Die Bagage von Monika Helfer

Die Bagage von Monika Helfer - AstroLibrium

Die Bagage von Monika Helfer

Manchmal ist eine Geschichte so brüchig und fragil wie Blätterteig. Manchmal ist eine Geschichte so persönlich und intim, dass sie von Schriftstellern in so viele Lagen des Butterteigs gehüllt wird, bis nur noch ein hauchdünner Schleier als äußere Schicht bleibt, die es zu durchstoßen gilt, um zur eigentlichen Füllung vorzustoßen. Ein wenig Puderzucker lenkt vielleicht für einen kurzen Moment ab, wenn man sich dann jedoch ins Innere des literarischen Strudels vorgetastet hat, kann man Zeuge einer Explosion werden, die man in der Tiefe des Zuckerwerks nicht ansatzweise erwartet hätte. Dabei war es gerade der Blätterteig, der in den Zeiten des Ersten Weltkriegs im Vorarlberg als wahrer Luxus angesehen wurde. Besonders bei Menschen, deren Armut ihnen die Tür zu solchen Genüssen versperrte.

Es  ist die österreichische Autorin Monika Helfer, die uns in ihrem neuen Roman in ihre Heimat entführt, in eine Zeit, in der sie noch nicht auf der Welt war. Eine Zeit ihrer familiären Wurzeln. Sie blickt zurück auf das Leben ihrer Großeltern, deren Kinder und die Lebensumstände eines besonderen Familienverbundes am Rande der Gesellschaft. Sie sind „Die Bagage„. Zu arm, um im abgelegenen Bergdorf als Teil der Gemeinschaft akzeptiert zu sein. Zu ab- und ausgegrenzt, um sich als zugehörig fühlen zu können. Zu „anders“, um von den Dörflern als gleichwertig betrachtet zu werden. Und doch sind die Moosbruggers mit ihrem Leben zufrieden und machen das Beste aus der Situation.

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Die Bagage von Monika Helfer

Als der Erste Weltkrieg losbricht, ist es nur logisch zuerst den Josef ins Feld zu schicken. Ohne ihren Mann bleibt Maria Moosbrugger mit ihren Kindern zurück. Es ist die Abängigkeit von der Mildtätigkeit des Bürgermeisters, die fortan ihr Leben bestimmt. Es ist die Einsamkeit, in der Maria mit ihren Kindern zurückbleibt und es ist Sehnsucht, die ihr Leben bestimmt. Die Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit, nach einer Zeit ohne Sorgen und es ist die Sorge um ihren Mann, die sie verzehrt. Allein auf dem Hof wird es für Maria von Tag zu Tag unerträglicher. Sie, die Hübscheste im Tal, wir zur Zielscheibe der Begierde. Jeder hätte sie gerne gehabt, jeder träumt von ihr und nun endlich hat sie der Bürgermeister in der Hand.

Es ist aber auch die Zeit, in der ein geheimnisvoller Fremder das Dorf erreicht. Ein Mann, der so anders ist, als die Männer im Tal. Er spricht hochdeutsch, ist gut gekleidet und sieht blendend aus. Sein Blick fällt auf die einzigartige Maria. Als Georg an die Tür der Bagage klopft, scheint sich die Sehnsucht von Maria nach der „einen“ großen Liebe ihres Lebens in der guten Stube zu bewahrheiten. Jetzt sind es schon zwei Männer, die ihr den Hof machen, sie umgarnen und Maria für sich einnehmen wollen. Unterbrochen nur von einem kurzen Fronturlaub ihres Mannes genießt sie die Avancen des Fremden und lehnt sich gegen die Übergriffe des Bürgermeisters auf. Und mittendrin vier Kinder, die zu naiven Zeugen des Geschehens werden. „Die Bagage“ kommt ins Gerede.

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Die Bagage von Monika Helfer

Als Maria schwanger wird, brodeln die Gerüchte im Dorf. Es wird gerechnet und spekuliert, verurteilt und sanktioniert. Die Kirche handelt, die Menschen sprechen von der Hure, und als Josef am Ende des Krieges nach Hause kommt, steht auch für ihn fest, dass Grete nicht von ihm sein kann. Das fünfte Kind der Bagage wird von Josef ignoriert, er spricht kein Wort mit Grete, sieht sie nicht ein einziges Mal an. Als würde sie nicht existieren, wird das Leben fortgesetzt. Zwei weitere Kinder kommen zur Welt. Die Bagage wächst. Grete bleibt für alle Zeiten das große Geheimnis der Familie. Wie gehen die Geschwister mit ihr um? Wie reagiert Maria? Was macht ein solches Leben mit einem Mädchen? Bohrende Fragen, denen sich Monika Helfer im tiefsten Inneren ihrer Blätterteig-Erzählung widmet. Sie entfernt Schicht um Schicht der brüchigen Hülle und führt uns ins Zentrum ihrer eigenen Lebensgeschichte.

Es ist die Geschichte ihrer eigenen Mutter, die hier Gestalt annimmt. Jener Grete, der die Erzählerin entstammt. Hier wird ihre persönliche Betroffenheit zur Triebfeder der Geschichte. Stammt sie von einer untreuen Mutter ab? Basiert alles auf einer Lüge? Hat diese alte Geschichte Auswirkungen bis in die Gegenwart? Monika Helfer erinnert sich an die Geschwister ihrer Mutter, öffnet sich Erinnerungen und beschwört Bilder herauf, die Antworten geben können. Sie geht nicht linear durch die Schichten ihrer Erzählung. Es sind Erinnerungsfetzen, die sie zu einem Bild zusammenfügt. Es sind Aussagen der Tanten und Onkel, die sie neu zu werten beginnt. Das so entstehende Bild wird zu einer bewegenden und aufwühlenden Hommage an die eigene Mutter, den distanzierten und kalten Vater und an ihre Brüder und Schwestern. Eine Liebeserklärung an die Bagage.

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Die Bagage von Monika Helfer

Mit ursprünglicher Wucht, zerbrechlicher Eleganz und zweifelnder Empathie lässt uns Monika Helfer zum Teil ihrer Bagage werden. Sie erzählt tieftraurig, melancholisch und dann wieder voller Stolz und Lebensgier von den Ihren. Wir schultern die Gewehre, um Maria zu verteidigen, ziehen mit Josef in die Schlacht, verjagen den miesen Pfarrer vom Hof und kämpfen im Tal gegen alle Gerüchte. Und doch können wir jenen Fremden aus Hannover verstehen, wir leiden mit dem Bürgermeister und verurteilen Maria nicht für ihre Träume. Eine verzweifelt aufrechte Geschichte von Sehnsucht, Vorurteilen und Träumen, die nicht gelebt werden durften. Ein Zitat hallt lange nach. Es steht für so viel in diesem Roman. Verzicht und Genügsamkeit in absolut unwirtlichen Zeiten. So erzählt nur eine große Autorin:

„Wir haben alles gehabt, und das meiste war uns nicht vergönnt.“

Als Monika Helfer am Ende ihrer Erzählung vor einem Gemälde des großen Pieter Bruegel steht und es aufmerksam betrachet, verschwimmen die Ebenen zwischen der Erzählung und ihrer Wahrnehmung, Hier lässt sie ihre Bagage auferstehen, erweist ihr die Ehre und erweist allen, die je waren und sein werden ihre Referenz. Der würdevolle Umgang mit ihren Eltern, Onkeln, Tanten und ihren eigenen Kindern ist sehr bewegend und schützt uns fortan, den Begriff „Bagage“ mit negativer Betonung zu verwenden. Er ist zum Prädikat für eine Familiengeschichte geworden, die zu den großen literarischen Ereignissen dieses Jahres gehört.

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Die Bagage von Monika Helfer

Es war ein Privileg, diese Erzählung nicht nur lesen, sondern parallel dazu hören zu dürfen. Monika Helfer liest das Hörbuch zu ihrem Buch selbst. Wer auch nur eine Sekunde an der Authentizität dieser Geschichte zweifelt, der möge hören. Ihre brüchige Stimme trägt die Handlung durch die Zeitebenen. Man wagt es kaum noch zu atmen, so zerbrechlich wirkt der Vortrag. Und doch ist ihre Sprache so klar und gefestigt, dass sie ihren Zuhörer in ihren Bann zieht, als säße man selbst in der abgelegenen kleinen Hütte und warte mit den Kindern und der Mutter auf die Heimkehr des Vaters. Die vollständige Lesung dauert 4 1/2 Stunden. Stunden, die Zeit und Raum verschmelzen lassen und im Lesenhören Spuren hinterlassen.

Ich dachte oft an Jeannette Walls und ihr „Schloss aus Glas. Auch hier ist es eine Familie im Abseits, eine Bagage, die gegen alle Vorurteile ein eigenes und freies Leben führt. Nicht ohne Wunden, nicht ohne Traumata, die lebenslang anhalten. Und doch so intensiv und authentisch, wie ich es nun bei Monika Helfer erleben durfte. „Die Bagage“ ist ein aus der Zeit gefallener Roman, der uns zeitlos vor Augen hält, welche Folgen es haben kann, ein Gerücht in die Welt zu setzen. Hüten wir uns davor und verteidigen die Bagage mit allem, was wir haben. Absolute Lese- und Hörempfehlung!

„Du hast wahrscheinlich keine Chance, nicht etwas Besonderes zu sein.“

Das trifft sowohl auf die schöne Maria als auch auf diese Geschichte zu! 

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Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

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Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Ich bin noch gar nicht lange zurück von den blutigen Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges. Der Wintersoldat“ entführte mich im Kanon meines Lesens zum ersten Weltenbrand in die Karpaten und konfrontierte mich erneut mit traumatisierten Soldaten des industrialisierten Schlachtens. Meine Rezensionen zu diesem Buch und zu einigen weiteren Werken zu diesem Themenkomplex veranschaulichen meine persönliche und berufliche Verbindung zu einem Krieg, der von vielen als Geburtsstunde des folgenden Weltkrieges bezeichnet wird. Niemand nannte ihn damals Erster Weltkrieg. Für Freund und Feind war er einzigartig. Unvorstellbar für alle Beteiligten, die am Ende kriegsmüde und von seinen Folgen mittelbar oder unmittelbar betroffen waren, dass einundzwanzig Jahre nach dem Friedensschluss ein neues, sogar vielfach schlimmeres Gemetzel die Welt in seinen grausigen Klammergriff nahm…

Wer den Zweiten Weltkrieg begreifen möchte, muss den Ersten Weltkrieg verstehen. Wer die Machtergreifung der Nazis 1933 nachvollziehen möchte, der muss sich in die Schützengräben bei Verdun begeben, um zu erkennen, dass eine Niederlage im Felde zur Legendenbildung herangezogen wurde, um auf der Grundlage von Rachegelüsten erneut über Europa herzufallen. Dabei war der Erste Weltkrieg bahnbrechend und neu für die kriegführenden Parteien. Aus Bewegungskriegen, Schlachtformationen und dem beherzten Einsatz von Kavallerie wurden Stellungskriege, Abnutzungsschlachten, Gas- und Granatendauerbeschuss und die industriell betriebene Zermürbung durch Artillerie. Unvorstellbar, das Leid auf allen Seiten. Nicht nachvollziehbar, die Lebensumstände in lebensfeindlicher Umgebung. Nicht greifbar, der Schrecken, den dieses Schlachten im kollektiven Gedächtnis der Armeen hinterließ. Nie wieder. So schallte es durch Europa. Und doch… Die Geschichte wiederholte sich.

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Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Viele Bücher sind geschrieben worden. Viele aktive Soldaten haben ihre Erlebnisse für die Nachwelt festgehalten. Ernst Jünger hat in Tagebüchern, Romanen und seinen Feldpostbriefen Zeugnis abgelegt. Remarque beschrieb das Schlachten und zahllosen Verborgenen Chroniken konnte man entnehmen, dass hier nichts erfunden war. Und damit nicht genug. Die Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges ist noch nicht beendet. Ich bin immer wieder auf der Suche nach Büchern, die das Bekannte neu erzählen. Ich bin auch in den letzten Jahren immer wieder fündig geworden, was meine Artikelserie zum Ersten Weltkrieg deutlich zeigt. Und immer, wenn ich gerade dachte, alles sei erzählt, stoße ich auf ein Buch, das mich in Staunen versetzt. Die Elegie des großen Krieges von Dorothe Reimann ist eines der überzeugendsten Bücher, in dem Perspektiven im Trommelfeuer gewechselt werden wie die Magazine der Schnellfeuerwaffen. Hier steht das Gefecht im Mittelpunkt. Der Mensch wird zermalmt. Ein Überlebenskampf mit tiefer Botschaft.

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Dorothe Reimann – Kurt Oesterle – Ernst Jünger – Der Erste Weltenbrand

Wenn ich an dieser Stelle den Roman „Die Stunde, in der Europa erwachte“ von Kurt Oesterle vorstelle und formuliere, dass er eine absolute Sonderstellung einnimmt, dann muss ich das näher erläutern. Der Begriff Sonderstellung ist hier vielfältig gemeint und deshalb nicht selbsterklärend. Vielleicht hilft es, wenn ich ganz klar sage, dass ich Angst um dieses Buch habe. Angst, dass es nicht gelesen wird. Angst, dass man es in seiner Dimension unterschätzt. Angst, dass es nicht gefunden wird und auch nicht ins Auge sticht. Angst, dass eines der wohl relevantesten Bücher zu dieser Zeit einfach nicht wahrgenommen wird. Diese Angst begründet sich in drei Faktoren:

Der Titel Die Stunde, in der Europa erwachteerschließt sich lesend und passt in seiner Kernaussage sicher zum Buch. Er hilft jedoch nicht dabei, zielgerichtet einem Roman seine Aufmerksamkeit schenken zu wollen, der sich wie ein Sachbuch vorstellt. Nein. Ein Romantitel ist es wahrlich nicht. Die Gefahr, im politischen Sachbuchbereich einer Buchhandlung zu verschwinden ist groß. Hinzu kommt, dass ich persönlich auch das Cover nicht gerade für einen Eyecatcher halte, der im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge springt. Das Aquarell „An der Westfront“ entspricht nicht meinem Empfinden von einem Buchcover, das neugierig machen soll. Hinzu kommt die Sprache eines Kurt Oesterle, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Der Autor schreibt nach den Regeln der Rechtschreibung alter Art. Das vermittelt dem Leser einen Eindruck, er habe es hier mit einem Text zu tun, der schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat. Selten hat man es heute noch mit „daß“, „vermißt“, „mußte“ in der beharrlichen Verwendung des scharfen S zu tun. Dabei ist der Text neu. Dabei ist dies ein Stilmittel eines Schriftstellers, der in seiner sprachlichen Einzigartigkeit genau mit dieser Nuancierung und seiner Wortkunst eine Welt entstehen lässt, die mehr als lesenswert ist. Sie ist ein MUSS!

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Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Wenn wir diese Schranken überwinden, werden wir mit einem literarischen Ereignis belohnt, das Seinesgleichen sucht. Auch hierfür sind einige Faktoren verantwortlich, in deren Kontext ein Roman mehrfach die Ebene des reinen Erzählens verlässt und zum Erleben wird. Das Setting: 1919. Der Krieg ist beendet. Die Frontlinie ist leergefegt. In den Schützengräben liegen keine Regimenter, die Waffen stehen still. Kein Strauch im Umkreis von hunderten von Kilometern. Stacheldraht soweit das Auge sieht. Mehrfach umgewühlte Erde von Verdun bis zur Somme und zurück. Blindgänger explodieren im erodierenden Erdreich. Matsch gibt Leichenteile frei. Einzig am Chemin des Dames ist ein Biotop im Grauen entstanden. Ein Bretterverschlag. Eine rein provisorische Trink- und Aufwärmstube mit dem Namen „Zur Heldin der Ruinen“. Ein Schritt nur vom Weg abzuweichen, bedeutet den sicheren Tod. Nur hier, auf dieser Insel der Menschlichkeit, ist man in Sicherheit. Und genau hier begegnen sie sich.

Die Menschen: Diejenigen, die an diesen Ort gefesselt sind. Diejenigen, die er anzieht und diejenigen, die ihm nicht widerstehen können. Da ist der vierzehnjährige Minot, der auf das Schlachtfeld zurückkehrt, um Grund und Boden der Familie wieder in Besitz zu nehmen. Was er findet, ist die Heldin der Ruinen. Verlassen. Er nutzt die Chance und wird zum Schankwirt im unwirtlichen Niemandsland zwischen Krieg und Frieden. Minot wird zum Sinnbild eines Neuanfangs und zur Integrationsfigur eines neu entstehenden Miteinanders auf den frisch ausgehobenen Gräbern der Gefallenen. Da ist die Ehefrau eines englischen Soldaten. Er hat überlebt. Das war es aber auch schon. Traumatisiert und nervlich am Ende, wird er zur Belastung für das gesamte Umfeld. Elsie Norton ist umgeben von Frauen, die ihre toten Männer beklagen oder die Versehrten betreuen. In ihr regen sich Zweifel. Was ist dieser Shell-Shock, unter dem ihr Mann leidet? Als man ihn der Feigheit bezichtigt, wagt sie einen dramatischen Schritt. Die Reise an die Front, um mit seinen Augen zu sehen, ein Gefühl für den Krieg zu bekommen, um der Liebe ihres Lebens näher zu kommen. Da ist der deutsche Kriegsgefangene Franz. Nur eine Nummer auf dem Schlachtfeld. Dazu verurteilt aufzuräumen, Granaten und Leichen zu finden. Ein Kriegsverlierer auf verlorenem Terrain. Perspektivlos.

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Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Da ist ein deutsches Ehepaar. Um den gefallenen Sohn trauernd. Max und Magda Krüger machen sich auf den Weg ins Feindesland. Als Besiegte. Zur ehemaligen und jetzt zerfurchten Front. Ihre Mission: Ihren toten Sohn der fremden Erde entreißen und nach Hause bringen. Koste es, was es wolle. Doppelt besiegt werden wollen sie nicht. Der Gedanken, den Sohn inmitten seiner Bezwinger auf einem Soldatenfriedhof sehen zu müssen, unvorstellbar. Sie alle treffen in der Heldin der Ruinen aufeinander. Minot wird zum Bindeglied zwischen alten Feinden, Trauernden und Suchenden. Die Gräben sind zwar verlassen, die Wunden jedoch sind nicht verheilt. Jeder von ihnen blutet aus eigenen Wunden und weint seine eigenen Tränen. Sprachlosigkeit, wo Sprache trennt. Hilflosigkeit, wo Mitgefühl fehlt. Perspektivlosigkeit, wo Zukunft im Nebel versinkt. Hier entsteht ein zarter Funke von etwas, das den Nebel vertreibt. Hier wächst ganz zart ein Pflänzchen auf zerbombter Erde. Hier wird Zwischenmenschliches grenzübergreifend und über die Gräber hinaus zum Samen von etwas Größerem. Hier wächst zusammen, was auf ewig getrennt zu sein schien.

Und wer den Menschen nicht traut, der begibt sich an der Seite von Kurt Oesterle auf eine letzte Reise an die Front. Wer den Menschen die Vernunft abspricht, sich in dieser Situation anzunähern, der wage den letzten Schritt. Gorm, der Hund ist ebenso verloren auf dem Schlachtfeld, wie die Toten und Vermissten. Sanitätshund in Diensten der Deutschen. Zur Rettung Verwundeter erzogen. Im Gefecht bewährt. Verwundet und alleingelassen, nachdem sein Sanitätsgefreiter fiel. Streuner auf dem Gefechtsfeld. Von Instinkt getrieben. Menschenfreund. Weggefährte. Vom Helfer zur Bestie degradiert. In seinem Inneren spiegelt sich die Welt, die sich unserem Verstand entzieht. Hier gelingt Kurt Oesterle ein emotionaler Perspektivwechsel, der jeden Zweifel an der Authentizität dieser Geschichte beseitigt und uns zum Nachdenken bringt. Zuletzt schließt er den Kreis der fiktionalen Charaktere, indem er seinen Erzählraum erweitert und ein Treffen ermöglicht, das für das Verständnis der weiblichen Sicht auf einen Krieg elementar ist. Wir treffen auf Mary Borden. Hier wird aus ihrem Schlammgedicht der Abgesang auf ein Zeitalter der Weltkriege. Eine Begegnung, die man sich nicht entgehen lassen darf.

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Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Kurt Oesterle hat einen sehr nachhaltigen Roman über einen Krieg geschrieben, der gerade mal 100 Jahre hinter uns liegt. Er bringt Krater zum Singen, ermöglicht uns Heimatabende im Niemandsland, trifft Reisevorbereitungen für einen Toten, gibt Raum für Rettung und Hoffnung. Er lässt uns in einer einfachen Bretterbude einen ganz leisen Hauch von Europa fühlen. Vielleicht das erste gemeinsame Haus, von dem man heute gerne spricht. Ein Haus mit nur einem Zimmer. Provisorisch und von Blindgängern der letzten Schlacht umgeben. Ein Haus, das es zu bewahren gilt. Auch, wenn wir gelernt haben, auf welch wackligem Boden das Ganze steht. Ein Roman mit Signalwirkung in Zeiten, in denen scheinbarer Patriotismus erneut dazu aufruft, Grenzen zu ziehen.

Wir sollten uns bewusst sein, auf welchen Grenzen die Gräber der Gefallenen der Weltkriege stehen. Wir sollten uns bewusst sein, dass es oft nur einer ausgestreckten Hand bedarf, neue Grenzen zu überwinden. Wir haben uns allzu oft über den Gräbern miteinander versöhnt, um neue Wunden zuzulassen. Ich war in Verdun. Wir besuchten die damals zerstörten Kathedralen in Frankreich. Ich denke an meine Großväter, deren Leben dieser Krieg und der folgende Krieg für immer veränderte. Wer diese Orte selbst gesehen hat, wer die Wunden in der Natur und in den Menschen noch heute fühlt, der wundert sich an jedem Tag seines Lebens darüber, dass es ein gemeinsames Europa ohne Grenzen gibt. Wer sich diesem Staunen hingeben mag, der sollte, nein, der muss „Die Stunde, in der Europa erwachte“ lesen.

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Die Stunde, in der Europa erwachte von Kurt Oesterle

Ich wollte eine Lanze für dieses Buch brechen. Ich wollte Euch davon erzählen, wie wertvoll es für mich ist. Ich möchte Euch hier die Möglichkeit geben, meinen Gedanken zu folgen, sie zu teilen oder sich an ihnen zu reiben. Zwei Exemplare des Romans „Die Stunde, in der Europa erwachte“ kann ich mit freundlicher Unterstützung des Verlags klöpfer,narr an Euch weitergeben. Kommentiert einfach diesen Artikel und beantwortet mir die Frage, welches Buch zum Ersten Weltkrieg Ihr in diesem Jahr gelesen habt. Ich werde bis zum 26. Dezember warten und dann zwei LeserInnen auswählen, denen ich dieses Buch ans Herz lege. Wichtig ist mir hierbei, dass Ihr nach dem Lesen genau hier eine Spur hinterlasst und uns an Eurer Meinung teilhaben lasst. Wer ist bereit?

Der Wintersoldat von Daniel Mason [Galizien 1915]

Der Wintersoldat von Daniel Mason - AstroLibrium

Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason. Der Erste Weltkrieg. Ein Behelfslazarett in Galizien. Ein Medizinstudent, der sein Studium früher beenden darf, um als vollwertiger Arzt an der Front Leben zu retten. Ein diffuser Kriegsverlauf; eine einsame Kirche; eine Ordensschwester, die sich hier gänzlich auf sich gestellt um die Verwundeten kümmert und ebenjener „Halbarzt“, der in der Hoffnung lebt, von erfahrenen Kriegschirurgen viel lernen zu können. Doch schon seine Ankunft in den verschneiten Karpaten steht unter keinem guten Stern. Lucius Krzelewski erreicht seine Wirkungsstätte mit gebrochener Hand, völlig unterkühlt und verunsichert. Seine Frage nach dem leitenden Arzt wird von Schwester Margarete freundlich aber bestimmt beantwortet:

„Der Doktor? Haben Sie nicht gerade gesagt, das sind Sie?“

Diese Ausgangssituation verbirgt so viele Schlagworte, dass es mir unmöglich war, dieses Buch nicht zu lesen. Und genau an dieser Stelle möchte ich meinen Zugang zu diesem Roman voranstellen. Warum entscheidet man sich für ein Buch? Was ist dafür verantwortlich, dass man sich magisch zu einer Geschichte hingezogen fühlt? Was ist der Grund dafür, dass man eine Erzählung vielleicht anders liest und rezensiert, als die Mehrzahl der Leser dieses Romans. Ich finde, es ist wichtig, dies vorab zu erklären und zu verraten, welche Begriffe mich schon vor dem Lesen getriggert haben. Alles begann 1915. Ein 18jähriger junger Mann wird von heute auf morgen Soldat und findet sich, für Deutschland und den Kaiser kämpfend, schwer verletzt in einem Behelfslazarett im tief verschneiten Galizien wieder.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein Granatsplitter im Knie und ein Munddurchschuss, der ihn verstummen ließ. So lag er sprachlos und auf die Amputation wartend im verlausten Krankenbett. Er schrieb auf eine Schiefertafel: „Lieber tot, als mit einem Bein zur Mutter zurück.“ Man verzichtet darauf, das Bein abzunehmen. Man füttert ihn, versucht, die Gesichtsverletzung in den Griff zu bekommen, kämpft gegen Fieber und Entzündungen an und er muss hilflos mit ansehen, wie das Lazarett mehrfach überrannt wird. Da er nicht reden und gehen kann, wird auch er überrannt. Deutsche und verbündete Österreicher pflegen ihn, aber auch Russen, für die er nicht als Feind zu erkennen ist. Zuletzt kommt er auf zwei Beinen im heimatlichen Trier an. Am Ende einer Odyssee. Leicht hinkend bis an sein Lebensende und im Gesicht gezeichnet. Immerhin lebendig. Schweigend. Schwer traumatisiert. Und doch in der Lage, eine Familie zu gründen. Meine Familie. Mein Großvater reichte den Granatsplitter und einiges mehr an mich weiter. Wäre er damals im Lazarett gestorben, es gäbe diese Zeilen nicht.

Und nun ein Roman. „Der Wintersoldat“. Galizien. Die Karpaten. Ein Lazarett der KuK-Monarchie. Ein österreichischer Arzt, verzweifelte Zustände. Läuse, Typhus und Amputationen am Fließband. Rudimentäre medizinische Versorgung und Verwundete, deren Schicksal täglich am seidenen Faden hing. Hier könnte er gelegen haben. Dieser Gedanke war nicht mehr von meinem Lesen zu trennen, als ich mit Lucius und seiner Krankenschwester Margarete durch die Reihen der Verletzten schritt, um ihr Leben zu retten. Hier könnte er ein kleines Mosaiksteinchen gewesen sein. Unbedeutend und nur eine Zahl in der Liste der Gefallenen. Hier hätte auch meine Geschichte enden können, bevor sie eigentlich begann. Ich denke, hier wird deutlich, dass „Der Wintersoldat“ für mich kein Buch wie jedes andere ist. Und es auch niemals sein wird.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Ein außerordentlich scharfes Gespür für das Verborgene“ attestieren seine Lehrer dem jungen Medizinstudenten Lucius. Auf der Suche nach dem Unbekannten führt ihn sein Studium nah an die verborgenen Prozesse im Gehirn und an Störungen heran, die in der damaligen Zeit nicht therapierbar waren. Er brennt für sein Studium. Im Lazarett jedoch muss er sich der Erfahrung der Nonne Margarete unterwerfen. Sie hat alles im Griff. Sie hat Routine und sie hat die fehlenden Ärzte kompensiert. Amputationen hatte sie mehr durchgeführt, als er jemals auch nur in die Nähe von Patienten kam. Sie zeigt ihm, worauf es ankommt, steckt ihn mit ihrer selbstlosen Leidenschaft an und lässt ihn dabei nicht wie einen Anfänger aussehen. Ihre Loyalität ist signifikant für ihr Wesen. 

Daniel Mason versetzt uns schlagartig in das Szenario eines Lazaretts, in dem es an allem mangelt. Seine Beschreibungen sind verstörend präzise. Es ist der verzweifelt geführte Kampf gegen Läuse, der uns auch lesend dazu bringt, uns zu kratzen. Es sind Fieberschübe und Todesängste, die uns beschleichen; es ist Trauer, der wir nicht mehr entrinnen können und es ist die Hilflosigkeit jener Helfer, die wir nachvollziehen können, wenn wir mit ihnen am OP-Tisch stehen. Mason schildert alle Facetten von Verletzung und Traumatisierung, die einen Kampf so hoffnungslos erscheinen lassen. Der Mensch steht im Mittelpunkt seines Schreibens. Empathie angesichts des Grauens wirkt wie die unsichtbare Klammer, die alles zusammenhält. Die Frustration über diejenigen, die das Lazarett heimsuchen, um frontfähige Soldaten zu rekrutieren, macht sprachlos.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es verwundert nicht, dass der ins kalte Wasser geworfene Arzt und die erfahrene Krankenschwester sich in diesem Chaos menschlich nähern. Ihre Beziehung stößt mit jedem Gedanken an neue Grenzen. Und doch verlieren sie sich ineinander. Nonne und Arzt. Hier an der eisigen Front. In der Einsamkeit einer chaotischen Insel verletzter Körper und Seelen. Als „Der Wintersoldat“ eingeliefert wird, ändert sich alles. Es sind psychische Schäden, die ihn fast lähmen. Das Kriegszittern, die Panikattacken, die nun um sich greifen, sind kaum zu beherrschen. Dazu kommt noch die Befürchtung, dass er als Simulant und Deserteur verurteilt und erneut ins Gefecht geworfen wird. Margarete und Lucius beschließen, diese arme Seele zu retten. Ein Plan, der zum Fiasko wird.

Eine verbotene Liebe in unmöglichen Zeiten verleiht dem Roman eine emotionale Dynamik, der man sich nicht entziehen kann. Die individuellen Schicksale der Soldaten lassen keinen Spielraum für ruhige Lesephasen. Die Zustände im Lazarett verstören im wahrsten Sinne des Wortes. Und doch legt Simon Mason einen unaufgeregt verfassten und ruhigen Roman vor. Sein Kraft strahlt von innen heraus. Die Wucht der Geschichte entfaltet sich im Leser. Ein Pageturner ohne künstlichen Brandbeschleuniger. Der Krieg trennt zwei Menschen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in diesem Chaos füreinander bestimmt zu sein scheinen. Lucius` Suche nach Margarete wird zur Odyssee durch die Wirren des Ersten Weltkrieges. Mitfiebern garantiert…

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Es sind die zentralen Themen der Verantwortung gegenüber einem Patienten, der Schuld beim eigenen Versagen und der Machtlosigkeit, die uns durch dieses Buch und seine Geschichte jagen. „Der Wintersoldat“ ist ein bildreiches Psychogramm verletzter Seelen. Kriegs- und Liebesroman, könnte man sagen. Dabei ist es mehr. Medizinisch in jeder Beziehung brillant recherchiert, menschlich authentisch und greifbar. Charaktere und Erzählung reiben sich aneinander, wachsen, verlieren sich und… Ja, dieses UND muss selbst erlesen werden. Ich werde diesen Roman sicherlich nicht mehr vergessen. Aus guten Gründen.

Es waren solche Ärzte und Krankenschwestern, die meinen Großvater retteten. Es waren solche Menschen, die bei ihm eine Ausnahme machten, die riskieren mussten, aus ihm einen Drückeberger zu machen, denn das Ziel der Kriegschirurgie lautete nur, den Verletzten so schnell wie möglich und wie auch immer erneut an die Front bringen zu können. Es waren solche Menschen, die ihm beistanden, als er selbst rettungslos in Schweigen und Schmerz versank. Es waren solche Menschen, die mich ermöglichten. Klingt vielleicht pathetisch, ist aber so. Und vielleicht findet sich ja genau hier einer der wesentlichsten Gründe für meine persönliche Berufswahl. Warum sonst sollte ich mich genau dort wiederfinden, wo „Der Wintersoldat“ auch heute noch jederzeit eingeliefert werden könnte? Danke fürs Lesen.

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Der Wintersoldat von Daniel Mason

Der Wintersoldat von Daniel Mason / C.H. Beck Verlag / dt. von Sky Nonnhoff und Judith Schwaab / gebunden / 430 Seiten / 1 Karte / 24 Euro

Meinem Großvater liebevoll zugeeignet. Johann Josef Jager (1897 – 1991).

Es geht weiter: Daniel Mason. Der Klavierstimmer ihrer Majestät. Auf nach Birma. Der Erard-Flügel ist verstimmt und es droht Krieg… Lesenswert, wie immer…

Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason - Astrolibrium

Der Klavierstimmer ihrer Majestät von Daniel Mason

1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

1919 – Fiktion von Herbert Kapfer - Astrolibrium

1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

Er ist ein literarischer Wiederholungstäter. Er schreibt ohne eigentlich zu schreiben. Er erstellt zeitgeschichtliche Collagen, ohne zu werten. Er fügt unterschiedliche Quellen zu Chroniken einer Zeit zusammen, die sich kaum chronologisch fassen lässt. Er lässt seine Leser im Wimmelbild seiner Text-Vernissagen umherirren, interpretieren, werten und schlussfolgern. Er konfrontiert uns mit den Schnipseln einer Realität, die an keiner Ecke so richtig zusammenpassen und doch ein Gemälde ergeben. Die Deutungshoheit überträgt der Quellensammler an seine Leser. Die Rede ist von Herbert Kapfer.

Er ist Wiederholungstäter. Die verborgene Chronik 1914 – 1918 folgte der guten Tradition eines Walter Kempowski. Sein Echolot“-Projekt zum Zweiten Weltkrieg umfasst zehn Bücher mit mehr als 7500 Seiten. Eine Zeitscheiben-Montage historisch verbriefter Quellen, die heute als epochale Chronik gilt, ohne die man Geschichte nicht verstehen kann. In der Tradition dieser Collage ging auch Kapfer in seiner verborgenen Chronik vor. Reale Quellen, Briefe, Tagebücher, Zeitungsartikel und Tagesbefehle sind exemplarische Grundlagen zum Gesamtverständnis der Menschen im Weltenbrand. In meiner Sammlung relevanter Literatur zum Ersten Weltkrieg nimmt diese Chronik einen bedeutenden Platz ein.

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1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

Als ich nun Herbert Kapfers neues Werk 1919 – Fiktion entdeckte wurde ich zum Wiederholungsleser. Nicht ohne im Vorfeld mein besonderes Augenmerk auf ein Wort zu richten, das ich nicht mit seiner Erzähltechnik in Einklang bringen konnte: Fiktion. In der verborgenen Chronik kommen der kleine Mann und die kleine Frau zu Wort. Es sind ihre Stimmen, die uns ein Stimmungsbild vermitteln. Hoffnungen, Zweifel, Trauer, Hass und Führerglaube. All dies belegt durch reale Quellen. In seiner Annäherung das Ende des Ersten Weltkriegs bricht er nun mit seiner bisherigen Technik. 1919. Ein Jahr nach der Niederlage, nach der bedingungslosen Kapitulation und nach dem verhängnisvollen Friedensvertrag von Versailles, begeben wir uns an seiner Seite in die kläglichen Reste eines zerschlagenen Kaiserreichs. Deutschland am Boden.

Auch hier erweckt Herbert Kapfer den Anschein der Authentizität. Das Gewirr der einzelnen Stimmen passt zu meiner Erwartungshaltung. Die Quellen weisen darauf hin, dass der Sammler sich auch hier in seiner Recherche an Zeitzeugenaufzeichnungen in Hülle und Fülle bedient hat. Heimkehrende Soldaten, Offiziere, Politiker, Revolutionäre, Verliebte und entmachtete Ex-Monarchen kommen zu Wort. Hier orchestriert Kapfer die Stimmvielfalt brillant. Das Mosaik verdichtet sich zum sonoren Klang einer Melancholie, die zur Volksstimmung wird. Die Zersplitterung der politischen Ideologien, die Implosion des Kaiserreichs wird spürbar. Mangel, Hunger, Unzufriedenheit und Unmut greifen um sich und werden zu Bestimmungsgrößen des Alltags.

Herbert Kapfer nimmt uns mit auf die Barrikaden, lässt uns Fahnen schwenken und Parolen rufen. Er macht uns zu Revoluzzern und Anarchisten, zu Kommunisten und zu militanten Soldatenräten. Er macht uns zu Zeugen von Attentaten und lässt den Kampf gegen jeden politischen Gegner im Mord an Rosa Luxemburg und Ernst Liebknecht gipfeln. Es fühlt sich komplett an, was er an Mosaiksteinen präsentiert. Ich denke dabei an meine Großeltern. Verstehe, wie sie empfunden haben müssen und wonach sie sich in diesem Jahr nach dem Untergang gesehnt haben. Stabilität und Konsolidierung. Eine Hoffnung, die im Ruf nach dem starken Mann gipfelte. Der rote Teppich für Adolf Hitler scheint schon hier gewoben zu werden.

Doch dann stoße ich im Wimmelbild auf Romanfiguren, die mir ins Gewissen reden. Ich bin unter Wasser in der geheimen Welt eines Joseph Delmont, der 1925 mit seiner Science-Fiction-Erzählung „Die Stadt unter dem Meere“ eine Legende von den Resten der kaiserlichen Marine spinnt, die in einem verborgenen Unterseehafen überdauert hat und auf Rache sinnt. Der starke Mann in Form der alten Kriegsflotte ist unterwegs. Was hat das in diesem Buch zu suchen? Warum dürfen fiktionale Charaktere Ausgrenzung betreiben und Stimmung gegen Juden machen? Warum ist Nathaniel Jünger und sein deutsch-nationalistischer Roman „Volk in Gefahr“ so disponiert zu finden? Besteht hier nicht die Gefahr, dass Kapfer seine Recherchen entwertet? Sie auf eine erfundene und damit angreifbare Ebene hebt?

1919 – Fiktion von Herbert Kapfer - Astrolibrium

1919 – Fiktion von Herbert Kapfer

Keineswegs. Das Spiegelkabinett seiner Quellen zeigt uns nur, wie schwer Geschichte zu fassen ist. Es zeigt uns, wie beeinflussbar wir heute durch Fake-News und Gerüchte sind. Kaum vorstellbar, man würde die Welt des Jahres 1919 um die heute verfügbaren Sozialen Medien wie Facebook oder Instagram erweitern können. Was wäre echt? Wo würde man Ursachen und Wirkung finden? Was ließe sich belegen oder beweisen? Im Vermischen von Realität mit Lug und Trug liegt die Stärke dieses Buches. Man fühlt an allen Ecken und Kanten die gleiche fatale Stimmung im Land. Ob real oder fiktional. In jeder Faser schreit alles nach Revanche und Rache. Neuordnung wird angetrieben und zerfasert im inneren Machtkampf.

Wir sehen uns selbst in diesem Spiegelkabinett und beginnen die Zeitscheibe mit der unseren zu vergleichen. Wie manifestiert sich Unzufriedenheit, wie kann man sie befeuern, warum gipfelt die Suche nach mehr Autorität und Stabilität immer im Streben, Sündenböcke zu präsentieren, worauf basiert völkisches Denken und der Hass auf das Fremde, wie entsteht Radikalisierung und sind Fake-News von heute die Propaganda von einst? „1919 – Fiktion“ veranschaulicht die Automatismen der Radikalisierung. Hier wird die eigene Verantwortung, die eigene Schuld, die eigene Mitbeteiligung geleugnet. Das ist der erste Schritt. Dann ist man frei, um sich gegen Andere zu erheben. Sie an den Rand zu drängen. Sie zu Schuldigen zu machen. Und dann? Der Rest ist bekannt.

Herbert Kapfer hat mich auch diesmal überzeugt. Die Mischung ist gelungen, der Mix perfekt abgestimmt. Wie ein DJ aus dem Jahr 1919 legt er brillant auf. Der Sound ist authentisch, auch wenn sich einige künstlich erzeugte Töne eingemischt haben. Der Abgesang auf das untergegangene Kaiserreich wird zum Gefangenenchor einer Nation, die ihre Freiheit auf dem Rücken der Unterdrückten finden wird. Hier wird die Lunte zur nächsten Explosion angezündet. Die Botschaft trägt. Das Spiegelkabinett wird zu einer Geisterbahn, deren Ausgang wir kennen. Von 1919 bis 1945 ist es nicht weit. Nicht mal zwei Generationen waren in der Lage, den Weltenbrand gleich mehrfach zu entzünden.

Ich blicke in meinem Lesen auf meine kleine Bibliothek zum Ersten Weltkrieg und bin dankbar für zwei Perspektiven, die ich für unverzichtbar halte. Florian Illies erzählt die Geschichte vor dem Krieg. Wie Kempowski und Kapfer (ohne Fiktion). „1913 Der Sommer des Jahrhunderts“ und „1913 Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ lässt die Quellen sprechen. Künstler, Intellektuelle und kleine Leute. Aufbruch, Zweifel, Hoffnung und erste Schlieren am Horizont zeigen hier, wie leichtgläubig und frohgemut die Welt auf den Winter zustrebte. „1919 – Fiktion“ erzählt das brutale Erwachen nach dem Weltenbrand. Kapfers Echolot lässt fiktionale Ausschläge zu, was der Kraft seiner Collage eine Dimension verleiht, die uns heute ins Mark trifft. Ich bete darum, dass wir uns im Jahr 2019 nicht in einem Jahr befinden, das später einmal von einem Autor als „Das Jahr davor“ beschrieben wird. Wir trügen Mitschuld daran. In jeder Beziehung.

1919 – Fiktion“ von Herbert Kapfer / Verlag Antje Kunstmann / 424 Seiten / 25 Euro

„Elegie des Großen Krieges“ von Dorothe Reimann

Elegie des großen Krieges von Dorothe Reimann - AstoLibrium

Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Ein Klagelied, oftmals mit geschichtsphilosophischer Perspektive, ein Abgesang oder auch ganz einfach Gräberpoesie. Das ist gemeint, wenn wir es im literarischen Sinn mit einer Elegie zu tun haben. Dabei hat in unserer heutigen Zeit die Elegie ihren poetischen Charakter zumeist eingebüßt. Ihre Qualität misst sich nicht mehr an Reimen oder Versmaßen, hat sich vom Lyrischen entfernt und beheimatet melancholische und trauernde Stimmungsbilder im Rückblick auf Vergangenes. Weltschmerz kann man es nennen. Nicht jedoch ohne Botschaft, die in die Zukunft weist.

Die Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann könnte keinen größeren Weltschmerz beinhalten, beschäftigt sich dieser elegische Abgesang doch mit einer der größten Menschheitskatastrophen. Der Erste Weltkrieg als Urmutter aller Kriege der Neuzeit, in denen das industrialisierte Töten zum Maßstab wurde. Wenn man sich nur die historischen Begriffe auf der Zunge zergehen lässt, dann wird dem Leser heute noch schlecht, weil er erkennt, was hier mit Menschen geschah. Abnutzungsgefecht, Material- und Ausblutungsschlacht, Zermürbungs- und Stellungskrieg. Hier wurde der einfache Soldat zum Kanonenfutter. Strategische Ziele bezogen sich auf das Halten von Stellungen bis zum letzten Mann, das Erobern von zerschossenen Hügeln und den Landgewinn von wenigen Metern. Eingraben. Aushalten, tapfer sein. Gas abwarten.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Wer sich in der heutigen Zeit die Schlachten an der Somme oder die Gefechte vor Verdun als Schauplatz eines Romans aussucht, der hat kein unbeschriebenes Blatt vor Augen und besingt kein ungesungenes Lied. Alles ist erzählt, alles ist beschrieben und was noch nicht erzählt oder besungen wurde, ist in Dokumentationen zu sehen. Im Bücherregal meines Lebens zum Ersten Weltenbrand sind sie alle versammelt. Werke aus der Feder von Soldaten beider Seiten, Zeitzeugen, Leidtragende. Romane aus den Federn großer Autoren, die den Schrecken des Krieges in ihren fiktionalen Charakteren aufleben lassen, um uns zu sensibilisieren und uns vor neuzeitlicher Entmenschlichung zu warnen. Tagebücher, Feldpostbriefe, Romane und Dokumentationen gehen Hand in Hand, um mir Leitfaden zu sein und mich verstehen zu lassen, was meine Großväter in dieses Schlachten trieb.

Ich mag es nicht, wenn dieses Horrorszenario zur Kulisse verkommt. Ich bin sehr vorsichtig mit Büchern, die ohne plausiblen Hintergrund und mit fehlender Authentizität lediglich nach Knalleffekten für eine Geschichte suchen, die unter der Überschrift Erster Weltkrieg ihre Käufer finden wird. All dies war Dorothe Reimann bewusst, als wir über ihre „Elegie des Großen Krieges“ sprachen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, vertraute sie mir ihr Buch an. Und gerade deshalb las ich es. Kritisch. Begleitet von den wahren Zeitzeugen, die mir diesen Weltenbrand in die Seele geschrieben haben. Ernst Jünger und Fritz Rümmelein beäugten diese Elegie. Zwei Offiziere des Weltkriegs an der Seite eines einfachen Schneidergesellen. Konnte das gutgehen?

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann vergreift sich nicht in ihrer Elegie vom Großen Krieg! Weder im Ton, noch in der Klangfarbe und erst recht nicht an den verbrieften historischen Fakten. Sie bedient sich nicht. Weder am Szenario noch an den Menschen, über die sie hier in der gebotenen Seriosität schreibt. Sie verrennt sich nicht. Weder im Stil noch in der Art, das Kriegsgeschehen authentisch greifbar zu machen. Sie hält Stand, wo viele Autoren den Boden verloren haben. Sie verteidigt ihren Erzähl-Schützengraben gegen jeden nur denkbaren Zweifel, weil sie sich in ihrer Erzählung bewegt, als wäre sie selbst durch die Stellungen an der Front gekrochen.

Ihre Elegie schmeckt, riecht und klingt schmutzig. Sie gibt Pathos keinen Raum. Im Detail bleibt sie, auch in allen Begrifflichkeiten, trittsicher und stabil. Befehl bleibt Befehl, Schlamm bleibt Schlamm, Grabenfüße modern in ihren Stiefeln, Ratten und Läuse sind Wegbegleiter der Frontschweine und die Standesunterschiede zwischen Offizieren und dem einfachen Fußvolk kosten Menschenleben. Dorothe Reimann individualisiert jenes Grauen und schickt zwei Protagonisten in ihre Schlacht. Nicht sinnlos. Sie tragen beide ihre eigenen und verborgenen Missionen in ihren Herzen. Herzen, die sich täglich mehr verkrampfen und eigentlich keinen Spielraum mehr für das Menschsein geben.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann geht in ihrer Elegie keinen leichten Weg, weil sie Soldaten beider Seiten in den Mittelpunkt ihrer Schlachtreihe stellt. Sie richtet den Fokus auf zwei ganz einfache Jungs, die vom Schicksal an die Front geworfen wurden. Ernst Berger, einen einfachen Schneidergesellen aus Bückeburg und Ben, den jungen Bauern aus Dorset. Nur wenige Meter trennen sie in jenen Tagen 1916 an der Somme. Sie hören dieselben Explosionen, riechen das gleiche Gas, essen ähnlich vergammelten Fraß, sehen vielen Kameraden beim Sterben zu und greifen auf Befehl zur Waffe. Im äußeren Schein sind sie kaum zu unterscheiden. Verschmutzt, stinkend, kaum als Menschen zu erkennen.

In ihrem Inneren vereint sie mehr, als sie sich je vorstellen könnten. Während Ben nur hier ist, um auf seinen besten Freund Henry zu achten, schreibt Ernst verzweifelte Feldpostbriefe an seine große Liebe Marie. Die Unmöglichkeit vereint, was Feindschaft trennt. Beide jagen Illusionen nach. Ben fühlt, dass er mehr für Henry empfindet. Wobei ihm klar ist, dass er alles zeigen darf, nur nicht jenes verwirrende Gefühl. Und Ernst hat sich in eine Frau verliebt, der er gar nicht schreiben darf, weil ihr Verlobter nun mit ihm im Dreck liegt. Nicht jedoch auf Augenhöhe, sondern als Vorgesetzter.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann

Dorothe Reimann verlangt Übermenschliches von ihren beiden Kriegern. In einem Umfeld, das jede Menschlichkeit verloren hat, sind sie dazu verdammt, nach außen die tapferen Soldaten zu geben, während in ihrem Inneren ganz andere Kriege toben. Hier stoßen sie an ihre Grenze. Hier können sie nicht angreifen, in die Offensive gehen und den Frontverlauf der eigenen Konflikte verändern. Sie sind dazu verdammt, im Inneren die größte Schlacht auszutragen. Während Ernst seiner Angebeteten beschreibt, welch ein menschenverachtendes Schwein ihr Verlobter ist, folgt Ben seinem Freund, wie ein treuer Hund von einem Gemetzel ins nächste. Als Henry vermisst wird, brechen Welten zusammen. Als Ernst den Angriffsbefehl bekommt, macht sich Ben auf die Suche nach seinem Freund. Im Moment des Aufeinandertreffens der beiden Feinde zeigt sich, was der Krieg aus Menschen macht. Obsiegt die äußere Rolle oder das pochende Herz?

Dorothe Reimann beherrscht ihr Metier, ringt jeden Zweifel nieder und überzeugt mit ihrer Elegie. Sie kann erzählen. Oh ja. Und sie weiß, kritische Schwellen mit einer geschickten und stilsicheren Bewegung zu umgehen. Ernsts Briefe werden niemals an Marie geschickt. Es ist das Ungesagte und Unsägliche, was er hier niederschreibt. Die Zensur hätte es nie ermöglicht, auch nur einen Brief Bückeburg erreichen zu lassen. In jeder Beziehung bleibt stilsicher, was so gerne entgleiten würde. Nicht hier. Verzweifelt ungelebtes Lieben vebindet die beiden Kämpfer. Wir Leser wissen, welche Konflikte in ihnen toben, während die Ausblutung beider Armeen voranschreitet. Was bleibt ist eine „Elegie des Großen Krieges“. Was bleibt, ist nachzudenken und allen Geschichten um den Ersten Weltenbrand eine weitere, sehr lesenswerte, hinzuzufügen.

Der Erste Weltenbrand – Eine Artikelserie bei AstroLibrium und ein ganz kleines Hörspiel auf Literatur Radio Hörbahn: „Sie flüstern„.

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Elegie des Großen Krieges von Dorothe Reimann