Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli

Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli - Astrolibrium

Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli

Gegenwartsliteratur lebt von der Aktualität und Brisanz aktueller Themen. Sie hat eine ganz eigene Relevanz, weil man den Inhalt am jeweiligen Tagesgeschehen reiben und messen kann. Gegenwartsliteratur hat ihre ganz eigenen Leser, weil Vergangenes nicht immer herangezogen werden will, um Gedanken zu beflügeln. Wenn man sich im privaten Lese-Biotop mit Flucht, Vertreibung und ethnischen Problemen beschäftigt, ist es oftmals gewünscht, nicht Beispiele aus dem Holocaust, der Kinderlandverschickung oder gar mittelalterlichen Fluchtbewegungen zu erlesen, sondern handfeste Szenarien vorzufinden, die greifbarer sind. Wissend, dass diese Ereigniswellen geschichtlich nicht voneinander zu trennen sind, weil ihnen vergleichbare Automatismen zugrunde liegen.

Das Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli ist Gegenwartsliteratur vom Allerfeinsten. Wir begegnen dem Thema, das hier im Mittelpunkt steht täglich und sind doch nur stille Beobachter eines Problems, das sich auf dem amerikanischen Kontinent abspielt. Mehr als 3000 Kilometer lang ist die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Sie wird in zunehmendem Maße zur propagandistischen Demarkationslinie, die es aus Sicht der Vereinigten Staaten von Amerika mit einer Mauer zu verteidigen gilt. Grenzen reichen nicht mehr aus. Die Border-Patrol ist inzwischen bis an die Zähne bewaffnet, in vielen Regionen durchziehen Zäune und Grenzkontrollen das Land. Und wozu? Schutz vor illegalen Einwanderern. Menschen, die aus Mexiko in die USA auswandern, um ein Leben führen zu dürfen, das ihnen eine Zukunftsperspektive bietet. Im täglichen Jargon werden sie jedoch von höchster politischer Seite als Vergewaltiger, Abschaum, Dealer und pauschal als Kriminelle bezeichnet, die den Wohlstand der USA gefährden.

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Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli

Genau hier setzt das Archiv der verlorenen Kinder an. Genau hier entwickelt die in Mexiko geborene Autorin Valeria Luiselli ein multiperspektivisches Szenario, dem eine literarische Struktur zugrunde liegt, die in ihrer ungewöhnlichen Form als herausragend bezeichnet werden muss. Wer sich jemals gefragt hat, ob Flüchtlingsbewegungen aus der Vergangenheit ein Echo erzeugen können, dem man heute noch zuhören kann, der sollte diesen Roman wie ein Klangexperiment verstehen. Wer sich auf Valeria Luiselli einlässt, der kann sich darauf gefasst machen, als Klangkörper einer mehrdimensional angelegten Gegenwartserzählung in Vibration versetzt zu werden. Was hier noch recht komplex und kompliziert wirkt, ist jedoch leicht zu lesen. Ein Roman, der Klangfarbe im Inneren des Lesers entwickelt und eine Melodie zurücklässt, die nachhaltig verhindern kann, dass man blind durchs Leben läuft. 

Klang steht im Mittelpunkt einer kleinen Patchwork-Familie, die das gewohnte New York verlässt und sich auf den Weg nach Arizona an die mexikanische Grenze macht. Vier Menschen – zwei Ziele. Vater, Mutter, zwei Kinder. Sie, die Erzählende, Mutter des fünfjährigen Mädchens. Er, der Vater eines zehnjährigen Sohnes. Namenlos bleiben die Kinder im Patchwork-Konstrukt. Stiefgeschwister. Nichts weiter als Mitreisende bei den Missionen ihrer Eltern, die ihr Geld als Klangkünstler verdienen. Ihre Beziehung kriselt, der Beruf jedoch vereint sie auf dem Weg an die Grenze. Er, auf der Suche nach dem Klangarchiv der untergegangenen Apachen-Kultur. Sie, auf der Jagd nach Stimmen der Kinder, die sich allein auf den Weg von Mexiko in die USA machen, um ihren Eltern zu folgen. Der Sound verlorener Indianer und der Sound verlorener Kinder wird zum tiefen Soundtrack eines Romans.

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Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli

Valeria Luiselli erzählt nicht nur brillant, sie überrascht mit Stil und Form. Die Kinder der Patchwork-Familie bleiben namenlos. Als der Junge und das Mädchen machen sie ihren Weg. Das gemeinsame Auto mutiert zum Archiv der Familie. Beladen mit Kisten, die alles beinhalten, was zum Narrativ dieser kleinen Gemeinschaft dazugehört. Es ist eine Arche, die sich an die mexikanische Grenze bewegt. Vielleicht auf der Suche nach den Letzten einer anderen Art. Dabei wirft die Autorin Fragen auf, die den Lesenden im Lesen aus dem Lesen bringen. Wie klingt meine Familie? Welchen Soundtrack hat das Narrativ meiner Generation? Wie hört sich Streit, wie hört sich Liebe an. Wie klingt ein früher Morgen zuhause und wie hört er sich in der Fremde an? Welche Geräusche und Klänge verbinde ich mit meinem Leben und wie fühlen sich Störgeräusche an. Fragen, denen man im „Archiv der verlorenen Kinder“ nicht entkommt.

Getrieben vom Wunsch, nicht einfach nur flüchtende Kinderstimmen festzuhalten und sie zu archivieren, sondern auf der konkreten Suche nach zwei vermissten Kindern aus Guatemala entfernt sich die Mutter zusehends vom Projekt ihres Mannes. Als wäre sie nur noch ein fernes Echo, wird ihre Klangsuche einsamer und verzweifelter. Was im Leben auseinanderdriftet, klingt auch im Beruf nicht mehr zusammen. Und während sie sich immer weiter der mexikanischen Grenze annähern schreibt uns Valeria Luiselli die Geschichten der Kinder ins Herz, die aus der anderen Richtung kommen. Illegal, voller Sehnsucht und hilflos. Alleinreisende Flüchtlingskinder ohne Begleitung. Tausendfache Realität, nicht nur auf den üblichen Flüchtlingsrouten in Europa.

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Was halbdokumentarisch klingt, mit Vernehmungsprotokollen und mit realen Figuren und Gerichtsfällen zu verschmelzen scheint, löst sich auf, als in der Mitte des Romans der Junge zum Erzähler wird. Die Perspektive wechselt. Der stille Beobachter wird zur kindlichen Stimme und zum Suchenden der verlorenen Kinder. Hier zeigt die Autorin in beeindruckender Weise, wie tief sich Unterhaltungen der Eltern in Kindern festsetzen, die eigentlich unaufmerksam gewirkt haben. Hier zeigt sich, dass der Junge und seine Stiefschwester in der eigenen Patchwork-Familie verloren gegangen sind. Als beide an der mexikanischen Grenze verschwinden, um nach Flüchtlingskindern zu suchen, wird aus einem Roman, der schon bis dahin zu fesseln wusste, ein Pulverfass der Angst um zwei Kinder, die Gefahr laufen, im Flüchtlingsstrom aufgesaugt zu werden und letztlich auch dort unterzugehen. Jetzt wird aus den Klangprojekten die Sinfonie der betroffenen Archivare.

Ich habe mich in der Arche dieser Familie versteckt. Ich durchstöberte ihre Kisten, ich betrachtete die Polaroid-Fotos, die der Junge während der Fahrt aufnahm, ich war ganz nah bei ihnen, als sie verlorengingen. Ich hörte den Klang der Verzweiflung, sah die Ausweglosigkeit einer Suche im Niemandsland und litt still mit der Familie. Und am Abend sah ich in den Nachrichten einen amerikanischen Präsidenten vom Abschaum aus Mexiko reden, sah seine Twitter-Nachrichten und hörte seine Anklagen. Sie waren nichts Anderes als Todesurteile für all jene, die Zuflucht suchten. Internierungslager im modernsten Land des Westens. Abschiebung und ungeklärte Todesfälle. Eltern sorgen sich bis zum Wahnsinn. Und mittendrin die Erkenntnis, dass man schneller betroffen ist als man denkt. Der Twist in dieser Geschichte ähnelt dem Gedanken in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne. Auch hier wechselt ein Junge plötzlich auf eine andere Seite. Auch hier entsteht persönliche Betroffenheit aus dem Nichts. Sicherheit wird als Konstante gesehen, dabei ist sie die Variable unseres Lebens.

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Verlorene Kinder. Ich begegne ihnen so oft in meinem Lesen. Zuletzt war es „Judith“, die mir ihre Geschichte erzählte. Wie so viele zuvor. Ich erkenne vergleichbare Muster ihrer Geschichten. Viele sind zu lange her, um heute noch wahrgenommen zu werden. Das „Archiv der verlorenen Kinder“ entzieht sich einer fehlenden Aktualität. Hier wird das Echo der Vergangenheit aufgenommen und völlig neu interpretiert. Ein Klang, der noch für viele Generationen zu hören sein wird. Bis er verstummt, man ihn fast vergisst und nicht glauben kann, ihn jemals gehört zu haben. Ich wünschte mir, wir wären mutig genug, unsere Kisten zu packen und auf die Suche nach den Stimmen zu gehen.

Am Ende des Romans bleiben die Bilder. Nicht diejenigen, die wir uns lesend selbst gemacht haben. Es bleiben die Polaroids eines zehnjährigen Jungen. Unscharf, nicht immer richtig belichtet, manche schief. Und doch verleihen sie der Fiktion des Romans eine Tragweite, die den Lesenden umhaut. Als wäre alles wahr. Als hätte es so… Als wäre es nicht… Als könnte alles genauso… Ja, warum nicht. Diese Bilder erzählen die Geschichte, deren Soundtrack wir nicht vergessen werden. Was für ein Ende.

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Wer sich für weitere verlorene Kinder in der Literatur interessiert, wird in meinem Lese- und Rezensionsprojekt „Verlorene Mädchen“ fündig. Hört ihr das Echo?

Der Kinderflüsterer von Alex North [Hörbuch]

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

»Wenn die Tür halb offen steht, ein Flüstern zu dir rüberweht.
Spielst du draußen ganz allein, findest du bald nicht mehr heim.
Bleibt dein Fenster unverschlossen, hörst du ihn gleich daran klopfen.
Denn jedes Kind, das einsam ist, holt der Flüsterer gewiss.«

Klingt das nicht wundervoll beruhigend? Nein? Es klingt eher wie ein Albtraum, der eine ganze Kindheit unter Vorbehalt stellen kann? Ein Kinderreim in der guten Tradition von „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ oder noch schlimmer? Ihr habt Gänsehaut beim Lesen dieser Zeilen? Na dann versetzt Euch mal in die Lage eines siebenjährigen Jungen, der nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter mit seinem Vater umzieht, um den Neuanfang an einem neutralen Ort zu wagen. Und dann stellt Ihr Euch einfach vor, der Ort sei gar nicht so neutral, wie man es vermuten sollte. Er ist blutgetränkt, belastet und hat eine grausame Vorgeschichte, die alles in den Schatten stellt.

Denn genau hier im beschaulichen Featherbanks hat er vor fast zwanzig Jahren zugeschlagen. „Der Kinderflüsterer. Fünf Kinder hat er entführt und getötet. Kinder, von denen eines bis zum heutigen Tag nicht gefunden wurde. Dass jedoch keines von ihnen überlebt hat ist unstrittig. Der Serienmörder sitzt seitdem im Gefängnis und rühmt sich seiner Taten. Sein Flüstern hat die Kinder angelockt. Sein Flüstern sorgt noch jetzt für Angst und Schrecken, wenn man sich daran erinnert. Gut nur, dass er damals diese Morde gestanden hat und lebenslänglich aus dem Verkehr gezogen wurde. Kein Grund mehr zur Sorge also. Sollte man meinen.

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Der Kinderflüsterer von Alex North

Gäbe es da nicht eine aktuelle Entführung, die dem Muster der Vergangenheit zu gleichen scheint. Ein Junge verschwindet und erste Gerüchte machen die Runde, der „Kinderflüsterer“ könne einen Komplizen gehabt haben, der nun sein Werk weiterführt. Dieser Restart von Tom Kennedy und seinem Sohn in Featherbanks könnte zu keinem schlechteren Zeitpunkt erfolgen, weil auch der kleine Jake plötzlich dieses Flüstern vor seinem Fenster hört. Eine brillante Ausgangssituation für einen Thriller, der in Mark und Bein einzudringen versteht. Das Spiel mit kindlicher Angst, Fantasie und Einbildung ist so unglaublich spannend inszeniert, dass es dem Leser und Hörer mehrfach den Atem raubt. Gänsehaut wird zum Wegbegleiter durch einen nicht alltäglichen Psychothriller. 

Alex North vereint in seiner Story einige Stilelemente des Genres, die sie zum Ritt auf dem angespannten Nervenkostüm seiner Leser und Hörer machen. Ein Cold Case ohne Leiche; ein Polizist, der seit zwanzig Jahren keine Ruhe findet und mit den Fällen niemals abschließen konnte; ein „Kinderflüsterer“, der im Gefängnis residiert und sein Motiv wie eine Büchse der Pandora hütet und den Ruf als Legende genießt; ein Junge, der ins Beuteschema passt und ein Vater, der in den entscheidenden Situationen nicht konzentriert genug ist, um die Gefahren zu erkennen. Zu sehr ist er mit sich selbst und dem Tod seiner Frau beschäftigt. Zu sehr ist er von der neuen Situation abgelenkt, um die Verhaltensauffälligkeiten seines Sohnes wahrzunehmen oder gegen sie anzugehen.

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

Es kommt, wie es kommen muss. Und doch kommt es anders, als es der geneigte Leser und Hörer vorhersehen kann. Alex North hat seinen mehrdimensionalen Thriller so facettenreich konstruiert, dass wir ihm in einer Mischung aus Ahnungslosigkeit und Arglosigkeit recht hilflos gegenüberstehen. Das Wechselbad der Gefühle ufert aus und zieht uns in den Strudel hinein. Natürlich wird der „Cold Case“ von einst wieder warm. Natürlich muss sich der Detective, der ihn nicht lösen konnte, vor dem Hintergrund der aktuellen Entführung ins Gefängnis begeben, um mit dem Serienmörder zu reden. Und natürlich genießt dieser die neue Aufmerksamkeit. Ein Psychospiel nach dem Vorbild des guten alten Hannibal Lecter aus dem „Schweigen der Lämmer“ beginnt.

Alex North hat im Verlauf seines Thrillers eine Vielzahl von Überraschungen auf Lager, die immer mehr Benzin ins Feuer gießen. Er verbindet die handelnden Figuren miteinander, lässt viele Zeitebenen verschwimmen und befeuert eine Handlung, die ab einem bestimmten Zeitpunkt als kaum noch steigerungsfähig empfunden wird. Und es geht doch steil aufwärts in der Spannungskurve. Dabei gelingt Alex North in zweifacher Hinsicht besonderes. Er schreibt uns eine Geschichte in den Kopf, in der er uns zwingt, ihr in unserer kindlichen Erinnerung perfekt zu folgen und ganz nebenbei identifiziert er uns mit dem Vater des Jungen, der an seiner Rolle zu verzweifeln scheint. Ein Flüstern zieht sich magisch durch diese Geschichte und als auch noch der kleine Jake Kennedy verschwindet, entwickelt sich der Pageturner zum explodierenden Pulverfass.

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

Nichts für schwache Nerven. Keine Story für Menschen, die mit physischer und psychischer Gewalt gegen Kinder in einem Thriller Probleme haben. Ängste sind hier nicht nur Thema und Rahmen. Sie werden greifbar. Das Flüstern wird im Hörbuch zu einem Stilelement, das nicht nur Gänsehaut verursacht. Alex North bereichert diese Geschichte durch ein fast schon paranormales Wahrnehmungselement, das berührend und bewegend zugleich ist, dem es jedoch nicht an Plausibilität fehlt. Selbstgespräche erhalten hier eine ganz neue Dynamik. Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern zeugen im Zusammenhang mit den Ereignissen von einer ganz eigenen Welt, die sich uns oftmals gänzlich verschließt.

Stefan Kaminski brilliert in der Hörbuchfassung von Random House Audio. Der vielfach ausgezeichnete Schauspieler, Sprecher und Stimmkünstler beeinflusst durch seine Interpretation der Charaktere den Spannungsbogen des Romans auf besondere Weise. Sein Wechsel zwischen der kindlichen Verunsicherung von Jake Kennedy und dem arroganten Tonfall des Kinderflüsteres ist äußerst subtil und verstörend, weil man sich eine solche Geschichte so nicht selbst vorlesen kann. Wenn man Angst hör- und greifbar machen möchte, ist er die perfekte Besetzung. Wie die Schmetterlinge, die im Roman eine nicht unwichtige Rolle spielen, entpuppt sich auch der Sprecher hier von Kapitel zu Kapitel immer mehr, bis er seine volle Pracht zeigt.

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

Leser und Hörer der „Krähenmädchen-Trilogie“ von Erik Axel Sund kommen auch hier auf ihre Kosten. Die Perspektive des verängstigten Kindes erreicht das Niveau von „Raum“ aus der Feder von Emma Donoghue. Ich kann dieses Hörbuch nur wärmstens empfehlen, weil es der Dramatik des Buches die Ebene Stimme hinzufügt, ohne die ich das Flüstern schnell aus meiner Wahrnehmung verdrängt hätte. Grandios…

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Wenn ich über verlorene Mädchen schreibe, ist es mir meist schwer ums Herz. In meinem Lesen bin ich vielen realen und fiktiven Schicksalen begegnet, die mir speziell als Vater sehr nah gegangen sind. Ich habe diesen Lost Girls eine eigene Kategorie in der kleinen literarischen Sternwarte gewidmet und habe die Suche nach ihnen nie ganz aufgegeben. Zu viele Geschichten erzählen von ihnen. Zu viele Mädchen gehen in und zwischen den Zeitfalten der Weltgeschichte verloren. Insbesondere in den dunklen und menschenunwürdigen Epochen der jüngeren Vergangenheit verlieren sich ihre Spuren. Deportationen, Genozide und die Auslöschung ganzer Familienstammbäume zeichnen dafür verantwortlich, dass sie verloren bleiben. Namenlos zumeist, ohne Identität, ohne eigene Geschichte. Ich schrieb sehr viel darüber…

Das Mädchen mit dem Poesiealbum steht stellvertretend für die realen Schicksale, die zur Zeit der Judenverfolgung unter dem Nazi-Regime zu beklagen sind. Holocaust. Ein schrecklicher Begriff für das Unaussprechliche. Mir ist bewusst, dass der Fokus auf den „Verlorenen Mädchen“ niemals die anderen Opfer ausblenden darf. Und doch bin ich, gerade als Vater einer wundervollen Tochter, emotional besonders betroffen, wenn ich ihnen begegne. Sie verdeutlichen die Wucht der Auslöschung ganzer Generationen. Sie mahnen uns und stehen für alles, was wir heute nicht mehr erleben wollen. Hier ist die literarische Aufarbeitung der Vergangenheit von besonderer Wichtigkeit. Und wem die realen Schicksale zu nahegehen, der sollte in der anspruchsvollen Fiktionalisierung eine Chance sehen, sich anzunähern. Lesen gegen die Namenlosigkeit und das ewige Vergessen ist ein gehaltvolles und wichtiges Lesen.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Ich möchte Euch heute ein besonderes Mädchen vorstellen. Und, so unglaublich diese Geschichte auch klingen mag, sie ist doch in der Lage, uns einen emotionalen und nachhaltigen Zugang zu einem Opfer des Nationalsozialismus zu gewähren. Diese unschuldige Seele erlangt im Roman von Martin Horváth eine Dimension, die in einer fiktionalisierten Figur selten zu finden ist. Sie überschreitet Grenzen des Vorstellbaren. Genau hier liegt die Stärke dieses Romans. Hier liegt die Stärke eines Romans. Denn Literatur darf alles. Sie darf Ebenen verschwimmen lassen, Illusionen und Traumbilder zur Realität erheben und Wege aufzeigen, die unser Verstand verweigert. Literatur ist hier Wegbereiter eines neuen Denkens. Dieses Mädchen wird zum Synonym für diese gewagte und doch gelungene Form der Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, die auch heute noch nach uns greift. Gebt diesem Mädchen eine Chance.

Mein Name ist Judith“. Mit diesen Worten stellt sich uns ein 10-jähriges Mädchen vor, das aus der Zeit gefallen scheint. Wir begegnen Judith im Wien des Jahres 2023. Über der Stadt hängt nach terroristischen Anschlägen der Schatten des Ausnahmezustands. Panzer auf den Brücken. Polizei an allen Ecken und Enden. Angst geht um. Der Autor León Kortner verlor bei einem der Anschläge Frau und Tochter. Seine Welt ist aus den Fugen geraten. Nun versucht er, einen Roman über eine jüdische Familie zu schreiben, die in seinem Haus eine Buchhandlung betrieb, bis sie von den Nazis vertrieben wurde. Ein Verlorener schreibt über Verlorene. Über Menschen, die zwar ihr Leben retten und ins Ausland fliehen konnten, die aber doch ein Opfer brachten, das bis heute an ihnen nagt. Sie haben die jüngste Tochter zurückgelassen. Ihr Schicksal ist ungeklärt. Judith Klein, ihr Name.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Als plötzlich ein Mädchen in der Küche von León Kortner auftaucht, sich als Judith vorstellt und in jeder Hinsicht wie eine Scheingestalt aus dem letzten Jahrhundert wirkt, kommt der Schriftsteller völlig aus dem Tritt. Sie ist zehn Jahre alt. Sie trägt altmodisch wirkende Kleidung und besteht beharrlich darauf, dass der Buchladen im Erdgeschoss ihren Eltern gehört. Nur, da ist nichts mehr. Keine Spur von der alten Buchhandlung. In tiefster Verwirrung, ob er träumt oder ob alles real ist, beschäftigt sich León Kortner mit dem Mädchen. Judith nimmt einerseits die Rolle seiner toten Tochter ein, andererseits fühlt sich León in der Lage, ihr die Geschichte ihrer verlorenen Familie zu erzählen. Ein schmerzhafter Prozess, der von Ausflüchten über Lügen bis hin zur Wahrheit führt. Die Wahrheit, die auch den Verbleib von Judith Klein erklärt.

León Kortner nimmt die Rolle des unzuverlässigen Erzählers ein. Er bezweifelt, in seinen Wahrnehmungen richtig zu liegen. Er gesteht sich selbst zu, dass Judith nur ein Geist sein kann. Ich mag diese unzuverlässige Perspektive nicht, weil sie einem Autor jede Fluchtmöglichkeit aus einem Roman ermöglicht. Martin Horváth jedoch zelebriert diese Sichtweise so intensiv, dass Realität, Trugbilder und Träume zu einem plastisch wirkenden Bild verschmelzen. Letztlich ist es egal, ob es Judith in dieser Form gibt. Wir lernen sie kennen, wir lernen die Geschichte der Kleins kennen. Schnell schließen sich alle Kreise zu den Geschichten verlorener Kinder in Zeiten von Verfolgung, Flucht und Krieg. Sehr schnell wird deutlich, was Judith mit so vielen Mädchen gemeinsam hat, die man vor dem Zugriff der Nazis retten wollte.

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Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith von Martin Horváth ist ein äußerst ungewöhnlicher, jedoch nicht minder fesselnder Roman über Verlust, Einsamkeit und niemals verheilte Wunden aus der Vergangenheit. Wer am Verstand von León Kortner zweifelt, der sollte auch am kollektiven Verstand der Menschheit zweifeln. Aus der Geschichte zu lernen, gehört zu den absoluten Fremdwörtern unserer Gesellschaft. Auch im Wien des Jahres 2023 wird Fremdenhass zur Methode. Terror, Ideologien und Ausgrenzung bestimmen den Alltag. Daneben wirkt die Geschichte dieses Mädchens, das wie in einer Zeitschleife gefangen ist und verzweifelt nach seiner verlorenen Geschichte sucht, wie eine kleine Unwucht in der Unendlichkeit. Und doch dominiert Judith diesen Roman. Sie stellt ihre Fragen wohl für alle Kinder dieser Welt, die im Niemandsland gestrandet sind.

Martin Horváth streut Geschichten in seinen Roman ein, die sich wie ein Buch im Buch lesen. Es sind die Verarbeitungstexte von Judiths Bruder, der sich nur schreibend und ganz in sich zurückgezogen mit dem Verlust der kleinen Judith, seiner Schwester, beschäftigen konnte. Es sind diese Texte, die schwer im Magen liegen. Sie strahlen im Buch wie leuchtende Fackeln gegen das Vergessen. Wir werden von Seite zu Seite zu Zeugen eines Heilungsprozesses in der Psyche von León Kortner. Hier zeigt sich, dass man über Verlust reden und schreiben muss. Man darf nichts verschweigen, denn nur, wenn man etwas totschweigt, wird es vergessen werden. Ein sinnstarker Roman, dem eine Dynamik innewohnt, die nicht mehr lockerlässt. Ein Roman voller Bilder, die mich verstört, zerstört und wieder aufgerichtet haben.

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Mein Name ist Judith“ von Martin Horváth ist eine literarische Ausnahmeerscheinung auf ganzer Linie. Sprachlich präzise und doch verträumt und verwundert. In seiner vom Autor gewählten Perspektive absolut einzigartig und in der Botschaft signifikant. Wenn man an Judiths Existenz glaubt, dann sieht man tausende von Kindern vor sich, denen wir Antworten schulden. Kinder, die uns in einer Parallelwelt begleiten. Fast können wir sie sehen, in den Wohnungen, in denen sie einst lebten. In den Städten, aus denen sie vertrieben wurden. Verlorene Kinder. Verlorene Mädchen. Es würde mich beruhigen zu wissen, dass ihre Schicksale zählbar sind. Das ist nicht der Fall. Freundet Euch mit der kleinen Judith an und passt auf sie auf. Sie ist einzigartig!

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und versteckte Kinder im Holocaust.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde
Das Mädchen mit dem Poesiealbum
Kinder mit Stern

Mein Name ist Judith von Martin Horváth - Astrolibrium

Mein Name ist Judith von Martin Horváth

Bald werde ich mich auf einem anderen Kontinent mit verlorenen Kindern unserer Zeit auseinandersetzen. Ihre Zahl scheint wieder zu wachsen. Ob wir je ihre Fragen beantworten können? In welcher Sprache auch immer. Bald sind es mexikanische und andere südamerikanische Kinder, die auf der Suche nach ihren Eltern an einer Grenze stranden, an der man heute gerne eine Mauer errichten würde. Trump lässt grüßen.

Das „Archiv der velorenen Kinder“ – hier geht´s zur Rezension…

Das Archiv der verlorenen Kinder - Bald auf AstroLibrium

Das Archiv der verlorenen Kinder – Bald auf AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett im neuen Gewand

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

Frances Hodgsen Burnett (1849 – 1924). Ein Name, der heute fast von der Bildfläche verschwunden ist. Eine in Vergessenheit geratene Schriftstellerin, obwohl ihr Werk die Zeit überdauert hat. Aber wer denkt schon an sie, wenn man sich zum gefühlt 1000sten Mal „Der kleine Lord“ anschaut? Wer denkt an die britische Autorin, deren Leben von vielen Schicksalsschlägen geprägt war, die als Tochter eines Goldschmieds aufwuchs, nach Tennessee auswanderte, heiratete, einen ihrer beiden Söhne im zarten Alter von gerade einmal 16 Jahren verlor, sich scheiden ließ, erneut heiratete, um diesen zweiten Ehemann nur zwei Jahre nach der Hochzeit zu Grabe zu tragen. Wer denkt noch an die Schriftstellerin, wenn der Jugendbuchklassiker „Der geheime Garten“ erwähnt wird?

Ich hatte das letzte Lesejahr zu meinem ganz eigenen Gartenjahr“ erklärt und im Gewächshaus der kleinen literarischen Sternwarte jene zarte Pflanze dieses geheimen Gartens gehegt und gepflegt. Das Hörspiel aus dem Hause Der Audio Verlag hat mich verzaubert. Sowohl die szenische Inszenierung, als auch die Straffung der Geschichte und die Besetzung der einzelnen Rollen waren dafür verantwortlich, dass ich mich nicht im Garten verirrte und die Grundzüge des Klassikers verinnerlichen konnte. In nur einer guten Stunde kann man natürlich nicht das komplexe Original zu Gehör bringen. Mir ist klar, dass es hier (wie bei einer Verfilmung) um den Kern der Handlung geht, um deren wesentliche Aussage, aber ich wusste, dass da noch mehr auf mich wartete.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

MinaLima sei Dank, dass Jugendbuchklassiker in neuem Gewand den Buchmarkt erobern. Die Mischung aus Grafik-Design, Buchlayout und ursprünglichem Text macht die Buchkunstwerke aus London zu absoluten Perlen ihrer Zunft. Mit „Peter Pan“, „Die kleine Meerjungfrau“ und „Die Schöne und das Biest“ hat man bereits gezeigt, dass es möglich ist, klassischen Geschichten ein neues Leben einzuhauchen. Als dann noch „Das Dschungelbuch“ die vollständigen „Dschungelbücher“ von Rudyard Kipling in Szene setzte, war eigentlich der Höhepunkt erreicht. Sollten man meinen. Interaktiv und innovativ kommen diese Bücher daher. PopUp-Bücher waren gestern. MinaLima setzte schon mit den ersten Veröffentlichungen neue Standards, die vom Coppenrath Verlag im Maßstab 1:1 für den deutschen Sprachraum adaptiert wurden.

Die Übersetzungen der Klassiker sind hervorragend umgesetzt, das Buchdesign mit seinen Illustrationen und Inlays muss man mit Fug und Recht als perfekte Klone der Originalausgaben bezeichnen und die Resonanz des Publikums ist riesig. Man wird schnell süchtig nach mehr. Die Sammlung will erweitert werden und sehnsüchtig blickt man nach London, ob sich nicht weitere Titel am Horizont abzeichnen. Zum Glück geht es weiter! „Der geheime Garten“ ist nun schon das fünfte Werk, das auf diese Art und Weise für Aufsehen sorgt. Die MinaLima-Bibliothek wächst beharrlich, wobei sie nicht auf Büchersammler abzielt. Die Prachtbände sind absolut alltagstauglich, verführen uns zum gemeinsamen Lesen und sind gerade in Händen von Kindern gut aufgehoben. Der Mitmach-Faktor macht den großen Reiz dieser Bücher aus.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett – AstroLibrium

So auch im geheimen Garten. Hier entfaltet die facettenreiche Geschichte ihren vollen Glanz. Hier werden die Charaktere nicht nur angerissen, sondern in ihrer ganzen Tiefe beschrieben. Wer das Hörspiel noch im Ohr hat, wird sich über die neuen Ebenen der Geschichte wundern. Der Garten selbst nimmt einen unfassbaren Raum ein, den es zu entdecken gilt. Nicht nur im geschriebenen Wort. Hier finden wir den Lageplan und den Schlüssel zum geheimen Garten, wir entdecken Drehscheiben, die Geheimnisse über Wind- und Himmelsrichtungen verraten und sogar die indische Vergangenheit von Mary Lennox wird atmosphärisch in Szene gesetzt.

Die junge Mary Lennox, die verwaist in ihre englische Heimat zurückkehrt, bei ihrem verbitterten Onkel Zuflucht findet, und dort auf ein Haus voller Geheimnisse stößt, steht im Mittelpunkt dieser Geschichte. Sie verwandelt sich aus der verwöhnten kleinen Göre in ein neugieriges und fürsorglich denkendes junges Mädchen, als sie in ihrem Cousin Colin einen verletzlichen Jungen erkennt, dem es zu helfen gilt. „Der geheime Garten“ wird für beide zum wichtigen Zufluchtsort und dem Sanatorium für die Seele. Und nicht nur der Cousin hat es Mary angetan. Auch ihr neuer Freund Dickon scheint für sie aus einer anderen Welt zu kommen. Alles ist neu für Mary. Niemand hört auf ihre Wünsche. Sie kann nicht mehr herumkommandieren. Ihr verzogenes Wesen glättet sich.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

Als sie dann auch noch das Tor zum geheimen Garten entdeckt, verändert sich ihr ganzes Leben. Vom verwitweten Onkel verschlossen, weil der Garten ihn an seine tote Frau erinnert, verbirgt dieser Garten mehr als nur die Faszination des Verbotenen. Hier entfaltet die Natur ihre Magie. Der geheimnisvolle Dickon, der einen besonderen Draht zu haben scheint, wird zum Gefährten des jungen Mädchens. Sie setzen sich über alle Verbote hinweg und bringen den kränkelnden Sohn des Onkels in dieses Biotop. Was sich dann ereignet und wie sich der geheime Garten auf die Kinder auswirkt ist einfach nur mit einem Wunder zu vergleichen. Hier wird die Buchgestaltung dem Anspruch der Lektüre gerecht. Wo wir uns wundern und wo das Staunen beginnt, dürfen wir mit den jüngsten Lesern gemeinsam geheime Briefe entdecken, den Garten erkunden und den Blumen beim Wachsen zuschauen.

Der Umgang mit Verlust und Trauer, sowie die Ängste eines übervorsichtigen Vaters lasten auf den Kinderseelen, bis sie den Garten für sich entdecken. Eine Geschichte, in deren Verlauf bedeutende Entwicklungen bei allen Beteiligten zu erleben sind. Frances Hodgsen Burnett hätte sicher gerne in dieser MinaLima-Ausgabe geblättert, gelesen und sich sehr darüber gefreut, dass ihre Original-Geschichte so authentisch umgesetzt wurde. Es ist eine liebevolle Hommage an eine große Schriftstellerin, deren Werk noch heute allgegenwärtig, deren Name jedoch fast vergessen scheint. Dabei waren es auch für sie die Gärten mit ihrer kontemplativen Atmosphäre, in denen sie in ihrem späteren Leben Zuflucht suchte. Vielleicht war sie da selbst die kleine Mary. Auf der Suche nach einem Leben voller Sinn und Zuversicht.

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett

Prachtvoll. Wundervoll. Ein Bücherschatz in der Reihe der Bücherschätze. Es ist nicht die letzte Blüte im geheimen Garten, die wir hegen und pflegen dürfen. Ich warte auf weitere Informationen zur Verfilmung, die wohl erst 2020 in die Kinos kommt. Dann ist mein Garten-Kabinett vollständig. Sehen, hören, lesen, fühlen, drehen, entfalten und entdecken. Allen Dimensionen habe ich dann Raum gegeben. Und das, obwohl ich nie einen grünen Daumen besaß. Vielleicht ändert sich das. Ich pflanze diesen Gedanken mal ein und wässere ihn. Mal schauen, ob er wächst.

Der geheime Garten wird uns wohl noch länger beschäftigen. Ebenso, wie uns die Buchreihe von MinaLima weiter auf Trab halten wird. Meine Sammlung wird größer, in England pfeifen es schon die Spatzen von den Dächern, dass „Alice im Wunderland“ schon Anfang des Jahres auch bei uns erscheinen wird. Und wer sonst, als der Verlag, der immer wieder bewiesen hat, dass man diese klassischen Buchkunstwerke perfekt übersetzen und adaptieren kann, ist in der Lage auch dieses Buch in unsere Regale zu zaubern? Ich war gespannt, was ich auf der Frankfurter Buchmesse beim Presstermin mit dem Coppenrath Verlag erfahren würde… Im Januar 2020 erscheint Alice bei uns!

Der geheime Garten von F.H. Burnett - AstroLibrium

Der geheime Garten von F.H. Burnett und Alice im Wundelralnd

Der geheime Garten“ von Frances Hodgsen Burnett / Coppenrath Verlag / MinaLima / dt. von Michael Stehle / Einband mit Leinenstruktur und Folienprägung / Illustriert / Mit neun interaktiven Inlays / Gebunden / 384 Seiten / 32 Euro

2020 – Der Ausblick auf ein besonderes Jahr

2020 in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium

2020 in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium

Herzlich willkommen im neuen Jahr. Ein besonderes Jahr für mich. Mehr als das. In den vergangenen Jahren spielte die Literatur eine sehr wichtige Rolle für mich. Sie war Fluchtpunkt, einsame Insel, Fixstern und Kreativzentrum zugleich. Sie war mein Hobby. Und wie ein Hobby eben so ist, sollte es mich vom Alltag ablenken. Mir einen Ausgleich in allzu hektischen Berufsphasen bieten, und mich darüber hinaus durch den Blick über jeden Tellerrand für Themen sensibilisieren, die ansonsten vielleicht in den Hintergrund rücken würden. Ein Hobby. Was jedoch geschieht mit einem solchen Freizeitausgleich, wenn die eigentliche Daseinsberechtigung wegfällt? Der Beruf zum Beispiel, von dem man sich ja gerne ablenken möchte? Welche Rolle spielt ein Hobby, wenn das Leben selbst zur Freizeitbeschäftigung wird? Eine relevante Frage in diesen Tagen.

Ich genieße das Privileg, schon in wenigen Monaten meinen Beruf als Pensionär nur noch im Rückblick betrachten zu können. Und ich beabsichtige, in Vollpension zu gehen und mir kein neues Standbein aufzubauen, das mich mit Verpflichtungen und eben mit einem neuen Arbeitsalltag einschränkt, den ich gerade abgelegt habe. Bücher sind Leidenschaft und das werden sie immer für mich bleiben. Die Literatur jedoch wird nicht zum Beruf. Sie bleibt Berufung. Was dies für meine kleine literarische Sternwarte bedeutet, kann ich heute noch nicht absehen. Ich muss abends nicht mehr fliehen, um nach dem Job frischen Wind in den Segeln zu fühlen. Ich hadere nicht mehr mit einem Mangel an Zeit oder Gelegenheit, mich noch tiefer in ein Buch fallenzulassen. Nein. Ich mache mein Leben zum Hobby. Und das heißt, meine Familie wird sich nicht mehr im Spannungsfeld zwischen Beruf und ausuferndem Hobby sehen. Meine Familie wird mir nicht mehr einen Ausgleich zugestehen müssen, den ich in den letzten Jahren für mich als lebenswichtig betrachtet habe.

2020 in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium

2020 in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium

So wird das Jahr 2020 für mich zu einer unglaublich spannenden Erfahrung. Ich freue mich schon jetzt riesig darauf. Ich sehe es als neue Lebensphase, in der ich mich selbst wiederfinden möchte. Und ich bin sehr dankbar für meine literarische Insel, weil sie so wundervoll gestaltet ist, dass ich mir ein befreites Leben auf diesem Eiland sehr gut vorstellen kann. Es ist das erste Jahr, in dem ich keine Ziele formuliere. Es ist das erste Jahr nach 38 Berufsjahren, in dem ich mich treiben lassen möchte. Ich werde an mir arbeiten, mich finden und einfach genießen. Das muss erlaubt sein. Ich möchte mir das ganz bewusst gönnen. Ich freue mich darauf, mit meiner Frau einen Menschen an meiner Seite zu haben, mit dem der Traum vom gemeinsam Altwerden greifbar ist. Ich freue mich auf die gemeinsame Zeit, vielleicht eingerahmt von Büchern und Wolle. Wer weiß. Mit Sicherheit ist es jedoch das WIR, zu dem wir uns entschlossen haben, das im Jahr 2020 noch mehr im Mittelpunkt steht. Ein wundervoller Gedanke. Ein gutes Gefühl an jener Ziellinie angekommen zu sein, ohne sich unterwegs verloren zu haben. Glück!

Ich freue mich auf Lesenächte, denen nicht das Erwachen um 5:45 Uhr droht. Ich freue mich auf Lesungen und literarische Veranstaltungen, die tagsüber stattfinden und die für mich bisher nur in Verbindung mit Urlaub zu realisieren waren. Ich freue mich, in diesem Jahr meine erste Buchmesse erleben zu können, die ich urlaubstechnisch nicht vom Mund absparen muss. Diese Freiheit werde ich in vollen Zügen genießen und bin mir darüber im Klaren, dass es ein absolutes Privileg ist, dies schon bald und bei guter Gesundheit tun zu können. Pension. Ein schöner Begriff, mit dem ich mich schon sehr angefreundet habe. Es ist ein Paradigmenwechsel, der vor mir liegt. Ein Wandel, dem ich nur gute Seiten abgewinnen kann. Eine neue Zeitrechnung ohne Zeitgefühl mit der Literatur, ohne die ich sicher nicht leben möchte (und es auch gar nicht kann).

2020 in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium

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Nun kennt Ihr meinen neuen Rahmen, in dem ich mich bald bewegen werde. Mich haben schon jetzt Bücher aus den 2020-Programmen meiner Verlage erreicht, die nach meiner Pensionierung erscheinen werden. Ich liebe sie jetzt schon, haben wir doch viel gemeinsam. Neuerscheinungen. Bisher noch nicht dagewesen. Unerfahren. Neuland in jeder Beziehung. Mich auf sie einzulassen wird ebenso spannend, wie reizvoll. Ich mag Euch auf diesem Weg gerne an meiner Seite haben. Ihr werdet neue Facetten erleben und mich vielleicht auch von anderen Seiten kennenlernen. Ich habe lang gewartet, bis ich mir den Traum einer Intensivierung meiner fotografischen Leidenschaft gönnen und leisten kann. Es ist soweit. Bilder werden eine eigene Sprache sprechen und die bisher gewählte Ausdrucksform bereichern. Ich denke, Ihr spürt, wie sehr ich mich auf meinen neuen Weg freue.

Nun noch ein kleiner Ausblick auf die Bücher und Hörbücher, auf die ich mich im neuen Jahr ganz besonders freue. Buchreihen werden fortgesetzt, neue unbekannte Fixsterne am Bücherhimmel werden zu neuen Positionslichtern und Bücher gegen das Vergessen erweitern meinen Horizont. Das gute Lesen geht weiter und das Hören folgt auf dem Fuß. Ein Traumjahr konturiert sich immer mehr. Wie ich schon schrieb, sind in der kleinen literarischen Sternwarte bereits einige Vorboten des Lesejahres angelangt. Die Reise an der Seite von Delphine de Vigan wird weitergehen. „Dankbarkeiten“ ist für den März angekündigt und hat seine Weggefährten jedoch bereits gefunden. Wenn Vigan ruft, kommen alle Delphine. Weitere literarische Reisen führen mich geografisch zu besonderen Orten. An den Marianengraben zum Beispiel führt mich ein Roadtrip aus der Feder von Jasmin Schreiber. Trauer, Verlust und eine besondere Partnerschaft stehen hier im Mittelpunkt.

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Auch der Mount Everest wird mich wiedersehen. Das Museum der Welt“ heißt der neue Roman von Christopher Kloeble. Ein erst 12-jähriger Waisenjunge aus Bombay wird wegen seines Sprachtalents zum Übersetzer und Wegbegleiter jener Forscher und Abenteurer, die 1854 Indien und den Himalaya für sich entdecken. Ein besonderes und nachhaltiges Thema auf AstroLibrium. Von Schlagintweit bis Lisk Feng. Expeditionen pflastern meinen Leseweg. Gerade in diese Region. Und es wird 2020 nicht das einzige wahre Abenteuer bleiben. Auch der Kilimandscharo steht auf der Liste. „Das kann uns keiner nehmen“ von Matthias Politycki hat sein Basislager bereits aufgeschlagen und wartet darauf, gelesen zu werden, bevor das Buch im März erscheint. Auch in die Arktis wird es mich verschlagen. „Das Eis brechen“ von Julien Blanc-Gras stößt im März an die Oberfläche. Ich werde an seiner Seite nicht nur Grönland entdecken. Die Atka wird mein Zuhause, wenn wir in See stechen. Ich habe bereits gepackt.

Gegen das Vergessen bleibt der wahre Schwerpunkt meines Lesens. Der Junge, der seinem Vater nach Auschwitz folgte“ (Dronfield) erschien bereits am 30.12. des gerade vergangenen Jahres, bricht sich jedoch lesend erst jetzt eine Bahn. Eine wahre Geschichte, der ich aufmerksam folgen werde. Roxane van Iperen wird mir im April im „Versteck unter Feinden“ eine Villa in Holland zeigen. Als ’t Hooge Nest wird sie wohl anschließend Kreise zu den Geschichten über jüdische Schicksale in den Niederlanden schließen, die mich 2019 intensiv beschäftigt haben. Doppelte Böden in dieser Villa und Hohlräume haben erst in unserer Zeit das Geheimnis zweier Schwestern preisgegeben, die im Zweiten Weltkrieg genau dort jüdische Flüchtlinge versteckt hatten. Und dies im direkten Umfeld der Villen von hochrangigen Nazis. Ich bin schon jetzt gespannt auf die Fortsetzung des Lesens in meinem persönlichen Niederlande-Zyklus zum Dritten Reich.

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Ein paar Schlagworte noch, die meinen Leserherzschlag 2020 beschleunigen. Ihr wisst, welch komplexe Lesereisen bisher mit diesen Namen und Titeln verbunden sind und worauf ich mich schon jetzt ungeduldig freue:

Alex Beer setzt ihre Krimireise in Wien fort. „Das schwarze Band“ – Mai 2020.
Tad Williams setzt die Osten-Ard-Saga mit „Das Reich der Grasländer“ fort.
James Baldwin – „Giovannis Zimmer“ setzt die Reihe der Wiederentdeckungen fort.
MinaLima – „Alice im Wunderland“ führt Coppenrath-Jugendbuch-Klassiker weiter
Ta Nehisi-Coates macht mich zum „Wassertänzer“ und schließt einen weiteren Kreis.
System Polizei“ – Der Amoklauf von Winnenden und ein traumatisierter Polizist.
Dirk Kurbjuweit – „Haarmann“ – die Wiederentdeckung eines Serienmörders.
Peter Zantingh – „Nach Mattias“ – als Buchbotschafter unterwegs und natürlich
Frank Goldammer setzt die Max-Heller Reihe fort. „Juni 53“ ist der fünfte Vorbote.

Ihr seht, der Lese- und Hörstoff geht mir nicht aus. Dies sind nur einige der Werke, die ich mir für 2020 bereits auf die Fahne geschrieben habe. Die gesamte Liste der zu lesenden und zu hörenden Neuerscheinungen umfasst schon jetzt mehr als 60 Bücher und Audiofassungen. Leben, was willst du mehr. Bleibt auf meinen Spuren. Folgt mir in ein spannendes, tiefgreifendes und unterhaltsames Jahr 2020. Wir werden uns sicher sehr oft in und zwischen den Zeilen treffen…

Erlesnisreisen bei AstroLibrium – Der große Trip beginnt. Jetzt…

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