Wilde Freude von Sorj Chalandon

Wilde Freude von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Wilde Freude von Sorj Chalandon

Es ist mir eine wahrhaftige und Wilde Freude, den neuen gleichnamigen Roman aus der Feder von Sorj Chalandon vorstellen zu können. Ich fühle mich immer am wohlsten in Büchern und Hörbüchern, wenn ich dem Autor oder der Autorin bereits auf meinen Wegen durch die weite Welt der Literatur begegnet bin. Es fühlt sich an, wie in einen mir bekannten Erzählraum einzutreten, von dem ich ahne, was ich erwarten darf und was auf mich zukommt. Sorj Chalandon ist eine bekannte Größe in meinem Lesen. Ich weiß, dass er in der Lage ist, Gefühlswelten erlebbar zu machen. Ich weiß, dass er seine Geschichten gerne in unvorhersehbare Richtungen treibt und ich habe in seinem Roman „Am Tag davor“ eine Art von Urvertrauen zu ihm aufgebaut, weil er mich schon damals an die Hand nahm, und mich bis zum Ende sicher durch seine Geschichte und die unterschiedlichen Aspekte seines Romans führte. Aus gutem Grund schrieb ich:

Aus dem Bergarbeiter-Roman wird schlagartig ein brillanter Justiz-Roman, der es schafft, die Atmosphäre der Kohle-Region in den Gerichtssaal zu transportieren. Es ist die Aufarbeitung einer Rache. Die Abrechnung mit dem scheinbaren Täter, aus der im Verlauf des Prozesses jedoch die Aufarbeitung der Katastrophe wird. Wo ist Schuld zu suchen? Wo wird man sie finden? Wer hat das Recht zu rächen? Und nicht zuletzt die Frage, was „Am Tag davor“ geschah, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Hier sitzen wir bei den Beobachtern des Prozesses und wissen nicht, wie wir urteilen sollten. Wir wissen nichts. Nur, dass wir keine Opfer und keine Täter erkennen. Die Grenzen in dieser Bewältigungsgeschichte verschwimmen. Und das auf eine intelligent-emotionale Art und Weise, die lange im Gedächtnis bleiben wird.

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Worauf war ich also vorbereitet, als ich mich in das Buch Wilde Freude und die Hörbuchfassung, gelesen von Jodie Ahlborn, begab? Nein, Chalandon würde nicht nur ein Thema behandeln. Er würde Genres miteinander verbinden und am Ende einer Geschichte auf die Füße helfen, die eben nur in diesem Mix existieren kann. Er würde keinen Roman über die Krebserkrankung seiner Protagonistin Jeanne verfassen, er würde keinen Roman über die Freundschaft von Frauen schreiben, die er zu einer im tiefsten Inneren verschworenen Schicksalsgemeinschaft zusammenfügt. Und er würde sicher keinen Thriller über den Raubüberfall auf einen Nobeljuwelier in Paris schreiben. All diese Ingredienzien der Chalandon-Rezeptur sind im Klappentext aufgeführt. Klingt wie eines buntes Potpourri aus Handlungssträngen, die nicht zusammenpassen. Klingt allerdings nach einem typischen Chalandon, da literarische Einbahnstraßen nicht zur Landkarte seines Schreibens gehören. Es sind Kreuzungen, Boulevards und Feldwege, die zu seinem Stadtplan werden, in dem wir der menschlichen Psyche begegnen.

Da ist Jeanne. Die Pariser Buchhändlerin, der wir zu einer Mammografie folgen und miterleben müssen, wie sich ihr Leben von einer auf die andere Sekunde dramatisch in die Zeitscheiben vor und nach der Krebsdiagnose aufteilt. Chalandon versetzt uns hier tief in das Innenleben einer Frau, die sich nach einem bereits erlittenen Verlust erneut darauf einstellen muss, einen medizinischen Kampf gegen die Zeit zu führen. Hier geht der Autor schonungslos mit den Wahrheiten um, er löst blankes Entsetzen aus, wenn er „seine“ Jeanne im Stich lässt, weil er ihr einen Ehemann zur Seite stellt, der wohl einer der am wenigsten mitfühlenden Charaktere ist, der mir jemals in einem Buch begegnet ist. Ich scheue mich nicht, ihn hier als „echtes Arschloch“ zu bezeichnen. Ein Prädikat, das er sich im Verlauf der Geschichte ehrlich verdient hat. Nur ein guter Autor ist in der Lage, mich mit einer solchen Figur zur Lese-Weißglut zu treiben. Gelungen. Danke.

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Und da sind die drei Frauen, denen Jeanne während der Therapie über den Weg läuft. Brigitte, Assia und Melody. Alle vom Leben gezeichnet, alle in der Situation, die kaum Auswege kennt und doch mit feinen Antennen für ihre Mitmenschen ausgestattet. Sie entdecken das Gemeinsame. Sie verbünden sich und suchen nach einem Weg, in ihrer eigenen Ausweglosigkeit dem eigenen Leben wieder einen neuen Sinn zu geben. Was also könnte näher liegen, als sich nun zusammenzutun, um Melody zu helfen, die nichts anderes mehr gebrauchen kann, als Geld. Sie folgt einer Mission, zu der sich in aller Konsequenz unsere Ladies zusammenschließen. Sie, die kaum etwas zu verlieren haben, beschließen, einen Pariser Nobeljuwelier zu überfallen. Hier haben wir ihn. Den augenscheinlichen Bruch in einem Roman, der wie eine Krankenakte begann. Hier ist Chalandon in seinem Element.

Hier passt augenscheinlich nichts mehr zusammen. Nicht der Titel zum Buch, nicht die Protagonistinnen zur Handlung, nicht die Männer ins Bild, nicht die Krankheiten zur Geschichte eines Überfalls. Es fühlt sich an, wie ein Puzzle aus Steinen, die sich kaum verbinden lassen. DAS IST CHALANDON. Denn so spiegelt er das Leben literarisch im Herzen seiner Erzählungen. Auch in unserem Leben passt nicht viel zusammen. Nicht die Realität zu unseren Träumen, nicht die Menschen aus unserem Umfeld zu Visionen von Harmonie, nicht die Krankheiten zu unserer Vorstellung von einer heilen Welt. Und letztlich würden wir den Titel unserer Lebensgeschichte auch gerne ändern. Hier wird aus einem Roman ein Spiegelkabinett des wahren Lebens. „Wilde Freude“ ist für mich der große Trugschluss, der diesen Roman so trefflich auf den Punkt bringt.

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Aus all diesen Widersprüchen zieht Chalandon die Berechtigung, als Schriftsteller zu verbinden, was im eigentlichen Sinn niemals miteinander in Beziehung zu setzen ist. Seine Fiktion schlägt Brücken über Flüsse, die so weit auseinanderliegen, dass man in der kühnsten Fantasie keinen Brückenschlag erwarten würde. Ihm gelingt es, in dieser Geschichte, Puzzlesteine zu einem Bild zu vereinen, die zuvor als unvereinbar galten:

  • Krebs und Crime
  • Mammografie und Überfallskizzen
  • Therapeutische Perücken und Täter-Tarnung
  • Empathie und Betrug
  • Hass und Liebe
  • Selbstlosigkeit und Egozentrik
  • Kinderlosigkeit und Elternschaft

Oder, um es mit den Worten des Autors zu sagen, hier ein Zitat aus dem Roman:

Dies ist die Geschichte von vier Frauen. Sie wagten sich sehr weit vor. In die tiefste Dunkelheit, in die größte Gefahr, in den äußersten Wahnsinn. Gemeinsam rissen sie die Krebsstation nieder und errichteten auf ihren Trümmern eine Zitadelle.

Ob man sich dem Roman „Wilde Freude“ lesend in der gebundenen dtv-Ausgabe nähert, oder sich auf das Hörbuch einlässt, es ist eine besondere literarische Reise, die uns erwartet. In der ungekürzten Der Audio Verlag-Lesung brilliert Jodie Ahlborn in besonderer Weise, weil man ihr die Zerrissenheit Jeannes deutlich anhört. Aus ihrer Sicht ist der Roman erzählt. Eine wundervolle Spielwiese für eine große Stimme, die in einem einzigen Aufzug von der leidenden Frau zur kaltblütigen Räuberin mutieren darf. Großes Kopf- und Stimmkino…

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Ein Nachtrag: Chalandon weiß, worüber er schreibt, wenn er von Krebs schreibt. Eine Krankheit, die nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Ehefrau heimgesucht hat. Es ist sicher eine Expertise, auf die man als Autor verzichten kann. Allerdings spürt man jeder Faser des Buches in den Krebs-Passagen an, dass hier mehr erzählt wird, als nur eine Geschichte. Constanze Matthes weist in ihrer Buchvorstellung auf dem Blog „Zeichen & Zeiten“ ebenso deutlich darauf hin. Was macht der Krebs mit einem Menschen? Wie sehr dominiert die Angst das Leben? Wann geht die Hoffnung verloren? Wie groß wird die pure Eifersucht auf die gesunden Menschen, die nur Mitleid zeigen? Und wann ist der Point of no Return erreicht, an dem man zu allem bereit ist? Die Antworten sind in diesem Roman verborgen. Es bereitet eine „Wilde Freude“, sie zu teilen…

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Wilde Freude von Sorj Chalandon

Iris Wolff und Daniel Mellem im Gespräch

Buchmessespitzen - Die Interviews - AstroLibrium

Buchmessespitzen – Die Interviews – AstroLibrium

Frankfurter Buchmesse, digital. Eine neue literarische Welt, die uns in diesem Jahr erwartet, bringt auch ihre guten Seiten mit sich. Die Buchmessespitzen in München lässt Schriftsteller*innen in der bayerischen Metropole mit ihren Werken auftreten, die zu genau diesem Zeitpunkt in Frankfurt die Messehallen dominieren würden. Ich habe die Ehre im Rahmen dieser Lesungsveranstaltung gleich zwei Interviews für Literatur Radio Hörbahn führen zu können, auf die ich mich besonders freue.

Hier geht es ohne große Umschweife zu meinen Gesprächen mit:

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff - Das Interview - AstroLibrium

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff – Das Interview

Iris Wolff

Autorin von „Die Unschärfe der Welt„, nominiert für den Bayerischen Buchpreis, den „Wilhelm-Raabe-Preis“ und auf der Shortlist „Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhändler*innen“. Zu ihrem Roman schrieb ich in meiner Rezension:

Warum ich bereits jetzt denke, dass „Die Unschärfe der Welt“ ein preiswürdiger Roman ist? Weil ich es tief in mir drin gespürt habe. Mit jeder Faser meines lesenden Herzens und mit jedem Wort, das ich aufsaugen durfte. Dieses Buch zu lesen ist wohl die beste Entscheidung, die man am Anfang des Lesens treffen kann. Denn:

„Für Anfänge musste man sich entscheiden, Enden kamen von allein,
wenn man sich nicht entschieden hatte.“ 

Ein Gespräch über literarische Zauberer, heimatlose Suppen, Windwanderer, ein satirisches Staatsbegräbnis, Heimat, Sehnsucht, Siebenbürgen und natürlich die Nominierung zum Bayerischen Buchpreis. Ganz nebenbei erfahren Sie, welchen eigentlichen Titel der Roman lange Zeit trug. Hier geht´s zum PodCast.

Die Erfindung des Countdowns - Daniel Mellem - Das Interview - Astrolibrium

Die Erfindung des Countdowns – Daniel Mellem – Das Interview

Daniel Mellem

Autor von „Die Erfindung des Countdowns„, Physiker und Schriftsteller, mit dem Debüt über den Raketenforscher Hermann Oberth. Zu seinem Roman schrieb ich in meiner Rezension:

Woran jedoch lag es, dass man den großen Vordenker des Raketenantriebs hier übersehen hatte? Dieser Frage geht Daniel Mellem auf die Spur. Und wer, wenn nicht er könnte berufener sein, um das Schicksal jenes Wissenschaftlers über ein Zeitfenster von fast 70 Jahren zu skizzieren und zu erzählen? Der promovierte Physiker gehört für mich zu den kommenden lauten Stimmen im Literaturbetrieb, weil es ihm gelingt, seine wissenschaftliche Prägung sehr nuanciert einzusetzen, um seinen Erzählfluss nicht zu überfrachten. Und wie er erzählt. Man kann sich weder dem Sog des Romans noch der Konstruktion entziehen. 

Ein Gespräch über: Ethik und Wissenschaft, schreibende Physiker, fantastische Visionäre, Jules Verne, die Ausweglosigkeit der Herkunft und jenen Countdown, der unsere Welt veränderte. Hier geht´s zum PodCast.

Die Glockenbach Buchhandlung in München - AstroLibrium

Die Glockenbach Buchhandlung in München

Mein besonderer Dank gilt der Glockenbach Buchhandlung München, die spontan die Pforten öffnete und als Location für die Aufzeichnung des Interviews zur Verfügung stand. Ein absolut erlesenes Wohlfühl-Ambiente. (Das machen wir mal wieder…) 

Buchmessespitzen - Die Interviews - AstroLibrium

Buchmessespitzen München – Die Interviews

Zwei Gespräche, zwei so verschiedene Werke und doch wird es verwundern, welche Gemeinsamkeit in den Interviews zutage tritt. Die literarische Welt ist wirklich klein. 

Danke an den Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski, für die Erwähnung dieser Interviews in der Kategorie „Fundstücke aus den Literaturblogs“ im Buchmarkt, Ideenmagazin für den Buchhandel, Oktober 2020.

Buchhandlung Lesezeichen Germering - Astrolibrium

Meine Partnerbuchhandlung zum Bayerischen Buchpreis

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem - AstroLibrium

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Wissenschaftlich geprägte Romane liegen mir besonders am Herzen. Gerne folge ich den großen und kleinen Entdeckern, die unsere Welt verändert haben. Dabei sind es nicht nur Nobelpreisträger, die auf AstroLibrium tiefe Spuren hinterlassen. Es sind oftmals gerade die Gescheiterten, die Wagemutigen und Visionäre, deren Geschichten mich fesseln. Es sind vielfach die sogenannten Zweiten im Ziel, über die niemand mehr spricht und die schnell in Vergessenheit geraten. Und doch sind gerade sie es, die mit ihrem Pioniergeist den zeitlosen Erfolg der „ausgezeichneten“ Forscher erst ermöglicht haben. Es sind tragische Geschichten des Scheiterns und der Obsession, denen wir in der Literatur begegnen. Es ist die andere Seite der Nobelpreis-Medaille, die ständig im Schatten liegt und kaum Glanz verbreitet. Es sind große literarische Stoffe, die man in diesen Geschichten findet. Gut recherchiert erzählt, fällt zumindest ein wenig dieser Strahlkraft auf die Schattenseite der Naturwissenschaft…

Da kann es nicht verwundern, dass der Roman Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem meinen literarischen Entdeckerinstinkt geweckt hat. Erst im letzten Jahr habe ich das 50-jährige Jubiläum der ersten Mondlandung mit einem Special hier gewürdigt und nun komme ich natürlich auch nicht an einer Romanbiografie vorbei, die einen echten Pionier in der Geschichte der Weltraumfahrt in den Mittelpunkt stellt. Wer jedoch denkt heute schon an Hermann Oberth, wenn von der „Apollo-11-Mission“ die Rede ist? Wer schon an einen gebürtigen Siebenbürger Sachsen, wenn man sich das „Who is Who“ der deutschen Raketen-Wissenschaftler vor Augen hält, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der legendären „Operation Overcast“ im Rahmen der geheimen Aktion von den US-Streitkräften in die Vereinigten Staaten gebracht wurden? Nein, ein Hermann Oberth taucht hier viel später auf und doch gilt er als der eigentliche Godfather der Raketentechnologie.

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Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Woran jedoch lag es, dass man den großen Vordenker des Raketenantriebs hier übersehen hatte? Dieser Frage geht Daniel Mellem auf die Spur. Und wer, wenn nicht er könnte berufener sein, um das Schicksal jenes Wissenschaftlers über ein Zeitfenster von fast 70 Jahren zu skizzieren und zu erzählen? Der promovierte Physiker gehört für mich zu den kommenden lauten Stimmen im Literaturbetrieb, weil es ihm gelingt, seine wissenschaftliche Prägung sehr nuanciert einzusetzen, um seinen Erzählfluss nicht zu überfrachten. Und wie er erzählt. Man kann sich weder dem Sog des Romans noch der Konstruktion entziehen. Um sich Hermann Oberth zu nähern, um den Menschen und Forscher zu verstehen und das Scheitern nachvollziehen zu können, muss man schon weit ausholen und einen Erzählraum gestalten, der in mehreren Raketenstufen zündet.

Daniel Mellem erzählt eine bewegende Geschichte, in der es nicht nur um Herkunft, Talent und Obsession geht. Er nähert sich in seinem Protagonisten der entscheidenden Frage nach der wissenschaftlichen Ethik und betritt ein Spannungsfeld, in dem er den Wissenschaftler Oberth auf den Prüfstand des historischen Gewissens stellt. Wie weit darf man gehen, um sich nicht an seinem eigenen Wissen zu versündigen. Zu welchen Opfern ist man bereit, um ein egoistisches Ziel zu erreichen? Ein Scheideweg, an dem auch Hermann Oberth in die falsche Richtung abbog. Daniel Mellem bricht keinen Stab über dem erfolglosen Forscher. Er weckt Verständnis für seine Entwicklung, beschreibt den Neid auf seine Weggefährten und stellt die wissenschaftliche Leistung ins Zentrum des Geschehens. Und doch lässt der Physiker und Schriftsteller keinen Zweifel daran, dass Hermann Oberth keinesfalls ein Opfer der Geschichte ist. Er wäre gerne wie jener bereitwillige Täter und Nazi-Forscher gewesen, der viel von ihm lernte und als Wernher von Braun berühmt wurde.

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Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Der Handlungsbogen des Romans beginnt beim begeisterten Jugendlichen, der von Jules Verne fasziniert ist und doch schnell festellt, dass sich der Visionär verrechnet haben musste. Die Idee einer Reise zum Mond jedoch bleibt tief in der Fantasie eines Jungen verankert, dem aufgrund seiner Herkunft und der mehrfach wechselnden Rolle seiner Heimat in der Geschichte der Weg zu den großen Universitäten versperrt bleibt. Gegen den Willen des Vaters und später auch nur mit einer, die Raketenforschung nur tolerierenden, zweifelnden Ehefrau begibt er sich in die Sackgassen seiner Forschung. Daniel Mellem bleibt der Geschichte und den Menschen eng auf der Fährte, wenn ihm die Weltgeschichte mal wieder ein Schnippchen schlägt. Die Rakete zündet in all ihren Brennstufen. Wir begleiten Hermann Oberth bis zu den UFA-Filmstudios und zu Fritz Lang, der dessen Kenntnisse zumindest im Ansatz im Stummfilm „Frau im Mond“ auf die Leinwand bringt. Für Hermann Oberth jedoch nur ein totes Gleis. Er will mehr. Echte Raketen. Zur Not auch solche, die töten. Kriegswaffen. Er bietet sich den Nazis an.

Peenemünde. Die Vergeltungswaffe V2 . Das Aggregat 4. Hier sollten sich seine Träume erfüllen. Der Flug zum Mond könnte ja später immer noch erfolgen. Hier zeigt sich die dunkle Seite des talentierten Wissenschaftlers, der zu allem bereit ist, wenn er nur ein Mal ausprobieren darf, ob seine Theorien in der Praxis funktionieren. Es ist die erdrückende Geschichte eines Abstellgleises, von dem die Lokomotive entkommen will. Koste es, was es wolle. Der Hermann Oberth, der zu oft als Spinner verlacht wurde, will es der Welt zeigen. Sein Gewissen schaltet er aus. Die Zweifel seiner Frau Tilla legt er in das Ablagekörbchen. Das Scheitern scheint vorhersehbar. Dieser Roman greift nie zu kurz, wenn Hintergründe wichtig sind. Er schweift nicht ab, wenn es doch so leicht gewesen wäre, ins Schwadronieren zu kommen. Er bleibt präzise und doch feinfühlig, weil auch diese Geschichte ohne Leidenschaft bis zur Selbstaufgabe nicht funktioniert.

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem - Astrolibrium

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Dies ist ein absolut disziplinloser Roman. Seiner Hauptfigur Hermann Oberth wird es zum Verhängnis, dass die Raketenforschung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts keiner Disziplin der etablierten universitären Wissenschaften zuzuordnen war. Weder der Physik, noch der Aerodynamik oder dem Ingenieurswesen. Ein Pech, dem er ewig nachgetrauert hat. Hier sprengt auch der Autor den Rahmen seiner Erzählung. Es ist wie eine Wanderung auf den Grenzlinien zwischen Science Fiction und Wissenschaft. Es ist eine spannende, lehrreiche und emotionale Wanderung, die dort endet, wo eine solche Geschichte enden muss. Daniel Mellem bringt sie in ihr Ziel und wir zählen den wohl legendärsten Countdown der Geschichte der Weltraumfahrt mit.

Ein Countdown, den man nicht nur in der gebundenen dtv-Print-Ausgabe erlesen kann. Ein Countdown, der auch im Hörbuch von Der Audio Verlag eine wichtige Rolle spielt. In Sebastian Rudolph hat man einen Sprecher gefunden, dessen Stimme nicht nur versiert durch diesen atmosphärischen Roman führt. Er ist absolut stilsicher in den Dialogen, denen er viel Lebendigkeit einhaucht. Er vermag es, Hermann Oberth einen Klang zu verleihen, der einfach zu ihm passt. Und in den entscheidendsten Momenten der Hörbuchfassung wirkt es, als sei seine Stimme aus der Zeit gefallen. Hier klingt ein Countdown, als würden wir ihn in einer Liveübertragung hören. Unterbrochen nur von den Gedankengängen des Mannes, der zeitlebens von jenem Moment geträumt hat. Es sind neun Stunden dieser ungekürzten Lesung, die der Schubkraft der Romanvorlage gerecht werden. Ein Hörbuch, das keinen Nachbrenner benötigt, um diese Geschichte in die Umlaufbahn zu katapultieren.

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem - Astrolibrium

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Ich stand nicht zum ersten Mal in meinem Lesen vor der Vergeltungswaffe V2 in Peenemünde. Ich sah die aufgemalte Frau im Mond schon in einem anderen Roman. Es sind diese Momente, die ich an der Literatur so liebe. Es sind solche Momente, die im Herzen der Lesenden Bücherketten entstehen lassen, an die auch die Autoren nicht gedacht haben. Und doch stehen ihre Bücher jetzt in meiner Bibliothek nebeneinander. Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš endet an dieser Rakete…. 

Der Mond und die Literatur: Von Jules Verne bis zu Daniel Mellem. Meine absolut schwerelose Erdtrabanten-Bibliothek:

Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt
Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill
ARTEMIS“ – Leben auf dem Mond mit Andy Weir
Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano
Armstrong“ – Torben Kuhlmann revolutioniert die Raumfahrt
Die Ziege auf dem Mond“ – Stefan Beuse & Sophie Greve
Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk
Space Girls“ von Maiken Nielsen und das große Special
50 Jahre Mondlandung – Ein Literaturereignis“ und jetzt aktuell:
Die Erfindung des Countdowns“ von Daniel Mellem (Buch und Hörbuch)

Und jetzt läuft Euer Countdown: 10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem - AstroLibrium

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Frankfurter Buchmesse, digital. Eine neue literarische Welt, die uns in diesem Jahr erwartet, bringt auch ihre guten Seiten mit sich. Die Buchmessespitzen in München lässt Schriftsteller*innen in der bayerischen Metropole mit ihren Werken auftreten, die zu genau diesem Zeitpunkt in Frankfurt die Messehallen dominieren würden. Ich hatte die Ehre im Rahmen dieser Lesungsveranstaltung dieses Interview für Literatur Radio Hörbahn führen zu können, auf das ich mich besonders gefreut habe.

Die Erfindung des Countdowns - Daniel Mellem - Das Interview - Astrolibrium

Die Erfindung des Countdowns – Daniel Mellem – Das Interview

Daniel Mellem – Das Interview

Ein Gespräch über: Ethik und Wissenschaft, schreibende Physiker, fantastische Visionäre, Jules Verne, die Ausweglosigkeit der Herkunft und jenen Countdown, der unsere Welt veränderte. Hier geht´s zum PodCast.

Die Glockenbach Buchhandlung in München - AstroLibrium

Die Glockenbach Buchhandlung in München

Mein besonderer Dank gilt der Glockenbach Buchhandlung München, die spontan die Pforten öffnete und als Location für die Aufzeichnung des Interviews zur Verfügung stand. Ein absolut erlesenes Wohlfühl-Ambiente. (Das machen wir mal wieder…)

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise – Dubois

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise - Dubois - Astrolibrium

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise – Dubois

Der renommierte französische Literaturpreis „Prix Goncourt“ ist ein Prädikat des guten Lesens. So habe ich es bisher empfunden. Hier wird kein Buch mit einem Etikett versehen, dessen Qualität man spätestens dann anzweifelt, wenn man es nicht versteht. Manche Literaturpreise schrecken mich eher ab. Diese Auszeichnung empfinde ich als Brandbeschleuniger für meine literarische Neugier. Und dies nicht grundlos. Bisher hat mich noch kein Preisträger enttäuscht. Ich nenne hier nur Beispiele:

2006 Jonathan Littell – „Die „Wohlgesinnten
2010 Laurent Binet – „HHhH – Himmlers Hirn heißt Heydrich“ – Kategorie Debüt
2011 Alexis Jenni – „Die französische Kunst des Krieges
2016 Leila Slimani – „Dann schlaf auch du
2017 Éric Vuilard – „Die Tagesordnung

Meine guten Erfahrungen mit diesen Preisträgern ließen mich kaum daran zweifeln, auch mit dem Gewinner der renommierten Auszeichnung aus dem Jahr 2019 eine gute Wahl getroffen zu haben. Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise kommt eigentlich wie eine leichte und ziemlich unaufgeregt erzählte Geschichte daher, die bei näherer Betrachtung jedoch alles andere ist, als literarische Meterware nach bekannten Mustern oder bibliophiler Einheitsbrei nach bekannter Rezeptur.

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise - Dubois - Astrolibrium

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise – Dubois

Jean-Paul Dubois gelingt es, mit einer skurril anmutenden Ausgangssituation seines Romans so viel Neugier zu erzeugen, dass man das Gefühl einfach nicht mehr loswird, das Buch lesen zu müssen, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Da sitzt ein Mann in einer Gefängniszelle, dessen Lebenswandel unbescholten ist, der als besonnen und hilfsbereit gilt, der keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte und man fragt sich, was ihn hierher verschlagen hat. Wir befinden uns in der kanadischen Haftanstalt von Montreal und lernen Paul Hansen in seinem neuen Domizil kennen. Sechs Quadratmeter, zwei Etagenbetten, zwei Fenster, zwei in den Boden zementierte Hocker, zwei Ablagebretter und ein freistehendes Klo. Condo, so nennt man die Zelle, in der er genau zwei Jahre Haft absitzen muss. Und dies keineswegs allein. Patrick Horton, ein hünenhafter und jähzorniger Hells Angel teilt mit ihm die Luft zum Atmen und den letzten Rest einer nicht vorhandenen Privatsphäre.

Während Jean-Paul Dubois seinen Protagonisten einsperrt, befreit er seine Leser durch das geschickte Öffnen von Erzählräumen, zu denen nur er alle Schlüssel besitzt. Es sind die Innenansichten eines Insassen, aus denen wir seine Freiheit vor dem Urteil erleben dürfen. Dubois faltet die Landkarten der Welt zusammen und fabuliert sich im Verlauf seiner Erzählung in Rückblenden in ein magisches Dreiländereck. Frankreich, Dänemark und Kanada sind die Schauplätze, die wir verstehen und inhalieren müssen, um zu verstehen, warum dieser gutmütige Paul Hansen hier wie ein Schwerverbrecher gehalten wird. Es ist eine Familiengeschichte, die wir uns ganz genau ansehen sollten, bevor wir selbst zu einem Urteil kommen. Es sind die kleinen Geschichten, in die man uns entführt, die dem Mosaik einer Straftat ein Muster verleihen, das greifbar wird.

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise - Dubois - Astrolibrium

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise – Dubois

Es sind die Menschen. die das Leben von Paul Hansen geprägt haben. Es sind die erlebten und adaptierten Verhaltensmuster seiner Eltern, die seinem Weg Richtung und Wertevorrat mitgegeben haben. Wir lernen den an sich scheiternden Prediger kennen, der seinen Glauben verliert, die Liebe seiner Frau als Verrat empfindet und sich in eine Sucht flüchtet. Sein Vater, ein Däne. Wir lernen die Besitzerin eines Kinos kennen, die sich gegen alle Konventionen stellt und das kleinbürgerliche Frankreich und ihren Mann durch die Auswahl ihrer Filme provoziert. Eine Französin, schillernd schön. Die Mutter. Wir begegnen einer Pilotin, mutig, abenteuerlustig, liebeswütig und selbstlos. Die Frau fürs Leben. Kanadierin, Indianerin. Seine Frau. Die Frau, die ihn verzauberte:

„Meine Frau war der Umhang, der Stab, das Kaninchen und der Hut zugleich. Wie konnte eine Frau zugleich ein Flugzeug fliegen, mich lieben und ihre Hündin retten?“

Und nicht zuletzt ist es eine Hündin, die ihm zeigt, wie selbstlos Liebe ist und wie sehr ein Tier Halt geben kann. Es sind seine Toten, die ihm ihre Geschichte vor Augen führen. Dieser Roman kennt keine Totenruhe. Die Geister seiner Lieben sind an seiner Seite. Omnipräsent. Sie sind keine Alibis für sein Verbrechen. Sie sind Teil der Lunte, die sich niemals entzündet hätte, wäre Paul Hansen kein Unrecht geschehen. Dies ist die große Lehre, die sich von Seite zu Seite immer weiter manifestiert. Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise. Dass man sich dabei in die Quere kommt ist nur allzu logisch. Das Pulverfass explodiert mit fatalen Auswirkungen.

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise - Dubois - Astrolibrium

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise – Dubois

Dubois brilliert sprachlich, grandios eingefangen von den Übersetzerinnen Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver, er besticht mit Bildern voller Lokalkolorit und nimmt seine Leser mit auf eine Reise, die der Zelle ihren klaustrophobischen Sog nimmt. Es ist das Programmkino, dessen schummrige Atmosphäre wir spüren können, es ist eine Kirche in Dänemark, die fast vom Sand verschluckt wurde und deren Turm mit den Dünen zu wandern scheint. Es ist ein Wasserflugzeug, das getragen von indianischen Legenden überall landen kann, wo die Zivilisation unüberwindbare Grenzen gezogen hat. Und es sind die Menschen, die diesen Roman mit ihrer Präsenz bereichern. Es ist die Magie des Arbeitsplatzes, an dem Paul Hansen in den Wahnsinn getrieben wurde. All diese Erzählelemente machen den Roman preisverdächtig und -würdig.

Dies ist ein großer franko-kanadisch-skandinavischer Roman, der nicht durch sein Tempo, sondern durch einen unterhaltsam melancholischen Tiefgang überzeugt. Es ist ein Sittengemälde dreier Länder, eine Charakterstudie ihrer Menschen und ein perfekt in Szene gesetztes Diorama einer Arbeitsumgebung, die einen Menschen mit Haut und Haaren in sich aufsaugt. Das „Excelsior„, die Wohnanlage, deren Hausmeister unser Häftling war, wird zum Sinnbild einer Trauminsel, die zum Horror mutiert. Und wer sich in diesem Roman fühlt, er säße an einem langsam vor sich hinplätschernden Fluss, der wird regelmäßig aufgerüttelt, wenn ein Hells Angel mal eben auf Toilette muss und sich in einen Zustand eruptiver Presswehen begibt…

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise - Dubois - Astrolibrium

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise – Dubois

Würde man nach einer Überschrift für diesen Roman suchen, ich würde ihn die Geschichte einer Rache nennen. Paul Hansen nimmt keine Rache. Er gönnt sie sich und steht für die Konsequenzen ein. Da kann man wieder einmal sehen, was passiert, wenn ein braver Maschinist das Öl gegen Sand vertauscht und dem Getriebe auf diese Art und Weise den revolutionären Todesstoß versetzt. Hier lernt man, wie komplex man sein Leben und die Leben seiner Vorfahren, Liebsten und Gefährten im Gepäck haben kann und was geschieht, wenn sie gemeinsam eine Entscheidung treffen, die einfach konsequent ist. Lesenswert, liebenswert, leidenswert, empfehlenswert.

Meint übrigens auch Constanze auf Zeichen & Zeiten… 

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Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise – Dubois

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

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Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

Stell Dir vor, Du bist ein werdender Vater. Stell Dir vor, es ist das erste Kind, das Du und Deine Frau erwarten. Stell Dir dann noch vor, es treten leichte Komplikationen auf, und Du musst vor der Frauenklinik tatenlos darauf warten, bis man Dich informiert, wie es um Deine kleine Familie steht, wie es Deiner Frau geht und ob das Kind schon das Licht der Welt erblickt hat. Du kannst Dir das vorstellen? Prima. Wie wäre es jetzt mit einer Zigarette, um die Ungewissheit zu ertragen und die unendliche Wartezeit vor den Toren eines Krankenhauses zu überstehen? Stell Dir dann noch vor, Du wirst ganz zufällig zum Zeugen seltsamer Vorgänge im Eingangsbereich. Ein aufgewühlter Mann, den Du davor bewahrst, in seinem Zustand ins Auto zu steigen. Ein Mann, der gerade das Schlimmste erlebt hat, was man sich genau hier vorstellen kann.

Du unterhältst Dich mit ihm, hörst ihm zu. Und dann trifft es Dich wie ein heftiger Schlag in die Magengrube. Er habe mitgeteilt bekommen, sein Kind sei bei der Geburt verstorben. Man habe nur etwas unterschreiben müssen für die Bestattung. Man habe ihnen das Kind nicht gezeigt. Seine Frau Ricarda wisse wohl noch von nichts und man habe ihn auch nicht mehr zu ihr gelassen, weil die beiden ja gar nicht verheiratet seien. Völlig aufgelöst und am Ende ist dieser Steffen Weber, dem wir kurz begegnen. Es ist der Moment, in dem wir den Mann kennenlernen, der bis jetzt nur nervös vor der Klinik stand und auf Neuigkeiten wartete. Thomas Rust wird noch nervöser, als zuvor. Ist mit seiner Frau und dem Baby alles in Ordnung, wie würde er reagieren, warum schweigt man ihn an und was haben seine Beobachtungen vor der Frauenklinik mit diesem toten Kind zu tun? Thomas Rust kann auch jetzt nicht aus seiner Haut. Er ist Polizist und ihm kommt vieles komisch vor. Wenn Du jetzt noch bedenkst, dass wir uns im Dresden des Jahres 1973 befinden, dann können wir uns vorstellen, welche Gedanken in ihm toben.

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Frank Goldammer – Max-Heller-Reihe – Ein anderes Lesen

Ich konnte mir das gut vorstellen und habe auf den ersten Seiten eines Romans aus der Feder von Frank Goldammer noch nie so viele Zigaretten geraucht. Ihm gelingt in seinem aktuellen Roman „Zwei fremde Leben“ ein Einstieg, der nervenzehrend ist. Es ist typisch für sein Schreiben und typisch für die Konstruktion seiner Romane, dass er seine Leser schon auf den ersten Seiten mit Herz und Seele abholt und nicht mehr aus den Fingern lässt, bis sie die letzte Seite erreicht haben. Und doch ist vieles untypisch, wenn wir an die bisherigen Romane des Dresdner Erfolgsautors denken. Seine Max-Heller-Reihe wird ausschließlich aus der Perspektive eines Mannes erzählt. Hier sind wir seit Jahren an der Seite des Dresdner Inspektors unterwegs und bewegen uns mit ihm durch die Zeitscheiben von der Dresdner Bombennacht im Zweiten Weltkrieg bis zum Arbeiteraufstand im Juni 1953. Und es geht weiter. Hier jedoch wechselt er seine Sichtweise. Er wechselt unvermittelt in die Perspektive von Frauen, denen das Regime der DDR vermeintlich alles genommen hat, was das Leben lebenswert macht.

Zugegeben, die Einleitungssequenz ist von Männern geprägt. Zugegeben, ich war der Meinung, Frank Goldammer bliebe bei der gewohnten Erzählweise. Weit gefehlt. Er wendet sich den Menschen zu, die hier die eigentlichen Leidtragenden sind. Er erzählt aus der Perspektive von Ricarda Raspe, der Freundin des jungen Mannes, der vor der Klinik auf den Polizisten stieß. Er bleibt bei der Frau, die ihr Kind verlor, es jedoch nicht zu Gesicht bekam. Er lässt ihrer Hoffnungslosigkeit, der Trauer und der Wut freien Lauf und spricht durch sie das Unsägliche aus. Man habe ihr das Kind weggenommen. Man habe es an jemanden weitergegeben, der in der DDR über Einfluss verfügt, aber selbst keine Kinder bekommen kann. Ricarda Raspe lässt keinen Stein auf dem anderen, um ihr Kind zu finden. Ihre Tochter. Mehr weiß sie nicht. Eine Lücke, die sich nicht mehr schließen lässt. Eine Lücke, die auch noch Jahre später durch anonyme Postkarten mit Glückwünschen zur Geburt und tiefer Anteilnahme am Tod des Babys neu aufgerissen wird. Wer tut so etwas? Und warum? Das ist brutaler Psychoterror.

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer - Astrolibrium

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

Frank Goldammer wäre jedoch nicht Frank Goldammer, wenn er seinen Polizisten Thomas Rust im Nichtstun verharren lassen würde. Der linientreue Ermittler versucht, Erklärungen für das vermeintliche Verschwinden des Kindes zu finden. Im Hintergrund entwickelt sich ein Bild der DDR für ihn, das er lieber nicht gesehen hätte. Goldammer bringt unangenehme Themen zur Sprache, er thematisiert Zwangsadoptionen in dem Land, in dem er selbst aufgewachsen ist. Er lässt seinen Ermittler von der Leine, ohne ihm jedoch die Hauptrolle in seinem Roman zuzubilligen. „Zwei fremde Leben“ stellen den Mittelpunkt dar. Ein scheinbar totes Baby aus dem Jahr 1973 und eine junge Frau, die im Jahr 1989 kurz vor der Wende auf bitterste Art und Weise erfährt, dass sie von ihren einflussreichen Eltern nur adoptiert wurde. Als aus zwei Ländern ein neues Land erwächst, macht sie sich auf die Suche nach ihren Eltern.

Die 16jährige Claudia erlebt im Untergang der DDR zugleich den Untergang ihrer Familie. Jetzt befinden wir uns an der Seite von zwei Frauen, die sich als Opfer eines diktatorischen Systems fühlen. Es sind konzentrische Kreise, in denen die Geschichte ihre Bahnen zieht. Kreise, die sich immer wieder zu schließen scheinen und sich doch immer weiter voneinander entfernen, je höher die Wellen schlagen. Beide Frauen sind dazu bereit, alles um sich herum in Frage zu stellen, alles zu zerstören, nur um Spuren zu finden, die von offizieller Seite perfekt verwischt wurden. Und doch stellen sich diese Frauen dem aussichtslosen Unterfangen. Frank Goldammer legt mit den psychischen Ausnahmesituationen in Verbindung mit den Zeitsprüngen durch die Geschichte einen echten Pageturner in unsere Hände. Er betritt Neuland in der Wahl seiner Perspektive und fesselt seine Leser, weil die meisten von ihnen individuelle Erinnerungen an diese Zeit in ihr Lesen einbringen können.

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Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

Meine Artikel zu den bisherigen Romanen von Frank Goldammer zeigen deutlich, wie sehr ich seine Schreibe mag. Ich wollte nicht alleine beurteilen, ob ihm die neue, weibliche Erzählperspektive gelungen ist. Ich suchte Rat bei einer begeisterten Leserin, die zuvor noch kein Buch aus seiner Feder gelesen hat. „KateView„, nenne ich diesen Blick auf „Zwei fremde Leben“ von Kate, Zahnärztin, Zwillingsmutter und Leserin, auf deren Urteil ich blind vertrauen kann.

Zwei fremde Leben - Frank Goldammer - KateView - Astrolibrium

Zwei fremde Leben – Frank Goldammer – KateView

Stell Dir vor, Du bist eine werdende Mutter, die das Schlimmste überhaupt erlebt
und Deine Geschichte erzählt ein Mann… Das geht doch gar nicht? Doch, das geht.
Ich war ganz gespannt, wie Frank Goldammer das hinkriegen wollte. Und ich wurde nicht enttäuscht. Die Geschichte zog mich in einem atemlosen Tempo in der Zeit zurück. Selbst in der DDR aufgewachsen WAR ich wieder dort. Und das Tempo
blieb hoch, die Spannungskurve ganz stabil gehalten durch ein paar eingestreute Krümel Erkenntnis, die jegliche Vorhersagbarkeit nahmen und meiner Familie zwei
Tage mütterliche „Abwesenheit“ und kalte Abendessen bescherten.

Und zwischen den Zeilen findet man dann zu den Figuren. Mit wenigen Worten schafft es der Autor, Stimmungen und Figuren zu schaffen, ohne sich in langatmigen Beschreibungen zu verlieren. Genug, um Bilder und Gefühle hervorzurufen, wenig genug, um der Phantasie Platz zu lassen. Als ob er einem den Lichtschalter zeigt,
damit man sie selbst sehen kann. Die weibliche Perspektive ist wirklich großartig beschrieben, stark, intensiv, nicht übertrieben romantisch, einfach echt. Man fühlt
die Unsicherheit, Trauer, aber auch die Stärke dieser Frau. Beeindruckend erreicht Frank Goldammer, dass man sich in einem vordergründig spannenden Krimi wähnt,
der jedoch mit unglaublicher Tiefe, einem Themenreichtum und schonungsloser Offenheit überrascht. 
Das war ganz sicher nicht mein letzter Goldammer.

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer - AstroLibrium

Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

Dieser Roman wirft viele Fragen auf. Zwangsadoptionen, politische Unterdrückung, Mitläufer, Täter und Opportunisten. Und doch gelingt es Frank Goldammer erneut, in einem Roman die Geschichte zweier Gesellschaften miteinander zu verbinden, die im Geiste immer noch unvereinbar scheinen. Es ist kein Zerrbild, das er entwirft. Es sind keine Klischees, die vor uns ausgebreitet werden. Er zeigt das Tempo der Wende in einer Dimension auf, die uns „Wessis“ eher verstehen lässt, was falsch gelaufen ist. Hier wird keinem sozialistischen Staat hinterher geweint, hier wird nichts beschönigt, aber ich habe verstanden, mit welcher Wucht die „Gewinner“ über die „Verlierer“ im Zeitfenster der Wende hergefallen sind. Alles braucht Zeit. Auch dieser Roman. Hier liegt seine absolute Stärke. Das Falsche wird durch den Zugewinn an Freiheit schnell ersichtlich. Doch auch diese Freiheit muss man sich oft bitter erkaufen. Dieses Buch blendet nichts aus. Es ist der wahre Luxus, neben den Erkenntnissen, die uns „Zwei fremde Leben“ vermitteln, auch noch etwas fürs Leben gelernt zu haben.

Leseempfehlung mit dem Prädikat besonders wertvollAber Vorsicht. Gerade am Ende des Romans sollte man sich darauf vorbereiten, von Frank Goldammer mit einem literarischen Knalleffekt überrascht zu werden. Chapeau und bitte weiter so.

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Zwei fremde Leben von Frank Goldammer

PS: Auch in einer weiteren, diesmal sächsischen Instanz wird Frank Goldammer ein guter und spannender Roman bescheinigt. Hier liegt das Hauptaugenmerk eher auf dem Polizisten Thomas Rust. Irgendwie typisch für den Rezensenten…

Hier geht es zu meiner kompletten Frank-Goldammer-Bibliothek.