„Der Federndieb“ von Kirk Wallace Johnson

Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson - AstroLibrium

Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

Ich möchte eigentlich ohne großes Federlesen direkt zum Punkt kommen. Nur ist es natürlich schon schwierig, wenn man sich das Buch genau anschaut, das ich heute vorstellen möchte. Es handelt sich nämlich um Federlesen im eigentlichen Sinn. Dabei haben wir es nicht mal mit einem Roman zu tun. Nie und nimmer. Hier wartet ein Buch auf uns, das man gerne in den Kategorien „Wissenschaft“, „True-Crime“, „Ornithologie“ oder ganz allgemein als „Sachbuch“ einsortieren könnte. Könnte, wohlgemerkt, da sich Kirk Wallace Johnson diesem Schubladendenken äußerst effektiv entzieht.

Der Federndieb“, erschienen bei Droemer, ist alles andere als die Aufarbeitung eines aufsehenerregenden Kriminalfalles. Dieses Buch ist mehr als ein ornithologisches oder wissenschaftliches Lehrstück, in dessen Mittelpunkt eine zutiefst ökologisch orientierte Botschaft steht. Wir haben es hier mit einem Kriminalfall zu tun, der von Obsessionen, Irrwegen und Leidenschaften handelt. Nichts ist frei erfunden. Nichts ist konstruiert. Wir haben es mit der realsten Realität zu tun, die sich für uns jedoch so abstrus anhört, als wären wir mitten in einem fiktiven Szenario gelandet.

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Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

Man stelle sich einfach mal einen Musikstudenten vor, der in ein vogelkundliches Museum einbricht, um dort hunderte extrem seltene Vogelbälger zu stehlen. Das sind präparierte Exemplare von Prachtvögeln. Nicht ausgestopft, aber mit ihrem Federnkleid in der Pracht und Farbenvielfalt eines lebenden Vogels. Und genau dieser Dieb braucht die Federn zur Herstellung von Angelködern. Genau gesagt zum Fliegenfischen. Dabei muss man einige Hintergründe kennen. Die „Fliegen“ von denen wir hier reden sind die prachtvollsten Luxusfliegen auf dem Markt. Schweineteuer und echte Kunstwerke. Eine weltweit vernetzte Community der Fliegenbinder stürzt sich leidenschaftlich auf seltene Federn, um neue handwerkliche Kunstwerke fürs Angeln entstehen zu lassen.

Einziges Problem. Die Menschheit hat die seltenen Vögel schon lange ausgerottet. Es sind kaum noch Federn von Paradiesvögeln auf dem Markt und wenn irgendwo welche auftauchen, dann aus dem dubiosen Nachlass steinreicher Verstorbener. Der Markt ist süchtig nach dem gefiederten Gold. Egal aus welcher Quelle es stammt. Klingt wie eine Geschichte, der jetzt nur noch ein kreativer Geist fehlt, der diesem Markt mit krimineller Energie zu neuem Leben verhilft. „Der Federndieb“ mutiert zum wahren Drogendealer, der plötzlich etwas verkaufen kann, was man gar nicht mehr kaufen konnte. Spannend.

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Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

Nicht spannend genug. Glaubt mir. Kirk Wallace Johnson hat sich nicht nur in diesen Kriminalfall hinein recherchiert. Er hat nicht nur genau beschrieben, wie der Federndieb in jene ornithologische Abteilung des Britischen Naturkundemuseums eingebrochen ist, ein paar Hundert der seltensten Vogelbälger stahl oder wie er sie danach im Internet zu Geld machte. Er schildert nicht nur die polizeilichen Ermittlungen, das Urteil im Prozess oder die dubiosen und kriminellen Machenschaften der Fliegenbinder-Community. Das hat dem Autor nicht ausgereicht und wir Leser profitieren von seinem rastlosen Ausflug in eine Welt voller Widersprüche. Hier beginnt die faszinierende Geschichte von Alfred Russel Wallace, dem fast vergessenen Forscher und besessenen Ornithologen.

Um begreifen zu können, was hier gestohlen wurde, entführt uns der Autor auf eine Reise an Bord der großen Forschungsschiffe. Wir begleiten namhafte Forscher auf ihre Expeditionen und erleben, wie sie die Paradiesvögel unter Lebensgefahr nach Europa brachten. Und auch damit nicht genug. Auch die Geschichte der prächtigen Federn im Wandel der Zeit wird uns nähergebracht. Was mit der Hutmode begann endete mit der Ausrottung der weltweit seltensten Vogelarten. Und was dann noch von den Federn zu verwerten war, wurde von snobistischsten Fliegenbindern zur sinnfreien Kunstform des Angelns erhoben.

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Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

Am Ende der Kette aus Obsession, Habgier und Sucht landen wir erneut bei dem skrupellosen Diebstahl der letzten Federn ihrer Art. Spätestens hier gibt sich unser Autor der fatalen Leidenschaft selbst hin und verliert sich in seinen Recherchen. Er ist sicher, auch nach dem gesprochenen Urteil noch Geheimnisse aufklären zu können. In jahrelangen akribischen Ermittlungen gelingt ihm, was niemand zuvor gelang. Er bringt den Federndieb zum Sprechen. Er beginnt das Rätsel um die Paradiesvögel zu lüften, deren Verbleib auch nach dem Prozess ungeklärt ist. Hier überschreitet Kirk Wallace Johnson die Grenzen des Berichterstatters. Hier involviert er sich selbst. Obsessiv.

Ein extrem spannend zu lesender Mix aus wissenschaftlichen Hintergründen und Krimi-Story ist das Ergebnis seiner Recherchen. Auch, wenn man kein Federlesen daraus macht, er erhebt sein Buch zur eigenen Kunstform: Dem Federnlesen. Ich war von der ersten bis zur letzten Seite mehr als fasziniert von der Mischkultur des Buches. Lehrreich, vielschichtig, spannend, ökologisch, wahnwitzig und doch so plausibel, dass man sich dem Sog der Federn kaum entziehen kann. Ein solcher Mix verleitet dazu, im Internet oder in anderen Büchern selbst auf die Suche zu gehen. „Der Federndieb“ ist das perfekte Buch für Leser, die das reale Leben der ausufernden Fantasie vorziehen.

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Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

„H wie Habicht“ und „Falke“ von Helen Macdonald haben für mich den gleichen Sog entfaltet. Auch hier war es die gelungene Mischung aus wissenschaftlichem Fact-Finding, menschlicher Leidenschaft und ökologischer Botschaft, die mich von Seite zu Seite mehr faszinierte. In meinem Lesen bin ich immer wieder dankbar für Bücher, die mehr zu erzählen haben, als eine fiktionale Story. Ich bin extrem dankbar für den Blick zurück in die Welt der großen Expeditionen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wir sind schon immer der Neugier gefolgt. Haben seit jeher Rätsel der Evolution gelöst und sind schonungslos mit unserer Umwelt umgegangen.

„Der Federndieb“ ist gleichzeitig der Abgesang auf diese Zeit, als auch ein starkes Statement für den Erhalt der großen wissenschaftlichen Sammlungen auf dieser Erde. Hier ist nicht nur die Vergangenheit in präparierter Form zu bestaunen. Hier wird unser biologisches Gedächtnis aufbewahrt. Warum wir ohne diese genetischen Erinnerungen nicht überleben können, veranschaulicht Kirk Wallace Johnson auf beeindruckende Art und Weise. Eine absolute Weihnachtsempfehlung 2018. Ganz besonders für Leser, die aus dem FEDERNLESEN kein großes Federlesen machen.

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Der Federndieb von Kirk Wallace Johnson

Schon am 28.02.2019 werde ich Alfred Russel Wallace erneut begegnen. Anselm Oelze stellt ihn in den Mittelpunkt seines Romans Wallace, der bei Der Audio Verlag als ungekürzte philosophische Abenteuerlesung erscheint. Ich kann es kaum erwarten.

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Der Federndieb und Wallace… Hand in Hand

„Die Schönheit der Nacht“ von Nina George

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Ich denke, wir sind uns darüber einig, dass alle Schriftsteller dieser Welt mit dem durchaus vergleichbaren Zeichenvorrat arbeiten. Es sind Buchstaben und Worte, in welcher Sprache auch immer, die auch uns zur Verfügung stehen. Im Unterschied zum Autor jedoch gelingt es uns nicht, diesen Zeichenvorrat so anzuordnen, dass daraus im Ergebnis Literatur oder Kunst entsteht. Stellen wir uns doch einfach mal eine Schmiede vor, in der Buchstaben gegossen und gehämmert werden. Sie werden anschließend im Rohformat auf dem Markt angeboten und stehen der Welt zur Verfügung. Es gibt dann Autoren, die sie polieren, aufhübschen und verzieren, sie zu Worten verbinden und das Ergebnis der Wortschöpfung als Geschichte bezeichnen. (Weiterhören? Hier…)

Die Schöheit der Nacht - PodCast bei Literatur Radio Bayern - AstroLibrium

Die Schönheit der Nacht – PodCast bei Literatur Radio Bayern – Hier geht´s lang…

Es gibt jedoch auch Schriftsteller, die lediglich mit dem Rohmaterial auskommen. Mit den unbearbeiteten Buchstaben und Wörtern, die sie ohne jegliche Verzierung oder Veredelung für sich selbst sprechen lassen, indem sie Verbindungen entstehen lassen, die ausschließlich durch den Prozess des Schreibens zu Kunstwerken werden. Ich bin der Autorin Nina George bisher lesend noch nicht begegnet. In der Literatur jedoch ist es nie zu spät für ein erstes Treffen. Ihr Roman „Die Schönheit der Nacht“ gehört nun eigentlich nicht unbedingt zu den Büchern, die mich inhaltlich dazu verführen, sie lesen zu wollen. Und doch bin ich dem Ruf der Seiten gefolgt, weil ich von guten Freunden in der Bloggerszene auf den besonderen Schreibstil von Nina George hingewiesen wurde. Schon bin ich beim Bild des Schmiedes angelangt. Bei einer Autorin, die es nicht nötig hat, die Rohstoffe Buchstabe und Wort an sich zu verkünsteln oder aufzuhübschen. Ich bin bei einer Schriftstellerin angekommen, die aus der ursprünglichen Rohmaterie eine Geschichte entstehen ließ, die sich deutlich von anderen Erzählungen abhebt.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Kein einziger Satz aus der Feder von Nina George klingt gewöhnlich. Kein Absatz wirkt so, als sei er in einem ungezügelten Schreibfluss entstanden. Mit Bedacht und mit unglaublichem Gefühl scheint sie Buchstaben und Worte zu arrangieren, Bilder im Kopf des Lesers zu erzeugen und Metaphern in völlig neuem Licht erstrahlen zu lassen. Hier sind es keine gestylten Kunstworte, die dem Text Glanz verleihen. Hier ist es die Magie der Komposition, die aus Buchstaben, Worten, Sätzen, Kapiteln und Seiten etwas ganz Besonderes entstehen lässt. Würde ich auf der Suche nach Zitaten aus diesem Buch jene auswählen müssen, die mir besonders gelungen scheinen, ich müsste den Roman an dieser Stelle wiedergeben. Müsste ich hervorheben, welche Passagen des Romans mich besonders beeindruckt haben, ich wüsste nicht, worauf ich mich beschränken und reduzieren könnte.

Der wahrhaft literarische Kreis schließt sich nun in der Verheiratung dieser Gabe mit einer Geschichte, die einfach erzählenswert ist. Die Begegnung zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bildet den Rahmen der Geschichte. Claire, 44 Jahre alt, etablierte Verhaltensbiologin, verheiratet und Mutter eines Sohnes, der selbst schon ein Mann ist, begegnet in einem Pariser Hotel dem 19-jährigen Zimmermädchen Julie. Klingt an sich nicht besonders aufregend. Wäre nicht Claire gerade nach einem erotischen Tête-à-Tête mit einem unbekannten Mann auf dem Rückweg in ihr normales Leben und würde sie nicht auf diese junge Frau stoßen, die sie dabei durchschaut. Aus dem Geheimnis ihres Lebens wird ein Augenblick des stillen Verstehens. Julie wird zur Komplizin der Momentaufnahme. Zur stillen Zeugin lauten Verlangens und damit sofort zur Gefangenen der neiderfüllten Vorstellung, so stark und selbstbestimmt zu sein, wie die Frau, die ihr im Hotelflur gegenübersteht.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Zwei Generationen, zwei Frauenbilder, zwei Rollen und letztlich zwei verletzliche Menschen werden auf dem Flur zu Gefährtinnen des Augenblicks.

„Die Gewordene.
Die Werdende.“

So beschreibt Nina George die beiden Frauen. So lässt sie uns eine Distanz fühlen, die sie scheinbar trennt. Und doch ist in der Schnittmenge der beiden Persönlichkeiten die Treibladung versteckt, die aus der Geschichte einer Begegnung die Geschichte von zwei Frauen macht, die nur Alter und Zeit voneinander trennen. Im Kern ihres Wesens jedoch sind sie sich näher, als sie es selbst wahrhaben wollen. Aus der Begegnung im Augenwinkel des Erkennens wird eine Begegnung im echten Leben. Das Geheimnis in der Verborgenheit des Hotelflurs wird jetzt zum dramaturgischen Spannungsbogen, als Claire die neue Freundin ihres Sohnes kennenlernt. Julie.

Aus den Komplizinnen des Augenblicks wird mehr. Die Werdende hütet das große Geheimnis der Gewordenen. Aus Vertrauen wird Zuneigung. In der Zuneigung werden alle Fragen des Lebens beantwortet und Julie verliert ihre Scheu, nicht nur sich selbst, sondern alles zu hinterfragen, was sie bisher am Leben gehindert hat. Seite an Seite begeben sich die beiden Frauen vor dem idyllischen Hintergrund der Bretagne auf die Selbstfindungsreise ihres Lebens. Die Gewordene an der Seite ihres Ehemannes, die Werdende an der Seite ihres Zukünftigen. Tiefgründig, poetisch und metaphorisch hält uns Nina George auf Augenhöhe mit den beiden Frauen. Sie gewährt tiefe Einblicke in das verborgene Intimste und lässt uns Sehnsucht, Verlangen und existenzielle Fragen des Lebens erfühlen, als würden wir sie uns selbst stellen.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

„Vier Sorten Salz.
Das Salz des Meeres.
Das Salz der Tränen.
Das Salz des Schweißes.
Das Salz des »Ursprungs der Welt«,
wie Gustave Courbet die dunkle Blüte einer Frau nannte.“

Es sind diese vier Sorten Salz, die uns Nina George schmecken lässt. Es ist „Die Schönheit der Nacht“, die sie in ihrem Roman ans Tageslicht bringt. Es sind Gemälde von unglaublicher Tiefenschärfe, die sie mit ihren Worten malt. Es ist das Meer, in dem das Leben entdeckt wird. Es ist das Meer, das beherrscht werden kann, wenn man sich freigeschwommen hat. Es sind zwei Frauen, die das Meer miteinander neu entdecken. Die Gewordene als Schwimmlehrerin, die Werdende als Nichtschwimmerin. Es sind die Ängste, die überwunden werden. Es ist das pure Nichts der Nacht, in dem Schönheit in aller Klarheit entsteht und es sind die Entscheidungen zweier Frauen, die uns am Ende eines fulminanten und emotionalen Romans nicht mehr fremd erscheinen.

Nina George macht uns zu Seelenverwandten ihrer Charaktere. Keine ihrer Fragen lässt uns kalt. Keine Betrachtung unseres oberflächlichen Miteinanders verfehlt uns. Es ist erstaunlich, wie tief Nina George unter der Oberfläche taucht, um fündig zu werden. Es ist erstaunlich, wie atemlos wir bereit sind mit einzutauchen, obwohl wir in unserem Leben oftmals nicht gewillt sind, die vier Sorten Salz zu kosten. Und es ist einfach mehr als grandios erzählt, was die beiden Frauen in den gemeinsamen Strudel zieht. Dieses Jahr habe ich für mich zum Lesejahr des Wassers und des Meeres erklärt. Maja Lunde hat mir „Die Geschichte des Wassers“ erzählt. Ein „Meeresroman“ hat mich auf hohe See entführt. Dass „Die Schönheit der Nacht“ das Meer mit solcher Wucht an meinen Lesestrand anbranden lässt, hätte ich nie vermutet.

Die Schönheit der Nacht von Nina George

Ich habe „Die Schönheit der Nacht“ für mich entdeckt. Ich bin zu nachtschlafender Zeit erneut in mein Paris gereist und an der Seite von Nina George in ein Nachtleben in der Metropole an der Seine eingetaucht, das eine ganz spezielle Vitalität versprüht. Ein Leben, das in den Silhouetten einer Stadt ihre wahre Schönheit offenbart. Schönheit ist auch ein Prädikat, das man diesem Roman verleihen kann. Eine Schönheit, die jedoch der Handlung nicht im Wege steht. Nichts wirkt künstlich überhöht oder verkitscht. Hier ist Platz für Emotion, Geheimnis, Missverständnis und hemmungslose Lust am Leben.

„Wie viele Frauen ist eine Frau?
Und wie viele Jahre fließen dahin, bis eine Frau das Eigene gefunden hat?
Und hat die Zeit dann noch eine Nische für das, wer sie wirklich ist, für ihre Pläne, ihre Gedanken, für den Reichtum ihrer Fähigkeiten – oder ist die Zeit zugeziegelt mit den Dingen, die sie tagtäglich tut und tun muss?“

Gehen Sie den Fragen selbst auf den Grund. „Die Schönheit der Nacht“ hilft bei der Beantwortung, schwingt sich jedoch nicht zum Almanach der weiblichen Psyche auf. Zum Abschluss noch ein Tipp, der mich selbst schon sehr traurig stimmt. Ich wäre gerne dabei, wenn Nina George bei meinem Herzensbuchhändler aus ihrem Roman liest. Ich hätte viele Fragen und wäre sehr gespannt darauf, in welchem Tempo sie mit welchem Timbre liest, was sich mir ins Herz gebrannt hat. Vielleicht gehen ja Sie selbst zur Lesung und erzählen mir davon… Das wäre schön…

Nina George im Buchmesse-Interview – Frankfurt 2018

Nina George auf der Frankfurter Buchmesse. Ein exklusives Interview für Literatur Radio Bayern. Ich hatte das Vergnügen und die Ehre, vielen Fragen auf den Grund zu gehen. Eine Interviewkabine am Stand von Droemer Knaur; eine faszinierende Autorin; viele Hintergründe zu Die Schönheit der Nacht; ein fassungsloser Tontechniker; eine umfassende Beschreibung der Initiative Frauenzählen; worüber Nina George niemals schreiben würde; welches Buch sie gerne mit ihrem Namen versehen würde, wenn sie ein Plagiat begehen dürfte; was sie aus dem Stand an die Decke gehen lässt und zum Schluss eine Interviewfrage, auf die sie gerne antworten würde, die ihr aber leider noch nie gestellt wurde… An dieser Stelle bin dann auch ich als Fragensteller leicht ratlos.

Folgen Sie diesem Link zum Interview mit Nina George, genießen Sie die Stimmung auf der Buchmesse und wenn Sie mögen, kommentieren Sie diesen Artikel. Unter allen Einsendungen verlose ich ein Exemplar des Buches „Die Schönheit der Nacht“. Diese Aktion läuft bis zum 21. Oktober 2018. Die Frage lautet:

Achten Sie bei der Auswahl Ihrer Bücher bewusst darauf, ob es von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde?

„Zimmermanns Stunde“ von Karolien Berkvens

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Das Leben könnte so schön sein danach. Befreit von allen beruflichen Zwängen und Verpflichtungen könnte man den Lebensabend nach der Pensionierung in vollen Zügen genießen. Zeit mit Menschen verbringen, die man liebt. Zeit mit Hobbies genießen, für die man im Arbeitsalltag so wenig Zeit hatte. Zeit einfach auch mal verstreichen lassen und alle Viere von sich strecken. Es könnte so schön sein, und doch wundert man sich, wenn man Rentner und Pensionäre trifft über so manche Aussagen. Mehr Termine als jemals zuvor, voll verplant, keine Zeit oder auf der anderen Seite die Schilderung, eines tiefen Loches, in das man unvermittelt gefallen sei. Mir kann das nicht passieren. Mein Ruhestand wird seinem Namen gerecht werden. Leben. Einfach leben.

Das hatte sich auch Loet Zimmermann gedacht. Nach vierzig Jahren im Schuldienst endlich pensioniert zu werden, an diese Vorstellung konnte man sich schon gewöhnen. Bitte kein großes Tamtam um den letzten Arbeitstag machen, bitte keine üblicherweise unehrlichen Reden schwingen, bitte nicht an die große Schulglocke mit dem Abschied. Mehr hatte sich Zimmermann nicht gewünscht. Einfach nur gehen. Einen Schlussstrich ziehen. Die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen und ein geordnetes neues Leben in Angriff nehmen. Das hatte er sich mehr als verdient. Als schließlich Zimmermanns Stunde schlug, sah alles doch so anders aus, als er sich in seinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Er, das lebendige Synonym für Zuverlässigkeit, leise Pflichterfüllung, lückenlose Ordnung und perfektes Zeitgefühl, sollte am letzten Tag des Berufslebens aus einer Bahn geworfen werden, die er sich ganz anders vorgestellt hatte. Ein Mann, der seine Zeit nicht verschwendete, sie sich nicht vertrieb und die Zeit anderer sinnvoll verplante, sollte aus der Zeit fallen. Die Landung. Brutal und hart. Zeitlos. Zimmermann denkt den Tag in acht Blöcken von jeweils fünfzig Minuten. Als Stundenplan-Koordinator hämmert sich dieser Zeitrhythmus wohl ins Blut. Jeder Abweichung von der Norm gilt es aktiv zu begegnen. Zeitverschwendung – einfach undenkbar. Und jetzt? Danach? Welchen Wert hat die freie Zeit? Was kann man damit anfangen? Fragen, die uns durch das Lesen in unser Leben begleiten. Fragen, die wir uns für Zimmermann stellen, ohne ihn je richtig kennengelernt zu haben. Ein Trugschluss des Lesens, in den uns die Autorin Karolien Berkvens treibt. Wenn wir denken, sie schriebe über Zeit, über einen Menschen, der in letzter Konsequenz seinen Rhythmus verliert und an der Zeitlosigkeit scheitert, dann ist ihr bereits auf den ersten Seiten ihres Romans „Zimmermanns Stunde“ gelungen, was uns auf den Folgeseiten unvermutet einholt.

„Die stille Kraft beklagt sich nicht, die stille Kraft tut ihre Arbeit.“

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Wir neigen dazu, Menschen über ganz einfache Assoziationen zu definieren. Zeit und Zimmermann. Das passt. Darauf kann man weiter rumdenken, dieser heißen Spur kann man weiter folgen. Oberflächlich betrachtet, genau das, was wir täglich mit jenen Menschen in unserem Umfeld veranstalten, denen wir nur an der Oberfläche begegnen. Karolien Berkvens jedoch entführt uns in die Tiefe. Und die ist zeitlos, besteht nicht aus klischeehaften Zeit-Wortspielen oder wenig originellen Davor-Danach-Vergleichen. Sie macht das Fehlen zum zentralen Thema ihres Romans. Ein Fehlen, das schmerzhaft in einem Leben verankert ist und sehr schmerzhaft bewusst macht, wie schön es ist, Zeit MIT einem geliebten Menschen verbringen zu dürfen.

„Zimmermann genießt nicht, Zimmermann lebt.“

Diesem Roman fehlt etwas. Ihm fehlt Lucy. Sie fehlt in jeder Zeile, in jedem Kapitel und besonders auch zwischen den Zeilen. Sie fehlt im Leben des gerade pensionierten Loet Zimmermann. Sie fehlt schmerzhaft. Lucy, seine schon lange verstorbene Ehefrau fehlt in dieser Lebensphase, die Zeitgewinn darstellen könnte. Gemeinsames wird zum Einsamen. Verlust wird spürbar weil es keine Flucht mehr in die Stundenpläne gibt. Das Leben schlägt mit voller Wucht zu. Das allein würde schon reichen, um Zimmermann in eine tiefe Krise zu stoßen. Karolien Berkvens belässt es nicht dabei. Sie lässt nicht nur den Verlust seiner Frau gewaltig zuschlagen, sie lässt ihren Loet Zimmermann so heftig zu Boden gehen, dass man denkt, sein letztes Stündchen hätte geschlagen.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Karolien Berkvens wirft in ihrem Roman entscheidende Fragen des Miteinanders in einer Gesellschaft auf, die zur Separationsmaschine verkommt. Jeder denkt an sich. Jeder ist sich selbst der Nächste. Oberfläche zählt. Vorurteile dominieren den Tag und Abweichungen von der Norm sind absolut unverzeihlich. Und wenn man aus seiner Bahn geworfen wird, dann gerät man schnell in die Umlaufbahn professioneller Richter. Menschen, die es wieder richten. Therapeuten. Außenstehende. Zuschauer. Bitte nicht ich. Bitte nicht unmittelbar und intensiv. Eine bahnbrechende Kollision mit dem eigenen Leben, mit seinen Verlusten, mit dem eigenen Sohn und mit der Vergangenheit macht aus einem eigentlich zeitlos einfachen Buch einen melancholischen Abgesang auf ein Leben, das wir bitte so nicht führen wollen. Mitgefühl. Das überwiegt, wenn ich an Loet Zimmermann denke. Sehnsucht, wenn ich mir Lucy vorstelle…

„Alle Sätze, die mit »Was würde Lucy« anfangen, brach er sofort ab, weil es bis in alle Ewigkeit Sätze ohne Ende, Fragen ohne Antwort sein würden.“

Prädikat lesenswert, definitiv keine Zeitverschwendung.

Zimmermanns Stunde von Karolien Berkvens

Ein Nachtrag zum Buchcover: Im direkten Vergleich zum deutschen Cover wirkt das Original eher wie eine graue literarische Maus, die man sicher nicht als Eye-Catcher bezeichnen kann. Dagegen lässt das Droemer-Cover ein eher philosophisch geprägtes Lesevergnügen vermuten. Mein Fazit: Ich würde das Blau dem Grau vorziehen, weil es mich optisch sehr anspricht. Hat man jedoch Loet Zimmermann und seine Geschichte einmal kennengelernt, kann man die Entscheidung für ein tristes nachdenkliches Cover sehr gut nachvollziehen. Es spricht aus meiner Sicht vielleicht sogar die Leser direkter an, die eigentlich erreicht werden sollen. Sie würden nur nicht zugreifen.

„Der Herr der Bogenschützen“ von Mac P. Lorne

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Noch vor wenigen Wochen stand ich ehrfurchtsvoll am Altar der Kathedrale zu Reims. Meine Reise durch Frankreich hatte mich zu einigen geschichtsträchtigen und magischen Plätzen geführt, doch hier spürte ich den Atemhauch der Geschichte ganz besonders intensiv. Hier stand sie neben ihrem soeben gekrönten und gesalbten König. Das wohl legendärste Banner in Händen, in silbern glänzender Rüstung und am Ende der Bestimmung angelangt, die für sie göttlicher Eingebung entsprach. Hier fühlte ich mich der heiligen Jungfrau von Orleans, Jeanne d`Arc besonders nah. Standbilder und Gemälde künden von ihrer Legende. Nicht nur hier, auch in der Kathedrale Notre Dame de Paris, hat sie Spuren hinterlassen. Diesen Spuren wollte ich auch literarisch folgen.

Ich wollte mehr über die Zeit des 15. Jahrhunderts erfahren, nicht nur ein Buch über Jeanne d`Arc lesen. Sie isoliert zu betrachten schien mir zu wenig. Und so fiel meine Wahl auf einen historischen Roman, der ganz aktuell bei Knaur erschienen ist. “Der Herr der Bogenschützen” von Mac P. Lorne sollte es sein. Ausschlaggebend war hier natürlich die Inhaltsangabe und der deutliche Hinweis auf die Verzahnung einer jungfräulichen Geschichte mit der eines Bogenschützen im Thronfolgekrieg zwischen England und Frankreich. Darüber hinaus hatte ich ja gerade mit diesem Schriftsteller in meinem vergangenen Lesen beste Erfahrungen gemacht. “Der Pirat”, ein echtes und absolut lesenswertes Meisterwerk über den legendären Sir Francis Drake bildete den Maßstab für das, was ich mir von diesem neuen Lesen erhoffte.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Der Herr der Bogenschützen ist eine intensive Annäherung an John Holland, eine historisch verbürgte Figur, die im umkämpften Frankreich sehr deutliche Spuren hinterlassen hat. Mac P. Lorne ist nun wirklich nicht bekannt dafür, biografische und trockene Romane zu schreiben. Er lehnt sich an. Recherchiert und spürt jene Fährten auf, die man zu einer verdichteten und hoch spannenden Erzählung benötigt. Er gönnt sich alle literarischen Freiheiten, seine Figuren auch mal dort zu auftauchen zu lassen, wo ihre Anwesenheit nicht in Chroniken erwähnt ist. Letztlich jedoch knüpft er einen historisch authentischen Gobelin, der plausibel erscheint und das Gefühl vermittelt, im Zentrum der Schlachten selbst bis zu den Knöcheln im Schlamm zu stehen.

An der Seite des noch ganz jungen John Holland lässt uns der Erzähler erleben, wie schnell Loyalität und Treue zu dieser Zeit unkalkulierbare Folgen für eine ganze Familie haben konnten. Eine falsche Entscheidung des Vaters, einmal dem Mann zu folgen, dessen Stern gerade verblasst und schon gehörte die Auslöschung der Familie zum damaligen Standardprogramm. John Holland überlebt diesen frühen Sturm, der seine Eltern und Geschwister auslöscht. Er schwört den heiligen Eid, den verlorenen Besitz der Hollands und die Titel seines Vaters zurückzuerobern. Er schwört all jenen Rache, die für diese dramatischen Verluste seines Lebens verantwortlich sind. Dieser Weg bis zur Einlösung seines Gelübdes ist der Weg, den wir erlesen dürfen.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Vom Kind zum Mann sehen wir John Holland reifen. Es weiß, wie sich Unrecht anfühlt. Er geht seinen aufrechten und geraden Weg durch die Geschichte und doch bleibt er ein Getriebener seiner Vergangenheit. Er lernt, was nur eine handverlesene Elite damals beherrschte. Die Kunst des Schießens mit dem berüchtigten Langbogen und das Geschick, hunderte Bogenschützen in einer Schlacht zu einer schlagkräftigen Truppe zu formieren. Ritterlich ist das noch nicht. Einzigartig jedoch ist es und John Holland schließt sich mit ihm ergebenen Bogenschützen Heinrich V. an und zeigt in der Feldschlacht von Azincourt, wozu seine Männer in der Lage sind. Das Überleben des englischen Königs und der Sieg gegen eine unglaubliche Überzahl von französischen Rittern ist nur John Holland zu verdanken. Er erlangt den ihm zustehenden Titel zurück und steigt in den Reihen des englischen Hochadels langsam aber stetig auf.

Wir lernen John Holland so gut kennen, als wären wir mit ihm befreundet. Seine Werte und Moralvorstellungen stehen im deutlichen Widerspruch zum Sittenbild der Zeit, in der er lebt. Menschenleben zählen nichts, die Religion hat längst ihre Unschuld und eigentlich auch die Daseinsberechtigung verloren und Machtgier lässt die Herrscher zu Monstern werden. Alles auf dem Rücken der Unschuldigen und Armen. Der Hochadel ist degeneriert und Alliierte von heute sind Todfeinde von morgen. Das besetzte und hart umkämpfte Frankreich erleidet in dieser Zeit eine ernüchternde Niederlage nach der anderen. Ein eigener gesalbter König ist nicht in Sicht. Zu mächtig sind die Engländer und zu unwiderstehlich ist ihre militärische Präsenz. Nur John Holland strebt innerlich nach dem Unerreichbaren. Verständigung und Frieden.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Als alle Hoffnung der Franzosen am Boden liegt und es nur noch einiger weiterer Siege bedarf, um das ganze Land endgültig zu beherrschen und ihm einen englischen König aufzuzwingen, erscheint ein 17-jähriges Mädchen am Hof des ungekrönten und kurz vor der Niederlage stehenden umstrittenen Thronfolgers Charles VII. und verheißt, das Schicksal des Landes retten zu können. Jeanne d`Arc. Die Stimmen der Heiligen haben sie bis hierher geführt und sie übernimmt mit ihrer charismatischen Art und auf der Grundlage der göttlichen Bestimmung die Führung über die Ritterschaft des Landes. Zweifler werden von ihren Erfolgen zum Schweigen gebracht. Die Befreiung Orleans bringt ihr den Beinamen Jungfrau von Orleans ein und das Volk liegt ihr zu Füßen. Hier kreuzen sich die jungfräulichen Wege mit denen des Herrn der Bogenschützen.

Spätestens hier hat Mac P. Lorne seine Schlachtreihen formiert und seine Figuren auf dem Schachbrett seines Romans in Aufstellung gebracht. Jetzt nimmt er sich alle Freiheiten, die ich extrem schätze und lässt sein fulminantes Historienspektakel zutiefst menschlich und unmenschlich zugleich werden. Jetzt wird aus dieser groß angelegten Geschichte die Gratwanderung zwischen Treue und Verblendung, Kadavergehorsam und Glaube. Jetzt beweisen sich Freundschaften und der Begriff Loyalität wird harten Proben unterzogen. Ich erlebe Jeanne d`Arc als treibende Kraft und als Getriebene in einem Konflikt, in dem dieses Bauernmädchen von einst zum Bauernopfer der Könige wird. Mac P. Lorne entmystifiziert die Legende um eine Heilige so gut er kann. Ihm gelingt, was nur guten Schriftstellern gelingt. Er schreibt nicht auf dem Nimbus einer Unantastbaren herum, sondern stößt sie vom Sockel, um genau hierdurch aufzuzeigen, welche Strahlkraft sie besessen haben muss.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

“Der Herr der Bogenschützen” ist ein Roman, der aus der Zeit gefallen scheint. Dieses Buch ist vulgär, scheinheilig, wollüstig und blutrünstig. Es ist groß in seinen Dialogen und so degeneriert wie der Adel auf beiden Seiten. Es entspricht den Idealen einer legendären Ritterschaft und verhöhnt sie in gleichem Maße. Mac P. Lorne hat mich zugleich einiger Illusionen beraubt, wie er auch den Samen an die Bestimmung neu gesät hat. Die Statue von Johanna begleitete mich durch mein Lesen. Sie schaute mir über die Schulter. Ich würde zu ihren Füßen immer wieder Kerzen anzünden. Nicht zur Verehrung dieser Heiligen. Eher aus Anteilnahme und Mitgefühl. Zuletzt stand ich an ihrem Scheiterhaufen. Das Ende ihres Lebens ist bekannt. So erzählt hat es mir jedoch noch niemals ein Schriftsteller.

Wo er in Azincourt jede Anlehnung an den Monolog Heinrichs V. aus der Feder von William Shakespeare geschickt vermeidet, lässt er John Holland angesichts der Flammen eine flammende Rede schwingen, die mir Gänsehaut verursachte. Ein wilder Abgesang auf Werte, Ehre, Anstand und die Integrität jener, die hier ein Urteil über ein junges Leben gefällt hatten, das nun in Flammen aufging. Flammen, die eine Märtyrerin aus Jeanne d`Arc machten. Alleine diese Passage ist das Lesen dieses Buches wert. Sie steht in der Tradition der ganz großen Reden eines Aufrechten an die Verbogenen. Hier erreicht dieser Roman in seinem Höhepunkt eine literarische Dimension, die ich euch aufrichtig ans Herz legen möchte.

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

Ein Makel bleibt am Ende. Ich würde Mac P. Lorne gerne weiter folgen. Der Inhalt und die Gestaltung der Bücher sind gediegen und die Cover ergeben eine geschlossene Einheit. Und doch ist und bleibt unverständlich, warum die Buchformate sich so extrem unterscheiden. Eine Reihe entsteht so nicht in meinem Regal. Wenn mir meine Buchfee einen Wunsch im Lesen erfüllen würde, dann diesen. Ein Autor, ein Verlag, ein Niveau, EIN FORMAT!

Der Herr der Bogenschützen von Mac P. Lorne

[Lesen um des Lesens Willen] – Die steinerne Schlange

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Jetzt mal so unter uns Bloggern! Kennt Ihr das Gefühl, durch ein Lesejahr zu fliegen, immer auf der Suche nach großen und interessanten Geschichten zu sein, bereits beim Lesen darüber nachzudenken, wie man das jeweilige Buch rezensieren könnte und wie es in Szene gesetzt werden kann, um sich nachhaltig daran zu erinnern? Kennt Ihr! Es ist ein Lesen, das immer in einem Artikel endet. Ein Lesen, das sich selbst evaluiert, im Nachhinein abgewogen wird und erst endet, wenn man im Blog-Dashboard den Button „veröffentlichen“ gedrückt hat.

Könnt Ihr Euch noch an ein Lesen ohne Blog und Rezension erinnern? Auch wenn es unsere wahre Leidenschaft ist, gab es früher einmal ein Lesen ohne Hausaufgaben. Einfach Buch schließen, ins Regal stellen, sanft drüber streicheln und mit dem nächsten dicken Schinken in die Welt der Fantasie und Inspiration entfliehen. Nicht nachdenken, wann Sperrfristen enden, wann ein Buch erscheint, oder ob man doch besser zu einem dünnen Roman greift, um doch noch einen Artikel schreiben zu können! Ihr könnt Euch erinnern!

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Das waren noch Zeiten! Und obwohl ich das Bloggen extrem liebe und mir kein Lesen ohne abschließendes „Artikeln“ mehr vorstellen kann, habe ich mir in den freien Tagen zwischen den Jahren eine ganz bewusste Auszeit gegönnt, einen Roman ausgesucht, der hierfür bestens geeignet schien, PostIts und Notizbuch beiseitegelegt, die Kamera verbannt und alle Gedanken an einen Artikel über das zu lesende Buch verdrängt! Und dann habe ich einfach angefangen zu lesen. So wie einst. Lesen um des Lesens Willen. Ich denke, das könnt Ihr gut nachvollziehen.

Welches Buch ich gelesen habe? Leicht zu beantworten. Ein historischer Roman war es, der mich hier greifbar, wenig philosophisch und ausschließlich unterhaltend auf eine Reise in die Vergangenheit entführen sollte. Ich suchte nicht nach Mehrdeutigkeiten, es sollte kein Buch sein, das durch seine vielfältigen Bezüge auf unsere Zeit zum Denken verleitet. Es sollte mächtig was los sein. Spannung, Schlachtengetümmel, Intrigen und Verrat einerseits, Freundschaft, Liebe und Loyalität auf der anderen Seite. Charaktere, mit denen man leicht warm wird, oder die man auch schnell zu verabscheuen lernt und vielleicht eine grandiose weibliche Protagonistin im Auge des Orkans. Genau das habe ich gefunden.

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange“ von Iny Lorentz versprach alle Ingredienzien für das freie und ungezwungene Lesen ohne Hausaufgaben. Wobei ich das nicht abwertend meine, denn ich würde mich niemals in ein Buch zurückziehen, das mich ohne jeden Anspruch auf Qualität lediglich berieseln soll. Nein. So ist es nicht. So weit geht keine Auszeit. Es muss schon historisch fundiert sein, wenn ich historisch lesen möchte. Nur authentisch und inhaltlich geschlossen kann mich eine Rahmenhandlung begeistern und dauerhaft fesseln. Bei Iny Lorentz hatte ich keinerlei Zweifel, da dieses sympathische Autorenduo genau dieser Erwartungshaltung seit Jahren mehr als gerecht wird. Und das auf hohem literarischem Niveau!

Oh nein! Ich werde meinem Vorsatz jetzt nicht untreu. Ich schreibe hier keineswegs einen Artikel über den historischen RomanDie steinerne Schlange“. Nein, wie käme ich denn dazu? Ich werde hier kein Wort darüber verlieren, wie gut ich mich am Limes gefühlt habe. An jener steinernen Schlange, die im Jahr 213 n. Chr. wie eine Schneise das Reich der römischen Kaiser von den Gebieten der Barbaren trennte. Diese Grenze, die keine starre Linie bildete, sondern den Truppenbewegungen der Römer folgte und sich wie eine Schlange mit unstillbarem Hunger immer mehr Territorium der Germanen einverleibte. Nein. Ich werde nicht darüber schreiben, dass es Iny Lorentz gelang, mich mit den Wortbildern zu diesem legendären Wall- und Befestigungssystem zu fesseln.

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Nein, da sucht Ihr vergebens nach Rezensionsansätzen. Auch, dass ich mit Gerhild im Niemandsland zwischen Germanen und Römern in die Schlacht zog, weil nur sie in der Lage war, den Legionen etwas entgegenzusetzen. Nur sie kam als Anführerin aller Stämme in Frage, weil sie wie eine Schildmaid handelte und mehr Menschen zu einen wusste, als ihre Brüder, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Der Eine auf Seite der römischen Besatzer, den germanischen Traditionen schon entfremdet und der Andere unfähig, das Erbe des Vaters anzutreten, um im geeinten Kampf die Versklavung durch die Usurpatoren zu verhindern.

Ach, was waren das für grandiose Lesemomente. Gerhild, die sich selbst dem Duell mit dem römischen Statthalter Quintus stellt, um nicht seine Geliebte zu werden und ihn dabei bis auf die Knochen blamiert. Quintus, der ewig auf Rache sinnt und Legionen in Marsch setzt, um seine Niederlage zu kaschieren. Und immer wieder Gerhild, die über sich hinauswächst, Männer um sich schart, ganze Dörfer rettet und sich dann im Finale einer ganzen Armee in den Weg stellt. Aber was erzähle ich hier? Das könnt ihr doch selbst lesen.

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Meine Auszeit hat gut getan und den Geist befreit. „Die steinerne Schlange“ war der perfekte Wegbegleiter für diese ruhigen Momente des NUR-LESENS. Iny Lorentz haben gehalten, was ich mir von diesem Roman versprochen habe. Sie haben eine der interessantesten Epochen europäischer Geschichte in schillernden Farben gemalt und Menschen beschrieben, die aus ihrer Zeit in mein Lesen gefallen sind. Ich konnte mich entspannen, atemlos durch ein Limes-Tor wandern und mir selbst einen Eindruck vom Leben jenseits des Walls machen. Rom ist für mich auferstanden und doch haben die Barbaren mein Herz erobert.

Ich habe es tatsächlich geschafft, keine Rezension über „Die steinerne Schlange“ zu schreiben und bin jetzt mächtig stolz auf mich. Ich habe in diesem Roman Kraft für ein erlesenes neues Jahr getankt, bin wieder mit PostIts bewaffnet, suche nach Zitaten und Verbindungen zwischen Büchern. Jetzt lese ich wieder als Literaturblogger und ich kann Euch nur empfehlen, Euch auch mal wieder nur dem Lesen hinzugeben. Ihr seht, wie befreiend es ist, keine Buchbesprechung zu verfassen, sondern einfach die Seele zwischen dem römischen Reich und der Welt der Barbaren baumeln zu lassen. Mir war klar, dass ich es schaffe. Und wenn Ihr es auch mal versuchen wollt, Ihr wisst ja nun, in welches Buch Ihr springen müsst, um das Lesen um des Lesen Willens zu entdecken.

Danke Iny Lorentz für dieses Abenteuer ohne Hausaufgaben.

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

Die steinerne Schlange von Iny Lorentz

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