„Elegie des Großen Krieges“ von Dorothe Reimann

Elegie des großen Krieges von Dorothe Reimann - AstoLibrium

Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Ein Klagelied, oftmals mit geschichtsphilosophischer Perspektive, ein Abgesang oder auch ganz einfach Gräberpoesie. Das ist gemeint, wenn wir es im literarischen Sinn mit einer Elegie zu tun haben. Dabei hat in unserer heutigen Zeit die Elegie ihren poetischen Charakter zumeist eingebüßt. Ihre Qualität misst sich nicht mehr an Reimen oder Versmaßen, hat sich vom Lyrischen entfernt und beheimatet melancholische und trauernde Stimmungsbilder im Rückblick auf Vergangenes. Weltschmerz kann man es nennen. Nicht jedoch ohne Botschaft, die in die Zukunft weist.

Die Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann könnte keinen größeren Weltschmerz beinhalten, beschäftigt sich dieser elegische Abgesang doch mit einer der größten Menschheitskatastrophen. Der Erste Weltkrieg als Urmutter aller Kriege der Neuzeit, in denen das industrialisierte Töten zum Maßstab wurde. Wenn man sich nur die historischen Begriffe auf der Zunge zergehen lässt, dann wird dem Leser heute noch schlecht, weil er erkennt, was hier mit Menschen geschah. Abnutzungsgefecht, Material- und Ausblutungsschlacht, Zermürbungs- und Stellungskrieg. Hier wurde der einfache Soldat zum Kanonenfutter. Strategische Ziele bezogen sich auf das Halten von Stellungen bis zum letzten Mann, das Erobern von zerschossenen Hügeln und den Landgewinn von wenigen Metern. Eingraben. Aushalten, tapfer sein. Gas abwarten.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Wer sich in der heutigen Zeit die Schlachten an der Somme oder die Gefechte vor Verdun als Schauplatz eines Romans aussucht, der hat kein unbeschriebenes Blatt vor Augen und besingt kein ungesungenes Lied. Alles ist erzählt, alles ist beschrieben und was noch nicht erzählt oder besungen wurde, ist in Dokumentationen zu sehen. Im Bücherregal meines Lebens zum Ersten Weltenbrand sind sie alle versammelt. Werke aus der Feder von Soldaten beider Seiten, Zeitzeugen, Leidtragende. Romane aus den Federn großer Autoren, die den Schrecken des Krieges in ihren fiktionalen Charakteren aufleben lassen, um uns zu sensibilisieren und uns vor neuzeitlicher Entmenschlichung zu warnen. Tagebücher, Feldpostbriefe, Romane und Dokumentationen gehen Hand in Hand, um mir Leitfaden zu sein und mich verstehen zu lassen, was meine Großväter in dieses Schlachten trieb.

Ich mag es nicht, wenn dieses Horrorszenario zur Kulisse verkommt. Ich bin sehr vorsichtig mit Büchern, die ohne plausiblen Hintergrund und mit fehlender Authentizität lediglich nach Knalleffekten für eine Geschichte suchen, die unter der Überschrift Erster Weltkrieg ihre Käufer finden wird. All dies war Dorothe Reimann bewusst, als wir über ihre „Elegie des Großen Krieges“ sprachen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, vertraute sie mir ihr Buch an. Und gerade deshalb las ich es. Kritisch. Begleitet von den wahren Zeitzeugen, die mir diesen Weltenbrand in die Seele geschrieben haben. Ernst Jünger und Fritz Rümmelein beäugten diese Elegie. Zwei Offiziere des Weltkriegs an der Seite eines einfachen Schneidergesellen. Konnte das gutgehen?

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann vergreift sich nicht in ihrer Elegie vom Großen Krieg! Weder im Ton, noch in der Klangfarbe und erst recht nicht an den verbrieften historischen Fakten. Sie bedient sich nicht. Weder am Szenario noch an den Menschen, über die sie hier in der gebotenen Seriosität schreibt. Sie verrennt sich nicht. Weder im Stil noch in der Art, das Kriegsgeschehen authentisch greifbar zu machen. Sie hält Stand, wo viele Autoren den Boden verloren haben. Sie verteidigt ihren Erzähl-Schützengraben gegen jeden nur denkbaren Zweifel, weil sie sich in ihrer Erzählung bewegt, als wäre sie selbst durch die Stellungen an der Front gekrochen.

Ihre Elegie schmeckt, riecht und klingt schmutzig. Sie gibt Pathos keinen Raum. Im Detail bleibt sie, auch in allen Begrifflichkeiten, trittsicher und stabil. Befehl bleibt Befehl, Schlamm bleibt Schlamm, Grabenfüße modern in ihren Stiefeln, Ratten und Läuse sind Wegbegleiter der Frontschweine und die Standesunterschiede zwischen Offizieren und dem einfachen Fußvolk kosten Menschenleben. Dorothe Reimann individualisiert jenes Grauen und schickt zwei Protagonisten in ihre Schlacht. Nicht sinnlos. Sie tragen beide ihre eigenen und verborgenen Missionen in ihren Herzen. Herzen, die sich täglich mehr verkrampfen und eigentlich keinen Spielraum mehr für das Menschsein geben.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann geht in ihrer Elegie keinen leichten Weg, weil sie Soldaten beider Seiten in den Mittelpunkt ihrer Schlachtreihe stellt. Sie richtet den Fokus auf zwei ganz einfache Jungs, die vom Schicksal an die Front geworfen wurden. Ernst Berger, einen einfachen Schneidergesellen aus Bückeburg und Ben, den jungen Bauern aus Dorset. Nur wenige Meter trennen sie in jenen Tagen 1916 an der Somme. Sie hören dieselben Explosionen, riechen das gleiche Gas, essen ähnlich vergammelten Fraß, sehen vielen Kameraden beim Sterben zu und greifen auf Befehl zur Waffe. Im äußeren Schein sind sie kaum zu unterscheiden. Verschmutzt, stinkend, kaum als Menschen zu erkennen.

In ihrem Inneren vereint sie mehr, als sie sich je vorstellen könnten. Während Ben nur hier ist, um auf seinen besten Freund Henry zu achten, schreibt Ernst verzweifelte Feldpostbriefe an seine große Liebe Marie. Die Unmöglichkeit vereint, was Feindschaft trennt. Beide jagen Illusionen nach. Ben fühlt, dass er mehr für Henry empfindet. Wobei ihm klar ist, dass er alles zeigen darf, nur nicht jenes verwirrende Gefühl. Und Ernst hat sich in eine Frau verliebt, der er gar nicht schreiben darf, weil ihr Verlobter nun mit ihm im Dreck liegt. Nicht jedoch auf Augenhöhe, sondern als Vorgesetzter.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann verlangt Übermenschliches von ihren beiden Kriegern. In einem Umfeld, das jede Menschlichkeit verloren hat, sind sie dazu verdammt, nach außen die tapferen Soldaten zu geben, während in ihrem Inneren ganz andere Kriege toben. Hier stoßen sie an ihre Grenze. Hier können sie nicht angreifen, in die Offensive gehen und den Frontverlauf der eigenen Konflikte verändern. Sie sind dazu verdammt, im Inneren die größte Schlacht auszutragen. Während Ernst seiner Angebeteten beschreibt, welch ein menschenverachtendes Schwein ihr Verlobter ist, folgt Ben seinem Freund, wie ein treuer Hund von einem Gemetzel ins nächste. Als Henry vermisst wird, brechen Welten zusammen. Als Ernst den Angriffsbefehl bekommt, macht sich Ben auf die Suche nach seinem Freund. Im Moment des Aufeinandertreffens der beiden Feinde zeigt sich, was der Krieg aus Menschen macht. Obsiegt die äußere Rolle oder das pochende Herz?

Dorothe Reimann beherrscht ihr Metier, ringt jeden Zweifel nieder und überzeugt mit ihrer Elegie. Sie kann erzählen. Oh ja. Und sie weiß, kritische Schwellen mit einer geschickten und stilsicheren Bewegung zu umgehen. Ernsts Briefe werden niemals an Marie geschickt. Es ist das Ungesagte und Unsägliche, was er hier niederschreibt. Die Zensur hätte es nie ermöglicht, auch nur einen Brief Bückeburg erreichen zu lassen. In jeder Beziehung bleibt stilsicher, was so gerne entgleiten würde. Nicht hier. Verzweifelt ungelebtes Lieben vebindet die beiden Kämpfer. Wir Leser wissen, welche Konflikte in ihnen toben, während die Ausblutung beider Armeen voranschreitet. Was bleibt ist eine „Elegie des Großen Krieges“. Was bleibt, ist nachzudenken und allen Geschichten um den Ersten Weltenbrand eine weitere, sehr lesenswerte, hinzuzufügen.

Der Erste Weltenbrand – Eine Artikelserie bei AstroLibrium und ein ganz kleines Hörspiel auf Literatur Radio Hörbahn: „Sie flüstern„.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

„Die kleinen Wunder von Mayfair“ von Robert Dinsdale

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Können wir uns auf etwas einigen? Können wir uns der rein inhaltlichen Seite eines Romans zuwenden und die Optik der Covergestaltung und den Titel beiseitelassen? In dieser Buchpräsentation habe ich mir zum Ziel gesetzt, einen Roman für Lesergruppen zugänglich zu machen, die ihn aufgrund seines Layouts und des Titels vielleicht nicht in ihre Hände nehmen würden. Es handelt sich hierbei keineswegs um ein bloßes Gefühl oder eine Vermutung. Die Annahme basiert auf Gesprächen mit Buchhändlern und den klaren Fragen an die Lesergruppe, an der das Buch deutlich vorbeirauscht. Ich spreche hier von Männern. Beziehungsweise von Lesern, die ständig auf der Suche nach einem Buch sind, das starke männliche Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, an denen man sich reiben und mit denen man sich identifizieren kann. Romane für große Jungs eben.

Die kleinen Wunder von Mayfair“ von Robert Dinsdale tauchte vor einigen Wochen als wahrer Eye-Catcher in den Buchhandlungen auf. Ein lieblicher Titel in einer Zeit, in der man tiefenentspannt auf das Weihnachtsfest zurauschte. Dazu ein Klappentext, der ein junges Mädchen in den Mittelpunkt stellt, dessen verzweifelte Lage sie in einen der wundervollsten Spielzeugtempel von London führt. Sie ist ungewollt schwanger, erst 15 Jahre alt und wir schreiben das Jahr 1906. Skandal. Cathy katapultiert ihr Schicksal an den Rand einer konservativen Gesellschaft. Einziger Ausweg: Eine Zeitungsannonce.

»Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben? Dann sind Sie bei uns richtig. Keine Erfahrung erforderlich. Kost und Logis inbegriffen. Willkommen bei Londons größtem Spielwarenhändler.
Papa Jacks Emporium«

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Hier trifft sie nicht nur auf Zinnsoldaten, Pappmaché-Bäume und fröhliche Vögel, sondern auf Papa Jack, den Besitzer des Emporiums und seine beiden Söhne Kaspar und Emil, die nicht nur um Zukunft des Spielzeugladens rivalisieren, sondern auch um die Zuneigung des schutzbedürftigen Mädchens. Hach. Klingt das romantisch. Und um diesen ersten Eindruck zu unterstreichen lässt man auf dem wundervollen Cover noch eine Ballerina mit auffälligem roten Tütü durch die Szenerie tanzen. Und nun stelle ich mir angesichts der bisher geschilderten offensichtlichen Verkaufsargumente für dieses Buch die Frage, welcher männliche Leser ab einem Alter von 16 Jahren hier zugreifen würde, weil er glaubt gefunden zu haben, wonach sein Abenteurerherz sucht? Keiner!

UND DAS – GENAU DAS – IST DER GRÖSSTE JAMMER DES LESEJAHRES. Hier wird in Design, Titelvergabe und Klappentext eine Zielgruppe für den Roman generiert, die sich sicherlich lesend sehr wohlfühlt in dieser fulminanten Geschichte. Andererseits schließt man jedoch mit genau diesen Äußerlichkeiten eine Zielgruppe aus, für die das Buch eine literarische Goldgrube wäre. Ich habe tief in dieser Grube geschürft. Ich bin der Zeitungsannonce gefolgt und habe mir das Originalcover und den originalen Titel ganz genau zu Gemüte geführt. Ein Spielzeugsoldat ersetzt hier bei „The Toymakers“ die zarte Ballerina und wird im ersten Augenschein der Handlung des Romans gerecht. Wir haben es hier nämlich mit einem Roman zu tun, der alle Maßstäbe sprengt und im Kern seiner Erzählebenen Magisches, Romantisches, aber eben auch zutiefst brutales Kriegerisches zu einem Kosmos vereint, in dem eine Ballerina fehl am Platz ist.

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Womit wir es hier nämlich zu tun haben, ist einer der facettenreichsten Romane, die ich in den vergangenen Jahren lesen durfte. Ein Spielzeugladen, der magischer ist, als es erlaubt sein sollte. Eine Spielzeugmacherdynastie, deren Wunden aus einer verzweifelten Vergangenheit voller Verfolgung und Ausgrenzung durch die Macht der Fantasie geheilt wurden. Spielzeugarmeen, die seit Jahren im „Großen Krieg“ Schlacht um Schlacht miteinander austragen. Ein kaiserlicher Rittmeister, der als Prototyp der automatisierten Holzsoldaten den Rahmen des Vorstellbaren sprengt. Zwei Jungs, die miteinander konkurrieren und im Ergebnis die magischsten Spielsachen erfinden, ohne jedoch die Genialität ihres Vaters zu erreichen. Eine Philosophie, die uns Leser wieder zu Kindern werden lässt, weil nur diese unbefangene Perspektive das Leben rettet.

Liebe, Empathie, Verantwortungsbewusstsein und Verzweiflung. Ein steter Kampf der Gefühle und eine junge Frau, die als ruhender Pol das gesamte Emporium beseelt. Und ein Drama, das sich schnell abzuzeichnen droht und in der Lage ist, die heile Welt für immer zu zerstören. Der Erste Weltkrieg fordert seine Opfer. Der Krieg verändert im Herzen der Menschen auch die Existenzberechtigung des Emporiums. Robert Dinsdale erreicht in seinem Erzählraum Weltkrieg eine Dimension, die man eher in Tagebüchern von Weltkriegsveteranen vermutet hätte. Gaskrieg, Traumatisierungen, die Diskrepanz zwischen dem, was man seinen Lieben zuhause anvertraut und dem echten Schrecken des Gemetzels und nicht zuletzt, die lebenslangen Folgen des Überlebens für den, der als einziger seiner Freunde zurückkehrt. Brillant, meisterhaft und voller Tiefgang.

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Eingebettet in die magische Welt des Emporiums spielt Robert Dinsdale hier mit den Elementen seines zauberhaften Fantasy-Dystopie-Historienspektakels. Dort, wo man Reales erwartet, schlägt die pure Magie zu, dort wachsen Bäume aus Papier in den Himmel und Kisten werden zu Höhlen voller Geheimnisse. Da wird aus einem alten Buch das verzauberte Tagebuch eines Weltkriegssoldaten, der seine Erlebnisse quasi live nach London schicken kann. Distanz schrumpft, die Söhne des Spielzeugmachers bekriegen sich im Leben, in ihren Träumen und Gefühlen. Der „Große Krieg“ findet für die beiden Jungs kein Ende. Niemals. Der Kampf um Cathy dominiert ihr Leben. Leser finden in Emil und Kaspar herausragende Identifikationsfiguren im Roman.

Charaktere, in die man sich lesenslang hineinversetzen kann. Man kann mit Emil in London bleiben, darunter leiden kriegsuntauglich zu sein und darauf hoffen, dass Cathy ihn endlich erhört. Man kann mit Kaspar in den Krieg ziehen und dort die Schrecken an der Front erleben. Man kann beide nach dem Krieg erleben und mit ihnen hoffen, dass es ihnen gelingt, das Emporium in eine neue Zeit zu retten. Und atemlos kann man der Spur des kaiserlichen Rittmeisters folgen, der eine Spielzeugarmee zu der Bedrohung mutieren lässt, die dem Roman ihren Stempel aufprägt. Die Grenzen zwischen Realem und Fantastischen ist fließend in diesem Roman. Es geht hier nicht um kleine Wunder. Es geht um das große Ganze. Den ganz großen Konflikt. Um Liebe und Krieg. Dinsdale schreibt sich in eine Liga mit den ganz Großen der Weltliteratur.

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale - Astrolibrium

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Seine Beschreibung des Emporiums entspricht den Träumen eines Jules Verne. Die Magie der Spielzeugmacher wird jeden Fan von Harry Potter verzücken. Der Krieg dieses Buches ist in dieser Dimension bei Ernst Jünger spürbar. Und die tiefen Seelen einer Familienvergangenheit in Russland reichen an Tolstoi heran. Es wäre so schade, wenn dieses Buch nicht von allen Lesern entdeckt würde, die auf genau solche Bücher warten. Es wäre schade, diesen Roman auf eine Lovestory zu reduzieren. Es wäre für mich ein großer Verlust gewesen, wenn ich dem Cover und dem Titel alleine geglaubt und mich diesem Buchwunder verweigert hätte.

Vertraut mir, Jungs. Glaubt den herausragenden Rezensionen der Mädels. Es ist ein wundervolles Buch, das man ihnen ans Herz gelegt hat. Sie finden alles, was eine grandiose gefühlsbetonte und sehnsuchtsvolle Story zu bieten hat. Aber vertraut auch mir und wagt euch ins Emporium. Unverkitscht, psychologisch tief und im besten Sinne abenteuerlich wird Euch die Welt erscheinen, in die Ihr eintretet. Glaubt der Annonce in der Zeitung. Sie passt auch auf uns. Wir sind oftmals verloren, im Herzen ein Kind geblieben und ängstlich. Lasst uns „The Toymakers“ eine Chance geben. Vergesst die Ballerina. Zieht in den „Großen Krieg“ und rettet ein Mädchen und die letzten Reste einer Spielzeugwelt, die es nur in unserer Fantasie geben wird. Ihr werdet es niemals bereuen. Mein Wort drauf.

Und nicht nur meins… Siehe dazu Heikes Rezension bei Irve liest.

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Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

„Mittelreich“ von Josef Bierbichler (Buch und Hörbuch)

Mittelreich von Josef Bierbichler

Neureich, steinreich, stinkreich, mittelreich. Lasst mich bei der Buchvorstellung zum Roman „Mittelreich“ von Josef Bierbichler einfach mal mit diesen Statusbegriffen des persönlichen Wohlstands beginnen, sonst könnte man den Titel vielleicht falsch deuten und der Meinung sein, er hätte etwas mit einem Reich im Sinne von Territorium zu tun. Mittelreich bezeichnet hier eher die monetäre Grauzone zwischen Armut und Reichtum, in der man sich relativ gelassen einen Blick auf die Welt gönnen kann. Ein Zustand, der durch weitgehende Unabhängigkeit in Verbindung mit Bodenständigkeit charakterisiert werden kann. Mittelstand. Mittelreich. Aber kein Mittelmaß. Alles nur das nicht…

Und doch hat diese große deutsche Erzählung so einiges mit den Reichen zu tun, die sie umfasst. Diesmal meine ich nicht finanziell gutgestellte Menschen, sondern im historischen Kontext der Geschichte dieses Landes das Deutsche Kaiserreich und das fast unmittelbar darauffolgende Dritte Reich, das gottlob nicht die befürchteten tausend Jahre währte. Dieser Roman ist eine generationsübergreifende Familiengeschichte, die kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges so richtig Fahrt aufnimmt. Bierbichler wagt das Ungewöhnliche. Er legt einen Heimatroman voller Klischees vor, die gar keine sind, und bedient sich dabei einer pfundig urtümlichen, deftigen und bildreichen Sprache. In unseren hochliterarisch vergeistigten Zeiten der auf Hochglanz gestylten Fabulierkunst ein gewagtes Unterfangen, möchte man vielleicht auch Leser und Hörer gewinnen, die nicht unbedingt auf eine lange bayerische Familientradition zurückblicken. 

Mittelreich von Josef Bierbichler

Denn genau hierhin entführt uns Josef Bierbichler. Bayern. Eine Seewirtschaft, drei Generationen von Wirten und deren Familien, Bedienstete unterschiedlicher Schichten und Nationalitäten, bizarre Gäste und die Geschichte eines Landes als offene Klammer, die alle Handlungsstränge magisch miteinander verbindet. Wo Sprache unsichtbar und sehr zurückgezogen bleiben sollte, um nicht vom Erzählten abzulenken, da kultiviert er seine Erzählsprache zum Alleinstellungsmerkmal einer ungewohnten Authentizität, und verleiht seinen oftmals skurrilen aber doch greifbaren Charakteren unverwechselbares Leben und eine ureigene Identität.

Es fällt nicht leicht, sich auf Josef Bierbichler einzulassen. Besonders das von ihm selbst gelesene ungekürzte Hörbuch stellt mit seinen zwölf Stunden Laufzeit eine echte Herausforderung dar. Man kommt nicht leicht hinein in seine Seewirtschaft. Man muss sich an den Jargon, die Sprachfärbung und die Menschen gewöhnen, die plötzlich auf uns einreden. Dabei sind es nicht die Intellektuellen und Gestelzten, mit denen wir hier am See unsere Zeit verbringen. Es sind Menschen voller Bauernschläue, Weisheit und mit heimatverbundener Traditionsliebe. Es dauert jedoch nicht lange, bis man im Buch Fuß fasst und dahingetrieben wird. Es dauert nicht lange, bis man im Hörbuch denkt, in der Seewirtschaft am Stammtisch aufgenommen worden zu sein und alle Geschichten quasi aus erster Hand hören zu dürfen. Es dauert nicht lange und man wird Stammgast in der Wirtschaft am See.

Mittelreich von Josef Bierbichler

Es dauert nicht lange und wir fühlen, was Josef Bierbichler eigentlich erzählt. Es sind die besonderen Geschichten von den kleinen Menschen, deren Leben von Armut, Flucht, Hoffnung, unverhofftem Wohlstand und dem Verlauf der Zeitgeschichte geprägt wurde. Dabei verdeutlicht er, was es heißt, Erbe zu sein. Wenn die Seewirtschaft auch im Roman zum Erbhof für die folgenden Generationen wird, so ist dieser Roman in sich ein wahrhaftiges Erbbbuch, das aufzeigt, wie sehr unser Handeln von heute schon von unseren Vorfahren beeinflusst wurde. Dieser Roman ist Deutsche Geschichte auf eine Wirtschaft im Wandel der Zeit heruntergebrochen. Hier lernen wir am Stammtisch, was wir nicht in Geschichtsbüchern finden. Hier erleben wir Geschichte.

Wir werden Zeitzeugen der Veränderungen, als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Freizeitbegriff zu prägen beginnt. Sommerfrischler ziehen an die Seen, bevölkern in Scharen das zuvor unbesuchte bäuerliche Land. Wo die Seewirtschaft entsteht, geht in Deutschland der Begriff vom eigentlichen Arbeiter fast gänzlich unter. Was sich nun im Geist breitmacht ist Langeweile. Ein Schlendrian, der zuvor unbekannt war. Gottlob hat der Kaiser das erkannt und veranstaltet einen kurzen knackigen Krieg. Pünktlich zu den Sommerferien geht es los und zur Ernte sind ja alle wieder da. Das ist echter Weitblick. Was auf dem bayerischen Land für Unterhaltung sorgt, verändert den Lauf der Welt. Es verändert die Seewirtschaft für alle Zeit.

Mittelreich von Josef Bierbichler

Kopfschüsse und Irrenhäuser bringen die Erbreihenfolge gehörig durcheinander. So wird aus dem jüngsten Sohn Pankratz, der eigentlich lieber Künstler geworden wäre der neue Seewirt. Wie in einer veränderten Thronfolge bringt dies auch die Familien am See durcheinander. Wir erleben, wie Pankratz an der Aufgabe wächst, sehen die Jahre ins Land ziehen, hören den Ruf nach dem starken Mann, sehen wie das Blau in Bayern dem Braun im Rest des Nazi-Reiches Platz macht und lassen uns auf der Schlachtbank des Zweiten Weltkrieges zerlegen. Pankratz überlebt ihn nur mit viel Glück und führt die Seewirtschaft in die neue Zeit. Wie Strandgut der Geschichte sammeln sich Menschen um ihn, die nach dem Krieg am See angespült wurden. Vertriebene, Geschlagene und Geflüchtete. Er integriert, stellt Knechte ein und übersteht alle Krisen. Seine Kinder und seine Frau sollen es da besser haben. Katholische Internate werden zu Lebensschulen und das Wirtschaftswunder läutet eine neue Zeit ein.

Von der Geschichte geprägte bewegende Geschichten erweitern den Erzählraum. Da ist Viktor, der desertierte Soldat, den Pankratz zuerst zum Koch und dann zu einem Teil der großen Seewirtsfamilie macht. Da ist das Fräulein Zittau, das einst Herrin eines Gutshofes im Osten war und auf der Flucht vor den Russen fast alles verloren hat. Und da ist der Flüchtling Tucek, der Jahre nach dem Krieg erst erzählen kann, warum es ihn so stört, wenn man rassistische Witze über KZs und die SS macht. Voller Geschichten ist dieser Roman. Alle sind miteinander verbunden und jede für sich ist lesenswert. Wir erleben die Verdrängung der Nazi-Zeit und den hoffnungsvollen Neubeginn. Dabei sind die Kinder der neuen Generation der gefühlte Untergang der alten Ordnung. Die ewige Sehnsucht nach einem starken Deutschland, möglichst ohne Fremde, schlägt neue und gewaltige Wellen in den See. Nur Pankratz scheint sich treu zu bleiben.

„Ich war nie ein Nazi. Doch kein Nazi war ich nicht!“

Mittelreich von Josef Bierbichler

Wir erleben Deutschland neu. Wir verstehen Generationskonflikte und denken dabei auch an die Veränderungen, die unsere Eltern in kürzester Zeit verarbeiten mussten. In der Tiefe unter all jenen kleinen großen Geschichten schwelt ein Konflikt, den Pankratz nicht kommen sah. Semi, sein eigener Sohn entfremdet sich zusehends. Wobei es fast offene Feindschaft gegenüber seinen Eltern ist, die diesem Roman inhaltlich die Krone aufsetzt. Hier explodiert eine Granate, deren Lunte seit Anbeginn der Zeit zündelt. Hier schließt sich der Kreis von „Mittelreich“. Hier nehmen wir als Leser und Hörer Beichten ab und lesen Testamente. Hier erkennen wir, wo Geschichte und Ignoranz Todesurteile gefällt haben. Ein großer Roman voller relevanter Themen. Und wenn man schön leise ist und aufmerksam zuhört, dann kann man auch heute noch an den Stammtischen der Seewirtschaften im Lande zotige Witze über Flüchtlinge hören. Verleugnendes über ein Reich, in dem ja nicht alles schlecht war. Und da sitzen sie erneut: die Mittelreichen und ebnen dem neuen Denken die altbekannten Bahnen.

„Mittelreich“ ist erschienen bei Suhrkamp und „Der Audio Verlag“. Ich habe mich wechselweise in der Buch- und der Hörbuchwelt bewegt. Josef Bierbichler zuzuhören, wie er es diese Geschichte liest, ist ein absolutes Erlebnis. Und wer sich hier inspirieren ließ, der kann sich den Film Zwei Herren im Anzug anschauen. Es handelt sich hier nicht um die Verfilmung von „Mittelreich“, sondern um eine inhaltlich an die Motive des Romans angelehnte Filmfassung. Ich selbst bin schon sehr gespannt, wenn ich ihn mir nach seinem Erscheinen als DVD am 27. September anschauen werde. Bierbichler ist selbst zu sehen und nicht nur das. Er hat Regie geführt und spielt den Seewirt Pankratz in älteren Jahren. Den jungen Pankratz übernimmt Simon Donatz, der Sohn von Josef Bierbichler. Darauf darf man echt gespannt sein, wenn Familienähnlichkeit im Film als Stilmittel verwendet wird… Ich werde darüber schreiben… bald…

Mittelreich von Josef Bierbichler

„Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Eigentlich hatte ich mich nur auf einen sechsstündigen Ausflug eingestellt. „Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford wollte ich mir auf 7 CDs anhören. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, als ich die außergewöhnliche Hörspiel-Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in Frankfurt entdeckte und ich war voller Vorfreude, wieder zu Ford Madox Ford zurückzukehren, den ich durch „Die allertraurigste Geschichte“ schon lange vor meiner Zeit als literarischer Blogger kennengelernt hatte. Es war seine tiefe Melancholie, die mich für ihn vereinnahmt hatte. Es ist sein Erzählstil, der noch in mir nachhallt, wenn er mir heute in der Welt der Literatur begegnet. Liebesgeschichten aus der Feder des 1939 verstorbenen Schriftstellers sind komplexe Sittengemälde ihrer Zeit. Sie sind wie die wahre Liebe: Skandalös, offenherzig, zärtlich, mutig, eifersüchtig, fatal und schmerzhaft.

Eigentlich wollte ich „Das Ende der Paraden“ nur hören, was natürlich auch daran liegt, dass die Romanvorlage in gebundener Fassung schon lange nicht mehr auf dem Markt ist. Und doch begann ich schon nach den ersten Tracks des Hörspiels nach der Buchfassung des Hauptwerks von Ford Madox Ford zu suchen. Was soll ich sagen. Ich wurde fündig, nahm Kontakt mit dem Galiani Verlag Berlin auf, und befand mich sehr schnell in Gesellschaft der Bücher, die fast zeitgleich mit dem Hörbuch als EBooks neu veröffentlicht wurden. Und nun sitze ich hier und sollte wohl eigentlich fünf Rezensionen zu vier Büchern und einem Hörbuch verfassen. Ich mag jedoch nicht trennen, was der Autor für untrennbar hielt und bleibe dem Werk treu. Ich bleibe bei einem Artikel.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Die einzelnen Bücher der Ford-Tetralogie reflektieren die wichtigsten Phasen im Leben ihres Protagonisten Christopher Tietjens. Die vier Titel der Romane stehen für die facettenreiche und komplexe Geschichte, die sich im England des Ersten Weltkriegs abspielt. Sie werden dadurch zum Synonym für die vier Kapitel einer Liebe, die erst den Hass und die Eifersucht einer vergangenen Beziehung überwinden muss, bevor sie wie Phoenix aus der Asche des Krieges neu entstehen kann. Aus diesen Büchern besteht die Tetralogie, die unter dem Gesamttitel „Das Ende der Paraden“ weltbekannt wurde::

Manche tun es nicht
Keine Paraden mehr
Der Mann, der aufrecht bliebund
Zapfenstreich

Wenn man die Bücher beendet hat, stehen diese Titel für alles, was man zwischen den Zeilen erleben durfte und musste. Sie stehen für den hohen Moralbegriff und das Ehrgefühl des Engländers Christopher Tietjens, die ihn dazu veranlassen, die Ehe mit seiner Frau Sylvia aufrecht zu halten, obwohl die Beziehung völlig zerrüttet ist. Nur wir wissen, woran das liegt. Nur wir erahnen, in welche Falle der gute Christopher Tietjens gegangen ist, weil Sylvia ihren Mann ihn im Unklaren lässt, warum sie dieser Ehe keine Chance mehr gibt.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

„Ich bin mit den Männern fertig. Ich hasse Mann und Kind. Ich verstehe mich gut darauf, meinen Mann zu quälen, indem ich das Kind verderbe.“

Und das hat sie drauf! Die gute SylviaSie verlässt ihren Mann, entzieht ihm das Kind und lästert im gemeinsamen Bekanntenkreis über Christophers Schwächen. Sylvia hat ihn in der Hand und spielt genüsslich mit ihrer Macht. Sie ist eine grausame Diva voller Hass und Eifersucht. Sie spielt ein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit ihm. Scheidung kommt nicht in Frage. Gesellschaftlich undenkbar. Sie denkt, alle Fäden in der Hand zu haben, während er nicht mal sicher ist, ob er überhaupt der Vater des Kindes ist. Hier kommt unverhofft die junge Valentine Wannop ins Spiel. Sie zeigt Christopher, wie es sich anfühlen kann, wenn man aufrichtig liebt. Intellekt und Emotionen vereinen sich zu großer gemeinsamer Leidenschaft, deren Erfüllung an den Moralvorstellungen der Zeit scheitert. „Manche tun es nicht„. Sie tun es nicht. Sie lieben und begehren, aber sie tun es nicht. Beeindruckend.

„Die Trennung von meiner Frau macht mich frei für mein Mädchen. Aber wir taten es nicht. Das ist England. Ein Mann und sein Mädchen“ 

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Als der Erste Weltkrieg immer mehr Einsatz fordert und Sylvia die Schlinge immer enger um den Hals ihres Mannes zieht, flieht er auf die Schlachtfelder Frankreichs. In letzter Konsequenz der einzige Ausweg vor Sylvias Intrigen, denn seit er Valentine liebt, kennt Sylvias Eifersucht keine Grenzen mehr. „Keine Paraden mehr„. Jetzt geht es in die Schlacht, ins blutige Gemetzel. Hier wird der Roman zum grausamen Grabenkrieg, der alle Vorstellungen sprengt. Gas, Granaten, Ratten und die ständige Angst vor dem Tod. Das sollten am Ende aller Paraden die Hauptfeinde Captain Tietjens sein. Falsch gedacht. Er ist kein Paradeoffizier.

„Dieser Krieg ist ein Freudenhaus. Er wird sich mir fügen.“

Sylvia folgt ihrem Mann bis kurz vor die Front. Sie vermutet dass sich Valentine dort befindet, um Christophers Leben zu versüßen. Blinder Hass auf den Ehemann, der nun sein Glück gefunden hat, bringt sie dazu, ihn bei seinen Vorgesetzten zu diskreditieren und Intrigen zu spinnen, die gefährlicher sind, als alle Granaten der verhassten Feinde. Als der Friede ausbricht erhebt sich „Der Mann, der aufrecht blieb“ um nach Hause zurückzukehren und die großen Entscheidungen seines Lebens zu treffen. Sehr knapp hat er das Intrigenspiel seiner Frau überlebt. Jetzt scheint der Weg frei zu sein für die einzige und wahre Liebe seines Lebens. Die Suche nach dem Ausweg beginnt. Finale ist für das Schlusskapitel „Zapfenstreich“ das falsche Wort.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Der Erste Weltkrieg ist verraucht, doch die eigene Familiengeschichte holt den Heimkehrer ein. Die Schachfiguren sind neu formiert. Grundbesitz, Erbe und Zukunft stehen auf dem Spiel. Wie im Krieg, so gibt es auch hier keinen Sieger. Sylvia kämpft um das Erbe für den scheinbar gemeinsamen Sohn. Doch Tietjens älterer Bruder hat ein paar Trümpfe in der Hand, die das Schicksal in neue Bahnen lenken können. Der Abgesang auf die britische Aristokratie könnte lauter nicht sein. Eine Geschichte kann zeitloser nicht daherkommen und ein Protagonist kann bemitleidenswerter nicht wirken. Als Mark Tietjens auf dem Sterbebett liegt, vernimmt nur eine Frau seine letzten Worte. Es ist die Frau, die mit diesen Worten am Ende einer Geschichte leben darf und muss. Ein Finale in literarischem Großformat…

Das Ende der Paraden“ überzeugt in der Hörspielfassung, obwohl die Gliederung in vier Lebenskapitel hier nicht mehr auffindbar ist. Es ist komprimiert, verkürzt und so eigenständig wie man sich ein gelungenes Hörspiel, das vier Bücher umfasst, wünscht. Sieben CDs, 5,52 Stunden Laufzeit, vier Romane von Ford Madox Ford als Vorlage, 40 Rollen und ihre Sprecher… Das sind nur die Fakten. Manfred Zapatka, Wiebke Puls, Bibiana Beglau und viele mehr haben ihre Stimmen in der Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in die Waagschale geworfen. Was unter der Regie von Klaus Buhlert entstand ist keinesfalls eine verstaubte Klassiker-Lesung. Es ist modernes Hörspielkino in einer Inszenierung von Format. Die Stimmen des Ensembles verankern sich und ihre Rollen schnell im Gedächtnis des Hörers. So wird lebendig und hasserfüllt, was lesend erst erfühlt werden musste. So wird zärtlich und beschwingt, was oft monoton gelesen wurde. Und in fast schon apokalyptischen Pauseninszenierungen wird die Wucht des Hörspiels überwältigend. Lasst euch überraschen. Moderner geht Klassik nicht.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Ich empfehle das Hören. Die Bücher nur als EBooks zu lesen fiel mir schwer, weil ich zu Dateien keine Beziehung aufbauen kann. Ich hätte sie lieber als geschlossene Reihe in meinem Bücherregal stehen. Aber das reflektiert nur mein persönliches Lesen mit all seinen Vorlieben und Abneigungen. Die Neuauflagen hätten es wohl verdient, gedruckt zu werden. Sie überzeugen in jeder literarischen Hinsicht und lassen Ford Madox Ford wieder auferstehen. Großes Kompliment dafür. Das imposante Hörspiel hebt Das Ende der Paraden auf ein neues Level. Die zentrale Geschichte wird aus dem Urschleim der komplexen Originalgeschichte herausgewaschen wie ein Goldnugget.

Und der hört sich unglaublich gut an! Hörbuchgold. Klassik up to date. Und BR 2 bietet derzeit als Mitproduzent das komplette Hörspiel kostenlos zum Download!

„Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ich bin einer der glücklichsten Leser der Welt!

Das kann ich mit Fug und Recht behaupten, da mich mein literarischer Spürsinn in den vielen Jahren meines Lesens immer wieder zu Büchern geführt hat, die mich mehr als beeinflusst und beeindruckt haben. Es ist, als würde mir eine buchige Wünschelrute einen Weg weisen und immer dort ausschlagen, wo Tiefgang, Charakterzeichnung und Handlung einen kulturellen Dreiklang ergeben, der in seiner symphonischen Bedeutung nur als Literatur bezeichnet werden kann. (Hier können Sie weiterhören)

Ein Monat auf dem Land – Die Rezension fürs Ohr

Das Glücksgefühl, auf eine solche literarische Goldader zu stoßen, kann ich sehr leicht in Worte und Bilder fassen. Es sind buchige Jubelsprünge der ganz besonderen Art, die mich selbst denkend, fühlend und schreibend in neue Sphären meines Geistes vorstoßen lassen und eine Menge Literatur-Adrenalin freisetzen. Während des Lesens posaune ich schon gerne heraus, was mir gerade widerfährt, auf welcher Welle ich im Moment reite und wie sehr mich das Glücksgefühl beflügelt, einen solchen Schatz mein Eigen nennen zu dürfen.

Nicht zu vergessen, die Sehnsucht und Wehmut, die mich überfallen, wenn ich nur daran denken muss, ein gerade liebgewonnenes Buch nach dem letzten Kapitel wieder verlassen zu müssen. Melancholie, Euphorie und Rapid-Eye-Movement sind deutliche Symptome, wenn ich am Ende der Wünschelrute spüre, dass eine Goldader direkt vor meinen Augen liegt. So und nicht anders ging es mir erst vor einigen Tagen, als ich ein Buch aufschlug, das mir vom Titel her eine kleine Auszeit in Aussicht stellte.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr, erschienen im DuMont Buchverlag.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Wie findet man seinen Frieden nach dem Krieg?

Ein Leitmotiv, dem ich schon in vielen Romanen gerne gefolgt bin. Auch hier wird es schnell zur Ausgangssituation meines Lesens, da ich vor wenigen Tagen ein Buch beendet habe, das sich dieser Frage verschrieben hat. Zwei Romane mit einem tiefen literarischen Grundton, der mich erneut zu faszinieren wusste. Zwei Charaktere, die so viel gemeinsam haben. Der Eine kehrt nach dem Krieg nach Australien zurück, sucht in der Abgeschiedenheit eines Leuchtturms nach der inneren Balance und findet dabei zu den wahren Werten des Lebens zurück. Auch, wenn dies ein steiniger Weg ist.

Der Andere steigt im idyllischen Oxgodby aus dem Zug und beginnt, in der kleinen Kirche des Dörfchens ein mittelalterliches Fresko zu restaurieren. Nordengland und die tiefe ländliche Einsamkeit geben hier den Ton an. Wir schreiben das Jahr 1920. Viele Männer sind nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach sich selbst und nach dem, was sie auf den Schlachtfeldern in Flandern oder in Artois verloren haben.

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman machte mich zum suchenden Leuchtturmwärter und nun verwandelt mich „Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr in den Restaurator einer zutiefst verletzten Seele. Ich weiß, wo Männer in diesem Krieg zerbrachen. Ich kenne die Orte, die sie wie Mühlsteine zermalmten. Einer von ihnen ist Passchendaele nahe Ypern. Auch Tom Birkin wurde dort gebrochen. Seitdem besteht seine Mimik aus wilden Zuckungen und seine Nächte sind von Schreien erfüllt.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ebenso, wie mich das Bild des einsamen Leuchtturmwärters fasziniert hat, trägt in diesem Roman aus der Feder des bereits 1994 verstorbenen Autors das Bild eines Menschen, der in der tiefen Beschäftigung mit einem übertünchten Kunstwerk Schicht um Schicht eine Vergangenheit freilegt und dabei auch sich selbst immer näher kommt. Dabei schreibt J.L. Carr nicht minimalistisch, wie man es angesichts der nur 158 Seiten seines Romans vermuten könnte.

Ganz im Gegenteil. Es entwirft ein sehr komplexes Bild dieser Zeit, in dem sowohl die Menschen des kleinen Ortes, als auch die beiden eigentlichen Hauptcharaktere Birkin und Moon sehr konturiert und hintergründig beschrieben werden. Beide verbindet nicht nur die Tatsache, dass sie der Hölle des Krieges entronnen sind, sondern zwei ziemlich geheimnisvolle Aufträge, die sie getrennt voneinander nach Oxgodby führten. Das Erbe einer alten Dame verheißt der Kirchengemeinde ein sattes Sümmchen, wenn man das ewig verschwundene Kirchengemälde freilegt und das Grab eines Verwandten aufspürt.

Während Tom Birkin in der Dorfirche ein verborgenes Kunstwerk in neuem Licht erstrahlen lässt, gräbt sich Charles Moon durch den Gottesacker der Gemeinde. Beide legen mehr frei, als sie es jemals vermutet hätten. Dabei ist es gerade Tom Birkin, der diese ruhigen Momente auf dem Gerüst innerhalb der Kirche extrem genießt, stehen sie doch im krassen Gegensatz zum Granatenhagel, dem er im Krieg ausgesetzt war. Hier enttraumaisiert sich der geschundene Geist. Hier entspannt sich der Körper. Hier wird nicht nur ein Gemälde freigelegt. Schicht für Schicht kommt auch Tom ans Tageslicht.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Die wahre Kunst dieses Romans liegt in den parallelen Welten, die J.L. Carr hier meisterlich skizziert. Welten, die für sich genommen einzigartig sind, in der deutlichen Überlagerung jedoch beginnen, sich auf das andere kleine Universum auszuwirken. Das träge Oxgodby beginnt Wunder zu wirken, weil die Menschen des kleinen Fleckens so unverfälscht ländlich naiv und unvoreingenommen sind, dass man sie ganz einfach lieb gewinnen muss. Diese Ruhe strahlt auf Tom Birkin aus und auf der anderen Seite bringt er genau das Leben in den Ort zurück, das dort wie das Gemälde übertüncht war.

Es wundert nicht, dass Tom Birkin nicht nur ein Gemälde vom Staub befreit. Es wundert nicht, dass er Farbe ins Leben dieser Menschen bringt, deren Farblosigkeit für ihre Lebensweise steht. Es wundert nicht, dass Tom Birkin viel mehr enthüllt, als er je enthüllen sollte und wollte. Besuche in seiner Kirche nehmen zu. Tom wird beobachtet. Nicht nur mit unschuldigen Blicken, sondern auch mit den Augen einer Frau, für die er alles vergessen würde. Gäbe es da nicht genau zwei Probleme und wären da nicht die übermächtigen Moralvorstellungen der 1920er Jahre.

In der Rückschau auf sein Leben betrachtet Tom Birkin diese Epoche. Es ist ein zugleich wehmütiger Blick auf eine Zeit der Befreiung und der verpassten Chancen. Es ist aber auch ein Blick zurück in eine Zeit, die durch frisch vernarbte Wunden und nie bewältigte Verluste gekennzeichnet war. Die Zeit nach einem Krieg ist keine normale Zeit. Hier atmet man durch, horcht in sich hinein und schreckt nachts schweißgebadet auf. Die ersten zarten Pflänzchen von Gefühl beginnen zu sprießen. Eine große Zeit für große Romane.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

J.L. Carr gelang mit „Ein Monat auf dem Land“ ein absolutes Meisterwerk. Diese Tiefe hatte ich nicht erwartet. Ich hatte nicht erwartet, mich nachts vor einem Gemälde wiederzufinden, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, schichtweise klarer zu sehen, Schützengräben zu durchrobben und erst in einer Kirche zur Ruhe zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, mitten im Roman zu hoffen, dass ich bitte länger als nur einen Monat auf dem Land bleiben dürfte.

Nichts von alledem hatte ich erwartet. Und nun sitze ich hier als der wohl glücklichste Leser der Welt. Ich bin wundervollen Menschen begegnet, habe viel von ihnen gelernt und habe mich zweifelsohne mit Tom Birkin unsterblich verliebt. Im eigentlichen Sinn ist Oxgodby das verborgene Gemälde, das es zu enthüllen galt. In ihm liegen alle Wunder der Welt verborgen. Hier kann man glücklich werden und hier lässt es sich leben. Und hier stößt man auf eine Vergangenheit, die ihre Spuren auf ewig hinterlassen hat.

Vale. Lebwohl. Die lateinische Inschrift auf dem Steinsarg einer längst im Mittelalter verstorbenen Geliebten zeigt die Atmosphäre, die über dieser Landschaft schwebt. Sie zeigt die Sehnsuchtsmomente, auf die man überall stößt, wenn man den Schleier hebt. Sie sagt alles aus, wenn man das steinerne Bildnis der jungen Frau betrachtet, die den Sarkophag zu verlassen scheint. Es gelingt ihr nicht. Es ist nur ein Bildnis in Stein. Ich wünschte, ich könnte so wie sie immer in Oxgodby bleiben.

So bleibt mir nur ein zartes „Vale“…

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein kleines Goodie zum Schluss: Der Trailer der englischen Verfilmung. Diese Bilder!