In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Nun kann man schon die Tage zählen, bis Weihnachten vor der Tür steht und wir befinden uns gefühlt im Endspurt auf der Zielgeraden eines turbulenten Jahres. Hektik und Stress fressen uns auf, und manch einer von uns sinkt schon in ein paar Tagen vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum zusammen und seufzt erschöpft auf. Wir rennen, hetzen und suchen. Jagen letzten Terminen hinterher und erledigen noch ganz schnell die Weihnachtspost für unsere Lieben. „Frohes Fest und pass` auf dich auf!“ Es bleibt kaum Zeit für mehr, geschweige denn für Handschriftliches. Es wird gemailt, was das Zeug hält und zu guter Letzt kann vielleicht noch eine Sammel-WhattsApp ein paar Grüße übermitteln, die wir schlicht vergessen haben. (hörbar als Radio-PodCast)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Meine Radio-Rezension

Einen ganzen, ellenlangen Brief mit der Hand zu schreiben ist wohl aus der Mode gekommen. Dabei hat genau dieses handschriftliche Schreiben eine ebenso schöne, wie romantische Tradition. Schreiben Sie mir, oder ich sterbelegt Zeugnis davon ab. Ein Buch und seine Hörbuchadaption als Liebeserklärung an das Briefeschreiben. Ich habe diesem Gesamtkunstwerk einen warmen Platz in meiner kleinen literarischen Sternwarte eingeräumt und nun kommt eine weitere Briefedition hinzu, die mich in den letzten Tagen gefesselt und berührt hat. „In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz, herausgegeben und kommentiert von Petra Müller und Rainer Wieland, öffnet diesmal Weihnachtsbriefe berühmter Männer und Frauen für unsere Augen. Als Buch im Piper Verlag erschienen, schließt sich nun die Hörbuchedition von Random House Audio an und lässt uns bewegende und berührende Zeilen hautnah erhören.

In meinem Weihnachtsstrumpf finden sich Dein Herz, Dein Körper, Deine Seele. (Jean Cocteau an Jean Marais)

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Ich habe gelesen und gehört. Bin tief versunken in Briefen, die nicht für meine Augen oder Ohren bestimmt waren und doch Zeugnis ablegen von Beziehungen, Lieben und Leidenschaften, von denen die Welt oft gar nichts erfahren durfte. Briefe voller Zartheit und Hoffnung. Briefe voller Zuneigung und Zuversicht. Jedoch auch Zeilen, von denen wir heute wissen, dass sie niemals in Erfüllung gingen. Ich reiche euch den Brieföffner für diese besondere Edition und zähle auf eure Verschwiegenheit. Wir treffen auf ganz besondere Menschen, die tiefe Spuren in unserem Lesen hinterlassen haben und zum Weihnachtsfest sollten wir an sie denken, weil sie ähnliche Wünsche hatten wie wir. Es ist ein Privileg des Lesens und Hörens, diese Zeitreise unter die Tannenbäume längst vergangener Epochen antreten zu dürfen. Folgt mir…

„Es ist schön, bedeutende Männer zu haben, und ich bin so froh, dass du einer bist!“

Was für ein Kompliment aus der Feder einer einzigartigen Frau. Liebe, Sehnsucht nach einem zweiten Kind und unendliche Zuversicht überstrahlen den Weihnachtsbrief von Zelda an ihren Mann Scott F. Fitzgerald. Wundervolle Worte, die sie ihm schrieb, als die wohl größte Liebesgeschichte der 1920er Jahre vor ihren Trümmern stand. Hier beginnt  Weihnachten 1931 die Zeit der Trennung und das dunkle Kapitel im Leben der Lebenskünstler wird aufgeschlagen. Nichts mehr von Himbeeren mit Sahne im Ritzund kaum noch eine Spur von „Für dich würde ich sterben“. Umso bewegender, den Weihnachtsbrief an eine große vergangene und unerfüllbare Hoffnung zu lesen und zu hören.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

„… ich hatte dich wirklich seit sieben Jahren unter meiner Haut und wollte nicht.“

So schreibt Erich Maria Remarque dem kleinsten und weichsten aller Nestvögelseines Lebens. Man mag es auch heute noch kaum glauben, wem diese Zeilen galten. Marlene Dietrich und Remarque verband eine fast lebenslange, wenn auch heimliche Liebe, deren Beginn in der Briefkollektion „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ für die Nachwelt enthüllt wurde. Später wurde „Die Dietrich“ für Remarque zur „Entglittenen“. Wie alles endete wissen wir heute. Ein Telegramm ans Sterbebett kam gerade noch an, bevor der Autor von „Im Westen nichts Neues“ die Augen schloss. 1937 jedoch hatte er den gewohnt wachen Blick auf das wohl ironischste Fest, das man so feiert. Er schließt mit den Worten:

„Sei gegrüßt, du Geliebte und geh nie von mir, du würdest mich zerreißen!“

Einen Hundebesuch zu Weihnachten beschreibt eine Schriftstellerin, die weltweit durch ihre Briefwechsel bekannt wurde. Helene Hanff. Die Radiobriefe aus New York an ihre Heimat England genossen Kultstatus. Zu Weihnachten nimmt sie die einfachen Verhältnisse ihres Lebens im Big Apple auf die Schippe, macht sich über den Versuch einer Baumschmückparty in ihrem Einzimmer-Apartment lustig und läutet damit schon fast das Zeitalter der Schlafcouch ein, die als Garderobe für die Besuchermäntel dient. Herrlich skurril. Herrlich auch, das Essen für die Gäste im gesamten Haus zu verteilen, weil nicht genug Platz in der eigenen Wohnung ist. Herrlich turbulent, was sie uns hier anvertraut. Die Autorin von „84, Charing Cross Road. Eine Freundschaft in Briefen“ war 1978 in wahrer weihnachtlicher Schreiblaune…

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Weihnachtsbriefe aus dem Gefängnis gab es auch. Nicht so lustig, nicht skurril und gar nicht weihnachtlich. Eher sehnend, hoffend und verzagend. Wer Rosa Luxemburg nur als ermordete Kämpferin für die Arbeiterklasse kennt, der sollte ihren Brief aus dem Jahr 1917 an Sophie Liebknecht lesen und hören. Wenn Schmerz hinter Gittern jemals spürbar wurde, dann hier. Rosa erzählt von einer Begegnung mit einem Büffel, der als Lastentier vor den Wagen gespannt wurde. Bestialisch gequält, missbraucht und doch nur still leidend. Ihr Blick auf das Tier wird zum Blick in ihre Seele. Sie schreibt den Riss in der Büffelhaut in unser Herz. Kein schönes Weihnachten. Zwei Heiligabende sollten ihr noch bleiben…

„Mutter, fall nicht in Ohnmacht… Ich komme für die Feiertage nach Hause, mit einem Mann und einem Motorrad.“

Dorothy L. Sayers schrieb einen Weihnachtsbrief, den meine Tochter nicht lesen sollte. Die Krimi-Autorin bereitet ihrer Familie 1922 eine besondere Überraschung und gerät beziehungstechnisch auf die schiefe Bahn. Sie begegnet einem mittellosen Mann, der nur ein Motorrad besitzt, schleppt ihn unter den Familien-Weihnachtsbaum und hat keine andere Erklärung als die Liebe auf den ersten Blick. Unter der Kategorie „Leben ist, was uns zustößt“ beinhaltet dieser Brief alles, wovor man seine Tochter schützen möchte. Nein. Ein Motorradfahrer kommt nicht ins Haus. Das steht fest. Das aus dieser Beziehung stammende Kind hat die Autorin übrigens bis ins hohe Alter verleugnet.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

Zahllose weitere Briefe ließen sich rezensieren. Von Tucholsky, bei dem zum Fest aus Waren Gaben werden, bis hin zu Jean Paul Sartre, der seinem Spitznamen Castor (fleißiger Biber) auch an Heiligabend alle Ehre macht reicht das Spektrum der Edition. Die Briefe zu lesen ist ein entschleunigendes Fest für die Augen. Sie anhören zu dürfen verleiht der Vergangenheit Flügel, die bis unter unseren Tannenbaum reichen. Claudia Michelsen und Devid Striesow entführen uns in die weihnachtlich geschmückten und herausgeputzten Stuben berühmter Frauen und Männer. Unter die Weihnachtsbäume längst vergangener Zeit legen sie ihre Stimmen als zeitlose Geschenke für ein frohes Weihnachtsfest von heute.

Frauen- und Männerbriefe legen Zeugnis ab von Leben, die lange gelebt, Lieben, die lange geliebt und Leidenschaften, die bis in die heutige Zeit überliefert sind. Liebe und Zuversicht strahlen aus einer Vergangenheit zu uns, die uns weit entrückt vorkommt. In einer Welt, die nur von Frieden träumt stellen wir fest, dass wir den Schreibern aus der längst vergangenen Welt vielleicht näher sind, als wir denken. Haben wir andere oder ganz neue Wünsche? Ich denke nein. Bleibt noch die Frage, wer in 100 Jahren unsere Briefe liest und wie man sie in unsere Zeit einordnet. Dies übernimmt im Hörbuch mit brillanter Stimme Christian Baumann. Die Zwischentexte, die mehr als nur einordnen und moderieren, sind das Salz in der Buchstabensuppe dieser Hörbuchbriefe.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

16 Briefe sind im Hörbuch zu hören. 41 Briefe befinden sich im Taschenbuch. Es ist das perfekte Weihnachtsgeschenk für bibliophile Menschen, die alle Sinne für das Besondere öffnen können.

In meinem Weihnachtsstrumpf dein Herz – Einzigartige Briefe

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“Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ von John Green

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

Oh nein. Das kann nicht funktionieren! Das wäre meine klare Aussage gewesen, wenn man mich gefragt hätte, ob der neue Roman von John Green mit dem Titel Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken ein neuer Meilenstein unseres Lesens werden könnte. Allein die Inhaltsangabe ließ schon vermuten, dass es hier um bereits tausendfach beschworene Klischees im Konflikt zwischen Arm und Reich geht, dass erneut die Geister einer Liebe durch ein Buch getrieben werden, die durch soziale Unterschiede unmöglich erscheint. Junge Frau trifft auf Milliardärssohn, dessen Vater sich aus Angst vor Strafverfolgung aus dem Staub gemacht hat, seine beiden Jungs auf dem Berg ungelöster Probleme in einer Welt zurücklässt, in der man sich alles kaufen kann. (Weiterhören: hier…)

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken – Die Rezension fürs Ohr. Ab 06.12. verfügbar…

Nein, dachte ich. Das geht nicht. Das hatten wir schon so oft. Dann auch noch das Mädchen mit einer psychischen Zwangsstörung auszustatten, ihr eine Freundin an die Seite zu stellen, die wie eine Hochgeschwindigkeits-Vorstadtdampfwalze durchs Leben rollt und beim ersten pseudo-romantischen Aufeinandertreffen der so unterschiedlichen Protagonisten den gemeinsamen Blick in den Sternenhimmel schweifen zu lassen, um dabei festzustellen, dass die Sterne vielleicht gar nicht mehr existieren, weil ihr Licht so lange unterwegs ist, dass man am Himmel nur die Vergangenheit sieht. Oh nein. Zu oft wurde dieses Bild bemüht, zu oft tobte sich ein Roman zwischen Reichtum und Armut aus. Ich hätte diesem Roman keine Chance gegeben.

Fieser Verräter und Fiese Gedanken von John Green

Dazu kommt noch, dass ich eine gewisse Hazel Grace im Herzen trage, die mir vor gar nicht langer Zeit von eben jenem John Green in seinem Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ in eben dieses Herz gebrannt wurde und die seitdem wie eine nie heilende Lesewunde auf meinen Gefühlen lastet. Selten hat mich eine Frauengestalt in der Literatur so nachhaltig bewegt, berührt und zum Weinen gebracht. Ihr „Okay“ hallte noch in mir nach, als ich nun Aza Holmes begegnete. Aza musste eine innere Barriere überwinden, um jenseits meiner Erinnerungen an Hazel Grace von mir wahrgenommen zu werden. Aza. Nein. Ich hätte ihr keine Chance gegeben. Ich hätte wohl gesagt, dass diese Story nicht funktionieren kann. „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ wäre wohl nie in meinem Lesen aufgewacht.

Ich las dieses Buch nur unter Vorbehalt. Begann in ein Leben einzutauchen und ein junges Mädchen zu verstehen, das mit sich und seinem Körper nicht im Einklang steht. Ich lernte von Seite zu Seite ein gleichsam zerbrechliches wie schützenswertes und in jeder Beziehung zerrissenes Schicksal kennen, dem ich von Seite zu Seite betroffener folgte. Aza. Ein von ihrem Vater bewusst gewählter Vorname, der das ganze Alphabet umfasst, um ihr zu zeigen, dass sie alles sein kann. Aza, die ihren Körper nicht als das empfindet, wie wir uns empfinden, sondern als gefährliche Ansammlung von Bakterien, die sich im ständigen Überlebenskampf gegen eine feindliche Umwelt befinden. Angst. Das ist die Überschrift, die ihr Leben dominiert. Angst vor Infektionen, Krankheiten und damit auch gleichzeitig die krankhafte Unfähigkeit, sich anderen Menschen gegenüber körperlich zu öffnen. Und Küsse oder Berührungen sind da zum Beispiel gar nicht drin.

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

Was John Green aus den unmöglichen und verbrauchten Ausgangssituationen macht, ist ein kleines literarisches Wunder. Als würde er mit seinen Lesern spielen, als wäre er sich von Vorneherein jeder Kritik bewusst, zaubert er aus Perspektivwechseln und Dialogen eine völlig klischeefreie Atmosphäre in seinen Roman, die der Interaktion der beiden Hauptcharaktere eine Plattform bietet, ihr Schub verleiht ohne dabei kitschig oder vorhersehbar zu sein. Die beginnende Romanze zwischen Aza Holmes und dem Milliardärssohn Davis wäre dankbar, wenn ihr nur die sozialen Unterschiede der beiden jungen Menschen im Wege stünden. Aber erste Gefühle, Zuneigung und Lust ohne die Möglichkeit, Aza berühren zu dürfen stellt Davis auf eine weitere Probe. Auf eine, die er im Moment eigentlich gar nicht brauchen kann.

Wie er damit umgeht, welchen Raum er Aza lässt, wie die beiden frisch Verliebten in diesem Spannungsfeld das Leben des Anderen wahrnehmen und respektieren, das ist einer der lesenswertesten Aspekte dieses Romans. John Green bleibt auf dem Niveau seines erfolgreichen Schicksals-Romans ohne sich oder seine Protagonisten dabei zu verraten. Seine Dialoge sind brillant, die Empathie gegenüber seinen Charakteren fügt sich in die emotionale Achterbahnfahrt des Lesers ein, wie ein Gefühlskokon, dem man nicht entkommen will. Die Schlichtheit der jugendlichen Gedanken seiner Protagonisten erreicht in seinem Schreiben einen Tiefgang, der sich im Herz der Leser verankert. In alle Hoffnungslosigkeit auf eine gemeinsame Zukunft bricht John Green mit Worten ein, die wir so schnell nicht mehr vergessen.

„Sie sagte… Der Meteoritenschauer findet statt, über den Wolken, auch wenn wir ihn nicht sehen. Wen interessiert, ob sie küssen kann? Sie kann durch die Wolken sehen.“

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green – Mit Wendecover

Gedanken sind Bakterien. Sie sind fies, kreisen im Körper und im Geist und sind nicht so leicht zu therapieren. Sie ziehen Menschen in Strudel, aus denen sie sich nicht mehr befreien können. Zwangsstörungen haben ihre eigenen Gesetze, Verständnis gehört in den seltensten Fällen dazu. Aza Holmes will aus dieser Spirale ausbrechen. Sie will es nicht akzeptieren, dass ihr Leben nicht von ihr selbst gelebt werden kann. Sie will jenen fiesen Gedanken, die sie schlaflos machen die Stirn bieten. Sie will aus den Metaphern fliehen, die ihr Denken fesseln. Davis gewährt ihr einen Blick in den Sternenhimmel, er erhält im Gegenzug einen Einblick in die selbstzerstörerische Welt der Aza Holmes. Im Kosmos der beiden jungen Menschen sind es die Spiralnebel der Psyche, die sich mal lichten und mal über sie senken. Starke Bilder von John Green begleiten unser Lesen.

Wer „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ gelesen oder gesehen hat weiß, dass Happy Ends nicht unbedingt die Sache von John Green sind. Wer seine Vita kennt, weiß, dass seine eigenen inneren Kämpfe von miesen Verrätern und fiesen Gedanken bestimmt sind. Spätestens seit Hazel Grace wissen wir, dass John Green uns nicht aus einer Tragödie herauszaubern kann oder will. Seine Botschaft ist eine andere. Er führt uns intensiv in die Lebenswahrheiten und Gedanken anderer Menschen ein, mit denen wir nicht tauschen wollen. Wir sollen sie nur verstehen. Und das ist in der heutigen Zeit schon so viel…

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

„Das Schlimme ist, wenn die Kreise Kurve um Kurve enger werden. Wenn du in einen Strudel gezogen wirst, der immer kleiner wird, immer enger, bis du nur noch auf der Stelle drehst, wie in einer Gefängniszelle, die genau deine Größe hat, bis du irgendwann merkst, dass du nicht in einer Zelle bist, sondern du die Zelle bist.“

Oh doch. Es funktioniert. Sehr sogar. Es sind keine fiesen Gedanken, die nach dem Lesen bleiben. Es sind unvergessliche Metaphern für das Leben, die uns begleiten. Es sind eine Wiese, die Liebe zu einem Auto, ein verletzter Daumen und der Wechsel der Perspektive im Raum-Zeit-Gefüge, mit denen John Green begeistert. Lichtjahre werden hier zu einem Sehnsuchtsmoment, der nicht in Zeit aufgewogen werden kann.

Wer sich dafür interessiert, warum sich der Hanser Verlag für Titel „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ entschieden hat, dem sei dieser Link empfohlen. „Turtles All The Way Down“ hat seinen tieferen Sinn, der sich im deutschen Sprachraum jedoch kaum erschließt. Eine gute Wahl. Ebenso gut, wie die Buchgestaltung selbst. Die Erstauflage ist limitiert, die Bücher sind nummeriert und mit einem Wendecover versehen. Mehr als gelungen! Was bleibt ist eine aufrichtige Leseempfehlung und der Hinweis für all jene, die sich mit Hazel Grace verbunden fühlen. Aza Holmes, wird euer Lesen verändern.

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Ist das nicht ein Buchtitel, der so richtig neugierig macht? Ist das nicht herrlich und skurril, alleine nur über diese Behauptung nachzudenken? „Ich war Hitlers Trauzeuge“ von Peter Keglevic lässt uns schon bei dieser biografisch anmutenden Schlagzeile tief in unserem historischen Gedächtnis kramen, ob wir da was verpasst haben, oder ob es sich bei diesem Roman tatsächlich um eine weltbewegende Entdeckung handelt. Ist ja nicht so, als hätte es Hitlers Tagebücher nicht gegeben. So intensiv wir auch grübeln, nein, von den letzten Zeugen, die den größenwahnsinnigen Diktator in seinem Bunker erlebt haben, hat niemand diese Behauptung aufgestellt, die Verbindung zwischen Eva Braun und Adolf Hitler formal bezeugt zu haben. Also für die Nachwelt und so.. (hören)

Ich war Hitlers Trauzeuge – Ab sofort auch als Radio-PodCast-Rezension zu hören

Also kann es sich doch hier nur… Ja, es kann sich nur um Satire handeln. Wobei die Verniedlichung „nur“ schon ins Leere greift. Wissen wir doch spätestens seit Timur Vermes und „Er ist wieder da“, wie geeignet die Kunstform Satire sein kann, um einer menschenfeindlichen Ideologie die Maske vom Antlitz zu reißen. In der guten Tradition eines Charles Chaplin, der sich in seinem Film „Der große Diktator“ zu Lebzeiten des zu persiflierenden Ebenbildes über die Nazi-Ideologie, den aberwitzigen Pathos und die brutale Fratze hinter dem äußeren Schein des Nazi-Regimes lustig gemacht hat. Lustig im Sinne von intelligenter Überzeichnung und bildhafter Entblößung der Verblödung in einem Land, das die Welt spätestens seit 1939 in Angst und Schrecken versetzte.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Die Messlatte für stilsichere und intelligente Satire hängt also hoch. So hoch, dass ihre Überquerung nur dann gelingen kann, wenn man die Täter und Opportunisten trifft ohne dem Andenken der zahllosen Opfer Schaden zuzufügen. So hoch, dass satirische Volltreffer nur gelingen können, wenn jedes aufkommende Lachen schon im Erkennen seiner Absurdität im Halse steckenbleibt. So hoch, dass man sich gut unterhalten fühlt und trotzdem auf jeder Seite erkennt, dass diese Unterhaltung das wirksamste Antidot gegen Kadavergehorsam, Verblendung und Rassenhass ist. Unterhaltung um die Ecke herum, indirektes Lernen, Lachen als Befreiung vom Wahnwitz. Das ist eine Messlatte, die übersprungen werden muss. Nur Intelligenz hilft gegen kollektive Verdummung.

Peter Keglevic überspringt diese Höhe mit Ich war Hitlers Trauzeuge auf Anhieb ohne sich dabei auch nur den kleinsten technischen Fehler im Anlauf, beim Absprung oder bei der Landung zu erlauben. Er gestaltet einen Erzählraum, der zugleich abstrus als auch authentisch ist, weil es genügend reale Szenarien für seine fiktive Geschichte gibt, die es denkbar machen, dass es so hätte sein können. Erinnern wir uns einfach an die Olympischen Spiele, die Reichsparteitage, den zelebrierten Führerkult, die Berichte in den Wochenschauen und die damals handelnden Größenwahnsinnigen. Warum also nicht? Warum nicht einen Lauf für den Führer erfinden? Warum nicht das Motto „1000 Kilometer für das tausendjährige Reich“ in die Welt setzen? Und warum nicht einige der besten Läufer ihrer Zeit durch Nazi-Deutschland laufen lassen, damit der glorreiche Sieger das Privileg hätte, seinem Diktator in Berlin persönlich zu dessen 56. Geburtstag zu gratulieren.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Genau hier legt Peter Keglevic los. Hier startet er mit seiner brillanten Idee durch und lässt seinen Protagonisten Harry Freudenthal in einem erlesenen Feld von Läufern für den Führer durch das Deutsche Reich im April 1945 laufen. Tja. Dumm nur, dass sich die Laufstrecke von Berchtesgaden nach Berlin an einer durch die Alliierten entstellten deutschen Geographie zu orientieren hat. Überall ist der Feind auf dem Vormarsch, nie kann man sich sicher sein, ihm nicht quasi in die Arme zu laufen und einige Städte, die man gerne auf der Route gehabt hätte, existieren gar nicht mehr. Aber egal. Hier gilt es Durchhaltewillen zu zeigen und ebensolche -parolen in die Welt zu setzen. Und wer ist besser geeignet als die Reichsfilmproduzentin Leni Riefenstahl, um dieses Ereignis in bewegten Bildern festzuhalten. Nach dem Olympia-Film 1936 ihr nächstes Großprojekt für die Wochenschau des untergehenden Reiches.

Peter Keglevic bedient sich aufs Köstlichste an den realen Figuren dieser Epoche. Die Besetzung für seinen Roman-Film reicht von Josef Goebbels über Eva Braun bis zu Adolf Hitler selbst. Seine Statisten rekrutiert er aus der Masse derer, die das Rückgrat der Diktatur bildeten. Der Bund Deutscher Mädel, die Wehrmacht, die Hitlerjugend und die SS organisieren, unterstützen und überwachen den Lauf. Das gebeutelte Volk stellt die Kulisse dar und der Feind wird maximal ignoriert und geleugnet. Brillant, was hier so plausibel inszeniert wird. Genial, was Peter Keglevic hier aufbietet um seinen Roman in Schwung zu bringen und grandios, wie er in der Überzeichnung der braunen Werte des Nazi-Regimes die Absurdität der Ideologie in Großaufnahme zeigt.

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Intelligente Satire mit Tradition

Was Keglevic hier wirklich erzählt wird schnell klar. Harry Freudenthal ist ein UBoot das in diesem Roman an der falschesten Stelle auftaucht. Ein untergetauchter Jude, in ständiger Angst vor Entdeckung und in ständiger Lebensgefahr sieht nur eine Chance, sein Leben zu retten, indem er unter dem Namen Paul Renner um sein Leben läuft. Er hat genau 1000 Kilometer Zeit um sich zu überlegen, was ihn am Ziel erwartet. Aus der Perspektive des Verfolgten durchlaufen wir das Dritte Reich der letzten Kriegswochen. Gefangen in Pathos und Blindheit, schicksalsergeben und auf Wunderwaffen hoffend, erleben wir das letzte Aufbäumen der bereits Geschlagenen. Und während Renner um sein Leben rennt, blickt er zurück auf die Zeit seiner Flucht. Zeigt uns deutlich, was es hieß Jude zu sein. Entrechtet und entmenschlicht zu werden. Sein Blick ist ruhelos und geschärft, wenn er aus dem Lauf heraus das Finale des Regimes betrachtet. Ihm und seinen Mitläufern begegnen Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge auf Todesmärschen, Kinder am Rande der Gesellschaft, alte Männer im Volkssturm, Opfer von Lynchjustiz und er sieht Städte, die dem Untergang geweiht sind.

Und doch scheint die Verblendung der Verblendeten ungebrochen. BDM-Mädels folgen ihren nationalistischen Treiben und tanzen den Reigen der Treue. Nazi-Bonzen schmücken sich mit ihren Orden, nur um sie beim Auftauchen des Feindes abtauchen zu lassen. Und Leni Riefenstahl, die Reichsgletscherspalte filmt sich einen Wolf, um auch mit diesem Jahrhundertprojekt unsterblich zu werden. Wien im Wandel der Zeit ist die Heimat von Harry Freudenthal. Der Berghof in Berchtesgaden ist die Geburtsstunde von Paul Renner. Der Führerbunker in Berlin wird das Ziel eines Wettrennens, das nur gewonnen werden kann, wenn man das Undenkbare wagt. Doch vorher bewahrheitet sich der Titel dieses Romans… „Ich war Hitlers Trauzeuge

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Aktives Lesen und Hören sind die Säulen auf denen der Roman ruht. Nichts ist hier bedeutungslos, überall begegnen wir realen Begebenheiten, die in ihrer Skurrilität kaum zu übertreffen sind. Unitiy Mitford wird von Hitler aus einer Liste jener Frauen entfernt, die sich für ihn oder wegen ihm erschossen haben. Aus dem Foxterrier Levi wird auch hier bei den Tötungsaktionen gegen „jüdische Haustiere“ der legendäre Sirius und so wird man in und zwischen den Zeilen zahllose Anspielungen finden, die diesen Roman so lesenswert machen. Und doch erzählt er bei aller Satire eine große Geschichte von Heimat und Flucht. Von Sentimentalitäten-Automaten, in die man nur eine Erinnerung einwerfen muss, damit die Tränen kommen. Von unerfüllter Liebe, Begehren und einer tiefen Trauer um all jene, die sinnlos sterben mussten. Wien, Berlin und Paris stehen in einer Reihe der Brennpunkte des Widerstandes und der Kollaboration. Die Strecke des Laufs für den Führer ist der zeitlose Abgesang auf den braunen Pathos.

Dieser Roman hat keine Halbwertzeit. Er wird sich zum Klassiker intelligenter Satire erheben und sein Ziel erreichen. Lachen machen, bis die Tränen kommen. Es sind die bitteren Tränen der Erkenntnis, die er hervorbringt. Ein Nachgeschmack, den man nie wieder gerne schmecken möchte. Ich bin freudig in der gebundenen Fassung aus dem Knaus Verlag gelaufen. War dankbar für die Skizze der Laufroute in wertiger Ausgabe. Und ich bin Matthias Koeberlin und Hans Zischler in der vollständigen 19-stündigen Hörbuchfassung durch Deutschland gefolgt. Unfassbar, was sie stimmlich bieten. Vom wehmütigen Rückblick, vom sarkastischen Unterton bis hin zur Wochenschau-Stimme, ihr Vortrag ist fesselnd und erreicht eine Wucht, die dem Roman gerecht wird. Dies ist keine Odyssee durch das Deutsche Reich. Dies ist eine satirische Hypothese, die uns zum Grübeln bringt. Wenn es diesen Lauf gegeben hätte, und Paul Renner als Sieger auch noch als Trauzeuge herhalten musste, wer hat dann im Berliner Führerbunker den letzten Schuss abgegeben. Neugierig? Lesen und hören!

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic

Bücher im Dialog mit „Ich war Hitlers Trauzeuge:

Er ist wieder da“ – Timur Vermes
Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ – Michaela Karl
Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ – Oliver Hilmes
Sirius“ – Jonathan Crown

Hintergründiges finden Sie in meinen Interviews mit Oliver Hilmes und Michaela Karl

Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic – Bücher im Dialog

„Dann schlaf auch du“ von Leïla Slimani – Prix Goncourt 2016

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Erneut hat sich gezeigt, dass der französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ein herausragender Gradmesser und Indikator für gute Bücher ist. Ich habe einige der Werke gelesen, die mit diesem (immerhin mit symbolischen 10 Euro dotierten) Preis in unserem Nachbarland ausgezeichnet wurden und habe mein Lesen niemals bereut. In diesem Jahr stürmt der letztjährige Sieger die deutschen Bestsellerlisten und auch hier ist es so, dass man nur konstatieren kann: Chapeau – Hut ab. [weiterhören]

Dann schlaf auch du – Meine Radiorezension für Literatur Radio Bayern – Hier klicken

Leïla Slimani gilt derzeit als die aufsehenerregendste Schriftstellerin Frankreichs. Die Autorin mit französisch-marokkanischen Wurzeln wuchs in Rabat auf und kam erst im Alter von siebzehn Jahren nach Paris, studierte an einer Eliteuniversität, begann im Bereich des Journalismus ihre ersten deutlichen Spuren zu hinterlassen und wurde im Jahr 2016 für ihren psychologischen Thriller „Chanson Douce“ mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Im Sog dieses Prädikates folgte die Veröffentlichung des Romans in 30 Ländern weltweit und jetzt hat uns diese Story auch erreicht. Im Titel geht es in der deutschen Übersetzung von Amelie Thoma nicht um ein Chanson, erinnert uns jedoch stark an eine Kinderliedzeile, die den Roman in seiner Gänze umfasst. LaLeLu.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Dann schlaf auch du“. Unzählige Kinder dieser Welt sind bei diesen Worten sanft in die süßesten Träume entschlummert. Eine behütete Kindheit und ein Elternhaus voller Zuwendung und Wärme sind sicher die ersten Assoziationen, die wir mit diesen Zeilen verbinden. Doch nichts davon finden wir im Roman von Leïla Slimani wieder. Ich habe mich der Geschichte, die sie erzählt, abwechselnd lesend in der gebundenen Fassung aus dem Luchterhand Verlag und hörend in der Hörbuchadaption von Der Hörverlag gewidmet.  Zwei augen- und ohrenscheinlich unterschiedliche Wege, die jedoch in sich so sehr zur Stimmung und meinen Gefühlen passen, die mich in diesen Stunden ereilt haben.

Es ist kein leichtes Thema, mit dem sich Leïla Slimani intensiv auseinandersetzt. Ganz besonders, wenn der Leser oder Hörer selbst Kinder hat, ist es unmöglich, dem Inhalt emotionslos zu folgen. Lesend hatte ich noch die Chance, mich manchmal doch ein wenig zurückziehen zu können, die nächste Seite nicht aufzuschlagen, um einfach nicht zu erfahren, was geschieht. Hörend war es fast nicht machbar, dem Erzählstrom von Constanze Becker zu entfliehen. Sie verleiht der geradlinigen Sprachmelodie der kurzen und prägnanten Sätze aus der Feder von Leïla Slimani eine Dynamik, der man sich kaum entziehen kann. Dabei liest die Hörbuchsprecherin fast quälend emotionslos und ich denke, nur so kann man dieses Buch in seiner Audiofassung präsentieren. Hier wäre ein „Mehr“ an Gefühl deutlich zuviel gewesen.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Leïla Slimani schreibt in diesem Stil. Fast schon versachlicht, neutral. Ihre Sicht auf die Geschichte ähnelt der eines Chronisten auf einem Feldherrenhügel, der unter sich den tausendfachen Tod und seine Konsequenzen beschreibt. Das Gefühl überlässt sie dem Leser. Na besten Dank auch. Dieser literarische Kunstgriff in meine Psyche ist der Autorin mehr als gelungen. Beschreibt sie doch das schlimmste Drama, das Eltern sich nur vorstellen können. Beschreibt sie doch schon auf den ersten Seiten des Romans im schonungslosen Klartext den Doppelmord an zwei Kleinkindern. Ein Roman, der quasi auf dem Seziertisch der Ermittler beginnt. Kindsmord. Schwer zu begreifen.

Was uns Leïla Slimani im Mittelpunkt von Dann schlaf auch duallerdings erzählt ist zutiefst menschlich, psychologisch, empathisch und nicht zuletzt französisch.

Menschlich ist es, weil in der Ausgangssituation klar wird, wie das typische Leben von Eltern verläuft, wie die Rollenverteilung zumeist aussieht und was dies für eine Mutter bedeutet. Ihr fehlen die Kontakte, sie hat nur noch Gesprächsstoff, der sich um Kinder und Windeln dreht und beruflich fällt sie ins Niemandsland zurück, während der Vater in seinem Leben außerhalb der Familie weiter Vollgas geben kann. Myriam kehrt in ihren Beruf als erfolgreiche Anwältin zurück. Realisierbar ist dieser Schritt jedoch nur, weil sie ihre beiden kleinen Kinder Adam und Mila einer Nanny anvertraut.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimanim

Psychologisch ist es, weil schon hier der Balanceakt zwischen Selbstverwirklichung und Familie offen zutage tritt. Psychologisch ist es, weil das schlechte Gewissen einer Mutter auch durch ein Kindermädchen nicht beruhigt wird. Aber geradezu verstörend in seiner Wucht ist es, weil die Perspektive der Nanny eine grausame Dimension erreicht, die alle Fragen aufwirft, wem man eigentlich vertrauen kann. Eigentlich entspricht das Kindermädchen Louise dem Idealbild einer Nanny. Sie steht mitten im Leben, ist selbst Mutter und sie wird in kürzester Zeit von den Kindern vergöttert. Louise macht sich für die kleine Familie unersetzlich, sie ist helfende Hand, liebevolle Erzieherin und hält den zunehmend gestressten Eltern den Rücken frei.

Empathisch ist es, weil Leïla Slimani tief in das Leben und die Psyche von Louise und ihre Situation eintaucht. Während ihre eigene Existenz ins Schlingern gerät und sie nur noch in ihrer Rolle als Kindermädchen einen Ausweg sieht, beginnt ein schonungsloser Revierkampf, um diese Position zu festigen und zu erhalten. Es fällt nicht schwer, sich mit Louise und ihrer Rolle zu identifizieren. Es fällt nicht schwer zu erkennen, wie sehr sie zu kämpfen hat. Und es fällt nicht schwer, ihre Torschlusspanik nachvollziehen zu können. Nur wir Leser sind dazu in der Lage. Dieses Privileg gewährt uns die Autorin. Und doch schreien wir innerlich in den Momenten auf, in denen die Eltern zu blind und zu egoistisch sind, um die Warnzeichen einer Fehlentwicklung zu erkennen, die fatale Konsequenzen haben sollte.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Französisch ist es, weil Leïla Slimani die speziellen sozialen Rahmenbedingungen in diesen Roman einfließen lässt, die in der französischen Gesellschaft eine große Rolle spielen. Illegale Arbeitskräfte aus den ehemaligen Kolonien, Frauen ohne Papiere, die dazu gezwungen sind, in reichen Haushalten auf die verwöhnten Kinder aufzupassen und dabei doch ständig in der Gefahr der Abschiebung leben. Abhängigkeit in jeglicher Beziehung ist die Folge. Der Alltagsrassismus rückt in den Vordergrund. Louise jedoch hebt sich deutlich von ihren illegalen Kolleginnen ab. Umso schlimmer ist es für sie, am Rand der Gesellschaft leben zu müssen. Das gibt ihrem Kampf eine besondere Note.

Leïla Slimani frisst sich multiperspektivisch in ihren Roman hinein. Ich hatte nicht eine einzige Chance, ihr zu entkommen. Wenn ich das Buch schloss, drehte mein Kopf durch. Hilflos verfolgt man den Verlauf der Schlinge, die sich immer enger zieht. Wenn ich Constanze Becker im Hörbuch eine Pause gönnte, so revanchierte sie sich nicht bei mir. Ihre Stimme schien immer weiterzuerzählen. Unaufhörlich und extrem eindringlich. Es ist ein unwiderstehlicher Sog, den dieser Roman entfaltet. Es ist die schonungslose Wahrheit, die er akribisch genau erzählt. Und es ist eine bittere Erkenntnis, die auf den letzten Seiten Besitz vom Leser ergreift. Lesen und hören. Mein Königsweg durch eine Geschichte, die noch lange in mir toben wird.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani

Alessandro Baricco – „Die junge Braut“

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Was habe ich nicht schon alles mit Alessandro Baricco erlebt! Ich bin mehrmals in meinem Leben mit ihm nach Japan gereist, um Seidenraupen zu erstehen, obwohl mir völlig klar war, dass die Augen eines jungen Mädchens der eigentliche Grund für diese Fluchten war. Ich habe mit ihm ein Schiff betreten, auf dem ein Ozeanpianist die Musik neu erfand und sich doch nicht traute, jemals an Land zu gehen. Ich habe mit ihm und einem gewissen Mr. Rail kilometerlange schnurgerade Eisenbahnstrecken konstruiert, um der Lokomotive Elisabeth im Land aus Glas die größtmögliche Geschwindigkeit zu ermöglichen. Ich habe mich in einer Pension am Oceano Mare eingemietet, um einen Maler zu beobachten, der das Meer täglich mit Ozeanwasser zu malen beginnt. Ich war Zeuge einer legendären Boxkampf-Reportage in einer City, die sich jeder literarischen Kategorie entzog. (Weiterhören…: hier)

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Ich konstruierte mit ihm eine Autobahn, die nur den Sinn hatte, einen Lebensweg in die Landschaft zu kopieren, um eine verlorengeglaubte Prinzessin wiederzufinden. Ich listete mit Mr. Gwyn genau 52 Tätigkeiten auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedachte um sich auf seine neue Profession vorzubereiten. Portraits zu schreiben. Ich stürzte vor den Augen der Geschäftsfreunde Smith & Wesson in einem Holzfass die Niagarafälle herab, nur um am Ende jenes freien Falls mit einer Schießbude über die Jahrmärkte in den Dörfern zu ziehen. Ich zog mit ihm durch unzählige einzigartige Welten, begegnete dabei Romanfiguren von einer literarischen Strahlkraft, die ihresgleichen sucht, befreite mich vom strukturierten Denken und erweiterte meinen Horizont und hielt mich oftmals an Worten fest, die durch ihn einen völlig neuen Sinn erhielten. Ich sehe heute noch mit meinem geistigen Auge Grabsteine, die nur die Inschrift „Ach“ tragen, denke oft an ein leeres Schmuckkästchen, das die Rückkehr eines geliebten Ehemannes ankündigt und weine still vor mich hin, wenn ich die Zeilen „Komm zurück Fremder, oder ich sterbe“ lese.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich habe in, durch und neben seinen Romanen junge Mädchen kennengelernt, die mein Leben verändert haben, und kann mich mit jeder Faser meines Herzens an jeden Satz aus seiner Feder erinnern, der meinen eigenen Weg so treffend beschreibt. Jedes neue Buch von Alessandro Baricco erscheint mir wie ein Schatz, den ich vielleicht gar nicht verdient habe. Jedes neue Buch aus seinem kreativen Gedankenatelier stellt eine Herausforderung für mich dar, der ich aktiv gerecht zu werden versuche. Dabei sind mir seine Stilmittel inzwischen so vertraut, dass ich einen Baricco hundert Kilometer gegen den Bücherwind erkenne. Seine Listen und Aufzählungen sind geradezu legendär. Die Melodie seiner Geschichten gleicht avantgardistischen Kompositionen, die niemals nur Schlager sind, immer jedoch unvergessliche literarische Ohrwürmer voller Tiefgang.

Mit zitternder Hand und pochendem Herzen betrachtete ich sein neues Buch Die junge Brautsehr lange, bevor ich es wagte, die heiligen Hallen seines Schreibens zu betreten. Ehrfürchtig und auf wirklich alles gefasst, erinnerte ich mich an jene Momente meines Lebens, die durch seine Romane geprägt wurden. Sollte dies auch einer dieser magischen Augenblicke werden? Sollte mir auch hier ein Mädchen begegnen, dem ich lebenslang verfalle? Sollte ich auch in diesem Buch Zitate entdecken, die ich in meinen Notizbüchern der wichtigsten Zitate meines Lebens eintragen würde? Sollte es so sein, wie es immer war? NEIN… Diesmal war es anders.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Romane von Alessandro Baricco entziehen sich für mich jeglicher Norm für eine Rezension im eigentlichen Sinne. Ich mag nicht über den Inhalt schreiben, weil sich gerade diese kreativen und ungewöhnlichen Geschichten für jeden geneigten Leser in einer ganz eigenen Art erschließen. Darüber hinaus entfalten sie ihre Wirkung in einer literarischen Dynamik, die es anschließend wenig sinnvoll erscheinen lässt, sie auf den kleinsten gemeinsamen inhaltlichen Nenner zu verdampfen. Für mich gilt es hier meine Gefühle zu beschreiben, meinen Assoziationen freien Lauf zu lassen und festzuhalten, wie mir „Die junge Braut“ auch noch in zehn Jahren in Erinnerung bleiben wird. Wenn es mir dann gelingen sollte, die pure Neugier auf diesen Roman zu wecken, ohne dabei vorwegzunehmen, was zwingend vorenthalten bleiben muss, dann bin ich wahrlich der glücklichste Literaturblogger der Welt.

Wenn mein Blick in einigen Jahren auf dieses Buch fällt, dann werden Bilder in mir lebendig, die sich schon nach wenigen Stunden in meinem Herzen eingebrannt haben. Wenn ich dann an diesen Buchtitel denke, werde ich mich auch daran erinnern, warum dieser Roman so anders ist, als all die zuvor gelesenen von Alessandro Baricco. Dann werde ich an Begegnungen in der Geschichte denken, die mich nicht mehr losgelassen haben und ich werde erneut zu Gast im wohl ungewöhnlichsten italienischen Haushalt sein, der mir in meinem Lesen bisher begegnet ist. Und ich werde erneut nachdenken, warum mir das Originalcover (das in allen anderen europäischen Ländern das Buch ins Auge des Betrachters rückt) besser gefällt, als die augenlose Silhouette der deutschen Ausgabe von Hoffmann und Campe. Vielleicht ist es so, weil „Die junge Braut“ in jeder Beziehung der bisher erotischste und obsessivste Roman des italienischen Autors ist.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ja, sie scheint auf den Mund reduziert zu sein: Die Junge Braut. Für mich jedoch wird sie immer mehr als das sein, obwohl diese Fokussierung der Geschichte sehr wohl entspricht. Namenlos ist das Mädchen, versprochen und zur Hochzeit bereit, als sie im Haus der Familie ihres Bräutigams erscheint. Namenlos ist auch die Überraschung, da man augenscheinlich nicht mit ihrem Erscheinen gerechnet hat. Alles ist verabredet, es könnte so einfach sein und eigentlich sind alle da: Die unfassbar schöne Mutter, deren Ausstrahlung einem geheimen erotischen Universum gleicht; der herzkranke Vater, der gar kein Vater ist; die Tochter des Hauses, die nur im Sitzen oder Liegen schön ist und der Onkel, der sich in einem Zustand des Dauerschlafens befindet . Einzig der Verlobte fehlt. Spurlos fast. Ein Telegramm soll helfen. Doch was nur tun mit der jungen Braut?

„So wurde sie ein Teil des Hauses, und dort, wo sie sich in ihrer Vorstellung als Ehefrau hatte eintreten sehen, fand sie sich jetzt als Schwester, Tochter, Gast, willkommene Anwesenheit und Dekoration.“

Niemals werde ich diesen Haushalt vergessen. Niemals jene vier Regeln, die für das komplexe und immer gleich verlaufende Leben seiner Bewohner stehen. Regeln, deren tiefer Sinn nur darin zu bestehen scheint, die Ängste der Familie im Zaum zu halten. Es fällt der jungen Braut schwer, alles zu begreifen, sich auf alles einzulassen und letztlich auch zu warten, bis der Sohn zurückkehrt, sollte dies je der Fall sein. Unvergessen, die Zeichen für sein baldiges Erscheinen. Unvergessen das erotische Knistern, das von der jungen Braut Besitz ergreift und tief in mein Herz gebrannt die Irrwege, denen sie folgt, um ihr Ziel zu erreichen. Zu viel hat es sie gekostet, hier zu sein. Zu viel hat sie riskiert. Unvorstellbar, wenn es jetzt nicht zur Ehe käme. Alles wäre verloren.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Ich sehe die junge Braut, ihren Mund und ihre schlanke Figur noch immer durchs Haus schleichen. Ich fühle alle Berührungen, die sie erfährt und die sie gewährt. Ganz beiläufig scheinbar nähert sie sich den großen Geheimnissen der Familie. Sie wird mit allen vertraut und doch gelingt das Trauen nicht, weil einer fehlt. Der rote Faden einer obsessiven Leidenschaft zieht sich durch diesen Roman wie die Spur einer erotischen Selbstzerfleischung. Jede Flucht, jeder Hauch und jede Berührung öffnen einen neuen Zugang, neue Perspektiven auf die Geschichte und geben Anlass für Spekulationen. In diese inhaltlich dichte Atmosphäre dringt von Seite zu Seite ein in literarischer Hinsicht anarchisch wirkender Aspekt in den Vordergrund. Wer erzählt hier eigentlich? Warum wechselt die Erzählstimme plötzlich vom neutralen „sie“ ins persönliche „ich“?

Mit einem Donnerhall der Erkenntnis reift im Leser ein Gedanke, was Alessandro Baricco hier wagen könnte. Eine erste Spur, ein leises Aufflammen eines Gedankens und dann die Wucht des Erkennens sind Wesensmerkmale des Lesens. Jemand dringt ins Innerste des Buches ein und bemächtigt sich unserer Seele. Aus einer Geschichte werden zwei und aus zwei Geschichten wird die Eine, die es zu erzählen gilt. Nur diese eine Geschichte zählt. Es ist die Geschichte wahrer Leidenschaft, des Wartens und der Opferbereitschaft für die Liebe eines Lebens. Für mich wird sie dies immer bleiben. Und doch beginne ich so langsam zu begreifen, was ich eigentlich gelesen habe. Es ist ein ganz besonderes literarisches Momentum, das ich jedem Leser ans Herz legen mag.

Wer mit seinem Herzen liest, der muss sich auf Alessandro Baricco einlassen. Es ist nie zu spät für einen neuen Baricco, es ist nie zu spät für den ersten Baricco.

Die junge Braut von Alessandro Baricco

Wie unterschiedlich und doch vergleichbar das Lesen von Baricco ist, kann man bei Bianca & Literatwo sehen. Wir haben gemeinsam stundenlang mit der Familie im Haus gefrühstückt, sind der jungen Braut durch die Geschichte gefolgt, haben Zitate in Hülle und Fülle gesammelt um sie ins Notizbuch unseres Lebens einzutragen. Wir sind in den Kern einer großen Geschichte vorgedrungen und doch zeigt ihre Rezension, wie unterschiedlich unsere Empfindungen am Ende des gemeinsamen Lesens sind. Genau in diesem Unterschied liegt das Geheimnis dieses Romans verborgen. Man empfindet ihn aus den unterschiedlichsten Gründen als Meisterwerk. Wagt es selbst…