Der Bücherdrache von Walter Moers [Zamonien]

Der Bücherdrache von Walter Moers - AstroLibrium

Der Bücherdrache von Walter Moers

Gerade erst habe ich mich vom Schock erholt, dass es gar kein „Weihnachten in der Lindwurmfeste“ gibt. Es ist erst wenige Wochen her, seit mir der wohl populärste Lindwurm Zamoniens, Hildegund von Mythenmetz, der eigentliche und wahre Autor der meisten Geschichten dieses fantastischen Kontinents, alle Drachenzähne gezogen hat und frei heraus erklärte, es handele sich bei diesen Weihnachtsritualen lediglich um zufällige Ähnlichkeiten mit den uns bekannten Festtagsabläufen. Nur knapp war ich der Gefahr entronnen, einen „Bücherräumaus“ zu veranstalten, weil das ja eine so schöne zamonische Tradition sei. Alles ist beim Alten. Alle Bücher und Hörbücher sind noch da. Ganz besonders diejenigen von Walter Moers. (Weiterhören bei Radio Hörbahn)

Der Bücherdrache - Walter Moers - Die Rezension fürs Ohr

Der Bücherdrache – Walter Moers – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Zamonien. Sehnsuchtsort und fantastischer Mahlstrom der Legenden und Sagen. Nie in Vergessenheit geraten und allzeit omnipräsent. So allgegenwärtig, dass es allein schon ausreicht, das Gerücht von der Existenz eines belesenen Lindwurms in die Welt zu setzen, um die Buchlinge im Gefolge des Meisterautors in Aufregung zu versetzen. Was sich in den letzten Jahren wie ein leichtes zamonisches Geplänkel anfühlte und in allen Lesern große Zweifel säte, ob es nach dem „Labyrinth der träumenden Bücher“ mit großen und wahrhaftigen Geschichten des zamonischen Epos weitergehen würde, mündete nun in eine unglaubliche Erwartungshaltung. „Der Bücherdrache“ warf einen Schlagschatten auf die Literaturlandschaft, der ausreichte, die Lindwurmfeste in ihren Grundfesten zu erschüttern. Aus der Feder von Walter Moers, von ihm selbst illustriert und in der guten Tradition der Mythenmetz`schen Erzählungen sollte es weitergehen.

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Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache“. Endlich. Zamonien in Reinstform. Wo uns „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ nur rudimentär an den fantastischen Kontinent und seine Geschichten erinnern konnte, und „Weihnachten in der Lindwurmfeste“ schon eher ein Fest für Buchlinge war, legt Walter Moers nun wieder richtig los. Immer noch nicht im erhofften Volumen einer echten labyrinthischen Fortsetzung, aber mit der Geschichte über ein legendäres Geschöpf, dessen Existenz wir nicht bezweifelt haben. Allein, es fehlte der Beweis. Hier halte ich ihn nun in Händen. Ein Buch, das sich in die Zamonien-Sammlung einfügt, wie ein fehlendes Puzzlesteinchen. Großformatig und in jeder Hinsicht reichhaltig illustriert, nach der Druckerschwärze aus der ledernen Grotte riechend und in seiner Haptik an einen Folianten aus der Bibliothek von Buchhaim nur allzu intensiv erinnernd. Das Herz eines jeden Buchlings macht einen Freudenhüpfer.

Und dann die Geschichte. Diese Geschichte. Hach. Einfach zum Dahinschmelzen. Es ist ja vielleicht nur ein Traum, in den wir mit Hildegund von Mythenmetz fallen. Es ist vielleicht gar nicht wahr, was er uns erzählt, aber… ABER. Ungläubige mögen zweifeln. Wahre Zamonien-Anhänger wissen, dass ihnen hier der Missing-Link zum Ormsumpf in die Hände gelegt wird. Jenem Sumpf, der seit jeher als die Brutstätte der Inspiration zu sehen ist. Ein geheimnisvoller Sumpf, der in Gedichten besungen wird und in dem das Orm entsteht. Jene Energie, die ihrem Besitzer literarisches Genie verleiht. Hier kommt das wahre Gold Zamoniens zur Welt. Ein literarischer Schatz.

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Der Bücherdrache von Walter Moers

„In bösen, dunklen, kalten Tümpeln
Wo alte Bücher Orm gebären
Die tief in toten Sümpfen dümpeln
Wo Bücherwürmer sich vermehren
Wo alle Fragen Antwort finden
Doch niemand seine Frage kennt
Dort soll sich jener Dämon winden
Den man den Bücherdrachen nennt“

Traum hin, Traum her. Ich nehme diese Erzählung für bare Münze. Hildegunst wird lesend von einem Buch eingesaugt. Das passiert schließlich jedem von uns. Tiefer und tiefer fällt er in den Abgrund in und zwischen den Seiten, bis er schließlich dem kleinen Buchling Hildegunst Zwei begegnet. Diese Begegnung mit seinem Alter Ego setzt die Geschichte in Gang, der sich weder Hildegunst noch wir uns entziehen können. Er hat viel zu erzählen, der Miniatur-Buchling. Wahrhaft Bahnbrechendes. Er ist ihm begegnet und noch mehr. Er hat den Bücherdrachen nicht nur aufgespürt und ihn einäugig und eigenäugig gesehen, sondern hat sich sogar mit dem Fabelwesen unterhalten. Hier ist der Beweis für seine Existenz. Es gibt ihn. Den Drachen im Ormsumpf, der nicht lesen kann oder muss. Es reicht ihm schon, sich im Schlamm verrottender Bücher zu wälzen. Und schon greift das Orm nach ihm, inspiriert ihn und macht ihn so klug wie die große Bibliothek von Zamonien.

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Der Bücherdrache von Walter Moers – Andreas Fröhlich

Die Geschichte von Hildegunst Zwei gehört zweifelsfrei zu den magischsten aus dem Zamonien-Zyklus. Er erzählt vom Ursprung seiner Suche, den sechs Klassikern, die ihn verleiten in die Tiefe hinabzusteigen, seiner ersten Begegnung mit dem Drachen und der Unterhaltung auf die sich dieses lebendige Mysterium einlässt. Buchmagie und Literaturfaszination machen sich breit. Der Sumpf erwacht zum Leben und der Buchling Hildegunst Zwei wird zum einzigen Wesen, das in die Geheimnisse des Bücherdrachen eingeweiht wird. Sehr spät erkennt unser Buchling, dass er auf einmal zu viel weiß. Viel zu spät geht ihm das eine Auge auf. Rette sich wer kann, heißt es nun. Eine wilde Hatz durch den Ormsumpf beginnt, an dessen Ende nicht das Ende der Geschichte wartet.

Ihr trefft auf Bücherwürmer, helft dabei, dem Bücherdrachen seine Buchschuppen zu stehlen und spürt die inspirierende Macht des Orm. Ihr werdet zu Zeugen des einzigen Ormrakels, das die Welt je sah und verirrt Euch im Geflecht aus Wahrheit, Lügen und Spekulation. Und nicht zuletzt erkennt Ihr Euch im Bücherdrachen wieder, der nur aus Liebe zur Literatur existiert. Wer würde sich da nicht gerne im Ormsumpf suhlen? Eine grandiose Geschichte, die in allerbester zamonischer Tradition zu begeistern weiß. Im Hörbuch ist es erneut Andreas Fröhlich, mein stimmlicher Zamonienmeister, der alle Charaktere zum Leben erweckt. Seine Interpretation des Bücherdrachen, der nur in der Erzählung des kleinen Buchlings zu Wort kommt, ist magisch. Was die Illustrationen für das Buch sind, ist die Stimmfarbe dieses Wortkünstlers für das Hörbuch. Ich begegnete ihm auf der Leipziger Buchmesse. Ein Gespräch, das noch lange nachwirkt, weil ich in diesem Moment mit allen Stimmen Zamoniens sprach. Und nicht nur mit diesen.

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Der Bücherdrache von Walter Moers

Ja, es ist vielleicht nur ein Traum, den wir hier erlesen und erhören dürfen. Einer zeitlichen Einordnung in den Zamonien-Zyklus entzieht sich dieses Buch jedenfalls mit diesem erzählerischen Trick. Da hat der gute Herr Moers sehr viel Orm getankt, als er diese Geschichte zu Papier brachte. Eigentlich müsste sie nach dem Labyrinth spielen. Eigentlich müsste sie schon im „Schloss der träumenden Bücher“ spielen. In jenem Buch, auf das wir schon so lange warten und dessen Erscheinen schon oft verschoben wurde. Ich mag nicht spekulieren. Dafür lässt „Der Bücherdrache“ auch keinen Raum. Ich nehme es, wie es kommt. Möge der Autor im Orm-Vollbad liegen und das Schloss vor seinem geistigen Auge entstehen lassen. 

Möge er Kraft und Inspiration schöpfen, um uns bald in die große Fortsetzung zu geleiten. Und bis dahin? Still schweigt der Sumpf? In Geduld üben? Oh nein. Da kennt Ihr Walter Moers schlecht. Am Ende des Bücherdrachen findet sich im Buch eine nicht angekündigte illustrierte Leseprobe. Es geht bald weiter. Und das, noch bevor wir uns dem Schloss nähern dürfen. Und wie es weitergeht. „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ heißt der klangvolle Titel. Es geht nach Eydernorn und wir dürfen erneut Hildegunst von Mythenmetz folgen, der sich nach dem Traum vom Ormsumpf und dem Bücherdrachen einfach nur erholen möchte. Leuchtturmlesen. Was könnte besser ins Portfolio passen? Leuchttürme sind meine ganz persönlichen Sehnsuchtsorte in der Literatur und meine kleine literarische Sternwarte ist voller magischer Geschichten, in denen sie eine Rolle spielen. Und nun kommen 1000 weitere Leuchttürme hinzu. Leserhörerherz, was willst Du mehr?

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Der Bücherdrache von Walter Moers

Der Bücherdrache von Walter Moers
Penguin Verlag / 192 Seiten / 20 Euro
Der Hörverlag / gelesen von Andreas Fröhlich / 4 Std. 25 Min. / 20 Euro

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Es ist interessant, wie sehr Titel und Cover einen Roman in einem anderen Licht erscheinen lassen. Betrachte ich zum Beispiel das äußere Erscheinungsbild von Amy Blooms neuem Buch Meine Zeit mit Eleanor, dann sehe ich zwei elegante Damen, die zwar in stiller Eintracht in einem Garten sitzen, voneinander jedoch wenig Notiz zu nehmen scheinen. Ihre Blicke schweifen in unterschiedliche Richtungen und doch sagt das Porträt sehr viel aus, ohne besondere Nähe zu vermitteln. Betrachtet man dagegen die Covergestaltungen der Originalausgaben unter dem Titel „White Houses“, erkennt man, dass es sich bei diesen Aufnahmen um eine ganze Serie gehandelt haben muss. Hier ist der Blick der beiden Ladies auf den gleichen Fixpunkt gerichtet. Darüber hinaus erkennt man durch den Bildausschnitt genau, wo man sich befindet. (Weiterhören)

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Der Washington Memorial Obelisk zeigt dem aufmerksamen Betrachter, dass wir uns auf einer Terrasse des Weißen Hauses befinden. Einer Terrasse, die eigentlich nur der „First Family“ vorbehalten ist. Den Angehörigen des jeweiligen Präsidenten. Es ist auch deutlich zu sehen, dass beide Aufnahmen koloriert wurden. Dem Schwarzweiß im Original sind unterschiedlich konturierte Pastelltöne gefolgt. Keine Sorge, das wird jetzt keine Bildbesprechung, und doch ist es mir wichtig, mich in diesen Aufnahmen fallen zu lassen, um eine Idee von der Grundstimmung des Romans zu bekommen. Zuletzt zeigt das dritte Cover die beiden Damen im Garten des Weißen Hauses. Stolz, aufrecht, Arm in Arm und im Gleichschritt. Eine vertraute Zielstrebigkeit strahlt dieses Bild aus. Sicher mehr, als die beiden Ladies es gerne offen gezeigt haben. Es ist mein Lieblingsbild, da es einen Hauch dessen widerspiegelt, womit ich es zu tun habe, wenn ich „Meine Zeit mit Eleanor“ lese.

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Eleanor Roosevelt und die Reporterin Lorena Hickok sind hier zu sehen. Erstere, die Ehefrau von Franklin D. Roosevelt, dem 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten, der sein Land in vier Amtszeiten von 1933 bis 1945 regierte. Die Kinderlähmung zwang ihn in den Rollstuhl. Seine politischen Fähigkeiten ließen ihn alle Untiefen des Zweiten Weltkriegs und die damit verbundenen innenpolitischen Verwerfungen überstehen. Sie, immer an seiner Seite. Eleanor Roosevelt. Weitgehend isoliert in dieser Zeit, umgeben nur von wichtigen Wegbegleitern und den Berichten vieler Zeitzeugen zufolge eine sehr populäre Präsidentengattin, die das Gemeinwohl im Sinn hatte. Und doch gab es eine Affäre, die niemals thematisiert wurde, die unausgesprochen die Zeit überdauerte und die von der Presse, oder dem politischen Gegner niemals offen ausgeschlachtet wurde.

Diese Affäre trug den Namen HICK, den Kosenamen von Lorena Hickok. Hier setzt Amy Bloom an. Hier beginnt sie ihren Roman, der vielleicht viel mehr ist, als das. Dabei betont sie eindeutig, einen historischen Roman geschrieben zu haben, in dem natürlich bekannte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte vorkommen, dessen Szenen und Dialoge jedoch frei erfunden sind. Das macht die Autorin frei, in einem authentischen Setting im historischen Kontext endlich das Unausgesprochene zu verarbeiten, das Nähkästchen zu öffnen und auszuplaudern, worüber einst nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde. Dass sie keinen Skandalroman schrieb ehrt sie. Dass sie sich vorbehaltlos einer besonderen Beziehung zwischen zwei Frauen näherte, wird den beiden Damen auf der Fotografie gerecht. Sie haben sich diesen Roman verdient, weil er endlich erzählt, was in den `30er Jahren für Eleanor und Lorena vernichtend gewesen wäre. Heute darf man auf ihre Liebe, Verbundenheit und Leidenschaft schauen, ohne sie zu verdammen.

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Während Eleanor Roosevelt im Zentrum des öffentlichen Interesses stand, verlief das Leben der aufstrebenden Journalistin Lorena Hickok wenig spektakulär. Aus armen Verhältnissen stammend, und am Ende einer traumatischen Jugend voller Missbrauch geht sie ihren eigenen Weg, erobert die Welt der Zeitungen für sich und begegnet zum ersten Mal in ihrem Leben der „First Lady“. Amy Bloom skizziert in ihrem Roman nicht nur diese gemeinsame Zeit, die genau in diesem Moment begann, sie nimmt uns mit in eine Vergangenheit, die es plausibel macht, warum sich hier zwei Seelenverwandte im White House in- und aneinander verlieren. Zeitsprünge werfen uns hin und her, bis das Verständnis für die komplexe Situation so weit gediehen ist, dass wir der Story nahezu problemlos folgen wollen und können. 

Amy Bloom bewertet nicht, sie seziert nicht, gibt Spekulationen wenig Raum. Sie erzählt, wie es gewesen sein könnte, wenn sich die Türen im Weißen Haus schlossen und zwei Frauen, die nach außen nicht sonderlich attraktiv wirkten und innerlich extrem vereinsamt waren, zueinander fanden. Aus Vertrautheit entsteht Nähe und aus ihr wird ein magisches erotisches, leidenschaftliches und amouröses Band, das ständig Gefahr läuft, von der Öffentlichkeit zerrissen zu werden. Dabei ist es weniger die gegenseitige Anziehungskraft, die den Frauen Halt gibt. Es ist der unglaubliche Respekt, den beide füreinander empfinden, der in einer lesbischen Beziehung gipfelt und endet. Ja, es gab den Plan, dies offen zu leben. Am Ende der Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt und damit am Beginn der Freiheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dass er es aber ganze vier Wahlperioden schaffte, an der Macht zu bleiben, war das Todesurteil dieser Wünsche.

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Amy Bloom gibt ihre Charaktere nicht der Peinlichkeit preis. Sie zieht sie nicht ans Licht und zieht sie nicht aus. Sie öffnet uns behutsam für eine Beziehung, die auch im Hier und Jetzt fatale Folgen haben würde. So sehr hat sich die Gesellschaft nun auch nicht gewandelt. Im Kontext der Affäre wirft Amy Bloom ein sehr präzises Licht auf das Umfeld beider Frauen, auf die Erwartungshaltung, die sie umgibt und die Verletzungen, die sie ertragen müssen. Der Präsident, ein vitaler Tausendsassa, wenn es darum geht, sich in die Herzen von Frauen zu stehlen und diese zu brechen. Seine Affären mit den Frauen aus seinem Umfeld hat Eleanor stillschweigend zu erdulden. Der Preis für das Leben im Weißen Haus ist hoch. Und doch steht neben der fragwürdigen Moral, die alle Bilder dominiert, die politische Leistung unter der Überschrift eines verantwortungsvoll geführten Amtes im Vordergrund. Hier wünscht man sich oft, dieser Roman würde jetzt im Regierungssitz Beachtung finden.

Amy Bloom stürzt keine Denkmäler vom Sockel. Sie gestattet einen Blick hinter die Kulissen der Macht und öffnet den Erzählraum in eine politische Welt, an der so manch anderer Präsident gescheitert wäre. Sie ermöglicht uns den Gesprächen mit Franklin D. Roosevelt zu folgen, seine Beweggründe zu erkennen und auch seine Haltung mit der Behinderung zu verstehen. Amy Bloom schreibt nieder, was sich Eleanor und Lorena insgeheim gewünscht haben. Am Ende der Beziehung steht die Trauer darüber, dass man ihre Geschichte nicht erzählt hat.

„Niemand schrieb je einen Artikel über Eleanor und mich.“

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Amy Bloom schrieb einen großen Sehnsuchtsroman, der nicht weit hergeholt ist. Wahrscheinlich bleibt sie näher bei der Wahrheit, als es ihre Absicht war. Ich habe gut verstanden, wo eine Leidenschaft begann und konnte intensiv nachvollziehen, was die beiden Frauen aneinander hatten. Amy Bloom macht aus dem offenen Geheimnis eine große Geschichte. Die Entwicklung ihrer Charaktere spiegelt ihre Geisteshaltung wider. Hick bleibt Hick. Ob in ärmlichen Verhältnissen oder später als Mitbewohnerin im White House. Und Eleanor braucht genau ihren Halt und ihre Bestätigung, um die Energie zu entfalten, die sie immer auszeichnete. Hier machen die Charaktere Geschichte. Es sind tatsächlich die Weißen Häuser, in die wir einziehen dürfen. In wichtigen Episoden ist es auch ein kleines Weißes Haus, in dem Franklin seine Kinderlähmung therapiert. „White Houses“ – Ein Spiegelkabinett, in dem die Geschichte nicht verzerrt wird.

Diese Geschichte ist für mich eng verbunden mit dem Roman „Hemingway & ich“ von Paula McLain. Auch in diesem Buch treffen wir auf Eleanor Roosevelt. Auch hier sind es zwei Frauen, die sich plötzlich, voneinander fasziniert gegenübersitzen. Martha Gellhorn findet in der Präsidentengattin eine Fürsprecherin für ihre Karriere. Ohne ihren Einfluss, wäre Martha niemals Kriegsberichts-Reporterin geworden. Ohne Eleanor wohl keine Zukunft an der Seite Ernest Hemingways. Es ist ein interessanter Gedanke, dass die angehende Weltjournalistin Gellhorn im Weißen Haus einer angehenden Reporterin begegnet sein muss. Bücher öffnen Denkräume. Diese beiden in besonderer Weise.

„… Ich war nie auf eine Ehefrau oder einen Ehemann neidisch gewesen – bis ich Eleanor kennenlernte. Dann allerdings hätte ich alles, was ich je an Gutem erlebt habe gegen das eingetauscht, was Franklin hatte, inklusive Polio und allem Drum und Dran.“ (Lorena Hickok)

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom - Astrolibrium

Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Meine Zeit mit Eleanor“ / Amy Bloom / Atlantik Verlag / 268 Seiten / 20,00 Euro / Übersetzt von Kathrin Razum

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Meine Zeit mit Eleanor von Amy Bloom

Zum Welttag des Buches könnt Ihr das Buch von Amy Bloom in Begleitung eines Büchereulen-Unikats in Euren Regierungssitz lotsen. Hinterlasst einen Kommentar unter dem Artikel und verratet mir, was eine Super-Leseeule bei Euch vorfinden würde. (Einsendeschluss ist Samstag, der 27. April 2019)

„Die Aussprache“ von Miriam Toews

Die Aussprache von Miriam Toews - AstroLibrium

Die Aussprache von Miriam Toews

Ich befinde mich in einem klaustrophobischen Erzählraum. Ich fühle mich nicht gut. Beklemmung macht sich breit und meine Wut ufert beim Lesen aus. Es riecht nicht nur nach Angst, es schmeckt nicht nur nach aufgestautem Hass, man kann die kollektiven Verletzungen spüren, die sich hier Gehör verschaffen. Ich bin in unserer Zeit. Nicht im Mittelalter. Ich bin in Bolivien, halte ein Buch in Händen, das wohl als Roman zu sehen ist, jedoch auf wahren Begebenheiten beruht. Ich befinde mich in einer Kolonie, in einer Gemeinde gläubiger Mennoniten. Gottesfürchtige Menschen. Sollte man meinen. Es ist ein Heuboden, in dem sich abspielt, was ich im Leben nicht mehr vergessen werde. Es ist ein Versteck, in das sich acht Frauen der Gemeinde geflüchtet haben. (Rezi hören)

Die Aussprache - Die Rezension fürs Ohr - Ein Klick genügt - Astrolibrium

Die Aussprache – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Es ist Die Aussprache, der ich beiwohnen darf, weil mir die kanadische Autorin Miriam Toews ihren neuen Roman anvertraut, der nichts anderes ist, als das fiktive Protokoll dieser unglaublichen Versammlung. Ich bin mucksmäuschenstill. Ziehe mich atemlos in den hintersten Winkel des Heubodens zurück und höre den Frauen zu. Sie sind nicht grundlos hier. Mein Gott, das auf keinen Fall. Am Ende der Leidensfähigkeit und erfüllt von dem verzweifelten Wunsch, sich selbst und ihre Kinder zu retten, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als „Die Aussprache“ zu führen und eine Entscheidung zu treffen, die alles verändert. Ihr eigenes Leben, das ihrer Familien und den Fortbestand der gesamten Mennoniten-Kolonie Molotschna.

Die Aussprache von Miriam Toews - AstroLibrium

Die Aussprache von Miriam Toews

Der Grund für „Die Aussprache“? Verstörend… Über Jahre hinweg wachten Frauen und Mädchen infolge nächtlicher Übergriffe benommen, unter Schmerzen und verletzt, blutend und psychisch gequält auf. Vergewaltigt. Die Ursache der Überfälle war für die Männer der Gemeinde schnell klar. Es war die Strafe Gottes für die unreinen Gedanken der Frauen. Eine Strafe Gottes oder des Teufels für all ihre Sünden. Erst als sich einige Frauen auf die Lauer legten, kam das Entsetzliche ans Tageslicht. Acht Männer hatten sie systematisch mit einem pflanzlichen Tierbetäubungsmittel bewusstlos gemacht und sich an ihnen vergangen. Ihre Opfer: Frauen, Mädchen, kleine Kinder. Ihr Beistand, als die Gewalttaten offensichtlich wurden: Fehlanzeige. Aus Sicht ihres Bischofs waren die Frauen bei den Gewalttaten ohne Bewusstsein. Was sollte man ihnen da beistehen im Nachhinein?

So. Das musste sich setzen. Ich war angesichts dieses Missbrauchs angewidert. Ein in sich geschlossenes patriarchalisches System mit einem archaischen Frauenbild als Basis für den systematischen sexuellen Missbrauch ist nur eine Seite des Grauens. Die Konsequenzen für die Frauen setzten dem Ganzen für mich die Krone auf. Für die Gemeinschaft nicht mehr tauglich waren sie. Nicht mehr jungfräulich, schwanger einige und beschmutzt. Man hatte diese Frauen und Mädchen an den Rand der Gemeinschaft vergewaltigt. Mir war zum Kotzen zumute. Und genau hier beginnt „Die Aussprache“. Aus Angst vor der Rache einiger Frauen befinden sich die Täter vor Gericht. Der Rest der Männer ist vor Ort, um die Kaution für ihre Freilassung aufzubringen. 48 Stunden bleiben den Frauen. 48 Stunden für eine Entscheidung. „Die Aussprache“ als Akt der Befreiung oder des Aufgebens.

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Die Aussprache von Miriam Toews

Alternativen? Grundsätzlich sind sie da. Jedoch ist das mennonitische Frauenbild in Perfektion das geeignete Machtinstrument, die Wahlmöglichkeiten der Opfer drastisch einzuengen. Sie können weder lesen noch schreiben. Sie sprechen nur Plautdietsch, wissen nicht, wo sich die Kolonie befindet, weil sie den Ort nie verlassen durften. Doch trotz all dieser Grenzen sind acht Frauen nicht bereit, einfach aufzugeben. Sie begeben sich auf den Heuboden und beraten, was zu tun ist. Nichtstun. Bleiben und Kämpfen. Gehen. Miriam Toews schreibt uns in einen existenziellen Meinungsaustausch, in dem das Für und Wider der Optionen aufgelistet wird. In jeder Konsequenz wird klar, was es für die Frauen und Mädchen bedeutet, an diesem Punkt ihres Lebens angekommen zu sein. Vernichtend.

Hier sind sie nun versammelt. Generationsübergreifend, traumatisiert, verprügelt, zerschlagen, ungewollt schwanger. Sie sprechen für diejenigen, die sich bereits das Leben genommen haben. Sie sprechen für diejenigen, die zu verängstigt sind, um eine eigene Meinung zu haben. Und sie sprechen für sich selbst. Für all ihren Schmerz. Für ihre Verwundungen, die verbaute Zukunft, aber auch die Werte, für die sie bisher tapfer gekämpft haben. Alle Meinungen sind vertreten. Mord, Rache, Vergebung, Schweigen. Jede Option wird beleuchtet und erbittert diskutiert. Es gibt keinen Königsweg, für den sich die Frauen entscheiden können. Jedes Ergebnis der „Aussprache“ beinhaltet sehr schmerzliche Konsequenzen. Bis hin zum Zurücklassen der eigenen Söhne, die zu alt sind, um ihnen zu folgen. Sollten sie es denn wagen, zu fliehen.

Die Aussprache von Miriam Toews - AstroLibrium

Die Aussprache von Miriam Toews

Miriam Toews seziert mit den Gedanken dieser Frauen jedes Wort. Was bedeutet Vergebung. Ist das Gehen mit Flucht gleichzusetzen? Was ist man selbst wert? Ist man Tier oder Mensch? Was bedeutet Zukunft? Wer trägt Verantwortung und was bedeutet der Glaube an ihre orthodoxe Religion? Machen sie sich schuldig, wenn sie den Tätern nicht vergeben? Werden sie exkommuniziert, wenn sie gehen? Was geschieht mit ihrer Familie, wenn sie bleiben? Die Allmacht der Männer ist fühlbar. Ihre Abwesenheit kann nur kurz zum Durchatmen genutzt werden. Entscheidungen müssen her. Miriam Toews zermalmt jeden Hoffnungsfunken in den widerstrebenden Argumenten. Hier sind Mütter und Töchter in ihren Bildern so gefangen, dass es nicht um Emanzipation geht. Es geht ums nackte Überleben.

Die kanadische Autorin mit mennonitischen Wurzeln lässt in ihrem Buch Frauen zu Wort kommen, deren Zukunft durch ein allmächtiges Patriarchat zerstört wurde. In größter Not wagen sie daran zu denken, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Es ist allzu schmerzhaft, diesen Diskussionen zu folgen. Es ist schmerzhaft, Empathie zu empfinden, weil sie ein vernichtendes Gefühl der Wertlosigkeit aufkommen lässt. Es ist ausweglos, mir vorzustellen, was ich fühlen würde. Was Miriam Toews hier im Großen entfaltet wird zum ganz individuellen Leidensweg, der besonders in der Figur von Ona sichtbar wird. Schwanger von einem der Täter. Nervlich am Ende. Unbrauchbar für die Gemeinde und doch eine so warmherzige, zutiefst liebende und Stärke ausstrahlende Frau, dass man sie lesend eigentlich dauernd im Arm halten möchte. Dafür jedoch ist Ona Friesen zu stolz!  

Die Aussprache von Miriam Toews - AstroLibrium

Die Aussprache von Miriam Toews

Die Relevanz dieses Romans unterstreicht Miriam Toews mit einem literarischen Schachzug der Meisterklasse. Sie lässt die Aussprache von einem Mann zu Protokoll bringen. Ein Rückkehrer in die Kolonie. Ein Ausgestoßener. August Epp. Aus Sicht der anderen Männer ein „Halbmann“. Untauglich für die Landwirtschaft. Hier jedoch brilliert er als Mediator und Moderator. Seine Anwesenheit versöhnt mit einem Patriarchat, das aus der Zeit gefallen ist. Seine Impulse und Gedanken machen ihn zum Spiegelbild der Männerwelt, wie sie sein könnte. Der Grund für seine Anwesenheit wird erst zum Ende der Aussprache klar. Ein ganz feiner literarischer und emotionaler Moment, der beweist, dass man manchmal die Flinte ins Korn werfen muss, um eine Zukunft für sich und die Menschen zu gestalten, die einem am Herzen liegen. Wahre Größe…

In Zeiten der MeToo-Debatte und dem um sich greifenden Missbrauch gegenüber Frauen zeigt dieser Roman, dass es immer die von Männern gestalteten Umstände im Leben sind, die den Weg zur Machtausübung ebnen. Brandaktuell lässt uns die Autorin mit dem Gefühl zurück, dass jede moderne Gesellschaft mennonitische Dogmen pflegt. Selbst eine kleine Familie kann zu einer Kolonie werden, in der sich eine Frau zu fügen hat. Unvorstellbar und doch beginnt der Missbrauch im Kleinen. Mit Worten, sprachlich ungenauen Begrifflichkeiten, verbalen und deshalb sehr psychischen Verletzungen. Mit Abwertung und zuletzt mit Gewalt und Zwang. Hier würde jedem Mikrokosmos Familie ein gezielter Blick auf den Makrokosmos „Kolonie“ weiterhelfen. Ob Religion, Ideologie oder gesellschaftliche Dogmatik. Die Mechanismen sind vorhanden. Die Automatismen folgen. Und wenn man bei Frauen keinen Erfolg hat, dann nimmt man sich Kinder. Wie es der systematische Missbrauch in der katholischen Kirche eindrucksvoll beweist. Lest „Die Aussprache“. Eines der wohl relevantesten Bücher des Jahres.

Die Aussprache von Miriam Toews - AstroLibrium

Die Aussprache von Miriam Toews

Viele verlorene Mädchen finden sich in „Die Aussprache“. Ein wichtiges Thema für mich. Besucht meine Literatursammlung zu den Lost Girls der Gesellschaft

Die Aussprache von Miriam Toews - AstroLibrium

Die Aussprache von Miriam Toews und die verlorenen Mädchen

„Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Mehr als zwölf Jahre hat es gedauert. Markus Zusak is back. „Die Bücherdiebin“ hat im Jahr 2005 weltweit für Furore gesorgt. Liesel Meminger hat sich im kollektiven Gedächtnis von Lesern, Hörern und Freunden von Literaturverfilmungen tief verankert. Seine Erzählperspektive des Sensenmannes hat bis heute Maßstäbe gesetzt und den Roman über den „kleinen“ Widerstand eines neunjährigen Mädchens gegen das Nazi-Regime auf die Ebene eines absoluten Jugendbuch-Klassikers katapultiert. Seitdem ist es ruhig um Markus Zusak geworden. Bis zum heutigen Tag. „Nichts weniger als ein Wunder“ heißt sein neuer Roman. Nichts weniger als ein Wunder erwarten seine Leser von ihm. Nichts weniger als ein Wunder könnte unter der Last der Erwartungshaltung in sich zusammenbrechen. (Hier kann man die Rezension auch hören!)

Nichts weniger als ein Wunder - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder – Die Rezension fürs Ohr

Der deutsche Buchtitel verspricht erneut eine bahnbrechende Geschichte. Dabei haben wir es im Roman im eigentlichen Sinn nicht mit einem Wunder zu tun. Nur kann man den Originaltitel wirklich nicht ins Deutsche übertragen, weil jeder Versuch, dieses Wortspiel zu übersetzen scheitern würde. „Bridge of Clay“ würde im Wortsinn lediglich auf eine Brücke aus Lehm deuten lassen. Klingt nicht stabil, wenig tragfähig und auch bei weiterer Betrachtung eher nach einem Roman, in dem der Weg das Ziel beschreibt. Erst beim Blick auf die Protagonisten der Geschichte wird klar, dass mit Clay nicht das Baumaterial jener Brücke, sondern einer der Söhne der Familie Dunbar gemeint ist, um die es hier geht. Eine Brücke aus ihm, aus jenem Clay Dunbar stellt die Pfeiler dar, auf denen diese Geschichte ruht. Nichts weniger als ein Wunder, dass man einen anderen Titel brauchte. Einen, der dem Buch und seiner Geschichte gerecht wird. Gelungen!

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Fans von Markus Zusak wissen, dass kein Mainstream auf sie zukommt. Sie sind nicht überrascht, wenn sich Romane aus seiner Feder strukturell und inhaltlich deutlich von der Masse vergleichbarer Bücher unterscheiden. Diesmal – und dies ist der große Unterschied zur Bücherdiebin – haben wir es nicht mehr mit einem Jugendbuch zu tun. Hier baut der australische Autor eine Brücke, die komplex und facettenreich ist, die auf vielen literarischen Wurzeln fußt und Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu sehr aktivem und aufmerksamem Lesen zwingt. Wir haben es nicht mit leichter literarischer Kost zu tun. Wir haben es im klassischen Sinn keinesfalls mit einem Familienroman zu tun, der in einer linearen Struktur unbeschwerte Lesestunden verspricht. Nicht weniger als ein Wunder liegt in unseren Händen. Wir müssen nur an dieses Buch glauben.

Wenn man die generationsübergreifende Geschichte der Familie Dunbar in ihren Zeitscheiben betrachtet, wäre wohl eine chronologische Vorgehensweise im Erzählen ein denkbarer Weg gewesen, um ihre Geschichte zu erzählen. Zusak wäre jedoch nicht Zusak, wenn er linear strukturieren würde, oder gar mit transparenten Rückblenden auf die Vergangenheit zurückgreifen würde. Vor jedem Anfang gibt es einen Anfang. So ist das Mantra dieses Romans zu sehen. Jedes Ereignis in der Vergangenheit löst eines in der Gegenwart aus. Nur weil man die Geschichten von einst nicht kennt, kann man die aktuellen Ereignisse nicht einordnen. Viele Familien leiden unter jenen weißen Flecken, die ihre Vorfahren nie mit Leben gefüllt haben. Das Unausgesprochene dominiert und führt zu Missverständnissen.

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Lassen wir uns darauf ein. Geben wir uns dem Gefühl hin, Markus Zusak würde uns das Familienalbum der Dunbars zusammenfalten und in Schnipsel zerreißen, bevor er uns scheinbar wahllos einzelne Bildfragmente zeigt und erzählt, was man darauf sehen kann. Hier wird Markus Zusak zu Homer. Sein Roman gleicht einer Ringkomposition, die in einer Abfolge von mehreren Rückblenden genau die Situation erklärt, vor der wir uns in der Gegenwart befinden. Der Sog dieser Rückblicke, die scheinbar willkürlichen Abschweifungen und das weite Ausholen in die Vergangenheit scheint die Dynamik der eigentlichen Geschichte zu bremsen. Ein fataler Irrtum. Ohne die alten Geschichten hat der Plot dieses Romans kaum Substanz. Wir sollten Markus Zusak vertrauen, wenn wir das Gefühl haben, viel im Trüben zu stochern und im Dunkeln herumzutappen. Nichts ist Zufall. Alles ist beabsichtigt. Und es ist nichts weniger als ein Wunder, dass nur auf diese Art und Weise eine Erzählmagie entsteht, die sich später in voller Wucht entfaltet.

Fünf Brüder leben unter einem Dach. Elternlos, jedoch nur Halbwaise. Die Mutter tot, der Vater nach ihrem Ableben verschwunden. Alles ist möglich in diesem Haus. Es sind heranwachsende Rabauken, die eine Männerwelt zelebrieren, wie sie schöner, brutaler und abenteuerlicher nicht sein kann. Gefühle zeigt man nicht. Die raue Schale und ein harter Kern vereint die Dunbars. Eine Katze, ein Goldfisch, eine Taube, ein Bordercollie und ein Maultier leben mit ihnen unter einem Dach. Die Namen sind Programm. Hektor, Agamemnon, Telemach, Rose und Achilles. Homer lässt nicht nur hier grüßen. Warum die Tiere diese Namen tragen, warum nur der Hund nichts mit der Odyssee zu tun hat und welche Geschichte alles miteinander verbindet, das ist der Kern und damit „Nichts weniger als ein Wunder.

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

In Wahrheit ist es die Geschichte von Penelope Dunbar. In Wahrheit ist es aber die Geschichte ihres Mannes Michael. Und es ist die Geschichte der Söhne und der jungen Mädchen, in die sie sich verlieben. Es ist die Geschichte von Penelopes Vater, der sie dazu zwingt, Klavier zu spielen. Es ist die Geschichte eines Fehlervogels, wie er seine Tochter nennt, wenn er sie für falsche Töne am Klavier bestraft. Es ist die Geschichte einer Flucht und eines Ankommens in einem fremden Land. Es ist die Geschichte eines Mannes, der von der Liebe seines Lebens enttäuscht nur noch eine Chance sieht, um nicht unterzugehen. Eine neue Liebe zu einem jungen Mädchen, das so gut am Klavier ist, seine Sprache jedoch nicht akzentfrei spricht. Es ist die Geschichte von Penny und Michael Dunbar. Aus ihr wird die Geschichte ihrer Söhne. Die Geschichte einer Familie und die Geschichte einer Krankheit. Es wird zu einer Geschichte von Verlust und Trotz, Kampf und Verzweiflung, es wird zu einer Geschichte über das Sterben und den Tod.

An dieser Stelle der Erkenntnis angelangt, sitzt man vor diesem Roman, der allen emotionalen Saiten des Lesers und Hörers alles abverlangt. Wenn wir die Fäden in Händen halten und das Muster erkennen, das Markus Zusak zu weben beginnt, wird es schwer, sich noch vom Buch oder dem Hörbuch zu trennen. Im Erkennen liegt die ganz große Magie. Fünf Brüder, die alles verloren haben. Ein Vater, der nicht mehr kann und alles hinter sich lässt. Ein Mann, der Jahre später zurückkehrt, weil er Hilfe braucht und nur einer seiner Söhne, der ihm helfen kann. Gemeinsam eine Brücke zu bauen wird zu der Metapher des Romans. Eine Brücke von Vater und Sohn, die vielleicht so tragfähig wird, dass die anderen Jungs sie überqueren können. Ein Vater, von allen nur Mörder genannt und ein Sohn namens Clay. „Bridge of Clay“. Eine Brücke aus Clay. Ich habe sie am Ende betreten. Mit wackeligen Beinen. Voller Trauer und Hoffnung. Weinend im tiefsten Kern meines Herzens. Sie hat mich in eine andere Erzählwelt getragen. „Nichts weniger als ein Wunder“. Zusak ist wieder da.

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Lesend und Hörend folgte ich dem Ich-Erzähler Mathew Dunbar, dem Ältesten der Söhne. Ich war oftmals völlig verloren in den Rückblenden und Zeitscheiben. Und doch war es immer wieder Homer und seine Odyssee, die mich retteten. Ein Heldenepos im Kern eines modernen Romans. Die Geschichte der Heimkehr des Vaters. Die Legende vom wartenden Sohn und von Penelope, die vom Schicksal verzehrt wird. Ich bin mehr als dankbar, fast zeitgleich Eine Odyssee Mein Vater, ein Epos und ich von Daniel Mendelsohn gelesen zu haben. Ich bin dankbar, die „Odyssee“ zu besitzen und in ihre magische Welt eigetaucht zu sein. Das ist mein Zugang zu Markus Zusak. Er ist mit der Welt von Homer verknüpft. Mein Weg ist sicher nicht der, den viele Leser gehen. Doch ist es mein Weg. Erkenntnisreich und von Markus Zusak nicht zufällig initiiert. Penelope war nie wundervoller, liebenswerter und tragischer. Der Fehlervogel gehört für mich zu den brillantesten Charakteren, die man für einen Roman erfinden kann.

Penny Dunbar

„Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt.
Am Tag ihrer Hochzeit brach sie sich die Nase.
Und dann natürlich das Sterben.
Ihr Sterben war ein Ereignis.“

Johannes Klaußner spricht Mathew Dunbar und erzählt uns diese Geschichte im Hörbuch. Ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Mit seiner Stimme die Brücke zu sehen, brennt sich fest. Mit seiner Stimme die wahren Wesen der Dunbar-Brüder hören zu dürfen, ein Ereignis. Seine Stimme trauern zu hören, tragisch schön. Wagt Euch auf die Brücke. Begegnet unglaublichen Charakteren und achtet auf Euch, wenn Ihr mitten im Roman vom Wein der Erkenntnis kostet. Begebt Euch auf die Odyssee einer kleinen Familie. Lernt die Menschen lieben, die Euch begegnen. Trauert um sie, jubelt ihnen zu und denkt vielleicht daran, dass Ihr „Nichts weniger als ein Wunder“ in Händen haltet.

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Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Ganz am Ende bleibt das Bild einer Wäscheklammer. Lasst es Euch nicht nehmen. Ich gehe jede Wette ein, dass wir alle im Besitz einer solchen Klammer sind, die für alle Fehler, jeden Verlust und jeden schönen Moment unseres Lebens steht. Danke kleiner Fehlervogel.

Jetzt galt esEine Odyssee Mein Vater, ein Epos und ich zu rezensieren. Das ist ohne Markus Zusak nicht mehr möglich. Das machen Bücher mit mir. Habent sua fata libelli. Bücher haben Schicksale. Was hiermit erneut bewiesen wäre…

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„Junge ohne Namen“ von Steve Tasane

Junge ohne Namen von Steve Tasane - Astrolibrium

Junge ohne Namen von Steve Tasane

Ich muss nicht weit ausholen, um einen Zugang zu einem Jugendbuch zu finden, das in diesen Tagen im S. Fischer Verlag erschienen ist. Junge ohne Namen“ von Steve Tasane besticht schon im Buchdesign, weil die eigentliche Geschichte schon auf dem Cover beginnt. Kein Autorenname. Kein Verlag. Nichts. Nur der Titel des Romans und schon geht es rein in die Handlung. Goldgeprägt und damit sehr auffällig. Ein Titel, der uns nachdenklich macht. In schlichtem Beige gehalten das ganze Buch. Ohne Effekte. Ohne Abbildung oder verlockendes Cover. Einzig ein kleiner, ebenso goldgeprägter und an eine Spielzeugfigur erinnernder Junge ziert das Cover der Steifbroschur. Unauffällig macht es gerade in seiner Schlichtheit viel her. Der Inhalt ist alles andere als schlicht.

Junge ohne Namen - Die Rezension fürs Ohr - AstroLibrium

Junge ohne Namen – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Mein Zugang zu diesem schmalen Buch liegt in meinem Lesen der letzten Tage. Ohne Familien gibt es keine Geschichten“. Dies las ich, als ich dem „Mädchen mit dem Poesiealbum“ begegnete. Ich las es aufmerksam, weil die kleine Jüdin Lientje die Verfolgung in den von Nazis besetzten Niederlanden und ihr späteres Leben wohl nicht erzählt hätte, weil sie ihre Familie verloren hatte und damit auch ihre eigene Geschichte und ihre Identität. Ein verstörendes Buch, bei dem man sich trotzdem auch immer noch fragen lassen muss: „Ist es nicht langsam genug? Das Thema ist doch längst abgehakt und sollte jetzt endlich ad acta gelegt werden!“ Ist es das? Haben wir gelernt? Passiert es heute nicht mehr, dass Kinder ihrer Identität beraubt werden und ohne Geschichte in ein neues Leben gehen müssen? (Sie können die Rezension auch hören. Hier)

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Junge ohne Namen von Steve Tasane

Beide Bücher haben sich in meinem Bücherregal vereint. Sie scheinen einander zu verstehen und zu mögen. Sie sind in unterschiedlichen Epochen angesiedelt und doch scheinen sie Geschichten zu erzählen, die viel gemeinsam haben. Nur dass der „Junge ohne Namen“ in unserer alltäglichen Gegenwart spielt. Flüchtlingsschicksale stehen im Mittelpunkt beider Bücher. Verfolgung vereint und Krieg verbindet sie. Der Verlust ihrer Eltern steht als Ausrufezeichen über der Zukunft. Nur darf Lientje ihren Namen und das Poesiealbum mit den Fotos ihrer Familie behalten. Wenigstens dies. Der „Junge ohne Namen“ hat nichts, außer einem Buchstaben, der ihm geblieben ist.

Meine Familie ist weg. Meine Papiere auch. Ich habe nur noch einen Buchstaben. I – so werde ich hier genannt. Ich bin ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling.“

Wo wir uns befinden, ist egal. Es ist eines jener Flüchtlingslager, die wir aus den Nachrichten so gut kennen. Kriegsgebiet. Menschen ohne Habseligkeiten. Ein Leben im Provisorium. Wer es gemeinsam geschafft hat, gehört zu den Glücklichen im Drama. Kinder ohne Begleitung, ohne Pässe oder sonstige Dokumente, zu jung, um überhaupt ernstgenommen zu werden, verlieren alles. Hier bleibt ihnen nur ein einziger Buchstabe und eine schlammbespritze Hütte. I ist gerade einmal zehn Jahre alt. Denkt er. Belegen kann er es nicht. Sein „Lebensbuch“ ist verloren. Kein Ausweis, keine Vergangenheit in Reichweite und keine Zukunft greifbar. Wären nicht andere Kinder, wie L, E und V, man wäre ganz alleine und rettungslos verloren. Man spricht nicht die Sprache der Wachen im Lager. Es gibt keinen Ausweg. Nur zurück in die zerbombte Heimat darf man. Sehr gerne sogar.

Junge ohne Namen von Steve Tasane - Astrolibrium

Junge ohne Namen von Steve Tasane

Den Rest des Buches sollte man auf seinen 138 Seiten auf sich wirken lassen. Es entspricht im Schreibstil, der Sprache und im gesamten Inhalt der Altersempfehlung ab dem 12. Lebensjahr. Aus der Sicht von I erlebt man den Alltag im Flüchtlingslager, lernt seine Freunde, Feinde und Helfer kennen. Steve Tasane treibt den Schlamm bildlich in unser Leben. Schlammverkrustet würden wir längst untergehen, während die Kinder in bewundernswerter Art und Weise um eine kleine Insel der Normalität bemüht sind. Was ihnen fehlt ist die Perspektive. Was fehlt ist die Zukunft. Was fehlt ist alles, was wir uns nur vorstellen können. I kämpft gegen sein Schicksal an, doch als die Planierraupen im Lager auftauchen, droht selbst dieser letzte Rest von eigener Welt unterzugehen. 

Steve Tasane ist der Sohn von Flüchtlingen. Er betont, dass dies nicht seine eigene Geschichte ist. Er schrieb sie für all die namenlosen Kinder, die in jenen Lagern darauf warten, dass man sie endlich rettet und in eine sichere Zukunft begleitet. Kinder, deren Lebensweg dieses Buch kreuzt, erkennen schnell was I und seinen Freunden fehlt. Sie entwickeln, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, ein tiefes Verständnis für die Verluste und deren Konsequenzen. Und sie sehen, dass man manchmal gar nicht viel tun muss, um helfen zu können. Ein Buch gegen das Wegschauen. Ein Jugendbuch, in dem sich die Kinder dieser Welt solidarisieren können, weil sie immer nur eine Frage im Herzen tragen: „Wollen wir spielen?“ Steve Tasane ist eine hoffnungsvolle Stimme in der Dunkelheit der Flüchtlingslager. Wir können dafür sorgen, dass man sie weiter hört, als sie eigentlich tragen kann.

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Junge ohne Namen von Steve Tasane

Ein Gedanke, den wir beim gemeinsamen Lesen mit Kindern vielleicht wie einen Impuls in ihr Leben tragen könnten: Was ist mit diesen unbegleiteten Kindern, wenn sie es schaffen? Wie kann man sie hier in unserem Land richtig begleiten? Ihnen einen ganz neuen Weg aufzeigen, eine neue Sprache beibringen, neue Bilder vermitteln? Ein ganz neues Lebensalbum beginnen und damit alles zu vergessen, was sie waren? Hier kann man versuchen, Begriffe wie Integration anders zu denken. Assimilation vernichtet die eigene Geschichte und verdrängt die verlorene Familie ins Nichts. Und nur wer eine Familie hat, kann später Geschichten erzählen.

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Junge ohne Namen von Steve Tasane

Glaubt Lientje, Lien de Jong und helft I dabei, sich zu erinnern….

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