Die Nordsee von Tom Blass

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Die Nordsee von Tom Blass

Als der Entschluss feststand, in diesem Jahr das Städtedreieck Amsterdam, Delft und Den Haag in den Mittelpunkt unserer Urlaubsreise zu stellen, begann auch schon die Sichtung meiner literarischen Wegbegleiter. Sehnsuchtsorte und Sehnsuchtsbücher gehen Hand in Hand, wenn die Reisetaschen und Koffer gepackt werden. Museen und Galerien erzählen nicht immer ihre eigene Geschichte. Manchmal ist es ein Roman, der für die Auswahl der Destination verantwortlich ist. Mit dem „Distelfink“ nach Den Haag, „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ nach Delft bringen und das Anne-Frank-Haus in Amsterdam mit dem Buch „Alles über Anne“ besuchen. Entscheidungen, die meine literarische Landkarte schicksalhaft vorbestimmt hatten. So ist das im Lesen.

Und doch drängte sich ein weiteres Buch auf, ohne das man eigentlich gar nicht verreisen darf, wenn man ein Land besucht, das unter dem Meeresspiegel liegt. Mein Eindruck sollte mich nicht trügen, denn schon bei der Ankunft an unserem Ferienhaus standen wir vor einem Deich, der das gesamte kleine Dorf vor dem Wasser beschützte. Sollte er brechen, das war schnell klar, würde es auch nicht reichen, sich aufs Dach zu flüchten. Leben unter dem Meeresspiegel, eine besondere Rahmenbedingung für eine Zeit, die von Entspannung, Kultur und Lebensfreude geprägt sein sollte. „Die Nordsee“ war omnipräsent. Ob direkt am Strand, in Kanälen, Grachten und Wasserwegen, die in der Landschaft tiefe Spuren hinterlassen.

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Die Nordsee von Tom Blass

Die Nordsee – Landschaften, Menschen und Geschichte einer rauen Küstevon Tom Blass stach aus der Reihe aktueller Neuerscheinungen als Wegbegleiter deutlich heraus. Einen weiteren Reiseführer wollte ich nicht mitnehmen. Ein wissenschaftliches Sachbuch sollte es nicht sein, aber ich wollte mehr über ein Meer erfahren, das im Lauf der Zeit einen Ruf erworben hat, der es rauer, gefährlicher und wilder erscheinen lässt, als es vielleicht wirklich ist. Nein, seichter Badeurlaub mit Bestwettergarantie ist mit der Nordsee nicht drin. Das sieht man deutlich, wenn man sich an unterschiedlichen Stellen der Küste nähert. Besonders bei schlechtem Wetter, wolkenverhangenem Himmel und entsprechender Windstärke zeigt dieses Randmeer, das es sich sehr wohl zu größerem berufen fühlt. Das ist ein Meer. Keine Randerscheinung des Atlantiks. Ein Meer mit der Identität eines Schelfmeeres, das den randlichen Bereich eines Kontinents bedeckt.

Tom Blass erweckt schon auf den ersten Seiten nicht den Eindruck, ein Sachbuch oder eine Meeresreportage verfasst zu haben. In diesem Buch ist Leben drin, es passt sich der Gezeitenlage seines Namensgebers an. Es überflutet mich mit Anekdoten und wasserdichten Geschichten. Es bringt mich den Menschen näher, die im wahrsten Sinn nah am Wasser gebaut haben und es lässt mich in den Phasen der Ebbe im Sediment nach Zeugen der Vergangenheit suchen. Dabei ist das Buch keine Wattwanderung für wasserscheue Landratten. Hier muss man sich schon drauf einstellen, dass einem das Wasser manchmal bis zum Hals steht. Spätestens dann, wenn die Menschen ins Spiel kommen, die von und mit der Nordsee leben.

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Spannend wird ein solch umfassendes Werk, wenn man es selbst greifen kann. Ich stand mit dem Buch staunend an unserem Deich, betrachtete das Brassemermeer, als Teil der holländischen Seenplatte über dessen weitläufige Wasserarme die Nordsee in greifbare Nähe rückte. Was mir Tom Blass in diesen ruhigen Momenten meines Lesens über Deiche erzählte, hat mich tief beschäftigt und steht noch immer stellvertretend für die von ihm beschriebene komplexe Welt, in der ich mich befand. Fast schon poetisch erklärte er mir die Poesie dieser Polder. Als gäbe es eine Deichhierarchie bezeichnet man die Schutzwälle je nach ihrer Nähe zum Meer mit eigenen Namen. Der wachende Deich ist der wichtigste, der schlafende Deich sichert ihn in der zweiten Reihe ab und ganz zuletzt, wenn alle Dämme brechen, steht der träumende Deich bereit, sich in die Wellen zu werfen. 

Ich freundete mich mit meinem träumenden Deich an. Vertraute ihm. Und las mich an jedem Tag ein wenig tiefer in das wundervolle Buch hinein. Ich habe viel gelernt, bin bestens unterhalten worden und verbinde viele Details mit Ausflügen an die Strände in der näheren Umgebung. Die Magie der alten Seebäder, die Naturbelassenheit einiger menschenleerer Abschnitte und die umtriebige Geschäftigkeit der Hafenstädte zeigten mir viele Facetten eines Meeres, das Lebensader und Lebensgefahr in sich vereint. In den Kapiteln seines Buches lässt Tom Blass die Menschen nicht aus dem Auge, die im Angesicht mit den Nordseewellen lebten, leben und weiterleben werden. Eingriffe in die Natur spielen eine wichtige Rolle in seinem Buch. Der Mensch hat begradigt, dem Meer Land abgewonnen, Wasserwege schiffbar gemacht, Hafenbecken ausgebaggert und in letzter Zeit Windparks mitten im Meer errichtet. Blass stellt Zusammenhänge dar, die mit bloßem Auge nicht sichtbar wären.

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Bedrohlich wirkt nicht immer nur die Nordsee. Viel bedrohlicher ist der Mensch, der ihre strategisch wichtige Lage zu nutzen sucht. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass kriegerische Auseinandersetzungen immer zur Folge hatten, dass man die Nordsee im schlimmsten Sinne nutzbar machte. Da wurden im Zweiten Weltkrieg Deiche gesprengt um Landstriche zu überfluten und Gegner zu ersäufen. Da wurde mit dem Leben jener Menschen gespielt, die hier nicht mehr auf dem Trockenen saßen und nicht zuletzt hat man auf dem Meer selbst die ein oder andere große Schlacht ausgefochten. Tom Blass arbeitet viele dieser Facetten so intensiv und unterhaltsam heraus, dass es keine Arbeit ist, dieses Buch zu lesen. Es riecht und schmeckt nach Meer. Es hinterlässt auch nach dem Lesen Gezeitentümpel, die nicht mehr austrocknen. Es bringt Kuriositäten zutage, über die man nur kopfschüttelnd schmunzeln kann und lenkt doch den Blick auf mehr.

Kulturelle Vielfalt, wirtschaftliche Abhängigkeiten im Wandel der Zeit und der ganz normale kleine Mann oder die kleine Frau im Hafen machen dieses Buch fast zu einem Standardwerk dieses Meeres. „Die Nordsee“ hat mir ein Bild vermittelt, das auch nach meiner Heimkehr haften geblieben ist. Es macht mich schon neugierig auf neue Reisen in die Länder, die ihre Küste an die Nordsee anlehnen. Es macht mich aber auch wach für aktuelle Nachrichten, wie sich die Region verändert, welche Pläne man hat, wie ein ewiges Gleichgewicht vielleicht doch aus der Bahn geworfen werden kann und was der Mensch seiner Umwelt durch kleine Eingriffe im Großen antun kann. Dem Mare Verlag ist nicht nur inhaltlich ein maritimer Volltreffer gelungen. Das kleine Buchkunstwerk hat einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek und wird sicher erneut mit mir auf Reisen gehen.

Danke an meinen träumenden Deich. Schlaf gut…

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Die Nordsee von Tom Blass

Noch mehr Meer bei AstroLibrium. Stecht mit mir in die literarische See.

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„Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Wenn man Leser nach ihren Lieblingsbüchern fragt und wenn man wissen möchte, welcher Klassiker der Literaturgeschichte ihr Leben geprägt hat und welches Buch man unbedingt kennen sollte, dann hört man sehr oft „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson. Der grandiose schottische Autor hat mit Sam Hawkins, Long John Silver oder Billy Bones nicht nur legendäre Charaktere geschaffen, um die er von wohl allen Autoren beneidet wird, ihm gelang auch mit der reinen Geschichte ein großer Wurf ins Herz einer abenteuerlustigen Leserschaft. Auch ich bin bekennender Stevenson-Leser und Liebhaber.

Ich entdeckte mit ihm „Das Licht der Flüsse“, suchte mir ausreichend Platz in einem der beiden Segelkanus Cigarette und Arethusa und ließ mich im Jahr 1876 gemeinsam mit dem noch unbekannten Schriftsteller von Antwerpen bis fast nach Paris treiben. Ich geriet an seiner Seite in Kriegsgefangenschaft und wurde in Edinburgh eingekerkert. In der uneinnehmbaren Festung der Stadt lernte ich den französischen Adeligen „St. Ives“ kennen, gefangen nicht nur in Konflikten zwischen neuer Liebe und ererbtem Reichtum, sondern eben auch Gefangener. Grandios, ihm zur Flucht zu verhelfen. Und zuletzt bin ich recht zwiegespalten einem Mann durchs nächtliche London gefolgt, der als Prototyp einer gespaltenen Persönlichkeit Geschichte schrieb. „Doktor Jekyll und Mister Hyde“ gilt auch heute noch als einer der ganz großen Grusel-Klassiker aus der Feder von R.L. Stevenson.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Vieles gilt es auch heute noch zu entdecken. Erzählungen und Kurzgeschichten von Stevenson sind oftmals so schmal angelegt, dass sie trotz ihrer literarischen Qualität in eigenständigen Büchern kaum Veröffentlichung finden. Einige seiner Novellen gehören für mich jedoch unabdingbar ins Bücherregal einer Leserschaft, die leidenschaftlich und unaufhörlich auf der Suche nach klassischen Raritäten ist. Der Mare Verlag versucht nun, genau diesen „kleinen“ Großen besonderes Augenmerk zu verleihen. Es sind hier nicht nur die rein inhaltlichen Aspekte, die eine neue Klassiker-Reihe kennzeichnen. Es ist auch das besondere Layout, mit dem sie auf dem Buchmarkt eine literarische Lücke schließen. Es ist das besondere Format, das diese neuen „Kleinen“ auszeichnet. 10 x 16 cm. Das sind die neuen Zaubermaße. Taschenformat. 160 Seiten. Großzügig in der Schriftgröße und dadurch unterwegs hervorragend lesbar und darüber hinaus in einer Ausstattung, die dem Inhalt gerecht wird. Ein bibliophiles Kleinod. Beispiel gefällig?

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Ein hochwertiger Leineneinband mit einem Gemälde von Edward Hopper, ein eher dünner, jedoch augenfälliger Schuber und ein farblich gut abgestimmtes Lesebändchen heben das Buch von der Konkurrenz im Bereich der kleinformatigen Ausgaben deutlich ab. Sie eignen sich hervorragend als Geschenk für Büchersammler, dienen Liebhabern klassischer Literatur als sinnvolle Erweiterung ihrer Bibliotheken um Texte, die bisher in Anthologien zu finden waren. Und nicht zuletzt beinhalten sie ausgesprochen gediegen gestalteten und inhaltlich brillanten Lesestoff. Eine kleine hochwertige Privatsammlung könnte man so entstehen lassen. Neben Stevenson ist bald auch August Strindbergs Der romantische Küster auf Rånö“ erhältlich. Und weitere Titel sind in Planung. Mir jedoch hat es der „Pavillon in den Dünen“ mehr als angetan. Eine frische Novelle, die für Stevenson den literarischen Durchbruch bedeutete.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

So schrieb zum Beispiel Sir Arthut Conan Doyle:

„… Ich werde mich stets des Vergnügens erinnern, mit welchem ich seine frühen Geschichten im Cornhill Magazine las… Noch heute halte ich den Pavillon in den Dünen für eine der bedeutendsten Kurzgeschichten der Welt!“

1879 als eines seiner frühen Werke entstanden, offenbart die kleine Geschichte viel von dem schlummernden Talent eines Schriftstellers der später durch widersprüchliche Charaktere und facettenreiche Settings zu Weltruhm gelangte. Dabei handelt es sicher nicht um eine Fingerübung, denn die Veröffentlichung im Cornhill Magazine gehörte zu einer der ersten magischen Hürden, die es erfolgreich zu meistern galt, um in Rufweite des literarischen Olymps zu gelangen. Dafür musste er nur einen Pavillon an der rauen Nordseeküste Schottlands erfinden, in dem sich Geheimnisvolles ereignet. Hier beginnt eine maritim angehauchte und stürmisch, tragische Liebesgeschichte zugleich, in deren Verlauf selbst eine als Kurzgeschichte angelegte Novelle richtig Fahrt aufnimmt.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Worum es in der Novelle geht? Ganz einfach. Um den ältesten aller Konflikte, den ein Mann mit sich selbst auszumachen hat. Es geht um die Entscheidung, ob man sein hart erkämpftes autonomes Leben weiterführt, oder ob es ein moralisches Niveau gibt, dem man selbstlos alles unterordnet, was man bisher erreicht hat. Frank Cassilis hat alles, was er braucht. Ein entspanntes Vagabundenleben treibt ihn durch die Lande und um das liebe Geld muss er sich keine Sorgen machen. Ein akademischer Lonesome-Rider. Alles endet am Pavillon, einem abgelegenen Landhaus auf den Dünen im schottischen Graden Easter. Hier trifft er auf die junge Clara Huddlestone, die ihren betrügerischen Vater durch das Ja-Wort mit seinem Komplizen freikaufen soll. Nur über die Leiche von Cassilis. Das beschließt er, nachdem er sich in das Mädchen verliebt hat und steht ihr und ihrem Vater gegen die anstürmenden Geldeintreiber bei. Hier wird der Pavillon zur Festung und der Vagabund zum Beschützer einer jungen Frau in Not.

Überraschend endet die Geschichte nicht. Vorhersehbar ist vieles. Allein schon, weil der aufrechte Akademiker Cassilis in der Rückschau auf die Ereignisse von seiner Frau Clara redet. So liegt schon in der Struktur der Novelle ihr Reiz verborgen. Obwohl man weiß, dass Clara und Cassilis zusammenfinden, muss man einfach weiterlesen, wie es passiert ist. Romantik, Mut, Kampf, Verlust und Loyalität sind die Parameter, an denen sich die Charaktere messen lassen müssen. Und dies vor dem maritimen, urwüchsigen Hintergrund der schottischen Landschaft an der Nordseeküste. Stevenson holt nicht zu weit aus. Er kommt auf den Punkt und erzählt extrem strukturiert. „Der Pavillon in den Dünen“ ist sicher kein Jahrhundertwerk, aber es ist der Fingerzeig des Talents, das im späteren Schreiben zur Legende wurde. Und lesenswert ist diese Novelle allemal. Hier gehen der Inhalt und das Buchdesign Hand in Hand mit uns ins Feuer. Denn, genauso wie die Liebe, entbrennt hier der Pavillon. Was für ein schönes Bild. Was für ein feines, kleines, edles Buch. Und was für ein gelungenes Nachwort aus der Feder von Lucien Deprijck. Ihm gelingt es, dieses kleine Werk in den Kontext des Lebens von Stevenson einzubetten und Verbindungslinien zwischen der fiktionalen Clara Huddlestone und der Frau zu ziehen, in die Stevenson selbst unsterblich verliebt war. Fanny Osbourne, die zukünftige Mrs. Stevenson. Bewegend.

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Ich berichte weiter, was in der Klassiker-Reihe des Mare Verlages auf uns zukommt. Fanny Stevenson schrieb sich ihre Liebe im Tagebuch „Südseejahre“ von der Seele. Es juckt mich gerade in den Fingern, ihr lesend zu folgen. Wer weiß, wohin mich meine bibliophile Neugier noch treibt…

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„Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss – AstroLibrium

Oh ja, es ist durchaus möglich, Bücher völlig neutral vorzustellen. Persönliches auszublenden und sie quasi aus Sicht der breiten Leserschaft auf Herz und Nieren zu prüfen. Bloß keine Gefühle zeigen. Immer schön abstrakt bleiben und sich selbst ganz aus der Schusslinie nehmen. Ich kann das nicht. Ich bin nicht das Feuilleton und bin in meiner Rolle als Blogger in einer anderen Position. Mein Blog ist das Tagebuch meines Lesens. Ihm vertraue ich Privates und Persönliches an. Ich öffne mich und erzähle von meiner Geschichte, die mich dazu treibt, ein bestimmtes Buch zu lesen. Ich mache mir mein Lesen und Rezensieren nicht leicht. Es ist diese persönliche Note, die ich einfach nicht unterschlagen kann. So auch heute.

Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss ist für mich ein literarischer Flashback in das Jahr 2013. Ein Jahr, in dem unser Leben unter Vorbehalt gestellt wurde, das mich und meine Familie in den Grundfesten erschütterte und uns monatelang aus der Bahn warf. Intensivstation, künstliches Koma, 12-stündige Operationen, Ungewissheit, unerwartete Komplikationen und eine lange Rehabilitation. Begriffe, die ich mit dieser Zeit verbinde in der unsere Tochter im Alter von 14 Jahren aus der Bahn geworfen wurde. Heute erst bin ich in der Lage darüber zu schreiben. Heute kann ich sogar wieder Bücher lesen, in denen es im weitesten Sinn um väterliche Verlustängste und die schwere Erkrankung von Kindern geht. „Gezeitenwechsel“ hätte ich noch im letzten Jahr verweigert. Angst frisst manchmal die Seele auf. Ich hätte mich nicht getraut. Es wäre zu nah an meinem Leben gewesen.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Es ist etwas passiert. Diese Worte verursachen heillose Panik bei Eltern. Worte, die in der Lage sind, das beschauliche und normale Leben vollkommen aus den Angeln zu heben. Sie bezeichnen den Moment, in dem das Leben auf brutale Art und Weise in zwei Zeitscheiben zerteilt wird. Die Zeit vor dieser Aussage und die Zeit danach. Worte, vor denen ich mich heute noch fürchte, weil sie alles verändern. Ohne Vorwarnung. So geht es auch den Eltern der 15-jährigen Miriam Goldschmidt. Es ist ein einziger Anruf mit dem alles ins Wanken gerät. Herzstillstand. Atemstillstand. Reanimation. Gerettet. In letzter Sekunde. Aber. Dieses Aber frisst sich fest, weil man in der Klinik nicht in der Lage ist, eine Ursache zu diagnostizieren. Dieses Aber bedeutet, dass Miriam fortan in jeder unbeobachteten Sekunde ihres so jungen Lebens sterben kann. Ein Herzstillstand ist jederzeit möglich.

Es ist der Vater des Mädchens, der zuerst den Boden unter den Füßen verliert. Er, der Hausmann und erster Ansprechpartner seiner beiden Töchter, verfällt in eine totale Angstpsychose, die von Hilflosigkeit und Ohnmacht geprägt ist. Wie soll und kann man so weiterleben. Was kann er seiner Tochter erlauben, wenn sie wieder zuhause ist und wie intensiv kann man ihr Leben überwachen, um bei ihr zu sein, wenn ihr Organismus erneut versagt? Adam Goldschmidt begibt sich auf die schmale Gratwanderung, seine beiden Mädchen als Vater zu sehr zu bemuttern. Wenn alles genetisch bedingt ist, hat auch das Leben des Nesthäkchens Rose gerade einen Warnschuss kassiert.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Emma Goldschmidt, Ärztin und Ernährerin der Familie, hingegen schlüpft eher in die rationale Rolle. Sie wird vom Job aufgefressen, und wo noch ein wenig Freiraum bleibt, flieht sie zu ihren Patienten, weil eine schwerkranke eigene Tochter für sie nicht verkraftbar ist. Rollenbilder haben in Gezeitenwechsel keinen Bestand. Fragen, wie es weitergehen kann, dominieren das Leben. Perspektivwechsel zwischen Klinik und dem normalen Leben erweitern den geschlossenen Erzählraum um eine Dimension, die wir nur zu intensiv selbst erlebt haben. Draußen geht für alle das normale Leben weiter, in der Klinik jedoch steht die Zeit still. Der „Gezeitenwechsel“ kommt zum Stillstand. Ebbe bleibt Ebbe. Die Flut hat sie hierhin gespült und zurückgelassen.

Sarah Moss löst den Mikrokosmos Familie im Makrokosmos Schicksal auf. Es ist die Urangst von Eltern, den Tod der eigenen Kinder miterleben zu müssen, die sich im Herzen dieses Romans immer mehr ausbreitet. Eine zerstörerische Angst, die zermürbt und aufreibt. Eine Angst, die in der Lage ist, feste Beziehungen zu sprengen und jeden Stein umzudrehen, der bisher ganz ruhig an seinem Platz im Familienpuzzle lag. Mitten in diesem Mahlstrom kämpft die lebenslustige, widerspenstige und agile Miriam um den letzten Rest von Normalität. Schule, Freunde, das normale Leben stehen für sie auf der Kippe. Sie verweigert sich dem goldenen Käfig der Dauerüberwachung, während ihren Eltern die Angst über den Kopf wächst. Oh, wie nah geht mir dieses Bild.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Wenn Sarah Moss über Ängste oder Verlustgefühle schreibt, dann bemüht sie kein Klischee und keine literarische Plattitüde. Sie erzeugt Bilder von realer Brutalität, die in uns selbst kleine Wunder bewirken. Sie schrecken nicht ab. Sie werden endlich greifbar und verschaffen sich Raum. Sie kommen aus der Ecke heraus, in die man sie so gerne verdrängen würde. Und genau in diesem Verdrängungsprozess besteht die Gefahr des Kontrollverlustes. Ich sah mich selbst wieder am Krankenbett meiner Tochter. Ich habe die schlaflosen Nächte an der Seite eines Mädchens vor Augen, das sich im Koma ins Leben zurück schlief. Ich sehe plötzlich wieder die paradoxe Welt vor mir, das Draußen, in dem alles völlig normal weiterging, was uns damals unwirklich erschien. Sarah Moss hat mit ihrem Roman eine Grenze überschritten, die ich für geschlossen hielt. Und das nicht nur durch die präzise Charakterzeichnung ihrer Protagonisten, sondern auch, weil sie eine Flucht ermöglicht, ohne die man in einer solchen Situation nicht leben kann.

Sie öffnet uns die Tür zur Kathedrale in Coventry. Sie erweitert die Dimension ihres Romans um eine metaphorische Ebene, die heilsame Kräfte hat. Sie lässt Adam in ein Projekt entfliehen, das ihn vielleicht retten kann. Er recherchiert die Geschichte dieser Kathedrale. Seiner verpassten akademischen Karriere ein wenig nachtrauernd, geht er der Vergangenheit auf den Grund. Hier wird die Kathedrale zum Synonym des eigenen Lebens. Ohne Vorwarnung im Zweiten Weltkrieg bis auf die Grundfesten zerbombt, neu errichtet auf ihren Ruinen, völlig losgelöst vom ursprünglichen Baustil neu gedacht und neu gelebt Er taucht in eine Geschichte ein, die der seiner Familie zu gleichen scheint. Ein Erzählstrang, der eine besondere Dynamik an den Tag legt. Ein Perspektivwechsel, der dem Roman eine besondere Note verleiht.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Unvorhersehbares wird zur Herausforderung. Und oftmals erkennt man erst im Chaos, wie gefährlich der Stillstand war, in dem man sich so sicher fühlte. Sarah Moss lässt in „Gezeitenwechsel“ keinen Stein auf dem anderen. Sie lässt Konflikte zu, die jeder gerne vermeiden würde. Sie hinterfragt den Lebensentwurf einer Familie und zerstört ganz bewusst jede Grundlage für ein komfortables künftiges Miteinander. Jede Nuance dieses Romans ist relevant. Kein Handlungsstrang ist hier nur Beiwerk. So, wie es in jeder Familie Triggerpunkte in der Vergangenheit gibt, die in der Zukunft Auslöser von Ereignissen werden, so ist in diesem Roman jedes Detail für das tiefe Verständnis der Zusammenhänge relevant. Und wenn man denkt, die Elternängste könnten deutlich übertrieben sein, hält Sarah Moss den Atem an. Nicht ihren. Das sei verraten.

Sie ist heute gesund! Unsere Tochter. Und doch bleibt ein Spurenelement von Angst. Es bleibt, was auch im Roman beschrieben wird. Das Gefühl von Sicherheit, sich in der Nähe einer Klinik aufzuhalten, auch wenn man im Urlaub ist. Das Streben nach Schutz in jedem Bereich des Lebens und die Tendenz, nur schwer loslassen zu können. Es hat mir persönlich sehr gut getan, diese Gedanken, so aberwitzig und psychotisch sie auch klingen mögen, im „Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss wiederzufinden. Man fühlt sich weniger allein, wenn man diesen Roman gelesen hat. Man darf sogar einen Gedanken wagen, den man ebenfalls weit in den Hintergrund verdrängt. Habe ich im Umgang mit meinem Sohn damals alles richtig gemacht? Was musste er für sich alleine regeln, weil der Tunnelblick der Eltern ausschließlich auf seine Schwester fokussiert war? Ein Buch, dem ich nicht nur diese Denkansätze verdanke. Ich wurde bestätigt in meinen eigenen Fluchtpunkten, die wie ein Freiheitskampf wirken müssen. Was für Adam Goldschmidt die Kathedrale von Coventry ist, hat mir die Literatur gegeben. Fluchtpunkt des Lebens.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss

PS: Diesen Roman neutral vorzustellen, mich selbst auszublenden und Lesern nur den Inhalt ans Herz zu legen, genau dies wollte ich versuchen. Ob ich es geschafft habe, ist im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe (er)lesen I. Quartal 2019“ zu sehen. Selten zuvor habe ich so intensiv nach einer Sichtweise gesucht, die nicht von meinem eigenen Leben überlagert wird. Dass es mir vielleicht gelungen ist, verdanke ich Sarah Moss.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe

Gezeitenwechsel von Sarah Moss im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe

PPS: Was Dresden und Coventry über die radikale Bombardierung hinaus verbindet? Der Chor der Überlebenden. Für mich eines der bedeutendsten Versöhnungssymbole unserer Zeit.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss – Ein Geschenk aus Dresden

„Nordwasser“ von Ian McGuire – Moby Dick 2.0

Nordwasser von Ian McGuire

Ich habe lesend schon auf so manchem Seelenverkäufer angeheuert. Ich war Teil der Besatzung an Bord von Kriegsgaleonen, Walfangschiffen und Expeditionskreuzern. Ich habe gelernt, in die Wanten zu gehen, im Orlopdeck zu schlafen, Rettungsboote im richtigen Moment abzufieren und Kanonen bei hohem Seegang zielgerecht abzufeuern. Ich habe es mit Kapitänen zu tun gehabt, die all ihre Neurosen an mir ausgelassen und mich an den Rand der Meuterei gebracht haben. Einige haben mit ihrem Orgelspiel die ganze Mannschaft um den Verstand gebracht und andere schlugen Dublonen in einen Mast, um dem weißen Schreckgespenst der Meere nachzujagen. Nemo, Ahab, Drake, um nur einige von denen zu nennen, unter deren Kommando ich stand. Ich dachte, ich sei gewappnet für meine nächste Seereise. Ich dachte, ich hätte bereits alles erlebt.

Diese Rezension kann man auf Literatur Radio Bayern hören… Oder weiterlesen.

Diese Rezension kann man auf Literatur Radio Bayern hören

Weit gefehlt. Da schippert man auf den Weltmeeren umher, sieht Schiffe kommen und gehen, überlebt selbst die aberwitzigsten Situationen und lernt, selbst mit Kapitänen zu leben, die vom Pech verfolgt sind und absolut jedes Schiff auf Grund setzen. Ich dachte genügend gesponnenes Seemannsgarn entwirrt zu haben, um an Bord der Volunteer überleben zu können. Um es mit Elias zu sagen, der bereits einen gewissen Ismael vor der Fahrt mit der Pequod unter dem Kommando von Kapitän Ahab gewarnt hat: Nehmt Abstand von der Volunteer, wenn ihr sie im Hafen seht. Geht nicht an Bord. Heuert auf keinen Fall an, nehmt eure Beine in die Hand und rettet euch, bevor es zu spät ist. Eine Fahrt auf diesem Walfangschiff kann euch das Leben kosten. Ich weiß, wovon ich rede. Wenn ihr mir nicht glaubt, dann vertraut auf Ian McGuire. Lest das Logbuch der letzten Fahrt dieses Schiffes. Folgt ihm auf das Nordwasser und sagt später nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Nordwasser von Ian McGuire

Wir befinden uns in der Mitte des 19. Jahrhunderts im englischen Seehafen Hull. Der traditionelle Walfang ist im Niedergang begriffen. Einerseits wurden die Weltmeere von zahllosen Walfangflotten leergefischt und andererseits beeinträchtigen Erdölfunde den Absatz von Tran als Schmiermittel und Lampenbrennstoff. Umso verwunderlicher mutet es an, dass gerade ein Schiff für eine große Walfangexpedition ausgerüstet wird. Die „Volunteer“ liegt bereits im Hafen, die Mannschaft wird angeheuert und das Schiff wird beladen. Es werden Harpuniere, Schiffsjungen, Zimmerleute, Maate und Matrosen benötigt. Einen Kapitän hat der Schiffseigner Baxter bereits gefunden. Brownlee haftet jedoch der Makel an, vom Pech verfolgt zu sein. Katastrophen pflastern seinen Weg.

Und doch vertraut man gerade ihm die Volunteer an. Und wie überall in den großen Hafenstädten dieser Zeit tummeln sich undurchsichtige Gestalten, die auf einem Schiff anheuern wollen. Gründe gibt es viele. Die Suche nach Reichtum, der Wunsch einfach mal eine Zeitlang unterzutauchen, oder die Sehnsucht nach der Weite des Meeres. So setzt sich auch die Mannschaft der Volunteer zusammen. Heterogen, könnte man fast sagen. Als katastrophal müsste man es bezeichnen, wenn man ehrlich ist. Denn neben dem vom Seepech geplagten Kapitän gehen ein perverserer Serienmörder und ein Arzt an Bord, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. Henry Drax ist eine tickende Zeitbombe mit brutalsten Neigungen und Patrick Sumner therapiert sein Versagen auf dem indischen Kontinent, indem er der beste Kunde der eigenen Medikamente ist. Sie sind beide gleichermaßen süchtig. Gemeingefährlich ist nur Drax.

Nordwasser von Ian McGuire

Ian McGuire pfercht uns im Erzählraum Volunteer ein. Sie wird unser Schicksal und die Mission des Schiffes mündet in die Katastrophe. Spätestens als ein Schiffsjunge an Bord mehrfach vergewaltigt und auf bestialischste Art und Weise ermordet wird, wird es richtig eng auf der Volunteer. Jeder gegen jeden, so könnte man sagen und mittendrin ein Arzt, der als einziger einen kühlen Kopf bewahrt und dem Täter auf die Spur kommt. Hier schreibt uns der Autor in ein Hybridszenario aus Moby Dick und Das Schweigen der Lämmer hinein. Das Wagnis Walfang scheint ihm nicht zu genügen. Ian McGuire macht aus diesem Schiff ein schwimmendes rechtsmedizinisches Inferno. Man braucht gute Nerven, um angesichts der Taten bei Leseverstand zu bleiben. Hier geht es brutal und heftig zu. So behandelt man nicht Mal die gejagten Wale. Ehre ist ein Fremdwort.

Um dem gesamten Szenario die Spannungskrone aufzusetzen mischt Ian McGuire einige weitere eisige Zutaten in diese Mischung aus Abenteuerroman und Thriller. Das Nordwasser als Schauplatz der verwegenen Fahrt der Volunteer mutiert zum Szenario großer gescheiterter Expeditionen. Ernest Shackleton lässt grüßen, wenn das Eis droht, die Volunteer zu zerquetschen. „Wild“ von Reinhold Messner wird zum Setting, als die Kälte die Kabinen des Walfängers erreicht. „Everland“ von Rebecca Hunt könnte Pate gestanden haben, wenn es gilt auf verzweifelte Robben- und Bärenjagd zu gehen. Und „Moby Dick“ von Hermann Melville grüßt uns auf jeder Seite von „Nordwasser“. Keine Frage: Dies ist das facettenreichste vielschichtigste Abenteuer, auf das ich mich jemals einließ.

Nordwasser von Ian McGuire

Überlegt euch sehr gut, ob ihr das „Nordwasser“ befahren wollt. Stellt euch darauf ein, an Bord der Volunteer grausamste Verbrechen zu erleben. Rechnet damit, dass es kälter wird, als ihr es euch je vorstellen konntet. Lernt die Sprache der Eskimos. Wenn ihr ihnen im Roman begegnet, wisst ihr, wovon ich hier rede. Scheut nicht davor zurück, Robben zu jagen, Wale zu schlachten und Eisbären zu verfolgen. Bereitet euch darauf vor, das Indien der Kolonialzeit zu erleben, weil ihr nur so begreift, warum ein britischer Arzt unehrenhaft das Schlachtfeld räumen muss. Und habt keine Angst davor, an Bord an allem zu leiden, woran man nur leiden konnte, wenn man zur falschen Zeit nicht am richtigen Ort ist.

Spannender kann eine Schiffsreise nicht sein. Ian McGuire hat den bekannten und legendären Abenteuerklassikern die Krone aufgesetzt, indem er uns mit einer multiplen Szenerie konfrontiert. Es gibt keine Rettung aus seinem Erzählnetz. Wenn er die Leser harpuniert hat, gibt es kein Entrinnen. Weder an Bord, noch an Land könnt ihr gerettet werden. Ihr müsst schon bis zum finalen Showdown ausharren, die Augen offenhalten und den Mut nicht verlieren. Ich kann euch nur raten, euch dem Arzt anzuvertrauen. Er weiß, was er tut. Zumindest, wenn das Laudanum wirkt. Patrick Sumner ist in der Tiefe seines Charakters so treffend beschrieben, dass man sich am Ende der Reise mit ihm auf jede weitere Reise begeben würde. Ob das möglich ist? Ob er überlebt? Ob es ihm gelingt, den Orkan auf dem „Nordwasser“ zu besänftigen? Wer weiß, wenn man nicht liest? So ist es immer im Leben.

Nordwasser von Ian McGuire

Geht an Bord. Leinen los. Winkt euren Lieben ein letztes Mal und seid versichert, dass ihr gut versichert seid. Das ist allerdings auch das Einzige, das ich euch mit auf diesen Weg geben kann. Natur, Verbrechen, Hass, Glaube und Hoffnung gehen Hand in Hand in der Klaustrophobie dieser fulminanten Erzählung. Nur eines werdet ihr auf der Reise nicht finden. Romantik oder Liebe, Frauen oder Familien, die auf euch warten. Das hier ist eine Männerwelt, die allerdings geeignet ist, gerade weiblichen Lesern Gänsehaut in ihr beschauliches Leben zu zaubern. Hier gibt es kein „Frauen und Kinder zuerst“. Hier geht nicht der Kapitän als letzter Mann von Bord.

Dieser Roman ist ehrlos, schamlos und aufrichtig authentisch. Selten habe ich im Lesen so viele schlechte Gerüche erlebt. Selten war das Essen so mies. Selten waren Menschen in meinem Umfeld abgestumpfter, brutaler und ursprünglicher. Selten haben meine Beine so sehr geschlottert, wenn ich frierend in meiner Hängematte einschlafen durfte. Wenn Kälte ein literarisches Prädikat wäre, Ian McGuire hätte es verdient.

Ich winke euch ein letztes Mal zu. Gute Reise. Ahoi ihr Mare – Landleseratten…

Nordwasser von Ian McGuire