„Das Leben ist gut“ – Alex Capus live in München

Das Leben ist gut von Alex Capus

Das Leben ist gut von Alex Capus

Können Sie sich einen Ofen vorstellen, hinter dem sich potenzielle Leser solange verstecken, bis sie von einem neuen Buch aus ihrer Deckung gelockt werden? Ja, ich denke schon, da Sie als Leser selbst immer wieder darauf warten, voller Neugier hinter ihrem persönlichen Ofen hervorgelockt zu werden. Bleiben Sie ruhig in Deckung und verschließen Sie die Augen. Ich versuche einfach, Sie vorzulocken, obwohl der Roman, den ich heute vorstelle sich auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so anfühlt, als wäre er der perfekte Lockvogel Ihres Lesens.

Das Leben ist gut“. Alleine schon der Titel passt so gar nicht in unsere kritische Zeit, in der man sich lieber dem kollektiven Meckern und Zaudern hingibt. Und wer hat schon Interesse an den Innenansichten eines Menschen, der eine kleine Bar betreibt und sein Leben reflektiert? Ein Mikrokosmos aus vollen und leeren Flaschen, Gespräche unter dem Einfluss alkoholischer Getränke und eine weitgehend von Männern dominierte Welt auf und unter den Barhockern der kleinen Kneipe in unserer Straße.

Klar. Sie sind noch hinter ihrem Ofen und schütteln den Kopf. Das Leben ist nicht gut und ein Barbesitzer in einer beschaulichen Kleinstadt hat sicher außer dem Klatsch und Tratsch seiner Stammgäste nicht sonderlich viel in die Waagschale zu werfen, das einen Roman wert wäre. Verstehe ich gut. Kein Problem, obwohl wir ja alle wissen, dass es meistens Taxifahrer und Kneipenwirte sind, die als Seismographen der allgemeinen Stimmungslage mehr zu berichten haben, als Menschen anderer Berufsgruppen. Ist so. Glauben Sie mir einfach.

Das Leben ist gut von Alex Capus

Das Leben ist gut von Alex Capus

„Das Leben ist gut.“ Sowas kann man ja auch nur von sich geben, wenn man von der Zeit entrückt scheint und konfliktfrei durch das Szenario seiner kleinen Bar schwebt. So hängt dieser im Hanser Verlag erschienene Roman fast im literarischen Niemandsland fest und könnte mit einem gekühlten Gin Tonic runtergespült werden. Das lockt Sie noch nicht hinter dem Ofen vor. Klar. Bleiben Sie, wo Sie sind. Wenn Sie von einem Roman Spannung, große gesellschaftspolitische Relevanz oder explosive Atmosphäre erwarten, dann ist Ihr Ofen der beste Platz, den Sie sich aussuchen konnten.

Wenn Sie allerdings bereit sind zu einem Spiel, dann sollten Sie mal vorgucken und sich den Namen Alex Capus ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen. Das Lesen seiner Romane war schon immer gut. Besucher seiner Lesungen sind seit Jahren mehr als begeistert von seiner mitreißenden Art, sich auf der großen Bühne zu präsentieren. Ja, das kann er. Und berücksichtigt man ein kleines Detail in seiner Vita, dann kann es sein, dass man nun hellhörig und neugierig wird. Alex Capus besitzt eine kleine Bar.

Genau hier beginnt ein Spiel, das er mit sich und seinen Lesern spielt. Schreibt er über sein eigenes Leben? Ist er selbst diesmal der Held seines eigenen Romans und ist „Das Leben ist gut“ das bisher autobiografischste Buch seines Lebens? Nein! Alles nur erfunden. Reine Fiktion. Das sagt er selbst. Mehr als deutlich und wiederholt. Ich war zu Gast in einer kleinen Münchener Bar, aus der seine LovelyBooks-Livestreamlesung in die Bücherwelt übertragen wurde und wurde Zeuge seiner beharrlichen „Das ist alles fiktional – Statements“.

Das Leben ist gut von Alex Capus

Das Leben ist gut von Alex Capus

Natürlich gibt er zu, dass es gewisse Parallelen zu jenem Max gibt, dessen Leben so gut ist, dass man einfach darüber schreiben muss. Natürlich gibt Capus zu, dass diese Parallelen sehr augenscheinlich sind. Und trotzdem besteht er darauf, dass er nie über sich oder die Gäste seiner Bar schreiben würde. Schweigepflicht gegenüber den Menschen auf der anderen Seite des Tresens ist oberstes Gebot für ihn. Insofern darf man also keinesfalls erwarten, dass die Anekdoten, Begebenheiten und Geschichten in seinem Buch real sein könnten.

Und doch wird den Zuhörern und Lesern schnell klar, dass sein neues Buch gerne als fiktional bezeichnet werden darf, es sich aber doch um ein autobiografisches Spiel mit hohem Ich-Schutzfaktor handelt. Die Grenzen verlaufen fließend und genau hier liegt die Faszination dieses Buches begraben. Es wird diese Welt nicht verändern. Es sind die scheinbar kleinen Begebenheiten, die Charakterzeichnung des Barbesitzers und die emotionalen Abschweifungen, die diesen Roman lesenswert machen. Und nicht zuletzt ist es die fiktionale Annäherung an einen faszinierenden Schriftsteller, die hier den ganz besonderen Reiz ausmacht.

Genau so laviert und parliert sich Alex Capus durch seine Lesung. Man möge nur nicht glauben, dass er über sich selbst geschrieben habe. Dieses Mantra leitet fast jede Sequenz aus dem Buch ein. Dann schließt er es, lächelt und erzählt von sich selbst, seinem Alltag in der Bar, den Abläufen und den leicht verschrobenen Stammgästen, die er so liebt. Aus dem Grenzgänger des Fiktionalen wird in diesen Situationen wieder der Besitzer der Bar, wie wir sie im Buch kennengelernt haben. Capus führt seine eigenen Abgrenzungen ad absurdum. Wohl wissend, was er seinen Lesern damit antut.

Das Leben ist gut von Alex Capus

Das Leben ist gut von Alex Capus

Capus begegnet sich selbst. Frontalcrash mit seinem Alter Ego. Das Spiel eines Meisters der Fabulierkunst. Wer bin ich? Erkennt ihr mich im Buch? Glaubt ihr, dass ihr mir begegnet? Fragen, die über diesem Buch stehen und es so liebenswert machen. Da ist Max, der die kurze Abwesenheit seiner Frau kaum verkraften kann und ihr mit einem einfachen Vergleich verdeutlicht, wie aufgeschmissen sie ohne ihn wohl sein wird. Ein Mann, der augenscheinlich die Rolle seiner Frau anders interpretiert, als dies moderne Frauenbilder suggerieren.

„Jemand wird für dich die Glühbirnen auswechseln müssen. Wer soll das tun, wenn ich nicht da bin?“

Da ist ein Barbesitzer, der mit der Erziehung der Söhne überfordert scheint und sein Heil in der Flucht hinter den Tresen seines Lebens sucht. Da ist Max, der wütend auf seine Frau das Haus verlässt, seinen Aggressionen freien Lauf lässt, sich vornimmt den Streit später eskalieren zu lassen und dann doch nur zu einem „Du dumme Kuh“ kommt, das von seiner Tina geflissentlich überhört wird. Da sind die Menschen in seiner Bar, die dem lauf der Welt nicht vertrauen, vor Erdbeben und Manipulation der Obrigkeit Angst haben und wie Strandgut in der Bar landen. Menschen, für die Max ein Anker zu sein scheint.

„Das Leben ist gut“ liest sich in einem Zug und gewinnt durch die Dimension dieses ganz bewussten Identitäts-Spiels, das Alex Capus mit seinen Lesern spielt. Sie können sich die Lesung jederzeit ansehen. Sie zeigt viel und verrät doch nichts. Insbesondere lässt uns der Autor im Dunkeln, wann er hier von wem erzählt und über wen er schreibt. Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass man dem Menschen Capus nie näher war als in diesen Kapiteln. Ja, es ist sicher fiktional. Ja, der Selbstschutz verhindert vieles. Aber „Das Leben ist gut“ lässt sehr viel zu, weil Alex Capus mit einem sympathischen Augenzwinkern gestattet, dass man sich auf sein Spiel einlässt.

Das Leben ist gut von Alex Capus - LovelyBooks in Aktion

Das Leben ist gut von Alex Capus – LovelyBooks in Aktion

Er hat die Regeln aufgestellt. Wir sollten uns darauf einlassen. Auch Delphine de Vigan hat in ihrem Roman Nach einer wahren Geschichte ein vergleichbares Spiel in die Welt gesetzt. Rein fiktional und doch unglaublich bewegend. Wenn man sich nicht nur für die Bücher der Autoren interessiert, die uns seit Jahren begleiten, sondern auch für die Menschen hinter den Schreibmaschinen, dann sind es solche Bücher, die mehr offenbaren, als man es zuerst vermutet. Selbstschutz hin. Selbstschutz her. Hier schlägt die Eitelkeit der Schriftsteller ihnen vielleicht selbst ein Schnippchen und sie wollen uns mehr zeigen, als ihnen eigentlich lieb ist.

Alles ist erfunden. Sei`s drum. Akzeptiert. Ich bin froh, einem Barbesitzer begegnet zu sein, der dem Wunsch der Söhne nach einem Hund nur deshalb nicht nachgibt, weil er schon jetzt fühlt, wie sehr ihn der Verlust dieses Tieres in einigen Jahren mitnehmen würde. Ich bin so froh, einem Schriftsteller begegnet zu sein, für den ein ausgestopfter Stierschädel mehr als nur Dekoration für die heimische Bar ist, sondern sich fast schon wie ein Runnig-Gag der Deko-Geschichte durch sein Leben mäandert.

Das Leben ist gut“ muss man nicht gelesen haben! Keine Frage. Dieses Buch ist nicht dazu angelegt, Leben zu retten oder philosophische Grundhaltungen zu verändern. Man kann dieses Buch lesen, wenn man die leicht verschrobene Liebeserklärung eines Mannes wertschätzen kann, der nach außen vielleicht machohafter wirkt, als es wirklich ist. Man kann es lesen, weil es unterhält und Lust auf einen Barbesuch macht. Man darf es lesen, wenn man sich auf ein besonderes Spiel einlässt. Ein Spiel namens Capus.

Das Leben ist gut von Alex Capus - Ein erfüllter Wunsch

Das Leben ist gut von Alex Capus – Ein erfüllter Wunsch

Sollte es mir nicht gelungen sein, Sie hinter dem bibliophilen Ofen hervorzulocken, so besuchen Sie doch einfach Stephanie Sack und ihren Blog Nur Lesen ist schöner – Eine Ode an das Lesen. Wir hatten das Vergnügen, Alex Capus gemeinsam in einer wundervollen Münchener Bar zu treffen. Ihren atmosphärischen Bericht finden Sie hier.

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„Die Nachtigall“ – Mit Kristin Hannah im besetzten Frankreich

Die Nachtigall von Kristin Hannah - AstroLibrium

Die Nachtigall von Kristin Hannah – AstroLibrium

Wie kann ich am Anfang beginnen, wenn alles, woran ich denken kann, das Ende ist?

Historische Romane mit zeitgeschichtlichem Hintergrund stehen derzeit hoch im Kurs. Wenn man sich als Autor jedoch einer Epoche verschreibt, die in der tragischen Dimension eine besondere Relevanz für die heutige Zeit hat, dann sind gute Recherche und Authentizität die wesentlichen Parameter, die jenseits aller Fiktionalität zu beachten sind. Die Geschichte zur bloßen Kulisse für den eigenen Romanstoff zu degradieren ist nur vertretbar, wenn eben diese Geschichte in sich selbst harmlos und unbedeutend ist.

Einen Roman im Zweiten Weltkrieg anzusiedeln und das von Nationalsozialisten besetzte Frankreich in den Mittelpunkt zu stellen ist literarisch gewagt, weil dieses historisch facettenreiche Thema differenziert zu betrachten ist. Ein kleiner Fehler in der Plausibilität der beschriebenen Rahmenbedingungen schadet nicht nur der Geschichte, sondern ist auch in der Lage, dem sensiblen Gedenken an die Opfer nicht mehr gerecht zu werden. Letztlich führt es dazu, dass auch die fiktionalen Protagonisten im luftleeren Raum hängen und ein Roman ohne tragfähige Botschaft entsteht.

Kristin Hannah hat ihren Roman Die Nachtigall ganz bewusst in diesem Kontext angesiedelt und damit Rahmenbedingungen ausgewählt, die unveränderbar historisch verbrieft sind. Wenn man an die Jahre der deutschen Besetzung von Frankreich denkt, sind folgende Begriffe die brutalen Konstanten einer instabilen Zeit. Resistance, Flucht und Vertreibung der Zivilbevölkerung, Kollaboration, Repressalien, Willkür der Besatzer, Judenverfolgung und Deportation unter Beteiligung der französischen Vichy-Regierung und nicht zuletzt die Rolle der großen Religionen angesichts des Holocaust.

Die Nachtigall von Kristin Hannah - Das besetzte Frankreich

Die Nachtigall von Kristin Hannah – Das besetzte Frankreich

Kristin Hannah tangiert in ihrem Roman jeden einzelnen dieser Themenbereiche. Der Spielraum für freie Interpretation ist klein und mein persönlicher Anspruch an ihren Roman ist hoch, wenn er sich von reiner kulissenhafter Unterhaltungsliteratur abheben möchte. Ich habe viel über diese Zeit gelesen. Ich habe über das besetzte Frankreich einige Artikel verfasst, die auf der Basis von Zeitzeugenberichten und Romanen zeigen, ob ein Roman wie „Die Nachtigall“ an der Oberfläche bleibt, oder sich mit Plausibilität und Tiefgang einer Zeit widmet, die gerade heute nicht vergessen werden darf.

Kristin Hannah trifft mit ihrem Roman, seiner Konstruktion und ihrer Sprache die Seele Frankreichs, weil sie keine gefährliche Klippe umschifft hat. Das Frankreich, von dem sie schreibt ist so authentisch und präzise, dass man sich bereits im ersten Kapitel des Romans fühlt, als wäre man von der Autorin in das Jahr 1939 versetzt worden. Ihre Geschichte zweier Schwestern ist historisch präzise, komplex und authentisch angelegt. Sie transportiert die Stimmung eines ganzen Landes an der Schwelle zum Krieg mit dem Erzfeind Deutschland so bildhaft und greifbar, dass man sich vollends auf das Schicksal von Vianne und Isabelle konzentrieren kann.

Ihr Weg ist der Weg so vieler Frauen durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges in einem zerrissenen Frankreich, das sich einerseits mit den Besatzern arrangiert, auf der anderen Seite jedoch in kleinen effektiven Widerstandsgruppen der Resistance widmet Vianne und Isabelle könnten unterschiedlicher nicht sein, obwohl sie Schwestern sind. Vianne, die Ältere von ihnen, glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter steht für den Erhalt der Familie und alle Kompromisse, die man eingehen muss, um sich zu schützen. Koste es was es wolle. Isabelle hingegen irrt ziellos durch ihr Leben. Widerspenstig und ohne jede Bindung ist sie in der Lage und bereit, alles in die Waagschale zu werfen, um gegen Unterdrückung zu kämpfen.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah

So entwickeln sich die Lebenswege der Schwestern unterschiedlich, nachdem die Wehrmacht von Paris und halb Frankreich Besitz ergriffen hat. Viannes Ehemann gerät schnell in Kriegsgefangenschaft und so gilt es nun, allein auf sich gestellt zu überleben. Schnell quartiert sich ein deutscher Offizier im Haus von Vianne ein und die Ambivalenz aus Hass und Kompromissbereitschaft wird zum täglichen Begleiter. Isabelle findet ihre Bestimmung in den Reihen der Resistance. Widerstand – das passt zu ihr. Alles geben und selbstlos für die Freiheit des Landes zu kämpfen. Das ist ihr Weg.

Zwei Wege, die Vianne und Isabelle voneinander entfernen. Kristin Hannah gelingt es durch diese beiden Perspektiven zwei komplexe Erzählräume zu gestalten, die den Schrecken des Krieges zum hautnahen Leseerlebnis machen. Während Vianne an der Seite ihrer Tochter das Grauen der Okkupation, die sich täglich verschlechternde Lage in der Versorgung mit Lebensmitteln und die Eskalation der antijüdischen Gesetze auf dem Land erlebt, stürzt sich Isabelle in ein lebensgefährliches Abenteuer. Ihr gelingt es, abgeschossene alliierte Piloten auf einer geheimen Route über die Pyrenäen zu bringen und sie macht sich als „Nachtigall“ einen Namen in der Resistance.

Und doch verbindet die Schwestern mehr, als sie wahrhaben wollen. In Zeiten des Krieges und der Einsamkeit stellen beide fest, dass Lieben nicht geliebt werden dürfen, Gefühl zu gefährlich ist und man beharrlich lügen muss, um sich selbst und andere zu schützen. Die Vergangenheit und der Vater, der nie für sie da war, zehrt an beiden. Die Gegenwart zwängt sie in ein Korsett und nur langsam und mit fortschreitender Brutalität des Krieges gelingt es Vianne und Isabelle die Fesseln abzustreifen. Beide beginnen zu kämpfen. Nicht nur für ihr Land. Auch für sich selbst und ihre Freunde.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Kristin Hannah entwirft hier kein Roman-Panorama. Sie erzählt eine Geschichte, die sich so tausendfach zugetragen hat. Sie blendet nichts aus. Sie zeichnet die Charaktere nicht in einfachen Gut-und-Böse-Klischées, sondern arbeitet sehr präzise heraus, was sich in den Zwischentönen einer Persönlichkeit abspielen kann. Ihr gelingt sogar, einen deutschen Besatzer im Hause von Vianne so differenziert zu beschreiben, dass Gefühle verständlich werden, die beide in dieser Zeit verbinden. Sprachlich fesselt die Autorin in ihrem Spagat zwischen romantischer Sichtweise, naiver Schwärmerei und knallhartem Realismus angesichts der Kriegssituation.

„Die Nachtigall“ ist eine literarische Herausforderung für alle Leser, die sich nicht mit Oberflächlichkeiten begnügen. Dieser Roman dringt in die Tiefe vor, schildert in aller Härte die Abgründe des menschlichen Geistes und seine Größe. Kristin Hannah gelingt es, Perspektiven zum Tragen zu bringen, die das Herz brechen und den Verstand ganz langsam um seinen Glauben an die Menschheit bringen. Die größte Leistung allerdings ist die Botschaft, die dieser Roman in aller Nachhaltigkeit vermittelt. „Wer ein einziges Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk.“ Diese nachhaltige Strahlkraft hätte ich dem Roman nicht zugetraut. Deshalb habe ich ihn auf Herz und Nieren geprüft, meine vielen Bücher über diese Zeit zurate gezogen und anhand dieser Referenzen mein Urteil über „Die Nachtigall“ gebildet.

Selten habe ich ein Buch so kritisch beleuchtet. Selten musste eine Schriftstellerin so große Hürden in meinem Lesen überwinden. Nur einige Werke möchte ich an dieser Stelle aufführen, um zu verdeutlichen, wie ich zu meiner abschließenden Bewertung des Romans komme und warum ich ihm das Prädikat „besonders wertvoll“ verleihe. „Die Nachtigall“ vermag durch Spannung zu fesseln, durch den Erzählkosmos zu begeistern und dabei ganz gezielt Hintergründe zu vermitteln, die man sich nur aneignen könnte, wenn man einen ganzen Kosmos an Literatur zu dieser Zeit lesen würde.

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Die Nachtigallist so französisch authentisch, wie die „Suite Francaise“ von Irène Némirovsky. Jener jüdischen Schriftstellerin, die ihr Frankreich als besetztes Land so verzweifelt beschrieb, als könnten ihre Worte es retten, bevor sie selbst nach Auschwitz deportiert wurde und starb. „Die Nachtigall“ ist so erhellend, wie „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr, weil es die kindliche Hilflosigkeit in diesem Krieg so greifbar macht. Der Roman ist so bitter wie „Charlotte“ von David Foenkinos, weil er zeigt wie chancenlos jüdisches Leben damals nicht nur in Frankreich war. Der Roman ist relevant, weil er die Rolle der Religionen nicht ausklammert und wie „Sonnenschein“ von Daša Drndić den Identitätsverlust geretteter Kinder thematisiert.

Und nicht zuletzt ist „Die Nachtigall so herzzerreißend, wie „Das versteckte Kind„, weil das Buch den Weg jüdischer Familien in den Holocaust begleitet. Und das in aller Härte und schonungslos. Darüber hinaus ist „Die Nachtigall“ so widerstandsfähig, wie „Der Finsternis entgegen“ von Arne Molfenter, der die grausame Brutalität der Nazis gegenüber den Angehörigen der Resistance beschreibt. Ich habe keinerlei Lücken im Roman von Kristin Hannah gefunden. Ich bin von diesem Buch überzeugt und empfehle es mit gutem Gewissen. Es ist in der Lage, Empathie zu wecken, gegen Gleichgültigkeit anzukämpfen und den Blick für die heutige Zeit zu schärfen. „Die Nachtigall ist keine Kulisse.

Wappnen Sie sich für dieses Buch. Es ist voller Überraschungen, Tragödien, Dramen und Hoffnung. Bestechend in seiner Konstruktion empfand ich den Rahmen, den Kristin Hannah um den gesamten Roman gespannt hat. Ein Rückblick auf die Ereignisse von einst. Ein Blick zurück auf zwei Leben, die durch Blut miteinander verbunden sind. Zwei Schwestern, die sich im Gedächtnis der Leser einen wichtigen Platz erobern werden. Aus wessen Perspektive dieser Rückblick und damit die ganze Geschichte erzählt wird, das gilt es selbst zu erlesen. Ich empfehle Taschentücher. Großes Kino. Großes Buch.

Die Nachtigall von Kristin Hannah

Die Nachtigall von Kristin Hannah – Das besetzte Frankreich

„Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Herzlich willkommen in einer Vergangenheit, an die Sie sich vielleicht gut erinnern können, weil Sie ein Teil von ihr waren. Herzlich willkommen in einer Zeit ohne Internet, Handy, RedBull und Privatfernsehen. Ich spreche hier von der Zeit der Musikkassetten, Bonanza-Räder, Tri-Top-Getränkekonzentrate und Saba-TV-Geräte. Diese Zeit, in der das Fernsehen von Wim Thoelke, einer bezaubernden Jeannie, Percy Stuart und dem Briefträger Walter Sparbier dominiert wurde und Musik zum Download anders aussah.

„<James Last: Non Stop Dancing> stand auf der kleinen Plastikschachtel. Immer noch kaum zu glauben, dass hier so viel Musik drauf sein sollte, wie auf einer Langspielplatte, auf die bespielbaren passte sogar noch mehr.“

Willkommen in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren. Es sind Jahre, in denen der erste Mensch den Mond betreten hatte, Deutschland kein einig Vaterland war und das beschauliche Bonn als Hauptstadt des westlichen Teils unseres Landes die politischen Geschicke lenkte. Das Palais Schaumburg, der Kanzlerpavillion und die Villa Hammerschmidt stehen noch heute für diese Epoche unserer Geschichte. Es ist aber auch die Zeit meiner Kindheit, die ich in der Eifel erlebte. Unweit dieses Zentrums der Macht wuchs ich eher beschaulich und gut behütet auf.

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Dass zwischen 1969 und 1974 ein gleichaltriger Junge in Bonn aufwuchs, war mir damals gelinde gesagt egal. Ich war viel zu beschäftigt mit mir selbst, um mir auch noch Gedanken um einen gewissen Matthias zu machen. Als Sohn des Bundeskanzlers war er wie ein Wesen von einem anderen Stern. Willy Brandt kannte man selbst nur aus den Nachrichtensendungen im Fernsehen. Er wirkte staatstragend, wichtig und wurde auch von meinen Eltern fast ehrfürchtig bewundert. Ein großer Mann. Wie oft ich das in meiner Kindheit gehört habe. Wie aber sah die Kindheit von Matthias Brandt aus?

„Seit einiger Zeit patrouillierten Wachleute auf unserem Grundstück, man hatte ihnen sogar hinten beim Gemüsegarten, wo es in den Wald ging, eine Baracke gebaut, in der sie wohnten… Wie in unserem Schullandheim in der Eifel sah es dort aus.“

Und so überrascht es nicht, dass Matthias Brandt seine Geschichte erzählt, und nicht ich. Die Raumpatrouille ist eine sehr geschickt arrangierte Kollektion von 14 Geschichten aus seiner Kindheit, die nun bei Kiepenheuer und Witsch erschienen ist. Wer nun erwartet, das große politische Bonn hier wiederzufinden, die Hintergründe der wichtigen Entscheidungen oder geschichtliche Ereignisse aus Kindersicht vorgesetzt zu bekommen, der wird sich in einer anderen Welt wiederfinden, ohne enttäuscht zu sein. Denn Matthias Brandt gelingt es in seinen zarten Geschichten aus der Umlaufbahn der historischen Figur Willy Brandt heraus einen klaren Blick auf sich selbst zu werfen.

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Matthias Brandt erzählt von Träumen und Sehnsucht, persönlichem Versagen und wildem Probieren, grandiosem Scheitern und dem Leben im goldenen Käfig. Mit keinem Wort erwähnt er den Begriff Kanzler. Sein Vater erscheint eigentlich nur ganz am Rand der Geschichten, obwohl sein Status Geschichte schrieb und den Rahmen definierte, in dem sich das Leben von Matthias entwickeln konnte. Bewacht von Sicherheitskräften, isoliert bei Kirmesbesuchen rebelliert der kleine Junge mit seinen Bordmitteln gegen die Vereinsamung und versucht Aufmerksamkeit zu erregen. Beides scheitert oft schon im Ansatz.

Das Briefmarkensammeln wird zum Fiasko, weil statt fremder Länder nur der senile Ex-Präsident im Album landet, bei dem Matthias schon mal zum Kakao eingeladen wird. Der Fahrradausflug mit einem Herrn Wehner mutiert zu Vaters symbolträchtigem Sturz und die Übernachtung bei einem Freund suggeriert ihm das wahre und freie Leben, das ihn sogleich wieder abschreckt, weil er das Alleinsein liebt, und es nicht als Einsamkeit empfindet. Die Liebe zu seinem Hund und die Zuneigung seiner Mutter sind Konstanten in einem Leben ohne väterliche Wärme. Seine Ängste suchen nach Ventilen.

„Den größten Außenseiter mit zu quälen, war die einfachste Art, zu sein wie die  anderen, und das war mein brennendster Wunsch.“

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Auf diese Art und Weise zeichnet Matthias Brandt ein Panorama dieser Zeit. Die „Raumpatrouille“ liefert kaum biografische Indizien für das Leben seines Vaters. Willy existiert nur kommend und gehend, entfernt und kalt. Und doch ergibt dieses Puzzle der nicht chronologisch sortierten Geschichten das Bild einer sehr einseitigen Beziehung, aus der auch Väter von heute noch lernen können. Aus maximaler emotionaler Distanz heraus beschreibt der sehr erfolgreiche Schauspieler, warum er sich niemals über den Namen Brandt definierte.

Dieses Buch ist kein Befreiungsschlag. Die Geschichten sind der ungeschönte Blick auf das eigene Leben und Schwächen, für die man nicht immer selbst verantwortlich ist. Und doch gelingt es Matthias Brandt nicht, mit seinem Vater zu brechen, oder ihn in schlechtem Licht zu präsentieren. Als schicksalhaft nimmt er die Kindheit unter diesen Rahmenbedingungen hin. Vorwurfsvoll klingt jedoch keine der Geschichten. Ein Kreis scheint sich in der letzten Geschichte „Was ist“ zu schließen. Man spürt, wie sehr der Sohn versucht, seinem Vater die Hand zu reichen, obwohl er ihm immer fremd blieb.

Der Blick in die Augen seines Vaters, der ihm in einem seltenen Moment des Lebens aus einem Buch vorliest, zeigt Nähe und Distanz zugleich. Ambivalenz wird greifbar:

„Ich sah… Augen, deren Farbe ich immer noch nicht herausgefunden hatte.“

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Und wenn Sie sich nicht an diese Zeit erinnern? Wenn Sie zu jung sind, um all dies selbst erlebt zu haben? Ist dieses Buch relevant genug, um auch Leser zu begeistern, die nicht zu den Zeitzeugen der Kanzlerschaft von Willy Brandt gehören? Ist es zeitlos genug, um nachhaltiges Interesse zu wecken? „Auerhaus“ von Bov Bjerg hat deutlich bewiesen, dass Leser aller Altersgruppen einen Blick in unsere Vergangenheit werfen und nach Werten und Maßstäben suchen, die uns heute fast schon fremd sind. Diese ganz persönliche Sentimental Journey ist dann relevant, wenn sie Gefühle und Fakten vermittelt, die sich auf die Gefühls- und Denkwelt der Leser auswirkt.

„Auerhaus“ ist ein Roman. Gerade deshalb ist es uns so leicht gefallen einen Zugriff auf Handlung und Protagonisten zu finden, unsere Haltung zu Freundschaft am Roman zu reiben und zu reflektieren, was wir in Menschen investieren, die wir Freunde nennen. „Raumpatrouille“ ist nicht fiktiv. Diese Geschichten von Matthias Brandt bleiben nicht in der Umlaufbahn. Sie landen zeitlos auf unserem Denkplaneten. Auch heute ist vielen Vätern vieles wichtiger, als der Kontakt zu ihren Kindern. Sie sind staatstragend, ohne Staaten zu tragen. Matthias Brandt hat sich von seinem Vater gelöst. Und das mit sehr guten Erinnerungen, die schmerzen und helfen. Ein kleiner Schritt für den Leser, ein großer Schritt für Matthias Brandt. Der Adler ist gelandet.

Gehen Sie auf „Raumpatrouille„. Eine kleine große Geschichtenstunde.

Raumpatrouille von Matthias Brandt und Auerhaus von Bov Bjerg

Raumpatrouille von Matthias Brandt und Auerhaus von Bov Bjerg

„Mord auf Bestellung“ von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Also nur mal ganz unter uns. Würden Sie einen Roman lesen, dessen Autor die Idee für das ganze Buch gekauft hat? Würden Sie ein Buch lesen, in dem sich genau dieser Schriftsteller so sehr in der fremden Idee verrennt, dass er nicht mehr zum Ende findet? Würden Sie einen Thriller lesen, der dann fast fünfzig Jahre später von einem anderen Autor beendet wurde, dem das Manuskript zufällig in die Hände fiel? Seien Sie jetzt mal ganz ehrlich. Würden Sie dieses Buch lesen?

Stellen wir die Frage doch mal anders. Würden Sie den Roman lesen, wenn er aus der Feder des einzigartigen Jack London stammen würde, der mit „Wolfsblut„, „Der Seewolf„, „Goldrausch in Alaska“ und „Ruf der Wildnis“ zur Legende wurde? Oder würden Sie ein Buch lesen, dessen Idee von Sinclair Lewis stammt, der als mittelloser Lohnschreiber seinen Lebensunterhalt bestritt, indem er seine Romanideen für kleines Geld an namhafte Schriftsteller verkaufte? Wäre es für Sie von Interesse, dass dieser Ideenhändler später mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde?

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Und würde es Sie vielleicht interessieren, ein Buch in Händen zu halten, in dem Sie all dies selbst erlesen könnten? Die Idee. Den Roman bis zu seiner Abbruchstelle. Die Fortsetzung durch einen Autor, der vorher kaum in Erscheinung getreten war. Und auch den Rohentwurf des Finales von Jack London selbst, in dem er das Ende des Buches skizziert, zu dem er sich doch niemals durchringen konnte. Und darüber hinaus könnte es Sie interessieren, dass Ihnen die Idee ein wenig bekannt vorkommt, weil Sie sich an einen Film erinnern können, in dem Diana Rigg fast berühmter wurde, als in ihrer Rolle der Emma Peel in „Mit Schirm, Charme und Melone“? Na, wie sieht es jetzt aus?

Wenn Sie jetzt neugierig geworden sind, dann sollten Sie weiterlesen, denn hier wartet genau jener Agententhriller auf Sie, der durch seine Entstehungsgeschichte und alle Legenden, die sich um ihn ranken, absolut einzigartig ist. Mord auf Bestellungvon Jack London ist im Manesse Verlag in einer Fassung erschienen, die nicht nur keine Fragen mehr offen lässt, sondern den Leser dazu verleitet, aktiv zu werden und vielleicht sogar sein eigenes Ende zu erdenken. Wenn man weiß, dass der eigentliche Autor sich in eine Sackgasse manövriert hat und sich die Fortsetzung von Robert L. Fish deutlich vom Finalentwurf Jack Londons unterscheidet, dann sind die Gedanken frei, der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen und aus diesem Roman einen eigenen Mitmachthriller zu gestalten. Sind Sie bereit?

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Dabei werden Sie in jeder Hinsicht literarisch gefesselt, weil diese offensichtlichen Brüche im Buch gar nicht offen erkennbar sind. Die facettenreiche Ausgabe mit einem hilfreichen Nachwort von Freddy Langer, einem Stichwortverzeichnis, dem Fragment des finalen Entwurfes von Jack London und dem deutlichen Hinweis, an welcher Stelle Rober L. Fish angesetzt hat, lässt alle Sollbruchstellen innerhalb des Romans sichtbar werden, ohne den Thriller des Lesevergnügens zu berauben. Denn eines steht fest: Er ist von der Idee bis zu seinem Ende brillant, spannend, kurios und mehr als lesenswert.

Jack London öffnet die Pforten zu einer Gesellschaft ehrenwerter Männer, die im New York des Jahres 1911 ein wahres Schattendasein führen. Sie treten nur dann in Erscheinung, wenn sie gut bezahlt werden und ihre Aktionen nach einem ethisch und moralisch kaum zu beanstandenden Prüfverfahren sanktioniert wurden. Was sie dann ganz genau tun? Nun, ganz einfach. Sie morden. Attentate sind ihre Profession und es ist eigentlich recht einfach, die gedungenen Killer zu engagieren.

„Wenngleich Henker die bessere und treffendere Bezeichnung ist.“

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Man wendet sich an Ivan Dragomiloff, den Chef der Attentatsagentur, nennt ihm das Opfer, begründet diesen Wunsch und vereinbart einen Preis. Der variiert nach der Position, die das potentielle Opfer in der Gesellschaft bekleidet. Ein Monarch ist hier wesentlich teurer als ein Polizeichef und kriminelle Randfiguren sind schon für kleines Geld zu beseitigen. Einzige Voraussetzung für die Agentur, einen Auftrag anzunehmen ist die Akzeptanz eines komplexen Regelwerks. Das Attentat muss aus ethischer Sicht gerecht sein, der Auftrag kann nicht mehr storniert werden und im Falle des Scheiterns der Agentur binnen eines Jahres nach Autragserteilung wird die Summe erstattet.

Was jedoch ist ethisch und gesellschaftlich gerecht? Diese Diskussion steht über der Mission der Agentur. Von Unterdrückung bis zur Korruption reicht das Spektrum. Gerechtigkeit ist das oberste Ziel der Attentäter, die allesamt aus ehrenwerten Berufen stammen und sich selbst als Instrumente einer gesellschaftlichen Säuberung verstehen. Soweit so gut. Das Geschäft floriert und viele asoziale Gestalten wurden spurlos von den Agenten beseitigt, die von New York aus überregional bestens organisiert sind. Als ein gewisser Winter Hall die Agentur mit einem Auftrag konfrontiert, gerät jedoch diese Philosophie der rechtschaffenen Wahnsinnigen ins Wanken.

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Er beauftragt Ivan Dragomiloff damit, sich von seinen eigenen Agenten liquidieren zu lassen und der Attentatsagentur so den Todesstoß zu versetzen. Hall ist ein wesentlich fanatischerer Moralist als Dragomiloff und in der Diskussion um die ethischen Motive der Agentur kann man sich Halls philosophischer Begründung nicht entziehen, dass es dem Menschen nicht zusteht über den Menschen zu richten. Der Kampf um das Gute in der Gesellschaft rechtfertigt nicht jedes Mittel. Dragomiloff nimmt den Auftrag an und es entbrennt eine atemberaubende Jagd der Attentäter gegen ihren eigenen Chef.

„Ich bin ein Mensch“, erwiderte Dragomiloff traurig. „Möglicherweise wird sich das auf lange Sicht als die tödliche Schwachstelle meiner Philosophie erweisen.“

Diesen Thriller als rasant zu bezeichnen kommt einer Verharmlosung gleich. Die philosophische Diskussion, wie weit man gehen kann, um das Böse zu beseitigen ist brillant und die Versuche der Attentäter, ihren Chef zu liquidieren sowie seine eigenen Versuche, sich zu retten sind grandios beschrieben. Die Tatsache, dass Winter Hall zu spät bemerkt, dass die Frau, die er liebt zutiefst in die Agentur verstrickt ist, setzt dem Ganzen einen besonderen emotionalen Deckel auf. Lassen Sie sich auf das Spiel ein. Finden Sie Ihr eigenes Ende und denken Sie darüber nach, wer hier im Recht ist.

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London

Lesespaß ohne Grenzen! Und das in einem Thriller, dessen Entstehungsgeschichte einen eigenen Roman wert gewesen wäre. Und sollten Sie irgendwann einmal Diana Rigg im Film Mörder GmbH sehen, dann denken Sie einfach an Jack London und den Roman „Mord auf Bestellung„, der einst von einem armen Lohnschreiber erdacht, von einem Großmeister begonnen und von einem kleinen Schriftsteller beendet wurde.

PS: Mord auf Bestellung ist auch bei Hauke Harder ein wahrer Leseschatz!

Mord auf Bestellung von Jack London

Mord auf Bestellung von Jack London – Diana Rigg in einer besonderen Rolle

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt – N. Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Einige Feststellungen seien mir zu Beginn dieser Rezension gestattet:

  • Ja, ich weigere mich seit Jahren erfolgreich, erwachsen zu werden.
  • Ja, ich bin leider völlig normal und deshalb unglaublich langweilig.
  • Ja, ich blicke auf eine Kindheit voller Konjunktive zurück.
  • Ja, ich bin nicht viel mehr als ein „Beinahe-Abenteurer“.
  • Und Ja, ich wünschte mir, es wäre anders gekommen.

Auch ich habe mir, wie so viele andere Kinder, am Ende des Lesens der großen Abenteuerromane gewünscht, ich hätte all dies selbst erlebt. Natürlich hätte es mir Spaß gemacht, an der Seite von Jim Hawkins auf die Schatzinsel zu reisen. Ich hätte sehr viel darum gegeben, mit den verlorenen Jungs in Nimmerland zu leben und Peter Pan zu meinen Freunden zu zählen. Sicherlich wäre ich Alice gefolgt und hätte mich im Wirbelsturm ins Wunderland treiben lassen. Und als Schiffsjunge an Bord der Nautilus hätte Kapitän Nemo seine wahre Freude an mir gehabt.

Hätte. Wäre. Da sind sie: Die Konjunktive meiner Kindheit. Letztlich habe ich es nur lesend in und zwischen den Zeilen in diese Geschichten geschafft. Nichts jedoch war je weiter von meiner gelebten Realität entfernt, als die großen Abenteuer meiner Helden. Wenn ich also heute meinen eigenen Kindern erzählen soll, welche spannenden Dinge ich in ihrem Alter erlebt habe, dann konjunktiviert sich meine Erlebniswelt. Ich hätte fast, ich wäre beinahe und einmal war ich ganz knapp davor… Ja, ich wünschte mir, dass es anders gekommen wäre.

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Und doch habe ich ganz tief in mir drin diese Abenteuer erlebt. Ich kann heute von ihnen erzählen, als hätte ich sie selbst erlebt und meine Kinder haben jetzt die Chance, sich auf die Spuren meiner Jugend zu begeben und meine Helden von einst für sich zu entdecken. Das Lesen selbst ist ein großes Abenteuer. Vielleicht das größte meines Lebens. Ganz ohne Konjunktiv, ohne jedes Vielleicht und Fast. Mein Lesen war und ist real. Mein Königsweg, niemals erwachsen zu werden und auch der schönste Weg, die eigenen Kinder vor einer fantasielosen Welt zu bewahren.

Sie sind es heute, die ihr Leben lesen. Sie sind es, die sich jetzt auf die Suche nach ihren eigenen Helden machen und letztlich sind sie es, die in vielen Jahren zu erzählen haben. Von ihren Konjunktiven, ihren Abenteuern und der kollektiven Schnittmenge aus Jugendbüchern, die sie an der Seite ihrer Eltern erlesen haben und denjenigen, die sie selbst entdeckten. Die Jugendlichen von heute sind die Multiplikatoren von morgen. Sie sind auf dem Weg, den wir eingeschlagen haben. Sie finden neue Abzweigungen und stoßen in neue Welten vor. So wird unser Lesen um das Lesen unserer Kinder erweitert und zu einer fantastischen Erlebniswelt für unsere Enkel.

Vielleicht werden sie ihren Kindern von Archer B. Helmsley erzählen. Vielleicht ist es genau dieser neunjährige Junge, der Ihnen ans Herz wächst und der ihre Gedanken beflügelt. Vielleicht wird es dann daran liegen, dass sie sich ihm seelenverwandt fühlen. Denn Archer B. Helmsley hat so viel mit ihnen gemeinsam. Eltern, die so langweilig und abenteuerlos sind, wie ihre eigenen. Das Gefühl, im goldenen Käfig zu sitzen, damit nur nichts Gefährliches passiert. Und die unstillbare Lust, die Welt zu entdecken, Grenzen zu sprengen und eigene Erfahrungen zu machen. Auch wenn sie schmerzhaft sind. Nur müsste man dazu einfach mal rauskommen. Das Haus verlassen.

Und genau das ist Archer B. Helmsley nicht möglich.

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Denn Archer darf nicht raus. Seine Eltern schränken seinen Aktionsradius extrem ein und sorgen dafür, dass er nicht auf dumme Gedanken kommt. Diese Gefahr schwebt über ihm, da die Umgebung, in der er aufwächst schon sehr dazu verführen könnte. Nur sollte er keinesfalls auf dumme Gedanken kommen. Jedenfalls aus Sicht seiner Eltern, die alles unternehmen, um Archer eine behütete und möglichst abenteuerarme Kindheit zu ermöglichen. Es wäre ja noch schöner, wenn er seinen Großeltern nacheifern würde. Das gilt es zu verhindern. Mit allen Mitteln.

Archers Großeltern sind das genaue Gegenteil von Langeweile. Sie gelten als die bekanntesten Naturforscher und Entdecker in ihrem Land und das ganze Haus ist voll mit Exponaten aus aller Welt. Die Weidengasse 375 gleicht einem Museum und in jeder Ecke des Hauses finden sich ausgestopfte exotische Tiere und weitere Zeugnisse der Abenteuer der beiden Abenteurer. Und Archer stößt ins gleiche Horn. Der Apfel ist nicht weit vom Stamm gefallen, nur wurde er aufgesammelt und weggesperrt. Dumme Gedanken sind einfach zu gefährlich.

Das hat das Schicksal seiner Großeltern deutlich gezeigt. Seit ihrer letzten großen Expedition gelten sie als verschollen. Zuletzt sah man sie auf einem Eisberg. Seitdem haben sich ihre Spuren verloren. Das Forscherleben ist einfach zu gefährlich, als dass man es nun akzeptieren würde, Archer in die Fußstapfen seiner berühmten Großeltern treten zu lassen. Langeweile ist angesagt. Schulalltag, lernen, aufräumen, lesen, einen wohlerzogenen Eindruck vermitteln und auf keinen Fall auffallen. So plätschern Archers Tage dahin.

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt“ von Nicholas Gannon beginnt genau da, wo die Langeweile erdrückend zu werden scheint. Alles haben seine Eltern bedacht, nur nicht den inneren Willen ihres Sohnes, nicht nur selbst Abenteuer erleben zu wollen, sondern seinen Großeltern zur Hilfe zu eilen. Denn, dass beide noch leben ist für Archer völlig sicher. Als das Reisegepäck seiner vermissten Großeltern im Haus abgegeben wird, gelingt es ihm einen kleinen Koffer mit den Reiseaufzeichnungen in seinem Zimmer zu verstecken. Zwei Jahre waren seit ihrem Verschwinden vergangen und Archer ist inzwischen elf. Alt genug, den Koffer genau zu untersuchen.

Sein Inhalt führt Archer zu weiteren Entdeckungen. Die aufgezwungene Passivität verwandelt sich in aktives Suchen und langsam reift ein Plan. Tatenlosigkeit – das war einmal. Archer beginnt seine große Flucht in die Welt in kleinen Schritten zu denken. Er weiß genau, dass er keinen Verdacht erregen darf und ganz langsam, Schritt für Schritt wagt er es, seine Welt um ein paar Inseln zu erweitern, die seinen Eltern völlig harmlos erscheinen. Archer findet Freunde, knüpft Kontakte, gibt vor, gemeinsam zu lernen und niemand kommt auf die Idee, dass bei diesen Besuchen im neuen Umfeld der Plan zu einer gewagten Rettungsaktion entsteht.

Oliver J. Glub ist der erste Fluchthelfer in den Plänen von Archer. So sehr sich die beiden Jungs auch unterscheiden, so sehr begeistert sie die Aussicht auf ein Abenteuer und die Chance, dem langweiligen Alltag ein Schnippchen zu schlagen. Als dann auch noch Adélaide de Belmont in der Nachbarschaft einzieht, weht ein Hauch von Paris im beschaulichen Rosewood. Aber was führt eine elfjährige Balletttänzerin hierhin und ist sie vielleicht der Schlüssel für die beiden Jungs, den entscheidenden Schritt weiter zu gehen? Aus einem Trio beginnt ein Team zu werden.

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

Nicholas Gannon gelingt ein fulminanter und fantasievoller Auftakt zu einer Reihe im Coppenrath Verlag, die im Herbst 2017 ihre Fortsetzung findet. Der Autor erzählt nicht nur eine der opulentesten Abenteuergeschichten für junge Leser, er illustriert sie auch in unnachahmlicher Weise. Das Eintauchen in die Welt des Archer B. Helmsley ist ein literarisches Wohlfühlprogramm von Format. Die Protagonisten werden von ihm so plastisch beschrieben und gezeichnet, dass es eine wahre Freude ist, ihnen durch die Abenteuer zu folgen.

Dem Coppenrath Verlag gelingt es, dem Jugendbuch ein so wertiges Äußeres zu verleihen, dass man als Leser denkt, es gerade aus dem Koffer der verschwundenen Forscher befreit zu haben. Und den Illustrationen gelingt es, zu vertiefen, was zuvor in wundervoller Sprachatmosphäre erlesen wurde. Kein Jungenbuch. Kein Mädchenbuch. Und ganz gewiss nicht ausschließlich ein Kinder- und Jugendbuch. Jeder Leser kommt auf seine Kosten und ich selbst kann es kaum erwarten, bis „Die höchst wundersame Reise zum Ende der Weltweitergeht.

Ein perfektes Buch für die Abenteurer von heute. Wie ich schon einleitend schrieb: Sie sind es heute, die ihr Leben lesen. Sie sind es, die sich nun auf die Suche nach ihren eigenen Helden machen und letztlich sind sie es, die in vielen Jahren zu erzählen haben. Ich denke, viele junge Leser von heute werden ihren Kindern später einmal von Archer, Oliver und Adélaide erzählen. Sie werden dieses Buch wie ihren Augapfel hüten und irgendwann einmal sagen können: „Fast wäre ich mal ein echter Naturforscher geworden.“ Und wer weiß,….

Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt von Nicholas Gannon

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