Der Abstinent von Ian McGuire

Der Abstinent von Ian McGuire - Astrolibrium

Der Abstinent von Ian McGuire

Wenn man den Namen des Schriftstellers Ian McGuire auf einem Buchumschlag liest, sollte man sich schon gut überlegen, ob man einen Roman aus seiner Feder auf dem Büchertisch ignorieren darf. Spätestens seit Nordwasser sollte sich die Kunde verbreitet haben, dass der britische Erfolgsautor nicht nur viel zu erzählen hat, sondern wie er es erzählt. Die Walfangreise an Bord der „Volunteer“ mutiert zum einzigartigen Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer. Der Walfang allein reicht ihm nicht aus. Ian McGuire entfacht ein maritim geprägtes rechtsmedizinisches Inferno, in dem einem das Wasser bis zum Halse steht. Ich schrieb zu „Nordwasser„:

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Jetzt ist Ian McGuire wieder zurück. Es ist „Der Abstinent„, der uns ins England des Jahres 1867 entführt. Es ist ein historisches Szenario, das er als Impuls für den neuen Roman für sich entdeckte. Es ist die Zeit des irischen Widerstandes gegen das britische Königshaus. Ein Widerstand, der brutal niedergeschlagen werden soll. Ganz egal, wo er zutage tritt. Zum Beispiel in Manchester – fernab von der grünen Insel…

„Eine Krähe krächzt, als zöge man einen trockenen Korken aus einer Flasche; irgendwo am Fluss klappern Wagenräder und ein Pferd wiehert. Einen langen Augenblick stehen die drei Männer Seite an Seite unter dem schweren Eichenbalken wie grob gehauene Karyatiden, getrennt und doch vereint,
dann erschreckend plötzlich sind sie weg.“

Hier werden am 23. November 1867 drei Todesurteile vollstreckt. Öffentlich zeigen die royalen Machthaber, wie sie mit den „Fenians“, den irischen Terroristen umgehen. Ihre Anschläge tragen den Konflikt von Irland ins Herz ihres Feindes. Die große irische Community in Manchester scheint das ideale Brutnest für ihren Freiheitskampf zu sein. Dass man durch die Hinrichtung der Iren die Gewaltspirale erst recht beschleunigt und Märtyrer erzeugt, scheint den Regierenden egal zu sein. Jedes Mittel ist erlaubt. Darin zumindest sind sich die Konfliktparteien einig. Vom Polizistenmord bis zur Vergeltung, die Distanz zwischen Ursache und Folge schrumpft in sich zusammen und genau hier lässt Ian McGuire seine Protagonisten agieren. Auf beiden Seiten der formierten und geschlossenen Reihen.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Wer hier von Ian McGuire einen ausschweifenden historischen Roman erwartet, der en passant auch noch die Hintergründe des irischen Freiheitskampfes in aller Tiefe erläutert, komplexe historische Beschreibungen der Geschichte dieses Konflikts in den Mittelpunkt stellt und sozio-politische Themen im Spiegel der Zeit thematisiert, der sieht sich schnell getäuscht. Dieser Kampf ist ein Stellvertreterkrieg für alle Szenarien in der Weltgeschichte, die geeignet erscheinen, große Geschichten von einsamen Wölfen zu erzählen, die im Clash of Conflicts aufeinanderprallen. Hier geht es unvermittelt und im gestreckten Galopp zur Sache. Hier wirkt die Hinrichtung der Fenians wie der Aufzug eines Theatervorhanges, um uns einen ersten Blick auf die verfeindeten Kontrahenten werfen zu lassen. Hier betritt „Der Abstinent“ die Bühne des Freiheitskampfes. Und er betritt sie nicht allein….

Hier zeigt Ian McGuire seine größte Stärke. Es ist die Nähe zu seinen Protagonisten, die seine Romane zu psychologisch wertvollen Charakterstudien macht. Er führt seine Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten, mit ihren persönlichen Geschichten und in aller Tiefe ins Gefecht und verwischt alle Grenzen zwischen Gut und Böse. Er gewährt tiefe Einblicke hinter die harte Schale seiner Antihelden und macht uns zu Gefährten in schwierigen Zeiten, Komplizen im Verrat, Mitwissern bei gefährlichen Plänen und nicht zuletzt zu Mittätern, wenn wieder einmal die „Rules of engagement“ verletzt werden. Es ist der irische Polizist, der aus Dublin nach Manchester geschickt wird, um bei seinen Landsleuten Spitzel anzuwerben, um den Fenians jetzt zuvorzukommen. Für Constable James O´Connor ist dieser Job alternativlos. Eine Bewährungsprobe. Jetzt, abstinent und fern der Heimat, kann er wieder zeigen, was in ihm steckt. Ein harter Hund mit dem Instinkt eines Jagdhundes, in dem die Vergangenheit sehnsuchtsvoll schlummert.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Was er nicht ahnt, die Fenians sinnen auf Rache für die hingerichteten Patrioten und setzen dabei auf ein in Manchester unbeschriebenes Blatt. Der frisch aus Amerika eingereiste irische Bürgerkriegsveteran Stephen Doyle handelt nach der Maxime, im Krieg ist alles erlaubt und jeder Zweck heiligt die Mittel. Es entwickelt sich ein gewagtes Katz- und Mausspiel zwischen den beiden einsamen Wölfen. So unterschiedlich sie in ihren Zielen sind, so sehr ähneln sich ihre Charaktere. Getrieben vom Irrglauben, einer Sache verpflichtet zu sein. Gelenkt von der Idee, die Wahl der Mittel nur in der eigenen Hand zu haben. Unbeirrt in der Sichtweise, sich selbst auf einem fatalen Opfergang zu befinden und verwundert, wenn nicht sie den Ereignissen zum Opfer fallen. Das ist der Stoff, aus dem große Romane gewebt sind. Zwei Männer, innerlich verletzt und voll von durchlebten Verlusten, instrumentalisiert und fremdgesteuert, liefern sich nicht nur den Showdown dieses Romans. Sie liefern sich den Showdown ihres Lebens.

Ian McGuire bleibt seinem Erzählstil treu. Er schreibt Klartext, er beschönigt nicht in seinen Beschreibungen von Lebensumständen, Erfahrungen und Leid. Er erweitert den Erzählraum um ein paar wichtige Charaktere, an denen sich seine Hauptakteure reiben und aufreiben. Er bringt Liebe und Zuneigung ins Spiel, wo alles nach verbrannter Erde riecht. Er lässt sehnsuchtsvolle Momente zu, wenn Hass regiert. Und er wechselt nicht nur gekonnt die Perspektiven, sondern auch die Schauplätze. Eine Jagd, die eigentlich in Manchester begann, wird im fernen amerikanischen Harrisburg fortgesetzt. Es sind auch hier die ausgewanderten Iren, die ihrer fernen Heimat die Treue halten. Ein Spiel um Vaterlandsliebe, Loyalität und die eigenen Prinzipien. Der Einsatz ist hoch.

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Der Abstinent von Ian McGuire

„Wir stecken alle fest im selben, großen, sich langsam drehenden Hamsterrad, denkt er. Wir glauben, wir kommen voran, aber in Wahrheit geht es immer nur
im Kreis.“

Der Abstinentist alles andere als enthaltsam. Dieser Roman macht trunken vor purer Lesefreude. Gerade wird „Nordwasser“ von der BBC als Serie mit Colin Farrell in der Hauptrolle verfilmt. Man kann nur hoffen, dass „Der Abstinent“ auch einen Weg findet, um vom Kopfkino zum opulenten Realkino zu werden.

Folgen Sie mir zu weiteren Buchvorstellungen bei AstroLibrium, die uns das ewig sehnsuchtsvolle Herz der „Grünen Insel Irland“ näherbringen. Von Auswanderern und den unsterblichen Mythen, von der Geschichte des Regens bis ins ferne Brooklyn, von einem Freund der Toten bis zu den Tagen ohne Ende. Irland ist ein weites literarisches Feld, das jede Reise lohnt. Ich folge jetzt Sebastian Barry auf eine kleine irische Farm und freue mich auf die Begegnung mit „Annie Dunne„. Ich stelle sie Ihnen bald vor.

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Im Dschungel des menschlichen Miteinanders [Glockenbachwelle]

Glockenbachwelle - Im Dschungel des menschlichen Miteinanders - Astrolibrium

Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

Herzlich willkommen zur zweiten Ausgabe unserer GlockenbachWelle. Aus gutem Grund diesmal nicht als Präsenztalk im Münchner Glockenbachviertel, sondern einem pandemischen Geschehen Rechnung tragend, als Aufzeichnung eines Skype-Meetings. Wir freuen uns sehr, dass Sie erneut mit uns auf dieser Literaturwelle reiten. Wir: Das sind die Glockenbachbuchhandlung in München, Literatur Radio Hörbahn, Steffi Sack vom Blog Nur Lesen ist schöner und meine Wenigkeit. Wir möchten zukunfitg in genau dieser Konstellation gemeinsam neue Akzente setzen, Impulse geben und als Symbiose aus Buchhandel, Radio und Literaturblogs auf interessante Bücher und ihre Autoren und Autorinnen aufmerksam machen. Los geht´s:

Die GlockenbachWelle - Astrolibrium

Die GlockenbachWelle

Die zweite GlockenbachWelle

Eine Buchhändlerin, zwei Blogger:innen und zwei Autorinnen im Gespräch…

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung München – diesmal via SKYPE
Die Runde: Pamela Scholz (Buchhändlerin), Steffi Sack (Nur Lesen ist schöner), Arndt Stroscher (AstroLibrium) mit Henriette Kuhrt und Sarah Paulsen

Unterstützt von der Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Petra Schulz und mit Dank an Tom Dulovits für das digitale Remastern des Skype-Meetings. 

Das Buch: „Im Dschungel des menschlichen Miteinanders“ von Henriette Kuhrt und Sarah Paulsen. Ein Knigge für das 21. Jahrhundert erschienen im Goldmann Verlag.

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Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

Braucht es ein neues Regelwerk, um im Dschungel des menschlichen Miteinanders überleben zu können? Ist es an der Zeit, den „alten Knigge“ vom Sockel zu stoßen und den neuen Rollenbildern, Normen und Medien der Interaktion Rechnung zu tragen? Ist es nicht genau jetzt an der Zeit, sich ins „Trainingslager der untrainierten Tugenden“ zu begeben und miteinander nach Wegen zu suchen, die Fallstricke zu umgehen, die uns zum Opfer zahlloser Fettnäpfchen machen? Henriette Kuhrt und Sarah Paulsen sind sich einig. Wenn nicht jetzt, wann dann. So entstand das Gemeinschaftswerk, das sich als „Stabile Seitenlage für Krisen“ lesen lässt, aber auch geeignet ist, die Standards zu definieren, ohne die wir uns in unserer modernen Gesellschaft im Dschungel verirren.

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Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

Worauf Sie sich freuen dürfen:

  • Zwei stilsichere Autorinnen als versierte Dschungel-Guides 
  • Eine überraschende „Schalte“ von München nach Berlin
  • Die Glockenbachbuchhandlung als Mission Control
  • Literaturtipps von Henriette Kurth, die es in sich haben
  • Shortcuts – kurze Fragen – kurze überraschende Antworten…
  • Ein besonderer Dschungel voller Lianen, Morast und Treibsand
  • Ein lange erwartetes Knigge-Update
  • Ein Dschungel-Talk über eine Pandemie, Sprache als verbaler Fingerabdruck, soziale Medien, einen besonderen Regenbogen, Sexismus, Rassismus und das große Minenfeld der Interaktion: Erziehung
  • Kritisch-Inspirierendes zu modernen Rollenbildern und Rollenverhalten
  • Das besondere Irritationspotenzial, das eher Männer betrifft
  • Sarah Paulsen, die auch mal etwas Gemeines sagen kann und Zustimmung erntet
  • Ein lang erwarteter Weckruf gegen Perfektionismus und
  • die von Pamela Scholz empfohlene Bücherkette zum „Dschungelbuch“

Hier geht´s direkt zur zweiten GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn.

Glockenbachwelle - Im Dschungel des menschlichen Miteinanders - Astrolibrium

Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

Zusatzinformationen:

Henriette Kurth empfiehlt aus dem Sortiment der Glockenbachbuchhandlung:

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Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

Pamela Scholz empfiehlt für das Lesen nach dem Dschungel:

Wir wünschen gutes Hören. einen inspirierenden Ritt auf der GlockenbachWelle und wären dankbar, Sie auch im Mai begrüßen zu dürfen. Schon kurz nach der Münchner Bücherschau Junior entsteht im Glockenbachviertel die erst Bilderbuchwelle. Es geht um die prägende Relevanz dieser ersten literarischen illustrierten Wegbegleiter für die Jüngsten unter dem Bücherhimmel. Im Gespräch mit uns: Sabine Ginster, die Social- Media-Leiterin des Münchner Mixtvision Verlages. Das wird ein Bilderbuchpodcast in einem besonderen Gewand, da es erstmals zur Welle auch ein Bilderbuchschaufenster in der Glockenbachbuchhandlung geben wird.

Glockenbachwelle - Im Dschungel des menschlichen Miteinanders - Astrolibrium

Glockenbachwelle – Im Dschungel des menschlichen Miteinanders

Mehr Informationen finden Sie auf unseren Social-Media-Kanälen unter dem Hashtag #GlockenbachWelle und auf den Projektseiten der Wellenreiter:innen…

Hier geht`s zu unseren Projektseiten:
GlockenbachbuchhandlungNur Lesen ist schöner und AstroLibrium
sowie Literatur Radio Hörbahn

Spätestens jetzt solltet ihr den Ritt wagen: Der zweite PodCast ist on Air

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn - Astrolibrium

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn

Bibliomanie – Bücherkrankheiten im Wandel der Zeit

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert – Bücherkrankheiten

Er war gerade einmal fünfzehn Jahre alt, der gute Gustave Flaubert, als im Jahr 1836 sein Aufsehen erregendes Debüt entstand. In Bibliomanie erzählt uns dieser junge aufstrebende französische Romancier von der alles verzehrenden Passion eines Mönchs, der sein ganzes Leben dem Besitz von  Büchern verschrieben hat. Nicht dem Lesen wohlgemerkt. Das beherrscht er nur schleppend. Nein, es ist die Sucht, seltene Werke in seiner Bibliothek zu horten und sie somit dem Zugriff anderer Menschen zu entziehen. Der Inhalt ist völlig nebensächlich. Es ist der unstillbare Bücherwahn eines Büchernarren, mit dem uns Gustave Flaubert in seinem psychologisch tiefgründig und erschreckend realistisch erzählten Szenario konfrontiert. Und das in diesem Alter. Wir begleiten Giacomo auf seinen Streifzügen durch Barcelona und werden zu Komplizen seiner düsteren Machenschaften. Er ist zu allem bereit, wenn es darum geht, ein von ihm begehrtes Buch in seinen Besitz zu bekommen.

War es reine Fiktion, die Flaubert dazu trieb, von der Obsession des vom Wahnsinn getriebenen Büchernarren zu schreiben, oder folgte er schon in frühen Jahren seiner Vision, was aus dem wertvollen Kulturgut Buch werden würde, wenn es für jedermann zugänglich wäre. Eine dunkle Geschichte voller Geheimnisse und Fallstricke für einen Mönch, der alles aufs Spiel setzt, um seine Bibliothek zu erweitern. Eine wundervolle Neuausgabe aus dem Insel Verlag beschenkt uns nicht nur mit dem wuchtigen Text, das schmale Büchlein der Insel-Bücherei ist reichhaltig illustriert, fesselt schon beim Anblick des in Fesseln liegenden Covers und ist das perfekte Geschenk für bibliophil veranlagte Menschen, die jeden Verdacht einer Bücherkrankheit von sich weisen und behaupten, ganz normale Leser zu sein. Aber sind wir das? Blicken wir doch einfach in den Spiegel, den uns Gustave Flaubert vorhält und seien wir ehrlich. So schwer es auch fallen mag….

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Bibliomanie – Gustave Flaubert

Als leidenschaftliche Leser möchten wir uns gerne bezeichnen, als Freunde und Liebhaber der Literatur – und doch stellen wir selbst in den tiefen Abgründen unserer buchigen Seele Veränderungen an uns fest, die man als Außenstehender durchaus als krankhaft bezeichnen könnte. Alles Humbug und Firlefanz, denkt Ihr sicherlich, oder ist doch ein Körnchen Wahrheit an der Sichtweise unbeteiligter Dritter?

Ist es Euch noch nie passiert, und ich frage wirklich: noch nie, dass Ihr zum „Herr der Ringe-Wesen“ Gollum mutiert, wenn jemand ganz freundlich fragt: „Uii, schönes Buch, leihst Du mir das mal aus?“ Habt Ihr Euch jemals selbst im Spiegel betrachtet, wie sich Eure Mimik bei dieser Frage verzerrt, sich Euer Puls rapide beschleunigt, Ihr das Buch krampfhaft hinter dem Rücken versteckt und leicht sabbernd zur Antwort gebt „Meiiiiiin Schatz…“? Noch nie? Dann seid Ihr fein raus und könnt jetzt ganz unbeteiligt weiterlesen. Es betrifft Euch ja nicht. Nicht im Geringsten! Und solltet Ihr doch noch auf Begriffe oder Symptome stoßen, die Euch ein wenig nachdenklich machen – gar kein Problem… echt nicht… alles nicht so schlimm!

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Bibliomanie – Gustave Flaubert

Bibliomanie und ihre Varianten

Unter diesem harmlos daherkommenden Begriff verstehen wir die übersteigerte Leidenschaft für Bücher, die durchaus Symptome einer Sucht aufweist. Meistens beginnt es mit dem Sammeln. Erst geordnet nach Interessen und Autoren, dann immer zielloser und ohne Bezug zu realen Umgebungsparametern, wie Wohnungsgröße oder verfügbare Regalmeter. Auch die vielleicht noch vorhandene Familie wird zusehends in den Hintergrund gedrängt. So fängt es meistens an. Ganz harmlos…

Galt das reine Sammeln von Büchern bis zum Ende des 17. Jahrhunderts noch als verwerflich, so wandelte sich das Bild und die Bibliophilie hielt als schöne Tugend Einzug in die aufgeklärten Gesellschaften. In der idyllischen Wohlstandsumgebung des Bildungsbürgertums wurden Bücher zusehends zum erschwinglichen Allgemeingut und die ersten großen Privatbibliotheken schossen aus dem Boden. Bibliophilie vollzieht sich nicht ungezielt und verständnislos – sie ist DAS Stilmittel der schönen und reinen Seite der Faszination für Literatur.  Wo das Schöne sich ausbreitet, da geht es jedoch meist Hand in Hand mit der dunklen Seite der Büchermacht. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hält die Bibliomanie mit all ihren denk- und undenkbaren Varianten Einzug in Europa. Zum ersten Mal werden kriminelle Auswüchse der Bücherleidenschaft bekannt und mit besonderer Schärfe bestraft.

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Bibliomanie – Gustave Flaubert

Johann Georg Tinius zum Beispiel veruntreute Kirchengelder und beging Raubmorde, um seine ziellose Sammelleidenschaft zu finanzieren. 1823 wurde er zu 12 Jahren Haft ohne jede Chance auf Bewährung verurteilt. Der Comte de Lignerolles zog sich 1848 vollständig aus der Gesellschaft zurück, um sich seiner Geheim-Bibliothek zu widmen. In einer abgeschotteten Pariser Wohnung hortete er all seine Schätze, leugnete deren Existenz, behielt alle durchs Lesen erlangten Kenntnisse für sich und entzog somit der Gesellschaft in beträchtlichem Umfang den Anspruch auf Literatur und Bildung. Diese krankhaften Varianten der Bibliomanie finden danach auch Einzug in die einschlägige Fachliteratur. Hier entdecken wir folgende Begrifflichkeiten für Literatursucht:

  • Biblioklast: Menschen, die besessen davon sind, Bücher zu zerstören
  • Bibliopath: Jemand, den Bücher krank machen
  • Bibliophag: Menschen, die Bücher verschlingen
  • Bibliophobie: Die Angst vor Büchern
  • Biblioskop: Jemand, der Bücher nur durchblättert ohne sie zu lesen
  • Bibliotaph: Menschen, die ihre Bücher zwanghaft verstecken
  • Biblioverser: Jemand der Bücher zweckentfremdet nutzt

Zu dieser Zeit entstand auch das geflügelte Wort: „Wer nach Büchern giert, der mordet auch!“

Ich hoffe, Ihr konntet diesem recht theoretischen Teil unbeteiligt folgen und habt nicht einen Begriff gefunden, der Euch innerlich zusammenzucken lässt. Das würde mich sehr freuen. Es unterscheidet Euch aber von mir (ein wenig …denn phag bin ich ja schon)… Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.

All diese Spielarten der Bibliomanie haben sich bis ins 21. Jahrhundert gerettet. Leicht abgewandelt, aber mehr als ernstzunehmen. Und es sind neuere Mutationen der krankhaften Sucht nach Büchern hinzugekommen. Vielleicht habt Ihr von den Begriffen und Symptomen bereits gehört? Aber nur vielleicht…

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Bibliomanie – Gustave Flaubert

Bibliomanie – Auswüchse / Mutationen des 21. Jahrhunderts

Bücher-Messi
Bücher und Verlagskataloge breiten sich in rasender Geschwindigkeit in der Wohnung aus und verdrängen alle biologischen Lebensformen. Von Ordnung keine Rede mehr – der Besitzer fühlt sich jedoch wie in einer lebensfernen Symbiose zu seiner Umgebung.

Schutzumschlag-Bügler
Neurotische Hobbyrestauratoren, die jedem minimal beschädigten Schutzumschlag mit einem Dampfbügeleisen zu Leibe Rücken, Eselsohren plätten oder mit Sekundenkleber die Buchbindekunst revolutionieren.

Bücher-Zapper
Parallel-Leser, Gleichzeitig-Verschlinger, Überblick-Verlierer, die sich auf allen Ebenen einer Zeitachse durch mehrere Romane fressen. Ständige Auf- und Zuklappgeräusche pflastern ihren Leseweg und am Ende bleibt ein rudimentärer inhaltlicher Überblick bei gleichzeitigem automatisiertem Vergessen der Titel und Autoren.

SUB-Diabetiker
Menschen, die in einen Zuckerschock fallen, wenn ihr Stapel der Ungelesenen Bücher eine Maßzahl von 100 unterschreitet. Medikamentös nicht behandelbar und zu Risiken und Nebenwirkungen können nur Blogger und der nächste Buchhändler des absoluten Vertrauens Auskunft geben.

Signier-Junkies
Bibliotaphe Leser, die ihre Bücher wie ihren Augapfel hüten, sie keinesfalls an Freunde verleihen, sie niemals aus der Hand geben und doch jedem dahergelaufenen Autor mit tintetriefendem Füllfederhalter erlauben, das Titelblatt unleserlich zu verschmieren.

Book Diver
Menschen, die so massiv in die Handlung eines Romans eintauchen, dass die im Buch beschriebenen Gefühle aus dem Buch ans Tageslicht treten und Grundbedürfnisse wie Hunger, Durst, oder Lust (worauf auch immer) erzeugen. Selbst Szenarien werden so tief verinnerlicht, dass ein harmloses Freibad zur Arena von Panem mutiert. Vorsicht – diese Menschen sind beim Auftauchen meist ungenießbar, realitätsfremd und brechen am Ende eines Buches aus unerfindlichen Gründen und an den absolut unpassenden Orten in Tränen oder Gelächter aus.

Die literarische Heuschreckenplage
Ehemaliges Messephänomen auf Großevents, das seit 2020 in Frankfurt und Leipzig in Vergessenheit geraten ist. Ein Virus hat dieser Plage ein Ende bereitet. Verlagsstände wurden als herrenlose Maisfelder betrachtet und von mehreren bibliophagen Menschen schier leergefressen, geplündert und bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Beliebt war dieser literarische Flash-Mob am letzten Tag einer Buchmesse (beliebte Ausrede: Es muss ja doch alles abgebaut werden). Häufige Nebenerscheinung jener Plage war das Auftreten biblioklaster Neigungen. („Besser kaputt als in der Hand eines Anderen“).

Leseexemplar-Kollektor
Unersättlicher Leser, der mehr Rezensionsexemplare hortet, als er in den nächsten 25 Jahren bewältigen, geschweige denn besprechen kann, dabei aber schon den Blick in die Neuerscheinungskataloge der nächsten Saison wirft, um immer aktuell zu sein. Auf dem besten Weg zum Biblioskop….

Bücherflüsterer
Menschen, denen das Talent in die Wiege gelegt wurde, JEDES (aber wirklich jedes) Thema sofort und ohne Umwege auf die literarische Ebene zu heben. Egal, wie sehr das Gegenüber versucht ein Gespräch einzuleiten – sinnlos – zwecklos – bereits der erste offensive Konter „Das kenn ich, darüber hab ich grad ein Buch gelesen, hör mal zu, ich erzähle schnell worum es da ging“ führt dazu, jeden Gesprächspartner mundtot zu machen.

Literatur-Muezzin
Leser, der mit allen multimedialen Mitteln den gesamten Erdkreis darüber informieren muss, in welches Buch er gerade seine Nase steckt. Instagram, Facebook oder Apple-Anwendungen und Twitter ersetzen hierbei Gebetstürme und Lautsprecheranlagen. Das Ergebnis bleibt gleich. Europa weiß ohne Zeitverzug, was Lieselotte Müller gerade liest. Und Europa dankt auf Knien für diese inhaltsreiche Information.

Bibliomanie - Gustave Flaubert - AstroLibrium

Bibliomanie – Gustave Flaubert

Schier endlos sind die heutigen Ausprägungen der Bibliomanie. Uns betreffen sie gottlob nicht.. Wir sind weit entfernt von diesen Abarten des Missbrauchs von Literatur und des ungezügelten Buchkonsums. Nein! Wir doch nicht. Und sollten wir doch eines Tages erste Symptome an uns erkennen, die als Alarmsignal zu werten sind, sollten wir uns eines vor Augen führen: Eines jedoch haben all diese Auswüchse gemeinsam. Sie sind in der Lage, das nicht so lesebegeisterte Umfeld eines Büchermenschen in einen Zustand der Bibliophobie zu versetzen. Ein schmaler Grat – und das meine ich ernst!

Wer weitere Krankheits-Mutationen der Bücherkrankheit kennenlernen möchte, dem möchte ich „Das Papierhaus“ von Carlos Maria Dominguez ans Herz legen. Private Bibliotheken, Ordnungssysteme, Kaufsucht und bibliophiler Kontrollverlust sind hier die Parameter, in denen sich das Leben eines Mannes bewegt, der plötzlich mit seinen Büchern verschwindet. Ein erhellend erschreckendes Buch einer Obsession.

Bibliomanie – Gustave Flaubert und Das Papierhaus von Dominguez

Die Verlassenen von Matthias Jügler

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

„Das letzte Mal habe ich meinen Vater im Juni 1994 gesehen.“

So beginnt der Roman „Die Verlassenen“ von Matthias Jügler. Es ist die Stimme eines zurückgelassenen Sohnes, die sich hier Bahn bricht und uns unmittelbar in eine Geschichte zieht, die schon mit diesem einen Satz einen Sog erzeugt, dem man kaum mehr entfliehen kann. Es ist die Gefühlslage eines damals Dreizehnjährigen, der schon bis zu diesem Tag des Verschwindens seines Vaters ein Leben hinter sich hat, in dem emotionale Brüche zum Alltag gehörten. Es ist der Rückblick auf dieses Leben, der alle Wunden beschreibt, die unverheilt geblieben sind.

„Ich war viele Jahre der festen Meinung, dass es derlei Momente schon des Öfteren in meinem Leben gegeben hatte: Mutter, die 1986 starb, da war ich fünf, oder Vaters Verschwinden 1994, dann die Müdigkeit und die Schmerzen.“

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Es ist der inzwischen erwachsene Johannes Wagner, der nach der Wahrheit und den Antworten auf die immer noch offenen Fragen seines Lebens sucht. Jetzt, in einer entscheidenden Lebensphase ist es wichtiger denn je zu erfahren, was damals wirklich mit seinen Eltern passiert ist. Johannes wird selbst Vater. Nur zu verständlich, dass er seinem eigenen Vater auf die Spur kommen muss. Dass die Antwort in einer Kiste mit Büchern seines Vaters im eigenen Keller auf ihn wartete, erkennt er erst, als er genau dort auf einen Brief stößt. Adressiert an seinen Vater. Abgestempelt in Norwegen und datiert auf den Mai 1994. Also nur wenige Wochen vor dessen Verschwinden.

Es sind entscheidende Zeitscheiben unserer Geschichte, die Matthias Jügler ins Zentrum seines Romans rückt. Es ist eine Kindheit in der DDR, die wir durch seine Erzählung hautnah miterleben dürfen. Es ist der ungeklärte Tod einer Mutter und eine lähmende Trauer, die von einem Vater Besitz ergreift. Es ist eine Kindheit, die für das spätere Leben von Johannes die Grundsteine legt. Brüchig und instabil. Selbst als die Wende alles verändern sollte, stand immer noch die Mauer zwischen seinem Leben vor und nach der Wiedervereinigung. Tiefe Gräben, die nicht zugeschüttet werden konnten und Verwerfungen, die zeitlebens spürbar sein würden. Es ist die wachsende Distanz, die es Johannes ermöglicht, seine Geschichte zu erzählen. Seine damalige Beziehung zur Mutter seines Sohnes längst gescheitert. Jasper, sein Sohn, inzwischen selbst fast erwachsen und eher ein Besucher im Leben seines Vaters. Erst jetzt brechen all jene Dämme der Vergangenheit, die ein Erzählen und Verarbeiten möglich machen.

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Matthias Jügler beschränkt sich nicht auf die literarische Aufarbeitung einer Zeit, die nicht nur zwei Länder, sondern auch Menschen getrennt, wiedervereinigt und doch zerrissen hatte. Er schreibt keinen Wende-Roman. Er lässt uns an einem gelebten und doch nicht gelebten Leben teilhaben, das sich anders entwickelt hätte, wenn nicht… Ja, wenn sich die Vergangenheit hinter dem Eisernen Vorhang anders abgespielt hätte. Er erzählt von einem Kind der DDR, einem Heranwachsenden in einem neuen Land, vom Verschwinden des Vaters und dem Leben bei der Großmutter. Er erzählt vom Tod der Mutter im alten Land. Er erzählt vom Leben des erwachsenen Johannes Wagner, das durch die Dunkelkammer der Vergangenheit selten im Licht gebadet ist. Davon erzählt Matthias Jügler auf eine Art und Weise, die seinen Roman zum absoluten Pageturner werden lässt.

Der Verlassene berichtet aus seiner Perspektive und lässt all jene, die sein Leben tangierten als „Die Verlassenen“ auftreten. Die Spannung wächst ins Unerträgliche. In Rückblicken beleuchtet Matthias Jügler alle Ereignisse, die das Leben von Johannes prägen sollten. Eine Reise nach Norwegen soll Licht ins Dunkel bringen. Eine Reise zu der Frau, die seinem Vater damals jenen Brief schrieb. Warum hat er seinen Sohn im Jahr 1994 verlassen? Warum fehlt jede Spur von ihm? Was ist vor der Wende mit der Mutter geschehen? Wie hängt alles zusammen? Matthias Jügler lässt am Ende seines brillanten Romans keine Frage offen. An Stellen, an denen wir seine Erzählstimme im Tonfall seines Protagonisten erwarten, tauchen plötzlich Dokumente im Buch auf. Wir finden Fotos, handgeschriebene Notizen, inoffizielle und geheime Berichte einer Zeit, die noch heute für einen allwissenden und allmächtigen sozialistischen Staat steht.

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Man muss bei Rezensionen gut darauf achten, nicht zu spoilern. Und doch ist es auch wichtig, Romane ein wenig einzuordnen, um ihnen zu den „richtigen Lesern zu verhelfen. „Die Verlassenen“ erzählt keine Familiengeschichte, in der es um Klischees von Beziehungsgeflechten geht. Dieser Roman ist aufgrund der gewählten Zeitscheiben ein zutiefst empathisches Bild in einem politisch explosivem Umfeld. Er zeigt auf, wie sehr sich ein diktatorischer Staat im eigenen Leben einnisten kann. Es geht hier auch um System-Mitläufer, bewusst Handelnde und bedenkenlos Agierende. Der Grund für das Verschwinden des Vaters ist durch die Vergangenheit in der DDR geprägt. Es ist bedrückend und ernüchternd, immer mehr Details zu erfahren, die das Leben damals dominiert und beeinflusst haben. Die Nachwirkungen sind immer noch spürbar. In der Konstruktion des Romans liegt ein tiefer Zauber. Nichts ist vorhersehbar, alles wirkt so wahrhaftig und echt und an keiner Stelle kann man auch nur eine kleine Pause in sein Lesen bringen.

Am Ende stellt Matthias Jügler seinen Protagonisten vor die entscheidende Wahl seines Lebens. Am Ende steht die große Frage, ob Rache und Vergeltung heilsam für die eigene Zukunft sein können. Der Autor hat hier relevante Schlusspunkte gesetzt, die auch nach dem Lesen Bestand haben. Ich bin gespannt, wie wir handeln würden, wenn wir vor diese Wahl gestellt würden und die Möglichkeit hätten, uns schmerzhaft für alles zu rächen, was uns widerfahren ist. Ein mehr als lesenswerter Roman, der Licht in die Dunkelkammer eines Lebens bringt, das so oder anders sicher tausendfach gelebt und durchlitten werden musste. Und doch bleibt die Hoffnung, denn:

„Hinter den Wolken ist der Himmel immer blau.“

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Die Verlassenen von Matthias Jügler

Reden wir über Simon Stålenhag (3) Things from the Flood

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood

Mit den folgenden Worten begann im Juni 2020 meine Artikelserie zu den Büchern eines schwedischen Künstlers, die ich heute fortsetzen darf. So hat alles angefangen:

Simon Stålenhag. Eigentlich reicht es inzwischen, diesen Namen nur zu erwähnen und schon sollten seine Illustrationen vor dem geistigen Auge erscheinen. Er hat sich mit seinen Bildkompositionen und Texten weltweit einen Namen gemacht und gilt schon heute als einer der kreativsten schwedischen Köpfe unserer Zeit. Kenner schwören auf seine Bücher, Fans lieben die Adaption seiner Storys für eine Amazon-Serie und neue Leser und Betrachter seiner Geschichten reiben sich verwundert die Augen, weil sie in Welten eintauchen, die so dystopisch sind, wie man es sich nur vorstellen kann, dabei jedoch so nostalgisch wirken, als hätte die Zukunft schon längst stattgefunden. Hier hat ein Künstler die Weltbühne betreten und auch in meiner Fantasie Spuren hinterlassen.

Wer bisher noch nichts von Simon Stålenhag gehört hat, der sollte sich die Titel seiner Bücher sehr gut merken.

Tales from the Loop
The Electric State
„Things from the Flood“
(März 2021)

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten… JETZT IST ES SO WEIT!

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Simon Stålenhag – Things from the Flood

Ich habe den Stålenhag-Kosmos des Loops nie verlassen. Hier hatte mir der Autor neben der dystopischen Geschichte eines Teilchenbeschleunigers namens Loop auch einen Fantasiebeschleuniger in meinen Leseorganismus gepflanzt. Der Loop zog seine Kreise in meinem Geist. Unerklärliche Anomalien in Raum-Zeit-Kontinuum verloren den Schrecken und der Blick hinter die Kulissen des Rationalen machte neugierig, wie sich Verschiebungen von Zeitebenen wohl auf mein eigenes Leben auswirken würden. Doch war der erste Band „Tales from the Loop“ als eigenständiges Werk nur zu verstehen, wenn man die gleichnamige Amazon-TV-Serie gesehen hatte. Diese Mediensymbiose war absolut einzigartig und betrat in Format und Inhalt absolutes Neuland. Ein Blick auf eine der großformatigen Stålenhag-Illustrationen reichte mir aus, erneut in seiner Welt zu versinken, die es so niemals gegeben hatte… Oder doch?

Jetzt bin ich wieder hier. Lange Zeit, nachdem der mysteriöse Teilchenbeschleuniger stillgelegt wurde. Hier setzt Simon Stålenhag an, auf den Ruinen der stummen Zeugen der Vergangenheit, mit einem wehmütigen Blick auf die verrotteten Maschinen, die sich über die Landschaft verteilen. Hier beginnt der Erzählraum sich langsam mit Wasser zu füllen. Die Pegel steigen. In der Region der unterirdischen und versiegelten Anlage sind die steigenden Wasserstände Teil der Anomalien, die darauf schließen lassen, dass in der Tiefe etwas vor sich geht, was man nicht berücksichtigt hatte. Die Flut kommt und in ihrem Gefolge tauchen Roboter und Wesen auf, die einer neuen Geschichte in Stålenhags Fantasie Auftrieb verleihen. Sie sind da:

Things from the Flood“ – Dinge aus der Flut…

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood

Schon mit den ersten Zeilen und auf den ersten Bildern wird klar, dass Stålenhag nahtlos an der Story aus Tales from the Loop anknüpft. Wir kennen die Szenerie und wissen, was unter der Erde verborgen liegt. Wir erkennen die Relikte der Forscher, die über die Landschaft verteilt auf die Vergangenheit hinweisen. Und wir sind Zeugen einer neuen Zeit. Das Digitale ersetzt das Analoge der frühen Forschungsstation. Eine neue Zeit, die auch die Menschen der Gegend verändert. Nein, dies hier ist kein Add-On zu einem bestehenden TV-Format. Hier erzählt und zeichnet Stålenhag ein neues Bild von der Region, in der nichts so war, wie es scheint. Hier zeigt er sein Talent, das er in „The Electric State“ schon unter Beweis gestellt hatte, erneut. Diese Geschichte ist auserzählt, komplex konstruiert und lässt keine Fragen offen, die man im Fernsehen beantworten muss. Ein weiterer großer Wurf des schwedischen Illusionisten, der mich in der Prachtausgabe zu fesseln wusste.

Und ganz nebenbei gelingt Simon Stålenhag ein grandioser Coming-of-Age-Plot, indem er seine letzten Kindheitstage so sehr verfremdet und fiktionalisiert, dass bei all den mysteriösen äußeren Veränderungen auch das Innere einem Wandel unterzogen wird. Das Buch liest sich wie ein Tagebuch des Erwachsenwerdens auf den Trümmern des Loops. Die dunkle Bedrohung aus der Tiefe, der erzwungene Zwangsumzug seiner Familie, die Trennung der Eltern und das dystopische Setting ergeben hier ein Ganzes, dem man kaum entrinnen kann. Wenn man dann mit seinen eigenen Augen die Wesen erkennt, die durch die Landschaft vagabundieren, verliert man die Angst vor dem, was aus der Flut ans Tageslicht kommt. Es sind die nicht mehr benötigten Roboter aus der Vergangenheit, die nach einer neuen Heimat suchen. Es ist mitreißend, wie Stålenhag das Fremde in ein melancholisches Normales verwandet. Es ist brillant, wie er mit uns und mit seinen Figuren spielt. Es ist famos, welche Bilder er in unseren Gedanken zu verankern weiß. Das ist Fantasy, das ist Dystopie, das ist Urban Mystery und das ist ein illustrierter Roman, der die Grenzen sprengt.

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood

Was in reinen Coming-of-Age-Romanen als der letzte große Sommer, oder als der magische Erweckungsmoment beschrieben wird, der den Protagonisten die Grenze zur Welt der Erwachsenen überschreiten lässt, erlebt hier eine völlig neue Deutung. Gefahr und Ängste, die eine Kindheit stets geprägt hatten, verlieren ihren Schrecken. Es fühlt sich an, „als wären alle Naturgesetze neu geschrieben worden„. Selten habe ich in einem reinen Fantasy-Setting so viele Ansatzpunkte zur Auseinandersetzung mit dieser Angst gefunden, die man als Kind empfand. Plötzlich fühlte man sich unsterblich, nicht mehr verwundbar und wie neu geboren. Und doch war da im Hintergrund das Gefühl, ganz tief unter der Erde könnte etwas lauern und nur auf die Gelegenheit warten, sich ans Tageslicht zu begeben. Für mich sind es verdrängte Erinnerungen. Bei Stålenhag ist es der Loop, der nur zu ruhen scheint.

„Hätten wir uns eine Weile dort aufhalten können… hätten wir ihn vielleicht gehört – den nervösen Herzschlag dessen, was darin eingesperrt war und unruhig schlief.“

Ich hoffe auf eine Verfilmung von „Things from the Flood“ – ich freue mich auf eine Fortsetzung dieser magischen Geschichte und ich folge konstant dem Instagram-Profil von Simon Stålenhag, weil er hier Impressionen seines Schaffens veröffentlicht, deren Wucht so gewaltig ist und die so sehr inspirieren, wie seine Buchkunstwerke. Vielleicht darf ich bald einen weiteren Artikel schreiben  Reden wir über Simon Stålenhag (4), es wäre mir ein riesiges literarisches Vergnügen…

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood