„Mein Freund Pax“ von Sara Pennypacker

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker

Da sitzt er nun, unser Fuchs und schaut in die Ferne. Auch wenn er den Lesern auf dem Cover des Romans von Sara Pennypacker den Rücken zuwendet, so weckt doch schon diese Illustration aus der Feder von Jon Klassen die ersten Gefühle. Sein Blick ruht auf der Weite der Landschaft. Einer Landschaft, die eigentlich sehr  friedlich wirkt. Erst die Rückseite des Buchumschlags macht eine erste Unregelmäßigkeit sichtbar. Es ist ein abgeknickter Baum, der die harmonische Atmosphäre durchbricht. Denn, wie wir schnell erfahren werden: Nichts ist friedlich in dieser Geschichte. (Weiterhören)

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Da sitzt er nun, unser Fuchs und scheint zu warten. Mein Freund Pax. Warm und ein wenig melancholisch wirkt dieses Buch. Aus der Landschaft wird jedoch bereits auf der ersten Seite mehr. Hier sehen wir unseren Fuchs am Straßenrand sitzen, den Blick auf den Asphalt gerichtet. Wartend. Ein wenig verloren wirkt er schon, wie er dem Wald den Rücken zuwendet. Ein wenig verloren wirkt dieser Fuchs, nicht wild und verwegen. Es ist das Gefühl dieser verlorenen Einsamkeit, mit dem man sich diesem Buch nähert. Es ist ein scheues Gefühl, weil man ihn nicht verjagen möchte. Pax, den Fuchs, der auf den folgenden 300 Seiten auch zu unserem Freund wird.

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Lesen mit Fuchs

Schon auf den ersten Seiten nimmt uns diese Geschichte gefangen und lässt uns nicht mehr los, bis wir nach einem atemberaubenden Finale selbst im Wald sitzen und mit unseren Gefühlen alleine sind. Aber dazu später mehr. Es ist die Perspektive eines Fuchses, es ist sein natürlicher Instinkt, seine Sichtweise und seine Wahrnehmung mit der alles beginnt. Es ist die Fuchs-Sicht auf die Freundschaft zwischen ihm, Pax, und Peter, dem zwölfjährigen Jungen, die uns zeigt, was es einem Tier bedeutet, Nähe und verlässliche Sicherheit zu empfinden. Für den Fuchs ist der Junge mehr als ein Freund. Er ist „Sein Junge“.

Und doch scheint der Fuchs den Sinn für Gefahr verloren zu haben. Er fühlt zwar, dass irgendetwas nicht stimmt, dass der Vater des Jungen Lügengeruch ausströmt und die Fahrt mit dem Auto abrupt endet. Dass er jedoch in der Wildnis ausgesetzt wird, das verzweifelte Rufen seines Jungen ertragen muss und dem Auto nur noch nachschauen kann, das hatte Pax nicht erwartet. Es fühlt sich wie Verrat an. Ein Verrat, den wir Leser nicht anders empfinden, als der Fuchs, der nun am Straßenrand im Nirgendwo sitzt.

„Er bellte, um nach Peter zu rufen, erinnerte sich jedoch gleich wieder: Sein Junge war fort. Pax war es nicht gewohnt allein zu sein.“

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Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Zuneigung und Vertrauen

Pax ist nicht alleine mit diesen Gefühlen von Verlust und Verrat. Auch Peter erlebt diesen Moment der Trennung als absolute Extremsituation. Sein schlechtes Gewissen gegenüber Pax wird fortan zum Wegbegleiter eines jungen Lebens. Sara Pennypacker erzählt die Geschichte durchgehend aus zwei Perspektiven, die einander bedingen. Sie entwirft ein Szenario, das dieser Trennung Grenzen verleiht, die weder ein Fuchs noch ein Junge durchbrechen kann. Es droht Krieg im Land. Peters Vater kämpft, Peter wird evakuiert und Pax wird ausgewildert. So ist das eben. Das muss Peter akzeptieren.

Was Sara Pennypacker aus dieser Ausgangssituation entwickelt zeigt literarische Größe. Sie arbeitet Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier heraus und macht die Bindung zwischen einem Jungen und seinem Fuchs spürbar. Sie schreibt uns Begriffe wie Verantwortung, Respekt und gegenseitiges Vertrauen ins Stammbuch des Lesens und veranschaulicht, wie sich Liebe zu einem Tier äußern kann. Und nicht nur das. Wir lernen durch Pax, was es für ein Tier heißt, Haustier zu sein und Bindung zu fühlen. Es ist ein emotionaler Ritt auf der Rasierklinge, den wir mit Peter und Pax unternehmen.

Beide werden wie ein Schlagball beim Baseball, ihrem gemeinsamen Lieblingssport, in neue Welten katapultiert. Dabei ist es völlig unerheblich, wer von beiden Fänger und wer Schläger ist. Die Fallhöhe ist gewaltig und in aller Einsamkeit fehlt ihnen das Ritual danach: Der Moment, in dem Pax die Schnauze in Peters Baseballhandschuh legte und ihn von allen Alltagssorgen befreite. Ein mehr als magischer Augenblick für zwei große „Jungs“, die ohne Mütter zurechtkommen müssen..

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Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Das Argon-Hörbuch von Sauerländer Audio

Hier würde ich gerne die künftigen Leser dieses Buches aussetzen. Hier würde ich sie gerne alleine lassen mit zwei außergewöhnlichen Protagonisten. Hier sollte jeder für sich den Weg in diese Geschichte finden und dem Jungen folgen, der sich nicht damit abfinden kann, einen Fuchs zu verlieren. Peter macht sich auf den weiten Weg zurück, weil er weiß, dass Pax genau dort wartet, wo er ausgesetzt wurde. Hier würde ich Leser gerne mit Pax warten lassen. Mitten in der Wildnis. Nicht alleine lebensfähig. Und doch spürend, dass die Instinkte langsam zurückkehren.

Hier würde ich mir wünschen, dass Leser selbst erleben, wem Pax und Peter auf ihren Wegen begegnen und wie diese Begegnungen ihr weiteres Leben beeinflussen. Es sind unglaubliche Bilder, die uns Sara Pennypacker vermittelt, es sind wundervolle Illustrationen, die uns durch diese Geschichte begleiten. Die Gemeinsamkeiten im Weg eines Fuchses und eines jungen Menschen sind beeindruckend zu lesen. Ausgewildert sind sie beide. Das Leben schreibt sich neu und doch ist das unsichtbare Band existent und fest. Wird es beide zusammenführen? Ich hoffe, dass viele Leser diese Antwort für sich selbst beantworten können. Pax und Peter, Menschen und Füchse, Zivilisation und Wildnis, Krieg und Frieden. Selten wurde diese Gegensätze ergreifender erzählt.

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Jon Klassen und seine Bilder

Ich habe mit meinem Fuchs zusammen gelesen. Er heißt jetzt Pax. Ein Kuscheltier wirkt Wunder in diesen Seiten. Es hilft gegen Vereinsamung und Hoffnungslosigkeit. Es gibt Halt, wenn der Boden bebt und auch beim Weinen ist man nicht allein. Man sollte „Mein Freund Pax“ nicht alleine lesen. Man muss die erlesenen Gefühle teilen, sich in aller Tiefe öffnen und seine eigenen Schlüsse ziehen. Ich habe wechselweise gelesen und gehört. Ich bin Jacob Weigert in die Wildnis gefolgt. Er brilliert im Wechsel seiner Rollen. Er ist Fuchs und Mensch zugleich und wo dem Hörbuch die Illustrationen fehlen ist es die musikalische Untermalung, die Verschnaufpausen und Schluchzen überspielt.

Wäre dieses Buch der Duft eines Fuchses, es wäre ängstlich, verwirrt, wild, verspielt, ungezähmt und frei zugleich. Wäre dieses Buch ein Geräusch im Wald, es wäre laut, geheimnisvoll, auch mal leise und angsteinflößend. Wäre dieses Buch ein Instinkt, es würde fliehen, vertrauen, angreifen, jagen und endlos warten. Wäre dieses Buch das Gefühl eines Jungen, es wäre liebevoll, fürsorglich und verzweifelt. Hoffend, bangend und traurig. Wäre dieses Buch NUR ein Buch, man würde ihm nicht gerecht werden.

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Feund Pax von Sara Pennypacker – Nicht alleine lesen…

„Mein Freund Pax“ von Sara Pennypacker, erschienen im Sauerländer Verlag und bei Sauerländer Audio / Argon Hörbücher, erzählt eine Geschichte, die wahrhaft das Zeug zum Jugendbuchklassiker hat. Sie erreicht die Herzen ihrer Leser. Für ein Kinderbuch mit einer Altersempfehlung ab 10 Jahren ist es aus meiner Sicht dann geeignet, wenn man es gemeinsam liest oder hört. Es ist eine verlustreiche Geschichte, die nicht leicht zu verarbeiten ist. Sie ist wie das wahre Leben, nur eben bereichert um die Perspektive PAX

Hiermit erkläre ich die kleine literarische Sternwarte zum geschützten Fuchsbau für alle Leser von „Mein Freund Pax“. Folgt mir in dieses Buchschutzgebiet und bringt euren Instinkt, eure Gefühle und alle Geräusche und Gerüche eures Lesens mit. PAX.

Herzlich willkommen, Anja und Zwiebelchens Plauderecke im Fuchsbau.
Bianca und Literatwo haben auch einen Eingang in den Fuchsbau gefunden.
Ronjas Fooks hat sich aus der Bücherstöberecke getraut und Pax adoptiert.

Mein Feund Pax von Sara Pennypacker

„Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg - AstroLibrium

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg – AstroLibrium

Wie fühlt man sich so als fünftes Rad am Wagen? Die Fachsprache bezeichnet es als Ersatzrad. Etwas im eigentlichen Sinne Überflüssiges, zumindest so lange, bis man im Notfall darauf zurückgreifen kann. Erst dann bemerkt man, wie lebenswichtig es sein kann, ein Rad in Reserve zu haben. Wie man sich als Mensch fühlt, in eine solche Rolle gedrängt zu werden, hat vielleicht jeder für sich in seinem Leben erlebt. Es ist kein allzu schönes Gefühl im Leben eines anderen Menschen nur dann wichtig zu sein, wenn Not am Mann (oder an der Frau) ist.

Johanna kennt dieses Gefühl nur zu gut. Eigentlich hätte sie alles, um im Leben von Boris die Hauptrolle zu spielen. Sie verstehen sich gut, können sich stundenlang und in aller Tiefe unterhalten. Gefühle sind auch vorhanden und doch hakt es zwischen ihnen. Es ist die Summe der verpassten Gelegenheiten, die aus Johannas Wunschtraum von Liebe eine nicht aufzulösende Ungleichung macht. Es sind die wenigen Zentimeter, die sie von einem ersten Kuss trennen, es sind die nicht genutzten Chancen, die Wahrheit gesagt zu haben. Und es ist die Unbekannte in der Ungleichung, die das Leben schwer macht. Ana-Clara.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Johanna entscheidet sich für einen Weg, der für sie die schlimmste aller Alternativen darstellt und zumindest ein wenig Nähe zu Boris garantiert. Sie fügt sich in die Rolle als Reserverad. Sie ist immer dabei, nicht wichtig genug für eine Hauptrolle, ungeliebt und im Stillstand, während Boris und Ana-Clara auf Hochtouren umeinander kreisen. Immer in der Hoffnung, Boris möge doch irgendwann erkennen, wer wirklich zu ihm passt, wer sein Leben in Schwung hält und was er Johanna bedeutet. Keine schöne Position, das eigene Sehnen im Kofferraum der Beziehungskiste anderer Menschen zu verbringen.

Wer an dieser Stelle der Meinung ist, es handele sich hier um eine archetypische Coming-of-Age-Geschichte, den kann ich beruhigen, denn es ist in Teilen wahrlich so. Wer jedoch denkt, es hier mit einer schablonenhaft erzählten Story einer unglücklichen Jugend vor sich hin pubertierender Teenager zu tun zu haben, der sieht sich getäuscht, wenn er sich mit dem Schriftsteller und der eigentlichen Geschichte hinter den Kulissen auseinandersetzt. „Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg ist in jeglicher Sicht ein Roman über Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Hoffnung. Dieser Roman ist ein aufrichtiger und wundervoll zu lesender Entwicklungsroman dreier Menschen, die in unterschiedlichen Konstellationen an- und aufeinanderprallen.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Und doch verbirgt sich hinter der Leichtigkeit des Schreibens eine Bildhaftigkeit, in der man lesend wie in einem der Kinofilme von Jan Schomburg versinken kann. Es ist kein Drehbuch, das er hier geschrieben hat. Die Montagetechnik der Szenen und einige Überblendungen weisen aber deutliche Spuren eines kreativen Menschen auf, der eine Geschichte anders erzählen kann, weil er sie vor seinem geistigen Auge sieht. Und hier geht Jan Schomburg einen Weg der in sich gewöhnungsbedürftig ist, weil man sich ihm ausliefern muss.

Chronologisches Erzählen? Fehlanzeige! Schomburg zwingt die Leser seines Buchs im positiven Sinne zu einer intuitiven Adaption der Geschichte. Er löst den Verstand des Lesers von Zeitvorstellungen und blendet Situationen ein, die im Film als Rückblick und Ausblick vielleicht farblich vom Gesamtwerk abgehoben wären. Schomburg schreibt sie in einem Fluss. Auf Johannas Erinnerung an einen bestimmten Abend folgt der Dialog, der sich nur dort zugetragen haben kann. Und wenn wir diesen Dialog verlassen, fühlen wir uns ganz spontan wieder in den Erzählraum Schomburgs ein und können uns nach vorne bewegen.

Schomburgs Roman liest sich so intuitiv, wie wir unsere Smartphones bedienen. Man benötigt keine Bedienungsanleitung, kein Handbuch zum Buch. Lesend folgt man einer unsichtbar angelegten Fährte und kommt doch ganz individuell ans Ziel. Basis für dieses Lesevergnügen ist das Vertrauen in den Schriftsteller. Jan Schomburg zahlt es auf jeder Seite zurück.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Er fährt hier keinen wirren Zickzackkurs durch seine Geschichte. Er folgt vielmehr dem unausgesprochenen Wunsch bibliophiler Menschen, nicht kapitelweise in die tiefe Vergangenheit der beschriebenen Menschen einzutauchen, sondern sequenziell und in wohldosierten Flashbacks zu erfahren, was geschah und welche Auswirkungen es jetzt auf die Situation hat, in der man sich gerade befindet. Dieses intuitive Lesen ist eine der prägendsten Leseerfahrungen, die ich in letzter Zeit machen durfte.

Handlungsfäden verschwinden, tauchen auf, verweben sich neu und gewinnen an Bedeutung, weil man sie in sich wandelnden Kontexten anders interpretieren kann. Ein Schulausflug nach Barcelona, das scheinbar menschenunwürdige Verhalten eines ihrer Mitschüler, die Suche nach den Gründen hierfür, der Versuch einer Bestrafung und die vielen Augenblicke von Zweisamkeit unter dem Damoklesschwert der allgegenwärtigen Ana-Clara vermischen sich zu anscheinend eher losen Elementen einer Geschichte, die aus einer jeweils anderen Perspektive unglaubliche Zusammenhänge offenbaren.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

So ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Boris auf der Suche nach Antworten auf die Fragen des Lebens verirrt und ausbricht. Sein Verschwinden ist der Weckruf für Johanna. Gemeinsam mit Boris` Eltern und der ewigen Konkurrentin beginnt die Suche nach der Liebe ihres Lebens. Und wieder nur als fünftes Rad am Wagen. Auch jetzt an der Seite der eigentlichen Freundin, die gar nicht so verzweifelt scheint, wie es vielleicht sein sollte. Island ist das gemeinsame Ziel und doch nur eine Etappe. Angst beherrscht die Gefühlswelt von Johanna, denn der letzte Brief von Boris schmeckte nach Abschied vom Leben.

„Irgendwie sehe ich kein Licht mehr und höre keine Geräusche…“

Dabei sind es genau „Das Licht und die Geräusche“ die das Leben so lebenswert machen und einen Menschen davon abhalten sollten, Selbstmord zu begehen. Das hat Johanna Boris anvertraut und die magischen Worte tragen den gesamten Roman und ganz intuitiv werden wir Zeugen einer auf den ersten Blick verstörenden Situation in der die Verzweiflung zweier Suchender ein Ventil findet. Ein emotionaler Vulkanausbruch in dem sich Ana-Clara und Johanna hemmungslos verlieren. Jan Schomburg überrascht und verstört zugleich, weil „Das Licht und die Geräusche“ in seiner Geschichte heller und lauter sind, als man es erwarten konnte.

„Das Licht und die Geräusche“ macht uns literarisch HELLHÖRIG…

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Versinken wir jetzt in geräuschloser Lichtlosigkeit? Keinesfalls. Es wird noch heller und lauter. Am 4. April ist Jan Schomburg im Literaturhaus München zu Gast. Er stellt dort sein Buch im Rahmen einer Lesung vor. Der perfekte Anlass, sich mit Mikrofon und Kamera dorthin zu begeben und von diesem besonderen Abend zu berichten. Ich freue mich schon jetzt, dies wieder mit meiner kongenialen Blogger-Partnerin Stephanie von Nur Lesen ist schönergemeinsam zum Herzensprojekt machen zu dürfen.

Und die Liste unserer Team-Reportagen ist schon recht ansehnlich. Sie reicht von Heidi Rehn, Alex Capus, Lily King bis zu Hannah Rothschild. Aber schaut selbst. Steffi hat sie mit feinem Auge zusammengefasst. HIER…

Jan Schomburg – Das Interview

Nach dem Lesen ist vor dem Interview

Ein geheimes Treffen in der Lobby des Hotels Cortina in München. Ein Interview mit Jan Schomburg im Ambiente eines stimmungsvollen Cafés und die abendliche Lesung im Literaturhaus München stellen den Schwerpunkt der Radioreportage für Literatur Radio Bayern dar. Folgen Sie uns zu einem Abend voller Licht und Geräusche, hören Sie uns zu und lesen Sie Steffis Artikel, der diesem PodCast das Krönchen aufsetzt.

Lesen Sie gut… Hier
Hören Sie gut… Hier

AstroLibrium – Nur Lesen ist schöner & Jan Schomburg

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„Himbeeren mit Sahne im Ritz“ – Erzählungen von Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Oh, ich war so standhaft. Ich war so standhaft, wie selten zuvor in meinem Lesen und habe zuletzt doch versagt, weil ich einfach nicht entsagen konnte. Wie ihr wisst, lese ich niemals Kurzgeschichten und meide Erzählbände oder Anthologien wie die literarische Pest. Für mich liegt die Würze selten in der Kürze und Ausnahmen lasse ich nur selten zu. Eine dieser deutlichen Abweichungen von meinem normalen Leseverhalten war die Buchverführung Pariser Symphonie von Irène Némirovsky. Ich schrieb ausführlich über diese Phase meines Lesens und hoffte schließlich über den Berg zu sein.

(Sie können gerne weiterlesen oder im Radio zuhören: hier)

Himbeereb mit Sahne im Ritz... Eine Extraportion Buchgenuss

Himbeeren mit Sahne im Ritz… Eine Extraportion Hörgenuss mit einem Klick

Weit gefehlt. Ich habe meine Rechnung ohne professionell vorgehende Suchtberater gemacht. Während des DVA/Manesse Pressetermins auf der Frankfurter Buchmesse 2016 präsentierten Sonja Grau und Tonia Kempe ein Buch, das auf den ersten Blick so aussah, als würde es mein Herz im Sturm erobern. Das Cover war so augenscheinlich verheißungsvoll und aussagekräftig, dass man auf einen Inhalt hoffen konnte, der mehr als nur einfache Mainstream-Unterhaltung war. Umrankt von einer Federstola blickt die junge Dame glamourös in den großformatigen Spiegel eines  Ballsaals. Dabei wird aus dem Blick in die Zukunft ein vielfach sich reflektierender Rückblick in die Vergangenheit eines luxuriösen Lebens. Ich war verliebt.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Doch dann hörte ich, wie Sonja Grau zu mir sagte: Es sind nur Kurzgeschichten von Zelda Fitzgerald, ganz sicher nichts für Dich“, wobei ihr Blick das Gegenteil zu sagen schien. Ich ließ die Finger von diesem Buch. Ich widerstand der Versuchung und ging nicht weiter auf die Herausforderung ein, die mich schon einmal in wilde Lesetage gestürzt hatte. Nein. Es sollte keine zweite Pariser Symphonie in meinem Lesen geben. Basta! Irgendwie war ich schon ein wenig stolz auf mich. Ich hatte es geschafft. Dachte ich zumindest. Was ich nicht ahnte war, wie sehr der Keim der Buchverführung wächst und manchmal erst Monate später zur Blüte reift.

Himbeeren mit Sahne im Ritz“ von Zelda Fitzgerald tauchte dann unvermittelt in meinem Leben auf, als ich es in der Buchhandlung meines Vertrauens entdeckte. Ich konnte meinen Blick nicht vom Cover trennen und hörte die scheinbar gar nicht so ernst gemeinten Worte „Das ist doch sicher nichts für Dich“, als wären sie gerade erst an mich gerichtet worden. Oh, ich war so standhaft. Nein. Kurzgeschichten bitte nicht mehr und ein Buch mit diesem Titel schon gar nicht. Und doch griff ich nach wenigen Tagen zum Telefon und begab mich, um meine Niederlage wissend, in die Falle. Die harmlose Frage nach Zelda Fitzgerald gipfelte in einer Lobeshymne auf den inhaltlichen Reiz des Buches und bevor ich eine Chance hatte anders zu reagieren formulierte mein zweites Ich bereits die jammervolle Bitte „Ich mag das so gerne lesen… ich kann nicht mehr ohne dieses Buch sein!“ Schluss mit Standhaftigkeit. Inkonsequenz mit voller Wucht.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Dann war es endlich da und fühlte sich an, wie ein heiß ersehnter Buchschatz. Als Brandbeschleuniger meiner Vorfreude diente derweilen der Prachtband „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ (Piper Verlag) in dem ich zu allem literarischen Überdruss auch den Liebesbrief von Zelda an ihren Mann Scott F. Fitzgerald fand und mit jeder Faser meines Herzens zu fühlen begann, welch außergewöhnliche Beziehung die beiden so unterschiedlichen Liebenden miteinander verband. Sie lebten, liebten, stritten, weinten, reizten sich bis aufs Blut und schrieben gemeinsam, was das Zeug hielt. Sie waren im besten aller Sinne füreinander bestimmt:

„Meinst Du nicht, dass ich für Dich gemacht wurde? Ich empfinde so, als hättest Du mich in Auftrag gegeben… „ Zelda an Scott

Ebendieses Frauenbild finden wir fortan in den Kurzgeschichten aus ihrer Feder. Die Mädchen ihrer Erzählungen verbindet ihre lebenslange Suche nach dem richtigen Mann, der dann aber auch bitte nichts anderes zu tun hat, als ein sorgenfreies Leben in Saus und Braus zu ermöglichen. Starke Frauen sind es, die Zelda hier ins Rennen führt und denen sie moderne und selbstbewusste Züge einhaucht. Was auf den ersten Blick nur Oberflächlich wirkt, ist im tiefsten Inneren zerrissen, melancholisch und geplagt von unerfüllten Sehnsüchten. Man möchte sie allesamt so gerne in den Arm nehmen.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Dabei überzeugt Zelda Fitzgerald mit einer literarischen Leichtfüßigkeit, die tiefe Spuren hinterlässt. Sie schrieb so bildgewaltig und farbenfroh, wie sie malte. Sie tanzt durch ihre Wortgemälde und brilliert trotz oder gerade aufgrund der gewaltigen internen Konkurrenz ihres populären Ehemanns, der mit seinen Geschichten bereits unfassbare Honorare verdiente. Ein Grund, warum einige ihrer Geschichten unter seinem Namen in Magazinen und Zeitungen veröffentlicht wurden. Die Frische ihrer Geschichten und die unverbrauchten Beschreibungen lassen jedoch eher Zelda Fitzgerald zur Avantgarde der Roaring Twenties aufsteigen.

Ihre Mädchen und Frauen sind schillernde Persönlichkeiten mit doppeltem Boden und heben sich durch ihr vielschichtiges Charisma von der sehr blassen Männerwelt ab. Staffage, zu mehr taugen die Jungs im Leben nicht. Die Oberfläche verliert sich schnell und eine extrem zerbrechlich wirkende Tiefenausstrahlung verschafft sich Raum. Dabei skizziert Zelda Fitzgerald viel mehr als eine Zeiterscheinung. Sie zeichnet Frauen in der Welt von Männern, die sich lediglich einbilden, alles im Griff zu haben. Das fragile Bild, das sie von Amerika zeichnet ist hierbei ebenso zeitlos. Strahlkraft erlangt das Land nur durch inhaltsleere Unterhaltung. Einzig strahlend sind die Frauen, doch sie fordern den höchsten Preis, wenn man ihrer habhaft werden möchte. Es kann das Leben kosten.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Tanz und Rhythmus bestimmen diese Geschichten mit einer ganz eigenen Melodie. Manchmal ist die atmosphärische Dichte so greifbar, dass man den Theatervorhang zu fühlen scheint, der sich über allen Szenen öffnet. Frederick von Perikles Monioudis ist einer der wenigen aktuellen Romane, die hier sprachlich in aller Tiefe anknüpfen. Es ist ein Hochvergnügen, „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ zu genießen. Es ist traurig und bewegend, „Miss Ella“ in den Abgesang ihrer vergangenen Liebe zu begleiten und es bereitet ein diebisches Vergnügen dem Rachefeldzug von Gracie Axelrod zu folgen, die als „Unsere Leinwandkönigin“ Geschichte machen sollte und bitter enttäuscht wurde.

Literaturwissenschaftlich relevant werden Zelda Fitzgeralds rein autobiografische Geschichten, in denen sie sich selbst und ihre Leidenschaft zu Scott F. Fitzgerald aufs Korn nimmt. „Zwei Verrückte“. Oh ja, wie das passt. Ihr Blick auf die gemeinsame und von Skandalen geprägte Zeit in Paris an der Seite von Ernest Hemingway ist absolut schonungslos und ehrlich. Selbstinszenierung, Verschwendungssucht, Alkoholexzesse und Ehebetrug. Alles was Larry und Lou hier erleben und erleiden steht sinnbildlich für die eigene Zeit in der Metropole der Liebe.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Ich empfehle eine riesige Portion Himbeeren mit Sahne im Ritz“ und bin mir schon jetzt mehr als sicher, dass ich Zelda und Scott bald erneut begegne. Im April erscheint „Und alle benehmen sich daneben – Wie Hemingway sich seine Legende erschuf“ von Lesley M.M. Blume bei dtv. Das Buch ist bereits für mich reserviert und ich möchte darauf wetten, dass ich zwei Menschen kenne, die sich hier kräftig danebenbenommen haben. Zelda & Scott.

Himbeeren mit Sahne im Ritz - Zelda Fitzgerald

Himbeeren mit Sahne im Ritz – Zelda Fitzgerald

Im Leben vereint – in den Büchern getrennt – in meinem Lesen wieder vereint. So wird mein Bücherregal zu einem magischen Ort, einem geschützten Raum und letztlich zu einem Literaturbiotop, in dem sich Zelda und F. Scott Fitzgerald wieder gefunden haben.

F. Scott Fitzgerald – „Für dich würde ich sterben“ – Hoffmann und Campe

„Für dich würde ich sterben“ von F. Scott Fitzgerald

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Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse (Graphic Novel)

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

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Du kommst ein paar Minuten zu spät zur Arbeit, eigentlich keine große Sache. Kann ja mal passieren und es gibt sicher Schlimmeres. Du hast einfach eine schlaflose Nacht hinter dir und jetzt geht’s ein wenig gerädert in den Tag. Das ganze Grübeln zermürbt ja schon. Partnerschaft und Zukunft. Man dreht sich tausendmal um im Bett und an Schlaf ist kaum zu denken. Aber egal. Jetzt ist ein neuer Tag und alles wird gut.

Catherine Meurisse hatte am 7. Januar 2015 eine solche Nacht hinter sich. Es war ein ganz normaler Mittwoch in Paris, an dem sie eigentlich um 10 Uhr in der Redaktion sein sollte. Wie an jedem Mittwoch zur allwöchentlichen Redaktionssitzung. Doch heute schaffte sie es nicht pünktlich. Als sie eineinhalb Stunden zu spät ankam, hatte sich ihr Leben dramatisch verändert. Allein dadurch, dass sie noch am Leben war. Das war der große Unterschied zu ihren Kollegen, die in genau diesen Minuten starben.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Catherine Meurisse arbeitet als Karikaturistin beim Satire-Magazin Charlie Hebdo. Das sagt genug. An diesem 7. Januar 2015 hatten zwei maskierte Al-Qaida-Terroristen das Gebäude gestürmt und töteten elf Menschen, verletzten elf weitere zum Teil schwer und flohen. Es war ein gezielter islamistisch motivierter Anschlag auf eine Zeitschrift, in deren früheren Ausgaben mit allen denkbaren Stilmitteln der Satire auch über den Islam gelacht wurde.

Die Titelseite am 7. Januar thematisierte den polarisierenden Roman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq, der rein fiktional den ersten muslimischen Staatspräsidenten Frankreichs ins Zentrum der Handlung rückt. Die letzte Seite zierte eine Karikatur unter dem Titel „Noch keine Attentate in Frankreich“ und der provokanten Antwort „Warten Sie ab. Man hat bis Ende Januar Zeit, seine Festtagsgrüße auszurichten.

In der Rückschau unfassbare Zeilen…

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Es klingt fast wie eine Vorahnung oder die Provokation des Unausweichlichen, es ist aus heutiger Sicht kaum mit journalistischem Mut oder einer satirischen Weltsicht zu erklären. Jedenfalls wurde es zur schrecklichen Realität, als zwei Terroristen einen Teil des Redaktionsteams von Charlie Hebdo hinrichteten. Den Augenzeugen bot sich nach dem Anschlag ein Bild des Grauens und gerade Catherine Meurisse durchlebte diese Minuten danach wie in Trance. Wie nur begreifen? Wie verstehen und wie damit leben, noch am Leben zu sein? Fragen über Fragen.

Die Leichtigkeit der Karikaturistin war das erste Opfer. Die unbeschwerte kreative Kraft der Pressezeichnerin war verloren gegangen. Farbe spielte keine Rolle mehr und ihre Flucht in eine Ausgabe der Überlebenden, die am 14. Januar 2015 erschien, war nicht der erhoffte Befreiungsschlag. Was folgte, erzählt uns Catherine Meurisse in ihrer beim Carlsen Verlag erschienenen Graphic Novel. Sie hat „Die Leichtigkeit“ in einem quälend langsamen Prozess der Selbstfindung verzweifelt gesucht und verarbeitet, was kaum zu verarbeiten schien.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Catherine Meurisse kämpft in ihrer Graphic Novel gegen die tiefen Wunden an, die dieser 7. Januar 2015 hinterlassen hat. Dabei ist es bewegend und verstörend zugleich, ihrer Auseinandersetzung mit den Verlusten dieses Tages, den Gedankenstürmen der Künstlerin in ihr und ihrer Rezeption der öffentlichen Anteilnahme an dem Anschlag zu folgen. Es ist ein harter und schonungsloser Weg, auf den uns die Karikaturistin mit den Stilmitteln ihres Genres entführt. Wir finden Sarkasmus, Hoffnungslosigkeit, Widerstand und Selbstzweifel, erleben aber auch in ihrer hoffnungsvollen Hinwendung zur Literatur und zur bildenden Kunst, was das Schöne im Menschen bewegen kann.

Stendhal, Proust, die großen alten Bildhauer und Maler lösen Gefühle aus, die es ihr ermöglichen Schritt für Schritt nach vorne zu gehen. Womit sie nicht rechnen konnte war die dramatische Überhöhung des Anschlags auf Charlie Hebdo bei den Attentaten am 13. November 2015. Die Schnelllebigkeit des Erinnerns riss erneut tiefe Wunden in ihre Seele. Der Ausweg aus diesem Teufelskreis ist ein höchst individueller und doch in vielerlei Hinsicht auch ein bedeutender Wegweiser für Menschen, die ihr persönliches „Charlie Hebdo“ erleben mussten. Hier stehen viele Verluste für einen Verlust. Hier ist eine Graphic Novel plötzlich der geeignetste Zugang, um einen Notausgang zu finden.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin verleiht diesem Buch eine weitere Aktualität, auf die es gerne verzichtet hätte. Die Welt hat sich verändert. Unsere kleine heile Welt ist angreifbar geworden und dadurch auch ein wenig zusammengerückt. Im Rückblick auf die eigene Traumatisierung wird deutlich, welche Reaktionen von außen hilfreich waren und welche als vermessen gesehen wurden. Wer „Die Leichtigkeit“ in seiner vollen Tragweite verinnerlicht, wird es sich vielleicht mehrfach überlegen, was es für diese Betroffene bedeutet hat, die Parole „Je suis Charlie“ zu kultivieren, während sie selbst nicht mehr wusste, wer sie war und wer sie jemals wieder werden wird.

Zum Ende des vergangenen Jahres erreichte mich dieses Buch und hat doch dem ganzen Lesejahr 2016 seinen Stempel aufgedrückt. Ich werde mit einer aus dem Buch gewonnenen Leichtigkeit diese bewegende Graphic Novel auf eine besondere Reise zu den richtigen Menschen schicken. Möge es auf seinem Weg viele Herzen erobern und uns ein wenig von der Kraft geben, die Catherine Meurisse wiedergefunden hat. Möge es für sich stehen. Möge es nicht von neuen Anschlägen begleitet werden. Möge unser neues Jahr unter einem Stern der Leichtigkeit stehen.

Und sollte dieser Wunsch von Extremisten pulverisiert werden, dann greifen wir mit dem Mut der Verzweiflung nach diesem Buch und kämpfen darum, dass man uns „Die Leichtigkeit“ niemals nehmen kann. So schwer dies auch scheint.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Siehe dazu auch: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ von Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris und die Anschlage im November

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„Die Launenhaftigkeit der Liebe“ von Hannah Rothschild

"Die Launenhaftigkeit der Liebe" von Hannah Rothschild - AstroLibrium

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild

Stellt euch einfach mal vor, ihr würdet den Pariser Louvre besuchen, um euch das berühmteste Porträt der Kunstgeschichte anzuschauen. Stellt euch dann vor, ihr würdet vor Leonardo da Vincis Mona Lisa stehen, ehrfurchtsvoll verharren und das wertvollste Gemälde der Welt bewundern. Und dann stellt euch vor, es würde einfach so mit euch sprechen. Allerdings nicht als Mona Lisa, sondern als lebendiges und eigenständiges Kunstwerk mit eigener Identität. Was hätte euch dieser Kunstschatz wohl zu erzählen?

Es wäre eine neue Welt der Wahrnehmung, die sich auf diese Weise öffnen würde und wir könnten aus erster Hand erfahren, was die Kunstgeschichte nur rekonstruieren oder mutmaßen kann. Ein solcher Dialog zwischen Kunstwerk und Betrachter klingt so irrwitzig, dass man ihn ins Reich der Fantasie verbannt. Und genau dort sind wir richtig, denn in unserer Fantasie ist alles möglich und wenn wir es zulassen, unseren Verstand für den Funkenflug des Irrationalen zu öffnen, dann sind wir bereit für:

Die Launenhaftigkeit der Liebe“ von Hannah Rothschild.

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild

Denn hier werden wir als Leser von der Autorin genau in die oben skizzierte Lage versetzt und dürfen in ihrem Roman über die Irrwege des internationalen Kunstmarktes einem der wertvollsten Gemälde der Welt zuhören. Es spricht zu uns. Zumindest in den Passagen des Romans, in denen das Bild das Gefühl hat, uns etwas mitteilen zu wollen oder uns sein Leid zu klagen. Genau dafür besteht nämlich auch jeder Grund, da unser Gemälde zu den großen verschollenen Werken der Kunstgeschichte gehört. Verstaubt und unbeachtet fristet es sein tristes Dasein in einem heruntergekommen Trödelladen.

Nur zu verständlich, dass es nicht bester Laune ist. Unser Gemälde, meine ich.

„Ich bin durchaus kein Snob, aber alles hat seine Grenzen. Ich habe keine Lust, mich mit Nachttöpfen und falschen Perlenketten herumzuschlagen. Non! Ich bin Luxus gewohnt, raschelnden Taft,… flackernde Kerzen, den Glanz von Mahagoni, den zarten Duft von Rosenwasser und Bienenwachs, das Knirschen von Kies und das Raunen von Höflingen. Kein armseliges Kämmerlein unter nackten Birnen, kein grünliches Licht, das sich durch schmutzverkrustete Scheiben quält!“

Was für ein bedauerlicher Zustand! Aber Rettung naht. Allerdings nicht in der Form, die sich unser Gemälde erhofft hatte. Die 30-jährige Köchin Annie McDee entdeckt das Bild bei der Suche nach einem preiswerten Geburtstagsgeschenk für ihren Freund. Der Handel kommt auf kuriose Weise zustande und der originale Watteau mit dem Namen „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ wechselt für ein paar Pfund den Besitzer. Wenn die junge Frau geahnt hätte, was sie da in Händen hält, sie hätte sich wohl gut überlegt, ob sie das Gemälde erworben hätte.

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild

Annie gerät in den Strudel des internationalen Kunstmarktes. Ihr Leben verändert sich in dem Moment, als man erkennt, was sie da erworben hat und aus der Frau, die sich kochend über Wasser hält, vor kulinarischer Kreativität zu platzen scheint und den Mann fürs Leben verzweifelt sucht, wird eine Gejagte. Hannah Rothschild schöpft aus dem Vollen, wenn sie ihre Leser nun in den Mahlstrom der künstlichen Welt der großen Kunst treiben lässt. Sie kennt diese Welt wie kaum eine andere, ist Kuratorin und mehr als renommiert, wenn es um Kunstexpertise geht.

Allerdings schrieb sie keinen Expertenroman. Die Launenhaftigkeit der Liebe“ ist ein traumwandlerisch sicher zubereitetes Potpourri aus allen Zutaten, die man benötigt, um höchsten Lesegenuss zu empfinden. Wir stoßen auf alle denkbaren Exzentriker, die mit unterschiedlichen Motivationen auf der Suche nach den großen Kunstschätzen der Welt sind. Liebhaber und Investoren, Freaks und Exilanten, Galleristen und Neureiche. Ein bunter Reigen versnobter und getriebener Sammler und Händler nimmt die Fährte des unschätzbar wertvollen Gemäldes auf, das ein großes Geheimnis verbirgt. Einzig Annie McDee ist der zutiefst menschliche und sympathische Pol in diesem Roman. Und doch ist es „Die Launenhaftigkeit der Liebe“, die ihr das Leben in jeder Beziehung schwer macht.

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild - Eine Lesung - Fotos: Steffi Sack

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild – Eine Lesung – Fotos: Steffi Sack

Seid ihr neugierig? Möchtet ihr mehr erfahren? Kein Problem. Wir haben Hannah Rothschild im Literaturhaus München getroffen und nicht nur sie interviewt. Stephanie Sack (Nur Lesen ist schöner – Eine Ode an das Lesen) und ich sind oft gemeinsam unterwegs, wenn es darum geht, von Lesungen zu berichten. So auch diesmal und wir haben nicht nur die Autorin, ihre Lektorin und die unglaublich tolle Vorlesestimme des Abends befragt, auch wir selbst plaudern bei einem Spaziergang durch unser festlich geschmücktes Vorweihnachts-München über den Roman und seine Bedeutung für uns.

Literatur Radio Bayern macht es möglich, dass ihr uns nun begleiten könnt. Herzlich willkommen zum Bummeln, Lauschen und Miterleben eines besonderen Abends mit:

Hannah Rothschild – Schriftstellerin
Karin Kirchhof – Lektorin
Ulrike Kriener – Schauspielerin, „Die Stimme“ des Abends und
Steffi & Raily

Hier geht es mit nur einem Klick zur Radio-Reportage.

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild - Astrolibrium

Die Launenhaftigkeit der Liebe von Hannah Rothschild – Hier geht´s zum PodCast

Bei Steffi findet ihr einen atmosphärischen Lesungsbericht und tolle Fotos eines unvergesslichen Abends. Und da wir euch etwas mitgebracht haben, lohnt der genaue Blick auf beide Blogs ganz besonders, denn Hannah Rothschild hat zwei ihrer Bücher für euch signiert. .

Hier das Filetstück des Starterpakets...Signiert.

Hier findet ihr den Weg zu meinem signierten Exemplar – Advent, Advent…