„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Keine weltbewegende Neuigkeit und doch immer wieder hochinteressant, wie sich die internationale Diplomatie in der unendlichen Geschichte der Kriege dieses Mottos bediente. Am Ende der militärischen Strategie ist die Suche nach Handlungsalternativen eines der wichtigsten Instrumente von Staaten, die am Sieg auf dem Schlachtfeld zweifeln. Intrigen, Verrat, Sabotage und ein hohes Maß an Kreativität sind hier die Spielkarten, die man im Ärmel haben kann, um Gegner auszutricksen, die der eigenen Armee zahlenmäßig überlegen sind. Klingt wie ein Spiel und beim Rückblick auf die Menschheitsgeschichte finden sich zahllose Beispiel dafür.

Wie wäre es da mit einem hölzernen Pferd, das man vor die Tore einer Stadt rollt, bevor man still und heimlich den Rückzug antritt? Das Trojanische Pferd als Kriegslist hat bis in unsere Zeit überdauert und erobert heutzutage Betriebssysteme, Festplatten und infiltriert unsere Privatsphäre mit einer Armee unverwundbarer Viren. Warum also nicht auf das Bewährte zurückgreifen, wenn es mal eng wird mit dem Schlachtenglück und man befürchten muss, an allen Fronten geschlagen zu werden? Warum eigentlich nicht? Das müssen sich auch 1914 die Strategen des deutschen Kaiserreichs gedacht haben. Warum also nicht ein Trojanisches Pferd mit religiöser Fracht vor die Tore aller Verbündeten schieben, gegen die man in Europa zu kämpfen hatte? Warum sie nicht andernorts in einen unsäglichen Konflikt verwickeln, der den Krieg in Europa belanglos erscheinen lassen würde? Warum nicht einfach einen gewaltigen Sturm entfachen, der Engländer und Franzosen vom strategischen Spielfeld eliminieren würde?

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern erzählt von einem solchen Trojanischen Pferd. Jakob Hein hat sich für seinen bei Galiani Berlin erschienen Roman tief in die Denkweise der preußisch geprägten Kriegsstrategie recherchiert und einen auf wahren Ereignissen basierenden Welten-Schlachtplan entworfen, der heute abstrus und skurril wirkt. Bei genauem Hinsehen beruht dieser Plan auf einer brillanten Idee. Warum nicht den Heiligen Krieg im Orient entfachen? Warum nicht weltweit Muslime zum Dschihad aufrufen und sie dort über die verbündeten Gegner herfallen lassen, wo diese es nicht erwarten? In den Ländern, die England und Frankreich als Kolonisatoren unterdrücken. Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Diese Suche hatte man schnell beendet. Es galt nur noch, die Muslime davon zu überzeugen, diesen Sturm zu entfachen.

Und wie überzeugt man einen Sultan besser, als mit einem Geschenk? Hier kommt ein junger Leutnant ins Spiel, der sich genau dieses Spiel ausgedacht hat. Edgar Stern weiß, was zu tun ist. Er weiß, wie es zu tun ist und er weiß, wann der richtige Zeitpunkt für die Umsetzung seines Dschihad-Masterplans gekommen ist. Er wird sein Geschenk persönlich in Konstantinopel übergeben und damit die ganze muslimische Welt davon überzeugen, wie verbunden das Kaiserreich dem Islam ist. Was er dem Oberhaupt der Muslime schenken möchte? Ganz einfach. Muslimische Kriegsgefangene. Soldaten, die zum Dienst in der französischen Armee gezwungen wurden, von dieser als Sklaven behandelt und auf den Schlachtfeldern verheizt und an der Front gefangen genommen wurden. Zwölf junge Gefangene aus dem Bataillon der „Tirallieur Senégalais“ werden ausgewählt. Sechs Marokkaner, drei Tunesier und fünf Algerier.Nun gilt es nur, sie auf schnellstem Wege von Deutschland nach Konstantinopel zu bringen.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die einzige Chance, unerkannt dieses Zeil zu erreichen ist eine weitere List. Man verkleidet die Gefangenen als exotische Artisten und begibt sich als gestrandeter und pferdeloser Wanderzirkus auf die Reise durch Europa. Der Paradeoffizier schlüpft in die Paraderolle eines Zirkusdirektors und los geht die wilde Reise. Was sich hier liest wie eine Räuberpistole ist an historischer Skurrilität kaum zu überbieten. Was Jakob Hein hier erzählt ist jedoch alles andere, als ein amüsantes Kapitel aus dem Weltkrieg. Der Autor fabuliert vortrefflich und hintergründig. Er lässt den Amtsschimmel gewaltig wiehern, als er beschreibt, wie sehr der Militärapparat mit den Wünschen überfordert ist, Kriegsgefangene mit Pluderhosen und bunten Westen auszustatten. Reisekosten und Dokumente stellen größere Hürden dar, als eine Feldschlacht an der Somme. Es liest sich leicht, was hier intelligent und brillant erzählt ist. Und doch gelingt dem Autor mehr.

Aus der Perspektive der Kriegsgefangenen verdeutlicht Jakob Hein, was es heißt für ein fremdes Land an die Waffen gezwungen zu werden. Er unterstreicht, wie falsch es war, Muslime lediglich als homogene Masse zu sehen, die instrumentalisiert werden kann.Jakob Hein individualisiert, was gerne über einen Kamm geschert wird. Er leistet mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag im Verständnis für andere Religionen. Mehr kann man von einem Roman, der noch dazu unterhaltsam ist, nicht erwarten. Ich war gerne einer der Artisten. Bin gerne dem Pfad dieser Zirkustruppe gefolgt und habe es genossen, der preußischen Bürokratie ein Schnippchen zu schlagen. Und ich bin sehr gerne mit Leutnant Stern gescheitert. Denn wer weiß, was passiert wäre, wenn….

Dieser Roman ist selbst ein Trojanisches Pferd. Ziehen Sie es in ihr Bücherregal. Bestes Lesen ist garantiert.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Jakob Hein beleuchtet den Versuch, den Dschihad mit dem Ersten Weltkrieg zu verbinden, an dieser singulären paramilitärischen Aktion. Sie stand jedoch nicht allein auf weiter Flur. Umfangreich waren die Bemühungen des Kaiserreichs weltweit Muslime dazu zu bewegen, den Krieg im Orient weiter eskalieren zu lassen. Der ebenso brillante Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky beleuchtet diese Bestrebungen umfangreicher und komplexer. Wer also hier auf den Geschmack gekommen ist, nicht nur mit ein paar Artisten zu reisen, sondern ganze Kriegsschiffe zu verschenken, Sendeanlagen in das Türkische Reich zu transportieren und den Krieg wie ein großes Spiel zu sehen, sollte unbedingt das volle Risiko des Lesens eingehen und Risiko lesen.

In diesen beiden Büchern stellt sich nicht die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Viel eher hat dieses Land in der Vergangenheit immer wieder versucht, sich so zu positionieren, dass es seinen Vorteil daraus zog. Gehört Deutschland zum Islam? Diese Frage hat man im Deutschen Kaiserreich immer gerne mit ja beantwortet. Konnte man doch auf diese Art und Weise das Fähnchen so in den Wind hängen, dass es den Krieg dorthin trug, wo man es gerade gehisst hatte. Fragen, die sich in der Geschichte wiederholen. Fragen die man so niemals stellen sollte. Es sind Menschen, die zu einem Land gehören. Es sind Menschen, die ein Land ausmachen und ihm Identität verleihen. Es sind Menschen, die ein Land prägen. Keine Sammelbegriffe und Pauschalurteile.

Risiko von Steffen Kopetzky

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„Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Eigentlich hatte ich mich nur auf einen sechsstündigen Ausflug eingestellt. „Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford wollte ich mir auf 7 CDs anhören. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, als ich die außergewöhnliche Hörspiel-Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in Frankfurt entdeckte und ich war voller Vorfreude, wieder zu Ford Madox Ford zurückzukehren, den ich durch „Die allertraurigste Geschichte“ schon lange vor meiner Zeit als literarischer Blogger kennengelernt hatte. Es war seine tiefe Melancholie, die mich für ihn vereinnahmt hatte. Es ist sein Erzählstil, der noch in mir nachhallt, wenn er mir heute in der Welt der Literatur begegnet. Liebesgeschichten aus der Feder des 1939 verstorbenen Schriftstellers sind komplexe Sittengemälde ihrer Zeit. Sie sind wie die wahre Liebe: Skandalös, offenherzig, zärtlich, mutig, eifersüchtig, fatal und schmerzhaft.

Eigentlich wollte ich „Das Ende der Paraden“ nur hören, was natürlich auch daran liegt, dass die Romanvorlage in gebundener Fassung schon lange nicht mehr auf dem Markt ist. Und doch begann ich schon nach den ersten Tracks des Hörspiels nach der Buchfassung des Hauptwerks von Ford Madox Ford zu suchen. Was soll ich sagen. Ich wurde fündig, nahm Kontakt mit dem Galiani Verlag Berlin auf, und befand mich sehr schnell in Gesellschaft der Bücher, die fast zeitgleich mit dem Hörbuch als EBooks neu veröffentlicht wurden. Und nun sitze ich hier und sollte wohl eigentlich fünf Rezensionen zu vier Büchern und einem Hörbuch verfassen. Ich mag jedoch nicht trennen, was der Autor für untrennbar hielt und bleibe dem Werk treu. Ich bleibe bei einem Artikel.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Die einzelnen Bücher der Ford-Tetralogie reflektieren die wichtigsten Phasen im Leben ihres Protagonisten Christopher Tietjens. Die vier Titel der Romane stehen für die facettenreiche und komplexe Geschichte, die sich im England des Ersten Weltkriegs abspielt. Sie werden dadurch zum Synonym für die vier Kapitel einer Liebe, die erst den Hass und die Eifersucht einer vergangenen Beziehung überwinden muss, bevor sie wie Phoenix aus der Asche des Krieges neu entstehen kann. Aus diesen Büchern besteht die Tetralogie, die unter dem Gesamttitel „Das Ende der Paraden“ weltbekannt wurde::

Manche tun es nicht
Keine Paraden mehr
Der Mann, der aufrecht bliebund
Zapfenstreich

Wenn man die Bücher beendet hat, stehen diese Titel für alles, was man zwischen den Zeilen erleben durfte und musste. Sie stehen für den hohen Moralbegriff und das Ehrgefühl des Engländers Christopher Tietjens, die ihn dazu veranlassen, die Ehe mit seiner Frau Sylvia aufrecht zu halten, obwohl die Beziehung völlig zerrüttet ist. Nur wir wissen, woran das liegt. Nur wir erahnen, in welche Falle der gute Christopher Tietjens gegangen ist, weil Sylvia ihren Mann ihn im Unklaren lässt, warum sie dieser Ehe keine Chance mehr gibt.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

„Ich bin mit den Männern fertig. Ich hasse Mann und Kind. Ich verstehe mich gut darauf, meinen Mann zu quälen, indem ich das Kind verderbe.“

Und das hat sie drauf! Die gute SylviaSie verlässt ihren Mann, entzieht ihm das Kind und lästert im gemeinsamen Bekanntenkreis über Christophers Schwächen. Sylvia hat ihn in der Hand und spielt genüsslich mit ihrer Macht. Sie ist eine grausame Diva voller Hass und Eifersucht. Sie spielt ein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit ihm. Scheidung kommt nicht in Frage. Gesellschaftlich undenkbar. Sie denkt, alle Fäden in der Hand zu haben, während er nicht mal sicher ist, ob er überhaupt der Vater des Kindes ist. Hier kommt unverhofft die junge Valentine Wannop ins Spiel. Sie zeigt Christopher, wie es sich anfühlen kann, wenn man aufrichtig liebt. Intellekt und Emotionen vereinen sich zu großer gemeinsamer Leidenschaft, deren Erfüllung an den Moralvorstellungen der Zeit scheitert. „Manche tun es nicht„. Sie tun es nicht. Sie lieben und begehren, aber sie tun es nicht. Beeindruckend.

„Die Trennung von meiner Frau macht mich frei für mein Mädchen. Aber wir taten es nicht. Das ist England. Ein Mann und sein Mädchen“ 

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Als der Erste Weltkrieg immer mehr Einsatz fordert und Sylvia die Schlinge immer enger um den Hals ihres Mannes zieht, flieht er auf die Schlachtfelder Frankreichs. In letzter Konsequenz der einzige Ausweg vor Sylvias Intrigen, denn seit er Valentine liebt, kennt Sylvias Eifersucht keine Grenzen mehr. „Keine Paraden mehr„. Jetzt geht es in die Schlacht, ins blutige Gemetzel. Hier wird der Roman zum grausamen Grabenkrieg, der alle Vorstellungen sprengt. Gas, Granaten, Ratten und die ständige Angst vor dem Tod. Das sollten am Ende aller Paraden die Hauptfeinde Captain Tietjens sein. Falsch gedacht. Er ist kein Paradeoffizier.

„Dieser Krieg ist ein Freudenhaus. Er wird sich mir fügen.“

Sylvia folgt ihrem Mann bis kurz vor die Front. Sie vermutet dass sich Valentine dort befindet, um Christophers Leben zu versüßen. Blinder Hass auf den Ehemann, der nun sein Glück gefunden hat, bringt sie dazu, ihn bei seinen Vorgesetzten zu diskreditieren und Intrigen zu spinnen, die gefährlicher sind, als alle Granaten der verhassten Feinde. Als der Friede ausbricht erhebt sich „Der Mann, der aufrecht blieb“ um nach Hause zurückzukehren und die großen Entscheidungen seines Lebens zu treffen. Sehr knapp hat er das Intrigenspiel seiner Frau überlebt. Jetzt scheint der Weg frei zu sein für die einzige und wahre Liebe seines Lebens. Die Suche nach dem Ausweg beginnt. Finale ist für das Schlusskapitel „Zapfenstreich“ das falsche Wort.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Der Erste Weltkrieg ist verraucht, doch die eigene Familiengeschichte holt den Heimkehrer ein. Die Schachfiguren sind neu formiert. Grundbesitz, Erbe und Zukunft stehen auf dem Spiel. Wie im Krieg, so gibt es auch hier keinen Sieger. Sylvia kämpft um das Erbe für den scheinbar gemeinsamen Sohn. Doch Tietjens älterer Bruder hat ein paar Trümpfe in der Hand, die das Schicksal in neue Bahnen lenken können. Der Abgesang auf die britische Aristokratie könnte lauter nicht sein. Eine Geschichte kann zeitloser nicht daherkommen und ein Protagonist kann bemitleidenswerter nicht wirken. Als Mark Tietjens auf dem Sterbebett liegt, vernimmt nur eine Frau seine letzten Worte. Es ist die Frau, die mit diesen Worten am Ende einer Geschichte leben darf und muss. Ein Finale in literarischem Großformat…

Das Ende der Paraden“ überzeugt in der Hörspielfassung, obwohl die Gliederung in vier Lebenskapitel hier nicht mehr auffindbar ist. Es ist komprimiert, verkürzt und so eigenständig wie man sich ein gelungenes Hörspiel, das vier Bücher umfasst, wünscht. Sieben CDs, 5,52 Stunden Laufzeit, vier Romane von Ford Madox Ford als Vorlage, 40 Rollen und ihre Sprecher… Das sind nur die Fakten. Manfred Zapatka, Wiebke Puls, Bibiana Beglau und viele mehr haben ihre Stimmen in der Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in die Waagschale geworfen. Was unter der Regie von Klaus Buhlert entstand ist keinesfalls eine verstaubte Klassiker-Lesung. Es ist modernes Hörspielkino in einer Inszenierung von Format. Die Stimmen des Ensembles verankern sich und ihre Rollen schnell im Gedächtnis des Hörers. So wird lebendig und hasserfüllt, was lesend erst erfühlt werden musste. So wird zärtlich und beschwingt, was oft monoton gelesen wurde. Und in fast schon apokalyptischen Pauseninszenierungen wird die Wucht des Hörspiels überwältigend. Lasst euch überraschen. Moderner geht Klassik nicht.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Ich empfehle das Hören. Die Bücher nur als EBooks zu lesen fiel mir schwer, weil ich zu Dateien keine Beziehung aufbauen kann. Ich hätte sie lieber als geschlossene Reihe in meinem Bücherregal stehen. Aber das reflektiert nur mein persönliches Lesen mit all seinen Vorlieben und Abneigungen. Die Neuauflagen hätten es wohl verdient, gedruckt zu werden. Sie überzeugen in jeder literarischen Hinsicht und lassen Ford Madox Ford wieder auferstehen. Großes Kompliment dafür. Das imposante Hörspiel hebt Das Ende der Paraden auf ein neues Level. Die zentrale Geschichte wird aus dem Urschleim der komplexen Originalgeschichte herausgewaschen wie ein Goldnugget.

Und der hört sich unglaublich gut an! Hörbuchgold. Klassik up to date. Und BR 2 bietet derzeit als Mitproduzent das komplette Hörspiel kostenlos zum Download!

Die „Verborgene Chronik“ (1914 – 1918) in Schrift und Ton

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Warum nicht mit meinem diesjährigen Urlaub beginnen? Warum nicht mal erklären, was mich angetrieben hat, eine 2500 Kilometer lange Reise durch Frankreich an einem Ort zu unterbrechen, der so gar nicht für Erholung und eine schöne Aussicht steht? Ein Abstecher, der nicht nur mir verdeutlichen sollte, dass für mich nicht selbstverständlich ist, was viele Touristen als völlig normal erleben. Es war nur ein kleiner Umweg der uns zu den Schlachtfeldern von Verdun führte, zum Beinhaus von Douaumont und zu den unzähligen Kriegsgräbern der Gefallenen des ersten Weltenbrandes. Es ist gerade mal 100 Jahre her, da lagen sich dort deutsche und französische Soldaten gegenüber, nur wenige Meter durch Schützengräben und Stacheldraht voneinander getrennt. Und doch vereint in der Angst vor dem nächsten Angriff, der Furcht vor Giftgas und zermürbt vom unendlich scheinenden Abnutzungskrieg.

Es ist nicht selbstverständlich dort zu stehen. Nicht für mich. Es ist nicht gänzlich selbstverständlich, in dem Nachbarland willkommen zu sein, das in den letzten hundert Jahren gleich zwei Mal von unseren Vorfahren in einen Krieg gezogen wurde. Es liegen drei Generationen zwischen den brutalen Gefechten von einst und meinem Besuch an den Gedenkstätten des Ersten Weltkrieges. Meine Großväter gehörten zu den Soldaten des Kaiserreiches, die auf diesen Schlachtfeldern ihre Spuren hinterließen und an Leib und Seele traumatisiert nach Hause kamen. Es ist für mich nicht selbstverständlich dort zu stehen. Es gäbe mich nicht, wenn auch nur einer meiner Großväter da gefallen wäre wo Unzählige ihr Leben ließen. Wenn diese Kreuze erzählen könnten, sie würden wohl vom Wahnsinn des Krieges künden. Ein hundertausendstimmiger stummer Chor. Und doch so laut, wenn man genauer hinhört.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Was fühlten diese Menschen an der Front, wie lebten sie diesen Krieg, wie erlebten und überlebten sie ihn? Eine Frage, die mich beschäftigt und der ich immer wieder auf den Grund gehe. Primärquellen helfen dabei, sich in die Situation zu versetzen. Briefe von der Front, Feldpostbriefe genannt und Tagebücher bieten einen genauen Blick auf die einzelnen Schicksale. Viele Bücher las ich zu diesem Thema. Eines wartete lange auf seine Fortsetzung. Die „Verborgene Chronik 1914“ von Lisbeth Exner und Herbert Kapfer (Galiani Verlag) war der erste Band einer chronologischen Tagebuchcollage, die zahllose private Diaristen des Ersten Weltkrieges zitiert. Alleine im ersten Teil, der sich mit dem ersten Kriegsjahr auseinandersetzt, kommen 57 unveröffentlichte Stimmen zu Wort, die ein Mosaik der Gefühlslage an der Front und in der Heimat entstehen lassen. Die einfachen Menschen, die hier nur für sich geschrieben haben und von denen meist nur die Tagebücher im Deutschen Tagebucharchiv geblieben sind, ahnten nicht, dass ihre Worte je von uns gelesen werden. Dazu waren sie nicht gedacht. Wir sollten heute vertrauensvoll mit diesen Zeitzeugnissen umgehen. Sie sind privat!

Die verborgene Chronik 1915 – 1918

Nun liegt der große finale Wurf dieser Collage vor. In einem Band haben die beiden Herausgeber alle Tagebucheinträge über die Kriegsjahre 1915 bis 1918 veröffentlicht. Und zeitgleich zu diesem historischen Zeitzeugnis von Format aus dem Galiani Verlag hat Der Hörverlag eine Gesamtausgabe der verborgenen Chronik von 1914 bis 1918 in einer zweistimmig gelesenen gekürzten Audio-Fassung veröffentlicht. Ein literarisch grandioses Großprojekt, dessen Inhalt in keinem Geschichtsbuch dieser Welt zu finden ist liegt nun als über 800-seitiges Buch und als gekürzte Lesung auf 15 CDs mit einer Laufzeit von mehr als 19 Stunden vor. Diesen Raum hat sich die Tagebuch-Kollektion verdient. Sie verleiht im wahrsten Sinne des Wortes nahezu 100 Tagebuchschreibern, die bisher im Verborgenen geblieben sind, Stimme und Gewicht.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Hier finden wir sie: Den einfachen Frontsoldaten, dessen Kriegsbegeisterung von Tag zu Tag zu schwinden beginnt, und lethargischer Resignation Platz macht. Den Offizier, der fast den gesamten Krieg in Gefangenschaft verbringt und sich darum sorgt, ob ihm gestattet wird, seine Andenken von unterwegs mit in die Heimat bringen zu können. Die jungen Mädchen, die ihre Erinnerungen niederschreiben, gefärbt vom Unterricht und im Glauben an die Zeitungsmeldungen dieser Tage. Den Armeepfarrer, der im Verlauf des Krieges alles verliert, was ihm wichtig war, der seinen gefallenen Bruder im Sarg nach Hause begleitet und anderen Trost spenden muss. Von göttlichem Beistand kann nicht mehr die Rede sein. Den Arzt, der seine Hilflosigkeit erkennt und die Frauen, die in der Heimat auf die Rückkehr ihrer Liebsten hoffen.

Aber auch skurrile Einträge lassen aufhorchen. So findet zum Beispiel der Brief von einer Ehefrau an ihren an der Front kämpfenden Mann seinen Weg ins Tagebuch eines Soldaten, der die Post kontrolliert. Sie teilt ihrem Mann mit, dass sie nun schwanger ist. Natürlich nicht von ihm. Sie habe ja auch drei Wochen nichts von ihm gehört und groß war der Schreck, als er sich plötzlich wieder meldete. Sie freue sich über das Geld, das er nach Hause schicke, weil ja alles so teuer sei und äußert sich glücklich darüber, ihn an der Front zu wissen, da er ja dort kostenloses Essen bekäme. Vielleicht käme ja das Kind tot zur Welt und dann sei alles wieder gut. Gezeichnet: Deine aufrichtige Frau. Ja, da kann man sich vorstellen, warum sich Frontsoldaten selbst erschossen haben.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Ohne Wertung durch die Herausgeber, ohne jeglichen Eingriff von außen werden wir zu Zeugen des subjektiv Erlebten. Erst die meisterliche Collage ergibt ein Bild, das sich bewerten lässt. Widersprüche, Propaganda und gezielte Fehlinformationen lassen sich identifizieren. Die Lebensumstände an der Front und die sich immer dramatischer verschlechternde Ernährungslage in der Heimat werden fühlbar. Und letztlich wird klar, worauf die Nationalsozialisten nur wenige Jahre später aufbauen konnten. Hier zeigen sich die ersten Spuren der Dolchstoßlegende einer im Felde unbesiegten Armee, die gedemütigt und nach zahllosen Opfern und Entbehrungen nur durch unfähige Politiker verraten wurde. Eine Legende, die zum Umsturz beitrug, Soldatenräte möglich machte, die Weimarer Republik stark belastete und spätestens ab 1933 gerne für die Rache am sogenannten Erzfeind Frankreich herhalten musste.

All dies lässt sich aus den Tagebucheinträgen herauslesen. Die Sinnlosigkeit des Krieges wird greifbar. Da stehen diese Dokumente den Kriegstagebüchern von Ernst Jünger in nichts nach. „Die verborgene Chronik“ erreicht ein beschreibendes Niveau das bei Walter Kempowski in seinem Echolot-Projekt über den Zweiten Weltkrieg zu Weltruhm gelangte. Nur fehlen die Prominenten, die Politiker, die Intellektuellen, die im Echolot zu Wort kommen dürfen. Hier sind es ganz kleine Gestalten am Rande unserer Geschichte, die ihre Sichtweisen vertreten. Das macht „Die verborgene Chronik“ sehr authentisch und greifbar. Das kann unseren heutigen Blick auf die Glaubwürdigkeit von Nachrichten schulen. Fake-News sind keine Erfindung unserer Zeit. Und gegen einen gesichtslosen Gegner kämpft es sich am besten. Darauf sollten wir achten.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

„Die verborgene Chronik“ in Schrift und Ton ist eine große Vereinzelungsanlage der Schicksale. Hier dominiert kein WIR oder UNS. Hier ist es der Einzelne, der ohne Pathos von seinen Ängsten berichten darf. Die Individualisierung der Erlebnisse macht den Schrecken des großen Ganzen erst richtig greifbar. Und an den zahllosen Gräbern vor Verdun stellt man sich die Frage, wie viele unerzählte Geschichten hier begraben liegen. Wie viele Generationen es nicht geben durfte, weil hier massenhaft gestorben wurde und warum man nichts daraus gelernt hat, sondern kaum 20 Jahre später erneut die Kampfstiefel auf diese verbrannte und geheiligte Erde setzte.

Was das mit meinem Urlaub zu tun hat? Ganz einfach. Ich hörte jenen zu, die noch zu Wort kommen konnten. Das ist das Verdienst der verborgenen Chronik. Ich lauschte den nie erzählten Geschichten über den Gräbern des Beinhauses von Douaumont und erzählte meiner Tochter von zwei Ländern und zwei Kriegen, von ihren Urgroßvätern in Frankreich und von Versöhnung danach. Ich erzählte ihr, der jungen Erstwählerin, wie sich Politik auf ihr Leben auswirkt. Der Antrittsbesuch eines französischen Präsidenten in unserem Land setzt heute fort, was zuvor mit freundschaftlich gereichter Hand über diesen Gräbern eingeleitet wurde. Und letztlich sind wir es, die Politik machen, weil wir bei allem Spaß dieser Welt nicht leugnen, was uns die Geschichte an Verantwortung in das Tagebuch des Erinnerns schrieb.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Der Erste Weltkrieg in der kleinen literarischen Sternwarte.

Verborgene Chronik 1915 – 1918 und die Hörbuch-Gesamtausgabe

Durchbruch bei Stalingrad von Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Wer liest denn heute noch Romane über die Schlacht bei Stalingrad? Welchen Leser kann ein Ereignis noch hinter dem Bücher-Ofen hervorlocken, das nun seit über siebzig Jahren Geschichte ist, und das von einer Vielzahl renommierter Autoren in jeder Facette aller möglichen Details literarisch aufgearbeitet wurde? Wer ist bei der Flut der monatlichen Neuerscheinungen noch geneigt, sich erneut oder erstmalig in den Kessel der Großstadt an der Wolga zu begeben?

Ich! Ganz klar: Ich bin bereit und gewillt, mich lesend in den Kessel zu begeben und ein ganz besonderes Buch in den endlos scheinenden Kanon meiner Lektüre Gegen das Vergessen einzureihen. Woran das liegt, kann ich leicht erklären. Zu viele einzigartige Fakten sind mit der Entstehungsgeschichte des Romans Durchbruch bei Stalingradvon Heinrich Gerlach (erschienen bei Galiani Berlin) verbunden und machen nicht nur neugierig, sondern versprechen einen ungetrübten Blick auf das grauenvolle Szenario einer eingeschlossenen Armee im Todeskampf.

Darüber hinaus wirft ein solcher historischer Stoff gerade in der heutigen Zeit viele Fragen auf, denen man sich von allen Seiten nähern sollte. Da wandern braune Horden mit rechtsradikalem Gedankengut am Mai-Feiertag durch Plauen und skandieren „Heil Hitler“, zeigen stolz den Nazi-Gruß und benehmen sich, als würden sie diese guten alten Zeiten heraufbeschwören. Da ziehen also wieder einmal Menschen durch unsere Städte, getragen vom Glauben, dass sie etwas Besseres sind und, dass sie sich das Recht anmaßen können, andere aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Religion anzufeinden und auszugrenzen.

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Lest doch mal, wie menschenverachtend die Diktatur des Dritten Reichs mit den eigenen „Auserwählten“ umgegangen ist. Haltet Euch doch selbst mal vor Augen, wie schnell die „Sieg-Heil-Rufe“ denjenigen im Halse stecken blieben, die im angeblich aufopferungsvollen Kampf für ihr weit entferntes Vaterland plötzlich die Kehrseite aller Medaillen kennenlernten, die ihnen in den Todeskessel nachgeschickt wurden. Statt der so dringend nötigen Verpflegung wurden kistenweise Eiserne Kreuze abgeworfen.

Und dies mit apokalyptischen Befehlen versehen: „Kapitulation ausgeschlossen. Truppe verteidigt bis zum Letzten“. Und während nun 300000 Soldaten im Kessel von Stalingrad ihrem drohenden Untergang entgegenblickten wurden zuhause im Reich die Legenden vom heldenhaften Opfergang erfunden, um das Volk bei der Stange zu halten und den selbst verursachten Zweiten Weltkrieg auf der Zeitachse zu strecken.

Ja. All jene, die heute diesen alten Legenden vertrauen, sollten ein solches Buch lesen. Sie sollten gerade dieses Buch lesen, da es ohne jede Glorifizierung die brutale Innenansicht einer Schlacht liefert, die im kollektiven Gedächtnis nur noch als tapferer und verzweifelter Kampf einer ganzen Wehrmachtsarmee verankert ist. Die Legende scheint tatsächlich bis in unsere Zeit zu tragen und die ewig Gestrigen dürften in eisige Schockstarre verfallen, wie ebenjener Diktator, dessen Namen sie so sehnsuchtsvoll und lauthals durch unsere Straßen rufen, auch mit ihnen verfahren wäre. Lest…

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Und glaubt, was ihr lest. Denn Heinrich Gerlach wusste, wovon er schrieb, wusste wie er es schreiben sollte und gehörte selbst zu einer Generation verblendeter und um ihre Jugend betrogener Menschen, die der Ideologie und dem Wahn der einzig wertvollen Rasse verfallen war. Wenn Heinrich Gerlach die heutigen Rufe vernehmen würde, ich denke es würde ihm den Magen umdrehen. Denn genau aus diesem Grunde schrieb er. Diese innere Motivation trieb ihn an, ein Zeitzeugnis zu hinterlassen, das in der Lage ist Augen zu öffnen.

Heinrich Gerlach war dabei. Als junger Offizier war er Teil der todbringenden Armee, die in Russland einfiel, um dort den ideologisch eingeforderten Lebensraum zu erobern. Heinrich Gerlach war Teil dieser 6. Armee, die nach blitzartigem Vormarsch durch die weiten des Landes schließlich an der Wolga angelangte und dort im Winter des Jahres 1942 von der Roten Armee eingekesselt wurde. Heinrich Gerlach war einer von diesen 300000 Soldaten, die im Eis von Russland verheizt werden sollten.

Heinrich Gerlach überlebte die Kesselschlacht von Stalingrad und ging 1943 mit den wenigen Überlebenden in eine Gefangenschaft, die als Feigheit bezeichnet wurde. Überleben war ein Tabu. Die Kapitulation war unehrenhaft. Gefangenschaft undenkbar. Man hatte zu fallen, oder sich selbst zu erschießen, wenn man den Mumm dazu hatte. Alles andere war mehr als inakzeptabel. 1943 ging Gerlach in Kriegsefangenschaft. Eine Gefangenschaft, die weit über das Kriegsende hinaus andauern sollte. Erst 1950 kehrte er in ein völlig verändertes Deutschland zurück. Nur wenigen Überlebenden war dies vergönnt.

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Um sich von der Last des Erlebten zu befreien, hatte er noch in der Gefangenschaft mit dem Schreiben begonnen. Gerlach verfasst keinen Tatsachenbericht. Er versuchte, einen Roman zu schreiben, um aus der Distanz das wahre Grauen zu beschreiben und damit den gefallenen und erfrorenen Kameraden nicht persönlich zu nahe zu treten. Der Blickwinkel durch die Perspektive seines Alter Egos, des jungen Oberleutnants Breuer, ermöglichte ihm die präzise Schilderung der Qualen, der puren Verzweiflung und aller menschlichen Abgründe, die er am eigenen Leibe erleben musste.

Sein Blick ist fokussiert auf die Schlacht um Stalingrad. Der Weg dorthin wird kaum thematisiert. Er beschränkt sich auf den Schmelztiegel des menschlichen Grauens, in dem er selbst bis zum Rand des erträglichen in der Kälte des russischen Winters gegart wurde. Seine Beschreibungen sind ebenso realistisch wie drastisch. Er lässt absolut nichts aus. Die Gratwanderung zwischen Selbsterhaltungstrieb, militärischer Treue und Unglauben in Anbetracht der versagenden Führung hinterlässt tiefe Spuren in ihm. Es sind keine Menschen mehr, die er hier beim Kampf mit sich selbst beschreibt. Es sind Tiere, die um ihr Überleben kämpfen. Und es sind Schweine, die in der Verantwortung stehen und sich aus dieser herausstehlen.

Der Kampf bis zum letzten Mann endete beim einfachen Soldaten. Generale waren damit nicht gemeint. Die Führung war damit nicht gemeint. Kanonenfutter war anders definiert. Hier ist es ein wahrer Antikriegsroman, der in seinem Aufbau und seiner Dramaturgie zeitlos mahnendes Beispiel für fatalen Kadavergehorsam und falsche Treue ist. Wer dieses Buch emotionslos liest, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer hier nicht versteht, was es bedeutet, wertlos zu sein, der wird nie verstehen!

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Ich habe Heinrich Gerlachs Roman „Durchbruch bei Stalingrad mit den mir zur Verfügung stehenden sekundären Quellen verglichen. Walter Kempowskis „Echolot stellt für mich eine der wichtigsten Sammlungen an Zeitzeugnissen dar, derer man sich hier bedienen kann. Alle Seiten kommen zu Wort. Jeder Seite wird Rechnung getragen und im Abgleich zwischen originalen Quellen und Roman erschließt sich die Dramatik einer aussichtslosen Situation in aller Tiefe.

Lesenswert. Auch – und gerade – heute noch. Dieser Roman hat eine besondere Geschichte. Gerlach musste das Manuskript in Russland zurücklassen, als er in Freiheit entlassen wurde. Er versuchte es unter Hypnose zu rekonstruieren und unter dem Titel Die verratene Armee wurde der Roman Ende der 1950er Jahre zum Bestseller in Deutschland. Nun wurde das Original des Manuskripts in russischen Archiven gefunden und kehrt nach über 70-jähriger Gefangenschaft zurück. So nah am Geschehen schrieb kein anderer Autor. So authentisch verlor kein Berichterstatter aus dem Krieg seinen Glauben an die fatale braune Ideologie.

Und doch darf eines nicht aufkommen. Mitleid mit den Eingeschlossenen. Hier hilft der gezielte Blick in Victor Klemperers Tagebücher „Ich will Zeugnis ablegen bis zuletzt„, in denen der verfolgte jüdische Professor in Dresden genau in diesen Tagen beschreibt, welche Konsequenzen es für ihn hat, wenn der Krieg noch länger dauert. Die Transporte für die Deportation der jüdischen Bewohner Dresdens standen bereit. Jeder einzelne Schuss an den Fronten erhöhte die Lebensgefahr, jeder Tag, den der Krieg länger dauerte war ein Tag zu viel. Daran sollten wir immer denken. Lesend.

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Nach Stalingrad sollte der Zweite Weltkrieg noch mehr als zwei Jahre andauern. Victor Klemperer überlebte. Heinrich Gerlach überlebte. Aber er erlebte die Rückkehr seines Manuskripts nicht mehr. Gottlob auch nicht die Schreie auf den Straßen. Lasst euch warnen… Lest…

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Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Durchbruch bei Stalingrad” von Heinrich Gerlach in Verbindung stehen.

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach - Die Bücherkette

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach – Die Bücherkette