Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Die Stille des Meeres von Donal Ryan - Astrolibrium

Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Das Meer ist eine tragfähige Metapher für Geschichten voller Tiefgang, tosende Stürme, Flauten ohne jedes Vorankommen, Sehnsucht nach den letzten Abenteuern, rettungsloses Hoffen auf die Sichtung erster Leuchttürme und nicht zuletzt für all die Flüsse, die ihrem Lauf folgen und sich letztlich ins Meer ergießen. Wer eine gewisse Affinität zu den großen Ozeanen unserer Erde verspürt und literarisch immer wieder gerne in See sticht, der wird sicher hellhörig beim Titel des neusten Romans aus der Feder des irischen Schriftstellers Donal Ryan. „Die Stille des Meeres“ vermittelt auf den ersten Blick – auch in Anbetracht des atmosphärischen Wellengang-Covers – das Gefühl, es mit einem wahrhaftigen Meeres-Roman zu tun zu haben. Schaut man sich jedoch den Originaltitel „From a Low and Quiet Sea“ etwas genauer an, dann dürfte schnell klar werden, dass wir es eher mit einer Geschichte zu tun haben, die sich aus der Mitte einer ruhigen und nicht allzu tiefen See an unsere Ufer mäandert. Doch wie wir alle wissen: „Stille Wasser sind tief“ und so ist es auch mit diesem Buch. Es reißt uns mit, entwickelt einen unwiderstehlichen Sog, changiert in den unterschiedlichsten Windstärken und tritt schließlich über die Ufer, um alle Flüsse, von denen es gespeist wird, miteinander zu vereinen.

Es wirkt schon fast wie ein Schreib-Experiment, dem wir in „Die Stille des Meeres“ ausgesetzt sind. Schon der Klappentext bereitet uns auf drei einzelne Geschichten vor, die sich erst am Ende in einer kleinen irischen Stadt auf unwahrscheinliche Weise und mit fatalen Folgen miteinander vereinen. Und schon taucht hier der zweite Eyecatcher auf, der mich dazu führte, diesem Roman zu folgen. Irland. Land der Verheißung und literarischer Sehnsuchtsort, Schauplatz wahrlich großer Romane und Ausgangspunkt bewegender Schicksale, die von Auswanderung, Armut und der Flucht aus einem von der Weltgeschichte zerrissenen Land berichten. Im Gegensatz zu diesen Geschichten jedoch ist es diesmal die Grüne Insel, die zum Schmelztiegel der Geschichten dreier Männer wird. Hier fließt alles zusammen. Hier wird „Die Stille des Meeres“ zu einem tiefgründigen Rauschen und Murmeln von Wellenschlägen, die unsere Ufer erreichen.

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Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Um im maritimen Jargon zu bleiben, den „Die Stille des Meeres vorgibt“ möchte ich meine Wahrnehmung der drei Einzelgeschichten mit einem Aggregatzustand der hohen See überschreiben:

Der Sturm – Farouk

Es ist die Geschichte von Farouk, einem syrischen Arzt, der sich dazu durchringt, seine kleine Familie vor den Folgen des Krieges zu retten. Ein Flüchtlingsschicksal, das wir gerne als typisch bezeichnen würden, dem sich Donal Ryan jedoch literarisch in einer Wucht annähert, die Ihresgleichen sucht. Es sind nur knappe 80 Seiten dieses Buches, in denen er ein Land im Krieg, eine übermächtige Religion und den Vorbehalt beschreibt, unter dem ein Leben steht, das rein westlich orientiert ist. Am Ende steht die Flucht. Die letzte Chance für Farouk, sich selbst, seine Frau und seine Tochter retten zu können. Es ist die Hoffnung, die sie antreibt. Es ist das Entsetzen, das sich in ihnen ausbreitet, als sie das abgewrackte Schiff sehen, das sie nach Europa bringen soll. Es ist die perfide Masche der Schlepper, ihre Schutzbefohlenen zu betrügen. Das Drama ist vorprogrammiert. Das Scheitern auf hoher See nur eine Frage der Zeit. Und es ist die literarische Brillanz, mit der uns Donal Ryan zu Schiffbrüchigen macht. Wir folgen Farouk bis zum fatalen Wendepunkt seines Lebens. Als seine Geschichte endet, war ich den Tränen nah. Hier in eine neue Geschichte einzusteigen fühlte sich an, wie ein „Legere Interruptus“ – ein unterbrochenes Lesen vor dem Höhepunkt.

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Nur die Hoffnung aus dem Klappentext trieb mich weiter. Am Ende sollte ich ihm erneut begegnen, also hinein in die zweite Geschichte. Hinein in eine Begegnung mit jenem zweiten Mann, der dieses Buch prägt. Seine Geschichte überschreibe ich mit:

Die Flut – Lampy

Jetzt sind wir in Irland. Jetzt begegnen wir Lampy, der mit seiner Mutter und seinem Großvater auf dem Land lebt. Eigentlich hat er gerade nur „Scheiße am Schuh“. Seine Mutter verheimlicht ihm, wer sein Vater ist. Sein Großvater nervt mit seinen Witzen auf Kosten anderer Leute und die erste große Liebe Chloe hat ihm den Laufpass gegeben und sein Herz bei ihrer Abreise gleich mit nach Dublin genommen. Sein Leben scheint im Schlick zu versinken, den die Ebbe zurückgelassen hat. Zumindest hat er einen Job als Busfahrer in einem Seniorenheim. Zumindest hier fühlt er sich nützlich. Seine alten Leutchen in den Bus setzen, sie zur Therapie oder zu Verwandten fahren und dann ins Heim zurückbringen. Was soll da schon schiefgehen? Wie die steigende Flut sich dem Alltag von Lampy langsam nähert, ahnen wir, dass aus der harmlosen Fahrt mit seinen Senioren eine Situation erwächst, in der er den Überblick verliert… Kein Vater, den Job als letzten Halt, eine Mutter voller Ausflüchte, die Freundin, die gar keine mehr ist, und ein Großvater, der sich sicherlich über ihn lustig machen wird. Das sind die Aussichten eines Lebens, als wir Lampy am Straßenrand verlassen. Die Flutwelle kommt.

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Die Stille des Meeres von Donal Ryan

Zeit, dem letzten Protagonisten zu begegnen. Ich nenne sein Kapitel:

Die Ebbe – John

Ihm steht der Schlick sprichwörtlich bis zum Hals. Das Lebenselixier Wasser hat sich zurückgezogen und ihm bleibt nur noch dieser letzter Versuch, mit sich und Gott seinen Frieden zu machen. Es ist eine Beichte, die John in der letzten Stunde seines Lebens ablegt. Und er hat viel zu erzählen. Der große Manipulator und Betrüger hat zeitlebens im irischen Ardnamoher die Strippen gezogen. Ob es die Verluste seines Lebens waren, die ihn zum Betrüger, Erpresser und schamlosen Lobbyisten gemacht haben? Wer weiß das schon.. Er versucht sich zaghaft in Ausflüchten, doch je näher sein Ende kommt, desto drängender wird die Frage, ob er mit seiner Lebensbeichte überhaupt seinen Schöpfer erreichen kann. John hatte nie anderes im Sinn, als Hass zu säen, Profit aus Gerüchten zu ziehen und sich an den Menschen seiner Heimat zu bereichern. Jetzt rechnet er mit sich ab, während das Lebensmeer sich zurückzieht. Auch hier gelingt es Donal Ryan, uns in einem außergewöhnlichen Beichtstuhl zum Zuhörer einer verlorenen Seele zu machen. Ob wir ihm seine Reue abnehmen oder nicht, sie ist essenziell für „Die Stille des Meeres„…

So lässt uns der Autor am Ende von drei Geschichten zurück, bevor er schließlich sein letztes Kapitel aufschlägt. Ein Kapitel, dem wir entgegenfiebern, eine letzte Welle eines stillen Meeres, das uns so sehr bewegt hat. Es ist dieser Spannungsbogen, der mich bis zum Ende trieb. Wie wollte der Autor diese drei Geschichten auf wundersame Weise miteinander verbinden? Wie wollte er auf einen Nenner bringen, was bisher für mich nur lose Enden waren? Zu weit voneinander entfernt bewegten sich drei Männer durch das Setting ihrer jeweiligen Geschichten. Sollte sein Finale „Seeinseln“ halten, was der Klappentext so geheimnisvoll angedeutet hatte?

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Der Gezeitentümpel – Meine Überschrift für das Ende

In „Die Nordsee“ von Tom Blass wurde ich auf diesen Ausdruck aufmerksam. Es sind kleine Seen, die von Stürmen verursacht werden, all das beinhalten, was die Flut angespült hat und was die Ebbe zurücklässt. In diesen Zeittümpeln bilden sich kleine Inseln, die bis zur nächsten Flut Bestand haben. Ein Brennglas der Zeit. Ein solcher „Gezeitentümpel ist es, in den uns Donal Ryan am Ende eintauchen lässt. Hier sind die Spuren seiner drei Geschichten zu finden. Hier vereinen sie sich und als Leser ist es nicht mehr die Frage, wie ihm diese Vereinigung gelingt. Die Frage lautet eher, wann und wo man selbst die Verbindungslinien hätte sehen können. Brillant konstruiert und großartig erzählt. Er führt uns die Zufälligkeiten des Schicksals vor Augen, spielt mit unserer Wahrnehmung und ruft uns aus der Stille des Meeres zu, dass es ja vielleicht gar keine Zufälle gibt. Es ist ein Roman der Bestimmung. Es ist eine Antwort auf die Frage, was es bedeutet, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Oder eben nicht. Versagen, Verlust und Hoffnung spiegeln sich in der Oberfläche dieses kleinen Gezeitentümpels wider. Ein würdiges Ende für einen lesenswerten Roman.

Weitere Meeresbücher in der kleinen literarischen Sternwarte. Meer geht immer! Und literarische Reisen nach Irland sind immer lesenswert. Hier geht´s lang!

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Annie Dunne von Sebastian Barry

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Annie Dunne von Sebastian Barry

Ach, Kelsha ist ein abgelegener Ort, hinter den Bergen, ganz gleich, von wo man kommt. Man muss über die Berge, um dorthin zu gelangen, und schließlich durch Träume.

Seid Ihr bereit, mir nach Irland zu folgen? Seid Ihr bereit, mit mir über die Berge ins County Wicklow zu ziehen, um eine besondere Frau kennenzulernen? Seid Ihr bereit, durch Eure Träume zu gehen, damit ich Euch mit Annie Dunne bekannt machen darf? Dann seid herzlich willkommen auf der ewig grünen Insel und damit zugleich an einem der wohl größten Sehnsuchtsorte in der weiten Welt der Literatur. Es sind ihre Mythen, die einzigartigen Menschen und die urwüchsige Landschaft, die uns seit jeher in ihren Bann ziehen. Es sind Geschichten von Auswanderern, die ihre Heimat hinter sich und ihren Familien ließen, um ihr Glück in der Ferne zu suchen. Es sind Geschichten von denjenigen, die zu Hause blieben und mit ansehen mussten, wie sich ihre Heimat teilte und zerbrach. Irland – Insel der Poesie, Schmelztiegel bewegender Folklore-Musik und Schauplatz menschlicher Dramen. Kaum ein anderer Ort auf unserer Welt verfügt über so viel fruchtbare Muttererde für Legenden und große Romane.

Einen solchen Roman möchte ich Euch gerne ans Herz legen.Annie Dunne aus der Feder von Sebastian Barry – Steidl Verlag – ist voller Emotion, strahlender Poesie und Ehrfurcht gebietendem Tiefgang. Er versetzt uns in einen unvergesslichen Rausch des Lesens und schreibt uns eine Frau in die Seele, der man wahrhaftig begegnet sein muss, wenn man das gute Lesen liebt. Sebastian Barry passt sein Schreiben dem Lauf der Dinge an, der im Jahr 1959 den Alltag auf dem Land dominierte. Es ist eine kleine Farm, die zu bewirtschaften ist, es sind die täglich wiederkehrenden Pflichten, die dem einfachen Leben ihren Stempel aufdrücken und es ist die Zeit, die so langsam vergeht, dass man sich viele Gedanken über das eigene Leben machen kann. Mit Idylle hat das nicht viel zu tun. Es ist der alternativlose Überlebenskampf am Rande dessen, was man als absolutes Existenzminimum bezeichnen muss. Und doch ist es die geliebte Heimat die hier beackert wird. Der letzte Zufluchtsort von Annie Dunne.

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Annie Dunne von Sebastian Barry

„Bei Tageslicht öffnet und weitet sich die Farm, die furchterregenden Schatten fliehen aus den feuchten Bäumen…“

Hier ist sie gelandet. Annie Dunne, das irische Mauerblümchen. Mit ihren über 60 Jahren, am Ende der Enttäuschungen, die das Leben für sie auf Lager hatte, bleibt ihr als obdachlose alleinstehende Frau nur die Großherzigkeit ihrer gleichaltrigen Cousine Sarah, die Annie Unterschlupf gewährt. Mehr als eine recht windschiefe Hütte und ein Bett, das sich die beiden älteren Damen teilen müssen, hat jedoch auch Sarah nicht zu bieten. So gehen sie gemeinsam durchs karge Leben. Die Tage werden kürzer und in den gemeinsamen Alltag schleichen sich die ersten Beschwerden des Alters ein. Hier erleben wir Irland von seiner unbarmherzigen und wenig wildromantischen Seite. Wir erleben die entbehrungsreichen Tage aus der Perspektive von Annie Dunne, die dem bescheidenen Dasein immer noch eine positive Seite abgewinnen kann. Alternativen? Fehlanzeige.

Sebastian Barry erzählt die Geschichte einer bedauernswerten Frau, die sich an die trügerische Sicherheit der Gegenwart klammert. Die Bucklige, nie Geliebte und zu oft an den Rand Gedrängte, die Frau, die ihre einzige Liebe erfinden musste, um nicht vollends vor den Trümmern des Lebens zu stehen, blickt ihrem Lebensabend entgegen. Hoffend, dass sich nichts mehr zum Schlechten ändert. So ruhig wie diese Geschichte durch unsere Gedanken fließt, so unausweichlich erahnen wir, dass dieser träge Fluss auf einen Wasserfall zurauscht, der das Ende bedeuten kann. Die beiden Neffen von Annie Dunne kommen zu Besuch. Der Junge und das Mädchen bringen zwar frischen Wind auf die Farm, führen Annie und Sarah jedoch vor Augen, was sie niemals haben werden. Kinder und eine Zukunft. Wie im Gefühl einer Torschlusspanik beschließt die Cousine von Annie ihr Leben zu ändern. Und Änderung bedeutet für Annie nicht mehr und nicht weniger als die erneute Obdachlosigkeit.

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Annie Dunne von Sebastian Barry

Dieser Roman ist so irisch, wie ein Roman nur sein kann, der in Irland spielt. Wir erleben den Abgesang auf ein altes Land, in dem das englische Königshaus das Sagen hatte. Wir erleben die Verwundungen derer, die von der Geschichte fortgeweht wurden und dem Freiheitskampf weichen mussten. Wir werden Freunde von Annie Dunne, die dieses verschwundene Irland scheinbar ganz alleine zu schultern hat. Wehmütig blickt sie zurück auf die eigene Kindheit. Wehmütig erkennt sie, dass sich ihr Leben seitdem zu einem wagemutigen Ritt auf dünnem Eis verändert hat. Es bricht uns das Herz, nun zu erkennen, dass erneut die Gefahr besteht, dass Annie an den Rand gedrängt wird. Und doch haben wir es mit einer kämpferischen Frau zu tun, der wir nicht in die Quere kommen wollten… 

„Was ist das für ein Altwerden, wenn selbst der Motor, der unsere Verzweiflung und unsere Hoffnung im Gleichgewicht hält, anfängt, uns im Stich zu lassen?“

Annie Dunne wirft ihren Motor an, um ihre Vision einer bescheidenen Zukunft an der Seite von Sarah nicht zu verlieren. Jetzt sollte man sich der alten Annie besser nicht in den Weg stellen. Eine Geschichte voller Empathie, emotionaler Wahrhaftigkeit und Magie. Eine Frau, der wir sehr gewünscht hätten, jemals richtig geliebt zu werden. Eine Träumerin, die allzu leicht aus ihrem Gleichgewicht zu bringen ist. Hier prallen sie aufeinander: Die Lebensentwürfe, die im Irland des Jahres 1959 noch toleriert wurden und die traditionellen Ansichten über die Rolle einer Frau. Aber: Es ist eine Rechnung, die man ohne Annie Dunne gemacht hat.

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Annie Dunne von Sebastian Barry

Sebastian Barry gehört zweifelsfrei zu den besten irischen Autoren unserer Zeit. Sein Schreiben verkörpert die Sprachmelodie der immergrünen Insel so sehr, dass es unmöglich ist, sich dem Zauber dieser besonderen Welt zu entziehen. Dabei erzählt er keine melodramatischen Rührstücke voller Lokalkolorit. Bei seinen Romanen stehen die Menschen im Mittelpunkt, die nicht nur Irland den Stempel aufgedrückt haben. Ich bin Sebastian Barry durch die Welt seines Schreibens gefolgt… Es sind irische Romane, ganz egal, wo auch immer sie von ihm angesiedelt werden…

Ein langer, langer Weg„, „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde„…

AstroLibrium und Irland – Ein besonderes Verhältnis. Hier geht´s lang

Ebenfalls sehr lesenswert: Annie Dunne auf LiteraturReich

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Annie Dunne von Sebastian Barry

Der Abstinent von Ian McGuire

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Der Abstinent von Ian McGuire

Wenn man den Namen des Schriftstellers Ian McGuire auf einem Buchumschlag liest, sollte man sich schon gut überlegen, ob man einen Roman aus seiner Feder auf dem Büchertisch ignorieren darf. Spätestens seit Nordwasser sollte sich die Kunde verbreitet haben, dass der britische Erfolgsautor nicht nur viel zu erzählen hat, sondern wie er es erzählt. Die Walfangreise an Bord der „Volunteer“ mutiert zum einzigartigen Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer. Der Walfang allein reicht ihm nicht aus. Ian McGuire entfacht ein maritim geprägtes rechtsmedizinisches Inferno, in dem einem das Wasser bis zum Halse steht. Ich schrieb zu „Nordwasser„:

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Jetzt ist Ian McGuire wieder zurück. Es ist „Der Abstinent„, der uns ins England des Jahres 1867 entführt. Es ist ein historisches Szenario, das er als Impuls für den neuen Roman für sich entdeckte. Es ist die Zeit des irischen Widerstandes gegen das britische Königshaus. Ein Widerstand, der brutal niedergeschlagen werden soll. Ganz egal, wo er zutage tritt. Zum Beispiel in Manchester – fernab von der grünen Insel…

„Eine Krähe krächzt, als zöge man einen trockenen Korken aus einer Flasche; irgendwo am Fluss klappern Wagenräder und ein Pferd wiehert. Einen langen Augenblick stehen die drei Männer Seite an Seite unter dem schweren Eichenbalken wie grob gehauene Karyatiden, getrennt und doch vereint,
dann erschreckend plötzlich sind sie weg.“

Hier werden am 23. November 1867 drei Todesurteile vollstreckt. Öffentlich zeigen die royalen Machthaber, wie sie mit den „Fenians“, den irischen Terroristen umgehen. Ihre Anschläge tragen den Konflikt von Irland ins Herz ihres Feindes. Die große irische Community in Manchester scheint das ideale Brutnest für ihren Freiheitskampf zu sein. Dass man durch die Hinrichtung der Iren die Gewaltspirale erst recht beschleunigt und Märtyrer erzeugt, scheint den Regierenden egal zu sein. Jedes Mittel ist erlaubt. Darin zumindest sind sich die Konfliktparteien einig. Vom Polizistenmord bis zur Vergeltung, die Distanz zwischen Ursache und Folge schrumpft in sich zusammen und genau hier lässt Ian McGuire seine Protagonisten agieren. Auf beiden Seiten der formierten und geschlossenen Reihen.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Wer hier von Ian McGuire einen ausschweifenden historischen Roman erwartet, der en passant auch noch die Hintergründe des irischen Freiheitskampfes in aller Tiefe erläutert, komplexe historische Beschreibungen der Geschichte dieses Konflikts in den Mittelpunkt stellt und sozio-politische Themen im Spiegel der Zeit thematisiert, der sieht sich schnell getäuscht. Dieser Kampf ist ein Stellvertreterkrieg für alle Szenarien in der Weltgeschichte, die geeignet erscheinen, große Geschichten von einsamen Wölfen zu erzählen, die im Clash of Conflicts aufeinanderprallen. Hier geht es unvermittelt und im gestreckten Galopp zur Sache. Hier wirkt die Hinrichtung der Fenians wie der Aufzug eines Theatervorhanges, um uns einen ersten Blick auf die verfeindeten Kontrahenten werfen zu lassen. Hier betritt „Der Abstinent“ die Bühne des Freiheitskampfes. Und er betritt sie nicht allein….

Hier zeigt Ian McGuire seine größte Stärke. Es ist die Nähe zu seinen Protagonisten, die seine Romane zu psychologisch wertvollen Charakterstudien macht. Er führt seine Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten, mit ihren persönlichen Geschichten und in aller Tiefe ins Gefecht und verwischt alle Grenzen zwischen Gut und Böse. Er gewährt tiefe Einblicke hinter die harte Schale seiner Antihelden und macht uns zu Gefährten in schwierigen Zeiten, Komplizen im Verrat, Mitwissern bei gefährlichen Plänen und nicht zuletzt zu Mittätern, wenn wieder einmal die „Rules of engagement“ verletzt werden. Es ist der irische Polizist, der aus Dublin nach Manchester geschickt wird, um bei seinen Landsleuten Spitzel anzuwerben, um den Fenians jetzt zuvorzukommen. Für Constable James O´Connor ist dieser Job alternativlos. Eine Bewährungsprobe. Jetzt, abstinent und fern der Heimat, kann er wieder zeigen, was in ihm steckt. Ein harter Hund mit dem Instinkt eines Jagdhundes, in dem die Vergangenheit sehnsuchtsvoll schlummert.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Was er nicht ahnt, die Fenians sinnen auf Rache für die hingerichteten Patrioten und setzen dabei auf ein in Manchester unbeschriebenes Blatt. Der frisch aus Amerika eingereiste irische Bürgerkriegsveteran Stephen Doyle handelt nach der Maxime, im Krieg ist alles erlaubt und jeder Zweck heiligt die Mittel. Es entwickelt sich ein gewagtes Katz- und Mausspiel zwischen den beiden einsamen Wölfen. So unterschiedlich sie in ihren Zielen sind, so sehr ähneln sich ihre Charaktere. Getrieben vom Irrglauben, einer Sache verpflichtet zu sein. Gelenkt von der Idee, die Wahl der Mittel nur in der eigenen Hand zu haben. Unbeirrt in der Sichtweise, sich selbst auf einem fatalen Opfergang zu befinden und verwundert, wenn nicht sie den Ereignissen zum Opfer fallen. Das ist der Stoff, aus dem große Romane gewebt sind. Zwei Männer, innerlich verletzt und voll von durchlebten Verlusten, instrumentalisiert und fremdgesteuert, liefern sich nicht nur den Showdown dieses Romans. Sie liefern sich den Showdown ihres Lebens.

Ian McGuire bleibt seinem Erzählstil treu. Er schreibt Klartext, er beschönigt nicht in seinen Beschreibungen von Lebensumständen, Erfahrungen und Leid. Er erweitert den Erzählraum um ein paar wichtige Charaktere, an denen sich seine Hauptakteure reiben und aufreiben. Er bringt Liebe und Zuneigung ins Spiel, wo alles nach verbrannter Erde riecht. Er lässt sehnsuchtsvolle Momente zu, wenn Hass regiert. Und er wechselt nicht nur gekonnt die Perspektiven, sondern auch die Schauplätze. Eine Jagd, die eigentlich in Manchester begann, wird im fernen amerikanischen Harrisburg fortgesetzt. Es sind auch hier die ausgewanderten Iren, die ihrer fernen Heimat die Treue halten. Ein Spiel um Vaterlandsliebe, Loyalität und die eigenen Prinzipien. Der Einsatz ist hoch.

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Der Abstinent von Ian McGuire

„Wir stecken alle fest im selben, großen, sich langsam drehenden Hamsterrad, denkt er. Wir glauben, wir kommen voran, aber in Wahrheit geht es immer nur
im Kreis.“

Der Abstinentist alles andere als enthaltsam. Dieser Roman macht trunken vor purer Lesefreude. Gerade wird „Nordwasser“ von der BBC als Serie mit Colin Farrell in der Hauptrolle verfilmt. Man kann nur hoffen, dass „Der Abstinent“ auch einen Weg findet, um vom Kopfkino zum opulenten Realkino zu werden.

Folgen Sie mir zu weiteren Buchvorstellungen bei AstroLibrium, die uns das ewig sehnsuchtsvolle Herz der „Grünen Insel Irland“ näherbringen. Von Auswanderern und den unsterblichen Mythen, von der Geschichte des Regens bis ins ferne Brooklyn, von einem Freund der Toten bis zu den Tagen ohne Ende. Irland ist ein weites literarisches Feld, das jede Reise lohnt. Ich folge jetzt Sebastian Barry auf eine kleine irische Farm und freue mich auf die Begegnung mit „Annie Dunne„. Hier stelle ich sie Ihnen vor.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Tage ohne Ende von Sebastian Barry

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Sebastian Barry gehört zweifelsfrei zu den besten irischen Autoren unserer Zeit. Sein Schreiben verkörpert die Sprachmelodie der immergrünen Insel so sehr, dass es unmöglich ist, sich dem Zauber dieser besonderen Welt zu entziehen. Dabei erzählt er keine melodramatischen Rührstücke voller Lokalkolorit. Bei seinen Romanen stehen die Menschen im Mittelpunkt, die nicht nur Irland den Stempel aufgedrückt haben. Es sind die Legionen von Auswanderern, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihren Lebensraum verließen, um ihr Glück in der Fremde zu suchen. Es war die tiefe Armut, die dafür verantwortlich war, dass die von der Britischen Krone unterdrückten Arbeiter und Bauern in die Welt zogen. Die Besiedelung der Vereinigten Staaten von Amerika wäre ohne irische Einwanderer nicht möglich gewesen. Städtebau, Eisenbahnen und nicht zuletzt die amerikanische Armee wären undenkbar ohne irisches Blut.

Als starrköpfig, heimatverbunden, treu, trinkfest und verwegen werden Iren nicht nur in der Literatur bezeichnet. Sie stehen auch heute noch zu den weitverbreiteten Klischees und Zerrbildern, weil sie sich gut damit arrangieren können. Es ist der große Stolz auf das grüne Kleeblatt, der sie eint und doch wurden sie von der Weltgeschichte oft genug so weit verwirbelt, dass sie sich in fremden Ländern plötzlich gegeneinander kämpfen sahen. Auf nicht wenigen Schlachtfeldern im 19. Jahrhundert erlebte man auf beiden Seiten der formierten Schlachtreihen das grüne Kleeblatt und die Harfe auf den Fahnen der gegnerischen Parteien. Für waschechte Iren ein wahrer Schock, von dem sie sich lange nicht erholen sollten. Ein tiefer Riss durch eine gemeinsame Geschichte, der sich wie eine nie vernarbte Wunde durch die Jahrhunderte zog. Sebastian Barry schrieb auch darüber…

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Wenn man das berücksichtigt, ist es schwer, seinen Roman Tage ohne Ende in ein Genre-Schema zu fassen. Was sich augenscheinlich wie ein Western anfühlt und im Gewand einer uramerikanischen Erzählung über Indianerkriege, die Besiedlung des Wilden Westens und den Bürgerkrieg daherkommt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein irischer Roman, den es an einen anderen Schauplatz verschlagen hat. Sebastian Barry ist virtuos darin, sich ein Land und seine Geschichte untertan zu machen, wenn es darum geht von den Menschen zu erzählen, die ihm am Herzen liegen. Er ist nichts anderes als ein irischer literarischer Auswanderer, der sein Glück auf fremdem Boden sucht. Das muss man wissen, bevor man sich der Szenerie nähert, die sich wie „Tage ohne Ende“ durch das Lesen zieht. Es ist der tiefe irische Grundton einer Erzählung, der hier die Fanfarenstöße der US-Kavallerie ersetzt. Es ist das Kleeblatt und die Harfe auf den Flaggen der Konföderierten und Unionssoldaten, das zum Hoheitszeichen der Soldaten wird, unter dem sie kämpfen.

Western? Kriegsroman? Indianerstory? Western-Trail-Erzählung? Was denn nun, fragen wir uns, wenn wir am Ende der ersten „Tage ohne Ende am Lagerfeuer sitzen und unseren beiden Weggefährten Thomas McNulty und John Cole zuhören. Nichts von alledem oder alles im neuen Gewand? Aus meiner Sicht ist dieser Roman alles und doch wieder nur fragmentarisch das, was man von ihm halten mag. Er ist Sozialstudie und Psychogramm seiner Protagonisten zugleich, fordernd und sogar überfordernd für Leser und Rezensenten, weil sie nicht zu fassen bekommen, was sie hier erwartet. In großen Aufzügen erfüllt Sebastian Barry die Erwartungen an den Wilden Westen des ersten Drittels im 19. Jahrhunderts. Man schmeckt das Land, man riecht die Menschen und fühlt die Einsamkeit von zwei jungen irischen Einwanderern, die um ihr Überleben kämpfen. Als Mädchen verkleidet treten die beiden 17-jährigen Jungs in einem Saloon auf. Frauenmangel schrieb die seltsamsten Geschichten. Dies ist eine davon.

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Kein Job, den man lange durchhalten kann. Besonders, weil nur die eigene Jugend dem Beuteschema der Saloon-Kunden entspricht. Für den miesesten Lohn aller Zeiten verpflichten sich die Jungs zum Dienst in der US-Kavallerie. Jetzt sind wir mittendrin im typischen Atemhauch eines Westerns. Indianerkriege, Geleitschutz für Siedlertrecks in unwirtlicher Landschaft, das Fort Kearny mit seinem endlosen Mangel an allem und die Kameradschaft der Soldaten. Und doch unterscheidet sich alles vom Western, wie man ihn sich eigentlich vorstellt. Sprachlich verzaubert uns Sebastian Barry mit der Stimme von Thomas McNulty, aus dessen Sichtweise er diese Geschichte erzählt. Fast schon Slang, nicht gestelzt und fein ausformuliert, verknappt und pur entdecken wir Seiten an unseren Weggefährten, die das Genre zu sprengen scheinen. Thomas und John sind nicht nur durch ihr Schicksal miteinander verbunden. Es ist aufrichtige Liebe und eine verzweifelte Leidenschaft, die sie in den schlimmsten Momenten ihres Lebens retten.

An dieser Stelle zeigen sich die Probleme von Lesenden und Rezensenten, die nur kaum in Worte fassen können, was ihnen nun begegnet. Von „schwulen Soldaten“ ist oft die Rede, von „Homosexualität im Western“ den „beiden verliebten Soldaten“ und schon zieht man Vergleiche zu „Brokeback Mountain“, einem Film, in dem dieses Thema im Cowboy-Milieu die zentrale Rolle spielt. Völlig daneben, diese Vergleiche. Was sich mit drei Zitaten leicht belegen lässt. Sehen wir uns nur an, warum Thomas McNulty nach dem Dienst an der Waffe Frauenkleider anzieht, um seinen inneren Frieden zu finden:

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Ich fühle mich als Frau, mehr als ich mich je als Mann gefühlt habe, trotzdem ich einen Großteil meines Lebens Soldat gewesen bin.

Als Frau bin ich entspannt, als Mann verkrampft. Als Mann sind meine Glieder gebrochen, als Frau geheilt. Ich lege mich mit der Seele einer Frau zu Bett wache auch mit ihr auf.

Vielleicht bin ich als Mann zur Welt gekommen, und ich habe mich in eine Frau verwandelt. Vielleicht war der Junge, dem John Cole begegnete, schon damals ein Mädchen.

Hier haben wir eine zutiefst authentische Geschichte über eine „Trans-Frau“ vor uns, die sich im Alltag als Mann verkleiden muss, um im Wilden Westen überleben und durchhalten zu können. Aus der Sicht von Thomas McNulty erleben wir jene Massaker an der indianischen Urbevölkerung, wir ziehen in den Bürgerkrieg, kämpfen in brutalen Schlachten gegen irische Landsleute, desertieren und werden wieder aufgespürt. Und dabei tobt das eigentliche Gefecht in Thomas selbst. Nur John Cole bleibt ihm treu bis zur Selbstaufgabe. Ein großer irischer Roman, das sagte ich bereits. Eine Geschichte voller Wendungen und unerwarteter Höhepunkte. Eine Liebesgeschichte zweifelsohne und auch die Geschichte einer Rettung…

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Beiden gelingt das Unerwartete. Sie werden für die kleine Indianerin Winona zu richtigen Eltern. Sie nehmen das Mädchen als Tochter in ihr Leben. Die Überlebende des großen Massakers, an dem beide beteiligt waren, wächst bei ihnen auf, bis sie von der eigenen Geschichte eingeholt werden. Eine facettenreichere Geschichte kann man kaum erwarten. Eine authentische Geschichte voller Zuneigung und Brutalität, Krieg und Seelenfrieden, innerer Zerrissenheit und Suche nach Akzeptanz. Und nebenbei sogar noch die Geschichte des Wertekanons, auf dem die amerikanische Verfassung gerne beharrt, ihn aber im täglichen Leben konterkariert. Es sind „Tage ohne Ende„, die es tief ins Leseherz schaffen.

Meine Geduld wurde bestätigt. Ich wollte das Buch erst lesen, wenn die Fortsetzung am Horizont sichtbar wäre. Im September erscheint nun Tausend Monde ebenfalls bei Steidl. Hier erzählt uns das Lakota-Mädchen Winona seine Geschichte. Auf diesen Perspektivwechsel bin ich mehr als gespannt und ich werde natürlich berichten. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass dieser Roman erneut die Grenzen dieses Genres sprengen wird. Versprochen. Ich werde Winona begleiten. Hier geht es weiter!

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Weitere Western bei AstroLibrium finden Sie hier. Über Sebastian Barry schrieb ich anlässlich seines Romans Ein langer, langer Weg. Und nach Irland möchte ich sie auch gerne literarisch entführen. Hier geht´s lang. Lesen Sie gut.

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Weiter geht´s mit Sebastian Barry: „Annie Dunne“ – Auf nach Irland

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

„Der Freund der Toten“ von Jess Kidd

Der Freund der Toten von Jess Kidd

„Ein Mann könnte fast vergessen, weshalb er hergekommen ist,
wenn die wunderbare Mulderrig-Nacht ihm alleine gehört.“

Dieses Zitat aus dem Roman Der Freund der Toten von Jess Kidd, erschienen im DuMont Buchverlag, hat große Bedeutung für mich. Ich habe es während des Lesens in meinen Gedanken so oft umformuliert und vor mir hergetragen, weil es den tiefen Kern der Lese­gefühle, die mich durch dieses Buch getragen haben, widerspiegelt. Ein Mann könnte wirklich ver­gessen, warum er hergekommen ist, wenn dieses wunderbare Buch ihm alleine gehört. Mir jedenfalls ging es so. Ich vergaß die Welt um mich herum, wollte ein­fach nur lesen und dachte in keinem Moment daran, was am Ende des Romans auf mich warten würde.

Selten entführen mich Romane so umfänglich in eine ganz eigene Welt. Selten bin ich derart gefesselt, dass ich keine Rahmen­bedingungen hinterfrage, Plausi­bili­täten auf den Zahn fühle oder die Fantasie über meinen zweifelnden Realismus siegen lasse. Ich bin offen dafür, aber nicht viele Autoren legen den emotionalen Schalter in mir in einer solchen Dimension um, wie es Jess Kidd mit ihrer Sprache, ihrer Romanidee und ihren Charak­teren gelungen ist. Ich wurde zum Treibgut in einer Geschichte, deren Strömung teils sanft vor sich hin strudelt, über ungeahnte Tiefen führt, bis sie schließ­lich in einem tosenden Wild­wasser­strom gipfelt. Eine Rafting-Lesereise der besonderen Art…

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Ich bin zurück in Irland. Irland. Immer wieder sind Geschichten, die hier angesiedelt sind auch von der mystischen Atmosphäre inspiriert, die über der grünen Insel weht. Es sind der be­son­dere Heimatbegriff, die Verbun­denheit mit der Natur, Tradi­tionen und die alten Legen­den, die wir mit Irland verbinden und die unser Leserherz öffnen, wenn wir in einer guten Geschichte auf die Menschen treffen, die hier leben. Mulderrig heißt das Reiseziel. Ein im eigent­lichen Sinne eher ver­schla­fenes kleines Nest, in dem so gut wie nie etwas passiert. Sieht man mal von dem ab, was niemals hätte geschehen dürfen.

Jess Kidd führt uns Mulderrig in zwei Zeit­scheiben vor Augen. Handlungsfäden, in denen die Bewohner des idyllischen Örtchens die Konstante darstellen, ver­knüpfen die Geschichte zu einem dichten Teppich, der 1950 entstand und 1976 zum ersten Mal von jemandem betreten wird, der ihn niemals hätte betreten dürfen. 26 Jahre ist es her, seit Orla Sweeny Mulderrig mit ihrem Baby verlassen hat. Jahre die nichts anderes bewirkt haben, als grünes Gras über die Sache wachsen zu lassen. Verdrängt. Vergessen und weit weg sind die Ereignisse von einst.

Nur uns Lesern steht klar vor Augen, was im Mai 1950 geschehen sein muss. Das erste Kapitel des Romans lässt keinen Zweifel daran, was Orla zugestoßen ist. Wir sind Zeugen des dunklen Geheimnisses, das mehr als zwei Jahr­zehnte in Mulderrig aus den Köpfen und Her­zen der Menschen verdrängt wurde. Scheinbar für immer. Bis 1976 ein ungewöhnlicher Mann auftaucht und das verschla­fene Nest aus dem Koma reißt. Sein Name ist Mahony. Ein wenig abgehalftert wirkt der Mann, der im Alter von 26 Jahren in den Ort zurück­kehrt, in dem er zur Welt gekommen ist. Sein Weg bis hierher? Typisch für ein Findel­kind. 1950 vor einem Kinderheim ausgesetzt, strengstens erzogen, keine schöne Kindheit, in falsche Kreise geraten und als klein­krimineller Hippie durchs Leben gemogelt.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Zwei Welten, die einander nie begegnet wären treffen nun aufeinander. Menschen, die sich niemals hätten sehen dürfen, stehen sich nun unversehens gegenüber und das Gras, das man über der verschwun­denen jung­en Mutter wachsen ließ, beginnt sich zu rühren. Und alles wegen eines Briefes, den Mahony erst vor wenigen Tagen erhielt.

„Dein Name ist Francis Sweeny.
Deine Mammy war Orla Sweeny .
Du bist aus Mulderrig, County Mayo.
Deine Mammy war die Schande von Mulderrig…
Sie lügen alle, also sei auf der Hut.“

Nun ist er da. Verwegen, langhaarig, ungepflegt aber attraktiv und auf der Suche nach dem Geheimnis seiner Mutter. Mahony zeigt sich, er sieht das Erkennen in den Augen der Menschen, weil er die Augen seiner Mutter hat. Er stößt auf Schweigen. Ein Schweigen, das seit 26 Jahren wie ein fester Mantel des Ein­vernehmens dicht gehalten hat. Doch nun bröckelt die oberste Schicht, als Mahony in der alten Schauspielerin Mrs. Cauly eine treue Verbündete findet. Die zwar gebrechliche, aber äußerst furcht­lose und angriffs­lustige Frau, die nichts mehr zu verlieren hat, schmiedet einen kreativen Plan.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Jess Kidd fasziniert mit der tiefen Charakterzeichnung von Menschen im Wandel der Zeit. In Rückblenden wird das Mulderrig des Jahres 1950 greifbar. Die Wurzeln aus der Ver­gangen­heit reichen bis zum Jahr 1976. 26 Jahre sind nicht viel Zeit, um vor der Geschichte zu fliehen. In dem kleinen irischen Ort entwickelt sich ein spannendes Katz- und Mausspiel zwischen schlechtem Gewissen, Loyalität, Angst, Hass und Mut. Alleine diese Ingre­dienzien hätten für eine grandiose irische Ge­schichte völlig ausgereicht. Nur nicht aus Sicht der Autorin, der es gelingt, diese Story um eine Dimen­sion zu erweitern, die das Mulderrig unserer Wahr­nehmung zu einem Traum- und Herzensort in unserem Lesen werden lässt. Jess Kidd gibt all jenen Raum, die nicht mehr für sich selbst reden können. Sie lässt das mystische und magische Irland von der Leine, sie gibt Legenden Raum und lässt Mahony wahrnehmen, was nur wenige wahrhaben wollen.

Er ist „Der Freund der Toten“. Er nimmt sie wahr, sie begleiten ihn und öffnen in der unglaublich atmos­phärischen Beschreibung der Verstorbenen die Tür zu einer Welt, in der Mulderrig in fahlem Licht erscheint. Es sind die melan­cholischsten Augenblicke des Lesens, ihnen zu begegnen. Dem alten Trinker, der verzweifelt versucht im Pub an ein Bier zu gelangen. Der alten Lehrerin, die ihre alte Schule argwöhnisch im Blick behält und die kleine Ida Munnelly, die nur sieben Jahre alt werden durfte und seit ihrem Tod auf der Suche nach ihrem gelben Jojo ist.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Jess Kidd beschwört den Geist von Jean Paul Sartre und lässt ihre Leser oft an das Drehbuch „Das Spiel ist aus“ denken. Bewegend und skurril, emotional und traurig ist es, den Toten zu begegnen, die nur Mahony sieht, weil er bereit für sie ist. Und sie sind es für ihn. Ein Roman auf zwei Ebenen, der uns keine Sekunde an der Existenz dieser Geister zweifeln lässt. Ein Roman, der durch die Perspektiv­vermischung besticht. Eine Ge­schich­te, die in Mahony einen unvergesslichen Prota­gonisten hat, der beide Seiten unserer Existenz spürt. Unvergessen bleiben für mich seine Begeg­nungen mit der toten Ida und ihrer Mutter, die immer noch lebt. Unvergessen auch, warum Mahony die Toten sieht und warum sie ihm helfen, das Rätsel zu lösen:

„Die Toten zieht es zu den Verwirrten und Unge­schrie­benen, den Beschädigten und Gebrochenen, zu denen mit großen Rissen und Lücken in ihrer Geschichte, die die Toten gerne füllen würden. Denn die Toten haben gebrauchte Geschichten für dich, wenn du sie hereinlassen würdest.“

Lasst diesen Roman in eurem Verstand zu. Spielt das mystische Gedankenspiel der Autorin mit und schließt ab und an das Buch und stellt euch vor, wer euch beim Lesen beobachtet. Genießt die Poesie der Beschrei­bungen, die unfassbar gut erzählte Story und einen Ausflug in ein Irland, das irischer nicht sein könnte. Und grüßt bitte die kleine Ida von mir, wenn ihr sie trefft. Ich habe da ein Jojo gefunden.

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Der Freund der Toten von Jess Kidd – Irland und AstroLibrium