Das Eis brechen – Meine Reise in die Arktis – Julien Blanc-Gras

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Hier sind es besonders die Polarregionen, die mich immer wieder faszinieren. Ob nun Antarktis und der Südpol oder die Arktis und das Nordpolarmeer, ob Pinguine oder Eisbären, eigentlich egal. Ich leide an der Seite der Pioniere, die sich in die feindlichen Gefilde der Eisberge, Polkappen und Packeiswelten begaben, um das Unerforschte zu entdecken. Erebus, Terror und Endurance. Expeditionsschiffe, die Synonyme für jene großen Entdeckungsfahrten wurden. Heimat von Besatzungen, die ihre Heimathäfen in England nie wieder oder nur nach aufwendigen Rettungseinsätzen erreichten. Zugleich jedoch auch Träger wichtiger Informationen über Landschaften und Menschen. Hier ist gerade die Franklin-Expedition mit der Erebus hervorzuheben. Ohne die Inuit und ihre mündlichen Überlieferungen hätte man das Rätsel der Expedition nie gelöst. Doch was wurde aus den Urvölkern von einst, nachdem ihre unberührte Heimat entdeckt wurde?

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Wie sieht es heute dort aus? Was wurde aus Grönland, aus den Eskimos (wie wir die Inuit eigentlich immer noch fälschlich bezeichnen)? Wie sieht die Welt der Ureinwohner heute aus? Was haben die Globalisierung, der Klimawandel und der Tourismus hier im Lauf der Zeit angerichtet? Stimmen unsere Klischees? Bleibt der romantisch verbrämte Blick auf die Vergangenheit bestehen oder erwarten wir auf einer solchen Insel nur das Museum einer längst vergangenen sozialen Gemeinschaft mit eigenen Gesetzen, Riten und Traditionen. Mit eigener Sprache, Kultur und einem Lebensraum, den man sich im Nordpolarmeer zunutze gemacht hatte. Oder sind es nur noch die Nordlichter, die uns faszinieren, wenn wir an Grönland denken? 

Julien Blanc-Gras wirft einen aktuellen Blick auf diesen Sehnsuchtsort ganz nah am Nordpol. „Das Eis brechen – Meine Reise in die Arktisist nicht nur in der Lage, unsere Wahrnehmung für Land und Leute zu schärfen. Dieser Reisebericht wird neuen und sehr relevanten Diskussionen um unsere Verantwortung im Umgang mit der Kultur der Inuit neuen Aufschwung verleihen. Blanc-Gras geht an Bord der „ATKA“, einem für die Nordpolarregion perfekt ausgerüsteten Segelschiff mit allen technischen Finessen. Dieses Schiff ist nicht nur in der Lage, das Eis im wahrsten Wortsinn zu brechen, es ist auch in der Lage das Eis zwischen den Besuchern Grönlands und den Inuit zu brechen, die als seefahrendes Kajak-Volk an diesem modernen Schiff extrem interessiert sind. In jeder Beziehung ein Reisebericht, der auf den Expeditionen von einst beruht, sich weit von den touristischen Pfaden entfernt und speziell dem Land seine Aufmerksamkeit zu widmen weiß.

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Wenn Julien Blanc-Gras an seine schriftstellerischen Grenzen kommt, dann hat er uns schon mehr über die Faszination kalbender Eisberge erzählt, als wir es vielleicht je selbst erleben könnten. Und doch streikt auch seine Vorstellungskraft, weil er sich nicht mehr in der Lage sieht, „die Erhabenheit des Eises in Worte zu fassen“. Das jedoch ist Jammern auf hohem Niveau, da seine Beschreibung der Eisberge in ihrer Schönheit uns zu einem Besatzungsmitglied der „ATKA“ werden lässt. Der Autor nimmt sich und seine Mitfahrer deutlich zurück. Sie sind für das Buch nicht von wesentlichem Interesse und bleiben anonym. Der Kapitän, der erste Offizier, ein Maler und ein Schriftsteller. Im Nachwort erst nennt er ihre Namen. Relevanz hat Grönland. Relevant sind Menschen und ihre Lebensumstände. Hier liegen der Fokus und gleichzeitig die größte Schwäche dieses Reiseberichts in den Beobachtungsschwerpunkten des Autors.

Die Zivilisation hat die Inuit alles gekostet, was sie als Urvolk ausgezeichnet hat. Aus selbstbestimmten Jägern hat man wirtschaftlich abhängige Fischer gemacht. Ihre Traditionen wurden auf dem Altar der Globalisierung und des Tourismus geopfert. Die ferne dänische Regierung ging mit Grönland so um, wie man es aus den USA und dem „fürsorglichen Umgang“ mit Sioux, Apachen und Navajo kennt. Schulsystem, Währung, Prägung und Infrastruktur. In jedem einzelnen Punkt erfolgte die Abschaffung einer der überlebenstauglichsten Kulturen unserer Erde.

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Dem trägt nun auch der Reisebericht Rechnung. Wenn Julien Blanc-Gras nun über den Untergang der Inuit schreibt, dann muss er mit Grönländern sprechen, die hier nur zu den Zugezogenen zählen. Westeuropäer oder Skandinavier, die sich in dem Biotop ihrer Fantasie niedergelassen haben und eine Gratwanderung zwischen Aktivismus zur Rettung der Urbevölkerung und Bewahrung traditioneller Bilder unternehmen. Die Inuit selbst? Schwer zu fassen. Sie entziehen sich. Sie bleiben zögerlich und indifferent. Es scheint dem Autor nicht gelungen zu sein, über seinen Menschenbild-Schatten und die eigenen Ressentiments springen zu können. Er ist sicherer im Umgang mit Dänen und Franzosen, die ihm „ihr“ Grönland beschreiben. Sprachliche Barrieren und so mancher oberflächliche Konflikt erschweren die Kontaktaufnahme. Inuit heißt Mensch. Das ist eigentlich die Überschrift über den Beschreibungen, die sich widerspiegeln sollte. Dass ihm dann doch Begriffe wie „Artgenossen“ und „örtliches Gesindel“ rausrutschen, ist der Distanz zu schulden, die er nicht zu überbrücken vermag.

Seine Naturbeschreibungen sind grandios. Es ist kein Wunschbild, das Blanc-Gras hier zeichnet. Es ist eine lebensgefährliche Umwelt, die er uns zu Füßen legt. An Bord der ATKA verlieren wir das Gefühl für unsere Zeit und befinden uns fast wieder auf der EREBUS. Es bleibt abenteuerlich und ein Eisberg kann jederzeit das Ende der Reise in dieser Region bedeuten. Was erfahren wir insgesamt, wenn das Eis gebrochen ist? Wo lässt uns der Autor zurück? Welche Botschaften ragen heraus? Grönland und die Inuit sind kein „Völkerkundemuseum“. Kreuzfahrt-Touristen suchen nach dem traditionellen Klischee und werden oft enttäuscht. Inuit tragen keine Pelzmäntel mehr, sie haben ihre Schlittenhunde gegen Schneemobile getauscht und das Kajak gehört zu den Relikten einer längst vergangenen Zeit.

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Die grönländische Jugend beginnt, die Stimme zu erheben, eine eigene Kultur zu entwickeln, unabhängig zu werden und sich Freiraum zu erobern. Julien Blanc-Gras nennt Autorinnen und ihre Projekte, geht auf die Signalwirkung ihrer neuen Stimmen in einer aufmerksamen Kulturwelt ein. Er legt viele Finger in viele Wunden und doch wirkt er oft doch eher als erwartungsvoller Tourist, denn als Journalist. Ich bereue die Reise auf der ATKA keinesfalls. Ich habe viel über das heutige Grönland gelernt. Ich bin jetzt neugierig auf neue Reisen. Denn, ob ich viel über die Menschen gelernt habe, die sich beharrlich hinter einem begründeten Schutzschild verbergen, das glaube ich nicht. Der französische Autor scheint mir mehr ein Landschaftsjäger und -fänger zu sein. Die Inuit sind ihm nicht ins Netz gegangen. Fast bin ich froh darüber. Sie verbergen ihre Seelen.

Ein Nachtrag: Das Magazin „mare – Die Zeitschrift der Meere“ wird bald zu einem echten Schwerpunkt bei AstroLibrum. Dabei sind es nicht nur viele Reportagen und Reiseberichte, die mich interessieren. Es sind die Ausblicke auf die neuen Bücher des Verlages, die hier schon im Vorfeld von lesenswerten Artikeln begleitet werden. Ich bin schon sehr gespannt auf das literarische Eigenleben meiner Magazin-Kategorie

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

EREBUS von Michael Palin

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Wir schreiben das Jahr 1845. Zwei Schiffe machen sich in England auf den Weg, die letzte offene Frage der Seefahrt zu klären und im arktischen Eis den verborgenen Weg durch die legendäre Nordwestpassage zu finden. 134 Seeleute folgen dem Oberbefehl von Sir John Franklin, dem nicht unumstrittenen Konteradmiral und Polarforscher. Er war nicht die erste Wahl für das Kommando dieser Expedition. Er galt als zu alt, viel zu behäbig und konnte nicht viele Erfolge vorweisen. Es war nur seiner Frau Jane Griffin, Lady Franklin zu verdanken, dass man ihn mit der Führung der prestigeträchtigen und kostspieligen Aufgabe betraute. Sie hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, ihr Netzwerk aktiviert und ihren Einfluss geltend gemacht, um ihren Mann unsterblich zu machen.

Unter seinem Kommando stießen die „Erebus“ und die „Terror“ in See. Gerüstet für eine mehrjährige Expedition, aufwendig umgebaut und für die arktische See perfekt ausgestattet, verließen die beiden Schiffe das britische Greenhithe. Hier beginnt eines der größten und lange Zeit ungeklärten Rätsel der Forschungsgeschichte. Nachrichten blieben aus. Zuerst nicht ungewöhnlich. Dann jedoch, nach zwei Jahren wurde man im Oberkommando der Marine zusehends nervös. Und nicht nur dort. Lady Jane Franklin baute einen unwiderstehlichen Druck auf, endlich nach ihrem Mann und den beiden auf See verschollenen Schiffen zu suchen. Elf Jahre lang dauerte die verzweifelte Suche in der Arktis, bevor erste Spuren und Beweise für das Scheitern der Expedition gefunden wurden. Beweise, die das Empire in helle Aufregung versetzten, machte sich doch das Gerücht breit, beide Schiffe seien gesunken und die Überlebenden hätten sich auf dem Weg durch das ewige Eis vom Fleisch ihrer toten Kameraden ernährt. Bis auch sie den Geist aufgaben. Unvereinbar mit den britischen Moralvorstellungen. (Weiterhören)

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin – Der PodCast zur Rezension ist verfügbar…

Bis zum heutigen Tag ist nicht alles geklärt. Bis heute ranken sich Geheimnisse und offene Fragen um das Schicksal der verlorenen Expedition. Spekulationen gehen Hand in Hand mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es ist schwer, sich einen Überblick über den Stand der Dinge zu verschaffen. Zusammenhänge und Ursachen zu erkennen fällt schwerer denn je. Genau hier setzt Michael Palin in seinem Buch „Erebus“ an. Genau der Michael Palin, den wir eigentlich von einer ganz anderen Seite kennen. Als Mitglied der Komikergruppe Monty Python erlangte er als Texter und Schauspieler nicht zuletzt durch den Film „Das Leben des Brian“ Weltruhm und Kultstatus. Kaum jemand kennt jedoch seine anderen Facetten. Er ist nicht nur ein renommierter Reiseschriftsteller und ehemaliger Präsident der Royal Geographical Society. Nein. Seit 2018 ist er auch ein richtiger SIR, nachdem er von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen wurde. Er hat nach seiner beispiellosen Karriere als Komiker einen kaum vorstellbaren Imagewechsel vollzogen und gilt heute als renommierter Autor, Filmemacher und Wissenschaftler.

Dieses Buch aus seiner Feder in Händen halten zu dürfen ist in vielfacher Hinsicht ein echtes literarisches Erlebnis. Der mare Verlag hat „Erebus“ in jeder Beziehung zu einem absoluten Highlight im Bereich der Sachbuch-Neuerscheinungen gemacht. Das beginnt schon beim Cover, das als Eyecatcher heraussticht, und setzt sich bei Karten, Originalfotos und Zeichnungen fort, die an Bord beider Schiffe entstanden sind. Schon beim ersten Blick auf das Buch stand für mich fest, dass ich die festliche Zeit zwischen den Jahren mit ihm verbringen würde. Das Lesen zelebrieren. Welches Buch wäre hier besser geeignet. Ich scharte meine nautische Ausrüstung um mich, legte den Kompass und meinen Sextanten in Reichweite, griff zu meinem Globus und begab mich auf eine Reise, die ich nicht mehr vergessen werde. Die Bilder auf meiner Facebook-Seite und auf Instagram sprachen eine mehr als deutliche Sprache. Und so blieb ich nicht allein.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Was macht Erebus aus heutiger Sicht zu einem relevanten Thema? Warum zieht die Geschichte zweier verlorener Expeditionsschiffe die ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich? Fragen, die ich mir lesend gestellt habe. Ich denke, es ist die Faszination für die großen ungeklärten Fragen unserer Zeit. Es ist das Geheimnis, das die Expedition bis heute zum einem mystischen Akt überhöht und es sind die menschlichen Abgründe, in die man sich kaum noch hineinversetzen kann, weil uns das Verständnis für diese Zeit verlorengegangen ist. Eine Zeit, in der die Welt noch nicht vermessen war. Eine Zeit, in der Navigation über Leben und Tod entschied. Eine Zeit, in der Forscher bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um das Prädikat „DER ERSTE“ für sich beanspruchen zu können. Diese Faszination ist die große Klammer über „Erebus“ und Michael Palin gelingt es nicht nur, einen Forschungsbericht zu verfassen. Er befreit die beiden Schiffe und die Menschen an Bord von jeder Sachlichkeit, die ein Sachbuch eigentlich zu dem macht, was es sein soll.

Palin geht den persönlichen Weg. Er erzählt von den Menschen der Expedition und ihren Beweggründen. Er beleuchtet ihre Stärken und Schwächen. Vom einfachen Maat bis zum Offizier, niemandem wird die Wertschätzung entzogen. Um uns mit ins Boot zu nehmen, setzt Michael Palin bei einer früheren Reise der beiden Schiffe an. Es ist hier die Antarktis, die erforscht wurde. Es ist eine Reise, von der die Besatzung zurückkehrt und von der sie berichten kann. Briefe, Logbucheintragungen, Zeichnungen und später erzählte Geschichten zeugen von den Lebensumständen an Bord. Hier werden einzeln wahrzunehmende Schicksale greifbar. Hier schöpft Michael Palin aus dem Vollen aller verfügbaren Erinnerungen. Hier sind wir mit an Bord. Frieren, erleben den individuellen Rhythmus aus Wachen, Schlafen, Wachen und Schlafen. Wir geraten in Lebensgefahr und haben am Ende dieser Reise viel zu erzählen. Wir waren dabei.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Der Bruch in der Beschreibung der eigentlichen Expedition zur Durchquerung der Nordwestpassage ist brutal. Hier hören die originalen Dokumente auf. Hier schweigt die Besatzung, hier wird nichts mehr überliefert. Ruhe, weil niemand zurückkehrte, um vom Scheitern zu erzählen. Wir sehen die Porträts der Offiziere, die kurz vor dem Auslaufen aufgenommen wurden. Wir erleben die aufwendige Umrüstung jener Schiffe. Dann wird es dunkel. Als läge nun der Mantel des Schweigens über 135 Menschen und der Reise in den Untergang. Michael Palin erzeugt ungekünstelt eine schaurige Stimmung, in der wir uns auf Sekundärquellen verlassen müssen. Stimmen aus London. Die verzweifelte Lady Jane und ihre Briefe zeigen das Ausmaß der Katastrophe. Wir ahnen, was beiden Schiffen zugestoßen sein muss. Wir begleiten die Suchmannschaften auf Expeditionen zur Rettung der Überlebenden. Wir hören ihre Berichte.

Und wir werden zu Zeugen der mündlichen Überlieferungen der Inuit. Sie sind die wohl letzten Zeugen vom Niedergang der Franklin-Expedition. Sie schreiben nichts auf. Sie erzählen es ihren Nachfahren. Ihnen muss man glauben schenken. Michael Palin erweist der Geschichtserzählung der Ureinwohner die größte Ehre. Sein Buch schließt die Kreise. Aus Spekulation wird Gewissheit und aus Zufallsfunden wird ein Muster. Bis zum Jahr 2010 setzte sich die internationale Suche fort. Was sie zutage fördert, ist im Kontext der Darstellung von Michael Palin nun ein zutiefst persönlicher Akt. Wir stehen persönlich vor den wenigen gefundenen Gräbern. Wir sehen die exhumierten Leichen und finden die Ursachen für ihren Untergang. Gerüchte bestätigen sich, Spekulationen werden ins Reich der Fabel verbannt. Nichts ist hier sachlich. Nichts neutral. Wir haben das Gefühl, dabei gewesen zu sein.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Michael Palin bereist viele Schauplätze seines Berichtes selbst. Er garniert seinen historisch fundierten Bericht mit persönlichen Eindrücken und lässt Emotionen zu. Wir begleiten ihn bis in die Themsemündung und stehen am Anleger, wo Angehörige und auch Lady Jane ihre Männer zum letzten Mal sahen. Wehmut ist Teil dieses Buches. Bei aller Kritik an der Ehefrau des Konteradmirals werden wir jedoch auch zu Zeugen einer niemals enden wollenden Suche. Wir erleben eine Frau, die alles versuchte, den Mann ihres Lebens wiederzufinden. Wir erleben die Frau, die am Ende und im Wissen um das Scheitern, nichts unversucht lässt, die Ehre von John Franklin reinzuwaschen. Sie selbst wird heute noch als Abenteuerin bezeichnet, obwohl sie nie auf See war. Sie war jedoch in jedem Augenblick an Bord der „Erebus“ präsent. 

Wenn ihr ein Buch sucht, mit dem sich das Lesen zelebrieren lässt, dann kann ich „Erebus“ nur empfehlen. Eine große, in dieser Form bisher unerzählte Geschichte von Abenteuer und Scheitern. Aber eben auch eine zutiefst menschliche Geschichte einer großen Tragödie, die bis heute nachwirkt. Reist besser nicht alleine. Die „Erebus“ war auch mit ihrem Schwesterschiff, der „Terror“ unterwegs. Gemeinsam lässt sich dieses Abenteuer leichter überstehen. Gemeinsames Lesen ist das schönste Lesen. Ich habe die Zeit an Bord genossen, bin aber heilfroh, überlebt zu haben. Und doch werde ich es wagen, wieder an Bord zu gehen. Franklin und seine Kameraden auf See gehörten zu den Barrows Boys, einer illustren Gesellschaft aus Offizieren, die statt in den Krieg, in die Welt segelten, um auch noch die letzten unberührten Fleckchen zu entdecken. Von ihnen handelt das gleichnamige Buch aus dem mare Verlag. Es legt bald bei mir an.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Weitere Expeditionen bei AstroLibrium: Von Schiffen, Bergen und Entdeckern.

Klara vergessen von Isabelle Autissier

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

„Klara vergessen“ von Isabelle Autissier

Murmansk. Nördlich des Polarkreises. Schauplatz einer Generationengeschichte aus der Feder der französischen Autorin Isabelle Autissier und regionales Epizentrum einer epischen Erzählung, die zwar nach Russland schmeckt, klingt und sich so anfühlt, jedoch weit größere Kreise zieht, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Es ist die vielbeschworene russische Seele, die den politischen Wechselbädern einer Nation zugrunde liegt, die hier heraufbeschworen wird. Es ist die Mentalität der Menschen, die ihre Heimat unter immer neuen ideologischen Rahmenbedingungen verehren. Isabelle Autissier erzählt eine Geschichte von Identität, Prägung und Vorbestimmung. Es ist die Geschichte einer Familie, die an einem bestimmten Tag durch Verrat in ein Davor und ein Danach zerschnitten wird. Aus der Heimat wird ein Niemandsland. Aus der Familie wird ein Fragment und aus der Zukunft der folgenden Generationen wird ein Vorbehalt, unter dem das Leben anders verläuft, als man es sich gewünscht hätte…

Juri kommt erstmals wieder nach Hause. Das Murmansk seiner Jugend hat sich seit seinem Weggang augenscheinlich verändert. Der Begriff Heimat kommt ihm jedoch nur schwer über die Lippen. Der Ornithologe, der inzwischen in Nordamerika lebt kehrt nur zurück, weil ihn die Nachricht vom baldigen Ableben seines Vaters Rubin erreicht hat. Unversöhnlich war ihr Abschied. Unversöhnlich sind die Erinnerungen an den brutalen und oftmals betrunkenen Kapitän eines Fischtrawlers und unüberwindlich hoch sind die Mauern, die sich zwischen ihnen aufgetürmt haben. Schikane, Leibesertüchtigung und der Wille des Vaters, sein Sohn möge in seine Fußstapfen treten haben Juris Kindheit und Jugend zu einem Martyrium ungeahnten Ausmaßes gemacht. Jetzt, am Sterbebett seines Vaters, erfährt er vom Familiengeheimnis, das alles in neuem Licht erscheinen lässt.

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

Die Zeit läuft. Rubin schickt seinen Sohn auf eine Reise in die Vergangenheit. Ihr Ziel trägt einen Namen: „Klara“. Juris Großmutter und Rubins Mutter. Die aufstrebende Wissenschaftlerin wurde vor über siebzig Jahren im stalinistischen Russland verhaftet. Ihr Verschwinden stellt die feste Größe im Narrativ der Familie dar. Der Grund und ihr Verbleib, ihr Schicksal und die genauen Zusammenhänge sind bis heute ungeklärt. Es ist nun Juris Mission, seinem sterbenden Vater die Fragen zu beantworten, die er sich zeitlebens nicht zu stellen gewagt hat. Viel Zeit bleibt Juri nicht. Ansatzpunkte liegen im Verborgenen. Und doch findet er in einer Anlaufstelle zur Klärung von Vermisstenfällen in der Stalin-Ära erste Ansatzpunkte, denen er folgen kann. Verrat, Haft, Deportation und Gulag. Horrorbegriffe für die tief verletzte russische Seele. 

Isabelle Autissier verknüpft drei Generationen mit diesem Ereignis. Sie erzählt die Geschichte aus den Perspektiven von Rubin, Juri und ergänzt sie durch die Fragmente der Recherchen zu einer längst vergangenen Zeit. Juri setzt das Mosaik durch eigene Erinnerungen, Gespräche mit seinem Vater, alten Freunden der Familie und auf Basis gefundener Unterlagen zu einem verstörenden Bild zusammen. Hierbei ist es sicherlich interessant, diesen Spuren zu folgen und sie in die Ursache-Wirkung-Beziehung setzen zu können. Viel interessanter jedoch ist die Erkenntnis, wie sehr sich die Ereignisse von einst unmittelbar auf das Leben des heutigen Ornithologen ausgewirkt haben.

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

Kein Stein bleibt auf dem anderen. Kein loser Faden eines Lebens bleibt unverknüpft und kein Teil seiner eigenen Vita entzieht sich des Zusammenhangs mit der Verhaftung seiner Großmutter. Hier spannt Isabelle Autissier einen Bogen über die Zeitscheiben in denen Lebensgeschichten von politischen Systemen geprägt, beeinflusst und verändert werden. Hier verdichtet sie einen Erzählraum, der in Ithaka, Nordamerika, verankert ist und den wahrheitssuchenden Juri über seine Geburtsstadt Murmansk hinaus tief in die Polarregionen der einstigen UdSSR führt. Sie kehrt Homers Odyssee um und lässt den Sohn im sicheren Ithaka aufbrechen, um nach dem Rest der Familie zu suchen. Dabei schreibt sie sich in ihren, die Landschaft und ihre Bewohner beschreibenden Kapiteln in eine literarische Hochform eines Leo Tolstoi hinein. Hier atmet die russische Seele und doch trägt sie schwer am Verrat, der ihr durch das eigene Land aufgebürdet wurde.

Was ändert sich im Leben einer Familie, wenn die eigene Mutter und Ehefrau als Verräterin festgenommen wird? Welche Stellschrauben werden hier justiert und sind für die Zukunft als unveränderbar hinzunehmen? Wie verändern sich Einstellungen und Gefühle der Zurückbleibenden? Was wäre anders verlaufen, wenn Klara nicht gewesen wäre. Wessen Schuld ist es, dass sie verraten wurde? Was hat sie verbrochen? Hat sie mit dem Glück ihrer Familie „russisch Roulette“ gespielt? Der Leser weiß nicht mehr, als die Protagonisten des aufwühlenden Romans. Die Spurensuche droht oft im Nichts zu versanden. Dabei bleibt kein einzelner Handlungsfaden ohne Bedeutung und ohne Zusammenhang. Wie wurde aus Rubin der augenscheinlich brutale Vater? Warum nur flieht Juri in eine Welt, in der die Vogelkunde für Freiheit steht? Was steckt hinter den großen Metaphern dieses Romans?

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

Isabelle Autissier lässt keine Frage offen. Wir bereisen an ihrer Seite die Barentsee, um auf dem Fischtrawler 305 die Netze einzuholen. Wir dienen unter dem Kommando von Juris Vater um aus Juris Sicht zu erkennen, warum der Versuch einer Nachfolge in dieser Fischereiflotte zum Scheitern verurteilt war. Wir begleiten sowohl Vater, als auch den Sohn in ihre jeweilige Kindheit und Jugend und erkennen bewegende Muster. Wir erleben aus Juris Sicht eine unglaublich empathisch und zart erzählte Episode, die uns seine Liebe zu einem anderen Jungen verstehen lässt. Wir begegnen der Homophobie des heutigen Russlands mit den Augen des Ornithologen, der sein Leben in Ithaka als alternativlos bezeichnet. Und wir reisen auf der Grundlage gefundener Dokumente an die Orte, die nur Klara mit ihren Augen gesehen hat.

Klara vergessen. Das sollten sie wohl alle. Ihr Verschwinden war Staatsdoktrin. Doch kein Geheimnis währt ewig. Wie Isabelle Autissier die Lebenswege von Klara, Rubin und Juri miteinander verbindet, habe ich als literarisch herausragend und authentisch empfunden. Hier ist nichts konstruiert. Hier basiert das Erlesene auf den Erkenntnissen der heutigen Zeit über den Gulag. Kaum eine russische Familie hat im stalinistischen System keine Opfer zu beklagen gehabt. Selten tauchten Unterlagen wieder auf. Lager bis tief ins vereiste Sibirien schluckten Millionen von Menschen, die dem Regime in die Quere kamen. Oder den Anschein erweckten… Die Geschichte Klaras muss man sich selbst erlesen. Isabelle Autissier wirft mit Klara einen einzigen Stein in einen See und zeigt mit den sich kreisförmig ausdehnenden Wellen, was in der verschleppten Mutter und Ehefrau seinen Ursprung findet.

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

Isabelle Autissier fesselt in ihrem Roman von der ersten bis zur letzten Seite. Sie erzählt uns vom unbekannten Russland. Dem Leben auf hoher See, dem Leben in der Tundra, im Eis und in Murmansk. Sie konfrontiert uns mit der Urbevölkerung im Umfeld des Machtbereichs der Diktatur und zeigt uns die Randgruppen einer Gesellschaft, die doch eigentlich für Gleichheit eintreten wollte. Sie demaskiert Diktatur und Mitläufer in gleichem Maße. Und sie macht vor nichts Halt. Ein wahrhaft großer Roman, der seinen Leser mit den Fragen konfrontiert, die er zuvor nur interessiert aufgenommen hat. Wer hat mein Leben beeinflusst? Wo wurden unsere Weichen gestellt und was würden wir heute herausfinden, wenn wir unseren Blick auf die Vergangenheit richten würden und nach Zusammenhängen suchen wollten? Ein Roman wie ein Echolot. Wir reflektieren seine Signale und finden die Metaphern unseres Lebens.

Es gibt Bücher, die für mich eine tiefe Verbindung zu Klara vergessen eingehen. Ich hatte sie alle in der Hand, als ich durch Murmansk reiste. Keines dieser Bücher hat mich unberührt zurückgelassen. Eine Lesereise durch die russische Seele kann sich in eine Odyssee verwandeln, der man nur gewachsen ist, wenn man sich auf dieses Land und seine Menschen einlässt. Erlesnisreisen mit AstroLibrium… Folgt mir…

Ich war nicht allein bei Klara in Murmansk. Danke Kathleen für Deine inspirierenden Metaphern und einen wärmenden Gedankenaustausch zum Buch in eisiger Umgebung.

Klara vergessen von Isabelle Autissier - AstroLibrium

Klara vergessen von Isabelle Autissier

Klara vergessen von Isabelle Autissier – Mare Verlag. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig – OT: „Oublier Klara“ – gebunden – 304 Seiten – 24 Euro

Die Nordsee von Tom Blass

Die Nordsee von Tom Blass - AstroLibrium

Die Nordsee von Tom Blass

Als der Entschluss feststand, in diesem Jahr das Städtedreieck Amsterdam, Delft und Den Haag in den Mittelpunkt unserer Urlaubsreise zu stellen, begann auch schon die Sichtung meiner literarischen Wegbegleiter. Sehnsuchtsorte und Sehnsuchtsbücher gehen Hand in Hand, wenn die Reisetaschen und Koffer gepackt werden. Museen und Galerien erzählen nicht immer ihre eigene Geschichte. Manchmal ist es ein Roman, der für die Auswahl der Destination verantwortlich ist. Mit dem „Distelfink“ nach Den Haag, „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ nach Delft bringen und das Anne-Frank-Haus in Amsterdam mit dem Buch „Alles über Anne“ besuchen. Entscheidungen, die meine literarische Landkarte schicksalhaft vorbestimmt hatten. So ist das im Lesen.

Und doch drängte sich ein weiteres Buch auf, ohne das man eigentlich gar nicht verreisen darf, wenn man ein Land besucht, das unter dem Meeresspiegel liegt. Mein Eindruck sollte mich nicht trügen, denn schon bei der Ankunft an unserem Ferienhaus standen wir vor einem Deich, der das gesamte kleine Dorf vor dem Wasser beschützte. Sollte er brechen, das war schnell klar, würde es auch nicht reichen, sich aufs Dach zu flüchten. Leben unter dem Meeresspiegel, eine besondere Rahmenbedingung für eine Zeit, die von Entspannung, Kultur und Lebensfreude geprägt sein sollte. „Die Nordsee“ war omnipräsent. Ob direkt am Strand, in Kanälen, Grachten und Wasserwegen, die in der Landschaft tiefe Spuren hinterlassen.

Die Nordsee von Tom Blass - AstroLibrium

Die Nordsee von Tom Blass

Die Nordsee – Landschaften, Menschen und Geschichte einer rauen Küstevon Tom Blass stach aus der Reihe aktueller Neuerscheinungen als Wegbegleiter deutlich heraus. Einen weiteren Reiseführer wollte ich nicht mitnehmen. Ein wissenschaftliches Sachbuch sollte es nicht sein, aber ich wollte mehr über ein Meer erfahren, das im Lauf der Zeit einen Ruf erworben hat, der es rauer, gefährlicher und wilder erscheinen lässt, als es vielleicht wirklich ist. Nein, seichter Badeurlaub mit Bestwettergarantie ist mit der Nordsee nicht drin. Das sieht man deutlich, wenn man sich an unterschiedlichen Stellen der Küste nähert. Besonders bei schlechtem Wetter, wolkenverhangenem Himmel und entsprechender Windstärke zeigt dieses Randmeer, das es sich sehr wohl zu größerem berufen fühlt. Das ist ein Meer. Keine Randerscheinung des Atlantiks. Ein Meer mit der Identität eines Schelfmeeres, das den randlichen Bereich eines Kontinents bedeckt.

Tom Blass erweckt schon auf den ersten Seiten nicht den Eindruck, ein Sachbuch oder eine Meeresreportage verfasst zu haben. In diesem Buch ist Leben drin, es passt sich der Gezeitenlage seines Namensgebers an. Es überflutet mich mit Anekdoten und wasserdichten Geschichten. Es bringt mich den Menschen näher, die im wahrsten Sinn nah am Wasser gebaut haben und es lässt mich in den Phasen der Ebbe im Sediment nach Zeugen der Vergangenheit suchen. Dabei ist das Buch keine Wattwanderung für wasserscheue Landratten. Hier muss man sich schon drauf einstellen, dass einem das Wasser manchmal bis zum Hals steht. Spätestens dann, wenn die Menschen ins Spiel kommen, die von und mit der Nordsee leben.

Die Nordsee von Tom Blass - AstroLibrium

Die Nordsee von Tom Blass

Spannend wird ein solch umfassendes Werk, wenn man es selbst greifen kann. Ich stand mit dem Buch staunend an unserem Deich, betrachtete das Brassemermeer, als Teil der holländischen Seenplatte über dessen weitläufige Wasserarme die Nordsee in greifbare Nähe rückte. Was mir Tom Blass in diesen ruhigen Momenten meines Lesens über Deiche erzählte, hat mich tief beschäftigt und steht noch immer stellvertretend für die von ihm beschriebene komplexe Welt, in der ich mich befand. Fast schon poetisch erklärte er mir die Poesie dieser Polder. Als gäbe es eine Deichhierarchie bezeichnet man die Schutzwälle je nach ihrer Nähe zum Meer mit eigenen Namen. Der wachende Deich ist der wichtigste, der schlafende Deich sichert ihn in der zweiten Reihe ab und ganz zuletzt, wenn alle Dämme brechen, steht der träumende Deich bereit, sich in die Wellen zu werfen. 

Ich freundete mich mit meinem träumenden Deich an. Vertraute ihm. Und las mich an jedem Tag ein wenig tiefer in das wundervolle Buch hinein. Ich habe viel gelernt, bin bestens unterhalten worden und verbinde viele Details mit Ausflügen an die Strände in der näheren Umgebung. Die Magie der alten Seebäder, die Naturbelassenheit einiger menschenleerer Abschnitte und die umtriebige Geschäftigkeit der Hafenstädte zeigten mir viele Facetten eines Meeres, das Lebensader und Lebensgefahr in sich vereint. In den Kapiteln seines Buches lässt Tom Blass die Menschen nicht aus dem Auge, die im Angesicht mit den Nordseewellen lebten, leben und weiterleben werden. Eingriffe in die Natur spielen eine wichtige Rolle in seinem Buch. Der Mensch hat begradigt, dem Meer Land abgewonnen, Wasserwege schiffbar gemacht, Hafenbecken ausgebaggert und in letzter Zeit Windparks mitten im Meer errichtet. Blass stellt Zusammenhänge dar, die mit bloßem Auge nicht sichtbar wären.

Die Nordsee von Tom Blass - AstroLibrium

Die Nordsee von Tom Blass

Bedrohlich wirkt nicht immer nur die Nordsee. Viel bedrohlicher ist der Mensch, der ihre strategisch wichtige Lage zu nutzen sucht. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass kriegerische Auseinandersetzungen immer zur Folge hatten, dass man die Nordsee im schlimmsten Sinne nutzbar machte. Da wurden im Zweiten Weltkrieg Deiche gesprengt um Landstriche zu überfluten und Gegner zu ersäufen. Da wurde mit dem Leben jener Menschen gespielt, die hier nicht mehr auf dem Trockenen saßen und nicht zuletzt hat man auf dem Meer selbst die ein oder andere große Schlacht ausgefochten. Tom Blass arbeitet viele dieser Facetten so intensiv und unterhaltsam heraus, dass es keine Arbeit ist, dieses Buch zu lesen. Es riecht und schmeckt nach Meer. Es hinterlässt auch nach dem Lesen Gezeitentümpel, die nicht mehr austrocknen. Es bringt Kuriositäten zutage, über die man nur kopfschüttelnd schmunzeln kann und lenkt doch den Blick auf mehr.

Kulturelle Vielfalt, wirtschaftliche Abhängigkeiten im Wandel der Zeit und der ganz normale kleine Mann oder die kleine Frau im Hafen machen dieses Buch fast zu einem Standardwerk dieses Meeres. „Die Nordsee“ hat mir ein Bild vermittelt, das auch nach meiner Heimkehr haften geblieben ist. Es macht mich schon neugierig auf neue Reisen in die Länder, die ihre Küste an die Nordsee anlehnen. Es macht mich aber auch wach für aktuelle Nachrichten, wie sich die Region verändert, welche Pläne man hat, wie ein ewiges Gleichgewicht vielleicht doch aus der Bahn geworfen werden kann und was der Mensch seiner Umwelt durch kleine Eingriffe im Großen antun kann. Dem Mare Verlag ist nicht nur inhaltlich ein maritimer Volltreffer gelungen. Das kleine Buchkunstwerk hat einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek und wird sicher erneut mit mir auf Reisen gehen.

Danke an meinen träumenden Deich. Schlaf gut…

Die Nordsee von Tom Blass - AstroLibrium

Die Nordsee von Tom Blass

Noch mehr Meer bei AstroLibrium. Stecht mit mir in die literarische See.

Die Nordsee von Tom Blass - AstroLibrium

Die Nordsee von Tom Blass

„Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Wenn man Leser nach ihren Lieblingsbüchern fragt und wenn man wissen möchte, welcher Klassiker der Literaturgeschichte ihr Leben geprägt hat und welches Buch man unbedingt kennen sollte, dann hört man sehr oft „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson. Der grandiose schottische Autor hat mit Sam Hawkins, Long John Silver oder Billy Bones nicht nur legendäre Charaktere geschaffen, um die er von wohl allen Autoren beneidet wird, ihm gelang auch mit der reinen Geschichte ein großer Wurf ins Herz einer abenteuerlustigen Leserschaft. Auch ich bin bekennender Stevenson-Leser und Liebhaber.

Ich entdeckte mit ihm „Das Licht der Flüsse“, suchte mir ausreichend Platz in einem der beiden Segelkanus Cigarette und Arethusa und ließ mich im Jahr 1876 gemeinsam mit dem noch unbekannten Schriftsteller von Antwerpen bis fast nach Paris treiben. Ich geriet an seiner Seite in Kriegsgefangenschaft und wurde in Edinburgh eingekerkert. In der uneinnehmbaren Festung der Stadt lernte ich den französischen Adeligen „St. Ives“ kennen, gefangen nicht nur in Konflikten zwischen neuer Liebe und ererbtem Reichtum, sondern eben auch Gefangener. Grandios, ihm zur Flucht zu verhelfen. Und zuletzt bin ich recht zwiegespalten einem Mann durchs nächtliche London gefolgt, der als Prototyp einer gespaltenen Persönlichkeit Geschichte schrieb. „Doktor Jekyll und Mister Hyde“ gilt auch heute noch als einer der ganz großen Grusel-Klassiker aus der Feder von R.L. Stevenson.

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Vieles gilt es auch heute noch zu entdecken. Erzählungen und Kurzgeschichten von Stevenson sind oftmals so schmal angelegt, dass sie trotz ihrer literarischen Qualität in eigenständigen Büchern kaum Veröffentlichung finden. Einige seiner Novellen gehören für mich jedoch unabdingbar ins Bücherregal einer Leserschaft, die leidenschaftlich und unaufhörlich auf der Suche nach klassischen Raritäten ist. Der Mare Verlag versucht nun, genau diesen „kleinen“ Großen besonderes Augenmerk zu verleihen. Es sind hier nicht nur die rein inhaltlichen Aspekte, die eine neue Klassiker-Reihe kennzeichnen. Es ist auch das besondere Layout, mit dem sie auf dem Buchmarkt eine literarische Lücke schließen. Es ist das besondere Format, das diese neuen „Kleinen“ auszeichnet. 10 x 16 cm. Das sind die neuen Zaubermaße. Taschenformat. 160 Seiten. Großzügig in der Schriftgröße und dadurch unterwegs hervorragend lesbar und darüber hinaus in einer Ausstattung, die dem Inhalt gerecht wird. Ein bibliophiles Kleinod. Beispiel gefällig?

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Ein hochwertiger Leineneinband mit einem Gemälde von Edward Hopper, ein eher dünner, jedoch augenfälliger Schuber und ein farblich gut abgestimmtes Lesebändchen heben das Buch von der Konkurrenz im Bereich der kleinformatigen Ausgaben deutlich ab. Sie eignen sich hervorragend als Geschenk für Büchersammler, dienen Liebhabern klassischer Literatur als sinnvolle Erweiterung ihrer Bibliotheken um Texte, die bisher in Anthologien zu finden waren. Und nicht zuletzt beinhalten sie ausgesprochen gediegen gestalteten und inhaltlich brillanten Lesestoff. Eine kleine hochwertige Privatsammlung könnte man so entstehen lassen. Neben Stevenson ist bald auch August Strindbergs Der romantische Küster auf Rånö“ erhältlich. Und weitere Titel sind in Planung. Mir jedoch hat es der „Pavillon in den Dünen“ mehr als angetan. Eine frische Novelle, die für Stevenson den literarischen Durchbruch bedeutete.

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

So schrieb zum Beispiel Sir Arthut Conan Doyle:

„… Ich werde mich stets des Vergnügens erinnern, mit welchem ich seine frühen Geschichten im Cornhill Magazine las… Noch heute halte ich den Pavillon in den Dünen für eine der bedeutendsten Kurzgeschichten der Welt!“

1879 als eines seiner frühen Werke entstanden, offenbart die kleine Geschichte viel von dem schlummernden Talent eines Schriftstellers der später durch widersprüchliche Charaktere und facettenreiche Settings zu Weltruhm gelangte. Dabei handelt es sicher nicht um eine Fingerübung, denn die Veröffentlichung im Cornhill Magazine gehörte zu einer der ersten magischen Hürden, die es erfolgreich zu meistern galt, um in Rufweite des literarischen Olymps zu gelangen. Dafür musste er nur einen Pavillon an der rauen Nordseeküste Schottlands erfinden, in dem sich Geheimnisvolles ereignet. Hier beginnt eine maritim angehauchte und stürmisch, tragische Liebesgeschichte zugleich, in deren Verlauf selbst eine als Kurzgeschichte angelegte Novelle richtig Fahrt aufnimmt.

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Worum es in der Novelle geht? Ganz einfach. Um den ältesten aller Konflikte, den ein Mann mit sich selbst auszumachen hat. Es geht um die Entscheidung, ob man sein hart erkämpftes autonomes Leben weiterführt, oder ob es ein moralisches Niveau gibt, dem man selbstlos alles unterordnet, was man bisher erreicht hat. Frank Cassilis hat alles, was er braucht. Ein entspanntes Vagabundenleben treibt ihn durch die Lande und um das liebe Geld muss er sich keine Sorgen machen. Ein akademischer Lonesome-Rider. Alles endet am Pavillon, einem abgelegenen Landhaus auf den Dünen im schottischen Graden Easter. Hier trifft er auf die junge Clara Huddlestone, die ihren betrügerischen Vater durch das Ja-Wort mit seinem Komplizen freikaufen soll. Nur über die Leiche von Cassilis. Das beschließt er, nachdem er sich in das Mädchen verliebt hat und steht ihr und ihrem Vater gegen die anstürmenden Geldeintreiber bei. Hier wird der Pavillon zur Festung und der Vagabund zum Beschützer einer jungen Frau in Not.

Überraschend endet die Geschichte nicht. Vorhersehbar ist vieles. Allein schon, weil der aufrechte Akademiker Cassilis in der Rückschau auf die Ereignisse von seiner Frau Clara redet. So liegt schon in der Struktur der Novelle ihr Reiz verborgen. Obwohl man weiß, dass Clara und Cassilis zusammenfinden, muss man einfach weiterlesen, wie es passiert ist. Romantik, Mut, Kampf, Verlust und Loyalität sind die Parameter, an denen sich die Charaktere messen lassen müssen. Und dies vor dem maritimen, urwüchsigen Hintergrund der schottischen Landschaft an der Nordseeküste. Stevenson holt nicht zu weit aus. Er kommt auf den Punkt und erzählt extrem strukturiert. „Der Pavillon in den Dünen“ ist sicher kein Jahrhundertwerk, aber es ist der Fingerzeig des Talents, das im späteren Schreiben zur Legende wurde. Und lesenswert ist diese Novelle allemal. Hier gehen der Inhalt und das Buchdesign Hand in Hand mit uns ins Feuer. Denn, genauso wie die Liebe, entbrennt hier der Pavillon. Was für ein schönes Bild. Was für ein feines, kleines, edles Buch. Und was für ein gelungenes Nachwort aus der Feder von Lucien Deprijck. Ihm gelingt es, dieses kleine Werk in den Kontext des Lebens von Stevenson einzubetten und Verbindungslinien zwischen der fiktionalen Clara Huddlestone und der Frau zu ziehen, in die Stevenson selbst unsterblich verliebt war. Fanny Osbourne, die zukünftige Mrs. Stevenson. Bewegend.

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Ich berichte weiter, was in der Klassiker-Reihe des Mare Verlages auf uns zukommt. Fanny Stevenson schrieb sich ihre Liebe im Tagebuch „Südseejahre“ von der Seele. Es juckt mich gerade in den Fingern, ihr lesend zu folgen. Wer weiß, wohin mich meine bibliophile Neugier noch treibt…

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson