Tausend Monde von Sebastian Barry

Tausend Monde - Sebastian Barry - AstroLibrium

Tausend Monde – Sebastian Barry

Tausend Monde sind wohl vergangen, seit die Tage ohne Ende ihre Spuren in meinem Lesen hinterlassen haben. Ein indianisches Zeitmaß, das ebenso für einen Wimpernschlag, wie für eine halbe Ewigkeit stehen kann. Als ich den ersten Teil dieses Epos in Händen hielt, war schon klar, dass Sebastian Barry ihn weiterführen würde. Ich entschloss mich dazu, mit dem Lesen so lange zu warten, bis beide Bücher Teil meiner Bibliothek wären und ich nahtlos weiterlesen könnte. Eine Entscheidung, die sich heute als genau richtig erwiesen hat. Zu sehr sind die beiden Teile miteinander verwoben und zu lange hätte es gedauert, eine beeindruckend erzählte Geschichte an ihr Ziel bringen zu können. Es ist die bewegende Geschichte der Weg- und Lebensgefährten Thomas McNulty und John Cole. Es sind die Indianerkriege und der Wilde Westen, die einen Handlungsrahmen skizzieren, den Barry in schillernden Farben ausmalt. Am Ende des ersten Teils gelingt es beiden, ein kleines Indianermädchen zu retten. Und so endeten auch meine Gedanken zu Tage ohne Ende:

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Tausend Monde – Sebastian Barry

Beiden gelingt das Unerwartete. Sie werden für die kleine Indianerin Winona zu richtigen Eltern. Sie nehmen das Mädchen als Tochter in ihr Leben. Die Überlebende des großen Massakers, an dem beide beteiligt waren, wächst bei ihnen auf, bis sie von der eigenen Geschichte eingeholt werden. Eine facettenreichere Geschichte kann man kaum erwarten. Eine authentische Geschichte voller Zuneigung und Brutalität, Krieg und Seelenfrieden, innerer Zerrissenheit und Suche nach Akzeptanz. Und nebenbei sogar noch die Geschichte des Wertekanons, auf dem die amerikanische Verfassung gerne beharrt, ihn aber im täglichen Leben konterkariert. Es sind „Tage ohne Ende„, die es tief ins Leseherz schaffen.

Meine Geduld wurde bestätigt. Ich wollte das Buch erst lesen, wenn die Fortsetzung am Horizont sichtbar wäre. Im September erscheint nun Tausend Monde ebenfalls bei Steidl. Hier erzählt uns das Lakota-Mädchen Winona seine Geschichte. Auf diesen Perspektivwechsel bin ich mehr als gespannt und ich werde natürlich berichten. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass dieser Roman erneut die Grenzen dieses Genres sprengen wird. Versprochen. Ich werde Winona begleiten. Bald ist es so weit.

Genau hier bin ich heute angelangt. „Tausend Monde“ später. Ein Wimpernschlag für mich, eine Ewigkeit für Winona, der ich jetzt in ihren Teil der Geschichte folge. Ein bewegender Moment, die ersten Worte im Buch zu lesen: „Ich bin Winona.“

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Tausend Monde – Sebastian Barry

Wie sieht ihre Sicht der Dinge aus? Wie fühlt sich die jetzt 17jährige Lakota, die seit Jahren ihre Herkunft leugnen und doch für alle deutlich als Indianerin erkennbar, unter Weißen leben muss? Ein Mädchen, für das es nur völlige Assimilation gibt, um seinen Platz im Leben zu finden? In einem Land, in dem Law and Order eher für den Zustand tiefer Gesetzlosigkeit steht, Reiter mit weißen Kapuzen ihre Lynchjustiz zelebrieren und die Befreiung des Sklaven nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges nur ein Gerücht zu sein scheint? Und sie mittendrin. Weniger wert, als ein Schwarzer und im Herzen doch immer noch ihrem Stamm verbunden. Jenem Stamm, der vor langer Zeit von der US-Kavallerie ausgelöscht wurde. Unter Beteiligung eben jener beiden Männer, die sich nach dem Massaker so liebevoll um sie gekümmert hatten. Welche Stürme in ihrem Herzen toben, kann nur Winona selbst erzählen.

Sebastian Barry schlüpft in ihre Haut, er spricht ihre Stimme und die Sprache einer jungen Frau, die seit Jahren unter Weißen lebt und eine passable schulische Bildung genießen durfte. Es ist nicht mehr der Slang eines Thomas McNulty aus dem ersten Teil, der diese Erzählung so authentisch macht. Jetzt sind es die Innenansichten eines Mädchens an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die diesem Text Tiefe verleihen. In Rückblicken berichtet Winona von der Welt, in der sie aufgewachsen war und erzählt dann vom Leben an der Seite der beiden Männer, die sie einst bei sich aufgenommen hatten. Eine Allianz von Menschen, die weit außerhalb der Normenwelt leben. Sie, die Indianerin und ihre „Eltern“ zwei Männer, die wie ein altes Ehepaar miteinander leben. Im konservativen Westen bilden sie auf ihrer Farm eine Zielscheibe für alle denkbaren Anfeindungen.

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Tausend Monde – Sebastian Barry

Es ist Sebastian Barry gelungen, den Spannungsbogen des ersten Teils in seine Fortsetzung zu übertragen und eine Geschichte weiterzuerzählen, die nicht nur der indianischen Urbevölkerung, sondern auch den Menschen gerecht wird, denen es nicht egal war, wie rechtlos die Nachfahren der stolzen Indianerstämme leben mussten. Aus diesen Elementen der konsequenten Benachteiligung und Unterdrückung lässt der Autor eine Welt entstehen, die uns zu Verbündeten der Underdogs in dieser Erzählung macht. Wir kämpfen gegen Ungerechtigkeit, widersetzen uns den aufflammenden und nicht auszurottenden rassistischen Sichtweisen der weißen Bevölkerung, erkennen in Winona eine junge Frau, die ihren eigenen Weg gehen will und bereit ist, konsequent für sich und die Menschen in ihrem Umfeld einzustehen. Eingebettet in eine plausible und spannende Story, bringt Barry die Stärken und Schwächen seiner Protagonisten zum Vorschein.

Aus Winonas Perspektive und mit ihren Worten schließt er die Kreise, die wir als Lesende so gerne geschlossen sehen wollten. Es sind Worte, die angesichts eines ersten Teils dieses Romans unglaublich tief unter die Haut gehen:

„Wie kam es, dass ich das Glück hatte, Männer um mich zu haben, die so gut wie Frauen waren? Ich glaube, nur eine Frau weiß, wie man leben soll; ein Mann ist meist zu hastig, vorschnell. Diese Waffe mit schon halb gespanntem Hahn verwundet aufs Geratewohl. In meinen Männern dagegen fand ich unerschütterliche, lebendige Weiblichkeit. Welches Glück. Welche Fülle von wirklichem Reichtum!“

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Tausend Monde – Sebastian Barry

Sebastian Barry erzählt einen wichtigen Teil der amerikanischen Geschichte aus irisch-indianischer Perspektive. Es ist genau dieser Mix, der „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“ zu einer unzertrennlichen Einheit macht. Auf den letzten Seiten des Romans geriet ich in arge Zweifel, ob es dem Autor gelingen würde, diese Geschichte überhaupt zu einem Ende bringen zu können. Zu spannend ist das Finale, zu eng wird es für alle Beteiligten. Winona nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand, um diejenigen zu schützen, denen sie alles verdankt. Als sie des Mordes an einem Weißen beschuldigt wird, erhebt sich die stolze Indianerin, um „ihre Männer“ nicht in Gefahr zu bringen.

„John Cole, der Kiel meines Bootes,
Thomas, die Ruder und die Segel.“

Absolut lesenswert. Fesselnd, menschlich, bewegend und spannend. Was will man mehr von einem Buch? Auf in den Wilden Westen. Es gibt noch vieles zu entdecken, was uns im Mainstream bisher vorenthalten wurde. Das ist keiner. 

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Die Abenteuer des Pinocchio – Carlo Collodi

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Die Abenteuer des Pinocchio – Carlo Collodi

Kenn ich, kenn ich doch schon ewig. Alter Hut.“ So werden viele denken, wenn sie an „Die Abenteuer des Pinocchio“ von Carlo Collodi denken. Tausendfach gesehen und gelesen, damit lockt man doch kein Kind mehr hinter dem Ofen hervor. Ist das so? Nun, vielleicht steckt mehr hinter dieser Geschichte, als das, was uns die verknappten Kinderbuchausgaben der Vergangenheit mit ihrem Extrakt überliefert haben. Vielleicht hat Pinocchio doch mehr zu bieten, wenn man den Text, seinen Schöpfer und die Zeit der Entstehung dieses Märchens näher betrachtet. Vielleicht gelingt es uns ja, diesem „Erziehungshelfer“ der Vergangenheit ein paar neue Seiten abzugewinnen. Dass wir es hier mit einem italienischen Struwwelpeter zu tun haben, ist seit Generationen am lebenden Objekt, nämlich an Kindern, getestet worden.

Immer schön brav sein. Man sieht dir die Lügen an der Nasenspitze an. Du wirst erst zum echten Kind, wenn wir es zulassen und die Marionettenfäden abschneiden. Bis es jedoch soweit ist, gilt es sich an unsere Tugenden zu halten. Und die lauten Gehorsam, Fleiß, Genügsamkeit und Ehrlichkeit. Habt Ihr Pinocchio anders in Erinnerung? Könnt Ihr Euch noch an die pädagogische Wirkung der kleinen Holzfigur erinnern? Aus Holz geschnitzt, alleine nicht lebensfähig und immer dann, wenn sie versucht, einen eigenen Weg zu gehen, kommt es knüppeldicke. Also richtig mit Spaß und Vergnügen kann es nichts zutun haben, wenn Kinder sich dieser Geschichte nähern. Außer, wir verändern unsere Haltung. Außer, wir gehen neue Wege mit dem Text und mit den Kleinsten, die als alles auf diese Welt kommen, jedoch nicht als Teil unseres Marionettentheaters.

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Die Abenteuer des Pinocchio – Carlo Collodi

MinaLima und der Coppenrath Verlag haben sich diese neue Herangehensweise auf die Fahne geschrieben. Die in London erschienenen Originale der Kinderbücher werden seit Jahren im Maßstab 1:1 „geklont“, gekonnt und flüssig übersetzt und bieten uns auf der Grundlage ihrer Ursprungstexte einen komplexen Zugang, den man dann im gemeinsamen Lesen mit Kindern beliebig vereinfachen und erweitern kann. Hier ist es das spielerische Erleben, das in den Vordergrund gerückt wird. Es sind faszinierende Illustrationen und Inlays, mit denen sich diese Bücher trefflich erleben lassen. Aber es sind eben auch die vollständigen Texte von einst, die uns Erwachsenen klar vor Augen führen, dass nicht jedes Kinderbuch vom ersten Federstrich an für die Zielgruppe der heutigen Zeit gedacht war. Erst durch Vereinfachungen, Kürzungen und Reduzierung auf schmale Erzählkerne wurde aus den Büchern das, was wir heute kennen. Extrakt.

Das ist in dieser Ausgabe anders. Ich denke nicht, dass man Pinocchio zuvor schon oft in seiner vollständigen Fassung gelesen hat. Wer an den kleinen Holzkerl denkt, hat eher Bilderbücher oder einen Disneyfilm vor Augen. Dabei ist diese Geschichte schon aus ihrer Entstehungsgeschichte heraus mehr als interessant. Schon 1881 erschienen die Abenteuer von Pinocchio als Fortsetzungsgeschichte in einer italienischen Zeitung. Erst die große Resonanz der Leser veranlasste den Satiriker und Autor Carlo Collodi dazu, die einzelnen Episoden in einem Buch zusammenzuführen. Warum aber liebten italienische Zeitungsleser (damit also sicher wenige Kinder) diese Geschichte? Weil es in einer Zeit sozialer und politischer Instabilität als Zeichen verstanden wurde, dass ein Autor seine Kritik an den Zuständen in einer Marionette spiegelte. Der arme Geppetto war eine Identifikationsfigur für das Volk. Fleißig, ehrlich, sympathisch und arm. Aber Polizisten und andere Offizialfiguren erscheinen als korrupt, dumm und einfach böse. Und dann versucht sich eine Marionette von den Fäden zu lösen, die sie steuern. Das traf den Nerv des bürgerlichen Lesers.

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Die Abenteuer des Pinocchio – Carlo Collodi

Wenn man diese Hintergründe ein wenig verinnerlicht, wird auch unser Zugang zu Pinocchio vertieft. Es sind die zentralen und zeitlosen Botschaften des Buches, die man Kindern schrittweise mit auf ihren Weg geben kann. Man muss sein eigenes Glück in die Hand nehmen und darf nicht darauf vertrauen, dass immer irgendjemand bereitsteht, um einen aufzufangen. Man sollte andere nicht bevormunden, sich ehrlich verhalten und gut darauf achten, wer einem gut oder böse gesonnen ist. Alle Figuren dieser Geschichte sind hilfreich zur Vermittlung von wichtigen Lehren, die man ohne erhobenen Zeigefinger vielleicht mit eigenen Erfahrungen anreichern kann. Pinocchio ist sicher ein guter Lehrmeister, um zu erkennen, was passieren kann, wenn man sich von selbst gesteckten Zielen immer weiter entfernt und nicht beharrlich am Ball bleibt. Die Geschichte unterscheidet deutlich zwischen Gut und Böse. Sie wirkt hier wie jede gute Fabel, in der Tiere unsere wesentlichen Charaktereigenschaften spiegeln und so Sympathien wecken… Oder eben das genaue Gegenteil…

Und hier sind wir auch schon bei den Stärken dieses Prachtbandes. Wir können uns stundenlang und doch strukturiert in den kleinen Kapiteln mit Kindern verlieren. In kleinen Schritten schreitet diese Geschichte voran. Wundervoll illustriert und erneut mit interaktiven Inlays versehen, die zum Spielen und Verweilen einladen. Man kann hier mit Pinocchio spielen, seine Nase lang ziehen und die Marionette bewegen. Hier lohnt es sich, kleine Pausen einzulegen, um den Entdeckerdrang der Kinder zu fördern. So lassen sich ganze Theater aufklappen, verdeckte Klappkarten enthüllen Geheimnisse und im Bauch des Haifisches wird es so richtig gefährlich. Ausladende Elemente, die unglaublich einladend wirken. Die Tradition der „MinaLima-Kinderbuchklassiker“ lebt hier exquisit weiter. Ein Band, der in der Sammlung nicht fehlen darf. Ein Buch, das sich unter dem Weihnachtsbaum wie ein leuchtender Weihnachtsstern entfaltet.

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Die Abenteuer des Pinocchio – Carlo Collodi

Eine Schlussbemerkung sei noch gestattet. Ich werde oft darauf angesprochen, in diesen Büchern sei doch nur die Nacherzählung der originalen Geschichten zu finden. Sie seien lieblos übersetzt oder eben nur Kurzfassungen der eigentlichen Werke. Ich bin diesen Aussagen auf den Grund gegangen und fündig geworden. Ein nicht näher genannter Online-Marktführer, der mit „A“ beginnt, schafft es scheinbar nicht, die bei ihm hinterlegten Rezensionen den Büchern zuzuordnen, auf die sie eigentlich abzielen. So findet man tatsächlich zu einigen der MinaLima Prachttausgaben vernichtende und enttäuschte Rezensionen, die vom Kauf abraten. Ein genauer Blick jedoch zeigt, dass es sich hier nicht um Rezensionen zu MinaLima-Titeln, sondern eher um Bewertungen zu gleichnamigen Büchern handelt, die fälschlicherweise mit aufgeführt werden.

Man merkt dies am Erstellungsdatum der Rezension, das vor dem Erscheinen des MinaLima-Buches liegt. Ebenso wenig gibt es diese Bücher als E-Book. Häufig wird ja bemängelt, der Seitenumbruch stimme nicht. Und dann merkt man spätestens am Text, dass es sich einfach nicht um diese Hochwertausgaben handeln kann. Ein Fehler, den der Online-Anbieter einfach nicht in den Griff bekommt, der aber gerade hier richtigen Schaden anrichtet. Kurz gesagt: Vertraut dem Blogger. Kauft im Buchhandel und lasst euch vor Ort beraten. Bei diesen Ausgaben habt ihr es immer mit den Originalen der Bücher zu tun, die ihr gerne lesen und erleben möchtet. Die Übersetzungen sind mehr als liebevoll und gelungen und die Inlays erweitern das Erlebnisspektrum dieser Bücher um Ebenen, die ein normales Bilderbuch nicht erreichen kann.

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Die Abenteuer des Pinocchio – Carlo Collodi

Bisher erschienen in der Kinderbuch-Klassiker-Edition von MinaLima

Peter Panvon James M. Barrie
Die Schöne und das Biestvon Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve
Die kleine Meerjungfrauvon Hans Christian Andersen
Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling

Der geheime Garten“ von Frances H. Burnett und
Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll und wie hier gesehen
Die Abenteuer des Pinocchio“ von Carlo Collodi

Und ich plaudere ein wenig aus dem Nähkästchen, wenn ich verrate, dass man in London mit Hochdruck an „Der Zauberer von Oz“ von Lyman F. Baum arbeitet. 

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Die Abenteuer des Pinocchio – Carlo Collodi

Fürst Lahovary von Georges Manolescu

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Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Wer möchte der Nachwelt schon als Glücksspieler, Hoteldieb, Heiratsschwindler und Hochstapler in Erinnerung bleiben? Wer schreibt freiwillig seine Memoiren, um seinen Ruf als notorischer Krimineller zu untermauern und wer geht gar so weit, sich in seinen Lebenserinnerungen für verrückt zu erklären? Wer schreibt schon gerne, er sei auf fast allen Kontinenten der Erde in Haftanstalten gewesen, habe bei Zwangsarbeit in unwürdigsten Lebensumständen endlos am Rad gedreht und sei in Einzelhaft vom Rest der Welt isoliert worden, um diese vor ihm und seinen betrügerischen Machenschaften zu schützen? Sicher nur ein Mann, dem am Ende eines facettenreichen Schaffens nur dieser Weg bleibt, um seinen weltweiten Ruf als „König der Diebe“ zu untermauern und aus dieser Situation erneut Profit zu schlagen.

Die Rede ist hier von Georges Manolescu, der die Welt von 1890 bis 1908 in Atem hielt. Man kann ihn mit gutem Gewissen als Archetyp des Hochstaplers bezeichnen, als Blaupause für spätere reale und literarische Nachfolger, die eines gemeinsam zu haben scheinen: Mehr scheinen als sein. Das war die Devise, mit der sich Devisen beschaffen ließen. Das war die Maxime für maximalen Erfolg bei eigener Mittellosigkeit. Das ist das Motto, unter dem sich als Lebemann leben ließ, solange man Opfer fand, die sich in die Rolle fügten. Und wer sich dann am Ende seiner fragwürdigen Karriere, erneut mittellos nach Alternativen umschaut, der beginnt zu schreiben. Georges Manolescu entschloss sich 1905 zu diesem Schritt und sein Roman, der eigentlich alles war, nur das nicht, hat unter dem Titel „Der König der Diebe“ dafür gesorgt, dass es kurzzeitig mit ihm wieder aufwärts ging. Unter der Überschrift „Gescheitert“ folgte schon bald seine Fortsetzung, in der er öffentlich mit seinem Seelenleben kokettierte.

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Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Der Manesse Verlag hat nun beide Bücher in einem Prachtband vereint. Erstmals originalgetreu wiedergegeben erleben wir nun seit mehr als hundert Jahren einen mehr als tiefen Einblick in die Psychologie eines Kriminellen, der die Adelsgläubikeit der Zeit zu seinem wichtigsten Instrument machte. Dabei könnte das Buch Fürst Lahovary – Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler so viele andere Titel haben. Allesamt vom Betrüger selbst verwendete Titel aus frei erfundenen Adelshäusern. Marchese da Passano, Herzog von Otranto, Prinz von Padua oder Graf Festetisch. Namen, die sich wie leuchtende Spuren durch die Kriminalgeschichte Europas zogen. Und Namen, die verzweifelte getäuschte Möchtegern-Ehefrauen, Juweliere, Bankiers, Beraubte und Betrogene die Nerven und ihr Vermögen verlieren ließen. Aus dem Nichts einer kleinen rumänischen Provinz erhob sich Fürst Lahovary zu einem Society-Schreckgespenst seiner Zeit.

Standesgemäß kommt auch das Buch daher. Noblesse obliege, könnte man sagen. In edlem schwarz-goldenen Tönen strahlt das Cover aristokratische Würde aus. Sogar eine Krone irgendeines erfundenen Adelsgeschlechts ziert das Äußere und vermittelt in aller Deutlichkeit das royale Metier, in dem hier agiert wird. Damit nicht genug. Hat man den Schutzumschlag entfernt, liegt ein echter Goldjunge von Buch in den Händen der Leserschaft. Schnell jedoch wird klar, dass sich hier das Motto des Hochstaplers „mehr Schein als Sein“ auf keinen Fall widerspiegelt. Dieser Roman in der heutigen Fassung ist sicher kein Hochstapler oder Angeber. Er ist lesenswert und mit gehörigem Abstand zur Zeit seiner Entstehung extrem aufschlussreich, weil sich die Muster eines Handelns bis weit in unsere Gegenwart wiedererkennen lassen.

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Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Wenn man jenem Georges Manolescu eine gewisse Methodenkompetenz für den Berufszweig der Hochstapler zubilligt und ihn als Vorreiter eines kriminellen Metiers anerkennt, dann kommt man nicht umhin, seine Spuren auch in der Weltliteratur sehen und fühlen zu können. „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann muss man als literaturhistorisches Denkmal betrachten, weil Manolescu nicht nur Inspirationsquelle, sondern greifbares Vorbild einer Jahrhunderterzählung war. So weit hat es der Hochstapler also geschafft. Immerhin. Was jedoch macht seinen Originaltext heute noch lesenswert? Es sind viele Aspekte, die mich durch diese Geschichte jagten, wie auf einem Parforceritt an der Seite eines sympathischen Betrügers, dessen Leben selbst einem Husarenritt glich.

Manolescu schreibt dabei authentisch und eher schlicht. Nur so gelingt es ihm, in seiner Geschichte einen Sog entstehen zu lassen, der uns dazu zwingt, ihm von Stadt zu Stadt, von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent zu folgen. Es ist rasant zu erlesen, wie leicht es ihm fiel, Fremde zu überzeugen, Lügengeschichten aufzutischen und immer wieder durch Diebstahl und Betrug zu Geld zu kommen. Ebenso rasant ist sein Totalverlust, wenn er mal wieder irgendwo von der Polizei aufgegriffen, in flagranti erwischt und verurteilt wird. Zwangsarbeit, Isolationshaft und harte Bestrafungen härten ihn dabei jedoch nur für die Zukunft ab und lassen Pläne entstehen, die ihn zeitlebens vor erneuten Strafen beschützen sollen. Aus dem Nichts zum Besitzer von Gestüt und Fuhrpark, vom armen Jungen zum Arbeitgeber von Pagen und Bediensteten, ein Weg, der schon ein wenig Respekt einflößt. Man darf sich nur nicht die Opfer anschauen.

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Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Der Mitgiftjäger mutiert zum Getriebenen der Gesellschaft. Aufenthaltsorte müssen ständig wechseln, Beziehungen sind nicht auf Dauer angelegt, und wenn doch, dann ist es die regionale Justiz, die dem Treiben ein Ende bereitet. Kaltblütigkeit beim Raub und Hartherzigkeit in Herzensdingen zeichnen ihn aus. All dies erzählt er von sich selbst, all dies gesteht er in seinen Memoiren ein und angesichts dieses Lebensgeständnisses ist es doch möglich, das gewiefte Schlitzohr zu mögen. Seine Hochstapelei ist Lebenslüge und Fluchtpunkt zugleich. Das Psychogramm dieses Täters könnte nicht auffälliger und eindeutiger ausfallen. Was bringt uns das Lesen dieses Buches heute? Wer sich noch schnell auf die Suche nach ein paar Hochstaplertricks macht, der sei gewarnt. Hier ist methodisch nichts mehr auf unsere Zeit anzuwenden. Ausweispapiere, Reisepässe im Zeitalter international vernetzter Polizeien machen die Vorgehensweise obsolet.

Psychologisch offenbart uns Manolescu jedoch Verhaltensmuster, die auch heute noch Bestand haben, wenn es um die großen Betrugsfälle geht. Der Schein heiligt die Mittel. War immer so und wird wohl auch immer so bleiben. Kleider machen Leute und wer auf großem Fuß, dem nimmt man seine Leichtfüßigkeit ab. Blenden gehört hier zu einem fatalen Handwerk, das immer noch goldenen Boden hat. Das kritische Nachwort von Thomas Sprecher ordnet diesen Text sehr gut in die Zeit und die Kulturgeschichte ein. Von Thomas Mann bis zu kriminellen Nachahmern reicht der Bogen, den er spannt und einer klaren Bewertung unterzieht. Es gelingt ihm, der Kunstform des Hochstapelns den Charme des Bagatelldelikts zu nehmen. Ebenso vermag er, die Bedeutung dieses Stoffes als literarisches Sujet herauszustellen. So Lesenswert, wie das gesamte Buch.

Fürst Lahovary von Georges Manolescu - Astrolibrium

Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Das Leben von Georges Manolescu wurde verfilmt, in vielen Büchern zitiert und in den Jahrzehnten nach seinem frühen Tod im Jahre 1908 zunehmend glorifiziert. Man kann sich im Buch „Fürst Lahovary„, das für den Autor selbst mehr Dokument, denn ein Roman sein sollte, selbst ein Urteil über den Menschen machen, der hier eigentlich keine Lebensbeichte ablegt. Sein dramatischer Niedergang vom König der Diebe bis hin zum Gescheiterten ist schillernd, aufreibend und abenteuerlich. Es sind aber die Phasen in den Gefängnissen, die Monate und Jahre der Haft, die dem Lesenden noch lange im Gedächtnis bleiben, weil sie zeigen, wie allmächtig die Lebenslüge sein kann.

Ich kann euch dieses Buch wärmstens empfehlen. Es ist alles dabei, was das Herz begehrt. Und nicht zuletzt handelt es sich um ein Schmuckstück, das einer Bibliothek mehr als gut zu Gesicht steht. Es ist mein „Goldenes Buch“ – wehe, jemand versucht, sich darin einzutragen.

Fürst Lahovary von Georges Manolescu - Astrolibrium

Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Wilde Freude von Sorj Chalandon

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Es ist mir eine wahrhaftige und Wilde Freude, den neuen gleichnamigen Roman aus der Feder von Sorj Chalandon vorstellen zu können. Ich fühle mich immer am wohlsten in Büchern und Hörbüchern, wenn ich dem Autor oder der Autorin bereits auf meinen Wegen durch die weite Welt der Literatur begegnet bin. Es fühlt sich an, wie in einen mir bekannten Erzählraum einzutreten, von dem ich ahne, was ich erwarten darf und was auf mich zukommt. Sorj Chalandon ist eine bekannte Größe in meinem Lesen. Ich weiß, dass er in der Lage ist, Gefühlswelten erlebbar zu machen. Ich weiß, dass er seine Geschichten gerne in unvorhersehbare Richtungen treibt und ich habe in seinem Roman „Am Tag davor“ eine Art von Urvertrauen zu ihm aufgebaut, weil er mich schon damals an die Hand nahm, und mich bis zum Ende sicher durch seine Geschichte und die unterschiedlichen Aspekte seines Romans führte. Aus gutem Grund schrieb ich:

Aus dem Bergarbeiter-Roman wird schlagartig ein brillanter Justiz-Roman, der es schafft, die Atmosphäre der Kohle-Region in den Gerichtssaal zu transportieren. Es ist die Aufarbeitung einer Rache. Die Abrechnung mit dem scheinbaren Täter, aus der im Verlauf des Prozesses jedoch die Aufarbeitung der Katastrophe wird. Wo ist Schuld zu suchen? Wo wird man sie finden? Wer hat das Recht zu rächen? Und nicht zuletzt die Frage, was „Am Tag davor“ geschah, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Hier sitzen wir bei den Beobachtern des Prozesses und wissen nicht, wie wir urteilen sollten. Wir wissen nichts. Nur, dass wir keine Opfer und keine Täter erkennen. Die Grenzen in dieser Bewältigungsgeschichte verschwimmen. Und das auf eine intelligent-emotionale Art und Weise, die lange im Gedächtnis bleiben wird.

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Worauf war ich also vorbereitet, als ich mich in das Buch Wilde Freude und die Hörbuchfassung, gelesen von Jodie Ahlborn, begab? Nein, Chalandon würde nicht nur ein Thema behandeln. Er würde Genres miteinander verbinden und am Ende einer Geschichte auf die Füße helfen, die eben nur in diesem Mix existieren kann. Er würde keinen Roman über die Krebserkrankung seiner Protagonistin Jeanne verfassen, er würde keinen Roman über die Freundschaft von Frauen schreiben, die er zu einer im tiefsten Inneren verschworenen Schicksalsgemeinschaft zusammenfügt. Und er würde sicher keinen Thriller über den Raubüberfall auf einen Nobeljuwelier in Paris schreiben. All diese Ingredienzien der Chalandon-Rezeptur sind im Klappentext aufgeführt. Klingt wie eines buntes Potpourri aus Handlungssträngen, die nicht zusammenpassen. Klingt allerdings nach einem typischen Chalandon, da literarische Einbahnstraßen nicht zur Landkarte seines Schreibens gehören. Es sind Kreuzungen, Boulevards und Feldwege, die zu seinem Stadtplan werden, in dem wir der menschlichen Psyche begegnen.

Da ist Jeanne. Die Pariser Buchhändlerin, der wir zu einer Mammografie folgen und miterleben müssen, wie sich ihr Leben von einer auf die andere Sekunde dramatisch in die Zeitscheiben vor und nach der Krebsdiagnose aufteilt. Chalandon versetzt uns hier tief in das Innenleben einer Frau, die sich nach einem bereits erlittenen Verlust erneut darauf einstellen muss, einen medizinischen Kampf gegen die Zeit zu führen. Hier geht der Autor schonungslos mit den Wahrheiten um, er löst blankes Entsetzen aus, wenn er „seine“ Jeanne im Stich lässt, weil er ihr einen Ehemann zur Seite stellt, der wohl einer der am wenigsten mitfühlenden Charaktere ist, der mir jemals in einem Buch begegnet ist. Ich scheue mich nicht, ihn hier als „echtes Arschloch“ zu bezeichnen. Ein Prädikat, das er sich im Verlauf der Geschichte ehrlich verdient hat. Nur ein guter Autor ist in der Lage, mich mit einer solchen Figur zur Lese-Weißglut zu treiben. Gelungen. Danke.

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Und da sind die drei Frauen, denen Jeanne während der Therapie über den Weg läuft. Brigitte, Assia und Melody. Alle vom Leben gezeichnet, alle in der Situation, die kaum Auswege kennt und doch mit feinen Antennen für ihre Mitmenschen ausgestattet. Sie entdecken das Gemeinsame. Sie verbünden sich und suchen nach einem Weg, in ihrer eigenen Ausweglosigkeit dem eigenen Leben wieder einen neuen Sinn zu geben. Was also könnte näher liegen, als sich nun zusammenzutun, um Melody zu helfen, die nichts anderes mehr gebrauchen kann, als Geld. Sie folgt einer Mission, zu der sich in aller Konsequenz unsere Ladies zusammenschließen. Sie, die kaum etwas zu verlieren haben, beschließen, einen Pariser Nobeljuwelier zu überfallen. Hier haben wir ihn. Den augenscheinlichen Bruch in einem Roman, der wie eine Krankenakte begann. Hier ist Chalandon in seinem Element.

Hier passt augenscheinlich nichts mehr zusammen. Nicht der Titel zum Buch, nicht die Protagonistinnen zur Handlung, nicht die Männer ins Bild, nicht die Krankheiten zur Geschichte eines Überfalls. Es fühlt sich an, wie ein Puzzle aus Steinen, die sich kaum verbinden lassen. DAS IST CHALANDON. Denn so spiegelt er das Leben literarisch im Herzen seiner Erzählungen. Auch in unserem Leben passt nicht viel zusammen. Nicht die Realität zu unseren Träumen, nicht die Menschen aus unserem Umfeld zu Visionen von Harmonie, nicht die Krankheiten zu unserer Vorstellung von einer heilen Welt. Und letztlich würden wir den Titel unserer Lebensgeschichte auch gerne ändern. Hier wird aus einem Roman ein Spiegelkabinett des wahren Lebens. „Wilde Freude“ ist für mich der große Trugschluss, der diesen Roman so trefflich auf den Punkt bringt.

Wilde Freude von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Wilde Freude von Sorj Chalandon

Aus all diesen Widersprüchen zieht Chalandon die Berechtigung, als Schriftsteller zu verbinden, was im eigentlichen Sinn niemals miteinander in Beziehung zu setzen ist. Seine Fiktion schlägt Brücken über Flüsse, die so weit auseinanderliegen, dass man in der kühnsten Fantasie keinen Brückenschlag erwarten würde. Ihm gelingt es, in dieser Geschichte, Puzzlesteine zu einem Bild zu vereinen, die zuvor als unvereinbar galten:

  • Krebs und Crime
  • Mammografie und Überfallskizzen
  • Therapeutische Perücken und Täter-Tarnung
  • Empathie und Betrug
  • Hass und Liebe
  • Selbstlosigkeit und Egozentrik
  • Kinderlosigkeit und Elternschaft

Oder, um es mit den Worten des Autors zu sagen, hier ein Zitat aus dem Roman:

Dies ist die Geschichte von vier Frauen. Sie wagten sich sehr weit vor. In die tiefste Dunkelheit, in die größte Gefahr, in den äußersten Wahnsinn. Gemeinsam rissen sie die Krebsstation nieder und errichteten auf ihren Trümmern eine Zitadelle.

Ob man sich dem Roman „Wilde Freude“ lesend in der gebundenen dtv-Ausgabe nähert, oder sich auf das Hörbuch einlässt, es ist eine besondere literarische Reise, die uns erwartet. In der ungekürzten Der Audio Verlag-Lesung brilliert Jodie Ahlborn in besonderer Weise, weil man ihr die Zerrissenheit Jeannes deutlich anhört. Aus ihrer Sicht ist der Roman erzählt. Eine wundervolle Spielwiese für eine große Stimme, die in einem einzigen Aufzug von der leidenden Frau zur kaltblütigen Räuberin mutieren darf. Großes Kopf- und Stimmkino…

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Ein Nachtrag: Chalandon weiß, worüber er schreibt, wenn er von Krebs schreibt. Eine Krankheit, die nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Ehefrau heimgesucht hat. Es ist sicher eine Expertise, auf die man als Autor verzichten kann. Allerdings spürt man jeder Faser des Buches in den Krebs-Passagen an, dass hier mehr erzählt wird, als nur eine Geschichte. Constanze Matthes weist in ihrer Buchvorstellung auf dem Blog „Zeichen & Zeiten“ ebenso deutlich darauf hin. Was macht der Krebs mit einem Menschen? Wie sehr dominiert die Angst das Leben? Wann geht die Hoffnung verloren? Wie groß wird die pure Eifersucht auf die gesunden Menschen, die nur Mitleid zeigen? Und wann ist der Point of no Return erreicht, an dem man zu allem bereit ist? Die Antworten sind in diesem Roman verborgen. Es bereitet eine „Wilde Freude“, sie zu teilen…

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Gegenwartsbewältigung von Max Czollek

Gegenwartsbewältigung - Max Czollek - Astrolibrium

Gegenwartsbewältigung – Max Czollek

Im Rahmen meiner Auseinandersetzung mit den, für den Bayerischen Buchpreis 2020 nominierten SchriftstellerInnen und Büchern bin ich in der Kategorie „Bestes Sachbuch“ mit Facetten eines politischen Schreibens konfrontiert worden, die für sich genommen allesamt preiswürdig sind. Der Aktualitätsbezug zeichnet diese Bücher aus. Die Spiegelung historischer Personen, die zum Widerspruch animieren, wie ein Karl Kraus, oder die mit neuen Thesen gespickte Neuerzählung der Demokratiegeschichte unseres Landes, in der die politische Basis unseres Handelns sich zur Affäre für jeden Bürger entwickelt, verdienen höchsten Respekt. Last but not least beschäftige ich mich kurz vor der Preisverleihung mit einem Sachbuch, dessen Titel wie der Wake-up-Call für eine Gesellschaft wirkt, bevor man auch nur die erste Seite gelesen hat.

Mit was denn bitte sonst, möchte man sich fragen, wenn man zum Buch von Max Czollek greift? Genau darum dreht sich doch unser tägliches Leben, dem widmen wir unsere Aufmerksamkeit in Diskussionen und hier sehen wir den Grund für die intensive Auseinandersetzung mit Nachrichten, Podcasts und News-Formaten. Nichts anders, als das ist die Maxime unseres Handelns. „Gegenwartsbewältigung“ könnte die Headline dieses Jahres sein, in dem wir alle nicht nur von politischen Verwerfungen, radikalsten Positionsgefechten und demokratischen Verwirrungen betroffen sind. Nein, reicht wohl nicht aus. Ganz nebenbei trifft uns auch noch eine Viruspandemie, die von uns nichts anderes verlangt, als unsere Gegenwart irgendwie – wie auch immer – zu bewältigen. In keiner anderen Frage bin ich den Menschen in meinem Umfeld näher. Wir bewältigen doch gerade. Oder bin ich, sind wir, auf dem Holzweg? Haben wir uns in den Visionen einer leicht erklärbaren Gesellschaft in eine Komfortzone zurückgezogen, die den Blick auf andere Perspektiven kaum zulässt? Machen wir es uns zu leicht?

Gegenwartsbewältigung - Max Czollek - Astrolibrium

Gegenwartsbewältigung – Max Czollek

Ich bin auf der Hut in diesem Buch. Ich bin vorsichtig. Zu oft hat man in letzter Zeit versucht, meine Haltung infrage zu stellen. Ich bin solidarisch, empathisch, habe beide Beine auf dem Boden unserer Demokratie, schreibe seit Jahren gegen das Vergessen der Opfer des Nationalsozialismus an und verweigere mich nicht den Maßnahmen zur Eindämmung dieser Pandemie, auch, wenn es meine Freiheitsrechte einschränkt. Ich bin mittendrin in der Gegenwartsbewältigung und sehe ganz genau, wer sich hier in aller Konsequenz verweigert. Ich schreibe gegen Populisten und Politiker an, die sich als Alternative bezeichnen, uns jedoch nur mit einem Salto Rusticale in eine Ideologie katapultieren wollen, die auf der Unterdrückung von Minderheiten basiert. Hey, werter Herr Czollek, bei mir müssen Sie nicht anfangen mit ihren Thesen. Sage ich und schon bleibt mir das eben Gesagte mitten im Hals stecken. Ich lese kleinlaut, fast ehrfürchtig, zumindest staunend weiter.

Auf welchen Grundannahmen basiert meine Haltung? Was ziehe ich rechtfertigend für meine Argumentationslinie in die Schlachtformation meines Haltungskrieges? Wieso reagiere ich allergisch, wenn an Haltungsschäden Leidende gegen meine Demokratie in Fahrt kommen und Sturm laufen? „Hallo Deutschland, jemand in der Leitung?“ lautet der Weckruf von Max Czollek. Was zeichnet Erinnerungskultur in Deutschland aus und wer schreit hier eigentlich nach deutscher Leitkultur? Gehen wir sogar Regierenden auf den Leim, weil ihre Argumentationslinie erneut auf einem Ausschluss von Minderheiten aus dem gesellschaftlichen Gefüge basiert? Czolleks Thesen sind gewaltig, sie sind mir im ersten Moment zu gewagt, dann jedoch bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit ihm und seiner Haltung auseinanderzusetzen und nach Symptomen eines Denkens zu suchen, das er für verfehlt hält. Wozu führt ein neu verbreiteter Heimatbegriff? Haben wir dabei all jene aus den Augen verloren, deren Heimat wir nicht bei uns verorten? Ist das Erwachen nationalen Denkens in einer multikulturellen Gesellschaft nicht erneut ein Todesurteil für alle jene, die auf der Strecke bleiben? Und wie kann eine Gesellschaft von deutscher Leitkultur reden, wenn es in der deutschen Geschichte ausschließlich Opfer zu beklagen gibt, wenn wir diese Kultur mal ordentlich sezieren?

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Gegenwartsbewältigung – Max Czollek

Dürfen wir uns wundern, wenn in einem Land, dessen Regierung „Dem deutschen Volke“ dient, erneut Rufe laut werden, die entweder besagen „Wir sind auch das Volk“ oder „Wir sind aber ein anderes Volk“? Zieht nicht die Verbindungslinie: Volksbegriff – Nationalgedanke – Heimat eine deutlich sichtbare Demarkationslinie durch ein Land, in dem eine Gesellschaft deutlich zeigt, dass sie unter sich bleiben will? Was sind Aufrufe zur Solidarität in der Coronakrise wert, wenn wir gleichzeitig Teilen der Gesellschaft in diesem Land zeigen, dass wir sie gar nicht meinen, wenn wir von Heimat reden. Erneut fällt uns die unselige Diskussion auf die Füße, ob der Islam zu Deutschland gehört. Czollek blickt zurück in die Vergangenheit dieser Begriffe, er spannt seinen Bogen bis zu Victor Klemperer, der sich im bombardierten Dresden versteckte und im Tagebuch dokumentierte, wie sehr die Sprache den Holocaust erst möglich machte. Von Adorno bis in die Gegenwart reicht Czolleks relevanter Exkurs. Seine Leitlinie ist klar. Ein Buch zu schreiben, das eine AfD unmöglich macht. Der Kampf gegen den Rechtsruck. Aber seine Argumentationslinie lässt so manchen Demokraten recht dumm aus der Wäsche schauen, weil er längst ähnlichen Denkmustern erlegen ist. Nur werden heute andere aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Flüchltlinge, Muslime, Migranten, Queere u.s.w. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Max Czollek begnügt sich nicht damit, Finger in deutsche Wunden zu legen. Sein Text geht tiefer unter die Haut, als man es sich manchmal wünschen würde. Er schildert die nationalsozialistischen Kontinuitäten, die nach dem Untergang des Dritten Reichs in beiden neuen deutschen Staaten überlebt haben. Seine Analyse zur Erfolgsgeschichte einer deutsch-nationalen Partei in den neuen Bundesländern ist stichhaltig und hält uns Wessis vor Augen, was nach dem Mauerfall versäumt wurde. Wer Ost-Biografien nach der Wende diskriminiert und ein Gedankengut vom „besseren Westen“ kultiviert, darf sich nicht wundern, wenn der Überlebende einer sozialistischen Gesellschaft sich auf die Suche nach neuen Identifikationsmustern begibt. Hier haben wir wenige Antworten geliefert. Die AfD hat das bessere Narrativ zur Wiedervereinigung gefunden. Auch die Sichtweisen zu den Gefahren aus dem Inneren sind profund und scharf formuliert. Wer Terror von RECHTS toleriert, weil ja auch von LINKS Gefahr droht, verkennt, dass es eben keinen „gezielt Menschen mordenden linken Terror in Deutschland gibt“. Gefahr droht nur von jenen, die eine Ausgrenzungsdoktrin vorleben, Hass säen und erneut in Kauf nehmen, dass die nächste Gruppe unserer Gesellschaft ins Abseits gerät.

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Gegenwartsbewältigung – Max Czollek

Max Czollek bleibt keine Beweise für seine Thesen schuldig. Wer auch immer im Moment behauptet, Assimilation sei die eigentliche Voraussetzung, um integriert und wertgeschätzt zu werden, den zieht er mit gezieltem Griff in die Geschichte von Ulrich Alexander Boschwitz. Unsere Vergangenheit hat gezeigt, dass man Integration nicht durch Anpassung erreichen kann. „Der Reisende“ spricht eine klare Sprache. Es ist die Blaupause des deutschen Denkens, dass die Existenz eines Underdogs der Kitt ist, der eine fragile Gesellschaft zusammenhält. Man beweise das Gegenteil! Nur so lassen sich Islamfeindlichkeit und geschürte Ängste in den Treibstoff verwandeln, den rechte Populisten benötigen, um Machtkämpfe zu gewinnen. Wir brauchen, nach Czollek, ein neues Denken. Wir müssen uns auch neu orientieren. Unser Wertevorrat gibt alles her, was in einer neuen Gesellschaft der Teilhabe und Gleichberechtigung aller erforderlich ist, um national-völkisches Gedankengut obsolet zu machen. Die deutsche Leitkultur ist im geschichtlichen Rückblick immer eine Leidkultur gewesen. 

Hallo Deutschland, jemand in der Leitung? Das wird sich zeigen. Es wird sich auch zeigen, welche Schlagkraft die Streitschrift von Max Czollek entwickelt. In ihrer jetzigen Form besteht die Gefahr, dass sie eben nur von Aufnahme-willigen Resonanzkörpern zur Kenntnis genommen wird. Um auch Andersdenkende zu erreichen bedarf es eines Ruckes, der sich durch die Gesellschaft zieht. Max Czollek bietet Visionen und Thesen an, die einen solchen Ruck fördern können. Toleranz, das aufmerksame Zuhören, viel Empathie und eine Neupositionierung der Selbstkritik, können Auswege sein, die einer multikulturellen Gesellschaft die Tore öffnen. Hier ist jetzt Rückgrat gefordert. Jeder von uns kann sich an einem solchen Veränderungsprozess beteiligen. Einer der Wege ist für mich schon der Königsweg für eine solche Veränderung: „Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden!“ 

Bayerischer Buchpreis 2020 - Nominiert - Gegenwartsbewältigung - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2020 – Nominiert – Gegenwartsbewältigung

„Gegenwartsbewältigung“ von Max Czollek ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Literaturblogger begleiten darf, habe ich mich intensiv mit diesem Buch beschäftigt. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November 2020. Die bis zu diesem Tag veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit den Buchbloggern Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung (Hanser Literaturverlage)
Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher (Zsolnay Verlag)
Hedwig Richter: Demokratie. Eine deutsche Affäre (C.H.Beck Literatur)

Warum ich denke, dass Gegenwartsbewältigung das Zeug hat, den Bayerischen Buchpreis zu gewinnen? Weil es an der Zeit ist, diesen Text nicht nur zu lesen. Weil es jetzt an der Zeit ist, dem neuen vorbehaltlosen Denken Schub zu verleihen. Und weil es gerade Bayern, einem der wohl national-konservativsten Bundesländer, sehr gut zu Gesicht stehen würde, als Impulsgeber der Gegenwartsbewältigung zu fungieren. 

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Gegenwartsbewältigung – Max Czollek – Nominiert