„Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux - AstroLibrium

Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Sagte ich bereits, dass Männer anders lesen als Frauen? Ich denke schon. Und ich nehme mich selbst gerne als Beispiel dafür her, dass prägende Rollenbilder wesentlich für eine Rezeption literarischer Stoffe sind. In empathischer Hinsicht fällt es mir leichter, mich in einen männlichen Protagonisten hineinzuversetzen, als die Gefühlswelten einer jungen Frau verstehen zu können. Identifikation mit einer Romanfigur geht immer damit einher, dass man seine eigenen Sichtweisen und Handlungsmuster in jenem Charakter spiegelt, der uns durch die Geschichte trägt. Um es zu versinnbildlichen: Ich war immer Peter Pan, niemals Wendy. Ich war Denys Finch Hatton, nie Tania Blixen und ich habe mich viel wohler in Ernest Hemingway gefühlt, als in der Denkwelt auch nur einer seiner vier Ehefrauen. (Weiterhören oder -lesen. Sie entscheiden selbst…)

Die Rezension fürs Ohr - Erinnerung eines Mädchens - AstroLibrium

Die Rezension fürs Ohr – Erinnerung eines Mädchens

Und doch ist es das wesentliche Verdienst der Literatur, uns einen Blick über den jeweiligen Tellerrand des anderen Geschlechts zu gewähren. Verständnis entsteht nur im Wissen um Gefühlswelten, Automatismen und Verhaltensmuster einer jeweils im Dunklen liegenden anderen Welt. Nur weil ich die Sehnsucht einer Tania Blixen kenne, weiß ich mit dem rein egozentrischen Freiheitsdenken ihres Liebhabers umzugehen. In vielen Belangen öffnen diese Blicke in unerforschte feminine Welten Horizonte, die mir fremd geblieben wären, gäbe es keine Literatur. Immer wieder nähere ich mich diesem besonderen Erzählkosmos einer Frau. Nicht, um ihn nachzuempfinden. Eher schon um zu verstehen, wo die Wurzeln von Missverständnissen verborgen sind. Vielleicht auch, um zu erkennen, welche enormen Fehler wir begehen, wenn wir mit einem Tunnelblick der Ignoranz durch unsere gemeinsamen Leben stolpern.

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Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Ich hege nicht den Anspruch, als Frauenversteher durch die Welt zu laufen. Es ist für mich jedoch unabdingbar, Menschen verstehen zu wollen, auch wenn ich mich sehr schwer damit tue, ihr Denken nachvollziehen zu können. Allein im Wissen um diese so unberechenbaren Besonderheiten liegt für mich die Magie der femininen Perspektive in der Literatur. Annie Ernaux bin ich nun zum ersten Mal begegnet. Sie, die bedeutende französische Schriftstellerin, wird in Deutschland erstmals so richtig wahrgenommen. In meiner literarischen Wahrnehmung ist sie für mich ein unbeschriebenes Blatt und doch traf ich auf der Frankfurter Buchmesse die spontane Entscheidung, ihr zu folgen. Es ist einem Hörbuch zu verdanken, dass ich sie für mich entdeckte. Es ist einem Medium zu verdanken, dem ich gerade im Bereich autobiografischer Erzählungen so sehr vertraue, weil ich das Gefühl habe, ein Leben erzählt zu bekommen. Da höre ich gerne zu.

Von der „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux versprach ich mir diese unmittelbare Perspektive auf das eigene Leben der Autorin. Ich lehnte mich zurück und lauschte der Stimme von Maren Kroymann, die mich in der Hörbuchadaption aus dem Hause Der Audio Verlag in das Frankreich des Jahres 1958 entführte. Sie erzählte mir, was Annie Ernaux in der Rückschau auf ihr eigenes Leben zu Papier brachte. Das Zuhören vermittelte mir die unglaubliche Unmittelbarkeit des Miterlebens einer Tour de Force in die Vergangenheit einer inzwischen 78jährigen Schriftstellerin, die sich in eine Lebensphase zurückschrieb, die Auswirkungen bis heute hat. 1958 war Annie Ernaux das Mädchen, dessen Erinnerung wir nun vor Augen und Ohren haben. 18 Jahre alt.

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Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Wie Annie Ernaux bei der persönlichen Retrospektive vorgeht, ist absolut fesselnd. Sie distanziert sich von ihrem vergangenen Ich des 18jährigen Mädchens. Sie entfernt sich nicht nur erzählend, sie unterscheidet deutlich in Ursachen und Wirkungen, die bis heute auf ihr Leben einwirken. Ihre Ich-Perspektive richtet sich auf die Erzählerin heute und jetzt. Die junge Annie wird zur „Sie“. Die autobiografische Kontaktaufnahme mit der eigenen Vergangenheit wird auf diese Art und Weise zu einem besonderen Experiment und zum literarischen Befreiungsschlag einer alten Dame, die bis heute verschämt auf das Jahr 1958 zurückblickt. Das Jahr ihrer Unterwerfung.

Ein Jahr, in dem sich ihr ganzes Leben veränderte. Dabei fing alles sehr harmlos an und eigentlich ist für den außenstehenden Betrachter nicht viel passiert. Eigentlich. Für Annie Ernaux jedoch wird die kurze Zeit, in der sie als Betreuerin in einem Ferienlager arbeitete zum lebenslangen Martyrium. Hier wurden ihr Fesseln angelegt. Hier hat man mit ihren Gefühlen gespielt. Hier wird aus dem erwartungsvollen und lebenshungrigen Mädchen schlagartig eine Nutte. Kaum zu glauben, aber die sozialen Automatismen im Kontext interagierender Gruppen sorgen dafür, dass aus der Summe der Fehltritte eine unumkehrbare Rolle wird, der sie nie wieder entkommen kann. Eine Rolle, die sich auf jeden Lebensbereich auswirkt, auch auf ihr literarisches Schaffen. Ohne, dass jemand etwas davon ahnen konnte.

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Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Ein älterer Betreuer im Ferienlager, eine verhängnisvolle gemeinsame Nacht, eine erste Hoffnung auf Liebe, eine bittere Zurückweisung, tiefe Verletzungen, das schlimme Gefühl benutzt worden zu sein, die gefühllose Flucht in die Betten anderer Männer und das Stigma des leichten Mädchens sind wohl die wesentlichen Bilder, die sich im Kopf der jungen Annie manifestieren. Was folgt, ist Scham. Was folgt, ist die Gefühllosigkeit und ein Taumel in eine Zwischenwelt aus Bulimie und Fress-Sucht. Was folgt, ist ewige Unsicherheit sich selbst gegenüber. Dabei ist sie sich heute sicher, dass sie an einigen Stellen dieser frühen Entwicklung einfach nur Stopp hätte sagen können. Dass sie sich hingab, unterwarf und so zum Spielball der Leidenschaft wurde, schreibt sie sich immer noch selbst zu.

Eine bewegende Reise zurück in ein Mädchenschicksal, das für Männer vielleicht gar nicht so dramatisch wirkt, wie es sich für die Betroffene angefühlt hat. Wir sehen aus der männlichen Perspektive eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst und im Streben nach Zuneigung, Wärme und Liebe. Wir sehen die Seite eines Mädchens, das sich auf einen Mann einlässt. Was hier jedoch zerstört wird, ist mehr als nur das Gefühl des Augenblicks. Hier werden Wunden fürs Leben geschlagen, die kaum vernarben. In jeder Beziehung ist es hörenswert, was Annie Ernaux zu erzählen hat. Ungeschminkt und schonungslos beschreibt sie die Ambivalenz, in der sie ihre Gefühle zu leben hat.

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Erinnerung eines Mädchens – Annie Ernaux

Der erste Schritt in Richtung des Mädchens Annie Ernaux hat Konsequenzen für mich. Ich werde ihr garantiert weiter folgen und darf schon bald erleben, wie sie in „Die Jahre“ kommt. Ein Hörspiel mit Corinna Harfouch, Nicole Heesters, Birte Schnöink, und Constanze Becker setzt die literarische Auseinandersetzung der Autorin mit jenen bereits zuvor aufgeworfenen Fragen aus einer anderen Perspektive um. Kein „Ich“ wird zur Erzählerin. Von außen betrachtet Annie Ernaux die Entwicklung eines Landes, eine Phase der Krise mit Algerien, das Unaussprechliche des Jahres 1958, die Hingabe und Enttäuschung, den Weg zu sich selbst und die Jahre des Alterns. Ich denke, nun einen tiefen Zugang gefunden zu haben, um die Erweiterung des Erzählraumes zu verstehen.

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Die Jahre – Annie Ernaux –

Im Januar 2019 geht es bereits weiter. Annie Ernaux – Die Jahre / Das Hörspiel / Der Audio Verlag. Ihr werdet von uns hören. Und wer das Frankreich im Jahr 1958 besser verstehen möchte, dem empfehle ich Die französische Kunst des Kriegesvon Alexis Jenni. Algerien und die Fremdenlegion, Rassismus und Kolonialismus sind Parameter einer Republik, die das Land nachhaltig prägen sollten.

Erinnerung eines Mädchens - Annie Ernaux

Erinnerung eines Mädchens und die französische Kunst des Krieges

Verlorene Mädchen. Ein Themenschwerpunkt bei AstroLibrium. Hier

Mädchen und AstroLibrium - Eine besondere Beziehung

Mädchen und AstroLibrium – Eine besondere Beziehung

2019 – Ins neue Jahr mit der kleinen literarischen Sternwarte

AstroLibrium – Ein neues Jahr bricht an

Nun hat es doch noch gewaltig gekracht in der vergangenen Nacht. Das feuerlose zamonische Feuerwerk, wie es Walter Moers noch vor den Feiertagen empfohlen hatte, blieb ein Wunsch, der zum Rohrkrepierer wurde. Nun gut. Das hätten wir hinter uns und nun wird alles anders. Echt jetzt? Besser, bunter, toller? Ich möchte es mal hoffen. Nur hier in der kleinen literarischen Sternwarte wird sich nicht viel ändern. Ich halte auch im sechsten Jahr des Bloggens an Bewährtem fest. Ich freue mich auf ein tolles erlesenes Jahr voller literarischer Highlights, auf zwei große Buchmessen und eine Menge kleiner und großer Überraschungen.

Das vergangene Jahr war gekennzeichnet von rechtlichen Anpassungen unserer Bloggosphäre. Wer hat nicht sein ganz eigenes Lied von der Umsetzung der DSGVO gesungen, wer hat nicht Datenschutzerklärungen verfasst und lebte nicht seit Mai in der ständigen Angst vor willkürlichen Abmahnungen? Was folgte waren Unkenrufe über ein Ende des Bloggens. Die Hohezeit der Internet-Rezensenten sei vorüber und es gelte in der Zukunft neue Wege zu finden. Blogs verschwanden aus dem Netz, tauchten ab um in der Folge nur zaghaft wieder Flagge zu zeigen. Ich habe auch angepasst, formuliert und rechtskonform gedacht. Nur eines habe ich nicht getan: die Philosophie geändert. 

Buchhandlung Calliebe und AstroLibrium

Buchhandlung Calliebe und AstroLibrium

AstroLibrium bleibt AstroLibrium. Auch im neuen Jahr. Gerade im neuen Jahr. Treu möchte ich mir und den Büchern und Hörbüchern bleiben, die mir auf meinem Leseweg begegnen. Treu möchte ich meinen ideellen Partnern aus der realen Welt bleiben. Eine grandiose Buchhandlung in Groß-Gerau wird mit ihrem Inhaber Thomas Calliebe ganz eng mit meinem Lesen verbunden sein. Unsere Initiative Blogger und Buchhandel hat einen Impuls gesetzt, den wir in vielen kleinen und großen Kooperationen wiederfinden. Wir machen weiter, wie wir begonnen haben. Freundschaftlich verbunden auf dem Weg durch ein fantastisches Jahr. Am Ende all meiner Artikel werdet ihr die Buchhandlung Calliebe finden. Ich bin stolz darauf, Teil der (er)Lesen-Welt von Thomas zu sein und quartalsweise im Online- und Print-Kundenmagazin vertreten zu sein. Weiter so. Immer weiter.

Und glaubt mir, es gibt unglaublich viel zu entdecken in diesem Jahr. Bis zum Juni reichen die Vorabexemplare, die sich inzwischen bei mir eingefunden haben. Sie haben viel zu bieten. Große Themen, spannende Zusammenhänge und Schwerpunkte, auf die ich mich ganz besonders freue. Fragen denen ich gerne literarisch auf den Grund gehe und lose Fäden meines vergangenen Lesens, die wieder aufgenommen werden. Meine großen Herzensschwerpunkte „Gegen das Vergessen“ und „Gegen Rassismus und jede Form von Ausgrenzung“ finden sich in vielen Büchern wieder, die 2019 auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen versuchen. Ich mag ihnen dabei behilflich sein. Und nicht nur das.

Die kleine literarische Sternwarte AstroLibrium

Die kleine literarische Sternwarte AstroLibrium

Schon auf der Frankfurter Buchmesse habe ich neue Themen entdeckt, denen ich mich im neuen Jahr widmen möchte. Wie funktioniert Trauer in Patchworkfamilien? Wie wird man dem Anspruch getrenntlebender ehemaliger Partner gerecht, wenn das Kind stirbt, das aus dieser längst vergangenen Beziehung stammt? Und welche Rolle dürfen die jeweils neuen Lebensgefährten einnehmen? Eine hochspannende Thematik, die ich schon in „Des Lebens fünfter Akt“ erstmals für mich entdeckt habe. Familien und ihre großen und kleinen Geschichten werden mich fesseln. Vom „Gezeitenwechsel“ bis zu „Was mein Vater mir nicht erzählte“ folge ich generationsübergreifenden Erzählungen und Handlungssträngen. Perspektivwechsel wecken meine Neugier. Der Roman „Alles still auf einmal“ nähert sich einem Amoklauf aus der Sicht eines Jungen, der überlebt. Ganz im Gegensatz zu seinem älteren Bruder. Ich bin gespannt. 

Ansonsten warten Jahrestage und Jubiläen auf uns. Herman Melville zum Beispiel würde seinen 200. Geburtstag feiern. „Die Reise nach Mardi“ wird im neuen Jahr sein Geschenk an diejenigen sein, die auf ihn anstoßen. Die James-Baldwin-Reihe geht in die nächste Runde. „Nach der Flut das Feuer“ wird dann schon der dritte Roman aus der Feder des großen afroamerikanischen Schriftstellers. Annie Ernaux wird nach den „Erinnerungen eines Mädchens“ in „Die Jahre“ kommen und mich weiter in ihr Leben entführen. Eine Autorin, die ich gerade für mich zu entdecken beginne. Ich werde mehr Reisen nach Sankt Petersburg unternehmen, als je zuvor. Ich kenne diese Stadt nur als Leningrad und möchte den zaristischen Glanz zur Jahrhundertwende erstmals erlesen. „Lubotschka“ und „Der Trompeter von Sankt Petersburg“ stehen ganz oben auf der Liste dieser Städtereise in die Vergangenheit.

AstroLibrium und Literatur Radio Hörbahn

AstroLibrium und Literatur Radio Hörbahn

Und das sind nur ein paar Beispiele für die Bücher und Hörbücher, die im Frühjahr auf mich und meine kleine literarische Sternwarte zurasen. Ich hoffe sehr, ein paar hell leuchtende literarische Fixsterne zu entdecken, mit denen das Lesen ein Fest wird. Die nachhaltige Unterstützung „meiner Verlage“ lässt mich freudig in die Zukunft schauen. Die unglaubliche Entwicklung meiner Leserzahlen im vergangenen Jahr stärkt mir den Rücken für künftige Projekte. Ich hätte nie gedacht, in diese Bereiche vorzustoßen und alle Rekorde der vergangenen Jahre um ein Drittel übertreffen zu können. Dieser Dank gilt ganz alleine Euch. Ohne Resonanz, ohne Leser und ohne das Gefühl, da draußen gelesen zu werden, wäre das Bloggen eine recht autistische Leidenschaft. Ich bin stolz, im Gefühl schreiben zu dürfen, dass ich im Jahresdurchschnitt einige Fußballstadien zu füllen vermag. Ausverkaufte Sternwarte. Das macht Spaß.

Und was mit Literatur Radio Hörbahn im neuen Jahr auf Euch zukommt, habe ich auf einer neuen Seite von AstroLibrium ausführlich beschrieben. Das Hören wird rund.

Last but not least erlaube ich mir auch 2019, meine kleine TextManufaktur weiter mit Leben zu füllen. Die eigenen Texte und Fingerübungen machen Spaß und ich bin fest davon überzeugt, dass ich hier Gedanken festhalten kann, die sich ansonsten nur allzu schnell verflüchtigen würden. Und wenn ich nicht schreibe? Wenn ich nicht lese? Na dann bleibt mir ja im Jahr 2019 noch das Kino, denn hier kommt eine ganze Menge auf uns zu. Literaturverfilmungen pflastern meinen Weg im nächsten Jahr und ich habe schon jetzt unglaublich viel Lust darauf, die Filme mit den gelesenen und rezensierten Büchern zu vergleichen.

Das Kinojahr 2019 mit AstroLibrium

Das Kinojahr 2019 mit AstroLibrium

Ein kleiner Vorgeschmack:

Maria Stuart – Königin von Schottland“ mit Saoirse Ronan
„Die Ehefrau des Nobelpreisträgers“ nach „Die Ehefrau“ von Meg Wolitzer
„Der geheime Garten“ nach dem Buch von Frances Hodgson Burnett
Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ nach dem Roman von John Green
Auerhaus“ nach dem Bestseller von Bov Bjerg
Stoner“ nach dem Meisterwerk von John Williams
„Across the River into the Trees“ nach Hemigways letztem Roman
Beale Street Blues“ nach dem Roman von James Baldwin
„Der Diestelfink“ nach dem Buch von Donna Tartt
Der Club der roten Bänder“ – Das Prequel zur Erfolgsserie

Und dann noch völlig losgelöst von der literarischen Vorlage freue ich mich auf:

„Everest“ – Zum Jubiläum der Erstbesteigung (Dazu auch ein Bilderbuch bei mir)
„Mary Poppins kehrt zurück“ und „Peter Pan“. Ein Highlight jagt das nächste.

Mein Kinojahr 2019 wird ein Blog-Schwerpunkt des neuen Jahres. Nicht nur weil so viele Literaturverfilmungen das Licht der Leinwand erblicken, sondern gerade auch, weil sich mein Hometown-Cinema SCALA Kino & Lounge FFB als Partner an meine Seite gestellt hat, um den Schulterschluss zwischen Buch und Film gemeinsam zu wagen. Ihr werdet viel von uns lesen, sehen und hören. Macht es Euch bequem.

AstroLibrium 2019

AstroLibrium 2019

Ich freue mich auf Euch. Ich freue mich darauf, Euch hier zu begegnen, Euch auf den sozialen Plattformen zu treffen und Euch im echten Leben in Leipzig, Frankfurt oder bei mir in Bayern über den Weg zu laufen. Lasst uns das Jahr 2019 feiern als gäbe es bald kein Lesen mehr. Lasst uns neue Kapitel miteinander schreiben und das Buch unseres Lesens um viele wichtige Seiten erweitern. Lasst uns auf uns achten. Gemeinsam auf uns aufpassen, uns im Auge behalten. Die Literatur ist unser Leben, aber ohne unser Leben ist die Literatur eine Nachricht, die keinen Empfänger findet. Leben wir… !!!!

Astrolibrium 2019

Bleibt anhänglich…

„Regeln für einen Ritter“ von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Lebensweisheiten wohin wir auch schauen. Kalender, Bücher, Poesiealben – nichts ist vor ihnen sicher. Zitate aus längst vergangener Zeit, aus der Feder in Vergessenheit geratener Denker und Dichter pflastern unseren Lebensweg und nicht ein Tag vergeht, ohne einen Spruch, den es zu beherzigen gilt um sein Glück zu finden. Dabei ist es wie bei Horoskopen. Man suche sich das richtige Motto, übertrage es auf das eigene Leben und interpretiere es so, wie man es gerne hätte. Fertig ist die Lebenshilfe.

Sie können diese Rezension auch hören… Sogar mit kleiner Lesung: hier

Der Radio-PodCast zum Artikel mit kleiner Lesung aus den Regeln für einen Ritter

Irgendwann ist doch auch mal gut, oder? Kann ich nur zielgerichtet durch das Leben laufen, wenn ich ständig Satzfragmente des Dalai Lama rezitiere oder hilft es mir weiter, im richtigen Moment das passende Zitat von Antoine de Saint-Exupéry aufzusagen. Es ist manchmal schon ein Fluch, weil diese ständig neu aufgewärmten Weisheiten unser eigenes Denken einengen und keinen Raum zur freien Entfaltung erlauben. Wer käme schon auf die Idee, eine Traueranzeige selbst zu formulieren, der Gratulation zur Taufe mit eigenen Worten Gewicht zu verleihen oder der Liebe seines Lebens radebrechend zu gestehen, dass man ohne Romeo und Julia auskommen möchte?

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Weit gefehlt. Da begibt man sich lieber auf die Suche im Internet oder durchforstet die eigene Bibliothek nach geeigneten Sinnsprüchen und Allgemeinplätzen. Auffälliges Symptom dieser individuellen Sprachlosigkeit ist der semantische Gleichklang, mit dem frisch Verstorbene in Zeitungen entweder mit einem Zitat von Paulo Coelho oder einem geschmeidigen Goethe-Zitat auf die letzte Reise geschickt werden. Wenn sich eine Tür schließt, geht irgendwo… Japp… Wir wissen Bescheid. Tür auf, Tür zu. Wo bleiben nur unsere eigenen und ganz persönlichen Worte? Lieben, hoffen, trauern und gratulieren wir nur noch auf Basis von Plagiaten, oder werden wir in der Literatur eher fündig als in der eigenen Fantasie?

Dabei erscheinen in den letzten Jahren diese Lebensweisheiten in immer neuem Gewand. Wundervolle Bücher bieten sich auf den Geschenktischen des Buchhandels feil und versprechen erhellende Momente und sinnstiftendes Lesen. Sie scheinen viele Antworten auf die offenen Fragen des Lebens zu beinhalten und helfen dem Gewissen dabei, sich von den allgegenwärtigen Bissen zu befreien. Und ist es nicht fein, im Falle des Versagens der guten Sprüche einfach auf den Verfasser zu zeigen und sich selbst von aller Verantwortung loszusprechen?

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

„Wer im Glashaus sitzt, der sollte nicht mit Steinen werfen“, könnte ich jetzt flockig behaupten. Denn auch ich besitze Bücher, die vor Lebensweisheiten nur so zu bersten scheinen. Und ja, auch ich nehme sie zur Hand, um mich inspirieren zu lassen. Selbst ich zitiere gerne mal und verweise auf Gedanken, die ein anderer durch das Glück der frühen Geburt und eine besondere Weitsicht hatte, bevor ich sie auch nur denken oder formulieren konnte. Aber, ich bediene mich dieser Worte nicht. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Mein „Handbuch des Kriegers des Lichts“ von Paulo Coelho (Diogenes Verlag) ist schon seit vielen Jahren eine stetige Quelle der Inspiration für mich. Ich mag komplexe Gedankengänge, die nicht nur verschlagwortet werden, sondern im Kontext des großen Ganzen zu verstehen sind. Richtungsweisend ist das Handbuch und dabei lässt es dem Leser ausreichend Spielraum, das eigene Licht zu finden. Dass nun aber ausgerechnet ein Schauspieler versucht, den Markt der Lebensweisheiten mit einem so eigenwilligen wie verstaubt wirkenden Handbuch zu erobern, hat mich überrascht. Und nicht nur das. Meine Neugier war geweckt.

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Wir kennen ihn aus dem Film „Der Club der toten Dichter“ als brillant agierenden Schauspieler. Als Schriftsteller trat er nur kurz und eher unauffällig in Erscheinung. Die Rede ist von Ethan Hawke. Und genau dieser Ethan Hawke verspricht uns nun in dem bei Kiepenheuer und Witsch veröffentlichten kleinen Band „Regeln für einen Ritter“ zu kennen, ohne die unser Leben weder ritterlich noch lebenswert ist. Nur, wer mag denn heute noch ritterlich sein? Wer strebt noch nach den Idealen überholter Wertebilder und wer glaubt schon daran, dass Regeln für einen Ritter in unserer Zeit noch relevant sein könnten?

Hier!! Aufzeig`!! Ich!!! Ich bin in meinem romantischen Weltbild davon überzeugt, dass bestimmte Werte zeitlos übertragbar sind. Ich denke, dass Ritterlichkeit kein verstaubter Begriff ist und ich bin fest davon überzeugt, dass mit einem Transfer dieser Werte in die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts einiges bewegt werden kann. Es ist genau diese Transferleistung, die Ethan Hawke mit seinem Regelwerk gelingt, denn er bedient sich eines genialen literarischen Kunstgriffes, um die scheinbar verstaubten Weisheiten erneut mit Leben zu füllen.

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Was Ethan Hawke nämlich hier als Zufallsfund im eigenen Familienarchiv ausgibt und seine Leser glauben lässt, es handele sich um das Vermächtnis seines Vorfahren Sir Thomas Lemuel Hawke, der im Winter 1483 in der Schlacht von Slaughter Bridge ums Leben kam, ist in Wirklichkeit und bei näherer Betrachtung die geschickte Collage einer mehr als zeitgemäßen Ritterlichkeit in historischem Gewand. Ethan Hawke webt einen prächtigen Wandteppich aus Legende und Fiktion, indem er den großen Ritter im eigenen Stammbaum letztmalig zu Wort kommen lässt. Am Vorabend der Schlacht und im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten. Es ist das scheinbare Vermächtnis an seine Kinder, das wir hier lesen dürfen. Ein Handbuch das lange verschollen war.

Was wir hier verpackt in dieses historische Vermächtnis finden ist eine geschickt miteinander in Einklang gebrachte Sammlung von Lebensweisheiten von Rittern, die ihre Gedanken mit Sicherheit nicht im Mittelalter kultivierten. Die Tafelrunde Ethan Hawkes reicht von William Shakespeare über Ralph Waldo Emerson bis zu Bob Dylan. Sie murmelt mit den Stimmen von Muhammad  Ali, River Phoenix, Victor Hugo, George Lucas und Nelson Mandela. Ethan Hawke macht uns Leser zu Knappen eines Ordens der ehrenwerten Ritter und entführt uns in seiner Geschichte in die Hall of Fame aller klugen Köpfe, die in seinem Leben wegweisend waren.

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

Ich werde mich ihrer Worte nicht bedienen. Das steht fest. Wie jeder Knappe werde ich versuchen, sie zu verinnerlichen und meinen eigenen Weg zu gehen. Ritterlich sein ist hierbei keine Frage des Geschlechts. Ethan Hawke holt in seiner Philosophie weiter aus und vereint Menschen im Geist. Das hebt dieses kleine Handbuch von Werken ab, die auf den ersten Blick vergleichbar scheinen. Ob Leser oder Leserin, für jeden ist der Weg sehr erfolgversprechend. Vielleicht wartet am Ende der „Regeln für einen Ritter“ sogar der Ritterschlag durch Ethan Hawke.

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke - AstroLibrium

Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke

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