Der von den Löwen träumte von Hanns-Josef Ortheil

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil – AstroLibrium

Er ist sicher einer der leisesten Autoren unseres Landes. Ein Mensch, der es nicht unbedingt liebt, im Mittelpunkt des medialen Interesses zu stehen. Ein Schriftsteller, der sich scheut, Bäder in den Menschenmassen zu nehmen und einer, der sich nicht gerne durch die Bücherwelt herumreichen lässt. Gerade das zeichnet ihn aus, weil er nur sein Schreiben in den Vordergrund stellt. Und genau das entspricht ihm. Es ist feinfühlig und empathisch. Es ist ein Schreiben der leisen Töne, die er jedoch so komponiert, dass es in Kompositionen mündet, die in ihrer Bildhaftigkeit unverwechselbar sind. Die Rede ist von Hanns-Josef Ortheil. Er zieht sich oft an Schauplätze seiner Romane zurück, lebt in der Atmosphäre der zu erzählenden Geschichte und lässt sich intuitiv vom Schreiben überraschen. Das Ergebnis ist für ihn selbst und seine Leser ein kleines Wunder.

So auch diesmal. „Der von den Löwen träumteist das wohl ungewöhnlichste Buch aus seiner Feder, weil der feinfühlige und bescheidene Schriftsteller sich hier mit einem Kollegen auseinandersetzt, der genau dem Gegenteil dessen entspricht, wie Ortheil im literarischen Kosmos wahrgenommen wird. Es geht um einen wahren Egozentriker, der literarisch absolut unübersehbar ist. Einen Schriftsteller, der sich beharrlich selbst in die gefährlichsten Krisenherde versetzte, um an diesen Extremsituationen zu wachsen. Ein Mann, der den Krieg suchte, sich in Stierkampfarenen stürzte und seine Ehefrauen mit zahlreichen Affären um den Verstand brachte, um in neue literarische Höhen vorstoßen zu können. Ernest Hemingway.

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil schreibt über Ernest Hemingway. Leisetreter trifft Lautsprecher könnte man schablonenhaft sagen. Für Ortheil jedoch lag wohl gerade hier der Reiz, in diesem Aufeinanderprallen so unterschiedlicher Charaktere eine Gemeinsamkeit in den Vordergrund zu stellen. Das Schreiben. Die Literatur. Die Gabe, Menschen mit Worten begeistern zu können. Dabei lohnt der Blick hinter die Kulissen, wenn der Vorhang zur Bühne noch geschlossen ist. Ein kleiner Blick, der doch aufschlussreich sein kann. So zog sich Hanns-Josef Ortheil auf eine Insel zurück. Torcello in der Laguna Morta, der nördliche Teil der Lagune von Venedig wurde zum Refugium seines Schreibens. Dort hatte Hemingway 1948 / 1949 in einer kleinen Pension zwei Zimmer gemietet, um sich und sein Schreiben wiederzufinden.

Was für ein perfektes Ambiente für einen Roman über jenen Mann, „Der von den Löwen träumte“. Die Zimmer sehen noch heute so aus, als würde Hemingway gleich zurückkehren. Sie verströmen einen Hauch seiner Präsenz. Genau hier schrieb Hanns-Josel Ortheil sein Buch über den Venedig-Aufenthalt Ernest Hemingways. Eine Phase, in der er sein Schreiben verloren hatte. Schreibblockade. Unsicherheit, worüber noch zu schreiben sein könnte, und wie es ihm wieder gelingen könnte. Nach zwei Kriegen, die er an vorderster Front erlebte, schien es nun an Extremsituationen zu mangeln. Er war in Begleitung seiner vierten Ehefrau Mary Welsh Hemingway und auch hier hatte der gute Ernest wohl sein Pulver verschossen, durch weitere Eskapaden für Eifersucht zu sorgen. Stillstand.

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil

Hier. Genau hier lässt sich Hanns-Josef Ortheil fallen. In der Abgeschiedenheit der kleinen Insel, im authentischen Ambiente des ehemaligen Biotops seines Protagonisten und mit freiem Blick auf die Lagune. Hier entsteht ein Buch, das Hemingway von vielen Seiten zeigt, die sich mir so noch nicht erschlossen haben. Wie eine Urgewalt bricht er mit kleiner Entourage über Venedig her. Äußerlich ungebrochen, weltmännisch und der ganz große prominente Autor. Innerlich verzweifelt auf der Suche nach Inspiration und dem Funken, der alles wieder in Gang setzen würde. Seine Ankunft spricht sich rum. In aller Munde ist die Kunde vom Weltstar in der Lagunenstadt. Schnell umgibt er sich mit Menschen, die ihm behilflich sein sollen. Ein kleiner lokaler Journalist und dessen Sohn Paolo öffnen ihm die Tore zu den kleinen und großen Geschichten von Venedig.

Ortheil beschreibt die widersprüchlichen Facetten eines Charakters, der einerseits nach Aufmerksamkeit heischt und andererseits auf der Suche nach Anonymität ist. Ein Widerstreit, der niemals spurlos an Hemingway vorüberging. Ortheil gelingt mit seinem Roman nicht nur, das gesamte Werk Hemingways im Kontext mit Venedig einzuordnen. Er schließt Lücken in der Darstellung eines Schriftstellers, der in seiner Außenwirkung extrem polarisierte. Venedig ist das Niemandsland zwischen den Schaffensphasen des Genies. Ein Territorium nach erstem Weltruhm, nach drei gescheiterten Ehen und noch deutlich vor der Verleihung des Literaturnobelpreises. Hier erleben wir Hemingway pur und greifbarer, als in so mancher Biografie.

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil erweist sich als großer Verführer. Diese Hommage an Ernest Hemingway verleitet dazu, in den Kanon seiner Bücher einzutauchen. Und Ortheil gibt den Weg vor, den man beschreiten kann, um sich die Meta-Ebene seines Romans zu erschließen. Warum kam Hemingway nach Venedig? Man lese einfach seinen Roman über den Ersten Weltkrieg „In einem anderen Land“. Welches Buch entstand während seines Aufenthaltes am Ende der 1940er Jahre? Man lese den Venedig-Roman „Über den Fluss und in die Wälder“. Was ihn zum wahren Meisterwerk „Der alte Mann und das Meer“ inspirierte, erfährt man jedoch besser als in jeder Biografie von Hanns-Josef Ortheil im Roman „Der von den Löwen träumte“.

Ein Roman, der eine Zeit beschreibt, in der die Lebensgeister Hemingways neuen Aufschwung erhielten. Gespräche mit einem jungen Fischer, die eine Idee reifen und Gestalt annehmen ließen, die Hemingway zur Legende machte. Eine platonische oder eben gar nicht platonische Affäre mit der blutjungen Venezianerin Adriana Ivancic, mit der er literarisch „Über den Fluss und in die Wälder“ zog. Sie ist seine „Renata“. Eine Affäre, die seine Ehe belastete und die Weltpresse in Atem hielt. Und dann sind es die leisen Momente auf der Suche nach dem eigenen Schreiben, die Hemingway inmitten der größten Schreibblockade seines Lebens so nahbar machen. Ortheil gelingt eine im großen Ganzen und im Detail extrem atmosphärische Charakterstudie, die zugleich die Liebeserklärung Hemingways an die Lagunenstadt widerspiegelt.

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil

Ich habe mir oft vorgestellt, wie es wohl wäre, beide Schriftsteller an einem Tisch in Harry`s Bar erleben zu können. Ich denke, sie hätten sich viel zu erzählen. Wobei doch die Gefahr bestünde, dass Hemingway in einem seiner endlosen Monologe über sich und die Welt dozieren würde, während Hanns-Josef Ortheil still und leise genießen und beobachten würde. Und wahrscheinlich würde Hemingway den guten Ortheil unter den Tisch trinken. Aber das ist nur eine Vermutung. Lesenswert. Nicht nur für Fans von Ernest Hemingway, sondern eben auch für diejenigen, die der feinen Feder Ortheils treu ergeben sind.

Mehr zu Ernest Hemingway findet man hier. Die kleine literarische Sternwarte ist ein Ort, an dem sich sein Schreiben vielfältig verankert hat.

Der von den Löwen träumte - Hanns-Josef Ortheil - AstroLibrium

Der von den Löwen träumte – Hanns-Josef Ortheil

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins - AstroLibrium

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins

Was? Das liest Du? Du? Das waren die ersten Reaktionen, als das Cover des Romans Sag ihr, ich war bei den Sternen auf der Timeline meiner Facebook-Seite auftauchte. Gebanntem Staunen folgten neugierige Nachfragen, wie ich denn auf dieses Buch von Dani Atkins gestoßen sei, und was mich dazu bewogen hätte, ein Buch zu lesen, das augenscheinlich eher für die weibliche Leserschaft geschrieben sei. Noch dazu, weil in den Tiefen des Internets wohl ausschließlich Rezensionen zu finden sind, die feminine Züge tragen. Tja, ich bin vielleicht immer für Überraschungen gut, hier jedoch waren es einige feste Faktoren, die mich zu den Sternen reisen ließen.

Erstens habe ich meinen Blog, so wie es der Name schon sagt, als kleine literarische Sternwarte, der Suche nach literarischen Fixsternen am Bücherhimmel gewidmet. Man findet also eine Vielzahl von Büchern, die aus den Schubladen der üblichen Kategorien gesprungen sind und mein Lesen geprägt haben. Allein schon meine Literaturreise zu den „Verlorenen Mädchen“ zeigt, dass ich mich sehr frei fühle, auch klischeebelastete Romane in den Kanon meines Lesens aufzunehmen. Zweitens ist es das Thema, dem ich aufgrund persönlicher Erfahrungen sehr offen gegenüberstehe. Das Koma. Ich bin ein gebranntes Kind, weil ich lange auf mein schlafendes Kind warten musste und dann realisierte, was sich für dieses Mädchen verändert hatte, während der Schneewittchen-Schlaf den Mantel des Schweigens über ein Leben gedeckt hatte.

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins - Astrolibrium

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins

Und so hatte ich einen Roman in meiner Hand, der gleich zwei Ebenen berührte. Eine junge Frau, glücklich verlobt, schwanger und kurz vor der Hochzeit stehend, wird durch eine Unachtsamkeit aus dem Leben gerissen. Ein Unfall. Tiefe Bewusstlosigkeit. Das Koma. Während sie endlos zu schlafen scheint und keine Regung zeigen kann, ist das Leben der Menschen aus ihrem Umfeld nicht zu stoppen. Ohne Maddie. Die Lage: Hoffnungs- und perspektivlos. Aus dem Koma wird ein Dauerkoma. Hier interessierten mich die Sichtweisen und Gefühle des Verlobten, der an Maddies Seite blieb. Ryan ist Tag und Nacht in der Klinik. Erst langsam wird auch er vom wahren Leben aufgesaugt und muss sich Beruf und Zukunft stellen. Seine Gefühlslage, die in Rückblenden immer präziser nachempfindbar wird, empfand ich als brillant erzählt. 

Um ihn jedoch geht es in der Story nur am Rande. Es ist ein Verlorenes Mädchen, das mich immer tiefer in diese Geschichte zog. Es ist ein Urkonflikt, den Dani Atkins in ihrem Roman konstruiert, ohne dass er an irgendeiner Stelle konstruiert und aufgesetzt wirkt. Ihr gelingt ein emotionaler Spannungsbogen, der aus zwei Perspektiven die Sicht auf das Leben eines Mädchens ermöglicht, dass zu Welt kam, während seine Mutter im Koma lag. Hope. Hier geht der Roman auf seine Gefühls-Achterbahnfahrt. Ein Vater im Niemandsland zwischen dem Warten auf das Aufwachen seiner Lebensliebe und einer Herausforderung, der er sich alleine stellen muss. Alleinerziehend wider Willen. Nächte an der Seite einer Schlafenden im Krankenhaus und Tage im Alltag eines Erziehenden. Eine Gratwanderung, die mich fesselte.

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins - AstroLibrium

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins

Damit nicht genug. Dani Atkins hat diese Ausgangssituation nicht ersonnen, um eine tragische Vater-Tochter-Geschichte zu schreiben. Sie dreht am Schicksalsrad, bis uns die Zentrifugalkraft an den Rand ihres Erzählraums drückt. Sechs Jahre nach dem Unfall erwacht Maddie plötzlich aus dem Koma. Es kommt ihr vor, als wären es nur ein paar Tage gewesen, in denen sie abwesend war. Doch langsam erkennt sie die wahren Ausmaße des Ganzen. Ihr Verlobter: inzwischen verheiratet. Ihr totgeglaubtes Kind nun schon sechs Jahre alt und im Glauben, ihre leibliche Mutter sei verstorben. Und Chloe, die Maddies Plätze eingenommen hat, lebt als Ehefrau und Mutter fröhlich in den Tag hinein.

Sprengstoff genug, um einen Roman auf den Weg zu bringen, der alle Facetten für ein großes Drama besitzt. Wie kann man mit dem Mädchen umgehen? Wie sich damit abfinden, dass eine Liebe nicht mehr gelebt werden kann? Wie begegnen sich Maddie und Chloe auf diesem Schlachtfeld? Dani Atkins erzählt ihre Story aus der Perspektive dieser beiden Frauen. Sie erzählt nicht rührselig, schwülstig oder verkitscht. Sie bringt auf den Punkt, was im freien Raum schwebt. Sie lässt Ryan als Randerscheinung der Geschichte nicht so verblassen, dass er als Nebenfigur wirkt. Und sie vermeidet es, im Verlauf der Geschichte Fragen offen zu lassen. Es ist dicht, plausibel, emotional und in keiner Weise kitschig. Wer sich auf die Ausgangslage einlässt, findet eine Geschichte, die zu fesseln weiß.

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins - AstroLibrium

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins

Und doch schlägt der Mann in mir ganz plötzlich zu. Ich denke mir, weniger wäre in mancherlei Beziehung mehr gewesen. Atkins überflutet das gesamte Umfeld ihrer nun schon ausreichend geplagten Protagonisten mit weiteren Schicksalsschlägen, die mich denken ließen, es würde nur noch ein dementer Hund fehlen. Too much, an manchen Stellen. Auch der deutsche Titel fühlt sich an, als sei er an den Haaren herbeigezogen, dabei klingt der Originaltitel absolut einfach. „While I Was Sleeping“. Dazu noch der im Kontext des Romans einprägsame Satz auf dem Cover: „Was, wenn jemand anderer dein Glück bis ans Ende deiner Tage leben würde?“ Hätte mir wohl besser gefallen und klarer auf den eigentlichen Schwerpunkt des Romans hingewiesen. Doch war der Buchtitel „Während ich schlief“ bereits vergeben… also mussten Sterne her…

Und das alles bei mir? Das habe ich gelesen? Ja und nochmal ja! Gerade für mich ein besonderes Buch, weil es nicht die männliche Sicht in den Mittelpunkt stellt. Hier ist das Leben von Maddie, die nicht Mutter und Ehefrau sein darf, ebenso wichtig, wie der Gewissenkonflikt von Chloe, die sich vorkommt, ein fremdes Glück gestohlen zu haben und der eigentlichen Bestimmung im Weg zu stehen. Ob es beiden gelingt, einen Weg zu finden, der Hope nicht zu einem verlorenen Mädchen werden lässt? Ob wir in dieser Geschichte eine außergewöhnliche Zukunft für besondere Menschen finden? Das kann man nachlesen. Im Roman. Ich empfehle jedoch, sich darauf vorzubereiten, dass Dani Atkins bis zum Ende aus dem Vollen schöpft und nicht damit aufhört, am Schicksalsrad zu drehen. Ihre Twists sind grandios. Nichts für schwache Herzen. Am Ende weiß man, dass die Autorin in der Konstruktion ihrer Story nichts dem Zufall überlassen hat.

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins - AstroLibrium

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins

Was wirkt nach? Was nehme ich mit? Es ist insbesondere der Blick auf Ryan, der für mich das Lesen prägte. Wie lange kann man hoffnungslos kämpfen? Wie lange hält man durch? Wann wird man vom Alltag aufgefressen und wo kann man dem Point-of-No-Return nicht mehr entgehen? Dani Atkins zeichnet ein differenziertes Bild dieses Mannes, der sich lange treu bleibt. Wie man selbst handeln, denken und fühlen würde? Das ist die Denksportaufgabe, die sie gerade uns Männern mit auf den Weg gibt. Also doch kein reines Frauending, dieses Buch… Ganz und gar nicht.

PS: Das Erwachen meiner Tochter aus dem mehrwöchigen Koma; die Wartezeit bis sie endlich wieder atmete; das perverse Gefühl des Neids auf eine Welt, die sich ohne eine kleine Unwucht einfach weiterdrehte; das Leben im Funktionieren-Modus; Zweifel und Hoffnung als Kontrahenten in einem brutalen Gefecht; das eiserne Durchhalten im luftleeren Raum. Auch davon hat Dani Atkins in ihrem Roman unbeabsichtigt erzählt. Jeder, der eine ähnliche Situation erlebt hat, wird sich hier wiederfinden. Und niemand kann sich vorstellen, wie alles verlaufen wäre, wenn ein solches Koma mehrere Jahre lang gedauert hätte. Ich bin froh, am Ende des Buches schnell aufgewacht zu sein. Ich habe meine inzwischen gesunde Tochter angeschaut und dafür gedankt, dass niemand unser Schicksalsrad bis zum Anschlag weitergedreht hat.

Hier geht´s zu den „Verlorenen Mädchen“ von AstroLibrium…

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins - AstroLibrium

Sag ihr, ich war bei den Sternen von Dani Atkins und die verlorenen Mädchen

Sag ihr, ich war bei den Sternen“ von Dani Atkins / Taschenbuch / 432 Seiten / 9,99 Euro / Verlagsgruppe Droemer-Knaur / dt. von Sonja Rebernik-Heidegger

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse - AstroLibrium

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Es gibt Geschichten, die mehr als erzählenswert sind. Es gibt Jahrestage, die nach genau solchen Geschichten rufen. Und es gibt Menschen, die sich zwar als Zeitzeugen bezeichnen können, denen jedoch ein intimer Blick eines Einzelnen hinter die Kulissen der Geschichte bisher vorenthalten blieb. 30 Jahre ist es nun schon her, seit die Mauer ihren Geist aufgeben musste. 30 Jahre Wiedervereinigung. 30 Jahre, in denen langsam zusammenwuchs, was zusammengehört. Viele von uns haben die Ereignisse aus dem Jahr 1989 noch bildlich vor Augen. Wir erinnern uns nicht nur an Berlin, wir sehen nicht nur Menschen auf der Mauer stehen und feiern. Wir erinnern uns an Demonstrationen, friedlichen Widerstand, eine Bürgerrechtsbewegung und die bewegenden Ereignisse in der Deutschen Botschaft in Prag. Initialzündungen, Impulse und Tropfen, die das Fass überlaufen ließen. Sicher haben wir schon viele Dokus zum Thema gesehen, viel dazu gelesen und gehört. Und trotzdem ist noch viel zu erzählen.

Es ist ein Roman, der meine ganze Aufmerksamkeit forderte. Die geteilten Jahre von Matthias Lisse. Vielleicht muss ich ein wenig ausholen, um die Relevanz dieses Buches für mein Lesen zu erklären. Vielleicht geht es auch ohne Umschweife. Er, der Autor dieses Romans, hat sich einen anderen Namen gemacht. Unter dem Pseudonym Mac P. Lorne schreibt er höchst erfolgreiche und anspruchsvolle historische Romane. Die Liste seiner Erfolge ist lang. Seine Pentalogie über Robin Hood, seine fundierten und brillant erzählten Geschichten über Sir Frances Drake oder John Holland und der neueste Roman aus seiner Feder „Der Herzog von Aquitanien“ sprechen Bände. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Er recherchiert, bereist Schauplätze und überzeugt mit jedem neuen Buch selbst die kritischsten Leser.

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse - AstroLibrium

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Und nun? Ein Roman, der unter seinem echten Namen erscheint. Eine Geschichte, die aus der aktuellen Zeitgeschichte stammt. Ein autobiografisches Werk, das nicht nur eine Geschichte erzählt. Es erzählt seine Geschichte. Die vom Aufwachsen in der DDR. Die Geschichte eines Menschen, der sich nicht vereinnahmen lassen wollte. Der nicht mit dem ideologischen Strom schwamm und erkannte, dass seine Heimat ihn um sein Leben betrog. Ein Mensch, der es sich nicht leicht machte mit seinen Entscheidungen. Und ein Mensch, der nicht alleine war, weil die Frau an seiner Seite der Einbahnstraße in die Zukunft ebenso wenig folgen wollte, wie er.

Es ist die Geschichte langsam aufkommender Zweifel, die uns Leser sofort fesselt und in ihren Bann zieht. Es ist keine leichte Entscheidung, das gemeinsame Glück dort zu suchen, wo die eigene Heimat Grenzzäune, Selbstschussanlagen und Todesstreifen errichtet hatte. Ja, wird man vielleicht sagen. Solche Geschichten kennen wir. Sie sind keine Einzelfälle und irgendwo wiederholen sie sich. Mag sein. „Die geteilten Jahre“ in den Einheitsbrei der Einheitsfeier zu werfen, wäre jedoch ein fataler Irrtum, weil gerade diese Geschichte Türen zu einer Vergangenheit öffnet, die so noch nicht erzählt wurde. Ich habe staunend gelesen und Bilder gesehen, die ich zwar kannte, die mir bisher nur aus anderen Perspektiven erkennbar waren. Matthias vereint hier sein schriftstellerisch herausragendes Können mit der besonderen Fähigkeit, die Geschichte seiner eigenen Familie zu fiktionalisieren, die nötige Distanz aufzubauen und dann nichts anderes als die Wahrheit zu erzählen.

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse - AstroLibrium

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Ich könnte dieses Buch rezensieren, Handlungsfäden aufnehmen, Bilder werten und in mein bisheriges Lesen einsortieren. Ich könnte interpretieren und empfehlen. Ja, ich könnte die bewegendsten Passagen des Romans hervorheben und ihn euch ans Herz legen. Ich habe mich für einen anderen Weg entschieden. Ich habe mich einfach mal in Frankfurt verabredet. Ich wollte mich überraschen lassen, was mir der Mensch Matthias Lisse zu erzählen hatte. Ich wollte auch ein stückweit Mac P. Lorne begegnen, dem ich inzwischen blind durch seine Romanwelten folge. Ich wollte meine Distanz zum Roman überbrücken. Ich hatte viele Fragen und wurde nicht nur überrascht, Matthias Lisse zu begegnen, sondern auch seiner Ehefrau gegenüberzusitzen. Der Frau, die für mich im Roman „Die geteilten Jahre“ und in der wahren Geschichte als Frau, Lebenspartnerin und Mutter Unglaubliches geleitstet hat.

So zogen wir uns zu einem Gespräch zurück, das kein Interview sein sollte, das mir aber meine offenen Fragen für diesen Artikel beantworten konnte. Aufschlussreich und erhellend waren die Momente in der Interviewkabine und pünktlich zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung kann ich aus dem Vollen schöpfen. Matthias Lisse wurde darum gebeten, diesen Roman zu schreiben. Eigentlich hatte er das nie vor. Zu persönlich und auch zu schmerzhaft waren die Erlebnisse. Im Nachhinein betont er jedoch spontan, er würde jedes einzelne Wort genauso wieder schreiben. Dieser Roman hat ihn nicht mit der Vergangenheit versöhnt, aber doch befreiend gewirkt. Eine zweite Befreiung nach der Flucht aus einer Diktatur. Ein aktiver Verarbeitungsprozess, der ihm vieles deutlich gemacht hat. Insbesondere die unglaubliche Leistung seiner Ehefrau, die auf sich allein gestellt mit der kleinen Tochter nach Prag floh.

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse - AstroLibrium

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Ich hatte den Eindruck, dass Matthias Lisse als Mac P. Lorne über die Tyrannei in seinen historischen Geschichten unbefangener schreiben konnte, als in den Kapiteln der geteilten Jahre, in denen die agierenden Politiker der DDR zu Wort kommen. Er hat für diese Passagen intensiver recherchiert, als jemals zuvor. Ich denke, er wollte es auf den Punkt bringen, was sich genau in geheimen Sitzungen abspielte. Die Entfremdung der Machthaber vom eigenen Volk, das Menschenverachtende ihrer Sichtweise und die absolute Willkür von Entscheidungen. Man fühlt die Abscheu, die Matthias Lisse heute empfindet, wenn er diese Wahrheiten reflektiert. Hass jedoch ist ihm fremd. Ja, er hätte gerne mehr geschrieben. Das wahre Leben hätte das Format jedoch gesprengt und so musste er (der über Robin Hood tausende Seiten schrieb) sein eigenes Leben auf 450 Seiten unterbringen.

Matthias Lisse ruht bei unserem Gespräch tief in sich selbst. Er antwortet präzise und blendet Emotionen aus. Ich denke mir, die Distanz des Autors zum Buch rettet ihn auch hier vor reinen Gefühlsbildern. Allein die Anwesenheit seiner Ehefrau macht aus einem ganz einfachen Gespräch über einen Roman ein atmosphärisches Ereignis. Sie sagt kaum etwas. Anfangs. Sie hört zu und es arbeitet intensiv in ihr. Es brodelt extrem in ihr. Es ist insbesondere auch ihre Geschichte über die wir reden. Die Geschichte der Mutter, die zu spät in Prag ankommt. Die den Befreiungsschrei der Flüchtlinge aus der Ferne hört, die erleben muss, wie die Befreiten durch einen Kordon zu Bussen geleitet werden, während sie mit ihrer Tochter nur zuschauen kann. Die Geschichte einer Frau, die doch noch einen Weg findet. Die dabei das Leben und die Gesundheit ihrer Tochter riskiert, sie dabei fast verliert und heute weiß, wie lebensgefährlich ihre Entscheidungen waren.

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse - AstroLibrium

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Über diesem Gespräch hängt sehr viel Unausgesprochenes. Fühlbares. Es würde Jahre dauern, diese Flucht nachvollziehen zu können. Es würde tausende von Seiten brauchen, um alles zu erzählen. Und doch braucht es bei den Antworten von Matthias Lisse zu meiner Frage, wie man sich in einer solchen Situation trennen konnte und wie groß das blinde Verständnis sein musste, sich ohne Handy, SMS oder Telefon (wie es heute für uns selbstverständlich ist) wiederzufinden, nur in die Augen seiner Ehefrau zu schauen und man versteht. Sie hätte ihn überall gefunden. Er hätte überall auf sie und die gemeinsame Tochter gewartet. Hier wird das große Wagnis einer faktisch erzählten Flucht zu einem persönlichen Vertrauensbeweis, ja zu einer Liebeserklärung der ganz besonderen Art. 

Was wir aus diesem Buch lernen können? Was ist für unser Leben relevant? Meiner Meinung nach sind es keine einfachen Lehren, die wir ziehen können. Wagnis, Mut und Vertrauen basieren auf gemeinsamen Lebensentscheidungen und -wegen. Wenn man den richtigen Menschen an seiner Seite hat, können auch getrennte Wege zum Erfolg führen. Dann wird das Unvorstellbare greifbar. Dann wird es auch erzählenswert, weil man hier nicht die Vergangenheit wiederbelebt, sondern der Zukunft den Weg weist. In tiefer Erinnerung bleibt mir die Dankbarkeit der Lisses für eine kleine Handreichung. Es war ein amerikanischer GI, der einer flüchtenden Frau und ihrem Kind die Hand reichte und den Weg in die hermetisch abgeriegelte deutsche Botschaft ermöglichte. Hilfe, die mit Sicherheit gegen seine Befehle verstieß. Wer immer sich fragt, wie man Menschen helfen kann, die wir pauschal Flüchtlinge nennen, der sollte „Die geteilten Jahre“ lesen und darüber nachdenken, dass man kein Übermensch sein muss, um Leben zu retten. Es reicht völlig aus, Mensch zu sein und jenen die Hand zu geben, die Unmenschliches erleiden müssen. Na, macht´s klick?

Danke für einen unvergesslichen Moment jenseits „Der geteilten Jahre“.

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse - AstroLibrium

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Siegerkür

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Siegerkür

Bayerischer Buchpreis 2019 – Am Tag danach

Jetzt ist er schon Geschichte, der Bayerische Buchpreis 2019 und wir waren dabei, als ein Stück Literaturgeschichte geschrieben wurde. Was hat diesen Abend so besonders gemacht? Es ist die Summe der atmosphärischen Einzelfaktoren, die aus einem Event ein Ereignis machen. Eine glänzend aufgelegte Jury. Streitkultur in Reinform. Ein Eklat der ganz besonderen Art. Autoren und Autorinnen, die sich Lob und Kritik stellen, ohne zu wissen, ob ihr Schreiben am Ende mit einem Porzellanlöwen prämiert wird und nicht zuletzt Joachim Meyerhoff, dem der Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten verliehen wurde, und der es sich in seiner fulminanten Dankesrede nicht nehmen ließ, dem kurzfristig verhinderten Markus Söder entgegenzuwerfen, dass man sich als Autor natürlich gewünscht hätte, dass der Ehrenpreisverleiher auch anwesend sein sollte. So eloquent und satirisch formuliert, dass unsere Lachmuskeln arg strapaziert wurden.

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Siegerkür – David Wagner

Wie ging man nun mit den Büchern um? Wie hat man sie und ihre Schöpfer bei der offenen Jury-Debatte behandelt? Fair. Zumeist jedenfalls. Natürlich ist es ein Konflikt in Reinkultur, wenn ein Jurymitglied ein Buch einbringt, das im Disput verteidigt werden muss. Wer verliert hier schon gerne? Manchmal schoss man in der Argumentation ein wenig über das Ziel hinaus. Gerade Steffen Kopetzky musste erleben, dass sein Buch „Propaganda“ vom Jury-Mitglied Svenja Flaßpöhler auf flapsige Art und Weise durch den Saal getrieben wurde. Im Großen und Ganzen jedoch verlief die Debatte sachlich und der große Gewinner des Abends zeichnete sich schnell ab. David Wagner hat mit „Der vergessliche Riese“ den Nerv der Jury ebenso getroffen, wie den der Leser. Die Dankesrede von David Wagner war ebenso sympathisch, wie typisch für ihn. „Ich hab` alles vergessen, was ich sagen wollte. Ich sag` nichts weiter! 

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Nominierten – Steffen Kopetzky – Carmen Buttjer – David Wagner

Damit hat sich in der Belletristik der Favorit der Buchpreisblogger durchgesetzt. Sowohl, Evelyn Unterfrauner vom Buch- und Lyfestyleblog Book Broker, Steffi Sack mit ihrem Buchblog Nur Lesen ist schöner und ich waren vom vergesslichen Riesen mehr als überzeugt. Glückwunsch an dieser Stelle. Dass es an diesem Abend jedoch noch zu einem echten Eklat kam, lag nicht an der Jury. Man hatte der Autorin Cornelia Koppetsch, die in der Kategorie Sachbuch für Die Gesellschaft des Zorns nominiert war, im Vorfeld der Preisverleihung geraten, ihr Buch zurückzuziehen. Es wurden erste Vorwürfe laut, dass sie Zitate aus anderen Büchern nicht kenntlich gemacht habe. Sie hat es nicht zurückgezogen. Der Vorwurf eines Plagiats stand im Raum als Juror Knut Cordsen deutlich wurde, das Buch seinerseits aus der Liste der Nominierungen strich und diesen Schritt mit eindeutigen Zitaten aus dem Werk belegte, die sich wortgleich in anderen Publikationen wiederfinden. Er sprach gar von fehlendem Berufsethos. Harter Tobak. Das Buch wird nun einer wissenschaftlich fundierten Prüfung unterzogen. Aber schon jetzt ist zu vermuten, dass Cornelia Koppetsch einen Flächenbrand losgetreten hat, der ihr, dem Verlag und der Buchbranche extrem schadet.

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Buchpreisblogger

Soweit ein erstes Fazit. Vieles muss sich setzen. Viele Eindrücke müssen sich erst verfestigen. Es war ein Vergnügen, als einer von drei Buchpreisbloggern berichten und rezensieren zu dürfen. Der Abend der Preisverleihung war grandios, die Gespräche mit Verlagsmenschen, Autoren und Pressevertretern waren schier unerschöpflich. Auf den üblichen Kanälen wie Instagram, Facebook, auf unseren Blogs und in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks dürft ihr gerne ein wenig rumstöbern. Und wer immer noch nach guten Büchern sucht. Hier werdet ihr fündig. Ob David Wagner, Steffen Kopetzky oder Carmen Buttjer. Lesenswert sind sie alle. Und wer sich in der Sachbuchecke nach einem Buchpreisträger umschaut, dem sei Jan-Werner Müller: Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus empfohlen. Der Porzellanlöwe gehört nun ihm.

Mein besonderer Dank an dieser Stelle gilt (und die Damen wissen genau, wen ich meine) Eva und Sonja für die Chance, Steffi und Evelyn für das Teamplay, Luise Behr und Barbara Voit und ganz besonders den Nominierten, die uns vorbehaltlos und offen begegneten. Das Lesen lebt. Der bayerische Porzellanlöwe hat gut gebrüllt. Wir sind schon jetzt gespannt auf das Jahr 2020. Sehr sogar…

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die Siegerkür - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die Siegerkür – AstroLibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger - Astrolibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Es ist das Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust, das für mich im Mittelpunkt steht. Es ist das wohl zentralste Thema meines Blogs und im Laufe der Zeit haben sich zahllose Bücher in die Kette des Erinnerns eingereiht. Einige von ihnen verdienen ein besonderes Prädikat, weil sie in ihrer Perspektive und Struktur einzigartig sind. „Vergesst unsere Namen nicht“ von Simon Stranger lässt auf den ersten Blick nicht vermuten, dass sich dieser auf Tatsachen beruhende Roman in die Phalanx jener Bücher schieben würde, die mit einem absoluten Alleinstellungsmerkmal versehen sind. Dies erschließt sich tatsächlich auf den zweiten Blick und natürlich beim Lesen.

Es ist der Originaltitel, der mich nachdenklich machte. Frei aus dem Norwegischen übersetzt lautet er: „Das Lexikon von Licht und Dunkelheit“. Hier erschließen sich in seinem Kontext sowohl die Struktur des Buches als auch sein Inhalt. Denn während ich mich beim deutschen Titel „Vergesst unsere Namen nicht“ direkt von einem der Opfer angesprochen fühle und den Appell an das Erinnern fast wörtlich spüre, lenkt mich der Originaltitel in eine andere Richtung. Er fühlt sich nicht an, wie ein Opferroman-Titel. Er wirkt facettenreicher und dunkler und möchte gerne beim Wort genommen werden. Ich halte diesen Titel für den eigentlichen Türöffner zu diesem Roman, weil er inhaltlich im direkten Zusammenhang zur Geschichte steht, die Simon Stranger erzählt.

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger - Astrolibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Wann liest man schon mal ein Buch über die Judenverfolgung im Dritten Reich, das die Psychologie des Täters in den Vordergrund stellt? Wann kann man eintauchen in Denkwelten von Menschen, die sich schuldig gemacht haben und wo findet man die nachhaltigen Motiv-Spuren der Täter? „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell stellt bis heute eine absolute Ausnahme dar. Bis zur Veröffentlichung dieses Romans. Es ist der norwegische Autor Simon Stranger, der sich auf Spurensuche in seiner Familie im besetzten Norwegen des Zweiten Weltkriegs begibt. Es ist historisch verbrieft, wessen Spuren er folgt. Es sind die Verwandten seiner Ehefrau, denen er mit seiner Recherche einen Platz in der Familie zurückgibt, den die Nazis ihnen gestohlen haben. 

Es sind die jüdischen Vorfahren seiner eigenen Ehefrau, die direkt und indirekt zu Opfern wurden. Verraten, liquidiert, traumatisiert und fürs Leben gezeichnet. Es ist die verstörende Geschichte von Menschen, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz waren und für sie nimmt dieses Buch die Rolle eines Stolpersteins ein, der uns heute dazu anhalten soll, diese Menschen nicht zu vergessen. Er erzählt die Geschichte des Urgroßvaters seiner Frau. Hirsch Kommissar, der im Rahmen einer Vergeltungsaktion der Nazis inhaftiert und erschossen wurde. Er nimmt sich die Zeit, nicht nur ihre Familie in ihrer lebensbedrohlichen Lebenssituation zu beschreiben. Er geht weiter und gliedert sein Buch nach den Buchstaben des Alphabets. 26 Kapitel. Von A bis Z. Ein Lexikon von Licht und Dunkelheit, in dem die Dunkelheit überwiegt….  

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger - Astrolibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Hier wird aus einem Opferroman ein Täterroman. Simon Stranger kann nicht anders, als einen der Hauptverantwortlichen der Verfolgung zu sezieren und bis auf die Fasern seines Charakters zu zerlegen. Es handelt sich um Henry Oliver Rinnan, den Agenten der Gestapo, der mit seinen Opfern ein perfides Spiel spielte. Sein Hauptquartier lag in Trondheim und ist auch heute noch als Bandenkloster bekannt. Hier ließ er verhören, foltern und morden. Hier spielten sich die brutalsten Schrecken ab. Verborgen vor den Augen der Welt. Simon Stranger gibt sich nicht damit zufrieden, über diese Untaten zu schreiben. Ihm gelingt mit seinem Psychogramm eines Täters ein Literatur-Meilenstein zum Verständnis der damaligen Zeit.

Von A bis Z durchleuchtet er das Leben des künftigen Täters, zeigt ihn als wenig akzeptierten jungen Mann, der um Anerkennung buhlt. Er beschreibt einen Underdog, dem es in seiner Heimat unter Seinesgleichen nie gelingen würde sozial aufzusteigen. Hier kommen ihm die Nazis gerade recht. Hier wittert der Mitläufer seine Chance und beginnt in Diensten der Gestapo ein Doppelagentenspiel. Er erschleicht sich Vertrauen auf der Seite des Widerstands, lässt sich Verstecke jüdischer Flüchtlinge zeigen und ist dann der unersetzliche Faktor im ideologischen Vernichtungskrieg, wenn er alles verrät, was ihm eigentlich heilig sein sollte. Diese Macht korrumpiert ihn und macht ihn selbst zum Folterer und Mörder.

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger - Astrolibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Simon Stranger legt den Finger in alle Wunden. Er zeigt die Charakterlosigkeit eines Menschen, der die Haltung wechseln kann, wie eine Fahne im Wind. Erschreckend ist hierbei, dass klar wird, dass genau dieser Henry Oliver Rinnan auf der richtigen Seite in Reihen des norwegischen Widerstands gekämpft hätte, wäre er dort wertgeschätzt worden. Eine typische Täter-Karriere. Ein Stereotyp des Mitläufers, der sich bereitwillig schuldig macht. Das Ego siegt über das Gewissen. Als ausgerechnet die Familie des ermordeten Hirsch Kommissar nach Ende des Krieges im Bandenkloster unterkommt, weil das Haus zum Verkauf steht, reißen die geschichtsträchtigen Wände die Wunden wieder auf. Ein Haus des Schreckens, das fortan in der Familie Angst und Schrecken verbreitet.

Dieses Buch ist nicht leicht zu lesen und noch weniger leicht zu verkraften. Wenn man die Perspektive der Opfer eingenommen hat, wird man urplötzlich mit einem Täter konfrontiert, der sich dominant in den Vordergrund drängt. Das jedoch ist die wichtigste und größte Leistung dieses Buches. Es beschreibt historisch präzise und wird nur dort fiktional, wo die tatsächlichen Aufzeichnungen Interpretationsspielraum für Dialoge und Gefühle lassen. Simon Stranger bewegt sich auf perfekt recherchiertem Terrain. Jeder, der von sich behauptet, er würde sich niemals von Macht korrumpieren lassen, müsste dieses Buch lesen. Jeder, dem es an Vorstellungskraft fehlt, wie leicht man Täter wird, sollte dieses Buch lesen.

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger - Astrolibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Und jeder, der denkt, man könne nichts gegen heutige Populisten unternehmen, der sollte nie vergessen, dass man einen Henry Oliver Rinnan lange genug in seinem Umfeld hätte auffangen und wahrnehmen können, anstatt ihn auszugrenzen, der sollte sich überlegen, ob man Rechtsradikale von heute lieber an den Rand drängt oder sich zumindest mit ihnen auseinandersetzen und reden sollte. Eins der wohl wichtigsten und nachhaltigsten Bücher gegen das Vergessen, weil die Automatismen dieser Täterschaft ebenso beschrieben werden, wie die lebenslange Traumatisierung der Opfer. Hier liegt ein literarischer Stolperstein in unseren Händen.

Ein letztes Wort gilt der Übersetzung dieses Romans. Wenn es einem Übersetzer gelingt, ein Buch aus dem Norwegischen ins Deutsche zu transferieren, das nach den Buchstaben des Alphabets gegliedert ist, 26 norwegische Begriffe über die jeweiligen Kapitel stellt und diese in den Kontext des Gesamttextes einbettet, dann ist ihm Großes gelungen. Nicht viele der originalen Begriffe finden im Deutschen ihre Entsprechung. In vielen Überschriften musste das passende deutsche Wort aus dem Zusammenhang im folgenden Text gefunden werden. Dass die deutschen Leser nicht ins Stocken kommen und keine Plausibilitätslücken finden adelt Thorsten Alms. Hier kann man mit Fug und Recht behaupten, dass durch seine Übersetzung ein eigenständiges literarisches Werk entstanden ist. Chapeau…

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger - Astrolibrium

Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger

Vergesst unsere Namen Nicht von Simon Stranger / Eichborn Verlag / 350 Seiten / aus dem Norwegischen von Thorsten Alms / gebunden / 22 Euro – Hier finden Sie mehr Literaturempfehlungen „Gegen das Vergessen“ bei AstroLibrium…