Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Werfen wir heute einen aufmerksamen Blick auf unser Land, dann fragt man sich, ob unsere Gesellschaft mit ihrem Wertevorrat langsam zersetzt wird. Man stellt sich die Frage, wie Deutschland aussehen würde, wenn Menschen an die Macht kämen, deren Ansichten nichts mit unserem demokratischen Grundverständnis zu tun haben. Es wird zum Horrorszenario weltoffener Menschen, akzeptieren zu müssen, dass eine Haltung um sich greift, die an die braune Ideologie der Nazis von einst erinnert. Beschneidung von Kultur, Ausgrenzung von Minderheiten, Einschränkung der Pressefreiheit und eine Abkehr von der historisch verankerten Verantwortungskultur gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus gelten schon jetzt als erklärte Ziele einer Partei, die sich als einzige Alternative für unser Land präsentiert und Menschen im Schleppnetz fängt.

Was, wenn sie an die Macht kämen? Was, wenn wir den Moment verpassen würden, noch aktiver gegen das Alternativlose in ihren Ansichten vorzugehen? Was, wenn wir in einigen Jahren mit verwunderten Augen auf ein Land blicken, das auf der Strecke der Geschichte den Rückwärtsgang eingelegt hat? Was, wenn wir unterschätzen, welches Ausmaß von Zerstörung schon heute an den Grundfesten unserer Demokratie rüttelt? Es ist extrem bitter zu erkennen, dass meine Ängste die Hoffnungen einer großen Zahl von Menschen sind. Menschen, die in meinem Umfeld leben und auf den Punkt warten, an dem wir alle nicht wachsam genug sind. Was ist, wenn man einen Roman liest, dem ein solches Szenario zugrunde liegt? Ein Roman, der aus der nahen Zukunft zu seinen Lesern spricht. Aus einer Zeit nach der Zerstörung der Demokratie. Einer Zeit, in der der Machtwechsel vollzogen ist, man auf den Trümmern der Vergangenheit die Diktatur errichtet hat, die sich so deutlich abgezeichnet hat? Dann muss man einfach lesen.

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Cécile Wajsbrot ist es gelungen, mit Zerstörung eine Dystopie zu verfassen, die in der Konstruktion eine zeitlose Relevanz erlangt. Das gelingt durch ein Höchstmaß an Anonymität in den Rahmenbedingungen ihrer Geschichte. Konkret wird sie nur selten und genau das lässt uns den Spielraum, den wir benötigen, um das Horrorszenario auf unsere Gesellschaft zu übertragen. Konkret ist Paris als Schauplatz. Das war es schon. Was sich genau zugetragen hat, wie es sich entwickelte und wann es wirklich begann, ist nicht erkennbar. Fest steht, dass sich Frankreich in einer Diktatur befindet. Konkret zu erkennen sind die Einschränkungen, die der Bevölkerung auferlegt sind und aus all diesen Fakten lässt sich ein erstes Mosaik einer Ideologie ableiten, die das Leben der Menschen in klare Bahnen lenkt.

Und diese Einschränkungen machen das Leben der anonymen Protagonistin zur Qual. Sie, die ihr ganzes Leben dem Lesen und Schreiben gewidmet hatte, findet sich in einem politischen System wieder, das ihr den Lebensraum raubt. Nichts ist mehr so, wie vor der Machtergreifung der (ebenso anonymen) Diktatoren. Jede Einschränkung ist ein Schlag in ihre intellektuelle Magengrube.

* Bücher werden konfisziert,
* das Schreiben wird verboten,
* die Kultur erfährt einen inhaltlichen Bildersturm,
* seichte Unterhaltung wird zum Programm, echte Inhalte verschwinden,
* die Grenzen sind geschlossen,
* Pflicht-Apps machen soziale Medien zum überwachten Raum,
* die freie Meinungsäußerung ist abgeschafft,
* die Vergangenheit hat ausgedient,
* alles, was älter ist, als 10 Jahre ist zu vernichten
* dazu gehören Familienfotos, Briefe und persönliche Aufzeichnungen
* nur noch die Zukunft zählt,
* das Gedenken an die Opfer von einst wird abgeschafft,
* es gibt nur noch Sieger und Verlierer im System,
* die persönliche Vergangenheit jedes Einzelnen wird gelöscht,
* das Denken wird zerstört…

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

All ihrer Waffen beraubt, versucht sich die Liebhaberin der geschriebenen Worte an die Anfänge zu erinnern. Sie sieht die Zeit vor sich, in der die Dialoge in den sozialen Medien zusehends hasserfüllter wurden, in der Fakenews die Welt eroberten und sich Parolen Raum verschafften, mit denen den ewig Gestrigen der Kampf angesagt wurde, und von der Chance derer die Rede war, die bis jetzt keine Zukunft hatten. Sukzessive breitete sich das neue Denken aus. Der Freundeskreis schrumpfte, Kommunikation in jeder Form wurde zum Wagnis und die Menschen um sie herum waren zufrieden, weil die Zeit so unterhaltsam war. Theater dienten nur noch dem Seichten, im TV sah man nur noch die Berieselung fürs Volk und die Restaurants waren gut gefüllt. Erst als man am eigenen Leib spürte, was es bedeutet, der eigenen Vergangenheit zu entsagen, ist die Stimmung in eine allmächtige Tristesse gekippt. Was dagegen tun? Wie agieren?

Hier kommt ihre Stimme ins Spiel. Wenn die „Weiße Rose“ keine Flugblätter gehabt hätte, wie hätte der Widerstand ausgesehen? Was kann man tun, wenn man sich nicht mehr mit geschriebenen Worten wehren kann? Wen erreicht man? Hier kommt ihr eine Aufforderung einer Gruppe anonymer Widerständler als greifbare Alternative vor. Man muss sich mit der Stimme wehren. Sie sei ausgewählt. Einen Sound Blog sollte sie mit ihren Erlebnissen füllen. Geheime Aufnahmen, die ausgestrahlt würden. Gegengewicht zur Zensur des geschriebenen Wortes. Verbindlich, konkret, die Zusammenhänge und Konsequenzen beschreibend. Und so beginnt sie schließlich zu sprechen. So bekommt sie das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie fühlt sich einem Netzwerk zugehörig und denkt, auf diese Art und Weise, ihren Beitrag zur Befreiung des Landes leisten zu können.

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Diese Dystopie ist wie ein Manga-Comic. Die Gesichter sind nur konturiert, lassen in jeder Hinsicht jedoch den Freiraum, das Szenario mit der selbst empfundenen Realität zu füllen. Man erfährt nichts über die Ideologie der Diktatur, der Widerstand bleibt fast unsichtbar. Die Umgebung verschwimmt in der Anonymität und so bleibt eine Dystopie, die ihre Leser mit jedem Satz in die eigene Welt katapultiert. Hier ist kein Platz, um zu behaupten, das sei an den Haaren herbeigezogen, leben wir doch heute in einer Welt der Symptome, die Cécile Wajsbrot in der Phase vor der Zerstörung beschreibt. Hier geht es um die Angst jedes Einzelnen, das Momentum zu verpassen, in dem man noch etwas hätte verhindern können. Das ist ein großer französischer Roman, der unter dem Eindruck der Gelbwesten-Bewegung entstand, und die Französische Revolution in ihrer radikalen Form einer Volkserhebung tief verinnerlicht hat. Paris mit der eigenen Stimme zu befreien, was für eine Idee. Was für eine Motivation.

Dieser Roman steht für begeistertes und erschrockens Lesen. In der Anonymität der Rahmenbedingungen liegt seine Stärke. Niemand wird dieses Buch lesen und dann einer Diskussion auf Facebook zu Umweltthemen, Rechtsradikalismus, der Leugnung des Holocaust oder Corona-Disputen folgen, ohne an Cécile Wajsbrot zu denken. Im Hier und Jetzt fühlen wir die zerstörerischen Tendenzen ihres Romans. Wir werden im tiefsten Inneren an den Wurzeln unserer Wertvorstellungen gepackt. Wir schauen uns unsere kleine Welt an und hinterfragen, was sie ohne Erinnerung wert wäre. Was sie uns noch bedeuten würde, wenn alles, was älter als zehn Jahre ist, nicht mehr greifbar wäre. Selten hat ein Roman eine solche Aktualität durch die Auslassung konkreter und kritisierbarer Fakten erreicht. „Zerstörung“ ist ein Weckruf, der lange nachhallt.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Genau diese Stärken wurden dem Buch im „Literarischen Quartett“ angekreidet. Es sei „so wahnsinnig unkonkret“, „seltsam unpolitisch“ und nur als „Angstpsychose“ zu verstehen. Hier griff die Diskussion für mich zu kurz. Es ging kaum noch darum, Leser für ein Buch zu begeistern oder sich über dessen Relevanz auszutauschen. Für mich ging es lediglich darum, wer seine Meinung eloquenter formulieren kann. Das geht am Ziel eines solchen Formates vorbei. Selten habe ich beim Lesen so gelitten, selten hat mich ein Buch so bewegt und in der Realität nicht mehr losgelassen. Als Redakteur von „Literatur Radio Hörbahn“ habe ich mich gefragt, was meine Sound-Blog-Beiträge heute bewegen oder verändern könnten. Die Poly-Anonymität und die Vagheit dieser Dystopie sind die Schlüssel zu ihrem Erfolg. Und das in einer Zeit, die ganz zufällig in einer virusbedingten Isolation verhaftet ist, die der Ansteckungsgefahr mit vergifteten Ideen in „Zerstörung“ so sehr entspricht. Aber hören Sie selbst. Mein PodCast zum Buch.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt…

Gäbe es etwas an diesem Roman zu kritisieren, dann vielleicht die Tatsache, dass es sich um ein Buch handelt. Was wäre das für ein Hörbuch. Wie intensiv könnte die Gänsehaut sein, den Sound Blog quasi als Ohrenzeuge zu erleben. Wie intensiv wären wir an die Stimme einer Frau gefesselt, die ihre geschriebenen Worte zu den Akten legt und sich hörbar neu erfindet. Vielleicht wird ein Hörbuchverlag auf das Werk aus der Feder von Cécile Wajsbrot aufmerksam. Vielleicht geht auch der Wallstein Verlag den neuen Weg angesichts der zeitlosen Dimension dieses Werks.

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Dieses Logbuch in Tönen wäre ein herausragender moralischer Kompass für all jene, die einen Leitfaden für Widerstand in einer Diktatur suchen. Die Autorin hat für diese Form des Widerstands die Metapher eines Leuchtturms treffend verwendet. Das Lichtsignal bestreicht das ganze Land. Nicht alles wird erhellt, aber es kommt und geht regelmäßig. Es zeigt Gefahrenzonen auf und verhindert Tragödien. Ein einzelner Leuchtturm reicht nicht aus. Sie sind Teil einer Gruppe. Für Cécile Wajsbrot befindet sich der bedeutendste Leuchtturm inmitten von Paris. Ich sah das Lichtsignal von der Spitze des Eiffelturms. Ich glaube an seine Macht…

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ein Wort zu Spoilern:

„Es wäre freundlich gegenüber anderen Hörern und Hörerinnen – um nicht zusagen gegenüber dem Autor -, wenn die Entdeckungen, die ihr mit Griz auf seiner Reise durch die Ruinen unserer Welt macht, unser Geheimnis bleiben.“

C.A. Fletcher

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

So steht es auf dem Cover des Hörbuchs zu Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt von C.A. Fletcher geschrieben. Das ist eine Aufforderung, an der man gar nicht vorbeikommt, wenn man das Bloggen und Rezensieren ernstnimmt und verhindern möchte, dass zu viele Geheimnisse einer Roman-Story das Licht der Welt erblicken. Zu verständlich, kann ich nur sagen. Ich halte mich natürlich an das Schweigegelübde. Ich bin nicht indiskret und genau aus diesem Grund müsst ihr nun mit einer recht gekürzten Form einer Hörbuchvorstellung leben. Das ist einerseits dem Respekt gegenüber einem Autor geschuldet, der in seiner Geschichte so viele unerwartete Wendungen eingebaut hat, dass man sie tunlichst für sich behalten sollte. Andererseits jedoch gilt es hier auch den Random House Audio Verlag in Schutz zu nehmen. (Weiterhören)

Hat sich doch die seriöse Hörbuchschmiede zu einem echten Etikettenschwindel verleiten lassen, um die Geheimnisse dieser Produktion zu wahren. Das ist mir bisher in dieser Form selten begegnet und verdient Respekt. Wer wäre ich also, wenn ich mir erlauben würde, diese bewussten Täuschungsmanöver der Beteiligten zu unterminieren und inhaltliche oder produktionstechnische Kunstgriffe an die Öffentlichkeit zu bringen? Also. Was jetzt folgt, ist nur die Konsequenz dieser Geheimnistuerei. „Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt“ ist ein spannendes Hörbuch, das von Wanja Mues brillant eingelesen, interpretiert und mit Leben gefüllt wurde. Ich kann es euch nur wärmstens empfehlen, zum Hörbuch zu greifen, weil es mehr kann, als das Buch. Das könnt ihr mir glauben. Danke fürs Lesen dieser Rezension und viel Spaß beim Hören.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ihr merkt, ich bin gut, wenn es darum geht, verschwiegen zu sein. Also, wenn ich etwas kann, dann Verlagsgeheimnisse für mich zu behalten. Das war`s auch schon für heute. Mehr erfahrt ihr hier nicht von mir. Muss ja auch mal so gehen. Oder? Wie käme ich dazu, den Ehrenkodex eines Rezensenten zu verletzen? Warum sollte ich mich hier aus dem Fenster lehnen, um AstroLibrium zum Wiki-Leaks der Literatur-Blogs mutieren zu lassen? Welche Gründe könnte es für einen Geheimnisverrat geben? Keinen! Nunja, um ehrlich zu sein, gäbe es ja schon viele Rechtfertigungen, die meine Loyalität auf die Probe stellen könnten. Echt gewichtige Gründe. Wenn ich nur daran denke, dass euch dieses Hörbuch entgehen könnte, werde ich fast wahnsinnig. Vielleicht sollte ich ja das ein oder andere Geheimnis andeutungsweise lüften. Nur ein klein wenig. Was haltet ihr davon?

Womit haben wir es zu tun? Mit einer Dystopie. Zweifelsfrei. C.A. Fletcher beschreibt eine im Untergang befindliche Welt der Zukunft. Unfruchtbarkeit hat die Erde entvölkert. Nur einige „Letztgeborene“ konnten sich retten. Es sind Inseln letzten Lebens, Biotope und isolierte Gebiete, in denen noch Menschen leben. Und diese werden, wie seit jeher von ihren Hunden begleitet. Nachwuchs ist ein Fremdwort. Umso wichtiger ist es, diese letzten Refugien zu schützen. Hier lernen wir Griz kennen. Der Junge lebt mit dem Rest seiner Familie auf einer Insel. Eine Schwester hat er bereits verloren, die Mutter liegt im Wachkoma und nur seine beiden Hunde Jip und Jess geben ihm Halt. Als ein Fremder die Insel betritt, ändert sich alles. Der geheimnisvolle Brand stiehlt die Hündin Jess und macht sich mit seinem Schiff davon.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Aus diesem Szenario entwickelt CA. Fletcher einen absoluten Pageturner, der uns zu Weggefährten eines Jugendlichen macht, der die Verfolgung aufnimmt. Es sind die Ruinen unserer bekannten Welt, die wir mit Griz Augen sehen. Es ist seine Einsamkeit, die wir fühlen und es sind seine Verlustängste, die uns betroffen machen. Grandios im Erzählstil, faszinierend in der Aktualität einer Welt im Quarantänezustand und mehr als bestechend in der Charakterzeichnung eines Heranwachsenden, verfolgen wir Spuren und Fährten des Diebes. Es sind nicht nur die Gebäude, die wir erkennen, es ist auch die Französin „John Dark“, die dieser Geschichte Tiefe verleiht. Auf der Suche nach dem Mörder ihrer Töchter wird sie nun zum Schutzengel für Griz und Jip. Natürlich ist sein letzter Hund an seiner Seite. Es entwickelt sich eine Geschichte voller Verlust und Sehnsucht, Hoffnung und Bangen, Kampf und Schmerz.

Es sind die gewaltigen Bilder, die hier funktionieren. Die verfallenen Ruinen eines Fußballstadions und einer Bibliothek lassen uns schaudern. Wir betreten bekannte und geliebte Territorien. Bis wir am Ende des Hörens vor einem Neubeginn stehen. Wanja Mues leiht Griz seine Stimme und entführt uns behutsam in diese Dystopie, vor der es kein Entrinnen gibt. Aus der Suche nach einem Hund wird die Suche nach den Resten unserer Welt, nach den letzten Menschen und nach den Ursachen für den Exitus. Wir finden kaum Ruhepunkte in der Geschichte. Und wenn es uns gelingt, einen Blick nach vorne zu werfen, wirft uns der Autor mit einer kleinen Wendung meilenweit zurück. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Nichts ist, wie es scheint und keine Überraschung ist zu groß, um nicht doch plausibel und wahrhaftig zu sein. Es sind Momente der Erkenntnis, die diese Story zu einem besonderen Erlebnis machen. Aha-Erlebnisse vom Feinsten

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher – Ein Klick zum Spoiler

Was bleibt, ist ein grandioser Roman. Was bleibt, ist ein bewegendes Ende, das ihm zur Ehre gereicht. Was bleibt, sind die falschen Fährten, auf die uns der Autor entführt. Was bleibt, ist der bewusste Etikettenschwindel von Random House Audio, weil uns der Verlag etwas verschweigt, was uns beim Hören an einer bestimmten Stelle aufspringen und staunen lässt. Was bleibt ist das Gefühl, einen relevanten Roman gehört zu haben, der seine Wirkung als Hörbuch ganz besonders entfaltet. Was bleibt, ist die Liebe zum Hund, der hier ein kleines Denkmal gesetzt wird. Was bleibt, ist eine moderne „Jeanne d`Arc„, der ich auch unter ihrem Klangnamen „John Dark“ blind folgen würde. Und es bleibt der Dank an den Hörbuchsprecher Wanja Mues, der wirklich die Bestbesetzung für dieses Hörerlebnis ist.

Was aber auch bleibt, ist, dass am Ende des Tages nichts so ist, wie es scheint. Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt„, C.A. Fletcher, gelesen von Wanja Mues. Nichts von alledem ist richtig. Nichts davon ist wirklich wahr. Alles davon ist lückenhaft und doch so großartig, dass man es keinesfalls verpassen darf.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

PS: Hunde und Dystopien sind meisterhafte Weggefährten. Deathland Dogs“ von Kevin Brooks könnte euch gefallen, wenn ihr Jip und Jess liebgewonnen habt.

Der Bücherdrache von Walter Moers [Zamonien]

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Gerade erst habe ich mich vom Schock erholt, dass es gar kein „Weihnachten in der Lindwurmfeste“ gibt. Es ist erst wenige Wochen her, seit mir der wohl populärste Lindwurm Zamoniens, Hildegund von Mythenmetz, der eigentliche und wahre Autor der meisten Geschichten dieses fantastischen Kontinents, alle Drachenzähne gezogen hat und frei heraus erklärte, es handele sich bei diesen Weihnachtsritualen lediglich um zufällige Ähnlichkeiten mit den uns bekannten Festtagsabläufen. Nur knapp war ich der Gefahr entronnen, einen „Bücherräumaus“ zu veranstalten, weil das ja eine so schöne zamonische Tradition sei. Alles ist beim Alten. Alle Bücher und Hörbücher sind noch da. Ganz besonders diejenigen von Walter Moers. (Weiterhören bei Radio Hörbahn)

Der Bücherdrache - Walter Moers - Die Rezension fürs Ohr

Der Bücherdrache – Walter Moers – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Zamonien. Sehnsuchtsort und fantastischer Mahlstrom der Legenden und Sagen. Nie in Vergessenheit geraten und allzeit omnipräsent. So allgegenwärtig, dass es allein schon ausreicht, das Gerücht von der Existenz eines belesenen Lindwurms in die Welt zu setzen, um die Buchlinge im Gefolge des Meisterautors in Aufregung zu versetzen. Was sich in den letzten Jahren wie ein leichtes zamonisches Geplänkel anfühlte und in allen Lesern große Zweifel säte, ob es nach dem „Labyrinth der träumenden Bücher“ mit großen und wahrhaftigen Geschichten des zamonischen Epos weitergehen würde, mündete nun in eine unglaubliche Erwartungshaltung. „Der Bücherdrache“ warf einen Schlagschatten auf die Literaturlandschaft, der ausreichte, die Lindwurmfeste in ihren Grundfesten zu erschüttern. Aus der Feder von Walter Moers, von ihm selbst illustriert und in der guten Tradition der Mythenmetz`schen Erzählungen sollte es weitergehen.

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache“. Endlich. Zamonien in Reinstform. Wo uns „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ nur rudimentär an den fantastischen Kontinent und seine Geschichten erinnern konnte, und „Weihnachten in der Lindwurmfeste“ schon eher ein Fest für Buchlinge war, legt Walter Moers nun wieder richtig los. Immer noch nicht im erhofften Volumen einer echten labyrinthischen Fortsetzung, aber mit der Geschichte über ein legendäres Geschöpf, dessen Existenz wir nicht bezweifelt haben. Allein, es fehlte der Beweis. Hier halte ich ihn nun in Händen. Ein Buch, das sich in die Zamonien-Sammlung einfügt, wie ein fehlendes Puzzlesteinchen. Großformatig und in jeder Hinsicht reichhaltig illustriert, nach der Druckerschwärze aus der ledernen Grotte riechend und in seiner Haptik an einen Folianten aus der Bibliothek von Buchhaim nur allzu intensiv erinnernd. Das Herz eines jeden Buchlings macht einen Freudenhüpfer.

Und dann die Geschichte. Diese Geschichte. Hach. Einfach zum Dahinschmelzen. Es ist ja vielleicht nur ein Traum, in den wir mit Hildegund von Mythenmetz fallen. Es ist vielleicht gar nicht wahr, was er uns erzählt, aber… ABER. Ungläubige mögen zweifeln. Wahre Zamonien-Anhänger wissen, dass ihnen hier der Missing-Link zum Ormsumpf in die Hände gelegt wird. Jenem Sumpf, der seit jeher als die Brutstätte der Inspiration zu sehen ist. Ein geheimnisvoller Sumpf, der in Gedichten besungen wird und in dem das Orm entsteht. Jene Energie, die ihrem Besitzer literarisches Genie verleiht. Hier kommt das wahre Gold Zamoniens zur Welt. Ein literarischer Schatz.

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

„In bösen, dunklen, kalten Tümpeln
Wo alte Bücher Orm gebären
Die tief in toten Sümpfen dümpeln
Wo Bücherwürmer sich vermehren
Wo alle Fragen Antwort finden
Doch niemand seine Frage kennt
Dort soll sich jener Dämon winden
Den man den Bücherdrachen nennt“

Traum hin, Traum her. Ich nehme diese Erzählung für bare Münze. Hildegunst wird lesend von einem Buch eingesaugt. Das passiert schließlich jedem von uns. Tiefer und tiefer fällt er in den Abgrund in und zwischen den Seiten, bis er schließlich dem kleinen Buchling Hildegunst Zwei begegnet. Diese Begegnung mit seinem Alter Ego setzt die Geschichte in Gang, der sich weder Hildegunst noch wir uns entziehen können. Er hat viel zu erzählen, der Miniatur-Buchling. Wahrhaft Bahnbrechendes. Er ist ihm begegnet und noch mehr. Er hat den Bücherdrachen nicht nur aufgespürt und ihn einäugig und eigenäugig gesehen, sondern hat sich sogar mit dem Fabelwesen unterhalten. Hier ist der Beweis für seine Existenz. Es gibt ihn. Den Drachen im Ormsumpf, der nicht lesen kann oder muss. Es reicht ihm schon, sich im Schlamm verrottender Bücher zu wälzen. Und schon greift das Orm nach ihm, inspiriert ihn und macht ihn so klug wie die große Bibliothek von Zamonien.

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Der Bücherdrache von Walter Moers – Andreas Fröhlich

Die Geschichte von Hildegunst Zwei gehört zweifelsfrei zu den magischsten aus dem Zamonien-Zyklus. Er erzählt vom Ursprung seiner Suche, den sechs Klassikern, die ihn verleiten in die Tiefe hinabzusteigen, seiner ersten Begegnung mit dem Drachen und der Unterhaltung auf die sich dieses lebendige Mysterium einlässt. Buchmagie und Literaturfaszination machen sich breit. Der Sumpf erwacht zum Leben und der Buchling Hildegunst Zwei wird zum einzigen Wesen, das in die Geheimnisse des Bücherdrachen eingeweiht wird. Sehr spät erkennt unser Buchling, dass er auf einmal zu viel weiß. Viel zu spät geht ihm das eine Auge auf. Rette sich wer kann, heißt es nun. Eine wilde Hatz durch den Ormsumpf beginnt, an dessen Ende nicht das Ende der Geschichte wartet.

Ihr trefft auf Bücherwürmer, helft dabei, dem Bücherdrachen seine Buchschuppen zu stehlen und spürt die inspirierende Macht des Orm. Ihr werdet zu Zeugen des einzigen Ormrakels, das die Welt je sah und verirrt Euch im Geflecht aus Wahrheit, Lügen und Spekulation. Und nicht zuletzt erkennt Ihr Euch im Bücherdrachen wieder, der nur aus Liebe zur Literatur existiert. Wer würde sich da nicht gerne im Ormsumpf suhlen? Eine grandiose Geschichte, die in allerbester zamonischer Tradition zu begeistern weiß. Im Hörbuch ist es erneut Andreas Fröhlich, mein stimmlicher Zamonienmeister, der alle Charaktere zum Leben erweckt. Seine Interpretation des Bücherdrachen, der nur in der Erzählung des kleinen Buchlings zu Wort kommt, ist magisch. Was die Illustrationen für das Buch sind, ist die Stimmfarbe dieses Wortkünstlers für das Hörbuch. Ich begegnete ihm auf der Leipziger Buchmesse. Ein Gespräch, das noch lange nachwirkt, weil ich in diesem Moment mit allen Stimmen Zamoniens sprach. Und nicht nur mit diesen.

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Ja, es ist vielleicht nur ein Traum, den wir hier erlesen und erhören dürfen. Einer zeitlichen Einordnung in den Zamonien-Zyklus entzieht sich dieses Buch jedenfalls mit diesem erzählerischen Trick. Da hat der gute Herr Moers sehr viel Orm getankt, als er diese Geschichte zu Papier brachte. Eigentlich müsste sie nach dem Labyrinth spielen. Eigentlich müsste sie schon im „Schloss der träumenden Bücher“ spielen. In jenem Buch, auf das wir schon so lange warten und dessen Erscheinen schon oft verschoben wurde. Ich mag nicht spekulieren. Dafür lässt „Der Bücherdrache“ auch keinen Raum. Ich nehme es, wie es kommt. Möge der Autor im Orm-Vollbad liegen und das Schloss vor seinem geistigen Auge entstehen lassen. 

Möge er Kraft und Inspiration schöpfen, um uns bald in die große Fortsetzung zu geleiten. Und bis dahin? Still schweigt der Sumpf? In Geduld üben? Oh nein. Da kennt Ihr Walter Moers schlecht. Am Ende des Bücherdrachen findet sich im Buch eine nicht angekündigte illustrierte Leseprobe. Es geht bald weiter. Und das, noch bevor wir uns dem Schloss nähern dürfen. Und wie es weitergeht. „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ heißt der klangvolle Titel. Es geht nach Eydernorn und wir dürfen erneut Hildegunst von Mythenmetz folgen, der sich nach dem Traum vom Ormsumpf und dem Bücherdrachen einfach nur erholen möchte. Leuchtturmlesen. Was könnte besser ins Portfolio passen? Leuchttürme sind meine ganz persönlichen Sehnsuchtsorte in der Literatur und meine kleine literarische Sternwarte ist voller magischer Geschichten, in denen sie eine Rolle spielen. Und nun kommen 1000 weitere Leuchttürme hinzu. Leserhörerherz, was willst Du mehr?

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Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache von Walter Moers
Penguin Verlag / 192 Seiten / 20 Euro
Der Hörverlag / gelesen von Andreas Fröhlich / 4 Std. 25 Min. / 20 Euro

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Es ist interessant, wie sehr Titel und Cover einen Roman in einem anderen Licht erscheinen lassen. Betrachte ich zum Beispiel das äußere Erscheinungsbild von Amy Blooms neuem Buch Meine Zeit mit Eleanor, dann sehe ich zwei elegante Damen, die zwar in stiller Eintracht in einem Garten sitzen, voneinander jedoch wenig Notiz zu nehmen scheinen. Ihre Blicke schweifen in unterschiedliche Richtungen und doch sagt das Porträt sehr viel aus, ohne besondere Nähe zu vermitteln. Betrachtet man dagegen die Covergestaltungen der Originalausgaben unter dem Titel „White Houses“, erkennt man, dass es sich bei diesen Aufnahmen um eine ganze Serie gehandelt haben muss. Hier ist der Blick der beiden Ladies auf den gleichen Fixpunkt gerichtet. Darüber hinaus erkennt man durch den Bildausschnitt genau, wo man sich befindet. (Weiterhören)

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Der Washington Memorial Obelisk zeigt dem aufmerksamen Betrachter, dass wir uns auf einer Terrasse des Weißen Hauses befinden. Einer Terrasse, die eigentlich nur der „First Family“ vorbehalten ist. Den Angehörigen des jeweiligen Präsidenten. Es ist auch deutlich zu sehen, dass beide Aufnahmen koloriert wurden. Dem Schwarzweiß im Original sind unterschiedlich konturierte Pastelltöne gefolgt. Keine Sorge, das wird jetzt keine Bildbesprechung, und doch ist es mir wichtig, mich in diesen Aufnahmen fallen zu lassen, um eine Idee von der Grundstimmung des Romans zu bekommen. Zuletzt zeigt das dritte Cover die beiden Damen im Garten des Weißen Hauses. Stolz, aufrecht, Arm in Arm und im Gleichschritt. Eine vertraute Zielstrebigkeit strahlt dieses Bild aus. Sicher mehr, als die beiden Ladies es gerne offen gezeigt haben. Es ist mein Lieblingsbild, da es einen Hauch dessen widerspiegelt, womit ich es zu tun habe, wenn ich „Meine Zeit mit Eleanor“ lese.

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Eleanor Roosevelt und die Reporterin Lorena Hickok sind hier zu sehen. Erstere, die Ehefrau von Franklin D. Roosevelt, dem 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten, der sein Land in vier Amtszeiten von 1933 bis 1945 regierte. Die Kinderlähmung zwang ihn in den Rollstuhl. Seine politischen Fähigkeiten ließen ihn alle Untiefen des Zweiten Weltkriegs und die damit verbundenen innenpolitischen Verwerfungen überstehen. Sie, immer an seiner Seite. Eleanor Roosevelt. Weitgehend isoliert in dieser Zeit, umgeben nur von wichtigen Wegbegleitern und den Berichten vieler Zeitzeugen zufolge eine sehr populäre Präsidentengattin, die das Gemeinwohl im Sinn hatte. Und doch gab es eine Affäre, die niemals thematisiert wurde, die unausgesprochen die Zeit überdauerte und die von der Presse, oder dem politischen Gegner niemals offen ausgeschlachtet wurde.

Diese Affäre trug den Namen HICK, den Kosenamen von Lorena Hickok. Hier setzt Amy Bloom an. Hier beginnt sie ihren Roman, der vielleicht viel mehr ist, als das. Dabei betont sie eindeutig, einen historischen Roman geschrieben zu haben, in dem natürlich bekannte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte vorkommen, dessen Szenen und Dialoge jedoch frei erfunden sind. Das macht die Autorin frei, in einem authentischen Setting im historischen Kontext endlich das Unausgesprochene zu verarbeiten, das Nähkästchen zu öffnen und auszuplaudern, worüber einst nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde. Dass sie keinen Skandalroman schrieb ehrt sie. Dass sie sich vorbehaltlos einer besonderen Beziehung zwischen zwei Frauen näherte, wird den beiden Damen auf der Fotografie gerecht. Sie haben sich diesen Roman verdient, weil er endlich erzählt, was in den `30er Jahren für Eleanor und Lorena vernichtend gewesen wäre. Heute darf man auf ihre Liebe, Verbundenheit und Leidenschaft schauen, ohne sie zu verdammen.

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Während Eleanor Roosevelt im Zentrum des öffentlichen Interesses stand, verlief das Leben der aufstrebenden Journalistin Lorena Hickok wenig spektakulär. Aus armen Verhältnissen stammend, und am Ende einer traumatischen Jugend voller Missbrauch geht sie ihren eigenen Weg, erobert die Welt der Zeitungen für sich und begegnet zum ersten Mal in ihrem Leben der „First Lady“. Amy Bloom skizziert in ihrem Roman nicht nur diese gemeinsame Zeit, die genau in diesem Moment begann, sie nimmt uns mit in eine Vergangenheit, die es plausibel macht, warum sich hier zwei Seelenverwandte im White House in- und aneinander verlieren. Zeitsprünge werfen uns hin und her, bis das Verständnis für die komplexe Situation so weit gediehen ist, dass wir der Story nahezu problemlos folgen wollen und können. 

Amy Bloom bewertet nicht, sie seziert nicht, gibt Spekulationen wenig Raum. Sie erzählt, wie es gewesen sein könnte, wenn sich die Türen im Weißen Haus schlossen und zwei Frauen, die nach außen nicht sonderlich attraktiv wirkten und innerlich extrem vereinsamt waren, zueinander fanden. Aus Vertrautheit entsteht Nähe und aus ihr wird ein magisches erotisches, leidenschaftliches und amouröses Band, das ständig Gefahr läuft, von der Öffentlichkeit zerrissen zu werden. Dabei ist es weniger die gegenseitige Anziehungskraft, die den Frauen Halt gibt. Es ist der unglaubliche Respekt, den beide füreinander empfinden, der in einer lesbischen Beziehung gipfelt und endet. Ja, es gab den Plan, dies offen zu leben. Am Ende der Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt und damit am Beginn der Freiheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dass er es aber ganze vier Wahlperioden schaffte, an der Macht zu bleiben, war das Todesurteil dieser Wünsche.

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Amy Bloom gibt ihre Charaktere nicht der Peinlichkeit preis. Sie zieht sie nicht ans Licht und zieht sie nicht aus. Sie öffnet uns behutsam für eine Beziehung, die auch im Hier und Jetzt fatale Folgen haben würde. So sehr hat sich die Gesellschaft nun auch nicht gewandelt. Im Kontext der Affäre wirft Amy Bloom ein sehr präzises Licht auf das Umfeld beider Frauen, auf die Erwartungshaltung, die sie umgibt und die Verletzungen, die sie ertragen müssen. Der Präsident, ein vitaler Tausendsassa, wenn es darum geht, sich in die Herzen von Frauen zu stehlen und diese zu brechen. Seine Affären mit den Frauen aus seinem Umfeld hat Eleanor stillschweigend zu erdulden. Der Preis für das Leben im Weißen Haus ist hoch. Und doch steht neben der fragwürdigen Moral, die alle Bilder dominiert, die politische Leistung unter der Überschrift eines verantwortungsvoll geführten Amtes im Vordergrund. Hier wünscht man sich oft, dieser Roman würde jetzt im Regierungssitz Beachtung finden.

Amy Bloom stürzt keine Denkmäler vom Sockel. Sie gestattet einen Blick hinter die Kulissen der Macht und öffnet den Erzählraum in eine politische Welt, an der so manch anderer Präsident gescheitert wäre. Sie ermöglicht uns den Gesprächen mit Franklin D. Roosevelt zu folgen, seine Beweggründe zu erkennen und auch seine Haltung mit der Behinderung zu verstehen. Amy Bloom schreibt nieder, was sich Eleanor und Lorena insgeheim gewünscht haben. Am Ende der Beziehung steht die Trauer darüber, dass man ihre Geschichte nicht erzählt hat.

„Niemand schrieb je einen Artikel über Eleanor und mich.“

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Amy Bloom schrieb einen großen Sehnsuchtsroman, der nicht weit hergeholt ist. Wahrscheinlich bleibt sie näher bei der Wahrheit, als es ihre Absicht war. Ich habe gut verstanden, wo eine Leidenschaft begann und konnte intensiv nachvollziehen, was die beiden Frauen aneinander hatten. Amy Bloom macht aus dem offenen Geheimnis eine große Geschichte. Die Entwicklung ihrer Charaktere spiegelt ihre Geisteshaltung wider. Hick bleibt Hick. Ob in ärmlichen Verhältnissen oder später als Mitbewohnerin im White House. Und Eleanor braucht genau ihren Halt und ihre Bestätigung, um die Energie zu entfalten, die sie immer auszeichnete. Hier machen die Charaktere Geschichte. Es sind tatsächlich die Weißen Häuser, in die wir einziehen dürfen. In wichtigen Episoden ist es auch ein kleines Weißes Haus, in dem Franklin seine Kinderlähmung therapiert. „White Houses“ – Ein Spiegelkabinett, in dem die Geschichte nicht verzerrt wird.

Diese Geschichte ist für mich eng verbunden mit dem Roman „Hemingway & ich“ von Paula McLain. Auch in diesem Buch treffen wir auf Eleanor Roosevelt. Auch hier sind es zwei Frauen, die sich plötzlich, voneinander fasziniert gegenübersitzen. Martha Gellhorn findet in der Präsidentengattin eine Fürsprecherin für ihre Karriere. Ohne ihren Einfluss, wäre Martha niemals Kriegsberichts-Reporterin geworden. Ohne Eleanor wohl keine Zukunft an der Seite Ernest Hemingways. Es ist ein interessanter Gedanke, dass die angehende Weltjournalistin Gellhorn im Weißen Haus einer angehenden Reporterin begegnet sein muss. Bücher öffnen Denkräume. Diese beiden in besonderer Weise.

„… Ich war nie auf eine Ehefrau oder einen Ehemann neidisch gewesen – bis ich Eleanor kennenlernte. Dann allerdings hätte ich alles, was ich je an Gutem erlebt habe gegen das eingetauscht, was Franklin hatte, inklusive Polio und allem Drum und Dran.“ (Lorena Hickok)

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Meine Zeit mit Eleanor“ / Amy Bloom / Atlantik Verlag / 268 Seiten / 20,00 Euro / Übersetzt von Kathrin Razum

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Zum Welttag des Buches könnt Ihr das Buch von Amy Bloom in Begleitung eines Büchereulen-Unikats in Euren Regierungssitz lotsen. Hinterlasst einen Kommentar unter dem Artikel und verratet mir, was eine Super-Leseeule bei Euch vorfinden würde. (Einsendeschluss ist Samstag, der 27. April 2019)

„Die Aussprache“ von Miriam Toews

Die Aussprache von Miriam Toews - AstroLibrium

Die Aussprache von Miriam Toews

Ich befinde mich in einem klaustrophobischen Erzählraum. Ich fühle mich nicht gut. Beklemmung macht sich breit und meine Wut ufert beim Lesen aus. Es riecht nicht nur nach Angst, es schmeckt nicht nur nach aufgestautem Hass, man kann die kollektiven Verletzungen spüren, die sich hier Gehör verschaffen. Ich bin in unserer Zeit. Nicht im Mittelalter. Ich bin in Bolivien, halte ein Buch in Händen, das wohl als Roman zu sehen ist, jedoch auf wahren Begebenheiten beruht. Ich befinde mich in einer Kolonie, in einer Gemeinde gläubiger Mennoniten. Gottesfürchtige Menschen. Sollte man meinen. Es ist ein Heuboden, in dem sich abspielt, was ich im Leben nicht mehr vergessen werde. Es ist ein Versteck, in das sich acht Frauen der Gemeinde geflüchtet haben. (Rezi hören)

Die Aussprache - Die Rezension fürs Ohr - Ein Klick genügt - Astrolibrium

Die Aussprache – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Es ist Die Aussprache, der ich beiwohnen darf, weil mir die kanadische Autorin Miriam Toews ihren neuen Roman anvertraut, der nichts anderes ist, als das fiktive Protokoll dieser unglaublichen Versammlung. Ich bin mucksmäuschenstill. Ziehe mich atemlos in den hintersten Winkel des Heubodens zurück und höre den Frauen zu. Sie sind nicht grundlos hier. Mein Gott, das auf keinen Fall. Am Ende der Leidensfähigkeit und erfüllt von dem verzweifelten Wunsch, sich selbst und ihre Kinder zu retten, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als „Die Aussprache“ zu führen und eine Entscheidung zu treffen, die alles verändert. Ihr eigenes Leben, das ihrer Familien und den Fortbestand der gesamten Mennoniten-Kolonie Molotschna.

Die Aussprache von Miriam Toews - AstroLibrium

Die Aussprache von Miriam Toews

Der Grund für „Die Aussprache“? Verstörend… Über Jahre hinweg wachten Frauen und Mädchen infolge nächtlicher Übergriffe benommen, unter Schmerzen und verletzt, blutend und psychisch gequält auf. Vergewaltigt. Die Ursache der Überfälle war für die Männer der Gemeinde schnell klar. Es war die Strafe Gottes für die unreinen Gedanken der Frauen. Eine Strafe Gottes oder des Teufels für all ihre Sünden. Erst als sich einige Frauen auf die Lauer legten, kam das Entsetzliche ans Tageslicht. Acht Männer hatten sie systematisch mit einem pflanzlichen Tierbetäubungsmittel bewusstlos gemacht und sich an ihnen vergangen. Ihre Opfer: Frauen, Mädchen, kleine Kinder. Ihr Beistand, als die Gewalttaten offensichtlich wurden: Fehlanzeige. Aus Sicht ihres Bischofs waren die Frauen bei den Gewalttaten ohne Bewusstsein. Was sollte man ihnen da beistehen im Nachhinein?

So. Das musste sich setzen. Ich war angesichts dieses Missbrauchs angewidert. Ein in sich geschlossenes patriarchalisches System mit einem archaischen Frauenbild als Basis für den systematischen sexuellen Missbrauch ist nur eine Seite des Grauens. Die Konsequenzen für die Frauen setzten dem Ganzen für mich die Krone auf. Für die Gemeinschaft nicht mehr tauglich waren sie. Nicht mehr jungfräulich, schwanger einige und beschmutzt. Man hatte diese Frauen und Mädchen an den Rand der Gemeinschaft vergewaltigt. Mir war zum Kotzen zumute. Und genau hier beginnt „Die Aussprache“. Aus Angst vor der Rache einiger Frauen befinden sich die Täter vor Gericht. Der Rest der Männer ist vor Ort, um die Kaution für ihre Freilassung aufzubringen. 48 Stunden bleiben den Frauen. 48 Stunden für eine Entscheidung. „Die Aussprache“ als Akt der Befreiung oder des Aufgebens.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Alternativen? Grundsätzlich sind sie da. Jedoch ist das mennonitische Frauenbild in Perfektion das geeignete Machtinstrument, die Wahlmöglichkeiten der Opfer drastisch einzuengen. Sie können weder lesen noch schreiben. Sie sprechen nur Plautdietsch, wissen nicht, wo sich die Kolonie befindet, weil sie den Ort nie verlassen durften. Doch trotz all dieser Grenzen sind acht Frauen nicht bereit, einfach aufzugeben. Sie begeben sich auf den Heuboden und beraten, was zu tun ist. Nichtstun. Bleiben und Kämpfen. Gehen. Miriam Toews schreibt uns in einen existenziellen Meinungsaustausch, in dem das Für und Wider der Optionen aufgelistet wird. In jeder Konsequenz wird klar, was es für die Frauen und Mädchen bedeutet, an diesem Punkt ihres Lebens angekommen zu sein. Vernichtend.

Hier sind sie nun versammelt. Generationsübergreifend, traumatisiert, verprügelt, zerschlagen, ungewollt schwanger. Sie sprechen für diejenigen, die sich bereits das Leben genommen haben. Sie sprechen für diejenigen, die zu verängstigt sind, um eine eigene Meinung zu haben. Und sie sprechen für sich selbst. Für all ihren Schmerz. Für ihre Verwundungen, die verbaute Zukunft, aber auch die Werte, für die sie bisher tapfer gekämpft haben. Alle Meinungen sind vertreten. Mord, Rache, Vergebung, Schweigen. Jede Option wird beleuchtet und erbittert diskutiert. Es gibt keinen Königsweg, für den sich die Frauen entscheiden können. Jedes Ergebnis der „Aussprache“ beinhaltet sehr schmerzliche Konsequenzen. Bis hin zum Zurücklassen der eigenen Söhne, die zu alt sind, um ihnen zu folgen. Sollten sie es denn wagen, zu fliehen.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Miriam Toews seziert mit den Gedanken dieser Frauen jedes Wort. Was bedeutet Vergebung. Ist das Gehen mit Flucht gleichzusetzen? Was ist man selbst wert? Ist man Tier oder Mensch? Was bedeutet Zukunft? Wer trägt Verantwortung und was bedeutet der Glaube an ihre orthodoxe Religion? Machen sie sich schuldig, wenn sie den Tätern nicht vergeben? Werden sie exkommuniziert, wenn sie gehen? Was geschieht mit ihrer Familie, wenn sie bleiben? Die Allmacht der Männer ist fühlbar. Ihre Abwesenheit kann nur kurz zum Durchatmen genutzt werden. Entscheidungen müssen her. Miriam Toews zermalmt jeden Hoffnungsfunken in den widerstrebenden Argumenten. Hier sind Mütter und Töchter in ihren Bildern so gefangen, dass es nicht um Emanzipation geht. Es geht ums nackte Überleben.

Die kanadische Autorin mit mennonitischen Wurzeln lässt in ihrem Buch Frauen zu Wort kommen, deren Zukunft durch ein allmächtiges Patriarchat zerstört wurde. In größter Not wagen sie daran zu denken, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Es ist allzu schmerzhaft, diesen Diskussionen zu folgen. Es ist schmerzhaft, Empathie zu empfinden, weil sie ein vernichtendes Gefühl der Wertlosigkeit aufkommen lässt. Es ist ausweglos, mir vorzustellen, was ich fühlen würde. Was Miriam Toews hier im Großen entfaltet wird zum ganz individuellen Leidensweg, der besonders in der Figur von Ona sichtbar wird. Schwanger von einem der Täter. Nervlich am Ende. Unbrauchbar für die Gemeinde und doch eine so warmherzige, zutiefst liebende und Stärke ausstrahlende Frau, dass man sie lesend eigentlich dauernd im Arm halten möchte. Dafür jedoch ist Ona Friesen zu stolz!  

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Die Aussprache von Miriam Toews

Die Relevanz dieses Romans unterstreicht Miriam Toews mit einem literarischen Schachzug der Meisterklasse. Sie lässt die Aussprache von einem Mann zu Protokoll bringen. Ein Rückkehrer in die Kolonie. Ein Ausgestoßener. August Epp. Aus Sicht der anderen Männer ein „Halbmann“. Untauglich für die Landwirtschaft. Hier jedoch brilliert er als Mediator und Moderator. Seine Anwesenheit versöhnt mit einem Patriarchat, das aus der Zeit gefallen ist. Seine Impulse und Gedanken machen ihn zum Spiegelbild der Männerwelt, wie sie sein könnte. Der Grund für seine Anwesenheit wird erst zum Ende der Aussprache klar. Ein ganz feiner literarischer und emotionaler Moment, der beweist, dass man manchmal die Flinte ins Korn werfen muss, um eine Zukunft für sich und die Menschen zu gestalten, die einem am Herzen liegen. Wahre Größe…

In Zeiten der MeToo-Debatte und dem um sich greifenden Missbrauch gegenüber Frauen zeigt dieser Roman, dass es immer die von Männern gestalteten Umstände im Leben sind, die den Weg zur Machtausübung ebnen. Brandaktuell lässt uns die Autorin mit dem Gefühl zurück, dass jede moderne Gesellschaft mennonitische Dogmen pflegt. Selbst eine kleine Familie kann zu einer Kolonie werden, in der sich eine Frau zu fügen hat. Unvorstellbar und doch beginnt der Missbrauch im Kleinen. Mit Worten, sprachlich ungenauen Begrifflichkeiten, verbalen und deshalb sehr psychischen Verletzungen. Mit Abwertung und zuletzt mit Gewalt und Zwang. Hier würde jedem Mikrokosmos Familie ein gezielter Blick auf den Makrokosmos „Kolonie“ weiterhelfen. Ob Religion, Ideologie oder gesellschaftliche Dogmatik. Die Mechanismen sind vorhanden. Die Automatismen folgen. Und wenn man bei Frauen keinen Erfolg hat, dann nimmt man sich Kinder. Wie es der systematische Missbrauch in der katholischen Kirche eindrucksvoll beweist. Lest „Die Aussprache“. Eines der wohl relevantesten Bücher des Jahres.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Viele verlorene Mädchen finden sich in „Die Aussprache“. Ein wichtiges Thema für mich. Besucht meine Literatursammlung zu den Lost Girls der Gesellschaft

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Die Aussprache von Miriam Toews und die verlorenen Mädchen