„Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Mehr als zwölf Jahre hat es gedauert. Markus Zusak is back. „Die Bücherdiebin“ hat im Jahr 2005 weltweit für Furore gesorgt. Liesel Meminger hat sich im kollektiven Gedächtnis von Lesern, Hörern und Freunden von Literaturverfilmungen tief verankert. Seine Erzählperspektive des Sensenmannes hat bis heute Maßstäbe gesetzt und den Roman über den „kleinen“ Widerstand eines neunjährigen Mädchens gegen das Nazi-Regime auf die Ebene eines absoluten Jugendbuch-Klassikers katapultiert. Seitdem ist es ruhig um Markus Zusak geworden. Bis zum heutigen Tag. „Nichts weniger als ein Wunder“ heißt sein neuer Roman. Nichts weniger als ein Wunder erwarten seine Leser von ihm. Nichts weniger als ein Wunder könnte unter der Last der Erwartungshaltung in sich zusammenbrechen. (Hier kann man die Rezension auch hören!)

Nichts weniger als ein Wunder - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder – Die Rezension fürs Ohr

Der deutsche Buchtitel verspricht erneut eine bahnbrechende Geschichte. Dabei haben wir es im Roman im eigentlichen Sinn nicht mit einem Wunder zu tun. Nur kann man den Originaltitel wirklich nicht ins Deutsche übertragen, weil jeder Versuch, dieses Wortspiel zu übersetzen scheitern würde. „Bridge of Clay“ würde im Wortsinn lediglich auf eine Brücke aus Lehm deuten lassen. Klingt nicht stabil, wenig tragfähig und auch bei weiterer Betrachtung eher nach einem Roman, in dem der Weg das Ziel beschreibt. Erst beim Blick auf die Protagonisten der Geschichte wird klar, dass mit Clay nicht das Baumaterial jener Brücke, sondern einer der Söhne der Familie Dunbar gemeint ist, um die es hier geht. Eine Brücke aus ihm, aus jenem Clay Dunbar stellt die Pfeiler dar, auf denen diese Geschichte ruht. Nichts weniger als ein Wunder, dass man einen anderen Titel brauchte. Einen, der dem Buch und seiner Geschichte gerecht wird. Gelungen!

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Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Fans von Markus Zusak wissen, dass kein Mainstream auf sie zukommt. Sie sind nicht überrascht, wenn sich Romane aus seiner Feder strukturell und inhaltlich deutlich von der Masse vergleichbarer Bücher unterscheiden. Diesmal – und dies ist der große Unterschied zur Bücherdiebin – haben wir es nicht mehr mit einem Jugendbuch zu tun. Hier baut der australische Autor eine Brücke, die komplex und facettenreich ist, die auf vielen literarischen Wurzeln fußt und Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu sehr aktivem und aufmerksamem Lesen zwingt. Wir haben es nicht mit leichter literarischer Kost zu tun. Wir haben es im klassischen Sinn keinesfalls mit einem Familienroman zu tun, der in einer linearen Struktur unbeschwerte Lesestunden verspricht. Nicht weniger als ein Wunder liegt in unseren Händen. Wir müssen nur an dieses Buch glauben.

Wenn man die generationsübergreifende Geschichte der Familie Dunbar in ihren Zeitscheiben betrachtet, wäre wohl eine chronologische Vorgehensweise im Erzählen ein denkbarer Weg gewesen, um ihre Geschichte zu erzählen. Zusak wäre jedoch nicht Zusak, wenn er linear strukturieren würde, oder gar mit transparenten Rückblenden auf die Vergangenheit zurückgreifen würde. Vor jedem Anfang gibt es einen Anfang. So ist das Mantra dieses Romans zu sehen. Jedes Ereignis in der Vergangenheit löst eines in der Gegenwart aus. Nur weil man die Geschichten von einst nicht kennt, kann man die aktuellen Ereignisse nicht einordnen. Viele Familien leiden unter jenen weißen Flecken, die ihre Vorfahren nie mit Leben gefüllt haben. Das Unausgesprochene dominiert und führt zu Missverständnissen.

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Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Lassen wir uns darauf ein. Geben wir uns dem Gefühl hin, Markus Zusak würde uns das Familienalbum der Dunbars zusammenfalten und in Schnipsel zerreißen, bevor er uns scheinbar wahllos einzelne Bildfragmente zeigt und erzählt, was man darauf sehen kann. Hier wird Markus Zusak zu Homer. Sein Roman gleicht einer Ringkomposition, die in einer Abfolge von mehreren Rückblenden genau die Situation erklärt, vor der wir uns in der Gegenwart befinden. Der Sog dieser Rückblicke, die scheinbar willkürlichen Abschweifungen und das weite Ausholen in die Vergangenheit scheint die Dynamik der eigentlichen Geschichte zu bremsen. Ein fataler Irrtum. Ohne die alten Geschichten hat der Plot dieses Romans kaum Substanz. Wir sollten Markus Zusak vertrauen, wenn wir das Gefühl haben, viel im Trüben zu stochern und im Dunkeln herumzutappen. Nichts ist Zufall. Alles ist beabsichtigt. Und es ist nichts weniger als ein Wunder, dass nur auf diese Art und Weise eine Erzählmagie entsteht, die sich später in voller Wucht entfaltet.

Fünf Brüder leben unter einem Dach. Elternlos, jedoch nur Halbwaise. Die Mutter tot, der Vater nach ihrem Ableben verschwunden. Alles ist möglich in diesem Haus. Es sind heranwachsende Rabauken, die eine Männerwelt zelebrieren, wie sie schöner, brutaler und abenteuerlicher nicht sein kann. Gefühle zeigt man nicht. Die raue Schale und ein harter Kern vereint die Dunbars. Eine Katze, ein Goldfisch, eine Taube, ein Bordercollie und ein Maultier leben mit ihnen unter einem Dach. Die Namen sind Programm. Hektor, Agamemnon, Telemach, Rose und Achilles. Homer lässt nicht nur hier grüßen. Warum die Tiere diese Namen tragen, warum nur der Hund nichts mit der Odyssee zu tun hat und welche Geschichte alles miteinander verbindet, das ist der Kern und damit „Nichts weniger als ein Wunder.

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

In Wahrheit ist es die Geschichte von Penelope Dunbar. In Wahrheit ist es aber die Geschichte ihres Mannes Michael. Und es ist die Geschichte der Söhne und der jungen Mädchen, in die sie sich verlieben. Es ist die Geschichte von Penelopes Vater, der sie dazu zwingt, Klavier zu spielen. Es ist die Geschichte eines Fehlervogels, wie er seine Tochter nennt, wenn er sie für falsche Töne am Klavier bestraft. Es ist die Geschichte einer Flucht und eines Ankommens in einem fremden Land. Es ist die Geschichte eines Mannes, der von der Liebe seines Lebens enttäuscht nur noch eine Chance sieht, um nicht unterzugehen. Eine neue Liebe zu einem jungen Mädchen, das so gut am Klavier ist, seine Sprache jedoch nicht akzentfrei spricht. Es ist die Geschichte von Penny und Michael Dunbar. Aus ihr wird die Geschichte ihrer Söhne. Die Geschichte einer Familie und die Geschichte einer Krankheit. Es wird zu einer Geschichte von Verlust und Trotz, Kampf und Verzweiflung, es wird zu einer Geschichte über das Sterben und den Tod.

An dieser Stelle der Erkenntnis angelangt, sitzt man vor diesem Roman, der allen emotionalen Saiten des Lesers und Hörers alles abverlangt. Wenn wir die Fäden in Händen halten und das Muster erkennen, das Markus Zusak zu weben beginnt, wird es schwer, sich noch vom Buch oder dem Hörbuch zu trennen. Im Erkennen liegt die ganz große Magie. Fünf Brüder, die alles verloren haben. Ein Vater, der nicht mehr kann und alles hinter sich lässt. Ein Mann, der Jahre später zurückkehrt, weil er Hilfe braucht und nur einer seiner Söhne, der ihm helfen kann. Gemeinsam eine Brücke zu bauen wird zu der Metapher des Romans. Eine Brücke von Vater und Sohn, die vielleicht so tragfähig wird, dass die anderen Jungs sie überqueren können. Ein Vater, von allen nur Mörder genannt und ein Sohn namens Clay. „Bridge of Clay“. Eine Brücke aus Clay. Ich habe sie am Ende betreten. Mit wackeligen Beinen. Voller Trauer und Hoffnung. Weinend im tiefsten Kern meines Herzens. Sie hat mich in eine andere Erzählwelt getragen. „Nichts weniger als ein Wunder“. Zusak ist wieder da.

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Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Lesend und Hörend folgte ich dem Ich-Erzähler Mathew Dunbar, dem Ältesten der Söhne. Ich war oftmals völlig verloren in den Rückblenden und Zeitscheiben. Und doch war es immer wieder Homer und seine Odyssee, die mich retteten. Ein Heldenepos im Kern eines modernen Romans. Die Geschichte der Heimkehr des Vaters. Die Legende vom wartenden Sohn und von Penelope, die vom Schicksal verzehrt wird. Ich bin mehr als dankbar, fast zeitgleich Eine Odyssee Mein Vater, ein Epos und ich von Daniel Mendelsohn gelesen zu haben. Ich bin dankbar, die „Odyssee“ zu besitzen und in ihre magische Welt eigetaucht zu sein. Das ist mein Zugang zu Markus Zusak. Er ist mit der Welt von Homer verknüpft. Mein Weg ist sicher nicht der, den viele Leser gehen. Doch ist es mein Weg. Erkenntnisreich und von Markus Zusak nicht zufällig initiiert. Penelope war nie wundervoller, liebenswerter und tragischer. Der Fehlervogel gehört für mich zu den brillantesten Charakteren, die man für einen Roman erfinden kann.

Penny Dunbar

„Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt.
Am Tag ihrer Hochzeit brach sie sich die Nase.
Und dann natürlich das Sterben.
Ihr Sterben war ein Ereignis.“

Johannes Klaußner spricht Mathew Dunbar und erzählt uns diese Geschichte im Hörbuch. Ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Mit seiner Stimme die Brücke zu sehen, brennt sich fest. Mit seiner Stimme die wahren Wesen der Dunbar-Brüder hören zu dürfen, ein Ereignis. Seine Stimme trauern zu hören, tragisch schön. Wagt Euch auf die Brücke. Begegnet unglaublichen Charakteren und achtet auf Euch, wenn Ihr mitten im Roman vom Wein der Erkenntnis kostet. Begebt Euch auf die Odyssee einer kleinen Familie. Lernt die Menschen lieben, die Euch begegnen. Trauert um sie, jubelt ihnen zu und denkt vielleicht daran, dass Ihr „Nichts weniger als ein Wunder“ in Händen haltet.

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Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Ganz am Ende bleibt das Bild einer Wäscheklammer. Lasst es Euch nicht nehmen. Ich gehe jede Wette ein, dass wir alle im Besitz einer solchen Klammer sind, die für alle Fehler, jeden Verlust und jeden schönen Moment unseres Lebens steht. Danke kleiner Fehlervogel.

Jetzt gilt esEine Odyssee Mein Vater, ein Epos und ich zu rezensieren. Das ist ohne Markus Zusak nicht mehr möglich. Das machen Bücher mit mir. Habent sua fata libelli. Bücher haben Schicksale. Was hiermit erneut bewiesen wäre…

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Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

„Junge ohne Namen“ von Steve Tasane

Junge ohne Namen von Steve Tasane - Astrolibrium

Junge ohne Namen von Steve Tasane

Ich muss nicht weit ausholen, um einen Zugang zu einem Jugendbuch zu finden, das in diesen Tagen im S. Fischer Verlag erschienen ist. Junge ohne Namen“ von Steve Tasane besticht schon im Buchdesign, weil die eigentliche Geschichte schon auf dem Cover beginnt. Kein Autorenname. Kein Verlag. Nichts. Nur der Titel des Romans und schon geht es rein in die Handlung. Goldgeprägt und damit sehr auffällig. Ein Titel, der uns nachdenklich macht. In schlichtem Beige gehalten das ganze Buch. Ohne Effekte. Ohne Abbildung oder verlockendes Cover. Einzig ein kleiner, ebenso goldgeprägter und an eine Spielzeugfigur erinnernder Junge ziert das Cover der Steifbroschur. Unauffällig macht es gerade in seiner Schlichtheit viel her. Der Inhalt ist alles andere als schlicht.

Junge ohne Namen - Die Rezension fürs Ohr - AstroLibrium

Junge ohne Namen – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Mein Zugang zu diesem schmalen Buch liegt in meinem Lesen der letzten Tage. Ohne Familien gibt es keine Geschichten“. Dies las ich, als ich dem „Mädchen mit dem Poesiealbum“ begegnete. Ich las es aufmerksam, weil die kleine Jüdin Lientje die Verfolgung in den von Nazis besetzten Niederlanden und ihr späteres Leben wohl nicht erzählt hätte, weil sie ihre Familie verloren hatte und damit auch ihre eigene Geschichte und ihre Identität. Ein verstörendes Buch, bei dem man sich trotzdem auch immer noch fragen lassen muss: „Ist es nicht langsam genug? Das Thema ist doch längst abgehakt und sollte jetzt endlich ad acta gelegt werden!“ Ist es das? Haben wir gelernt? Passiert es heute nicht mehr, dass Kinder ihrer Identität beraubt werden und ohne Geschichte in ein neues Leben gehen müssen? (Sie können die Rezension auch hören. Hier)

Junge ohne Namen von Steve Tasane - Astrolibrium

Junge ohne Namen von Steve Tasane

Beide Bücher haben sich in meinem Bücherregal vereint. Sie scheinen einander zu verstehen und zu mögen. Sie sind in unterschiedlichen Epochen angesiedelt und doch scheinen sie Geschichten zu erzählen, die viel gemeinsam haben. Nur dass der „Junge ohne Namen“ in unserer alltäglichen Gegenwart spielt. Flüchtlingsschicksale stehen im Mittelpunkt beider Bücher. Verfolgung vereint und Krieg verbindet sie. Der Verlust ihrer Eltern steht als Ausrufezeichen über der Zukunft. Nur darf Lientje ihren Namen und das Poesiealbum mit den Fotos ihrer Familie behalten. Wenigstens dies. Der „Junge ohne Namen“ hat nichts, außer einem Buchstaben, der ihm geblieben ist.

Meine Familie ist weg. Meine Papiere auch. Ich habe nur noch einen Buchstaben. I – so werde ich hier genannt. Ich bin ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling.“

Wo wir uns befinden, ist egal. Es ist eines jener Flüchtlingslager, die wir aus den Nachrichten so gut kennen. Kriegsgebiet. Menschen ohne Habseligkeiten. Ein Leben im Provisorium. Wer es gemeinsam geschafft hat, gehört zu den Glücklichen im Drama. Kinder ohne Begleitung, ohne Pässe oder sonstige Dokumente, zu jung, um überhaupt ernstgenommen zu werden, verlieren alles. Hier bleibt ihnen nur ein einziger Buchstabe und eine schlammbespritze Hütte. I ist gerade einmal zehn Jahre alt. Denkt er. Belegen kann er es nicht. Sein „Lebensbuch“ ist verloren. Kein Ausweis, keine Vergangenheit in Reichweite und keine Zukunft greifbar. Wären nicht andere Kinder, wie L, E und V, man wäre ganz alleine und rettungslos verloren. Man spricht nicht die Sprache der Wachen im Lager. Es gibt keinen Ausweg. Nur zurück in die zerbombte Heimat darf man. Sehr gerne sogar.

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Junge ohne Namen von Steve Tasane

Den Rest des Buches sollte man auf seinen 138 Seiten auf sich wirken lassen. Es entspricht im Schreibstil, der Sprache und im gesamten Inhalt der Altersempfehlung ab dem 12. Lebensjahr. Aus der Sicht von I erlebt man den Alltag im Flüchtlingslager, lernt seine Freunde, Feinde und Helfer kennen. Steve Tasane treibt den Schlamm bildlich in unser Leben. Schlammverkrustet würden wir längst untergehen, während die Kinder in bewundernswerter Art und Weise um eine kleine Insel der Normalität bemüht sind. Was ihnen fehlt ist die Perspektive. Was fehlt ist die Zukunft. Was fehlt ist alles, was wir uns nur vorstellen können. I kämpft gegen sein Schicksal an, doch als die Planierraupen im Lager auftauchen, droht selbst dieser letzte Rest von eigener Welt unterzugehen. 

Steve Tasane ist der Sohn von Flüchtlingen. Er betont, dass dies nicht seine eigene Geschichte ist. Er schrieb sie für all die namenlosen Kinder, die in jenen Lagern darauf warten, dass man sie endlich rettet und in eine sichere Zukunft begleitet. Kinder, deren Lebensweg dieses Buch kreuzt, erkennen schnell was I und seinen Freunden fehlt. Sie entwickeln, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, ein tiefes Verständnis für die Verluste und deren Konsequenzen. Und sie sehen, dass man manchmal gar nicht viel tun muss, um helfen zu können. Ein Buch gegen das Wegschauen. Ein Jugendbuch, in dem sich die Kinder dieser Welt solidarisieren können, weil sie immer nur eine Frage im Herzen tragen: „Wollen wir spielen?“ Steve Tasane ist eine hoffnungsvolle Stimme in der Dunkelheit der Flüchtlingslager. Wir können dafür sorgen, dass man sie weiter hört, als sie eigentlich tragen kann.

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Junge ohne Namen von Steve Tasane

Ein Gedanke, den wir beim gemeinsamen Lesen mit Kindern vielleicht wie einen Impuls in ihr Leben tragen könnten: Was ist mit diesen unbegleiteten Kindern, wenn sie es schaffen? Wie kann man sie hier in unserem Land richtig begleiten? Ihnen einen ganz neuen Weg aufzeigen, eine neue Sprache beibringen, neue Bilder vermitteln? Ein ganz neues Lebensalbum beginnen und damit alles zu vergessen, was sie waren? Hier kann man versuchen, Begriffe wie Integration anders zu denken. Assimilation vernichtet die eigene Geschichte und verdrängt die verlorene Familie ins Nichts. Und nur wer eine Familie hat, kann später Geschichten erzählen.

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Junge ohne Namen von Steve Tasane

Glaubt Lientje, Lien de Jong und helft I dabei, sich zu erinnern….

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Junge ohne Namen von Steve Tasane

„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich bin abgehärtet. Dachte ich. Ich habe alles über den Holocaust gelesen und werde immer weiterlesen. Ich stoße dabei in Regionen vor, die nicht mehr nur den Zeitzeugen vorbehalten sind, und ich erwarte eigentlich, die Verfolgung der Juden im Dritten Reich nur noch in verfälschten oder überzeichneten Erzählungen aus dritter Hand anzufinden. Wie sehr man sich täuschen kann. Gerade in einer Zeit, in der man davon ausgeht, das Authentische und Wahre des Horrors nicht mehr vorzufinden, bahnen sich Geschichten ihren Weg an die Öffentlichkeit, die so lange im Verborgenen lagen, dass sie fast nicht erzählt worden wären. Und ich dachte, ich hätte alles gelesen.

(Sie können diese Rezension auch bei Literatur Radio Hörbahn hören… hier…)

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium - Hörbahn

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich habe mich oft mit Kindern beschäftigt, die der Nazi-Ideologie zum Opfer gefallen sind. Kinder, die nicht mehr ins Rasse-Raster passten, deportiert, misshandelt, vergast oder totgespritzt wurden. Kinder, für die es keine Rettung gab. Von unwertem Leben ist die Rede gewesen. Von Volksschädlingen. Begriffe, die immer noch an mir zerren, wie böse Geister aus der Vergangenheit. Ich bin Kindern in ihre Verstecke gefolgt. Ich habe erlebt, wie sie mit ihren Familien denunziert und ermordet wurden. Und ich habe einige verzweifelte Versuche erlebt, in denen Eltern eigene Kinder weggegeben haben, um sie zu retten. Unvorstellbare Lebens- und Leidenswege verstecken sich hinter Geschichten und Familien dieser Zeit.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Ich lernte jetzt „Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ kennen. Ihr Schicksal ist kein Einzelschicksal. In den besetzten Niederlanden haben unzählige jüdische Familien den Versuch unternommen, ihre Kinder bei Fremden in Sicherheit zu bringen. Es existierten Netzwerke zur Rettung dieser Kinder. Viele konnten gerettet werden, obwohl die Suche nach ihnen während des Zweiten Weltkrieges niemals ruhte. Viele Geschichten enden mit der Befreiung dieser Kinder. Ein Ende im Frieden. Überlebt. Nicht, wie Anne Frank, doch noch entdeckt und deportiert. Es sind versöhnliche Geschichten, die uns über die harte Realität der Befreiung ebenso hinwegtäuschen, wie der Begriff der Befreiung der Konzentrationslager. Das war kein Schlusspunkt. Es war der Beginn des neuen Aktes im Horrorszenario der unerwünschten Überlebenden, die plötzlich wieder in der Heimat auftauchten.

Wenn Bart van Es uns das Poesiealbum eines jungen Mädchens übereignet, dann haben wir es heute mit einer Geschichte zu tun, die so einzigartig und brillant erzählt ist, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Die Geschichte einer Frau, die sie uns niemals freiwillig erzählt hätte. Eine Geschichte, die tief im Inneren vergraben war, weil es ohne Familie keine Geschichte gibt. Das sagt sie noch heute. Lien de Jong. Im Alter von über achtzig Jahren hält sie es nicht für erzählenswert, weil sie keine Familie hatte. Und damit auch keine Geschichte. Dass sie sich Bart van Es anvertraute, gehört für mich zu den hoffnungsvollsten Ergebnissen in der langen Kette der Zeitzeugen-Recherchen, da Bart van Es zu der Familie gehört, die Lien de Jong damals vor den Nazis versteckte. Eine Familie, die ihr, wie die eigene, verlorengegangen war.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bart van Es konfrontiert uns mit einem kaleidoskopischen Inferno, das in der Lage ist Menschen für immer zu zerstören, auch wenn sie nach objektiven Maßstäben zu der kleinen Gruppe der Überlebenden gehören. Die Geschichte seiner Familie ist auch die Geschichte des Widerstands in den besetzten Niederlanden. Es ist die Geschichte der Großeltern, die jüdische Kinder versteckten und so ihr eigenes Leben riskierten. Damit ist es auch die Geschichte von „Lientje“, der man im Alter von acht Jahren Obdach und Schutz gewährte. Ein Kind, dessen jüdische Eltern keinen anderen Ausweg sahen, um zumindest die eigene Tochter zu retten. Hier beginnt im Jahr 1942 eine Odyssee, die in den folgenden Jahrzehnten von weiteren nachhaltigen Verlusten geprägt sein sollte. 

Lientje hat den Krieg und die Verfolgung überlebt. Soweit so gut. Ihr Poesiealbum legt Zeugnis von Kindertagen, der eigenen Familie und der Zeit ab, in der die Angst um das eigene Leben der Vergangenheit angehören sollte. Und doch dauert es Jahrzehnte bis Bart van Es, lange nach dem Tod seiner Großeltern, diesem Mädchen auf die Spur kommt, das nach dem Kriegsende von den van Es adoptiert wurde und gemeinsam mit seinem Vater aufgewachsen war. Er stellt den Kontakt wieder her und in schmerzhaften und intensiven gemeinsamen Gesprächen mit Lien de Jong entstand ein Buch, das die Grenzen des Begreifbaren oftmals überschreitet. Es ist eine Familiengeschichte, die ich in dieser schonungslos offenen und investigativ persönlichen Art und Weise noch nicht vor Augen hatte.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Es ist nicht nur die Geschichte der Verfolgung der Juden in den Niederlanden. Es ist nicht nur die verzweifelt erzählte dramatische Geschichte der Verluste eines kleinen Mädchens. Es ist nicht nur die Geschichte einer Rettung gegen alle Widerstände. Hier erleben wir nach der Zermalmung ihrer eigenen Familie die Spätfolgen dieses Verlusts. Hier werden wir mit einer alten Dame konfrontiert, die Zeit ihres Lebens darunter leiden musste, identitätslos und ohne eigene Geschichte durchs Leben zu gehen. Wir erleben eine Frau, die von weiteren Brüchen erzählt, die uns sprachlos machen. Brüche, die im Erzähler dieser Geschichte zu Verwerfungen führen, die er so nicht erwartet hätte. Was hatte dazu geführt, dass seine Großeltern und Lien de Jong sich lange Jahre nach dem Krieg aus den Augen verloren hatten. Was hat dazu geführt, dass aus Lientje das „Cut Out Girl“ wurde. Das Mädchen, das aus den Familienalben herausgeschnitten wurde?

Bart van Es kommt einer Geschichte auf die Spur, die er sicher nicht gerne entdeckt hätte, weil sie die Grundfesten seiner Familiengeschichte erschüttert. Und doch führt er sie zu ihrem Ende, weil er in den langen Gesprächen mit Lien realisiert, dass es nie zu spät ist, wenn es darum geht alte Wunden zu heilen. Er lässt Liens Perspektive auf die eigene Familie zu und gibt ihr Raum, sich endlich so zu fühlen, wie sie nie zuvor fühlen durfte. Was ihm auf diese Art und Weise gelingt, ist uns mit der Traumatisierung eines Kindes vertraut zu machen, die auch nach der Befreiung nach ihren Opfern greift. Wir dürfen nicht aufhören zu lesen, wenn es heißt: „Wir sind frei“. Wir müssen weiter folgen und begleiten. Wir dürfen die Augen nicht verschließen. Verletze Seelen heilen nicht in sich selbst.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Das Mädchen mit dem Poesiealbum“ von Bart van Es wird international gerade mit Preisen überhäuft. Es ist ein einzigartiges Buch, weil es nicht nur die Verarbeitung der Vergangenheit ermöglicht, sondern weil es tatsächlich etwas bewegt. Lien de Jong schwieg jahrzehntelang, weil man ja nur etwas zu erzählen hat, wenn man eine Familie hat. Dass sie heute in der Lage ist ihre Geschichte zu erzählen, hat genau damit zu tun. Bart van Es hat ihr etwas zurückgegeben, was ihre Traumatisierung gestohlen hatte. Er hat sie behutsam zurückgeholt. In seine Familie und damit in die Familie, die damals ihr Leben gerettet hatte. Ein verstörendes, ein ergreifendes, ein vernichtendes Buch. Aber auch ein Buch, dem es gelingt, auf den Trümmern der Geschichte etwas entstehen zu lassen, das verloren geglaubt war. Zugehörigkeit.

Wenn Sie sich für dieses Buch entscheiden, sollten Sie bereit sein sich auf einige Aspekte dieser Geschichte einzulassen, die völlig unerwartet jedoch mit voller Wucht zuschlagen. Verlust, Verfolgung, Trennung, Leben im Verborgenen und tägliche Angst ums Überleben sind signifikante Eckpfeiler von Zeitzeugenberichten, die uns bisher im Lesen begegnet sind. Der sexuelle Missbrauch der versteckten Kinder, die Weigerung, sie nach dem Krieg an ihre Eltern (sofern sie ihn überlebt haben) zu übergeben und die offizielle Sichtweise, ihr Schicksal in der Öffentlichkeit zu verschweigen, sind nur einige Aspekte, die mich lesend in die Magengrube trafen. Das Poesiealbum spiegelt die Welt vor, die es nie gab. Ganz besonders nicht für „Lientje“ Lien de Jong. Das Buch spiegelt eine Welt wider, die es möglich macht, die Wunden zu heilen. Zuvor jedoch muss man sie schonungslos aufreißen. Bart van es ist dies meisterhaft gelungen. Ein relevanteres Buch gegen die Ausgrenzung von Menschen kann es nicht geben.

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es - Astrolibrium

Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

Bücher im Dialog. Verlorene Mädchen und versteckte Kinder im Holocaust.

Ich war ein Glückskind
Sonnenschein
Das Tagebuch der Anne Frank
Das versteckte Kind
Lienekes Hefte
Versteckt unter der Erde

Rezensionen im Rahmen meines Schreibens „Gegen das Vergessen“.

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Das Mädchen mit dem Poesiealbum von Bart van Es

„Roter Rabe“ – Frank Goldammer (Max-Heller-Reihe Band 4)

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Roter Rabe von Frank Goldammer

1945 „Der Angstmann“, 1947 „Tausend Teufel“, 1948 „Vergessene Seelen“ und 1951 „Roter Rabe“. Seit erlesenen sechs Jahren bin ich nun treuer Wegbegleiter von Max Heller. Sechs Jahre, die nicht nur sein Leben, sondern auch ein ganzes Land und seine Heimatstadt Dresden extrem verändert haben. In der Bombennacht ausradiert, von der Roten Armee besetzt, im geteilten Deutschland dem Osten zugeschlagen und sozialistisch geprägt in eine neue Zeitrechnung treibend. Die eigene Familie getrennt in Ost und West, ein kleines Mädchen gerettet und an Eltern statt aufgenommen und dem Taumel der Zeit ausgesetzt, wie ein Blatt im Wind. Kein Stein blieb auf dem anderen…

(Sie entscheiden selbst: Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn oder lesen…)

Roter Rabe von Frank Goldammer - AstroLibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer – Ab 6.2. als Rezension fürs Ohr

Nur Max Heller blieb und bleibt die Konstante in dieser Konstellation. Polizist aus Überzeugung, Gerechtigkeitsfanatiker sowie Gefühlsunterdrücker. Verantwortungsvoller Vater und blitzgescheiter Ermittler, der mit keiner Situation überfordert scheint. Mensch ohne Vorurteile, zweifelnd mit der eigenen Rolle hadernder Opportunist der Systeme in den Wellenbewegungen politischer Indoktrination und mehr als verlässlicher Partner für seine Kollegen. Wenig kompromissbereit bei der Wahrheitssuche, verbissen bei seiner Jagd nach Mördern und sonstigen Kriminellen, Workaholic mit sozialen Defiziten und in der Tiefe des Herzens, vor allen verborgen, liebend, vermissend und darunter leidend, seine beiden Söhne in getrennten Staaten zu wissen. Max Heller.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Frank Goldammer hat augenscheinlich einen letzten echten Sheriff in seine High-Noon-Szenarien geschrieben. Von Gerechtigkeit getrieben, unfähig, Gefühle offen in sein Leben zu tragen, von vielen um seine Gradlinigkeit beneidet, gefürchtet und doch als Einzelkämpfer auftretend, wenn es darum geht, im Finale auf offener Straße für das Recht alles zu riskieren. Man ist oft an die guten alten Western erinnert, wenn wir Max Heller in diesem historischen Setting beobachten. Mag die Welt auch untergehen, mag das Leben auf der Kippe stehen. Er ist der tapfere Texas Ranger mit der Polizeimarke. Der letzte Aufrechte. Das einzige Gegengewicht auf der Wippe zwischen Gut und Böse. Das Zünglein an der Waage der Wahrheit. Nicht korrumpierbar. Eigentlich ein Held.

Wäre da nicht der große Makel seines Lebens. War er Teil der Nazi-Exekutive im Dresden vor dem Untergang? Wäre er nicht noch ermittelnder Teil der Diktatur, hätte sie den Krieg gewonnen? War er nicht zur Zusammenarbeit mit den Siegern bereit, nur um Polizist bleiben zu können? Wäre es ihm nicht egal gewesen, ob sie kommunistisch oder demokratisch gewesen wären? War er nicht jetzt, im Jahr 1951, offizieller Vertreter der neuen Staatsmacht einer sozialistischen Regierung? Hatte er sich nicht mit wahrlich jedem Teufel arrangiert, der ihn fütterte, damit er in Ruhe seinem Beruf nachgehen und Polizist bleiben durfte? Hatte er sich nicht innerlich bereits damit abgefunden, mit allen Geheimdiensten gemeinsame Sache zu machen, wenn es darum ging, auch politische Verbrechen aufzuklären? Max Heller. Gefangen in einem mephistophelischen Konflikt. Seele verkauft. Berufung gefunden?

Roter Rabe von Frank Goldammer - AstroLibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer

Es wird immer schwerer, an seiner Seite zu bleiben, weil Frank Goldammer genau diesen Konflikt in seinen Kriminalfällen auf die Spitze treibt. Fälle, in denen es für mich schon lange nicht mehr um die Aufklärung von Verbrechen geht. Fälle, die zeigen, wie zerrissen derjenige ist, der hier als Hüter für Recht und Ordnung ermittelt, bis er die Schuldigen dingfest gemacht hat. Fälle, die eigentlich nur das kriminelle Beiwerk für die philosophisch menschliche Betrachtung eines Charakters sind, in den man sich so gut hineinversetzen kann. Max Heller wirft Fragen auf, die mich heute beschäftigen. Wäre ich selbst bereit, die Lieder verschiedener Systeme zu singen? Hätte ich eine Wahl, als Vater und Ehemann? Bliebe ich auf der Strecke oder würde ich im inneren der Systeme als Gegengewicht zum Pendelschlag der Macht wirken wollen. Mehr als ein Krimi. Viel mehr.

Ich weiß schon, wohin mich Frank Goldammer mit seinen Büchern treibt. Ich sehe die Zeitscheiben vor mir, die unaufhaltsam auf mich zurasen. „Roter Rabe“, der vierte Band der Max-Heller-Reihe wurde für mich zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Keine Chance, der neuen DDR zu entkommen, keine Chance, sich dem Weltbild zu entziehen oder ihm offensiv zu entsagen. Keine Möglichkeit, bei aller Integrität unbelastet zu sein. Max Heller hat nur eine Chance, wenn er sich selbst im Spiegel betrachten möchte. Er muss DER GERECHTE bleiben, egal, welche Welt ihn umgibt. Gerade in „Roter Rabe“ wird dies wichtiger als jemals zuvor. Er hat gelernt. In seinem Inneren weiß er Gut und Böse zu unterscheiden. Er geht seinen Weg, auch wenn die Morde, die in Dresden um sich greifen, nicht fassbar, weil unfassbar sind.

Max Hellers Charakter bleibt der große literarische Konflikt, den wir Leser mit ihm gemeinsam auszutragen haben. Der Zweck heiligt niemals die Mittel und ich befürchte, dass man ihn eines Tages genau an dieser Achillesferse tödlich verletzen wird. Er hätte es kommen sehen müssen. Auch jetzt…

Roter Rabe von Frank Goldammer - AstroLibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer

Seine Ostseeurlaube sind inzwischen genehmigungspflichtig. Im Kollegenkreis hat man das Gefühl bespitzelt zu werden, seine eigene Frau befindet sich, ein Sakrileg, im westlichen Teil Deutschlands, um den gemeinsamen Sohn Erwin zu besuchen und die Pflegetochter Annie dient nur noch als Faustpfand für Karins Rückkehr. Und noch dazu gehört ihr zweiter Sohn Klaus inzwischen zum gar nicht so geheimen Geheimdienst der jungen DDR. Als dann auch noch zwei unter Spionageverdacht stehende Männer in der Haft Selbstmord begehen, fokussiert sich Max Heller, blendet alles Irrelevante aus und stürzt sich in die Arbeit. Karin? Ein dauernder Schmerz der Sehnsucht ganz tief und gut verborgen. Annie? In guten Händen, so denkt er. Der Rest? Wird sich finden, das hofft Max Heller.

Zeugen Jehovas. Die beiden Selbstmörder. Und der Suizid offensichtlich alles andere als ein Freitod. Heller ermittelt im Umfeld von Menschen, die zu einer anderen Zeit, im gleichen Land, von anderen Machthabern in Lager deportiert und liquidiert wurden. Er wird mit Menschen konfrontiert, die Gewalt ablehnen, auch jene gegen sich selbst. Ein Selbstmord scheidet für ihn aus. Er beginnt, nicht nur für sich, sondern auch gegen das System zu ermitteln, dem er eigentlich dient. Es sind nur ganz lose Fäden, die Heller in Händen hält. Und doch deuten sie auf Zusammenhänge hin, die in einer unglaublichen Dynamik über die Ufer treten. „Eine Flut wird kommen“. Diese Nachricht findet man in den Händen eines weiteren Opfers. Wo und wie Max Heller auch nachforscht, es wirkt, als wäre ihm jemand immer einen Schritt voraus. Die Liste der Zeugen entspricht schon bald der Liste der Menschen, die beseitigt werden, kaum, dass Heller sie aufsucht.

Roter Rabe von Frank Goldammer - AstroLibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer

„Roter Rabe“ ist ein höchst investigativer Krimi, der sich in dieser Art und Weise nur in der beschriebenen Zeit und am gewählten Ort abgespielt haben kann. Das Klima für Spionage und Gegenspionage, verknappte Rohstoffe und Wirtschaftsdelikte, Verfolgungsszenarien gegenüber den alten Sündenböcken aus früherer Zeit, Chancen, Identitäten in den Nachkriegswirren abzustreifen und ein Staatssicherheitsdienst, der in allem und jedem eine Gefahr sieht. All dies sind authentische Rahmenbedingungen für den Moment, in dem ein „Roter Rabe“ zuschlagen kann. Gerüchte von einer Bombe in Dresden machen die Runde, Fake-News grassieren, Leichen werden gestohlen, um an Särge zu kommen, die eigenen Kollegen geraten ins Fadenkreuz der Spionageabwehr und über allem schwebt das Damoklesschwert, Hellers Frau könnte sich in den Westen abgesetzt haben. Wenn das keine Flut ist, die kommt, dann weiß ich es nicht. 

Das Szenario ist komplex. Frank Goldammer verliert jedoch keinen seiner Fäden aus dem Blick. Darauf kann man sich verlassen. Ebenso, wie man sich auf Charaktere verlassen kann, denen man seit Jahren folgt. So spannend die Ermittlungsarbeit Hellers auch wieder ist, viel spannender ist und wird sein schwelender innerer Konflikt bleiben. Wir werden sehen, was mit ihm passiert. Es ist kein Ende abzusehen und Potenzial für weitere Heller-Fälle ist ausreichend vorhanden. Die Zeitscheiben liegen bereit. Deutsch- Deutsche Geschichte. Was für ein Tummelplatz für künftige Bücher und Hörbücher. Ich werde weiterlesen und auch -hören. Heikko Deutschmann bleibt für mich die Stimme dieser grandiosen Reihe…

Hier geht’s zu allen Bänden. Es ist Heller in der kleinen literarischen Sternwarte.

Roter Rabe von Frank Goldammer - Astrolibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer

Wenn das nicht spannend ist: Uwe Rennicke mit der Replique zu meiner Rezension. Natürlich auf Litterae DresdensisWas für ein Spaß. Bloggerfreunde eben… 😉

„Serotonin“ – Michel Houellebecq provoziert meine Sinne

Serotonin von Michel Houellebecq - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

„Die bei Captorix am häufigsten zu beobachtenden unerwünschten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Libidoverlust, Impotenz.
Unter Übelkeit habe ich nie gelitten.“

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Oh man wird ihn lieben und hassen, verfluchen, vergöttern, verteufeln, in der Luft zerreißen und in den Himmel heben. Man wird ihn mit Literaturpreisen überhäufen, in Rezensionen und im Feuilleton über ihn herfallen, ihn in Interviews anhimmeln und zum Abschuss freigeben. Man wird ihn karikieren, mit Superlativen verehren und ausweiden. Man wird ihn wie eine Sau durchs Dorf treiben und ihn mit Lorbeeren schmücken. Und all dies, weil er ein Buch geschrieben hat. Die Rede ist von Michel Houellebecq. Es ist vulgär, wird man sagen. Es ist absolut brillant, wird man schreiben. Es ist der Abgesang eines abgehalfterten Autors in der größten Krise seines Lebens, wird man titeln. Und all das, weil er einen Roman geschrieben hat. (Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn)

Serotonin von Michel Houellebecq - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Serotonin von Michel Houellebecq – Die Rezension fürs Ohr

Michel Houellebecq. Der ständig polarisierende und durch die zerrissene französische Gesellschaft mäandernde Intellektuelle provoziert sich mit „Serotonin“ erneut ins Herz aller Diskussionen. Hatte er zuletzt mit „Unterwerfung“ die politischen Kontroversen in seinem Heimatland mit einem islamhaltigen Brandbeschleuniger zum Kochen gebracht, so ist es nun die depressive und libidinöse Abrechnung eines Mitvierzigers, der in einer frauenverachtenden Rückschau auf sein bisheriges verkorkstes Leben zum Entschluss kommt, nur noch der finale Ausstieg wäre der geeignete Schlussstrich unter ein Kapitel, das ausschließlich durch die Höhe des Serotoninspiegels beherrschbar war.

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Wir begegnen Florent-Claude Labrouste, 46 Jahre alt, erfolgreicher Mitarbeiter im Landwirtschaftsministerium und depressiv. Diese jungen Mädchen“ sind Auslöser der wohl größten Krise seines bisherigen Lebens und gleichzeitig Stoppschilder seiner den Alltag bestimmenden Lust auf Sex. „Diese jungen Mädchen“ sind es, denen er zur Seite steht, denen er hilft einen Reifen zu wechseln und bei denen er gleichzeitig sieht, dass er sich darüber hinaus NICHTS mehr von ihnen zu versprechen hat. Er, der schon seit geraumer Zeit, zur Bekämpfung anhaltender Depressionen, unter dem Einfluss von Captorix steht, hat jegliche Standfestigkeit in Bezug auf seine Männlichkeit verloren. Er leidet unter der Perspektivlosigkeit, wohl nie wieder eine Frau ins Bett zu bekommen.

Und das passiert ausgerechnet IHM. Dann schöpft er rückblickend aus dem Vollem seiner erotischen Erinnerungen, seiner Experimente, seiner Unfähigkeit Sex und Liebe miteinander in Einklang zu bringen. Hier sieht er sich plötzlich auf den Trümmern seiner Existenz, die sich in materieller Hinsicht eigentlich auf der Habenseite befindet. Es liest sich nur mit Schaudern, was Florent-Claude über die Frauen schreibt, mit denen er sich bisher auf welche Art und Weise, wo und wie auch immer gepaart hat. Sein Frauenbild ist menschenverachtend, oberflächlich und sprachlich vulgär katastrophal. Hier liegt der Schlüssel für den letzten Bilanzstrich des pornografischen Buchhalters seiner selbst.

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Reißleine, Ausstieg, Flucht und die Sorge, zumindest immer ein Raucherzimmer in den Hotels auf seiner finalen Reise zu finden, werden zu den Bestimmungsgrößen des Schlussakkords, den Houellebecq so komponiert, dass man im Fluss der „sentimental journey“ seines Protagonisten nicht mehr aus dem Lesen hinauskommt. Erst ganz am Boden liegend, sich von aller Oberflächlichkeit befreiend, wird die Sehnsucht in Florent-Claude wach, an die Orte seines emotionalen Scheiterns zurückzukehren und sich der Frau anzunähern, die er vermisst, seitdem er sie schändlich betrogen und verloren hat. Klarsichtig und unverfälscht verläuft die Analyse des Scheiterns. Schonungslos betreibt der Aussteiger die Jagd nach seinem früheren Ich. Hotels werden zu seinem Zuhause.

Wir erleben nicht das strahlend schöne und wildromantische Frankreich, das wir uns so gerne vorstellen. Wir befinden uns nicht im Paris der Touristen und Lichter. Wir sind im Herzen der „Grande Nation“ angekommen, in der Gelbwesten ohne Westen auf Polizisten losgehen und sich todesmutig für eine bessere Zukunft aufopfern. Wir sind in dem Frankreich angekommen, in dem Virginie Despentes ihren Vernon Subutex zum vagabundierenden Obdachlosen und Grenzgänger zwischen sozialen Schichten macht, in dem Leïla Slimani literarischen Kindsmord betreibt und sich der Hass eines Antoine Leiris nicht haben lässt. Es ist das Paris einer Delphine de Vigan, die schon lange die Loyalität gegenüber der malerischen Kulisse an den Nagel gehängt hat. Es ist die Tour de France eines kettenrauchenden Bestsellerautors, der polarisierend provozierend die Werte herausarbeitet, die sein Florent-Claude mit Füßen getreten hat.

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq

Ich war jetzt in meiner eigenen Hölle, die ich mir nach meinen eigenen Wünschen gebaut hatte.

Ich wusste lange Zeit nicht, wie weit ich Michel Houellebecq auf diesem Höllenritt folgen wollte. Sein Roman „Serotonin“ hat mich mit verstörenden Sequenzen oftmals zu sehr abgeschreckt. Ich habe mich dem Protagonisten in seinem Menschenbild kaum annähern können. Und doch verspürte ich von der ersten Seite an, dass ich zum Opfer eines literarischen Spiels werden sollte. Ich las weiter, mein Serotoninspiegel stieg, ich war in der Lage, verstörende Bilder zu verkraften und in den Kern des Wesens dieses Romans vorzustoßen, den ich nicht mehr erwartet hatte. Es ist die Tristesse, die man hinter sich lassen muss, um verlorene Werte zu erkennen. Es ist die hässliche Fratze, die man im Spiegel sieht, die es zu zerschlagen gilt, um einen Weg zu finden, der nicht mehr auf der Landkarte des Lebens verzeichnet ist.

Wenn alle Masken fallen und alle Fehler der Vergangenheit offenkundig werden, erst dann ist man soweit, am Ende der Bilanzierung eine Entscheidung zu treffen. Erst dann erschließt sich das eigene Leben für jene Menschen, die uns so gerne begleiten würden. Erst dann ist eine letzte Diagnose möglich. „Ich habe den Eindruck, Sie sind schlicht dabei, vor Kummer zu sterben.“ Ich bin auf eure Meinung zu Serotonin sehr gespannt. Ein Roman, der nach Disput schreit, zur Diskussion anregt und polarisiert. In jeder Beziehung echte Literatur, weil die Oberfläche sich niemals kräuseln würde. Tiefe erzeugt Stürme. Nur sie…

Serotonin von Michel Houellebecq - AstroLibrium

Serotonin von Michel Houellebecq