„Die Hexenholzkrone 1“ von Tad Williams – Osten Ard lebt

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

„Sie werden einander so eng verbunden sein, wie Bruder und Schwester nur sein können, obwohl sie viele Jahre getrennt leben werden. Sie wird Länder bereisen, die nie zuvor von einer Sterblichen betreten worden sind, wird verlieren, was sie am meisten liebt, und mit dem, das sie einst verachtet hat, ihr Glück finden… Er wird einen neuen Namen bekommen. Niemals wird ihm ein Thron gehören, aber seine Hand wird Königreiche erheben und stürzen.“

Diese Prophezeiung begleitet mich seit 1994. Es sind die Worte, die im letzten Band der „Osten-Ard-Saga“ von Tad Williams hoffen ließen, dass ich „Das Geheimnis der großen Schwerter“ am Ende noch gar nicht gelöst hatte. Diese geheimnisvollen Worte am Tag der Geburt der Zwillinge Deornoth und Derra, die Prinz Josua und seiner Frau Vara geschenkt wurden, schrieb ich mir ebenso auf, wie mögliche Handlungsstränge in der großen Saga, die vielleicht wieder aufgegriffen werden würden. Doch seit nunmehr 23 Jahren stehen sie als Relikte meines vergangenen Lesens in einem Notizbuch über eine Buchreihe, die ich in Gedanken nie verlassen habe:

Der Drachenbeinthron
Der Abschiedsstein
Die Nornenkönigin
und
Der Engelsturm

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Erst mit dem Erscheinen des Sequels Das Herz der verlorenen Dinge begann ich daran zu glauben, dass Tad Williams seine eigene Prophezeiung nie vergessen hatte und sich schreibend zurück nach Osten Ard begeben hatte. Ich wurde nicht enttäuscht. Und doch war diese Geschichte nicht so viel mehr als der bisher ungelesene Ausklang der großen Saga. Diese Geschichte beleuchtet lediglich, was am Ende der Kämpfe um den Thron auf dem Hochhorst weiter geschah. Sie schließt ein Kapitel ab, führt dabei ein paar neue, bisher unbekannte Charaktere ein und bleibt in sich geschlossen, ohne die Handlungsfäden von einst erneut miteinander zu verknüpfen. Und doch verbirgt sich viel mehr in diesem Buch, als man es auf den ersten Blick vermuten durfte.

Bedeutet doch sein Erscheinen auch das Erwachen der alten Legenden. Bedeutet es doch den ersten literarischen Fanfarenstoß, der die lang ersehnte Fortsetzung einer der größten Fantasy-Geschichten unserer Zeit ankündigt. Jetzt bin ich wieder in Osten Ard. Meine Notizen von einst erwiesen sich als eigene Prophezeiung meiner Hoffnung, dass nicht enden kann, was weltweit so viele Leser begeistert hatte. Ich bin zurück und folge Tad Williams in ein Land, das wir wohl beide niemals ganz verlassen haben. Sein literarischer Kunstgriff, der mich von der ersten Seite an begeistert, ist unbeschreiblich.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Die Hexenholzkrone 1“ – Hobbit Presse / Klett-Cotta

Fast ebenso viel Zeit wie ich auf diese Fortsetzung warten musste, ist auch in der Geschichte vergangen. Genau 30 Jahre nach der letzten Schlacht gegen die Nornen begegne ich einem Königspaar, dem ich ewige Gefolgschaft geschworen hatte. Simon und Miriamel, die ich zuletzt sah, als sie den Thron bestiegen. Ein ungleiches Paar und doch das ewige Sinnbild für unerschrockene Liebe, Kampfesmut, Treue und Güte. Seit 30 Jahren regieren sie nun schon. Den Frieden haben sie über Osten Ard gebracht und im Rückblick hat Bestand, was sie erschufen. Die Menschen sehen sie als:

Den König und die Königin. Sie sehen uns und wissen, dass alles ist, wie es sein soll, dass Gott weiter über sie wacht… Sie sehen, dass die Jahreszeiten kommen und gehen,… dass der Regen fällt und die Ernte wächst. Sie sehen, dass jemand da ist, der sie vor bösen Dingen, vor denen sie Angst haben, beschützt.

Tad Williams jedoch wäre nicht er selbst, wenn er nicht ganz genau wüsste, dass dieses Bild mehr als trügerisch ist. Er öffnet ein neues Kapitel, erschließt eine neue Saga, die genau bei dieser trügerischen Illusion von Sicherheit beginnt und ganz Osten Ard in den Untergang reißen würde, wären da nicht die Weggefährten aus alter Zeit, die sich dem drohenden Unheil gemeinsam entgegenstellen. Zugegeben sie sind ein wenig gealtert, ihre Knochen sind sehr müde, das Aufstehen fällt schwer, das Reiten gleicht einer Tortur, aber wir sollte niemals jene unterschätzen, die einst Helden waren.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams

Aber auch hier schöpft Tad Williams aus dem Vollen, indem er neue Charaktere in seinen Zyklus einbringt, die er so brillant beschreibt, als wären sie schon immer Teil der Legende gewesen. Er folgt den initialen Impulsen, die er in „Das Herz der verlorenen Dinge“ selbst gesetzt hat. Besonders interessant ist hier der Aspekt, dass die Nornen ihren Geburtenrückgang durch die Vermischung ihrer Art mit Menschen kompensieren und auf diese Weise Halbwesen erschaffen, die zu Kämpfern ausgebildet werden. Hier vermischt Tad Williams nicht nur das Blut. Hier lässt er mit Nezeru eine Frauengestalt entstehen, die halb Norne, halb Mensch, auch den Fortbestand der Saga entscheidend vorantreibt.

Dieser Mix aus Altem und Neuem macht die auf vier Bände angelegte Fortsetzung des Osten-Ard-Epos zu einem eigenständigen und beeindruckenden Werk. Es ist durchaus möglich, sich dieser Geschichte zu nähern, ohne die vorhergehenden Bände gelesen zu haben. Tad Williams lässt alles Wesentliche aus der Vergangenheit in seine neue Geschichte einfließen, ohne dabei allzu sehr zu repetieren. Für die gewachsenen Leser der Buchreihe allerdings ist es ein Muss, dort fortzusetzen, wo er einst endete. Es ist ein Hochvergnügen, Binabik, Eolair und Tiamak nach so vielen Jahren erneut treffen zu dürfen. Es ist beklemmend, sich von alten Gefährten verabschieden zu müssen und es ist brillant, die Geschichte des Nornen Viyeki weiterverfolgen zu können, nachdem wir ihn erst im „Herz der verlorenen Dinge“ kennengelernt haben. Tad Williams schließt alle Kreise. Er greift alle Handlungsfäden auf und spinnt neue und hochaktuelle Fäden hinzu.

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams – Das Hörbuch

Und ja. Er bringt uns auf die Spur der Prophezeiung, die mich seit Jahren beschäftigt. Schon in der „Hexenholzkrone“ fühlen wir, dass wir den Zwillingen ganz nah sind und bereits im zweiten Teil dieser Reihe mit dem Titel „Die Hexenholzkrone 2“ werden wir ihnen ganz bewusst begegnen. Auch das Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag hat mich intensiv begleitet. Andreas Fröhlich ist DIE STIMME Osten Ards. Er ist der einzig denkbare Erzähler und sprachlich wandlungsfähige Chronist, der mir diese Geschichte aus Osten Ard erzählen darf. Ich denke, er hat inzwischen Nornenblut in seinen Adern. Das kann man hören, wenn er Viyeki spricht und die großen Gesänge des alten Volkes rezitiert.

Nun gilt es weiterzulesen und zu hören. Das erwartet uns unter dem Gesamttitel der Reihe „Der letzte König von Osten Ard“::

„The Witch Wood Crown” = “Die Hexenholzkrone 1 und 2”
„The Empire of Grass” = “Das Graslandimperium”

„The Navigator´s Children” = “Die Kinder des Seefahrers”

„Die Hexenholzkrone“ von Tad Williams – So geht es weiter…

Was uns noch erwartet? Mein persönliches Highlight der Frankfurter Buchmesse. Hobbit Presse und Klett-Cotta haben ihn tatsächlich wahr werden lassen: Den Traum, Tad Williams exklusiv für Literatur Radio Bayern interviewen zu dürfen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich viele Fragen habe. Wir hören uns also von der Messe und es wird kein Solo-Interview, da ich von einer besonderen Bloggerin begleitet werde, die zu den ganz großen Osten-Ard-Fans gehört. Überraschung.

Tad Williams -Das exklusive Radio-Interview – Nur hier

Update – Nach dem Interview ist vor dem Lesen

Am Messe-Samstag der FBM17 war es dann soweit. Gemeinsam mit Giulia Vedda begrüßte ich Tad Williams zum Interview am Stand von Klett-Cotta / Hobbit Presse. Das komplette Interview könnt ihr euch HIER bei Literatur Radio Bayern anhören. Eine kleine Interviewkabine sorgte für ein wenig Abschirmung vor dem Messetrubel und wir konnten uns ganz auf unseren prominenten Gesprächspartner einlassen. Tad Williams ließ keine Frage offen und so wurde aus einem literarischen Gespräch in kleiner Runde ein umfassender Ausflug in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Osten Ard.

Ausgehend von der alten Prophezeiung, die diesen Artikel einleitet, ergründeten wir die Motive des Schriftstellers, die zur Fortsetzung der Saga führten, erfuhren, dass Tad seine eigenen „alten“ Bücher lesen musste, um die Details für die neue Reihe wieder in sein Gedächtnis zu rufen und wie wichtig es sein kann, gute Freunde zu haben, die hier mit Rat und Tat zur Seite standen, die man selbst nachts anrufen konnte, um zu fragen ob man einen bestimmten Charakter weiterentwickeln kann, oder ob er vielleicht schon irgendwo in Osten Ard begraben liegt. Neben diesen technischen Informationen waren es auch rein inhaltliche Fragen, die uns beschäftigten. Würde ich der Wölfin Quantaqa jemals wieder begegnen und wie wichtig sind die Mischlinge, wie Nezeru, für das neue Schreiben von Tad Williams?

Was unterscheidet seine Saga von Tolkiens Herr der Ringe“ und wie nah ist Osten Ard an den großen Themen unserer Zeit, wie Rassismus, Fake-News, Ausgrenzung und Gendering? Letztlich beantwortet er sogar Fragen nach seinem Lieblingsort in der Saga, ob er vergleichbare Fantasy-Bücher anderer Autoren selbst besser geschrieben hätte, was er für seine Zukunft plant und ob seine offenen Buchreihen, wie Tinker Farm fortgesetzt werden. Die Antworten werden den geneigten Leser frohlocken lassen. Und doch wächst angesichts meiner letzten Frage ein wenig der Zweifel in mir, ob es mir je vergönnt sein wird, das Ende der Osten-Ard-Saga zu erlesen. Wenn er sie wieder in 23 Jahren fortsetzt, werde ich wohl im Alter von 78 Jahren einen Vorleser benötigen.

Tad Williams im Kreuzverhör mit AstroLibrium und Giulia (Das Buchmonster)

Habt Spaß mit diesem Interview und folgt diesem Link zu Giulias Artikel über einen absolut grandiosen Moment in unserem Leseleben und eine Begegnung, die man nicht so schnell vergessen wird. Osten Ard… Wir kommen. Bald geht es weiter. 

Advertisements

„Dann schlaf auch du“ von Leïla Slimani – Prix Goncourt 2016

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Erneut hat sich gezeigt, dass der französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ein herausragender Gradmesser und Indikator für gute Bücher ist. Ich habe einige der Werke gelesen, die mit diesem (immerhin mit symbolischen 10 Euro dotierten) Preis in unserem Nachbarland ausgezeichnet wurden und habe mein Lesen niemals bereut. In diesem Jahr stürmt der letztjährige Sieger die deutschen Bestsellerlisten und auch hier ist es so, dass man nur konstatieren kann: Chapeau – Hut ab. [weiterhören]

Dann schlaf auch du – Meine Radiorezension für Literatur Radio Bayern – Hier klicken

Leïla Slimani gilt derzeit als die aufsehenerregendste Schriftstellerin Frankreichs. Die Autorin mit französisch-marokkanischen Wurzeln wuchs in Rabat auf und kam erst im Alter von siebzehn Jahren nach Paris, studierte an einer Eliteuniversität, begann im Bereich des Journalismus ihre ersten deutlichen Spuren zu hinterlassen und wurde im Jahr 2016 für ihren psychologischen Thriller „Chanson Douce“ mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Im Sog dieses Prädikates folgte die Veröffentlichung des Romans in 30 Ländern weltweit und jetzt hat uns diese Story auch erreicht. Im Titel geht es in der deutschen Übersetzung von Amelie Thoma nicht um ein Chanson, erinnert uns jedoch stark an eine Kinderliedzeile, die den Roman in seiner Gänze umfasst. LaLeLu.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Dann schlaf auch du“. Unzählige Kinder dieser Welt sind bei diesen Worten sanft in die süßesten Träume entschlummert. Eine behütete Kindheit und ein Elternhaus voller Zuwendung und Wärme sind sicher die ersten Assoziationen, die wir mit diesen Zeilen verbinden. Doch nichts davon finden wir im Roman von Leïla Slimani wieder. Ich habe mich der Geschichte, die sie erzählt, abwechselnd lesend in der gebundenen Fassung aus dem Luchterhand Verlag und hörend in der Hörbuchadaption von Der Hörverlag gewidmet.  Zwei augen- und ohrenscheinlich unterschiedliche Wege, die jedoch in sich so sehr zur Stimmung und meinen Gefühlen passen, die mich in diesen Stunden ereilt haben.

Es ist kein leichtes Thema, mit dem sich Leïla Slimani intensiv auseinandersetzt. Ganz besonders, wenn der Leser oder Hörer selbst Kinder hat, ist es unmöglich, dem Inhalt emotionslos zu folgen. Lesend hatte ich noch die Chance, mich manchmal doch ein wenig zurückziehen zu können, die nächste Seite nicht aufzuschlagen, um einfach nicht zu erfahren, was geschieht. Hörend war es fast nicht machbar, dem Erzählstrom von Constanze Becker zu entfliehen. Sie verleiht der geradlinigen Sprachmelodie der kurzen und prägnanten Sätze aus der Feder von Leïla Slimani eine Dynamik, der man sich kaum entziehen kann. Dabei liest die Hörbuchsprecherin fast quälend emotionslos und ich denke, nur so kann man dieses Buch in seiner Audiofassung präsentieren. Hier wäre ein „Mehr“ an Gefühl deutlich zuviel gewesen.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Leïla Slimani schreibt in diesem Stil. Fast schon versachlicht, neutral. Ihre Sicht auf die Geschichte ähnelt der eines Chronisten auf einem Feldherrenhügel, der unter sich den tausendfachen Tod und seine Konsequenzen beschreibt. Das Gefühl überlässt sie dem Leser. Na besten Dank auch. Dieser literarische Kunstgriff in meine Psyche ist der Autorin mehr als gelungen. Beschreibt sie doch das schlimmste Drama, das Eltern sich nur vorstellen können. Beschreibt sie doch schon auf den ersten Seiten des Romans im schonungslosen Klartext den Doppelmord an zwei Kleinkindern. Ein Roman, der quasi auf dem Seziertisch der Ermittler beginnt. Kindsmord. Schwer zu begreifen.

Was uns Leïla Slimani im Mittelpunkt von Dann schlaf auch duallerdings erzählt ist zutiefst menschlich, psychologisch, empathisch und nicht zuletzt französisch.

Menschlich ist es, weil in der Ausgangssituation klar wird, wie das typische Leben von Eltern verläuft, wie die Rollenverteilung zumeist aussieht und was dies für eine Mutter bedeutet. Ihr fehlen die Kontakte, sie hat nur noch Gesprächsstoff, der sich um Kinder und Windeln dreht und beruflich fällt sie ins Niemandsland zurück, während der Vater in seinem Leben außerhalb der Familie weiter Vollgas geben kann. Myriam kehrt in ihren Beruf als erfolgreiche Anwältin zurück. Realisierbar ist dieser Schritt jedoch nur, weil sie ihre beiden kleinen Kinder Adam und Mila einer Nanny anvertraut.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimanim

Psychologisch ist es, weil schon hier der Balanceakt zwischen Selbstverwirklichung und Familie offen zutage tritt. Psychologisch ist es, weil das schlechte Gewissen einer Mutter auch durch ein Kindermädchen nicht beruhigt wird. Aber geradezu verstörend in seiner Wucht ist es, weil die Perspektive der Nanny eine grausame Dimension erreicht, die alle Fragen aufwirft, wem man eigentlich vertrauen kann. Eigentlich entspricht das Kindermädchen Louise dem Idealbild einer Nanny. Sie steht mitten im Leben, ist selbst Mutter und sie wird in kürzester Zeit von den Kindern vergöttert. Louise macht sich für die kleine Familie unersetzlich, sie ist helfende Hand, liebevolle Erzieherin und hält den zunehmend gestressten Eltern den Rücken frei.

Empathisch ist es, weil Leïla Slimani tief in das Leben und die Psyche von Louise und ihre Situation eintaucht. Während ihre eigene Existenz ins Schlingern gerät und sie nur noch in ihrer Rolle als Kindermädchen einen Ausweg sieht, beginnt ein schonungsloser Revierkampf, um diese Position zu festigen und zu erhalten. Es fällt nicht schwer, sich mit Louise und ihrer Rolle zu identifizieren. Es fällt nicht schwer zu erkennen, wie sehr sie zu kämpfen hat. Und es fällt nicht schwer, ihre Torschlusspanik nachvollziehen zu können. Nur wir Leser sind dazu in der Lage. Dieses Privileg gewährt uns die Autorin. Und doch schreien wir innerlich in den Momenten auf, in denen die Eltern zu blind und zu egoistisch sind, um die Warnzeichen einer Fehlentwicklung zu erkennen, die fatale Konsequenzen haben sollte.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Französisch ist es, weil Leïla Slimani die speziellen sozialen Rahmenbedingungen in diesen Roman einfließen lässt, die in der französischen Gesellschaft eine große Rolle spielen. Illegale Arbeitskräfte aus den ehemaligen Kolonien, Frauen ohne Papiere, die dazu gezwungen sind, in reichen Haushalten auf die verwöhnten Kinder aufzupassen und dabei doch ständig in der Gefahr der Abschiebung leben. Abhängigkeit in jeglicher Beziehung ist die Folge. Der Alltagsrassismus rückt in den Vordergrund. Louise jedoch hebt sich deutlich von ihren illegalen Kolleginnen ab. Umso schlimmer ist es für sie, am Rand der Gesellschaft leben zu müssen. Das gibt ihrem Kampf eine besondere Note.

Leïla Slimani frisst sich multiperspektivisch in ihren Roman hinein. Ich hatte nicht eine einzige Chance, ihr zu entkommen. Wenn ich das Buch schloss, drehte mein Kopf durch. Hilflos verfolgt man den Verlauf der Schlinge, die sich immer enger zieht. Wenn ich Constanze Becker im Hörbuch eine Pause gönnte, so revanchierte sie sich nicht bei mir. Ihre Stimme schien immer weiterzuerzählen. Unaufhörlich und extrem eindringlich. Es ist ein unwiderstehlicher Sog, den dieser Roman entfaltet. Es ist die schonungslose Wahrheit, die er akribisch genau erzählt. Und es ist eine bittere Erkenntnis, die auf den letzten Seiten Besitz vom Leser ergreift. Lesen und hören. Mein Königsweg durch eine Geschichte, die noch lange in mir toben wird.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Alessandro Baricco – „Die junge Braut“

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Was habe ich nicht schon alles mit Alessandro Baricco erlebt! Ich bin mehrmals in meinem Leben mit ihm nach Japan gereist, um Seidenraupen zu erstehen, obwohl mir völlig klar war, dass die Augen eines jungen Mädchens der eigentliche Grund für diese Fluchten war. Ich habe mit ihm ein Schiff betreten, auf dem ein Ozeanpianist die Musik neu erfand und sich doch nicht traute, jemals an Land zu gehen. Ich habe mit ihm und einem gewissen Mr. Rail kilometerlange schnurgerade Eisenbahnstrecken konstruiert, um der Lokomotive Elisabeth im Land aus Glas die größtmögliche Geschwindigkeit zu ermöglichen. Ich habe mich in einer Pension am Oceano Mare eingemietet, um einen Maler zu beobachten, der das Meer täglich mit Ozeanwasser zu malen beginnt. Ich war Zeuge einer legendären Boxkampf-Reportage in einer City, die sich jeder literarischen Kategorie entzog. (Weiterhören…: hier)

Die junge Braut – Alessandro Baricco – Die Radio-Rezension – hier klicken

Ich konstruierte mit ihm eine Autobahn, die nur den Sinn hatte, einen Lebensweg in die Landschaft zu kopieren, um eine verlorengeglaubte Prinzessin wiederzufinden. Ich listete mit Mr. Gwyn genau 52 Tätigkeiten auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedachte um sich auf seine neue Profession vorzubereiten. Portraits zu schreiben. Ich stürzte vor den Augen der Geschäftsfreunde Smith & Wesson in einem Holzfass die Niagarafälle herab, nur um am Ende jenes freien Falls mit einer Schießbude über die Jahrmärkte in den Dörfern zu ziehen. Ich zog mit ihm durch unzählige einzigartige Welten, begegnete dabei Romanfiguren von einer literarischen Strahlkraft, die ihresgleichen sucht, befreite mich vom strukturierten Denken und erweiterte meinen Horizont und hielt mich oftmals an Worten fest, die durch ihn einen völlig neuen Sinn erhielten. Ich sehe heute noch mit meinem geistigen Auge Grabsteine, die nur die Inschrift „Ach“ tragen, denke oft an ein leeres Schmuckkästchen, das die Rückkehr eines geliebten Ehemannes ankündigt und weine still vor mich hin, wenn ich die Zeilen „Komm zurück Fremder, oder ich sterbe“ lese.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich habe in, durch und neben seinen Romanen junge Mädchen kennengelernt, die mein Leben verändert haben, und kann mich mit jeder Faser meines Herzens an jeden Satz aus seiner Feder erinnern, der meinen eigenen Weg so treffend beschreibt. Jedes neue Buch von Alessandro Baricco erscheint mir wie ein Schatz, den ich vielleicht gar nicht verdient habe. Jedes neue Buch aus seinem kreativen Gedankenatelier stellt eine Herausforderung für mich dar, der ich aktiv gerecht zu werden versuche. Dabei sind mir seine Stilmittel inzwischen so vertraut, dass ich einen Baricco hundert Kilometer gegen den Bücherwind erkenne. Seine Listen und Aufzählungen sind geradezu legendär. Die Melodie seiner Geschichten gleicht avantgardistischen Kompositionen, die niemals nur Schlager sind, immer jedoch unvergessliche literarische Ohrwürmer voller Tiefgang.

Mit zitternder Hand und pochendem Herzen betrachtete ich sein neues Buch Die junge Brautsehr lange, bevor ich es wagte, die heiligen Hallen seines Schreibens zu betreten. Ehrfürchtig und auf wirklich alles gefasst, erinnerte ich mich an jene Momente meines Lebens, die durch seine Romane geprägt wurden. Sollte dies auch einer dieser magischen Augenblicke werden? Sollte mir auch hier ein Mädchen begegnen, dem ich lebenslang verfalle? Sollte ich auch in diesem Buch Zitate entdecken, die ich in meinen Notizbüchern der wichtigsten Zitate meines Lebens eintragen würde? Sollte es so sein, wie es immer war? NEIN… Diesmal war es anders.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Romane von Alessandro Baricco entziehen sich für mich jeglicher Norm für eine Rezension im eigentlichen Sinne. Ich mag nicht über den Inhalt schreiben, weil sich gerade diese kreativen und ungewöhnlichen Geschichten für jeden geneigten Leser in einer ganz eigenen Art erschließen. Darüber hinaus entfalten sie ihre Wirkung in einer literarischen Dynamik, die es anschließend wenig sinnvoll erscheinen lässt, sie auf den kleinsten gemeinsamen inhaltlichen Nenner zu verdampfen. Für mich gilt es hier meine Gefühle zu beschreiben, meinen Assoziationen freien Lauf zu lassen und festzuhalten, wie mir „Die junge Braut“ auch noch in zehn Jahren in Erinnerung bleiben wird. Wenn es mir dann gelingen sollte, die pure Neugier auf diesen Roman zu wecken, ohne dabei vorwegzunehmen, was zwingend vorenthalten bleiben muss, dann bin ich wahrlich der glücklichste Literaturblogger der Welt.

Wenn mein Blick in einigen Jahren auf dieses Buch fällt, dann werden Bilder in mir lebendig, die sich schon nach wenigen Stunden in meinem Herzen eingebrannt haben. Wenn ich dann an diesen Buchtitel denke, werde ich mich auch daran erinnern, warum dieser Roman so anders ist, als all die zuvor gelesenen von Alessandro Baricco. Dann werde ich an Begegnungen in der Geschichte denken, die mich nicht mehr losgelassen haben und ich werde erneut zu Gast im wohl ungewöhnlichsten italienischen Haushalt sein, der mir in meinem Lesen bisher begegnet ist. Und ich werde erneut nachdenken, warum mir das Originalcover (das in allen anderen europäischen Ländern das Buch ins Auge des Betrachters rückt) besser gefällt, als die augenlose Silhouette der deutschen Ausgabe von Hoffmann und Campe. Vielleicht ist es so, weil „Die junge Braut“ in jeder Beziehung der bisher erotischste und obsessivste Roman des italienischen Autors ist.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ja, sie scheint auf den Mund reduziert zu sein: Die Junge Braut. Für mich jedoch wird sie immer mehr als das sein, obwohl diese Fokussierung der Geschichte sehr wohl entspricht. Namenlos ist das Mädchen, versprochen und zur Hochzeit bereit, als sie im Haus der Familie ihres Bräutigams erscheint. Namenlos ist auch die Überraschung, da man augenscheinlich nicht mit ihrem Erscheinen gerechnet hat. Alles ist verabredet, es könnte so einfach sein und eigentlich sind alle da: Die unfassbar schöne Mutter, deren Ausstrahlung einem geheimen erotischen Universum gleicht; der herzkranke Vater, der gar kein Vater ist; die Tochter des Hauses, die nur im Sitzen oder Liegen schön ist und der Onkel, der sich in einem Zustand des Dauerschlafens befindet . Einzig der Verlobte fehlt. Spurlos fast. Ein Telegramm soll helfen. Doch was nur tun mit der jungen Braut?

„So wurde sie ein Teil des Hauses, und dort, wo sie sich in ihrer Vorstellung als Ehefrau hatte eintreten sehen, fand sie sich jetzt als Schwester, Tochter, Gast, willkommene Anwesenheit und Dekoration.“

Niemals werde ich diesen Haushalt vergessen. Niemals jene vier Regeln, die für das komplexe und immer gleich verlaufende Leben seiner Bewohner stehen. Regeln, deren tiefer Sinn nur darin zu bestehen scheint, die Ängste der Familie im Zaum zu halten. Es fällt der jungen Braut schwer, alles zu begreifen, sich auf alles einzulassen und letztlich auch zu warten, bis der Sohn zurückkehrt, sollte dies je der Fall sein. Unvergessen, die Zeichen für sein baldiges Erscheinen. Unvergessen das erotische Knistern, das von der jungen Braut Besitz ergreift und tief in mein Herz gebrannt die Irrwege, denen sie folgt, um ihr Ziel zu erreichen. Zu viel hat es sie gekostet, hier zu sein. Zu viel hat sie riskiert. Unvorstellbar, wenn es jetzt nicht zur Ehe käme. Alles wäre verloren.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich sehe die junge Braut, ihren Mund und ihre schlanke Figur noch immer durchs Haus schleichen. Ich fühle alle Berührungen, die sie erfährt und die sie gewährt. Ganz beiläufig scheinbar nähert sie sich den großen Geheimnissen der Familie. Sie wird mit allen vertraut und doch gelingt das Trauen nicht, weil einer fehlt. Der rote Faden einer obsessiven Leidenschaft zieht sich durch diesen Roman wie die Spur einer erotischen Selbstzerfleischung. Jede Flucht, jeder Hauch und jede Berührung öffnen einen neuen Zugang, neue Perspektiven auf die Geschichte und geben Anlass für Spekulationen. In diese inhaltlich dichte Atmosphäre dringt von Seite zu Seite ein in literarischer Hinsicht anarchisch wirkender Aspekt in den Vordergrund. Wer erzählt hier eigentlich? Warum wechselt die Erzählstimme plötzlich vom neutralen „sie“ ins persönliche „ich“?

Mit einem Donnerhall der Erkenntnis reift im Leser ein Gedanke, was Alessandro Baricco hier wagen könnte. Eine erste Spur, ein leises Aufflammen eines Gedankens und dann die Wucht des Erkennens sind Wesensmerkmale des Lesens. Jemand dringt ins Innerste des Buches ein und bemächtigt sich unserer Seele. Aus einer Geschichte werden zwei und aus zwei Geschichten wird die Eine, die es zu erzählen gilt. Nur diese eine Geschichte zählt. Es ist die Geschichte wahrer Leidenschaft, des Wartens und der Opferbereitschaft für die Liebe eines Lebens. Für mich wird sie dies immer bleiben. Und doch beginne ich so langsam zu begreifen, was ich eigentlich gelesen habe. Es ist ein ganz besonderes literarisches Momentum, das ich jedem Leser ans Herz legen mag.

Wer mit seinem Herzen liest, der muss sich auf Alessandro Baricco einlassen. Es ist nie zu spät für einen neuen Baricco, es ist nie zu spät für den ersten Baricco.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Wie unterschiedlich und doch vergleichbar das Lesen von Baricco ist, kann man bei Bianca & Literatwo sehen. Wir haben gemeinsam stundenlang mit der Familie im Haus gefrühstückt, sind der jungen Braut durch die Geschichte gefolgt, haben Zitate in Hülle und Fülle gesammelt um sie ins Notizbuch unseres Lebens einzutragen. Wir sind in den Kern einer großen Geschichte vorgedrungen und doch zeigt ihre Rezension, wie unterschiedlich unsere Empfindungen am Ende des gemeinsamen Lesens sind. Genau in diesem Unterschied liegt das Geheimnis dieses Romans verborgen. Man empfindet ihn aus den unterschiedlichsten Gründen als Meisterwerk. Wagt es selbst…

„Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Zum Update – „Nach dem Interview ist vor dem Lesen“ bitte nach unten scrollen

—————————————————————————–

Es gibt literarische Einladungen, die so verführerisch klingen, dass man sie kaum ausschlagen kann! „Auf ein Glas Champagner mit Lorraine Fouchet.“ Klingt das nicht nach einem prickelnden Literaturevent? Einer französischen Autorin in München begegnen, im kleinen und erlesenen Kreis und noch dazu in einer noblen Location, die es wahrlich in sich hat? In einer Champagner Boutique habe ich mich jedenfalls bis zum heutigen Tag noch nicht über gute Bücher unterhalten. Und wenn diese Einladung auch noch vom Atlantik Verlag stammt, dann gibt es nur eins: Die Buchkorken knallen lassen

Natürlich lebt ein Literaturabend nicht nur von der Location. Auch die Verheißung, leckere Spezialitäten vom Viktualienmarkt zur Stärkung vorzufinden, ist zwar schön, es ist jedoch im Schwerpunkt die Autorin, die hier mit ihrem Schreiben im Mittelpunkt steht und wie wir alle wissen: Wo kein Inhalt, da hilft auch der teuerste Schampus nichts. So ist das mit der Literatur. Da kann man auffahren, was man mag, schlechte Bücher und Schriftsteller ohne Ausstrahlung und Talent werden durch knallbuntes Geschenkpapier nicht zu Fixsternen am Bücherhimmel.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Also bin ich gespannt. Begebe mich ins „Champagne Characters und freue mich auf einen Abend mit Büchermenschen und einem Roman, der mich schon seit einigen Tagen durch mein Lesen begleitet. Und natürlich bin ich absolut gespannt auf Lorraine Fouchet. Eine Autorin mit einer außergewöhnlichen Vita, die sie mit ihrem Heimatland auf sehr besondere Weise verbindet. Eine Schriftstellerin, die auch noch in der Lage ist sprachliche Barrieren durch fast akzentfreies Englisch zu überbrücken. Und die Autorin des gerade beim Atlantik Verlag erschienenen Romans Ein geschenkter Anfang“.

Verwandeln wir also die prickelnde Champagner-Insel im Herzen Münchens in ein Leseerlebnis, das sich ebenfalls auf einer Insel abspielt. Auf der Île de Groix. Lorraine Fouchet hat sich diese Insel nicht zufällig ausgesucht. Dieses bretonische Eiland bietet alles, was ein guter Roman braucht, um in Schwung zu kommen. Sie ist klein, lauschig, malerisch und wird von Menschen bewohnt, die ihre Heimat gerne mit Fremden teilen, sich aber als Einheimische fast wie in einer geschlossenen Gesellschaft empfinden. Es müssen vier Grabplatten sein, die einer Familie auf dem Friedhof der Insel gehören, es müssen vier Generationen sein, die hier gelebt haben. Erst dann gehört man selbst auf der Île de Groix zu den Menschen, die hier wahrlich beheimatet sind. Dabei gehört die Insel niemandem. Man teilt sie. Es ist der große Respekt gegenüber der Natur, der hier Bretonen miteinander verbindet. Heimat schmeckt hier anders….

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Genau auf dieser Insel, die einer geschlossenen Gesellschaft gleicht, beginnt eine Geschichte eigentlich mit ihrem Ende. Wir lernen Lou viel zu spät kennen. Nach ihrem Tod führt ihre Beerdigung die Familie zusammen und der trauernde Ehemann Jo merkt vielleicht zu spät in seinem Leben, was es bedeutet, wenn die Frau auf die er immer ein wenig warten musste, sich nun viel zu früh aus dem Staub macht. Von seinen Kindern hat er sich entfremdet, ihre Leben sind für ihn nur Konturen. Schattenrisse. Und genau diese Schatten folgen nun dem Sarg zum Friedhof auf der Île de Groix.

Ein melancholischer und wehmütiger Anfang, der sich hier noch gar nicht wie ein Geschenk anfühlt. Und doch fühlt man sich als Leser sehr schnell, als würde man zur Familie gehören, als kenne man die Menschen hinter dem Sarg und wisse genau, wie sehr Lou diesem Familienverbund nun fehlt, war sie doch die Radnabe im Schwungrad des Lebens. Da ihr Tod nicht überraschend kam, zumindest nicht für sie selbst, hat sie sich einen besonderen Weg ausgedacht, die Risse in ihrer zerbrechenden Familie zu kitten. In ihrem Testament veranlasst sie ihren Mann, nun endlich seine erwachsenen Kinder als Vater wahrzunehmen, ihnen beizustehen und sie glücklich zu machen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Erst dann sei es ihm gestattet, ihren allerletzten Brief an ihn zu lesen. Und dieser befindet sich versiegelt in einer Champagnerflasche. Sie setzt auf seine Neugier, baut auf seine unterschwelligen Vatergefühle und schien wohl zu hoffen, dass Lou den Weg nicht alleine gehen müsste. Seine Enkelin Pomme entwickelt sich zum kleinen Wunder an seiner Seite. Ist es wirklich „Ein geschenkter Anfang“, den Lou ihrem Mann in der ungewöhnlichen Flaschenpost vermacht? Was steht in ihrem Brief und wie reagieren Cyrian und Sarah auf einen Vater, dem plötzlich die Augen geöffnet wurden?

Eine Insel ist wohl der perfekte Erzählraum für eine solche Geschichte. Vielleicht können die Leuchtfeuer auch der kleiner gewordenen Familie neue Orientierung geben und vielleicht ist es auch die Magie der Bretagne, ihrer Lieder und der Atmosphäre, die hier zusammenbringt, was niemals getrennt werden darf. Wenn man Lorraine Fouchet aufmerksam zuhört, wird man von der Liebeserklärung an diesen besonderen Flecken Erde überflutet. „Entre ciel et Lou“ – der Originaltitel vermittelt die Stimmungslage in diesem Roman. Alles liegt nun zwischen dem Himmel und Lou und doch ist sie wie das Wasser (frz. l`eau), das sich wie bei Ebbe zurückgezogen hat, nur um später in Gestalt einer Sturmflut an den Ufern ihrer Familie anzubranden. Dieser Roman ist vielleicht das wertvollste StrandGut der Île de Groix.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Lorraine Fouchet macht neugierig auf mehr. Ihre freundliche, verbindliche und vitale Art weckt Neugier und Sehnsucht zugleich. Sie, die ehemalige Notärztin, hat auch jetzt die Zügel in der Hand, entscheidet über Leben und Tod ihrer Protagonisten und ist eine dem guten Lesen verpflichtete Schriftstellerin. Als Tochter eines Vaters, der mit Antoine de Saint Exupéry flog, im Zweiten Weltkrieg nach England desertierte, sich Charles de Gaulle anschloss, die Interessen seines Landes nach dem Krieg als Botschafter und als Minister vertrat, weiß sie wovon sie spricht, wenn sie von ihrem Frankreich erzählt. Als weltgewandte und weltoffene Frau zieht sie uns auf ihre Seite und man folgt gerne dem Rhythmus ihrer Geschichten

Für mich fühlte sich diese prickelnde Champagner-Begegnung wirklich wie „Ein geschenkter Anfang“ an. Ich habe mich mit Lorraine Fouchet verabredet. Wir sehen uns zur Frankfurter Buchmesse wieder und werden ein ausführliches Gespräch führen. Diesmal allerdings als Interview für Literatur Radio Bayern. Bis dahin werde ich auch wissen, ob es Pomme gelingt, ihren Großvater Jo zu einem väterlicheren Menschen zu machen und ob Jo tatsächlich den letzten Brief von Lou lesen durfte. Ich werde wissen, ob dem unglaublichen Tanz des Vaters mit seiner Tochter am Rande der Beerdigung seiner Frau weitere Tänze folgen. Ich werde hoffentlich noch viele Leuchtfeuer auf der Île de Groix entdeckt haben, die diesen Roman in der Reihe der Leuchtturm-Bücher der kleinen literarischen Sternwarte hell erleuchten lassen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

PS: Dass es zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends zu einer Umbenennung des Atlantik Verlages in „Champantik Verlag“ kam, ist nur ein Gerücht. Allerdings ein gutes…

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Update – Nach dem Interview ist vor dem Lesen

Was lange währt wird endlich gut. Unter diesem Motto könnte man das Interview mit Lorraine Fouchet zusammenfassen, wenn man die oben beschriebene Vorgeschichte kennt. Es war „Ein geschenkter Anfang“, den mir der Atlantik Verlag im März dieses Jahres bescherte und nach der ersten Begegnung mit der französisch Autorin stand ein Interview während der Frankfurter Buchmesse fest auf dem Messeplan. Europäisch ist es geworden. Deutscher Blogger begegnet französischer Schriftstellerin und interviewt sie auf Englisch. Und während das Ehrengastland Frankreich Flagge zeigte, entwickelte sich am Messestand von Hoffmann und Campe / Atlantik Verlag der Dialog, auf den ich mich so lange gefreut hatte.

Lorraine Fouchet stellt uns einleitend die wesentlichen Rahmenbedingungen vor, die für die Ausgangssituation ihres Romans von besonderer Wichtigkeit sind. Es ist die außergewöhnliche Atmosphäre der Île de Groix, die ihre Leser gefangen nimmt. Es ist die kleine verschworene Gemeinschaft, in die man schon geboren werden muss, in der man sterben muss, um dazuzugehören. Es ist aber auch die Touristenschwemme, die aus dieser kleinen abgeschotteten Welt zumindest in den Ferien einen Ort der Vielfalt entstehen lässt. In diesem Setting lässt sie ihre verstorbene Protagonistin Lou agieren. Ein Kunstgriff, der einer Verstorbenen eine eigene Perspektive auf die Geschichte gibt, die sie selbst mit ihrem Vermächtnis lostritt.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Lorraine Fouchet thematisiert hier ganz bewusst den Prozess der Entfremdung in den modernen Familien unserer Zeit. Sie thematisiert die trügerische Idylle, es sei doch alles gut. Und sie würzt diese Geschichte absichtlich mit der Perspektive von Lou. Eine Sichtweise, die – so Lorraine Fouchet – bestimmt dem Lektorat zum Opfer fallen würde. Doch weit gefehlt. Lou blieb im Roman. Nicht die einzige Protagonistin, die den Lesern ans Herz gewachsen ist. Lorraine Fouchet freut sich sehr über die große Resonanz der Leser auf die kleine Enkelin Pomme, die so viel frischen Wind in die Handlung bringt. In Frankfurt zu sein empfindet Lorraine als große Auszeichnung, wobei ihr nicht bewusst war, dass man bei Lesungen tatsächlich Passagen aus dem eigenen Buch vorliest. Ein Aspekt, den sie mit nach Hause nehmen möchte. Darauf angesprochen, was an ihrem Buch typisch französisch sei antwortet sie mit einem fast schon symbolträchtigen Satz: „Weil es eben so europäisch ist“. Eine Sichtweise, die uns in schwierigen politischen Zeiten ebenso wie ihr Roman die Hoffnung gibt, dass Geschichten verbinden können.

Sie bejaht meine Frage, ob die Profession einer Schriftstellerin ganz nah an ihrem früheren Beruf einer Notärztin liegt. Geschichten können zwar keine Toten ins Leben zurückholen, aber sie können sehr wohl dabei helfen, am Leben zu bleiben. Nach ihren neuen Projekten befragt, lüftet sie am Ende des Gesprächs noch das kleine Geheimnis um ihren neuen Roman, der im nächsten Jahr ebenfalls bei Atlantik erscheinen wird. Es wird aber auch die Rückkehr auf die Île de Groix, auf die ich mich schon jetzt freue.

„Die Farben des Lebens“. Ein Titel, den man sich schon jetzt vormerken sollte. Danke für das wundervolle Gespräch in Frankfurt, Lorraine Fouchet und a bientôt.

Hier kommt ihr auf dem direkten Weg zum Interview bei Literatur Radio Bayern.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

„Mein Freund Pax“ von Sara Pennypacker

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker

Da sitzt er nun, unser Fuchs und schaut in die Ferne. Auch wenn er den Lesern auf dem Cover des Romans von Sara Pennypacker den Rücken zuwendet, so weckt doch schon diese Illustration aus der Feder von Jon Klassen die ersten Gefühle. Sein Blick ruht auf der Weite der Landschaft. Einer Landschaft, die eigentlich sehr  friedlich wirkt. Erst die Rückseite des Buchumschlags macht eine erste Unregelmäßigkeit sichtbar. Es ist ein abgeknickter Baum, der die harmonische Atmosphäre durchbricht. Denn, wie wir schnell erfahren werden: Nichts ist friedlich in dieser Geschichte. (Weiterhören)

Mein Freund Pax – Buch und Hörbuchvorstellung im Radio – Hier klicken

Da sitzt er nun, unser Fuchs und scheint zu warten. Mein Freund Pax. Warm und ein wenig melancholisch wirkt dieses Buch. Aus der Landschaft wird jedoch bereits auf der ersten Seite mehr. Hier sehen wir unseren Fuchs am Straßenrand sitzen, den Blick auf den Asphalt gerichtet. Wartend. Ein wenig verloren wirkt er schon, wie er dem Wald den Rücken zuwendet. Ein wenig verloren wirkt dieser Fuchs, nicht wild und verwegen. Es ist das Gefühl dieser verlorenen Einsamkeit, mit dem man sich diesem Buch nähert. Es ist ein scheues Gefühl, weil man ihn nicht verjagen möchte. Pax, den Fuchs, der auf den folgenden 300 Seiten auch zu unserem Freund wird.

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Lesen mit Fuchs

Schon auf den ersten Seiten nimmt uns diese Geschichte gefangen und lässt uns nicht mehr los, bis wir nach einem atemberaubenden Finale selbst im Wald sitzen und mit unseren Gefühlen alleine sind. Aber dazu später mehr. Es ist die Perspektive eines Fuchses, es ist sein natürlicher Instinkt, seine Sichtweise und seine Wahrnehmung mit der alles beginnt. Es ist die Fuchs-Sicht auf die Freundschaft zwischen ihm, Pax, und Peter, dem zwölfjährigen Jungen, die uns zeigt, was es einem Tier bedeutet, Nähe und verlässliche Sicherheit zu empfinden. Für den Fuchs ist der Junge mehr als ein Freund. Er ist „Sein Junge“.

Und doch scheint der Fuchs den Sinn für Gefahr verloren zu haben. Er fühlt zwar, dass irgendetwas nicht stimmt, dass der Vater des Jungen Lügengeruch ausströmt und die Fahrt mit dem Auto abrupt endet. Dass er jedoch in der Wildnis ausgesetzt wird, das verzweifelte Rufen seines Jungen ertragen muss und dem Auto nur noch nachschauen kann, das hatte Pax nicht erwartet. Es fühlt sich wie Verrat an. Ein Verrat, den wir Leser nicht anders empfinden, als der Fuchs, der nun am Straßenrand im Nirgendwo sitzt.

„Er bellte, um nach Peter zu rufen, erinnerte sich jedoch gleich wieder: Sein Junge war fort. Pax war es nicht gewohnt allein zu sein.“

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Zuneigung und Vertrauen

Pax ist nicht alleine mit diesen Gefühlen von Verlust und Verrat. Auch Peter erlebt diesen Moment der Trennung als absolute Extremsituation. Sein schlechtes Gewissen gegenüber Pax wird fortan zum Wegbegleiter eines jungen Lebens. Sara Pennypacker erzählt die Geschichte durchgehend aus zwei Perspektiven, die einander bedingen. Sie entwirft ein Szenario, das dieser Trennung Grenzen verleiht, die weder ein Fuchs noch ein Junge durchbrechen kann. Es droht Krieg im Land. Peters Vater kämpft, Peter wird evakuiert und Pax wird ausgewildert. So ist das eben. Das muss Peter akzeptieren.

Was Sara Pennypacker aus dieser Ausgangssituation entwickelt zeigt literarische Größe. Sie arbeitet Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier heraus und macht die Bindung zwischen einem Jungen und seinem Fuchs spürbar. Sie schreibt uns Begriffe wie Verantwortung, Respekt und gegenseitiges Vertrauen ins Stammbuch des Lesens und veranschaulicht, wie sich Liebe zu einem Tier äußern kann. Und nicht nur das. Wir lernen durch Pax, was es für ein Tier heißt, Haustier zu sein und Bindung zu fühlen. Es ist ein emotionaler Ritt auf der Rasierklinge, den wir mit Peter und Pax unternehmen.

Beide werden wie ein Schlagball beim Baseball, ihrem gemeinsamen Lieblingssport, in neue Welten katapultiert. Dabei ist es völlig unerheblich, wer von beiden Fänger und wer Schläger ist. Die Fallhöhe ist gewaltig und in aller Einsamkeit fehlt ihnen das Ritual danach: Der Moment, in dem Pax die Schnauze in Peters Baseballhandschuh legte und ihn von allen Alltagssorgen befreite. Ein mehr als magischer Augenblick für zwei große „Jungs“, die ohne Mütter zurechtkommen müssen..

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Das Argon-Hörbuch von Sauerländer Audio

Hier würde ich gerne die künftigen Leser dieses Buches aussetzen. Hier würde ich sie gerne alleine lassen mit zwei außergewöhnlichen Protagonisten. Hier sollte jeder für sich den Weg in diese Geschichte finden und dem Jungen folgen, der sich nicht damit abfinden kann, einen Fuchs zu verlieren. Peter macht sich auf den weiten Weg zurück, weil er weiß, dass Pax genau dort wartet, wo er ausgesetzt wurde. Hier würde ich Leser gerne mit Pax warten lassen. Mitten in der Wildnis. Nicht alleine lebensfähig. Und doch spürend, dass die Instinkte langsam zurückkehren.

Hier würde ich mir wünschen, dass Leser selbst erleben, wem Pax und Peter auf ihren Wegen begegnen und wie diese Begegnungen ihr weiteres Leben beeinflussen. Es sind unglaubliche Bilder, die uns Sara Pennypacker vermittelt, es sind wundervolle Illustrationen, die uns durch diese Geschichte begleiten. Die Gemeinsamkeiten im Weg eines Fuchses und eines jungen Menschen sind beeindruckend zu lesen. Ausgewildert sind sie beide. Das Leben schreibt sich neu und doch ist das unsichtbare Band existent und fest. Wird es beide zusammenführen? Ich hoffe, dass viele Leser diese Antwort für sich selbst beantworten können. Pax und Peter, Menschen und Füchse, Zivilisation und Wildnis, Krieg und Frieden. Selten wurde diese Gegensätze ergreifender erzählt.

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker – Jon Klassen und seine Bilder

Ich habe mit meinem Fuchs zusammen gelesen. Er heißt jetzt Pax. Ein Kuscheltier wirkt Wunder in diesen Seiten. Es hilft gegen Vereinsamung und Hoffnungslosigkeit. Es gibt Halt, wenn der Boden bebt und auch beim Weinen ist man nicht allein. Man sollte „Mein Freund Pax“ nicht alleine lesen. Man muss die erlesenen Gefühle teilen, sich in aller Tiefe öffnen und seine eigenen Schlüsse ziehen. Ich habe wechselweise gelesen und gehört. Ich bin Jacob Weigert in die Wildnis gefolgt. Er brilliert im Wechsel seiner Rollen. Er ist Fuchs und Mensch zugleich und wo dem Hörbuch die Illustrationen fehlen ist es die musikalische Untermalung, die Verschnaufpausen und Schluchzen überspielt.

Wäre dieses Buch der Duft eines Fuchses, es wäre ängstlich, verwirrt, wild, verspielt, ungezähmt und frei zugleich. Wäre dieses Buch ein Geräusch im Wald, es wäre laut, geheimnisvoll, auch mal leise und angsteinflößend. Wäre dieses Buch ein Instinkt, es würde fliehen, vertrauen, angreifen, jagen und endlos warten. Wäre dieses Buch das Gefühl eines Jungen, es wäre liebevoll, fürsorglich und verzweifelt. Hoffend, bangend und traurig. Wäre dieses Buch NUR ein Buch, man würde ihm nicht gerecht werden.

Mein Freund Pax von Sara Pennypacker - Astrolibrium

Mein Feund Pax von Sara Pennypacker – Nicht alleine lesen…

„Mein Freund Pax“ von Sara Pennypacker, erschienen im Sauerländer Verlag und bei Sauerländer Audio / Argon Hörbücher, erzählt eine Geschichte, die wahrhaft das Zeug zum Jugendbuchklassiker hat. Sie erreicht die Herzen ihrer Leser. Für ein Kinderbuch mit einer Altersempfehlung ab 10 Jahren ist es aus meiner Sicht dann geeignet, wenn man es gemeinsam liest oder hört. Es ist eine verlustreiche Geschichte, die nicht leicht zu verarbeiten ist. Sie ist wie das wahre Leben, nur eben bereichert um die Perspektive PAX

Hiermit erkläre ich die kleine literarische Sternwarte zum geschützten Fuchsbau für alle Leser von „Mein Freund Pax“. Folgt mir in dieses Buchschutzgebiet und bringt euren Instinkt, eure Gefühle und alle Geräusche und Gerüche eures Lesens mit. PAX.

Herzlich willkommen, Anja und Zwiebelchens Plauderecke im Fuchsbau.
Bianca und Literatwo haben auch einen Eingang in den Fuchsbau gefunden.
Ronjas Fooks hat sich aus der Bücherstöberecke getraut und Pax adoptiert.

Mein Feund Pax von Sara Pennypacker