(Rezi-Shortcut) Samuel Selvon – „Die Taugenichtse“

Der Rezi-Shortcut bei AstroLibrium:  Die Taugenichtse von Samuel Selvon

„The Lonely Londoners“, so der Originaltitel des Ro­mans von Samuel Selvon, ist Rhythmus pur. Sprach­lich repräsentiert er den Sound der Einwanderer aus der Karibik, die in London versuchen ihr Glück zu finden. Inhaltlich wird er den Menschen gerecht, deren Streben nach einer besseren Zukunft mit dem Verlassen der Heimat und einem Neustart in einem völlig un­gewohn­ten Kultur­kreis beginnt. Die Taugenichtse nimmt nun in deutscher Übersetzung von Miriam Mandel­kow erstmals diese Sprach­melodie auf, zu der Samuel Selvon erst fand, nachdem er fest­stellte, dass er der Erzähl­stimme nur Gehör verschaffen konnte, wenn sie nach Trinidad und Jamaika schmeckt.

Lassen wir alle uns bekannten biografischen Fakten beiseite, dann würden wir mit aller Über­zeugungs­kraft davon ausgehen, dass dieses Buch erst vor ein paar Wochen geschrieben wurde. Es liest sich dynamisch, frisch, zeitlos und unglaub­lich modern. Es zieht seine Leser in einen rhyth­mischen Bann, der verdeut­licht, wie fremd man sich im Herzen des British Empire fühlen kann, wenn man in Bezug auf Sprache und Hautfarbe nicht der stereo­typen Vor­stellung eines typischen Engländers entspricht. Dieser Roman ist so schwarz wie seine Prota­gonisten und so lebensfroh wie eine Sommernacht in der Karibik. Was schert mich die Zukunft, wenn ich jetzt lebe? Ein Lebens­rausch wird zum Mantra der „Taugenichtse“.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Berücksichtigen wir alle biografischen Fakten, dann wissen wir, dass dieser Roman bereits 1956 in England publiziert wurde und sein aus Trinidad stammender Verfasser Samuel Selvon seit 1994 nicht mehr unter den Lebenden weilt. Dieses Wissen verhilft uns lesend zu der Erkenntnis, dass die verwendete karibische Sprach­melodie zu ihrer Zeit bahn­brechend gewesen sein muss und der Schrift­steller als literarische Hebamme einer englischen National­sprache mit völlig neuer Klangfarbe und Iden­tität fungierte. Es ist das London der Nach­kriegs­jahre, das sich mit einer Flut an Einwanderern aus dem gesamten Common­wealth konfrontiert sieht. Und genau in der wörtlichen Über­setzung dieses Empire-Gedankens liegt die An­ziehungs­kraft Londons für die Menschen aus der Karibik.

Der gemeinsame Wohlstand zieht die Erfolglosen, Träumer und Idea­listen an. Die Legenden vom besseren Verdienst, der guten Arbeit und dem auf der Straße liegen­den Reichtum tritt Welle um Welle der Emigranten­flut los und London wird zum heiligen Gral ihrer Flucht. Der „Wohlstaat“, so formuliert es einer der Pro­ta­gonisten wartet genau auf ihn. Und wenn man schon aus einer britischen Kolonie in das Mutterland der Sehn­sucht kommt, dann erfüllen sich alle Hoffnungen. Schade ist nur, dass neben den Emi­granten aus der Karibik auch halb Indien auf dem Weg nach London war. Und so galt es sich in die Schar der Nicht­skönner und Tauge­nichtse ein­zureihen, die zur Aus­beutung auf dem umkämpften Markt der Knochen­jobs wie geschaffen war.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Und so lernen wir sie kennen. Moses, den Brückenkopf aus Trinidad weil er schon so lange in London lebt und großherzig jedem Neuen mit Rat und Tat zur Seite steht. Bart, der das nächtliche London auf der Suche nach der geflüchteten Geliebten durchstreift, Tolroy, der ei­gent­lich nur seine Mutter aus Jamaika erwartet, dann aber seiner ganzen Familie gegen­über­steht. Cap, den Le­bens­­künstler, der sich selbst und der Welt beweist wie weit man kommt, wenn man acht Pfund mehrmals aus- und wieder verleiht. Lewis, der von Eifer­sucht getrieben seine Frau durchs Leben prügelt, als befände er sich noch in der Karibik. Und weitere Exoten ihrer ganz eigenen Art, die zum Leben erwachen, als in London der Frühling Einzug hält. Hier erfinden die Menschen sich selbst, ihre Heimat und das „Zentrum der Welt“ neu und hinter­lassen Spuren, die bis heute zu sehen sind.

Samuel Selvon slangt sich durch seinen Roman. So­ziale Unter­schiede prägen das Leben der Neuen in London, aber sie beginnen ihre neue Stadt ebenso zu prägen. Ein wundervoll skurriler Roman über ver­schro­bene und sym­pathische Menschen, die alles nicht so schwer nehmen, wie man es ihnen macht. Und wenn der Hunger die Finanzen übersteigt, dann werden in London die Tauben knapp. Lesen­swert und lieben­swert. Im Kontext der heutigen Dis­kussion über Menschen mit Mi­grations­hinter­grund ein Beweis für die Tatsache, dass jeder Flucht eine Flucht voraus­ging und jeder Flucht eine weitere folgte und folgen wird. Und trotzdem steht London auch noch heute. Ganz ehrlich.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Nachtrag…

Alleine und auf sich gestellt, so empfand ich die Men­schen aus der Karibik, denen ich in London begegnete. Lebens­künstler allesamt. Herzens­menschen von Gefühl und Sehn­sucht getrieben. Tauge­nichtse waren sie aus Sicht der Anderen. Für mich sind sie immer „The Lonely Londoners“.

Lesley M.M. Blume: „Und alle benehmen sich daneben“

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Literaturwissenschaft ist, wenn Literatur Wissen schafft. Hintergründiges kann sie vermitteln, Neues herausarbeiten und Interpretationshorizonte öffnen, die ansonsten für immer im Verborgenen bleiben würden. Wie bei archäologischen Ausgrabungen hat ein Schriftsteller, der sich durch das Sedimentgestein der Literaturgeschichte wühlt, ein Ziel vor Augen. Kein Stein bleibt auf dem anderen und selbst die kleinste Spur ist relevant. Lesley M.M. Blume hat im Paris der goldenen 1920er Jahre ihr eigenes literarisches Gräberfeld gefunden und sich Schicht um Schicht in die Tiefe vorgegraben. Ihre Funde hat sie nun veröffentlicht und wer nur einen Hauch von Interesse dafür hat, wie damals gelebt, geliebt und geschrieben wurde, der muss ihr Buch einfach lesen.

Und alle benehmen sich daneben(dtv) ist dabei das Ergebnis einer gezielten und einzigartigen Spurensuche nach den Ursprüngen der Karriere eines Schriftstellers, der als Namenloser nach Paris kam und sich vorgenommen hatte, die Welt der Literatur zu verändern. Ernest Hemingway. Lesley M.M. Blume setzt dabei nicht voraus, dass man sich zuvor intensiv mit dem späteren Literaturnobelpreisträger beschäftigt hat. Sie setzt nicht voraus, dass man sein Lebenswerk gelesen oder seine Biografie studiert hat. Sie setzt nur eines voraus: Die pure Lust am Lesen!

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

All jene, die Ernest Hemingway in seinen eigenen Büchern oder in Werken über ihn bereits begegnet sind, werden überrascht sein, was dieses biografische Standardwerk für sie bereithält. Denn ein Standardwerk ist es zweifelsohne, da es Lesley M.M. Blume auf unnachahmliche Art und Weise gelingt, nicht nur Hemingways Charakter, sondern auch seinen ersten Roman Fiesta schonungslos zu sezieren und in den Kontext aller persönlichen Verflechtungen zur internationalen Literaturszene zu setzen, die damals in Paris so schillernd strahlte, wie nirgendwo auf der Welt. „Paris. Ein Fest fürs Leben“. Unter diesem Titel schrieb Hemingway selbst über diese ersten Jahre und vielleicht ist es erst sein Originaltitel der zeigt, wie sich der aufstrebende Literat hier gefühlt haben muss. „A Moveable Feast“. Wie ein beweglicher Feiertag kam ihm sein Leben in der pulsierenden Metropole an der Seine vor. Nur war Hemingway nie in der Lage, sich nur treiben zu lassen und die Atmosphäre zu genießen. Er war getrieben von Ehrgeiz und Neid.

Der Ehrgeiz, endlich veröffentlicht zu werden und Neid auf all jene, die es bereits geschafft hatten. Hemingway war Suchender und Strebender zugleich. Er kontaktierte alle, die seinen Zielen dienlich sein konnten, verschaffte sich Zugang zu den höchsten literarischen Kreisen in Paris und versuchte in den Literatursalons zu beeindrucken. Er brachte viel mit. Den Ruf eines abenteuerlustigen und gefahrenerprobten Journalisten, ein gewisses Talent, das sich jedoch zuerst auf Kurzgeschichten beschränkte und das Charisma eines Mannes, der in der Lage sein könnte, die etablierten Büchergötter vom Olymp zu stoßen.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Dieser bewegliche Feiertag fühlte sich für den erfolgshungrigen Hemingway an, wie das Schlaraffenland der Literatur. Die ganze Welt blickte auf diese Stadt. Alles, was in der Szene Rang und Namen hatte, war hier versammelt und nur in Paris konnte es gelingen, die Kontakte für den persönlichen Durchbruch zu knüpfen. Schnell wurde Hemingway klar, dass im nur eine Kleinigkeit fehlte, um im Konzert der Aufstrebenden mitspielen zu können. Er brauchte einen Roman. Er brauchte ein Buch, das sprachlich so anders war, so sehr für den Zeitgeist einer neuen Generation stand und das in jeder Hinsicht einschlagen sollte, wie eine literarische Bombe.

Lesley M.M. Blume lässt keinen Aspekt des Lebens in den Wilden Zwanzigern in Paris außer Betracht. Sie nimmt uns an die Hand führt uns an der Seite von Ernest in die höchsten Kreise ein. Sie verschafft uns Zutritt zu Gertrude Stein, Ezra Pound und Sylvia Beach, Verlegerin und Inhaberin der legendären Buchhandlung „Shakespeare and Company“. Sie macht uns bekannt mit den Lebemännern und -frauen der Pariser Gesellschaft und überall wo wir auftauchen hinterlässt der junge Hemingway Eindruck. Er saugt alle Ratschläge auf, vermittelt den Anschein eines gelehrigen Schülers und ist schnell im Herzen einer literarischen Avantgarde angekommen, die bahnbrechend sein kann.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Wir lernen Ernest Hemingway in allen Facetten kennen. Reporter, Schriftsteller und Ehemann. Rollen, die er perfekt spielte und in denen er stets dominierte. Er zeigt schon früh, dass er gewillt ist, alles seinem Erfolg unterzuordnen. Lesley M.M. Blume entlarvt Hemingway, indem sie aus Briefen, Nachlässen und Zeitzeugnissen schöpft, indem sie die Memoiren von Zeitzeugen durchforstet und dabei schonungslos offenlegt, wie weit Hemingway zu gehen bereit war, um erfolgreich zu sein. Er kannte keine Skrupel, wenn es darum ging, sich über diejenigen lustig zu machen, die ihre Hand schützend über ihn gehalten hatten. Er war brutal gegen sich und andere. Er machte sein Umfeld nutzbar. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Lesley M.M. Blume beschreibt eine Zeit, in der sich jeder daneben benommen hat. Sei es in menschlicher, sozialer oder gesellschaftlicher Hinsicht. Skandale und Abkehr von normativen Standards gehörten zur Tagesordnung, wenn man sich Nachklang des Ersten Weltkriegs befreien und einfach nur leben wollte. Die verlorene Generation war auf dem Weg zu neuen Ufern und Ernest Hemingway war ihr literarischer Vorreiter. Er überwand die Grenzen des Schreibens, erneuerte es in seinem ganz eigenen Stil. Wie zielgerichtet er dabei vorging und wie sehr er an seiner eigenen Legende schrieb, wird im vorliegenden Buch nur zu deutlich. Er wurde der Königsmörder an seinen Freunden und Wegbereitern. Er machte sich eine Welt Untertan, die nur auf ihr zu warten schien.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Folgen Sie der Einladung von Lesley M.M. Blume zu einem grandiosen Exkurs in die Hochkultur der Literatur. Sie werden einen unglaublichen Spaß daran haben, zu erleben wie ausgeprägt das „Hase-und-Igel-Spiel“ zwischen Hemingway und F. Scott Fitzgerald war. Jenem Schriftsteller, der immer eine Nasenspitze voraus war, dessen Lebensstil dem entsprach, was Hemingway sich erträumte und dessen Romane schon veröffentlicht waren, als sein Konkurrent noch um die Veröffentlichung kleiner Stories bangen musste. Erleben Sie Hemingway im Umgang mit seinen Frauen, Geliebten und Affären. Auch hier verdeutlicht die Autorin, wofür er empfänglich und zu was er bereit war, wenn es darum ging, an seinem Mythos zu arbeiten. Für jeden Roman eine neue Frau – eine These, die nicht von der Hand zu weisen ist.

Werden Sie zu Zeugen des ultimativen Castings für Hemingways ersten Roman. Dieses Buch zeigt wie kein anderes, wer sich hinter den Romanfiguren aus „Fiesta“ verbirgt, wem Hemingway lebenslang eine gewaltige Bürde mit auf den Weg gab und wie sein direktes Umfeld darauf reagierte. Und lernen Sie die schillerndsten Gestalten des Pariser Lebens in den Zwanziger Jahren kennen. Lady Duff Twysden, Harold Loeb, Kitty Cannell und Pauline Pfeiffer. Sie alle werden bleibenden Eindruck in Ihrem Lesen hinterlassen. Und nicht zuletzt werden Sie mein Gefühl teilen und unmittelbar nach der letzten Seite von „Und alle benehmen sich daneben“ mit frisch erwachtem Eifer nach Pamplona zu reisen um voller Lesenslust „Fiesta“ zu genießen.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume – High Society

Buch, was willst du mehr? Unterhaltend, schillernd und facettenreich wie das Leben selbst, gelingt es Lesley M.M. Blume der Zeitscheibe im Leben von Ernest Hemingway Leben einzuhauchen, die für seinen späteren Erfolg von größter Bedeutung war. Nichts ist redundant, selbst wenn man andere Bücher kennt, die sich mit Hemingway in dieser Zeit beschäftigen. Lesen Sie weiter, wenn Sie das Feuer gepackt hat. In diesen Werken brennt es bücherloh:

Madame Hemingway von Paula McLain
Als Hemingway mich liebte von Naomi Wood (Rezension bei Herzpotenzial)
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway
Fiesta von Ernest Hemingway

Lesen Sie bitte jetzt, was ich über F. Scott Fitzgerald schrieb. Für dich würde ich sterben lautet der Titel einer Sammlung bisher unveröffentlichter Kurzgeschichten. Es ist ein Buch, das einen anderen Fitzgerald zeigt. Hemingway hatte ihn schon hinter sich gelassen und der Ruhm verblasste. Er kämpfte mit Kurzgeschichten um seinen Ruf!

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

„Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg - AstroLibrium

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg – AstroLibrium

Wie fühlt man sich so als fünftes Rad am Wagen? Die Fachsprache bezeichnet es als Ersatzrad. Etwas im eigentlichen Sinne Überflüssiges, zumindest so lange, bis man im Notfall darauf zurückgreifen kann. Erst dann bemerkt man, wie lebenswichtig es sein kann, ein Rad in Reserve zu haben. Wie man sich als Mensch fühlt, in eine solche Rolle gedrängt zu werden, hat vielleicht jeder für sich in seinem Leben erlebt. Es ist kein allzu schönes Gefühl im Leben eines anderen Menschen nur dann wichtig zu sein, wenn Not am Mann (oder an der Frau) ist.

Johanna kennt dieses Gefühl nur zu gut. Eigentlich hätte sie alles, um im Leben von Boris die Hauptrolle zu spielen. Sie verstehen sich gut, können sich stundenlang und in aller Tiefe unterhalten. Gefühle sind auch vorhanden und doch hakt es zwischen ihnen. Es ist die Summe der verpassten Gelegenheiten, die aus Johannas Wunschtraum von Liebe eine nicht aufzulösende Ungleichung macht. Es sind die wenigen Zentimeter, die sie von einem ersten Kuss trennen, es sind die nicht genutzten Chancen, die Wahrheit gesagt zu haben. Und es ist die Unbekannte in der Ungleichung, die das Leben schwer macht. Ana-Clara.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Johanna entscheidet sich für einen Weg, der für sie die schlimmste aller Alternativen darstellt und zumindest ein wenig Nähe zu Boris garantiert. Sie fügt sich in die Rolle als Reserverad. Sie ist immer dabei, nicht wichtig genug für eine Hauptrolle, ungeliebt und im Stillstand, während Boris und Ana-Clara auf Hochtouren umeinander kreisen. Immer in der Hoffnung, Boris möge doch irgendwann erkennen, wer wirklich zu ihm passt, wer sein Leben in Schwung hält und was er Johanna bedeutet. Keine schöne Position, das eigene Sehnen im Kofferraum der Beziehungskiste anderer Menschen zu verbringen.

Wer an dieser Stelle der Meinung ist, es handele sich hier um eine archetypische Coming-of-Age-Geschichte, den kann ich beruhigen, denn es ist in Teilen wahrlich so. Wer jedoch denkt, es hier mit einer schablonenhaft erzählten Story einer unglücklichen Jugend vor sich hin pubertierender Teenager zu tun zu haben, der sieht sich getäuscht, wenn er sich mit dem Schriftsteller und der eigentlichen Geschichte hinter den Kulissen auseinandersetzt. „Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg ist in jeglicher Sicht ein Roman über Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Hoffnung. Dieser Roman ist ein aufrichtiger und wundervoll zu lesender Entwicklungsroman dreier Menschen, die in unterschiedlichen Konstellationen an- und aufeinanderprallen.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Und doch verbirgt sich hinter der Leichtigkeit des Schreibens eine Bildhaftigkeit, in der man lesend wie in einem der Kinofilme von Jan Schomburg versinken kann. Es ist kein Drehbuch, das er hier geschrieben hat. Die Montagetechnik der Szenen und einige Überblendungen weisen aber deutliche Spuren eines kreativen Menschen auf, der eine Geschichte anders erzählen kann, weil er sie vor seinem geistigen Auge sieht. Und hier geht Jan Schomburg einen Weg der in sich gewöhnungsbedürftig ist, weil man sich ihm ausliefern muss.

Chronologisches Erzählen? Fehlanzeige! Schomburg zwingt die Leser seines Buchs im positiven Sinne zu einer intuitiven Adaption der Geschichte. Er löst den Verstand des Lesers von Zeitvorstellungen und blendet Situationen ein, die im Film als Rückblick und Ausblick vielleicht farblich vom Gesamtwerk abgehoben wären. Schomburg schreibt sie in einem Fluss. Auf Johannas Erinnerung an einen bestimmten Abend folgt der Dialog, der sich nur dort zugetragen haben kann. Und wenn wir diesen Dialog verlassen, fühlen wir uns ganz spontan wieder in den Erzählraum Schomburgs ein und können uns nach vorne bewegen.

Schomburgs Roman liest sich so intuitiv, wie wir unsere Smartphones bedienen. Man benötigt keine Bedienungsanleitung, kein Handbuch zum Buch. Lesend folgt man einer unsichtbar angelegten Fährte und kommt doch ganz individuell ans Ziel. Basis für dieses Lesevergnügen ist das Vertrauen in den Schriftsteller. Jan Schomburg zahlt es auf jeder Seite zurück.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Er fährt hier keinen wirren Zickzackkurs durch seine Geschichte. Er folgt vielmehr dem unausgesprochenen Wunsch bibliophiler Menschen, nicht kapitelweise in die tiefe Vergangenheit der beschriebenen Menschen einzutauchen, sondern sequenziell und in wohldosierten Flashbacks zu erfahren, was geschah und welche Auswirkungen es jetzt auf die Situation hat, in der man sich gerade befindet. Dieses intuitive Lesen ist eine der prägendsten Leseerfahrungen, die ich in letzter Zeit machen durfte.

Handlungsfäden verschwinden, tauchen auf, verweben sich neu und gewinnen an Bedeutung, weil man sie in sich wandelnden Kontexten anders interpretieren kann. Ein Schulausflug nach Barcelona, das scheinbar menschenunwürdige Verhalten eines ihrer Mitschüler, die Suche nach den Gründen hierfür, der Versuch einer Bestrafung und die vielen Augenblicke von Zweisamkeit unter dem Damoklesschwert der allgegenwärtigen Ana-Clara vermischen sich zu anscheinend eher losen Elementen einer Geschichte, die aus einer jeweils anderen Perspektive unglaubliche Zusammenhänge offenbaren.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

So ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Boris auf der Suche nach Antworten auf die Fragen des Lebens verirrt und ausbricht. Sein Verschwinden ist der Weckruf für Johanna. Gemeinsam mit Boris` Eltern und der ewigen Konkurrentin beginnt die Suche nach der Liebe ihres Lebens. Und wieder nur als fünftes Rad am Wagen. Auch jetzt an der Seite der eigentlichen Freundin, die gar nicht so verzweifelt scheint, wie es vielleicht sein sollte. Island ist das gemeinsame Ziel und doch nur eine Etappe. Angst beherrscht die Gefühlswelt von Johanna, denn der letzte Brief von Boris schmeckte nach Abschied vom Leben.

„Irgendwie sehe ich kein Licht mehr und höre keine Geräusche…“

Dabei sind es genau „Das Licht und die Geräusche“ die das Leben so lebenswert machen und einen Menschen davon abhalten sollten, Selbstmord zu begehen. Das hat Johanna Boris anvertraut und die magischen Worte tragen den gesamten Roman und ganz intuitiv werden wir Zeugen einer auf den ersten Blick verstörenden Situation in der die Verzweiflung zweier Suchender ein Ventil findet. Ein emotionaler Vulkanausbruch in dem sich Ana-Clara und Johanna hemmungslos verlieren. Jan Schomburg überrascht und verstört zugleich, weil „Das Licht und die Geräusche“ in seiner Geschichte heller und lauter sind, als man es erwarten konnte.

„Das Licht und die Geräusche“ macht uns literarisch HELLHÖRIG…

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Versinken wir jetzt in geräuschloser Lichtlosigkeit? Keinesfalls. Es wird noch heller und lauter. Am 4. April ist Jan Schomburg im Literaturhaus München zu Gast. Er stellt dort sein Buch im Rahmen einer Lesung vor. Der perfekte Anlass, sich mit Mikrofon und Kamera dorthin zu begeben und von diesem besonderen Abend zu berichten. Ich freue mich schon jetzt, dies wieder mit meiner kongenialen Blogger-Partnerin Stephanie von Nur Lesen ist schönergemeinsam zum Herzensprojekt machen zu dürfen.

Und die Liste unserer Team-Reportagen ist schon recht ansehnlich. Sie reicht von Heidi Rehn, Alex Capus, Lily King bis zu Hannah Rothschild. Aber schaut selbst. Steffi hat sie mit feinem Auge zusammengefasst. HIER…

Jan Schomburg – Das Interview

Nach dem Lesen ist vor dem Interview

Ein geheimes Treffen in der Lobby des Hotels Cortina in München. Ein Interview mit Jan Schomburg im Ambiente eines stimmungsvollen Cafés und die abendliche Lesung im Literaturhaus München stellen den Schwerpunkt der Radioreportage für Literatur Radio Bayern dar. Folgen Sie uns zu einem Abend voller Licht und Geräusche, hören Sie uns zu und lesen Sie Steffis Artikel, der diesem PodCast das Krönchen aufsetzt.

Lesen Sie gut… Hier
Hören Sie gut… Hier

AstroLibrium – Nur Lesen ist schöner & Jan Schomburg

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„Nordnordwest“ – In Seenot mit Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

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Herzlich willkommen an Bord der „Slangevar“. Ich begrüße Sie im Namen unserer Besatzung und wünsche Ihnen schon jetzt eine bewegende literarische Kreuzfahrt der ganz besonderen Art. Wir starten bei denkbar ungünstigen Witterungsbedingungen im malerischen Hafen der nordfranzösischen Küstenstadt Saint Malo und segeln mit voller Kraft in Richtung Großbritannien. Die „Slangevar“ ist zwar nicht das Prunkstück unserer Ärmelkanalflotte, sie bietet auch nicht sonderlich viel Platz im Inneren, Sie finden weder sanitäre Einrichtungen (abgesehen vom WC-Eimer) noch eine gescheite Bordkombüse und sie befindet sich zugegebenermaßen in einem zutiefst jämmerlichen Zustand.

Ich bitte diese Rahmenbedingungen für Ihre Lesereise zu entschuldigen und hoffe auf Ihr Verständnis, da die drei Besatzungsmitglieder in der Kürze der Zeit kein anderes Segelboot gefunden haben, das sich so leicht stehlen ließ. Meine Bord-Crew steht unter dem bewährten Kommando von Lucky, einem jungen Kleinkriminellen, der sich auf der Flucht durch Frankreich befindet. Ersparen Sie mir bitte weitere Details zu den näheren Umständen hierzu. Darüber hinaus müssen Sie sich keine weiteren Namen merken. Ich weiß selbst nicht, wie die beiden anderen Crew-Mitglieder heißen. Der Kleine ist schon seit einiger Zeit Luckys Fluchtbegleiter und das Mädchen haben sie hier in Saint Malo aufgegabelt. Mehr müssen Sie nicht wissen.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Ach so. Vielleicht ist es doch interessant für Ihre Lesereiserücktrittsversicherung zu wissen, dass nur das Mädchen über rudimentäre Segelerfahrung verfügt. Mehr würde Sie zu Beginn unserer gemeinsamen Reise nur verunsichern. Glauben Sie mir. Vielleicht erfahren Sie ja während der Überfahrt ein wenig mehr von unserer Besatzung und können sich ein eigenes Bild über deren Beweggründe machen, die zu ihrer Flucht führen. Das Logbuch dieser Reise wird geführt von Sylvain Coher und die gebundenen Reiseunterlagen tragen die Prägung dtv auf dem sturmgepeitschten Schutzumschlag.

NORDNORDWEST“ – Mehr als unseren voraussichtlichen Kurs müssen Sie sich nicht merken. Es soll ja nur eine grobe Richtungsangabe sein. Ein Anhalt. Sie verstehen?

So, jetzt da Sie an Bord sind, kann ich die Maske fallen lassen! Schluss mit lustig. Sie sind mir genauso auf den Leim gegangen, wie ich dem Klappentext zum Buch von Sylvain Coher erlegen bin. Verrückte Idee, weiter Himmel, Irrfahrt, übermüdet, hungrig und geklauter Proviant. Was vielleicht nach einer kleinen abenteuerlichen Reise dreier junger Menschen klingt, die mit einem geklauten alten Segelboot über den Ärmelkanal schippern, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als literarische Hardcore-Story, in der alles anders ist, als es zuvor den Anschein hat.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Willkommen an Bord eines Seelenverkäufers. Willkommen zu einer Reise, die Sie in den Grundfesten Ihrer Leseleidenschaft erschüttern wird. Willkommen an Bord der alten „Slangevar. Sie wären nicht der erste Leser, der hier über Bord geht oder Stunden um Stunden an Leseseekrankheit leidet. Sie lesen hier auf Wellenbergen in Windstärke 12 und können von Glück reden, wenn Sie diesen alten Pott hier mit heiler Haut verlassen. Eines werden Sie jedoch sicher nie, dafür garantiere ich! Sie werden es in Ihrem Leben nicht bereuen, den Kurs „Nordnordwest“ eingeschlagen zu haben.

Sylvain Coher geht einen literarisch ungewöhnlichen Weg, um seinen Roman vom Stapel zu lassen. Bis auf Lucky anonymisiert er seine Protagonisten. Namenlos bleiben der Kleine und das Mädchen, grundlos bleiben ihre Motive für die gemeinsame Flucht in einem Segelboot. Nur weg. Raus aus Frankreich. Das muss genügen. Distanz entsteht, wo ich als Leser eigentlich lieber Nähe empfinden würde. Es fällt schwer, sich den drei Hauptcharakteren zu nähern, in sie hineinzublicken. Dieser minimalistische Ansatz aber ist es, der ihnen auch in der Geschichte das Überleben gesichert hat.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nur weil es Lucky und dem Kleinen bis hierher gelungen ist, unsichtbar zu bleiben, sind sie so weit gekommen. Das Mädchen bringt das fliehende Duo durcheinander. Sie ist es, die sich ihnen anschließt, sich in Lucky verliebt, eine wahrhaft flüchtige und auch heftige Liaison mit ihm eingeht. Sie ist es, die jede Balance durcheinander bringt. Sie ist es, die den Kleinen auf seltsame Gedanken bringt und Eifersucht aufkommen lässt. Sie ist es aber, die segeln kann. Sie ist die Einzige an Bord, die ein Segel von einem Laken unterscheiden kann. Das Mädchen ist DER Dreh- und Angelpunkt einer Odyssee durch den Ärmelkanal.

Und genau diese wenigen Seemeilen werden zur Hölle. Ohne Navigation, ohne die nötige nautische Erfahrung und bei immer extremer werdenden äußeren Bedingungen beginnt ein Kampf ums Überleben, den wir als Leser in der Enge des Bootes hautnah miterleben. Sylvain Coher schafft hier die Nähe, die er durch die Namensverweigerung eigentlich nicht zugelassen hat. Hier fallen die Masken, hier konturieren sich Ursachen und Gründe für die Flucht. Hier eskaliert im Inneren, was außerhalb des Schiffsrumpfes zu toben beginnt. Ängste machen sich breit. Übelkeit lässt nicht locker. Ratlosigkeit ist omnipräsent und drei zufällig im gleichen Boot sitzende Menschen durchleben extreme Belastungsproben, die durch die Rahmenbedingungen noch überhöht werden.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Ich habe viel gewonnen in diesem Roman, und doch auch alles verloren. Ich bin auf Bishop Rock gelandet, nur um erkennen zu müssen, dass Leuchttürme in der heutigen Zeit nicht mehr von Leuchtturmwärtern bewohnt werden, die helfen können. Ich erlebte an mir vorbeistampfende Containerschiffe im Blindflug. Autopiloten achten nur auf die Route, nicht jedoch auf kleine Segelboote, die im Weg sein könnten. Ich erlebte einen Sturm, Hunger, Kälte, Nässe aber auch die wahre Größe eines Teams, das sich in der Gefahr zu finden scheint. Freundschaft, auch wenn sie keinen Namen trägt, trägt diese Geschichte.

Und doch hat sich in einem kleinen Moment mein ganzes Lesen verändert, als ich mitten in der Nacht aufschrak, ans Steuer hechtete und nicht glauben konnte, was dort geschehen war. Es war der Moment, in dem ich als Leser alles verlor.

Im Finale der Reise mit Kurs „Nordnordwest“ wechselt der Autor die Perspektive und wirft einen Blick auf die „Slangevar“, der das Herz implodieren lässt. Es ist ein sehr distanzierter und unerwarteter Blick, der zeigt, was nie erzählte Geschichten auslösen können. Ein neutraler und fast emotionsloser Blick, der sich im Leser verfängt, weil nur er zu deuten weiß, was fremde Augen sehen. Am Ende der Geschichte ertrank ich fast im salzigen Meer meiner Tränen. Gefühlschaos pur.

Nordnordwest von Sylvain Coher - Bücher im Dialog...

Nordnordwest von Sylvain Coher – Bücher im Dialog… Einfach klicken…

Wenn Bücher miteinander zu reden scheinen… Ein besonderer Dialog.

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Wenn ich hier von Verlust schreibe, dann steht dieser Artikel unter diesem Stern. Es ist mir eine liebevolle Ehre, diese Zeilen unserem Bordercollie „Schneeflocke“ widmen zu können, der heute nach zwölf Jahren treuer Wegbegleitung auf die andere Seite der Regenbogenbrücke gegangen ist, um dort auf uns zu warten, bis wir ihn wieder als den besten Hütehund brauchen, den die Welt je gesehen hat.

Flöckchen… 26. November 2004 – 01. Februar 2017

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„Die unsterbliche Familie Salz“ von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Es ist der Fluch des literarischen Bloggens, dass man schon sehr frühzeitig über die Neuerscheinungen des Jahres informiert ist und das Interesse für Bücher geweckt wird, von denen man gerade einmal den Klappentext und einen ersten Cover-Entwurf kennt. Schon Anfang des Jahres entschied ich mich für Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble und vereinbarte mit der Presseabteilung der dtv bereits im März einen Interviewtermin mit dem Schriftsteller auf der Frankfurter Buchmesse.

Wenige Tage nach diesem Arrangement lag das Presse-Exemplar in meinen Händen und musste sich gedulden, bis ich mich durch meine Projekte zu ihm durchlesen sollte. Seltsamerweise rückte das Buch in immer weitere Ferne, weil es nicht mehr so recht in mein Lesen passen wollte. Als ich dann auch noch in einer Literaturkritik die Überschrift „Hotel Adlon trifft Abingdon Road“ las, zweifelte ich schon daran, ob ich überhaupt in diesen Roman einsteigen wollte. Eine reine Familiensaga im Hotelmilieu passte einfach nicht ins Lesen dieser Tage.

Jetzt, kurz vor der Buchmesse gab ich dem Roman eine Chance. Literarisches hat mich in den letzten Wochen intensiv begleitet und mir war klar, dass ich das Buch sehr schnell abbrechen würde, wenn ich zu sehr in der bunten Glitzerwelt eines Nobelhotels eintauchen sollte, um den stereotypen Lebensweg einer reichen Familie durch die Zeit begleiten zu können. Und trotzdem las ich aufmerksam, da ich ja noch dieses Interview im Visier hatte, das ich nicht grundlos absagen würde.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Anders kann ich meine Grundstimmung zu Beginn des Buches nicht beschreiben und es kam, wie es kommen musste. Ich habe den Roman abgebrochen. Enttäuscht und traurig stoppte ich das Lesen auf Seite 438. Enttäuscht, weil ich das Ende erreicht hatte und so gerne einfach weiterlesen wollte. Traurig, weil ich so viel Zeit verstreichen ließ, bis ich „Die unsterbliche Familie Salz“ für mich entdeckte und zuletzt begeistert, da ich die letzten Worte des Autors in dieser Geschichte in dem Gefühl las, ein großes Buch beendet zu haben.

Nein. Hier trifft kein Hotel Adlon auf eine klischeehafte Familiengeschichte. Nein, hier wandelt der Leser nicht in den leeren Kulissen einer Nobelherberge umher. Dieses Buch ist weiter gefasst, präziser erzählt und überraschender strukturiert, als man es ihm auf den ersten Blick zutraut. Stilistisch erinnert dieser Roman an eine Mischung aus Die Geschichte des Regens und Die Bücherdiebin, weil sich reine Erzählelemente mit literarischen Kunstgriffen abwechseln, die den Leser ganz persönlich ansprechen.

„Sie hören mir noch zu? Ich hoffe – um ehrlich zu sein: erwarte es! Alles müssen Sie sich merken. Keine Ausflüchte. Machen Sie sich meinetwegen Notizen. Für Wiederholungen bleibt uns keine Zeit…“

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Dass es eine über hundertjährige, im Koma liegende ehemalige Schauspielerin ist, die sich direkt an den Leser wendet, ist hier nur eine der vielen Facetten, die der Roman über eine unsterbliche Familie bereithält. Wobei natürlich noch erwähnenswert ist, dass genau diese alte Dame gerade im Begriff ist, zum zweiten Male in ihrem Leben zu sterben. Lola Rosa Salz.

Und mit ihr sind wir schon im Kern der Geschichte, im Auge des Orkans bei einer der schillerndsten Romanfiguren angelangt, die mir in diesem Jahr über den Leseweg gelaufen ist. Lola Rosa Salz ist die Urzelle dieses Romans. Sie ist Enkelin, Tochter, sie selbst, Mutter, Tante und Großmutter und Urgroßmutter in einem Erzählpanorama, das sich durch die Geschichte unseres Landes zieht, im Jahr 1914 kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltenbrandes beginnt und sich bis ins Jahr 2027 erstreckt. Und Rosa Lola Salz wird den Leser wie ein roter Faden und fast unsterblich durch die Zeit begleiten.

Christopher Kloeble erzählt eine Geschichte, die sich um einen Magnetberg rankt. So nennt er Orte, die eine magische Anziehungskraft besitzen und von denen man sich aus eigener Kraft kaum noch lösen kann. Das legendäre Hotel Fürstenhof in Leipzig ist der Erzähl-Pol seines Romans. Das Hotel kommt in den Besitz der Familie Salz, die sich nur schweren Herzens von ihrer eigentlichen Heimat München lösen kann, nur die Chance ist zu verlockend und eine Zukunft in Leipzig scheint 1914 alternativlos zu sein.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Ebenso alternativlos verlaufen nun die salz´schen Lebenswege parallel zur deutschen Geschichte. Weltkriege, Mauerbau, Wiedervereinigung. Schlaglichter, die ihre Schatten selten vorauswerfen, in deren Schatten man allerdings lebenslang steht. Der Dynamik der Familiengeschichte stellt die Weltgeschichte gewaltige Umwälzungen an die Seite, die sich bei jedem Schritt auf die Geschicke der Salz-Generationen auswirken. Leipzig bringt Lola kein Glück. Die gerade einmal Neunjährige wird nicht lange im Fürstenhof leben und es wird fast ein ganzes Leben dauern, bis sie ihn wieder betreten wird. Man gibt ihr die Schuld an einem mysteriösen Tod in der Familie. Schuld, die lebenslang auf ihr lastet.

Und so, wie es die Familie Salz nun zerreißt, wird in den folgenden Jahrzehnten das ganze Land mehrmals zerrissen, zerstört, aufgebaut, getrennt und vereinigt. Das Hotel Fürstenhof steht sinnbildlich für die Geschichte und im Lauf der Jahre entfernt es sich immer mehr von seinen eigentlichen Besitzern. Die magnetische Anziehungskraft bleibt bestehen. Wir folgen Lola Rosa und ihren Geschwistern durch die Berg- und Talfahrt im und nach dem Ersten Weltkrieg, erleben Flucht und Vertreibung, Bombenterror und die Gewalt anrückender Siegermächte im Zweiten Weltenbrand, werden zu Zeitzeugen der Teilung des Landes und fühlen das Vakuum, das entsteht, weil das Hotel enteignet ist. Erst die Wiedervereinigung Deutschlands ist die Initialzündung, den Fürstenhof wieder in Familienbesitz zu bringen.

Christopher Kloeble gelingt es mit seinen Magnetberg Fürstenhof die Geschichte eines ganzen Landes auf ein einziges Gebäude zu fokussieren und den Leser mit den unterschiedlichsten Perspektiven seiner eigentlichen Besitzer in die Vergangenheit zu entführen. Ihm gelingt es auf diese Art und Weise, Kausalzusammenhänge zwischen geschichtlichen Ereignissen, persönlichen Erlebnissen, Erinnerungen und dem Leben einzelner Menschen herzustellen, und Verhaltensweisen nachvollziehbar zu machen.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Verlust, Hoffnung und Verbitterung sind die heftig miteinander streitenden Gefühle, die sich durch die Jahrzehnte ziehen. Ängste und Verzweiflung werden fühlbar, Liebe und Fürsorge erlangen völlig neue Bedeutungen und die Entwicklung eines Charakters wird greifbar. Zu erleben, wie aus dem kleinen Mädchen Lola Rosa Salz eine mehr als aufopferungsvolle Mutter wird, die sich im Lauf der Zeit zum Schreckgespenst für alle Verwandten entwickelt schmerzt und macht nachdenklich. Und doch war ich immer bei ihr, weil ich sie verstehen lernte.

„Sie hören mir noch zu?

Ich hoffe – um ehrlich zu sein: erwarte es! Alles, alles müssen sie sich merken. Keine Ausflüchte. Machen sie sich meinetwegen Notizen. Für Wiederholungen bleibt uns keine Zeit…“

Ja, Lola. Ich habe mir Notizen gemacht. Diese hier. Ich werde nichts vergessen und kann Fragen beantworten. Ich weiß, warum man seinem Schatten einen Namen geben sollte, habe verstanden, dass man lebenslang gezeichnet ist, wenn man zum Opfer der Sieger wurde und kann nachvollziehen was es bedeutet, an diesen Ort zurückzukehren, der lebenslang wie ein Magnet wirkte, den man aber nie wieder betreten sollte. Ich habe verstanden, wovor Lola ihre Kinder beschützen wollte und spürte die Sehnsucht nach einer Zeit voller Unschuld. Mit jeder Faser meines Lesens war ich an ihrer Seite. Sie ist für mich Die unsterbliche Familie Salz“.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Ich freue mich schon darauf, Christopher Kloeble auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen zu können. Ich mag wissen, wie er schrieb, wie es ihm gelang, trotz dieser großen Zeitsprünge nie die Familie Salz zu verlieren, wo die Probleme dieser Konstruktion liegen und ganz besonders interessiert bin ich daran, was seine eigenen Magnetberge sind und wie sein Schatten heißt. Lest diesen Roman und folgt uns ins Gespräch. Hier geht´s zum Interview. Fast live…

Dann werdet ihr verstehen, wie wertvoll es ist, kein Schattenblinder zu sein.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble - Das Interview... bald

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble – Das Interview…