„Der Freund der Toten“ von Jess Kidd

Der Freund der Toten von Jess Kidd

„Ein Mann könnte fast vergessen, weshalb er hergekommen ist,
wenn die wunderbare Mulderrig-Nacht ihm alleine gehört.“

Dieses Zitat aus dem Roman Der Freund der Toten von Jess Kidd, erschienen im DuMont Buchverlag, hat große Bedeutung für mich. Ich habe es während des Lesens in meinen Gedanken so oft umformuliert und vor mir hergetragen, weil es den tiefen Kern der Lese­gefühle, die mich durch dieses Buch getragen haben, widerspiegelt. Ein Mann könnte wirklich ver­gessen, warum er hergekommen ist, wenn dieses wunderbare Buch ihm alleine gehört. Mir jedenfalls ging es so. Ich vergaß die Welt um mich herum, wollte ein­fach nur lesen und dachte in keinem Moment daran, was am Ende des Romans auf mich warten würde.

Selten entführen mich Romane so umfänglich in eine ganz eigene Welt. Selten bin ich derart gefesselt, dass ich keine Rahmen­bedingungen hinterfrage, Plausi­bili­täten auf den Zahn fühle oder die Fantasie über meinen zweifelnden Realismus siegen lasse. Ich bin offen dafür, aber nicht viele Autoren legen den emotionalen Schalter in mir in einer solchen Dimension um, wie es Jess Kidd mit ihrer Sprache, ihrer Romanidee und ihren Charak­teren gelungen ist. Ich wurde zum Treibgut in einer Geschichte, deren Strömung teils sanft vor sich hin strudelt, über ungeahnte Tiefen führt, bis sie schließ­lich in einem tosenden Wild­wasser­strom gipfelt. Eine Rafting-Lesereise der besonderen Art…

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Ich bin zurück in Irland. Irland. Immer wieder sind Geschichten, die hier angesiedelt sind auch von der mystischen Atmosphäre inspiriert, die über der grünen Insel weht. Es sind der be­son­dere Heimatbegriff, die Verbun­denheit mit der Natur, Tradi­tionen und die alten Legen­den, die wir mit Irland verbinden und die unser Leserherz öffnen, wenn wir in einer guten Geschichte auf die Menschen treffen, die hier leben. Mulderrig heißt das Reiseziel. Ein im eigent­lichen Sinne eher ver­schla­fenes kleines Nest, in dem so gut wie nie etwas passiert. Sieht man mal von dem ab, was niemals hätte geschehen dürfen.

Jess Kidd führt uns Mulderrig in zwei Zeit­scheiben vor Augen. Handlungsfäden, in denen die Bewohner des idyllischen Örtchens die Konstante darstellen, ver­knüpfen die Geschichte zu einem dichten Teppich, der 1950 entstand und 1976 zum ersten Mal von jemandem betreten wird, der ihn niemals hätte betreten dürfen. 26 Jahre ist es her, seit Orla Sweeny Mulderrig mit ihrem Baby verlassen hat. Jahre die nichts anderes bewirkt haben, als grünes Gras über die Sache wachsen zu lassen. Verdrängt. Vergessen und weit weg sind die Ereignisse von einst.

Nur uns Lesern steht klar vor Augen, was im Mai 1950 geschehen sein muss. Das erste Kapitel des Romans lässt keinen Zweifel daran, was Orla zugestoßen ist. Wir sind Zeugen des dunklen Geheimnisses, das mehr als zwei Jahr­zehnte in Mulderrig aus den Köpfen und Her­zen der Menschen verdrängt wurde. Scheinbar für immer. Bis 1976 ein ungewöhnlicher Mann auftaucht und das verschla­fene Nest aus dem Koma reißt. Sein Name ist Mahony. Ein wenig abgehalftert wirkt der Mann, der im Alter von 26 Jahren in den Ort zurück­kehrt, in dem er zur Welt gekommen ist. Sein Weg bis hierher? Typisch für ein Findel­kind. 1950 vor einem Kinderheim ausgesetzt, strengstens erzogen, keine schöne Kindheit, in falsche Kreise geraten und als klein­krimineller Hippie durchs Leben gemogelt.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Zwei Welten, die einander nie begegnet wären treffen nun aufeinander. Menschen, die sich niemals hätten sehen dürfen, stehen sich nun unversehens gegenüber und das Gras, das man über der verschwun­denen jung­en Mutter wachsen ließ, beginnt sich zu rühren. Und alles wegen eines Briefes, den Mahony erst vor wenigen Tagen erhielt.

„Dein Name ist Francis Sweeny.
Deine Mammy war Orla Sweeny .
Du bist aus Mulderrig, County Mayo.
Deine Mammy war die Schande von Mulderrig…
Sie lügen alle, also sei auf der Hut.“

Nun ist er da. Verwegen, langhaarig, ungepflegt aber attraktiv und auf der Suche nach dem Geheimnis seiner Mutter. Mahony zeigt sich, er sieht das Erkennen in den Augen der Menschen, weil er die Augen seiner Mutter hat. Er stößt auf Schweigen. Ein Schweigen, das seit 26 Jahren wie ein fester Mantel des Ein­vernehmens dicht gehalten hat. Doch nun bröckelt die oberste Schicht, als Mahony in der alten Schauspielerin Mrs. Cauly eine treue Verbündete findet. Die zwar gebrechliche, aber äußerst furcht­lose und angriffs­lustige Frau, die nichts mehr zu verlieren hat, schmiedet einen kreativen Plan.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Jess Kidd fasziniert mit der tiefen Charakterzeichnung von Menschen im Wandel der Zeit. In Rückblenden wird das Mulderrig des Jahres 1950 greifbar. Die Wurzeln aus der Ver­gangen­heit reichen bis zum Jahr 1976. 26 Jahre sind nicht viel Zeit, um vor der Geschichte zu fliehen. In dem kleinen irischen Ort entwickelt sich ein spannendes Katz- und Mausspiel zwischen schlechtem Gewissen, Loyalität, Angst, Hass und Mut. Alleine diese Ingre­dienzien hätten für eine grandiose irische Ge­schichte völlig ausgereicht. Nur nicht aus Sicht der Autorin, der es gelingt, diese Story um eine Dimen­sion zu erweitern, die das Mulderrig unserer Wahr­nehmung zu einem Traum- und Herzensort in unserem Lesen werden lässt. Jess Kidd gibt all jenen Raum, die nicht mehr für sich selbst reden können. Sie lässt das mystische und magische Irland von der Leine, sie gibt Legenden Raum und lässt Mahony wahrnehmen, was nur wenige wahrhaben wollen.

Er ist „Der Freund der Toten“. Er nimmt sie wahr, sie begleiten ihn und öffnen in der unglaublich atmos­phärischen Beschreibung der Verstorbenen die Tür zu einer Welt, in der Mulderrig in fahlem Licht erscheint. Es sind die melan­cholischsten Augenblicke des Lesens, ihnen zu begegnen. Dem alten Trinker, der verzweifelt versucht im Pub an ein Bier zu gelangen. Der alten Lehrerin, die ihre alte Schule argwöhnisch im Blick behält und die kleine Ida Munnelly, die nur sieben Jahre alt werden durfte und seit ihrem Tod auf der Suche nach ihrem gelben Jojo ist.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Jess Kidd beschwört den Geist von Jean Paul Sartre und lässt ihre Leser oft an das Drehbuch „Das Spiel ist aus“ denken. Bewegend und skurril, emotional und traurig ist es, den Toten zu begegnen, die nur Mahony sieht, weil er bereit für sie ist. Und sie sind es für ihn. Ein Roman auf zwei Ebenen, der uns keine Sekunde an der Existenz dieser Geister zweifeln lässt. Ein Roman, der durch die Perspektiv­vermischung besticht. Eine Ge­schich­te, die in Mahony einen unvergesslichen Prota­gonisten hat, der beide Seiten unserer Existenz spürt. Unvergessen bleiben für mich seine Begeg­nungen mit der toten Ida und ihrer Mutter, die immer noch lebt. Unvergessen auch, warum Mahony die Toten sieht und warum sie ihm helfen, das Rätsel zu lösen:

„Die Toten zieht es zu den Verwirrten und Unge­schrie­benen, den Beschädigten und Gebrochenen, zu denen mit großen Rissen und Lücken in ihrer Geschichte, die die Toten gerne füllen würden. Denn die Toten haben gebrauchte Geschichten für dich, wenn du sie hereinlassen würdest.“

Lasst diesen Roman in eurem Verstand zu. Spielt das mystische Gedankenspiel der Autorin mit und schließt ab und an das Buch und stellt euch vor, wer euch beim Lesen beobachtet. Genießt die Poesie der Beschrei­bungen, die unfassbar gut erzählte Story und einen Ausflug in ein Irland, das irischer nicht sein könnte. Und grüßt bitte die kleine Ida von mir, wenn ihr sie trefft. Ich habe da ein Jojo gefunden.

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Der Freund der Toten von Jess Kidd – Irland und AstroLibrium

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten [Film und Buch]

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Es ist eine kleine und eng umrissene Welt, in die ich heute entführen möchte. Es ist eine Insel, die vom Grün dominiert wird, und auf der sich das Leben nicht so schnell verändert, wie in anderen Ländern. Ich möchte mit Euch einen kurzen Abstecher nach Irland machen, bevor wir dann gemeinsam in See stechen. Irland. Kaum ein anderes Land wird von seinen Menschen so patriotisch und aufrichtig verehrt. Kaum ein anderes Land wird in unzähligen Herzen in die ganze Welt getragen. Mit all seiner Farbe, seiner Musik und seinem Lebensgefühl.

(Weiterlesen oder hören… Sie haben die Wahl.)

Brooklyn - Film und Buch im Vergleich - Auch im Radio ...

Brooklyn – Film und Buch im Vergleich – Auch im Radio …

Denn aus kaum einem anderen Land wanderten im Lauf der Jahrhunderte so viele Menschen aus, um in Amerika ihr Glück zu suchen. Sie trugen Irland in ihrer Seele und prägten ganze Städte, während sie fernab der Heimat ein neues Land entstehen ließen. Weit entfernt von von Armut und Unterdrückung. Fernab von der Hoffnungslosigkeit und doch immer mit der grünen Insel verbunden. Heimat.

Eilis Lacey ist Irin. Sie lebt mit Mutter und Schwester in Enniscorthy. Klangvoll schön, aber ohne große Perspektive. Sie träumt davon, Buchhalterin in einem Büro zu werden, doch die Realität hält sie als Aushilfe hinter der Theke eines kleinen Ladens fest. Bis ihre Mutter und ihre Schwester, unterstützt von einem irischen Priester aus Brooklyn, beschließen, Eilis die große Chance auf ein neues Leben zu ermöglichen. Brooklyn. So weit entfernt und doch verheißungsvoll und faszinierend.

Es ist die Chance ihres Lebens. Brooklyn.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Als Eilis 1952 an Bord eines Ozeandampfers geht, verlässt sie eine ganze Welt und folgt den Spuren abertausender Emigranten. Irland und ihre Familie im Herzen. Und die Sehnsucht nach dem Leben in einer Stadt, in der nicht jeder die eigene Tante kennt. Sie braucht ihren Freiraum, auch wenn er einen sehr hohen Preis fordert. Heimweh. Ihr neues Leben nimmt langsam Fahrt auf. Als Verkäuferin in einem Warenhaus bietet sich ihr die Chance, sich in Abendkursen weiterzubilden. Sie findet in ihrer Pension zaghaft Anschluss, verliebt sich in Tony Fiorello und seine italienische Familie, und wächst von Tag zu Tag mehr mit ihrer neuen Heimat zusammen.

Das Heimweh bleibt jedoch ständiger Wegbegleiter und, als würde ihr Irland immer wieder zart an dem unsichtbaren Band ziehen, das beide verbindet, verliert sie niemals den Kontakt in die geliebte Heimat. Briefe wandern über den Ozean. Leben verlaufen getrennt voneinander in völlig anderen Bahnen. Als ihre Schwester überraschend stirbt, beschließt Eilis für einen Monat nach Irland zurückzukehren. Nicht jedoch ohne zuvor Tony heimlich zu heiraten. Sie will ihm dadurch beweisen, dass sie zurückkehren wird.

Zur Beerdigung ihrer Schwester kommt sie zu spät. Ihre Vergangenheit holt sie ein. Aus dem großen Leben in Brooklyn wird für wenige Wochen wieder das ganz kleine beschauliche und behütete Leben an der Seite ihrer Mutter, die nichts mehr fürchtet, als Eilis wieder zu verlieren. Wer nun denkt, Irland würde sich leichten Herzens von seinen Kindern trennen, der erlebt nun, wie Enniscorthy den Kampf um die verlorene Tochter aufzunehmen beginnt. Ihre Abreise verschiebt sich. Mal ist es die Hochzeit ihrer besten Freundin, mal ist es ein neuer Job, der ihr angeboten wird und der sie fordert. Und dann ist es nicht zuletzt ihr Jugendfreund Jim Farrell, der sich in Eilis verliebt und sie nicht mehr gehen lassen möchte.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Der klassische Gewissens- und Herzenskonflikt stürzt mit voller Wucht auf die jungen Frau ein. Die Heimat klammert, eine berufliche Selbstverwirklichung scheint möglich und zarte Gefühle ummanteln das neue Rundum-Wohlfühlpaket namens Irland. Doch in Brooklyn wartet Tony. Er schreibt ihr und hofft, dass Eilis den Weg zurück in ihr neues Zuhause findet. In ein Zuhause, das er mit eigenen Händen aufbauen wird. In einer neuen Welt, in einer Stadt, in der man frei sein kann und nicht jeder Schritt unter Beobachtung steht. Weit oder eng? Fern- oder Heimweh? „Eine Liebe zwischen zwei Welten“. Passender könnte ein Untertitel zu Brooklyn von Colm Tóibín nicht sein.

Eine einfache und kleine romantische Geschichte, könnte man vielleicht meinen. Eine klassische Herz-Schmerzgeschichte voller Klischees, könnte man denken. Ein rein emotionales Rührstück für Zwischendurch? Könnte man annehmen. Gäbe es da nicht einen irischen Autor, dem es gelingt, auch den leisesten Hauch von oberflächlichem Kitsch aus seiner Geschichte zu verbannen. Gäbe es da nicht jenen Colm Tóibín, der aus dieser Geschichte der Zerrissenheit das Portrait einer jungen Frau entstehen lässt, das berührt und mitreißt.

Und gäbe es da nicht einen Drehbuchautor. Einen mit ganz großem Namen. Nick Hornby. Gäbe es da nicht einen Schriftsteller, der diesen Roman für seine Verfilmung adaptierte. Jenen Nick Hornby, den die Faszination für die junge Eilis gepackt hatte und der sich auf die Fahne schrieb, ihr (noch mehr als im Buch) mit filmischen Mitteln Gehör zu verschaffen. Dazu hat er ihre individuelle Lautstärke erhöht, so formulierte er es in einem Interview. Hornby hat der Perspektive des Betrachters das Innenleben von Eilis eröffnet und ihr mit Gestik, Mimik und Worten in der Geschichte den Raum verschafft, den sie im Roman oft nur indirekt einnimmt.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Und gäbe es da nicht die Schauspielerin Saoirse Ronan, die eine Eilis verkörpert, die in jeder Nuance ihres Blickes die Sehnsucht, das Heimweh und die Suche nach einem neuen Leben ins Herz des Betrachters trägt. Eine junge Schauspielerin, deren Entwicklung im Film an den Augen abzulesen ist. Deren Haltung sich verändert, die an sich und in sich wächst, sich behutsam an Neues herantastet und in magischen Szenen des Films, nur zu einer irischen Melodie die Augen schließen muss, um den Zuschauer zu Tränen zu rühren.

Und gäbe es da nicht die Verfilmung selbst. Einen Film, der mit Farben spielt und die Menschen im Vordergrund lässt. Einen Film, der nicht durch seine Sequenzen hetzt, sondern mit viel Tiefenschärfe Raum für Entwicklung gibt. Einen Film, der das Grün von Irland im Mantel von Eilis mit an Bord des Dampfers nimmt, und der diese Farbe in Brooklyn immer weiter verblassen lässt und es schließlich durch leuchtendes Blau und Gelb ersetzt. Ein szenisches Farbenspiel, das seinen Betrachter genau in dem Moment trifft, wenn Eilis in einem tiefen Sehnsuchtsmoment den Blick nach oben wendet und im grünen Blätterregen eines Baumes verharrt. Irland.

Drehbuchautor, Schauspielerin und Film sind in ihren Kategorien für drei Oscars nominiert. Und das aus gutem Grund. Das Bild von Saoirse Ronan als Eilis ziert das Buchcover der Neuauflage des Romans bei dtv. Der magische Blick lädt ein, mit ihr an Bord zu gehen. Ihr Gesicht ziert die Filmplakate in aller Welt und weckt Empathie mit einer jungen Frau, in der Stärke und Schwäche in einem charakterlich ausgewogenen Mix die wahre Persönlichkeit zeigen. Ein Film, der seiner Romanvorlage in besonderer Weise gerecht wird, weil eben ein Nick Hornby am Lautstärkeregler gedreht hat.

Am 16. Februar wurde „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“ als bester britischer Film mit dem begehrten British Academy Film Award ausgezeichnet.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Doch wie kann man sich der Geschichte am besten nähern? Lesen oder schauen? Wo sind die Unterschiede? Sind sie gravierend? Ich empfehle Euch den Film. Er ist ein Meisterwerk in seinen Bildern, den Farben, seinen Schauspielern und der feinfühligen Musik von Michael Brook. Ich empfehle den Film, weil Saoirse Ronan so sehr Eilis ist, wie man sie sich nur vorstellen kann. Ich empfehle ihn, weil er Szenen beinhaltet, die Stein aufweichen können. Wenn Eilis zum Beispiel bei einer Armenspeisung alte irische Einwanderer in Brooklyn bewirtet und man ihr zum Dank ein Volkslied singt. Ihr werdet diese Szene nicht mehr vergessen.

Und doch empfehle ich auch das Buch, denn im Film gelingt es nur, die Zuschauer mit eineinhalb Lieben zu konfrontieren. Jim Farrell ist nett und sympathisch, bleibt aber hinter dem in Brooklyn wartenden Tony zurück. Er ist im Film nicht die emotionale Konkurrenz für den Mann, den Eilis kurz zuvor geheiratet hat. Hier fehlt dem Film die Verlockung des Buches. Hier entfaltet dieser Roman das ganze Konfliktpotenzial einer Liebe zwischen zwei Welten und lässt die Romanze zwischen Eilis und Jim substanziell und gefährlich werden. Hier strömt das Buch eine melancholische Zerrissenheit aus, die nur durch eine Entscheidung von Eilis aufzulösen ist.

Und letztlich empfehle ich den Film, denn er geht am Ende dieser Geschichte einen Schritt weiter als das Buch. Er zeigt eine Szene, die wir uns lesend erträumen, sie aber nicht erlesen dürfen. Der Film öffnet einen letzten Vorhang, ohne den ich nicht leben möchte. Einfach schön. Denn Geschichten dürfen auch einfach schön sein, egal wie sie enden. Ich empfehle beides. Toll, gell? Ihr findet die Dialoge und Gefühle des Buches im Film wieder und seht eure Lesegefühle an der Leinwand zur Realität werden. Wenn dann die Musik Euer Lesen und Schauen umhüllt, dann seid Ihr angekommen. In Brooklyn. Erst dann wisst Ihr, was „Eine Liebe zwischen zwei Welten“ bedeutet. Und Ihr habt Eilis kennengelernt.

Das ist das größte Geschenk.

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Irland in meinem Lesen und Schreiben:

Die Geschichte des Regens von Niall Williams – DVA + Audio-Rezension
Ein langer, langer Weg von Sebastian Barry – Steidl Verlag

New York / Brooklyn vor dem Hintergrund Migration:

Der Mann, der das Glück bringt von Catalin Dorian Florescu – C.H. Beck

Literaturverfilmungen und die Oscarverleihung 2016 - Eine Reportage folgt

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Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

„Ich bin Ruth Swain,
kurz und gut, bettlägerig, hier,
in der Mansarde unter dem Regen,
am Rand, wo die Erzählerin hingehört,
zwischen dieser Welt und der kommenden.“

Rezension fürs Ohr - Sie können uns auch zuhören - Ein Klick genügt.

Rezension fürs Ohr – Sie können uns auch zuhören – Ein Klick genügt.

Wenn ihr ein wenig leise seid, dann könnt ihr gerne Platz nehmen. Ruth geht es im Moment nicht sonderlich gut, aber das ist angesichts ihrer Erkrankung auch kein großes Wunder. Doch eine Swain lässt sich nicht unterkriegen. Das würde nicht zu den Swains passen. Nicht zu Irland. Nicht zu jenem Menschenschlag, für den Ruth steht und ganz besonders nicht zu ihr selbst.

Da hat sie schon ganz andere Dinge erlebt. Aber mit neunzehn Jahren hilflos ans Bett gefesselt zu sein, ist schon eine der brutalsten Prüfungen ihres Lebens. Andere wären da schon lange untergegangen. Untergetaucht. Andere junge Frauen hätten sich aufgegeben. Nicht jedoch Ruth Swain. Sie hat ihren eigenen Weg gefunden, gegen den Schmerz in ihrem Blut anzukämpfen. Man kann vielleicht ihren Körper festbinden, nicht jedoch ihre Fantasie und ihren wachen Verstand.

Nimm Platz. Ja, genau hier auf der Bettkante. Und bring Dir ein wenig Zeit mit, um Ruth dabei zuzuhören, wie sie ihr Leben erzählt. Nicht nur das ihre. Nimm Dir die Zeit, ihr zu folgen. Sie wird Dich fesseln, wie sie mich gefesselt hat. Sie wird dich entführen, wie sie mich entführt hat. Nach Irland. Zu ihren Vorfahren. Zum Beginn ihrer Reise und zum Zauber des Shannon. Alles entspringt dem Wasser. Alles strebt zurück ins Wasser und die Mansarde im Regen, ihr Himmelszimmer, ist der Ausgangspunkt für ihre ganz eigene Erzählung: Die Geschichte des Regens

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

„Ich weiß schon…, aber wenn man nur im Bett liegt und der Körper nirgends hin kann, macht sich irgendwann der Geist auf die Socken.“

Aus der Mitte entspringt ein Buch. So könnte man in Anlehnung an den gefühlvollen Film von Robert Redford fast sagen. Nur, dass bei dieser Geschichte niemand Regie führt, niemand das Ende kennt und wir alle in dieser Vorstellung unseren eigenen Platz finden müssen, um Ruth zu folgen. Es lohnt sich, wenn Du bereit bist, Dein Herz und all Deine Sinne zu öffnen. Du wirst von einem Fluss getragen, der Dir vieles näher bringt:

Ein unglaublich schönes Land mit seinen Menschen, seiner Stimmung, der Freiheit, die es auszeichnet, den Mythen und Strömungen der Flüsse. Seinen Lachsen, die den Bewohnern viel mehr bedeuten, als man leichthin glauben könnte. Seinem Wetter und seiner Geschichte. Die Geschichte des Regens ist zugleich die Geschichte Irlands, weil die Grüne Insel für alles steht, was diesen Menschen Heimat bedeutet. Dabei lebt die Geschichte in den Menschen. Sie lebt in Ruth. Sie gibt sie an uns weiter.

„Wir sind unsere Geschichten. Wir erzählen sie, um am Leben zu bleiben oder um die am Leben zu halten, die nur noch im Erzählen da sind. So kommt es mir zumindest vor, die ich schon ein Weilchen lebendig bin, Erzählerin und Erzählte. In Faha ist jeder eine lange Geschichte.“

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

„Meine Mutter ist nicht zu stoppen. Sie ist so eine Art Supermaschine, die es irgendwie schafft, sich um Nan und mich und das Haus zu kümmern und uns alle über Wasser zu halten. Sie ist alle Mann an Deck in einer Person, Mannschaft, Heizer, Chefstewardess, Käptn. Meine Mutter ist ein Wunder.“

Wir lernen nicht nur die Familie von Ruth Swain kennen, sie gibt auch das kollektive Gedächtnis weiter, das sie selbst zu der jungen Frau werden ließ, die sie heute ist. Ihre Vorfahren, der situative Kontext ihres Lebens und bestimmte Verhaltensmuster auf der väterlichen und mütterlichen Seite fügen sich in der Gegenwart zu einem Bild, dem wir kaum entfliehen können. Jede Entscheidung, jede Handlung, jedes Gefühl aus längst vergangener Zeit wird spürbar und die Grenzen der Zeit verwischen ihre Spuren.

Wenn Mütter immer „Wunder“ sind, weil sie es nie anders erlebt haben, wenn Brüder immer Zauberjungen sind, deren Verlust schwerer wiegt als das eigene Leben, und wenn die fast krankhafte Erwartungshaltung von Vätern gegenüber ihren Kindern sich von einer Generation auf die nächste vererbt, dann erkennt man schnell, welche Kriege sich im Inneren von Ruth Swain abspielen müssen.

Sie sitzt (liegt) zwischen den Stühlen ihrer Ahnen und betrachtet sich selbst, ihren eigenen Charakter, ihre Fähigkeit zu lieben und ihren Umgang mit Verlust. Sie gibt sich als ewig Suchende zu erkennen, die beim Versuch, aus alten Mustern auszubrechen von Tag zu Tag mehr an ihre Grenzen stößt. Und dabei ist sie körperlich am Ende und die bisher erlittenen Verluste sind irreversibel. Unheilbar. An beiden Ufern des Flusses. Das Wasser steigt beharrlich.

„Aeney war ein Zauberjunge. Ich wusste das… Manche Menschen sorgen einfach dafür, dass sich das Leben besser anfühlt. Manchen Menschen begegnet man und spürt, wie einem das Herz ein wenig aufgeht, so ein kleines Ach, weil sie etwas an sich haben, das heller oder zarter, etwas, das schöner oder besser ist als man selbst… Auf sonderbare Weise besser, weil man bis dahin noch nicht gemerkt hat, oder auch vergessen hat, dass Menschen so leuchten können.“

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Ihr Vater Virgil hinterließ ihr dreitausendneunhundertachtundfünfzig Bücher. „Ich werde sie alle lesen, weil ich ihn darin finden werde.“

Dabei verwundert es nicht, dass der Vater von Ruth Swain in dieser Geschichte die dominante Rolle einnimmt, die Väter im Leben ihrer Kinder einzunehmen pflegen. Seine Geschichte entwickelt sich zu einem Wildwasser-Seitenarm dieses Erzählflusses. Sein Leben, sein Streben, sein Versagen, sein Hoffen und seine Leidenschaften werden zu den großen Leitmotiven, die sich auf ganze Familien auswirken.

Seine Liebe zur Literatur, seine überbordende Bibliothek und die Lehren, die er selbst niemals aus Büchern ziehen konnte, stellen mit all den Worten und Gedichten, die er selbst verfasste, sein Vermächtnis dar. Nur hier kann Ruth versuchen, ihre Wahrheiten zu finden. Nur hier, eingebettet (im wahrsten Wortsinn) in eine Gemeinschaft aufrechter Iren, macht sie sich lesend, schreibend, erzählend und erinnernd auf die Suche nach ihrem Vater. Eine Suche, die uns bewegt, weil wir schnell erkennen, dass sie viel mehr finden wird, wenn sie nur in der Lage ist, zwischen den Zeilen zu lesen.

Und wenn sie es schafft, so lange am Leben zu bleiben, bis sich das neue Licht des neuen Tages im Strom ihrer Erinnerungen spiegelt und Wahrheiten enthüllt, die für Ruth schmerzhaft schön sind. Ich bleibe hier auf der Bettkante sitzen. Ich lasse sie auf diesem Weg nicht allein, denn es betrifft mich selbst, was sie mir erzählt. Es ist mehr als nur die Geschichte ihrer Familie. „Die Geschichte des Regens“ ist Metapher für das eigene Leben, denn jeder von uns hat sein Irland. Jeder lebt in seinem Faha. Und jeder steht vor einem Fluss, der mehr ist, als nur ein kleines Gewässer. Wem es gelingt, darüber zu schreiben, der verwandelt sich:

„Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, doch es stimmt: Wann immer jemand Shakespeare liest, wird er zu Shakespeare. Das Gleiche gilt natürlich für Yeats. Das ist so. Ich schwör´s.

„Die Geschichte des Regens“ von Niall Williams (DVA) ist ein fulminanter, epischer und zutiefst poetischer Roman, in dem sich das Leben von Generationen wie ein Fluss auf seine Leser zubewegt. Er ist eine Liebeserklärung an die wahre Macht der Literatur, die Heimat Irland und an die tiefen Wurzeln, die mit dem Begriff Familie verbunden sind. Wenn sich Niall Williams in die Perspektive von Ruth schreibt, lässt er seine Leser zu gebannten Betrachtern, Zuhörern und Lesern ihres Lebens werden.

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Wir lernen nicht nur Faha und seine Menschen kennen, wir folgen in unglaublich bildhaften Beschreibungen einem ganz eigenen Weg von Haus zu Haus. Von Fenster zu Fenster und nehmen die Familien wahr, die dort leben. Wahr nehmen. Ein wichtiges Wortspiel in diesem Zusammenhang. Mitmenschen „wahr zu nehmen“ ist nur eine der tragfähigen Botschaften dieses facettenreichen Romans, der die magische Energie der großen Erzähler ausstrahlt. Ein großer Roman, der sich aus meiner Sicht erfreulich vom Mainstream abhebt.

Eine Warnung zuletztDie Geschichte des Regens verursacht Folgekosten. Wer zuvor nicht „Große Erwartungen“ von Dickens gelesen hat, wird dieses Buch trotzdem lieben. Wer keine Werke von Stevenson oder Yeats in seinem Bücherregal findet, wird tief in diesem Roman versinken. Und trotzdem sollten wir vielleicht auf Ruth hören:

„… und ich wiederum habe beide Ausgaben zwei Mal gelesen und bin jedes Mal zu dem Schluss gekommen, dass die Großen Erwartungen das Größte sind. Falls Sie anderer Meinung sind, hören Sie hier auf, nehmen Sie sich das Buch und lesen Sie es noch einmal. Ich warte solange. Falls ich nicht sterbe.“

Es wird also wohl kaum gelingen, an einigen der Bücher, die hier eine wichtige Rolle spielen einfach so vorbeizugehen, ohne ihnen eine neue Heimat geben zu wollen. Unter meiner Kategorie Bücher über Bücher haben wir es hier mit einem extrem gefährlichen Roman mit großem Suchtpotenzial zu tun. Ich wollte das nur erwähnt haben… Man sollte wieder mehr Gedichte laut lesen, denn…

„Menschen, die auf diese Art Gedichte lesen werden besser, komplexer, liebevoll, leidenschaftlich, zornig, zart und poetisch, ausdrucksstärker und tiefgründiger, einfach um vieles edler.“

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