„George“ von Alex Gino

George von Alex Gino

George von Alex Gino

„Für dich, als du das Gefühl hattest, nicht dazuzugehören.“

Diese Widmung von Alex Gino könnte schon der Titel des Debüt-Romans dieses ganz besonderen Menschen sein. Sie ist so allumfassend und steht für jedes in der Folge zu lesende Wort, wie kaum ein zweites Zitat aus diesem Buch. Diese Widmung spricht nicht nur den Menschen an, dem sie wohl zugeeignet ist. Jeder Leser darf sie als persönlichen Willkommensgruß empfinden und auf diese Weise wird mit einfachen und tiefen Worten ein Gefühl vermittelt, das man selten spürtt, bevor man ein Buch zu lesen beginnt.

Nicht mehr ausgeschlossen, allein und isoliert zu sein. Schon mit diesem Satz, der noch vor dem ersten Satz des Romans ins Auge sticht, fesselt Gino die Leser, da jeder von uns dieses Gefühl schon am eigenen Leib erfahren hat. Jeder sehnt sich danach, akzeptiert und anerkannt zu werden. Jeder fühlt sich schlecht, wenn Ausgrenzung oder Isolation zum Wegbegleiter seines eigenen Lebens werden. Und jeder sollte eigentlich verstehen, wie leicht es sein kann, anderen Menschen dieses Gefühl zu ersparen.

Doch weit gefehlt. In einer Gesellschaft, die immer noch nach Außenseitern sucht, die am besten funktioniert, wenn man eigene Unzulänglichkeiten verschleiern kann, indem man sie auf Underdogs abwälzt, ist Ausgrenzung der beste Automatismus, um selbst dazuzugehören. Klingt komisch, ist aber so. Jede Gruppe funktioniert so. Hat man erst einmal einen gemeinsamen Feind gefunden, wächst der Zusammenhalt. Es ist wirklich leicht zu durchschauen, funktioniert aber im Großen, wie im Kleinen.

George von Alex Gino

George von Alex Gino

George“, das literarische Debüt von Alex Gino, wird dieser Widmung gerecht.

Als Alex Gino im Jahr 2003 damit begann, diesen Roman zu schreiben, gab es im Bereich der Jugendliteratur nur ganz wenige Protagonisten, bei denen ihre Schöpfer es gewagt hatten, sie in allen Facetten ihres schwulen oder lesbischen Lebens der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Dabei sind es gerade Bücher für junge Leser, die aus der Sicht von Alex Gino dazu in der Lage sind, Verständnis zu wecken und Blickwinkel auf andere Sichtweisen zu eröffnen. Was Alex Gino damals aber gar nicht vorfand, waren Bücher, die sich den Themen Transgender oder Genderidentitäten widmeten.

Es war nicht die Zeit, über Menschen zu schreiben, die nicht in das System unserer Geschlechterrollen passten. Es war nicht die Zeit, über Menschen zu schreiben, die in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht in dem Geschlecht wahrgenommen werden, dem sie sich selbst zugehörig fühlen. Unabhängig von äußeren Geschlechtsmerkmalen. Es war damals undenkbar, diese Gedanken auch nur zu denken. Darüber zu schreiben und zu hoffen, publiziert zu werden, war erst recht undenkbar.

Und doch begann Alex Gino mit diesem Buch. Schritt für Schritt entstand George, weil es an der Zeit war, den nächsten Schritt in der öffentlichen Akzeptanz zu gehen. Alex Gino bezeichnet sich selbst als genderquer und empfindet sich als Mensch, der die gewohnte Dualität von Mann und Frau um die eigene Geschlechtsidentität erweitert. Ist die Zeit jetzt reif für George? Sind wir bereit für den Roman eines Schriftstellers, der sich in Interviews und im privaten Leben genderneutral mit „THEY“ anreden lässt und sich anstelle von Mr. oder Mrs. für die Höflichkeitsform „Mx“ entschieden hat?

Ich denke, ja. Die Zeit ist reif. Wir sind reif. Wir sollten es sein.

George von Alex Gino - Transgender-Literatur

George von Alex Gino – Transgender-Literatur

Die Literatur hat den Weg geebnet. Menschen haben den Weg geebnet. Wir sind es nun, die diesen Weg gehen sollten. Vorbehaltlos, vorurteilsfrei und offen. Empathie darf nicht zum leeren Fremdwort verkommen und gegenseitiges Verständnis kann nur dann entstehen, wenn wir dazu bereit sind, uns diesen sensiblen Themen zu öffnen. Ich war bereit für „George“. Es ist nicht mein erstes Buch zum Thema Transgender. Ich habe schon viel darüber geschrieben.

The Danish Girl von David Ebershoff und Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson haben mich sensibilisiert. Zuletzt habe ich im Roman Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose das Schicksal von Lou Villars erlesen. Und jetzt erforderte es einen weiteren großen Schritt, um mich „George“ zu nähern. Denn George ist erst zehn Jahre alt. Ein Alter, in dem Kinder nicht ernst genommen werden. Ganz besonders dann nicht, wenn es um ihre Selbstwahrnehmung im geschlechtlichen Rollenbild geht. Hier ist unsere dogmatische Rollenverteilung zu dominant und wirkt wie unüberwindbare Mauern.

Oder wäre jemand von euch bereit, auf die Farben Rosa und Blau zu verzichten, bis der geliebte Nachwuchs alt genug ist zu entscheiden, in welcher Identität er oder sie sich wahrnimmt? Oder entsprechen wir eher unseren eigenen Rollenbildern? Sind wir in der Lage, Abweichungen zu akzeptieren, wenn sie uns selbst betreffen? Wie sollten wir das dem geneigten Umfeld erklären? „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Das ist doch keine Frage, auf die man mit „Das stellt sich noch raus!“ antwortet. Oder?

George von Alex Gino

George von Alex Gino

So sollten wir „George“ jedoch begegnen. Sonst wäre unser Lesen unaufrichtig und geheuchelt. So sollten wir unsere Kinder mit „George“ bekannt machen. Sonst wäre es nämlich so, dass wir dem „Anderssein“ nur zustimmen, wenn es uns nicht betrifft. Wir brauchen Mut für dieses Buch. Schranken gibt es genug auf dieser Welt. Daran haben Dogmatiker aller Länder und Religionen lange genug gearbeitet. Wenn ihr diesen Mut in die Waagschale des Lesens werft, dann wird euch „George“ nicht fremd erscheinen.

Denn SIE will alles, nur nicht fremd sein. SIE will dazugehören, aber eben nicht von anderen Menschen in Kategorien gepresst werden, die IHR nicht entsprechen. Auch im zarten Alter von erst zehn Jahren muss man „George“ so wahrnehmen, wie SIE sich selbst wahrnimmt. Als Mädchen im Körper eines Jungen. Eines Jungen, der schön brav jedem elterlichen Rollenbild zu entsprechen hat, um fein in der Norm zu bleiben.

Freunde findet man selten in diesen Situationen. Und wenn, dann sind sie mehr als ein Glücksgriff im Leben eines jungen Menschen, der sich in der zermürbenden Phase der Selbstfindung befindet. George hat Kelly. Sie urteilt nicht, wertet nicht, wiegt nicht und tut einfach das, was man von einer besten Freundin erwartet. Sie sieht „George“ mit den Augen, die aufrichtig und wahr sind. Sie erkennt „Melissa“ und ebnet ihr gegen alle Widerstände von außen einen Weg, der sonst undenkbar wäre.

George von Alex Gino

George von Alex Gino – Die Hauptrolle als Befreiuungsschlag

Kelly bestärkt ihre beste Freundin darin einfach so zu sein, wie sie sein will. Doch steht sie damit allein auf weiter Flur. Als George sich bei einer Schulaufführung für die Rolle der weiblichen Hauptdarstellerin bewirbt, bricht der Sturm los. Alle Fragen werden gestellt. Normal? Unnormal? Was kann man nur dagegen tun? Was sagen die Anderen und wie stehen wir als Eltern da? Wo haben wir bei „George“ versagt? Und letztlich ist völlig offen, wie sie es verkraftet, ihr Outing auf offener Bühne zu erleben. Die Rolle der Spinne Charlotte im Theaterstück Charlotte`s Webist wie für sie gemacht. Aber ihre Familie, die Lehrer und „Georges“ Bruder – alle sind überfordert.

Kann Kelly zur Geburtshelferin von Melissa werden?

Gefühl und Empathie werden in diesem beeindruckenden Jugendbuch aus dem Fischer Verlag groß geschrieben. Bei aller Offenheit ist es doch kein leichter Weg durch dieses Buch, wenn man sich selbst hinterfragt, wie sehr man einengt oder in den alten sozialen Abziehbildern von Norm verhaftet ist. Alex Gino hat lange gebraucht, bis dieses Buch seinen Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat. Vielleicht hat Gino die oben zitierte Widmung auch an sich selbst adressiert. Durch diese Rezension möchte ich nur zeigen, dass ich „George“ ernst- und wahrgenommen habe.

Mx. Alex Gino – THEY belong to us.

Anmerkung als Mann: Bei allem Verständnis für die Selbstfindung von George in diesem brillant erzählten Roman entspricht die Darstellung der „Männerwelt“ genau den Klischees, mit denen die Geschichte für ihren Protagonisten eigentlich aufräumen möchte. Väter haben sich schon lange von den Familien getrennt oder sind nicht in der Lage, unfallfrei für ihre Kinder zu kochen. Große Brüder sind Rabauken und bestechen durch den Satz „Habe ich dich beim Kacken gestört“ und die Schule ist eine bunte kleine Mädchenwelt, in der man Farben tanzt. Ich hätte mir hier einen ebenso neutralen Blick gewünscht, wie man ihn von mir als Leser letztlich erwartet. Das nur am Rande.

Hierzu lohnt sich auch der weibliche Blick auf „George“. Anja und Zwiebelchens Plauderecke im kreativen Gleichschritt in der Bewertung des Romans.

George von Alex Gino

George von Alex Gino

Worte von „George“ / „Melissa“ die unvergessen bleiben:

„Die Schmetterlinge in ihrem Bauch hatten Schmetterlinge in ihren Bäuchen.“

„ELANUS“ – Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

SIE ist die Fluchthelferin meines Lesens. Das Leitthema in ihren Romanen Erebos, Saeculum und Layers hat mich zum Weltrekordler in Verfolgungsjagden gemacht. Ich habe keine Ahnung, wie viele Kilometer ich in ihren Büchern bereits auf der Flucht war und dabei dunkle Wälder, Häuser oder Straßenschluchten rastlos durchquert habe. Es müssen zahllose Wege sein, die ich mit ihr lief.

Ursula Poznanski – Autorin zahlloser Bestseller und Phänomen meines Lesens. Ich habe sie porträtiert, interviewt, habe ihre Romane gelesen, Artikel geschrieben und den Weg ihres Schreibens verfolgt. Immer wieder hat sie mich dabei aufs Neue überrascht, fasziniert und zum Staunen gebracht. Ungesehen würde ich ihre Bücher lesen, mich ihr anvertrauen und schon auf der ersten Seite wissen, dass ich nicht enttäuscht würde.

Ursula Poznanski hat mich noch nie im Stich gelassen, nie offene Fragen ungeklärt im luftleeren Raum stehen lassen oder Cliffhanger nur dazu benutzt, die Spannung nur künstlich hochzuhalten und sie dann am Ende eines Romans wirkungslos verpuffen zu lassen. Eigentlich müssten Sie jetzt gar nicht weiterlesen, wenn ich nun ihren neuesten, im Loewe Verlag erschienenen Jugendbuch-Thriller vorstelle. Nehmen Sie nur die klare Botschaft mit nach Hause: LESEN IST PFLICHT.

ELANUS von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Sie sind ja noch da! OK, wenn Sie an dieser Stelle noch in meiner kleinen literarischen Sternwarte verweilen, sind Sie entweder noch kein treuer Leser von Ursula Poznanski, oder es macht Ihnen nichts, aber auch gar nichts aus, einer Lobeshymne zu folgen. Ich kann nicht anders. Ich flog durch diesen neuen Thriller und fand doch Unterschiede zu ihrem bisherigen Schreiben, die mich dazu veranlassen, mein bisheriges Bild der ganz persönlichen „Fluchthelferin“ ein wenig zu revidieren.

Wie bereitete ich mich auf ELANUS vor? Ganz einfach. Laufschuhe anziehen, einen Rucksack mit Notration auf den Rücken, Konditionstraining abschließen, Stadtpläne ins Smartphone einspeisen und schon kann es losgehen. Tempo aufnehmen und schauen, wie ich schnellstmöglich von A nach B gelange, dabei überlebe und möglichst zeitgleich mit dem Protagonisten unversehrt neue Schauplätze zu erreichen. Ich war bereit.

Und nun? Nichts da mit Flucht, keine Spur von überhöhtem Lesetempo und keine Schweißperlen auf meiner Stirn, weil ich wie ein Spitzensportler sprinten musste. Nein. Nichts von alledem. Dafür wartet „ELANUS“ mit Überraschungen auf, die ich so nicht auf dem Leseschirm hatte. Ich werde auf Wahrnehmungsebenen angesprochen, die ich mit gar nicht zugestehen wollte. Ich werde psychologisch verwickelt, an meiner ganz im Verborgenen liegenden voyeuristischen Ader gepackt und von Neugier geschüttelt, für die ich mich fast schon zu schämen glaubte.

Elanus von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Ich würde niemals andere Menschen überwachen, sie beobachten oder ihnen auch noch nachspionieren. Ich käme gar nicht auf die Idee, so etwas zu tun, aber es kann zu Situationen im Leben kommen, in denen es sehr ratsam sein kann, etwas mehr von den Menschen zu wissen, mit denen man täglich zu tun hat. Zumindest ist das die Sicht von Jona Wolfram. Der 17-jährige hochbegabte Wunderschüler, dessen Intelligenz ihn von seinen gleichaltrigen Mitschülern so weit abhebt, dass er schon jetzt ein Stipendium an einer Elite-Universität antritt, hat allerdings auch ein anderes Talent.

Er beherrscht die hohe Kunst, sich in kürzester Zeit überall unbeliebt zu machen. Mein, sonderlich sympathisch kommt der junge Mann nicht rüber. Jona polarisiert, zieht Neider an, wie die motzten das Licht und versucht durch Arroganz und Überheblichkeit einen Schutzwall um sein unsicheres Innenleben zu ziehen. Auch an der neuen Uni ist es nur eine Frage von Minuten, bis er den lebensälteren Studenten das Gefühl gibt, nur unterdurchschnittlich begabt zu sein. Das hat er drauf! Und wie.

Jona ist allerdings ehrlich zu sich selbst. Er kennt seine Schwäche nur zu gut, und ahnt, was auf ihn zukommt. Sein Verhalten zu ändern oder einfach mal freundlich und höflich zu sein – das lässt sein Verstand nicht zu. Jona Wolfram ist der Musterkandidat eines hochbegabten, nicht lebensfähigen Außenseiters. Mit einem Unterschied. Seine Verteidigungsstrategie gegen Ausgrenzung und Mobbing ist ausgefeilt. Sie ist greifbar und passt in einen Alu-Koffer. Seine Überlebensfähigkeit ist bestimmt durch Vorsprung an Wissen und Information. Jona Wolfram hat zusätzliche Augen und Ohren.

ELANUS

Elanus von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Sein Spion ist eine Hightech-Drohne. Jonas System ist ausgefeilt. Eine SMS reicht aus. Spyware installiert. Autopilot an. Verfolgungsmodus aktiviert. Und schon sucht sich ELANUS ihren Weg ganz allein, überträgt Video- und Tonsignal, zeigt das Privatleben der überwachten Menschen und versorgt Jona mit den Informationen, die für ihn nichts anders sind, als ein persönliches Frühwarnsystem bei drohenden Konflikten. Eine tolle Idee, gäbe es da nicht ein paar kleinere Probleme.

Linda zum Beispiel. Sie rückt in den Fokus der Privatüberwachung, weil sie hübsch ist und Jana keine andere Idee hat, wie er sich ihr nähern könnte. Also sammelt er fleißig Informationen über sie. Autopilot – an. Oder Marlene Eine Mitstudentin, die zufällig zum ELANUS-Opfer wird, weil Jona einige Menschen an seiner UNI verunsichern möchte. Oder seine Gastfamilie, der es einfach nicht gelingt, Jona in ihren Alltag zu integrieren, weil er zu sehr nach normalem Leben aussieht. Und natürlich einen Dozenten der Uni, den Jona in einer sehr kompromittierenden Situation mit einer Studentin beobachtet.

Als Jona mit seinem Überwachungswissen in die Offensive geht, realisiert er sehr schnell, dass er anscheinend in ein Wespennest gestochen hat. Und die Verflechtung der scheinbar zufälligen Ereignisse, deren Zeuge er durch ELANUS wird, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben an der Elite-UNI. Ein Selbstmord bringt das Fass zum Überlaufen und aus dem Jäger wird der Gejagte. Wem kann Jona noch vertrauen? Was hat er wirklich aufgedeckt und kann er sich mit ELANUS verteidigen, wenn er selbst in den Fokus gerät? Jonas schnelle Auffassungsgabe ist jetzt gefragt und zum ersten Mal in seinem Leben ahnt er, was es bedeutet, Freunde zu haben. Zu spät?

Elanus von Ursula Poznanski

Elanus von Ursula Poznanski

Jedenfalls nicht zu spät für mich, um zu realisieren, dass ich genau jetzt die richtige Entscheidung getroffen hatte, indem ich meine Lese-Laufschuhe bereits trug. Es war so klar. Ich hatte es ja kommen sehen, denn nun beginnt das Wespennest aktiv zu werden und auszuschwärmen. Das Ziel all derer, die Jona mit ELANUS aufgeschreckt hatte ist klar. Jetzt hilft nur noch die Flucht und schon wird Ursula Poznanski zur Fluchthelferin meines Lesens.

Diesmal jedoch bin ich nicht allein, denn am Himmel über mir, dort, wo es niemand vermutet, fliegt die zuverlässige Drohne namens ELANUS, die Jona und mich konstant im Auge behält. Ich hoffe, dass ihr Akku so lange hält, bis wir das letzte Geheimnis der Elite-Universität gelüftet haben. Eine Flucht mit umgekehrten Vorzeichen, was sie nicht minder lebensgefährlich macht.

Lesensgefährlich ist ELANUS auf jeden Fall. Ursula Poznanski greift hier ein heißes Thema gekonnt auf und verstrickt ihre Leser in ein Geflecht aus Zufällen und zerstörten Plänen. Sie nimmt uns mit auf eine Gratwanderung der Wahrnehmung. Wem oder was können wir vertrauen? Ist jede Beobachtung der Schlüssel zur Lösung oder neigt man dazu, Dinge falsch zu interpretieren? Und letztlich bleibt eine große Frage für uns alle: Kann man sich Freundschaft erschleichen? Ein Hose-Runter-Roman vom Feinsten.

Denn Leser und Protagonisten müssen feststellen, dass man manchmal die Hose runterlassen muss, um sich Freundschaft und Vertrauen zu verdienen. Aber lest einfach selbst. Ich kann nicht weiterschreiben. Ich bin noch auf der Flucht. Halte durch, ELANUS… 

Elanus von Ursula Poznanski

Layers und Elanus von Ursula Poznanski

„Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Es ist DIE allgegenwärtige Frage im Dialog mit Schriftstellern.

„Wie autobiografisch ist Ihr Roman?“ Eine Frage, die auch ich oft gestellt habe und immer wieder in Interviews einfließen lasse, um zu den Hintergründen ihres Schreibens und zu den wahren Motiven vorzustoßen, die einen Autor dazu veranlassen, bestimmte Themen aufzugreifen und sie literarisch zu verdichten. Viele Autoren verstecken sich in diesem autobiografischen Ansatz hinter einem fiktionalen Deckmantel, um sich und die Menschen zu schützen, über die sie schreiben.

Was geschieht jedoch mit einer Schriftstellerin, die ihre Deckung verlässt und so ihren Lesern, den Kritikern und allen Menschen, die in ihren Büchern vorkommen eine breite und ganz persönliche Angriffsfläche bietet? Kann ein autobiografisch angelegter Roman zum tiefen Loch mutieren, aus dem man selbst nicht mehr rauskommt? Gehört man der Öffentlichkeit, wenn man diese Grenze einmal überschritten hat und wie findet man zurück zum befreiten Schreiben, nachdem man in den Augen der Welt gläsern und nackt auf dem Präsentierteller der Literatur steht?

Delphine de Vigan weiß ein Buch darüber zu schreiben, weil sie ein Lied davon zu singen weiß. Nach einer wahren Geschichte, erschienen bei DuMont, thematisiert genau diese Aspekte des Schreibens. Der Titel lässt auf etwas real Erlebtes schließen. Nur die kleine Einschränkung „Nach“ öffnet die Tür zur Fiktionalisierung und bietet der Autorin die Chance, ihre Spuren in ihrem neuen Buch ein wenig zu verschleiern. Genau dies scheint schon nach dem Lesen der ersten Seiten zwingend erforderlich, denn wir treffen auf eine Schriftstellerin, die seit zwei Jahren nicht mehr schreiben konnte. Kein Wort, kein Satz. Nichts fand mehr seinen Weg nach draußen.

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Wir treffen auf Delphine de Vigan selbst, die völlig verunsichert und demoralisiert ist, sich in ihre kleine Welt hinter hohen Mauern zurückgezogen hat und an den Folgen des letzten Buches zu knabbern hat. Zu offen hat sie sich wohl über ihre Familie geäußert, zu intensiv hat sie die angeblich schmutzige Wäsche ihrer Mutter in aller Öffentlichkeit gewaschen und zu wenig hat sie wohl darüber nachgedacht, wie sehr dieses Buch jene Menschen verletzt, die als Verwandte der populären Schriftstellerin klar in Erscheinung treten. Und doch musste diese Geschichte erzählt werden. Sie musste einfach raus. Zu viele Fragen hatte der Selbstmord ihrer Mutter aufgeworfen. Das Buch war ein Muss.

Dass sie anschließend an dieser Stelle nicht mehr weiterschreiben konnte, war Delphine de Vigan nicht klar. Lesungen, Buchmessebesuche und die Konfrontation mit Verwandten machten ihr jedoch schnell klar, dass sie zu weit gegangen ist. Seitdem ist das Schweigen ihr ständiger Begleiter. Es ist mehr als eine Schreibblockade. Delphine verstummt, wenn es darum geht, neue Ideen zu Papier zu bringen. Diese Schockstarre hält an, bis sie eines Tages einer Frau begegnet, die ihr Leben verändert.

L. tritt wie ein Phantom in ihr Leben. L. interessiert sich für die Delphine hinter den hohen Mauern der selbst verordneten Isolation und L. findet in vielen Gesprächen den Schlüssel zur Seele der Autorin. Von diesem Moment an vollzieht sich die schleichende Entwicklung, die man als „Feindliche Übernahme“ bezeichnen kann. L. schmeichelt sich ein, gewinnt das Vertrauen von Delphine, ergründet die Ursachen der Schreibblockade, gibt Ratschläge und wird zur einzigen und besten Freundin der tief verunsicherten Frau. Delphine hat L. nicht viel entgegenzusetzen. Sie liegt am Boden, als L. immer tiefer in sie vordringt.

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Der Prozess des Eindringens in die Persönlichkeit von Delphine vollzieht sich in psychologischen Etappen, die faszinierend und abschreckend zugleich sind. L. scheint einem geheimen Plan zu folgen, ist zielstrebig und unbeirrbar. Ihr Ziel scheint es zu sein, Delphine dazu zu bewegen, weiterzuschreiben. Und zwar genau dort, wo sie in ihrem letzten Buch aufgehört hat. Reales, nicht Fiktionales. Einen Schritt weiter soll sie gehen. Nur Reales hat Eier! Und Fiktion ist was für Feiglinge. Um sich diesem Ziel zu nähern schreckt L. vor nichts zurück.

Sie wird zur einzigen Vertrauten, schottet Delphine von der Außenwelt ab und ist zunehmend dominant, wenn es darum geht, gemeinsame Entscheidungen zu treffen. L. schleicht sich ein, zieht in Delphines Wohnung und übernimmt Aufgaben, zu denen sich die Autorin selbst nicht in der Lage sieht. Der Annexion folgt zwangsläufig das WIR. L. verschmilzt mit der Gedankenwelt von Delphine und übernimmt die Kontrolle. Auf diese Verschmelzung folgt die Verdrängung und die Übernahme der Identität. L. wird zur Schriftstellerin Delphine de Vigan und tritt auch in der Öffentlichkeit so auf.

Ebenso schleichend, wie dieser Prozess erfolgt, beginnt Delphine zu ahnen, was ihr geschieht und sie nimmt den inneren Kampf gegen die Kontrahentin auf. Aus Vertrauen wird Zweifel, aus Hilfe formt sich Bedrohung und so realisiert die Autorin, dass sie sich auf verlorenem Posten bewegt. Ist es zu spät, sich von L. freizumachen? Wird Delphine de Vigan in bester Stephen-King-Manier zum Opfer einer Fremden? Ist es noch möglich, den Weg zum eigenen Ich zu finden und was bleibt dann übrig? Wird die Schriftstellerin zum Opfer ihrer Zweifel und letztlich bleibt die größte aller Fragen:

Wer hat „Nach einer wahren Geschichte“ gechrieben? Delphine oder L.?

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

„Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan ist ein wahres Manifest des aktiven Lesens. Die Autorin nimmt ihre Leser mit in eine tief angelegte und sehr persönliche Reflexion über Beweggründe, Intentionen und Irrwege, die das Leben von Schriftstellern kennzeichnen. Dabei greift sie nicht ins Leere, wenn sie über Blockaden, Bedrohungen und Fluchten in Erfundenes schreibt. Das „letzte Buch“, das hier für alles ursächlich erscheint, hat es wirklich gegeben. „Das Lächeln meiner Mutter“ war ihre autobiografische Annäherung an den Selbstmord ihrer Mutter. Und genau damit setzt sie sich in der eigenen Familie zwischen alle Stühle:

„Über seine Familie zu schreiben, ist wahrscheinlich die sicherste Methode, mit ihr in Streit zu geraten… Das spüre ich an der Spannung. Und meine Gewissheit, dass ich sie verletzten werde, beunruhigt mich mehr als alles andere.“

Diese Entdeckung ist einer der wahren Aha-Momente meines Lesens. Delphines Schreiben setzt sich logisch nachvollziehbar fort und beide Bücher gehören, wenn auch durch Verlage getrennt, zusammen wie literarische eineiige Zwillinge. Die Reihenfolge ist für Fans der Autorin vorbestimmt. Wer „Nach einer wahren Geschichte“ neugierig geworden ist, kann heute zu dem bei Droemer erschienen Taschenbuch greifen und Das Lächeln meiner Mutter in den Kontext des Gesamtwerks von Delphine stellen. Und glaubt mir, die Neugier wird siegen. Allzu faszinierend sind die Einsichten, die uns hier literarisch gewährt werden.

Künftig sollte man sich die Frage „Wie autobiografisch ist Ihr Roman“ jedenfalls gut überlegen. Vielleicht öffnet man nur die Büchse der Pandora! Vorsicht!

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte“ ist ein unglaublich intensiver Roman, der auch unter Berücksichtigung der Vorgeschichte als autobiografische Spiegelung der Realität daherkommt. Und doch muss man Delphine den Freiraum des Fiktionalen einräumen. L. zu erkennen, ihrer eigenen Identität auf die Spur zu kommen, das ist die Challenge, der sich alle Leser dieses Buches stellen müssen. Investigatives Lesen geht hier mit dem hohen literarischen Unterhaltungswert eines Buches mit Déjà-vu-Erlebnissen Hand in Hand.

Man begegnet nicht nur Delphine de Vigan. Sie bricht eine literarische Lanze für ihre Kollegen und vermittelt ungeschönt die Verletzlichkeit einer Autorenseele. Letztlich ist dieses Buch eine Liebeserklärung an das geschriebene Wort, weil es den Prozess der Wortfindung vor dem Hintergrund der Öffentlichkeit beschreibt, die auf jede Schwäche eines Schriftstellers lauert. In psychologischer Hinsicht ist es eine Geschichte über den drohenden Kontrollverlust und das Verschwimmen der Grenzen zwischen Identität und Selbsterkenntnis. Eine gewagte und gelungene Konstruktion, die sich im Gedächtnis des Lesers tief verankern wird.

Und ganz zuletzt ist es eine Begegnung, auf die ich lesend lange gewartet habe. Vor vielen Jahren war ich in einen Roman von Delphine de Vigan verliebt, der mich zu einer Gratwanderung zwischen der behüteten Welt eines jungen Mädchens und einem Leben als Obdachlose auf den Straßen entführte. No & ich hat mich als Vater sehr bewegt und diese Geschichte hallt bis heute in mir nach. Und ja, ich habe auch meine alte junge Freundin Lou Bertignac wiedergefunden.

Danke für diese bewegenden Momente, Delphine de Vigan & L.

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

So liebe ich mein Lesen – Eine Radioreportage zu diesem Buch

Blogger lesen anders. Wir kommen anders zu einem Urteil. Vieles hat nichts mit dem zu tun, was man in einer Rezension lesen kann und vieles bleibt im Verborgenen. Mein Leseweg zu Delphine ist mir eine Reportage für Literatur Radio Bayern wert, weil es nicht nur mein Weg ist, der sich hier niedergeschlagen hat.

Gemeinsames Lesen mit Bianca & Literatwo, die tiefe Recherche bei Droemer und DuMont, sowie ein tolles Gespräch mit Irmgard Veit zum Lächeln meiner Mutter bilden den Kern dieser Reportage. Und nicht zuletzt erlaube ich mir im Radio etwas, das in Bloggerkreisen einem Sakrileg gleicht. 

Einen Spoiler, aber nicht unverhofft und sicher nicht ohne Vorwarnung. Genau hier geht es zur Reportage.

Und hier geht es ohne Umwege zu Biancas Brief an Delphine:Ist das die Wahrheit, Delphine de Vigan?“ Eine berechtigte Frage…

Nach einer wahren Geschichte - Eine Radio-Reportage

Nach einer wahren Geschichte – Eine Radio-Reportage

„Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ich bin einer der glücklichsten Leser der Welt!

Das kann ich mit Fug und Recht behaupten, da mich mein literarischer Spürsinn in den vielen Jahren meines Lesens immer wieder zu Büchern geführt hat, die mich mehr als beeinflusst und beeindruckt haben. Es ist, als würde mir eine buchige Wünschelrute einen Weg weisen und immer dort ausschlagen, wo Tiefgang, Charakterzeichnung und Handlung einen kulturellen Dreiklang ergeben, der in seiner symphonischen Bedeutung nur als Literatur bezeichnet werden kann.

Das Glücksgefühl, auf eine solche literarische Goldader zu stoßen, kann ich sehr leicht in Worte und Bilder fassen. Es sind buchige Jubelsprünge der ganz besonderen Art, die mich selbst denkend, fühlend und schreibend in neue Sphären meines Geistes vorstoßen lassen und eine Menge Literatur-Adrenalin freisetzen. Während des Lesens posaune ich schon gerne heraus, was mir gerade widerfährt, auf welcher Welle ich im Moment reite und wie sehr mich das Glücksgefühl beflügelt, einen solchen Schatz mein Eigen nennen zu dürfen.

Nicht zu vergessen, die Sehnsucht und Wehmut, die mich überfallen, wenn ich nur daran denken muss, ein gerade liebgewonnenes Buch nach dem letzten Kapitel wieder verlassen zu müssen. Melancholie, Euphorie und Rapid-Eye-Movement sind deutliche Symptome, wenn ich am Ende der Wünschelrute spüre, dass eine Goldader direkt vor meinen Augen liegt. So und nicht anders ging es mir erst vor einigen Tagen, als ich ein Buch aufschlug, das mir vom Titel her eine kleine Auszeit in Aussicht stellte.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr, erschienen im DuMont Buchverlag.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Wie findet man seinen Frieden nach dem Krieg?

Ein Leitmotiv, dem ich schon in vielen Romanen gerne gefolgt bin. Auch hier wird es schnell zur Ausgangssituation meines Lesens, da ich vor wenigen Tagen ein Buch beendet habe, das sich dieser Frage verschrieben hat. Zwei Romane mit einem tiefen literarischen Grundton, der mich erneut zu faszinieren wusste. Zwei Charaktere, die so viel gemeinsam haben. Der Eine kehrt nach dem Krieg nach Australien zurück, sucht in der Abgeschiedenheit eines Leuchtturms nach der inneren Balance und findet dabei zu den wahren Werten des Lebens zurück. Auch, wenn dies ein steiniger Weg ist.

Der Andere steigt im idyllischen Oxgodby aus dem Zug und beginnt, in der kleinen Kirche des Dörfchens ein mittelalterliches Fresko zu restaurieren. Nordengland und die tiefe ländliche Einsamkeit geben hier den Ton an. Wir schreiben das Jahr 1920. Viele Männer sind nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach sich selbst und nach dem, was sie auf den Schlachtfeldern in Flandern oder in Artois verloren haben.

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman machte mich zum suchenden Leuchtturmwärter und nun verwandelt mich „Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr in den Restaurator einer zutiefst verletzten Seele. Ich weiß, wo Männer in diesem Krieg zerbrachen. Ich kenne die Orte, die sie wie Mühlsteine zermalmten. Einer von ihnen ist Passchendaele nahe Ypern. Auch Tom Birkin wurde dort gebrochen. Seitdem besteht seine Mimik aus wilden Zuckungen und seine Nächte sind von Schreien erfüllt.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ebenso, wie mich das Bild des einsamen Leuchtturmwärters fasziniert hat, trägt in diesem Roman aus der Feder des bereits 1994 verstorbenen Autors das Bild eines Menschen, der in der tiefen Beschäftigung mit einem übertünchten Kunstwerk Schicht um Schicht eine Vergangenheit freilegt und dabei auch sich selbst immer näher kommt. Dabei schreibt J.L. Carr nicht minimalistisch, wie man es angesichts der nur 158 Seiten seines Romans vermuten könnte.

Ganz im Gegenteil. Es entwirft ein sehr komplexes Bild dieser Zeit, in dem sowohl die Menschen des kleinen Ortes, als auch die beiden eigentlichen Hauptcharaktere Birkin und Moon sehr konturiert und hintergründig beschrieben werden. Beide verbindet nicht nur die Tatsache, dass sie der Hölle des Krieges entronnen sind, sondern zwei ziemlich geheimnisvolle Aufträge, die sie getrennt voneinander nach Oxgodby führten. Das Erbe einer alten Dame verheißt der Kirchengemeinde ein sattes Sümmchen, wenn man das ewig verschwundene Kirchengemälde freilegt und das Grab eines Verwandten aufspürt.

Während Tom Birkin in der Dorfirche ein verborgenes Kunstwerk in neuem Licht erstrahlen lässt, gräbt sich Charles Moon durch den Gottesacker der Gemeinde. Beide legen mehr frei, als sie es jemals vermutet hätten. Dabei ist es gerade Tom Birkin, der diese ruhigen Momente auf dem Gerüst innerhalb der Kirche extrem genießt, stehen sie doch im krassen Gegensatz zum Granatenhagel, dem er im Krieg ausgesetzt war. Hier enttraumaisiert sich der geschundene Geist. Hier entspannt sich der Körper. Hier wird nicht nur ein Gemälde freigelegt. Schicht für Schicht kommt auch Tom ans Tageslicht.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Die wahre Kunst dieses Romans liegt in den parallelen Welten, die J.L. Carr hier meisterlich skizziert. Welten, die für sich genommen einzigartig sind, in der deutlichen Überlagerung jedoch beginnen, sich auf das andere kleine Universum auszuwirken. Das träge Oxgodby beginnt Wunder zu wirken, weil die Menschen des kleinen Fleckens so unverfälscht ländlich naiv und unvoreingenommen sind, dass man sie ganz einfach lieb gewinnen muss. Diese Ruhe strahlt auf Tom Birkin aus und auf der anderen Seite bringt er genau das Leben in den Ort zurück, das dort wie das Gemälde übertüncht war.

Es wundert nicht, dass Tom Birkin nicht nur ein Gemälde vom Staub befreit. Es wundert nicht, dass er Farbe ins Leben dieser Menschen bringt, deren Farblosigkeit für ihre Lebensweise steht. Es wundert nicht, dass Tom Birkin viel mehr enthüllt, als er je enthüllen sollte und wollte. Besuche in seiner Kirche nehmen zu. Tom wird beobachtet. Nicht nur mit unschuldigen Blicken, sondern auch mit den Augen einer Frau, für die er alles vergessen würde. Gäbe es da nicht genau zwei Probleme und wären da nicht die übermächtigen Moralvorstellungen der 1920er Jahre.

In der Rückschau auf sein Leben betrachtet Tom Birkin diese Epoche. Es ist ein zugleich wehmütiger Blick auf eine Zeit der Befreiung und der verpassten Chancen. Es ist aber auch ein Blick zurück in eine Zeit, die durch frisch vernarbte Wunden und nie bewältigte Verluste gekennzeichnet war. Die Zeit nach einem Krieg ist keine normale Zeit. Hier atmet man durch, horcht in sich hinein und schreckt nachts schweißgebadet auf. Die ersten zarten Pflänzchen von Gefühl beginnen zu sprießen. Eine große Zeit für große Romane.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

J.L. Carr gelang mit „Ein Monat auf dem Land“ ein absolutes Meisterwerk. Diese Tiefe hatte ich nicht erwartet. Ich hatte nicht erwartet, mich nachts vor einem Gemälde wiederzufinden, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, schichtweise klarer zu sehen, Schützengräben zu durchrobben und erst in einer Kirche zur Ruhe zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, mitten im Roman zu hoffen, dass ich bitte länger als nur einen Monat auf dem Land bleiben dürfte.

Nichts von alledem hatte ich erwartet. Und nun sitze ich hier als der wohl glücklichste Leser der Welt. Ich bin wundervollen Menschen begegnet, habe viel von ihnen gelernt und habe mich zweifelsohne mit Tom Birkin unsterblich verliebt. Im eigentlichen Sinn ist Oxgodby das verborgene Gemälde, das es zu enthüllen galt. In ihm liegen alle Wunder der Welt verborgen. Hier kann man glücklich werden und hier lässt es sich leben. Und hier stößt man auf eine Vergangenheit, die ihre Spuren auf ewig hinterlassen hat.

Vale. Lebwohl. Die lateinische Inschrift auf dem Steinsarg einer längst im Mittelalter verstorbenen Geliebten zeigt die Atmosphäre, die über dieser Landschaft schwebt. Sie zeigt die Sehnsuchtsmomente, auf die man überall stößt, wenn man den Schleier hebt. Sie sagt alles aus, wenn man das steinerne Bildnis der jungen Frau betrachtet, die den Sarkophag zu verlassen scheint. Es gelingt ihr nicht. Es ist nur ein Bildnis in Stein. Ich wünschte, ich könnte so wie sie immer in Oxgodby bleiben.

So bleibt mir nur ein zartes „Vale“…

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein kleines Goodie zum Schluss: Der Trailer der englischen Verfilmung. Diese Bilder!

„Wir sehen uns am Meer“ von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Kann die Liebe alle Fesseln sprengen?

Ist die Liebe in der Lage, Vorurteile und Prägung zu überwinden und kann sie alle Ressentiments beiseite fegen? Vermag sie mit ihren Gefühlen auch der härtesten aller denkbaren Proben zu widerstehen, oder findet die Zuneigung zu einem Menschen, der im eigentlichen Sinne zu historisch gewachsenen Feinden zählt, ihre Grenzen und wird zu ihrem Gegenteil: Abneigung, trotz aller Gefühle. Ist Liebe machtlos, wenn Schranken errichtet wurden, die das Terrain für Liebende zu Minenfeldern der eigenen Geschichte werden lassen?

Ein reales und literarisches Motiv, an dem schon die stärksten Protagonisten im Lauf der Geschichte verzweifelt sind. Nicht standesgemäße Verbindungen sind hier nur ein Aspekt der vielfältigen Verstrickungen. Politisch unmögliche Beziehungen liefern die frisch Verliebten schutzlos einem Umfeld aus, das statt Zärtlichkeit nur puren Hass mit sich bringt. Und religiös nicht miteinander vereinbare Verliebtheit prallt an den alten Konventionen ab, die der Liebe dogmatisch im Wege stehen. Ismaels Orangen von Claire Hajaj sei hier nur als besonders lesenswertes Beispiel genannt.

Ein Sieg der Liebe ist hier selten. Spätestens, wenn Liebende ihr warmes Liebesnest verlassen, realisieren sie, dass sie nicht alleine auf dieser Welt sind und schon beginnt das Gezerre aus den unterschiedlichsten Gründen. Hier endet jede Illusion. Herzen und Menschen brechen. Selbst, wenn das junge Glück weit von allen Konflikten dieser Welt entfernt ist und die kleine Insel der Emotion eigentlich keinen Nährboden für Hass oder Zweifel beheimatet. Man wird von der Welt eingeholt. Oder gibt es Ausnahmen?

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Kann es einen Ruhepol inmitten der Wirrnisse dieser Welt geben? Einen Ort, der so facettenreich und unbefangen ist, dass die zarte Pflanze der Leidenschaft erblühen kann ohne gleich einzugehen? Vielleicht hat die israelische Autorin Dorit Rabinyan die richtige Metropole entdeckt, die für eine unmögliche Liebe zum Reservat werden kann. Ich kehre an ihrer Seite nach New York zurück. In mein Brooklyn, das für mich lesend in den letzten Jahren zur zweiten Heimat wurde.

Vielen Schicksalen bin ich dort begegnet, habe die Welt der Einwanderer erlebt, bin verzweifelten Liebenden begegnet und wurde zum Zeugen dramatischer Ereignisse, die den Big Apple zum Wahrzeichen für Standhaftigkeit machten. Dieser Erzählraum ist mir sehr vertraut. Ich bewege mich auf einem Terrain, das ich mir seit Jahren erlesen habe und fühle bereits auf den ersten Seiten des Romans Wir sehen uns am Meer, dass mein Lesen immer wieder eine Heimkehr ist. Dorit Rabinyan bringt mich nach Hause.

Die Zeit, in der wir uns in ihrem Roman durch New York lesen, ist turbulent. Ein Jahr ist vergangen, seit die Türme des World Trade Centers in Schutt und Asche gelegt wurden. Ein Jahr, in dem die Angst vor Terrorismus und die Trauer um die Opfer dieser Anschläge das öffentliche Leben dominieren. Ein Jahr ist erst vergangen. Weihnachten steht vor der Tür und ich begegne zwei Menschen, die sich durch einen puren Zufall in den Straßen von New York kennenlernen. Ein Augenblick, der ihr Leben verändert.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Ihr Name ist Liat Benjamini. Sie ist 29 Jahre alt und Fullbright-Stipendiatin in den USA. Sie ist Israelin, kommt aus Tel Aviv und genießt ihren Aufenthalt in New York. Freunde haben ihr eine Wohnung überlassen und sie verbringt ihre Zeit mit der Übersetzung von wissenschaftlichen Arbeiten aus dem Englischen ins Hebräische. Liat steht mit beiden Beinen mitten im Leben, steht mit ihrer Familie in Kontakt, hat gute jüdische Freunde in New York gefunden und freut sich auf die Zeit, die sie ihrem Stipendium verdankt.

In ihrem durchgeplanten Tagesablauf gibt es nur eine kleine Unwucht. Ein Treffen mit einem Bekannten kommt nicht zustande und statt seiner erscheint sein Freund, um Liat nicht ohne Nachricht in dem Kaffee warten zu lassen. Dieser Augenblick, der erste Eindruck, die ersten Worte des fremden jungen Mannes lösen in Liat Gefühle aus, die sie sich kaum erklären kann. Viel schöner noch. Sie macht gar nicht erst den Versuch! Sie schaut ihn nur an und lässt geschehen, was nie hätte geschehen sollen.

„Wie ihn aus dem Heute heraus beschreiben, wo anfangen? Wie den ersten Eindruck jener weit zurückliegenden Augenblicke wieder herausfiltern? Wie das vollendete, aus vielen Farbschichten bestehende Porträt zurückführen auf die flüchtige blasse Bleistiftskizze, die mein Auge einfing, als es zum ersten Mal auf ihm ruhte? Wie jetzt mit ein paar Strichen das ganze Bild mit all seinen Flächen und Furchen malen?“

Kurz gesagt, es ist wahrhaftig Liebe auf den ersten Blick!

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Chilmi ist unwiderstehlich. Er ist zwei Jahre jünger als Liat, lebt schon lange in New York. Er ist zurückhaltend, wenn es gilt zurückhaltend zu sein. Er ist mutig, wenn es an der Zeit ist, mit emotionalem Wagemut zu betören. Er ist Maler und ähnelt doch selbst einem seiner Gemälde. Er ist witzig, romantisch und charmant. Sehr zögernd und scheu verlaufen die ersten Momente. Was dann folgt, ist ein Taumel der Gefühle. Als seien sie füreinander bestimmt, fließen die Worte, die zarten Berührungen, überlagern sich ihre Gedanken und aus zwei Individuen entsteht binnen weniger Stunden ein Bild, das zu vibrieren scheint.

Alles könnte so wildromantisch sein. Würden nicht tiefe Schatten das gemeinsame Bild überlagern. Denn Chilmi stammt aus Ramallah. Er ist Palästinenser und beiden ist vom ersten Augenblick völlig klar, dass ihre Gefühle keine Zukunft haben können. Nicht den Hauch einer Chance würde man einer Beziehung zwischen der Israelin und dem Araber einräumen. Zu tief sind die Gräben, zu sehr verankert die Vorbehalte zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen. Zu tiefe Wunden haben sich die Generationen ihrer Vorfahren einander zugefügt. Und all dies ohne Einsicht, dass sich jemals etwas ändern sollte oder könnte. Verbarrikadiert hinter den eigenen Mauern sind ihre Völker.

Beiden ist dies bewusst, weil sie mehr als bewusst die Schäden der gegenseitig tief angelegten Vorurteile fühlen. Und doch gelingt es ihnen fast schon spielerisch, gegen die Konflikte anzukämpfen, die sie nie persönlich ausgetragen haben. Sie flüchten sich in wilde Begierde und lassen sich in ihre Emotionen fallen. Anfänglich gelingt dies. Als jedoch die „Lieben“ zuhause zu ahnen beginnen, was im fernen Brooklyn geschieht, ist es kein Wunder, dass ein religiös-politisches Gezerre um die frisch Verliebten beginnt. Nur Liat sieht dem gelassen entgegen. Ihr Visum endet in fünf Monaten. Dann würde sie sich von Chilmi trennen und nach Israel heimkehren. Wer könnte ihr das verübeln?

Nur: Sie hat die Rechnung ohne ihre Gefühle gemacht.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Dorit Rabinyan schreibt romantisch, erotisch, politisch, mutig und stilsicher. Sie transportiert das ewig junge Romeo-und-Julia-Motiv in die Atmosphäre von Brooklyn und changiert die konkrete Bedrohung zweier verfeindeter Familien in die abstrakte und seit Generationen gewachsene Feindschaft zweier Völker. In der Hoffnungslosigkeit der Ausgangssituation liegt der Sprengstoff dieses Romans. Die Ausweglosigkeit lässt den tiefen Kampf um Normalität so kraftvoll erscheinen. Die israelische Autorin wird den hier beschriebenen Menschen gerecht, nicht Nationen, Völkern oder Religionen über die sie schreibt.

Sie lässt sich literarisch nicht vor den Karren spannen. Dieses Buch wurde von der israelischen Erziehungsministerin von der Lektüreliste der Oberstufe gestrichen. Dieses Prädikat zeigt, wie tief der gegenseitige Hass verankert ist und, dass Abweichungen von der gewollten Norm doch bitte nicht gelesen werden sollen. Es zeigt aber auch deutlich, dass dieser Roman nicht einfach gestrickt ist und die Autorin vielleicht doch in der Lage ist, in diesen wirren Zeiten den Weg zu einem Biotop der Veränderung zu weisen.

Oder wird auch Dorit Rabinyan schreibend zum Opfer aller Vorbehalte?

Amos Oz hat in „Judas“ so nachvollziehbar genau beschrieben, wo die Wurzeln dieser Feindschaft liegen. Er hat die Türen geöffnet, sich sowohl intellektuell als auch emotional von diesen Fesseln der Vergangenheit zu befreien. Über Wir sehen uns am Meer schrieb der sehr kritische Amos Oz: „Ich bin beeindruckt. Ein präziser und eleganter Liebesroman, aufs Feinste gezeichnet.“ Ich stimme ihm zu. Gebt Liat und Chilmi eine Chance, denn nur wenn wir bereit sind, diese Beziehung in unseren Herzen zu akzeptieren, werden sie die Welt verändern können.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan