Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza - AstroLibrium

Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich habe das Hörbuch nicht gehört. Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mirza hat niemals den Eindruck hinterlassen, Leser einer Geschichte zu sein. Der Roman hat mich niemals denken oder fühlen lassen, erfunden zu sein. Deshalb versuche ich gar nicht, das Buch zu rezensieren oder Leseeindrücken freien Lauf zu lassen, weil ich eben nicht gelesen oder gehört habe. Ich empfand es als Einladung in eine Gastfamilie, die mich vorbehaltlos aufnimmt, ihre Geschichte, Ängste und Sorgen mit mir teilt und mich für einige Jahre in ihrem Kreis willkommen heißt. Nur so kann ich mich der Erzählung nähern, die unter dem Titel „Worauf wir hoffen“ in den Buchhandlungen darauf wartet, als Einladung verstanden zu werden. Ich habe sie nicht gelesen oder gehört.

Ich habe „Worauf wir hoffen“ erlebt.

Fatima Farheen Mirza macht es mir einerseits leicht, mich in meiner neuen Familie mehr als wohl zu fühlen. Die Eltern Rafik und Laila kümmern sich augenscheinlich sehr liebevoll um ihre drei Kinder. Hadia, Huda und Amar. Bevor ich noch viele Fragen über sie formulieren kann, versammelt man sich am Tisch und beginnt zu erzählen. Als läge ein Familienalbum vor mir, wird hin- und hergeblättert. Zeit spielt keine Rolle. Ich werde Zeuge der Kindheit der Geschwister, sehe sie heranwachsen, lerne viel über Rollenbild und Selbstverständnis der drei und schmunzle über so manche Anekdote. Ich bemerke, dass vieles anders ist in dieser Familie. Fühle, dass ich mich hereinfinden muss, da sie einem anderen Kulturkreis entstammt. Gläubige indisch-stämmige Muslime in den USA.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Warum ich mir nicht fremd vorkomme? Weil die Autorin mir als Wegbegleiter dieser Geschichte nicht voreingenommen gegenübertritt. Sie setzt voraus, dass ich Vorurteile an der Eingangstür abstreife und bereit bin, mich auf Menschen einzulassen, denen ich im wahren Leben wohl niemals so intensiv begegnen würde. Sie sind offen, haben kein Geheimnis vor mir und gehen sehr selbstkritisch mit ihrem Leben, den Erwartungen im Umfeld und den eigenen Ansprüchen an ihre Zukunft um. Sehr schnell bin ich als Gast auf der Hochzeit von Hadia eingeladen. Schnell bin ich im Zentrum der Geschichte, die sich langsam aber immer mitreißender entwickelt. Ich bin im Bilde und fühle mich sehr gut dabei.

Hadias Hochzeit ist nicht arrangiert. Gegen die Tradition hat sie einen Ehemann für sich gewählt, den sie liebt. Unproblematisch ist das nicht, sind doch ihre eigenen Eltern nur auf dem traditionellen Weg verheiratet worden und kurz nach ihrer Hochzeit in die USA ausgewandert. Ich sehe, wie auch hier Welten aufeinanderprallen, wie hart Hadia um ihre Zukunft kämpfen musste und welche Verluste ihr Leben prägten. Ich bin ganz bei ihr, als ihre erste große Liebe stirbt und sie zeitlebens nicht sicher ist, ob sie seither nur auf der Suche nach Ersatz ist. Heute, am Tag ihrer Hochzeit ist sie glücklich. Nicht nur weil ihr moderner Weg von der traditionellen Familie akzeptiert wird. Auch, weil ihr Bruder Amar zum ersten Mal seit Jahren auftaucht. Nach einem Streit mit seinem Vater blieb er verschwunden. Bis heute.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Fatima Farheen Mirza gelingt in ihrem facettenreichen Debütroman, was ich mir kaum hätte vorstellen können. Sie erzählt keine Migrantengeschichte, arbeitet nicht die eigene Familienvergangenheit auf und schiebt kulturelle und religiöse Unterschiede nicht in den Vordergrund. Sie erzählt eine Familiengeschichte, die so verständlich und nachvollziehbar ist, weil wir so viel miteinander gemeinsam haben. Natürlich wurden in meiner Familie keine Ehen arrangiert. Natürlich unterscheiden sich die Rollenbilder, die ich kennengelernt habe. Natürlich unterliegen Jungs und Mädchen meiner Familie nicht diesen traditionellen Anforderungen, was Freunde, Beziehungen und den Umgang mit dem anderen Geschlecht angeht. Natürlich bilde ich mir das ein, aber es war nie so.

Ohne Zustimmung meiner Eltern wohl keine Hochzeit, ohne Erwartungen bezüglich meiner Freunde, kein guter Umgang und ohne Warnungen und Appelle an Moral, Ehre und Anstand kein intensiver Kontakt mit jungen Mädchen. Fatima Farheen Mirza macht mir schnell klar, wie nah wir uns sind. Ob Muslime oder Christen. Die Familie steht hier im Mittelpunkt und da sind wir uns ähnlich. Dieser Roman ist eine ausgestreckte Hand für all jene, die in Religion und Tradition nur Trennendes, nur Differenzen sehen. Dabei würde sich diese Geschichte auch in meiner Familie ähnlich abspielen können. Ein von seinem Sohn enttäuschter Vater, Schwestern, die sich in den Vordergrund spielen und das Gefüge durcheinander bringen, eine Mutter, die der jungen Liebe ihres Sohnes den niederschmetternden Riegel vorschiebt und ein Umfeld, das zum Kriegsberichterstatter der Familienfehde mutiert. Kommt uns das nicht bekannt vor?

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Wir können uns ganz auf diese emotional tief angelegte Geschichte einlassen. Es ist leicht, sich mit Amar zu verbünden, der so aufrichtig liebt und nicht lieben darf. Es ist leicht, mit ihm auf die schiefe Bahn zugeraten, gegen das Leben zu rebellieren und sich aufzulehnen. Es ist einfach, abzuhauen und Trost in Drogen zu suchen. Ja, hier bin ich ganz Amar. Und dann ist es schwer, bei der Hochzeit seiner Schwester zu Gast zu sein und genau dort Amira über den Weg zu laufen. Der Frau seines Lebens. Hätte man ihn sein Leben leben lassen. Alle Fäden laufen hier zusammen. Die Eskalation ist schon im Vorfeld programmiert. Jetzt hängt es von der Familie ab, ob Vergebung, Hoffnung oder Hass die Zukunft bestimmen.

Fatima Farheen Mirza macht mich zum Teil ihrer Familie, wenn ich ihre Sprache zu verstehen glaube, mir das Glossar selbst erarbeite und verstehe, dann zeigt sie mir an einigen markanten Beispielen, was uns unterscheidet. Nicht nur im Inneren. Das World Trade Center und die einstürzenden Türme in Verbindung mit den Kopftüchern beider Schwestern, der aufkommende Hass gegen Muslime und die Haltung von Amar, als er stellvertretend für alle angegriffen wird. All dies öffnet die Augen für meine Welt, die für Vorurteile so anfällig ist. Dieser Roman schafft so viel Nähe. Er sensibilisiert und macht Verständigung möglich, wo vorher nur Fronten waren. Und gar nicht so ganz nebenbei erzählt er eine wundervolle tragische und traurige Liebesgeschichte, die mich fesselte.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Ich wollte absichtlich keine Rezension über einen Roman mit Migrationshintergrund schreiben, ich wollte nicht über eine muslimische Autorin schreiben, die versucht, mich zu integrieren. Ich wollte nicht das Trennende hervorheben. Ich wollte es so schreiben, wie ich es empfand. „Worauf wir hoffen“ ist ein Zeichen großer Gastfreundschaft, weil Fatima Farheen Mirza offen und differenziert mit ihrer eigenen Welt umgeht. Sie erzählt keine Märchen, sie beschönigt nichts und beschreibt detailliert den steinigen Weg einer jungen Frau im Kampf um Anerkennung, Selbstbestimmung und Integration ohne jede Spur von Selbstaufgabe. Ist es das, worauf wir immer gehofft haben? Diese offene Tür zum Islam? Ich denke ja.

Die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag setzt mit einem vierstimmigen Erzählstrom Maßstäbe, wie man eine große Geschichte atmosphärisch erzählen kann. Es sind die wesentlichen Stimmen des Romans, die uns in die Familie entführen. Amar, Hadia, ihre Mutter Laila und ganz zuletzt das Familienoberhaupt Rafik. Dass dem Vater das große Schlusskapitel des Romans gehört, ist nur konsequent. Jeder Vater aus jeder Kultur mit jedem religiösen Hintergrund wird hier be- und getroffen lauschen. Und dann muss man sich hinterfragen, was man tun kann, um ein solches Schlusskapitel für sich selbst und seine anvertraute Familie zu verhindern. Das ist groß. Das ist Literatur.

„Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mirza
Buch:
dtv Literatur / dt. von Sabine Hübner / 480 Seiten / gebunden / 24 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag / 14 Std. 39 Min. / Ungekürzte Fassung mit Gabriele Blum, Julia Nachtmann, Barnaby Metschurat, Heikko Deutschmann / 24 Euro

Am Tag davor von Sorj Chalandon [Montan-Literatur]

Am Tag davor von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Montan-Literatur. Seit Jocelyn Saucier und ihrem Roman „Niemals ohne sie“ für mich ein neuer (weil ja von mir geprägter) Begriff einer literarischen Stilrichtung. Hier sind es die Bergwerke, Kohlegruben und Zechen, die das Szenario für brillant erzählte Romane bestimmen. Es sind Kumpel, Steiger und ihre Kollegen unter Tage, die uns in die Tiefe mitnehmen. Hauer, die uns zeigen, wie hart ihr Leben ist, welche Risiken sie begleiten und wie unfair es sich anfühlt, den Reichtum eines Landes zutage zu fördern und dabei selbst an der Armutsgrenze zu leben. Es ist ein Leben voller Entbehrungen, Traditionen und Gefahren. Der Stoff, aus dem gute Geschichten gemacht sind.

Sorj Chalandon hat mit Am Tag davor einen solchen Montan-Roman verfasst, in dem wir eigentlich gar nichts anderes erwarten, als die ewig ungeklärte Frage zu klären, was am Tag vor einem großen Grubenunglück in Frankreich passiert ist. Das Unglück selbst ist verbriefte historische Tatsache. Die Geschichte, die Sorj Chalandon in dieses Szenario einbettet, hat es in sich. Sie geht tief unter die Haut und berührt alle Facetten menschlicher Anteilnahme. Ein verblüffender Roman über Schuld, Selbstvorwürfe und niemals bewältigten Verlust. Und zugleich ein Lehrstück über den Umgang mit eigenen Wahrheiten.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Wir schreiben den 26. Dezember 1974 und befinden uns auf der Zeche Saint-Amé in Liévin-Lens. Weihnachten ist gerade vorbei und der Routinebetrieb unter Tage läuft wieder an. Es ist der Tag, an dem der sechzehnjährige Michel voller Stolz mit Joseph, seinem großen Bruder, auf einem Moped durch die Straßen der Stadt fährt. Sie fühlen sich unbesiegbar und die Strahlkraft ihrer Jugend scheint ein Schutzschild zu bilden. Es ist der Stolz, der sie verbindet. Und auch die Angst, Joseph könnte in der Grube etwas zustoßen. Die Arbeitsbedingungen sind hart. Die Gefahr von Unglücken unkalkulierbar hoch. Es ist „Am Tag davor“, der die beiden Brüder auf der Welle gegenseitiger Liebe auf dem Moped vereint.

Am 27. Dezember 1974 ist alles anders. Eine Explosion erschüttert die Region. Es ist der Schacht, in dem sein Bruder arbeitet, der zusammenbricht. 42 Bergleute finden den Tod, wo sie eigentlich auf der Suche nach Kohle waren. Michel und seine Eltern warten auf Nachrichten, bis ihnen mitgeteilt wird, dass Joseph schwerverletzt überlebt hat. Hier lässt Sorj Chalandon einen Schacht nach dem anderen über der Familie einstürzen. Es ist unfassbar traurig, was er erzählt, wie er es erzählt und was er in uns auslöst. Joseph stirbt sechsundzwanzig Tage später in der Klinik. Er lässt verzweifelte Angehörige und eben seinen kleinen Bruder zurück. Die Geschichte hat keinen Platz für das Opfer, das so lange nach dem Unglück stirbt. Joseph wird nicht zu den Toten der Katastrophe von Liévin-Lens gezählt. Er starb im Bett.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Jorj Chalandon vermittelt ein dramatisches Gefühl der unterschiedlichen Formen von Trauer, die hier angebracht sind. Die Familie von Joseph kommt sich vor wie böse Trittbrettfahrer auf dem Zug der wahren Opfer. Entschädigungen werden gezahlt, aber eben nur den Toten des Tages. Hass brandet auf. Wut angesichts der Verursacher der Katastrophe. Chalandon führt hier die Ausbeutung der Kumpel ins Feld, die der Gefahr zu trotzen haben, damit die Zechenbetreiber im Reichtum baden. Der Atemhauch tiefer Ungerechtigkeit durchweht das Buch. Als Michel beschließt, seine Heimat zu verlassen, gibt ihm der Vater noch eine letzte Botschaft mit auf den Weg.

„Michel, räche uns an der Zeche.“

Hier erweitert Sorj Chalandon den Erzählraum um die Dimension Rache. Ein Erbe, das Michel in Paris verdrängt. Er heiratet, lebt ein normales Leben und doch merkt man ihm an, dass die Traumatisierung tiefer sitzt, als er es wahrhaben möchte. Andenken in einer Garage zeugen vom Verlust. Ein Altar für seinen Bruder entsteht und eine Suche nach den Schuldigen der Katastrophe setzt im Verborgenen ein. Als Michels Frau stirbt gibt es kein Halten mehr. Er kehrt zurück in die Heimat. Er hat einen Plan. Er hat sogar ein Ziel. Den Hauptverdächtigen, der damals für alles verantwortlich war.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Wir sind auf seiner Seite. Das hat der Autor geschafft. Wie könnten wir auch anders fühlen? Michel steht uns nahe. Der Verlust seines Bruders hat unser Lesen geprägt. Er wurde nicht nur um eine Zukunft, sondern auch um die Ehre betrogen, offizielles Opfer des Unglücks zu sein. Rache. Was liegt näher? Michel ist jetzt 57 Jahre alt. Grauhaarig und unbekannt in der Heimat. Zu viel Zeit ist vergangen. Vieles ist vergessen. Auch die Katastrophe von einst ist nur noch ein Mahnmal. Nicht mehr. Wir kennen die Menschen dieses Ortes, ihre Vergangenheit und die Zukunftslosigkeit unter der die Region leidet. Und genau hier schlägt Michel zu. Punktgenau. Er nimmt Rache.

Aus dem Bergarbeiter-Roman wird schlagartig ein brillanter Justiz-Roman, der es schafft, die Atmosphäre der Kohle-Region in den Gerichtssaal zu transportieren. Es ist die Aufarbeitung einer Rache. Die Abrechnung mit dem scheinbaren Täter, aus der im Verlauf des Prozesses jedoch die Aufarbeitung der Katastrophe wird. Wo ist Schuld zu suchen? Wo wird man sie finden? Wer hat das Recht zu rächen? Und nicht zuletzt die Frage, was „Am Tag davor“ geschah, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Hier sitzen wir bei den Beobachtern des Prozesses und wissen nicht, wie wir urteilen sollten. Wir wissen nichts. Nur, dass wir keine Opfer und keine Täter erkennen. Die Grenzen in dieser Bewältigungsgeschichte verschwimmen. Und das auf eine intelligent-emotionale Art und Weise, die lange im Gedächtnis bleiben wird.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Facettenreich und unvergesslich schreibt uns Sorj Chalandon seinen Roman ins Herz. „Am Tag davor“ sollte von Buchhändlern mit einer Grubenlampe versehen und ganz besonders im sogenannten Ruhrpott ganz vorne auf den Highlight-Tischen liegen. Der Roman ist eine Liebeserklärung an einen Menschenschlag und Berufszweig, von dem man sich in den letzten Jahren immer mehr verabschieden musste. Ihr Leben und ihr Leiden, ihre Traditionen und die stoische Schicksalsergebenheit stehen hier wie ein Standbild für eine fast vergangene Epoche echter Arbeiter. Werte und Normen, Freund und Feind, Gefahr und Genuss gehen Hand in Hand durch einen wahrhaft großartigen Roman. Montan-Literatur. Tiefgang verspricht Schürfrechte an einem Buch, in dem ab einem bestimmten Punkt kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Lesen!

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Am Tag davor“ von Sorj Chalandon / dtv / dt. von Brigitte Große / 320 Seiten / 23 Euro

Der dunkle Bote von Alex Beer

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Ich trage jetzt keine Hörbucheulen nach Athen, wenn ich betone, dass ich Bücher der österreichischen Schriftstellerin Alex Beer sehr gerne lese und auch höre! Es war und ist ein spannendes und atmosphärisches Vergnügen, ihr zu vertrauen und sich an ihrer Seite in Szenarien zu begeben, die nachhaltig faszinieren. Ich liebe Wien, wie sie es beschreibt. Ich liebe die Authentizität ihrer Romane im historischen Setting einer Zeitscheibe des vergangenen Jahrhunderts, die Österreich so sehr veränderte, wie nie zuvor oder danach. Nach dem Ersten Weltkrieg ist nichts mehr, wie es war. Kein Stein ist noch dort, wo er sich in der KuK-Monarchie befunden hat. Aus einem Kaiserreich ist ein kleines bedeutungsloses Ländchen geworden. Kriegsverlierer.

Alex Beer siedelt genau in dieser Epoche ihre Krimi-Reihe um Kriminalinspektor August Emmerich an. Zuletzt habe ich Die rote Frau, den zweiten Teil der Buchreihe vorgestellt. Genau das ist das Schöne, wenn man sich als Blogger über einen längeren Zeitraum mit einer Autorin und ihrem Werk auseinandersetzt. Ich muss nicht mehr weit ausholen, muss nicht mehr auf den facettenreichen Charakter ihres Protagonisten und die Menschen in seinem Umfeld eingehen. Ich darf, ebenso wie die Autorin, einiges als bekannt voraussetzen und kann gleich einsteigen. Wer liest schon eine Rezension über den dritten Band einer Krimiserie? Zumeist Leser, die sich schon zu den Weggefährten einer Autorin zählen. Ihnen sage ich hier herzlich willkommen zurück in Wien. Und falls sich jemand hierhin verirrt haben sollte, der noch nichts von August Emmerich gelesen oder gehört haben sollte… Es ist nie zu spät, in eine gute Story einzusteigen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Nahtlos geht es weiter. Nahtlos schließt „Der dunkle Bote“ da an, wo uns Alex Beer im zweiten Teil ihrer Buchreihe zurückgelassen hat. Wir befinden uns in Wien. Wir sind im brutalen Winter des Jahres 1920 angelangt. Das ganze Land scheint im Vakuum zu versinken, das der verlorene Krieg erzeugt hat. Arbeitslosigkeit und Hunger haben tiefe Spuren hinterlassen. Kein Wunder, dass in diesen wirren Zeiten einzig die Kriminalität Hochkonjunktur feiert. Auch kein Wunder, dass die Wiener Polizei kaum in der Lage ist, den bestens organisierten Banden in der Hauptstadt etwas entgegenzusetzen. Wien ist ein wahres Feuchtbiotop für Kapitalverbrechen. Identitäten können gewechselt werden, wie die Unterwäsche, Spuren führen ins Nichts und die Mittel der Polizei sind begrenzt. Mit konventionellen Mitteln ist diese Welle nicht zu stoppen.

Außer man ist unkonventionell in der Wahl der Methoden. August Emmerich ist ein Synonym für unkonventionelle Ermittlungen. Er überschreitet Grenzen, wenn es gilt die Verbrecher dingfest zu machen, die keine Grenzen kennen. Emmerich kennt auch kein Pardon, wenn es um sich selbst geht. Recht und Gesetz ist alles unterzuordnen. Selbst die größten Probleme im eigenen Leben haben zurückzustehen. Und davon hat er eine große Portion im Gepäck. In genau diesem Nistkasten des Bösen siedelt Alex Beer die Verbrechen an, mit denen sie ihren Ermittler konfrontiert. Keine Schonkost. Es ist mehr als blutig und nervenaufreibend, was sie ihm vorsetzt. Auch in diesem Fall.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Leib und Leben“ (wir würden es Morddezernat nennen) stehen erneut im Mittelpunkt mehrerer Verbrechen, die auf dem Tisch von August Emmerich landen. Es ist nicht nur ein Mord, der die Stadt erschüttert, es sind die Rahmenbedingungen der Tat, die es in sich haben. Schrecklich zugerichtet und schockgefroren. So kann man den Zustand der Leiche beschreiben, die gleich mehrere Rätsel aufgibt. Dieser Mord entpuppt sich bald als erste Strippe einer ganzen Seilschaft von Verbrechen und Emmerich wirkt, als hätte er an einer chinesischen Losbude an allen Fäden zugleich gezogen. Freie Auswahl. Es treibt ihn in die Wiener Unterwelt, er begegnet seinen Informanten und alten Bekannten und sondiert im Treibsand des organisierten Verbrechens.

Die Spuren werden nicht wärmer. Er stochert im Dunkeln, bis ein Bekennerschreiben auftaucht, das diesen Mord zum Startpunkt einer beispiellosen Mordreihe macht. Beleg für die Echtheit des Schreibens ist ein Körperteil des Opfers, das am Tatort vergeblich gesucht wurde: Die Zunge. Was zunächst wie ein Racheakt an einem Einzelnen wirkt, entwickelt sich zu einem rasanten Wettlauf mit einem Serienmörder. Die Welt der Clans und Kriegsgewinnler gerät in den Mittelpunkt der Ermittlungen, doch August Emmerich wird das Gefühl nicht los, dass er völlig falsch liegt. Er sollte damit richtig liegen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Alex Beer bleibt ihrer Linie treu. Sie entwickelt ihren Protagonisten beharrlich weiter und macht es dabei sich selbst und ihm nicht leicht. Ihr Spiel mit Identitäten und Spuren ist ein Spiel auf allerhöchstem Niveau. Ihr Spielfeld ist dabei grandios gewählt. Was sie erzählt, kann nur zu dieser Zeit und nur an diesem Ort so geschehen sein. Lokalkolorit und Plausibilität gehen hier Hand in Hand. Die Wendungen ihrer Story sind dabei kaum vorhersehbar, aber im Rückblick ausgesprochen logisch. Nichts ist konstruiert. Hier hat alles Hand und Fuß. Detailverliebt verliert sie das große Ganze nicht aus dem Auge. In dieser Reihe bestechen nicht nur die Kriminalfälle. Sie sind „Der dunkle Bote“ für eine inhaltliche Klammer, die uns den Menschen Emmerich näherbringt. Eine Klammer, die  über der Buchreihe liegt und alles zusammenhält.

Alex Beer bringt uns soweit, dass wir die Morde lieber vernachlässigen würden, um ihrem Inspektor zu helfen. Sie bringt uns soweit, dass wir uns mehr Gedanken um ihn selbst machen, als um die Kriminalität in Wien. Sie bringt uns soweit, dass wir ihm eine Zuneigung entgegenbringen, die er von sich weisen würde. Emotionen sind nicht seine Welt. Aber in diesem Fall bringt Alex Beer ihren August Emmerich zum Weinen. Stark erzählt, atmosphärisch dicht und in den Nebenrollen oscarreif besetzt. Es ist kein Zufall, dass man den nächsten Band der Reihe herbeisehnt, weil sich die Autorin einen Cliffhanger gönnt, der uns die Wartezeit bis zum vierten Fall für Leib und Leben wie eine Ewigkeit vorkommen lässt.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Nein, ich habe nicht das Buch gelesen. Ich bleibe hier den Hörbüchern treu. Und das aus gutem Grund. Cornelius Obonya. Reicht der Name des Sprechers aus oder muss ich weiter ausholen? Gerne. Cornelius Obonya lebt diese Buchreihe. Sie scheint den Stimmen, die aus ihm herausbrechen auf den Leib geschneidert zu sein. Er bietet alles, was die untergegangene KuK-Monarchie sprachlich und stimmlich zu bieten hat. Er lässt alle Dialekte der Wiener Unterwelt auferstehen. Serbisch, Ungarisch, das alte Wien selbst und natürlich August Emmerich, dem er eine Stimmfarbe verleiht, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man kann mit Obonya lachen und weinen, man folgt seinen Lippen, weil man ihn nicht unterbrechen möchte. Im seinem Sprachgewitter hat die Buchreihe von Alex Beer ihre kongeniale Entsprechung gefunden. Wer Obonya nur einmal gehört hat, der wird sich von der Stopptaste seines MP3-Players verabschieden.

Großes Kopf- und Ohrenkino. Gut und Böse verschwimmen, Sympathie mit einem Täter kann das Ergebnis des Lesens und Hörens sein. Ein Gefühl, das Alex Beer hier zu einer eigenen Kunstform erhoben hat. Bitte mehr davon.

PS: Wer in der Beschreibung der politischen Wirren im damaligen Wien Parallelen zur aktuellen Situation entdeckt, der geht Alex Beer ganz direkt auf den Leim. Sie schreibt nicht nur Krimis. Sie spiegelt unsere Welt in einer Epoche, die wir für längst vergangen halten. Der Schuss sitzt. Volltreffer ins Leserhörergewissen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Der dunkle Bote – Alex Beer
Buch: Limes Verlag / 400 Seiten / Hardcover / 20 Euro
Hörbuch: Random House Audio / gekürzte Lesung mit Cornelius Obonya / 6 CDs / Laufzeit 7 Std. 37 Min. / 20 Euro

Bisher erschienen in der August-Emmerich-Reihe: Der zweite Reiter, Die rote Frau, Der dunkle Bote

WEST von Carys Davies – Die Story des Jahres

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WEST von Carys Davies

Ich kann mich kaum beherrschen. Es fällt schwer, nur eine Rezension zu schreiben und nicht gleich eine ganze Geschichte zu erzählen, die mich wie ein literarischer Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat. Es gibt Momente im Leben, da wäre es einfach nur schön, im Kreise guter Freunde an einem Lagerfeuer zu sitzen und die Frage: „Kennt jemand eine gute Story?“ mit einem wissenden Lächeln zu beantworten und dann im Lichtschein der züngelnden Flammen loszulegen. Es gibt Momente im Leben, in denen die Vorstellung der erstaunten Gesichter der Zuhörer am Ende der Geschichte alleine schon ausreicht, um den Tag zu einem Glückstag zu machen.

Ungefähr so muss sich Carys Davies gefühlt haben, als sie damit begonnen hat, ihren Roman WEST zu schreiben. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Es muss ein göttliches Gefühl gewesen sein, diese Geschichte zu entwickeln und einer Idee zu folgen, die ebenso unverbraucht wie bestechend ist. Und doch wird sie schon bei den ersten Zeilen gewusst haben, dass sie auf jenen magischen Moment verzichten muss, am Ende ihrer Story in die fassungslosen Gesichter der Menschen schauen zu können, die ihr auf dem Weg durch ihren Wilden Westen gefolgt sind. Das erleben nur Erzähler, die in der traditionellsten Form des Storytelling die mündliche Überlieferung pflegen.

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WEST von Carys Davies

Ich werde natürlich den Teufel tun und hier die Geschichte erzählen. Aber glaubt mir, ich bin ganz nahe davor. Es ist zu verlockend, weil sie einfach zu gut ist. Ich werde mich beherrschen, schön brav bei der Rezensenten-Fahne bleiben, um meiner Mission zu folgen. Gute Geschichten möchte ich finden. Gute Geschichten möchte ich Euch an die Leserherzen legen. Gute Geschichten vor dem Untergang im endlosen Dickicht der zahllosen Neuerscheinungen zu bewahren, ist mein Ziel. Literarische Fixsterne möchte ich auf der Sternenkarte meiner kleinen literarischen Sternwarte zum Strahlen bringen. Genau einen solchen Leitstern habe ich hier in meiner Hand. Eine Geschichte, die man im Leben nicht vergessen wird. Ein Western, der jedoch alles ist, nur kein Western, wie sie normalerweise im Buche stehen.

„WEST“ von Carys Davies ist ein Roman mit Spurenelementen von Midlife-Crisis, MeToo-Szenarien, Expeditionen und Entdeckerreisen, Pioniergehabe und Ausbeutung der indianischen Urbevölkerung. Und das alles in einem Format, das mit 200 Seiten vielleicht eher an eine etwas überdimensionierte Kurzgeschichte erinnert, als an einen Wild-West-Wälzer voller Naturbeschreibungen und ausschweifenden Schießereien. Es geht um viel mehr in dieser Geschichte, die man in nur wenigen Stunden mit Haut und Haaren verputzt. Ein Leckerbissen für literarische Gourmets. Eine unvergessliche Story mit einem unglaublichen Twist in der Mitte des Buches, der dem geneigten Leser jeden noch denkbaren Atemhauch stocken und den Tränen freien Lauf lässt. Ein Wendepunkt wie ein apokalyptischer Dampfhammer. Für immer verbunden mit einem Fingerhut aus Kupfer, einer rosa-weiß gestreiften Damenbluse, einem Zylinder, einem brauen Mantel, einer Blechkiste und Stricknadeln. Glaubt mir, das Bild geht nicht mehr aus dem Kopf.

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WEST von Carys Davies

Pennsylvania, 1815. John Cyrus Bellman. Witwer, Vater seiner 10jährigen Tochter Bess. Maultierzüchter und an einem Punkt im Leben angelangt, an dem sich die Frage stellt, ob das schon alles gewesen sein kann. Als er in der Zeitung von geheimnisvollen Knochenfunden in Kentucky liest, packen ihn Neugier, Abenteuerlust, Forscherdrang in gleichem Maße, aber eigentlich ist es eine Flucht vor dem immer gleichen Alltag. Cyrus packt und geht. Er packt lebenswichtige Dinge ein, persönliche Andenken an seine tote Ehefrau und Tauschwaren für Indianer, die ihm begegnen. Er folgt einer Idee und lässt seine kleine Tochter Bess bei seiner Schwester zurück.

Er verspricht seiner Tochter, regelmäßig zu schreiben, aber angesichts der vor ihm liegenden Distanz scheint es ein Abschied für lange Zeit zu sein. Länger jedenfalls, als es Bess lieb ist.

„Bess nickte. Ihre Augen brannten. Das war viel länger, als sie erwartet hatte.
„In zwei Jahren bin ich zwölf.“
„Ja, dann bist du zwölf.“
Er hob sie hoch und küsste sie zum Abschied auf die Stirn.“

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WEST von Carys Davies

An diesem Punkt beginnt Cyrus Bellmans Ritt. Eine Forschungsreise ohne genaues Ziel. Hauptsache ausbrechen aus dem Trott des Lebens. Während er nach einer neuen Welt für sich sucht, zieht Zeit ins Land. Er trifft auf den Indianerjungen Alte Frau in der Ferne, der ihn fortan als Scout begleitet. Sein Lohn: Glasperlen, Spiegelscherben und bunte Bänder aus der Blechkiste von Cyrus Bellman. Was der Indianer in ihm sieht, ist für Bellman nicht zu erkennen. Weiße haben die Schwester des Indianers vergewaltigt und getötet, bevor sie den ganzen Stamm vertrieben. Es ist tiefer Hass, der mitreitet.

Während Bellman die Natur erforscht, drohen die Ereignisse zuhause zu entgleiten. Aus Bess wird das Forschungsobjekt der Männer in der Umgebung. Sie warten nur auf den richtigen Moment. Und der wird kommen. Dann ist sie fällig. Schutzlos ausgeliefert und herrlich jung. Sexuelle Belästigungen nehmen zu. Die Welt von Bess wird eng. Das Ende ist vorprogrammiert. Aus diesem Szenario entwickelt Carys Davies einen Plot mit zwei Handlungssträngen, die tausend Meilen voneinander entfernt ablaufen. Wir lernen die Menschen kennen, an deren Seite wir durch das Land reiten. Ahnen ihre Motive und Denkweisen. Lösen uns von Vorurteilen und beginnen zu vertrauen. Gleichzeitig haben wir unfassbare Angst um die kleine Bess, die zum Freiwild mutiert.

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WEST von Carys Davies

Dann schiebt sich uns ein Bild in den Weg, an dem wir verzweifeln. Ein Bild, dem wir glauben schenken und das uns extrem verstört. Ein Cut in der Geschichte, der uns mitten im Roman davon überzeugt, dass an dieser Stelle alles endet. Doch genau hier geht es eigentlich los. Weg mit unseren Vorurteilen, weg mit einem oberflächlichen Bild und weg mit der Angst. Ein atemlos machender Wettlauf mit der Zeit beginnt. Wer hier reitet, das muss selbst erlesen werden. Was er bei sich trägt, das darf niemals verraten werden. Carys Davies schreibt hier nicht den Showdown eines Westerns. Sie schafft es multiple Ebenen in einem dramatischen Szenario zu einer geschlossenen Einheit in der stillstehenden Zeit zu vereinen. Ein Ende, das man nie vergessen wird, weil alle Bilder und Gegenstände dieser Geschichte zu einem neuen Werk verwoben werden.

Es gibt Bücher, die körperliche Schmerzen verursachen können. Es gibt Romane, die in der Lage sind, ihren Lesern jeden Boden unter den Füßen wegzuziehen. Es gibt SchriftstellerInnen, die keine Cliffhanger, sondern komplette Abstürze ins Bodenlose in Szene setzen. Es gibt Romane, die so viele Facetten in einer bedrohlichen Atmosphäre verdichten, dass sie sich jeder Kategorisierung entziehen. Das ist kein Western. Das ist ein Western. Das ist kein Thriller. Das ist ein Thriller. Das ist kein Midlife-Crisis-Roman. Das ist ein Midlife-Crisis-Roman. Das ist kein Frauenbuch. Das ist ein Frauenbuch. Das ist eine der größten Geschichten des Jahres! „West“ von Carys Davies. Unglaublich.

Hier geht es zu weiteren WESTERN in der kleinen literarischen Sternwarte.

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WEST von Carys Davies

WEST“ von Carys Davies / Luchterhand Verlag / Hardcover / dt. von Eva Bonné / 208 Seiten / 20 Euro

50 Jahre Mondlandung – Ein Literaturereignis

Apollo 11 - 50 Jahre Mondlandung in der Literatur - AstroLibrium

Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Plötzlich war alles möglich. Es war der 21. Juli 1969 und Neil Armstrong stand als erster Mensch auf dem Mond. Ich hörte seine Worte „Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit“ und blickte staunend in den Himmel. Die Welt aus dem All zu sehen, veränderte alles. 50 Jahre sind seitdem vergangen und heute blicken diejenigen, die es erlebt haben zurück und versuchen ihre Gefühle von einst weiterzugeben. Bücher helfen uns zu erklären, wo alles begann, was den Erfolg der Mission ermöglichte und wie uns der Wettlauf zum Mond veränderte. Ein ungewöhnliches Sachbuch veranschaulicht das gesamte Apollo-Programm und bietet dabei neben allen Fakten auch überraschende Einsichten. „Apollo – Der Wettlauf zum Mond“ von Zack Scott. Wir erfahren alles über die Missionen, die Astronauten und die technischen Quantensprünge, ohne die man es nicht zum Mond geschafft hätte.

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Schautafeln, Grafiken und schematische Darstellungen vermitteln einen direkten Eindruck von der Herausforderung, die eine Reise zum Mond darstellt. Hier überwiegt nicht der Text. Es ist die Symbolik, die besticht und Leser jeden Alters auf Stand bringt. Komplexe Sachverhalte werden in einfach zugänglichen Darstellungen veranschaulicht. Eine grandiose Dokumentation, die keine Fragen offenlässt. Ich startete meine Mission genau hier, blicke aber auch auf Jules Verne zurück. Seine „Reise von der Erde zum Mond“ ist 150 Jahre alt, absolut visionär und die Mutter aller Science-Fiction-Romane. Wer aufmerksam liest, wird schnell erkennen, wie nah Jules Verne an der Realität war. Drei Raumfahrer in einer Hochgeschwindigkeitskapsel, fast korrekte Berechnungen zur Umlaufbahn und das Wunder der Schwerelosigkeit geben diesem Erzählraum Tiefgang. Meine illustrierte Ausgabe aus den 1970er Jahren ist ein steter Quell der Inspiration.

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Vielleicht hat sich ja die NASA von Jules Verne verleiten lassen, den Mond in Angriff zu nehmen. Wer weiß. Es steht jedenfalls fest, dass der Wettlauf zum Mond damals die Welt in Atem hielt. Und da lassen es sich Verlage und Buchhandlungen nicht entgehen, diesen besonderen Tag bibliophil zu begehen. Unfassbare Neuerscheinungen sind auf dem Markt, die Auswahl ist groß und für jeden ist etwas dabei. Wenn ich also mal nicht im neuen Zack Scott oder im alten Jules Verne stecke dann bin ich in den Weiten eines literarischen Universums unterwegs, das zu diesem Anlass besonders viele Sterne am Firmament versammelt. Ich möchte euch hier ein paar Bücher empfehlen, die ihr lesen solltet, wenn ihr in die Jubiläums-Mondphase eintretet. Und es geht auf keinen Fall nur um Weltraumliteratur. 

Apollo 11 - 50 Jahre Mondlandung in der Literatur - AstroLibrium

Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Wie wäre es mit Artemis von Andy Weir. Der Mond ist bewohnt, der Landeplatz von Apollo 11 ist ein Touristenmagnet und die Ausbeutung des Erdtrabanten löst eine Krise aus. Nachdem uns Andy Weir mit dem „Marsianer“ auf den roten Planeten geschossen hat, fokussiert er sich nun auf den Erdtrabanten. Was er jedoch hier anstellt und was er sich alles einfallen lässt, um der Sonderhandelszone Mond Schwerkraft zu verleihen ist beeindruckend. Wirtschafts-, Wissenschafts- und Weltraumthriller in einem Roman. Ich freue mich nach dem Buch und der Hörbuchadaption bereits auf die Verfilmung. Uhren mit Erdphasen-Anzeige wären auf jeden Fall perfekte Merchandising-Artikel.

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Auch Apollo11 von James Donovan ist empfehlenswert. Der Wettlauf zum Mond und der Erfolg einer fast unmöglichen Mission wird hier in Wort und Bild lebendig. Was Scott visualisiert, wird von Donovan multiperspektivisch erzählt. Es ist die menschliche Seite voller Zweifel und Wagemut, die er betont. Er versetzt sich in die Astronauten und Wissenschaftler hinein, reflektiert ihre Gedanken und Gefühle und verdeutlicht vor dem Hintergrund des technisch Machbaren die Erfolgsaussichten, die realistisch erschienen. Das Scheitern war wahrscheinlicher als der Erfolg. Pressemeldungen über den Tod der Astronauten waren vorbereitet, die Öffentlichkeit spielte eine große Rolle. Der Druck im Wettlauf mit Russland war enorm. Das fachlich fundierte Sachbuch hebt pünktlich zum Jubiläum ab und nimmt uns mit. In jeder Beziehung.

Alles zu sachlich? Alles zu realistisch und zu technisch? Na dann! Ich kann auch anders. Wer gerne träumt, der folge einfach Torben Kuhlmann in die Bilderbuchwelt von „Armstrong“. Hier war es eine Maus, die den Mond zuerst betrat. Kein Zweifel. Ein Missions-Patch im Buch belegt die wundervoll illustrierte Geschichte in der ganz neuen Jubiläumsausgabe.

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Die Aufschrift Ein kleiner Schritt für eine Maus belegt darüber hinaus sogar das Plagiat, dessen sich ein gewisser Neil Armstrong bediente, als er die Mondoberfläche betrat. Nicht nur die technische Meisterleistung, auch das Zitat… alles geklaut. So sind die Menschen. Nichts kann man den Mäusen überlassen. Dabei sieht man auf diesem Jubiläumscover ganz deutlich, dass die Crew der Landefähre sehen konnte und wissen musste, dass sie kein Neuland betrat. Torben Kuhlmann hat dem Buch ein ganz neues Hintergrundkapitel zur Geschichte der Raumfahrt hinzugefügt. Man sollte sich die neue Sicht auf dieses besondere Kapitel der Eroberung des Weltalls nicht entgehen lassen. Spätestens, wenn unsere Augen am 21. Juli zum Mond blicken und weltweit Menschen diesen Tag zu ihrem Feiertag machen, sollte man das gestickte Abzeichen in die Hand nehmen und ganz kurz an Mäuse und ihre Geschichte der bemausten Weltraumfahrt denken.

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Aber auch jenseits der Weltraummission hat der Mond Spuren in unserem Lesen hinterlassen. Romane rund um das Leben in bestimmte Mondphasen lassen unseren Erdtrabanten mal in weite Ferne rücken und manchmal ganz nah erscheinen. Romane, die Geschichten erzählen, in denen die Mondlandung als Metapher für die Annäherung von Menschen genutzt wird. Vom fulminanten Start in eine Umlaufbahn, den gewagten Touchdown bis zum Verlassen des innig geliebten Partners. Nicht jedoch ohne Ballast zurückzulassen. „Der Sommer meiner Mutter“ ist so konstruiert, erzählt und ist genau in der Zeit der Pionierleistung angesiedelt. Grandios. Meine kleine Mondleseliste hänge ich gerne an.

Der Mond und das Lesen bei AstroLibrium

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Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt
Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill
ARTEMIS“ – Leben auf dem Mond mit Andy Weir
Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano
Armstrong“ – Torben Kuhlmann revolutioniert die Raumfahrt
Die Ziege auf dem Mond“ – Stefan Beuse & Sophie Greve
Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk

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Apollo 11 – 50 Jahre Mondlandung in der Literatur

Ich feiere das Jubiläum nicht alleine. Thomas Calliebe geht ab wie eine Rakete und hat die erste Mondlandung in den Mittelpunkt seines Kundenmagazins – ErLesen II. Quartal gestellt. Hier ergänzen sich meine Empfehlungen mit seinen extrem wertvollen Tipps zu diesem Jubeltag. Ein besonderes Schaufenster zu diesem Thema sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Was die Buchhandlung Calliebe in Groß-Gerau mit der Buchhandlung Lesezeichen in Germering und der Buchhandlung Bräunling in Puchheim verbindet? Ganz einfach. Wir treten gemeinsam den Beweis an, dass es nicht der Mensch oder die Maus war, die den Mond zuerst betrat. Es waren die kleinen Büchereulen aus meinem Nest, die als wahre Pioniere in die Geschichte eingegangen sind. (Fuß- oder Krallenspuren haben sie natürlich nicht hinterlassen).

Der Beweis? Wir bleiben ihn nicht schuldig. In den drei Herzensbuchhandlungen findet man OSA-Büchereulen (Owl-Space-Agency) aus der kleinen literarischen Sternwarte und es liegt nur an Euch, ob es Euch gelingt, eine dieser Weltraumeulen mit Helm und Sauerstoff-Rucksack in Euren Kosmos zu entführen. Auch bei mir habt Ihr die Chance. Kommentiert diesen Beitrag und erklärt dem Mondlandewesen Euren Landeplatz. „The Owl Has Landed“ ersetzt dann bald den legendären Spruch vom Adler. Viel Glück und schwereloses Lesen.

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Büchereulen / Hörbucheulen / Space-Eulen made by Tina Stroscher (Danke)