Wilde Freude von Sorj Chalandon

Wilde Freude von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Wilde Freude von Sorj Chalandon

Es ist mir eine wahrhaftige und Wilde Freude, den neuen gleichnamigen Roman aus der Feder von Sorj Chalandon vorstellen zu können. Ich fühle mich immer am wohlsten in Büchern und Hörbüchern, wenn ich dem Autor oder der Autorin bereits auf meinen Wegen durch die weite Welt der Literatur begegnet bin. Es fühlt sich an, wie in einen mir bekannten Erzählraum einzutreten, von dem ich ahne, was ich erwarten darf und was auf mich zukommt. Sorj Chalandon ist eine bekannte Größe in meinem Lesen. Ich weiß, dass er in der Lage ist, Gefühlswelten erlebbar zu machen. Ich weiß, dass er seine Geschichten gerne in unvorhersehbare Richtungen treibt und ich habe in seinem Roman „Am Tag davor“ eine Art von Urvertrauen zu ihm aufgebaut, weil er mich schon damals an die Hand nahm, und mich bis zum Ende sicher durch seine Geschichte und die unterschiedlichen Aspekte seines Romans führte. Aus gutem Grund schrieb ich:

Aus dem Bergarbeiter-Roman wird schlagartig ein brillanter Justiz-Roman, der es schafft, die Atmosphäre der Kohle-Region in den Gerichtssaal zu transportieren. Es ist die Aufarbeitung einer Rache. Die Abrechnung mit dem scheinbaren Täter, aus der im Verlauf des Prozesses jedoch die Aufarbeitung der Katastrophe wird. Wo ist Schuld zu suchen? Wo wird man sie finden? Wer hat das Recht zu rächen? Und nicht zuletzt die Frage, was „Am Tag davor“ geschah, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Hier sitzen wir bei den Beobachtern des Prozesses und wissen nicht, wie wir urteilen sollten. Wir wissen nichts. Nur, dass wir keine Opfer und keine Täter erkennen. Die Grenzen in dieser Bewältigungsgeschichte verschwimmen. Und das auf eine intelligent-emotionale Art und Weise, die lange im Gedächtnis bleiben wird.

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Worauf war ich also vorbereitet, als ich mich in das Buch Wilde Freude und die Hörbuchfassung, gelesen von Jodie Ahlborn, begab? Nein, Chalandon würde nicht nur ein Thema behandeln. Er würde Genres miteinander verbinden und am Ende einer Geschichte auf die Füße helfen, die eben nur in diesem Mix existieren kann. Er würde keinen Roman über die Krebserkrankung seiner Protagonistin Jeanne verfassen, er würde keinen Roman über die Freundschaft von Frauen schreiben, die er zu einer im tiefsten Inneren verschworenen Schicksalsgemeinschaft zusammenfügt. Und er würde sicher keinen Thriller über den Raubüberfall auf einen Nobeljuwelier in Paris schreiben. All diese Ingredienzien der Chalandon-Rezeptur sind im Klappentext aufgeführt. Klingt wie eines buntes Potpourri aus Handlungssträngen, die nicht zusammenpassen. Klingt allerdings nach einem typischen Chalandon, da literarische Einbahnstraßen nicht zur Landkarte seines Schreibens gehören. Es sind Kreuzungen, Boulevards und Feldwege, die zu seinem Stadtplan werden, in dem wir der menschlichen Psyche begegnen.

Da ist Jeanne. Die Pariser Buchhändlerin, der wir zu einer Mammografie folgen und miterleben müssen, wie sich ihr Leben von einer auf die andere Sekunde dramatisch in die Zeitscheiben vor und nach der Krebsdiagnose aufteilt. Chalandon versetzt uns hier tief in das Innenleben einer Frau, die sich nach einem bereits erlittenen Verlust erneut darauf einstellen muss, einen medizinischen Kampf gegen die Zeit zu führen. Hier geht der Autor schonungslos mit den Wahrheiten um, er löst blankes Entsetzen aus, wenn er „seine“ Jeanne im Stich lässt, weil er ihr einen Ehemann zur Seite stellt, der wohl einer der am wenigsten mitfühlenden Charaktere ist, der mir jemals in einem Buch begegnet ist. Ich scheue mich nicht, ihn hier als „echtes Arschloch“ zu bezeichnen. Ein Prädikat, das er sich im Verlauf der Geschichte ehrlich verdient hat. Nur ein guter Autor ist in der Lage, mich mit einer solchen Figur zur Lese-Weißglut zu treiben. Gelungen. Danke.

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Und da sind die drei Frauen, denen Jeanne während der Therapie über den Weg läuft. Brigitte, Assia und Melody. Alle vom Leben gezeichnet, alle in der Situation, die kaum Auswege kennt und doch mit feinen Antennen für ihre Mitmenschen ausgestattet. Sie entdecken das Gemeinsame. Sie verbünden sich und suchen nach einem Weg, in ihrer eigenen Ausweglosigkeit dem eigenen Leben wieder einen neuen Sinn zu geben. Was also könnte näher liegen, als sich nun zusammenzutun, um Melody zu helfen, die nichts anderes mehr gebrauchen kann, als Geld. Sie folgt einer Mission, zu der sich in aller Konsequenz unsere Ladies zusammenschließen. Sie, die kaum etwas zu verlieren haben, beschließen, einen Pariser Nobeljuwelier zu überfallen. Hier haben wir ihn. Den augenscheinlichen Bruch in einem Roman, der wie eine Krankenakte begann. Hier ist Chalandon in seinem Element.

Hier passt augenscheinlich nichts mehr zusammen. Nicht der Titel zum Buch, nicht die Protagonistinnen zur Handlung, nicht die Männer ins Bild, nicht die Krankheiten zur Geschichte eines Überfalls. Es fühlt sich an, wie ein Puzzle aus Steinen, die sich kaum verbinden lassen. DAS IST CHALANDON. Denn so spiegelt er das Leben literarisch im Herzen seiner Erzählungen. Auch in unserem Leben passt nicht viel zusammen. Nicht die Realität zu unseren Träumen, nicht die Menschen aus unserem Umfeld zu Visionen von Harmonie, nicht die Krankheiten zu unserer Vorstellung von einer heilen Welt. Und letztlich würden wir den Titel unserer Lebensgeschichte auch gerne ändern. Hier wird aus einem Roman ein Spiegelkabinett des wahren Lebens. „Wilde Freude“ ist für mich der große Trugschluss, der diesen Roman so trefflich auf den Punkt bringt.

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Aus all diesen Widersprüchen zieht Chalandon die Berechtigung, als Schriftsteller zu verbinden, was im eigentlichen Sinn niemals miteinander in Beziehung zu setzen ist. Seine Fiktion schlägt Brücken über Flüsse, die so weit auseinanderliegen, dass man in der kühnsten Fantasie keinen Brückenschlag erwarten würde. Ihm gelingt es, in dieser Geschichte, Puzzlesteine zu einem Bild zu vereinen, die zuvor als unvereinbar galten:

  • Krebs und Crime
  • Mammografie und Überfallskizzen
  • Therapeutische Perücken und Täter-Tarnung
  • Empathie und Betrug
  • Hass und Liebe
  • Selbstlosigkeit und Egozentrik
  • Kinderlosigkeit und Elternschaft

Oder, um es mit den Worten des Autors zu sagen, hier ein Zitat aus dem Roman:

Dies ist die Geschichte von vier Frauen. Sie wagten sich sehr weit vor. In die tiefste Dunkelheit, in die größte Gefahr, in den äußersten Wahnsinn. Gemeinsam rissen sie die Krebsstation nieder und errichteten auf ihren Trümmern eine Zitadelle.

Ob man sich dem Roman „Wilde Freude“ lesend in der gebundenen dtv-Ausgabe nähert, oder sich auf das Hörbuch einlässt, es ist eine besondere literarische Reise, die uns erwartet. In der ungekürzten Der Audio Verlag-Lesung brilliert Jodie Ahlborn in besonderer Weise, weil man ihr die Zerrissenheit Jeannes deutlich anhört. Aus ihrer Sicht ist der Roman erzählt. Eine wundervolle Spielwiese für eine große Stimme, die in einem einzigen Aufzug von der leidenden Frau zur kaltblütigen Räuberin mutieren darf. Großes Kopf- und Stimmkino…

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Ein Nachtrag: Chalandon weiß, worüber er schreibt, wenn er von Krebs schreibt. Eine Krankheit, die nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Ehefrau heimgesucht hat. Es ist sicher eine Expertise, auf die man als Autor verzichten kann. Allerdings spürt man jeder Faser des Buches in den Krebs-Passagen an, dass hier mehr erzählt wird, als nur eine Geschichte. Constanze Matthes weist in ihrer Buchvorstellung auf dem Blog „Zeichen & Zeiten“ ebenso deutlich darauf hin. Was macht der Krebs mit einem Menschen? Wie sehr dominiert die Angst das Leben? Wann geht die Hoffnung verloren? Wie groß wird die pure Eifersucht auf die gesunden Menschen, die nur Mitleid zeigen? Und wann ist der Point of no Return erreicht, an dem man zu allem bereit ist? Die Antworten sind in diesem Roman verborgen. Es bereitet eine „Wilde Freude“, sie zu teilen…

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Am Tag davor von Sorj Chalandon [Montan-Literatur]

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Montan-Literatur. Seit Jocelyn Saucier und ihrem Roman „Niemals ohne sie“ für mich ein neuer (weil ja von mir geprägter) Begriff einer literarischen Stilrichtung. Hier sind es die Bergwerke, Kohlegruben und Zechen, die das Szenario für brillant erzählte Romane bestimmen. Es sind Kumpel, Steiger und ihre Kollegen unter Tage, die uns in die Tiefe mitnehmen. Hauer, die uns zeigen, wie hart ihr Leben ist, welche Risiken sie begleiten und wie unfair es sich anfühlt, den Reichtum eines Landes zutage zu fördern und dabei selbst an der Armutsgrenze zu leben. Es ist ein Leben voller Entbehrungen, Traditionen und Gefahren. Der Stoff, aus dem gute Geschichten gemacht sind.

Sorj Chalandon hat mit Am Tag davor einen solchen Montan-Roman verfasst, in dem wir eigentlich gar nichts anderes erwarten, als die ewig ungeklärte Frage zu klären, was am Tag vor einem großen Grubenunglück in Frankreich passiert ist. Das Unglück selbst ist verbriefte historische Tatsache. Die Geschichte, die Sorj Chalandon in dieses Szenario einbettet, hat es in sich. Sie geht tief unter die Haut und berührt alle Facetten menschlicher Anteilnahme. Ein verblüffender Roman über Schuld, Selbstvorwürfe und niemals bewältigten Verlust. Und zugleich ein Lehrstück über den Umgang mit eigenen Wahrheiten.

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Wir schreiben den 26. Dezember 1974 und befinden uns auf der Zeche Saint-Amé in Liévin-Lens. Weihnachten ist gerade vorbei und der Routinebetrieb unter Tage läuft wieder an. Es ist der Tag, an dem der sechzehnjährige Michel voller Stolz mit Joseph, seinem großen Bruder, auf einem Moped durch die Straßen der Stadt fährt. Sie fühlen sich unbesiegbar und die Strahlkraft ihrer Jugend scheint ein Schutzschild zu bilden. Es ist der Stolz, der sie verbindet. Und auch die Angst, Joseph könnte in der Grube etwas zustoßen. Die Arbeitsbedingungen sind hart. Die Gefahr von Unglücken unkalkulierbar hoch. Es ist „Am Tag davor“, der die beiden Brüder auf der Welle gegenseitiger Liebe auf dem Moped vereint.

Am 27. Dezember 1974 ist alles anders. Eine Explosion erschüttert die Region. Es ist der Schacht, in dem sein Bruder arbeitet, der zusammenbricht. 42 Bergleute finden den Tod, wo sie eigentlich auf der Suche nach Kohle waren. Michel und seine Eltern warten auf Nachrichten, bis ihnen mitgeteilt wird, dass Joseph schwerverletzt überlebt hat. Hier lässt Sorj Chalandon einen Schacht nach dem anderen über der Familie einstürzen. Es ist unfassbar traurig, was er erzählt, wie er es erzählt und was er in uns auslöst. Joseph stirbt sechsundzwanzig Tage später in der Klinik. Er lässt verzweifelte Angehörige und eben seinen kleinen Bruder zurück. Die Geschichte hat keinen Platz für das Opfer, das so lange nach dem Unglück stirbt. Joseph wird nicht zu den Toten der Katastrophe von Liévin-Lens gezählt. Er starb im Bett.

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Jorj Chalandon vermittelt ein dramatisches Gefühl der unterschiedlichen Formen von Trauer, die hier angebracht sind. Die Familie von Joseph kommt sich vor wie böse Trittbrettfahrer auf dem Zug der wahren Opfer. Entschädigungen werden gezahlt, aber eben nur den Toten des Tages. Hass brandet auf. Wut angesichts der Verursacher der Katastrophe. Chalandon führt hier die Ausbeutung der Kumpel ins Feld, die der Gefahr zu trotzen haben, damit die Zechenbetreiber im Reichtum baden. Der Atemhauch tiefer Ungerechtigkeit durchweht das Buch. Als Michel beschließt, seine Heimat zu verlassen, gibt ihm der Vater noch eine letzte Botschaft mit auf den Weg.

„Michel, räche uns an der Zeche.“

Hier erweitert Sorj Chalandon den Erzählraum um die Dimension Rache. Ein Erbe, das Michel in Paris verdrängt. Er heiratet, lebt ein normales Leben und doch merkt man ihm an, dass die Traumatisierung tiefer sitzt, als er es wahrhaben möchte. Andenken in einer Garage zeugen vom Verlust. Ein Altar für seinen Bruder entsteht und eine Suche nach den Schuldigen der Katastrophe setzt im Verborgenen ein. Als Michels Frau stirbt gibt es kein Halten mehr. Er kehrt zurück in die Heimat. Er hat einen Plan. Er hat sogar ein Ziel. Den Hauptverdächtigen, der damals für alles verantwortlich war.

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Wir sind auf seiner Seite. Das hat der Autor geschafft. Wie könnten wir auch anders fühlen? Michel steht uns nahe. Der Verlust seines Bruders hat unser Lesen geprägt. Er wurde nicht nur um eine Zukunft, sondern auch um die Ehre betrogen, offizielles Opfer des Unglücks zu sein. Rache. Was liegt näher? Michel ist jetzt 57 Jahre alt. Grauhaarig und unbekannt in der Heimat. Zu viel Zeit ist vergangen. Vieles ist vergessen. Auch die Katastrophe von einst ist nur noch ein Mahnmal. Nicht mehr. Wir kennen die Menschen dieses Ortes, ihre Vergangenheit und die Zukunftslosigkeit unter der die Region leidet. Und genau hier schlägt Michel zu. Punktgenau. Er nimmt Rache.

Aus dem Bergarbeiter-Roman wird schlagartig ein brillanter Justiz-Roman, der es schafft, die Atmosphäre der Kohle-Region in den Gerichtssaal zu transportieren. Es ist die Aufarbeitung einer Rache. Die Abrechnung mit dem scheinbaren Täter, aus der im Verlauf des Prozesses jedoch die Aufarbeitung der Katastrophe wird. Wo ist Schuld zu suchen? Wo wird man sie finden? Wer hat das Recht zu rächen? Und nicht zuletzt die Frage, was „Am Tag davor“ geschah, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Hier sitzen wir bei den Beobachtern des Prozesses und wissen nicht, wie wir urteilen sollten. Wir wissen nichts. Nur, dass wir keine Opfer und keine Täter erkennen. Die Grenzen in dieser Bewältigungsgeschichte verschwimmen. Und das auf eine intelligent-emotionale Art und Weise, die lange im Gedächtnis bleiben wird.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Facettenreich und unvergesslich schreibt uns Sorj Chalandon seinen Roman ins Herz. „Am Tag davor“ sollte von Buchhändlern mit einer Grubenlampe versehen und ganz besonders im sogenannten Ruhrpott ganz vorne auf den Highlight-Tischen liegen. Der Roman ist eine Liebeserklärung an einen Menschenschlag und Berufszweig, von dem man sich in den letzten Jahren immer mehr verabschieden musste. Ihr Leben und ihr Leiden, ihre Traditionen und die stoische Schicksalsergebenheit stehen hier wie ein Standbild für eine fast vergangene Epoche echter Arbeiter. Werte und Normen, Freund und Feind, Gefahr und Genuss gehen Hand in Hand durch einen wahrhaft großartigen Roman. Montan-Literatur. Tiefgang verspricht Schürfrechte an einem Buch, in dem ab einem bestimmten Punkt kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Lesen!

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Am Tag davor von Sorj Chalandon / dtv / dt. von Brigitte Große / 320 Seiten / 23 Euro

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Der neue Chalandon: „Wilde Freude“ – hier geht´s zur Rezension…