Annie Dunne von Sebastian Barry

Annie Dunne von Sebastian Barry - Astrolibrium

Annie Dunne von Sebastian Barry

Ach, Kelsha ist ein abgelegener Ort, hinter den Bergen, ganz gleich, von wo man kommt. Man muss über die Berge, um dorthin zu gelangen, und schließlich durch Träume.

Seid Ihr bereit, mir nach Irland zu folgen? Seid Ihr bereit, mit mir über die Berge ins County Wicklow zu ziehen, um eine besondere Frau kennenzulernen? Seid Ihr bereit, durch Eure Träume zu gehen, damit ich Euch mit Annie Dunne bekannt machen darf? Dann seid herzlich willkommen auf der ewig grünen Insel und damit zugleich an einem der wohl größten Sehnsuchtsorte in der weiten Welt der Literatur. Es sind ihre Mythen, die einzigartigen Menschen und die urwüchsige Landschaft, die uns seit jeher in ihren Bann ziehen. Es sind Geschichten von Auswanderern, die ihre Heimat hinter sich und ihren Familien ließen, um ihr Glück in der Ferne zu suchen. Es sind Geschichten von denjenigen, die zu Hause blieben und mit ansehen mussten, wie sich ihre Heimat teilte und zerbrach. Irland – Insel der Poesie, Schmelztiegel bewegender Folklore-Musik und Schauplatz menschlicher Dramen. Kaum ein anderer Ort auf unserer Welt verfügt über so viel fruchtbare Muttererde für Legenden und große Romane.

Einen solchen Roman möchte ich Euch gerne ans Herz legen.Annie Dunne aus der Feder von Sebastian Barry – Steidl Verlag – ist voller Emotion, strahlender Poesie und Ehrfurcht gebietendem Tiefgang. Er versetzt uns in einen unvergesslichen Rausch des Lesens und schreibt uns eine Frau in die Seele, der man wahrhaftig begegnet sein muss, wenn man das gute Lesen liebt. Sebastian Barry passt sein Schreiben dem Lauf der Dinge an, der im Jahr 1959 den Alltag auf dem Land dominierte. Es ist eine kleine Farm, die zu bewirtschaften ist, es sind die täglich wiederkehrenden Pflichten, die dem einfachen Leben ihren Stempel aufdrücken und es ist die Zeit, die so langsam vergeht, dass man sich viele Gedanken über das eigene Leben machen kann. Mit Idylle hat das nicht viel zu tun. Es ist der alternativlose Überlebenskampf am Rande dessen, was man als absolutes Existenzminimum bezeichnen muss. Und doch ist es die geliebte Heimat die hier beackert wird. Der letzte Zufluchtsort von Annie Dunne.

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Annie Dunne von Sebastian Barry

„Bei Tageslicht öffnet und weitet sich die Farm, die furchterregenden Schatten fliehen aus den feuchten Bäumen…“

Hier ist sie gelandet. Annie Dunne, das irische Mauerblümchen. Mit ihren über 60 Jahren, am Ende der Enttäuschungen, die das Leben für sie auf Lager hatte, bleibt ihr als obdachlose alleinstehende Frau nur die Großherzigkeit ihrer gleichaltrigen Cousine Sarah, die Annie Unterschlupf gewährt. Mehr als eine recht windschiefe Hütte und ein Bett, das sich die beiden älteren Damen teilen müssen, hat jedoch auch Sarah nicht zu bieten. So gehen sie gemeinsam durchs karge Leben. Die Tage werden kürzer und in den gemeinsamen Alltag schleichen sich die ersten Beschwerden des Alters ein. Hier erleben wir Irland von seiner unbarmherzigen und wenig wildromantischen Seite. Wir erleben die entbehrungsreichen Tage aus der Perspektive von Annie Dunne, die dem bescheidenen Dasein immer noch eine positive Seite abgewinnen kann. Alternativen? Fehlanzeige.

Sebastian Barry erzählt die Geschichte einer bedauernswerten Frau, die sich an die trügerische Sicherheit der Gegenwart klammert. Die Bucklige, nie Geliebte und zu oft an den Rand Gedrängte, die Frau, die ihre einzige Liebe erfinden musste, um nicht vollends vor den Trümmern des Lebens zu stehen, blickt ihrem Lebensabend entgegen. Hoffend, dass sich nichts mehr zum Schlechten ändert. So ruhig wie diese Geschichte durch unsere Gedanken fließt, so unausweichlich erahnen wir, dass dieser träge Fluss auf einen Wasserfall zurauscht, der das Ende bedeuten kann. Die beiden Neffen von Annie Dunne kommen zu Besuch. Der Junge und das Mädchen bringen zwar frischen Wind auf die Farm, führen Annie und Sarah jedoch vor Augen, was sie niemals haben werden. Kinder und eine Zukunft. Wie im Gefühl einer Torschlusspanik beschließt die Cousine von Annie ihr Leben zu ändern. Und Änderung bedeutet für Annie nicht mehr und nicht weniger als die erneute Obdachlosigkeit.

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Annie Dunne von Sebastian Barry

Dieser Roman ist so irisch, wie ein Roman nur sein kann, der in Irland spielt. Wir erleben den Abgesang auf ein altes Land, in dem das englische Königshaus das Sagen hatte. Wir erleben die Verwundungen derer, die von der Geschichte fortgeweht wurden und dem Freiheitskampf weichen mussten. Wir werden Freunde von Annie Dunne, die dieses verschwundene Irland scheinbar ganz alleine zu schultern hat. Wehmütig blickt sie zurück auf die eigene Kindheit. Wehmütig erkennt sie, dass sich ihr Leben seitdem zu einem wagemutigen Ritt auf dünnem Eis verändert hat. Es bricht uns das Herz, nun zu erkennen, dass erneut die Gefahr besteht, dass Annie an den Rand gedrängt wird. Und doch haben wir es mit einer kämpferischen Frau zu tun, der wir nicht in die Quere kommen wollten… 

„Was ist das für ein Altwerden, wenn selbst der Motor, der unsere Verzweiflung und unsere Hoffnung im Gleichgewicht hält, anfängt, uns im Stich zu lassen?“

Annie Dunne wirft ihren Motor an, um ihre Vision einer bescheidenen Zukunft an der Seite von Sarah nicht zu verlieren. Jetzt sollte man sich der alten Annie besser nicht in den Weg stellen. Eine Geschichte voller Empathie, emotionaler Wahrhaftigkeit und Magie. Eine Frau, der wir sehr gewünscht hätten, jemals richtig geliebt zu werden. Eine Träumerin, die allzu leicht aus ihrem Gleichgewicht zu bringen ist. Hier prallen sie aufeinander: Die Lebensentwürfe, die im Irland des Jahres 1959 noch toleriert wurden und die traditionellen Ansichten über die Rolle einer Frau. Aber: Es ist eine Rechnung, die man ohne Annie Dunne gemacht hat.

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Sebastian Barry gehört zweifelsfrei zu den besten irischen Autoren unserer Zeit. Sein Schreiben verkörpert die Sprachmelodie der immergrünen Insel so sehr, dass es unmöglich ist, sich dem Zauber dieser besonderen Welt zu entziehen. Dabei erzählt er keine melodramatischen Rührstücke voller Lokalkolorit. Bei seinen Romanen stehen die Menschen im Mittelpunkt, die nicht nur Irland den Stempel aufgedrückt haben. Ich bin Sebastian Barry durch die Welt seines Schreibens gefolgt… Es sind irische Romane, ganz egal, wo auch immer sie von ihm angesiedelt werden…

Ein langer, langer Weg„, „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde„…

AstroLibrium und Irland – Ein besonderes Verhältnis. Hier geht´s lang

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Der Abstinent von Ian McGuire

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Der Abstinent von Ian McGuire

Wenn man den Namen des Schriftstellers Ian McGuire auf einem Buchumschlag liest, sollte man sich schon gut überlegen, ob man einen Roman aus seiner Feder auf dem Büchertisch ignorieren darf. Spätestens seit Nordwasser sollte sich die Kunde verbreitet haben, dass der britische Erfolgsautor nicht nur viel zu erzählen hat, sondern wie er es erzählt. Die Walfangreise an Bord der „Volunteer“ mutiert zum einzigartigen Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer. Der Walfang allein reicht ihm nicht aus. Ian McGuire entfacht ein maritim geprägtes rechtsmedizinisches Inferno, in dem einem das Wasser bis zum Halse steht. Ich schrieb zu „Nordwasser„:

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Jetzt ist Ian McGuire wieder zurück. Es ist „Der Abstinent„, der uns ins England des Jahres 1867 entführt. Es ist ein historisches Szenario, das er als Impuls für den neuen Roman für sich entdeckte. Es ist die Zeit des irischen Widerstandes gegen das britische Königshaus. Ein Widerstand, der brutal niedergeschlagen werden soll. Ganz egal, wo er zutage tritt. Zum Beispiel in Manchester – fernab von der grünen Insel…

„Eine Krähe krächzt, als zöge man einen trockenen Korken aus einer Flasche; irgendwo am Fluss klappern Wagenräder und ein Pferd wiehert. Einen langen Augenblick stehen die drei Männer Seite an Seite unter dem schweren Eichenbalken wie grob gehauene Karyatiden, getrennt und doch vereint,
dann erschreckend plötzlich sind sie weg.“

Hier werden am 23. November 1867 drei Todesurteile vollstreckt. Öffentlich zeigen die royalen Machthaber, wie sie mit den „Fenians“, den irischen Terroristen umgehen. Ihre Anschläge tragen den Konflikt von Irland ins Herz ihres Feindes. Die große irische Community in Manchester scheint das ideale Brutnest für ihren Freiheitskampf zu sein. Dass man durch die Hinrichtung der Iren die Gewaltspirale erst recht beschleunigt und Märtyrer erzeugt, scheint den Regierenden egal zu sein. Jedes Mittel ist erlaubt. Darin zumindest sind sich die Konfliktparteien einig. Vom Polizistenmord bis zur Vergeltung, die Distanz zwischen Ursache und Folge schrumpft in sich zusammen und genau hier lässt Ian McGuire seine Protagonisten agieren. Auf beiden Seiten der formierten und geschlossenen Reihen.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Wer hier von Ian McGuire einen ausschweifenden historischen Roman erwartet, der en passant auch noch die Hintergründe des irischen Freiheitskampfes in aller Tiefe erläutert, komplexe historische Beschreibungen der Geschichte dieses Konflikts in den Mittelpunkt stellt und sozio-politische Themen im Spiegel der Zeit thematisiert, der sieht sich schnell getäuscht. Dieser Kampf ist ein Stellvertreterkrieg für alle Szenarien in der Weltgeschichte, die geeignet erscheinen, große Geschichten von einsamen Wölfen zu erzählen, die im Clash of Conflicts aufeinanderprallen. Hier geht es unvermittelt und im gestreckten Galopp zur Sache. Hier wirkt die Hinrichtung der Fenians wie der Aufzug eines Theatervorhanges, um uns einen ersten Blick auf die verfeindeten Kontrahenten werfen zu lassen. Hier betritt „Der Abstinent“ die Bühne des Freiheitskampfes. Und er betritt sie nicht allein….

Hier zeigt Ian McGuire seine größte Stärke. Es ist die Nähe zu seinen Protagonisten, die seine Romane zu psychologisch wertvollen Charakterstudien macht. Er führt seine Charaktere mit all ihren Ecken und Kanten, mit ihren persönlichen Geschichten und in aller Tiefe ins Gefecht und verwischt alle Grenzen zwischen Gut und Böse. Er gewährt tiefe Einblicke hinter die harte Schale seiner Antihelden und macht uns zu Gefährten in schwierigen Zeiten, Komplizen im Verrat, Mitwissern bei gefährlichen Plänen und nicht zuletzt zu Mittätern, wenn wieder einmal die „Rules of engagement“ verletzt werden. Es ist der irische Polizist, der aus Dublin nach Manchester geschickt wird, um bei seinen Landsleuten Spitzel anzuwerben, um den Fenians jetzt zuvorzukommen. Für Constable James O´Connor ist dieser Job alternativlos. Eine Bewährungsprobe. Jetzt, abstinent und fern der Heimat, kann er wieder zeigen, was in ihm steckt. Ein harter Hund mit dem Instinkt eines Jagdhundes, in dem die Vergangenheit sehnsuchtsvoll schlummert.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Was er nicht ahnt, die Fenians sinnen auf Rache für die hingerichteten Patrioten und setzen dabei auf ein in Manchester unbeschriebenes Blatt. Der frisch aus Amerika eingereiste irische Bürgerkriegsveteran Stephen Doyle handelt nach der Maxime, im Krieg ist alles erlaubt und jeder Zweck heiligt die Mittel. Es entwickelt sich ein gewagtes Katz- und Mausspiel zwischen den beiden einsamen Wölfen. So unterschiedlich sie in ihren Zielen sind, so sehr ähneln sich ihre Charaktere. Getrieben vom Irrglauben, einer Sache verpflichtet zu sein. Gelenkt von der Idee, die Wahl der Mittel nur in der eigenen Hand zu haben. Unbeirrt in der Sichtweise, sich selbst auf einem fatalen Opfergang zu befinden und verwundert, wenn nicht sie den Ereignissen zum Opfer fallen. Das ist der Stoff, aus dem große Romane gewebt sind. Zwei Männer, innerlich verletzt und voll von durchlebten Verlusten, instrumentalisiert und fremdgesteuert, liefern sich nicht nur den Showdown dieses Romans. Sie liefern sich den Showdown ihres Lebens.

Ian McGuire bleibt seinem Erzählstil treu. Er schreibt Klartext, er beschönigt nicht in seinen Beschreibungen von Lebensumständen, Erfahrungen und Leid. Er erweitert den Erzählraum um ein paar wichtige Charaktere, an denen sich seine Hauptakteure reiben und aufreiben. Er bringt Liebe und Zuneigung ins Spiel, wo alles nach verbrannter Erde riecht. Er lässt sehnsuchtsvolle Momente zu, wenn Hass regiert. Und er wechselt nicht nur gekonnt die Perspektiven, sondern auch die Schauplätze. Eine Jagd, die eigentlich in Manchester begann, wird im fernen amerikanischen Harrisburg fortgesetzt. Es sind auch hier die ausgewanderten Iren, die ihrer fernen Heimat die Treue halten. Ein Spiel um Vaterlandsliebe, Loyalität und die eigenen Prinzipien. Der Einsatz ist hoch.

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Der Abstinent von Ian McGuire

„Wir stecken alle fest im selben, großen, sich langsam drehenden Hamsterrad, denkt er. Wir glauben, wir kommen voran, aber in Wahrheit geht es immer nur
im Kreis.“

Der Abstinentist alles andere als enthaltsam. Dieser Roman macht trunken vor purer Lesefreude. Gerade wird „Nordwasser“ von der BBC als Serie mit Colin Farrell in der Hauptrolle verfilmt. Man kann nur hoffen, dass „Der Abstinent“ auch einen Weg findet, um vom Kopfkino zum opulenten Realkino zu werden.

Folgen Sie mir zu weiteren Buchvorstellungen bei AstroLibrium, die uns das ewig sehnsuchtsvolle Herz der „Grünen Insel Irland“ näherbringen. Von Auswanderern und den unsterblichen Mythen, von der Geschichte des Regens bis ins ferne Brooklyn, von einem Freund der Toten bis zu den Tagen ohne Ende. Irland ist ein weites literarisches Feld, das jede Reise lohnt. Ich folge jetzt Sebastian Barry auf eine kleine irische Farm und freue mich auf die Begegnung mit „Annie Dunne„. Hier stelle ich sie Ihnen vor.

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Der Abstinent von Ian McGuire

Tage ohne Ende von Sebastian Barry

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Sebastian Barry gehört zweifelsfrei zu den besten irischen Autoren unserer Zeit. Sein Schreiben verkörpert die Sprachmelodie der immergrünen Insel so sehr, dass es unmöglich ist, sich dem Zauber dieser besonderen Welt zu entziehen. Dabei erzählt er keine melodramatischen Rührstücke voller Lokalkolorit. Bei seinen Romanen stehen die Menschen im Mittelpunkt, die nicht nur Irland den Stempel aufgedrückt haben. Es sind die Legionen von Auswanderern, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihren Lebensraum verließen, um ihr Glück in der Fremde zu suchen. Es war die tiefe Armut, die dafür verantwortlich war, dass die von der Britischen Krone unterdrückten Arbeiter und Bauern in die Welt zogen. Die Besiedelung der Vereinigten Staaten von Amerika wäre ohne irische Einwanderer nicht möglich gewesen. Städtebau, Eisenbahnen und nicht zuletzt die amerikanische Armee wären undenkbar ohne irisches Blut.

Als starrköpfig, heimatverbunden, treu, trinkfest und verwegen werden Iren nicht nur in der Literatur bezeichnet. Sie stehen auch heute noch zu den weitverbreiteten Klischees und Zerrbildern, weil sie sich gut damit arrangieren können. Es ist der große Stolz auf das grüne Kleeblatt, der sie eint und doch wurden sie von der Weltgeschichte oft genug so weit verwirbelt, dass sie sich in fremden Ländern plötzlich gegeneinander kämpfen sahen. Auf nicht wenigen Schlachtfeldern im 19. Jahrhundert erlebte man auf beiden Seiten der formierten Schlachtreihen das grüne Kleeblatt und die Harfe auf den Fahnen der gegnerischen Parteien. Für waschechte Iren ein wahrer Schock, von dem sie sich lange nicht erholen sollten. Ein tiefer Riss durch eine gemeinsame Geschichte, der sich wie eine nie vernarbte Wunde durch die Jahrhunderte zog. Sebastian Barry schrieb auch darüber…

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Wenn man das berücksichtigt, ist es schwer, seinen Roman Tage ohne Ende in ein Genre-Schema zu fassen. Was sich augenscheinlich wie ein Western anfühlt und im Gewand einer uramerikanischen Erzählung über Indianerkriege, die Besiedlung des Wilden Westens und den Bürgerkrieg daherkommt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein irischer Roman, den es an einen anderen Schauplatz verschlagen hat. Sebastian Barry ist virtuos darin, sich ein Land und seine Geschichte untertan zu machen, wenn es darum geht von den Menschen zu erzählen, die ihm am Herzen liegen. Er ist nichts anderes als ein irischer literarischer Auswanderer, der sein Glück auf fremdem Boden sucht. Das muss man wissen, bevor man sich der Szenerie nähert, die sich wie „Tage ohne Ende“ durch das Lesen zieht. Es ist der tiefe irische Grundton einer Erzählung, der hier die Fanfarenstöße der US-Kavallerie ersetzt. Es ist das Kleeblatt und die Harfe auf den Flaggen der Konföderierten und Unionssoldaten, das zum Hoheitszeichen der Soldaten wird, unter dem sie kämpfen.

Western? Kriegsroman? Indianerstory? Western-Trail-Erzählung? Was denn nun, fragen wir uns, wenn wir am Ende der ersten „Tage ohne Ende am Lagerfeuer sitzen und unseren beiden Weggefährten Thomas McNulty und John Cole zuhören. Nichts von alledem oder alles im neuen Gewand? Aus meiner Sicht ist dieser Roman alles und doch wieder nur fragmentarisch das, was man von ihm halten mag. Er ist Sozialstudie und Psychogramm seiner Protagonisten zugleich, fordernd und sogar überfordernd für Leser und Rezensenten, weil sie nicht zu fassen bekommen, was sie hier erwartet. In großen Aufzügen erfüllt Sebastian Barry die Erwartungen an den Wilden Westen des ersten Drittels im 19. Jahrhunderts. Man schmeckt das Land, man riecht die Menschen und fühlt die Einsamkeit von zwei jungen irischen Einwanderern, die um ihr Überleben kämpfen. Als Mädchen verkleidet treten die beiden 17-jährigen Jungs in einem Saloon auf. Frauenmangel schrieb die seltsamsten Geschichten. Dies ist eine davon.

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Kein Job, den man lange durchhalten kann. Besonders, weil nur die eigene Jugend dem Beuteschema der Saloon-Kunden entspricht. Für den miesesten Lohn aller Zeiten verpflichten sich die Jungs zum Dienst in der US-Kavallerie. Jetzt sind wir mittendrin im typischen Atemhauch eines Westerns. Indianerkriege, Geleitschutz für Siedlertrecks in unwirtlicher Landschaft, das Fort Kearny mit seinem endlosen Mangel an allem und die Kameradschaft der Soldaten. Und doch unterscheidet sich alles vom Western, wie man ihn sich eigentlich vorstellt. Sprachlich verzaubert uns Sebastian Barry mit der Stimme von Thomas McNulty, aus dessen Sichtweise er diese Geschichte erzählt. Fast schon Slang, nicht gestelzt und fein ausformuliert, verknappt und pur entdecken wir Seiten an unseren Weggefährten, die das Genre zu sprengen scheinen. Thomas und John sind nicht nur durch ihr Schicksal miteinander verbunden. Es ist aufrichtige Liebe und eine verzweifelte Leidenschaft, die sie in den schlimmsten Momenten ihres Lebens retten.

An dieser Stelle zeigen sich die Probleme von Lesenden und Rezensenten, die nur kaum in Worte fassen können, was ihnen nun begegnet. Von „schwulen Soldaten“ ist oft die Rede, von „Homosexualität im Western“ den „beiden verliebten Soldaten“ und schon zieht man Vergleiche zu „Brokeback Mountain“, einem Film, in dem dieses Thema im Cowboy-Milieu die zentrale Rolle spielt. Völlig daneben, diese Vergleiche. Was sich mit drei Zitaten leicht belegen lässt. Sehen wir uns nur an, warum Thomas McNulty nach dem Dienst an der Waffe Frauenkleider anzieht, um seinen inneren Frieden zu finden:

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Ich fühle mich als Frau, mehr als ich mich je als Mann gefühlt habe, trotzdem ich einen Großteil meines Lebens Soldat gewesen bin.

Als Frau bin ich entspannt, als Mann verkrampft. Als Mann sind meine Glieder gebrochen, als Frau geheilt. Ich lege mich mit der Seele einer Frau zu Bett wache auch mit ihr auf.

Vielleicht bin ich als Mann zur Welt gekommen, und ich habe mich in eine Frau verwandelt. Vielleicht war der Junge, dem John Cole begegnete, schon damals ein Mädchen.

Hier haben wir eine zutiefst authentische Geschichte über eine „Trans-Frau“ vor uns, die sich im Alltag als Mann verkleiden muss, um im Wilden Westen überleben und durchhalten zu können. Aus der Sicht von Thomas McNulty erleben wir jene Massaker an der indianischen Urbevölkerung, wir ziehen in den Bürgerkrieg, kämpfen in brutalen Schlachten gegen irische Landsleute, desertieren und werden wieder aufgespürt. Und dabei tobt das eigentliche Gefecht in Thomas selbst. Nur John Cole bleibt ihm treu bis zur Selbstaufgabe. Ein großer irischer Roman, das sagte ich bereits. Eine Geschichte voller Wendungen und unerwarteter Höhepunkte. Eine Liebesgeschichte zweifelsohne und auch die Geschichte einer Rettung…

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Tage ohne Ende von Sebastian Barry

Beiden gelingt das Unerwartete. Sie werden für die kleine Indianerin Winona zu richtigen Eltern. Sie nehmen das Mädchen als Tochter in ihr Leben. Die Überlebende des großen Massakers, an dem beide beteiligt waren, wächst bei ihnen auf, bis sie von der eigenen Geschichte eingeholt werden. Eine facettenreichere Geschichte kann man kaum erwarten. Eine authentische Geschichte voller Zuneigung und Brutalität, Krieg und Seelenfrieden, innerer Zerrissenheit und Suche nach Akzeptanz. Und nebenbei sogar noch die Geschichte des Wertekanons, auf dem die amerikanische Verfassung gerne beharrt, ihn aber im täglichen Leben konterkariert. Es sind „Tage ohne Ende„, die es tief ins Leseherz schaffen.

Meine Geduld wurde bestätigt. Ich wollte das Buch erst lesen, wenn die Fortsetzung am Horizont sichtbar wäre. Im September erscheint nun Tausend Monde ebenfalls bei Steidl. Hier erzählt uns das Lakota-Mädchen Winona seine Geschichte. Auf diesen Perspektivwechsel bin ich mehr als gespannt und ich werde natürlich berichten. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass dieser Roman erneut die Grenzen dieses Genres sprengen wird. Versprochen. Ich werde Winona begleiten. Hier geht es weiter!

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Weitere Western bei AstroLibrium finden Sie hier. Über Sebastian Barry schrieb ich anlässlich seines Romans Ein langer, langer Weg. Und nach Irland möchte ich sie auch gerne literarisch entführen. Hier geht´s lang. Lesen Sie gut.

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Weiter geht´s mit Sebastian Barry: „Annie Dunne“ – Auf nach Irland

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Annie Dunne von Sebastian Barry

„Der Freund der Toten“ von Jess Kidd

Der Freund der Toten von Jess Kidd

„Ein Mann könnte fast vergessen, weshalb er hergekommen ist,
wenn die wunderbare Mulderrig-Nacht ihm alleine gehört.“

Dieses Zitat aus dem Roman Der Freund der Toten von Jess Kidd, erschienen im DuMont Buchverlag, hat große Bedeutung für mich. Ich habe es während des Lesens in meinen Gedanken so oft umformuliert und vor mir hergetragen, weil es den tiefen Kern der Lese­gefühle, die mich durch dieses Buch getragen haben, widerspiegelt. Ein Mann könnte wirklich ver­gessen, warum er hergekommen ist, wenn dieses wunderbare Buch ihm alleine gehört. Mir jedenfalls ging es so. Ich vergaß die Welt um mich herum, wollte ein­fach nur lesen und dachte in keinem Moment daran, was am Ende des Romans auf mich warten würde.

Selten entführen mich Romane so umfänglich in eine ganz eigene Welt. Selten bin ich derart gefesselt, dass ich keine Rahmen­bedingungen hinterfrage, Plausi­bili­täten auf den Zahn fühle oder die Fantasie über meinen zweifelnden Realismus siegen lasse. Ich bin offen dafür, aber nicht viele Autoren legen den emotionalen Schalter in mir in einer solchen Dimension um, wie es Jess Kidd mit ihrer Sprache, ihrer Romanidee und ihren Charak­teren gelungen ist. Ich wurde zum Treibgut in einer Geschichte, deren Strömung teils sanft vor sich hin strudelt, über ungeahnte Tiefen führt, bis sie schließ­lich in einem tosenden Wild­wasser­strom gipfelt. Eine Rafting-Lesereise der besonderen Art…

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Ich bin zurück in Irland. Irland. Immer wieder sind Geschichten, die hier angesiedelt sind auch von der mystischen Atmosphäre inspiriert, die über der grünen Insel weht. Es sind der be­son­dere Heimatbegriff, die Verbun­denheit mit der Natur, Tradi­tionen und die alten Legen­den, die wir mit Irland verbinden und die unser Leserherz öffnen, wenn wir in einer guten Geschichte auf die Menschen treffen, die hier leben. Mulderrig heißt das Reiseziel. Ein im eigent­lichen Sinne eher ver­schla­fenes kleines Nest, in dem so gut wie nie etwas passiert. Sieht man mal von dem ab, was niemals hätte geschehen dürfen.

Jess Kidd führt uns Mulderrig in zwei Zeit­scheiben vor Augen. Handlungsfäden, in denen die Bewohner des idyllischen Örtchens die Konstante darstellen, ver­knüpfen die Geschichte zu einem dichten Teppich, der 1950 entstand und 1976 zum ersten Mal von jemandem betreten wird, der ihn niemals hätte betreten dürfen. 26 Jahre ist es her, seit Orla Sweeny Mulderrig mit ihrem Baby verlassen hat. Jahre die nichts anderes bewirkt haben, als grünes Gras über die Sache wachsen zu lassen. Verdrängt. Vergessen und weit weg sind die Ereignisse von einst.

Nur uns Lesern steht klar vor Augen, was im Mai 1950 geschehen sein muss. Das erste Kapitel des Romans lässt keinen Zweifel daran, was Orla zugestoßen ist. Wir sind Zeugen des dunklen Geheimnisses, das mehr als zwei Jahr­zehnte in Mulderrig aus den Köpfen und Her­zen der Menschen verdrängt wurde. Scheinbar für immer. Bis 1976 ein ungewöhnlicher Mann auftaucht und das verschla­fene Nest aus dem Koma reißt. Sein Name ist Mahony. Ein wenig abgehalftert wirkt der Mann, der im Alter von 26 Jahren in den Ort zurück­kehrt, in dem er zur Welt gekommen ist. Sein Weg bis hierher? Typisch für ein Findel­kind. 1950 vor einem Kinderheim ausgesetzt, strengstens erzogen, keine schöne Kindheit, in falsche Kreise geraten und als klein­krimineller Hippie durchs Leben gemogelt.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Zwei Welten, die einander nie begegnet wären treffen nun aufeinander. Menschen, die sich niemals hätten sehen dürfen, stehen sich nun unversehens gegenüber und das Gras, das man über der verschwun­denen jung­en Mutter wachsen ließ, beginnt sich zu rühren. Und alles wegen eines Briefes, den Mahony erst vor wenigen Tagen erhielt.

„Dein Name ist Francis Sweeny.
Deine Mammy war Orla Sweeny .
Du bist aus Mulderrig, County Mayo.
Deine Mammy war die Schande von Mulderrig…
Sie lügen alle, also sei auf der Hut.“

Nun ist er da. Verwegen, langhaarig, ungepflegt aber attraktiv und auf der Suche nach dem Geheimnis seiner Mutter. Mahony zeigt sich, er sieht das Erkennen in den Augen der Menschen, weil er die Augen seiner Mutter hat. Er stößt auf Schweigen. Ein Schweigen, das seit 26 Jahren wie ein fester Mantel des Ein­vernehmens dicht gehalten hat. Doch nun bröckelt die oberste Schicht, als Mahony in der alten Schauspielerin Mrs. Cauly eine treue Verbündete findet. Die zwar gebrechliche, aber äußerst furcht­lose und angriffs­lustige Frau, die nichts mehr zu verlieren hat, schmiedet einen kreativen Plan.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Jess Kidd fasziniert mit der tiefen Charakterzeichnung von Menschen im Wandel der Zeit. In Rückblenden wird das Mulderrig des Jahres 1950 greifbar. Die Wurzeln aus der Ver­gangen­heit reichen bis zum Jahr 1976. 26 Jahre sind nicht viel Zeit, um vor der Geschichte zu fliehen. In dem kleinen irischen Ort entwickelt sich ein spannendes Katz- und Mausspiel zwischen schlechtem Gewissen, Loyalität, Angst, Hass und Mut. Alleine diese Ingre­dienzien hätten für eine grandiose irische Ge­schichte völlig ausgereicht. Nur nicht aus Sicht der Autorin, der es gelingt, diese Story um eine Dimen­sion zu erweitern, die das Mulderrig unserer Wahr­nehmung zu einem Traum- und Herzensort in unserem Lesen werden lässt. Jess Kidd gibt all jenen Raum, die nicht mehr für sich selbst reden können. Sie lässt das mystische und magische Irland von der Leine, sie gibt Legenden Raum und lässt Mahony wahrnehmen, was nur wenige wahrhaben wollen.

Er ist „Der Freund der Toten“. Er nimmt sie wahr, sie begleiten ihn und öffnen in der unglaublich atmos­phärischen Beschreibung der Verstorbenen die Tür zu einer Welt, in der Mulderrig in fahlem Licht erscheint. Es sind die melan­cholischsten Augenblicke des Lesens, ihnen zu begegnen. Dem alten Trinker, der verzweifelt versucht im Pub an ein Bier zu gelangen. Der alten Lehrerin, die ihre alte Schule argwöhnisch im Blick behält und die kleine Ida Munnelly, die nur sieben Jahre alt werden durfte und seit ihrem Tod auf der Suche nach ihrem gelben Jojo ist.

Der Freund der Toten von Jess Kidd

Jess Kidd beschwört den Geist von Jean Paul Sartre und lässt ihre Leser oft an das Drehbuch „Das Spiel ist aus“ denken. Bewegend und skurril, emotional und traurig ist es, den Toten zu begegnen, die nur Mahony sieht, weil er bereit für sie ist. Und sie sind es für ihn. Ein Roman auf zwei Ebenen, der uns keine Sekunde an der Existenz dieser Geister zweifeln lässt. Ein Roman, der durch die Perspektiv­vermischung besticht. Eine Ge­schich­te, die in Mahony einen unvergesslichen Prota­gonisten hat, der beide Seiten unserer Existenz spürt. Unvergessen bleiben für mich seine Begeg­nungen mit der toten Ida und ihrer Mutter, die immer noch lebt. Unvergessen auch, warum Mahony die Toten sieht und warum sie ihm helfen, das Rätsel zu lösen:

„Die Toten zieht es zu den Verwirrten und Unge­schrie­benen, den Beschädigten und Gebrochenen, zu denen mit großen Rissen und Lücken in ihrer Geschichte, die die Toten gerne füllen würden. Denn die Toten haben gebrauchte Geschichten für dich, wenn du sie hereinlassen würdest.“

Lasst diesen Roman in eurem Verstand zu. Spielt das mystische Gedankenspiel der Autorin mit und schließt ab und an das Buch und stellt euch vor, wer euch beim Lesen beobachtet. Genießt die Poesie der Beschrei­bungen, die unfassbar gut erzählte Story und einen Ausflug in ein Irland, das irischer nicht sein könnte. Und grüßt bitte die kleine Ida von mir, wenn ihr sie trefft. Ich habe da ein Jojo gefunden.

Meine Irland-Empfehlungen: Die Geschichte des Regens und Brooklyn

Der Freund der Toten von Jess Kidd – Irland und AstroLibrium

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten [Film und Buch]

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Es ist eine kleine und eng umrissene Welt, in die ich heute entführen möchte. Es ist eine Insel, die vom Grün dominiert wird, und auf der sich das Leben nicht so schnell verändert, wie in anderen Ländern. Ich möchte mit Euch einen kurzen Abstecher nach Irland machen, bevor wir dann gemeinsam in See stechen. Irland. Kaum ein anderes Land wird von seinen Menschen so patriotisch und aufrichtig verehrt. Kaum ein anderes Land wird in unzähligen Herzen in die ganze Welt getragen. Mit all seiner Farbe, seiner Musik und seinem Lebensgefühl.

(Weiterlesen oder hören… Sie haben die Wahl.)

Brooklyn - Film und Buch im Vergleich - Auch im Radio ...

Brooklyn – Film und Buch im Vergleich – Auch im Radio …

Denn aus kaum einem anderen Land wanderten im Lauf der Jahrhunderte so viele Menschen aus, um in Amerika ihr Glück zu suchen. Sie trugen Irland in ihrer Seele und prägten ganze Städte, während sie fernab der Heimat ein neues Land entstehen ließen. Weit entfernt von von Armut und Unterdrückung. Fernab von der Hoffnungslosigkeit und doch immer mit der grünen Insel verbunden. Heimat.

Eilis Lacey ist Irin. Sie lebt mit Mutter und Schwester in Enniscorthy. Klangvoll schön, aber ohne große Perspektive. Sie träumt davon, Buchhalterin in einem Büro zu werden, doch die Realität hält sie als Aushilfe hinter der Theke eines kleinen Ladens fest. Bis ihre Mutter und ihre Schwester, unterstützt von einem irischen Priester aus Brooklyn, beschließen, Eilis die große Chance auf ein neues Leben zu ermöglichen. Brooklyn. So weit entfernt und doch verheißungsvoll und faszinierend.

Es ist die Chance ihres Lebens. Brooklyn.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Als Eilis 1952 an Bord eines Ozeandampfers geht, verlässt sie eine ganze Welt und folgt den Spuren abertausender Emigranten. Irland und ihre Familie im Herzen. Und die Sehnsucht nach dem Leben in einer Stadt, in der nicht jeder die eigene Tante kennt. Sie braucht ihren Freiraum, auch wenn er einen sehr hohen Preis fordert. Heimweh. Ihr neues Leben nimmt langsam Fahrt auf. Als Verkäuferin in einem Warenhaus bietet sich ihr die Chance, sich in Abendkursen weiterzubilden. Sie findet in ihrer Pension zaghaft Anschluss, verliebt sich in Tony Fiorello und seine italienische Familie, und wächst von Tag zu Tag mehr mit ihrer neuen Heimat zusammen.

Das Heimweh bleibt jedoch ständiger Wegbegleiter und, als würde ihr Irland immer wieder zart an dem unsichtbaren Band ziehen, das beide verbindet, verliert sie niemals den Kontakt in die geliebte Heimat. Briefe wandern über den Ozean. Leben verlaufen getrennt voneinander in völlig anderen Bahnen. Als ihre Schwester überraschend stirbt, beschließt Eilis für einen Monat nach Irland zurückzukehren. Nicht jedoch ohne zuvor Tony heimlich zu heiraten. Sie will ihm dadurch beweisen, dass sie zurückkehren wird.

Zur Beerdigung ihrer Schwester kommt sie zu spät. Ihre Vergangenheit holt sie ein. Aus dem großen Leben in Brooklyn wird für wenige Wochen wieder das ganz kleine beschauliche und behütete Leben an der Seite ihrer Mutter, die nichts mehr fürchtet, als Eilis wieder zu verlieren. Wer nun denkt, Irland würde sich leichten Herzens von seinen Kindern trennen, der erlebt nun, wie Enniscorthy den Kampf um die verlorene Tochter aufzunehmen beginnt. Ihre Abreise verschiebt sich. Mal ist es die Hochzeit ihrer besten Freundin, mal ist es ein neuer Job, der ihr angeboten wird und der sie fordert. Und dann ist es nicht zuletzt ihr Jugendfreund Jim Farrell, der sich in Eilis verliebt und sie nicht mehr gehen lassen möchte.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Der klassische Gewissens- und Herzenskonflikt stürzt mit voller Wucht auf die jungen Frau ein. Die Heimat klammert, eine berufliche Selbstverwirklichung scheint möglich und zarte Gefühle ummanteln das neue Rundum-Wohlfühlpaket namens Irland. Doch in Brooklyn wartet Tony. Er schreibt ihr und hofft, dass Eilis den Weg zurück in ihr neues Zuhause findet. In ein Zuhause, das er mit eigenen Händen aufbauen wird. In einer neuen Welt, in einer Stadt, in der man frei sein kann und nicht jeder Schritt unter Beobachtung steht. Weit oder eng? Fern- oder Heimweh? „Eine Liebe zwischen zwei Welten“. Passender könnte ein Untertitel zu Brooklyn von Colm Tóibín nicht sein.

Eine einfache und kleine romantische Geschichte, könnte man vielleicht meinen. Eine klassische Herz-Schmerzgeschichte voller Klischees, könnte man denken. Ein rein emotionales Rührstück für Zwischendurch? Könnte man annehmen. Gäbe es da nicht einen irischen Autor, dem es gelingt, auch den leisesten Hauch von oberflächlichem Kitsch aus seiner Geschichte zu verbannen. Gäbe es da nicht jenen Colm Tóibín, der aus dieser Geschichte der Zerrissenheit das Portrait einer jungen Frau entstehen lässt, das berührt und mitreißt.

Und gäbe es da nicht einen Drehbuchautor. Einen mit ganz großem Namen. Nick Hornby. Gäbe es da nicht einen Schriftsteller, der diesen Roman für seine Verfilmung adaptierte. Jenen Nick Hornby, den die Faszination für die junge Eilis gepackt hatte und der sich auf die Fahne schrieb, ihr (noch mehr als im Buch) mit filmischen Mitteln Gehör zu verschaffen. Dazu hat er ihre individuelle Lautstärke erhöht, so formulierte er es in einem Interview. Hornby hat der Perspektive des Betrachters das Innenleben von Eilis eröffnet und ihr mit Gestik, Mimik und Worten in der Geschichte den Raum verschafft, den sie im Roman oft nur indirekt einnimmt.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Und gäbe es da nicht die Schauspielerin Saoirse Ronan, die eine Eilis verkörpert, die in jeder Nuance ihres Blickes die Sehnsucht, das Heimweh und die Suche nach einem neuen Leben ins Herz des Betrachters trägt. Eine junge Schauspielerin, deren Entwicklung im Film an den Augen abzulesen ist. Deren Haltung sich verändert, die an sich und in sich wächst, sich behutsam an Neues herantastet und in magischen Szenen des Films, nur zu einer irischen Melodie die Augen schließen muss, um den Zuschauer zu Tränen zu rühren.

Und gäbe es da nicht die Verfilmung selbst. Einen Film, der mit Farben spielt und die Menschen im Vordergrund lässt. Einen Film, der nicht durch seine Sequenzen hetzt, sondern mit viel Tiefenschärfe Raum für Entwicklung gibt. Einen Film, der das Grün von Irland im Mantel von Eilis mit an Bord des Dampfers nimmt, und der diese Farbe in Brooklyn immer weiter verblassen lässt und es schließlich durch leuchtendes Blau und Gelb ersetzt. Ein szenisches Farbenspiel, das seinen Betrachter genau in dem Moment trifft, wenn Eilis in einem tiefen Sehnsuchtsmoment den Blick nach oben wendet und im grünen Blätterregen eines Baumes verharrt. Irland.

Drehbuchautor, Schauspielerin und Film sind in ihren Kategorien für drei Oscars nominiert. Und das aus gutem Grund. Das Bild von Saoirse Ronan als Eilis ziert das Buchcover der Neuauflage des Romans bei dtv. Der magische Blick lädt ein, mit ihr an Bord zu gehen. Ihr Gesicht ziert die Filmplakate in aller Welt und weckt Empathie mit einer jungen Frau, in der Stärke und Schwäche in einem charakterlich ausgewogenen Mix die wahre Persönlichkeit zeigen. Ein Film, der seiner Romanvorlage in besonderer Weise gerecht wird, weil eben ein Nick Hornby am Lautstärkeregler gedreht hat.

Am 16. Februar wurde „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“ als bester britischer Film mit dem begehrten British Academy Film Award ausgezeichnet.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Doch wie kann man sich der Geschichte am besten nähern? Lesen oder schauen? Wo sind die Unterschiede? Sind sie gravierend? Ich empfehle Euch den Film. Er ist ein Meisterwerk in seinen Bildern, den Farben, seinen Schauspielern und der feinfühligen Musik von Michael Brook. Ich empfehle den Film, weil Saoirse Ronan so sehr Eilis ist, wie man sie sich nur vorstellen kann. Ich empfehle ihn, weil er Szenen beinhaltet, die Stein aufweichen können. Wenn Eilis zum Beispiel bei einer Armenspeisung alte irische Einwanderer in Brooklyn bewirtet und man ihr zum Dank ein Volkslied singt. Ihr werdet diese Szene nicht mehr vergessen.

Und doch empfehle ich auch das Buch, denn im Film gelingt es nur, die Zuschauer mit eineinhalb Lieben zu konfrontieren. Jim Farrell ist nett und sympathisch, bleibt aber hinter dem in Brooklyn wartenden Tony zurück. Er ist im Film nicht die emotionale Konkurrenz für den Mann, den Eilis kurz zuvor geheiratet hat. Hier fehlt dem Film die Verlockung des Buches. Hier entfaltet dieser Roman das ganze Konfliktpotenzial einer Liebe zwischen zwei Welten und lässt die Romanze zwischen Eilis und Jim substanziell und gefährlich werden. Hier strömt das Buch eine melancholische Zerrissenheit aus, die nur durch eine Entscheidung von Eilis aufzulösen ist.

Und letztlich empfehle ich den Film, denn er geht am Ende dieser Geschichte einen Schritt weiter als das Buch. Er zeigt eine Szene, die wir uns lesend erträumen, sie aber nicht erlesen dürfen. Der Film öffnet einen letzten Vorhang, ohne den ich nicht leben möchte. Einfach schön. Denn Geschichten dürfen auch einfach schön sein, egal wie sie enden. Ich empfehle beides. Toll, gell? Ihr findet die Dialoge und Gefühle des Buches im Film wieder und seht eure Lesegefühle an der Leinwand zur Realität werden. Wenn dann die Musik Euer Lesen und Schauen umhüllt, dann seid Ihr angekommen. In Brooklyn. Erst dann wisst Ihr, was „Eine Liebe zwischen zwei Welten“ bedeutet. Und Ihr habt Eilis kennengelernt.

Das ist das größte Geschenk.

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Irland in meinem Lesen und Schreiben:

Die Geschichte des Regens von Niall Williams – DVA + Audio-Rezension
Ein langer, langer Weg von Sebastian Barry – Steidl Verlag

New York / Brooklyn vor dem Hintergrund Migration:

Der Mann, der das Glück bringt von Catalin Dorian Florescu – C.H. Beck

Und wer mehr von Saoirse Ronan sehen mag: Maria Stuart – Ein Spektakel

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