„Krieg und Frieden“ – Lew Tolstoi – Das Hörspielerlebnis

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Lust auf ein kleines literarisches Rätsel? In welchem Klassiker der Weltliteratur sind wir gefangen, wenn uns folgende Situationen begegnen?

* Ein fettleibiger russischer Adeliger wird zum Schlachtenbummler
* Ein russischer Offizier liegt mit seiner Flagge dem großen Napoleon zu Füßen
* Väterchen Frost führt die Grande Armée aufs Glatteis
* Lebenslustiges russisches Mädchen verlässt Verlobten für den zweitbesten Kosaken
* Russischer General wünscht dem Gegner Pferdefleisch an den Hals
* Moskau brennt für Napoleon – im wahrsten Sinne des Wortes
* Die Armee des Zaren gewinnt einen Krieg, ohne eine Schlacht gewonnen zu haben
* Der russische Adel tanzt während das Volk stirbt.

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Richtig! „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoi. War jetzt auch nicht so schwer, oder? Immerhin hatte ja jeder Literaturbegeisterte schon mal mit diesem Klassiker Kontakt, ob lesend, schauend oder hörend. Unzählige Male wurde das Buch verfilmt, gedruckt oder in Theatern aufgeführt, als Hörbuch eingelesen oder gar als Comic publiziert. Zeitlos in seiner pazifistischen Botschaft von der Sinnlosigkeit aller Kriege ist Lew Tolstois Roman aus dem Jahr 1868, der in einem fulminanten Streifzug das zaristische Russland in den Jahren 1805 – 1812 beschreibt. Ein Russland, das so geeint war, wie nie zuvor, weil es der Expansionspolitik Napoleons körperlich trotzen musste. Kriegsjahre.

Ich las den 1600 Seiten dicken Wälzer und war begeistert. Ich sah die Verfilmung in ihren epischen Dimensionen und fühlte mich zu Audrey Hepburn hingezogen, die ihrer Rolle der Natascha Rostowa so viel Authentizität einhauchte, dass selbst Tolstoi seine wahre Freude gehabt hätte und ich hört eine Lesung zu „Krieg und Frieden“, in der ich allerdings bei der Vielzahl der Akteure in der Einstimmigkeit des Sprechers manchmal den Faden verlor. Warum also sollte ich mich erneut in eine Hörspielproduktion wagen, die noch dazu im Jahr 1965 vom Westdeutschen Rundfunk aufgenommen wurde?

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Das Zauberwort liegt hier im Begriff „Hörspiel“. Wo mich ein Sprecher verlor, ist es doch möglich, dass mich ein ganzes Ensemble bei der Stange hält. Wo die Dimension der großen Völkerschlachten in einer Lesung vielleicht an Wucht verliert, da konnte es doch sein, dass eine aufwendige Inszenierung dem Kopfkino ein Sprachkino zur Seite stellt, das diesem Meisterwerk gerecht wird. Und wenn dann auch noch Stimmen zum Zuge kommen, die vor mehr als 50 Jahren zu den bekanntesten ihres Faches gehörten und die auch heute noch Gänsehaut erzeugen, wenn man sie hört, dann sollte sich das Wagnis Hörspiel doch lohnen.

Ebenso, wie das Dramatis Personae dieses großen Klassikers liest sich die Liste der Schauspieler und Synchronsprecher, die sich 1965 im Tonstudio versammelten und ihr Bestes gaben, um „Krieg und Frieden“ als symphonisches Hörspiel in die Welt zu tragen.

Beispiele gefällig?

Heinz Bennent als Napoleon
Klausjürgen Wussow als Fürst Andrej Bolkonskij
Willy Birgel als der alte Fürst Bolkonskij
Volker Brandt als Nikolaj Rostow
Gustl Halenke als Natascha Rostowa
und der blutjunge Marius Müller-Westernhagen als Nikolaj Bolkonskij

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Über vierzig Sprecher sind namentlich aufgeführt. Das Stimmorchester wird in der episch angelegten Produktion mit einer Gesamtlänge mehr als acht Stunden unterstützt durch eine Vielzahl von Stimm-Statisten, einem großen Orchester und Spezialisten in Sachen Geräusch- und Sounddesign. So war man in der Lage, alle relevanten Figuren dieses Romans mit einer individuellen Stimmfarbe herauszuheben, ganze Ballszenen im zaristischen St. Petersburg musikalisch zu inszenieren und die großen Schlachten von Austerlitz und Borodino zu wahren Attacken auf die Ohrmuscheln mutieren zu lassen.

Russlands Standesdünkel. Das Luxusleben der Adeligen. Napoleons Vormarsch. Die Schlachten und das Schlachten. Niederlagen der glorreichen Zarenarmee. Verwundete und Tote reißen Löcher in die russische Gesellschaft. Moskau fällt. Die Bauern erheben sich. Der Winter bricht herein. Aus den Eroberern werden marodierende Flüchtende. Die große französische Armee geht unter und reißt zahllose Gefangene mit in den Tod. Kosaken in der neuen Rolle von Freischärlern reiben die Reste von Napoleons Armee auf. Dieser ist in Paris, als das Sterben beginnt. Und mittendrin drei russische Familien, ihre Liebe, ihr Hoffen und die Verzweiflung. Natascha Rostowa wird zum Symbol der Entwicklung von einer lebenslustig naiven jungen Frau zur sanften Mutter. Die Zukunft Russlands.

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

Das ist Krieg und Frieden. Und nicht anders hört es sich an. Im Auto hörend fuhr ich über die Schlachtfelder, angetrieben vom hundertfachen „Hurrräääh“ und den Signalen der Trompeten rauschte ich durch den Schlachtenlärm. Kanonenkugeln detonierten in meiner Nähe, Geschossgarben zischten über meinen Kopf und in all diesem Lärm war ich Zeuge der Unterhaltungen von großen Männern und einfachen Soldaten. Wenn der Zar in seiner Kutsche das weite Land bereiste, hörte ich die angespannten Pferde und vernahm die Glöckchen an ihren Geschirren. Zu Silvester tanzte ich in St. Petersburg und fühlte die unbeschwerte Jugend. In emotionalen Momenten erlebte ich den Tod in seiner vollen Dramatik. Hier ist das Hören so, als säße man mit verbundenen Augen im Kino. Besser kann ich kaum beschreiben, wie ich dieses Hören erlebte.

Ich möchte dieses Erlebnis nicht missen. Es war intensiv und so sehr Tolstoi, wie ich es mir erhofft hatte. Wer mir nicht glaubt, der sollte hören…

Krieg und Frieden von Lew Tolstoi – Das Hörspiel

„Aquila“ von Ursula Poznanski – Siena lässt grüßen

Aquila von Ursula Poznanski

Aquila“. So schallt es durch den Bücherwald. Der neue Psychothriller aus der Feder von Ursula Poznanski entwickelt sich zum literarischen Gassenhauer dieser Tage. Es würde bedeuten, Eulen nach Athen zu tragen, den Freunden der kleinen literarischen Sternwarte zu erklären, welche Bedeutung die Bücher der bekanntesten Löwenmähne des deutschsprachigen Buchmarktes für mich haben. Ursula Poznanski ist und bleibt die Fluchthelferin meines Lesens, weil ich in jedem ihrer bisherigen Bücher durch mein Lesen raste und zum Weltrekordler in literarischen Verfolgungsjagden mutierte. Meine Artikel zu ihren Werken legen davon ein mehr als deutliches Zeugnis ab.

Erebos, Saeculum, Layers und Elanus waren Meilensteine. Ein Radiointerview für Literatur Radio Bayern und mein Gastbeitrag auf dem Blog des Loewe Verlages sind wegweisend zu einer Autorin, die ebenso eloquent wie sympathisch ist.

Aquila ud mehr von Ursula Poznanski – AstroLibrium

Anders als bei den bisherigen Büchern finden Sie im Folgenden keine klassische Rezension. Ich finde es spannend, mich den Fragen des Loewe Verlages zu Aquilazu stellen und auf diese Art und Weise indirekt über mein Lesegefühl und seine Folgen Auskunft  geben zu können. Ohne jede Erinnerung an die letzten beiden Tage kommt Nika in ihrer Wohnung in Siena zu sich. Von ihrer Mitbewohnerin fehlt jede Spur und in Nika regt sich der Verdacht, dass etwa Schreckliches passiert sein muss. Warum? Nun, Nikas Zustand und die Indizien sprechen eine mehr als deutliche Sprache.

– Sie ist verdreckt und verletzt…
– Sie ist in der eigenen Wohnung gefangen…
– Ihr Handy ist verschwunden, der Laptop unbrauchbar…
– Den Badezimmerspiegel ziert der Schriftzug „Letzte Chance“…
– In ihrer Jeans findet sie einen Zettel mit unverständlichen Nachrichten

Als der Freund ihrer Mitbewohnerin Jenny erscheint, lichtet sich der erste Nebel in einer Mischung aus Eifersucht, Streit und Handgreiflichkeiten, die sich an jenem Abend abgespielt haben, an den sich Nika noch erinnern kann. Was nun beginnt, ist die wilde Jagd durch eine Stadt, die ihre Adlerklauen in die Psyche der jungen Studentin schlägt.

Aquila von Ursula Poznanski – Eine Spezial

Atemlos wie immer hat mich Ursula Poznanski auch diesmal am Ende ihres neuesten Thrillers an der Hand genommen und alle Rätsel gelöst, die mir schlaflose Nächte und ruhelose Tage bereitet haben. Es war deshalb sehr spannend für mich, mit den Fragen des Loewe Verlages auseinanderzusetzen, weil sie schon genau die Punkte berühren, die mich als Leser bewegt haben.

1. Eine fremde Stadt:

Nika begibt sich für ihr Studium auf das Abenteuer „Siena“ in eine fremde Stadt, ohne ihre Familie, ohne Freunde. Hand aufs Herz: Hast du das auch schon einmal gemacht oder würdest es gerne tun?

Allein auf mich gestellt in einer fremden Stadt? Klar. Im Laufe eines Lebens kommt das alleine schon aus beruflichen Gründen oder in Urlauben recht häufig vor. Und wenn es das Schicksal will, dass man aus der Eifel stammt, dann wird eine Reise nach München mit den ersten Arktisexpeditionen durchaus vergleichbar. Die neue Welt. Das Ende des bekannten Universums. Ich habe es tatsächlich überlebt, auch ohne Internet, GPS oder Handy. Das war damals alles Zukunftsmusik. Eine Welt der Telefonzellen, Stadtpläne, Walkmans und Musikkassetten. Hier wurde noch Auge in Auge gechattet (ohne Skype).

Aquila von Ursula Poznanski

2. Stell dir vor:

Du wachst auf, bist in deiner Wohnung eingeschlossen. Ohne Schlüssel, Internet oder Telefon und kannst dich nicht erinnern, wie du in diese Situation gekommen bist. Wie befreist du dich aus deiner Lage?

Sehen wir es mal so: Die meisten Wohnungen in Mitteleuropa gelten ja im Allgemeinen nicht als besonders einbruchssicher. Wenn sie eines aber noch viel weniger sind, dann ausbruchssicher. Aus einer verschlossenen Wohnung zu entkommen, auch wenn diese in einem oberen Stockwerk liegt, ist eher unproblematisch. Wohnung bedeutet zugleich Einrichtung, Einrichtung bedeutet Alltagsgegenstände und das bedeutet Werkzeug. Ein einfaches Messer oder ein Schraubenzieher reichen aus, den Schlüsselzylinder an der Eingangstür zu entfernen und zu entwischen.

Darüber hinaus ist kein Fenster so verschlossen, dass es von innen nicht zu öffnen ist. Also zur Not Fenster auf und raus. Je nach Etage stellt sich nur die Frage, ob man hier springen kann oder sich das Abseilen an Betttüchern empfiehlt. Feel free. Es gibt mehr als nur einen Weg in die Freiheit.

3. Orientierung

Nika nutzt die Gebäude der Universität, Cafés, aber auch GPS zur Orientierung in Siena. Welche Möglichkeiten nutzt du, um dich in einer fremden Stadt zurecht zu finden.

Man nutzt das örtliche Informationsangebot vor Ort aus. Stadtpläne finden sich an allen Bushaltestellen. Den Weg ins Stadtzentrum zu finden ist dann ein Leichtes. Hier kommt man zur Not auch schwarzfahrend voran, was ja auch die Spannung erhöht. Danach ist es nur noch wichtig, die Touristeninformation zu finden und sich mit einem Stadtplan zu versorgen. Hotels helfen da erfahrungsgemäß ebenso aus und schon kann man seine Kreise ziehen. Und vielleicht hat man ja auch Glück und findet mit dem international so beliebten Hilfsmittel des aufgesetzten hilflosen Hundeblickes ja einen ortskundigen und hilfsbereiten Fremdenführer (oder in meinem Fall eben eine Fremdenführerin).

Ansonsten gilt bei absoluter Orientierungslosigkeit immer wieder das bewährte Prinzip der Semmeltüten-Navigation. Man wird kaum eine Bäckerei finden, die ihre Adresse nicht auf der Brötchentüte verewigt hätte. Prima für den Startpunkt einer Reise.

Aquila von Ursula Poznanski

4. Sprachbarriere

Deine Freundin ist verschwunden. Du willst sie bei der italienischen Polizei als vermisst melden. Wie schaffst du das trotz Sprachbarriere?

Gerade in Italien stelle ich mir das grundsätzlich nicht so schwierig vor. Die Polizei dort ist ebenso wenig auf den Kopf gefallen, wie die unsere, wenn ein Italiener versucht hier eine Vermisstenanzeige auf Italienisch aufzugeben. Ansonsten hilft in Italien das Code- Wort „Amanda Knox“ und schon wird die Polizei so hellhörig, dass sich der Rest schon fast von allein ergibt.

5. Ohrwurm

Irgendwie lösen die ersten Zeilen des Songs „Smells like teen spirit“ von Nirvana bei Nika sehr starke Emotionen aus. Welcher „Ohrwurm“ hat das zuletzt bei dir geschafft?

Ein Ohrwurm, der für nachhaltige Gänsehaut gesorgt hat. Revolverheld: Ich lass für dich das Licht an“, weil dieser Song meine romantische Ader in aller Tiefe berührt und mich natürlich auch an besondere Ereignisse im Jahr 2015 erinnert, ohne die ich nicht leben möchte.

6. Mit welchem Buch vergleichbar?

Italien, enge mittelalterliche Gassen, eine nervenaufreibende Spurensuche und die hitzige Jagd nach der Lösung eines Rätsels –  In welchem Buch hast du dich schon einmal auf eine ähnlich spannende Reise gewagt?

Ursula Poznanski hat mit Aquila ein Thrillerniveau erreicht, das ich zuletzt bei Inferno von Dan Brown erlebt habe. Gedächtnisverlust, lebensbedrohendes Szenario und die Kulisse einer altehrwürdigen italienischen Stadt mit historischem Ambiente haben mich an der Seite von Robert Langdon durch Florenz rasen lassen. Auch er hatte nur zwei Tage aus dem Gedächtnis verloren und stand vor schier unlösbaren Aufgaben, die eng mit der Geschichte der Stadt verbunden waren. Hier geben sich nun Florenz und Siena die literarische Hand. Grandios.

Aquila von Ursula Poznanski – Das Hörbuch mit Laura Maire

Abschließend noch ein Wort zur Hörbuchfassung zu Aquila“ aus dem Hause Der Hörverlag. Hier spricht sich uns Laura Maire in einer brillanten Interpretation der völlig verunsicherten Nika ins Herz. Diese Stimme trägt das Hörbuch durch die Straßen von Siena. Man spürt die teilweise naive Hilflosigkeit, die zunehmende Überforderung und die innere Qual, angesichts der Vielzahl unbeantworteter Fragen schier zu verzweifeln. Laura Maire investiert viel, wenn sie Nika stimmlich mit Leben füllt. Besonders lebendig sind jene Passagen gelungen, in denen Nikas radebrechendes Italienisch mit dem allzu schnellen Italienisch der Menschen konfrontiert wird, die sie umgeben. Hier lässt Laura Maire ein Sprachflair entstehen, das einfach grandios ist und der Handlung zusätzliche Authentizität verleiht.

Ich hatte mir diese zarte Stimme so sehr für dieses Hörbuch gewünscht, weil sie eben auch zu Stärke erwachen kann, an Dringlichkeit zunimmt und Selbstbewusstsein entwickelt, wo man Nika schon fast aufgeben möchte. Diese Interpretation ist mehr als gelungen und bringt die literarische Strahlkraft von Ursula Poznanski auf den Punkt.

Lesen und / oder hören? Entscheiden Sie selbst. Hauptsache, Sie reisen nach Siena und erleben einen absolut rasanten Psychothriller, der am Ende keinerlei Fragen offen lässt. Und mir bleibt zu hoffen, dass ich irgendwann eine kleine Rolle in einem Roman von Ursula Poznanski spielen werde. Ich drücke mir selbst die Daumen, vermute aber schon jetzt, dass ich es maximal bis zur Leiche auf dem Seziertisch bringe. Das jedoch wäre schon ein Anfang…

Mit Tad Williams zurück nach Osten Ard

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Ich bewege mich ganz langsam, versuche keinen Lärm zu machen und mich ganz unauffällig zu verhalten. Ich kann es nicht glauben endlich wieder hier zu sein. Ich kann kaum glauben, Namen zu vernehmen, die mir so vertraut sind, als hätte ich sie gestern zuletzt gehört. Dabei ist es nun inzwischen schon mehr als 25 Jahre her, seit ich Osten Ard zum ersten Mal betreten habe. Die frühen 1990er Jahre haben mich in diese ganz eigene Welt aus der Feder von Tad Williams entführt. Die Buchreihe „Das Geheimnis der großen Schwerter“ erzählte von einem sagenumwobenen Land, in dem Menschen miteinander und gegen Elbenwesen um die Vorherrschaft kämpften. Nornen und Sithi verfolgen mich seitdem noch manchmal in meinen Träumen.

Der Drachenbeinthron
Der Abschiedsstein
Die Nornenkönigin
und
Der Engelsturm

bildeten eine Tetralogie, die mit ihren verschlungenen Handlungsebenen bestach und dem Genre High-Fantasy nach langer Zeit wieder eine Krone aufzusetzen vermochte. Ich begleitete den jungen unbedeutenden Küchenjungen Simon Schneelocke auf sein großes Abenteuer in einer Welt voller Feinde. Ich sah ihn zuletzt am Ende eines langen Weges als Hochkönig von Osten Ard. Verheiratet mit der wunderschönen Prinzessin Miriamel regiert er in meinem Herzen seitdem vom Hochhorst aus und folgt damit einer Bestimmung, die sich ihm lange nicht erschließen wollte. Die Nornen sind besiegt, ihre ungleichen, jedoch ebenso fast unsterblichen Verwandten, die Sithi, haben Frieden mit allen Menschen geschlossen und sind diesen durch lose Bündnisse verpflichtet. Einige tapfere Weggefährten Simons haben diese Abenteuer nicht überlebt, die Treuesten von ihnen jedoch sind wohlauf und genießen den lang ersehnten Frieden.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

1994 hieß es für mich, Abschied zu nehmen, Osten Ard zu verlassen und in neue Welten einzutauchen. Und doch habe ich diese Geschichte niemals vergessen. Es galt drei Schwerter miteinander zu vereinen. Dorn, Leid und Hellnagel trafen zuletzt in der alles entscheidenden Schlacht aufeinander, berührten sich und entschieden den lange schwelenden Krieg zwischen den Menschen untereinander, den Nornen und Sithi und jenen geheimnisvollen Wesen, die sich allen Seiten angeschlossen hatten. Am Ende war es ein wackeliger, jedoch hart umkämpfter Frieden, der Osten Ard einte. Eine gute Zeit, mich aus dem Staub zu machen und Gras über die Sache wachsen zu lassen. Es war mir eigentlich klar, dass es keine Rückkehr auf den Hochhorst geben würde. Auch Tad Williams hatte anderes vor. Es galt neue Geschichten zu erzählen. Epische Mehrteiler wie „Otherland“ oder „Shadowmarcherblickten das Licht der Bücherwelt. Osten Ard schlief den tiefen Schlaf einer fast vergessenen Welt. Fast vergessen.

Während die guten Gefährten aus alten Tagen zwischen dicken Buchseiten schliefen und Fantasybegeisterte sich auf den Weg nach Westeros begaben, um dem „Game of Thrones“ beizuwohnen (dessen Autor George R.R. Martin in vielen Interviews auf Tad Williams als seine Inspirationsquelle verwies), hatten die wahren Fans Osten Ard nicht vergessen. So viele Fragen nach einer möglichen Fortsetzung musste Tad Williams in den letzten Jahren beantworten, dass er nun selbst mit jenem Gedanken spielte, in das Land seiner Fantasie zurückzureisen, um zu schauen, was sich so getan hatte. Wenn man diesen Schriftsteller kennt, dann weiß man, dass eine solche Reise immer mit den epischsten Konsequenzen für seine Leser verbunden ist. Gottlob.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Was soll ich sagen? Er hat es getan. Wir sind zurück in Osten Ard, nachdem er wohl der Meinung war, die allzu offenen Fragen am Ende der Tetralogie in einer neuen Saga aufgreifen und einer Lösung zuführen zu können. Ich hörte den Schlachtenlärm, hörte die Rufe zu den Waffen und fand mich inmitten einer Streitmacht jener legendären und ungeschlagenen Rimmersmänner wieder, die dem Frieden nicht trauen wollten. Kann es wirklich wahr sein, dass die geschlagenen Nornen immer noch keine Ruhe geben? Konnte es sein, dass die versprengten flüchtenden Gruppen auf ihrem Rückzug in ihre Hochburg im Norden immer weitere Kämpfer um sich scharten. Und was beinhaltet der Sarkophag, den sie in ihrer Mitte tragen?

Das Herz der verlorenen Dingesetzt genau da an, wo „Der Engelsturm“ endete. Es ist, als wäre ich nie fort gewesen und als hätten sich alle dunklen Ahnungen nun in aller Konsequenz bewahrheitet. Unter dem Kommando von Herzog Isgrimnur und in allerbester Gesellschaft mache ich mich auf die Verfolgung der Nornen. Osten Ard ist erneut in Gefahr und die Macht der Nornen scheint nur erschüttert, nicht gebrochen. Es sind die vielen Nornenvölker, die sich nach der Niederlage treffen. Die Baumeister, die Sänger und die opferwilligen Krieger. Den Untergang des ganzen Volkes gilt es nun zu verhindern. Und dies scheint nicht unmöglich, haben die Nornen doch noch einige gute Trümpfe im Elbengewand, mit denen sie Angst und Schrecken verbreiten können.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Unstrittig. Es ist gelungen. Tad Williams hat es geschafft, mich in den Sog meines früheren Lesens zurückzuziehen. Der Strudel ist gewaltig. Und das in einem Buch, das man eigentlich vorsichtig nur als „Sequel“ bezeichnen kann. Die Geschichte ist einfach gehalten. Wir finden wenige parallel verlaufende Handlungsstränge. Alles dreht sich um die Verfolgung der letzten Nornen. Nur diese beiden Seiten sind von Belang. Williams entfaltet trotzdem den gesamten Kosmos seines erzählerischen Vermögens. Er bringt uns in Herz einer Erzählung zurück, die er selbst als Überleitung zu einer endgültigen Fortsetzung der Saga von Osten Ard empfindet. Während wir hier erfahren, warum die Nornen nicht gänzlich vernichtet werden können und wo das Potenzial für künftige und weit in der Zukunft liegende Konflikte liegt, wird er uns schon in wenigen Wochen mit diesem gemeinsamen Wissen am Wegesrand aufsammeln und uns am Lagerfeuer der High-Fantasy erzählen, wie es weitergeht. Dreißig Jahre nach dem letzten Gefecht.

„Der letzte König von Osten Ard“ lautet der Arbeitstitel des neuen Mehrteilers, in dem die Nornen zu neuer Kraft erwachen und bestrebt sind, verlorenes Territorium in Osten Ard zurückzuerobern. „Die Hexenholzkrone“ erscheint bei Hobbit Presse schon am 09. September und am 11. November in zwei Teilen. Zu episch ist sein Schreiben, um der Veröffentlichungsreihenfolge der Originale treu zu bleiben. Folgende Bände der neuen Trilogie werden uns schon bald unser Lesen und Hören intensiv beschäftigen:

„The Witch Wood Crown“ – im Original ein einzelner Band
„The Empire of Grass“
„The Navigator´s Children“

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Es ist also schon abzusehen, dass aus der originalen Trilogie in Deutschland erneut mehr Bücher werden, als es den Anschein haben könnte. Lassen wir uns überraschen. Tad Williams nimmt sich den Raum, den er zum Schreiben benötigt. Er fordert uns auf, ihm mit voller Konzentration zu folgen und er hat bisher immer Wort gehalten und seine Reihen beendet (was man von George R.R. Martin nicht gerade behaupten kann). Wir dürfen uns auf eine neue Reise nach Osten Ard freuen, werden Bekannten begegnen und neue Weggefährten finden. Ich werde die neue Reihe lesen und hören. Auch „Das Herz der verlorenen Dinge“ habe ich mir in weiten Teilen von Andreas Fröhlich, dem Osten-Ard-Veteranen aus dem Hause Der Hörverlag vorlesen lassen. Auch er scheint mit dieser Welt so verwachsen, dass ihm selbst Nornengesänge leicht von den Lippen kommen. Grandios.

Bald ist es also soweit. Folgt mir doch einfach zu den magischen Schauplätzen einer epischen Saga, die nun ihre lang erwartete Fortsetzung findet. So, wie auch die Reise des rezensierenden Weggefährten aus der kleinen literarischen Sternwarte fortgesetzt wird. Ich freue mich auf diese neuen Abenteuer. Ich bin Tad Williams dankbar, dass er so schreibt, wie er immer schrieb. Vorurteilsfrei gegenüber seinen eigenen Figuren. Er beschreibt selbst den größten Feind der Menschen in seinen Büchern so tiefgründig, in so unterschiedlichen Facetten, dass es unmöglich ist Gut und Böse klar zu trennen. Ein Wesensmerkmal seiner Romane. Hilfreich auch für das Leben jenseits der Fantasy.

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Folgt mir! Zu den Waffen Und zu meinem Interview mit Tad Williams… bald…

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

Das Herz der verlorenen Dinge von Tad Williams

„Der Anfang“ von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Eigentlich sollte man angesichts eines Bilderbuches, in dem nur sehr wenige Worte verloren werden, nicht selbst ins Schwafeln kommen. Eigentlich. Da ich jedoch nicht mit der Gabe des brillanten Zeichnens gesegnet bin, kann ich meine Buchvorstellung zwar mit einigen atmosphärischen Fotos des vorgestellten Werkes garnieren, das Bilderbuch in den Kontext der von mir bereits besprochenen Werke bringen und meine Meinung zu Gestaltung und inhaltlicher Tragweite äußern, benötige hierfür aber deutlich mehr Text, als die Autorin Paula Carballeira.

Und doch versuche ich mich kurz zu fassen, denn in ebendieser Kürze besticht „Der Anfang“, ein erzählendes Bilderbuch für Kinder im Lesealter ab 3 Jahren, das 2014 im Bohem Verlag erschienen ist. Für mich persönlich ist „Der Anfang“ gar kein Anfang im eigentlichen Sinne, da ich bei der Betrachtung der Illustrationen in der Verlagsvorschau an ein Bilderbuch erinnert wurde, das ich hier schon vorgestellt habe. Die Zeichnungen weckten das Gefühl in mir, den gegenständlichen Stil der Zeichnerin wiederzuerkennen und ich begann zu forschen.

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Sonja Danowski. Ich lag richtig. Unverkennbar ist ihre Kunst, unverkennbar ist die Art und Weise, wie sie ihren Illustrationen Leben einhaucht. Die gezeichneten Menschen in diesem Bilderbuch haben eigene Charaktere, wirken nah, sympathisch, verletzlich und zutiefst real. Ich hatte dieses Gefühl schon im Bilderbuch „Oma trinkt im Himmel Tee“ von Fang Suzhen und eben Sonja Danowski, erschienen im NordSüd Verlag. Ging es hier um den Tod eines geliebten Menschen aus der Perspektive eines Kleinkindes, so entführt uns „Der Anfang“ erneut in ein Szenario, in dem gerade Kinder Trost und eine große Portion Hoffnung benötigen. In eine Zeit nach dem Krieg.

„Der Anfang“ beginnt mit dem Ende. Die Geschichte beginnt genau dort, wo wir alle zeitlos und unabhängig von allen Rahmenbedingungen des Lebens bei Null anfangen müssen. In einer Zeit, die in allen Regionen dieser Welt für alle Menschen identisch ist. In einer Zeit nach der Zerstörung, nach dem Desaster. Einer Zeit, in der es kein Hoffen gibt. Einer Zeit, in der es schwer ist daran zu glauben, dass nach dem Ende der Gewalt je wieder etwas Neues entstehen kann, das nach Leben schmeckt. Es ist die Tristesse der Nachkriegszeit, die „Der Anfang“ beschreibt, erzählt und fühlbar macht.

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Wie können Eltern ihren Kindern die Angst vor der ungewissen Zukunft nehmen? Wie können sie ihnen eine behütete Kindheit schenken, wo doch nichts mehr sicher ist? Wie kann man aus dem Nichts heraus Hoffnung schöpfen. „Der Anfang“ erzählt genau davon. Dieses Bilderbuch führt uns mit einfachen und hoffnungsvollen Worten, sowie in seinen Illustrationen zu einer Familie, die vor dem Nichts steht. Dunkel und erdig in der Farbgebung unterstreichen die Bilder von Sonja Danowski die Trostlosigkeit dieser Zeit und doch spiegeln sich in den Gesichtern der Eltern und ihrer Kinder Gefühle wider, die uns alle mit Hoffnung erfüllen.

Zuneigung und Liebe sind die Konstanten, die die Eltern ihren Kindern schenken. Gefühle, die sie in Sicherheit wiegen und alle materiellen Verluste aufwiegen. Auch mit Nichts lässt sich ein Anfang wagen. Diese Botschaft ragt aus diesem Bilderbuch heraus und macht es so unendlich wertvoll für gemeinsame Lesestunden mit den allerkleinsten Lesern. Zu sehen, wie sich das erste Lächeln in die unschuldigen Gesichter der Kinder dieser Geschichte stiehlt, ist ein großes gemeinsames Erlebnis. Zu erleben, wie dieses Lächeln sich in den Gesichtern der Kinder widerspiegelt, die der Geschichte folgen, ist ein Privileg des Lesens.

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

Der Anfang beginnt mit dem Ende und doch gelingt es Paula Carballeira und Sonja Danowski im literarisch bildlichen Zusammenspiel eine Stimmung zu erzeugen, die uns davon überzeugt, dass die Hoffnung dieser Welt in den Kindern verborgen liegt. In aller Tiefe entwickelt sich ganz langsam eine Atmosphäre, die den Kindern im gemeinsamen Lesen Halt und Zuversicht vermittelt. „Der Anfang“ ist viel mehr als ein Anfang. Es liegt ein besonderer Zauber in dieser Geschichte, in ihren Worten und Bildern.

Prädikat besonders wertvoll…Bilderbuchwelten bei AstroLibrium

„Stoner“ von John Williams – Das Hörbuch

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Ein Held kann nur strahlen, wenn er mächtige Feinde hat. Ebenso verhält es sich in Romanen mit dem Verhältnis zwischen Pro- und Antagonisten. Die Dimensionen, in die ein Hauptcharakter eintritt hängen im Wesentlichen davon ab, auf welchem Level seine Gegenspieler zu agieren wissen. Eigentlich eine literarische Binsenweisheit. Oftmals ist es jedoch so, dass diese Balance zwischen Gut und Böse vernachlässigt wird und man sich dann wundert, warum eine eigentlich gute Geschichte in ihren Ansätzen verpufft.

John Williams kann wohl als Godfather dieses Balanceaktes bezeichnet werden. Zwar hat seine Schaffensphase die Literatur nicht um zahllose Meisterwerke bereichert oder bereits zu Lebzeiten dafür gesorgt, dass er mit Literaturpreisen ausgezeichnet und überschüttet wurde. Und doch gelang es ihm in seinem aus drei Büchern bestehenden Hauptwerk dem Begriff des Antagonisten eine Strahlkraft zu verleihen, die von anderen Autoren nur selten erreicht wird. In „Augustus“ führte er den ganzen römischen Senat und die Feinde Roms ins Feld, um dem ersten Kaiser das Leben so schwer wie irgend möglich zu machen. In „Butcher`s Crossing“ mutieren die Gefährten einer Büffeljagd und die ungezähmte Natur zu den großen Gegenspielern des wahrheitssuchenden Will Andrews.

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Zwei Werke, die in meinem Lesen tiefe Spuren hinterlassen haben. Romane, die in mir lange nachwirken und deren Hauptfiguren bahnbrechend waren. Nur ein Buch aus der Feder von John Williams fehlte mir noch. Ein Roman, den ich einfach verpasst oder übersehen hatte. Der Zufall wollte es nun, dass ich „Stoner“ in einer ganz besonderen Dimension erleben durfte. Hörend. Zehn Stunden. Acht CDs. Eine Stimme. Burghart Klaußner, der mehrfach ausgezeichnete Schauspieler, Sänger und Hörbuchsprecher, sollte mich in der ungekürzten Lesung aus dem Hause Der Audio Verlag – DAV in die Welt des Literaturprofessors William Stoner entführen.

Was aber sollte ich von einem Roman erwarten, der erstmals 1965 veröffentlicht, kaum beachtet wurde und anschließend in Vergessenheit geriet, bis er 2006 erneut das Licht der Bücherwelt erblickte. Was sollte ich erwarten von einem Universitätsroman, in dessen Mittelpunkt ein Dozent für englische Literatur steht? Versprach das Spannung? Konnte John Williams hier die Spuren gelegt haben, die er in seinen Folgeromanen so fulminant zur Wirkung entfaltete? Was sollte William Stoner schon großes zustoßen an einer typischen US-Universität? Was sollte mich fesseln, faszinieren, inspirieren? Nicht viel eigentlich, dachte ich mir und doch ließ ich mich von Brughart Klaußners Stimme in eine Geschichte tragen, die ich nie wieder vergessen werde.

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Das liegt einfach daran, dass es manchmal keiner römischen Feinde oder wilder Büffelherden bedarf, um Spannung zu erzeugen, Emotionen zu wecken, Abneigung gegen Romanfiguren aus dem Umfeld des Protagonisten zu kultivieren und diese auch noch in blinden Lesehass umschlagen zu lassen. Ja, es sind manchmal die alltäglichen Geschichten, die uns mit voller Wucht treffen. Es sind ganz normale Menschen, die wir in unser Herz schließen und es reicht dabei völlig aus, das einfache Leben von William Stoner durch eine gefühlskalte Ehefrau und einen rachsüchtigen Vorgesetzten aus den Fugen geraten zu lassen. Glaubt mir. Das reicht wirklich völlig aus. Mehr als das.

Wenn dies auch noch von einem Hörbuchsprecher zelebriert wird, der in der Lage ist Sympathie durch Stimmfarbe, Antipathie durch hörbare Kälte und Ignoranz in einer Art und Weise zu transportieren, dass man schon am Tonfall erkennt, welcher Akteur in welcher Situation Öl ins Feuer der Handlung gießt, dann wird das Hören zum Erlebnis. Hier geht die Produktion des Hörbuchs mit der Intensität der Geschichte Hand in Hand. Hier kann man kaum Pausen einlegen, obwohl die Handlung sanft und gemächlich vor sich hin fließt, sich durch die Hirnwindungen des Hörers mäandert und Kontur annimmt. In diesen stillen Fluss des Erzählens bricht dann plötzlich der eigene verzweifelte Ruf in Richtung William Stoner. „Lass das nicht mit dir machen!“ Ein Ruf aus voller Not und aus tiefstem Herzen. Ungehört…

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Leiden Sie doch einfach mit. Folgen Sie William Stoner in ein Leben, in dem es nicht an Überraschungen mangelt. Ein Leben, in dessen Verlauf er zwei Weltkriege aus der geschützten Warte eines Studenten und später des Professors beobachtet. Ein Leben, das er der Literatur verschrieb, obwohl er eigentlich Agrarwirtschaft studieren sollte. Ein Leben voller Bescheidenheit und ohne jegliche Profilneurose. Lernen Sie einen Mann kennen, der liebevoller Ehemann, guter Vater und talentierter Lehrer ist. Und lernen Sie den Mann kennen, der am Ende seines Lebens realisieren muss, dass er gescheitert ist und eigentlich niemals eine Chance hatte, sich selbst zu finden.

Woran das liegt? An den Menschen, die ihn umgaben. An einer Ehefrau, die sich in die größte emotionale Mogelpackung verwandelt, kaum dass sie auch nur den Namen Stoner trägt. Edith Stoner, Quell der Lustlosigkeit und Frigidität, Hort der Launen und egozentrische Zicke sondergleichen, Realitätsignorantin und Made im Speck, eine Frau die ihren Mann im Bett nur erträgt, die gemeinsame Tochter instrumentalisiert und dem eigenen Vater entfremdet. Und wenn gerade keine Schlacht gegen Stoner zu schlagen ist, na dann ist Madame einfach nur unpässlich. (Ich war oft verleitet, sie aus dem Auto zu werfen, wenn Burghart Klaußner ihrem skurrilen Charakter zur Sprache verhalf.)

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Tja, und wenn es unserem gutmütigen Professor gelang, diesem lieblichen Wesen zu entkommen, dann landete er in seiner Universität im desaströsen Orbit von Hollis N. Lomax, seinem Fachbereichsleiter. Missgestaltet und ewig nachtragend muss man ihn beschreiben. Unvergessen, dass Stoner einen der Lieblingsschüler seines Chefs durch die Prüfungen fallen ließ, weil er ein ahnungsloser Blender war, der nur Unruhe stiftete. Dieser Zwischenfall sorgte für ein zwanzigjähriges Martyrium in Stoners Zeit als Dozent und Professor. Rache stand auf dem Lehrplan. Beförderungen ausgeschlossen und zu Stoners Schülern zählten fortan nur noch Erstsemester. Unterforderung ist ein harmlos klingender Begriff für die Existenz Stoners am Rande des Universums der Universität.

Lass das nicht mit dir machen!“ Ich kam aus dem Rufen nicht mehr heraus. Wollte in aller gebotenen Lautstärke warnen und verhindern, dass es so weitergeht. Einzig eine junge Doktorandin kam mir und Stoner zur Hilfe. Katherine Driscoll verliebt sich in ihn. Liebe. Was für ein Wort. Nie gefühlt, nie erwidert von einer Frau. Eine neue Welt, die in aller Wucht Besitz von ihm ergreift, verändert alles. Stoner findet zu sich selbst und im einzig möglichen Moment, sein Leben in neue Bahnen zu lenken stößt er auf Edith und Lomax. Eine geschlossene Schlachtformation, der Stoner nicht viel entgegenzusetzen hat. Ich glaube, ich schreie mir noch jetzt die Lunge aus dem Leib, weil ich nicht hören wollte, was dann geschah.

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Oh John Williams, wie sehr ich William Stoner verehre. Ich habe mich ein wenig in ihm wiedergefunden. In einem Menschen, der so tief gezeichnet ist und sich selbst bis zum Ende treu bleibt. Und wie sehr habe ich die Menschen gehasst, die seinen Weg zu einem Kreuzweg machten. Überbordende Emotionen habe ich hörend ganz selten auf meinem Weg durch die Literatur erlebt. Wer erfahren möchte, warum ich das Ende der Geschichte immer noch nicht ganz verkraftet habe, der mag selbst hören, warum. Und wer nicht hören will, der kann lesen. „Stoner“ von John Williams ist es wert, seine Zeit mit ihm zu verbringen.

Wer noch mehr über John Williams wissen möchte, wer erfahren möchte, was ihn aus Sicht der Frau ausmacht, die ihn für den deutschen Buchmarkt entdeckt hat, und wen es interessiert, welche gemeinsamen Spuren sich durch seine Bücher ziehen, der kann sich ganz ruhig zurücklehnen und ebenfalls zuhören. Mein Interview mit Patricia Reimann, der Cheflektorin der dtv Verlagsgesellschaft, beantwortet all Ihre Fragen zu einem Schriftsteller, der niemals erfahren sollte, welche außerordentlichen Wege seine Romane nach seinem Tod im Jahre 1994 genommen haben. Hören Sie gut….

Aus dem Nähkästchen der dtv-Cheflektorin: Patricia Reimann über John Williams