„Elegie des Großen Krieges“ von Dorothe Reimann

Elegie des großen Krieges von Dorothe Reimann - AstoLibrium

Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Ein Klagelied, oftmals mit geschichtsphilosophischer Perspektive, ein Abgesang oder auch ganz einfach Gräberpoesie. Das ist gemeint, wenn wir es im literarischen Sinn mit einer Elegie zu tun haben. Dabei hat in unserer heutigen Zeit die Elegie ihren poetischen Charakter zumeist eingebüßt. Ihre Qualität misst sich nicht mehr an Reimen oder Versmaßen, hat sich vom Lyrischen entfernt und beheimatet melancholische und trauernde Stimmungsbilder im Rückblick auf Vergangenes. Weltschmerz kann man es nennen. Nicht jedoch ohne Botschaft, die in die Zukunft weist.

Die Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann könnte keinen größeren Weltschmerz beinhalten, beschäftigt sich dieser elegische Abgesang doch mit einer der größten Menschheitskatastrophen. Der Erste Weltkrieg als Urmutter aller Kriege der Neuzeit, in denen das industrialisierte Töten zum Maßstab wurde. Wenn man sich nur die historischen Begriffe auf der Zunge zergehen lässt, dann wird dem Leser heute noch schlecht, weil er erkennt, was hier mit Menschen geschah. Abnutzungsgefecht, Material- und Ausblutungsschlacht, Zermürbungs- und Stellungskrieg. Hier wurde der einfache Soldat zum Kanonenfutter. Strategische Ziele bezogen sich auf das Halten von Stellungen bis zum letzten Mann, das Erobern von zerschossenen Hügeln und den Landgewinn von wenigen Metern. Eingraben. Aushalten, tapfer sein. Gas abwarten.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Wer sich in der heutigen Zeit die Schlachten an der Somme oder die Gefechte vor Verdun als Schauplatz eines Romans aussucht, der hat kein unbeschriebenes Blatt vor Augen und besingt kein ungesungenes Lied. Alles ist erzählt, alles ist beschrieben und was noch nicht erzählt oder besungen wurde, ist in Dokumentationen zu sehen. Im Bücherregal meines Lebens zum Ersten Weltenbrand sind sie alle versammelt. Werke aus der Feder von Soldaten beider Seiten, Zeitzeugen, Leidtragende. Romane aus den Federn großer Autoren, die den Schrecken des Krieges in ihren fiktionalen Charakteren aufleben lassen, um uns zu sensibilisieren und uns vor neuzeitlicher Entmenschlichung zu warnen. Tagebücher, Feldpostbriefe, Romane und Dokumentationen gehen Hand in Hand, um mir Leitfaden zu sein und mich verstehen zu lassen, was meine Großväter in dieses Schlachten trieb.

Ich mag es nicht, wenn dieses Horrorszenario zur Kulisse verkommt. Ich bin sehr vorsichtig mit Büchern, die ohne plausiblen Hintergrund und mit fehlender Authentizität lediglich nach Knalleffekten für eine Geschichte suchen, die unter der Überschrift Erster Weltkrieg ihre Käufer finden wird. All dies war Dorothe Reimann bewusst, als wir über ihre „Elegie des Großen Krieges“ sprachen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, vertraute sie mir ihr Buch an. Und gerade deshalb las ich es. Kritisch. Begleitet von den wahren Zeitzeugen, die mir diesen Weltenbrand in die Seele geschrieben haben. Ernst Jünger und Fritz Rümmelein beäugten diese Elegie. Zwei Offiziere des Weltkriegs an der Seite eines einfachen Schneidergesellen. Konnte das gutgehen?

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann vergreift sich nicht in ihrer Elegie vom Großen Krieg! Weder im Ton, noch in der Klangfarbe und erst recht nicht an den verbrieften historischen Fakten. Sie bedient sich nicht. Weder am Szenario noch an den Menschen, über die sie hier in der gebotenen Seriosität schreibt. Sie verrennt sich nicht. Weder im Stil noch in der Art, das Kriegsgeschehen authentisch greifbar zu machen. Sie hält Stand, wo viele Autoren den Boden verloren haben. Sie verteidigt ihren Erzähl-Schützengraben gegen jeden nur denkbaren Zweifel, weil sie sich in ihrer Erzählung bewegt, als wäre sie selbst durch die Stellungen an der Front gekrochen.

Ihre Elegie schmeckt, riecht und klingt schmutzig. Sie gibt Pathos keinen Raum. Im Detail bleibt sie, auch in allen Begrifflichkeiten, trittsicher und stabil. Befehl bleibt Befehl, Schlamm bleibt Schlamm, Grabenfüße modern in ihren Stiefeln, Ratten und Läuse sind Wegbegleiter der Frontschweine und die Standesunterschiede zwischen Offizieren und dem einfachen Fußvolk kosten Menschenleben. Dorothe Reimann individualisiert jenes Grauen und schickt zwei Protagonisten in ihre Schlacht. Nicht sinnlos. Sie tragen beide ihre eigenen und verborgenen Missionen in ihren Herzen. Herzen, die sich täglich mehr verkrampfen und eigentlich keinen Spielraum mehr für das Menschsein geben.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann geht in ihrer Elegie keinen leichten Weg, weil sie Soldaten beider Seiten in den Mittelpunkt ihrer Schlachtreihe stellt. Sie richtet den Fokus auf zwei ganz einfache Jungs, die vom Schicksal an die Front geworfen wurden. Ernst Berger, einen einfachen Schneidergesellen aus Bückeburg und Ben, den jungen Bauern aus Dorset. Nur wenige Meter trennen sie in jenen Tagen 1916 an der Somme. Sie hören dieselben Explosionen, riechen das gleiche Gas, essen ähnlich vergammelten Fraß, sehen vielen Kameraden beim Sterben zu und greifen auf Befehl zur Waffe. Im äußeren Schein sind sie kaum zu unterscheiden. Verschmutzt, stinkend, kaum als Menschen zu erkennen.

In ihrem Inneren vereint sie mehr, als sie sich je vorstellen könnten. Während Ben nur hier ist, um auf seinen besten Freund Henry zu achten, schreibt Ernst verzweifelte Feldpostbriefe an seine große Liebe Marie. Die Unmöglichkeit vereint, was Feindschaft trennt. Beide jagen Illusionen nach. Ben fühlt, dass er mehr für Henry empfindet. Wobei ihm klar ist, dass er alles zeigen darf, nur nicht jenes verwirrende Gefühl. Und Ernst hat sich in eine Frau verliebt, der er gar nicht schreiben darf, weil ihr Verlobter nun mit ihm im Dreck liegt. Nicht jedoch auf Augenhöhe, sondern als Vorgesetzter.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann verlangt Übermenschliches von ihren beiden Kriegern. In einem Umfeld, das jede Menschlichkeit verloren hat, sind sie dazu verdammt, nach außen die tapferen Soldaten zu geben, während in ihrem Inneren ganz andere Kriege toben. Hier stoßen sie an ihre Grenze. Hier können sie nicht angreifen, in die Offensive gehen und den Frontverlauf der eigenen Konflikte verändern. Sie sind dazu verdammt, im Inneren die größte Schlacht auszutragen. Während Ernst seiner Angebeteten beschreibt, welch ein menschenverachtendes Schwein ihr Verlobter ist, folgt Ben seinem Freund, wie ein treuer Hund von einem Gemetzel ins nächste. Als Henry vermisst wird, brechen Welten zusammen. Als Ernst den Angriffsbefehl bekommt, macht sich Ben auf die Suche nach seinem Freund. Im Moment des Aufeinandertreffens der beiden Feinde zeigt sich, was der Krieg aus Menschen macht. Obsiegt die äußere Rolle oder das pochende Herz?

Dorothe Reimann beherrscht ihr Metier, ringt jeden Zweifel nieder und überzeugt mit ihrer Elegie. Sie kann erzählen. Oh ja. Und sie weiß, kritische Schwellen mit einer geschickten und stilsicheren Bewegung zu umgehen. Ernsts Briefe werden niemals an Marie geschickt. Es ist das Ungesagte und Unsägliche, was er hier niederschreibt. Die Zensur hätte es nie ermöglicht, auch nur einen Brief Bückeburg erreichen zu lassen. In jeder Beziehung bleibt stilsicher, was so gerne entgleiten würde. Nicht hier. Verzweifelt ungelebtes Lieben vebindet die beiden Kämpfer. Wir Leser wissen, welche Konflikte in ihnen toben, während die Ausblutung beider Armeen voranschreitet. Was bleibt ist eine „Elegie des Großen Krieges“. Was bleibt, ist nachzudenken und allen Geschichten um den Ersten Weltenbrand eine weitere, sehr lesenswerte, hinzuzufügen.

Der Erste Weltenbrand – Eine Artikelserie bei AstroLibrium und ein ganz kleines Hörspiel auf Literatur Radio Hörbahn: „Sie flüstern„.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

„Die kleinen Wunder von Mayfair“ von Robert Dinsdale

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Können wir uns auf etwas einigen? Können wir uns der rein inhaltlichen Seite eines Romans zuwenden und die Optik der Covergestaltung und den Titel beiseitelassen? In dieser Buchpräsentation habe ich mir zum Ziel gesetzt, einen Roman für Lesergruppen zugänglich zu machen, die ihn aufgrund seines Layouts und des Titels vielleicht nicht in ihre Hände nehmen würden. Es handelt sich hierbei keineswegs um ein bloßes Gefühl oder eine Vermutung. Die Annahme basiert auf Gesprächen mit Buchhändlern und den klaren Fragen an die Lesergruppe, an der das Buch deutlich vorbeirauscht. Ich spreche hier von Männern. Beziehungsweise von Lesern, die ständig auf der Suche nach einem Buch sind, das starke männliche Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, an denen man sich reiben und mit denen man sich identifizieren kann. Romane für große Jungs eben.

Die kleinen Wunder von Mayfair“ von Robert Dinsdale tauchte vor einigen Wochen als wahrer Eye-Catcher in den Buchhandlungen auf. Ein lieblicher Titel in einer Zeit, in der man tiefenentspannt auf das Weihnachtsfest zurauschte. Dazu ein Klappentext, der ein junges Mädchen in den Mittelpunkt stellt, dessen verzweifelte Lage sie in einen der wundervollsten Spielzeugtempel von London führt. Sie ist ungewollt schwanger, erst 15 Jahre alt und wir schreiben das Jahr 1906. Skandal. Cathy katapultiert ihr Schicksal an den Rand einer konservativen Gesellschaft. Einziger Ausweg: Eine Zeitungsannonce.

»Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben? Dann sind Sie bei uns richtig. Keine Erfahrung erforderlich. Kost und Logis inbegriffen. Willkommen bei Londons größtem Spielwarenhändler.
Papa Jacks Emporium«

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Hier trifft sie nicht nur auf Zinnsoldaten, Pappmaché-Bäume und fröhliche Vögel, sondern auf Papa Jack, den Besitzer des Emporiums und seine beiden Söhne Kaspar und Emil, die nicht nur um Zukunft des Spielzeugladens rivalisieren, sondern auch um die Zuneigung des schutzbedürftigen Mädchens. Hach. Klingt das romantisch. Und um diesen ersten Eindruck zu unterstreichen lässt man auf dem wundervollen Cover noch eine Ballerina mit auffälligem roten Tütü durch die Szenerie tanzen. Und nun stelle ich mir angesichts der bisher geschilderten offensichtlichen Verkaufsargumente für dieses Buch die Frage, welcher männliche Leser ab einem Alter von 16 Jahren hier zugreifen würde, weil er glaubt gefunden zu haben, wonach sein Abenteurerherz sucht? Keiner!

UND DAS – GENAU DAS – IST DER GRÖSSTE JAMMER DES LESEJAHRES. Hier wird in Design, Titelvergabe und Klappentext eine Zielgruppe für den Roman generiert, die sich sicherlich lesend sehr wohlfühlt in dieser fulminanten Geschichte. Andererseits schließt man jedoch mit genau diesen Äußerlichkeiten eine Zielgruppe aus, für die das Buch eine literarische Goldgrube wäre. Ich habe tief in dieser Grube geschürft. Ich bin der Zeitungsannonce gefolgt und habe mir das Originalcover und den originalen Titel ganz genau zu Gemüte geführt. Ein Spielzeugsoldat ersetzt hier bei „The Toymakers“ die zarte Ballerina und wird im ersten Augenschein der Handlung des Romans gerecht. Wir haben es hier nämlich mit einem Roman zu tun, der alle Maßstäbe sprengt und im Kern seiner Erzählebenen Magisches, Romantisches, aber eben auch zutiefst brutales Kriegerisches zu einem Kosmos vereint, in dem eine Ballerina fehl am Platz ist.

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Womit wir es hier nämlich zu tun haben, ist einer der facettenreichsten Romane, die ich in den vergangenen Jahren lesen durfte. Ein Spielzeugladen, der magischer ist, als es erlaubt sein sollte. Eine Spielzeugmacherdynastie, deren Wunden aus einer verzweifelten Vergangenheit voller Verfolgung und Ausgrenzung durch die Macht der Fantasie geheilt wurden. Spielzeugarmeen, die seit Jahren im „Großen Krieg“ Schlacht um Schlacht miteinander austragen. Ein kaiserlicher Rittmeister, der als Prototyp der automatisierten Holzsoldaten den Rahmen des Vorstellbaren sprengt. Zwei Jungs, die miteinander konkurrieren und im Ergebnis die magischsten Spielsachen erfinden, ohne jedoch die Genialität ihres Vaters zu erreichen. Eine Philosophie, die uns Leser wieder zu Kindern werden lässt, weil nur diese unbefangene Perspektive das Leben rettet.

Liebe, Empathie, Verantwortungsbewusstsein und Verzweiflung. Ein steter Kampf der Gefühle und eine junge Frau, die als ruhender Pol das gesamte Emporium beseelt. Und ein Drama, das sich schnell abzuzeichnen droht und in der Lage ist, die heile Welt für immer zu zerstören. Der Erste Weltkrieg fordert seine Opfer. Der Krieg verändert im Herzen der Menschen auch die Existenzberechtigung des Emporiums. Robert Dinsdale erreicht in seinem Erzählraum Weltkrieg eine Dimension, die man eher in Tagebüchern von Weltkriegsveteranen vermutet hätte. Gaskrieg, Traumatisierungen, die Diskrepanz zwischen dem, was man seinen Lieben zuhause anvertraut und dem echten Schrecken des Gemetzels und nicht zuletzt, die lebenslangen Folgen des Überlebens für den, der als einziger seiner Freunde zurückkehrt. Brillant, meisterhaft und voller Tiefgang.

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Eingebettet in die magische Welt des Emporiums spielt Robert Dinsdale hier mit den Elementen seines zauberhaften Fantasy-Dystopie-Historienspektakels. Dort, wo man Reales erwartet, schlägt die pure Magie zu, dort wachsen Bäume aus Papier in den Himmel und Kisten werden zu Höhlen voller Geheimnisse. Da wird aus einem alten Buch das verzauberte Tagebuch eines Weltkriegssoldaten, der seine Erlebnisse quasi live nach London schicken kann. Distanz schrumpft, die Söhne des Spielzeugmachers bekriegen sich im Leben, in ihren Träumen und Gefühlen. Der „Große Krieg“ findet für die beiden Jungs kein Ende. Niemals. Der Kampf um Cathy dominiert ihr Leben. Leser finden in Emil und Kaspar herausragende Identifikationsfiguren im Roman.

Charaktere, in die man sich lesenslang hineinversetzen kann. Man kann mit Emil in London bleiben, darunter leiden kriegsuntauglich zu sein und darauf hoffen, dass Cathy ihn endlich erhört. Man kann mit Kaspar in den Krieg ziehen und dort die Schrecken an der Front erleben. Man kann beide nach dem Krieg erleben und mit ihnen hoffen, dass es ihnen gelingt, das Emporium in eine neue Zeit zu retten. Und atemlos kann man der Spur des kaiserlichen Rittmeisters folgen, der eine Spielzeugarmee zu der Bedrohung mutieren lässt, die dem Roman ihren Stempel aufprägt. Die Grenzen zwischen Realem und Fantastischen ist fließend in diesem Roman. Es geht hier nicht um kleine Wunder. Es geht um das große Ganze. Den ganz großen Konflikt. Um Liebe und Krieg. Dinsdale schreibt sich in eine Liga mit den ganz Großen der Weltliteratur.

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Seine Beschreibung des Emporiums entspricht den Träumen eines Jules Verne. Die Magie der Spielzeugmacher wird jeden Fan von Harry Potter verzücken. Der Krieg dieses Buches ist in dieser Dimension bei Ernst Jünger spürbar. Und die tiefen Seelen einer Familienvergangenheit in Russland reichen an Tolstoi heran. Es wäre so schade, wenn dieses Buch nicht von allen Lesern entdeckt würde, die auf genau solche Bücher warten. Es wäre schade, diesen Roman auf eine Lovestory zu reduzieren. Es wäre für mich ein großer Verlust gewesen, wenn ich dem Cover und dem Titel alleine geglaubt und mich diesem Buchwunder verweigert hätte.

Vertraut mir, Jungs. Glaubt den herausragenden Rezensionen der Mädels. Es ist ein wundervolles Buch, das man ihnen ans Herz gelegt hat. Sie finden alles, was eine grandiose gefühlsbetonte und sehnsuchtsvolle Story zu bieten hat. Aber vertraut auch mir und wagt euch ins Emporium. Unverkitscht, psychologisch tief und im besten Sinne abenteuerlich wird Euch die Welt erscheinen, in die Ihr eintretet. Glaubt der Annonce in der Zeitung. Sie passt auch auf uns. Wir sind oftmals verloren, im Herzen ein Kind geblieben und ängstlich. Lasst uns „The Toymakers“ eine Chance geben. Vergesst die Ballerina. Zieht in den „Großen Krieg“ und rettet ein Mädchen und die letzten Reste einer Spielzeugwelt, die es nur in unserer Fantasie geben wird. Ihr werdet es niemals bereuen. Mein Wort drauf.

Und nicht nur meins… Siehe dazu Heikes Rezension bei Irve liest.

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Keine weltbewegende Neuigkeit und doch immer wieder hochinteressant, wie sich die internationale Diplomatie in der unendlichen Geschichte der Kriege dieses Mottos bediente. Am Ende der militärischen Strategie ist die Suche nach Handlungsalternativen eines der wichtigsten Instrumente von Staaten, die am Sieg auf dem Schlachtfeld zweifeln. Intrigen, Verrat, Sabotage und ein hohes Maß an Kreativität sind hier die Spielkarten, die man im Ärmel haben kann, um Gegner auszutricksen, die der eigenen Armee zahlenmäßig überlegen sind. Klingt wie ein Spiel und beim Rückblick auf die Menschheitsgeschichte finden sich zahllose Beispiel dafür.

Wie wäre es da mit einem hölzernen Pferd, das man vor die Tore einer Stadt rollt, bevor man still und heimlich den Rückzug antritt? Das Trojanische Pferd als Kriegslist hat bis in unsere Zeit überdauert und erobert heutzutage Betriebssysteme, Festplatten und infiltriert unsere Privatsphäre mit einer Armee unverwundbarer Viren. Warum also nicht auf das Bewährte zurückgreifen, wenn es mal eng wird mit dem Schlachtenglück und man befürchten muss, an allen Fronten geschlagen zu werden? Warum eigentlich nicht? Das müssen sich auch 1914 die Strategen des deutschen Kaiserreichs gedacht haben. Warum also nicht ein Trojanisches Pferd mit religiöser Fracht vor die Tore aller Verbündeten schieben, gegen die man in Europa zu kämpfen hatte? Warum sie nicht andernorts in einen unsäglichen Konflikt verwickeln, der den Krieg in Europa belanglos erscheinen lassen würde? Warum nicht einfach einen gewaltigen Sturm entfachen, der Engländer und Franzosen vom strategischen Spielfeld eliminieren würde?

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern erzählt von einem solchen Trojanischen Pferd. Jakob Hein hat sich für seinen bei Galiani Berlin erschienen Roman tief in die Denkweise der preußisch geprägten Kriegsstrategie recherchiert und einen auf wahren Ereignissen basierenden Welten-Schlachtplan entworfen, der heute abstrus und skurril wirkt. Bei genauem Hinsehen beruht dieser Plan auf einer brillanten Idee. Warum nicht den Heiligen Krieg im Orient entfachen? Warum nicht weltweit Muslime zum Dschihad aufrufen und sie dort über die verbündeten Gegner herfallen lassen, wo diese es nicht erwarten? In den Ländern, die England und Frankreich als Kolonisatoren unterdrücken. Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Diese Suche hatte man schnell beendet. Es galt nur noch, die Muslime davon zu überzeugen, diesen Sturm zu entfachen.

Und wie überzeugt man einen Sultan besser, als mit einem Geschenk? Hier kommt ein junger Leutnant ins Spiel, der sich genau dieses Spiel ausgedacht hat. Edgar Stern weiß, was zu tun ist. Er weiß, wie es zu tun ist und er weiß, wann der richtige Zeitpunkt für die Umsetzung seines Dschihad-Masterplans gekommen ist. Er wird sein Geschenk persönlich in Konstantinopel übergeben und damit die ganze muslimische Welt davon überzeugen, wie verbunden das Kaiserreich dem Islam ist. Was er dem Oberhaupt der Muslime schenken möchte? Ganz einfach. Muslimische Kriegsgefangene. Soldaten, die zum Dienst in der französischen Armee gezwungen wurden, von dieser als Sklaven behandelt und auf den Schlachtfeldern verheizt und an der Front gefangen genommen wurden. Zwölf junge Gefangene aus dem Bataillon der „Tirallieur Senégalais“ werden ausgewählt. Sechs Marokkaner, drei Tunesier und fünf Algerier.Nun gilt es nur, sie auf schnellstem Wege von Deutschland nach Konstantinopel zu bringen.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die einzige Chance, unerkannt dieses Zeil zu erreichen ist eine weitere List. Man verkleidet die Gefangenen als exotische Artisten und begibt sich als gestrandeter und pferdeloser Wanderzirkus auf die Reise durch Europa. Der Paradeoffizier schlüpft in die Paraderolle eines Zirkusdirektors und los geht die wilde Reise. Was sich hier liest wie eine Räuberpistole ist an historischer Skurrilität kaum zu überbieten. Was Jakob Hein hier erzählt ist jedoch alles andere, als ein amüsantes Kapitel aus dem Weltkrieg. Der Autor fabuliert vortrefflich und hintergründig. Er lässt den Amtsschimmel gewaltig wiehern, als er beschreibt, wie sehr der Militärapparat mit den Wünschen überfordert ist, Kriegsgefangene mit Pluderhosen und bunten Westen auszustatten. Reisekosten und Dokumente stellen größere Hürden dar, als eine Feldschlacht an der Somme. Es liest sich leicht, was hier intelligent und brillant erzählt ist. Und doch gelingt dem Autor mehr.

Aus der Perspektive der Kriegsgefangenen verdeutlicht Jakob Hein, was es heißt für ein fremdes Land an die Waffen gezwungen zu werden. Er unterstreicht, wie falsch es war, Muslime lediglich als homogene Masse zu sehen, die instrumentalisiert werden kann.Jakob Hein individualisiert, was gerne über einen Kamm geschert wird. Er leistet mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag im Verständnis für andere Religionen. Mehr kann man von einem Roman, der noch dazu unterhaltsam ist, nicht erwarten. Ich war gerne einer der Artisten. Bin gerne dem Pfad dieser Zirkustruppe gefolgt und habe es genossen, der preußischen Bürokratie ein Schnippchen zu schlagen. Und ich bin sehr gerne mit Leutnant Stern gescheitert. Denn wer weiß, was passiert wäre, wenn….

Dieser Roman ist selbst ein Trojanisches Pferd. Ziehen Sie es in ihr Bücherregal. Bestes Lesen ist garantiert.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Jakob Hein beleuchtet den Versuch, den Dschihad mit dem Ersten Weltkrieg zu verbinden, an dieser singulären paramilitärischen Aktion. Sie stand jedoch nicht allein auf weiter Flur. Umfangreich waren die Bemühungen des Kaiserreichs weltweit Muslime dazu zu bewegen, den Krieg im Orient weiter eskalieren zu lassen. Der ebenso brillante Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky beleuchtet diese Bestrebungen umfangreicher und komplexer. Wer also hier auf den Geschmack gekommen ist, nicht nur mit ein paar Artisten zu reisen, sondern ganze Kriegsschiffe zu verschenken, Sendeanlagen in das Türkische Reich zu transportieren und den Krieg wie ein großes Spiel zu sehen, sollte unbedingt das volle Risiko des Lesens eingehen und Risiko lesen.

In diesen beiden Büchern stellt sich nicht die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Viel eher hat dieses Land in der Vergangenheit immer wieder versucht, sich so zu positionieren, dass es seinen Vorteil daraus zog. Gehört Deutschland zum Islam? Diese Frage hat man im Deutschen Kaiserreich immer gerne mit ja beantwortet. Konnte man doch auf diese Art und Weise das Fähnchen so in den Wind hängen, dass es den Krieg dorthin trug, wo man es gerade gehisst hatte. Fragen, die sich in der Geschichte wiederholen. Fragen die man so niemals stellen sollte. Es sind Menschen, die zu einem Land gehören. Es sind Menschen, die ein Land ausmachen und ihm Identität verleihen. Es sind Menschen, die ein Land prägen. Keine Sammelbegriffe und Pauschalurteile.

Risiko von Steffen Kopetzky

„Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Eigentlich hatte ich mich nur auf einen sechsstündigen Ausflug eingestellt. „Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford wollte ich mir auf 7 CDs anhören. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, als ich die außergewöhnliche Hörspiel-Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in Frankfurt entdeckte und ich war voller Vorfreude, wieder zu Ford Madox Ford zurückzukehren, den ich durch „Die allertraurigste Geschichte“ schon lange vor meiner Zeit als literarischer Blogger kennengelernt hatte. Es war seine tiefe Melancholie, die mich für ihn vereinnahmt hatte. Es ist sein Erzählstil, der noch in mir nachhallt, wenn er mir heute in der Welt der Literatur begegnet. Liebesgeschichten aus der Feder des 1939 verstorbenen Schriftstellers sind komplexe Sittengemälde ihrer Zeit. Sie sind wie die wahre Liebe: Skandalös, offenherzig, zärtlich, mutig, eifersüchtig, fatal und schmerzhaft.

Eigentlich wollte ich „Das Ende der Paraden“ nur hören, was natürlich auch daran liegt, dass die Romanvorlage in gebundener Fassung schon lange nicht mehr auf dem Markt ist. Und doch begann ich schon nach den ersten Tracks des Hörspiels nach der Buchfassung des Hauptwerks von Ford Madox Ford zu suchen. Was soll ich sagen. Ich wurde fündig, nahm Kontakt mit dem Galiani Verlag Berlin auf, und befand mich sehr schnell in Gesellschaft der Bücher, die fast zeitgleich mit dem Hörbuch als EBooks neu veröffentlicht wurden. Und nun sitze ich hier und sollte wohl eigentlich fünf Rezensionen zu vier Büchern und einem Hörbuch verfassen. Ich mag jedoch nicht trennen, was der Autor für untrennbar hielt und bleibe dem Werk treu. Ich bleibe bei einem Artikel.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Die einzelnen Bücher der Ford-Tetralogie reflektieren die wichtigsten Phasen im Leben ihres Protagonisten Christopher Tietjens. Die vier Titel der Romane stehen für die facettenreiche und komplexe Geschichte, die sich im England des Ersten Weltkriegs abspielt. Sie werden dadurch zum Synonym für die vier Kapitel einer Liebe, die erst den Hass und die Eifersucht einer vergangenen Beziehung überwinden muss, bevor sie wie Phoenix aus der Asche des Krieges neu entstehen kann. Aus diesen Büchern besteht die Tetralogie, die unter dem Gesamttitel „Das Ende der Paraden“ weltbekannt wurde::

Manche tun es nicht
Keine Paraden mehr
Der Mann, der aufrecht bliebund
Zapfenstreich

Wenn man die Bücher beendet hat, stehen diese Titel für alles, was man zwischen den Zeilen erleben durfte und musste. Sie stehen für den hohen Moralbegriff und das Ehrgefühl des Engländers Christopher Tietjens, die ihn dazu veranlassen, die Ehe mit seiner Frau Sylvia aufrecht zu halten, obwohl die Beziehung völlig zerrüttet ist. Nur wir wissen, woran das liegt. Nur wir erahnen, in welche Falle der gute Christopher Tietjens gegangen ist, weil Sylvia ihren Mann ihn im Unklaren lässt, warum sie dieser Ehe keine Chance mehr gibt.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

„Ich bin mit den Männern fertig. Ich hasse Mann und Kind. Ich verstehe mich gut darauf, meinen Mann zu quälen, indem ich das Kind verderbe.“

Und das hat sie drauf! Die gute SylviaSie verlässt ihren Mann, entzieht ihm das Kind und lästert im gemeinsamen Bekanntenkreis über Christophers Schwächen. Sylvia hat ihn in der Hand und spielt genüsslich mit ihrer Macht. Sie ist eine grausame Diva voller Hass und Eifersucht. Sie spielt ein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit ihm. Scheidung kommt nicht in Frage. Gesellschaftlich undenkbar. Sie denkt, alle Fäden in der Hand zu haben, während er nicht mal sicher ist, ob er überhaupt der Vater des Kindes ist. Hier kommt unverhofft die junge Valentine Wannop ins Spiel. Sie zeigt Christopher, wie es sich anfühlen kann, wenn man aufrichtig liebt. Intellekt und Emotionen vereinen sich zu großer gemeinsamer Leidenschaft, deren Erfüllung an den Moralvorstellungen der Zeit scheitert. „Manche tun es nicht„. Sie tun es nicht. Sie lieben und begehren, aber sie tun es nicht. Beeindruckend.

„Die Trennung von meiner Frau macht mich frei für mein Mädchen. Aber wir taten es nicht. Das ist England. Ein Mann und sein Mädchen“ 

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Als der Erste Weltkrieg immer mehr Einsatz fordert und Sylvia die Schlinge immer enger um den Hals ihres Mannes zieht, flieht er auf die Schlachtfelder Frankreichs. In letzter Konsequenz der einzige Ausweg vor Sylvias Intrigen, denn seit er Valentine liebt, kennt Sylvias Eifersucht keine Grenzen mehr. „Keine Paraden mehr„. Jetzt geht es in die Schlacht, ins blutige Gemetzel. Hier wird der Roman zum grausamen Grabenkrieg, der alle Vorstellungen sprengt. Gas, Granaten, Ratten und die ständige Angst vor dem Tod. Das sollten am Ende aller Paraden die Hauptfeinde Captain Tietjens sein. Falsch gedacht. Er ist kein Paradeoffizier.

„Dieser Krieg ist ein Freudenhaus. Er wird sich mir fügen.“

Sylvia folgt ihrem Mann bis kurz vor die Front. Sie vermutet dass sich Valentine dort befindet, um Christophers Leben zu versüßen. Blinder Hass auf den Ehemann, der nun sein Glück gefunden hat, bringt sie dazu, ihn bei seinen Vorgesetzten zu diskreditieren und Intrigen zu spinnen, die gefährlicher sind, als alle Granaten der verhassten Feinde. Als der Friede ausbricht erhebt sich „Der Mann, der aufrecht blieb“ um nach Hause zurückzukehren und die großen Entscheidungen seines Lebens zu treffen. Sehr knapp hat er das Intrigenspiel seiner Frau überlebt. Jetzt scheint der Weg frei zu sein für die einzige und wahre Liebe seines Lebens. Die Suche nach dem Ausweg beginnt. Finale ist für das Schlusskapitel „Zapfenstreich“ das falsche Wort.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Der Erste Weltkrieg ist verraucht, doch die eigene Familiengeschichte holt den Heimkehrer ein. Die Schachfiguren sind neu formiert. Grundbesitz, Erbe und Zukunft stehen auf dem Spiel. Wie im Krieg, so gibt es auch hier keinen Sieger. Sylvia kämpft um das Erbe für den scheinbar gemeinsamen Sohn. Doch Tietjens älterer Bruder hat ein paar Trümpfe in der Hand, die das Schicksal in neue Bahnen lenken können. Der Abgesang auf die britische Aristokratie könnte lauter nicht sein. Eine Geschichte kann zeitloser nicht daherkommen und ein Protagonist kann bemitleidenswerter nicht wirken. Als Mark Tietjens auf dem Sterbebett liegt, vernimmt nur eine Frau seine letzten Worte. Es ist die Frau, die mit diesen Worten am Ende einer Geschichte leben darf und muss. Ein Finale in literarischem Großformat…

Das Ende der Paraden“ überzeugt in der Hörspielfassung, obwohl die Gliederung in vier Lebenskapitel hier nicht mehr auffindbar ist. Es ist komprimiert, verkürzt und so eigenständig wie man sich ein gelungenes Hörspiel, das vier Bücher umfasst, wünscht. Sieben CDs, 5,52 Stunden Laufzeit, vier Romane von Ford Madox Ford als Vorlage, 40 Rollen und ihre Sprecher… Das sind nur die Fakten. Manfred Zapatka, Wiebke Puls, Bibiana Beglau und viele mehr haben ihre Stimmen in der Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in die Waagschale geworfen. Was unter der Regie von Klaus Buhlert entstand ist keinesfalls eine verstaubte Klassiker-Lesung. Es ist modernes Hörspielkino in einer Inszenierung von Format. Die Stimmen des Ensembles verankern sich und ihre Rollen schnell im Gedächtnis des Hörers. So wird lebendig und hasserfüllt, was lesend erst erfühlt werden musste. So wird zärtlich und beschwingt, was oft monoton gelesen wurde. Und in fast schon apokalyptischen Pauseninszenierungen wird die Wucht des Hörspiels überwältigend. Lasst euch überraschen. Moderner geht Klassik nicht.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Ich empfehle das Hören. Die Bücher nur als EBooks zu lesen fiel mir schwer, weil ich zu Dateien keine Beziehung aufbauen kann. Ich hätte sie lieber als geschlossene Reihe in meinem Bücherregal stehen. Aber das reflektiert nur mein persönliches Lesen mit all seinen Vorlieben und Abneigungen. Die Neuauflagen hätten es wohl verdient, gedruckt zu werden. Sie überzeugen in jeder literarischen Hinsicht und lassen Ford Madox Ford wieder auferstehen. Großes Kompliment dafür. Das imposante Hörspiel hebt Das Ende der Paraden auf ein neues Level. Die zentrale Geschichte wird aus dem Urschleim der komplexen Originalgeschichte herausgewaschen wie ein Goldnugget.

Und der hört sich unglaublich gut an! Hörbuchgold. Klassik up to date. Und BR 2 bietet derzeit als Mitproduzent das komplette Hörspiel kostenlos zum Download!

„Risiko“ – Steffen Kopetzky und das Spiel des Lesens

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko. Könnt ihr euch noch an die guten alten Zeiten erinnern? Man saß im kleinen Kreis vor einem Brettspiel und verbrachte die spannenden Abende mit guten Freunden, ein paar Häppchen und Getränken, während man ganz genüsslich die Weltkarte auf dem Spielfeld betrachtete, seine eigenen Armeen in Stellung brachte und sich dabei schon überlegte, wie man es nun anstellen könnte, die ganze Welt zu erobern. Risiko.

Risiko. Und manchmal beschlich mich beim Spielen der unheimliche Gedanke, dass die Machtgelüste von heutigen Politikern und Konflikte zwischen Nationen schon seit jeher nicht anders ausgetragen wurden. Der pure Zufall regiert. Feinde und geheime Allianzen machen einem das Leben schwer und die Unvorhersehbarkeit ist das Maß aller Dinge. Fast schon beängstigend real.

Aber wer hätte gedacht, dass dieses Spiel nicht erst 1950 erfunden wurde, sondern auf einer wesentlich älteren Tradition beruht, die lange Zeit im Verborgenen lag? Wer hätte schon gedacht, dass diese besondere Art von taktischem Rollenspiel schon in der Zeit des Ersten Weltkriegs als „Das große Spiel“ in Militärkreisen gespielt wurde?

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Und wer hätte es jemals für möglich gehalten, dass diese frühe Form des Spiels so ausgereift war, dass man auf realistischen Geländeplänen die großen Schlachten an der Marne oder die Umgehung der französischen Verteidigungslinien im Trockenen proben konnte? Und darf es überraschen, dass man in der Realitätsnähe dieses großen Spiels sehr schnell erkennen musste, dass die Pläne des Deutschen Kaiserreichs nicht einen Pfifferling wert waren. Nein. Das überrascht nicht.

Risiko. Diesen Namen trägt auch der gerade bei Klett-Cotta erschienene historische Roman von Steffen Kopetzky, der seinen aufmerksamen Lesern nicht nur die Zeit vor 100 Jahren plastisch und atmosphärisch dicht vor Augen hält, sondern sie auch noch zu seiner ganz eigenen Variante des „Großen Spiels“ einlädt. Eine Lesereise der ganz besonderen Art. Sie verwandelte meine täglichen Bahnfahrten in eine abenteuerliche Zugfahrt mit der Bagdadbahn und spielte mit mir Risiko…

Ein Spiel des Lesens, bei dem nicht der Zufall regiert, sondern der Autor. Ein Spiel, bei dem es um historisch verbriefte und genau recherchierte Rahmenbedingungen geht, die jedoch mit Fiktion so angereichert sind, dass ein wahrhaftig abenteuerlicher Roman entsteht, den man lesen muss, wenn man sich auch nur ein wenig für diese Epoche interessiert .

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Ein Roman, der in seiner Ausgangslage so brillant und greifbar konzipiert ist, dass man an der Kreativität kriegführender Nationen keinerlei Zweifel mehr haben kann. Dass dabei eine Geschichte entstanden ist, die in ihren Eckpfeilern tief im Boden der Realität verankert ist und sich nur die Freiheit erlaubt, den realen historischen Gegebenheiten und Personen erfundene und doch so authentische Romanfiguren zur Seite zu stellen, die für uns Augen und Ohren offen halten, ist mehr als bemerkenswert.

Nehmt euch doch einfach eure eigene Weltkarte des guten Lesens, versetzt euch in das Jahr des Kriegsbeginns auf dem europäischen Festland zurück, betrachtet das nicht ganz ausgeglichene Kräfteverhältnis der Großmächte und denkt dann gemeinsam mit dem Deutschen Kaiser und seinen militärpolitischen Ratgebern darüber nach, wie man einen solchen Krieg an mehreren Fronten gewinnen kann.

Hier setzt Steffen Kopetzky an. Hier beginnt sein Spiel. Hier breitet er seine Weltkarte aus und bringt einen mehr als 700 Seiten dicken literarischen Wälzer ins Spiel, der in der Lage ist, die Fakten des Ersten Weltkrieges umzuwälzen und uns zum Nachdenken zu bringen, was gewesen wäre, wenn… Wie die Welt ausgesehen hätte, wenn… Und wie unglaublich es doch ist, was damals tatsächlich versucht wurde.

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Wie würde unsere Welt heute wohl aussehen, wenn es dem Deutschen Kaiserreich damals gelungen wäre, den heiligen islamischen Krieg auszurufen? Welche enorme Welle hätte die damalige Welt wohl erschüttert, wenn der von Deutschland losgetretene Dschihad die arabischen Länder erschüttert hätte. Und wie dumm hätten wohl die Alliierten aus der waffenstarrenden Wäsche geschaut, wenn ihr damals noch so straff organisiertes koloniales System in sich zusammengebrochen wäre?

Was? Deutscher Dschihad? Wie soll das denn gehen? Unglaublich? An den Haaren herbeigezogen! Nein, denn dieses geheime diplomatisch-militärische Unternehmen hat es tatsächlich gegeben. Eine Expedition, die 60 Angehörige der kaiserlichen Streitkräfte und mehrere diplomatisch geschulte Spezialisten mit der Bagdadbahn, zu Pferd und auf Kamelen, durch Wüsten und Gebirge bis nach Afghanistan führte.

Ihr Ziel: Den Hauptfeind in Europa, das britische Empire dort zu treffen, wo es am verwundbarsten ist. In Britisch-Indien. Dort, wo Deutschland keine eigenen Kolonien unterhält. Wenn es ihnen gelingen sollte, die Paschtunen zum Heiligen Krieg gegen alle Ungläubigen im Land zu bewegen, dann würde es eben nur die eigenen Feinde treffen und den Gegner bis ins Mark treffen. Frei nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wird es gelingen, dem Risiko-Spiel durch diesen genialen Schachzug eine neue Wende zu geben?

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Wir begleiten den Marine-Funker Sebastian Stichnote auf seinen wirren Wegen in die Wirren des Ersten Weltkrieges. Erleben ihn an Bord des leichten Kreuzers SMS Breslau und befinden uns in seinem Kokon der zahllosen nächtlichen Funksprüche, die den Beginn des Weltenbrandes verkünden. Wir folgen ihm schließlich bis nach Istanbul und werden aufmerksamer Zeuge seiner Abstellung zu der geheimen Expedition, die dringend einen Funker benötigt. Wir fühlen mit ihm, als er an Land der ersten Liebe seines Lebens begegnet und sind stolz auf ihn, als er rein zufällig die eigenen Offiziere im „Großen Spiel“ besiegt.

Und letztlich folgen wir ihm durch die Wüste bis nach Afghanistan. In Begleitung vieler tapferer Männer, eines nicht ganz echten arabischen Prinzen, eines Reporters und guter Freunde, die für ihn immer wichtiger werden. Im Marschgepäck hat er eine komplette Sendeanlage und im Herzen nur ein einziges Ziel. Seine Verabredung nach dem Krieg. Wann immer das auch sein mag. Mittags am 6. Juni am Tower von London. Und wenn das nicht klappen sollte, dann eben am 1. Dezember am selben Ort. Während andere den Krieg gewinnen wollen träumt er von seiner Geliebten. Arjona.

Steffen Kopetzky legt mit „Risiko“ einen prachtvollen historischen Roman zum Augenreiben vor. Die Ausgangslage ist brillant und historisch verbrieft. Die Charaktere sind greifbar, sehr authentisch und bleiben bis zum Ende ihrer jeweiligen Linie treu. Die historischen Personen, denen wir auf dieser Reise begegnen (Camus, Doenitz u.v.m) sind so gezeichnet, wie wir es uns nicht besser vorstellen können und die Spannung trägt vom ersten Schuss bis zum letzten Vorhang des Romans

Es ist kein Risiko, Risiko zu lesen. Es wäre riskant, es nicht zu tun… Das Schicksal legt nicht oft einen solchen Prachtschinken auf die Weltkarte des guten Lesens…. Nehmt Risiko in Angriff… Das Buch wird euch erobern.

Zwei Romane von historischem Format

Zwei Romane von historischem Format

Für Leser von Benjamin Monferats „Welt in Flammen“ ein gefundenes buchiges Fressen. Starke historisch fundierte Romane mit einem deutlichen Fingerzeig in die Gegenwart.