lässt ihn nicht mehr los. Sunja und die starken Frauen dieser Geschichte erhalten in dieser Adaption eine brillante und tragfähige Konturierung.

Am Ende ist man zwar am Ende angelangt. Wir wissen jedoch, dass der Konflikt der beiden getrennten koreanischen Staaten das Schicksal der Enkel und Urenkel Sunjas weiter durchs Leben begleiten wird. Wir wissen, dass die Heimatlosigkeit zur Stellgröße einer Zukunft in Japan wird. Und wir haben ein Gefühl dafür bekommen, wie wichtig es ist, den Mikrokosmos gegen den Makrokosmos Umwelt bis zum Letzten zu verteidigen. Es ist mir leichtgefallen, „Ein leichtes Leben“ zu lesen und zu hören. Es war gar nicht leicht, die Geschichte zu verlassen. Und richtig schwer wird es sein, bei künftigen News aus Nord- oder Südkorea nicht an ein junges Mädchen zu denken, das sich vor hundert Jahren am Strand eines kleinen koreanischen Fischerdorfs von ihrer Leidenschaft und der Gutgläubigkeit treiben ließ und zum Treibgut dieser Geschichte wurde.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Vor wenigen Wochen schrieb ich voller Vorfreude auf das neue Buch von Florian Illies 1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte und im Rückblick auf seine vorausgegangene Hommage an das Jahr 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts:

Vielleicht versteht man jetzt, worauf ich mich wirklich freue. Es sind die Seiten des Lesens neben diesem Buch, von denen ich jetzt noch keinen Schimmer habe, die mich aber vielleicht erneut verändern und prägen werden. Es sind Geschichten, auf die mich Florian Illies direkt stößt, während er mir indirekt ganz andere Wege weist. Ich möchte euch schon heute einladen, zurückzublicken, die Artikel von damals zu lesen und mich zu begleiten, wenn der Autor weitererzählt. Ich kann es kaum erwarten, mich wieder in das Jahr 1913 fallenzulassen. Ich kann es kaum erwarten, neue rote Fäden zu finden und sie zu einem Lesemuster zu vereinen. Ich werde das neue Buch lesen und hören. Ich werde wie von einem Wahn besessen sein und mich außerhalb der Geschichte auf Geschichten zubewegen, die ich jetzt noch nicht kenne. Wird das ein goldener Herbst.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Das Sequel „1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ ist selbsterfüllende Prophezeiung und literarische Schicksalsfügung zugleich. Wenn man sich als Leser so verhält, dass sich die Vorhersage erfüllen kann, indem man eine positive Rückkopplung zwischen Erwartung und Verhalten an den Tag legt, dann findet man in der Fortsetzung des Bestsellers „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ das erhoffte Meisterwerk vor. Neugier, Wissensdurst, eine gesunde Portion Voyeurismus und die pure Lust am Lesen sind die besten Voraussetzungen, um sich erneut mit einem Jahr zu beschäftigen, das dem Lauf der Weltgeschichte nicht genug positive Energie entgegenstellen konnte, um zu verhindern, was nahezu unausweichlich schien. Ein Meilenstein-Jahr überbordender Revolutionen in den Bereichen Malerei, Musik und Literatur reichte nicht aus, das Feuer zu löschen, an dem 1914 die Fackeln des Ersten Weltkrieges entzündet wurden.

Ja, es gibt viel zu erzählen zu diesem letzten echten Sonnenjahr, bevor sich das 20. Jahrhundert fast dauerhaft verdunkelte. Und ja, Florian Illies hat noch so viel im Köcher seiner ausgezeichneten Beobachtungs- und Kombinationsgabe, was unbedingt noch erzählt werden musste. Er knüpft nahtlos an sein erstes Buch an, erweitert seinen Fokus auf bisher unerwähnte Zeitgeister und besticht erneut in der humorvoll brillanten Analyse und Verknüpfung individueller Lebenswege, die sich niemals kreuzten. Florian Illies verbindet scheinbar lose Enden eines Jahres miteinander, erzeugt Nähe, wo doch nur Distanz zu herrschen schien und erweist sich als literarischer Prophet für das, was unweigerlich kommen musste.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

„Am 1. Oktober (1913) war (Alfred) Lichtenstein als Einjährig-Freiwilliger in das Zweite Bayerische Infanterieregiment eingetreten. Und er hatte das mit dem „Einjährigen“ ernst gemeint. Er fällt am 25. September 1914, also genau ein Jahr später.“

Illies vermag es, sich zum Propheten zu erheben, weil er seinen Recherchen glaubt, und mit scharfen Blick auf die folgenden Ereignisse zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden weiß. Er nimmt seine Leser mit ins Boot und lässt ihnen genügend Raum für eigene Schlussfolgerungen. Ein formidables Spiel mit prominenten Lebenswegen im Kontext der großen Geistesströmungen und Sittenbilder einer einzigartigen Epoche. Es sind Skandale und Liebesgeschichten, die dem Jahr 1913 den Stempel aufdrücken. Es sind Erfindungen, die ihm Tempo verleihen. Es werden Loopings geflogen, Rekorde um Rekorde gebrochen, Konventionen zermalmt und kulturelle Grenzen überwunden. Der Tango erobert die Welt, Fliegerasse stürzen reihenweise ab und ebnen doch die Wege für die neue Wunderwaffe des Jahres 1914. Frauen zeichnen ein völlig neues Bild von sich selbst und abstrakte Maler zeichnen Frauen derart verfremdet, dass sie sich selbst nicht mehr erkennen. 1913 – Ein Jahr des Bildersturms.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Und ja, Rilke hat noch immer Schnupfen. Wer hätte anderes erwartet. Illies beglückt literaturbegeisterte Leser mit Anekdoten, Hintergründigem und Erzählenswertem zu den großen Schriftstellern dieser Zeit. Marcel Proust bringt Verleger und Lektoren mit einer sehr individuellen Form der Bearbeitung von Korrekturfahnen um den Verstand; Karen Blixen verlässt Rungstedlund und reist nach Afrika; Ambrose Bierce verschwindet am 26. Dezember mit dem Satz „Morgen werde ich gehen, und zwar mit unbestimmtem Ziel“ und die kommenden Klassiker, wie „Ulysses“, „Mann ohne Eigenschaften“, „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ oder „Der Zauberberg“, können das magische Jahr 1913 als Geburtshelfer in die Danksagung aufnehmen. Und der gute Arthur Schnitzler weiß schon jetzt kaum noch, welcher Frau er sich zuwenden soll. Die Sternwartestraße in Wien erlebt die wohl letzten ruhigen Tage vor dem Sturm, der Schnitzler heimsuchen wird. Seine Tochter Lili lebt noch. Er ist im vierten Akt seines Lebens. Der fünfte folgt.

In der Malerei wird es abstrakt. Franz Marc und viele „Art“-Genossen prägen das Bild der Zeit mit Bildern, die den Kunstbegriff über den Haufen werfen. Ich begegne meinen Wegbegleitern die mein Leben seit dem Jahrhundertsommer nachhaltig geprägt haben. Else Lasker-Schüler, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner sowie Gabriele Münter schlagen eine Brücke, über die Blaue Reiter galoppieren. Und all das  in einer wirren Zeit, in der sich Geld-, Hoch- und Kunstadelige gegenseitig in den Armen zu liegen scheinen. Das Leben ist abstrakt und rast auf eine Apokalypse zu. Sehenden Auges, angesichts der Aufrüstung in allen Ländern. Es mutet an wie ein Abgesang, den jeder anzustimmen vermag, der alte Feindbilder pflegt und neue Kunstbilder schon jetzt als entartet bezeichnet. Da sieht man das Unheil schon kommen.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Es ist ein besonders Buch. Es ist voller Geschichten, die unbedingt noch erzählt werden mussten. Die beiden 1913er von Florian Illies gehören zusammen und sollten nicht voneinander getrennt werden. Das signalisieren schon die Cover, die so viel mehr erzählen, als viele Geschichten dieses Jahres. Farbfotos, fast noch experimentell, aber doch schon so ausdrucksstark, dass sie eigene Welten zu bewahren scheinen. Sie sind beide aus der Hand eines Fotografen. Gesehen mit demselben Auge, fokussiert und für alle Zeit bewahrt. Und nicht nur das. Auf beiden Büchern gehen wir mit Edeltrude Kühn, der Tochter des experimentierfreudigen Lichtbildners Heinrich Kühn, in ein Jahr voller Widersprüche und Geschichten, die in diesen Fotografien ihre Entsprechung finden. Sie sollten die Geschichte hinter den Bildern selbst erlesen und gut darauf achten, wem sie künftig gestatten, Familienfotos zu machen. Amüsant und tragisch zugleich.

Ulrich Noethen verleiht der Hörbuchfassung zu 1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ eine ganz eigene Atmosphäre. Er mutiert zum Chronisten, der von Florian Illies durch dieses Jahr geführt wird. Noethen gelingt der Spagat zwischen einer teils sachlichen Schilderung von Ereignissen und der immer wieder sehr pointierten und scharfzüngigen Bewertung der Hintergründe mehr als brillant. Seine Stimme legt ihren sonoren Finger in die Wunde der Geschichte, an die sich niemand mehr erinnern kann. (Oder mag). Zuhören wird hier allemal zum aktiven Prozess, weil man seine Hände frei hat, um parallel zum Hörgenuss in den Büchern zu blättern, die das Jahr 1913 erwähnt, aufgreift oder berührt. Mehr kann man nicht wollen, wenn man sich unter Kopfhörern für ein paar Stunden abschottet, um eine Zeitreise zu unternehmen. Ein Genuss.

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies

Jetzt ist sie komplett. Meine Begegnung mit dem Jahr 1913. Dabei gäbe es sicher noch so viel zu erzählen…

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Die Reise in ein besonderes Jahr
Das Blaue Pferd“ von Franz Marc… mit anderen Augen…
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – Verwunschene Bilder
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ – In memoriam Else Lasker-Schüler
1913- Der Sommer des Jahrhunderts geht weiter“ – Eine Hommage

Unter dem Schlagwort 1913 findet man alle Einflüsse auf mein heutiges Lesen…

1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte – Florian Illies