Die Globalisierung einer Trilogie oder das zelebrierte Lesen

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Was waren das noch für Zeiten, als das kleine aufstrebende Örtchen Kingsbridge der Nabel der historischen Bücherwelt war. Was waren das noch für Zeiten, als wir an der Seite von Tom Builder erleben durften, wie „Die Säulen der Erde“ zu einem der beeindruckendsten Bauwerke des mittelalterlichen Englands wurden. Eine Kathedrale, die obschon rein fiktiv, doch stellvertretend für die großen Sakralbauten ihrer Zeit, zum Fixpunkt des Lesens vieler Menschen wurde. Was waren das noch für Zeiten, in diese prosperierende Stadt zurückkehren zu dürfen, „Die Tore der Welt“ zu öffnen und nach einigen Jahrhunderten zu sehen, wie sehr die Kathedrale gewachsen war, wie deutlich die Generationen der Erbauer ihre Spuren dort hinterlassen hatten und zu sehen, dass unser altes Kingsbridge immer noch der Nabel der Welt war.

(Ihr könnt der Rezension lesend folgen oder sie einfach weiterhören – hier)

Das Fundament der Erde - Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Das Fundament der Erde – Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Jetzt galt es Brücken zu bauen, Marktrechte zu sichern und alle Bürger der Stadt vor der Pest zu bewahren. Abenteuer, die es zu überstehen galt, wollte man doch das jeweilige Buch aus der Feder des großen Ken Follett immer nur in der einen Hoffnung schließen: Möge es bitte weitergehen. Unzählige Bände einer endlosen Reihe sollten in Kingsbridge beheimatet sein. Gerne würden wir auf den Spuren alter Stammbäume bis in unsere heutige Zeit wandeln. Und überschäumend reagierten die Fans, als bekannt wurde, dass ihre literarisch historische Heimatgemeinde zum Klang der Glocken einer prachtvollen und fertiggestellten Kathedrale erneut zum Besuch einladen würde.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Das Fundament der Ewigkeit“. Welch verheißungsvoller Titel für einen Roman, dem wir schon lange nach dem Sieg über die Pest entgegenfieberten. Hier waren sie wieder, die Zeiten des stundenlangen Lesens, der Erinnerungen an die Vergangenheit, an die Menschen, die uns ans Herz gewachsen waren und hier war sie wieder, die große und lange vermisste Hoffnung, in den Straßen von Kingsbridge anzukommen, als wäre man niemals fort gewesen. Nur knapp zwei Jahrhunderte waren seitdem vergangen. Unsere geliebten Protagonisten von einst sind nur noch in der Erinnerung existent, und doch ist nichts vergessen. Statuen, Brückennamen, folgende Generationen und die Chronik von Kingsbridge zeugen von ihrer Existenz und von ihren Verdiensten. Ja, man kommt auf der Zeitreise an der Seite von Ken Follett immer wieder zuhause an. Heimwehende.

So dachte ich zumindest, bis ich den Klappentext las und schon beschlich mich ein Gefühl, von dem ich mich lange nicht lösen konnte. Ja, es ist dort von Kingsbridge die Rede. Ja, es ist von einer bedeutenden Epoche der Geschichte gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Rede. Aber es klingt auch durch, dass die großen Religionskriege ein besonderes Opfer von Kingsbridge fordern sollten. Das Zentrum meines Lesens würde in den Hintergrund gerückt werden, so meine Befürchtung. Spanien, Frankreich, ganz Europa befand sich zu dieser Zeit im Taumel der Allianzen unter dem Siegel des guten Glaubens. Nur, ob dieser protestantisch oder katholisch war, das sollte auf den Feldern der Ehre im Blutgemetzel entschieden werden.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Die Globalisierung einer Trilogie schwebte wie eine unsichtbare Bedrohung über meinen Gedanken und verhinderte das Lesen. Zumindest so lange, bis ich Ken Follett auf der Frankfurter Buchmesse begegnete und ihm von meinen Bedenken erzählte. Er reagierte prompt, nahm eines seiner Bücher, signierte es und sagte zu mir: „First read, then talk about.“ Da lag er nun schwer und vom Autor gezeichnet in meiner Hand und ebenso schwer wog der fast 1200 Seiten dicke historische Wälzer in meinem Rucksack um mich an einem langen Messetag schwergewichtig zu begleiten. Natürlich war ich in jeder Beziehung neugierig auf den Roman, doch es dauerte bis Weihnachten, bevor ich die Ruhe und Muße hatte, in aller Tiefe in den Seiten zu versinken.

Ich zelebriere mein Lesen in diesen Tagen. Ich gestalte mein Ambiente gediegen in der kleinen literarischen Sternwarte, umgebe mich mit Devotionalien, die zum Roman passen und versinke gerne stundenlang in einem Weihnachts-Leseabenteuer. Ich habe es nicht bereut, das Fest der Feste mit dem „Fundament der Ewigkeit“ zu verknüpfen. Gerade in einer von tiefem Glauben geprägten Zeit ist es mehr als interessant zu lesen, dass es nicht immer in der Menschheitsgeschichte leicht war, eine Messe zu feiern, an Gott zu glauben, sich zu seinem Glauben zu bekennen und für seine Religion und die Menschen, die sie teilen, einzustehen.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Nunja und allein war ich eben auch nicht in diesem Lesen. Es murmelte, zappelte und regte sich in meinem Bücherregal der historischen Romane. Einige der Bücher, die in genau jener Epoche angesiedelt sind, schoben sich in den Vordergrund und wollten mir beharrlich über die Schulter schauen. Und so saß ich still lesend, umrahmt von den biografischen Büchern über Elisabeth Tudor und Maria Stuart an einem Sekretär und musste mich gegen die laufenden Einflüsterungen wehren, die von beiden Seiten recht majestätisch hervorgebracht wurden. Rechthaberisch, könnte man fast sagen

Letztlich vertraute ich mich, um die Thron-Konkurrentinnen wissend, doch lieber Ken Follett an. Sollte er mir doch seine Sicht der Dinge erklären, sollte er mich doch in die Länder entführen, die das damalige Europa nicht zur Ruhe kommen lassen wollten. Ja, ich überließ ihm die Führung und war unermesslich froh, dass alles dort begann, wo ich lesend immer wieder mit ihm aufgebrochen war. In Kingsbridge. Und es fühlte sich wie mein Kingsbridge an, das ich 1361 durch „Die Tore der Welt“ verlassen hatte. Heimat, du hast mich wieder, das war mein erster Gedanke. Brücken, Gebäude, Plätze, Namen, die Kathedrale, der Markt. Alles kam mir zwar leicht verändert und doch so bekannt vor, als wäre ich erst gestern abgereist. Staunen ergriff mich, als ich die nun fertige und an ihre Grundfesten kaum noch erinnernde Kathedrale zum ersten Mal wieder betrat. Ein ganz besonderer Lesemoment.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Ja, so hatte ich mir die Heimkehr vorgestellt. Doch sollte ich schnell erkennen, dass Kingsbridge wahrlich nicht mehr der Nabel der Lesewelt war. Die realen Machtzentren hatten sich bereits in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gerückt und bestimmten das Leben der Menschen in der Grafschaft Shiring. London und Paris sind ebenso wichtige Schauplätze der Handlung, wie die weiteren historischen Hotspots dieser Zeit, die das Schachspiel um Macht, Besitz und Herrschaft dominierten. Die Globalisierung hatte in Kingsbridge Einzug gehalten und kaum eine Entwicklung der Thronfolgekriege und des Wettstreits um die wahre Religion ging spurlos an der Kathedralenstadt vorbei.

Ken Follett entführt uns in die Machtzentren jener Zeit, macht uns zu Zeugen einer Geschichte, die selbst Geschichte schrieb. Dabei geht er sehr komplex vor, verlässt die Froschperspektive des Kleinstädters des 16. Jahrhunderts und erweitert auch unseren Blick auf das große Ganze. Wir schließen uns den Ratgebern der englischen Regentin an, werden Zeugen von diplomatischen Missionen, Verrat und Heimtücke. Wir erleben den Thronfolgestreit zwischen Elisabeth I. und Maria Stuart als Augenzeugen. Wie sind dabei, wenn Bibeln geschmuggelt, Hugenotten verfolgt und Priester ins Land gebracht werden, um den Religionskrieg in Gang zu halten. Wir erleben Kaperfahrten auf hoher See, begegnen Sir Francis Drake und segeln in der Seeschlacht gegen die spanische Armada um unser Leben.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

„Make Kingsbridge greater again“ – so könnte man den Roman lesen. Kaum eine Entwicklung im Europa dieser Zeit vollzieht sich ohne Beteiligung der Menschen dieser Stadt. Ned Willard steht im Zentrum. Ihn spült es ins Zentrum der Macht. Er arrangiert das politische Umfeld von Elisabeth I. und dient als treuer Ratgeber. Aus seinen Augen sehen wir, was die Welt bewegt. Und doch erkennen wir auch, was nur ihn betrifft. Die vergebliche Liebe seines Lebens, die sich immer weiter von ihm entfernt, weil auch hier die Religion im Wege steht. Folletts schillernde Protagonisten werden im Verlauf dieser Geschichte für die Weltgeschichte unverzichtbar. Das war mir persönlich für einen rein historischen Roman zu ausgeprägt. Ohne die Willards wäre in dieser Zeit nichts, aber auch gar nichts so verlaufen, wie es sich abgespielt hat. Diese fiktionalen Charaktere prägen das Schicksal Europas eine Spur zu intensiv.

Trotzdem ist „Das Fundament der Ewigkeit“ das Fundament auf dem mein Lesen in ganz besonderen Tagen ruhte. Ich war gerne wieder in Kingsbridge, bin auch sehr gerne in die weite Welt gereist, nur um irgendwann wieder in den Heimathafen meiner kleinen geliebten frei erfundenen Stadt einlaufen zu dürfen. Ich stimme Ken Follett zu! Dieser Roman setzt die Reihe meiner Kingsbridge-Romane fort. Er ist umfassender in seiner historischen Dimension. Er ist weltumfassend und doch ein geschlossener Kreis, der in Kingsbridge beginnt und dort endet. Ob die Saga wirklich endet? Ich wage es zu bezweifeln. Wozu sollte am Ende eines Romans ein Schiff England verlassen, das wir alle kennen? Warum sollte einer der wesentlichsten Protagonisten dieses Romans an Bord sein? Warum sollte er sich auf den Weg in die neue Welt machen, wenn wir ihm nicht irgendwann folgen sollten. Mayflower… Mehr sage ich hier nicht…

Vielleicht sehen wir uns irgendwann in New-Kingsbridge wieder…

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Ihr wundert euch vielleicht, dass dieser Artikel ein ganzes Jahr lang in der Redaktion der kleinen literarischen Sternwarte reifen musste, bevor ich ihn veröffentlicht habe. Ich verfolge damit die Absicht, mir selbst intensiv vor Augen zu halten, wie wertvoll die Zeit zwischen den Jahren für mich ist. Wie lange ich davon zehre, jenes Lesen in aller Form zu zelebrieren. Mich zu entschleunigen, Bücher um mich zu scharen, zu recherchieren und tief in meinen Gedanken in eine andere Welt abzutauchen. Auch in diesem Jahr ist es so. Ich habe einen Plan, dieses Ritual zur Weihnachtszeit fortzusetzen. Ich habe mir ein paar Bücher aufgehoben, die nun ihren Platz auf meinem Sekretär erobern. Ich will fortsetzen, was ich vor vielen Jahren begann. Ich werde den „Seiten der Welt“ von Kay Meyer und hierbei ganz besonders den beiden Spinn-offsDie Spur der Bücher“ und „Der Pakt der Bücher“ meine volle Aufmerksamkeit widmen. Ihr könnt mir gerne dabei folgen. Auf Facebook und bei Instagram wird in den ruhigen Tagen dieser bibliophilen Einkehr viel zu sehen und zu lesen sein… Entschleunigt und zelebriert mit mir.

Die Seiten der Welt - Es geht weiter... AstroLibrium

Die Seiten der Welt – Es ist angerichtet…

Der „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ von Philip Wilkinson

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Bald ist es wieder soweit. Das Weihnachtsfest steht ins Haus und die Frage aller Fragen, welches gute Buch ich mir selbst und anderen schenken kann, beschäftigt uns intensiv. Dabei ist es nicht so leicht, Büchermenschen zu überraschen. Zwar kennt man ihren Literatur-Geschmack, weiß aber nie so ganz sicher, ob das mit Herzblut gewählte Geschenk nicht schon im Besitz des zu Beschenkenden ist. Also lässt man das gewagt anmutende Spiel und verschenkt Buchgutscheine, was kaum kreativ, aber unpersönlich ist. Ich möchte euch ein paar Bücher vorstellen, die man mit gutem Gewissen schenken kann. Erstens, weil die Zielperson für das Buchgeschenk nicht dazu neigt, sich selbst in literarischer Hinsicht besonders zu verwöhnen (bibliophile Menschen gelten als äußerst genügsam) und zweitens, weil die vorgestellten Bücher als BreitbandAntiLibrotikum in der Lage sind, selbst festgefahrenste und genre-fixierte Bücherfreunde zu begeistern.

Diese Rezension kann bei Literatur Radio Bayern gehört werden.

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke - AstroLibrium

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke bei Literatur Radio Bayern

Verschenkt keine Bücher. Verschenkt literarische Visionen. Lasst keine Luftballons fliegen, startet Trägerraketen voller Inspiration. Verschenkt solche Bücher, die man sich nicht selbst kauft. Das Literatur-Budget ist meist knapp und man neigt eher selten dazu, im gebundenen Luxus zu schwelgen. Dabei ist die Liste der zu lesenden Bücher viel zu lang, als dass man sich mit Buchkunstwerken beschäftigt. Heute möchte ich den ersten Tipp für ein erlesenes Weihnachtgeschenk an euch weitergeben. Fantasie, die niemals nur fantastisch blieb. Visionen, die man zum Teil mit Händen greifen kann und Ideen, in die man sich jederzeit verlieben kann. All dies findet ihr in einem hochwertig gestalteten Atlas, der Luftschlössern eine Heimat gibt und sie in unserer Fantasie verankert…

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke ist ein Tummelplatz der architektonischen Visionen. Ein wahrer Prachtband der hochfliegenden Träume, die von der Realität der Baustoffe und der Statik eingeholt wurden. Nichtsdestotrotz sind es Traumgebäude, die oftmals den Weg für echte Bauwerke ebneten. „Think big“, lautet die Devise visionärer Geister. Minimalistisch kommt man nicht voran im Leben. Visionäre Geister müssen im Aufwind ihrer Inspiration fliegen und frei träumen dürfen. Die Machbarkeit steht oftmals im Hintergrund, wenn Grenzen des Vorstellbaren überschritten werden sollen. Realität nennt man dann die brutale Fallhöhe, aus der ein Traum auf den Boden stürzt und sich in einem etwas kleineren Maßstab verwirklicht.

Dieser prachtvoll illustrierte und bebilderte Atlas beinhaltet 50 dieser Träume. Es sind Entwürfe von Architekten, die ihrer Zeit weit voraus waren. Zeichnungen, Modelle oder Skizzen zu Bauwerken, die der Gestaltungsfreiheit allen Raum gaben, gleichzeitig jedoch der Realisierbarkeit den architektonischen Mittelfinger zeigten. Höher, gewagter, bunter, fantasievoller und prächtiger als alles bisher von Menschenhand erbaute sollten die hier versammelten Gebäude werden. Sie blieben zumeist Phantome, verworfen von denjenigen, die der Fantasie mit Formeln und Berechnungen Fesseln anlegten. So sind heute nur noch die Entwürfe zu bestaunen. Sie wirken nicht nur als Experiment auf uns. Wir erkennen schnell, was sie zum Teil bewegt haben. Wir kennen Gebäude, die es nie gegeben hätte, ohne diese Traumvorbilder. Eine Lehre fürs Leben. Geistesgeburten, so unmöglich sie auch erscheinen mögen, sind Geburtshelfer der modernen Welt.

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Ein gefundenes Fressen für Literaten. Sind wir doch weit rumgekommen in unserem Lesen. Wir haben sie in den großen Romanen fast physisch vor unseren Augen gehabt. Die gewagten Kathedralen der Renaissance; die Paläste der großen Herrscher; Hotels der größten Metropolen dieser Welt; königliche Pracht- und Machtbauten; Bibliotheken und Museen ungeahnter Größenordnungen; Hochhäuser und Wolkenkratzer; Brunnen, Aquädukte und Triumphbögen längst vergangener Herrscher und in der Fantasy-Welt der großen Autoren betraten wir Traumstädte, utopische Gebäude-Illusionen und viele Orte, die es wohl auch in ferner Zukunft so nicht geben wird. Wir sind wahrlich gut auf den „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ vorbereitet. Wir denken gerne groß und sind neugierig auf das Unmögliche.

Wer heute die St-Paul´s-Cathedral in London besucht, die zahllosen Treppen bis zu ihrer Kuppel emporsteigt und die unglaubliche Weite unter sich wahrnimmt, der kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wenn man London besucht und gefragt wird, von wem jenes oder welches Gebäude erbaut wurde, dann liegt man mit der pauschalen Antwort „Sir Christopher Wren“ zu 80 Prozent richtig. Er war Visionär und Autodidakt. Der Zeit weit voraus und nach dem großen Brand in London 1666 legte er Baupläne für eine der gewagtesten urbanen Neuordnungen vor, die man bis dato gesehen hatte. Interesse an den Plänen hatte niemand. Grundbesitz sollte nicht umverteilt werden und das Leben in der Stadt sollte so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden. Es ging um Geld und einen schnellen Neuaufbau. Wren hätte Plätze, Straßen und Gebäude für mehrere Jahre lahmgelegt. Ein Nogo. Was ihm blieb, war der Auftrag zum Bau einer Kathedrale.

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Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Hier ließ er seiner Fantasie und seinem Genie freien Lauf. Ein riesiges Holzmodell zeigt noch heute, wie er sich die St.-Paul´s-Cathedral eigentlich vorgestellt hatte. Mitten in London würde sich heute ein monströser Sakralbau in den Himmel erheben, dessen Ausmaße die reale Kathedrale im wahrsten Sinne des Wortes in den seinen gewaltigen Schatten stellen würde. So blieb nur das Modell, eine Idee und viele Kompromisse, bis zur Verwirklichung eines berühmten Bauwerks. Philip Wilkinson erzählt diese und 49 weitere architektonische Geschichten. Er illustriert sie mit den Blaupausen und Skizzen, Bauplänen und Fotografien, die diesen gewagten Utopien helfen, sich in unserem Geist festzusetzen. Wir fühlen uns, als dürften wir darüber entscheiden, ob die Pläne Realität werden könnten. Ein wundervolles Leseerlebnis voller visueller Highlights.

Und so geht es weiter im Atlas. Man lässt sich mitreißen und treiben, schmunzelt und staunt gleichermaßen. Die Geschichten dieser ungebauten Gebäude verankern sich tief in unserem Gedächtnis. Wer schon jetzt neugierig auf die „Walking City, eine Kuppel über Manhattan, den Watkin`s Tower, den triumphalen Elefanten, Wohnungen auf Brücken oder den Tour Sans Fin ist, der ist bereit für diesen Atlas. Und wenn ihr euch in eurem belesenen Umfeld umschaut, dann fallen euch zahllose Freunde ein, die sich mit einem solchen Prachtband in die Welt der Visionen und Luftschlösser träumen und dort frei fliegen können. Ich kann diesen Prachtband wärmstens empfehlen. Ich selbst zelebriere mein Lesen. Ich umgebe mich gerne mit Büchern, weil sie meinen Lifestyle prägen. Mit diesem Atlas lässt sich das Lesen vortrefflich feiern.

Nun gut, für Menschen, die auf der Baustelle des Berliner Flughafens arbeiten, ist dieses Buch sicher nicht das geeignete Geschenk. Dies aber nur am Rande.

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Wo wir schon mal bei Gebäuden sind, können wir auch gleich einen Blick auf ein weiteres Prachtbuch werfen, in dessen Mittelpunkt das ewige Leuchtfeuer magischer Bauwerke seine Kreise zieht. „Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme“ eignet sich ebenso perfekt als Weihnachtsgeschenk, weil sich dieser Foliant an unsere Lesevorlieben schmiegt, wie ein Lichtschweif am Horizont. Leuchtturm-Lesen. Wer hat das noch nicht erlebt. Hier geht´s zu meiner Buchvorstellung.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Noch mehr unmögliche Atlanten bei dtv… Kein Problem, wie es scheint…

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Unmögliche Atlanten…

Weitere Empfehlungen für den Gabentisch folgen… Blind Date inklusive.

„Versteckt unter der Erde“ – Eine Lesung gegen das Vergessen

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Nein. Heute kein wie und warum ich beharrlich Gegen das Vergessen schreibe. Kein erhobener Zeigefinger mit dem Ausruf „Nie wieder“ und auch keine Hinweise, das aktuelle Geschehen im Auge zu behalten, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Kein verzweifelter Appell, alternative politische Strukturen im Auge zu behalten, bevor es zu spät ist und die zugedrückten Augen plötzlich blau unterlaufen sind. Die Geschichte hat ausreichend viele Hämatome in den Gesichtern der Opportunisten hinterlassen. Heute neigt man wieder dazu, alle blauen Flecken fein zu überschminken und ganz locker zur Tagesordnung überzugehen. Ich bin heute kein Rufer im Wald. Ich verstecke mich.

Aber ich werde nicht müde, besondere Bücher vorzustellen, die den Holocaust, seine Ursachen und Folgen ins Zentrum des Betrachters rücken. Voller Angst blicke ich dabei in die Zukunft, weil mit dem Tod der letzten Zeitzeugen und Überlebenden immer mehr Publikationen auf den Büchermarkt kommen, die lediglich nach Kulissen für spannende Romane suchen. Die Romantisierung und Dramatisierung der Massenmorde des Nazi-Regimes schreitet voran. Wobei mit Dramatisierung gemeint ist, den schrecklichen und lebensgefährlichen Alltag der damals ausgegrenzten Menschen dramaturgisch so stark aufzupeppen, dass ein neuer literarischer Mainstream entsteht. Ich bezeichne das ganz einfach nur als „HoloKitsch“. Deshalb werde ich mich heute verstecken.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Versteckt unter der Erde. Hier liegt uns ein Überlebensbericht vor, der sich deutlich von vergleichbaren authentischen Zeitzeugenerzählungen unterscheidet. Es ist indirekt, mittelbar, auf Umwegen und aus zweiter Hand, was uns in diesem Buch von Dina Dor-Kasten erzählt wird. Und doch ist es die wohl ungewöhnlichste Form der Konfrontation mit der Verfolgung des jüdischen Volkes im Dritten Reich, die ich jemals erlesen durfte. Denn die Autorin des Buches war zum Zeitpunkt der Ereignisse gerade einmal 2 Jahre alt. Ihre eigenen Erinnerungen sind eher schemenhaft. Albträume, Bild-Fragmente und dunkle Schatten. Dina Kor-Kasten wurde 1940 in Bukaczowce als erste Tochter eines jüdischen Ehepaars geboren. Jossel und Lina Kasten lebten in der damaligen Ukraine in Erwartung des Sturms, der damals über das jüdische Volk hereinbrach.

Dina Dor-Kasten hat die Geschichte ihrer Familie niedergeschrieben. Dabei hat sie sich der sichersten Quelle bedient, die man sich vorstellen kann. Sie hörte ihrer Mutter zu. Sie folgte ihrem eigenen Traum, eines Tages die dramatische Geschichte der Jahre 1941 bis 1948 für die Nachwelt festzuhalten und selbst mehr über jene Zeit zu erfahren, die ihr ganzes Leben verändert hat. Da, wo andere Eltern schwiegen, hat Lina Kasten alles erzählt. Aus ihrer Perspektive, in der Erzähltradition der mündlichen Überlieferung, erfährt Dina Dor-Kasten, was damals wirklich geschah, wem sie und ihre Geschwister ihr Leben zu verdanken haben und welche Traumatisierungen sich tief in ihrer Psyche festgebissen haben. Es ist zutiefst persönlich, was wir erfahren. Es ist der Bericht eines Überlebens, das über Jahre am seidenen Faden hing. Dina Dor-Kasten wird in diesem Buch zur Stimme ihrer Mutter. Unverfälscht und liebevoll. Sie vollendet auf diese Weise den Kampf um das nackte Überleben und setzt damit ihren Eltern ein Denkmal.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

„Versteckt unter der Erde“ ist ein erdrückender Erlebnis- und Überlebensbericht aus dem dunkelsten Zeitalter, das jüdische Menschen durchleben mussten. Wir erleben im Verlauf der Schilderungen nicht nur den schleichend zunehmenden Antisemitismus im Machtbereich der Nazis. Wir erleben auch die Feindlichkeit der ukrainischen Menschen in dieser Zeit. Hier kommt das Hitler-Regime genau zur rechten Zeit. Man kann sich an den jüdischen Nachbarn bereichern, darf endlich den Hass offen ausleben und wird so zum Erfüllungsgehilfen der braunen Diktatur. Pogrome, Verfolgungen und Entrechtung werden zum täglichen Horrorszenario einer jungen Familie. Enteignung, Vertreibung in Sammellager, Ghettoisierung, Deportation und Liquidation sind die Konsequenzen, auf die sich die jüdische Bevölkerung einzustellen hat. Schutz gibt es nicht mehr. 

Jossel Kasten entschließt sich zur Flucht. Er will seine Familie nicht tatenlos opfern. Das Ghetto Rohatyn ist die Vorstufe zur endgültigen Hölle. Wir erleben dort schon die Hölle auf Erden ohne dass man glauben könnte, dass es noch schlimmer werden kann. Mordaktionen, Zwangsarbeit und Hunger sind tägliche Wegbegleiter der Inhaftierten. In größter Not flieht die kleine Familie kurz bevor alle Juden umgebracht werden. Das Ziel ihrer Flucht ist der Witan-Wald, in dem man Partisanen vermutet und sich Hilfe erhofft. Unter der Erde findet die Familie Unterschlupf. Ein dunkles Erdloch wird für zweieinhalb Jahre zum Versteck. Hunger, Todesängste, Kälte und Krankheiten sind Determinanten des Überlebens. Schilderungen, die schon lesend kaum zu verkraften sind. Lebend am eigenen Leib erfahren – unvorstellbar.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Diese Überlebensgeschichte lässt den Leser nicht mehr los. Das liegt nicht nur an den unmenschlichen Bedingungen, sondern auch an der schonungslos offenen Art und Weise, in der Lina Kasten ihr eigenes Versagen thematisiert. Sie erzählt ihrer Tochter, wie sich das Dahinvegetieren auf die Psyche der Eltern auswirkte. Hier blickt man tief in die Abgründe einer traumatisierten Seele, die an bestimmten Stellen sogar dazu bereit ist, die eigenen Kinder zurückzulassen, um selbst zu überleben. Der Kraftakt, das alles zu überstehen, wird von Seite zu Seite nachvollziehbarer. Absolut übermenschlich ist, was Jossel und Lina Kasten gelingt. Es ist ein Kampf. Eine Schlacht gegen sich selbst und die lebensfeindliche Umwelt. Und es sind die kleinen Wunder der Humanität, es ist die Hilfe von Menschen, die selbst bedroht sind, die der jüdischen Familie Kasten das Leben retten.

Am Ende steht die Befreiung. Hier genau wird aus der Überlebensgeschichte erneut ein Meilenstein der Verarbeitungsliteratur, weil Freiheit nicht Freiheit ist. Es ist die harte Landung in einer neuen Realität. Man hat überlebt. Gerade so. Und schon ist man dort angekommen, wo der Kampf vor Jahren begann. Unerwünscht. Heimatlos. Es beginnt eine Flucht, die uns heutige Flüchtlingsschicksale vor Augen führt. Schlepper, Illegale, geschlossene Grenzen, Schleuser, Fluchtrouten. Nichts wird sich verändern. Alles lebt wieder auf. Nur für die Kastens gibt es einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Israel. Sie sollten dieses Buch aus dem Metropol Verlag lesen. Es schließt viele Kreise in einer Geschichte, die unvergessen bleiben muss.

Versteckt unter der Erde – Dina Dor-Kasten

Die Buchhandlung Lesezeichen Germering, die dortige Stadtbibliothek, die VHS und der Schauspieler und Sprecher Uwe Kosubek haben sich am 9. November zu einer kraftvollen Allianz gegen das Vergessen vereint und dieses Buch im Rahmen der Lesung „Versteckt unter der Erde“ vorgestellt. Meine Reportage zu diesem Abend bei Literatur Radio Bayern umfasst neben einem Interview mit den Initiatoren der Lesung auch Fragestellungen zur besonderen Rolle eines Sprechers bei einer Buchvorstellung ohne Autorin, zur Relevanz solcher Veranstaltungen im öffentlichen Leseraum und zur Sortimentauswahl in Buchhandlungen.

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Meine Gesprächspartner sind:

Katrin Schmidt – Buchhandlung Lesezeichen Germering
Christine Förster-Grüber – Leiterin der Stadtbibliothek Germering

Uwe Kosubek – Sprecher und Schauspieler – Die Stimme des Abends
Andrea Franke – VHS Germering

Fotos in der Dia-Show vom Abend: Helen Hoff.

Begeben Sie sich mit uns in ein Versteck unter die Erde, das man heute verraten muss, um andere davor zu bewahren, sich jemals verstecken zu müssen.

Hier geht es zum PodCast bei Literatur Radio Bayern

Versteckt unter der Erde – Die Radio-Reportage

„Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Es ist schwer für mich, über „Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez zu schreiben. Es ist schwer, weil ich mich schon sehr lange mit Nazi-Ärzten des Dritten Reichs beschäftige. Mit ihren aberwitzigen Menschenversuchen, der führenden Rolle in der Frage der Euthanasie und den Morden an Menschen, zu deren Heilung sie sich eigentlich verpflichtet hatten. Zu lange schon stelle ich mir die Frage, wie man das mit sich selbst vereinbaren kann. Es ist schwer, darüber nachzudenken. Schwer, es in Worte zu fassen und doch unerlässlich, sich diesem Thema zu stellen. Aber das ist es nicht allein, was es so schwer macht für mich. Ich kenne eine Überlebende des aus der heutigen Sicht wohl größten „Monsters“ in der Geschichte der Humanmedizin.

Das Verschwinden des Josef Mengele – Die Rezension fürs Radio

Diese Rezension können Sie auch bei Literatur Radio Bayern hören

Eva Mozes Kor – Eine Mengele-Überlebende erzählt

Ich kenne Eva Mozes Kor. Ich hätte gerne auch ihre Schwester Miriam kennengelernt. Ihre Zwillingsschwester, um es deutlich zu sagen. Doch nur Eva hat den Holocaust und die Menschenversuche des Arztes Josef Mengele im Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Mir wäre es lieber, wir würden uns fortan mit den Opfern beschäftigen, anstatt unsere Aufmerksamkeit den Tätern zu schenken. Es wäre mir lieb, Sie würden meinen Verlinkungen zu den Artikeln folgen, die ich über die Opfer der Shoa schrieb. Und dann wäre es mir lieb, Sie würden hierher zurückkehren, um mit Olivier Guez zusammen die Perspektive zu wechseln, und sich mit den Innenansichten eines Täters auf der Flucht auseinandersetzen. Machen wir es so? Dann bis gleich. Hier geht es zuerst um Opfer:

Eva Mozes Kor – Eine Begegnung in München

„Ich habe den Todesengel überlebt“ von Eva Mozes Kor
Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Eine Begegnung in München
Wir haben das KZ überlebt“ von Reiner Engelmann – Radioreportage
27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

Wieder da? Danke. Nachdem wir nun also wissen, was der Todesengel in Auschwitz seinen Opfern antun durfte, werfen wir einen Blick auf die weitere Geschichte, die sich nach der Befreiung der Konzentrationslager abspielte. Und hier kommt der Ärger hoch, dass man genau diesen Todesarzt des Todeslagers niemals dingfest machen konnte. Josef Mengele entging allen Strafen, allen Täter-Prozessen, jeder Gegenüberstellung, und damit gab es auch niemals die Chance zu erfahren, was er Zwillingen, wie Miriam Kor injiziert hatte. Seine Flucht brachte auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Menschen ums Leben, weil die Ursachen für ihre Erkrankungen unbekannt waren. Hier mordete ein Arzt durch sein Schweigen weiter.

Genau hier setzt Olivier Guez in seinem Tatsachenroman Das Verschwinden des Josef Mengele“, erschienen beim Aufbau Verlag und Der Audio Verlag, an. Und hier ist bereits der erste Punkt dieses brillant erzählten „Flüchtlingsromans“, an dem es mir erstmals schlecht wird.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Der Zöllner kontrolliert sein Gepäck, die akkurat gefaltete Kleidung, verzieht das Gesicht, als er den Inhalt des kleineren Koffers entdeckt: Injektionsspritzen, Hefte mit Notizen und anatomische Zeichnungen, Blutproben und Zellplättchen. Er ist unsinnige Risiken eingegangen, um diesen kompromittierenden Aktenkoffer zu behalten, den kostbaren Ertrag jahrelanger Forschungen, sein ganzes Leben, das er mitgenommen hatte, als er damals überstürzt seine polnische Stelle verlassen musste.“

ER, das ist Josef Mengele, der mit falschem Pass in Argentinien ankommt. Er hat es geschafft. Vom Erdboden verschwunden und im Besitz von Substanzen, die Miriam Kor vielleicht das Leben gerettet hätten. Doch jüdisches Leben zählte nicht für ihn. Hier galt es der Rassentheorie des Dritten Reichs als medizinischer Vollstrecker zur vollsten Entfaltung zu verhelfen. Aus dem ambitionierten Mediziner war schon lange vor seiner Zeit in Auschwitz ein glühender Anhänger Hitlers und dessen Visionen geworden. Was Olivier Guez in seinem Buch beschreibt, ist so unglaublich, als würde man unter einem gut gehüteten Deckmäntelchen einer untergegangenen Diktatur ein braunes Netzwerk enttarnen, das einer Vielzahl von Tätern die Flucht nach Südamerika ermöglichte.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

1949 beginnt die verzweifelte Flucht Josef Mengeles nach Argentinien. Bis dahin war es ihm gelungen, in der Gegend seiner Heimatstadt Günzburg unterzutauchen. Als die Luft für die Täter des NS-Regimes immer dünner wird, verlassen die Ratten auf den Rattenrouten das sinkende Schiff. Guez ist tief in die Netzwerke eingetaucht, legt eine umfassende Recherche der Fluchtwege von Josef Mengele vor und wird dann fiktional, wenn er sich in die Gefühls- und Denkwelten seines Verfolgten hineinversetzt. Wir sind Zeugen und Fluchthelfer zugleich, erkennen die Schlepperorganisation der NSDAP und finden Unterschlupf in südamerikanischen Diktaturen. Man muss sich kaum verbergen dort. Man kann sogar seinen Namen behalten. Ratten verstehen sich blind. Noch dazu, wenn prominente Angehörige des NS-Apparats das Nest bereitet haben.

Es ist der Mix aus südamerikanischer Polititk, NS-Netzwerk, Mitläufern, bezahlten Helfern und einer intakten Täterfamilie, die alles Finanzielle regelt. Geld spielt keine Rolle. Dem Untertauchen folgt nach der Akklimatisierung das Arrangieren mit der neuen Umgebung. Guez verharrt nicht in den frühen Fluchtjahren. Er zieht die Schlinge enger zu und fängt an, mit der internationalen Suche nach den Nazi-Verbrechern, auch Josef Mengele immer mehr in die Enge zu treiben. Simon Wiesenthal, der israelische Mossad und Staatsanwälte der nicht mehr ganz jungen Bundesrepublik wollen Mengele fassen. Nach Eichmann ist er der wohl letzte lebende Massenmörder, der noch auf freiem Fuß ist. Einsicht zeigt er nie. Unrecht scheint ihm zu widerfahren. Mitleid will er. Er, der nicht gewillt war, Menschlichkeit zu zeigen.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Und doch gelingt Olivier Guez in seinem, mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Roman etwas Außerordentliches. Er begibt sich in seiner Täterprofilierung nicht auf ein Niveau der Schadenfreude oder des puren Voyeurismus, wenn er den panischen Josef Mengele schweißgebadet aufwachen lässt. Er vermittelt in seinem Buch keinen Hauch von Genugtuung, dass der Flüchtende der gerechten Strafe nie ganz entgehen konnte. Das Verschwinden des Josef Mengele“ zeigt in der Charakteristik des Täters, wie es passieren kann, dass aus einem Mitläufer ein Massenmörder wird. Das Buch zeigt, wie groß die Verantwortung einer zuschauenden Gesellschaft voller Opportunisten ist, die alles wollten, aber vorgaben, von nichts gewusst zu haben. Guez erweckt beileibe kein Mitleid mit Josef Mengele. Aber er hält uns den Spiegel vor, wie weit ein Mensch gehen kann, wenn man ihm die ideologische Möglichkeit gibt. Im Namen des Volkes. Hier trifft dieses Buch mitten in den Nerv der heutigen Zeit. Alle wollen. Viele hetzten und einige werden es tun.

Ich habe atemlos gelesen, sprachlos gehört und ungläubig nachgedacht. Olivier Guez ist Verfasser eines ausgezeichneten Buchs und eines Meilensteins Gegen das Vergessen. Burghart Klaussner ist der perfekte Sprecher für das beeindruckend und perfekt inszenierte Hörbuch. Ein Tatsachenroman, der gelesen werden sollte, weil er in jeder Beziehung verdeutlicht, wo die Grenze der Menschlichkeit gezogen werden kann, wenn man es nur zulässt. Eva Mozes Kor hat Josef Mengele vergeben. Sie wollte ihm nicht noch mehr Macht über ihr Leben einräumen. Für sie ist Vergebung mit Befreiung gleichzusetzen. Eva ist seit 1945 befreit. Josef Mengele konnte sich niemals befreien. Eine Strafe, die für mich schwerer wiegt, als der schnelle Tod durch einen Henker.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Ärzte im Dritten Reich. Nicht das erste und auch nicht das letzte Buch zu diesem Thema in der kleinen literarischen Sternwarte. Lesen Sie gut und passen Sie auf sich auf.

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm
Dr. Tod – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

Wer verstehen will, wie dieses pervertierte Denken sich Bahn brechen konnte, dem sei Die Tagesodnung“ von Éric Vuillard ans Herz gelegt. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt und wie das Buch von Olivier Guez herausragend übersetzt von Nicola Denis. Wenn man das bei einer Übersetzung sagen darf, man spürt ihre Handschrift in beiden Büchern. Kompliment.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Alle Bücher sind Teil meines Lesens und Schreibens „Gegen das Vergessen“.

„Loyalitäten“ von Delphine de Vigan – Ein Weckruf

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Ich bin loyal. Das stelle ich einfach mal in den Raum. Loyal gegenüber Schriftstellern, die mich schon mehrfach aus der Komfortzone meines Denkens befreien konnten und mir mit ihren Werken neue Sichtweisen, unvergessliche Lese- sowie Hörmomente oder einfach nur gut erzählte Geschichten ins Leben geschrieben haben. Sie genießen den Vertrauensvorschuss, den sich ein „neuer“ Autor in meinem Lesen erst erwerben muss. Ihnen liefere ich mich gerne aus, weil ich aus eigener Erfahrung abschätzen kann, dass ich nicht enttäuscht werde. (Diese Rezension kann man auch im Radio hören. Hier.)

Loyalitäten von Delphine de Vigan – Die Rezension fürs Ohr

Ja, Leser können loyal sein. Sie gehen mit ihren Herzensschriftstellern Allianzen ein, die man fast schon als heilig bezeichnen könnte. Sie folgen ihnen ergeben, treu, integer und ziehen, wenn erforderlich, auch für sie in die Schlacht. In diesem besten Sinne der literarischen Loyalität gehöre ich zum linientreuen Gefolge von Delphine de Vigan. Ja, man kann mir für die nun folgende Rezension durchaus Befangenheit unterstellen. Mir bliebe nichts übrig, als mich in allen Punkten der Anklage für schuldig zu bekennen. Ich folgte der französischen Schriftstellerin, egal in welchem Verlag sie veröffentlicht wurde und stellte dabei immer wieder fest, dass ihre Bücher auch über diese Grenzen hinaus eng miteinander verbunden sind. Ein Lebenswerk im besten Sinne des Wortes.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Mir ist bereits vor zehn Jahren Lou Bertignac über den Weg gelaufen. Sie war das „Ich“ in Delphine de Vigans Meisterwerk „No & ich“. Sie war das behütete Mädchen im zerrissenen Paris, das zwischen Kultur und Subkultur changierte. Sie war es auch, die von der obdachlosen No auf die andere Seite jenseits aller Komfortzonen gezogen und dort losgelöst von allen Konventionen festgehalten wurde. Dieser Roman hat mich auf die widersprüchlichen Welten innerhalb einer einzigen Stadt aufmerksam gemacht und nachhaltig geprägt. Diesem Roman verdanke ich eine faszinierende Reise nach Paris und Romane, die ich ansonsten nie für mich entdeckt hätte.

Ich bin Delphine de Vigan weiter gefolgt. Ich war stets fasziniert von ihrem Umgang mit der eigenen Vergangenheit, vom autobiografischen Aspekt ihres Schreibens. „Das Lächeln meiner Mutter“ und „Nach einer wahren Geschichte“ spielten auf höchstem Niveau mit meinen Gefühlen, mit meiner Wahrnehmung und meinem Denken bezogen auf Identität, Kontrollverlust und psychische Probleme. Keines dieser Bücher hat dabei enttäuscht. Jeder Roman hat neue Maßstäbe gesetzt und bleibt bis zum heutigen Tag tief in meinem Lesen verankert. Ihr neues Werk setzt diese Tradition nahtlos fort. Hier finde ich mich in dem Paris wieder, das Delphine de Vigan als Erzählraum kultiviert hat. Und ich finde mich in einer Geschichte wieder, die losgelöst von Raum und Zeit überall beheimatet sein könnte.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Loyalitäten“ von Delphine de Vigan – DuMont Buchverlag

Herzlich willkommen erneut in Paris. Delphine de Vigan bleibt sowohl ihrer Stadt als auch dem soziokulturellen Setting des modernen Frankreichs gegenüber loyal. Es dient nicht nur als Kulisse für eine erneut brillant erzählte Geschichte. Die Stadt an der Seine ist zugleich Nährboden für die Handlung, wie schillernd verstörende Kulisse, in der sich die wahren Dramen des Alltags abspielen. Besonders für den zwölfjährigen Théo, dem alles fehlt, was man unter der Überschrift „behütete Kindheit“ subsummieren könnte. Er ist Trennungskind, wechselt wöchentlich die Territorien zweier tief verfeindeter Parteien und wird zum leidtragenden Grenzgänger zwischen der Welt seiner Mutter und der des Vaters. Wobei man gerade bei Letzterer nicht von Welt, sondern von Apokalypse reden muss.

Wie Delphine die Vigan die Zerrissenheit beschreibt, die Théos Leben prägt, ist für Väter besonders schwer zu verkraften. Das Versagen auf ganzer Linie steht für jenen Menschen, der seinem Sohn in einer solchen Lebensphase Halt und Zuversicht geben sollte. Hier findet Théo jedoch nur ein Loch vor, in dem er Woche für Woche einziehen muss. Selbstaufgabe, Arbeitslosigkeit, Armut und krankhafte Lethargie macht Delphine de Vigan so greifbar, als würden wir selbst die heruntergekommene Wohnung betreten. Die andere Seite bedient sich des Sohnes als Instrument nie verwundenen Schmerzes. Seine Mutter ist nie über die Trennung von ihrem Mann hinweggekommen. Wenn Théo vom Vater zur Mutter zurückkehrt, wird er behandelt, als käme er vom feindlichen Lager zurück in die eigenen Reihen. An ihm lässt sie den Hass gegenüber ihrem Ex aus. Hier zerreißt ein junges Leben zwischen den Fronten verfeindeter Eltern. Beklemmend.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Théos Loyalität wird von Woche zu Woche auf eine harte Probe gestellt. Einziger Fluchtpunkt ist sein gleichaltriger Freund Mathis, dessen Elternhaus dagegen wie eine heile Welt wirkt. Oberflächlich betrachtet. Hier ziehen sich die Risse eher subversiv und schwer zu erkennen durch das Leben seiner Familie. Die psychisch gestörte Mutter und ein Vater, der ein mediales Doppelleben innerhalb der gemeinsamen vier Wände führt, machen auch diesen Alltag zur Hölle. Die Jungs verbindet die fehlende Nähe, die Liebe und der Schutz, den nur Eltern bieten können. Beide flüchten sich in den Alkohol. Beide im Alter von 12 Jahren. Mathis, um Théo gegenüber loyal zu sein. Théo, um den finalen Ausweg aus der Unerträglichkeit zu finden. Delphine de Vigan lässt ihre Leser in einem Rausch aus Kälte und Wodka versinken. Sie zieht uns in den Strudel, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Würde sie nicht Hélène ins Feld führen. Die Lehrerin der beiden Jungs, die bemerkt, wie sehr sie langsam abdriften. Sie findet keine Beweise. Théo und Mathis bleiben loyal gegenüber jenen, die sie zuhause verraten. Die eigenen Eltern zu verraten kommt nicht in Frage. Als Hélène auf Spurensuche geht, stellt sie ihre eigene Loyalität infrage. Hier überschreitet sie Grenzen und Kompetenzen, hier stellt sie ein blindes Schulsystem auf die Probe. Hier spürt sie menschliche Katastrophen auf, ohne sie beweisen zu können. Hier wird nun auch sie zerrissen zwischen dem äußeren Schein und ihrem Verdacht. In letzter Konsequenz ist sie die einzig Sehende unter allen Blinden. Und ihr wirft man vor, sich alles einzubilden.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Vier Erzählperspektiven setzt Delphine de Vigan ein, um uns allwissend zu machen. Die Lehrerin, Théo, sein Freund Mathis und dessen Mutter kommen zu Wort. Methoden und Sichtweisen wechseln sich ab. Direkt, indirekt, mittelbar und unmittelbar. Ein Spiel auf höchstem literarischen Niveau. Ein beharrlicher Kampf gegen die Loyalitäten, deren Folgen Leben kosten können. Selbstverrat und gekündigte Allianzen wären die einzige Rettung. Der Blick hinter die Kulissen könnte das Schlimmste verhindern. Die Zeit läuft gegen die Lehrerin, weil man auch ihr gegenüber nicht loyal ist. Schwer zu verkraften. Besonders, wenn man eine eigene Vergangenheit mit sich schleppt, in der Missbrauch an der Tagesordnung war. Ein gebranntes Kind versucht Kinder vor dem Flächenbrand zu bewahren.

Ein wichtiges Buch über Entfremdung innerhalb von Familien. Ein Meisterwerk zu den Problemfeldern Trennungskinder und falsch verstandene Loyalität. Ein Roman, der dem Leser Kadavergehorsam abfordert, weil man sich ihm nicht entziehen kann. Väter sollten sich ein dickes Fell zulegen, bevor sie „Loyalitäten“ lesen. Dem Roman liegt ein desaströses Vaterbild zugrunde. Ein Bild, mit dem ich nur schwer zurechtkam, weil ich für mich zeitlebens versucht habe, die Folgen von Verrat und Illoyalität gegenüber der eigenen Familie zu bekämpfen. Dieser Roman liegt schwer auf meinem Denken. Man sollte ihn lesen, wenn man mit dem Gedanken spielt, eine Ehe zu beenden. Man sollte ihn lesen, wenn man sie bereits beendet hat und sich einbildet, mit den gemeinsamen Kindern sei alles in Ordnung. Man sollte ihn lesen, wenn man mal wieder einem Lehrer unterstellt, er sähe Gespenster. Man sollte ihn auch dann lesen, wenn all dies nicht der Fall sein sollte. „Loyalitäten“ ist ein Weckruf. Ein empathisches Frühwarnsystem gegen alle Folgen des Verrats. Er ist ein Früherkennungssystem für eine verstörte Psyche, die sich zum Kampf erhebt und sich auflehnt. Dieser Roman kann Leben retten.

Loyalitäten von Delphine de Vigan

Paris in meinem Lesen

Das Leben des Vernon Subutex“ – Virginie Despentes
Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury
Die Schönheit der Nacht“ – Nina George
Ein Ire in Paris“ – Jo Baker
Dann schlaf auch du“ – Leïla Slimani

und viele weitere Titel, die unter dem unter dem Schlagwort „Paris“ zu finden sind.

Loyalitäten von Delphine de Vigan