Antoine Leiris – „Meinen Hass bekommt ihr nicht“

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris

Frankreich im Zeichen der Terroranschläge des Jahres 2015. Das war mein Auftakt meines Bloggens in der kleinen literarischen Sternwarte in diesem Jahr. Vor genau zwei Jahren erfolgte der Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und nur wenige Monate später richtete sich der Hass islamistischer Attentäter auf Besucher eines Fußballländerspiels zwischen Frankreich und Deutschland, sowie auf Menschen, die an diesem Abend des 13. Novembers 2015 an verschiedenen Orten in Paris einen schönen Abend verleben wollten.

Die Leichtigkeit“ der Charlie-Hebdo-Mitarbeiterin Catherine Meurisse schildert die Ereignisse rund um das Massaker am Redaktionsteam von Charlie Hebdo. Catherine Meurisse hat mit einigem zeitlichen Abstand zu diesem 07. Januar 2015, der ihr Leben für immer verändern sollte, ihre eigene Leichtigkeit wiedergefunden und in einem mehr als schmerzhaften Prozess der Verarbeitung eine Graphic Novel veröffentlicht, die ihren Weg zurück ins normale Leben sehr intensiv thematisiert. Die Hinwendung zur Literatur und zur Kunst war für sie der Schlüssel, ein Ereignis überstehen zu können, das sie nur durch einen kleinen Zufall überlebt hatte. Für Catherine Meurisse wurde das Überleben zum eigentlichen Problem.

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris

Dass Paris im selben Jahr von einer weiteren dschihadistischen und koordiniert durchgeführten Terrorserie heimgesucht werden sollte, das war auch für Catherine unfassbar. Die Terroristen schlugen am 13. November an mehreren Orten gleichzeitig zu, töteten 130 Menschen und verletzten mehr als 350 weitere zum Teil schwer. Wer an diesem Abend das Länderspiel im Fernsehen verfolgte, die beiden Explosionen vor den Toren des Stade de France hörte, und den weiteren Berichten aus Paris folgte, der wird diese Nacht ebenso wenig vergessen, wie den 9. September 2001 in New York. Auch hier wurde die ganze Welt zu Zeugen der verheerenden Anschläge.

Sechs Explosionen erschütterten Paris, Restaurants, Bars und Cafés wurden mit Schusswaffen angegriffen und die Besucher eines Konzerts im Bataclan-Theater wurden zum größten Ziel dieser Anschlagsserie. Hier müssen sich dramatische und unglaublich brutale Szenen abgespielt haben. Mehr als 1500 Menschen befanden sich hier im Publikum eines Konzertes, als das Theater von Terroristen gestürmt wurde. 90 Menschen verloren alleine hier an diesem Abend ihr Leben. 90 Menschen, die während der Erstürmung, der anschließenden Geiselnahme und bei gezielten Hinrichtungen von kaltblütigen Mördern ausgelöscht wurden. Quälend lange drei Stunden dauerte es, bis das Bataclan endgültig befreit werden konnte. Quälende Stunden, in denen Angehörige zuhause vor den Fernsehgeräten saßen, sich überschlagenden Meldungen folgten und von der Ungewissheit erschlagen wurden.

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris

An diesem Abend zählte die Welt die Opfer der Anschläge. Sie waren noch anonym und hatten kein Gesicht, keine Geschichte und verschmolzen mit der Masse. Es ist wie so oft bei vergleichbaren Ereignissen. Erst nach Tagen treten die einzelnen Opfer ans Tageslicht, werden ihre Hinterbliebenen erkennbar und wir begreifen langsam, dass es nicht nur Zahlen sind, um die es eigentlich geht. Erst wenn die toten und Verletzten für uns erkennbar sind, wird real was vorher unfassbar schien. Für Freunde und Verwandte der Opfer ist das anders. Sie denken an ein einziges Schicksal, an den einen geliebten Menschen, um den sie sich sorgen. Sie befinden sich im Tunnelblick-Stadium.

Antoine Leiris blickte in diesen Stunden in genau diesen Tunnel des Grauens. Als wir die Fernsehbilder betrachteten war ihm klar, dass sich sein Leben bereits in diesen Minuten verändern würde. Er wusste, dass sich seine Frau im Bataclan aufhielt und zu den Besuchern des Rockkonzertes gehörte. Er wusste, dass dort Menschen ums Leben kamen und er wusste nach zahllosen erfolglosen Anrufen und SMS an seine Frau, dass sie nicht wohlbehalten entkommen sein konnte. Was wirklich mit ihr los war, das wusste er zu diesem Zeitpunkt am 13. November 2015 ab 22:37 Uhr nicht.

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris

Er wusste nur eins. Dass er warten, hoffen und bangen musste. Dass er für seinen siebzehn Monate alten Sohn alleine sorgen musste, bis Mama wieder zuhause war. Er war mit sich, seinen Ängsten und Sorgen allein und musste gleichzeitig Halt geben. Der Moment, in dem Menschen über das eigentlich Vorstellbare hinauswachsen müssen, ist hier nur skizzenhaft zu beschreiben. Antoine Leiris hat diese entscheidenden Momente im Leben seiner Familie festgehalten. Er schrieb auch, um nicht verrückt zu werden vor Angst. Was er schrieb und wie er sich auf Facebook äußerte nachdem er über den Tod seiner Frau informiert wurde, hat die Welt bewegt.

Meinen Hass bekommt ihr nicht. Diese Botschaft an die Terroristen richtete er drei Tage nach dem Anschlag von Paris. Worte, die um die ganze Welt gingen. Tiefe Worte, die keinen Vater und keine Mutter unbewegt ließen. Worte die Liebesbeweis und Klage zugleich sind. Worte der Verantwortung für den gemeinsamen Sohn. Aber gleichzeitig auch eine Kampfansage an die Verantwortlichen für solche Anschläge. Antoine Leiris verweigert den Terroristen die Genugtuung, neben seiner Ehefrau auch noch die ganze kleine Familie der Toten zerstört zu haben. Dieses Geschenk macht er ihnen nicht. Dies ist seine frühe Rache und sein Weg in eine ungewisse Zukunft für Vater und Sohn.

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht ist nun auch der Titel Buches von Antoine Leiris, das im Blanvalet Verlag erscheinen ist. Der offene Brief auf seinem Facebook-Profil ist hier eingebettet in die Aufzeichnungen des 34-jährigen Journalisten, die schon am Tag der Anschläge begannen. Anders als bei Catherine Meurisse fehlt hier jegliche Distanz zum Ereignis. Der Leser wird zum Live-Zeugen der Gefühlswelten eines Vaters, der in seiner Verzweiflung einen Weg aus der Hölle findet. Widerstand gegen den Terror kann nicht bewegender formuliert und miterlebt werden. Menschliche Größe kann greifbarer nicht sein. Die Liebe zu seiner Frau Hélène bedarf keiner weiteren Erklärung.

Antoine Leiris steht aufrecht, obwohl er sich eingesteht an diesem 13. November gebrochen worden zu sein. Keiner Zeile dieses Buches fehlt die Relevanz für unsere Zukunft unter den Vorzeichen der Terrorgefahr. Ob ich die Stärke hätte, so konsequent nicht hassen zu können und zu wollen? Ich weiß es nicht. Eine Passage aus dem Buch hat sich so tief in mir eingebrannt, dass ich hoffe, mich daran erinnern zu können, wenn es nötig sein sollte:

Ihr wollt, dass ich Angst habe,
dass ich meine Mitbürger misstrauisch beobachte,
dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere.
Verloren.
Der Spieler ist noch im Spiel.

Chapeau, Monsieur Leiris.

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5 Gedanken zu „Antoine Leiris – „Meinen Hass bekommt ihr nicht“

  1. Pingback: Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse (Graphic Novel) | AstroLibrium

  2. Wir waren im Oktober 2015 mit den Kinder in Paris, nur unweit von einem der Orte, an denen Anschläge verübt wurden. Trotz oder gerade wegen der vielen bewaffneten Sicherheitskräfte, die schon davor präsent waren, habe ich mich in der „Stadt der Liebe“ nicht so recht wohlgefühlt. Wenige Tage später, zu Hause und nach den Anschlägen, bekamen wir schon ein mulmiges Gefühl.
    Ja, ich würde trotzdem wieder nach Paris reisen, doch das Gefühl von Sicherheit und Leichtigkeit wird es dort für mich nicht so rasch wieder geben. Es ist schlimm, wie nachhaltig die Täter das Leben aller dadurch beeinflussen.

    Ich bewundere diejenigen, die direkt betroffen waren, Verluste ertragen mussten und dennoch die Kraft und Stärke aufbringen, eben nicht zu hassen. Ich glaube, ich könnte das nicht.

  3. Ich freue mich, dass Du das Buch besprochen hast, ich liebe es schmerzlich.

    Im Mai 2016 war ich in Paris und habe zu Recherchezwecken den Friedhof Père Lachaise besucht und mir die alten Grabmäler angesehen. Plötzlich stand ich vor einem neuen Grab voller frischer Blumen. Weil ich überrascht war, dass auf dem alten Friedhof noch Menschen beerdigt werden, ging ich näher und las, was auf der kleinen Karte stand. Es war die Erinnerung an eine junge Frau, die im Bataclan gestorben und die hier beerdigt war. Ein Gefühl, wie mit dem Hammer mitten auf die Stirn. Plötzlich kam einem aller Alltag, alle Arbeit nur noch unendlich weit weg und absolut bedeutungslos vor.

    • Puh… dieses unmittelbare Erleben ist natürlich ein tiefer Einschnitt, fernab aller Fernsehbilder und Zeitungsartikel. En weiterer Grund, sich nicht in der Bequemlichkeit und Distanz einzurichten, sondern das Denken und Erinnern zu pflegen…

      Danke für das offene Wort

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