Einstein von Torben Kuhlmann

Einstein von Torben Kuhlmann - AstroLibrium

Einstein von Torben Kuhlmann – AstroLibrium

Das ist schon so eine Sache mit der Zeit. Mal rast sie davon, mal scheint sie kaum vergehen zu wollen und schleicht sich so dahin. Dann wieder hat man das Gefühl, sie hätte uns weit zurückgeworfen, nur um uns im nächsten Moment wieder in die Zukunft zu katapultieren. Es ist das subjektive Empfinden der Zeit, das uns immer wieder daran zweifeln lässt, ob unsere wertvollen Zeitmesser richtig funktionieren. Eigentlich messen Uhren ja keine Zeit. Sie zeigen sie nur an. Und so leben wir in einem ständigen Kampf zwischen gefühlter und angezeigter Zeit. Ein Kampf gegen Wecker, Normaluhren und Armbanduhren. Ein Kampf, den wir oft verlieren und zu spät zu einem Termin kommen, den wir gefühlt fast pünktlich erreicht hatten. Bei Büchern ist das vergleichbar.

Nehmen wir nur die Werke von Torben Kuhlmann. Seit vielen Jahren begeistert uns der Schriftsteller und Illustrator mit Bilderbüchern, die ihre ganz eigenen Wahrheiten zu erzählen scheinen. Und kaum hat man eines gelesen, wünscht man sich, die Zeit möge im Flug vergehen, bis ein neuer „Kuhlmann“ das Licht der Bilderbuchwelt erblickt. Und dann? Kaum ist es dann angekündigt, zieht sich die Zeit bis zum Erscheinen wie zäher Kaugummi und mag überhaupt nicht mehr vergehen. Während wir eines seiner Bücher lesen, steht sie dann wieder still und wir tauchen ab, während wir das Leben vergessen und  die Zeit verdrängen. Ein paar Tage danach haben wir schon wieder das Gefühl, es seien Jahre vergangen und Torben Kuhlmann habe schon ewig nichts mehr gezeichnet und geschrieben. Ich denke, die Fans des Multitalents kennen dieses Phänomen.

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Einstein von Torben Kuhlmann

Dabei hat sich das Warten immer gelohnt. Von „Lindbergh“ über „Armstrong“ bis zu „Edison“ und der „Maulwurfstadt„. Jedes seiner Bilderbücher stellt ein Highlight in meiner Bibliothek dar. Jedes seiner Werke relativiert populärwissenschaftliche Irrtümer und zeigt auf nachhaltige Art und Weise, warum es nicht immer Menschen waren, die als Pioniere in die Geschichte eingehen sollten. Kuhlmanns Mäuse haben die Welt in Wirklichkeit revolutioniert. Sie waren zuerst auf dem Mond, sie haben den Atlantik vor dem Menschen überflogen, sie haben das elektrische Licht erfunden und wer immer noch daran zweifelt, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Es war an der Zeit, dass sich der Mäuse-Visionär endlich mit einem Thema beschäftigt, das uns täglich beschäftigt. Es war an der Zeit, endlich wieder einen echten Kuhlmann in Händen halten zu dürfen. Es ist an der Zeit, „Einstein“ zu feiern..

Zum ersten Mal traut sich Torben Kuhlmann an einen Nobelpreisträger heran. Es ist mehr als gewagt, die Wissenschafts-Geschichte neu zu schreiben. Es ist gewagt, in Bilderbüchern zum Bildersturm aufzurufen, Legenden vom Sockel zu stoßen und diese dann durch Mäuse zu ersetzen. Es ist gewagt, neue Legenden zu erfinden und sich in seinen Büchern derart weit aus dem Fenster zu lehnen. Noch gewagter jedoch scheint es, nun den unangefochtenen Meister der Relativitätstheorie und Nobelpreisträger des Jahres 1921 aufs Korn zu nehmen und ihm eine Maus unterzuschieben. Typisch Kuhlmann, könnte man sagen. Er macht auch vor den Größten der Großen nicht Halt.

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In „Einstein. Die fantastische Reise einer Maus durch Raum und Zeit“ erleben wir eine Kuhlmann-Maus im Zustand riesiger Vorfreude. Das große Käsefest steht auf dem Plan. Ungeduldig macht sich die Maus im Jahr 1984 zum ersten Mal auf den Weg ins Mäuse- und Käseparadies Bern. Das Warten hatte sich elendig lange hingezogen. Die Zeit vor der riesigen Taschenuhr wollte kaum vergehen und als die Maus endlich in Bern angekommen war, erlebte sie den Schock ihres Lebens. Zu spät. Ein ganzer Tag zu spät. Statt Käse fand sie nur leere Kisten und Hallen vor. Was für ein Schlag in den kleinen Mäusemagen. Wer jedoch Torben Kuhlmanns Mäuse kennt, weiß, dass wir hier nicht am Ende einer Geschichte stehen, sondern gerade an ihrem Anfang. Hier gibt es kein Scheitern, hier gibt es kein „zu spät – Pech gehabt“. Hier gibt es nur den Moment, in dem sich die Maus die Frage stellt, ob sie die Zeit nicht um einen Tag zurückdrehen kann… Ein großes Abenteuer beginnt…

Torben Kuhlmann fabuliert und illustriert erneut auf höchstem Niveau. Er erreicht mit seiner Fantasie eine Zielgruppe, die heterogener und doch geschlossener gar nicht sein könnte. Kinder lassen sich von den warmen Bildern fesseln, Jugendliche sind vom ersten Augenblick durch den wissenschaftlichen Ansatz jenes Bilderbuchs gebannt und Erwachsene erleben ein Wechselbad der Gefühle, wenn sie mit der Mutter aller Fragen konfrontiert werden. „Warum?“ Die Maus erkundet das Geheimnis der Zeit, sie nähert sich experimentell, verstellt Uhren und beobachtet die Konsequenzen. Sie begegnet in Bern einem genialen Mäuse-Uhrmacher, der sie in die Geschichte der Uhren einweiht. Und doch weiß sie, dass es ihr niemals gelingen wird, das Käsefest zu erleben, indem sie die Uhrzeit verändert. Bleibt nur der gewagteste aller Gedanken. Eine Reise durch die Zeit.

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Torben Kuhlmann spielt mit allen Elementen einer fantastischen und doch auch wissenschaftlich angelegten Geschichte. Seine Ausflüge in die Theorie werden von der neugierigen Maus sofort in die Tat umgesetzt. Hier wird nicht nur gelötet, gebastelt und geschraubt, hier bedient sich die Maus der damals modernsten Technik, um ihren Sprung durch Raum und Zeit wagen zu können. H.G Wells und Die Zeitmaschine hat hier ein neues Mäuse-Level erreicht. Allerdings geht es nicht in die Zukunft. Es geht in die Vergangenheit. Zurück in der Geschichte. Ein Tag nur. Dann. Käsefest. So lautete jedenfalls der Plan. Am Ende der gewagten Reise ist jedoch nichts mehr, wie es zuvor einmal war. Wir schreiben das Jahr 1905 und die Maus ist ratlos, wie es ihr jetzt ohne elektronisches Superhirn gelingen könnte, wieder nach Hause zu kommen. Ganz ohne Computer scheint es unmöglich zu sein.

Jetzt hat uns Torben Kuhlmann genau da, wo er uns die ganze Zeit schon haben wollte. In einer Zeit, in der Wissenschaftler noch selbst denken mussten. In einer Zeit, die die Welt und die Technologie veränderte. In einer Zeit, über die wir heute nur noch staunen können. So öffnet er uns die Pforte zu einem Mitarbeiter des Patentamtes in Bern und verändert den Lauf der Zeit und dieser Geschichte. Die Maus trifft auf einen gewissen Albert Einstein. Torben Kuhlmann hat sich das gut ausgedacht. Er hat seine Geschichte brillant umgesetzt. Sein Mix aus wissenschaftlicher Geschichte und absolut an den Haaren herbeigezogener Mäuse-Legende ist faszinierend und brillant zugleich.

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Wir gehen ihm erneut auf den Leim und landen in seiner literarischen Mäusefalle. So kann es doch gewesen sein. Warum eigentlich nicht?. Das klingt so logisch und wir kennen ja schon Mäuse, die auf dem Mond waren. Herrlich, wie es ihm erneut gelingt, uns eine Maus auf den Rücken zu binden. Seine Bilderbücher regen dazu an, sich in der Folge des Lesens und Staunens mit der Materie auseinanderzusetzen. Im Anhang findet sich ein atmosphärisch gestalteter Sachbuchteil zu Albert Einstein und zur Zeit. Lehrreich und interessant. Dieses Bilderbuch hat es erneut in sich. Zeitreisen werden intensiv auf den Prüfstand gestellt. Der Wert von Uhren und ihre Geschichte steht im Fokus der Betrachtung und nicht zuletzt öffnen sich Türen zu einer Wissenschaft, die uns immer noch rätselhaft erscheint. Ein Quantensprung für ein Bilderbuch.

Hier ist nichts relativ. Hier ist alles absolut. Absolut Kuhlmann. Jetzt sitze ich vor diesem Buch und wünsche mich in der Zeit zurück, um es erneut lesen zu können. In ein paar Tagen wird es mir wieder so vorkommen, als hätte Torben Kuhlmann schon ewig nichts neues mehr geschrieben. Hach, die Relativitätstheorie der Literatur ist und bleibt ein Buch mit sieben Siegeln Habt einfach Spaß mit „Einstein“…

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Einstein von Torben Kuhlmann

Mehr zu Zeitreisen und Albert Einstein findet ihr jederzeit auf AstroLibrium. Ich halte die Zeit für euch an, damit ihr die Buchvorstellungen ganz in Ruhe lesen könnt.

Christo and Jeanne Claude. Paris! Das Buch zur Ausstellung

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

Ein Virus hat das Jahr 2020 auf den Kopf gestellt. Besonders die Kunstwelt hat die Folgen der globalen Pandemie zu spüren bekommen. Dabei sollte gerade dieses Jahr unter dem Stern großer Kunstprojekte stehen, die uns in Staunen versetzt hätten. Paris wäre einer der absoluten Hotspots der internationalen Kunstszene geworden und viele Kunstfreunde aus aller Welt wären wohl in die Weltstadt gepilgert, um dort mit eigenen Augen zu bewundern, was nur temporär zu sehen wäre, bevor es verschwindet und in die Geschichtsbücher Einzug hält. Eines dieser Projekte wäre die Verhüllung des Arc de Triomphe durch den legendären Aktionskünstler Christo gewesen. Für den Herbst war nicht nur dieses Aufsehen erregende Projekt geplant, auch eine Ausstellung sollte das Kunst-Highlight begleiten und schon im Frühjahr im Centre Pompidou die Pforten öffnen.

Alles kam anders. Corona legte Paris ebenso lahm, wie viele andere Großstädte. An den Beginn der umfangreichen Vorbereitungen für das Großprojekt war kaum noch zu denken. Die Eröffnung der Ausstellung wurde ebenso verschoben und als man der Meinung war, es könne nicht mehr schlimmer kommen, erschütterte die Nachricht vom Tod des Künstlers die Welt. Christo war am 31. Mai im Alter von 84 Jahren in seinem Atelier- und Wohnhaus im New Yorker Stadtviertel Tribeca verstorben. Er folgte seiner Ehefrau, Muse und genialen Partnerin Jeanne-Claude elf Jahre nachdem sie am 18. November 2009 im Alter von 74 Jahren an einem Hirnaneurysma verstorben war. Man kann es nicht anders sagen. Das Künstlerpaar hatte die Welt verändert. Sie hatten in vielen gemeinsamen Aktionen Impulse gesetzt, die nicht nur von Kennern ihrer Kunst bewundert wurden. Allein der verhüllte Reichstag in Berlin zog mehr Besucher an, als das unverhüllte Monumentalbauwerk je zuvor gesehen hatte.

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Christo and Jeanne Claude. Paris!

Ihren Tod zu verkraften, entwickelte sich zur wohl größten Herausforderung für den gebürtigen Bulgaren und jetzigen US-Staatsbürger Christo. Es blieb seinem Versprechen treu, „die Kunst von Christo und Jeanne-Claude auch über den Tod hinaus fortzusetzen“. So geriet der Plan eines verhüllten Triumphbogens im Herzen von Paris nicht in Vergessenheit. Als Verpackungskünstler wollte Christo dabei jedoch nicht bezeichnet werden. Dieses leicht greifbare Etikett sorgte zwar dafür, dass sich auch weniger Kunst-affine Menschen seinem Werk annähern konnten, er sah in jener besonderen Form der Aktionskunst allerdings mehr. Formen und Architektur wollte er auflösen, die Kunst von ihrem Sockel der Erhabenheit stoßen und andere Blickwinkel ermöglichen. Wer ihn jedoch in Diskussionen über den tiefen Sinn seiner Kunstwerke verstrickte, hörte oft: Es ist total irrational und sinnlos. So bleiben die Installationen von Christo und Jeanne-Claude im optischen Gedächtnis der Welt. Ob es „Umbrellas“ in Japan und Kalifornien waren, der „Valley Curtain“ in Colorado, die „Floating Piers“ auf dem italienischen Iseo-See oder der legendäre verhüllte „Pont Neuf“ in Paris. Ihre Kunst war vergänglich, nicht für die Ewigkeit und doch konnte man sich der Magie des Augenblicks nicht entziehen, dem sie einen eigenen Stempel aufgedrückt hatten.

Ist jetzt vergangen, was auf Vergänglichkeit angelegt war? Sind wir am Ende einer Kunstgeschichte angelangt, die Menschen vereinte und Blicke lenkte? Bleiben nur noch Erinnerungen, oder gibt es noch Auswege aus diesem „Dilemma der Vergänglichkeit“ einer einzigartigen, luftig leichten, alles verhüllenden Kunstform? Wer in diesen Tagen den Blick in Richtung Paris wendet, erlebt die Wiedergeburt von Christo und Jeanne-Claude. Der Traum ist nicht ausgeträumt. Er lebt weiter… 

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

Die Ausstellung Christo and Jeanne-Claude. Paris! hat im Centre Pompidou die Pforten geöffnet. Bis zum 19. Oktober kann man sie noch besuchen. Oder eben doch nicht. Paris gehört zu den Risikogebieten der Corona-Schutzmaßnahmen und es dürfte extrem problematisch sein, den Ausstellungsbesuch zu planen. Man kann sie sich aber nach Hause holen. Und nicht nur das. Der Sieveking Verlag hat mit dem Begleitbuch zur Ausstellung ein kleines Kunstwerk geschaffen, das international für Aufsehen sorgt. Dieses Buch ist eine schillernde Hommage an ein Künstlerpaar, das uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Es ist kein Ausstellungskatalog im klassischen Sinn. Es ist im tiefsten Kern der Rückblick auf ein Paris, das Christo und Jeanne-Claude so prägte, wie es selbst von den beiden Künstlern geprägt wurde.

Paris war für Christo und Jeanne-Claude in künstlerischer und privater Hinsicht von herausragender Bedeutung. Hier lernten sie sich 1958 kennen, hier skizzierten sie die ersten Ideen für gemeinsame Projekte. Hier streiften sie durch die Straßen und überzeugten sowohl die Anwohner, als auch die Stadtoberhäupter davon, im Jahr 1985 das erste Großprojekt im öffentlichen Raum realisieren zu dürfen. Die Verhüllung der Pont Neuf hat Geschichte geschrieben. Im Buch finden wir selten gezeigte Frühwerke und Studien, Skizzen, Zeichnungen und Collagen, sowie beeindruckende Fotografien vom fertigen Kunstwerk, das die Seine überspannte und die Brücke in goldene Farben hüllte. Man kann in und zwischen den Seiten die Verbundenheit der Künstler zu dieser Stadt fühlen und erkennt, was hier begann und sich mit einem Verhüllungs-Siegeszug auf der ganzen Welt fortsetzte.

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

Das großformatige Softcover-Buch „Christo an Jeanne-Claude. Paris!“ zeigt auf seinen 256 Seiten ca. 300, teils ganzseitige Abbildungen, die uns fesseln und dem Schaffen des Künstlerpaars näherbringen. Man kann es erlesen, wie eine Vernissage durch das Centre Pompidou, nur dass dieses Buch nicht der Vergänglichkeit seiner Protagonisten unterliegt. Englisch ist die Sprache des Buches. Es ist trotzdem leicht verständlich und die Begleittexte ergeben mit den Abbildungen eine polyglotte Einheit im Sinne der internationalen Kunstwelt. Das Buch hat mich dazu inspiriert, den beiden Künstlern nachzueifern und kleine Dinge mit Stoff zu verhüllen. Es ist erstaunlich, wie sehr das Gegenständliche verschwindet und zum Geheimnisvollen wird. Der Kreativität wird hier ein spürbarer Impuls verliehen. Und wenn man nicht gerade verhüllt und im Buch nach neuen Inspirationen stöbert, wird man es spätestens im nächsten Jahr zu schätzen wissen.

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

2021 wird der Arc de Triomphe nach den Plänen von Christo und Jeanne-Claude verhüllt. Es wird epochal, monumental und sentimental. Es wird das erste Wrapping-Projekt im öffentlichen Raum, das nur von ihren Ideen lebt. Es ist absehbar, dass die Kunstaktion als Erbe von Christo und Jeanne-Claude weltweite Schlagzeilen machen wird. Spätestens dann wird dieses Buch eine neue Bedeutungsebene erhalten. Es tritt dieses Erbe im Bücherregal an, es zeigt die Skizzen zum Triumphbogen und lässt uns ahnen, welche Dimension das Projekt erreichen wird. Spätestens dann wird der Wert dieses Buches emotional in die Höhe schießen. Ich kann Kunstliebhabern empfehlen, sich jetzt dieses Buch ins Haus zu holen. Verhüllt es nicht. Stöbert und flaniert auf den Seiten und dann: 2021 – schaut nach Paris und hofft mit mir gemeinsam, dass die Kunst vielleicht auch Corona verhüllen kann…

Christo and Jeanne Claude. Paris! - Astrolibrium

Christo and Jeanne Claude. Paris!

In einer Zeit, in der wir zum Schutz vor einer Corona-Infektion Teile des Gesichts verhüllen, sollte uns diese Kunstform näher sein, als jemals zuvor. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie Christo die Face-Wrapping-Welle künstlerisch verarbeitet hätte.

Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde

Dies ist nicht mein erster Kunst-Kontakt mit dem Verlag. Franz Marc ist schuld.

Oberkampf von Hilmar Klute

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Oberkampf von Hilmar Klute

Die Zeit heilt alle Wunden? Nicht wirklich. Alleine die Literatur sorgt dafür, dass man immer wieder an Schocknachrichten aus der Vergangenheit erinnert wird. Sie trägt die Verantwortung für die Konsequenzen einer literarischen Aufarbeitung, die geeignet ist, altes Narbengewebe wieder aufzureißen und lange verdrängte Ereignisse erneut in den Brennpunkt zu rücken. Hier wirkt die Literatur wie ein Gerichtsprozess, der Jahre nach der Tat alle Details des Verbrechens in epischer Breite ausführt, und den Angehörigen der Opfer kaum Erleichterung verschafft. Oft passiert genau das Gegenteil. Wenn dann Prozess und Literatur Hand in Hand gehen, liegt eine hochexplosive Mischung vor, der man sich nur behutsam nähern sollte. (Weiterhören – hier geht´s zum PodCast)

Oberkampf von Hilmar Klute - Die Rezension fürs Ohr - AstroLibrium

Oberkampf von Hilmar Klute – Die Rezension fürs Ohr – Hier klicken…

Fünfeinhalb Jahre sind seit dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris vergangen. Am 7. Januar 2015 richteten zwei islamistische Terroristen in der Rue Nicolas Appert ein Blutbad an und massakrierten elf Menschen, verletzten mehrere Anwesende schwer und töteten auf ihrer Flucht einen Polizisten. In ihrem Gefolge kam es zu weiteren Anschlägen, nicht nur in der Hauptstadt. Wir sehen wohl alle noch die dramatischen Bilder von einst vor Augen. Ein Paris in Schockstarre, trauernde Menschen vor den Redaktionsräumen von „Charlie Hebdo„, Ein Supermarkt voller Geiseln, in dem sich ein weiterer Terrorist verschanzt hatte. Polizei-Einsätze und weitere Tote. Erschossene Attentäter und eine Prozession der Erschütterten unter dem Motto „Je suis Charlie„. Ich denke, niemand hat diese Januartage vergessen.

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Oberkampf von Hilmar Klute

In diesen Tagen hat in Paris der Prozess gegen die Hintermänner der Terroristen begonnen. Die Corona-Pandemie hat den Prozessauftakt verschoben. Gleichzeitig hat die neue Redaktion von Charlie Hebdo das Magazin neu aufgelegt, das den Anschlag der Islamisten verursacht hatte. Mohammed-Karikaturen hatten für einen Aufschrei in der islamischen Welt gesorgt und Extremisten dazu veranlasst, ihren Propheten rächen zu wollen. Unter dem Titel „Tout ça pour ça“ (All dies, nur dafür?) wurde das damalige Skandalblatt in einer Auflage von rund 400000 Exemplaren an die Kiosks der Metropole ausgeliefert. Der Aufschrei folgte sofort. Bilder der Überlebenden beim Prozess zeigen das Ausmaß der Traumatisierungen aus dem Jahr 2015. Nicht aufgeben, immer weiter für die Presse- und Gedankenfreiheit zu kämpfen, vereint die Menschen in Frankreich. Die Narben sind tief. Und jetzt kommt auch noch ein Roman hinzu…

Oberkampf“ von Hilmar Klute mutet wie eine martialische Überschrift an, die uns auf eine absolute Meta-Ebene der Konfliktbewältigung vorbereitet. Dabei entpuppt sich der kämpferische Titel schnell als verträumte Straße mit gleichnamiger Metro-Station in unmittelbarer Nähe zu den Redaktionsräumen der Satirezeitschrift. Es sind gerade mal neun Gehminuten von der Rue Oberkampf Nr.11 bis ins Auge des Orkans. Und genau hier zieht Jonas Becker am 6. Januar 2015 ein. Tief in der Midlifecrisis gefangen, die eigene Ehe gescheitert, eine Agentur in den Sand gesetzt und nun auf der Suche nach einem literarischen Restart im Herzen von Paris. Im Auftrag eines Verlages hat er jetzt nur noch ein Ziel. Den ebenso legendären, wie erfolglosen Schriftsteller Richard Stein zu treffen und seine Biografie zu schreiben. Was eigentlich recht harmlos klingt, wird schnell zu einem Ritt auf einer doppelt geschliffenen Rasierklinge in einer Stadt, in der schon am nächsten Tag nichts mehr so ist, wie es je zuvor war. Am 7. Januar bricht die Hölle los.

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Oberkampf von Hilmar Klute

Hilmar Klute legt einen bipolaren Roman vor, in dem es gelingt, die Menschen in den Vordergrund zu stellen und gleichzeitig die Situation in Paris nicht zur Kulisse zu degradieren. Ein Ausnahmebuch zu einer Stadt im Ausnahmezustand. Es sind die zwei Pole dieser MetroPole, die den Erzählraum abstecken. Es sind die Begegnungen, die aus Jonas Becker einen Wanderer in zwei unterschiedlichen Welten machen. Es ist in erster Linie der Schriftsteller Richard Stein, der ihn in seine Welt entführt. Und so, wie es am geografischen Nordpol nun mal wirklich keine Pinguine gibt, existiert in der Welt des Egozentrikers Stein kein Terror. Hier steht die Biografie im Vordergrund. Losgelöst von den Salven, die in den Straßen von Paris ihren lauten Nachhall finden. Hier sind es die Salven eines Lebens im Tunnelblick des Ichs, die in einem Buch verdichtet werden sollen. Und Steins Vorrat an Munition ist unendlich.

Und dann ist es die Zufallsbekanntschaft, die zuerst zur Liaison und dann zu viel mehr wird, die Jonas Becker mit der Pariser Archivarin Christine zum Südpol dieser Geschichte führt. Hier erlebt er die Realität des Terrors in der Stadt, hier blickt er hinter die Kulissen der Emotionen und der Trauer. Hier wird er von Christine mit Bildern aus den Banlieues konfrontiert, weil sie ihm die Ausweglosigkeit der Ausgestoßenen zeigen möchte. Hier wird er hineingestoßen in eine Stadt, die darum kämpft, ihren Alltagsstolz zu bewahren. Hilmar Klute bewegt sich literarisch brillant zwischen diesen Welten. Er transportiert die Stimmung nach dem Anschlag in jede Zeile seines Romans. Und doch gelingen ihm auch die zarten und magischen Zwischentöne, die einer Emotionalität zu Höhenflügen verhilft, die genau in diesen Zeiten so lebenswichtig ist. Es ist der Beginn der Liaison zwischen Jonas und Christine, die so sehr nach dem unbeschwerten Paris schmeckt und riecht, wie man es sich einfach nur träumen kann…

„Dann“, sagte sie… „vielleicht auf ein anderes Mal. Vielleicht im Centenaire eines Mittags.“ „Ich werde da sein“ sagte Jonas…   

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Oberkampf von Hilmar Klute

Es ist der scharfe Kontrast zwischen der Geschichte des Anschlages und einem Künstlerroman, der uns durch die Seiten von „Oberkampf“ treibt. Es sind brutale Schnitte, die uns in zwei Welten entführen, deren Schnittmenge äußerst gering zu sein scheint. Es ist Jonas Becker, der versucht, Verbindungslinien zu ziehen. Er trägt seine eigenen Schlachten aus. Er will seinen Job machen und mit Christine ein neues Leben beginnen. Ein Konflikt, der ihn an die Grenzen bringt. Hilmar Klute bettet seinen Roman nicht in dieses Szenario ein, weil er sich einer Kulisse bedient. Er beschreibt ein Paris, das er selbst erlebt hatte. Er verarbeitet sicher auch selbst, wie sich ein Autor inmitten der Wirren jener Tage gefühlt hat. Es ist beeindruckend, wie er dem Erschrecken und dem Gefühl, manchmal nur ein Voyeur zu sein, Ausdruck verleiht. Es ist erschreckend, wie einfach der Weg zur hermetisch abgeschlossenen Ignoranz sein kann, wenn man sich hinter einer Aufgabe versteckt. Es ist sehr atmosphärisch, war er erzählt und wie es ihm gelingt, Nord- und Südpol der bipolaren Geschichte zu vereinen.

Wir finden viele literarische Entsprechungen, wenn wir die Rue Oberkampf Nr. 11 betreten. Hilmar Klute erzählt von der Unterwerfungvon Michel Houellebecq, jenem Roman, in dem ein muslimischer Bürgermeister Paris regiert, und der genau in den Tagen des Anschlages auf Charlie Hebdo erschien. Wir fühlen uns an Bücher zu diesen Ereignissen erinnert. Klute gelingt dieser intensive Einblick in die französische Gesellschaft in einer Intensität, die ich zuvor nur bei Virginie Despentes gefühlt habe. Ihre Trilogie über „Das Leben des Vernon Subutex“ endet dort, wo Klute beginnt. In allen Beschreibungen schwingt „Die Leichtigkeit“ mit, die an diesem 7. Januar 2015 verloren ging. Ein Verlust den Catherine Meurisse literarisch verarbeitete. Sie kam an diesem Tag zu spät zur Arbeit. Die Karikaturistin von Charlie Hebdo hatte verschlafen und überlebte den Anschlag der Al-Qaida-Terroristen nur durch diesen Zufall. All diese Bücher habe ich bereits vorgestellt. Sie ergeben eine literarische Einheit, in die sich Oberkampf nahtlos einreiht.  

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Oberkampf von Hilmar Klute

Hilmar Klute verdeutlicht in seinem RomanOberkampf„, dass sich die beiden Pole seiner Geschichte ähnlicher sind, als man denkt. Die Metropole an der Seine und das Leben des Schriftstellers Richard Stein sind vergleichbar. Von sich eingenommen und nach außen hin stabil und unverletzlich wirkend. Und doch ist es kein Wunder, dass in beiden Mikrokosmen der Terror von innen angelegt ist, bevor es dem Feind von außen gelingt, sich Zutritt zu verschaffen. Hochexplosiv.

Zum Ende bleibt mir nur, ein Buch zu erwähnen, das auch von Paris und seinen Anschlägen handelt. Es ist ein Buch, das ich absichtlich nicht in die Reihe der zuvor erwähnten Bücher stelle, weil es nichts mit Charlie Hebdo und dem Januar 2015 zu tun hat. Hier beschreibt Antoine Leiris sein Leben, seine Geisteshaltung, seinen Schmerz und seine Weigerung, sich lebenslang dem Terrorismus zu beugen, als ein Mann, der seine Frau bei einem späteren Anschlag in Paris im November 2015 verloren hatte. „Meinen Hass bekomt ihr nicht“ ist eines der bewegendsten Werke, die uns zeigen, wie ein Hinterbliebener mit aufkommendem Hass umgeht und seinen kleinen Sohn vor Vorurteilen und einer weiteren Spirale der Gewalt beschützen möchte. Ein Manifest.

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Oberkampf von Hilmar Klute

Ich hätte mir wirklich gewünscht, Antoine Leiris hier nicht erwähnen zu müssen. Jetzt jedoch steht sein Buch neben „Oberkampf“. Ich habe es kommen sehen und es war wohl unvermeidlich. Auch das ist Hilmar Klute. Es gibt einen dritten Pol, auch wenn man es nicht wahrhaben möchte.

Wenn ein Autor eine Brücke zwischen zwei Terror-Ufern schlägt, riskiert er, dass manche Leser den Brückenschlag für vorhersehbar halten. Für mich geht es in meiner Bewertung dieses Romans nicht um die beiden Ufer, sondern um die Tragfähigkeit der Brücke. Keine Leichtbauweise. Das steht für mich fest. Sie trägt…

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard - AstroLibrium

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Reichen einem versierten Schriftsteller 64 Seiten aus, um den biografischen Abriss einer historischen Persönlichkeit zu skizzieren? Reicht ein solcher literarischer One-Night-Stand (ein Buch für eine einzige Nacht) aus, um seine Leser zu fesseln und sie in seinen Bann zu ziehen? Kann man in diesem Format eine nachhaltige Erzählung im historischen Kontext entwickeln? Man sollte eigentlich daran zweifeln. Wie könnte man in die Tiefe eines Charakters vorstoßen, wie die Hintergründe seines Wirkens erklären und welche Fragen ließe man am Ende offen? Ja, man könnte durchaus zweifeln, dass dies gelingen kann. Ich jedoch rief mir seine anderen Werke in Erinnerung und wusste sofort: Ja, er schafft das! Wenn es einer schafft, dann er:

Éric Vuillard, 1968 in Lyon geboren. Schriftsteller und Regisseur. Mehrfach für seine Romane ausgezeichnet. Den schriftstellerischen Höhepunkt erreichte er mit dem „Prix Goncourt„, den er 2017 für seinen Roman „Die Tagesordnung“ erhielt. Er erhebt die Stimme für die Unterdrückten, die Benachteiligten und steht in der ersten Reihe, wenn sie die Barrikaden stürmen, um zu ihrem Recht zu kommen. Seine Streitschriften sind von besonderer Relevanz für die heutige Zeit. Er ist ein Literatur-Revolutionär, wenn es darum geht, die Französische Revolution von 1789 mit der Gelbwesten-Bewegung des Jahres 2019 in eine Waagschale zu legen. Seine Worte brennen so lichterloh, wie die angezündeten Autoreifen auf den Prachtstraßen von Paris. Sein Roman „14. Juli“ lässt nicht nur Köpfe rollen. Vuillard ist der Scharfrichter, der den Armen die Hand reicht.

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard - AstroLibrium

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Jetzt kehrt er zurück und legt seinen neuen Roman „Der Krieg der Armen“ in die Hände seiner Leser und Leserinnen. Es ist wohl so, wie im Klappentext beschrieben, dass wir uns mitten im Bauernaufstand der Jahre 1524 – 1525 befinden. Es ist wohl so, dass wir dem Utopisten, Theologen und Brandredner Thomas Müntzer begegnen und seine mächtige Stimme von der Kanzel vernehmen. Es ist wohl so, dass wir denken, in dieser kurzen Geschichte viel über den revolutionären Reformator zu erfahren, der die weltliche und kirchliche Obrigkeit mit Wort und Axt bekämpfte. Es ist wohl so, dass wir an seiner Seite in die Schlacht ziehen und untergehen. All dies wird erzählt und doch hat Éric Vuillard seinen Roman anders angelegt. Es ist ein Echo, dass durch die Welt hallt und von Thomas Müntzer aufgenommen und tausendfach verstärkt wird.

Vuillard wagt den Jahrhundertsprung zu den Ursprüngen des Aufschreis. Er lässt John Wycliff von der direkten Beziehung zwischen Mensch und Gott reden, in die sich die Kirche mit aller Macht hineingedrängt hat. Er lässt einen gewissen John Ball durchs Land ziehen und seine Theorien unter das arme Volk bringen. Er proklamiert den Willen Gottes als den Willen eines gerechten Gottes, der niemanden in die Knechtschaft treibt. Er lässt Wat Tyler den Steuereintreiber ermorden, der Tylers Tochter eingetrieben hat und nicht das Geld. Er lässt die von der Obrigkeit vernichteten Aufständischen und von der Kirche mit Bullen belegten Aufständischen weiterleben in Jack Cade und Jan Hus. Er lässt sie gegen den bezahlten Sünden-Ablass kämpfen, die Gewalt aller Kreuzzüge verurteilen und die wahre Liebe Gottes predigen, den nur niemand verstehen kann, weil man das Volk mit der lateinischen Liturgie geißelt.

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Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Erst dann nimmt Éric Vuillard die Lawine der befreienden Worte auf und nähert sich Thomas Müntzer. Auf den Trümmern niedergeschmetterter Aufstände scheint er die Reinkarnation aller Stimmen zu sein, die man erfolgreich zum Schweigen gebracht hatte. Jetzt brodelt der rhetorische Vulkan, jetzt bricht er aus und während zeitgleich in Eisenach ein gewisser Thomas Luther predigt, seinen ärgsten Feinden auch noch die andere Wange hinzuhalten, wird Thomas Müntzer radikal. Aus seinem Schreibkrieg ist ein Aufstand mit Waffen geworden.

„Die ganze Welt muss einen großen Stoß aushalten.“ 

Müntzer beschwört den Untergang der bekannten Welt herauf. Er kämpft gegen den Adel, die Privilegien und die Kirche, die das Volk alleine schon durch die Sprache klein hält. Er stellt sich mit den Seinen, den Armen, den Bauern, den Tagelöhnern und Leigeigenen gegen die Macht der von Gott legitimierten selbstgefälligen Würdenträger. Im Herzen die Echos der zuvor Besiegten, Geköpften und Verbrannten. Ein Erdrutsch. Vuillard schreibt gewaltig, im tiefen Bass der Revolution, wuchtig und brillant. Er lässt uns zu den Waffen greifen und zu Frankenberg in die Schlacht ziehen. Er zeigt uns, wofür es sich zu kämpfen lohnt und macht uns mit den Gemeinsten gemein. Und dann lässt er uns scheitern, wirft uns zurück in unsere Zeit und lässt uns durchatmen. Wir verstehen seine Streitschrift richtig. Wir hören das Echo von einst. Auch die Stimme eines Thomas Müntzer ist noch zu hören. Bis in unsere Zeit.

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Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Doch, wenn man genau hinhört, dann hört man eine Botschaft, die weiter trägt, als die Jahrhunderte. Die Armen hatten gute Gründe, ihre Kriege zu führen. Es war die tatsächliche und systematische Unterdrückung, die sie lebenslang knechtete. Hier setzen die Stimmen ihrer Anführer an. Sie zogen nicht in die Schlacht, wenn es nicht um ihre komplexe Existenz ging. Sie waren keine Träumer, Leugner und Fantasten. Sie folgten keinen wirren Köpfen, die nur ihr eigenes Wohl im Sinn hatten. Sie waren keine Schlafschafe, die man an der Nase herumführte und blind in die Schlacht trieb. Éric Vuillar bleibt sich und seinen Unterdrückten treu. Seine Bücher dienen nicht als Legitimation für an den Haaren herbeigezogenen Widerstand. Sein Schreiben ist den Opfern der Freiheitskämpfe gewidmet, die unsere Welt zu einer anderen gemacht haben. Wer Vuillard liest, wird sich gut überlegen, wann und wo, für wen und gegen wen er seine Stimme erhebt.

Vuillards Revolutionen haben Ursachen, denen man sozial-ethisch auf den Grund gehen kann. Sie unterscheiden sich von den Möchtegern-Revolten und den Populisten, denen man eher auf den Leim gehen kann. Vuillard lesen, heißt das Echo zu hören und zu verstehen. Was wir heute auf den Straßen hören, sind oftmals leere Hülsen, die sich niemals zum Echo eignen. Sie verhallen in der Geschichte als Spinnerei. Pflichtlektüre für kritisch denkende und empathische Menschen, denen eines fehlt:

Der Egoismus, andere zu missbrauchen, um eigene Ziele zu erreichen. Koste es, was es wolle. Lesenswert!

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard - AstroLibrium

Der Krieg der Armen von Éric Vuillard

Ein Buch für eine Stunde – Eine Geschichte fürs ganze Leben!

Der Krieg der Armen – Eric Vuillard, Matthes & Seitz Berlin, 16 Euro, 64 Seiten, aus dem aus dem Französischen brillant übersetzt von Nicola Denis

Der Halbbart von Charles Lewinsky

Der Halbbart von Charles Lewinsky - AstroLibrium

Der Halbbart von Charles Lewinsky

Manchmal öffnet man die Tür zu einem neuen Buch und stellt sich sofort die Frage, wie man es einordnen soll, welchem Genre es angehört, welche Botschaften es in sich birgt und welche charakteristischen Merkmale es trägt. Fragen, die ich mir immer stelle, um das Buch in meiner Rezension strukturiert greifen und vorstellen zu können. Dann jedoch treffe ich auf Schriftsteller, die mir diese Fragen bereits an der Garderobe des Erzählraums abnehmen und mich fast nackt dazu einladen, mich einfach überraschen zu lassen. Charles Lewinsky ist ein solcher Autor. Ich hatte nicht das Gefühl, seinen neuen Roman „Der Halbbart“ zu lesen. Es fühlte sich an, als säße ich unvermittelt am Lagerfeuer des Geschichtenerzählers und dürfte im Kreise ganz weniger Zuhörer dem Strom einer alten Legende folgen.

Und während das Lagerfeuer noch leise knistert, stellt man fest, dass man die Zeit vergisst und tief in eine Geschichte eingetaucht ist, die man sich doch eigentlich ganz genau anschauen wollte. Man zittert, wenn es in der Erzählung allzu frostig wird. Man bekommt Hunger, wenn der Protagonist zu hungern beginnt, und man ängstigt sich im Angesicht der Dunkelheit, wenn vom Teufel erzählt wird. Es ist wie ein samtener Nebel, der sich um einen legt, der sich erst lichtet, wenn die Geschichte ihr Ende erreicht hat. Anders kann ich das Gefühl kaum beschreiben, das von mir Besitz ergriff, als ich mich in die ersten Seiten dieses Romans wagte. Ich wusste nicht, was mich faszinierte. Ich konnte kaum ausdrücken, warum ich keine Pause mehr einlegen konnte. Ich war mir nur darüber im Klaren, dass ich einen besonderen Roman vor mir hatte, dessen Sog nicht mehr nachlassen wollte. „Der Halbbart von Charles Lewinsky.

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Ich bin in der Schweiz. Wir schreiben das Jahr 1313 und das kleine Dorf, in dem der junge Sebi lebt, unterscheidet sich kaum von den anderen Dörfern der Talschaft Schwyz. Der Alltag ist geprägt vom Überlebenskampf in unwirtlicher Natur und für ein Kind bleiben neben der Feldarbeit und dem Schweinehüten nicht viele Möglichkeiten, sich die Zukunft auszumalen. Doch genau dafür ist der Sebi nicht geschaffen. Er hört lieber Geschichten und denkt sich welche aus. Er scheint zu weich für das Leben im Dorf und für die beiden älteren Brüder ist er eher eine Last. Die Dorfgemeinschaft ist verschworen, urwüchsig und die Rollen sind verteilt. Vom Totengräber bis zum Trottel, jeder scheint seinen Platz im Gefüge gefunden zu haben. Nur der Sebi sucht nach der wahren Bestimmung, der er vielleicht folgen kann.

Das Auftauchen eines Fremden verändert alles. Alles an ihm ist voller Geheimnisse. Seine Herkunft ist ebenso unbekannt, wie die Ursache für seine Brandnarben, die ihn entstellen. Viel ist von seinem Gesicht nicht üblrig, weshalb man ihn einfach „Halbbart“ nennt. Sebi freundet sich mit dem Fremden an und erfährt mehr von der Welt, als ihm lieb sein kann. Das Dorf weitet sich durch die Erzählungen des Fremden aus und der Junge, den sonst niemand wirklich ernst nimmt, hört erstmals vom komplexen Leben in der weiten Welt. Und ganz nebenbei bringt ihm der Halbbart auch noch ein Spiel bei, von dem er noch nie gehört hatte. Schach. Die eng umrissene Welt des kleinen Sebi wird größer. Er hört von Fürsten, Klöstern und vom Sog der Religion. Er erfährt viel von der Macht des Aberglaubens und der gefährlichen Wucht von Gerüchten. Die Naivität, die bisher sein Wegbegleiter war, verabschiedet sich von Tag zu Tag mehr.

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Es ist Sebis Sicht auf die Ereignisse, die uns fesselt. Es ist seine Perspektive, die der Autor einnimmt. Es ist Sebi selbst, der die Geschichte vom Halbbart erzählt. Es ist die scheinbar ungeschliffene leichte Sprache eines Kindes, die Aufmerksamkeit sucht, und es sind viele Ausdrücke aus dem schwyzer Idiom, die hier eingeflochten sind, die dem Erzählstrom eine spürbare Authentizität verleihen. Die Urgewalt dieser Sprache ist einer der großen Wirkfaktoren dieser Geschichte. Sie ist nicht überfrachtet mit Fakten und Stammbäumen. Der Roman ist kein historischer Roman im eigentlichen Sinn, weil er sich nicht an der geschichtlichen Realität der Ereignisse messen lassen muss. Was der Sebi erzählt, ist genau das, was er weiß. Nicht mehr und nicht weniger. Hier siegt die Subjektivität der in sich geschlossenen Dorfwelt über die großen Zusammenhänge der Weltgeschichte. Habsburger sind einfach Habsburger. Könige einfach Könige und ihren Streit um das Land bekommt man sofort am eigenen Leib zu spüren. Der Begriff des Leibeigenen erhält völlig neuen Klang.

Von diesem Ballast befreit, gelingt es Charles Lewinsky seine große Geschichte über kleine Leute zu erzählen. Hier ist Raum für das unmittelbare Erleben der Macht der Kirche und ihrer Klöster, hier spüren wir, wie tief der Aberglaube die Menschen im Griff hat. Wir werden zu Zeugen von Gerüchten, die sich wie ein Lauffeuer ausbreiten und ganze Landstriche in Brand setzen können. Standesunterschiede werden fühlbar und die Kluft zwischen den „Mehrbesseren“ und den Armen wird zum Rahmen dieser Erzählung. Nur so entfaltet sich die Magie einer Geschichte, die in ihrem tiefsten Kern die Geschichte jener Menschen ist, die im Mittelalter darunter zu leiden hatten, anders zu sein. Ob man nun ein feinfühliger „Finöggel“ (Mimose) ist, einer falschen Religion angehört, dem falschen Fürsten folgt, oder ob man einfach nur anders denkt. Es bleibt sich gleich. Opfer sind oft geborene Opfer und dieser Automatismus hat sich im Lauf der Jahre nicht verändert.

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Der Halbbart von Charles Lewinsky

Sebis kindlich naive Sicht auf die Welt mit ihrem Aberglauben, den Bräuchen und ihrer Religion ist ein wahres Gottesgeschenk. Das klingt vielleicht paradox, ist aber der eigentliche Schlüssel zur Pforte, hinter der all die Sakrilege auf uns warten, die hier begangen werden. Scheiterhaufen, Klosterplünderungen, Folter und Hinrichtung. Alles wird in seinen Dimensionen präziser, wenn es aus Sebis Sicht geschildert wird. Kinder sagen immer die Wahrheit. Das Prädikat verleiht diesem Buch eine besondere Wucht. Wenn wir mit Sebi ein Benediktinerkloster betreten müssen, erinnern wir uns lesend an „Der Name der Rose„. Wenn Menschen von ihren Krankheiten geheilt werden, sehen wir den „Medicus“ vor uns. Leseerlebnis-Welten, die mich in ihren Bann zogen. Wenn der Halbbart versucht, seine Geschichte zu erzählen, wird es sehr still am Lagerfeuer. Dann wird es emotional, dramatisch und brutal. Und doch ist die ganze Geschichte so sehr von Liebe und Zuneigung geprägt, dass man ihr einfach das Herz öffnen muss.

Die Bilder, die uns der Roman in die Seele schreibt, bleiben lange haften. Es sind Bilder von Hellebarden; alten Kämpfern, die aus Kriegen zurückkehren; von einer Frau, die ihren Lebensunterhalt mit dem Geschichtenerzählen bestreitet; von einem Mädchen, in das sich der Sebi verliebt, und dem Schreckliches widerfährt; von Mönchen, denen nichts heilig ist und die sich doch so sehr wandeln können und von einer Schmiede, in der wir verstehen, dass dieser Roman seines Glückes eigener Schmied ist. Es bleiben viele Eindrücke und Gefühle im Gedächtnis, wenn man am Ende angelangt ist. Einem Ende, das für mich das größte Sakrileg ist, das in diesem Roman begangen wird.

Der Halbbart ist eine Geschichte, von der man sich wünscht, sie möge niemals enden. Nur diesen Wunsch hat mir Charles Lewinsky nicht erfüllt. Ich hätte noch Jahre weiterlesen können. 

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Fazit:

Ein Entwicklungsroman allererster Güte, der jedoch alle Schubladen sprengt, in die man ihn gerne pressen würde. Charles Lewinsky ist mit „Der Halbbart“ für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert und befindet sich in allerbester Gesellschaft mit 19 weiteren Autoren und Autorinnen auf der Longlist. Ich halte das Buch nicht nur für preiswürdig, sondern in besonderer Weise sogar für preisverdächtig. Vielleicht schafft es ja unser Sebi auf die Shortlist. Ich werde das genau beobachten und wünsche ihm alles Glück der Bücherwelt.

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Die Begriffe aus dem schwyzer Idiom sind zumeist selbsterklärend. Zur Not könnt ihr jedoch auf ein Glossar zurückgreifen, das Diogenes im Internet zur Verfügung gestellt hat. Ich habe es nicht gebraucht, wer jedoch erfahren möchte, was es bedeutet, dass ich „giggerig“ auf die Bekanntgabe der Shortlist des Buchpreises warte und „gwundrig“ bin, ob es „Der Halbbart“ schafft, der kann hier nachschauen.

Es war mir ein Vergnügen, euch auf Der Halbbartgmerkig gemacht zu haben.

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