Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Der Archivar der Welt von Lia Tilon - Astrolibrium

Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Was kann die Fotografie? Gut, das klingt nach einer einfach zu beantwortenden und schon häufig gestellten Frage. Sie lichtet die Realität ab, hält Erinnerungen fest und ist für den Menschen so etwas wie eine ausgelagerte Festplatte unseres Gehirns. Wir sind auf Fotos angewiesen, um uns längst verstorbene Verwandte vor Augen zu halten und lieben es in unseren eigenen analogen oder digitalen Fotoalben zu blättern. Fast jedes Bild ist mit der Überschrift „Weißt Du noch“ versehen. Und früher? Ganz zu Beginn der Geschichte der Fotografie? Da brachte sie unbekannte Welten zu den Menschen nach Hause. Sie zeigte Bilder von Kontinenten, Gebirgen, Flüssen und Landschaften, in die man wohl selbst nie reisen würde. Aber Fotografie zur Völkerverständigung? Hat man davon jemals etwas gehört?

Die in Holland geborene Autorin Lia Tilon weiß darüber sogar ein ganzes Buch zu schreiben. Einen Roman, um genau zu sein. Bei näherer Betrachtung jedoch wird klar, dass es erst einer umfangreichen Recherche bedurfte, um im Weiteren fiktional agieren zu können. „Der Archivar der Welt“ ist nicht nur ein durch historische Quellen belegter großer literarischer Wurf. Man kann sich während des Lesens selbst auf Spurensuche begeben und wird schnell fündig. Es hat die beschriebenen Personen wirklich gegeben. Es hat das wahnwitzig anmutende Projekt, die ganze Welt auf Bildplatten festzuhalten gegeben und die damals entstandenen Fotografien sind bis heute erhalten. Nichts ging verloren. Nur ist vielleicht die Idee des Schöpfers dieses Archivs vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten. Lia Tilon hat einen Roman vorgelegt, der einer Pionierleistung gleicht.

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Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Sie erzählt die Lebensgeschichte des Bankiers und zu seiner Zeit wohl reichsten Mannes in Europa Albert Kahn. Neben seinen wirtschaftlichen Erfolgen träumte Kahn einen unfassbaren Traum. Er wollte ein Archiv des Planeten erschaffen. Er wollte alle Erdteile fotografisch erschließen und dazu Fotografen in die Welt entsenden. Es waren die ersten Farbfotografien, die im Jahr 1908 eine Vision auslösten, die den Bankier bis zu seinem Lebensende verfolgen sollte.

„Hass schlägt keine Wurzeln“, dozierte Kahn mit viel Aplomb, „wenn wir in der Lage sind, dem Fremden ins Gesicht zu sehen. Wie ungewohnt dieses Gesicht auch sein mag, wir werden immer etwas von uns selbst darin erkennen. Wenn
der Andere erstmal in Farbe fixiert ist, kümmern wir uns um ihn.“

Was für ein humanistischer Ansatz, welch zutiefst völkerverständigendes Denken in Zeiten, in denen Europa den Rest Welt lediglich in koloniale Parzellen aufteilen wollte. Und was für eine Philosophie, in die er seinen ganzen Reichtum steckte, um Menschen einander näher zu bringen. Von 1908 bis zu seinem Tod im Jahr 1940 folgten zahllose Fotografen und abenteuerlustige Weltreisende seinem Ruf. Mehr als 75000 Fotografien sind das Ergebnis eines Mammutprojekts, das die Welt bis dahin nicht gesehen hatte.

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Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Die Fakten sind belegt. In den Collections Albert Kahn Hauts de Seine vereinen die Fotografien die Menschheit zu einer weltumspannenden Vernissage voller Porträts. Sie entstanden in einer Zeit, in der ein Weltkrieg alles zerriss und endeten, als ein zweiter damit begann das Grauen seines Vorgängers zu potenzieren. Sie entstanden in einer Zeit, in der man gegen das Fremde kämpfte, es verteufelte und als unmenschlich und wenig lebenswert erklärte. Albert Kahn schuf die Gegenbewegung zum Populismus im Auge des Orkans. Sein Vermächtnis ist grandios und sehenswert. Ebenso ist das Buch von Lia Tilon lesenswert, weil es eine Metaebene berührt, die wir der Fotografie kaum zugetraut hätten.

Dabei erzählt sie aus der Perspektive des Chauffeurs von Albert Kahn, auf dessen Tagebücher sie bei ihrer Recherche stieß. Genau dieser Alfred Dutertre war von 1908 bis 1940 an der Seite des Visionärs. Eigentlich als Mechaniker und Fahrer. Dann auch als Fotograf und Versuchskaninchen im Umgang mit der komplizierten Technik und den innovativen Verfahren der Farbfotografie. In ihn versetzt sie sich hinein. Ihn seziert sie liebevoll und fördert ein Rollenverständnis zutage, das gerade in der Rückschau auf die Lebensleistung seines Arbeitgebers von bestechender Relevanz ist.

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Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Da ist und bleibt er der treue Chauffeur, als er Albert Kahn bis kurz vor dessen Tod die Fotos der Sammlung ans Bett bringt und mit ihm in Erinnerungen schwelgt.

„Kahn ist inzwischen so gebrechlich, dass seine Sturheit fast verschwunden ist, und ich kann endlich das tun, wofür ich eingestellt wurde. Es ist meine Aufgabe, ihn sicher an sein Ziel zu bringen.“ 

Lia Tilon hat einen Erzählraum erschaffen, der längst vergangen ist. Ihr Roman ist Abenteuergeschichte, Expeditionsreise und wissenschaftliche Abhandlung zugleich. Im Mittelpunkt ihres Schreibens steht der Mensch. Derjenige mit der Vision, seine Gehilfen und all jene, die abgelichtet wurden. Wir begegnen ihnen und jeder Blick in jedes Auge zeigt, wie sehr Albert Kahn richtig lag. Die Bilder sind entfremdend, verbindend und im tiefsten Wortsinn grenzüberschreitend. Ihre Geschichte ist rund erzählt, flüssig zu lesen und fokussiert die wesentlichen Elemente in gestochen scharfen Farbbildern. Es lohnt sich, ihr zu folgen. Rund um die Welt, in Zelte, Paläste und die Wüste. Es lohnt sich, in seinem Lesen innezuhalten und sich zu überlegen, welche Chancen wir liegenlassen, wenn die Magie der Fotografie zur Banalität verkommt.

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Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Ein brillanter Roman voller Obsession, visionärer Strahlkraft und Beharrlichkeit. Wer immer noch nicht überzeugt ist, der möge sich einfach nur die Fotografie eines 14-jährigen irischen Mädchens anschauen. Entstanden am 25. Mai 1913. Genannt: „Irish Colleen“. Ihr wahrer Name: Mian. Es ist auch ihre Geschichte, die Lia Tilon erzählt. Es ist eine Geschichte des Stolzes, der Armut und der Ausweglosigkeit. Sie bringt uns das Mädchen näher. So nah, wie das Autochrom mit der Nummer A3640. Lassen Sie sich auf das Buch ein. „Der Archivar der Welt“ zeigt elf weitere Farbfotos, die unsere Sicht auf unsere Welt verändern können…

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Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Der Archivar der Welt“ von Lia Tilon / dtv Literatur / Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure / mit historischen Fotografien / 272 Seiten / 22 Euro

Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Oh Captain, mein Captain
Die schwere Fahrt ist aus
Das Schiff hat jedem Sturm getrotzt
Nun kehren wir stolz nach Haus
Der Hafen grüßt mit Glockenschall
Und tausend Freudenschreien
Vor aller Augen rauschen wir auf sichrem Kiel herein

Walt Whitman

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Spätestens seit dem Film „Der Club der toten Dichter“ mit Robin Williams kennen wir diese Zeilen. Spätestens seit der bewegenden Ehrerweisung der Schüler für ihren Englischlehrer John Keating haben sich die Worte „Oh Captain, mein Captain“ fest im Gedächtnis eingebrannt. Und auf diese sehr indirekte Art und Weise hat bei vielen von uns auch der Dichter Einzug gehalten, der diese Zeilen zum Tod seines Präsidenten im Jahr 1865 verfasste. Walt Whitman gedachte mit seinem berühmten Gedicht Abraham Lincoln. Nutzloses Wissen? Nicht ganz. Immerhin hat man von Whitman gehört und im Internet eines der grandiosen Porträts entdeckt, die ihn unverwechselbar machten. Ein Denker, wie er im Buche steht, blickt uns abenteuerlustig und gütig zugleich an…

Er gilt als einer der größten Lyriker seiner Zeit. Er war Journalist, Schriftsteller und literarischer Tausendsassa. Sein Hauptwerk „Grashalme“ machte seine Gedichte auf der ganzen Welt bekannt. Er polarisierte, schrieb Gedichte, die sittenwidrig erschienen, er brachte aktuelle gesellschaftliche Themen auf den Punkt und verlieh seinem Land in schwierigen Zeiten eine neue sprachliche Identität. „Er war Amerika“. Ein Prädikat, an dem man auch heute noch die Wertschätzung gegenüber Walt Whitman ablesen kann. Er verdiente seinen Lebensunterhalt mit seinen Texten und galt schon zu Lebzeiten als führender Intellektueller in den Vereinigten Staaten. Er inspirierte Schriftsteller, die sich gerne auf ihn beriefen, wenn sie nach der Quelle ihrer Leidenschaft gefragt wurden.

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Charles Dickens und Walt Whitman muss man hier in einem Atemzug nennen. Im 19. Jahrhundert haben sie die englischsprachige Literaturwelt extrem geprägt. Beide im tiefsten Herzen wilde Romantiker, beide rastlos auf der Suche nach den richtig großen Geschichten und doch waren beide auf so verschiedenen Pfaden unterwegs. Was sich uns allerdings heute nicht ganz erschließt, ist die facettenreiche Vita Walt Whitmans. Er wusste zu verbergen, was er verheimlichen wollte. Er klammerte aus, was er verbergen wollte. Sein Vagabundenleben, viele gescheiterte Versuche, Fuß zu fassen und eine in jeder Beziehung schwierige Kindheit und Jugend. Autobiografisch ist da wenig zu holen und aus seinen Gedichten auch noch die Vergangenheit herauszufiltern fällt schwer.

In recht unbedeutenden Tageszeitungen veröffentlichte er zu Beginn seiner Karriere einige anonyme Fortsetzungsromane. Sie verschwanden schnell und wurden selten mit ihm in Verbindung gebracht. Umso erstaunlicher ist es, nun zu seinem 200 Geburtstag einen Roman in Händen zu halten, der Walt Whitman einwandfrei zugeordnet werden kann. 1852 in der Sunday Dispatch als Episodenroman erschienen, war „Leben und Abenteuer von Jack Engle“ mehr als 150 Jahre lang verschollen. Jürgen Brôcan ist nicht nur der Herausgeber und Übersetzer des vorliegenden Buches. Er ist die Stimme von Walt Whitman. Er übertrug 2009 erstmals die „Grasblätter“ in vollem Umfang ins Deutsche. Er weiß, worüber er schreibt, wenn er Anmerkungen zu Texten verfasst und er vermag den typischen Stil Whitmans, den man aus Gedichten zu kennen glaubt, im Roman wiederzubeleben.

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Doch lohnt sich die Lektüre? Ist es ein Fragment oder eine gute Story? Und blieb Whitman aus gutem Grund später bei seinen Gedichten? Fragen, die in meinem Geist umherirrten und denen ich auf den Grund gehen wollte. Zunächst hatte ich das Gefühl, eine wahre Liebeserklärung an New York lesen zu dürfen. Fast hätte ich geschrieben, dass Walt Whitman im Stile der großen Klassiker erzählt. Er ist ja einer und das merkt man auch. Atmosphärisch dicht, wundervoll altmodisch formuliert und ausgeschmückt, als gelte es, eine Häuserwüste in schillernde Farben einzukleiden. Nach diesem Gefühl stellte sich Wohlbehagen ein, weil auch die Story selbst in ihrem Mix aus Romantik und Krimi durchaus erzählens- und damit auch lesenswert ist.

Als mir dann auch noch Jack Engle ans Herz wuchs, war es um mich geschehen. Als Waisenkind fast dem Untergang geweiht, stößt er auf liebevolle Menschen, die ihm ein Zuhause und eine Perspektive bieten. Selbstlos und ohne Hintergedanken machen sie aus dem Vagabunden einen aufstrebenden jungen Mann, der bei einem Anwalt in die Lehre geht. Was für ein Weg. Auf der Schwelle zur Kriminalität abgefangen und im Büro eines Rechtsanwalts zum rechtschaffenen Menschen zu werden. Hier spart Jack Engle nicht, ein lautes Loblied auf die Menschen anzustimmen, die ihm das ermöglicht haben. Aus seiner Sicht, mit seiner Stimme erzählt, ziehen wir los und tauchen im Big Apple des Jahres 1850 ein. Es pulsiert, vibriert an allen Ecken und Enden. Eine Boom-Town, der Walt Whitman hier ein Denkmal setzt.

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Wäre doch nur alles so gerecht, wie es den Anschein hat. Jack Engle bemerkt sehr schnell, dass es der Anwalt, bei dem er in der Lehre ist, faustdick hinter den Ohren hat. Hier werden die Wege junger Menschen zusammengeführt, die so typisch für ihre Zeit sind. Die junge Quäkerin Martha, der Botenjunge Nathaniel und die verführerische und heißblütige Tänzerin Inez. Während Jack und Martha erste zarte Gefühle füreinander empfinden, beginnen sie auch ihre Geschichten zu teilen. Aus diesem Teilen wird eine Gemeinsamkeit, die völlig unerwartet das Leben aller Beteiligten verändert. Wer gehört zu den Opfern des Anwalts, wem hat er sein Erbe unterschlagen und wie kann man es zurückgewinnen. Spannung gepaart mit Romantik und Lokalkolorit werden zum wahren Leseerlebnis.

Und ganz nebenbei schließen sich ein paar Wissenslücken zum Autor selbst. Der Vagabund findet seine Bestimmung. Aus dem Rohmaterial ungeschliffener Worte wird ein Wortmagier, der mit wenig Text viel mehr als einen ganzen Roman erzählen konnte und stilsicher zur Ikone wurde. Hier lohnen sich die fragmentarischen Texte im Anhang, die dieses Buch bereichern, das Nachwort des Herausgebers und seine Anmerkungen zum Text des Romans selbst. Literaturwissenschaft kann Lesespaß bedeuten. Und die Tür zu Gedichten aufstoßen, die man bisher nur aus der Ferne wahrgenommen hat. Es lockt mich inzwischen auf die große Wiese. Ich bin neugierig auf die „Grasblätter“. Ich werde sie irgendwann pflücken. Garantiert.

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Herzlich willkommen in meinem literarischen New York. Von Brooklyn bis zu Satin Island. Hier geht´s lang

Walt Whitman – „Leben und Abenteuer von Jack Engle / dtv / Herausgegeben und übersetzt von Jürgen Brôcan / 224 Seiten / gebunden / 22 Euro /

Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich habe das Hörbuch nicht gehört. Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mirza hat niemals den Eindruck hinterlassen, Leser einer Geschichte zu sein. Der Roman hat mich niemals denken oder fühlen lassen, erfunden zu sein. Deshalb versuche ich gar nicht, das Buch zu rezensieren oder Leseeindrücken freien Lauf zu lassen, weil ich eben nicht gelesen oder gehört habe. Ich empfand es als Einladung in eine Gastfamilie, die mich vorbehaltlos aufnimmt, ihre Geschichte, Ängste und Sorgen mit mir teilt und mich für einige Jahre in ihrem Kreis willkommen heißt. Nur so kann ich mich der Erzählung nähern, die unter dem Titel „Worauf wir hoffen“ in den Buchhandlungen darauf wartet, als Einladung verstanden zu werden. Ich habe sie nicht gelesen oder gehört.

Ich habe „Worauf wir hoffen“ erlebt.

Fatima Farheen Mirza macht es mir einerseits leicht, mich in meiner neuen Familie mehr als wohl zu fühlen. Die Eltern Rafik und Laila kümmern sich augenscheinlich sehr liebevoll um ihre drei Kinder. Hadia, Huda und Amar. Bevor ich noch viele Fragen über sie formulieren kann, versammelt man sich am Tisch und beginnt zu erzählen. Als läge ein Familienalbum vor mir, wird hin- und hergeblättert. Zeit spielt keine Rolle. Ich werde Zeuge der Kindheit der Geschwister, sehe sie heranwachsen, lerne viel über Rollenbild und Selbstverständnis der drei und schmunzle über so manche Anekdote. Ich bemerke, dass vieles anders ist in dieser Familie. Fühle, dass ich mich hereinfinden muss, da sie einem anderen Kulturkreis entstammt. Gläubige indisch-stämmige Muslime in den USA.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Warum ich mir nicht fremd vorkomme? Weil die Autorin mir als Wegbegleiter dieser Geschichte nicht voreingenommen gegenübertritt. Sie setzt voraus, dass ich Vorurteile an der Eingangstür abstreife und bereit bin, mich auf Menschen einzulassen, denen ich im wahren Leben wohl niemals so intensiv begegnen würde. Sie sind offen, haben kein Geheimnis vor mir und gehen sehr selbstkritisch mit ihrem Leben, den Erwartungen im Umfeld und den eigenen Ansprüchen an ihre Zukunft um. Sehr schnell bin ich als Gast auf der Hochzeit von Hadia eingeladen. Schnell bin ich im Zentrum der Geschichte, die sich langsam aber immer mitreißender entwickelt. Ich bin im Bilde und fühle mich sehr gut dabei.

Hadias Hochzeit ist nicht arrangiert. Gegen die Tradition hat sie einen Ehemann für sich gewählt, den sie liebt. Unproblematisch ist das nicht, sind doch ihre eigenen Eltern nur auf dem traditionellen Weg verheiratet worden und kurz nach ihrer Hochzeit in die USA ausgewandert. Ich sehe, wie auch hier Welten aufeinanderprallen, wie hart Hadia um ihre Zukunft kämpfen musste und welche Verluste ihr Leben prägten. Ich bin ganz bei ihr, als ihre erste große Liebe stirbt und sie zeitlebens nicht sicher ist, ob sie seither nur auf der Suche nach Ersatz ist. Heute, am Tag ihrer Hochzeit ist sie glücklich. Nicht nur weil ihr moderner Weg von der traditionellen Familie akzeptiert wird. Auch, weil ihr Bruder Amar zum ersten Mal seit Jahren auftaucht. Nach einem Streit mit seinem Vater blieb er verschwunden. Bis heute.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Fatima Farheen Mirza gelingt in ihrem facettenreichen Debütroman, was ich mir kaum hätte vorstellen können. Sie erzählt keine Migrantengeschichte, arbeitet nicht die eigene Familienvergangenheit auf und schiebt kulturelle und religiöse Unterschiede nicht in den Vordergrund. Sie erzählt eine Familiengeschichte, die so verständlich und nachvollziehbar ist, weil wir so viel miteinander gemeinsam haben. Natürlich wurden in meiner Familie keine Ehen arrangiert. Natürlich unterscheiden sich die Rollenbilder, die ich kennengelernt habe. Natürlich unterliegen Jungs und Mädchen meiner Familie nicht diesen traditionellen Anforderungen, was Freunde, Beziehungen und den Umgang mit dem anderen Geschlecht angeht. Natürlich bilde ich mir das ein, aber es war nie so.

Ohne Zustimmung meiner Eltern wohl keine Hochzeit, ohne Erwartungen bezüglich meiner Freunde, kein guter Umgang und ohne Warnungen und Appelle an Moral, Ehre und Anstand kein intensiver Kontakt mit jungen Mädchen. Fatima Farheen Mirza macht mir schnell klar, wie nah wir uns sind. Ob Muslime oder Christen. Die Familie steht hier im Mittelpunkt und da sind wir uns ähnlich. Dieser Roman ist eine ausgestreckte Hand für all jene, die in Religion und Tradition nur Trennendes, nur Differenzen sehen. Dabei würde sich diese Geschichte auch in meiner Familie ähnlich abspielen können. Ein von seinem Sohn enttäuschter Vater, Schwestern, die sich in den Vordergrund spielen und das Gefüge durcheinander bringen, eine Mutter, die der jungen Liebe ihres Sohnes den niederschmetternden Riegel vorschiebt und ein Umfeld, das zum Kriegsberichterstatter der Familienfehde mutiert. Kommt uns das nicht bekannt vor?

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Wir können uns ganz auf diese emotional tief angelegte Geschichte einlassen. Es ist leicht, sich mit Amar zu verbünden, der so aufrichtig liebt und nicht lieben darf. Es ist leicht, mit ihm auf die schiefe Bahn zugeraten, gegen das Leben zu rebellieren und sich aufzulehnen. Es ist einfach, abzuhauen und Trost in Drogen zu suchen. Ja, hier bin ich ganz Amar. Und dann ist es schwer, bei der Hochzeit seiner Schwester zu Gast zu sein und genau dort Amira über den Weg zu laufen. Der Frau seines Lebens. Hätte man ihn sein Leben leben lassen. Alle Fäden laufen hier zusammen. Die Eskalation ist schon im Vorfeld programmiert. Jetzt hängt es von der Familie ab, ob Vergebung, Hoffnung oder Hass die Zukunft bestimmen.

Fatima Farheen Mirza macht mich zum Teil ihrer Familie, wenn ich ihre Sprache zu verstehen glaube, mir das Glossar selbst erarbeite und verstehe, dann zeigt sie mir an einigen markanten Beispielen, was uns unterscheidet. Nicht nur im Inneren. Das World Trade Center und die einstürzenden Türme in Verbindung mit den Kopftüchern beider Schwestern, der aufkommende Hass gegen Muslime und die Haltung von Amar, als er stellvertretend für alle angegriffen wird. All dies öffnet die Augen für meine Welt, die für Vorurteile so anfällig ist. Dieser Roman schafft so viel Nähe. Er sensibilisiert und macht Verständigung möglich, wo vorher nur Fronten waren. Und gar nicht so ganz nebenbei erzählt er eine wundervolle tragische und traurige Liebesgeschichte, die mich fesselte.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Ich wollte absichtlich keine Rezension über einen Roman mit Migrationshintergrund schreiben, ich wollte nicht über eine muslimische Autorin schreiben, die versucht, mich zu integrieren. Ich wollte nicht das Trennende hervorheben. Ich wollte es so schreiben, wie ich es empfand. „Worauf wir hoffen“ ist ein Zeichen großer Gastfreundschaft, weil Fatima Farheen Mirza offen und differenziert mit ihrer eigenen Welt umgeht. Sie erzählt keine Märchen, sie beschönigt nichts und beschreibt detailliert den steinigen Weg einer jungen Frau im Kampf um Anerkennung, Selbstbestimmung und Integration ohne jede Spur von Selbstaufgabe. Ist es das, worauf wir immer gehofft haben? Diese offene Tür zum Islam? Ich denke ja.

Die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag setzt mit einem vierstimmigen Erzählstrom Maßstäbe, wie man eine große Geschichte atmosphärisch erzählen kann. Es sind die wesentlichen Stimmen des Romans, die uns in die Familie entführen. Amar, Hadia, ihre Mutter Laila und ganz zuletzt das Familienoberhaupt Rafik. Dass dem Vater das große Schlusskapitel des Romans gehört, ist nur konsequent. Jeder Vater aus jeder Kultur mit jedem religiösen Hintergrund wird hier be- und getroffen lauschen. Und dann muss man sich hinterfragen, was man tun kann, um ein solches Schlusskapitel für sich selbst und seine anvertraute Familie zu verhindern. Das ist groß. Das ist Literatur.

„Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mirza
Buch:
dtv Literatur / dt. von Sabine Hübner / 480 Seiten / gebunden / 24 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag / 14 Std. 39 Min. / Ungekürzte Fassung mit Gabriele Blum, Julia Nachtmann, Barnaby Metschurat, Heikko Deutschmann / 24 Euro

Am Tag davor von Sorj Chalandon [Montan-Literatur]

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Montan-Literatur. Seit Jocelyn Saucier und ihrem Roman „Niemals ohne sie“ für mich ein neuer (weil ja von mir geprägter) Begriff einer literarischen Stilrichtung. Hier sind es die Bergwerke, Kohlegruben und Zechen, die das Szenario für brillant erzählte Romane bestimmen. Es sind Kumpel, Steiger und ihre Kollegen unter Tage, die uns in die Tiefe mitnehmen. Hauer, die uns zeigen, wie hart ihr Leben ist, welche Risiken sie begleiten und wie unfair es sich anfühlt, den Reichtum eines Landes zutage zu fördern und dabei selbst an der Armutsgrenze zu leben. Es ist ein Leben voller Entbehrungen, Traditionen und Gefahren. Der Stoff, aus dem gute Geschichten gemacht sind.

Sorj Chalandon hat mit Am Tag davor einen solchen Montan-Roman verfasst, in dem wir eigentlich gar nichts anderes erwarten, als die ewig ungeklärte Frage zu klären, was am Tag vor einem großen Grubenunglück in Frankreich passiert ist. Das Unglück selbst ist verbriefte historische Tatsache. Die Geschichte, die Sorj Chalandon in dieses Szenario einbettet, hat es in sich. Sie geht tief unter die Haut und berührt alle Facetten menschlicher Anteilnahme. Ein verblüffender Roman über Schuld, Selbstvorwürfe und niemals bewältigten Verlust. Und zugleich ein Lehrstück über den Umgang mit eigenen Wahrheiten.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Wir schreiben den 26. Dezember 1974 und befinden uns auf der Zeche Saint-Amé in Liévin-Lens. Weihnachten ist gerade vorbei und der Routinebetrieb unter Tage läuft wieder an. Es ist der Tag, an dem der sechzehnjährige Michel voller Stolz mit Joseph, seinem großen Bruder, auf einem Moped durch die Straßen der Stadt fährt. Sie fühlen sich unbesiegbar und die Strahlkraft ihrer Jugend scheint ein Schutzschild zu bilden. Es ist der Stolz, der sie verbindet. Und auch die Angst, Joseph könnte in der Grube etwas zustoßen. Die Arbeitsbedingungen sind hart. Die Gefahr von Unglücken unkalkulierbar hoch. Es ist „Am Tag davor“, der die beiden Brüder auf der Welle gegenseitiger Liebe auf dem Moped vereint.

Am 27. Dezember 1974 ist alles anders. Eine Explosion erschüttert die Region. Es ist der Schacht, in dem sein Bruder arbeitet, der zusammenbricht. 42 Bergleute finden den Tod, wo sie eigentlich auf der Suche nach Kohle waren. Michel und seine Eltern warten auf Nachrichten, bis ihnen mitgeteilt wird, dass Joseph schwerverletzt überlebt hat. Hier lässt Sorj Chalandon einen Schacht nach dem anderen über der Familie einstürzen. Es ist unfassbar traurig, was er erzählt, wie er es erzählt und was er in uns auslöst. Joseph stirbt sechsundzwanzig Tage später in der Klinik. Er lässt verzweifelte Angehörige und eben seinen kleinen Bruder zurück. Die Geschichte hat keinen Platz für das Opfer, das so lange nach dem Unglück stirbt. Joseph wird nicht zu den Toten der Katastrophe von Liévin-Lens gezählt. Er starb im Bett.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Jorj Chalandon vermittelt ein dramatisches Gefühl der unterschiedlichen Formen von Trauer, die hier angebracht sind. Die Familie von Joseph kommt sich vor wie böse Trittbrettfahrer auf dem Zug der wahren Opfer. Entschädigungen werden gezahlt, aber eben nur den Toten des Tages. Hass brandet auf. Wut angesichts der Verursacher der Katastrophe. Chalandon führt hier die Ausbeutung der Kumpel ins Feld, die der Gefahr zu trotzen haben, damit die Zechenbetreiber im Reichtum baden. Der Atemhauch tiefer Ungerechtigkeit durchweht das Buch. Als Michel beschließt, seine Heimat zu verlassen, gibt ihm der Vater noch eine letzte Botschaft mit auf den Weg.

„Michel, räche uns an der Zeche.“

Hier erweitert Sorj Chalandon den Erzählraum um die Dimension Rache. Ein Erbe, das Michel in Paris verdrängt. Er heiratet, lebt ein normales Leben und doch merkt man ihm an, dass die Traumatisierung tiefer sitzt, als er es wahrhaben möchte. Andenken in einer Garage zeugen vom Verlust. Ein Altar für seinen Bruder entsteht und eine Suche nach den Schuldigen der Katastrophe setzt im Verborgenen ein. Als Michels Frau stirbt gibt es kein Halten mehr. Er kehrt zurück in die Heimat. Er hat einen Plan. Er hat sogar ein Ziel. Den Hauptverdächtigen, der damals für alles verantwortlich war.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Wir sind auf seiner Seite. Das hat der Autor geschafft. Wie könnten wir auch anders fühlen? Michel steht uns nahe. Der Verlust seines Bruders hat unser Lesen geprägt. Er wurde nicht nur um eine Zukunft, sondern auch um die Ehre betrogen, offizielles Opfer des Unglücks zu sein. Rache. Was liegt näher? Michel ist jetzt 57 Jahre alt. Grauhaarig und unbekannt in der Heimat. Zu viel Zeit ist vergangen. Vieles ist vergessen. Auch die Katastrophe von einst ist nur noch ein Mahnmal. Nicht mehr. Wir kennen die Menschen dieses Ortes, ihre Vergangenheit und die Zukunftslosigkeit unter der die Region leidet. Und genau hier schlägt Michel zu. Punktgenau. Er nimmt Rache.

Aus dem Bergarbeiter-Roman wird schlagartig ein brillanter Justiz-Roman, der es schafft, die Atmosphäre der Kohle-Region in den Gerichtssaal zu transportieren. Es ist die Aufarbeitung einer Rache. Die Abrechnung mit dem scheinbaren Täter, aus der im Verlauf des Prozesses jedoch die Aufarbeitung der Katastrophe wird. Wo ist Schuld zu suchen? Wo wird man sie finden? Wer hat das Recht zu rächen? Und nicht zuletzt die Frage, was „Am Tag davor“ geschah, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Hier sitzen wir bei den Beobachtern des Prozesses und wissen nicht, wie wir urteilen sollten. Wir wissen nichts. Nur, dass wir keine Opfer und keine Täter erkennen. Die Grenzen in dieser Bewältigungsgeschichte verschwimmen. Und das auf eine intelligent-emotionale Art und Weise, die lange im Gedächtnis bleiben wird.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Facettenreich und unvergesslich schreibt uns Sorj Chalandon seinen Roman ins Herz. „Am Tag davor“ sollte von Buchhändlern mit einer Grubenlampe versehen und ganz besonders im sogenannten Ruhrpott ganz vorne auf den Highlight-Tischen liegen. Der Roman ist eine Liebeserklärung an einen Menschenschlag und Berufszweig, von dem man sich in den letzten Jahren immer mehr verabschieden musste. Ihr Leben und ihr Leiden, ihre Traditionen und die stoische Schicksalsergebenheit stehen hier wie ein Standbild für eine fast vergangene Epoche echter Arbeiter. Werte und Normen, Freund und Feind, Gefahr und Genuss gehen Hand in Hand durch einen wahrhaft großartigen Roman. Montan-Literatur. Tiefgang verspricht Schürfrechte an einem Buch, in dem ab einem bestimmten Punkt kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Lesen!

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Am Tag davor“ von Sorj Chalandon / dtv / dt. von Brigitte Große / 320 Seiten / 23 Euro

Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Das ist nicht für meine Augen bestimmt. Das war das erste Gefühl, als ich begann, die Essays von James Baldwin zu lesen. Das ist zu privat, zu intim und sicher nicht für mich geschrieben. Ich fühlte mich, wie ein Spion, der in einem geheimen Tagebuch auf Zeilen eines Schriftstellers aufmerksam wird und einfach nicht mehr aufhören kann, sie zu verschlingen. Dabei ging mir vieles durch den Kopf. James Baldwin mäandert sich in 10-Jahresschritten durch mein literarisches Portfolio im Kampf gegen Rassismus, Hass und Ausgrenzung. 1953 entstand „Von dieser Welt“, 1973 schrieb er den „Beal Street Blues“ und nun liegen seine Texte aus dem Jahren 1962/1963 vor mir. „Nach der Flut das Feuer“. James Baldwins absoluter Durchbruch und seither das Standardwerk der literarischen Auseinandersetzung mit der Rolle der Schwarzen in den USA.

Der Buchtitel war Programm. Wie eine Feuersbrunst breitete sich seine Botschaft im ganzen Land aus. 100 Jahre nach dem Beginn des Amerikanischen Bürgerkrieges und damit fast 100 Jahre nach dem offiziellen Ende der Sklaverei. Inmitten der Amtszeit von John F. Kennedy, der aus jetziger Sicht einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Situation aller afroamerikanischen Bürger seines Landes leistete. Inmitten der Initiative zur Gleichberechtigung und flankiert von den großen Rednern ihrer Zeit. Martin Luther King und Malcolm X. Und doch war es James Baldwin, der mit seinen Essays für den absoluten Brandbeschleuniger der Debatte sorgte. 

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Er schrieb über den täglichen Rassismus, den er selbst erlebte. Er schrieb über den Brief seines Großvaters und er beschrieb seine Begegnungen mit den Wortführern der Black-Power-Bewegung. Er blieb in diesen Texten ganz bei sich und bot den Gegnern die offene Flanke der eigenen Verletzlichkeit an. Im Unterschied zu allen Vorreitern im Kampf für Gleichberechtigung knöpfte er sich nicht nur die weiße Seite der Macht vor. Baldwin beschreibt Ursachen und Wirkung von Rassismus, die Automatismen und die Konsequenzen für den Einzelnen. Er schrieb über Rollenverständnis und Religion. Und er schrieb über den eigenen Rassismus, in den sich einige seiner Mitstreiter flüchteten, wenn sie die Zukunft der Schwarzen im Islam verorteten und keine abweichende Sicht zuließen.

Es sind sehr starke, impulsive und hochintelligente Texte. Und doch wurde ich das Gefühl nicht los, dass er sie vornehmlich für die Menschen schrieb, die unter all dem zu leiden hatten, was er so autobiografisch analysierte. Ich fühlte mich außenstehend und nicht befugt, ihm zuzuhören. Die Zeilen, die sein Großvater an ihn richtete sind geprägt vom Selbstbild einer Generation, die sich der Illusion hingibt, die Sklavenbefreiung jetzt schon feiern zu können. 100 Jahre danach ist noch 100 Jahre zu früh. Baldwin musste im Alter von 15 Jahren begreifen, dass seine Zukunft von Menschen gestaltet wird, die ihren Reichtum und ihre Freiheit auf der Armut und Unfreiheit der schwarzen Bürger im Land begründen. Es sind Ratschläge, die mir schwer im Magen liegen, weil ich einfach das Gefühl habe, auf der anderen Seite zu stehen.

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Ist es schon rassistisch, kein Rassist zu sein? Ist mein Glaube, alle Menschen sind gleich und niemand dürfe aufgrund seiner Herkunft, seines Glaubens, seiner Hautfarbe oder seiner Neigungen ausgegrenzt werden, rassistisch, weil ich mir diese Haltung gut leisten kann? Vom hohen Ross sozusagen. Gutmeinend. Wohlwollend. Aber nicht, weil ich aus der tiefen Einsicht heraus und der göttlichen Fügung folgend, davon überzeugt bin? Ich muss schon sehr schlucken, wenn ich diese Gedanken rekapituliere. Ist es so, oder kann ich für mich andere Motivationen geltend machen. Ist es heute en vogue, in dem modernen Kosmos einer bunten Gesellschaft auch jenen Raum zu geben, denen ich im Alltag kaum begegne? Puh. Ich hoffe so sehr, dass es nicht so ist. Baldwin lässt selbst bei jenen, für die schwarze Leben wirklich zählen, keinen Stein auf dem anderen.

Und so geht es weiter in den Essays. Baldwin schreibt uns Bilder in die Seele, die im Leben nicht mehr verblassen. Bilder von schwarzen GIs, die im Zweiten Weltkrieg ihre Haut für eine Nation aufs Schlachtfeld tragen, die sie anschließend verrät. Bilder junger Menschen, die traumatisiert aus Europa zurückkehren und im Trauma versinken, nicht mit jedem Bus fahren zu dürfen, Geschäfte nicht durch den Haupteingang betreten und Schulen nur von außen sehen zu können. Er schreibt über den Islam. Heilsbringend im Vergleich aller Unrechtssysteme. Und gleichzeitig klagt er jene an, die der Gesellschaft durch diese endgültige Aufteilung in schwarz und weiß mehr als schaden. Baldwin hat sich mit diesen Essays wohl mehr Feinde als Freunde gemacht. Die Gratwanderung in seinen Argumenten ist konsequent und zeitlos. Sie spiegelt viele Bücher wider, die ich gelesen habe. Sie spiegelt das vergangene und künftige Schreiben des Autors wider.

Nach der Flut das Feuer von James Baldwin - AstroLibrium

Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Nun kann man nicht sagen, es hätte sich nichts geändert. Bald werden diese Texte 60 Jahre alt. Sie sind in meinem Alter. Sie haben viel bewegt. Die USA hatten für zwei Amtszeiten mit Barack Obama einen ersten schwarzen Präsidenten, der sein Land im Rückblick sehr geprägt hat. „Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ kann dies vielleicht belegen. Ich schrieb darüber, so wie ich über Bücher schrieb, die sich diesem Thema widmeten. Und doch bin ich nicht versucht, Baldwins Texte auf die heutige Zeit umzulegen. Sie sind zwar zeitlos, gehören jedoch in eine unveränderbare Zeitschleife, die man nicht mit dem Hier und Jetzt vergleichen darf. Es ist ein Standardwerk. Das ist für mich nicht zu bestreiten. Es kann ein Maßstab für Veränderungen sein, die sich seit 1963 vollzogen haben. Sie spiegeln jedoch nicht die aktuelle Situation wider.

Dieser Maßstab ist messbar. Spätestens wenn man das heutige Standardwerk zu diesem Thema neben die Texte von James Baldwin legt. „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates schließt einen unsichtbaren Kreis der Diskriminierung im Herzen einer modernen Gesellschaft. Man sollte beide Bücher miteinander lesen. Es ist für unsere Zukunft von besonderer Relevanz, die Unterschiede zu erkennen und an der immer noch bestehenden Diskrepanz zwischen Weißen und Schwarzen zu arbeiten. Im Kern bleibt das Gefühl, der Polizei hilflos ausgeliefert zu sein. Ein Gefühl, das messbar ist. Ein Gefühl, in dem sich Baldwin und Coates auf Augenhöhe begegnen. Es gibt viel zu tun. Nicht nur in den Ländern, auf die wir schauen und denen wir Ungerechtigkeit in der Behandlung von Bürgern unterschiedlicher Hautfarbe vorwerfen. Kehren wir doch auch vor unserer Tür. Rassismus ist überall und die Automatismen des Machterwerbs auf dem Rücken künstlich geschaffener Underdogs haben auch bei uns Methode.

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Ein Wort zum Hörbuch. James Baldwin schrieb in einer eigenen Melodie. Er schrieb und erzählte in einer Klangfarbe, die seinem Anliegen Nachdruck verlieh. Die deutsche Übersetzung der Baldwin-Bücher von Miriam Mandelkow ist für mich schon eine ganz eigene Kunstform. Sie zu lesen, ist wie Baldwin zu lesen. Beale Street Blues und Von dieser Welt legen davon Zeugnis ab. Die Hörbuchfassung mit der Stimme des großen Christian Brückner ist das I-Tüpfelchen auf dieser Produktion. Seine Stimme singt mit Baldwins Stimme. Nichts ist unbetont, nichts nur leicht dahergesagt, nichts geht unter. Selbst der Rückfall in Baldwins Predigerzeit wird in der Stimmfarbe Christian Brückners lebendig. Brückner spricht in einer eigenen Liga. Hier begegnet er James Baldwin auf Augenhöhe. Hier brennt das Feuer lichterloh nach der Flut….

Hier die Liste meiner relevanten Bücher gegen den Rassismus:

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter
Mercy Seat von Elizabeth Winthrop
Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates
Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves
Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee
Von dieser Welt und Beale Street Blues von James Baldwin
Mudbound – Die Tränen von Mississippi von Hillary Jordan
Lincoln im Bardo von George Saunders
John F. Kennedy – Zeit zu handeln – Ein Bilderbuch von Shana Corey
Dark Town von Thomas Mullen
Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation – Jeanne Marie Laskas
Und nicht zuletzt meine Selbstbetrachtung: Warum ich kein Rassist bin

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

„Nach der Flut das Feuer“ von James Baldwin
Buch: dtv Literatur / 128 Seiten / dt. von Miriam Mandelkow / 18 Euro
Hörbuch: Argon Hörbuch / Parlando / Edition Christian Brückner / ungekürzte Lesung / 2 Std. 54 Min / 19,95 Euro

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