Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

„Die Sterne gab es schon vor den Menschen. Sie schienen einfach immer weiter, was auch geschah… Genauso ist für mich der Leuchtturm hier. Ich stelle ihn mir als Splitter eines Sterns vor, der auf die Erde gefallen ist. Er leuchtet, unabhängig von den Umständen: Sommer, Winter, Unwetter, Sonnenschein. Darauf kann sich der Mensch verlassen.“

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Leuchttürme. Wundervolle Metaphern für Rückzugsgebiete, Abgeschiedenheit und Wegweiser für Menschen in Not, die auf hoher See Gefahr laufen, an den Klippen des Festlandes zu zerschellen. Dieses Licht in dunkler Nacht ist viel mehr als ein Kompass im Sturm. Es ist gleichzeitig Verheißung eines sicheren Heimwegs und Navigationshilfe für die gefahrlose Orientierung auf unseren Weltmeeren. Und doch bergen Leuchttürme eine große Gefahr für jene Menschen in sich, die für dieses Licht verantwortlich sind.

Ein Leuchtfeuer erhellt nicht die Insel, auf der sich ein Leuchtturm befindet. Wenn der Leuchtturmwärter selbst nach Orientierung und Fixpunkten im Leben suchte, war er auf die eigene Charakterstärke, die Fähigkeit zum Leben in Einsamkeit und die stoische Ruhe im Bewältigen des eintönigen und fast schon automatisierten Alltags angewiesen. Kein Leben, in dem sich jeder zurechtfindet, aber in besonderen Situationen wohl einer der ganz wenigen Berufe, die alleine durch ihre lichtdurchflutete Präsenz lebensrettend sind.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Ich träume oft davon, auf einem Leuchtturm zu leben. Ich sehe stürmische Nächte, meterhohe Wellen und deren Gischt, die an meinen Felsen anbrandet. Ich genieße die Sicherheit in den festen Mauern des Hauses neben dem Leuchtturm und zelebriere die Routine, mit der Abend für Abend zur Nacht hin jenes Leuchtfeuer entzündet wird, sein rotierender Widerschein seine Signalwirkung entwickelt und das Logbuch des Wärters jede Unregelmäßigkeit auf hoher See verzeichnet. Hier würde ich gerne lesen. Hier ist jeder Tag so scharf umrissen, wie der folgende und doch gleicht kein Tag dem anderen. Hier sollte meine Bibliothek stehen. Auf meiner Insel. Hier sehe ich mich oft.

Ebenso gerne lese ich Romane, die auf Leuchttürmen angesiedelt sind. Tauche in Geschichten ein, in denen Leuchtfeuer eine wesentliche Rolle spielen und identifiziere mich gerne mit jenen Menschen, die sie bewohnten. Leuchtturmlesen“. Unter dieser Überschrift findet man in der kleinen literarischen Sternwarte alle Bücher, die ich in den zurückliegenden Jahren zu diesem Thema entdeckt und gelesen habe. Einzig ein Buch über diese Gebäude an sich fehlte mir noch. Einzig ein umfassendes Werk, das mir die Geschichte der Leuchttürme selbst offenbaren würde, hatte ich bislang nicht gefunden. Da ich mein Lesen im wahrsten Sinne des Wortes zelebriere, träumte ich oft davon ein solches Buch aufzuschlagen, in ihm zu versinken und mit ihm auf strahlende Lesereise gehen zu können    

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Manchmal werden Träume wahr…

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant, erschienen im DuMont Buchverlag, wirft seit einigen Tagen sein helles Licht auf meinen Sekretär. Es wirkt wie die Mutter aller Leuchtturmbücher und schart die Werke um sich, die mein Lesen mit den realen Lichtzeichen und ihrer facettenreichen Geschichte verbinden. Ich wollte es zuerst kaum glauben, dass diese Neuerscheinung die Erscheinung sein sollte, auf die ich so lange gewartet hatte. Doch schon ein erster Blick auf den großformatigen Band reichte bereits aus, um mich restlos davon zu überzeugen, dass ich den Wächter meines Lesens endlich gefunden hatte. Und da Leuchttürme (zumindest für mich) keine Sachen sind, ist dies auch kein Sachbuch. Das ist Buchstoff, aus dem die Träume sind.

„Wächter der See“. Was für ein gelungener Titel für ein Buch, das sein Licht auf jene Gebäude wirft, die seit Menschengedenken zahllose Leben gerettet und Katastrophen verhindert haben. Der Autor muss sich der Bedeutung dieses Werks bewusst gewesen sein, bevor er die ersten Zeilen verfasste. Liebevoll und ehrfürchtig nähert er sich dem zeitlosen Thema, spannt den historischen Bogen vom Aufstieg der Leuchttürme bis hin zu ihrer immer weiter schwindenden Bedeutung durch moderne Navigationsgeräte. Wo GPS beginnt, endet das Leuchten über dem Meeresspiegel.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Was in Ägypten mit dem Leuchtturm Pharos von Alexandria als eines der sieben Weltwunder begann erlebte zur Mitte des 19. Jahrhunderts einen Paradigmenwechsel. Automatisierung, die globale Ausstattung der Leuchttürme mit Funk und die ersatzlose Streichung der Menschen, die auf ihnen lebten, machten die Leuchtfeuer von einst zu hochtechnisierten Navigationsbausteinen eines immer komplexer werdenden Systems. Einige wenige Leuchttürme wurden trotz Radar und GPS sehr lange als nicht ersetzbar angesehen. Und doch sind die Leuchttürme von heute zumeist nur noch die Denkmäler und Relikte von einst. Nostalgisch, überholt, ihrer Bedeutung beraubt. Diese Hommage an die wohl wichtigsten Bauwerke ihrer Zeit berührt sowohl emotional als auch fachlich. Wie hat sich die Technik entwickelt, wie konnte man das Licht so weit sichtbar machen und wie lebte man auf diesen Vorposten des Festlandes? All diesen Fragen geht Grant auf den Grund.

Was er uns damit in die Hände legt ist ein absolutes Buchkunstwerk mit zahllosen historischen Illustrationen, Konstruktions- und Risszeichnungen, Bauplänen und Fotos. Es fühlt sich an, als würde man in einen Leuchtturm einziehen, wenn man das Buch in allen Facetten aufnimmt. Es fühlt sich an, als wäre man der neue Leuchtturmwärter auf dem Weg zum Ort seiner Bestimmung. Was R.G. Grant erzählt ist viel mehr, als nur die Geschichte der Leuchttürme. Er berichtet vom Leben der Menschen, für die sie Heimat wurden. Er setzt ihnen unter der Überschrift „Hüter des Lichts“ ein bleibendes Denkmal und niemand, der dieses Buch gelesen hat, wird jemals einen Leuchtturm emotionslos als reines Bauwerk betrachten.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Das gold-geprägte Licht auf dem Einband der herausragenden DuMont-Ausgabe wird mich zukünftig begleiten. Ihr werdet dieses Buch immer dann bei mir entdecken, wenn ich von Leuchttürmen lese, wenn mich meine Reise über die Wellenkämme der Weltmeere peitscht und wenn mein „Lesejahr des Wassers“ an eure Ufer brandet. Es ist Hüter und Wegweiser zugleich und zählt schon jetzt zu einem der größten Schätze meiner kleinen literarischen Sternwarte. Besucht mich auf allen Inseln meines Lesens. Findet das Licht auf dem Bishop Rock, auf Janus Rock oder in Montauk. Glaubt keinen anderen Signalen, vergesst das GPS, misstraut dem Radar. Bleibt auf Empfang, bis ihr mein Leuchtfeuer seht, das euch in den sicheren Hafen im Büchermeer bringt.

Stets unverrückt, derselbe Jahr um Jahr,
Manch’ bösen Sturm, manch’ finst’re Nacht hindurch
Unlöschbar prangt er in der Flammenburg,
Dem ew’gen Lichte gleich vor dem Altar.

Longfellow

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

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3 Gedanken zu „Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

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