„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Keine weltbewegende Neuigkeit und doch immer wieder hochinteressant, wie sich die internationale Diplomatie in der unendlichen Geschichte der Kriege dieses Mottos bediente. Am Ende der militärischen Strategie ist die Suche nach Handlungsalternativen eines der wichtigsten Instrumente von Staaten, die am Sieg auf dem Schlachtfeld zweifeln. Intrigen, Verrat, Sabotage und ein hohes Maß an Kreativität sind hier die Spielkarten, die man im Ärmel haben kann, um Gegner auszutricksen, die der eigenen Armee zahlenmäßig überlegen sind. Klingt wie ein Spiel und beim Rückblick auf die Menschheitsgeschichte finden sich zahllose Beispiel dafür.

Wie wäre es da mit einem hölzernen Pferd, das man vor die Tore einer Stadt rollt, bevor man still und heimlich den Rückzug antritt? Das Trojanische Pferd als Kriegslist hat bis in unsere Zeit überdauert und erobert heutzutage Betriebssysteme, Festplatten und infiltriert unsere Privatsphäre mit einer Armee unverwundbarer Viren. Warum also nicht auf das Bewährte zurückgreifen, wenn es mal eng wird mit dem Schlachtenglück und man befürchten muss, an allen Fronten geschlagen zu werden? Warum eigentlich nicht? Das müssen sich auch 1914 die Strategen des deutschen Kaiserreichs gedacht haben. Warum also nicht ein Trojanisches Pferd mit religiöser Fracht vor die Tore aller Verbündeten schieben, gegen die man in Europa zu kämpfen hatte? Warum sie nicht andernorts in einen unsäglichen Konflikt verwickeln, der den Krieg in Europa belanglos erscheinen lassen würde? Warum nicht einfach einen gewaltigen Sturm entfachen, der Engländer und Franzosen vom strategischen Spielfeld eliminieren würde?

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern erzählt von einem solchen Trojanischen Pferd. Jakob Hein hat sich für seinen bei Galiani Berlin erschienen Roman tief in die Denkweise der preußisch geprägten Kriegsstrategie recherchiert und einen auf wahren Ereignissen basierenden Welten-Schlachtplan entworfen, der heute abstrus und skurril wirkt. Bei genauem Hinsehen beruht dieser Plan auf einer brillanten Idee. Warum nicht den Heiligen Krieg im Orient entfachen? Warum nicht weltweit Muslime zum Dschihad aufrufen und sie dort über die verbündeten Gegner herfallen lassen, wo diese es nicht erwarten? In den Ländern, die England und Frankreich als Kolonisatoren unterdrücken. Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Diese Suche hatte man schnell beendet. Es galt nur noch, die Muslime davon zu überzeugen, diesen Sturm zu entfachen.

Und wie überzeugt man einen Sultan besser, als mit einem Geschenk? Hier kommt ein junger Leutnant ins Spiel, der sich genau dieses Spiel ausgedacht hat. Edgar Stern weiß, was zu tun ist. Er weiß, wie es zu tun ist und er weiß, wann der richtige Zeitpunkt für die Umsetzung seines Dschihad-Masterplans gekommen ist. Er wird sein Geschenk persönlich in Konstantinopel übergeben und damit die ganze muslimische Welt davon überzeugen, wie verbunden das Kaiserreich dem Islam ist. Was er dem Oberhaupt der Muslime schenken möchte? Ganz einfach. Muslimische Kriegsgefangene. Soldaten, die zum Dienst in der französischen Armee gezwungen wurden, von dieser als Sklaven behandelt und auf den Schlachtfeldern verheizt und an der Front gefangen genommen wurden. Zwölf junge Gefangene aus dem Bataillon der „Tirallieur Senégalais“ werden ausgewählt. Sechs Marokkaner, drei Tunesier und fünf Algerier.Nun gilt es nur, sie auf schnellstem Wege von Deutschland nach Konstantinopel zu bringen.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die einzige Chance, unerkannt dieses Zeil zu erreichen ist eine weitere List. Man verkleidet die Gefangenen als exotische Artisten und begibt sich als gestrandeter und pferdeloser Wanderzirkus auf die Reise durch Europa. Der Paradeoffizier schlüpft in die Paraderolle eines Zirkusdirektors und los geht die wilde Reise. Was sich hier liest wie eine Räuberpistole ist an historischer Skurrilität kaum zu überbieten. Was Jakob Hein hier erzählt ist jedoch alles andere, als ein amüsantes Kapitel aus dem Weltkrieg. Der Autor fabuliert vortrefflich und hintergründig. Er lässt den Amtsschimmel gewaltig wiehern, als er beschreibt, wie sehr der Militärapparat mit den Wünschen überfordert ist, Kriegsgefangene mit Pluderhosen und bunten Westen auszustatten. Reisekosten und Dokumente stellen größere Hürden dar, als eine Feldschlacht an der Somme. Es liest sich leicht, was hier intelligent und brillant erzählt ist. Und doch gelingt dem Autor mehr.

Aus der Perspektive der Kriegsgefangenen verdeutlicht Jakob Hein, was es heißt für ein fremdes Land an die Waffen gezwungen zu werden. Er unterstreicht, wie falsch es war, Muslime lediglich als homogene Masse zu sehen, die instrumentalisiert werden kann.Jakob Hein individualisiert, was gerne über einen Kamm geschert wird. Er leistet mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag im Verständnis für andere Religionen. Mehr kann man von einem Roman, der noch dazu unterhaltsam ist, nicht erwarten. Ich war gerne einer der Artisten. Bin gerne dem Pfad dieser Zirkustruppe gefolgt und habe es genossen, der preußischen Bürokratie ein Schnippchen zu schlagen. Und ich bin sehr gerne mit Leutnant Stern gescheitert. Denn wer weiß, was passiert wäre, wenn….

Dieser Roman ist selbst ein Trojanisches Pferd. Ziehen Sie es in ihr Bücherregal. Bestes Lesen ist garantiert.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Jakob Hein beleuchtet den Versuch, den Dschihad mit dem Ersten Weltkrieg zu verbinden, an dieser singulären paramilitärischen Aktion. Sie stand jedoch nicht allein auf weiter Flur. Umfangreich waren die Bemühungen des Kaiserreichs weltweit Muslime dazu zu bewegen, den Krieg im Orient weiter eskalieren zu lassen. Der ebenso brillante Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky beleuchtet diese Bestrebungen umfangreicher und komplexer. Wer also hier auf den Geschmack gekommen ist, nicht nur mit ein paar Artisten zu reisen, sondern ganze Kriegsschiffe zu verschenken, Sendeanlagen in das Türkische Reich zu transportieren und den Krieg wie ein großes Spiel zu sehen, sollte unbedingt das volle Risiko des Lesens eingehen und Risiko lesen.

In diesen beiden Büchern stellt sich nicht die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Viel eher hat dieses Land in der Vergangenheit immer wieder versucht, sich so zu positionieren, dass es seinen Vorteil daraus zog. Gehört Deutschland zum Islam? Diese Frage hat man im Deutschen Kaiserreich immer gerne mit ja beantwortet. Konnte man doch auf diese Art und Weise das Fähnchen so in den Wind hängen, dass es den Krieg dorthin trug, wo man es gerade gehisst hatte. Fragen, die sich in der Geschichte wiederholen. Fragen die man so niemals stellen sollte. Es sind Menschen, die zu einem Land gehören. Es sind Menschen, die ein Land ausmachen und ihm Identität verleihen. Es sind Menschen, die ein Land prägen. Keine Sammelbegriffe und Pauschalurteile.

Risiko von Steffen Kopetzky

„Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Eigentlich hatte ich mich nur auf einen sechsstündigen Ausflug eingestellt. „Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford wollte ich mir auf 7 CDs anhören. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, als ich die außergewöhnliche Hörspiel-Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in Frankfurt entdeckte und ich war voller Vorfreude, wieder zu Ford Madox Ford zurückzukehren, den ich durch „Die allertraurigste Geschichte“ schon lange vor meiner Zeit als literarischer Blogger kennengelernt hatte. Es war seine tiefe Melancholie, die mich für ihn vereinnahmt hatte. Es ist sein Erzählstil, der noch in mir nachhallt, wenn er mir heute in der Welt der Literatur begegnet. Liebesgeschichten aus der Feder des 1939 verstorbenen Schriftstellers sind komplexe Sittengemälde ihrer Zeit. Sie sind wie die wahre Liebe: Skandalös, offenherzig, zärtlich, mutig, eifersüchtig, fatal und schmerzhaft.

Eigentlich wollte ich „Das Ende der Paraden“ nur hören, was natürlich auch daran liegt, dass die Romanvorlage in gebundener Fassung schon lange nicht mehr auf dem Markt ist. Und doch begann ich schon nach den ersten Tracks des Hörspiels nach der Buchfassung des Hauptwerks von Ford Madox Ford zu suchen. Was soll ich sagen. Ich wurde fündig, nahm Kontakt mit dem Galiani Verlag Berlin auf, und befand mich sehr schnell in Gesellschaft der Bücher, die fast zeitgleich mit dem Hörbuch als EBooks neu veröffentlicht wurden. Und nun sitze ich hier und sollte wohl eigentlich fünf Rezensionen zu vier Büchern und einem Hörbuch verfassen. Ich mag jedoch nicht trennen, was der Autor für untrennbar hielt und bleibe dem Werk treu. Ich bleibe bei einem Artikel.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Die einzelnen Bücher der Ford-Tetralogie reflektieren die wichtigsten Phasen im Leben ihres Protagonisten Christopher Tietjens. Die vier Titel der Romane stehen für die facettenreiche und komplexe Geschichte, die sich im England des Ersten Weltkriegs abspielt. Sie werden dadurch zum Synonym für die vier Kapitel einer Liebe, die erst den Hass und die Eifersucht einer vergangenen Beziehung überwinden muss, bevor sie wie Phoenix aus der Asche des Krieges neu entstehen kann. Aus diesen Büchern besteht die Tetralogie, die unter dem Gesamttitel „Das Ende der Paraden“ weltbekannt wurde::

Manche tun es nicht
Keine Paraden mehr
Der Mann, der aufrecht bliebund
Zapfenstreich

Wenn man die Bücher beendet hat, stehen diese Titel für alles, was man zwischen den Zeilen erleben durfte und musste. Sie stehen für den hohen Moralbegriff und das Ehrgefühl des Engländers Christopher Tietjens, die ihn dazu veranlassen, die Ehe mit seiner Frau Sylvia aufrecht zu halten, obwohl die Beziehung völlig zerrüttet ist. Nur wir wissen, woran das liegt. Nur wir erahnen, in welche Falle der gute Christopher Tietjens gegangen ist, weil Sylvia ihren Mann ihn im Unklaren lässt, warum sie dieser Ehe keine Chance mehr gibt.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

„Ich bin mit den Männern fertig. Ich hasse Mann und Kind. Ich verstehe mich gut darauf, meinen Mann zu quälen, indem ich das Kind verderbe.“

Und das hat sie drauf! Die gute SylviaSie verlässt ihren Mann, entzieht ihm das Kind und lästert im gemeinsamen Bekanntenkreis über Christophers Schwächen. Sylvia hat ihn in der Hand und spielt genüsslich mit ihrer Macht. Sie ist eine grausame Diva voller Hass und Eifersucht. Sie spielt ein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit ihm. Scheidung kommt nicht in Frage. Gesellschaftlich undenkbar. Sie denkt, alle Fäden in der Hand zu haben, während er nicht mal sicher ist, ob er überhaupt der Vater des Kindes ist. Hier kommt unverhofft die junge Valentine Wannop ins Spiel. Sie zeigt Christopher, wie es sich anfühlen kann, wenn man aufrichtig liebt. Intellekt und Emotionen vereinen sich zu großer gemeinsamer Leidenschaft, deren Erfüllung an den Moralvorstellungen der Zeit scheitert. „Manche tun es nicht„. Sie tun es nicht. Sie lieben und begehren, aber sie tun es nicht. Beeindruckend.

„Die Trennung von meiner Frau macht mich frei für mein Mädchen. Aber wir taten es nicht. Das ist England. Ein Mann und sein Mädchen“ 

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Als der Erste Weltkrieg immer mehr Einsatz fordert und Sylvia die Schlinge immer enger um den Hals ihres Mannes zieht, flieht er auf die Schlachtfelder Frankreichs. In letzter Konsequenz der einzige Ausweg vor Sylvias Intrigen, denn seit er Valentine liebt, kennt Sylvias Eifersucht keine Grenzen mehr. „Keine Paraden mehr„. Jetzt geht es in die Schlacht, ins blutige Gemetzel. Hier wird der Roman zum grausamen Grabenkrieg, der alle Vorstellungen sprengt. Gas, Granaten, Ratten und die ständige Angst vor dem Tod. Das sollten am Ende aller Paraden die Hauptfeinde Captain Tietjens sein. Falsch gedacht. Er ist kein Paradeoffizier.

„Dieser Krieg ist ein Freudenhaus. Er wird sich mir fügen.“

Sylvia folgt ihrem Mann bis kurz vor die Front. Sie vermutet dass sich Valentine dort befindet, um Christophers Leben zu versüßen. Blinder Hass auf den Ehemann, der nun sein Glück gefunden hat, bringt sie dazu, ihn bei seinen Vorgesetzten zu diskreditieren und Intrigen zu spinnen, die gefährlicher sind, als alle Granaten der verhassten Feinde. Als der Friede ausbricht erhebt sich „Der Mann, der aufrecht blieb“ um nach Hause zurückzukehren und die großen Entscheidungen seines Lebens zu treffen. Sehr knapp hat er das Intrigenspiel seiner Frau überlebt. Jetzt scheint der Weg frei zu sein für die einzige und wahre Liebe seines Lebens. Die Suche nach dem Ausweg beginnt. Finale ist für das Schlusskapitel „Zapfenstreich“ das falsche Wort.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Der Erste Weltkrieg ist verraucht, doch die eigene Familiengeschichte holt den Heimkehrer ein. Die Schachfiguren sind neu formiert. Grundbesitz, Erbe und Zukunft stehen auf dem Spiel. Wie im Krieg, so gibt es auch hier keinen Sieger. Sylvia kämpft um das Erbe für den scheinbar gemeinsamen Sohn. Doch Tietjens älterer Bruder hat ein paar Trümpfe in der Hand, die das Schicksal in neue Bahnen lenken können. Der Abgesang auf die britische Aristokratie könnte lauter nicht sein. Eine Geschichte kann zeitloser nicht daherkommen und ein Protagonist kann bemitleidenswerter nicht wirken. Als Mark Tietjens auf dem Sterbebett liegt, vernimmt nur eine Frau seine letzten Worte. Es ist die Frau, die mit diesen Worten am Ende einer Geschichte leben darf und muss. Ein Finale in literarischem Großformat…

Das Ende der Paraden“ überzeugt in der Hörspielfassung, obwohl die Gliederung in vier Lebenskapitel hier nicht mehr auffindbar ist. Es ist komprimiert, verkürzt und so eigenständig wie man sich ein gelungenes Hörspiel, das vier Bücher umfasst, wünscht. Sieben CDs, 5,52 Stunden Laufzeit, vier Romane von Ford Madox Ford als Vorlage, 40 Rollen und ihre Sprecher… Das sind nur die Fakten. Manfred Zapatka, Wiebke Puls, Bibiana Beglau und viele mehr haben ihre Stimmen in der Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in die Waagschale geworfen. Was unter der Regie von Klaus Buhlert entstand ist keinesfalls eine verstaubte Klassiker-Lesung. Es ist modernes Hörspielkino in einer Inszenierung von Format. Die Stimmen des Ensembles verankern sich und ihre Rollen schnell im Gedächtnis des Hörers. So wird lebendig und hasserfüllt, was lesend erst erfühlt werden musste. So wird zärtlich und beschwingt, was oft monoton gelesen wurde. Und in fast schon apokalyptischen Pauseninszenierungen wird die Wucht des Hörspiels überwältigend. Lasst euch überraschen. Moderner geht Klassik nicht.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Ich empfehle das Hören. Die Bücher nur als EBooks zu lesen fiel mir schwer, weil ich zu Dateien keine Beziehung aufbauen kann. Ich hätte sie lieber als geschlossene Reihe in meinem Bücherregal stehen. Aber das reflektiert nur mein persönliches Lesen mit all seinen Vorlieben und Abneigungen. Die Neuauflagen hätten es wohl verdient, gedruckt zu werden. Sie überzeugen in jeder literarischen Hinsicht und lassen Ford Madox Ford wieder auferstehen. Großes Kompliment dafür. Das imposante Hörspiel hebt Das Ende der Paraden auf ein neues Level. Die zentrale Geschichte wird aus dem Urschleim der komplexen Originalgeschichte herausgewaschen wie ein Goldnugget.

Und der hört sich unglaublich gut an! Hörbuchgold. Klassik up to date. Und BR 2 bietet derzeit als Mitproduzent das komplette Hörspiel kostenlos zum Download!

„Risiko“ – Steffen Kopetzky und das Spiel des Lesens

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko. Könnt ihr euch noch an die guten alten Zeiten erinnern? Man saß im kleinen Kreis vor einem Brettspiel und verbrachte die spannenden Abende mit guten Freunden, ein paar Häppchen und Getränken, während man ganz genüsslich die Weltkarte auf dem Spielfeld betrachtete, seine eigenen Armeen in Stellung brachte und sich dabei schon überlegte, wie man es nun anstellen könnte, die ganze Welt zu erobern. Risiko.

Risiko. Und manchmal beschlich mich beim Spielen der unheimliche Gedanke, dass die Machtgelüste von heutigen Politikern und Konflikte zwischen Nationen schon seit jeher nicht anders ausgetragen wurden. Der pure Zufall regiert. Feinde und geheime Allianzen machen einem das Leben schwer und die Unvorhersehbarkeit ist das Maß aller Dinge. Fast schon beängstigend real.

Aber wer hätte gedacht, dass dieses Spiel nicht erst 1950 erfunden wurde, sondern auf einer wesentlich älteren Tradition beruht, die lange Zeit im Verborgenen lag? Wer hätte schon gedacht, dass diese besondere Art von taktischem Rollenspiel schon in der Zeit des Ersten Weltkriegs als „Das große Spiel“ in Militärkreisen gespielt wurde?

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Und wer hätte es jemals für möglich gehalten, dass diese frühe Form des Spiels so ausgereift war, dass man auf realistischen Geländeplänen die großen Schlachten an der Marne oder die Umgehung der französischen Verteidigungslinien im Trockenen proben konnte? Und darf es überraschen, dass man in der Realitätsnähe dieses großen Spiels sehr schnell erkennen musste, dass die Pläne des Deutschen Kaiserreichs nicht einen Pfifferling wert waren. Nein. Das überrascht nicht.

Risiko. Diesen Namen trägt auch der gerade bei Klett-Cotta erschienene historische Roman von Steffen Kopetzky, der seinen aufmerksamen Lesern nicht nur die Zeit vor 100 Jahren plastisch und atmosphärisch dicht vor Augen hält, sondern sie auch noch zu seiner ganz eigenen Variante des „Großen Spiels“ einlädt. Eine Lesereise der ganz besonderen Art. Sie verwandelte meine täglichen Bahnfahrten in eine abenteuerliche Zugfahrt mit der Bagdadbahn und spielte mit mir Risiko…

Ein Spiel des Lesens, bei dem nicht der Zufall regiert, sondern der Autor. Ein Spiel, bei dem es um historisch verbriefte und genau recherchierte Rahmenbedingungen geht, die jedoch mit Fiktion so angereichert sind, dass ein wahrhaftig abenteuerlicher Roman entsteht, den man lesen muss, wenn man sich auch nur ein wenig für diese Epoche interessiert .

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Ein Roman, der in seiner Ausgangslage so brillant und greifbar konzipiert ist, dass man an der Kreativität kriegführender Nationen keinerlei Zweifel mehr haben kann. Dass dabei eine Geschichte entstanden ist, die in ihren Eckpfeilern tief im Boden der Realität verankert ist und sich nur die Freiheit erlaubt, den realen historischen Gegebenheiten und Personen erfundene und doch so authentische Romanfiguren zur Seite zu stellen, die für uns Augen und Ohren offen halten, ist mehr als bemerkenswert.

Nehmt euch doch einfach eure eigene Weltkarte des guten Lesens, versetzt euch in das Jahr des Kriegsbeginns auf dem europäischen Festland zurück, betrachtet das nicht ganz ausgeglichene Kräfteverhältnis der Großmächte und denkt dann gemeinsam mit dem Deutschen Kaiser und seinen militärpolitischen Ratgebern darüber nach, wie man einen solchen Krieg an mehreren Fronten gewinnen kann.

Hier setzt Steffen Kopetzky an. Hier beginnt sein Spiel. Hier breitet er seine Weltkarte aus und bringt einen mehr als 700 Seiten dicken literarischen Wälzer ins Spiel, der in der Lage ist, die Fakten des Ersten Weltkrieges umzuwälzen und uns zum Nachdenken zu bringen, was gewesen wäre, wenn… Wie die Welt ausgesehen hätte, wenn… Und wie unglaublich es doch ist, was damals tatsächlich versucht wurde.

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Wie würde unsere Welt heute wohl aussehen, wenn es dem Deutschen Kaiserreich damals gelungen wäre, den heiligen islamischen Krieg auszurufen? Welche enorme Welle hätte die damalige Welt wohl erschüttert, wenn der von Deutschland losgetretene Dschihad die arabischen Länder erschüttert hätte. Und wie dumm hätten wohl die Alliierten aus der waffenstarrenden Wäsche geschaut, wenn ihr damals noch so straff organisiertes koloniales System in sich zusammengebrochen wäre?

Was? Deutscher Dschihad? Wie soll das denn gehen? Unglaublich? An den Haaren herbeigezogen! Nein, denn dieses geheime diplomatisch-militärische Unternehmen hat es tatsächlich gegeben. Eine Expedition, die 60 Angehörige der kaiserlichen Streitkräfte und mehrere diplomatisch geschulte Spezialisten mit der Bagdadbahn, zu Pferd und auf Kamelen, durch Wüsten und Gebirge bis nach Afghanistan führte.

Ihr Ziel: Den Hauptfeind in Europa, das britische Empire dort zu treffen, wo es am verwundbarsten ist. In Britisch-Indien. Dort, wo Deutschland keine eigenen Kolonien unterhält. Wenn es ihnen gelingen sollte, die Paschtunen zum Heiligen Krieg gegen alle Ungläubigen im Land zu bewegen, dann würde es eben nur die eigenen Feinde treffen und den Gegner bis ins Mark treffen. Frei nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wird es gelingen, dem Risiko-Spiel durch diesen genialen Schachzug eine neue Wende zu geben?

Risiko von Steffen Kopetzky

Risiko von Steffen Kopetzky

Wir begleiten den Marine-Funker Sebastian Stichnote auf seinen wirren Wegen in die Wirren des Ersten Weltkrieges. Erleben ihn an Bord des leichten Kreuzers SMS Breslau und befinden uns in seinem Kokon der zahllosen nächtlichen Funksprüche, die den Beginn des Weltenbrandes verkünden. Wir folgen ihm schließlich bis nach Istanbul und werden aufmerksamer Zeuge seiner Abstellung zu der geheimen Expedition, die dringend einen Funker benötigt. Wir fühlen mit ihm, als er an Land der ersten Liebe seines Lebens begegnet und sind stolz auf ihn, als er rein zufällig die eigenen Offiziere im „Großen Spiel“ besiegt.

Und letztlich folgen wir ihm durch die Wüste bis nach Afghanistan. In Begleitung vieler tapferer Männer, eines nicht ganz echten arabischen Prinzen, eines Reporters und guter Freunde, die für ihn immer wichtiger werden. Im Marschgepäck hat er eine komplette Sendeanlage und im Herzen nur ein einziges Ziel. Seine Verabredung nach dem Krieg. Wann immer das auch sein mag. Mittags am 6. Juni am Tower von London. Und wenn das nicht klappen sollte, dann eben am 1. Dezember am selben Ort. Während andere den Krieg gewinnen wollen träumt er von seiner Geliebten. Arjona.

Steffen Kopetzky legt mit „Risiko“ einen prachtvollen historischen Roman zum Augenreiben vor. Die Ausgangslage ist brillant und historisch verbrieft. Die Charaktere sind greifbar, sehr authentisch und bleiben bis zum Ende ihrer jeweiligen Linie treu. Die historischen Personen, denen wir auf dieser Reise begegnen (Camus, Doenitz u.v.m) sind so gezeichnet, wie wir es uns nicht besser vorstellen können und die Spannung trägt vom ersten Schuss bis zum letzten Vorhang des Romans

Es ist kein Risiko, Risiko zu lesen. Es wäre riskant, es nicht zu tun… Das Schicksal legt nicht oft einen solchen Prachtschinken auf die Weltkarte des guten Lesens…. Nehmt Risiko in Angriff… Das Buch wird euch erobern.

Zwei Romane von historischem Format

Zwei Romane von historischem Format

Für Leser von Benjamin Monferats „Welt in Flammen“ ein gefundenes buchiges Fressen. Starke historisch fundierte Romane mit einem deutlichen Fingerzeig in die Gegenwart.

„In finsteren Himmeln“ von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric - AstroLibrium

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Die Auswahl des ersten Lesenswegbegleiters im neuen Jahr gleicht seit ewigen Zeiten einem Ritual. Ein wenig Aberglaube schwingt immer mit, wenn ich diese emotional gesteuerte Entscheidung treffe, da genau dieses allererste Buch des Jahres oft wie ein lebenswichtiger Leitstern über meinem künftigen Lesen steht.

Diesmal vertraue ich mich dem englischen Schriftsteller Robert Edric an, der mich in seinem aktuellen Roman aus dem Steidl Verlag in die Schweiz des Jahres 1919 entführen wird. Eigentlich ein Jahr des Neubeginns, nachdem der erste Weltkrieg mehr als vier Jahre nicht nur in Europa gewütet hat. Ein erstes Jahr des tiefen Durchatmens und der puren Erleichterung, zumindest für diejenigen, die den Krieg unversehrt überlebt hatten.

Doch wer konnte das von sich behaupten, war doch angesichts der unglaublichen Opferzahlen fast jede europäische Familie leidtragend. Entweder hatte man selbst einen geliebten Menschen auf dem sogenannten Feld der Ehre verloren oder man litt unter den inneren und äußeren Verletzungen, die man in einer der vielen Schlachten erlitten hatte.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Die Sonne lag in den letzten Jahren unter dem Pulverdampf der großen Armeen verborgen und auch nun, unmittelbar nach dem Friedensschluss war die Luft noch nicht rein. Zu viele unbeantwortete Fragen verdunkelten den Blick auf die Zukunft und In finsteren Himmeln zeichneten sich die ersten Schreckgespenster ab, die dafür sorgten, dass man schon 1919 von den Jahren zwischen den Kriegen sprechen sollte.

Die Menschheit hatte sich in ihre Refugien zurückgezogen, um Wunden zu lecken und Fragen zu stellen, auf die es kaum Antworten geben konnte. Man trauerte, versuchte zu genesen, beschäftigte sich mit der Legendenbildung, warum man den Krieg verloren haben könnte und vergaß jene, die durch ihre vielfältigen Verletzungen an den Rand der langsam erwachenden Gesellschaft gedrängt wurden.

Versehrte Männer, die so grausam verstümmelt waren, dass man sich ihres Anblicks gerne entzog und psychisch Traumatisierte, die mit ihrem Kriegszittern und den Folgen der Gasangriffe den neuen Behandlungsmethoden der Kriegsmedizin ausgeliefert waren. Über allem stand die Frage, ob sie feige waren, tatsächlich oder gespielt blind und wie lange es wohl dauern könne, bis man sie den Kriegsgerichten nach dem Krieg überstellen könnte.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Ein solches Wartezimmer des Grauens finden wir in Robert Edrics aktuellem Roman „In finsteren Himmeln“. Ein Schweizer Kurort am Genfer See kommt auch unmittelbar nach dem Krieg nicht zur Ruhe. Erste Touristen versuchen, den neu erlangten Frieden in den Luxushotels vor Ort zu genießen, während die Kolonnen der Versehrten aus dem nahe gelegenen Kloster und dem angrenzenden Militärhospital zu Spaziergängen an den See gebracht werden.

Unglaubliche Bilder verstören die Bewohner und Gäste und das Unbehagen wächst. Jedes noch so kleine Geräusch lässt die Männer zusammenzucken. Der Schlachtenlärm hat deutliche Spuren hinterlassen. Rollstühle werden durch die Straßen geschoben. Männer mit bemalten Gesichtsmasken versuchen den Gesichtsverlust durch den Krieg zu verbergen und das Stadtbild wird zusehends dominiert von den Resten eines Infernos. Eine gefühlstaube Welt versucht, sich in ein neues Leben vorzutasten.

„Danach kamen die Erblindeten, gehalten und geführt, unter gutem Zureden, im Flüsterton aufgeklärt über das, was sie nicht sehen konnten. Es folgten die übrigen gehfähigen Verwundeten. Manche von ihnen bewegten sich auf eine Weise, als hätten sie das Gehen ganz verlernt und lernten es jetzt neu, wobei sie die einzelnen Bewegungsabläufe – die Koordinierung von Knochen, Muskeln, Fleisch, Wille und Energie – noch nicht recht beherrschten.“

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In dieser Zwischenwelt des Leidens gerät die 23-jährige Elisabeth Mortlake an der Seite ihrer jungen Schwägerin in den Mahlstrom aus Verlust, Trauer und Schmerz. Ihr einziger Bruder ist im Krieg gefallen und sie reist mit dessen junger Witwe in die Schweiz, um den Verlust zu verarbeiten. Der Klima- und Tapetenwechsel sollte sich positiv auf die Stimmung der beiden Trauernden auswirken, doch angesichts der Bilder, die sich ihnen täglich bieten, droht die Last nur noch stärker zu werden.

Man kann dem Krieg und seinen brutalen Folgen nicht entrinnen. Doch während ihre Schwägerin völlig zusammenbricht und selbst in einem Sanatorium behandelt werden muss, vertraut sich Elisabeth einem geheimnisvollen britischen Offizier an, der sie vom ersten Moment an fasziniert. Captain Jameson scheint ebenso gestrandet zu sein wie sie. Eine leichte Verletzung lässt ihn augenscheinlich hinken, aber er ist nicht hier, um gesund zu werden.

Er hat sich einer Aufgabe verschrieben, die sich Elisabeth nur langsam erschließt. Die finsteren Himmel scheinen ein ganz klein wenig aufzureißen und unter der geschlossenen Wolkendecke zeigen sich erste Lichtstrahlen, die sich sanft nach ihr ausstrecken. An Jamesons Seite entdeckt sie die große Welt hinter den Mauern des Klosters. Sie lernt die selbstlos helfenden Ordensschwestern kennen, trifft auf schwerst traumatisierte junge Soldaten, schwangere Mädchen ohne Zukunft und letztlich auch auf den Mann, der hinter dem Geheimnis des britischen Offiziers steckt.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

Elisabeth erwacht mit jeder Begegnung mehr aus ihrer Schockstarre und erkennt, dass Trauer nichts Kollektives, sondern etwas zutiefst Persönliches ist. Nur ohne ihre Schwägerin ist sie in der Lage, den Tod ihres Bruders verarbeiten zu lernen. Captain Jameson ist dabei Fixstern und Meteorit zugleich. Er zeigt ihr, was es heißt, beharrlich zu sein und trifft sie doch immer wieder ins Mark.

„Alles, was man jetzt noch zu sehen bekommt, sind Männer wie ich, ewige Nachbeben, die Echos, die sich weigern, zu verstummen.“ Ob der Versuch, diesem Echo zu folgen ein neues Leben ans Tageslicht bringt, oder was sich zeigt, wenn der ewige Gletscher am Genfer See zu schmelzen beginnt, das liegt in der Tiefe eines groß angelegten Romans verborgen. Das große Geheimnis des britischen Offiziers ist auch ein zutiefst bibliophiles. Eine der absolut interessantesten Grundideen in einem Roman über die Nachkriegszeit wurde von Robert Edric wundervoll ausgearbeitet.

Was passiert mit einem Menschen, der vor dem Weltkrieg mit seltenen Büchern und Manuskripten gehandelt hat, wenn nach dem ersten großen Weltenbrand so viele private Büchersammlungen aufgelöst werden, dass es diesen Markt einfach nicht mehr gibt? Die Gefallenen des Krieges lesen und sammeln nicht mehr.

Dass der Roman am Ende nicht alle Fragen beantwortet, die er aufwirft, erschließt sich dem Leser schnell. So ist das Leben. Es endet nicht auf Seite 459 mit einer Floskel oder einer Patentlösung. Es endet, wie ein solches Buch enden darf und kann… mit einer Sehnsucht. Eins wollt ich dir noch sagen erinnerte mich sehr an die Bilder, die ich In finsteren Himmeln fühlte. Zwei Bücher, die durch die Gesichtslosigkeit der Opfer miteinander verbunden sind. Zwei besondere Bücher in meiner Lesekette über den Ersten Weltenbrand.

In finsteren Himmeln von Robert Edric

In finsteren Himmeln von Robert Edric

„Schlump“ – Ein verbranntes Buch kehrt zurück

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu Buch- und Literaturpreisen, da ihre Vergabe nicht immer transparent und nachvollziehbar ist. Eine fachlich kompetente Jury frisst sich bemüht durch einen Longlist-Bücherberg und lässt anschließend dem eigenen subjektiven Empfinden freien Lauf. Uns Lesern erschließt sich das nicht immer in vollem Umfang.

Da lobe ich mir die demagogische „Fachjury“ der Nationalsozialisten. Ja – richtig gelesen. Diese verblendeten Chefideologen haben 1933 einen Kanon deutschsprachiger Literatur erstellt und alle Autoren verzeichnet, die dieser menschenverachtenden Ideologie in Wort und Bild schaden konnten. Als „entartet“ und „politisch unerwünscht“ wurden sie bezeichnet und in einem diktatorischen Schutzreflex hat man diese Bücher, so wie die politischen Gegner des Regimes, unschädlich gemacht und im Rahmen groß angelegter Bücherverbrennungen den Flammen übergeben. Zuerst brannten nur die Bücher.

Die Geschichte der Nazi-Ideologie währte nicht die versprochenen 1000 Jahre. Und während man heute in der differenzierten Geschichtsschreibung die Verbrechen dieses Regimes aufgearbeitet hat, hängt über vielen deutschen Marktplätzen noch die Asche der damals verbrannten Bücher in der Luft. Sie haben sich wirklich als schädlich erwiesen und sich damit um unsere Zukunft mehr als verdient gemacht. Das Prädikat „unbrennbar“ ist für mich unverzichtbar in meinem Lesen Gegen das Vergessen. Die Botschaft dieser Bücher ist nicht in den Flammen aufgegangen.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Schlump“ verbrannte in diesen Scheiterhaufen der Literatur. „Schlump“ ging in Flammen auf und das im Jahr 1928 erstmals erschienene Buch über die Erlebnisse eines einfachen Soldaten im Ersten Weltkrieg sollte, wenn es nach dem Urteil der Nazis ging, nie mehr das Licht der Bücherwelt erblicken. Paradox, aber es schien zu gelingen. Die Botschaft des Werks sollte mit Feuer ausgelöscht werden.

Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt „Schlump“. Von ihm selbst erzählt. Harmlos kommt der Titel daher und so manche kreative Verlagsabteilung wird den Autor dieses Buches um seine Findigkeit beneiden. Aber was konnte den Nationalsozialisten so gefährlich erscheinen, dass man „Schlump“ verbrennen musste? Was war so gefährlich an der Botschaft und am Inhalt dieses Weltkriegsromans?

Genau das hat mich zutiefst Interessiert und ich habe mich dem wiederentdeckten Kleinod aus dem Verlagshaus Kiepenheuer und Witsch liebevoll angenommen. Flankiert von meiner Privatbibliothek zum Thema, von Ernst Jünger bis zu Fritz Rümmelein, bin ich Schlump in den Ersten Weltenbrand gefolgt und habe dabei versucht, die Brisanz der Erzählung aufzuspüren. Der Autor Hans Herbert Grimm hat seine eigenen Erlebnisse in diesem Buch verarbeitet und versucht, seine eigene Verzweiflung, seine Verletzungen und seine Ängste für die Nachwelt erlesbar zu machen.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Und so lernen wir ihn also kennen, jenen Schlump, der eigentlich Emil Schulz heißt. Mit gerade einmal 17 Jahren meldet er sich freiwillig in den Krieg. Die Realschule interessiert ihn nicht sonderlich, er ist eher künstlerisch veranlagt und sehnt sich nach den Erlebnissen seiner Freunde, die den Krieg noch spüren können, bevor er ja bald sein Ende findet. Zum Kummer seiner Mutter zieht der junge Schlump begeistert in den Krieg. 1915 – ein ganzes Jahr hat er schon verpasst.

Den Kriegsschauplatz Frankreich hatte er sich allerdings anders vorgestellt, als er ihn nun persönlich vorfindet. Man versetzt ihn in die Etappe. Er wird aufgrund seiner guten Sprachkenntnisse zum Verwalter einiger kleiner Dörfer hinter der Front. Etappenhengst oder Etappenschwein! So die Bezeichnung für die Soldaten, die in sauberen Uniformen weit ab vom Geschehen in Saus und Braus leben.

Schlump fühlt sich wohl in seiner Haut. Das Leben ist bequem und seine Zeit in der Etappe liest sich so locker leicht, wie die „Geschichten des braven Soldaten Schwejk“. Kanonendonner hört man nur im Hintergrund. Schlump amüsiert sich bestens, verliebt sich mehrfach und lässt es so richtig krachen. Allerdings nicht mit seinem Gewehr! So könnte es aus seiner Sicht ewig weitergehen, denn er fühlt sich zu schlau für diesen Krieg. Nur die Dummen müssen kämpfen. Das hat sich in seinem Kopf festgesetzt.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Dumm nur, dass selbst die nicht so Dummen dran glauben müssen. Das wird selbst Schlump schlagartig klar, als man ihn von seinen schweren Aufgaben entbindet und mit neuen Freiwilligen ins richtige Gefecht wirft. Vorbei das schöne Leben. Vorbei der lustig frivole und oberflächliche Ton der Erzählung. Vorbei die Textpassagen ohne Illustrationen. Vorbei… Alles vorbei.

Schlump schildert den Kampf gegen sich selbst, gegen seine Angst, gegen einen unsichtbaren Feind und der Unterton der tiefen Enttäuschung, was ihm da jetzt passiert, vervielfacht die düstere Stimmung unter Dauerbeschuss. Schon das Essenholen wird zur lebensgefährlichen Aktion, Schlafen ist riskant, das Aufstehen im Schützengraben gleicht einem Himmelfahrtskommando und der Angriff ist die Utopie menschlichen Wagemutes.

Angst schreit aus jeder Seite dieser Schilderung. Und dunkle Zeichnungen aus der Feder von Otto Guth unterstreichen dies drastisch. Die Realität hat Schlump endgültig eingeholt. Doch im Gegensatz zu den Altgedienten und Freiwilligen fühlt er sich nur noch fehl am Platz. Die Welt um ihn herum löst sich auf und versinkt im Chaos. Aus Schlump wird ein kleines Rädchen in der Masse. Sehnsuchtsvoll blickt er zum Himmel. Die Piloten sehen ihre Gegner wenigstens. Schlump verzweifelt.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Als der Krieg in sich zusammenbricht ist es vorbei mit den letzten Funken militärischer Loyalität. Schlump vollzieht seine innere Kündigung und ergeht sich in einer ungeschönten Kritik an der Führung. Völlige Inkompetenz, Eigennutz, Blindheit und das Fehlen jeglichen genialen Gedankens wirft er all jenen Offizieren vor, die er nun als bloße Etappenschweine beschimpft. Schlump desertiert und macht sich auf den gefahrvollen und illegalen Weg nach Hause zu seiner Mutter…

Hans Herbert Grimm bricht mit seinen Kriegserlebnissen mehrere Tabus, die zuvor in dieser Klarheit nicht gebrochen wurden. Er findet schöne Seiten am Krieg und ist bereit, alles zu verleugnen, wenn es in die Hose geht. Er steht zu seinen Ängsten und schreit die Ungerechtigkeit, die dem kleinen Soldaten widerfahren ist, in die Welt. Diese Botschaft ist für das Nazi-Gedankengut dramatisch und einer der vielen Gründe, den „Schlump“ einfach zu verbrennen.

Grimm mauerte ein Exemplar seines Buches in seinem Wohnzimmer in die Wand ein. Es war ihm in seiner Tragweite selbst zu gefährlich geworden. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Dolmetscher erneut an der Westfront und bekannte sich erst nach diesem Zweiten Weltenbrand zu seiner Geschichte. Sie heute in dieser Form lesen zu können schließt eine Lücke zwischen Ernst Jünger und Erich Maria Remarque. Es ist die Lücke, die zeigt, dass man manchmal im Leben ein „Schlump“ sein muss, um zu überleben.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm - Zum Ersten Weltenbrand mit einem Klick

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