Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Gibt es eine Blaupause für Coming-of-Age-Romane? Gibt es ein Strickmuster, an dem man sich als Autor entlanghangeln kann, um im eigenen Werk keine Elemente zu vergessen, die von ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten vorgegeben sind? Mir scheint es fast so zu sein. Wer über das Erwachsenwerden schreibt, muss ein paar Zutaten in den großen literarischen Suppentopf werfen, auf die man absolut nicht verzichten kann. Sonst schmeckt das Ergebnis nicht nach kraftvoller Adoleszenz. Sonst bleibt ein fader Beigeschmack eines unfertigen Gerichts, das eher aufstößt, als genussvoll zu sein. Ich bin jenem Muster gefolgt. Ich reibe diese Erkenntnisse an meiner eigenen Jugend und könnte fast eine Checkliste vorlegen, die alles beinhaltet, was in einem großen Roman über die letzten Tage der eigenen Kindheit vorkommen muss, damit wir sagen: „Ja, so hat es sich angefühlt“.

Die Coming-of-Age-Rezeptur 2021. Man nehme:

  • einen unsicheren, schüchternen und doch sympathischen Heranwachsenden
  • eine verzweifelt angebetete und doch unerreichbare erste Liebe, verkörpert von einem möglichst charismatischen und ungewöhnlichen Mädchen
  • ein hermetisch abgeschlossenes Biotop namens Heimat
  • eine mythisch anmutende legendäre Zeitscheibe der jüngsten Vergangenheit
  • einen Hauch von Abschied, der über der gesameten Szenerie liegt
  • einen väterlichen „Alltags-Coelho“, der als philosophischer Kompass dient
  • ein paar Rabauken aus der Nachbarschaft, vor denen man sich fürchten muss
  • gute Freunde (zumindest einen), mit denen man Pferde stehlen kann
  • den einen großen Erweckungsmoment, der die Grenzlinie zur Kindheit definiert
  • die tragische Grundlagengeschichte der Eltern des Protagonisten und zuletzt
  • kleine Portionen zeitgemäßer Zutaten wie Rassismus und / oder Mobbing

Hält man sich an diese Rezeptur und gelingt es dann auch noch, sie mit Leben zu füllen, dann steht einem erfolgreichen Coming-of-Age-Roman nichts im Wege.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Zur Überprüfung dieser Rezeptur können wir ja gerne mal den aktuellen Roman von Benedict Wells einem grundlegenden Check unterziehen. Und siehe da: Im Adoleszenz-Szenario eines gewissen Sam Turner entdecken wir in „Hard Land“ alle Ingredienzien, die zwingend in die Suppe gehören, damit sie mundet. Da ist die junge Kirstie, ohne die ein weiteres Leben möglich ist, aber keinen Sinn macht. Da ist eine kleine verschlafene Stadt in Missouri, in der es sich 1984 zwar zu leben lohnt, die es aber hoffentlich bald zu verlassen gilt. Grady. Da ist ein längst verstorbener Autor, in dessen Werk unser Protagonist die Richtschnur seines Lebens vermutet. Da sind die Konflikt-gestählten Schlägertypen, vor denen es auszureißen gilt. Wir finden Freunde, an deren Seite man erwachsen werden kann. Wir erleben ein magisches Festival, an dessen Ende nichts mehr so ist, wie zuvor. Und die Geschichte der Eltern steckt den Rahmen ab, aus dem Sam Turner ausbrechen muss. Trauer und Depression. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass einer seiner engsten Freunde gegen Rassismus und Diskriminierung ankämpft, dann hat man hinter jeden Punkt der Checkliste einen Haken gemacht.

Verfügt man dann noch über die empathische literarische Brillanz eines Benedict Wells, steht dem Erfolg nichts im Weg. Begeisterte Leser (mich eingeschlossen), sehr gute Rezensionen in der großen Riege der selbsternannten Literaturkritiker (wozu man auch mich zählen darf) und nicht zuletzt bestmögliche Platzierungen in Bestsellerlisten. So schreibt man heutzutage Erfolgsgeschichten. Das wollen die Menschen lesen. Und, um ganz ehrlich zu sein, solche Bücher dürften kein Ende haben. Womit ich nun auch schon dort angelangt bin, wo ich eigentlich seit Beginn dieses Artikels hin wollte. Wenn es also diese Blaupause gibt, wenn man sich in ihren Grenzen wohlfühlt und ein Buch einfach nur genießen kann, wo werde ich fündig, wenn ich vergleichbares suche? In meinem Lesen sind es manchmal Zufälle, die mir solche Bücher ins Haus bringen. Hier jedoch ist es das Ergebnis genauen Abwägens, zwei Coming-of-Age-Romane in Folge gelesen zu haben. Ich wollte vergleichen.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Dabei soll der Vergleich keine vergleichende Bewertung sein. Vielmehr möchte ich zeigen, dass es auch neben dem derzeitigen Branchenprimus Benedict Wells Romane gibt, die unglaublich lesens- und liebenswert sind. Vielleicht gehen sie gerade ein wenig im Mahlstrom der Neuerscheinungen unter, vielleicht leiden sie mehr unter den Corona-Bedingungen und der damit verbundenen Unsichtbarkeit auf dem Buchmarkt, der sich in diesen Tagen als kontaktlose Kontaktbörse präsentiert. Autoren ohne Lesungen. Die Welt des digital Gezeigten überlagert die Welt des realen Erlebten. So bitte ich diesen Vergleich zu verstehen. Ich möchte nicht zwei Romane aneinander reiben. Ich möchte aufzeigen, warum man Björn Stephan in einem Atemzug mit Benedict Wells nennen kann, wenn es um brillant erzählte Geschichten an der Grenzlinie zur Adoleszenz geht.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau

Wenn ich meine Coming-of-Age-Checkliste wie eine Schablone anlege, stelle ich erfreut fest, dass hier alle Zutaten zu einer großen Geschichte vom Erwachsenwerden zu finden sind. Nicht nur lieblos in den literarischen Topf geworfen, sondern mit großer Sorgfalt komponiert. Das Besondere an diesem Buch ist der Kontrast zu den Kulissen, die sich ansonsten für solche Geschichten anbieten. Wir sind in Klein Krebslow und erleben die letzten Reste eines längst überkommenen Plattenbau-Biotops in dem Land, das eigentlich wiedervereinigt ist, in dem die Wunden des Zusammenbruchs der DDR noch deutlich spürbar sind. Auch noch im Jahr 1994, in dem uns der dreizehnjährige Sascha Labude zum ersten Mal begegnet. Mit ihm kann man sich identifizieren, weil sich in ihm die Unsicherheit einer jungen Generation spiegelt. Wo stehe ich? Warum werde ich mit einer neuen Welt konfrontiert, ohne die Gründe zu verstehen, warum die alte Welt untergegangen ist? Warum ist die Plattenbausiedlung so heruntergekommen, was verändert sich hier? Gemeinsam mit seinem besten Freund Sonny erlebt er den Abgesang auf eine Zeit, an die er sich kaum erinnern kann. Ganz im Gegensatz zum eigenen Vater, der sich tief in sich zurückgezogen hat und als stummer Zeitzeuge in den Tag lebt. Trost- und ereignislos könnte man das Leben bezeichnen.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Wären da nicht die brutalen Schläger-Brüder, die im gleichen Haus wohnen und vor denen er ständig auf der Hut sein muss. Wäre da nicht die ganz eigene Welt des Sascha Labude, in der er einzigartige Wörter sammelt wie andere Menschen seltene Briefmarken. „Onsra“ zum Beispiel aus der Sprache namens Boro. Es beschreibt das Gefühl, niemals wieder so lieben zu können, wie einst. Ein Tagträumer erste Güte. Ja, und wäre da nicht Jenni Köhn, die alle nur Juri nennen, weil sie wie Juri Gagarin in die Unendlichkeit des Weltalls vorstoßen will. Sie verändert alles. Sie ist neu hier und stellt alles in den Schatten, was Sascha sah, fühlte und lebte:

„Juri war schöner als das schönste Wort, das ich kannte,
und selbstverständlich tausendmal schöner als Sabrina Kabautzky.“

In dieser postapokalyptischen Plattenbau-Atmosphäre finden Saschas Worte zu Juris Träumen. Für beide scheint eine Welt zu entstehen, die sich fast anfühlt, wie die goldene CD an Bord der Voyager Raumsonde. Sie beinhaltet alle Informationen über ihre Herkunft und Heimat, macht sich trotzdem immer weiter auf den Weg in eine neue unerforschte Welt. Wären da nicht die Schläger aus der Nachbarschaft, eine tragische Entscheidung von Saschas Eltern, ein Geheimnis von Juri und ein alter Mann, der auf offener Straße zusammengeschlagen wird, nichts hätte die beiden Menschen getrennt, die sich gerade gefunden haben. Björn Stephan beschreibt das Kleine ganz groß. Er reißt den Himmel über Klein Krebsolw auf und gewährt uns die ersten Blicke auf einen Himmel voller Sterne. Seine Poesie wird in seinen Protagonisten lebendig. Wehmut ist eine der Gefühlslagen, die man so intensiv nachempfinden kann. Angst vor der Zukunft und vor den eigenen Entscheidungen wird jedoch zur unüberwindlichen Stellgröße.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Bei diesem Coming-of-Age-Vergleich fällt doch ein großer Unterschied ins Auge. Björn Stephan legt seinem Roman eine ganz eigene Konstruktion zugrunde. Es fühlt sich intim an, was wir hier lesen dürfen. Es ist auch intim, wiel diese Zeilen nicht für unsere Augen bestimmt sind. Es ist Sascha, der zwei Jahre nach den Ereignissen des Jahres 1994 notiert, was diese Momente so einzigartig gemacht haben. Es ist mehr als eine Loseblattsammlung, die er entstehen lässt. Es ist das Buch, das nun vor uns liegt. Und genau dieses Buch wird von „seiner“ Juri gefunden und gelesen. Genau da, wo er es für alle Zeiten zurückgelassen hat. Plötzlich sind wir mit Juri auf Augenhöhe, als sie sich in die Seiten vertieft. Jahre später. Im Oktober 2019. Jetzt treiben uns die Fragen an, wo ist Sascha, was ist damals passiert und wird es ein Wiedersehen geben. Hier muss ich euch mit „Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau“ alleine lassen. Diese Fragen zu beantworten sollten wir dem Roman und seinem Autor überlassen.

Nein, Sascha Labude ist sicher keine Plattenbau-Variante von Sam Turner. Nein, Kirstie ist nicht das US-amerikanische West-Äquivalent zur Möchtegern-Kosmonautin Juri. Und doch gibt es viele tragfähige Brücken zwischen Grady und Klein Krebslow. Wir müssen sie nur finden und überqueren. In allerletzter Konsequenz können wir eine Verbindung zwischen diesen Welten herstellen. In letzter Konsequenz sind es nur wir, die Leser und Leserinnen, die zu echten Verbindungslinien zwischen Büchern und den Menschen werden, die sie uns ins Herz geschrieben haben. Das kann nur die Literatur.

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Der Radio-PodCast – bald verfügbar…

Und gleich noch ein Vergleich: „Der große Sommer“ von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65).

Hier geht´s zur Rezension

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

Oberkampf von Hilmar Klute

Oberkampf von Hilmar Klute - Astrolibrium

Oberkampf von Hilmar Klute

Die Zeit heilt alle Wunden? Nicht wirklich. Alleine die Literatur sorgt dafür, dass man immer wieder an Schocknachrichten aus der Vergangenheit erinnert wird. Sie trägt die Verantwortung für die Konsequenzen einer literarischen Aufarbeitung, die geeignet ist, altes Narbengewebe wieder aufzureißen und lange verdrängte Ereignisse erneut in den Brennpunkt zu rücken. Hier wirkt die Literatur wie ein Gerichtsprozess, der Jahre nach der Tat alle Details des Verbrechens in epischer Breite ausführt, und den Angehörigen der Opfer kaum Erleichterung verschafft. Oft passiert genau das Gegenteil. Wenn dann Prozess und Literatur Hand in Hand gehen, liegt eine hochexplosive Mischung vor, der man sich nur behutsam nähern sollte. (Weiterhören – hier geht´s zum PodCast)

Oberkampf von Hilmar Klute - Die Rezension fürs Ohr - AstroLibrium

Oberkampf von Hilmar Klute – Die Rezension fürs Ohr – Hier klicken…

Fünfeinhalb Jahre sind seit dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris vergangen. Am 7. Januar 2015 richteten zwei islamistische Terroristen in der Rue Nicolas Appert ein Blutbad an und massakrierten elf Menschen, verletzten mehrere Anwesende schwer und töteten auf ihrer Flucht einen Polizisten. In ihrem Gefolge kam es zu weiteren Anschlägen, nicht nur in der Hauptstadt. Wir sehen wohl alle noch die dramatischen Bilder von einst vor Augen. Ein Paris in Schockstarre, trauernde Menschen vor den Redaktionsräumen von „Charlie Hebdo„, Ein Supermarkt voller Geiseln, in dem sich ein weiterer Terrorist verschanzt hatte. Polizei-Einsätze und weitere Tote. Erschossene Attentäter und eine Prozession der Erschütterten unter dem Motto „Je suis Charlie„. Ich denke, niemand hat diese Januartage vergessen.

Oberkampf von Hilmar Klute - Astrolibrium

Oberkampf von Hilmar Klute

In diesen Tagen hat in Paris der Prozess gegen die Hintermänner der Terroristen begonnen. Die Corona-Pandemie hat den Prozessauftakt verschoben. Gleichzeitig hat die neue Redaktion von Charlie Hebdo das Magazin neu aufgelegt, das den Anschlag der Islamisten verursacht hatte. Mohammed-Karikaturen hatten für einen Aufschrei in der islamischen Welt gesorgt und Extremisten dazu veranlasst, ihren Propheten rächen zu wollen. Unter dem Titel „Tout ça pour ça“ (All dies, nur dafür?) wurde das damalige Skandalblatt in einer Auflage von rund 400000 Exemplaren an die Kiosks der Metropole ausgeliefert. Der Aufschrei folgte sofort. Bilder der Überlebenden beim Prozess zeigen das Ausmaß der Traumatisierungen aus dem Jahr 2015. Nicht aufgeben, immer weiter für die Presse- und Gedankenfreiheit zu kämpfen, vereint die Menschen in Frankreich. Die Narben sind tief. Und jetzt kommt auch noch ein Roman hinzu…

Oberkampf“ von Hilmar Klute mutet wie eine martialische Überschrift an, die uns auf eine absolute Meta-Ebene der Konfliktbewältigung vorbereitet. Dabei entpuppt sich der kämpferische Titel schnell als verträumte Straße mit gleichnamiger Metro-Station in unmittelbarer Nähe zu den Redaktionsräumen der Satirezeitschrift. Es sind gerade mal neun Gehminuten von der Rue Oberkampf Nr.11 bis ins Auge des Orkans. Und genau hier zieht Jonas Becker am 6. Januar 2015 ein. Tief in der Midlifecrisis gefangen, die eigene Ehe gescheitert, eine Agentur in den Sand gesetzt und nun auf der Suche nach einem literarischen Restart im Herzen von Paris. Im Auftrag eines Verlages hat er jetzt nur noch ein Ziel. Den ebenso legendären, wie erfolglosen Schriftsteller Richard Stein zu treffen und seine Biografie zu schreiben. Was eigentlich recht harmlos klingt, wird schnell zu einem Ritt auf einer doppelt geschliffenen Rasierklinge in einer Stadt, in der schon am nächsten Tag nichts mehr so ist, wie es je zuvor war. Am 7. Januar bricht die Hölle los.

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Oberkampf von Hilmar Klute

Hilmar Klute legt einen bipolaren Roman vor, in dem es gelingt, die Menschen in den Vordergrund zu stellen und gleichzeitig die Situation in Paris nicht zur Kulisse zu degradieren. Ein Ausnahmebuch zu einer Stadt im Ausnahmezustand. Es sind die zwei Pole dieser MetroPole, die den Erzählraum abstecken. Es sind die Begegnungen, die aus Jonas Becker einen Wanderer in zwei unterschiedlichen Welten machen. Es ist in erster Linie der Schriftsteller Richard Stein, der ihn in seine Welt entführt. Und so, wie es am geografischen Nordpol nun mal wirklich keine Pinguine gibt, existiert in der Welt des Egozentrikers Stein kein Terror. Hier steht die Biografie im Vordergrund. Losgelöst von den Salven, die in den Straßen von Paris ihren lauten Nachhall finden. Hier sind es die Salven eines Lebens im Tunnelblick des Ichs, die in einem Buch verdichtet werden sollen. Und Steins Vorrat an Munition ist unendlich.

Und dann ist es die Zufallsbekanntschaft, die zuerst zur Liaison und dann zu viel mehr wird, die Jonas Becker mit der Pariser Archivarin Christine zum Südpol dieser Geschichte führt. Hier erlebt er die Realität des Terrors in der Stadt, hier blickt er hinter die Kulissen der Emotionen und der Trauer. Hier wird er von Christine mit Bildern aus den Banlieues konfrontiert, weil sie ihm die Ausweglosigkeit der Ausgestoßenen zeigen möchte. Hier wird er hineingestoßen in eine Stadt, die darum kämpft, ihren Alltagsstolz zu bewahren. Hilmar Klute bewegt sich literarisch brillant zwischen diesen Welten. Er transportiert die Stimmung nach dem Anschlag in jede Zeile seines Romans. Und doch gelingen ihm auch die zarten und magischen Zwischentöne, die einer Emotionalität zu Höhenflügen verhilft, die genau in diesen Zeiten so lebenswichtig ist. Es ist der Beginn der Liaison zwischen Jonas und Christine, die so sehr nach dem unbeschwerten Paris schmeckt und riecht, wie man es sich einfach nur träumen kann…

„Dann“, sagte sie… „vielleicht auf ein anderes Mal. Vielleicht im Centenaire eines Mittags.“ „Ich werde da sein“ sagte Jonas…   

Oberkampf von Hilmar Klute - Astrolibrium

Oberkampf von Hilmar Klute

Es ist der scharfe Kontrast zwischen der Geschichte des Anschlages und einem Künstlerroman, der uns durch die Seiten von „Oberkampf“ treibt. Es sind brutale Schnitte, die uns in zwei Welten entführen, deren Schnittmenge äußerst gering zu sein scheint. Es ist Jonas Becker, der versucht, Verbindungslinien zu ziehen. Er trägt seine eigenen Schlachten aus. Er will seinen Job machen und mit Christine ein neues Leben beginnen. Ein Konflikt, der ihn an die Grenzen bringt. Hilmar Klute bettet seinen Roman nicht in dieses Szenario ein, weil er sich einer Kulisse bedient. Er beschreibt ein Paris, das er selbst erlebt hatte. Er verarbeitet sicher auch selbst, wie sich ein Autor inmitten der Wirren jener Tage gefühlt hat. Es ist beeindruckend, wie er dem Erschrecken und dem Gefühl, manchmal nur ein Voyeur zu sein, Ausdruck verleiht. Es ist erschreckend, wie einfach der Weg zur hermetisch abgeschlossenen Ignoranz sein kann, wenn man sich hinter einer Aufgabe versteckt. Es ist sehr atmosphärisch, war er erzählt und wie es ihm gelingt, Nord- und Südpol der bipolaren Geschichte zu vereinen.

Wir finden viele literarische Entsprechungen, wenn wir die Rue Oberkampf Nr. 11 betreten. Hilmar Klute erzählt von der Unterwerfungvon Michel Houellebecq, jenem Roman, in dem ein muslimischer Bürgermeister Paris regiert, und der genau in den Tagen des Anschlages auf Charlie Hebdo erschien. Wir fühlen uns an Bücher zu diesen Ereignissen erinnert. Klute gelingt dieser intensive Einblick in die französische Gesellschaft in einer Intensität, die ich zuvor nur bei Virginie Despentes gefühlt habe. Ihre Trilogie über „Das Leben des Vernon Subutex“ endet dort, wo Klute beginnt. In allen Beschreibungen schwingt „Die Leichtigkeit“ mit, die an diesem 7. Januar 2015 verloren ging. Ein Verlust den Catherine Meurisse literarisch verarbeitete. Sie kam an diesem Tag zu spät zur Arbeit. Die Karikaturistin von Charlie Hebdo hatte verschlafen und überlebte den Anschlag der Al-Qaida-Terroristen nur durch diesen Zufall. All diese Bücher habe ich bereits vorgestellt. Sie ergeben eine literarische Einheit, in die sich Oberkampf nahtlos einreiht.  

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Oberkampf von Hilmar Klute

Hilmar Klute verdeutlicht in seinem RomanOberkampf„, dass sich die beiden Pole seiner Geschichte ähnlicher sind, als man denkt. Die Metropole an der Seine und das Leben des Schriftstellers Richard Stein sind vergleichbar. Von sich eingenommen und nach außen hin stabil und unverletzlich wirkend. Und doch ist es kein Wunder, dass in beiden Mikrokosmen der Terror von innen angelegt ist, bevor es dem Feind von außen gelingt, sich Zutritt zu verschaffen. Hochexplosiv.

Zum Ende bleibt mir nur, ein Buch zu erwähnen, das auch von Paris und seinen Anschlägen handelt. Es ist ein Buch, das ich absichtlich nicht in die Reihe der zuvor erwähnten Bücher stelle, weil es nichts mit Charlie Hebdo und dem Januar 2015 zu tun hat. Hier beschreibt Antoine Leiris sein Leben, seine Geisteshaltung, seinen Schmerz und seine Weigerung, sich lebenslang dem Terrorismus zu beugen, als ein Mann, der seine Frau bei einem späteren Anschlag in Paris im November 2015 verloren hatte. „Meinen Hass bekomt ihr nicht“ ist eines der bewegendsten Werke, die uns zeigen, wie ein Hinterbliebener mit aufkommendem Hass umgeht und seinen kleinen Sohn vor Vorurteilen und einer weiteren Spirale der Gewalt beschützen möchte. Ein Manifest.

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Oberkampf von Hilmar Klute

Ich hätte mir wirklich gewünscht, Antoine Leiris hier nicht erwähnen zu müssen. Jetzt jedoch steht sein Buch neben „Oberkampf“. Ich habe es kommen sehen und es war wohl unvermeidlich. Auch das ist Hilmar Klute. Es gibt einen dritten Pol, auch wenn man es nicht wahrhaben möchte.

Wenn ein Autor eine Brücke zwischen zwei Terror-Ufern schlägt, riskiert er, dass manche Leser den Brückenschlag für vorhersehbar halten. Für mich geht es in meiner Bewertung dieses Romans nicht um die beiden Ufer, sondern um die Tragfähigkeit der Brücke. Keine Leichtbauweise. Das steht für mich fest. Sie trägt…

LEVI von Carmen Buttjer

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Levi von Carmen Buttjer

Die Superlative überschlagen sich derzeit gewaltig, wenn von Carmen Buttjer die Rede ist. Es wäre deutlich untertrieben ihren Roman „LEVI“ lediglich als vielbeachtetes Debüt zu sehen. Das bei Galiani Berlin erschienene Buch ist wie eine Blendgranate im undurchschaubaren Dickicht der Neuerscheinungen eingeschlagen und hat sowohl im Feuilleton als auch bei Literaturbloggern Spuren hinterlassen. Den Rezensionen folgten Nominierungen für renommierte Literaturpreise. Beim Harbour Front Literaturfestival ging „LEVI“ in der Kategorie Debütpreis ins Rennen. Erfolglos. Ebenso beim begehrten Aspekte-Literaturpreis. Hier schaffte es Carmen Buttjer auf die Shortlist, wurde aber schon aus dem Rennen genommen, bevor es eigentlich begann. Der Roman habe den Debüt-Statuten des Literaturpreises nicht entsprochen. So die Pressemeldung.

Wo liegt das Problem? Geht die Schere zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Preisverleihung so weit auseinander? Es ist viel mehr die Frage der Kategorisierung dieses Buches. Ein Debüt wird in seinen illustren Kreisen gefeiert. Punkt. Gibt es dann Zweifel, ob es sich wirklich um ein Erstlingswerk handelt, dann feiern die Debüts alleine. Doppelpunkt. Wie hier geschehen. Sie veröffentlichte 2017 unter offenem Pseudonym den autobiografischen Text „Fuchsteufelsstill“ beim Ullstein Verlag. Die Autorin selbst sieht dieses Werk nicht als Roman an. Die Debütanten-Bälle der Buchbranche wollten in geschlossener Gesellschaft gefeiert werden. Ausrufezeichen! Und nun? Sollte man „LEVI“ weiterhin begeistert feiern ohne das Buch formell zu würdigen? Wohl kaum.

Levi von Carmen Buttjer - AstroLibrium

Levi von Carmen Buttjer

Hier kommt der Bayerische Buchpreis 2019 gerade recht. Keine Auszeichnung für Debütanten. Ein erwachsener und in sich gewachsener Literaturpreis, der sich deutlich von anderen Formaten unterscheidet. Als diesjähriger Buchpreisblogger darf ich das sagen und ich schrieb ausführlich darüber. Die Modalitäten dieser Auszeichnung lassen wenig Spielraum für Ausgrenzung und Statutenverstoß. Hier kann man das lesen. So saß ich also plötzlich vor einem Roman, der gefeiert und verstoßen wurde. So saß ich vor einem Buch, bei dem mir wirklich egal war, ob es ein Erst-, Zweit- oder Drittling war. Ein Roman, der aktuell für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist. Die Shortlist steht. Ich war neugierig auf den Inhalt, wollte die Sprache fühlen und war bereit einzutauchen. Unbefangen und neutral. Einfach voller Hoffnung, auf eine neue literarische Stimme zu stoßen, die etwas zu erzählen und nicht nur zu schreiben hat.

Und das hat Carmen Buttjer. Zweifellos. Wir lernen den erst elfjährigen Levi kennen. Nicht da, wo man für gewöhnlich auf seine Protagonisten stößt. Nein. Ohne Einleitung, ohne Umschweife werden wir Zeugen eines außergewöhnlichen Ereignisses. Wir sind Zaungäste bei der Beerdigung von Levis Mutter. Werden eingeblendet in die Denkwelt eines Kindes, das plötzlich erwachsen werden muss. Wir erleben, wie diffus ihm diese Zeremonie vorkommt. Seinem Vater scheint nur der Dress-Code wichtig zu sein. Levi jedoch hat anderes im Sinn. Gegen jede von seinem Vater für diesen Tag aufgestellte Regel stürmt er nach vorne, greift sich die Urne mit der Asche seiner Mutter und macht sich aus dem Staub. Er taucht unter, die Warnungen und Drohungen seines Vaters im Ohr.

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Levi von Carmen Buttjer

Eine ungewöhnliche Ausgangssituation für einen Roman über Verlust, Trauer und das Zusammenbrechen einer heilen Welt aus der Sicht eines Kindes. Verstörend auch, was wir danach erfahren. Eine gar nicht heile Familie, Streit war an der Tagesordnung, die Beziehung zum Vater eher gestört, die zur Mutter vom Alltag und ihrem Beruf mehr als überlagert. Zeitungsmeldungen berichten von einem Mord an einer Pathologin und einer vermissten Leiche. Levis kindliche Schutzmechanismen greifen und brennen sich beim Leser ein. Fantasien von Tigern und Panthern bewahren ihn vor der Realität. Das Versteck – gewagt. Auf dem Dach des Hauses, in dem auch sein Vater wohnt. Freunde sind Mangelware. Ein geheimnisvoller Nachbar und der Besitzer eines Kiosks nehmen sich des Jungen an. Der Großstadtdschungel Berlin verschluckt ihn mit seiner Urne.

Wer sich auf Levi einlässt, begibt sich auf Augenhöhe mit einem Kind. Man möge nicht erwarten, dass er in der Lage ist, den Gründen für den Mord an seiner Mutter auf die Spur zu kommen. Man möge nicht erwarten, dass hier die Aufklärung eines Mordes im Mittelpunkt steht. Das ist der Auslöser für die nächtliche Flucht in Tagträume und die Verdrängung der Realität. Seine Weggefährten tragen ähnliche Narben, wie der Junge. Sie scheinen ihn besser zu verstehen, als der eigene Vater. Verstörend real. Betörend erzählt. Carmen Buttjer lässt Levi den Entfaltungsspielraum, den er benötigt. Sie gönnt ihm den Spielraum für eigene Erklärungen und Theorien. Und vor allem gönnt sie ihm Zeit mit der Asche seiner Mutter. Ein exklusives Abschiednehmen im Gefühlschaos.

Levi von Carmen Buttjer - AstroLibrium

Levi von Carmen Buttjer

Was den Roman so besonders macht, ist seine bildhafte und poetische Sprache, die sich anfühlt, als würde man die traumatisierte Welt eines Kindes neu entdecken. Es sind Sätze, die sich tief verankern; Worte, die sich festsetzen und es ist eine Stimmung tiefer Melancholie, die uns begleitet. Wir lesen von Menschen auf den Straßen, die sich in der Luft anlehnen und sich bewegen, als wären sie miteinander verbunden. Wir sind mit Levi auf dem Dach des Hauses, liegen im Zelt und vermissen doch nur ein Katapult und die Seilbahn zu anderen Dächern. Wir verzweifeln mit ihm daran, dass Batman viel schneller ist, als Levis Vater, der doch so dringend von ihm benötigt wird. Gotham City ist nicht Berlin und Superhelden sind Mangelware. Wir sehen Levis Finger Wörter in die Nacht schreiben. Wir folgen seinen Bewegungen…

Ich streckte meinen Arm aus dem Fenster und schrieb mit dem Finger Wörter in die Häuser, auf die Blätter und in die Gesichter, strich sie wieder weg und neue darüber…“

Die Flüchtigkeit des Augenblicks wird zum Bild für diesen Roman. Carmen Buttjer ist nicht auf der Suche nach einfachen Lösungen oder Auswegen aus der ausweglosen Situation. Man muss sich in ihrem Erzählfluss treiben lassen. Man muss den Puls Levis fühlen, seine Gefühle nachempfinden und mit ihm auf der Flucht vor menschfressenden Tigern in die Nacht eintauchen. Sie schafft es, uns Levi in die Seele zu schreiben. Wir halten Ausschau nach dem Jungen mit der Urne. Ein dichter Roman in unverbrauchten Bildern. Eine Atmosphäre, die sich über uns senkt, als würde man eine Urne schließen. Und doch lässt die Autorin immer einen kleinen Schlitz frei, durch den man sehen kann. Ein einschneidendes Ereignis wird zum Auslöser für ein einschneidendes Leseerlebnis. Hier zieht etwas Neues durch die Straßen unseres Lesens. Staying in Age ist für mich eine logische Gegenbewegung zum Coming of Age. Lasst die Zeit stehen. Gebt Levi die Chance zu trauern und an Tiger zu glauben. Die Wahrheit würde ihn zerstören. Ich halte die Zeit für ihn an. Gerne.

Levi von Carmen Buttjer - AstroLibrium

Levi von Carmen Buttjer

Am 7. November wird der diesjährige Bayerische Buchpreis in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz verliehen. Kein Debütanten-Ball. Was für große Literaten. Ein echtes Finale. Eine öffentliche Jury-Debatte mit anschließender Krönung des Gewinners / der Gewinnerin. Steffen Kopetzky steht mit „Propaganda“ im Feuer und David Wagner hofft, dass „Der vergessliche Riese“ unvergesslich bleibt. Einzige Frau in ihrer Mitte: Carmen Buttjer, die mit ihrem erst elfjährigen Protagonisten „LEVI“ platznehmen wird. Und nein. Sicher nicht verschämt und zu bescheiden. LEVI braucht kein Debütanten-Kostüm, oder einen Erstlings-Smoking. Er muss nicht aufschauen zu den Großen seiner Zunft. Mit breitem Kreuz und festem Blick kann der junge Urnendieb darauf hoffen, nun auch in den Besitz eines Porzellan-Löwen zu gelangen. Zumindest wäre das nicht verboten. Also, nicht so, wie im Roman.

Sollte man hoch über den Dächern von Berlin nicht nur ein mit roter Plastiktüte beflaggtes Zelt, sondern auch noch einen Weißen Löwen sehen. Hey. Das wäre nicht so ungewöhnlich. Carmen Buttjer hätte lediglich LEVI`s Traum-Wegbegleitern Tiger und Panther den entsprechenden Artgenossen mitgebracht. Ich würde es ihr gönnen…

LEVI-Autorin Carmen Buttjer - Die Begegnung - AstroLibrium

LEVI-Autorin Carmen Buttjer – Die Begegnung

Mein Gespräch mit Carmen Buttjer auf der Frankfurter Buchmesse gehört zu den absoluten Highlights dieses Literaturfestes. Ich wollte der Schriftstellerin begegnen, die mein Lesen mit so vielen unverbrauchten Wortbildern bereichert hat. Wen ich traf? Eine junge Frau, die in sich ruhend, völlig authentisch und offen über ihr Schreiben und ihren Roman sprach. Ein Messespaziergang und eine entspannte Unterhaltung auf der Terrasse vor Halle 3.1, zahllose Menschen am Messesamstag und die mir gut vertraute literarische Käseglocke, die sich über uns senkte, um auszublenden, was störend wäre. Und dann die Erkenntnis, dass Carmen Buttjer so spricht, wie sie schreibt. Voller Tiefe und Emotion, mal zaghaft, mal bestimmt. Überlegt und doch spontan. Alles geprägt von einer unterschwelligen Fröhlichkeit, die ansteckend wirkt.

Ja, es gab mehrere Fassungen von Levi. Die Entscheidung, ihren Roman bei Galiani zu veröffentlichen ist dem guten Gefühl der Autorin im ersten Kontakt mit dem Lektor zu verdanken, der genau den Nerv traf, den es zu treffen galt: Jene Passagen im Text, die verfeinert werden sollten. Nein, beim Schreiben muss sie alleine sein, weil Dialoge und ganze Passagen von der Autorin laut gesprochen und aufgezeichnet werden. Dass sie dabei den richtigen Ton trifft, spürt man im Roman. Und ja, man fühlt das sympathische Understatement, mit dem sie über David Wagner und Steffen Kopetzky spricht. Beide mit so viel Erfahrung ausgestattet und für große Romane nominiert. Und doch blitzt der Stolz über LEVI aus ihren Augen. Ein Wiedersehen in München bei der Preisverleihung des Bayerischen Buchpreises am 07. November steht fest. Ende offen. Wir sind sehr gespannt.

Ich berichte natürlich von der Verleihung. Bald geht´s hier weiter.

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher

„In Schnee und Eis“ von Rudi Palla [Eine Expedition]

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Doch wer schreibt in diesem Themenfeld schon vom Versagen? Wer widmet seine Recherchen den sogenannten ewigen Zweiten in der Geschichte der Reisen zu bislang unerforschten Hotspots unseres Planeten? Wen interessiert der zweite Mann, auf dem Mount Everest? Wer liest über die zweite Reise nach Amerika und wer reibt sich heute noch neugierig die Augen angesichts gescheiterter Expeditionen zum Nordpol. Hier gilt es zu klotzen, nicht zu kleckern. Eine erfolgreiche Expedition ist eine Sensation. Punkt. Der Zweite ist schon der erste Verlierer. Siehe Charles Darwin und seinen vergessenen Vorläufer Alfred Russel Wallace, von dem hier bald noch die Rede sein wird.

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

Also. Wer traut es sich, über das Scheitern zu schreiben? Die Antwort ist einfach. Rudi Palla! Sein bei Galiani erschienenes Buch thematisiert die Blütezeit der großen Expeditionen und Entdeckungsreisen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts existieren noch ausreichend viele weiße Flecken auf der Erdkugel, die es zu entdecken gilt. Darwin hat ausgedient und wird von seinem Ruhm an weiteren Reisen gehindert. Die Briten haben alle Fühler in die ganze Welt ausgestreckt um im Namen von Royal Societies oder der Ostindien-Kompanie zu erobern, was zu erobern ist. Geld spielt kaum eine Rolle. Hier gilt es nur der Erste zu sein und mit prall gefüllten Kisten voller Exponate nach Hause in die gute alte Welt zu finden. Hier legt der österreichische Schriftsteller Rudi Palla seine Finger in die Wunde des Vergessens. Und das sehr, sehr tief.

In Schnee und Eis – Die Himalaja-Expedition der Brüder Schlagintweitheißt sein neuestes Werk. Und ja, richtig gelesen: Schlagintweit. Nie gehört? Keine Sorge. Das ist nicht wirklich schlimm, denn Rudi Palla hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns genau zu erklären, worin dieses Vergessen begründet ist. Münchener Brüder auf dem Weg zum ganz großen Ruhm. Vorschusslorbeeren ohne Ende, ein paar erfolgreiche Alpentouren und ein guter Draht zu Charles Darwin. Das sollte reichen, um die Fachwelt in Staunen zu versetzen und Finanziers für ganz große Expeditionen aufzutreiben. Wäre nicht das wirklich große Problem im Weg gewesen, dass sie keine Engländer waren, vieles wäre sicher ganz anders verlaufen. Aber junge deutsche Entdecker auf dem Spielfeld eines rein britischen Wettlaufs zu den jungfräulichen Flecken dieser Erde? Fast ein Sakrileg.

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

Rudi Palla holt weit aus, um uns an Bord seiner Entdeckungsreise zu holen. Sein Ziel ist es nicht nur, uns aufzuzeigen, was es zu entdecken galt, sondern auch erfahren zu lassen, was es bedeutete, mit nur rudimentär tauglicher Ausrüstung und ohne große Hilfsmittel quer durch die unbekannte Welt zu reisen, um sie zu vermessen, zu wiegen, zu kartographieren und herauszufinden, wie sich das Klima und die Lage auf Flora und Fauna auswirken. Ein Vorstoß ins Unbekannte. Krankheiten, gefährliche Tiere, Völker, deren soziopolitische und kulturelle Eigenarten den Forschern unbekannt waren, waren die großen Risikofaktoren, an denen man scheitern konnte. Und nun machen sich drei Jungs aus Bayern auf den Weg nach Indien. Ihr Ziel, nicht nur der Himalaya (ich mag das Y im Wort), auch Kaschmir, das Karakorum, der Nanga Parbat, Turkestan, Panjab und viele weitere Regionen, die unerforscht vor ihren Füßen lagen. So dachten sie.

„In Schnee und Eis“ ist in vielfacher Hinsicht ebenso abenteuerlich verfasst, wie das Thema, das beschrieben wird. Man friert beim Lesen, verdurstet fast, schwitzt und zittert zugleich, wird von Malaria und Mücken geplagt und beginnt sich vor Geräuschen zu fürchten, die man nicht kennt. Verzweifelt geht man täglich die Vorräte durch, die im Stile einer Handelskarawane durch die fremden Länder getragen werden. Nur nicht ein einziges Detail vergessen. Dieses Gefühl vermittelt der versierte Bergsteiger Palla und man merkt schnell, dass er genau weiß wovon er schreibt. Da steckt schon eine große Portion Fabulierkunst in und zwischen den Zeilen. Gepaart mit ganz großer Sehnsucht. Da steckt schon ganz viel Reinhold Messner drin, was die Detailverliebtheit und die in jeder Hinsicht spürbare Begeisterung für die Zeit der großen Entdeckungen betrifft.

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

Rudi Palla bringt uns die drei Schlagintweit-Brüder näher. Hermann, Robert und Alfons. Er beschreibt ihre Passion, ihre Fähigkeiten, ihre körperliche Konstitution und den unbändigen Willen, berühmt zu werden. Hier werden wir zum Teil einer Expedition, von der man heute kaum noch etwas weiß. Auch hier ist der Autor in seiner Recherche umfassend auskunftsfähig. Er glorifiziert nicht, sondern zeigt klar die Schwächen dieser Entdecker auf, die letztlich dafür verantwortlich sind, dass sie nur als Karikaturen einer eigentlich gut durchdachten Entdeckungsreise wahrgenommen werden. Als „Gebrüder Schnabelweit“ werden sie satirisch verballhornt. Sie sind Geltungssüchtig und gehen sprichwörtlich über Leichen, wenn es gilt, Exponate zu sammeln. Da werden selbst vor kurzem Gehenkte vom Galgen genommen, um ein einheimisches Skelett in die Hände zu bekommen.

Aber dies sind nicht alle Gründe, die zum großen Scheitern führten. Sie haben auf ihren Reisen unbestreitbar große Erfolge erzielt, haben vermessen, gemessen und mit großer Akribie gesammelt, was ihnen in die Hände fiel. Letztlich jedoch erklärt uns Rudi Palla, was Entdecker wirklich beherzigen sollten. Hier wird aus dem Buch ein wichtiger wissenschaftlicher Ratgeber für die eigenen Vorhaben und Pläne. In der Konzentration auf das Wesentliche liegt der Zauber des Erfolges verborgen. Die Gefahr, in der Masse gesammelter Exponate zu versinken, sich in seinen vielfältigen Zielen zu verzetteln und in jeder Beziehung den Überblick zu verlieren, ist allgegenwärtig. Hier liegt die Ursache des Versagens begründet.

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

Wer die Leistungen der drei Schlagintweit-Brüder vor diesem sehr differenzierten Hintergrund gewürdigt sehen möchte, für den ist dieses Buch unverzichtbar. Hier ist ein Grundstein für das Verständnis des damaligen Runs auf die Hotspots der fremden Welt gelegt. Hier wird veranschaulicht, was erfolgreiche Expeditionen ausmacht und wir sind trotzdem am Ende des Buches in der Lage, den Kern der Leistungen dieser jungen Männer zu erkennen. „In Schnee und Eis“ sollte man im Rucksack haben, wenn man den Gedanken an eigene Abenteuer hegt. Man sollte dieses Buch lesen, um nicht den Kopf zu verlieren, weil man geopolitischen Strömungen zu optimistisch gegenübersteht, und wie Alfons Schlagintweit zu enden.

Nicht zuletzt schließt dieses Buch viele Kreise zu den Berichten der Erfolgreichen und Großen ihres Metiers. Man erkennt, dass es oftmals nur am Quäntchen Glück und der Portion Fügung liegt, ob man in die Geschichte eingeht, oder vergessen wird. Hier setzt mein weiteres Lesen an. Charles Darwin wird erneut eine wichtige Rolle spielen. Hat er die Ziellinie des großen Entdeckers der Evolutionstheorie als Erster überschritten oder war es ein ganz anderer Forscher? Wie konnte es passieren, dass Alfred Russel Wallace deutlich früher startete und doch nur als Zweiter in die Geschichte einging? Es bleibt spannend, mit mir die großen Entdeckungen zu erlesen und zu erhören. Folgt mir einfach. Und vertraut meinen Reiseführern…

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

Expeditionen – Eine Artikelserie bei AstroLibrium… Seilschaft gerne gesehen.

(In Schnee und Eis – Rudi Palla – Galiani Verlag Berlin – 192 Seiten – 16,99 Euro)

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„Der Turm der blauen Pferde“ von Bernhard Jaumann

Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann - AstroLibrium

Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

Ich denke, ich muss wirklich niemandem erklären, zu welchem Kunstwerk ich eine tiefe emotionale Bindung aufgebaut habe. Kenner der kleinen literarischen Sternwarte wissen, welche Kunstgalerie in München ich als Kraftraum meines Geistes bezeichne und ein paar wertvolle Menschen durften mich schon zu einem Gemälde begleiten, das für mich viel mehr ist, als nur ein Bild. Ich habe Biografien des Schöpfers dieses Werks gelesen, wurde von lieben Menschen mit Büchern beschenkt, die mir den Hintergrund seines Schaffens näherbrachten und nicht zuletzt meine Tochter begleitete mich in die Städtische Galerie im Lenbachhaus, durchquerte mit mir das lichtdurchflutete Foyer und stattete einem besonderen Pferd einen emotionalen Besuch ab. Das Blaue Pferd von Franz Marc war und ist für mich der magische Anziehungspunkt meines Lebens.

Ich schrieb sehr viel über diesen Fluchtpunkt, seine Bedeutung und die Bücher, die mir im Lauf der Zeit über den Lebensweg gelaufen sind. Von Else Lasker-Schüler bis hin zu Florian Illies, von einem Skizzenbuch aus dem Felde bis zu einem Maler, der in den Krieg zog. Facettenreich verliefen meine Annäherungen an dieses Gemälde im Zusammenhang mit seiner Entstehungsgeschichte und vor dem Hintergrund der tiefen Bedeutung des Blauen Pferdes für mich selbst. Man darf hier gerne von einer sakralen Beziehung zu einem Kunstwerk sprechen. Mein Pferd. Nur für mich gemalt. Das ist ein Gefühl, dem ich mich oft hingebe, wenn ich in stiller Ehrfurcht vor ihm verharre. Nur im Lesen bin ich vorsichtiger, nähere mich selten in Romanen und bevorzuge schon eher stilsichere Sachbücher. Ich brauche keine Fantasie, wenn es um Franz Marc geht. Ich laufe über, wenn ich mich in sein Schaffen fallen lasse.

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Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

Und doch wurde ich mehr als hellhörig, als ich auf den den Roman „Der Turm der blauen Pferde“ von Bernhard Jaumann aufmerksam gemacht wurde. Es ist wie ein Tunnelblick auf das gute Lesen, wenn sich mein Gesichtsfeld verengt, und ich schon im Klappentext und der Inhaltsbeschreibung nach Spuren einer intelligenten Verarbeitung kunstgeschichtlicher Fakten und gut durchdachten fiktionalen Settings suche. Ich muss gestehen, dass ich gerade in diesem Sujet extrem anspruchsvoll bin. Ich fühle vielleicht zu intensiv, ich weiß vielleicht zu viel und ich erwarte mehr, als es mit zusteht. Und hier kommt nur ein Kunstkrimi ins Spiel. Der erste Fall und der Auftakt einer ganzen Reihe. Geschrieben von einem Schriftsteller, der sich bereits einen guten Namen gemacht hat. Bernhard Jaumann, Friedrich-Glauser- und Deutscher Krimipreisträger. Klingt gut. Zu gut? Ich musste es herausfinden.

Der Turm der blauen Pferde. Welches Bild von Franz Marc wäre geeigneter für eine kriminalistisch fundierte Story, als dieses? Keins. Die Ausgangssituation dieses Buches ist durch die Geschichte des Bildes vorgegeben. Zwei Jahre nach dem Blauen Pferd in Sindelsdorf von Franz Marc im Jahr 1913 gemalt. Nach seinem Tod vor Verdun im Jahr 1916 im Besitz seiner Witwe Maria. 1919 an die Nationalgalerie Berlin verkauft und dort ausgestellt. Klingt eigentlich nach dem normalen Weg eines Gemäldes. Bis hierhin. Bis es 1937 von den Nationalsozialisten als „entartet“ deklariert wurde. Blaue Reiter waren der braunen Kunst zu expressionistisch. Der Turm der blauen Pferde wurde danach in der Ausstellung „Entartete Kunst“ als abschreckendes Beispiel ausgestellt. Jedoch nur kurz. Auf Intervention seiner Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg wurde das Bild aus der Ausstellung entfernt. Diese Verunglimpfung sollte ihm erspart bleiben.

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Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

Was dann mit dem großformatigen Bild geschah? Man riss es sich unter den Nagel. Wer? Na, immerhin der zweite Mann im Staat. Hermann Göring, der offensichtlich sehr gut wusste, welche Gemälde (ob entartet oder nicht) sich später einmal bestens an den Mann bringen ließen. Der Rest der Geschichte ist bekannt. 1945 verendete die braune Ideologie und mit ihr ging verloren, was ihre Gralshüter angehäuft hatten. Der Turm der blauen Pferde ist seit 1945 spurlos verschwunden. An Legenden und Spekulationen ist nicht gespart worden. Aufgetaucht ist das Gemälde bis heute nicht. Das sind die Fakten und daran ist nicht zu rütteln. Bernhard Jaumann rüttelt nicht. Er holt seine Leser an der Stelle ab, an der das Bild verschwand. Hier beginnt seine fiktionale Geschichte, die auf solideren Füßen nicht stehen könnte. 

Zeitsprünge aus den letzten Kriegstagen im Chaos eines untergehenden Reiches bis in unsere Zeit kennzeichnen die Struktur seines Kriminalromans. Dabei erfindet er eine plausible Schar an Protagonisten, die aus der Zeit in unser Lesen gefallen sind. Er spinnt einen unsichtbaren Faden weiter, erzählt eine Familiengeschichte, die sich wohl so zugetragen haben könnte, wenn… Ja, wenn der Turm der blauen Pferde doch nicht ganz von der Bildfläche verschwunden wäre. Jetzt ist es wieder da. 2018. Farbenfroh und unversehrt. Als wäre es niemals fort gewesen, gelangt es jetzt in den Besitz eines Kunsthändlers, der es für vergleichsweise spottbillige drei Millionen Euro erstanden hat. Eine absolute Legende kehrt zurück. Ein Beben in der Kunstszene ist vorprogrammiert. Es ist die Sensation auf dem Kunstmarkt. Wenn es echt ist. Und genau hier kommt die Kunstdetektei von Schleewitz ins Spiel.

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Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

Und was für ein Spiel. Mit Rupert von Schleewitz, Klara Ivanovic und Max Müller lässt Bernhard Jaumann ein grandios eingespieltes und pfiffiges Team auf die Kunstszene in München los. Ihr Job? Keinesfalls die Echtheit des Kunstwerks beweisen. Dafür gibt es ja Institute und renommierte Kunsthistoriker. Nein. Es geht vielmehr um die Provenienz des Bildes. Die Herkunftsgeschichte, die bis zum Jahr 1945 lückenlos nachweisbar ist. Die Detektei wird vom neuen Besitzer des Gemäldes auf die Erforschung des Verbleibs der blauen Pferde nach 1945 angesetzt. Und wenn dieser lückenlos geklärt werden und bis zum jetzt aufgetauchten Bild zurückverfolgt werden kann, dann ist es zweifelsohne das Original. Mit Rupert, Klara und Max tauchen wir in eine unglaublich spannende und frisch erzählte Geschichte ein, die nicht nur Kunstfreunde begeistern wird. Hier ist nicht Kunsttheorie der Schwerpunkt der Betrachtung, hier geht es um die Menschen, die den Pferden seit 1945 begegnet sein können. Es geht um die Motive, das Bild zu verbergen und natürlich um den wahren Grund, der jetzt zum Verkauf führte.

Weder antiquiert, wissenschaftlich oder theoretisch gehen die Detektive vor. Sie haben ihre eigenen Methoden, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Egal wie schwer der Nachweis der Provenienz ist, sie finden Mittel und Wege, den Kreis der verdächtig erscheinenden Folgebesitzer des Gemäldes immer mehr einzugrenzen. Lokalkolorit im besten Sinne zeichnet ein ganz eigenes Bild der Menschen in dem Landstrich, in dem sich die Spur des Gemäldes verlor. Das Berchtesgadener Land färbt auf den Turm der blauen Pferde ab. Hier entwickelt sich ein grandioses Puzzlespiel, in dem die Teilchen langsam zueinander finden, jedoch nie ganz richtig ineinanderpassen. Erfrischend und spannend erzählt, durchdacht und intelligent konstruiert und voller Liebe zum Detail zu Papier gebracht. Kunstgeschichte kann nicht nur spannend sein. Sie ist es. Beutekunst ist ein relevantes Thema und derart modern und expressionistisch verpackt, findet man neben dem perfekten Zugang zum Buch auch einen Zugang zur Kunst von Franz Marc.

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Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

Das wesentliche Verdienst von Bernhard Jaumann liegt jedoch für mich in einem anderen Aspekt seines Romans. Er holt mich als beseelten Marc-Jünger ab und lässt mich zum Teil eines Bildes werden, das ich bisher nur auf Postkarten betrachten durfte. Die Liebe zur Kunst schwingt in jeder Sequenz dieser Geschichte durch und hinterlässt tiefe Spuren beim Leser. Hier geht es nicht nur um Werte, Summen oder Beute. Hier ist die Kunst, ihre Wirkung und jene Faszination, die sie auslöst, der wahre Kern eines in sich geschlossenen Romans. Jaumann schreibt mir aus der Seele, dass es möglich ist, dass ein Bild von seinem Betrachter Besitz ergreift. Er lässt Raum für Leidenschaft und Liebe zu einem Gemälde. Er formuliert meine Sehnsüchte, die besagen:

„… dass jedes Bild, das etwas wert war, nur für einen einzigen Menschen gemalt worden sein könnte. Was für alle taugt, taugte für niemanden.“

Hier finde ich mich wieder. Jeden Schaffensprozess, jedes Betrachten und Staunen hat Bernhard Jaumann zu einem höchst individuellen Erleben erhoben. Liebhaber von Stilrichtungen und Kunstformen unterschiedlichster Art hebt er über eine Interpretation der einzelnen Bilder heraus. Er macht Kunst ohne schlechtes Gewissen genießbar und verleitet dazu, nicht nur Ausstellungen zu besuchen, sondern selbst zu malen. Darüber hinaus gibt er uns einen Ratschlag mit auf den Weg, wenn wir wirklich von Angesicht zu Angesicht einem Meisterwerk gegenüberstehen:

„… Ein Bild merkt, wenn es wirklich betrachtet wird. Nur dann zeigt es, was es zu zeigen hat. Nur dann beginnt es zu sprechen.“

Das wird nicht mein letzter Fall der Kunstdetektei von Schleewitz bleiben. Sicher nicht. Bitte mehr davon.

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Weitere Artikel zu Franz Marc, dem Blauen Pferd, dem magischen Jahr 1913 und dem Kraftraum meines Geistes finden Sie hier:

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg [Der Blaue Reiter vor Verdun]
Das Blaue Pferd von Franz Marc – Ein Besuch
Klee & Kandinsky – Nachbarn, Freunde, Konkurrenten
Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Brieffreundschaft
Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde“ – Eine Suche
Else Lasker-Schüler – In Memoriam
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts„ von Florian Illies
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ geht weiter
1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ – Florian Illies
Deutschland – Erinnerungen einer Nation“ [Neil MacGregor]

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