Der endlose Sommer – Ein Requiem von Madame Nielsen

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„… wir bleiben im »endlosen Sommer«, der gleich dem Paradies der Ort ist, der nie war und an den man nie zurückkehren kann, außer in der Erzählung…“

Der endlose Sommer – Sommerzeit bei Literatur Radio Bayern – Ein Klick genügt

Könnt Ihr Euch noch an Euren letzten Endlosen Sommer erinnern? An diese Zeit in Eurer Jugend, in der fast alles möglich schien, in der man sich unsterblich fühlte, auf der Suche nach der ersten wahren Liebe jedes Risiko eingehen konnte und dachte, die Freunde dieser Tage wären jene Menschen mit denen man sein Leben lang zusammen sein würde? Könnt Ihr Euch noch daran erinnern? An diesen verschleierten Traum, der alle Konturen verwischte und an dessen Ende man inständig hoffte, nicht irgendjemand zu sein. Jemand wollten wir werden. Geliebt, nicht beliebig. Die flirrenden Träume und Fantasien jener Tage hinterlassen in jedem Menschen eine nicht mehr auzuslöschende Melodie, der wir lange hinterher trauern, wenn sie erst verklungen ist.

Könnt Ihr Euch an diese Zeit in Eurem Leben erinnern? Seid Ihr bereit, den Kokon zu durchbrechen, der Eure Erinnerungen vor dem Hier und Jetzt beschützt und seid Ihr bereit, in ein Paradies zurückzukehren, in das man niemals zurückkehren kann? Außer in Erzählungen? Wenn ja, dann seid Ihr bereit für Madame Nielsen. Aber Vorsicht, die Rückkehr in dieses Paradies kann alte Wunden aufreißen und Gefühle wecken, die Ihr schon lange vergessen habt. „Der endlose Sommer“ beginnt erneut.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„Der Junge, der vielleicht ein Mädchen ist, es aber noch nicht weiß. Der scheue Junge, der vielleicht ein Mädchen ist, aber nie einen Mann berühren, sich nie mit einem Mann ausziehen und Haut an Haut reiben würde, nie im Leben…“

Der endlose Sommer ist kein Roman und keine Erzählung im üblichen Sinn. Wir tauchen in ein Requiem ein, den emotionalen Abgesang auf das verlorene Paradies, in dem eine Gruppe junger Menschen die wundervollste Zeit ihres Lebens verbrachten. Es ist eine Phase der unbeschwerten Orientierungslosigkeit und Offenheit für die Wunder der Welt. Alles scheint erlaubt und doch ist es mutig, die moralischen Schranken einer Gesellschaft zu durchbrechen die keine Durchbrüche toleriert. Ein junges Mädchen und ihr zarter scheuer Freund erleben dies am eigenen Leib. Die eigene Suche nach den großen und sicheren Gefühlen wird durcheinandergewirbelt, als zwei Portugiesen im strahlenden Licht des endlosen Sommers erscheinen. Die feste Gemeinschaft dieser Tage wird um eine Melodie erweitert, die alles vergessen macht und vieles neu erfindet.

Den Stiefvater, der seine Frau eifersüchtig mit dem Gewehr bewacht. Die Brüder, die haltlos durch ihr Leben taumeln und die Mutter, die plötzlich alle Zweifel über Bord wirft und sich hoffnungslos in einen der Portugiesen verliebt. Eine wahrlich unmögliche Liebe, die alles in ihren Bann zieht, alles mit sich reißt und auch nicht endet, als der letzte Sonnenstrahl des endlosen Sommers für immer untergeht.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„Doch manches ist selbst im Traum nur ein Traum, »der endlose Sommer« zum Beispiel, vielleicht beginnt er nie, vielleicht ist er nichts als die Befreiung, von der das Mädchen oder der schmale Junge träumen…“

Vom Olymp des Erzählers macht uns Madame Nielsen nicht nur zu Beobachtern.  Wir spüren, dass sie die Fäden in der Hand hält und das Schicksal bestimmt. Wie eine griechische Göttin vermag sie die Gefühle der jungen Menschen aufzuspüren und uns ins Herz zu schreiben. Dabei schreibt Madame Nielsen nicht im traditionellen Sinn den Roman den man vielleicht erwartet hat. Sie komponiert ihr Requiem wie ein Musikstück, dessen melancholische Grundmelodie uns gefangen nimmt. Sprachlich eine Klasse für sich. In der Struktur der Erzählung so vergleichbar, wie ein Traum im Traum, der jede Struktur verweigert und sich erst erschließt, nachdem man aufgewacht ist. Dieses Buch ist die Kathedrale, in der dieses Requiem aufgeführt wird.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„… und viele Jahre später, als er schon längst eine alte Frau ist…“

Wer sich dieser Erzählung bedingungslos ausliefert, wird schnell fühlen, dass sie sich den Kategorien entzieht, die wir gerne über Literatur stülpen würden. Wir haben es hier nicht mit einem Coming-of-Age-Roman zu tun, dies ist sicher keine Geschichte über diffuse Rollenbilder oder gar eine Gender-Story. Wir erleben kein sexuelles Outing oder homo-erotische Trugbilder. Hier ist alles möglich. Alles ist ungeformt und im Fluss. Das Leben liegt nicht als Blaupause zum Nachzeichnen auf dem Tisch. Die Menschen dieses Romans sind Skizzen, die keine scharfen Kanten haben und die wir gemeinsam mit der grandios fabulierenden Autorin ganz zart ausmalen dürfen.

Ihr werdet den Roman nicht zu fassen bekommen, wie Ihr Euren eigenen endlosen Sommer auch heute nicht zu fassen bekommt. Er besteht aus Sequenzen, Bildern und Rhythmen, die sich langsam aneinander reihen. Sucht nicht verzweifelt nach Struktur, wo Euer Paradies selbst nie strukturiert war. Versucht Euch hinzugeben, das Requiem zu erhören und saugt die Melodie auf, die wir schon lange nicht mehr summen können.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

Sucht nach Euren eigenen Antworten auf die Fragen des Lebens. Wer gehört zu wem, wer ist wer und was bleibt am Ende von allem? Ist es nur das liebestrunkene und unvergessliche Gefühl der letzten großen unbeschwerten Lebensphase und die Angst vor der Unausweichlichkeit des Schicksals? Ist es Liebe? Ist es Unsicherheit oder gar die eigene Erinnerung, die es plausibel erscheinen lässt, dass ein Junge vielleicht ein Mädchen ist. Madame Nielsen reicht Euch ihre Hand und summt ihr ganz eigenes Lied. Durchleben müsst Ihr diesen endlosen Sommer ganz allein. Das ist Euer Privileg. Es ist wundervoll, in diesem Roman den eigenen endlosen Sommer zu finden und sich dabei zu fragen, was wir im Herbst und Winter unseres Lebens davon noch im Herzen haben. Ich fand meine Antworten.

Dieser Roman entspricht seiner Autorin. Madame Nielsen ist alles, was man sich vorstellen kann, wenn man das Wort Künstlerin reflektiert. Sie ist Kunstperson und Lebenskünstlerin, Performance-Artist, Autorin und Sängerin. Ihre Vita klingt skurril, was sie für mich nur umso faszinierender macht. Sie löste sich 2001 sehr konsequent von ihrem männlichen Ich, trug Claus Beck-Nielsen zu Grabe, erfand sich selbst und lebt ihr Leben, wie sie ihren endlosen Sommer lebte. All diese Geheimnisse möchte ich gerne im Verborgenen lassen und sie so akzeptieren, wie sie schreibt. Außergewöhnlich und einfach als grandiose literarische Stimme. Ich fühlte mich sprachlich ein wenig an die große Tania Blixen erinnert. Ja, ich denke, das hätte ihr gefallen. Dänische Stimmen tragen die Weltliteratur auf leichten Schultern. Ich verneige mich.

„Es ist stets die Idee des Paradieses, auf die es ankommt,
und wenn eine hinreichend ansprechende Illusion erschaffen werden kann,
folgt die Wirklichkeit von selbst.“
(Tania Blixen)

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

Ihr könnt diese Rezension auch auf Literatur Radio Bayern hören. 

Inzwischen ist die endlose Sommerzeit auch bei Zeichen und Zeiten angebrochen.

Advertisements

„Von dieser Welt“ – James Baldwin sprengt alle Ketten

Von dieser Welt – James Baldwin

Hier erleben wir die unglaubliche Dynamik des Buchmarktes in Reinkultur. Schon auf der Frankfurter Buchmesse wird mir beim Presstermin bei dtv ein ungewöhnlicher Roman vorgestellt. Meine Entscheidung ihn zu lesen fällt schnell, geht es doch um eins der Schwerpunktthemen auf AstroLibrium. Den wohl unbesiegbaren Rassismus in den USA, die nie wirklich gesprengten Ketten nach der Abschaffung der Sklaverei am Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges und die lang anhaltenden und dramatischen Folgen dieser geistigen Fehlentwicklung für die Betroffenen und Verursacher. Viele Bücher zu diesem Thema habe ich bereits vorgestellt und dabei deutlich darauf hingewiesen, wie sehr die Wurzeln dieser über Generationen vererbten Diskriminierung auch heute eine ganze Gesellschaft im Griff haben.

Von dieser Welt“ von James Baldwin wurde groß angekündigt und im Umfeld der Veröffentlichung spürt man ein betriebsames und gespanntes Vibrieren in der Branche. Erste Druckfahnen werden versandt, eine aufwendig gestaltete SocialWall entsteht, der Hashtag #tappingintobaldwin macht die Runde, die Produktion des Hörbuches nimmt Fahrt auf und alle Weichen sind gestellt, das Werk pünktlich zur Leipziger Buchmesse in den Handel zu bringen. Und dann das: Eine flotte Pressemitteilung und die Hektik hinter den Kulissen wird spürbar. Erscheinungstermin vorgezogen. Zwei Wochen früher als eigentlich geplant wird Baldwins „Von dieser Welt“ schon am 28. Februar das Licht der Bücherwelt erblicken. Was war passiert?

Von dieser Welt – James Baldwin – Die SocialWall

Ganz einfach. Der größte Buchmarkt-Motor hatte sein Getriebe geölt und diesen Roman auf die Liste gesetzt. Die Rede ist hier vom „Literarischen Quartett„. Schon in der Sendung vom 2. März wird man über die Neuerscheinung diskutieren und es wäre ein Debakel, die Steilvorlage des Kritikerquartetts ungenutzt zu lassen, indem das Buch (wie immer es auch dort besprochen wird) als noch nicht lieferbar deklariert würde. Es ist kein Geheimnis, was schon am Tag nach der Ausstrahlung im Buchhandel passieren wird. „Ich hätte gerne das Buch, das gestern im Fernsehen vorgestellt wurde. Ich weiß nicht, wie es heißt, aber es war blau!“ Buchhändler wissen wovon ich rede.

Aber womit haben wir es hier eigentlich zu tun? Ist „Von dieser Welt“ gar nicht von dieser Welt und eine echte literarische Sensation? Hat dieser Roman das Potenzial, die Bestsellerlisten quasi im Alleingang zu erobern? Wird er schon im Ausland bejubelt und eilen ihm Vorschusslorbeeren voraus, die den Erfolg in Deutschland garantieren? Nein. Weit gefehlt. Wir haben es im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Klassiker zu tun, mit der Neuentdeckung des 1987 verstorbenen Autors und einem besonderen Wagnis aus Sicht des Verlages. James Baldwin ist kein unbeschriebenes Blatt, dieses Buch ist kein unbesungenes Meisterwerk und doch ist die Zeit reif, den Debütroman des Autors aus dem Jahr 1953 in der neuen Übersetzung von Miriam Mandelkow auf die Welt zu bringen.

Von dieser Welt – James Baldwin

Und schon wird es auch für den geneigten Kritiker, Quartettspieler und auch uns Rezensenten ein wenig tricky. Kommt es hier überhaupt noch auf unser Urteil an und können wir uns überhaupt Kritik an einem der hochgelobtesten Bücher über Rassismus und Ausgrenzung, Selbstfindung innerhalb der schwarzen Hautfarbendiaspora und dem kompensatorischen religiösen Ablenkungsautomatismus afroamerikanischer Bürger der letzten 70 Jahre erlauben? Was bleibt uns noch zu einem Roman zu sagen, den selbst das Time Magazine auf der Liste der 100 besten englischsprachigen Romane seit 1923 führt? Steht es uns dann noch zu, einen schwarzen Schriftsteller postmortem kritisieren zu wollen? Einen literarischen Aktivisten der Gleichberechtigung, die leuchtende Fackel im Kampf gegen die Unterdrückung und zu Lebzeiten den einzigen schwarzen Künstler, der es aufs Cover des Time Magazine geschafft hatte? Ich sagte ja, es wird sehr tricky, denn das einzige Manko unseres Lesens ist, dass wir ihn hierzulande schon vergessen oder sowieso bisher nie richtig wahrgenommen haben.

Wo sehe ich meine Rolle, wenn ich Von dieser Welt vorstelle? Ganz einfach. Ich möchte beschreiben, warum man James Baldwin heute lesen MUSS. Ich mag erzählen, wie ich dieses Buch gelesen und empfunden habe und dabei hervorheben, was es von den Büchern unterscheidet, die für mich Maßstab eines freien vorurteilsfreien Denkens sind und neue Gedanken festhalten die ich exklusiv diesem Roman zu verdanken habe. Und schon wird verständlich, warum „Von dieser Welt“ nichts von der Brisanz verloren hat, die diesen Roman schon im Erscheinungsjahr 1953 ausgezeichnet hat. Erstmals in der Literaturgeschichte schrieb ein schwarzer Autor nicht über Rassismus. Zum ersten Mal gelang es einem afroamerikanischen Schriftsteller, sich von Erzähltraditionen einer Welt zu lösen, die niemals seine Welt werden sollte. Erstmals fand James Baldwin eine ganz eigene Stimme und erstmals verlieh er dieser Stimme und den bisher ungehörten Gehör, weil er nicht über Rassismus schrieb. Er schrieb Von dieser Welt, wie sie sich für ihn anfühlte. Eine Welt, in der niemand gerne leben würde. 

Von dieser Welt – James Baldwin

James Baldwin entführt uns ins Harlem der 30er Jahre und erzählt die Geschichte eines einzigen Tages. Er erzählt vom 14. Geburtstag von John Grimes. Ein schwarzer Junge auf der Suche nach seinem Weg ins Leben, orientierungslos und von eigenen Vater täglich mit der Geißel der Religion und der eigenen Wertlosigkeit konfrontiert. Nur die Kirche und die Hinwendung zu Gott können ein Ausweg aus dem tristen Leben sein. Nur in der bedingungslosen Hin- und Aufgabe läge seine Zukunft. Diese Lehre wird ihm täglich brutal eingetrichtert. Einzig sein wacher Verstand, die Hassliebe gegenüber dem Vater und der unbedingte Wille, selbst über sein Leben zu entscheiden, veranlassen ihn sich aufzulehnen und den Blick auf die wahre Welt zu richten. Eine Welt, die ihm fremd und feindlich gegenüber steht. Die Welt der Weißen in New York. Eine Welt, in der kein Platz für einen Schwarzen war, ist und sein wird.

An der Seite von John Grimes erleben wir diesen einen Tag in voller Wucht. Wir werden zu Zeugen seines Blicks auf das New York der Weißen und erleben, wie man seinen geschundenen Bruder nach Hause bringt. Wir fühlen mit, wenn John Sehnsucht nach Liebe empfindet und spüren seine Hilflosigkeit angesichts der Verblendung seines Vaters, der in der übersteigerten Religiosität der Welt der Weißen zu entfliehen sucht. Diese Ersatzwelt in der Kirche stattet seinen Vater mit der Macht aus, die er im wahren Leben niemals finden würde und so versinkt seine schwarze Gemeinde im Sumpf einer fast wahnhaften Erweckungspsychose. Und doch ist es die Hinwendung zu Gott, die es John ermöglicht, sich vor der Kirche, dem Harlemer Slum und seiner eigenen Familie in Sicherheit zu bringen. Hier liest sich der Roman wie ein ekstatischer Gospel, der in die Seele reicht und von Hoffnung und Rettung kündet. Ein rhythmischer Gospel, der jedoch nur in der Lage ist, die Ketten der Versklavung enger um die Herzen der Schwarzen zu ziehen. Eine bedrohliche Melodie. Weltfremd und voller Selbstbetrug.

Von dieser Welt – James Baldwin

Wie eine Messe liest sich dieser Roman, wie ein Choral besingt er drei Gebete. Es sind die Gebete von Johns Vater, das seiner Tante und zuletzt das aufrichtige Gebet der eigenen Mutter. Sie öffnen ihre Seelen, nichts bleibt verborgen, keine Wunde verheilt im Gospel dreier Leben. Es sind Gebete von Machtlosigkeit, Macht, Treue und Untreue. Es sind Gebete, die nur entstehen können, weil Rassismus das schwarze Leben dominiert. Die brutale Beiläufigkeit, mit der die Fremdbestimmung durch Weiße erzählt wird, wird in jeder Zeile spürbarer. Baldwin schreibt nicht über diesen Hass. Er beschreibt ihn als Teil des Lebens, vor dem man nicht fliehen kann. Rassismus ist „Von dieser Welt“ und John Grimes versucht ihm an diesem 14. Geburtstag zu entrinnen, indem er seine Welt hinter sich lassen muss. Hart und brutal. Erniedrigend und erhellend. Unvergesslich.

Von dieser Welt liest sich wie ein Initiationsritual, weil wir am eigenen Leib spüren was es bedeutet, nur als minderwertige Menschen gesehen zu werden. Das Buch ist so beklemmend, weil James Baldwin sich von allen Zwängen befreit, die eigenen Ketten sprengt und uns mit einer Sprache konfrontiert, die uns sprachlos macht. Er selbst zog sich in ein Schweizer Dorf zurück, hörte Gospels von Bessie Smith und versuchte sich in seiner eigenen Sprache zu definieren. Im blühenden Alltagsrassismus des „Negers mit der Schreibmaschine“ gelang ihm der autobiografische Befreiungsschlag mit dem Sound, den man vorher nie vernahm. Miriam Mandelkow ist das Kunststück gelungen, den ursprünglichen Rhythmus und die Melodie dieser Erzählung in eine Übersetzung einfließen zu lassen, die dem Werk Baldwins mehr als gerecht wird.

Von dieser Welt – James Baldwin

Nun mag die moderne Welt über dieses Buch urteilen wie sie mag. Seine Relevanz für unsere Zeit ist unbestritten. Ta-Nehisi Coates hat das auf den Punkt gebracht. Sein Buch „Zwischen mir und der Welt“ nimmt den Ball auf, den James Baldwin ihm schon 1953 zugespielt hat und zeigt im offenen Brief eines schwarzen Vaters an seinen Sohn, dass die Welt, in der er heute lebt sich nicht wesentlich von der Welt unterscheidet, die Baldwin beschrieb. Beide Bücher sind nur durch die Zeit voneinander getrennt. Baldwin ist wichtig für das Verständnis der heutigen „Black Lives Matter„-Bewegung. Schade, dass „Von dieser Welt“ genau von jenen Menschen nicht gelesen wird, die diese Welt zu ihrer machen und sie für andere verschließen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Das Hörbuch zum Roman erscheint am 29.3. bei Der Audio Verlag. Wanja Mues wird diesem bedeutenden Werk seine Stimme verleihen. Ich habe es gehört und mich bei Literatur Radio Bayern geäußert [1]. Folgen Sie mir bitte in einige Bücher, die für mich unverzichtbar sind, wenn es um das Verständnis dafür geht, wie es sich anfühlen muss, in einer Welt zu leben, die ihre Tore für alle Zeiten verschlossen hat. Rassismus lautet der Tag, der Sie zu meiner weltoffenen Bibliothek dieser Bücher bringt. Und wenn Sie sich jetzt noch dafür interessieren, wer meine Weichen in eine Welt ohne jegliche Vorurteile gestellt hat, dem lege ich den Artikel Warum ich kein Rassist bin ans Herz.

Gegen Rassismus und Ausgrenzung – Ein Schwerpunkt bei AstroLibrium

[1] Premiere bei Literatur Radio Bayern. Ab 28. März kann man in meinem PodCast zum Hörbuch eine von zwei Ausgaben der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag gewinnen. Zuhören und die Antwort an astrolibrium-aktion@web.de schicken. Der Einsendeschluss ist Montag, der 2. April.

Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete

Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete

„Die »Hoffnung« ist ein Federding.“ (Emily Dickinson)

Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete

Gibt es Bücher, die Leben retten können? Lebensratgeber, Trostspender oder auch Auswegweiser? Gibt es Bücher, die ihren Leser aus einem Jammertal der Hilflosigkeit befreien können, weil sie einen Silberstreif am Horizont beschreiben, der lange Zeit im Verborgenen lag? Gibt es solche Bücher? Ich denke schon. Es bedarf eines Impulses von außen, um die eigene Sichtweise zu verändern. Es bedarf der Inspiration, um sich selbst wieder einzunorden, den eigenen Kompass fürs Leben zu finden. Dabei sind es aus meiner Sicht in den seltensten Fällen die schlanken Ratgeber für alle Lebenslagen, die uns überall begegnen. Es sind vielmehr Lebens- und Erfahrungsberichte von jenen Menschen, die aus eigenem und damit aus berufenem Munde von sich selbst erzählen.

Es sind Geschichten vom Rand des Abgrunds. Kurz vor dem freien Fall. Es sind die Geschichten von Menschen, die am eigenen Körper erfahren haben, was es heißt, eine Krise zu überstehen oder sich der Hoffnungslosigkeit zu stellen. Geschichten, die dazu veranlassen, die Perspektive zu wechseln und zu erkennen, dass es doch möglich sein kann, das Unmögliche zu schaffen. Geschichten, die mit Vorbehalten aufräumen und in aller Deutlichkeit Klartext reden. Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, haben auch keine Worte zu verlieren. Sie investieren sie. Oftmals in uns.

Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete

Penguin Bloom. Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete“ von Cameron Bloom und Bradley Trevor Greive – Knaus Verlag – erzählt eine solche Geschichte. Es handelt sich um eine Geschichte, die uns alle angeht. Nicht nur weil wir selbst einmal betroffen sein könnten, sondern weil wir in unserem alltäglichen Leben Menschen begegnen, die froh und dankbar wären, wenn wir diese Geschichte einer kleinen australischen Elster kennen würden. Wie begegnen wir jemandem, der aus unserer Sicht an einen Rollstuhl gefesselt ist (was für ein Wort)? Wie gelingt es uns, die Hürde des Mitleids hinter uns zu lassen. Was wird vom Betroffenen als Hilfe wahrgenommen, was nur als Worthülse und was verschlimmert die Situation sogar, weil wir wieder unbewusst unbedacht handeln? Das kann uns nur jemand erzählen, der sich in der Situation befindet. Jemand, der sein Schicksal meistern konnte oder aus nächster Nähe miterleben durfte, welcher Wunder es manchmal bedarf, um ein Leben zu retten.

Hier ist es der Ehemann von Samantha Bloom, der die Geschichte seiner Familie erzählt. Sam, Cameron und die gemeinsamen Söhne Rueben, Noah und Oliver konnte man als perfekte und glückliche Familie mit einem wundervollen Leben betrachten. Die Eltern verliebt wie am ersten Tag und die drei Jungs im gemeinsamen Nest wachsen in einer zutiefst vertrauten und liebevollen Umgebung auf. Sport, Naturverbundenheit und Agilität zeichnen sie aus. Ein Urlaub in Thailand zerstört das Glück mit einem Sturz ins Bodenlose.

Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete

Samantha stürzt von einem Aussichtsturm. Sechs Meter freier Fall. Ein morsches Geländer gab keinen Halt. Die Zeit blieb stehen. Die Folgen: Querschnittslähmung, der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, dauerhafte heftigste Kopfschmerzen und Schmerzen selbst in den gefühllosesten Körperregionen. Die Erkenntnis, nie wieder im Leben laufen zu können, traf Samantha wie ein Todesurteil. Aus dem Leben gerissen, aus der Familie gerissen, als Mutter wertlos zu sein, als hilfsbedürftiges Anhängsel das Glück der gesamten Familie zu beeinträchtigen. Das sind nur einige der Empfindungen, die Sam Bloom an den Rand der Selbstaufgabe brachten. An den Rand des Abgrunds. An den Rand der Selbstmordgedanken, obwohl ihr Mann und ihre Söhne alles versucht hatten, ihr liebevoll und behutsam Halt zu geben.

„Und dann kam Penguin zu uns.“

Als Sam Bloom aus ihrem Nest stürzte, fiel ein kleines australisches Elsterküken in das Nest der Blooms. Einer der Söhne fand das verletzte Vogelkind und brachte es ins Haus. Manchmal fallen Wunder vom Himmel. Manchmal tragen Engel Federn und brauchen selbst Hilfe. Manchmal ist es einfach unerklärlich, wie das Leben spielt. Doch manchmal muss man einfach auch Wunder annehmen und so tauften sie die Elster auf den Namen „Penguin“. Nicht viel später setzten sie den Familiennamen Bloom dazu, weil die drei Jungs jetzt ein gefiedertes kleines Schwesterchen hatten, das nicht nur ihr Leben verändern sollte.

Der Rest ist die Geschichte dieses Bildbandes. Penguin Bloom wurde nicht nur Teil der Familie. Die kleine Elster entwickelte sich zur besten Therapeutin für Samantha. Es ist ein Privileg, sich der Geschichte so unmittelbar nähern zu dürfen. Cameron Bloom hat das gemeinsame Leben in brillanten Bildern festgehalten. Penguin entwickelte sich zum Kitt, der die Familie zusammenhielt und vom Abgrund entfernte. Die Konzentration auf einen kleinen Vogel, der Hilfe brauchte, gab allem wieder einen Sinn. Und Penguin gab alles zurück. Die kleine verrückte Elster wurde zur Lebensgefährtin und Zuhörerin von Sam. Penguin Bloom verwandelte das Selbstmitleid einer Familie in eine Offensive des Glücks. Man richtete einen Instagram-Account für Penguin ein und wunderte sich über die unglaubliche Resonanz. Als sich die ersten Verleger meldeten, war es nur ein kleiner Schritt aus dem Leben heraus in ein Buch.

Der Profifotograf Cameron Bloom fand gemeinsam mit dem Autor Bradley Trevor Greive die passenden Worte zu den Bildern. Wobei die Philosophie des Instagram-Accounts nicht verändert wurde. Die Bilder erzählen nicht die Geschichte einer kranken Frau. Sie stehen für Penguin Bloom und die Lebensfreude, die dieser Vogel ins Haus brachte. Die Worte neben den Bildern verbinden beide Geschichten zu einem Bild, das unvergessen bleibt. Dieses Buch ist beschwingt und fröhlich, es ist zutiefst traurig und offen. Es ist hoffnungsvoll und wirkt wie ein tatsächlich greifbarer Silberstreif an einem Horizont, der zuvor wolkenverhangen war.

Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete

Das Ende gehört Samantha Bloom. Sie wendet sich in einem bemerkenswerten Brief an alle Menschen, die ihr Schicksal teilen. Sie wendet sich an alle Menschen, die zum Umfeld von Betroffenen gehören. Sie spricht ungeschönt über ihre Ängste, ihre Scham, den Ekel vor sich selbst, den Hass gegenüber Menschen, denen es besser geht und in letzter Konsequenz über die wenigen Wege, die uns bleiben, Menschen wirklich helfen zu können, die durch ihre Querschnittslähmung aus dem Querschnitt des Lebens fallen.

Die wahre Geschichte endet nicht mit dem Buch. Die wahre Geschichte ist auch die Geschichte des Loslassens. Wir können weiter daran teilhaben, wenn wir dem Account von Penguin Bloompenguinthemagpie“ auf Instagram folgen. Die Blooms leben bei Sidney an einem Traumstrand. Samantha Bloom hat das Kajakfahren für sich entdeckt. Penguin Bloom verschwand, nachdem ihre Aufgabe erfüllt war, aber

Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete

Zehn Prozent der Erlöse aus dem Verkauf des Buches gehen an Organisationen wie Wings for Life, die sich der Erforschung von Rückenmarksverletzungen und der Suche nach Heilmethoden verschrieben haben. Diese Rezension kann man auch hören!

Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete – Die Rezension fürs Ohr

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Nun kann man schon die Tage zählen, bis Weihnachten vor der Tür steht und wir befinden uns gefühlt im Endspurt auf der Zielgeraden eines turbulenten Jahres. Hektik und Stress fressen uns auf, und manch einer von uns sinkt schon in ein paar Tagen vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum zusammen und seufzt erschöpft auf. Wir rennen, hetzen und suchen. Jagen letzten Terminen hinterher und erledigen noch ganz schnell die Weihnachtspost für unsere Lieben. „Frohes Fest und pass` auf dich auf!“ Es bleibt kaum Zeit für mehr, geschweige denn für Handschriftliches. Es wird gemailt, was das Zeug hält und zu guter Letzt kann vielleicht noch eine Sammel-WhattsApp ein paar Grüße übermitteln, die wir schlicht vergessen haben. (hörbar als Radio-PodCast)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Meine Radio-Rezension

Einen ganzen, ellenlangen Brief mit der Hand zu schreiben ist wohl aus der Mode gekommen. Dabei hat genau dieses handschriftliche Schreiben eine ebenso schöne, wie romantische Tradition. Schreiben Sie mir, oder ich sterbelegt Zeugnis davon ab. Ein Buch und seine Hörbuchadaption als Liebeserklärung an das Briefeschreiben. Ich habe diesem Gesamtkunstwerk einen warmen Platz in meiner kleinen literarischen Sternwarte eingeräumt und nun kommt eine weitere Briefedition hinzu, die mich in den letzten Tagen gefesselt und berührt hat. „In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz, herausgegeben und kommentiert von Petra Müller und Rainer Wieland, öffnet diesmal Weihnachtsbriefe berühmter Männer und Frauen für unsere Augen. Als Buch im Piper Verlag erschienen, schließt sich nun die Hörbuchedition von Random House Audio an und lässt uns bewegende und berührende Zeilen hautnah erhören.

In meinem Weihnachtsstrumpf finden sich Dein Herz, Dein Körper, Deine Seele. (Jean Cocteau an Jean Marais)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Ich habe gelesen und gehört. Bin tief versunken in Briefen, die nicht für meine Augen oder Ohren bestimmt waren und doch Zeugnis ablegen von Beziehungen, Lieben und Leidenschaften, von denen die Welt oft gar nichts erfahren durfte. Briefe voller Zartheit und Hoffnung. Briefe voller Zuneigung und Zuversicht. Jedoch auch Zeilen, von denen wir heute wissen, dass sie niemals in Erfüllung gingen. Ich reiche euch den Brieföffner für diese besondere Edition und zähle auf eure Verschwiegenheit. Wir treffen auf ganz besondere Menschen, die tiefe Spuren in unserem Lesen hinterlassen haben und zum Weihnachtsfest sollten wir an sie denken, weil sie ähnliche Wünsche hatten wie wir. Es ist ein Privileg des Lesens und Hörens, diese Zeitreise unter die Tannenbäume längst vergangener Epochen antreten zu dürfen. Folgt mir…

„Es ist schön, bedeutende Männer zu haben, und ich bin so froh, dass du einer bist!“

Was für ein Kompliment aus der Feder einer einzigartigen Frau. Liebe, Sehnsucht nach einem zweiten Kind und unendliche Zuversicht überstrahlen den Weihnachtsbrief von Zelda an ihren Mann Scott F. Fitzgerald. Wundervolle Worte, die sie ihm schrieb, als die wohl größte Liebesgeschichte der 1920er Jahre vor ihren Trümmern stand. Hier beginnt  Weihnachten 1931 die Zeit der Trennung und das dunkle Kapitel im Leben der Lebenskünstler wird aufgeschlagen. Nichts mehr von Himbeeren mit Sahne im Ritzund kaum noch eine Spur von „Für dich würde ich sterben“. Umso bewegender, den Weihnachtsbrief an eine große vergangene und unerfüllbare Hoffnung zu lesen und zu hören.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

„… ich hatte dich wirklich seit sieben Jahren unter meiner Haut und wollte nicht.“

So schreibt Erich Maria Remarque dem kleinsten und weichsten aller Nestvögelseines Lebens. Man mag es auch heute noch kaum glauben, wem diese Zeilen galten. Marlene Dietrich und Remarque verband eine fast lebenslange, wenn auch heimliche Liebe, deren Beginn in der Briefkollektion „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ für die Nachwelt enthüllt wurde. Später wurde „Die Dietrich“ für Remarque zur „Entglittenen“. Wie alles endete wissen wir heute. Ein Telegramm ans Sterbebett kam gerade noch an, bevor der Autor von „Im Westen nichts Neues“ die Augen schloss. 1937 jedoch hatte er den gewohnt wachen Blick auf das wohl ironischste Fest, das man so feiert. Er schließt mit den Worten:

„Sei gegrüßt, du Geliebte und geh nie von mir, du würdest mich zerreißen!“

Einen Hundebesuch zu Weihnachten beschreibt eine Schriftstellerin, die weltweit durch ihre Briefwechsel bekannt wurde. Helene Hanff. Die Radiobriefe aus New York an ihre Heimat England genossen Kultstatus. Zu Weihnachten nimmt sie die einfachen Verhältnisse ihres Lebens im Big Apple auf die Schippe, macht sich über den Versuch einer Baumschmückparty in ihrem Einzimmer-Apartment lustig und läutet damit schon fast das Zeitalter der Schlafcouch ein, die als Garderobe für die Besuchermäntel dient. Herrlich skurril. Herrlich auch, das Essen für die Gäste im gesamten Haus zu verteilen, weil nicht genug Platz in der eigenen Wohnung ist. Herrlich turbulent, was sie uns hier anvertraut. Die Autorin von „84, Charing Cross Road. Eine Freundschaft in Briefen“ war 1978 in wahrer weihnachtlicher Schreiblaune…

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Weihnachtsbriefe aus dem Gefängnis gab es auch. Nicht so lustig, nicht skurril und gar nicht weihnachtlich. Eher sehnend, hoffend und verzagend. Wer Rosa Luxemburg nur als ermordete Kämpferin für die Arbeiterklasse kennt, der sollte ihren Brief aus dem Jahr 1917 an Sophie Liebknecht lesen und hören. Wenn Schmerz hinter Gittern jemals spürbar wurde, dann hier. Rosa erzählt von einer Begegnung mit einem Büffel, der als Lastentier vor den Wagen gespannt wurde. Bestialisch gequält, missbraucht und doch nur still leidend. Ihr Blick auf das Tier wird zum Blick in ihre Seele. Sie schreibt den Riss in der Büffelhaut in unser Herz. Kein schönes Weihnachten. Zwei Heiligabende sollten ihr noch bleiben…

„Mutter, fall nicht in Ohnmacht… Ich komme für die Feiertage nach Hause, mit einem Mann und einem Motorrad.“

Dorothy L. Sayers schrieb einen Weihnachtsbrief, den meine Tochter nicht lesen sollte. Die Krimi-Autorin bereitet ihrer Familie 1922 eine besondere Überraschung und gerät beziehungstechnisch auf die schiefe Bahn. Sie begegnet einem mittellosen Mann, der nur ein Motorrad besitzt, schleppt ihn unter den Familien-Weihnachtsbaum und hat keine andere Erklärung als die Liebe auf den ersten Blick. Unter der Kategorie „Leben ist, was uns zustößt“ beinhaltet dieser Brief alles, wovor man seine Tochter schützen möchte. Nein. Ein Motorradfahrer kommt nicht ins Haus. Das steht fest. Das aus dieser Beziehung stammende Kind hat die Autorin übrigens bis ins hohe Alter verleugnet.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Zahllose weitere Briefe ließen sich rezensieren. Von Tucholsky, bei dem zum Fest aus Waren Gaben werden, bis hin zu Jean Paul Sartre, der seinem Spitznamen Castor (fleißiger Biber) auch an Heiligabend alle Ehre macht reicht das Spektrum der Edition. Die Briefe zu lesen ist ein entschleunigendes Fest für die Augen. Sie anhören zu dürfen verleiht der Vergangenheit Flügel, die bis unter unseren Tannenbaum reichen. Claudia Michelsen und Devid Striesow entführen uns in die weihnachtlich geschmückten und herausgeputzten Stuben berühmter Frauen und Männer. Unter die Weihnachtsbäume längst vergangener Zeit legen sie ihre Stimmen als zeitlose Geschenke für ein frohes Weihnachtsfest von heute.

Frauen- und Männerbriefe legen Zeugnis ab von Leben, die lange gelebt, Lieben, die lange geliebt und Leidenschaften, die bis in die heutige Zeit überliefert sind. Liebe und Zuversicht strahlen aus einer Vergangenheit zu uns, die uns weit entrückt vorkommt. In einer Welt, die nur von Frieden träumt stellen wir fest, dass wir den Schreibern aus der längst vergangenen Welt vielleicht näher sind, als wir denken. Haben wir andere oder ganz neue Wünsche? Ich denke nein. Bleibt noch die Frage, wer in 100 Jahren unsere Briefe liest und wie man sie in unsere Zeit einordnet. Dies übernimmt im Hörbuch mit brillanter Stimme Christian Baumann. Die Zwischentexte, die mehr als nur einordnen und moderieren, sind das Salz in der Buchstabensuppe dieser Hörbuchbriefe.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

16 Briefe sind im Hörbuch zu hören. 41 Briefe befinden sich im Taschenbuch. Es ist das perfekte Weihnachtsgeschenk für bibliophile Menschen, die alle Sinne für das Besondere öffnen können.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

“Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ von John Green

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

Oh nein. Das kann nicht funktionieren! Das wäre meine klare Aussage gewesen, wenn man mich gefragt hätte, ob der neue Roman von John Green mit dem Titel Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken ein neuer Meilenstein unseres Lesens werden könnte. Allein die Inhaltsangabe ließ schon vermuten, dass es hier um bereits tausendfach beschworene Klischees im Konflikt zwischen Arm und Reich geht, dass erneut die Geister einer Liebe durch ein Buch getrieben werden, die durch soziale Unterschiede unmöglich erscheint. Junge Frau trifft auf Milliardärssohn, dessen Vater sich aus Angst vor Strafverfolgung aus dem Staub gemacht hat, seine beiden Jungs auf dem Berg ungelöster Probleme in einer Welt zurücklässt, in der man sich alles kaufen kann. (Weiterhören: hier…)

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken – Die Rezension fürs Ohr. Ab 06.12. verfügbar…

Nein, dachte ich. Das geht nicht. Das hatten wir schon so oft. Dann auch noch das Mädchen mit einer psychischen Zwangsstörung auszustatten, ihr eine Freundin an die Seite zu stellen, die wie eine Hochgeschwindigkeits-Vorstadtdampfwalze durchs Leben rollt und beim ersten pseudo-romantischen Aufeinandertreffen der so unterschiedlichen Protagonisten den gemeinsamen Blick in den Sternenhimmel schweifen zu lassen, um dabei festzustellen, dass die Sterne vielleicht gar nicht mehr existieren, weil ihr Licht so lange unterwegs ist, dass man am Himmel nur die Vergangenheit sieht. Oh nein. Zu oft wurde dieses Bild bemüht, zu oft tobte sich ein Roman zwischen Reichtum und Armut aus. Ich hätte diesem Roman keine Chance gegeben.

Fieser Verräter und Fiese Gedanken von John Green

Dazu kommt noch, dass ich eine gewisse Hazel Grace im Herzen trage, die mir vor gar nicht langer Zeit von eben jenem John Green in seinem Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ in eben dieses Herz gebrannt wurde und die seitdem wie eine nie heilende Lesewunde auf meinen Gefühlen lastet. Selten hat mich eine Frauengestalt in der Literatur so nachhaltig bewegt, berührt und zum Weinen gebracht. Ihr „Okay“ hallte noch in mir nach, als ich nun Aza Holmes begegnete. Aza musste eine innere Barriere überwinden, um jenseits meiner Erinnerungen an Hazel Grace von mir wahrgenommen zu werden. Aza. Nein. Ich hätte ihr keine Chance gegeben. Ich hätte wohl gesagt, dass diese Story nicht funktionieren kann. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ wäre wohl nie in meinem Lesen aufgewacht.

Ich las dieses Buch nur unter Vorbehalt. Begann in ein Leben einzutauchen und ein junges Mädchen zu verstehen, das mit sich und seinem Körper nicht im Einklang steht. Ich lernte von Seite zu Seite ein gleichsam zerbrechliches wie schützenswertes und in jeder Beziehung zerrissenes Schicksal kennen, dem ich von Seite zu Seite betroffener folgte. Aza. Ein von ihrem Vater bewusst gewählter Vorname, der das ganze Alphabet umfasst, um ihr zu zeigen, dass sie alles sein kann. Aza, die ihren Körper nicht als das empfindet, wie wir uns empfinden, sondern als gefährliche Ansammlung von Bakterien, die sich im ständigen Überlebenskampf gegen eine feindliche Umwelt befinden. Angst. Das ist die Überschrift, die ihr Leben dominiert. Angst vor Infektionen, Krankheiten und damit auch gleichzeitig die krankhafte Unfähigkeit, sich anderen Menschen gegenüber körperlich zu öffnen. Und Küsse oder Berührungen sind da zum Beispiel gar nicht drin.

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

Was John Green aus den unmöglichen und verbrauchten Ausgangssituationen macht, ist ein kleines literarisches Wunder. Als würde er mit seinen Lesern spielen, als wäre er sich von Vorneherein jeder Kritik bewusst, zaubert er aus Perspektivwechseln und Dialogen eine völlig klischeefreie Atmosphäre in seinen Roman, die der Interaktion der beiden Hauptcharaktere eine Plattform bietet, ihr Schub verleiht ohne dabei kitschig oder vorhersehbar zu sein. Die beginnende Romanze zwischen Aza Holmes und dem Milliardärssohn Davis wäre dankbar, wenn ihr nur die sozialen Unterschiede der beiden jungen Menschen im Wege stünden. Aber erste Gefühle, Zuneigung und Lust ohne die Möglichkeit, Aza berühren zu dürfen stellt Davis auf eine weitere Probe. Auf eine, die er im Moment eigentlich gar nicht brauchen kann.

Wie er damit umgeht, welchen Raum er Aza lässt, wie die beiden frisch Verliebten in diesem Spannungsfeld das Leben des Anderen wahrnehmen und respektieren, das ist einer der lesenswertesten Aspekte dieses Romans. John Green bleibt auf dem Niveau seines erfolgreichen Schicksals-Romans ohne sich oder seine Protagonisten dabei zu verraten. Seine Dialoge sind brillant, die Empathie gegenüber seinen Charakteren fügt sich in die emotionale Achterbahnfahrt des Lesers ein, wie ein Gefühlskokon, dem man nicht entkommen will. Die Schlichtheit der jugendlichen Gedanken seiner Protagonisten erreicht in seinem Schreiben einen Tiefgang, der sich im Herz der Leser verankert. In alle Hoffnungslosigkeit auf eine gemeinsame Zukunft bricht John Green mit Worten ein, die wir so schnell nicht mehr vergessen.

„Sie sagte… Der Meteoritenschauer findet statt, über den Wolken, auch wenn wir ihn nicht sehen. Wen interessiert, ob sie küssen kann? Sie kann durch die Wolken sehen.“

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green – Mit Wendecover

Gedanken sind Bakterien. Sie sind fies, kreisen im Körper und im Geist und sind nicht so leicht zu therapieren. Sie ziehen Menschen in Strudel, aus denen sie sich nicht mehr befreien können. Zwangsstörungen haben ihre eigenen Gesetze, Verständnis gehört in den seltensten Fällen dazu. Aza Holmes will aus dieser Spirale ausbrechen. Sie will es nicht akzeptieren, dass ihr Leben nicht von ihr selbst gelebt werden kann. Sie will jenen fiesen Gedanken, die sie schlaflos machen die Stirn bieten. Sie will aus den Metaphern fliehen, die ihr Denken fesseln. Davis gewährt ihr einen Blick in den Sternenhimmel, er erhält im Gegenzug einen Einblick in die selbstzerstörerische Welt der Aza Holmes. Im Kosmos der beiden jungen Menschen sind es die Spiralnebel der Psyche, die sich mal lichten und mal über sie senken. Starke Bilder von John Green begleiten unser Lesen.

Wer „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ gelesen oder gesehen hat weiß, dass Happy Ends nicht unbedingt die Sache von John Green sind. Wer seine Vita kennt, weiß, dass seine eigenen inneren Kämpfe von miesen Verrätern und fiesen Gedanken bestimmt sind. Spätestens seit Hazel Grace wissen wir, dass John Green uns nicht aus einer Tragödie herauszaubern kann oder will. Seine Botschaft ist eine andere. Er führt uns intensiv in die Lebenswahrheiten und Gedanken anderer Menschen ein, mit denen wir nicht tauschen wollen. Wir sollen sie nur verstehen. Und das ist in der heutigen Zeit schon so viel…

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

„Das Schlimme ist, wenn die Kreise Kurve um Kurve enger werden. Wenn du in einen Strudel gezogen wirst, der immer kleiner wird, immer enger, bis du nur noch auf der Stelle drehst, wie in einer Gefängniszelle, die genau deine Größe hat, bis du irgendwann merkst, dass du nicht in einer Zelle bist, sondern du die Zelle bist.“

Oh doch. Es funktioniert. Sehr sogar. Es sind keine fiesen Gedanken, die nach dem Lesen bleiben. Es sind unvergessliche Metaphern für das Leben, die uns begleiten. Es sind eine Wiese, die Liebe zu einem Auto, ein verletzter Daumen und der Wechsel der Perspektive im Raum-Zeit-Gefüge, mit denen John Green begeistert. Lichtjahre werden hier zu einem Sehnsuchtsmoment, der nicht in Zeit aufgewogen werden kann.

Wer sich dafür interessiert, warum sich der Hanser Verlag für Titel „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ entschieden hat, dem sei dieser Link empfohlen. „Turtles All The Way Down“ hat seinen tieferen Sinn, der sich im deutschen Sprachraum jedoch kaum erschließt. Eine gute Wahl. Ebenso gut, wie die Buchgestaltung selbst. Die Erstauflage ist limitiert, die Bücher sind nummeriert und mit einem Wendecover versehen. Mehr als gelungen! Was bleibt ist eine aufrichtige Leseempfehlung und der Hinweis für all jene, die sich mit Hazel Grace verbunden fühlen. Aza Holmes, wird euer Lesen verändern.

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green