HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit - Astrolibrium

HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

„Warte, warte nur ein Weilchen,
bald kommt Haarmann auch zu dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen,
macht er Schabefleisch aus dir.
Aus den Augen macht er Sülze,
aus dem Hintern macht er Speck,
aus den Därmen macht er Würste
und den Rest, den schmeißt er weg.“

Welcher Serienmörder hat schon sein eigenes Lied? Frei nach dem Motto, „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ war dieser Gassenhauer Warnung vor Unbekannten und Gruselschocker zugleich. Verdientermaßen, lag doch diesem Liedtext eine beispiellose Mordserie zugrunde. Zwischen 1923 und 1924 wurden besagtem Fritz Haarmann allein 24 Ermordungen junger Männer zur Last gelegt. Der Schauplatz der Taten: Hannover. Die Ermittlungen verliefen zäh, die Polizei schien ratlos und die Aufklärung zog sich zu lange hin. Viele Morde hätten verhindert werden können, so auch die öffentliche Sicht damals. Der Fall Fritz Haarmann wurde vielfach literarisch und filmisch verarbeitet. Der Götz-George-Film „Der Totmacher“ gehört hier zu den gelungensten Werken. Mir liegt darüber hinaus die Graphic Novel „Haarmann“ von Peer Meter und Isabel Kreitz vor, in der ein atmosphärisch dichtes Täterprofil skizziert wird. Düster und bedrohlich.

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HAARMANN von Dirk Kurbjuweit

Deshalb war ich doch erstaunt, den Roman „Haarmann“ von Dirk Kurbjuweit in der Programmvorschau des Penguin Verlages für den Februar 2020 zu entdecken. War da nicht schon alles erzählt? Wusste man nicht, wie die Ermittlungen verliefen, wie damals der Prozess gegen ihn endete? Gab es noch Überraschendes, nicht Erzähltes, Neues? Und dann auch noch Dirk Kurbjuweit. Der renommierte Schriftsteller und Journalist ist bekannt für seine unverbrauchten Themen und die analytischen Gratwanderungen auf den Verwerfungen die im Spannungsfeld Zeitgeschehen und Politik entstehen. Was hat ihn dazu bewogen, Fritz Haarmann in den Mittelpunkt seines Schreibens zu stellen. Die Frage beschäftige mich nachhaltig. Nach dem Lesen ist mir klar, was Dirk Kurbjuweit mit seinem Roman eigentlich erreicht hat. 

Im Gegensatz zu den zahlreichen Täterprofilen über einen Mörder, der seine Opfer im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlachtet hat, schlachtet er Täter und Taten nicht aus, sondern wirft einen Blick auf die Zeitscheibe und die Rahmenbedingungen, die es einem solchen Täter ermöglicht haben, weitgehend unerkannt in Hannover zu morden. Nein. Dirk Kurbjuweit legt mit „Haarmann“ keinen kannibalistischen Grusel-Thriller vor. Er tastet sich aus der Perspektive seines Ermittlers an die Stimmungslage in der Stadt und der Polizei heran. Er seziert die Ausgangslage für die Morde und lässt uns mit den Eltern gemeinsam fassungslos auf die Ausmaße der ungeklärten Mordserie blicken. Es ist die offensichtliche Hilflosigkeit der Kriminalpolizei, die Kommissar Robert Lahnstein nach Hannover führt. Es herrscht Angst in der Stadt. Besorgte Eltern geben sich bei der Polizei die Klinke in die Hand. Die vermissten Jugendlichen sind unauffindbar. Spuren: Fehlanzeige. Zeugen: Fehlanzeige. Das Morden geht weiter.

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Dieser wahre Kriminalroman hebt sich deutlich von vergleichbaren Schablonen des Genres ab. Die beispiellose Mordserie steckt den Rahmen der Handlung ab, ohne dabei zur Kulisse zu verkommen. Der Druck auf die Polizei wächst enorm von Mord zu Mord, jedoch nicht nur von Seiten der Eltern und der Bevölkerung von Hannover. Hier sind es die politischen Rahmenbedingungen der instabilen Weimarer Republik, die hier ihren vollen Wirkungsgrad entwickeln. Der Friedensvertrag von Versailles verhindert in der öffentlichen Wahrnehmung die adäquate personelle Ausstattung der Polizei. Dabei muss das fragile Republikgebilde gerade jetzt beweisen, dass es für Sicherheit sorgen kann. Sozialdemokraten stehen im Widerstreit mit Kommunisten und Nationalisten mit dem Rücken an der Wand. Selbst die Polizei ist nicht als homogener Körper zu sehen. Gerechtigkeit ist Interpretationssache. Methoden stehen auf dem Prüfstand. Was, wenn Folter wieder salonfähig würde. Was, wenn man auf sie verzichtet und sich das Morden fortsetzt?

Dirk Kurbjuweit strukturiert Haarmann in Spannungsbögen, die zum Pageturner mutieren. Die Innenansichten seines Kommissars, die internen Verwerfungen bei der Polizei und der Leidensdruck der Eltern, die auf den Fluren Schlange stehen sorgen für hochexplosiven Sprengstoff. In kursiven Einschüben werden wir dann zu Zeugen einer Flucht eines jungen Mannes, dem Wunsch vor den Eltern abzuhauen und Hannover als Etappe zu nutzen. Wir ahnen, wo er enden wird, denn ebenso kursiv begegnen uns die Gedanken des Täters, der wie die Spinne im Netz auf Opfer wartet. Dirk Kurbjuweit hat nicht nur die politischen Strömungen seziert und analysiert. Ihm gelingt in seinem Buch das Besondere. Er enthebt die Opfer der Masse. Er verdeutlicht, dass hinter jeder Zahl eine Geschichte steht. So tragisch, so unverwechselbar, so einzigartig. Selbst der letzte Blick auf Fritz Haarmann zeigt die verworrene Situation, in der das Morden möglich war. Der Serienkiller mit geringem IQ und psychopathischer Veranlagung ist ein Opfer. Eine homophobe Gesellschaft drängte alle Menschen mit homoerotischen Neigungen an den Rand und in die Kriminalität. Bahnbrechendes Schreiben von Kurbjuweit, weil er diesen Facetten auch in seinem Ermittler Raum gibt. Hier finden sich keine Klischees.

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Kurbjuweit macht jene Serienmorde auch für Lesende lesbar, die einen Krimi nicht immer mit Blutorgien verbunden sehen wollen. Er öffnet eine längst geschlossene und gelöste Fallakte auch für politisch interessierte Leser, die in der Weimarer Republik den Anfang der Fehlentwicklung im 20 Jahrhundert erkennen. Der starke Mann wird schon hier gesucht. Recht und Gesetz gilt es zu verteidigen und eine politische Grundhaltung der inneren Instabilität ist zum Tode verurteilt. Mit Fritz Haarmann sitzt hier auch eine Demokratie, eine ganze Republik auf der Anklagebank. Dirk Kurbjuweit gelingt es, sich sprachlich auf die Besonderheiten der Zeit einzulassen. Seine Dialoge sind straff, seine szenischen Aufzüge düster. Mit seinem Ermittler erschafft er einen Kommissar, der auf der Suche nach sich selbst, seinen Wertvorstellungen und Vorbildern ist. Dabei werden wir aus der Ferne an Kriminalfälle erinnert, die sich in unserer Zeit zugetragen haben.

Ist Folter ein Instrument, die Wahrheit herauszufinden, wenn ein Kind entführt wird und der Täter schweigt? Gibt man neben der Rechtsstaatlichkeit auch Werte auf, wenn man diesen Weg geht? Macht man sich angreifbar und wird man selbst kriminell, oder muss man bestimmte Entscheidungen mit dem eigenen Gewissen ausmachen. Fragen, die den Roman überstrahlen und die Lesenden beschäftigen. Jeder hat seine eigenen Antworten. Kurbjuweit überrascht am Ende seines Romans. Sein Rechtsempfinden ist sinnbildlich für die erzählte Geschichte. Halbdokumentarisch baut er auf realen Fällen und einem realen Täter auf. Volldokumentarisch lässt er ihn zu Wort kommen. Ich war entsetzt und erstaunt zugleich, weil ich diesen Teil der wahren Geschichte nicht kannte.

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Die Graphic Novel Haarmann von Peer Meter und Isabel Kreiz stammt aus dem Jahr 2010. Hier findet sich das Täterprofil des Mörders, hier werden wir auch szenisch mit den Taten konfrontiert. Die Illustrationen lassen ein Hannover auferstehen, das sich in kollektiver Angst in sich zusammengezogen hatte. Ein Biotop des Bösen. Das Buch wirkt wie das Drehbuch zu einer Verfilmung. Man bekommt einige Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Hier wird Klartext gezeichnet und geschrieben. Atmosphärisch gelungen und für mich persönlich eine perfekte visuelle Ergänzung zu Dirk Kurbjuweits Roman. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, welch intensive Beziehung meine Bücher eingehen. Sie scheinen miteinander zu sprechen. Ihre Dialoge sind oft düster. Ihre Bilder stoßen manchmal ab. Im tiefen Inneren jedoch tragen sie Botschaften, die bemerkenswert und tragfähig sind. Gerechtigkeit nicht um jeden Preis, und schon gar nicht auf Kosten der demokratischen Wertvorstellungen, das beschreibt die Sehnsucht, die „Haarmann“ in mir wachruft. Ein grandioser Roman, eine aufrüttelnde Graphic Novel. Eigenständige Werke ihrer Genres und doch im Dialog vereint. Ich bin dankbar, sie beide mein Eigen nennen zu dürfen.

Ich freue mich schon auf meine Begegnung mit Dirk Kurbjuweit auf der Leipziger Buchmesse. Ich werde ihm am Messesamstag meine Fragen stellen und bin gespannt auf seine Antworten. Bloß nicht den Kopf verlieren, sag` ich mir immer…

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Zuletzt war ich an Bord der Erebus und habe die Nordwestpassage gesucht, war mit dem „Archivar der Welt“ unterwegs um ein fotografisches Archiv der Kontinente zu erschaffen und begab mich an der Seite der Gebrüder Schlagintweit In Schnee und Eis. Drei Jungs aus Bayern auf dem Weg nach Indien. Ihr Ziel, nicht nur der Himalaya, auch Kaschmir, das Karakorum, der Nanga Parbat, Turkestan, Panjab und viele andere Regionen, die unerforscht vor ihren Füßen lagen. Vielen dieser Entdecker und Forscher begegnet man nur einmal im Lesen. Dass ich die Schlagintweits erneut begleiten durfte ist Christopher Kloeble und seinem Roman „Das Museum der Welt“ zu verdanken.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Es ist der Christopher Kloeble, der mich mit seiner SagaDie unsterbliche Familie Salzüberzeugen konnte, dessen Erzählstil mich fasziniert hatte und bei dem ich mich als Leser gut aufgehoben fühlte. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass er in der Lage ist, mich auch tief in das Indien des 19. Jahrhunderts zu entführen. Dass er mir jedoch die Expeditions-Geschichte der Gebrüder Schlagintweit neu erzählen würde, davon bin ich nicht ausgegangen. Kloeble ist kein Nacherzähler. Er ist ein Erfinder, Entdecker und Neuerzähler. Er betritt keinen literarisch verbrannten Boden, um lediglich seine Spuren zu hinterlassen. Seine Perspektiven sind neuartig, unverbraucht, herausfordernd und in besonderer Weise lesenswert. So auch diesmal. 

Er macht aus seinem Museum der Welt die Wanderausstellung der Fantasie! Wir sehen Indien nicht aus den Augen der Schlagintweits. Wir erleben Forschungsreisen in fremde Kontinente nicht als das wissenschaftliche Erbe Alexander von Humboldts. Wir erleben das, was wir heute als „Clash of Cultures“ bezeichnen. Europäer, die aus der Perspektive des hoch zu Ross sitzenden Kolonialisten und Ausbeuters über die Länder herfallen, die sie unterjochen wollen. Wir sehen die Brüder Schlagintweit als Prototypen einer feindlichen Übernahme. Globalisierung durch allumfassenden Besitzanspruch und eine kulturelle Vormachtstellung, die auch wissenschaftlich fundiert ist. Hier beginnt die ideologisch rassistische Herabstufung der Urbevölkerung durch Expeditionen. Hier geht los, was ganze Kontinente in ihrer Entwicklung verzögert. Entwicklungsländer sind das nur aus unserer Sicht. Indien selbst sah sich damals als Hochkultur. Was haben wir da nur so nachhaltig zerstört…?

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Christopher Kloeble gelingt dieser Perspektivwechsel durch seinen Protagonisten, den Waisenjungen Bartholomäus. Gerade mal zwölf Jahre alt, von Jesuiten erzogen und an den Rand einer Welt gedrängt, die auch im Waisenhaus nach Underdogs sucht und in ihm findet. Heute würden wir ihn als das perfekte Opfer für Mobbing bezeichnen. Nur sein Erzieher und Vaterersatz „Vater Fuchs“ hält noch die letzte schützende Hand über ihn. Als dieser spurlos verschwindet, bricht die fragile Welt des Waisenhauses in Bombay für Bartholomäus zusammen. Da kommen die drei Brüder aus Bayern gerade zur rechten Zeit. Sie suchen einen Übersetzer für ihre Reise durch Indien, für den Weg bis zum Himalaya. Sie finden Bartholomäus, und aus ersten Zweifeln wird Vertrauen in einen kleinen Jungen, der hilfreich sein kann.

Christopher Kloeble dreht hier den literarischen Spieß gewaltig um. Ist Indien für die Schlagintweits nur ein Forschungsobjekt, so werden sie im Roman Gegenstand der Betrachtung. Bartholomäus beobachtet, notiert, sammelt Erkenntnisse, wertet und wird zum Wissenschaftler, der Wissenschaftler sammelt, wie seltene Schmetterlinge. Er hat seine emotionalen Messinstrumente auf drei Männer gerichtet, die weniger erforschen, als eigentlich zu sammeln. Sie nehmen mit Augen, Karten, Zeichnungen, Bodenproben, Totenmasken, Gliedmaßen, Tierkadavern mit einer unsystematischen Sammelwut alles in Besitz, was sie entdecken. Dass Bartholomäus sie lediglich als Vehikel für die Suche nach seinem „Vater Fuchs“ benutzt und ihnen gegenüber illoyal ist, bleibt verborgen.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

„Das Museum der Welt“ ist das eigentliche Projekt des kleinen indischen Jungen, der neugierig ist und alles sammelt, was ihm seine Heimat bedeutet. Für dieses Projekt hätte er den Nobelpreis verdient. Sein Museum ist tragbar. Er sammelt Gefühl, Geruch, Augenblicke und Menschen, die ihm begegnen. Er träumt davon, dieses Museum allen Menschen verfügbar zu machen, die sein Indien erleben wollen. Die Schlagintweits mit ihrer Weltsicht wirken dagegen wie Barbaren und Eroberer. Christopher Kloeble erzählt eine bisher unerzählte, ungesehene und unerlebte Geschichte. Ein buntes Kaleidoskop voller Eindrücke und ein Kosmos voller Brüche erwarten uns. Es ist ein Kulturkreis, der sich im Kopfmuseum eines kleinen Jungen ausdehnt. Wir riechen, schmecken, sehen und fühlen Indien.

Und wir sind nah bei Bartholomäus, als aus dem Zusammenprall der Kulturen für ihn mehr wird, als er es sich je vorgestellt hätte. Es ist der Roadtrip zu seiner eigenen Identität, es ist die Reise durch ein Land, das er so nie gesehen hat. Es ist das „Große Spiel“, in dem er plötzlich die Hauptrolle spielt. Ein Spiel aus Revolution, Konflikten und Verrat. Diese Reise kostet viele Opfer. Der Weg der Schlagintweits glich im Nachhinein einem Opfergang ohne wissenschaftlichen Wert. Sie konnten niemals alles auswerten, was sie nach Europa brachten. Und sie schafften es nicht zusammen zurück. Gräber in München zeugen noch heute von den Entdeckern von einst. Welche Rolle sie jedoch in Indien aus der Perspektive der Menschen gespielt haben, die sie erforscht haben, das erzählt nur „Das Museum der Welt“.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Ein wahrhaft historischer Roman, der sich in der Beschreibung dieser Expedition von 1854 bis 1857 an die überlieferten Fakten und Aufzeichnungen der Schlagintweits hält. Bartholomäus macht diese Reise zu einem Lese-Ereignis. Seine Selbstfindung und die Entscheidungen, die er trifft stehen hier für ein Land im Aufbruch und eine Kultur, deren Erben heute noch unter der Kolonialisierung leiden. Christopher Kloeble ist nun wirklich kein „Nacherzähler“. Im grandiosen Roman von Rudi Palla bin ich den drei Brüdern „In Schnee und Eis“ gefolgt. Kloeble doppelt nichts. Ich hatte niemals das Gefühl, alles zu wissen und nur Bartholomäus für mich neu zu entdecken. „Das Museum der Welt“ ist eine Inspiration, weil der Perspektivwechsel die Erben eines Alexander von Humboldt in ein neues Licht rückt.

Ein Abenteueroman von Format, in dem die Forscher zu den Erforschten werden. Kleiner Beweis gefällig? Lassen wir doch Bartholomäus zu Wort kommen:

„… Leider ist im Durchschnitt nur jeder vierte Bayer angenehm. Das lernte ich in meiner Zeit bei den Brüdern. Allerdings ist jeder von ihnen auf eine ganz eigene Weise unangenehm.“

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Wer sich das Abenteuer seines Lebens vorlesen lassen möchte, der kann mit der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag nach Indien reisen. Die Expedition zum „Museum der Welt“ dauert in der gekürzten Lesung 10 Stunden und 19 Minuten. Es ist Torben Kessler, der Bartholomäus zum Leben erweckt. Naiv, spitzbübisch und manchmal naseweis, immer jedoch beharrlich auf der Suche nach Exponaten für sein Museum, das er allen Indern zugänglich machen möchte. Wer das gehört hat, wird nie wieder ein Museum so betrachten können, wie zuvor. Großartig….

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble – Buch und Hörbuch

Impressionen zur Buchpräsentation bei dtv und einem Besuch am Grab finden Sie auf meiner Facebook-Seite AstroLibrium: Folgen Sie dem Hashtag #MuseumKloeble

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Northanger Abbey von Jane Austen – Das Hörspiel

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Northanger Abbey von Jane Austen

Sie ist ebenso legendär, wie geheimnisvoll. Ihr Name steht für die große Literatur in einem zeitlichen Kontext, der es Frauen eher schwermachte, die Feder zu erheben, um sich Gehör zu verschaffen. Die Rede ist von Jane Austen. Es gibt große Lücken in der Biographie der großen Schriftstellerin, die bis heute nicht geschlossen werden konnten. Im Rätselhaften liegt hier die Faszination begründet. Ich las „Vernunft und Gefühl“ und zelebrierte auf meinem Blog ihren 200. Todesstag. Was für mich in Jane Gardams „Die geheimen Briefe“ mit der geheimnisvollen Affäre der jungen Jane begann, setzte sich schon wenig später mit ihren Briefen fort. „Ich bin so gütig, Dir wieder zu schreiben“ ist extrem aufschlussreich, weil ich auch in diesem Buch auf ihr dreijähriges Schweigen stieß, das so viel Raum für Spekulationen über ihr verborgenes Liebesleben bietet. Hat Jane Austen sich selbst Modell gestanden für Romane, die man mit ihr verbindet? Lesen wir heute ihre eigene Geschichte, bestens verborgen im Korsett der Zeit und zwischen den Falten der Reifröcke ihrer Romanfiguren? Wir werden es wohl nie erfahren…

Auch in dem feinen kleinen Reclam-Brevier „100 Seiten Jane Austen“ findet man kaum Greifbares zum autobiografischen Aspekt ihres Schreibens. Dafür wird man jedoch in lustig komprimierter Form auf Stand gebracht und kann locker jede Frage zu ihr beantworten, wenn man mal auf dem heißen literarischen Stuhl sitzt. Für mich steht jedoch fest, dass ich ihr vielleicht Hof gemacht hätte. Die Faszination für diese Frau ist ungebrochen. Ein Abendessen an ihrer Seite, ein Gespräch mit ihr und alle Zweifel am Wahrheitsgehalt von „Stolz und Vorurteil“ würden sich wohl in Luft auflösen. Ich fand im Hause Der Hörverlag neue Nahrung für meine Leidenschaft. Ein echtes Hörspiel in optisch ansprechender Aufmachung erregte meine Aufmerksamkeit. Das CD-Case mit Funkel-Glitzer-Faktor und einem Booklet passen zum Thema. Britisch, adelig und voller Seitenhiebe auf die pseudo-royale High Society zur Zeit der Jahrhundertwende 1798 / 1803.

Northanger Abbey von Jane Austen - AstroLibrium

Northanger Abbey von Jane Austen

In dieser Zeit schrieb sie Northanger Abbey“. Und wie sie schreib. Keine Lovestory und kein Herzschmerz, keine intensive tiefenpsychologische Auseinandersetzung oder paartherapeutische Seelenstudie. Nein. Es ist fast satirisch, wie sie die Handlung ihres Romans in ein Szenario einbettet, das nicht nur tiefes Schmunzeln verursacht. Ich treffe auf die junge Catherine Moreland. Kein Mädchen aus bestem Hause. Sicher nicht die beste Partie auf dem hart umkämpften Heiratsmarkt, aber eine lebenslustige aufrechte und weltoffene junge Frau, mit der man gerne ein paar Pferde gestohlen hätte. Und sie liebt Gruselromane. Je schauriger, je besser. Je verworrener, desto lieber. Kapitelweise saugt sie den Schauder auf und lässt sich in ihrer Fantasie beflügeln. Bezaubernd…

Als sie von guten Freunden der Familie zu einem Ausflug nach Bath eingeladen wird und sich dort in den extrem charmanten Henry Tilney verliebt, gerät ihre heile Welt aus den Fugen. Im Widerstreit der Gefühle wird sie nun zum Spielball einer Gesellschaft, in der es gilt, mehr zu scheinen als zu sein. Hier zelebriert man das adelige Lebensgefühl einer privilegierten Upper Class. Hier stellt man sich und seinen schier unermesslichen Reichtum zur Schau. Nicht gerade die Welt, in der Catherine Moreland verhaltenssicher und souverän agiert. Es kommt ihr vor, wie in einem Traum. Und als sie dann auch das Interesse eines weiteren vielversprechenden Mannes weckt, weiß sie nicht, wie sie sich zu verhalten hat.

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Northanger Abbey von Jane Austen

Es wird kompliziert. Rauschende Bälle werden besucht, zarte Beziehungen geknüpft, es wird geflirtet und getratscht. Es ist alles geboten, was das junge Herz begehrt. Man verabredet sich und versucht sich gegenseitig zu verkuppeln. Dreieckskonstellationen haben Hochkonjunktur. Und mittedrin die unbescholtene Catherine, die versucht allen Erwartungen gerecht zu werden. Als ihr Bruder ins Spiel kommt, der sich in eine junge Dame verliebt, wird von ihr erwartet, deren Bruder zu treffen. Überkreuz verheiratet es sich am besten. Da kommt der junge Henry Tilney gerade recht, der Catherine auf den Landsitz seiner Familie einlädt. Northanger Abbey.

Geheimnisumwittert, düster und so schaurig wie in ihren Gruselromanen vermischt sich Fantasie mit Realität. Ihre Offenheit und ihr Interesse am alten Familiengeheimnis der Tilneys brüskieren jedoch ihren Gastgeber, einen ehrenwerten General. Dass jener das junge Mädchen jedoch kurzerhand vor die Tür setzt, ist nun auch für uns mehr als überraschend. Jane Austen hat natürlich eine Erklärung auf Lager. Sie lässt uns nicht im Regen stehen mit jener armen enttäuschten Catherine. Eine federleichte und spitze Satire auf den Jahrmarkt der Eitelkeiten der Schönen und Reichen zu ihrer Zeit. Nicht ansatzweise so ernsthaft und tragisch, wie ihre anderen Bücher. Und doch so viel mehr als eine Fingerübung.

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Northanger Abbey von Jane Austen

„Northanger Abbey“ ist wie gemacht für ein Hörspiel. Allerdings impliziert allein der Begriff schon eine hohe Erwartungshaltung an eine solche Romanadaption. Hier ist sie absolut gelungen. Vierzehn brillante Stimmen, vier virtuose Musiker und ein Komponist. Unter der Regie von Silke Hildebrandt beginnt ein szenischer Zauber seine Magie zu entfalten. Die Musik von Jakob Diehl lädt einerseits dazu ein, fröhlich das Tanzbein zu schwingen, ist jedoch andererseits auch in der Lage den schaurigen Fantasien unserer jungen Catherine Moreland ein gruseliges Echo zu verleihen. Atmosphärisch brillanter geht es nicht. 

Wenn dann noch die Stimmen ihre eigene Klangfarbe entwickeln, kann man nicht mehr aufhören zuzuhören. Ulrich Noethen als Erzähler, Anna Drexler als Catherine, Max Bretschneider als Henry Tilney. Mehr muss man Hörbuchliebhabern nicht sagen, wenn man auf die hervorragende Besetzung des Hörspiels hinweisen möchte. Und was das Gruseln angeht, kommt man wirklich auf seine Kosten. Es ist Simon Scardanelly, der auf unnachahmliche Weise der britischen Gruselliteratur Leben einhaucht. Und das auch noch in der Originalfassung. Lassen Sie sich überraschen. Hier wird aus Austens Debüt-Roman ein echter Klassiker. Einziges Manko: Alles endet nach nur zweieinhalb Stunden. Ich hätte noch einige Wochen auf Northanger Abbey bleiben können. Es war gerade so schaurig schön. Kompliment…

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Northanger Abbey von Jane Austen

EREBUS von Michael Palin

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EREBUS von Michael Palin

Wir schreiben das Jahr 1845. Zwei Schiffe machen sich in England auf den Weg, die letzte offene Frage der Seefahrt zu klären und im arktischen Eis den verborgenen Weg durch die legendäre Nordwestpassage zu finden. 134 Seeleute folgen dem Oberbefehl von Sir John Franklin, dem nicht unumstrittenen Konteradmiral und Polarforscher. Er war nicht die erste Wahl für das Kommando dieser Expedition. Er galt als zu alt, viel zu behäbig und konnte nicht viele Erfolge vorweisen. Es war nur seiner Frau Jane Griffin, Lady Franklin zu verdanken, dass man ihn mit der Führung der prestigeträchtigen und kostspieligen Aufgabe betraute. Sie hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, ihr Netzwerk aktiviert und ihren Einfluss geltend gemacht, um ihren Mann unsterblich zu machen.

Unter seinem Kommando stießen die „Erebus“ und die „Terror“ in See. Gerüstet für eine mehrjährige Expedition, aufwendig umgebaut und für die arktische See perfekt ausgestattet, verließen die beiden Schiffe das britische Greenhithe. Hier beginnt eines der größten und lange Zeit ungeklärten Rätsel der Forschungsgeschichte. Nachrichten blieben aus. Zuerst nicht ungewöhnlich. Dann jedoch, nach zwei Jahren wurde man im Oberkommando der Marine zusehends nervös. Und nicht nur dort. Lady Jane Franklin baute einen unwiderstehlichen Druck auf, endlich nach ihrem Mann und den beiden auf See verschollenen Schiffen zu suchen. Elf Jahre lang dauerte die verzweifelte Suche in der Arktis, bevor erste Spuren und Beweise für das Scheitern der Expedition gefunden wurden. Beweise, die das Empire in helle Aufregung versetzten, machte sich doch das Gerücht breit, beide Schiffe seien gesunken und die Überlebenden hätten sich auf dem Weg durch das ewige Eis vom Fleisch ihrer toten Kameraden ernährt. Bis auch sie den Geist aufgaben. Unvereinbar mit den britischen Moralvorstellungen. (Weiterhören)

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EREBUS von Michael Palin – Der PodCast zur Rezension ist verfügbar…

Bis zum heutigen Tag ist nicht alles geklärt. Bis heute ranken sich Geheimnisse und offene Fragen um das Schicksal der verlorenen Expedition. Spekulationen gehen Hand in Hand mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es ist schwer, sich einen Überblick über den Stand der Dinge zu verschaffen. Zusammenhänge und Ursachen zu erkennen fällt schwerer denn je. Genau hier setzt Michael Palin in seinem Buch „Erebus“ an. Genau der Michael Palin, den wir eigentlich von einer ganz anderen Seite kennen. Als Mitglied der Komikergruppe Monty Python erlangte er als Texter und Schauspieler nicht zuletzt durch den Film „Das Leben des Brian“ Weltruhm und Kultstatus. Kaum jemand kennt jedoch seine anderen Facetten. Er ist nicht nur ein renommierter Reiseschriftsteller und ehemaliger Präsident der Royal Geographical Society. Nein. Seit 2018 ist er auch ein richtiger SIR, nachdem er von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen wurde. Er hat nach seiner beispiellosen Karriere als Komiker einen kaum vorstellbaren Imagewechsel vollzogen und gilt heute als renommierter Autor, Filmemacher und Wissenschaftler.

Dieses Buch aus seiner Feder in Händen halten zu dürfen ist in vielfacher Hinsicht ein echtes literarisches Erlebnis. Der mare Verlag hat „Erebus“ in jeder Beziehung zu einem absoluten Highlight im Bereich der Sachbuch-Neuerscheinungen gemacht. Das beginnt schon beim Cover, das als Eyecatcher heraussticht, und setzt sich bei Karten, Originalfotos und Zeichnungen fort, die an Bord beider Schiffe entstanden sind. Schon beim ersten Blick auf das Buch stand für mich fest, dass ich die festliche Zeit zwischen den Jahren mit ihm verbringen würde. Das Lesen zelebrieren. Welches Buch wäre hier besser geeignet. Ich scharte meine nautische Ausrüstung um mich, legte den Kompass und meinen Sextanten in Reichweite, griff zu meinem Globus und begab mich auf eine Reise, die ich nicht mehr vergessen werde. Die Bilder auf meiner Facebook-Seite und auf Instagram sprachen eine mehr als deutliche Sprache. Und so blieb ich nicht allein.

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EREBUS von Michael Palin

Was macht Erebus aus heutiger Sicht zu einem relevanten Thema? Warum zieht die Geschichte zweier verlorener Expeditionsschiffe die ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich? Fragen, die ich mir lesend gestellt habe. Ich denke, es ist die Faszination für die großen ungeklärten Fragen unserer Zeit. Es ist das Geheimnis, das die Expedition bis heute zum einem mystischen Akt überhöht und es sind die menschlichen Abgründe, in die man sich kaum noch hineinversetzen kann, weil uns das Verständnis für diese Zeit verlorengegangen ist. Eine Zeit, in der die Welt noch nicht vermessen war. Eine Zeit, in der Navigation über Leben und Tod entschied. Eine Zeit, in der Forscher bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um das Prädikat „DER ERSTE“ für sich beanspruchen zu können. Diese Faszination ist die große Klammer über „Erebus“ und Michael Palin gelingt es nicht nur, einen Forschungsbericht zu verfassen. Er befreit die beiden Schiffe und die Menschen an Bord von jeder Sachlichkeit, die ein Sachbuch eigentlich zu dem macht, was es sein soll.

Palin geht den persönlichen Weg. Er erzählt von den Menschen der Expedition und ihren Beweggründen. Er beleuchtet ihre Stärken und Schwächen. Vom einfachen Maat bis zum Offizier, niemandem wird die Wertschätzung entzogen. Um uns mit ins Boot zu nehmen, setzt Michael Palin bei einer früheren Reise der beiden Schiffe an. Es ist hier die Antarktis, die erforscht wurde. Es ist eine Reise, von der die Besatzung zurückkehrt und von der sie berichten kann. Briefe, Logbucheintragungen, Zeichnungen und später erzählte Geschichten zeugen von den Lebensumständen an Bord. Hier werden einzeln wahrzunehmende Schicksale greifbar. Hier schöpft Michael Palin aus dem Vollen aller verfügbaren Erinnerungen. Hier sind wir mit an Bord. Frieren, erleben den individuellen Rhythmus aus Wachen, Schlafen, Wachen und Schlafen. Wir geraten in Lebensgefahr und haben am Ende dieser Reise viel zu erzählen. Wir waren dabei.

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EREBUS von Michael Palin

Der Bruch in der Beschreibung der eigentlichen Expedition zur Durchquerung der Nordwestpassage ist brutal. Hier hören die originalen Dokumente auf. Hier schweigt die Besatzung, hier wird nichts mehr überliefert. Ruhe, weil niemand zurückkehrte, um vom Scheitern zu erzählen. Wir sehen die Porträts der Offiziere, die kurz vor dem Auslaufen aufgenommen wurden. Wir erleben die aufwendige Umrüstung jener Schiffe. Dann wird es dunkel. Als läge nun der Mantel des Schweigens über 135 Menschen und der Reise in den Untergang. Michael Palin erzeugt ungekünstelt eine schaurige Stimmung, in der wir uns auf Sekundärquellen verlassen müssen. Stimmen aus London. Die verzweifelte Lady Jane und ihre Briefe zeigen das Ausmaß der Katastrophe. Wir ahnen, was beiden Schiffen zugestoßen sein muss. Wir begleiten die Suchmannschaften auf Expeditionen zur Rettung der Überlebenden. Wir hören ihre Berichte.

Und wir werden zu Zeugen der mündlichen Überlieferungen der Inuit. Sie sind die wohl letzten Zeugen vom Niedergang der Franklin-Expedition. Sie schreiben nichts auf. Sie erzählen es ihren Nachfahren. Ihnen muss man glauben schenken. Michael Palin erweist der Geschichtserzählung der Ureinwohner die größte Ehre. Sein Buch schließt die Kreise. Aus Spekulation wird Gewissheit und aus Zufallsfunden wird ein Muster. Bis zum Jahr 2010 setzte sich die internationale Suche fort. Was sie zutage fördert, ist im Kontext der Darstellung von Michael Palin nun ein zutiefst persönlicher Akt. Wir stehen persönlich vor den wenigen gefundenen Gräbern. Wir sehen die exhumierten Leichen und finden die Ursachen für ihren Untergang. Gerüchte bestätigen sich, Spekulationen werden ins Reich der Fabel verbannt. Nichts ist hier sachlich. Nichts neutral. Wir haben das Gefühl, dabei gewesen zu sein.

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EREBUS von Michael Palin

Michael Palin bereist viele Schauplätze seines Berichtes selbst. Er garniert seinen historisch fundierten Bericht mit persönlichen Eindrücken und lässt Emotionen zu. Wir begleiten ihn bis in die Themsemündung und stehen am Anleger, wo Angehörige und auch Lady Jane ihre Männer zum letzten Mal sahen. Wehmut ist Teil dieses Buches. Bei aller Kritik an der Ehefrau des Konteradmirals werden wir jedoch auch zu Zeugen einer niemals enden wollenden Suche. Wir erleben eine Frau, die alles versuchte, den Mann ihres Lebens wiederzufinden. Wir erleben die Frau, die am Ende und im Wissen um das Scheitern, nichts unversucht lässt, die Ehre von John Franklin reinzuwaschen. Sie selbst wird heute noch als Abenteuerin bezeichnet, obwohl sie nie auf See war. Sie war jedoch in jedem Augenblick an Bord der „Erebus“ präsent. 

Wenn ihr ein Buch sucht, mit dem sich das Lesen zelebrieren lässt, dann kann ich „Erebus“ nur empfehlen. Eine große, in dieser Form bisher unerzählte Geschichte von Abenteuer und Scheitern. Aber eben auch eine zutiefst menschliche Geschichte einer großen Tragödie, die bis heute nachwirkt. Reist besser nicht alleine. Die „Erebus“ war auch mit ihrem Schwesterschiff, der „Terror“ unterwegs. Gemeinsam lässt sich dieses Abenteuer leichter überstehen. Gemeinsames Lesen ist das schönste Lesen. Ich habe die Zeit an Bord genossen, bin aber heilfroh, überlebt zu haben. Und doch werde ich es wagen, wieder an Bord zu gehen. Franklin und seine Kameraden auf See gehörten zu den Barrows Boys, einer illustren Gesellschaft aus Offizieren, die statt in den Krieg, in die Welt segelten, um auch noch die letzten unberührten Fleckchen zu entdecken. Von ihnen handelt das gleichnamige Buch aus dem mare Verlag. Es legt bald bei mir an.

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EREBUS von Michael Palin

Weitere Expeditionen bei AstroLibrium: Von Schiffen, Bergen und Entdeckern.

Juni 53 von Frank Goldammer (Max-Heller-Reihe Band 5)

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Juni 53 von Frank Goldammer

Wir schreiben das Jahr 1953. Es ist Juni und wir befinden uns in Dresden. Es ist das achte Jahr einer Lebensgeschichte, der ich durch die Buchreihe von Frank Goldammer folge. 1945 „Der Angstmann“, 1947 „Tausend Teufel“, 1948 „Vergessene Seelenund 1951 „Roter Rabe“. Vier spannungsgeladene und literarische Bücher lang bin ich nun schon treuer Wegbegleiter des Dresdner Kommissars Max Heller. Jahre, die nicht nur sein Leben, sondern auch ein ganzes Land und seine Heimatstadt verändert haben. Ausgebombt, befreit, besetzt, im geteilten Deutschland souverän, sozialistisch geprägt und ideologisch von einem Extrem ins andere driftend. Seit Jahren fühlt man sich dem gar nicht linientreuen, weil unpolitischen Ermittler verbunden. Seit Jahren folgt man ihm durch die neuralgischen Zeitscheiben der deutschen Geschichte…

Wenn wir nun „Juni 53“ von Frank Goldammer lesen oder hören, fühlt es sich fast an, als würden wir nach Hause kommen. Die Stadt ist uns vertraut, die Familie und die Lebensumstände des Ermittlers sind bekannt. Im fünften Band der Reihe gibt es für die treuen Leser und Hörer keine weißen Flecken mehr im Leben von Max Heller. Wir sind auf Augenhöhe, wenn wir ihm begegnen. Ein Sohn bei der Stasi, einer im Westen, eine Familie, die im neuen Deutschland zerrissen ist. Eine Adoptivtochter und eine Ehefrau, deren Gefühlsleben zwischen Flucht und Bleiben wechselt. Ein Kommissar, der sich in seiner gesamten Karriere nicht vereinnahmen ließ, steht im Zentrum der Handlung. Nie in einer Partei gewesen. Das gilt systemübergreifend. Kein Nazi, kein Kommunist, kein Sozialist. Polizist. Mit Leib und Seele. Gerechtigkeits- und wahrheitsliebend. Ein Mann auf der Gratwanderung zwischen den politischen Systemen. Ein Systemsprenger.

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Juni 53 von Frank Goldammer

Eigentlich muss man kaum erklären, wohin uns Frank Goldammer im fünften Band seiner Erfolgsreihe entführt. 1953, der 17. Juni. Ein neuralgisches Datum der deutsch-deutschen Geschichte, auch wenn sich die Ereignisse im Osten eines geteilten Landes abspielten. Volksaufstand; Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung; Angst, das Land nicht mehr verlassen zu können; Proteste auf den Straßen; Niederschlagung des Aufstands durch die Sowjetarmee; Ausnahmezustand; Gewalteskalation; Prozesse und Verurteilungen. Eine lebensbedrohliche Krise der noch jungen DDR. Mittendrin im Chaos dieser Tage, Max Heller. Er ermittelt in einem Mordfall, der mit dem Aufstand im Zusammenhang stehen muss. Ein Betriebsleiter, brutal mit Glaswolle erstickt, genau an dem Tag, an dem sich in der DDR der Unmut Luft verschaffte. Eine Ausgangssituation, die in jedem anderen Kriminalfall nach Kriminalfall riecht und schmeckt. Hier nicht! 

Hier sind wir den Szenarien des Dresdner Autors Frank Goldammer ausgeliefert, dessen Reihen-Konstruktion genau diese Zeitscheiben als Etappen in der Geschichte seines Protagonisten Max Heller anvisiert. Eigentlich reicht ihm ein einfacher Unfall, um ganze Handlungsketten loszutreten, eigentlich bedarf es gar nicht des brutalen Mordes, um die Zwickmühle eines Polizisten zum Roman zu verdichten. Frank Goldammer wäre jedoch nicht Frank Goldammer, wenn er seine Zeitreise durch jene Zeitgeschichte nicht mit einem aufsehenerregenden Mord anreichern würde. Sein Plan geht auf. Die Zeit ist hier der beste Freund des Autors, sie arbeitet für ihn. Eingebettet in diese authentische Rahmensituation greift in seinen Romanen ein Charakterrädchen ins nächste. Es läuft wie geschmiert. Dank des brillanten Settings kann er seinen Kommissar mit Problemen und Hindernissen konfrontieren, die nur zu dieser Zeit, nur in dieser Region und nur bei Max Heller zum Tragen kommen. Ein literarisches Alleinstellungsmerkmal, nach dem in der Literatur oftmals verzweifelt gesucht wird.

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Frank Goldammer gelingt mit einem Roman, was man dem Genre eigentlich nicht zutraut. Wie könnte ein Kriminalroman in der Lage sein ein grundlegendes Verständnis für die Lebensumstände in der damaligen DDR zu wecken? Wie kann es gelingen, dem heutigen Leser zu verdeutlichen, wie schwer bis unmöglich es war, sich einem System zu verweigern, auf das man eigentlich mit seiner ganzen Familie angewiesen war? Wie kann man Vorbehalte abbauen um einem, heute gesamtdeutschen, Publikum bei einer Lesung die Hand zu reichen und Mauern zu überwinden, hinter denen man sich immer noch gerne versteckt? Es geht, wie Frank Goldammer beweist. Mit dem Charakter von Max Heller bietet er einen facettenreichen Antihelden an, der Nachteile in Kauf nimmt und im eigentlichen Sinne nur als Polizist arbeiten möchte. So wie er wäre man selbst gerne. Jedoch, ob wir so standhaft bleiben würden, das darf jeder für sich entscheiden.

Die politischen Rahmenbedingungen in der DDR im Jahr 1953 engen den Spielraum als Polizist gewaltig ein. Heller steht man skeptisch gegenüber. Das Parteibuch scheint nicht nur über wirtschaftliche Privilegien zu entscheiden, es bestimmt auch die Karriere. Beförderungen und Aufgabenfeld haben nicht mehr nur etwas mit Können zu tun. Hier geht die Schere zwischen beruflicher Selbstverwirklichung und Druck von außen weiter auf, als es Heller je gedacht hat. Man nimmt ihm die Methodenkompetenz, die Stasi ist ständiger Begleiter der Ermittlungen und Begriffe wie Sippenhaft und Schlafentzug sind neue Wegbegleiter des aufrechten Kommissars. Er wird anders wahrgenommen. Hier scheint der Systemgegner gegen das System zu ermitteln. Arbeiten ohne Hindernisse gehört der Vergangenheit an. Die Folgen sind nicht nur für ihn dramatisch. Seiner Frau bleibt in Gedanken nur der Weg in den Westen. Für seinen Sohn, der für die Stasi und somit für das System arbeitet, entwickelt sich der eigene Vater zum Hindernis.

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Zusehends zieht sich die Schlinge enger um den Hals von Max Heller. Jede Spur, die er wittert, wird überlagert von seiner eigenen Rolle. Man würde ihm gerne zurufen, dass es doch einfacher sei, das Parteibuch in die Hand zu nehmen. Es würde doch an seinem Charakter nichts ändern. Man würde es seiner Familie wünschen. Dann ertappt man sich bei diesen Gedanken und merkt, wohin uns Frank Goldammer manövriert hat. Wenn wir es Heller nicht vorwerfen würden, warum dann den Menschen, die wir heute noch so gerne als Mitläufer bezeichnen? Und wie hätten wir uns selbst verhalten, wenn nur die Parteizugehörigkeit alleine den Weg zum eigenen Auto oder einer Wohnung im scheinbaren Wohlstand geebnet hätte? Heller wird zum Vorbild für die Verführungen in einem solchen (einem jeden) System. Sein Ideal zu erreichen macht ihn unantastbar.

Gerechtigkeit wird zum interpretierbaren Faktor. Die Grenzen zwischen Agitation im Auftrag politischer Machthaber und dem einfachen Mord auf der Straße zerfließen. Der Feind definiert sich nicht durch kriminalistisches Gespür, er ist vorgegeben. Genau hier zu ermitteln ist fast unmöglich. Heller geht den dornenreichen Weg. Der Mord im „Juni 53“ verläuft auf diesem schmalen Grad. Für die Polizei wird Heller zum Problem und für diejenigen, für die er eigentlich ermittelt, die Leidtragenden, ist er trotzdem ein Teil der Staatsmacht. Ein Rollenkonflikt, den er kaum selbst aufzulösen vermag. Hier erfährt der Held seine Läuterung, als er mit Sichtweisen konfrontiert wird, die ihn selbst auch in der Zeit der Nazis als Mitläufer zeigen. Konnte er sich so sehr irren? Wie kann er jetzt den Spagat vollbringen und den Mord aufklären, den man politisch instrumentalisieren und für Propaganda nutzen möchte? Ein Gewissenskonflikt, der nur einen Ausweg zulässt. Den Westen. Oder entscheidet er anders?

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Juni 53 von Frank Goldammer

Frank Goldammer legt mit seiner Max-Heller-Reihe einen Grundstein für eine Art von Wiedervereinigungsliteratur. Er lässt Grenzen verschwinden und beleuchtet auf seine ganz besondere Art das Leben in einer DDR, die wir so vielleicht nicht kannten. Dabei ist Max Heller der Prototyp eines Deutschen, der wir gerne selbst wären. Egal in welcher geschichtlichen Zeitscheibe, er verkörpert das Ideal. Dass es kaum erreichbar ist, macht die Buchreihe so verbindlich und verbindend. Goldammer führt Beispiele an, die für echten Widerstand stehen. Dem inneren Widerstand Hellers stellt er den offenen einer „Weißen Rose“ gegenüber. Er selbst stellt Max Heller in Frage. Er liefert ihn uns aus. Werden wir urteilen können? Oder können wir uns an ihm orientieren, wenn es um Standhaftigkeit geht? Ich wünsche es mir.

Wie es weitergeht? Die Zeit wird es zeigen, denn sie arbeitet für Frank Goldammer. Wir werden uns mit ihm nach vorne arbeiten, Konflikte werden sich zuspitzen und die Staatsmacht wird allmächtiger. Wie ich einleitend schrieb, dem Autor reicht ein banaler Fahrradunfall, um Max Heller aufzureiben. Wie ich Frank Goldammer kenne, wird er es ihm und uns jedoch nicht so leichtmachen und wieder einen spannungsgeladenen Fall mit Leben füllen, der lebensgefährlich ist. Heikko Deutschmann hat mich in der leicht gekürzten Hörbuchfassung erneut abgeholt und gefesselt. Er ist die Stimme der Reihe um Max Heller und eine gemeinsame Vergangenheit, die wir im Westen so leicht als „Eure“ Vergangenheit abgetan haben. Falsch gedacht. Großartig gemacht, Frank.

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