„Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes - AstroLibrium

Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Es ist schon so ein Kreuz mit Trilogien. Spätestens im Mittelband merkt man, wohin der Hase läuft, was man vom Ende erwarten darf und ob die zuvor investierte Lesezeit verschwendet war. Mittelbände lügen nicht. Entweder dienen sie als Story-Streckmittel, oder sie greifen relevante Fäden auf und man merkt als Leser, dass die Trilogiestruktur extrem sinnvoll war. „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes ist an der Stelle angelangt, an der sich die literarischen Geister normalerweise scheiden. Am Ende eines starken Mittelbandes lag so viel Potenzial in der Luft, dass ich es nur kaum erwarten konnte, das Ende endlich lesen und hören zu dürfen. Meine Rezension leitete in die offenen Fragen über, die der Schlussband zu beantworten hatte…

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Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Es gilt einen Mord aufzudecken, verloren geglaubte Tonbänder wiederzufinden, eine sich radikalisierende Tochter vom Islam fernzuhalten, für brutale Überfälle zu büßen, in Freundschafts-Kummer zu verfallen und ganz nebenbei die Stadt und sich selbst immer wieder neu zu definieren. Grandios, wie Virginie Despentes bekannte Fäden aufgreift, sie mit neuen verbindet und dann zu einem Spinnennetz verwebt, in dessen Mitte sie in aller Seelenruhe ihre Fäden zieht. Egal, wo sich etwas bewegt, alles vibriert. Es ist kein Ende in Sicht, wenn wir das Buch oder seine Hörbuchfassung verlassen. Es wird schon alles gutgehen. Es wird alles weitergehen. Es wird schon werden. So sitzt man vor dem letzten Wort dieses Mittelbandes. Wir werden Zeugen, wie sich eine Subkultur bildet, in deren Mittelpunkt niemand anderes steht, als der charismatische Looser Subutex. Nein, es endet nicht in Paris. Ja, ich freue mich auf die Fortsetzung und das Ende der Story, die mich immer noch bewegt. Ich freue mich auf alte und neue Bekannte. Oh ja, ich bin schon sehr gespannt auf „Das Leben des Vernon Subutex – 3“. Wir sehen und hören uns wieder… Versprochen…“

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Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Ich löse mein Versprechen ein. Hier bin ich wieder. Und nun am Ende des Lesens und damit am Ende der „Vernon-Subutex-Trilogie“ angelangt. Es ist nicht leicht, im Rückblick auf drei Bücher ein schlichtes Fazit zu ziehen. Virginie Despentes hatte mehr mit ihren Lesern vor, als man erwarten konnte. Das weiß ich jetzt. Sie hat nicht nur eine Aussteiger-Story erzählt. Sie hat uns nicht nur die Türen zu Menschen aufgestoßen, die in jeder Hinsicht für das moderne Frankreich in all seiner Zerrissenheit stehen. Wir sind der Erzählerin Despentes auf den literarischen Leim gegangen, denn während sie uns manchmal mit Nebenkriegsschauplätzen und scheinbar Belanglosem einlullte, bereitete sie den großen Anschlag auf unser Lesen vor.

Während wir davon ausgingen, Vernon Subutex und seine Freunde einfach noch ein wenig länger durch Paris begleiten zu dürfen, waren wir in Wirklichkeit schon Teil eines großen Plans, der im Schlussband der Trilogie gnadenlos aufging. Ja, diese Trilogie ist zutiefst politisch. Ja, sie ist ein Breitspektrum-Literarikum, das vom sozialen Zentrum ausgehend, alle extremen Ränder berührt. Ja, sie ist ein gesellschaftlicher Sandkasten, in dem uns ein Paris vor Augen geführt wird, das nur noch an der Oberfläche halbwegs intakt ist. Dabei bröckelt es schon an allen Ecken und Enden und nicht nur die Metro ist dabei, die Stadt weiter zu unterhöhlen. Jetzt fallen die Fassaden, jetzt wird der Plan der Autorin offensichtlich.

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Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

All die Menschen, die uns im Roman zuvor begegnen, all die kleinen und großen Geschichten münden in eine Geschichte, die uns nur zu gut bekannt sein sollte. Wir begegnen dem Terror in Paris. Wir erleben die Auswirkungen des ersten Anschlags auf die Seele der Stadt. Noch indirekt, aber spürbar. Was mit Charlie Hebdo beginnt, setzt sich im Bataclan fort. Wir erleben eine Stadt in Schockstarre, im Lähmungszustand, im Taumel. Wir fühlen mit den Protagonisten des Romans, wie der Stolz böckelt und jedes Empfinden von Sicherheit verlorengeht. Virginie Despentes hat uns die Türen geöffnet, hinter denen sich jetzt jeder zu verstecken versucht. Und doch geht die Handlung mehr als verzweifelt weiter. Die Subkultur rund um den neuen Heilsbringer Subutex wird zur verschworenen Gemeinschaft, in der die Musik einer längst vergangenen Zeit um sich greift. 

Alte Rechnungen werden beglichen und die Subkultur frisst ihre Kinder. Mit dem Chaos in Paris fallen auch alle persönlichen Schranken. Terror wird gesellschaftsfähig. Eine zweite große französische Revolution lässt Köpfe rollen. Ein ganzes Land verliert seine Unschuld und während wir noch denken, im finalen Schlussakkord angekommen zu sein, geht Virginie Despentes einen Schritt weiter. Sie führt uns in ein Szenario, das ich literarisch nur mit der „Roten Hochzeit“ von George R.R. Martin vergleichen kann. Den realen Anschlägen folgt nun ein fiktiver. Erfunden. Den Islamisten folgen die neuen Rechten. Die Opfer, erfunden. Fiktiv. Und doch so authentisch und plausibel, als hätten wir gerade eine Nachrichten-Sondersendung gesehen. So greifbar und ultimativ, als sei es wirklich passiert. So schockierend, weil wir die fiktiven Opfer kennen.

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Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Ein Finale Furioso, das ich so niemals erwartet hätte. Ein Ende, das der Trilogie die Krone aufsetzt und ihr gleichzeitig alle Zacken aus der Krone bricht. Nichts ist Virginie Despentes heilig. Nicht mal die Struktur ihres eigenen Romans. Aus einer realsozialen Ausgangssituation für eine erfundene Geschichte erwächst eine Gesellschaftsutopie, in deren Fortgang die französische Autorin alle Grenzen sprengt. Am Ende bleiben keine Fragen offen. Auf dieses Spiel lässt sich diese Autorin nicht ein. Ebenso wenig, wie sie einer möglichen Fortsetzung eine Chance einräumt. Sie ist nicht denkbar. Ende.

Ich kann diesen letzten Schritt nur von Herzen empfehlen. Ich hörte und las. Meine Gedanken waren oft in Paris in diesen Tagen. Wie geht es Vernon Subutex? Kommt er jemals wieder auf die Füße? Gelingt es Celeste und Aicha, sich vor dem rachsüchtigen Dopalet zu verstecken? Was macht die Vero mit dem unerwarteten Reichtum? Gelingt es Max, den aufflammenden Rassismus im Zaum zu halten und wie ergeht es anderen Charakteren, denen wir in dieser Trilogie begegnet sind? Keine Sorge, Sie werden alles erfahren. Restlos. Am Ende der Trilogie versammelten sich die Bücher meines Lesens, die von „Vernon Subutex“ tangiert wurden zu einem Abgesang auf diese Trilogie. Und ganz am Ende höre ich die letzten Worte der Hörbuchfassung, die wie ein Lamento des herrausragenden Sprechers Johann von Bülow dem Abgesang eine persönliche Note geben. Seine Stimme steht wie der Arc de Triomphe über dieser Trilogie und trägt sie.

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Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

Vernon Subutex berührt nicht nur Leser. Er tangiert viele Bücher meines Lebens.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse
Meinen Hass bekommt ihr nicht von Antoine Leiris
Unterwerfung von Michel Houellebecq

Paris… Ans Herz gewachsen…

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Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes

„Das Leben des Vernon Subutex 2“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Eigentlich muss man den Mittelband einer Trilogie kaum rezensieren. Eigentlich ist ein solcher Artikel nur für die Leser des ersten Teils von Interesse, verleitet kaum einen Nichtleser dazu, mit dem Auftaktband zu beginnen „Klingt gut, aber da warte ich, bis die Trilogie vollständig vorliegt“ und schreckt kaum jemanden ab, der monatelang gewartet hat, bis die Fortsetzung endlich auf dem Markt ist. Und Leser, die schon den ersten Teil einer Buchreihe (aus welchem Grund auch immer) abgebrochen haben, holt selbst eine gute Kritik zum zweiten Teil nicht mehr in die Buchreihe zurück. So ist es auch mit dem literarischen „Coup de France“, der mich durch mein Lesen und Hören begleitet.

Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes hat nicht nur mein Lesen, sondern auch meine Wahrnehmung einer komplexen Gesellschaft nachhaltig verändert und tiefe Spuren in mir hinterlassen. In welcher Art und Weise Vernon Subutex mich so intensiv berührte, kann man in meiner Buch- und Hörbuchvorstellung zum Auftaktband nachlesen. Dopplungen oder Redundanzen zum zuvor Geschriebenen erspare ich mir und euch. Also, wer immer noch nicht weiß, wessen Leben wir hier mit- und nachleben dürfen, dem sei meine Rezension zum ersten Teil der Reihe ans Herz gelegt. Es wird schnell ersichtlich, warum ich sehnsüchtig auf die Fortsetzung wartete und mit welchen Erwartungen ich mich erneut in das Paris eines Aussteigers begab, dessen Abstieg am Ende der fulminanten Einleitung in diesen zweiten Teil überleitete.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Wer es also bis hierhin geschafft hat, der gehört zu den Familienangehörigen von Vernon Subutex, hat den ersten und vielleicht sogar auch den zweiten Teil der Trilogie gelesen oder/und gehört, oder ist einfach unerschrocken genug, meinen Worten folgen zu wollen, einfach weil sie hier niedergeschrieben wurden. Hallo, alle zusammen. Freut mich sehr, euch wieder nach Paris mitnehmen zu können. Ich bin oft dort, ob literarisch oder im realen Leben. Kenne alle Prachtstraßen und Gassen, ihre Geschichte und das soziale Gefälle zwischen den Champs-Élysées und den Banlieus. Ich bin hier durchaus ein wenig zuhause. Nicht zuletzt, weil ich diese Metropole mit anderen Augen sehe, seit mir Vernon Subutex über den Weg gelaufen ist.

Aussteiger, Lebenskünstler, ewig Gestriger, Rebell, Relikt seiner Generation und Wanderer zwischen den Welten des Urbanen. So habe ich ihn kennengelernt. Raus aus dem normalen Leben, rein in die Rolle des Getriebenen und Bittstellers, der an den Türen ehemaliger Freunde und Freundinnen zu verzweifeln beginnt. Autofokus auf eine Gesellschaft, die sich so gerne der genauen Betrachtung entzieht. Das Kaleidoskop der französischen Schichten, in denen wir uns sofort wiedererkennen. Bilderstürmer, der an der Oberfläche des Selbstbildes klopft, bis es langsam zu bröckeln beginnt. Analyst des Werteverfalls und -wandels in einem sozialen System, das sich schon lange in asoziale Subsysteme verloren hat. Wachstumsverweigerer und Beziehungstrottel, Enttäuschter und Enttäuscher. Sympathischer Rekord-Versager auf der nach unten offenen Subutex-Skala. Kurz gesagt: Ich mag ihn.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Das jedoch hätte ich ihm gerne erspart: Das Leben als Obdachloser in Paris. Hier genau setzt „Das Leben des Vernon Subutex – 2“ den schleichenden Abstieg aus den Schlusskapiteln des Auftaktbandes logisch, konsequent und allzu schmerzhaft fort. Hier brilliert Virginie Despentes mit dem nächsten scharfen Blick auf eine Stadt, die sich im Ganzen jedem Besucher so beharrlich entzieht. Jenseits des Schillernden, abseits des Bürgerlichen und fernab der städtischen Problemzonen in den Banlieus landen wir nun mitten auf der Straße. Die Aussicht ist schön. Sacré-Coeur am frühen Morgen ist eine traumhafte Kulisse, besonders nach alptraumhaft verbrachten Nächten auf Parkbänken. Ganz unten ist er angekommen, unser Vernon. Und nicht nur das. All jene, denen er im ersten Teil des Lesens das ein oder andere lebenswichtige Utensil (PC, Uhren, Herzen, usw.) entwendet hat, haben sich zu einer Gruppe der Verfolger zusammengeschlossen, die ihn in der Welt der Clochards zu finden versucht.

Wem wir hier am Montmartre wiederbegegnen? Keine Sorge, ihr kennt sie alle. Und nicht zuletzt haben sowohl der Verlag Kiepenheuer und Witsch, als auch Der Audio Verlag die Buch- bzw. Hörbuchausgabe mit einem Personenverzeichnis versehen. Ein perfekter Service an Lesern und Hörern, da die Personenfülle im Roman schon Formen angenommen hat, die ein solches Dramatis Personae mehr als hilfreich macht. Es ist also angerichtet. Paris aus einer anderen Perspektive. Von ganz unten. Und dazu noch enttäuschte Freunde und Bekannte auf einer gnadenlosen Hetzjagd durch die Straßen der Stadt. Über allem schwebt noch immer das scheinbar verschwundene Vermächtnis des verstorbenen Sängers Alexandre Bleach. Dieses Selbst-Interview auf Tonband ist der einzige Trumpf in Händen von Vernon Subutex, beinhaltet die Aufnahme doch allen soziokulturellen Sprengstoff, um die Reihen seiner vermeintlichen Freunde ziemlich ins Wanken zu bringen.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Ein starker Mittelband der Subutex-Trilogie. Lückenlos fortgesetzt. Hemmungslos in jeder Beziehung weitergedacht und erzählt. Ein wundervoller Mix aus altbekannten und neu hinzugekommenen Charakteren erweitert das Paris-Kaleidoskop um Facetten, die den Roman weiterbringen. Das kleine Universum aus Prostituierten, Porno-Darstellern und Privatdetektiven, in Kombination mit liebestollen älteren und jungen Frauen, die auf dem Selbstfindungstrip ihres Lebens über Subutex stolpern, erweitert sich nun um ein paar erzählenswerte Charaktere aus der Obdachlosen-Szene, wie zwei beste Freunde, die nach einer Gewalttat im ersten Band so richtig zur Geltung kommen, und eine alles überstrahlende junge Tätowiererin, die überall ihre Spuren hinterlässt. Unterhaltung und Tiefgang sind hier erneut vorprogrammiert.

Es gilt einen Mord aufzudecken, verloren geglaubte Tonbänder wiederzufinden, eine sich radikalisierende Tochter vom Islam fernzuhalten, für brutale Überfälle zu büßen, in Freundschafts-Kummer zu verfallen und ganz nebenbei die Stadt und sich selbst immer wieder neu zu definieren. Grandios, wie Virginie Despentes bekannte Fäden aufgreift, sie mit neuen verbindet und dann zu einem Spinnennetz verwebt, in dessen Mitte sie in aller Seelenruhe die Fäden zieht. Egal, wo sich etwas bewegt, alles vibriert. Es ist kein Ende in Sicht, wenn wir das Buch oder seine Hörbuchfassung verlassen. Es wird schon alles gutgehen. Es wird alles weitergehen. Es wird schon werden. So sitzt man vor dem letzten Wort dieses Mittelbandes. Wir werden Zeugen, wie sich eine Subkultur bildet, in deren Mittelpunkt niemand anderes steht, als der charismatische Looser Subutex. Nein, es endet nicht in Paris. Ja, ich freue mich auf die Fortsetzung und das Ende der Story, die mich immer noch bewegt. Ich freue mich auf alte und neue Bekannte. Oh ja, ich bin schon sehr gespannt auf „Das Leben des Vernon Subutex – 3“. Wir sehen und hören uns bald wieder… Versprochen… Hier geht es weiter

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Virginie Despentes seziert ihr Frankreich bei lebendigem Leib mit dem gewetzten Tranchiermesser eines literarischen Sternekochs.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

„Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Soziale Sprachlosigkeit. So könnte man das große Leiden in unserer Gesellschaft auf den Punkt bringen. Das kollektive Verschanzen hinter Vorurteils-Barrikaden und Dialog ohne Gesprächsbereitschaft sind die wohl prägnantesten Symptome für eine Krankheit, die wir als soziale Kälte bezeichnen. Eine schweigende Mehrheit weiß einer brüllenden Minderheit nicht mehr zu begegnen. Zeiten, in denen sehnsüchtig auf literarisch mutige Stimmen gewartet wird. Zeiten, in denen wir darauf hoffen, dass sich Schriftsteller in die Waagschale werfen und zu neuem Denken inspirieren. Schriftsteller, die aus neutralen Positionen heraus Spiegel vorhalten, Perspektiven erweitern und neue Impulse setzen könnten.

Dass wir in der heutigen Zeit der Sprachlosigkeit ausgerechnet in Frankreich auf eine solche neue Stimme treffen, ist keine Überraschung. Kaum ein anderes Land ist in sich so zerrissen, kaum ein Land fühlt das Auseinanderdriften seiner sozialen Schichten so intensiv und kaum ein Land ist so gefährdet, sich selbst an Populisten und Extremisten zu verlieren, weil die etablierten Parteien die Sorgen und Nöte des Landsleute kaum in spürbare Politik transferieren können. Die Unzufriedenheit sucht sich ihre Ventile und in Deutschland darf man sich nicht nur als stiller Beobachter dieser Entwicklung sehen. Es wäre fatal, sich das Leben so leicht zu machen. Stabil ist anders. Stabil sind nicht wir.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Es lohnt sich also sehr, unseren Blick auf einen literarischenCoup de France zu werfen und sich ihm nicht aus der Distanz zu nähern. Dieses Buch, diese Trilogie steht uns näher, als wir es je vermuten würden. Dieses Werk ist zwar so französisch, wie ein gut belegtes Baguette in einem Café an der Seine. Und dabei ist es ebenso europäisch, deutsch und polyglott, wie es ein epochales literarisches Erdbeben nur sein kann. Und als solches muss es sehr wohl bezeichnet werden, „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes. Ein auf drei Teile angelegter großer Gesellschaftsroman, der nicht nur in Frankreichreich hohe Wellen schlägt.

Ich habe den Auftaktband aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch gelesen und  bin gleichzeitig in der ungekürzten Hörbuchfassung von Der Audio Verlag versunken, weil mich Johann von Bülow mit seiner grandiosen Interpretation des Textes gefesselt hat. Wer ist nun jener Vernon Subutex, dem wir durch sein Paris folgen dürfen? Ein Paris, das ihm im weiteren Verlauf der Erzählung gar nicht mehr wie sein Paris vorkommt, das ihn zu verlieren scheint, weil er sich selbst an den Rand einer Gesellschaft katapultiert, die nur noch aus Rändern zu bestehen scheint. Vernon Subutex. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, so könnte man meinen. Eine Zeit, in der Sex and Drugs and Rock ´n´ Roll gesellschaftsfähige Rahmenbedingungen für Menschen darstellten, die heute nur noch aus dem Rahmen fallen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Der ehemalige Schallplattenverkäufer Vernon Subutex erlebt mit dem Niedergang einer Branche nicht nur den Paradigmenwechsel der Musikindustrie, er wird auch zum Zeugen seines eigenen Niederganges. Was sich gestern noch wie eine niemals enden wollende Partyszene und ein Leben auf der Überholspur anfühlte, wird schlagartig zum Horrortrip in einer sozialen Einbahnstraße. Was gestern noch eine gut vernetzte Clique ehemaliger Musiker und Szenegrößen war, wirkt plötzlich wie das zerfallene Puzzle der ewig Gestrigen. Vernon Subutex verliert Job, Wohnung und alle Unterstützung, die allzu selbstverständlich für ihn war. Was ihm bleibt sind sein relativ passables Aussehen, die ungebrochene Anziehungskraft auf Frauen und sein ausgeprägter Überlebenswille.

Denn überleben will er. Gerade nachdem die „Einschläge“ immer näher kommen und schon einige seiner Kumpels von früher die „Löffel“ abgegeben haben. Also tritt Vernon eine Flucht nach vorne an, sucht Zuflucht bei alten Freunden, noch älteren Freundinnen und bei all den Zufallsbekanntschaften, die ihm auf seinem Roadtrip durch Paris in die Quere kommen. Aus dieser skurril anmutenden Ausganslage zieht Virginie Despentes den Stoff, aus dem große Literatur gemacht werden kann. Mit Vernon Subutex lässt sie ihren Undercover-Agenten auf alle Schichten der französischen Gesellschaft los. Sein Blick wird zu unserer Perspektive. Seine Beobachtungen werden zu unseren Bildern, in denen sich das wahre Leben spiegelt. Seine Bekanntschaften werden zu Zeugen eines Abgesangs auf alle Faktoren, die den zwischenmenschlichen Wertverfall bedingen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Virginie Despentes gelingt es bravourös, all jenen eine unverwechselbare Stimme in diesem Choral des Niedergangs zu verleihen. Ein Meisterwerk der guten Beobachtung, eine Komposition aus den Dissonanzen, die dem scheinbar Normalen innewohnen. Ein Parforceritt durch die unterschiedlichsten Schichten dieser Gesellschaft, die sich schon lange nicht mehr in diesem homogenen Begriff beschreiben lässt. Dabei leistet Virginie Despentes einen existentiell wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Sprachlosigkeit in Zeiten großer Verunsicherung. Sie wertet und bewertet die Menschen nicht, denen ihr Protagonist begegnet. Sie lässt sie zur Sprache kommen. Sie seziert sie nicht. Sie legt all dies in die Hand ihrer Leser. Eine große Verantwortung für uns.

Wir begegnen den gescheiterten Existenzen, den anscheinend glücklich Verheirateten und denjenigen, die in den Fassaden ihres Lebens dahinvegetieren. Wir treffen auf die Randfiguren, die immer mehr ins Zentrum rücken, ehemalige Pornodarstellerinnen; die Online-Killerin deren Taten real zerstören können; die geschlagenen Frauen und deren Männer, für die Gewalt das alltägliche Ventil der Frustration ist; die kleine Ladendiebin von einst, die heute aus ihrem lesbischen Gefühl keinen Hehl mehr macht; den skrupel- und gewissenlosen Banker, für den Spekulationen immer Opfer fordern müssen; einen Vater, der seine Tochter in den radikalen Islam abdriften sieht ohne zu begreifen, was sie ihm damit beweisen will; prügelnde Neonazis, die in ihrem Leben einen Zufluchtsort suchen – und sei es den der Herrschaft auf der Straße und nicht zuletzt die Transe aus Brasilien, die in ihrer Abhängigkeit eine besondere Form von Freiheit findet.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Despentes lässt sie alle authentisch und plausibel durch unser Lesen rauschen. Wir erleben diese Menschen so greifbar, als würden wir mit Vernon bei ihnen Zuflucht suchen. Keine erhobenen Zeigefinger. Keine richtungsweisenden Tendenzen. Wir sind durch diesen unzensierten Blick auf die Menschen vorurteilsfreier, als wir es je waren. Selbst in der Konfrontation mit Neonazis liegt nun ein Ansatz des Verstehens, der auch ein Ansatz für Dialog sein könnte. Virginie Despentes beendet schon im ersten Teil der Trilogie um Vernon Subutex die soziale Sprachlosigkeit, weil sie der Fassungslosigkeit den Kampf ansagt. Nur was wir fassen, greifen und fühlen können, ist in der Lage uns von Ressentiments zu befreien.

Subutex macht süchtig. Nicht zufällig wohl die Auswahl dieses Namens, firmiert doch unter dieser Bezeichnung ein Opioid das zur Behandlung von Heroin-Sucht eingesetzt wird. Wirklich nicht zufällig, befindet sich doch die beschriebene Gesellschaft in einem Rauschzustand und wird aus unterschiedlichen Perspektiven so gesehen, dass sie nur noch zum Abgewöhnen taugt. Virginie Despentes schreibt sich diesen Roadtrip leicht und flüssig von der Seele. Johann von Bülow ist die ideale Hörbuchbesetzung für ein solches literarisches Schwergewicht, dem die Leichtigkeit niemals abhanden kommen darf. Das moderne Frankreich und seine Autoren strahlen gerade intensiv. Wer sich in „Dann schlaf auch du“ von Leila Slimani verloren hat, wird auch bei „Das Leben des Vernon Subutex 2“ kein Auge mehr zubekommen. Je suis Vernon.

Mehr aus Frankreich in der kleinen literarischen Sternwarte

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes – Hier geht´s zu Teil 2

Ein persönlicher Nachtrag… Aber nicht nachtragend…:

Besonders tränenreich war für mich die Begegnung zwischen einer Pennerin und einem Angehörigen der Mittelschicht. Feindlich steht man sich, die Fäuste bereits im geballten Zustand gegenüber. Dialog undenkbar. Nur das gemeinsame Schicksal ihrer vor kurzem eingeschläferten Hunde bringt die Wut und den Hass zum Stoppen. Zufall? Ich weiß es nicht. Der Dialog in den Virginie Despentes diese beiden Menschen führt ist herzzerreißend und hat dafür gesorgt, dass mein Hund in diesem Lesen wieder bei mir war. Ein Gespräch und seine Folgen, so tief wie ein Hundeblick und gar nicht folgenlos für die Fortsetzungen von „Das Leben des Vernon Subutex“. Danke für den Moment mit Schneeflocke…

Das Leben des Vernon Subutex – Wenn alles vor die Hunde geht