Der Wintersoldat von Daniel Mason [Galizien 1915]

Der Wintersoldat von Daniel Mason - AstroLibrium

Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason. Der Erste Weltkrieg. Ein Behelfslazarett in Galizien. Ein Medizinstudent, der sein Studium früher beenden darf, um als vollwertiger Arzt an der Front Leben zu retten. Ein diffuser Kriegsverlauf; eine einsame Kirche; eine Ordensschwester, die sich hier gänzlich auf sich gestellt um die Verwundeten kümmert und ebenjener „Halbarzt“, der in der Hoffnung lebt, von erfahrenen Kriegschirurgen viel lernen zu können. Doch schon seine Ankunft in den verschneiten Karpaten steht unter keinem guten Stern. Lucius Krzelewski erreicht seine Wirkungsstätte mit gebrochener Hand, völlig unterkühlt und verunsichert. Seine Frage nach dem leitenden Arzt wird von Schwester Margarete freundlich aber bestimmt beantwortet:

„Der Doktor? Haben Sie nicht gerade gesagt, das sind Sie?“

Diese Ausgangssituation verbirgt so viele Schlagworte, dass es mir unmöglich war, dieses Buch nicht zu lesen. Und genau an dieser Stelle möchte ich meinen Zugang zu diesem Roman voranstellen. Warum entscheidet man sich für ein Buch? Was ist dafür verantwortlich, dass man sich magisch zu einer Geschichte hingezogen fühlt? Was ist der Grund dafür, dass man eine Erzählung vielleicht anders liest und rezensiert, als die Mehrzahl der Leser dieses Romans. Ich finde, es ist wichtig, dies vorab zu erklären und zu verraten, welche Begriffe mich schon vor dem Lesen getriggert haben. Alles begann 1915. Ein 18jähriger junger Mann wird von heute auf morgen Soldat und findet sich, für Deutschland und den Kaiser kämpfend, schwer verletzt in einem Behelfslazarett im tief verschneiten Galizien wieder.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein Granatsplitter im Knie und ein Munddurchschuss, der ihn verstummen ließ. So lag er sprachlos und auf die Amputation wartend im verlausten Krankenbett. Er schrieb auf eine Schiefertafel: „Lieber tot, als mit einem Bein zur Mutter zurück.“ Man verzichtet darauf, das Bein abzunehmen. Man füttert ihn, versucht, die Gesichtsverletzung in den Griff zu bekommen, kämpft gegen Fieber und Entzündungen an und er muss hilflos mit ansehen, wie das Lazarett mehrfach überrannt wird. Da er nicht reden und gehen kann, wird auch er überrannt. Deutsche und verbündete Österreicher pflegen ihn, aber auch Russen, für die er nicht als Feind zu erkennen ist. Zuletzt kommt er auf zwei Beinen im heimatlichen Trier an. Am Ende einer Odyssee. Leicht hinkend bis an sein Lebensende und im Gesicht gezeichnet. Immerhin lebendig. Schweigend. Schwer traumatisiert. Und doch in der Lage, eine Familie zu gründen. Meine Familie. Mein Großvater reichte den Granatsplitter und einiges mehr an mich weiter. Wäre er damals im Lazarett gestorben, es gäbe diese Zeilen nicht.

Und nun ein Roman. „Der Wintersoldat“. Galizien. Die Karpaten. Ein Lazarett der KuK-Monarchie. Ein österreichischer Arzt, verzweifelte Zustände. Läuse, Typhus und Amputationen am Fließband. Rudimentäre medizinische Versorgung und Verwundete, deren Schicksal täglich am seidenen Faden hing. Hier könnte er gelegen haben. Dieser Gedanke war nicht mehr von meinem Lesen zu trennen, als ich mit Lucius und seiner Krankenschwester Margarete durch die Reihen der Verletzten schritt, um ihr Leben zu retten. Hier könnte er ein kleines Mosaiksteinchen gewesen sein. Unbedeutend und nur eine Zahl in der Liste der Gefallenen. Hier hätte auch meine Geschichte enden können, bevor sie eigentlich begann. Ich denke, hier wird deutlich, dass „Der Wintersoldat“ für mich kein Buch wie jedes andere ist. Und es auch niemals sein wird.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein außerordentlich scharfes Gespür für das Verborgene“ attestieren seine Lehrer dem jungen Medizinstudenten Lucius. Auf der Suche nach dem Unbekannten führt ihn sein Studium nah an die verborgenen Prozesse im Gehirn und an Störungen heran, die in der damaligen Zeit nicht therapierbar waren. Er brennt für sein Studium. Im Lazarett jedoch muss er sich der Erfahrung der Nonne Margarete unterwerfen. Sie hat alles im Griff. Sie hat Routine und sie hat die fehlenden Ärzte kompensiert. Amputationen hatte sie mehr durchgeführt, als er jemals auch nur in die Nähe von Patienten kam. Sie zeigt ihm, worauf es ankommt, steckt ihn mit ihrer selbstlosen Leidenschaft an und lässt ihn dabei nicht wie einen Anfänger aussehen. Ihre Loyalität ist signifikant für ihr Wesen. 

Daniel Mason versetzt uns schlagartig in das Szenario eines Lazaretts, in dem es an allem mangelt. Seine Beschreibungen sind verstörend präzise. Es ist der verzweifelt geführte Kampf gegen Läuse, der uns auch lesend dazu bringt, uns zu kratzen. Es sind Fieberschübe und Todesängste, die uns beschleichen; es ist Trauer, der wir nicht mehr entrinnen können und es ist die Hilflosigkeit jener Helfer, die wir nachvollziehen können, wenn wir mit ihnen am OP-Tisch stehen. Mason schildert alle Facetten von Verletzung und Traumatisierung, die einen Kampf so hoffnungslos erscheinen lassen. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Empathie angesichts des Grauens wirkt wie die unsichtbare Klammer, die alles zusammenhält. Die Frustration über diejenigen, die das Lazarett heimsuchen, um frontfähige Soldaten zu rekrutieren, macht sprachlos.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es verwundert nicht, dass der ins kalte Wasser geworfene Arzt und die erfahrene Krankenschwester sich in diesem Chaos menschlich nähern. Ihre Beziehung stößt mit jedem Gedanken an neue Grenzen. Und doch verlieren sie sich ineinander. Nonne und Arzt. Hier an der eisigen Front. In der Einsamkeit einer chaotischen Insel verletzter Körper und Seelen. Als „Der Wintersoldat“ eingeliefert wird, ändert sich alles. Es sind psychische Schäden, die ihn fast lähmen. Das Kriegszittern, die Panikattacken, die nun um sich greifen, sind kaum zu beherrschen. Dazu kommt noch die Befürchtung, dass er als Simulant und Deserteur verurteilt und erneut ins Gefecht geworfen wird. Margarete und Lucius beschließen, diese arme Seele zu retten. Ein Plan, der zum Fiasko wird.

Eine verbotene Liebe in unmöglichen Zeiten verleiht dem Roman eine emotionale Dynamik, der man sich nicht entziehen kann. Die individuellen Schicksale der Soldaten lassen keinen Spielraum für ruhige Lesephasen. Die Zustände im Lazarett verstören im wahrsten Sinne des Wortes. Und doch legt Simon Mason einen unaufgeregt verfassten und ruhigen Roman vor. Sein Kraft strahlt von innen heraus. Die Wucht der Geschichte entfaltet sich im Leser. Ein Pageturner ohne künstlichen Brandbeschleuniger. Der Krieg trennt zwei Menschen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in diesem Chaos füreinander bestimmt zu sein scheinen. Lucius` Suche nach Margarete wird zur Odyssee durch die Wirren des Ersten Weltkrieges. Mitfiebern garantiert…

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… Ja, dieses UND muss selbst erlesen werden. Ich werde diesen Roman sicherlich nicht mehr vergessen. Aus guten Gründen.

Es waren solche Ärzte und Krankenschwestern, die meinen Großvater retteten. Es waren solche Menschen, die bei ihm eine Ausnahme machten, die riskieren mussten, aus ihm einen Drückeberger zu machen, denn das Ziel der Kriegschirurgie lautete nur, den Verletzten so schnell wie möglich und wie auch immer erneut an die Front bringen zu können. Es waren solche Menschen, die ihm beistanden, als er selbst rettungslos in Schweigen und Schmerz versank. Es waren solche Menschen, die mich ermöglichten. Klingt vielleicht pathetisch, ist aber so. Und vielleicht findet sich ja genau hier einer der wesentlichsten Gründe für meine persönliche Berufswahl. Warum sonst sollte ich mich genau dort wiederfinden, wo „Der Wintersoldat“ auch heute noch jederzeit eingeliefert werden könnte? Danke fürs Lesen.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason / C.H. Beck Verlag / dt. von Sky Nonnhoff und Judith Schwaab / gebunden / 430 Seiten / 1 Karte / 24 Euro

Meinem Großvater liebevoll zugeeignet. Johann Josef Jager (1897 – 1991).

1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

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1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

Er ist ein literarischer Wiederholungstäter. Er schreibt ohne eigentlich zu schreiben. Er erstellt zeitgeschichtliche Collagen, ohne zu werten. Er fügt unterschiedliche Quellen zu Chroniken einer Zeit zusammen, die sich kaum chronologisch fassen lässt. Er lässt seine Leser im Wimmelbild seiner Text-Vernissagen umherirren, interpretieren, werten und schlussfolgern. Er konfrontiert uns mit den Schnipseln einer Realität, die an keiner Ecke so richtig zusammenpassen und doch ein Gemälde ergeben. Die Deutungshoheit überträgt der Quellensammler an seine Leser. Die Rede ist von Herbert Kapfer.

Er ist Wiederholungstäter. Die verborgene Chronik 1914 – 1918 folgte der guten Tradition eines Walter Kempowski. Sein Echolot“-Projekt zum Zweiten Weltkrieg umfasst zehn Bücher mit mehr als 7500 Seiten. Eine Zeitscheiben-Montage historisch verbriefter Quellen, die heute als epochale Chronik gilt, ohne die man Geschichte nicht verstehen kann. In der Tradition dieser Collage ging auch Kapfer in seiner verborgenen Chronik vor. Reale Quellen, Briefe, Tagebücher, Zeitungsartikel und Tagesbefehle sind exemplarische Grundlagen zum Gesamtverständnis der Menschen im Weltenbrand. In meiner Sammlung relevanter Literatur zum Ersten Weltkrieg nimmt diese Chronik einen bedeutenden Platz ein.

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1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

Als ich nun Herbert Kapfers neues Werk 1919 – Fiktion entdeckte wurde ich zum Wiederholungsleser. Nicht ohne im Vorfeld mein besonderes Augenmerk auf ein Wort zu richten, das ich nicht mit seiner Erzähltechnik in Einklang bringen konnte: Fiktion. In der verborgenen Chronik kommen der kleine Mann und die kleine Frau zu Wort. Es sind ihre Stimmen, die uns ein Stimmungsbild vermitteln. Hoffnungen, Zweifel, Trauer, Hass und Führerglaube. All dies belegt durch reale Quellen. In seiner Annäherung das Ende des Ersten Weltkriegs bricht er nun mit seiner bisherigen Technik. 1919. Ein Jahr nach der Niederlage, nach der bedingungslosen Kapitulation und nach dem verhängnisvollen Friedensvertrag von Versailles, begeben wir uns an seiner Seite in die kläglichen Reste eines zerschlagenen Kaiserreichs. Deutschland am Boden.

Auch hier erweckt Herbert Kapfer den Anschein der Authentizität. Das Gewirr der einzelnen Stimmen passt zu meiner Erwartungshaltung. Die Quellen weisen darauf hin, dass der Sammler sich auch hier in seiner Recherche an Zeitzeugenaufzeichnungen in Hülle und Fülle bedient hat. Heimkehrende Soldaten, Offiziere, Politiker, Revolutionäre, Verliebte und entmachtete Ex-Monarchen kommen zu Wort. Hier orchestriert Kapfer die Stimmvielfalt brillant. Das Mosaik verdichtet sich zum sonoren Klang einer Melancholie, die zur Volksstimmung wird. Die Zersplitterung der politischen Ideologien, die Implosion des Kaiserreichs wird spürbar. Mangel, Hunger, Unzufriedenheit und Unmut greifen um sich und werden zu Bestimmungsgrößen des Alltags.

Herbert Kapfer nimmt uns mit auf die Barrikaden, lässt uns Fahnen schwenken und Parolen rufen. Er macht uns zu Revoluzzern und Anarchisten, zu Kommunisten und zu militanten Soldatenräten. Er macht uns zu Zeugen von Attentaten und lässt den Kampf gegen jeden politischen Gegner im Mord an Rosa Luxemburg und Ernst Liebknecht gipfeln. Es fühlt sich komplett an, was er an Mosaiksteinen präsentiert. Ich denke dabei an meine Großeltern. Verstehe, wie sie empfunden haben müssen und wonach sie sich in diesem Jahr nach dem Untergang gesehnt haben. Stabilität und Konsolidierung. Eine Hoffnung, die im Ruf nach dem starken Mann gipfelte. Der rote Teppich für Adolf Hitler scheint schon hier gewoben zu werden.

Doch dann stoße ich im Wimmelbild auf Romanfiguren, die mir ins Gewissen reden. Ich bin unter Wasser in der geheimen Welt eines Joseph Delmont, der 1925 mit seiner Science-Fiction-Erzählung „Die Stadt unter dem Meere“ eine Legende von den Resten der kaiserlichen Marine spinnt, die in einem verborgenen Unterseehafen überdauert hat und auf Rache sinnt. Der starke Mann in Form der alten Kriegsflotte ist unterwegs. Was hat das in diesem Buch zu suchen? Warum dürfen fiktionale Charaktere Ausgrenzung betreiben und Stimmung gegen Juden machen? Warum ist Nathaniel Jünger und sein deutsch-nationalistischer Roman „Volk in Gefahr“ so disponiert zu finden? Besteht hier nicht die Gefahr, dass Kapfer seine Recherchen entwertet? Sie auf eine erfundene und damit angreifbare Ebene hebt?

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1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

Keineswegs. Das Spiegelkabinett seiner Quellen zeigt uns nur, wie schwer Geschichte zu fassen ist. Es zeigt uns, wie beeinflussbar wir heute durch Fake-News und Gerüchte sind. Kaum vorstellbar, man würde die Welt des Jahres 1919 um die heute verfügbaren Sozialen Medien wie Facebook oder Instagram erweitern können. Was wäre echt? Wo würde man Ursachen und Wirkung finden? Was ließe sich belegen oder beweisen? Im Vermischen von Realität mit Lug und Trug liegt die Stärke dieses Buches. Man fühlt an allen Ecken und Kanten die gleiche fatale Stimmung im Land. Ob real oder fiktional. In jeder Faser schreit alles nach Revanche und Rache. Neuordnung wird angetrieben und zerfasert im inneren Machtkampf.

Wir sehen uns selbst in diesem Spiegelkabinett und beginnen die Zeitscheibe mit der unseren zu vergleichen. Wie manifestiert sich Unzufriedenheit, wie kann man sie befeuern, warum gipfelt die Suche nach mehr Autorität und Stabilität immer im Streben, Sündenböcke zu präsentieren, worauf basiert völkisches Denken und der Hass auf das Fremde, wie entsteht Radikalisierung und sind Fake-News von heute die Propaganda von einst? „1919 – Fiktion“ veranschaulicht die Automatismen der Radikalisierung. Hier wird die eigene Verantwortung, die eigene Schuld, die eigene Mitbeteiligung geleugnet. Das ist der erste Schritt. Dann ist man frei, um sich gegen Andere zu erheben. Sie an den Rand zu drängen. Sie zu Schuldigen zu machen. Und dann? Der Rest ist bekannt.

Herbert Kapfer hat mich auch diesmal überzeugt. Die Mischung ist gelungen, der Mix perfekt abgestimmt. Wie ein DJ aus dem Jahr 1919 legt er brillant auf. Der Sound ist authentisch, auch wenn sich einige künstlich erzeugte Töne eingemischt haben. Der Abgesang auf das untergegangene Kaiserreich wird zum Gefangenenchor einer Nation, die ihre Freiheit auf dem Rücken der Unterdrückten finden wird. Hier wird die Lunte zur nächsten Explosion angezündet. Die Botschaft trägt. Das Spiegelkabinett wird zu einer Geisterbahn, deren Ausgang wir kennen. Von 1919 bis 1945 ist es nicht weit. Nicht mal zwei Generationen waren in der Lage, den Weltenbrand gleich mehrfach zu entzünden.

Ich blicke in meinem Lesen auf meine kleine Bibliothek zum Ersten Weltkrieg und bin dankbar für zwei Perspektiven, die ich für unverzichtbar halte. Florian Illies erzählt die Geschichte vor dem Krieg. Wie Kempowski und Kapfer (ohne Fiktion). „1913 Der Sommer des Jahrhunderts“ und „1913 Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ lässt die Quellen sprechen. Künstler, Intellektuelle und kleine Leute. Aufbruch, Zweifel, Hoffnung und erste Schlieren am Horizont zeigen hier, wie leichtgläubig und frohgemut die Welt auf den Winter zustrebte. „1919 – Fiktion“ erzählt das brutale Erwachen nach dem Weltenbrand. Kapfers Echolot lässt fiktionale Ausschläge zu, was der Kraft seiner Collage eine Dimension verleiht, die uns heute ins Mark trifft. Ich bete darum, dass wir uns im Jahr 2019 nicht in einem Jahr befinden, das später einmal von einem Autor als „Das Jahr davor“ beschrieben wird. Wir trügen Mitschuld daran. In jeder Beziehung.

1919 – Fiktion“ von Herbert Kapfer / Verlag Antje Kunstmann / 424 Seiten / 25 Euro

„Elegie des Großen Krieges“ von Dorothe Reimann

Elegie des großen Krieges von Dorothe Reimann - AstoLibrium

Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Ein Klagelied, oftmals mit geschichtsphilosophischer Perspektive, ein Abgesang oder auch ganz einfach Gräberpoesie. Das ist gemeint, wenn wir es im literarischen Sinn mit einer Elegie zu tun haben. Dabei hat in unserer heutigen Zeit die Elegie ihren poetischen Charakter zumeist eingebüßt. Ihre Qualität misst sich nicht mehr an Reimen oder Versmaßen, hat sich vom Lyrischen entfernt und beheimatet melancholische und trauernde Stimmungsbilder im Rückblick auf Vergangenes. Weltschmerz kann man es nennen. Nicht jedoch ohne Botschaft, die in die Zukunft weist.

Die Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann könnte keinen größeren Weltschmerz beinhalten, beschäftigt sich dieser elegische Abgesang doch mit einer der größten Menschheitskatastrophen. Der Erste Weltkrieg als Urmutter aller Kriege der Neuzeit, in denen das industrialisierte Töten zum Maßstab wurde. Wenn man sich nur die historischen Begriffe auf der Zunge zergehen lässt, dann wird dem Leser heute noch schlecht, weil er erkennt, was hier mit Menschen geschah. Abnutzungsgefecht, Material- und Ausblutungsschlacht, Zermürbungs- und Stellungskrieg. Hier wurde der einfache Soldat zum Kanonenfutter. Strategische Ziele bezogen sich auf das Halten von Stellungen bis zum letzten Mann, das Erobern von zerschossenen Hügeln und den Landgewinn von wenigen Metern. Eingraben. Aushalten, tapfer sein. Gas abwarten.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Wer sich in der heutigen Zeit die Schlachten an der Somme oder die Gefechte vor Verdun als Schauplatz eines Romans aussucht, der hat kein unbeschriebenes Blatt vor Augen und besingt kein ungesungenes Lied. Alles ist erzählt, alles ist beschrieben und was noch nicht erzählt oder besungen wurde, ist in Dokumentationen zu sehen. Im Bücherregal meines Lebens zum Ersten Weltenbrand sind sie alle versammelt. Werke aus der Feder von Soldaten beider Seiten, Zeitzeugen, Leidtragende. Romane aus den Federn großer Autoren, die den Schrecken des Krieges in ihren fiktionalen Charakteren aufleben lassen, um uns zu sensibilisieren und uns vor neuzeitlicher Entmenschlichung zu warnen. Tagebücher, Feldpostbriefe, Romane und Dokumentationen gehen Hand in Hand, um mir Leitfaden zu sein und mich verstehen zu lassen, was meine Großväter in dieses Schlachten trieb.

Ich mag es nicht, wenn dieses Horrorszenario zur Kulisse verkommt. Ich bin sehr vorsichtig mit Büchern, die ohne plausiblen Hintergrund und mit fehlender Authentizität lediglich nach Knalleffekten für eine Geschichte suchen, die unter der Überschrift Erster Weltkrieg ihre Käufer finden wird. All dies war Dorothe Reimann bewusst, als wir über ihre „Elegie des Großen Krieges“ sprachen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, vertraute sie mir ihr Buch an. Und gerade deshalb las ich es. Kritisch. Begleitet von den wahren Zeitzeugen, die mir diesen Weltenbrand in die Seele geschrieben haben. Ernst Jünger und Fritz Rümmelein beäugten diese Elegie. Zwei Offiziere des Weltkriegs an der Seite eines einfachen Schneidergesellen. Konnte das gutgehen?

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann vergreift sich nicht in ihrer Elegie vom Großen Krieg! Weder im Ton, noch in der Klangfarbe und erst recht nicht an den verbrieften historischen Fakten. Sie bedient sich nicht. Weder am Szenario noch an den Menschen, über die sie hier in der gebotenen Seriosität schreibt. Sie verrennt sich nicht. Weder im Stil noch in der Art, das Kriegsgeschehen authentisch greifbar zu machen. Sie hält Stand, wo viele Autoren den Boden verloren haben. Sie verteidigt ihren Erzähl-Schützengraben gegen jeden nur denkbaren Zweifel, weil sie sich in ihrer Erzählung bewegt, als wäre sie selbst durch die Stellungen an der Front gekrochen.

Ihre Elegie schmeckt, riecht und klingt schmutzig. Sie gibt Pathos keinen Raum. Im Detail bleibt sie, auch in allen Begrifflichkeiten, trittsicher und stabil. Befehl bleibt Befehl, Schlamm bleibt Schlamm, Grabenfüße modern in ihren Stiefeln, Ratten und Läuse sind Wegbegleiter der Frontschweine und die Standesunterschiede zwischen Offizieren und dem einfachen Fußvolk kosten Menschenleben. Dorothe Reimann individualisiert jenes Grauen und schickt zwei Protagonisten in ihre Schlacht. Nicht sinnlos. Sie tragen beide ihre eigenen und verborgenen Missionen in ihren Herzen. Herzen, die sich täglich mehr verkrampfen und eigentlich keinen Spielraum mehr für das Menschsein geben.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann geht in ihrer Elegie keinen leichten Weg, weil sie Soldaten beider Seiten in den Mittelpunkt ihrer Schlachtreihe stellt. Sie richtet den Fokus auf zwei ganz einfache Jungs, die vom Schicksal an die Front geworfen wurden. Ernst Berger, einen einfachen Schneidergesellen aus Bückeburg und Ben, den jungen Bauern aus Dorset. Nur wenige Meter trennen sie in jenen Tagen 1916 an der Somme. Sie hören dieselben Explosionen, riechen das gleiche Gas, essen ähnlich vergammelten Fraß, sehen vielen Kameraden beim Sterben zu und greifen auf Befehl zur Waffe. Im äußeren Schein sind sie kaum zu unterscheiden. Verschmutzt, stinkend, kaum als Menschen zu erkennen.

In ihrem Inneren vereint sie mehr, als sie sich je vorstellen könnten. Während Ben nur hier ist, um auf seinen besten Freund Henry zu achten, schreibt Ernst verzweifelte Feldpostbriefe an seine große Liebe Marie. Die Unmöglichkeit vereint, was Feindschaft trennt. Beide jagen Illusionen nach. Ben fühlt, dass er mehr für Henry empfindet. Wobei ihm klar ist, dass er alles zeigen darf, nur nicht jenes verwirrende Gefühl. Und Ernst hat sich in eine Frau verliebt, der er gar nicht schreiben darf, weil ihr Verlobter nun mit ihm im Dreck liegt. Nicht jedoch auf Augenhöhe, sondern als Vorgesetzter.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann verlangt Übermenschliches von ihren beiden Kriegern. In einem Umfeld, das jede Menschlichkeit verloren hat, sind sie dazu verdammt, nach außen die tapferen Soldaten zu geben, während in ihrem Inneren ganz andere Kriege toben. Hier stoßen sie an ihre Grenze. Hier können sie nicht angreifen, in die Offensive gehen und den Frontverlauf der eigenen Konflikte verändern. Sie sind dazu verdammt, im Inneren die größte Schlacht auszutragen. Während Ernst seiner Angebeteten beschreibt, welch ein menschenverachtendes Schwein ihr Verlobter ist, folgt Ben seinem Freund, wie ein treuer Hund von einem Gemetzel ins nächste. Als Henry vermisst wird, brechen Welten zusammen. Als Ernst den Angriffsbefehl bekommt, macht sich Ben auf die Suche nach seinem Freund. Im Moment des Aufeinandertreffens der beiden Feinde zeigt sich, was der Krieg aus Menschen macht. Obsiegt die äußere Rolle oder das pochende Herz?

Dorothe Reimann beherrscht ihr Metier, ringt jeden Zweifel nieder und überzeugt mit ihrer Elegie. Sie kann erzählen. Oh ja. Und sie weiß, kritische Schwellen mit einer geschickten und stilsicheren Bewegung zu umgehen. Ernsts Briefe werden niemals an Marie geschickt. Es ist das Ungesagte und Unsägliche, was er hier niederschreibt. Die Zensur hätte es nie ermöglicht, auch nur einen Brief Bückeburg erreichen zu lassen. In jeder Beziehung bleibt stilsicher, was so gerne entgleiten würde. Nicht hier. Verzweifelt ungelebtes Lieben vebindet die beiden Kämpfer. Wir Leser wissen, welche Konflikte in ihnen toben, während die Ausblutung beider Armeen voranschreitet. Was bleibt ist eine „Elegie des Großen Krieges“. Was bleibt, ist nachzudenken und allen Geschichten um den Ersten Weltenbrand eine weitere, sehr lesenswerte, hinzuzufügen.

Der Erste Weltenbrand – Eine Artikelserie bei AstroLibrium und ein ganz kleines Hörspiel auf Literatur Radio Hörbahn: „Sie flüstern„.

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„Die kleinen Wunder von Mayfair“ von Robert Dinsdale

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Können wir uns auf etwas einigen? Können wir uns der rein inhaltlichen Seite eines Romans zuwenden und die Optik der Covergestaltung und den Titel beiseitelassen? In dieser Buchpräsentation habe ich mir zum Ziel gesetzt, einen Roman für Lesergruppen zugänglich zu machen, die ihn aufgrund seines Layouts und des Titels vielleicht nicht in ihre Hände nehmen würden. Es handelt sich hierbei keineswegs um ein bloßes Gefühl oder eine Vermutung. Die Annahme basiert auf Gesprächen mit Buchhändlern und den klaren Fragen an die Lesergruppe, an der das Buch deutlich vorbeirauscht. Ich spreche hier von Männern. Beziehungsweise von Lesern, die ständig auf der Suche nach einem Buch sind, das starke männliche Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, an denen man sich reiben und mit denen man sich identifizieren kann. Romane für große Jungs eben.

Die kleinen Wunder von Mayfair“ von Robert Dinsdale tauchte vor einigen Wochen als wahrer Eye-Catcher in den Buchhandlungen auf. Ein lieblicher Titel in einer Zeit, in der man tiefenentspannt auf das Weihnachtsfest zurauschte. Dazu ein Klappentext, der ein junges Mädchen in den Mittelpunkt stellt, dessen verzweifelte Lage sie in einen der wundervollsten Spielzeugtempel von London führt. Sie ist ungewollt schwanger, erst 15 Jahre alt und wir schreiben das Jahr 1906. Skandal. Cathy katapultiert ihr Schicksal an den Rand einer konservativen Gesellschaft. Einziger Ausweg: Eine Zeitungsannonce.

»Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben? Dann sind Sie bei uns richtig. Keine Erfahrung erforderlich. Kost und Logis inbegriffen. Willkommen bei Londons größtem Spielwarenhändler.
Papa Jacks Emporium«

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Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Hier trifft sie nicht nur auf Zinnsoldaten, Pappmaché-Bäume und fröhliche Vögel, sondern auf Papa Jack, den Besitzer des Emporiums und seine beiden Söhne Kaspar und Emil, die nicht nur um Zukunft des Spielzeugladens rivalisieren, sondern auch um die Zuneigung des schutzbedürftigen Mädchens. Hach. Klingt das romantisch. Und um diesen ersten Eindruck zu unterstreichen lässt man auf dem wundervollen Cover noch eine Ballerina mit auffälligem roten Tütü durch die Szenerie tanzen. Und nun stelle ich mir angesichts der bisher geschilderten offensichtlichen Verkaufsargumente für dieses Buch die Frage, welcher männliche Leser ab einem Alter von 16 Jahren hier zugreifen würde, weil er glaubt gefunden zu haben, wonach sein Abenteurerherz sucht? Keiner!

UND DAS – GENAU DAS – IST DER GRÖSSTE JAMMER DES LESEJAHRES. Hier wird in Design, Titelvergabe und Klappentext eine Zielgruppe für den Roman generiert, die sich sicherlich lesend sehr wohlfühlt in dieser fulminanten Geschichte. Andererseits schließt man jedoch mit genau diesen Äußerlichkeiten eine Zielgruppe aus, für die das Buch eine literarische Goldgrube wäre. Ich habe tief in dieser Grube geschürft. Ich bin der Zeitungsannonce gefolgt und habe mir das Originalcover und den originalen Titel ganz genau zu Gemüte geführt. Ein Spielzeugsoldat ersetzt hier bei „The Toymakers“ die zarte Ballerina und wird im ersten Augenschein der Handlung des Romans gerecht. Wir haben es hier nämlich mit einem Roman zu tun, der alle Maßstäbe sprengt und im Kern seiner Erzählebenen Magisches, Romantisches, aber eben auch zutiefst brutales Kriegerisches zu einem Kosmos vereint, in dem eine Ballerina fehl am Platz ist.

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Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Womit wir es hier nämlich zu tun haben, ist einer der facettenreichsten Romane, die ich in den vergangenen Jahren lesen durfte. Ein Spielzeugladen, der magischer ist, als es erlaubt sein sollte. Eine Spielzeugmacherdynastie, deren Wunden aus einer verzweifelten Vergangenheit voller Verfolgung und Ausgrenzung durch die Macht der Fantasie geheilt wurden. Spielzeugarmeen, die seit Jahren im „Großen Krieg“ Schlacht um Schlacht miteinander austragen. Ein kaiserlicher Rittmeister, der als Prototyp der automatisierten Holzsoldaten den Rahmen des Vorstellbaren sprengt. Zwei Jungs, die miteinander konkurrieren und im Ergebnis die magischsten Spielsachen erfinden, ohne jedoch die Genialität ihres Vaters zu erreichen. Eine Philosophie, die uns Leser wieder zu Kindern werden lässt, weil nur diese unbefangene Perspektive das Leben rettet.

Liebe, Empathie, Verantwortungsbewusstsein und Verzweiflung. Ein steter Kampf der Gefühle und eine junge Frau, die als ruhender Pol das gesamte Emporium beseelt. Und ein Drama, das sich schnell abzuzeichnen droht und in der Lage ist, die heile Welt für immer zu zerstören. Der Erste Weltkrieg fordert seine Opfer. Der Krieg verändert im Herzen der Menschen auch die Existenzberechtigung des Emporiums. Robert Dinsdale erreicht in seinem Erzählraum Weltkrieg eine Dimension, die man eher in Tagebüchern von Weltkriegsveteranen vermutet hätte. Gaskrieg, Traumatisierungen, die Diskrepanz zwischen dem, was man seinen Lieben zuhause anvertraut und dem echten Schrecken des Gemetzels und nicht zuletzt, die lebenslangen Folgen des Überlebens für den, der als einziger seiner Freunde zurückkehrt. Brillant, meisterhaft und voller Tiefgang.

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Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Eingebettet in die magische Welt des Emporiums spielt Robert Dinsdale hier mit den Elementen seines zauberhaften Fantasy-Dystopie-Historienspektakels. Dort, wo man Reales erwartet, schlägt die pure Magie zu, dort wachsen Bäume aus Papier in den Himmel und Kisten werden zu Höhlen voller Geheimnisse. Da wird aus einem alten Buch das verzauberte Tagebuch eines Weltkriegssoldaten, der seine Erlebnisse quasi live nach London schicken kann. Distanz schrumpft, die Söhne des Spielzeugmachers bekriegen sich im Leben, in ihren Träumen und Gefühlen. Der „Große Krieg“ findet für die beiden Jungs kein Ende. Niemals. Der Kampf um Cathy dominiert ihr Leben. Leser finden in Emil und Kaspar herausragende Identifikationsfiguren im Roman.

Charaktere, in die man sich lesenslang hineinversetzen kann. Man kann mit Emil in London bleiben, darunter leiden kriegsuntauglich zu sein und darauf hoffen, dass Cathy ihn endlich erhört. Man kann mit Kaspar in den Krieg ziehen und dort die Schrecken an der Front erleben. Man kann beide nach dem Krieg erleben und mit ihnen hoffen, dass es ihnen gelingt, das Emporium in eine neue Zeit zu retten. Und atemlos kann man der Spur des kaiserlichen Rittmeisters folgen, der eine Spielzeugarmee zu der Bedrohung mutieren lässt, die dem Roman ihren Stempel aufprägt. Die Grenzen zwischen Realem und Fantastischen ist fließend in diesem Roman. Es geht hier nicht um kleine Wunder. Es geht um das große Ganze. Den ganz großen Konflikt. Um Liebe und Krieg. Dinsdale schreibt sich in eine Liga mit den ganz Großen der Weltliteratur.

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Seine Beschreibung des Emporiums entspricht den Träumen eines Jules Verne. Die Magie der Spielzeugmacher wird jeden Fan von Harry Potter verzücken. Der Krieg dieses Buches ist in dieser Dimension bei Ernst Jünger spürbar. Und die tiefen Seelen einer Familienvergangenheit in Russland reichen an Tolstoi heran. Es wäre so schade, wenn dieses Buch nicht von allen Lesern entdeckt würde, die auf genau solche Bücher warten. Es wäre schade, diesen Roman auf eine Lovestory zu reduzieren. Es wäre für mich ein großer Verlust gewesen, wenn ich dem Cover und dem Titel alleine geglaubt und mich diesem Buchwunder verweigert hätte.

Vertraut mir, Jungs. Glaubt den herausragenden Rezensionen der Mädels. Es ist ein wundervolles Buch, das man ihnen ans Herz gelegt hat. Sie finden alles, was eine grandiose gefühlsbetonte und sehnsuchtsvolle Story zu bieten hat. Aber vertraut auch mir und wagt euch ins Emporium. Unverkitscht, psychologisch tief und im besten Sinne abenteuerlich wird Euch die Welt erscheinen, in die Ihr eintretet. Glaubt der Annonce in der Zeitung. Sie passt auch auf uns. Wir sind oftmals verloren, im Herzen ein Kind geblieben und ängstlich. Lasst uns „The Toymakers“ eine Chance geben. Vergesst die Ballerina. Zieht in den „Großen Krieg“ und rettet ein Mädchen und die letzten Reste einer Spielzeugwelt, die es nur in unserer Fantasie geben wird. Ihr werdet es niemals bereuen. Mein Wort drauf.

Und nicht nur meins… Siehe dazu Heikes Rezension bei Irve liest.

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Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Keine weltbewegende Neuigkeit und doch immer wieder hochinteressant, wie sich die internationale Diplomatie in der unendlichen Geschichte der Kriege dieses Mottos bediente. Am Ende der militärischen Strategie ist die Suche nach Handlungsalternativen eines der wichtigsten Instrumente von Staaten, die am Sieg auf dem Schlachtfeld zweifeln. Intrigen, Verrat, Sabotage und ein hohes Maß an Kreativität sind hier die Spielkarten, die man im Ärmel haben kann, um Gegner auszutricksen, die der eigenen Armee zahlenmäßig überlegen sind. Klingt wie ein Spiel und beim Rückblick auf die Menschheitsgeschichte finden sich zahllose Beispiel dafür.

Wie wäre es da mit einem hölzernen Pferd, das man vor die Tore einer Stadt rollt, bevor man still und heimlich den Rückzug antritt? Das Trojanische Pferd als Kriegslist hat bis in unsere Zeit überdauert und erobert heutzutage Betriebssysteme, Festplatten und infiltriert unsere Privatsphäre mit einer Armee unverwundbarer Viren. Warum also nicht auf das Bewährte zurückgreifen, wenn es mal eng wird mit dem Schlachtenglück und man befürchten muss, an allen Fronten geschlagen zu werden? Warum eigentlich nicht? Das müssen sich auch 1914 die Strategen des deutschen Kaiserreichs gedacht haben. Warum also nicht ein Trojanisches Pferd mit religiöser Fracht vor die Tore aller Verbündeten schieben, gegen die man in Europa zu kämpfen hatte? Warum sie nicht andernorts in einen unsäglichen Konflikt verwickeln, der den Krieg in Europa belanglos erscheinen lassen würde? Warum nicht einfach einen gewaltigen Sturm entfachen, der Engländer und Franzosen vom strategischen Spielfeld eliminieren würde?

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern erzählt von einem solchen Trojanischen Pferd. Jakob Hein hat sich für seinen bei Galiani Berlin erschienen Roman tief in die Denkweise der preußisch geprägten Kriegsstrategie recherchiert und einen auf wahren Ereignissen basierenden Welten-Schlachtplan entworfen, der heute abstrus und skurril wirkt. Bei genauem Hinsehen beruht dieser Plan auf einer brillanten Idee. Warum nicht den Heiligen Krieg im Orient entfachen? Warum nicht weltweit Muslime zum Dschihad aufrufen und sie dort über die verbündeten Gegner herfallen lassen, wo diese es nicht erwarten? In den Ländern, die England und Frankreich als Kolonisatoren unterdrücken. Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Diese Suche hatte man schnell beendet. Es galt nur noch, die Muslime davon zu überzeugen, diesen Sturm zu entfachen.

Und wie überzeugt man einen Sultan besser, als mit einem Geschenk? Hier kommt ein junger Leutnant ins Spiel, der sich genau dieses Spiel ausgedacht hat. Edgar Stern weiß, was zu tun ist. Er weiß, wie es zu tun ist und er weiß, wann der richtige Zeitpunkt für die Umsetzung seines Dschihad-Masterplans gekommen ist. Er wird sein Geschenk persönlich in Konstantinopel übergeben und damit die ganze muslimische Welt davon überzeugen, wie verbunden das Kaiserreich dem Islam ist. Was er dem Oberhaupt der Muslime schenken möchte? Ganz einfach. Muslimische Kriegsgefangene. Soldaten, die zum Dienst in der französischen Armee gezwungen wurden, von dieser als Sklaven behandelt und auf den Schlachtfeldern verheizt und an der Front gefangen genommen wurden. Zwölf junge Gefangene aus dem Bataillon der „Tirallieur Senégalais“ werden ausgewählt. Sechs Marokkaner, drei Tunesier und fünf Algerier.Nun gilt es nur, sie auf schnellstem Wege von Deutschland nach Konstantinopel zu bringen.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die einzige Chance, unerkannt dieses Zeil zu erreichen ist eine weitere List. Man verkleidet die Gefangenen als exotische Artisten und begibt sich als gestrandeter und pferdeloser Wanderzirkus auf die Reise durch Europa. Der Paradeoffizier schlüpft in die Paraderolle eines Zirkusdirektors und los geht die wilde Reise. Was sich hier liest wie eine Räuberpistole ist an historischer Skurrilität kaum zu überbieten. Was Jakob Hein hier erzählt ist jedoch alles andere, als ein amüsantes Kapitel aus dem Weltkrieg. Der Autor fabuliert vortrefflich und hintergründig. Er lässt den Amtsschimmel gewaltig wiehern, als er beschreibt, wie sehr der Militärapparat mit den Wünschen überfordert ist, Kriegsgefangene mit Pluderhosen und bunten Westen auszustatten. Reisekosten und Dokumente stellen größere Hürden dar, als eine Feldschlacht an der Somme. Es liest sich leicht, was hier intelligent und brillant erzählt ist. Und doch gelingt dem Autor mehr.

Aus der Perspektive der Kriegsgefangenen verdeutlicht Jakob Hein, was es heißt für ein fremdes Land an die Waffen gezwungen zu werden. Er unterstreicht, wie falsch es war, Muslime lediglich als homogene Masse zu sehen, die instrumentalisiert werden kann.Jakob Hein individualisiert, was gerne über einen Kamm geschert wird. Er leistet mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag im Verständnis für andere Religionen. Mehr kann man von einem Roman, der noch dazu unterhaltsam ist, nicht erwarten. Ich war gerne einer der Artisten. Bin gerne dem Pfad dieser Zirkustruppe gefolgt und habe es genossen, der preußischen Bürokratie ein Schnippchen zu schlagen. Und ich bin sehr gerne mit Leutnant Stern gescheitert. Denn wer weiß, was passiert wäre, wenn….

Dieser Roman ist selbst ein Trojanisches Pferd. Ziehen Sie es in ihr Bücherregal. Bestes Lesen ist garantiert.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Jakob Hein beleuchtet den Versuch, den Dschihad mit dem Ersten Weltkrieg zu verbinden, an dieser singulären paramilitärischen Aktion. Sie stand jedoch nicht allein auf weiter Flur. Umfangreich waren die Bemühungen des Kaiserreichs weltweit Muslime dazu zu bewegen, den Krieg im Orient weiter eskalieren zu lassen. Der ebenso brillante Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky beleuchtet diese Bestrebungen umfangreicher und komplexer. Wer also hier auf den Geschmack gekommen ist, nicht nur mit ein paar Artisten zu reisen, sondern ganze Kriegsschiffe zu verschenken, Sendeanlagen in das Türkische Reich zu transportieren und den Krieg wie ein großes Spiel zu sehen, sollte unbedingt das volle Risiko des Lesens eingehen und Risiko lesen.

In diesen beiden Büchern stellt sich nicht die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Viel eher hat dieses Land in der Vergangenheit immer wieder versucht, sich so zu positionieren, dass es seinen Vorteil daraus zog. Gehört Deutschland zum Islam? Diese Frage hat man im Deutschen Kaiserreich immer gerne mit ja beantwortet. Konnte man doch auf diese Art und Weise das Fähnchen so in den Wind hängen, dass es den Krieg dorthin trug, wo man es gerade gehisst hatte. Fragen, die sich in der Geschichte wiederholen. Fragen die man so niemals stellen sollte. Es sind Menschen, die zu einem Land gehören. Es sind Menschen, die ein Land ausmachen und ihm Identität verleihen. Es sind Menschen, die ein Land prägen. Keine Sammelbegriffe und Pauschalurteile.

Risiko von Steffen Kopetzky