„Roter Rabe“ – Frank Goldammer (Max-Heller-Reihe Band 4)

Roter Rabe von Frank Goldammer - AstroLibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer

1945 „Der Angstmann“, 1947 „Tausend Teufel“, 1948 „Vergessene Seelen“ und 1951 „Roter Rabe“. Seit erlesenen sechs Jahren bin ich nun treuer Wegbegleiter von Max Heller. Sechs Jahre, die nicht nur sein Leben, sondern auch ein ganzes Land und seine Heimatstadt Dresden extrem verändert haben. In der Bombennacht ausradiert, von der Roten Armee besetzt, im geteilten Deutschland dem Osten zugeschlagen und sozialistisch geprägt in eine neue Zeitrechnung treibend. Die eigene Familie getrennt in Ost und West, ein kleines Mädchen gerettet und an Eltern statt aufgenommen und dem Taumel der Zeit ausgesetzt, wie ein Blatt im Wind. Kein Stein blieb auf dem anderen…

(Sie entscheiden selbst: Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn oder lesen…)

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Roter Rabe von Frank Goldammer – Ab 6.2. als Rezension fürs Ohr

Nur Max Heller blieb und bleibt die Konstante in dieser Konstellation. Polizist aus Überzeugung, Gerechtigkeitsfanatiker sowie Gefühlsunterdrücker. Verantwortungsvoller Vater und blitzgescheiter Ermittler, der mit keiner Situation überfordert scheint. Mensch ohne Vorurteile, zweifelnd mit der eigenen Rolle hadernder Opportunist der Systeme in den Wellenbewegungen politischer Indoktrination und mehr als verlässlicher Partner für seine Kollegen. Wenig kompromissbereit bei der Wahrheitssuche, verbissen bei seiner Jagd nach Mördern und sonstigen Kriminellen, Workaholic mit sozialen Defiziten und in der Tiefe des Herzens, vor allen verborgen, liebend, vermissend und darunter leidend, seine beiden Söhne in getrennten Staaten zu wissen. Max Heller.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Frank Goldammer hat augenscheinlich einen letzten echten Sheriff in seine High-Noon-Szenarien geschrieben. Von Gerechtigkeit getrieben, unfähig, Gefühle offen in sein Leben zu tragen, von vielen um seine Gradlinigkeit beneidet, gefürchtet und doch als Einzelkämpfer auftretend, wenn es darum geht, im Finale auf offener Straße für das Recht alles zu riskieren. Man ist oft an die guten alten Western erinnert, wenn wir Max Heller in diesem historischen Setting beobachten. Mag die Welt auch untergehen, mag das Leben auf der Kippe stehen. Er ist der tapfere Texas Ranger mit der Polizeimarke. Der letzte Aufrechte. Das einzige Gegengewicht auf der Wippe zwischen Gut und Böse. Das Zünglein an der Waage der Wahrheit. Nicht korrumpierbar. Eigentlich ein Held.

Wäre da nicht der große Makel seines Lebens. War er Teil der Nazi-Exekutive im Dresden vor dem Untergang? Wäre er nicht noch ermittelnder Teil der Diktatur, hätte sie den Krieg gewonnen? War er nicht zur Zusammenarbeit mit den Siegern bereit, nur um Polizist bleiben zu können? Wäre es ihm nicht egal gewesen, ob sie kommunistisch oder demokratisch gewesen wären? War er nicht jetzt, im Jahr 1951, offizieller Vertreter der neuen Staatsmacht einer sozialistischen Regierung? Hatte er sich nicht mit wahrlich jedem Teufel arrangiert, der ihn fütterte, damit er in Ruhe seinem Beruf nachgehen und Polizist bleiben durfte? Hatte er sich nicht innerlich bereits damit abgefunden, mit allen Geheimdiensten gemeinsame Sache zu machen, wenn es darum ging, auch politische Verbrechen aufzuklären? Max Heller. Gefangen in einem mephistophelischen Konflikt. Seele verkauft. Berufung gefunden?

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Es wird immer schwerer, an seiner Seite zu bleiben, weil Frank Goldammer genau diesen Konflikt in seinen Kriminalfällen auf die Spitze treibt. Fälle, in denen es für mich schon lange nicht mehr um die Aufklärung von Verbrechen geht. Fälle, die zeigen, wie zerrissen derjenige ist, der hier als Hüter für Recht und Ordnung ermittelt, bis er die Schuldigen dingfest gemacht hat. Fälle, die eigentlich nur das kriminelle Beiwerk für die philosophisch menschliche Betrachtung eines Charakters sind, in den man sich so gut hineinversetzen kann. Max Heller wirft Fragen auf, die mich heute beschäftigen. Wäre ich selbst bereit, die Lieder verschiedener Systeme zu singen? Hätte ich eine Wahl, als Vater und Ehemann? Bliebe ich auf der Strecke oder würde ich im inneren der Systeme als Gegengewicht zum Pendelschlag der Macht wirken wollen. Mehr als ein Krimi. Viel mehr.

Ich weiß schon, wohin mich Frank Goldammer mit seinen Büchern treibt. Ich sehe die Zeitscheiben vor mir, die unaufhaltsam auf mich zurasen. „Roter Rabe“, der vierte Band der Max-Heller-Reihe wurde für mich zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Keine Chance, der neuen DDR zu entkommen, keine Chance, sich dem Weltbild zu entziehen oder ihm offensiv zu entsagen. Keine Möglichkeit, bei aller Integrität unbelastet zu sein. Max Heller hat nur eine Chance, wenn er sich selbst im Spiegel betrachten möchte. Er muss DER GERECHTE bleiben, egal, welche Welt ihn umgibt. Gerade in „Roter Rabe“ wird dies wichtiger als jemals zuvor. Er hat gelernt. In seinem Inneren weiß er Gut und Böse zu unterscheiden. Er geht seinen Weg, auch wenn die Morde, die in Dresden um sich greifen, nicht fassbar, weil unfassbar sind.

Max Hellers Charakter bleibt der große literarische Konflikt, den wir Leser mit ihm gemeinsam auszutragen haben. Der Zweck heiligt niemals die Mittel und ich befürchte, dass man ihn eines Tages genau an dieser Achillesferse tödlich verletzen wird. Er hätte es kommen sehen müssen. Auch jetzt…

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Seine Ostseeurlaube sind inzwischen genehmigungspflichtig. Im Kollegenkreis hat man das Gefühl bespitzelt zu werden, seine eigene Frau befindet sich, ein Sakrileg, im westlichen Teil Deutschlands, um den gemeinsamen Sohn Erwin zu besuchen und die Pflegetochter Annie dient nur noch als Faustpfand für Karins Rückkehr. Und noch dazu gehört ihr zweiter Sohn Klaus inzwischen zum gar nicht so geheimen Geheimdienst der jungen DDR. Als dann auch noch zwei unter Spionageverdacht stehende Männer in der Haft Selbstmord begehen, fokussiert sich Max Heller, blendet alles Irrelevante aus und stürzt sich in die Arbeit. Karin? Ein dauernder Schmerz der Sehnsucht ganz tief und gut verborgen. Annie? In guten Händen, so denkt er. Der Rest? Wird sich finden, das hofft Max Heller.

Zeugen Jehovas. Die beiden Selbstmörder. Und der Suizid offensichtlich alles andere als ein Freitod. Heller ermittelt im Umfeld von Menschen, die zu einer anderen Zeit, im gleichen Land, von anderen Machthabern in Lager deportiert und liquidiert wurden. Er wird mit Menschen konfrontiert, die Gewalt ablehnen, auch jene gegen sich selbst. Ein Selbstmord scheidet für ihn aus. Er beginnt, nicht nur für sich, sondern auch gegen das System zu ermitteln, dem er eigentlich dient. Es sind nur ganz lose Fäden, die Heller in Händen hält. Und doch deuten sie auf Zusammenhänge hin, die in einer unglaublichen Dynamik über die Ufer treten. „Eine Flut wird kommen“. Diese Nachricht findet man in den Händen eines weiteren Opfers. Wo und wie Max Heller auch nachforscht, es wirkt, als wäre ihm jemand immer einen Schritt voraus. Die Liste der Zeugen entspricht schon bald der Liste der Menschen, die beseitigt werden, kaum, dass Heller sie aufsucht.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

„Roter Rabe“ ist ein höchst investigativer Krimi, der sich in dieser Art und Weise nur in der beschriebenen Zeit und am gewählten Ort abgespielt haben kann. Das Klima für Spionage und Gegenspionage, verknappte Rohstoffe und Wirtschaftsdelikte, Verfolgungsszenarien gegenüber den alten Sündenböcken aus früherer Zeit, Chancen, Identitäten in den Nachkriegswirren abzustreifen und ein Staatssicherheitsdienst, der in allem und jedem eine Gefahr sieht. All dies sind authentische Rahmenbedingungen für den Moment, in dem ein „Roter Rabe“ zuschlagen kann. Gerüchte von einer Bombe in Dresden machen die Runde, Fake-News grassieren, Leichen werden gestohlen, um an Särge zu kommen, die eigenen Kollegen geraten ins Fadenkreuz der Spionageabwehr und über allem schwebt das Damoklesschwert, Hellers Frau könnte sich in den Westen abgesetzt haben. Wenn das keine Flut ist, die kommt, dann weiß ich es nicht. 

Das Szenario ist komplex. Frank Goldammer verliert jedoch keinen seiner Fäden aus dem Blick. Darauf kann man sich verlassen. Ebenso, wie man sich auf Charaktere verlassen kann, denen man seit Jahren folgt. So spannend die Ermittlungsarbeit Hellers auch wieder ist, viel spannender ist und wird sein schwelender innerer Konflikt bleiben. Wir werden sehen, was mit ihm passiert. Es ist kein Ende abzusehen und Potenzial für weitere Heller-Fälle ist ausreichend vorhanden. Die Zeitscheiben liegen bereit. Deutsch- Deutsche Geschichte. Was für ein Tummelplatz für künftige Bücher und Hörbücher. Ich werde weiterlesen und auch -hören. Heikko Deutschmann bleibt für mich die Stimme dieser grandiosen Reihe…

Hier geht’s zu allen Bänden. Es ist Heller in der kleinen literarischen Sternwarte.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Wenn das nicht spannend ist: Uwe Rennicke mit der Replique zu meiner Rezension. Natürlich auf Litterae DresdensisWas für ein Spaß. Bloggerfreunde eben… 😉

„Serotonin“ – Michel Houellebecq provoziert meine Sinne

Serotonin von Michel Houellebecq - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

„Die bei Captorix am häufigsten zu beobachtenden unerwünschten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Libidoverlust, Impotenz.
Unter Übelkeit habe ich nie gelitten.“

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Oh man wird ihn lieben und hassen, verfluchen, vergöttern, verteufeln, in der Luft zerreißen und in den Himmel heben. Man wird ihn mit Literaturpreisen überhäufen, in Rezensionen und im Feuilleton über ihn herfallen, ihn in Interviews anhimmeln und zum Abschuss freigeben. Man wird ihn karikieren, mit Superlativen verehren und ausweiden. Man wird ihn wie eine Sau durchs Dorf treiben und ihn mit Lorbeeren schmücken. Und all dies, weil er ein Buch geschrieben hat. Die Rede ist von Michel Houellebecq. Es ist vulgär, wird man sagen. Es ist absolut brillant, wird man schreiben. Es ist der Abgesang eines abgehalfterten Autors in der größten Krise seines Lebens, wird man titeln. Und all das, weil er einen Roman geschrieben hat. (Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn)

Serotonin von Michel Houellebecq - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq – Die Rezension fürs Ohr

Michel Houellebecq. Der ständig polarisierende und durch die zerrissene französische Gesellschaft mäandernde Intellektuelle provoziert sich mit „Serotonin“ erneut ins Herz aller Diskussionen. Hatte er zuletzt mit „Unterwerfung“ die politischen Kontroversen in seinem Heimatland mit einem islamhaltigen Brandbeschleuniger zum Kochen gebracht, so ist es nun die depressive und libidinöse Abrechnung eines Mitvierzigers, der in einer frauenverachtenden Rückschau auf sein bisheriges verkorkstes Leben zum Entschluss kommt, nur noch der finale Ausstieg wäre der geeignete Schlussstrich unter ein Kapitel, das ausschließlich durch die Höhe des Serotoninspiegels beherrschbar war.

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Serotonin von Michel Houellebecq

Wir begegnen Florent-Claude Labrouste, 46 Jahre alt, erfolgreicher Mitarbeiter im Landwirtschaftsministerium und depressiv. Diese jungen Mädchen“ sind Auslöser der wohl größten Krise seines bisherigen Lebens und gleichzeitig Stoppschilder seiner den Alltag bestimmenden Lust auf Sex. „Diese jungen Mädchen“ sind es, denen er zur Seite steht, denen er hilft einen Reifen zu wechseln und bei denen er gleichzeitig sieht, dass er sich darüber hinaus NICHTS mehr von ihnen zu versprechen hat. Er, der schon seit geraumer Zeit, zur Bekämpfung anhaltender Depressionen, unter dem Einfluss von Captorix steht, hat jegliche Standfestigkeit in Bezug auf seine Männlichkeit verloren. Er leidet unter der Perspektivlosigkeit, wohl nie wieder eine Frau ins Bett zu bekommen.

Und das passiert ausgerechnet IHM. Dann schöpft er rückblickend aus dem Vollem seiner erotischen Erinnerungen, seiner Experimente, seiner Unfähigkeit Sex und Liebe miteinander in Einklang zu bringen. Hier sieht er sich plötzlich auf den Trümmern seiner Existenz, die sich in materieller Hinsicht eigentlich auf der Habenseite befindet. Es liest sich nur mit Schaudern, was Florent-Claude über die Frauen schreibt, mit denen er sich bisher auf welche Art und Weise, wo und wie auch immer gepaart hat. Sein Frauenbild ist menschenverachtend, oberflächlich und sprachlich vulgär katastrophal. Hier liegt der Schlüssel für den letzten Bilanzstrich des pornografischen Buchhalters seiner selbst.

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Serotonin von Michel Houellebecq

Reißleine, Ausstieg, Flucht und die Sorge, zumindest immer ein Raucherzimmer in den Hotels auf seiner finalen Reise zu finden, werden zu den Bestimmungsgrößen des Schlussakkords, den Houellebecq so komponiert, dass man im Fluss der „sentimental journey“ seines Protagonisten nicht mehr aus dem Lesen hinauskommt. Erst ganz am Boden liegend, sich von aller Oberflächlichkeit befreiend, wird die Sehnsucht in Florent-Claude wach, an die Orte seines emotionalen Scheiterns zurückzukehren und sich der Frau anzunähern, die er vermisst, seitdem er sie schändlich betrogen und verloren hat. Klarsichtig und unverfälscht verläuft die Analyse des Scheiterns. Schonungslos betreibt der Aussteiger die Jagd nach seinem früheren Ich. Hotels werden zu seinem Zuhause.

Wir erleben nicht das strahlend schöne und wildromantische Frankreich, das wir uns so gerne vorstellen. Wir befinden uns nicht im Paris der Touristen und Lichter. Wir sind im Herzen der „Grande Nation“ angekommen, in der Gelbwesten ohne Westen auf Polizisten losgehen und sich todesmutig für eine bessere Zukunft aufopfern. Wir sind in dem Frankreich angekommen, in dem Virginie Despentes ihren Vernon Subutex zum vagabundierenden Obdachlosen und Grenzgänger zwischen sozialen Schichten macht, in dem Leïla Slimani literarischen Kindsmord betreibt und sich der Hass eines Antoine Leiris nicht haben lässt. Es ist das Paris einer Delphine de Vigan, die schon lange die Loyalität gegenüber der malerischen Kulisse an den Nagel gehängt hat. Es ist die Tour de France eines kettenrauchenden Bestsellerautors, der polarisierend provozierend die Werte herausarbeitet, die sein Florent-Claude mit Füßen getreten hat.

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Serotonin von Michel Houellebecq

Ich war jetzt in meiner eigenen Hölle, die ich mir nach meinen eigenen Wünschen gebaut hatte.

Ich wusste lange Zeit nicht, wie weit ich Michel Houellebecq auf diesem Höllenritt folgen wollte. Sein Roman „Serotonin“ hat mich mit verstörenden Sequenzen oftmals zu sehr abgeschreckt. Ich habe mich dem Protagonisten in seinem Menschenbild kaum annähern können. Und doch verspürte ich von der ersten Seite an, dass ich zum Opfer eines literarischen Spiels werden sollte. Ich las weiter, mein Serotoninspiegel stieg, ich war in der Lage, verstörende Bilder zu verkraften und in den Kern des Wesens dieses Romans vorzustoßen, den ich nicht mehr erwartet hatte. Es ist die Tristesse, die man hinter sich lassen muss, um verlorene Werte zu erkennen. Es ist die hässliche Fratze, die man im Spiegel sieht, die es zu zerschlagen gilt, um einen Weg zu finden, der nicht mehr auf der Landkarte des Lebens verzeichnet ist.

Wenn alle Masken fallen und alle Fehler der Vergangenheit offenkundig werden, erst dann ist man soweit, am Ende der Bilanzierung eine Entscheidung zu treffen. Erst dann erschließt sich das eigene Leben für jene Menschen, die uns so gerne begleiten würden. Erst dann ist eine letzte Diagnose möglich. „Ich habe den Eindruck, Sie sind schlicht dabei, vor Kummer zu sterben.“ Ich bin auf eure Meinung zu Serotonin sehr gespannt. Ein Roman, der nach Disput schreit, zur Diskussion anregt und polarisiert. In jeder Beziehung echte Literatur, weil die Oberfläche sich niemals kräuseln würde. Tiefe erzeugt Stürme. Nur sie…

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Serotonin von Michel Houellebecq

„Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux - AstroLibrium

Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Sagte ich bereits, dass Männer anders lesen als Frauen? Ich denke schon. Und ich nehme mich selbst gerne als Beispiel dafür her, dass prägende Rollenbilder wesentlich für eine Rezeption literarischer Stoffe sind. In empathischer Hinsicht fällt es mir leichter, mich in einen männlichen Protagonisten hineinzuversetzen, als die Gefühlswelten einer jungen Frau verstehen zu können. Identifikation mit einer Romanfigur geht immer damit einher, dass man seine eigenen Sichtweisen und Handlungsmuster in jenem Charakter spiegelt, der uns durch die Geschichte trägt. Um es zu versinnbildlichen: Ich war immer Peter Pan, niemals Wendy. Ich war Denys Finch Hatton, nie Tania Blixen und ich habe mich viel wohler in Ernest Hemingway gefühlt, als in der Denkwelt auch nur einer seiner vier Ehefrauen. (Weiterhören oder -lesen. Sie entscheiden selbst…)

Die Rezension fürs Ohr - Erinnerung eines Mädchens - AstroLibrium

Die Rezension fürs Ohr – Erinnerung eines Mädchens

Und doch ist es das wesentliche Verdienst der Literatur, uns einen Blick über den jeweiligen Tellerrand des anderen Geschlechts zu gewähren. Verständnis entsteht nur im Wissen um Gefühlswelten, Automatismen und Verhaltensmuster einer jeweils im Dunklen liegenden anderen Welt. Nur weil ich die Sehnsucht einer Tania Blixen kenne, weiß ich mit dem rein egozentrischen Freiheitsdenken ihres Liebhabers umzugehen. In vielen Belangen öffnen diese Blicke in unerforschte feminine Welten Horizonte, die mir fremd geblieben wären, gäbe es keine Literatur. Immer wieder nähere ich mich diesem besonderen Erzählkosmos einer Frau. Nicht, um ihn nachzuempfinden. Eher schon um zu verstehen, wo die Wurzeln von Missverständnissen verborgen sind. Vielleicht auch, um zu erkennen, welche enormen Fehler wir begehen, wenn wir mit einem Tunnelblick der Ignoranz durch unsere gemeinsamen Leben stolpern.

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux - AstroLibrium

Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Ich hege nicht den Anspruch, als Frauenversteher durch die Welt zu laufen. Es ist für mich jedoch unabdingbar, Menschen verstehen zu wollen, auch wenn ich mich sehr schwer damit tue, ihr Denken nachvollziehen zu können. Allein im Wissen um diese so unberechenbaren Besonderheiten liegt für mich die Magie der femininen Perspektive in der Literatur. Annie Ernaux bin ich nun zum ersten Mal begegnet. Sie, die bedeutende französische Schriftstellerin, wird in Deutschland erstmals so richtig wahrgenommen. In meiner literarischen Wahrnehmung ist sie für mich ein unbeschriebenes Blatt und doch traf ich auf der Frankfurter Buchmesse die spontane Entscheidung, ihr zu folgen. Es ist einem Hörbuch zu verdanken, dass ich sie für mich entdeckte. Es ist einem Medium zu verdanken, dem ich gerade im Bereich autobiografischer Erzählungen so sehr vertraue, weil ich das Gefühl habe, ein Leben erzählt zu bekommen. Da höre ich gerne zu.

Von der „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux versprach ich mir diese unmittelbare Perspektive auf das eigene Leben der Autorin. Ich lehnte mich zurück und lauschte der Stimme von Maren Kroymann, die mich in der Hörbuchadaption aus dem Hause Der Audio Verlag in das Frankreich des Jahres 1958 entführte. Sie erzählte mir, was Annie Ernaux in der Rückschau auf ihr eigenes Leben zu Papier brachte. Das Zuhören vermittelte mir die unglaubliche Unmittelbarkeit des Miterlebens einer Tour de Force in die Vergangenheit einer inzwischen 78jährigen Schriftstellerin, die sich in eine Lebensphase zurückschrieb, die Auswirkungen bis heute hat. 1958 war Annie Ernaux das Mädchen, dessen Erinnerung wir nun vor Augen und Ohren haben. 18 Jahre alt.

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Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Wie Annie Ernaux bei der persönlichen Retrospektive vorgeht, ist absolut fesselnd. Sie distanziert sich von ihrem vergangenen Ich des 18jährigen Mädchens. Sie entfernt sich nicht nur erzählend, sie unterscheidet deutlich in Ursachen und Wirkungen, die bis heute auf ihr Leben einwirken. Ihre Ich-Perspektive richtet sich auf die Erzählerin heute und jetzt. Die junge Annie wird zur „Sie“. Die autobiografische Kontaktaufnahme mit der eigenen Vergangenheit wird auf diese Art und Weise zu einem besonderen Experiment und zum literarischen Befreiungsschlag einer alten Dame, die bis heute verschämt auf das Jahr 1958 zurückblickt. Das Jahr ihrer Unterwerfung.

Ein Jahr, in dem sich ihr ganzes Leben veränderte. Dabei fing alles sehr harmlos an und eigentlich ist für den außenstehenden Betrachter nicht viel passiert. Eigentlich. Für Annie Ernaux jedoch wird die kurze Zeit, in der sie als Betreuerin in einem Ferienlager arbeitete zum lebenslangen Martyrium. Hier wurden ihr Fesseln angelegt. Hier hat man mit ihren Gefühlen gespielt. Hier wird aus dem erwartungsvollen und lebenshungrigen Mädchen schlagartig eine Nutte. Kaum zu glauben, aber die sozialen Automatismen im Kontext interagierender Gruppen sorgen dafür, dass aus der Summe der Fehltritte eine unumkehrbare Rolle wird, der sie nie wieder entkommen kann. Eine Rolle, die sich auf jeden Lebensbereich auswirkt, auch auf ihr literarisches Schaffen. Ohne, dass jemand etwas davon ahnen konnte.

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Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Ein älterer Betreuer im Ferienlager, eine verhängnisvolle gemeinsame Nacht, eine erste Hoffnung auf Liebe, eine bittere Zurückweisung, tiefe Verletzungen, das schlimme Gefühl benutzt worden zu sein, die gefühllose Flucht in die Betten anderer Männer und das Stigma des leichten Mädchens sind wohl die wesentlichen Bilder, die sich im Kopf der jungen Annie manifestieren. Was folgt, ist Scham. Was folgt, ist die Gefühllosigkeit und ein Taumel in eine Zwischenwelt aus Bulimie und Fress-Sucht. Was folgt, ist ewige Unsicherheit sich selbst gegenüber. Dabei ist sie sich heute sicher, dass sie an einigen Stellen dieser frühen Entwicklung einfach nur Stopp hätte sagen können. Dass sie sich hingab, unterwarf und so zum Spielball der Leidenschaft wurde, schreibt sie sich immer noch selbst zu.

Eine bewegende Reise zurück in ein Mädchenschicksal, das für Männer vielleicht gar nicht so dramatisch wirkt, wie es sich für die Betroffene angefühlt hat. Wir sehen aus der männlichen Perspektive eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst und im Streben nach Zuneigung, Wärme und Liebe. Wir sehen die Seite eines Mädchens, das sich auf einen Mann einlässt. Was hier jedoch zerstört wird, ist mehr als nur das Gefühl des Augenblicks. Hier werden Wunden fürs Leben geschlagen, die kaum vernarben. In jeder Beziehung ist es hörenswert, was Annie Ernaux zu erzählen hat. Ungeschminkt und schonungslos beschreibt sie die Ambivalenz, in der sie ihre Gefühle zu leben hat.

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Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Der erste Schritt in Richtung des Mädchens Annie Ernaux hat Konsequenzen für mich. Ich werde ihr garantiert weiter folgen und darf schon bald erleben, wie sie in „Die Jahre“ kommt. Ein Hörspiel mit Corinna Harfouch, Nicole Heesters, Birte Schnöink, und Constanze Becker setzt die literarische Auseinandersetzung der Autorin mit jenen bereits zuvor aufgeworfenen Fragen aus einer anderen Perspektive um. Kein „Ich“ wird zur Erzählerin. Von außen betrachtet Annie Ernaux die Entwicklung eines Landes, eine Phase der Krise mit Algerien, das Unaussprechliche des Jahres 1958, die Hingabe und Enttäuschung, den Weg zu sich selbst und die Jahre des Alterns. Ich denke, nun einen tiefen Zugang gefunden zu haben, um die Erweiterung des Erzählraumes zu verstehen.

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Die Jahre – Annie Ernaux –

Im Januar 2019 geht es bereits weiter. Annie Ernaux – Die Jahre / Das Hörspiel / Der Audio Verlag. Ihr werdet von uns hören. Und wer das Frankreich im Jahr 1958 besser verstehen möchte, dem empfehle ich Die französische Kunst des Kriegesvon Alexis Jenni. Algerien und die Fremdenlegion, Rassismus und Kolonialismus sind Parameter einer Republik, die das Land nachhaltig prägen sollten.

Hier geht´s zum Hörspiel „Die Jahre“ von Annie Ernaux. Eruptiv und fulminant.

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux

Erinnerung eines Mädchens und die französische Kunst des Krieges

Verlorene Mädchen. Ein Themenschwerpunkt bei AstroLibrium. Hier

Mädchen und AstroLibrium - Eine besondere Beziehung

Mädchen und AstroLibrium – Eine besondere Beziehung

„Regeln für einen Ritter“ von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Lebensweisheiten wohin wir auch schauen. Kalender, Bücher, Poesiealben – nichts ist vor ihnen sicher. Zitate aus längst vergangener Zeit, aus der Feder in Vergessenheit geratener Denker und Dichter pflastern unseren Lebensweg und nicht ein Tag vergeht, ohne einen Spruch, den es zu beherzigen gilt um sein Glück zu finden. Dabei ist es wie bei Horoskopen. Man suche sich das richtige Motto, übertrage es auf das eigene Leben und interpretiere es so, wie man es gerne hätte. Fertig ist die Lebenshilfe.

Sie können diese Rezension auch hören… Sogar mit kleiner Lesung: hier

Der Radio-PodCast zum Artikel mit kleiner Lesung aus den Regeln für einen Ritter

Irgendwann ist doch auch mal gut, oder? Kann ich nur zielgerichtet durch das Leben laufen, wenn ich ständig Satzfragmente des Dalai Lama rezitiere oder hilft es mir weiter, im richtigen Moment das passende Zitat von Antoine de Saint-Exupéry aufzusagen. Es ist manchmal schon ein Fluch, weil diese ständig neu aufgewärmten Weisheiten unser eigenes Denken einengen und keinen Raum zur freien Entfaltung erlauben. Wer käme schon auf die Idee, eine Traueranzeige selbst zu formulieren, der Gratulation zur Taufe mit eigenen Worten Gewicht zu verleihen oder der Liebe seines Lebens radebrechend zu gestehen, dass man ohne Romeo und Julia auskommen möchte?

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Weit gefehlt. Da begibt man sich lieber auf die Suche im Internet oder durchforstet die eigene Bibliothek nach geeigneten Sinnsprüchen und Allgemeinplätzen. Auffälliges Symptom dieser individuellen Sprachlosigkeit ist der semantische Gleichklang, mit dem frisch Verstorbene in Zeitungen entweder mit einem Zitat von Paulo Coelho oder einem geschmeidigen Goethe-Zitat auf die letzte Reise geschickt werden. Wenn sich eine Tür schließt, geht irgendwo… Japp… Wir wissen Bescheid. Tür auf, Tür zu. Wo bleiben nur unsere eigenen und ganz persönlichen Worte? Lieben, hoffen, trauern und gratulieren wir nur noch auf Basis von Plagiaten, oder werden wir in der Literatur eher fündig als in der eigenen Fantasie?

Dabei erscheinen in den letzten Jahren diese Lebensweisheiten in immer neuem Gewand. Wundervolle Bücher bieten sich auf den Geschenktischen des Buchhandels feil und versprechen erhellende Momente und sinnstiftendes Lesen. Sie scheinen viele Antworten auf die offenen Fragen des Lebens zu beinhalten und helfen dem Gewissen dabei, sich von den allgegenwärtigen Bissen zu befreien. Und ist es nicht fein, im Falle des Versagens der guten Sprüche einfach auf den Verfasser zu zeigen und sich selbst von aller Verantwortung loszusprechen?

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

„Wer im Glashaus sitzt, der sollte nicht mit Steinen werfen“, könnte ich jetzt flockig behaupten. Denn auch ich besitze Bücher, die vor Lebensweisheiten nur so zu bersten scheinen. Und ja, auch ich nehme sie zur Hand, um mich inspirieren zu lassen. Selbst ich zitiere gerne mal und verweise auf Gedanken, die ein anderer durch das Glück der frühen Geburt und eine besondere Weitsicht hatte, bevor ich sie auch nur denken oder formulieren konnte. Aber, ich bediene mich dieser Worte nicht. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Mein „Handbuch des Kriegers des Lichts“ von Paulo Coelho (Diogenes Verlag) ist schon seit vielen Jahren eine stetige Quelle der Inspiration für mich. Ich mag komplexe Gedankengänge, die nicht nur verschlagwortet werden, sondern im Kontext des großen Ganzen zu verstehen sind. Richtungsweisend ist das Handbuch und dabei lässt es dem Leser ausreichend Spielraum, das eigene Licht zu finden. Dass nun aber ausgerechnet ein Schauspieler versucht, den Markt der Lebensweisheiten mit einem so eigenwilligen wie verstaubt wirkenden Handbuch zu erobern, hat mich überrascht. Und nicht nur das. Meine Neugier war geweckt.

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Wir kennen ihn aus dem Film „Der Club der toten Dichter“ als brillant agierenden Schauspieler. Als Schriftsteller trat er nur kurz und eher unauffällig in Erscheinung. Die Rede ist von Ethan Hawke. Und genau dieser Ethan Hawke verspricht uns nun in dem bei Kiepenheuer und Witsch veröffentlichten kleinen Band „Regeln für einen Ritter“ zu kennen, ohne die unser Leben weder ritterlich noch lebenswert ist. Nur, wer mag denn heute noch ritterlich sein? Wer strebt noch nach den Idealen überholter Wertebilder und wer glaubt schon daran, dass Regeln für einen Ritter in unserer Zeit noch relevant sein könnten?

Hier!! Aufzeig`!! Ich!!! Ich bin in meinem romantischen Weltbild davon überzeugt, dass bestimmte Werte zeitlos übertragbar sind. Ich denke, dass Ritterlichkeit kein verstaubter Begriff ist und ich bin fest davon überzeugt, dass mit einem Transfer dieser Werte in die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts einiges bewegt werden kann. Es ist genau diese Transferleistung, die Ethan Hawke mit seinem Regelwerk gelingt, denn er bedient sich eines genialen literarischen Kunstgriffes, um die scheinbar verstaubten Weisheiten erneut mit Leben zu füllen.

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Was Ethan Hawke nämlich hier als Zufallsfund im eigenen Familienarchiv ausgibt und seine Leser glauben lässt, es handele sich um das Vermächtnis seines Vorfahren Sir Thomas Lemuel Hawke, der im Winter 1483 in der Schlacht von Slaughter Bridge ums Leben kam, ist in Wirklichkeit und bei näherer Betrachtung die geschickte Collage einer mehr als zeitgemäßen Ritterlichkeit in historischem Gewand. Ethan Hawke webt einen prächtigen Wandteppich aus Legende und Fiktion, indem er den großen Ritter im eigenen Stammbaum letztmalig zu Wort kommen lässt. Am Vorabend der Schlacht und im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten. Es ist das scheinbare Vermächtnis an seine Kinder, das wir hier lesen dürfen. Ein Handbuch das lange verschollen war.

Was wir hier verpackt in dieses historische Vermächtnis finden ist eine geschickt miteinander in Einklang gebrachte Sammlung von Lebensweisheiten von Rittern, die ihre Gedanken mit Sicherheit nicht im Mittelalter kultivierten. Die Tafelrunde Ethan Hawkes reicht von William Shakespeare über Ralph Waldo Emerson bis zu Bob Dylan. Sie murmelt mit den Stimmen von Muhammad  Ali, River Phoenix, Victor Hugo, George Lucas und Nelson Mandela. Ethan Hawke macht uns Leser zu Knappen eines Ordens der ehrenwerten Ritter und entführt uns in seiner Geschichte in die Hall of Fame aller klugen Köpfe, die in seinem Leben wegweisend waren.

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Ich werde mich ihrer Worte nicht bedienen. Das steht fest. Wie jeder Knappe werde ich versuchen, sie zu verinnerlichen und meinen eigenen Weg zu gehen. Ritterlich sein ist hierbei keine Frage des Geschlechts. Ethan Hawke holt in seiner Philosophie weiter aus und vereint Menschen im Geist. Das hebt dieses kleine Handbuch von Werken ab, die auf den ersten Blick vergleichbar scheinen. Ob Leser oder Leserin, für jeden ist der Weg sehr erfolgversprechend. Vielleicht wartet am Ende der „Regeln für einen Ritter“ sogar der Ritterschlag durch Ethan Hawke.

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Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

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Die Globalisierung einer Trilogie oder das zelebrierte Lesen

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Was waren das noch für Zeiten, als das kleine aufstrebende Örtchen Kingsbridge der Nabel der historischen Bücherwelt war. Was waren das noch für Zeiten, als wir an der Seite von Tom Builder erleben durften, wie „Die Säulen der Erde“ zu einem der beeindruckendsten Bauwerke des mittelalterlichen Englands wurden. Eine Kathedrale, die obschon rein fiktiv, doch stellvertretend für die großen Sakralbauten ihrer Zeit, zum Fixpunkt des Lesens vieler Menschen wurde. Was waren das noch für Zeiten, in diese prosperierende Stadt zurückkehren zu dürfen, „Die Tore der Welt“ zu öffnen und nach einigen Jahrhunderten zu sehen, wie sehr die Kathedrale gewachsen war, wie deutlich die Generationen der Erbauer ihre Spuren dort hinterlassen hatten und zu sehen, dass unser altes Kingsbridge immer noch der Nabel der Welt war.

(Ihr könnt der Rezension lesend folgen oder sie einfach weiterhören – hier)

Das Fundament der Erde - Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Das Fundament der Erde – Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Jetzt galt es Brücken zu bauen, Marktrechte zu sichern und alle Bürger der Stadt vor der Pest zu bewahren. Abenteuer, die es zu überstehen galt, wollte man doch das jeweilige Buch aus der Feder des großen Ken Follett immer nur in der einen Hoffnung schließen: Möge es bitte weitergehen. Unzählige Bände einer endlosen Reihe sollten in Kingsbridge beheimatet sein. Gerne würden wir auf den Spuren alter Stammbäume bis in unsere heutige Zeit wandeln. Und überschäumend reagierten die Fans, als bekannt wurde, dass ihre literarisch historische Heimatgemeinde zum Klang der Glocken einer prachtvollen und fertiggestellten Kathedrale erneut zum Besuch einladen würde.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Das Fundament der Ewigkeit“. Welch verheißungsvoller Titel für einen Roman, dem wir schon lange nach dem Sieg über die Pest entgegenfieberten. Hier waren sie wieder, die Zeiten des stundenlangen Lesens, der Erinnerungen an die Vergangenheit, an die Menschen, die uns ans Herz gewachsen waren und hier war sie wieder, die große und lange vermisste Hoffnung, in den Straßen von Kingsbridge anzukommen, als wäre man niemals fort gewesen. Nur knapp zwei Jahrhunderte waren seitdem vergangen. Unsere geliebten Protagonisten von einst sind nur noch in der Erinnerung existent, und doch ist nichts vergessen. Statuen, Brückennamen, folgende Generationen und die Chronik von Kingsbridge zeugen von ihrer Existenz und von ihren Verdiensten. Ja, man kommt auf der Zeitreise an der Seite von Ken Follett immer wieder zuhause an. Heimwehende.

So dachte ich zumindest, bis ich den Klappentext las und schon beschlich mich ein Gefühl, von dem ich mich lange nicht lösen konnte. Ja, es ist dort von Kingsbridge die Rede. Ja, es ist von einer bedeutenden Epoche der Geschichte gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Rede. Aber es klingt auch durch, dass die großen Religionskriege ein besonderes Opfer von Kingsbridge fordern sollten. Das Zentrum meines Lesens würde in den Hintergrund gerückt werden, so meine Befürchtung. Spanien, Frankreich, ganz Europa befand sich zu dieser Zeit im Taumel der Allianzen unter dem Siegel des guten Glaubens. Nur, ob dieser protestantisch oder katholisch war, das sollte auf den Feldern der Ehre im Blutgemetzel entschieden werden.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Die Globalisierung einer Trilogie schwebte wie eine unsichtbare Bedrohung über meinen Gedanken und verhinderte das Lesen. Zumindest so lange, bis ich Ken Follett auf der Frankfurter Buchmesse begegnete und ihm von meinen Bedenken erzählte. Er reagierte prompt, nahm eines seiner Bücher, signierte es und sagte zu mir: „First read, then talk about.“ Da lag er nun schwer und vom Autor gezeichnet in meiner Hand und ebenso schwer wog der fast 1200 Seiten dicke historische Wälzer in meinem Rucksack um mich an einem langen Messetag schwergewichtig zu begleiten. Natürlich war ich in jeder Beziehung neugierig auf den Roman, doch es dauerte bis Weihnachten, bevor ich die Ruhe und Muße hatte, in aller Tiefe in den Seiten zu versinken.

Ich zelebriere mein Lesen in diesen Tagen. Ich gestalte mein Ambiente gediegen in der kleinen literarischen Sternwarte, umgebe mich mit Devotionalien, die zum Roman passen und versinke gerne stundenlang in einem Weihnachts-Leseabenteuer. Ich habe es nicht bereut, das Fest der Feste mit dem „Fundament der Ewigkeit“ zu verknüpfen. Gerade in einer von tiefem Glauben geprägten Zeit ist es mehr als interessant zu lesen, dass es nicht immer in der Menschheitsgeschichte leicht war, eine Messe zu feiern, an Gott zu glauben, sich zu seinem Glauben zu bekennen und für seine Religion und die Menschen, die sie teilen, einzustehen.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Nunja und allein war ich eben auch nicht in diesem Lesen. Es murmelte, zappelte und regte sich in meinem Bücherregal der historischen Romane. Einige der Bücher, die in genau jener Epoche angesiedelt sind, schoben sich in den Vordergrund und wollten mir beharrlich über die Schulter schauen. Und so saß ich still lesend, umrahmt von den biografischen Büchern über Elisabeth Tudor und Maria Stuart an einem Sekretär und musste mich gegen die laufenden Einflüsterungen wehren, die von beiden Seiten recht majestätisch hervorgebracht wurden. Rechthaberisch, könnte man fast sagen

Letztlich vertraute ich mich, um die Thron-Konkurrentinnen wissend, doch lieber Ken Follett an. Sollte er mir doch seine Sicht der Dinge erklären, sollte er mich doch in die Länder entführen, die das damalige Europa nicht zur Ruhe kommen lassen wollten. Ja, ich überließ ihm die Führung und war unermesslich froh, dass alles dort begann, wo ich lesend immer wieder mit ihm aufgebrochen war. In Kingsbridge. Und es fühlte sich wie mein Kingsbridge an, das ich 1361 durch „Die Tore der Welt“ verlassen hatte. Heimat, du hast mich wieder, das war mein erster Gedanke. Brücken, Gebäude, Plätze, Namen, die Kathedrale, der Markt. Alles kam mir zwar leicht verändert und doch so bekannt vor, als wäre ich erst gestern abgereist. Staunen ergriff mich, als ich die nun fertige und an ihre Grundfesten kaum noch erinnernde Kathedrale zum ersten Mal wieder betrat. Ein ganz besonderer Lesemoment.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Ja, so hatte ich mir die Heimkehr vorgestellt. Doch sollte ich schnell erkennen, dass Kingsbridge wahrlich nicht mehr der Nabel der Lesewelt war. Die realen Machtzentren hatten sich bereits in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gerückt und bestimmten das Leben der Menschen in der Grafschaft Shiring. London und Paris sind ebenso wichtige Schauplätze der Handlung, wie die weiteren historischen Hotspots dieser Zeit, die das Schachspiel um Macht, Besitz und Herrschaft dominierten. Die Globalisierung hatte in Kingsbridge Einzug gehalten und kaum eine Entwicklung der Thronfolgekriege und des Wettstreits um die wahre Religion ging spurlos an der Kathedralenstadt vorbei.

Ken Follett entführt uns in die Machtzentren jener Zeit, macht uns zu Zeugen einer Geschichte, die selbst Geschichte schrieb. Dabei geht er sehr komplex vor, verlässt die Froschperspektive des Kleinstädters des 16. Jahrhunderts und erweitert auch unseren Blick auf das große Ganze. Wir schließen uns den Ratgebern der englischen Regentin an, werden Zeugen von diplomatischen Missionen, Verrat und Heimtücke. Wir erleben den Thronfolgestreit zwischen Elisabeth I. und Maria Stuart als Augenzeugen. Wie sind dabei, wenn Bibeln geschmuggelt, Hugenotten verfolgt und Priester ins Land gebracht werden, um den Religionskrieg in Gang zu halten. Wir erleben Kaperfahrten auf hoher See, begegnen Sir Francis Drake und segeln in der Seeschlacht gegen die spanische Armada um unser Leben.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

„Make Kingsbridge greater again“ – so könnte man den Roman lesen. Kaum eine Entwicklung im Europa dieser Zeit vollzieht sich ohne Beteiligung der Menschen dieser Stadt. Ned Willard steht im Zentrum. Ihn spült es ins Zentrum der Macht. Er arrangiert das politische Umfeld von Elisabeth I. und dient als treuer Ratgeber. Aus seinen Augen sehen wir, was die Welt bewegt. Und doch erkennen wir auch, was nur ihn betrifft. Die vergebliche Liebe seines Lebens, die sich immer weiter von ihm entfernt, weil auch hier die Religion im Wege steht. Folletts schillernde Protagonisten werden im Verlauf dieser Geschichte für die Weltgeschichte unverzichtbar. Das war mir persönlich für einen rein historischen Roman zu ausgeprägt. Ohne die Willards wäre in dieser Zeit nichts, aber auch gar nichts so verlaufen, wie es sich abgespielt hat. Diese fiktionalen Charaktere prägen das Schicksal Europas eine Spur zu intensiv.

Trotzdem ist „Das Fundament der Ewigkeit“ das Fundament auf dem mein Lesen in ganz besonderen Tagen ruhte. Ich war gerne wieder in Kingsbridge, bin auch sehr gerne in die weite Welt gereist, nur um irgendwann wieder in den Heimathafen meiner kleinen geliebten frei erfundenen Stadt einlaufen zu dürfen. Ich stimme Ken Follett zu! Dieser Roman setzt die Reihe meiner Kingsbridge-Romane fort. Er ist umfassender in seiner historischen Dimension. Er ist weltumfassend und doch ein geschlossener Kreis, der in Kingsbridge beginnt und dort endet. Ob die Saga wirklich endet? Ich wage es zu bezweifeln. Wozu sollte am Ende eines Romans ein Schiff England verlassen, das wir alle kennen? Warum sollte einer der wesentlichsten Protagonisten dieses Romans an Bord sein? Warum sollte er sich auf den Weg in die neue Welt machen, wenn wir ihm nicht irgendwann folgen sollten. Mayflower… Mehr sage ich hier nicht…

Vielleicht sehen wir uns irgendwann in New-Kingsbridge wieder…

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Ihr wundert euch vielleicht, dass dieser Artikel ein ganzes Jahr lang in der Redaktion der kleinen literarischen Sternwarte reifen musste, bevor ich ihn veröffentlicht habe. Ich verfolge damit die Absicht, mir selbst intensiv vor Augen zu halten, wie wertvoll die Zeit zwischen den Jahren für mich ist. Wie lange ich davon zehre, jenes Lesen in aller Form zu zelebrieren. Mich zu entschleunigen, Bücher um mich zu scharen, zu recherchieren und tief in meinen Gedanken in eine andere Welt abzutauchen. Auch in diesem Jahr ist es so. Ich habe einen Plan, dieses Ritual zur Weihnachtszeit fortzusetzen. Ich habe mir ein paar Bücher aufgehoben, die nun ihren Platz auf meinem Sekretär erobern. Ich will fortsetzen, was ich vor vielen Jahren begann. Ich werde den „Seiten der Welt“ von Kay Meyer und hierbei ganz besonders den beiden Spinn-offsDie Spur der Bücher“ und „Der Pakt der Bücher“ meine volle Aufmerksamkeit widmen. Ihr könnt mir gerne dabei folgen. Auf Facebook und bei Instagram wird in den ruhigen Tagen dieser bibliophilen Einkehr viel zu sehen und zu lesen sein… Entschleunigt und zelebriert mit mir.

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