Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

Eshkol Nevo - Die Wahrheit ist - AstroLibrium

Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

Es ist ein ungewöhnliches Literatur-Experiment, in das uns der israelische Autor Eshkol Nevo entführt. Die Wahrheit istdass wir es hier strukturell nicht mit einem Roman im eigentlichen Sinne zu tun haben. „Die Wahrheit ist„, dass aus der subjektiv-persönlichen Reflektion des Schriftstellers Handlungsfäden entstehen, die nicht nur sein Rollenverständnis in der Literatur einem wahren Stresstest unterziehen. Es ist der eher unfreiwillige Seelenstriptease eines Menschen, der sich selbst in einer Schreibblockade und Lebenskrise zugleich befindet und nach dem Fluchtpunkt sucht. „Die Wahrheit ist“ lautet das Motto seiner Auseinandersetzung mit sich selbst. Wenn schon das Schreiben nicht mehr funktioniert, wenn die Kreativität am Nullpunkt angelangt ist, kann man sich ja mit den Fragen seiner Leser und Fans auseinandersetzen. Das ist seine Hoffnung und zugleich die Überschrift zu einem Interview-Projekt, dem er sich mit Haut und Haaren verschreibt. Ohne Lügen, ohne Selbstbetrug. Einfach mal ganz ehrlich.

Es ist Eshkol Nevo selbst, der sich nun einer Reihe von Leserfragen widmet, statt einen neuen Roman zu schreiben. Was ihm normalerweise recht schnell von der Hand geht, entwickelt sich nun zu einem nicht ganz einfachen Projekt. Ließ sich die Wahrheit bisher immer bis zur Unkenntlichkeit dehnen und verzerren, so engt er seine Antworten durch die Festlegung der Rahmenbedingung „Die Wahrheit ist“ denkbar ein. Als Leser fragt man sich sofort, wie lange das gutgehen kann. Es sind nicht die Fragen der Leser von Eshkol Nevo, die uns zuerst beschäftigen. Es ist eher die Frage, ob auch wir in der Lage sein würden, ehrlich und wahrheitsgemäß auf die Fragen wildfremder Menschen zu antworten. Und so liest man in diesem außergewöhnlichen Buch die Fragen doppelt. Gespannt, wie der Autor sie beantwortet und ganz leise vor sich hinmurmelnd, eigenen Antworten auf der Spur. „Die Wahrheit ist“ wie ein Spiegel, in dem man liest.

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Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

Dabei ist es typisch, dass die Wahrheit seine Krise auf dem Gewissen hat. Es ist die Wahrheit gegenüber seiner Ehefrau, der er eine Affaire beichtet, die alles aus dem Lot wirft. Es ist die Wahrheit in seinen bisherigen Romanen, in denen der Schriftsteller zu politischen Problemen in Israel Stellung bezieht, die ihn zum Opfer von Zensur und Ausgrenzung macht. Es ist die Wahrheit, dass er als Ghostwriter für einen Politiker in seinem Land tätig ist, was er aber selbst inzwischen nicht mehr wahrhaben will. All dies hat ihn zu diesem Punkt gebracht. Die Ehe zerrüttet, Bücher blockiert und eine Zukunft unter Vorbehalt. Er rettet sich von einer Lüge in die nächste, verleugnet sich selbst und spürt, dass er jetzt oder nie die Reißleine zu ziehen hat.

Es ist der absolute Point-of-no-Return, als er mit der Beantwortung der Leserfragen beginnt, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Endlich kann er sich wieder auf Dinge konzentrieren, die er dem Leben und der Karriere fast geopfert hatte. Sein sterbender Freund, die vor ihm fliehende Tochter und lange verschollene Wegbegleiter werden ihm durch die Fragen ins Bewusstsein gerufen. Und Eshkol Nevo antwortet. Er antwortet so ehrlich, glauben wir zumindest, dass er sich immer mehr befreit. Sein Blick wird scharf und er schreibt über eigene Fehler, Fehleinschätzungen und Trugschlüsse. Es ist sein emotionaler Roadtrip durchs eigene Leben, in dem er immer dachte, auf der sicheren Seite zu sein. Weit gefehlt. Das realisiert er von Frage zu Frage. Und doch spürt man, welche Fragen ihn besonders aufwühlen, welche Antworten ihn schmerzen und welche Geständnisse Eshkol Nevo elegant zu umschiffen versucht.

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Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

Was harmlos beginnt…

„Wie sieht ein Arbeitsalltag bei Ihnen aus?“
„Wo schreiben Sie?“
„Wie wählen Sie die Namen Ihrer Figuren aus“

Wird sukzessive komplexer und schwerer zu beantworten:

„Wie autobiografisch sind Ihre Bücher?“
„Haben Sie manchmal Angst, dass Ihnen die Ideen ausgehen?“
„Was wissen die Leute nicht über Sie?“
„Haben Sie schon einmal etwas getan, für das Sie sich noch immer schämen?“

Und endet letztlich auf einem politischen Minenfeld für israelische Autoren:

„Sind Sie für die Zwei-Staaten-Lösung?“
„Müssen Sie sich zuweilen im Ausland Kritik stellen, weil Sie Israeli sind?“
„Was haben Sie in der Armee gemacht?“

Und führt uns letztlich zu scheinbar simplen Fragen, die alle Wunden aufreißen:

„Träumen Sie von Ihren Figuren?“

Was anfänglich noch strukturiert beantwortet wird, kleidet Eshkol Nevo im weiteren Verlauf der „Leserbefragung“ in kurze Geschichten und Anekdoten. Das Schreiben, die Liebe und das ganze Leben werden zu untrennbaren Bestandteilen der Antworten. Hier zeigt sich das Dilemma, in dem sich der Autor befindet. Es geht nicht um Wahrheit. Es geht um die Wahrheiten, die ihm nun um die Ohren fliegen. In jeder Antwort steckt eine weitere Frage. Jede Antwort zwingt ihn dazu, eine Position einzunehmen, die es fortan zu verteidigen gilt. Kein Buch nach diesem Buch kann mehr so sein, wie in der Zeit vor diesen Antworten. Eshkol Nevo hat blank gezogen.

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Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

„Die Wahrheit ist“, dass dies ein sehr männliches Buch ist. Es reflektiert die Rolle eines Ehemannes und Vaters in selbstgewählten isolierten Rollenbildern und Träumen. Es erzählt die Geschichte des Scheiterns eines aufrechten Romantikers und Verliebten, in dem sich die Sehnsucht dieser Welt zu bündeln scheint. „Die Wahrheit ist“, dass dieses Buch ein israelisches Buch ist. Die Fallstricke sind in jeder Frage ausgelegt. Die Konflikte zwischen Palästina und Israel sind omnipräsent. Das Weltbild des Autors steht auf dem Prüfstand. Eshkol Nevo schreibt über eigene Vorurteile und Ängste vor arabischen Attentätern. Er schreibt aber auch über seine Wut, wenn er Palästinensern in seinen Büchern eine Stimme gibt, die dann der alltäglichen Zensur zum Opfer fällt.

Natürlich kann man Nevo lesen, wenn man Oz nicht kennt. Wer jedoch Amos verehrt und Eshkol nicht liest, der verpasst etwas Großes. Selbstkritischer kann ein Autor nicht mit seiner Heimat ins Gericht gehen. Liebevoller kann er sie nicht beschreiben. Er geht in den großen Schuhen eines Amos Oz durch ein zerrissenes Land, das Opfer fordert. In der Erzähltradition israelischer Intellektueller öffnet er sein Herz für uns, ohne seiner Heimat einen schlechten Dienst zu erweisen. Und doch wird klar, dass dieses Buch nur dort spielen kann, wo es gelebt wurde. In Israel. „Die Wahrheit ist, dass dieses Buch ein Buch über Liebe und ewige Sehnsucht ist. Die Wurzeln allen Schreibens liegen im Aggregatzustand des Gefühlslebens verborgen. Jeder Riss in der Liebe ist ein Riss im Leben. Kaum zu kitten. Kaum zu heilen. Und nicht durch Lügen zu beheben.

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Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

Die Wahrheit ist, dass ich dieses Buch ebenso sehr liebe wie Judas von Amos Oz. Es ist experimentell und doch so lesenswert, weil uns der Autor mit den Fragen nie alleine lässt. Ob seine Antworten der Wahrheit entsprechen oder einer Zwischenwelt in diesem Spiel angehören. Das bleibt sein Geheimnis. In Zeiten grassierender Fakenews und einer wahren Inflation des Wahrheitsbegriffs empfinde ich Eshkol Nevos Antworten sympathisch aufrichtig, weltgewandt und ohne jede Indoktrination. Lesen Sie das Buch und wagen Sie sich selbst an die ein oder andere Frage. Ein spannendes Experiment.

PS. Autoren mit Schreibblockade könnten hier einen Ausweg finden. Vielleicht finden sie aber auch nur Musterantworten, die in eigenen Interviews sehr gut klingen würden. Ich jedenfalls werde Eshkol Nevos Antwort auf die Frage Wann wird Ihr Buch verfilmt werden? nicht so schnell vergessen. Humoriger kann man das nicht beantworten. Sind Sie jetzt neugierig?

Israel in der Literatur auf AstroLibrium

Mehr Literatur zu Israel in der kleinen literarischen Sternwarte…. hier

Da sind wir – Magisches von Graham Swift

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Da sind wir von Graham Swift

Wo liegt der Unterschied zwischen Zauberei und Magie? Laut Graham Swift gibt es eine Scheidelinie, die beide Welten trennt. Eine Grenze zwischen Trick und Illusion. Es ist eine gefährliche Grenze, die sich nur überschreiten lässt, wenn ein Zauberer seine Kunstfertigkeit so weit perfektioniert hat, dass ihm sein Übertritt in das neue Universum gelingt, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Dem Publikum zu geben, was das Publikum erwartet, ist und bleibt in beiden Zweigen des Metiers die relevante Ausgangsposition. Doch nur ein Magier wird jemals Weltruhm erlangen und sich schließlich „Der Große“ nennen dürfen.

Wir kennen sie alle. Die Houdinis, Copperfields und Uri Gellers dieser Welt. Wir haben ihre Shows gesehen und, im Fall des Großen Houdini, von seinen Fähigkeiten gelesen. Wir haben gestaunt und waren verzaubert. Die Faszination des Unfassbaren hat uns dabei fest im Griff. Neugier treibt uns in die Hände des „Maskierten Magiers„, der im Fernsehen die großen Geheimnisse seiner Kollegen verrät. Ein Whistleblower der magischen Zirkel. Ein Sakrileg, dem wir gerne folgten. In genau diesem Kosmos der Phänomene spielt der neue Roman von Graham Swift. „Da sind wir“ lässt jedoch auf den ersten Blick nicht vermuten, dass wir uns in den `50er Jahren auf dem legendären Pier in Brighton befinden und im Showbetrieb des Seebades versinken.

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Da sind wir von Graham Swift

Auf Sand gebaut, von Wasser umspült, nicht für die Ewigkeit erdacht scheint der Steg zu sein, den ich schon selbst betreten durfte. Unwirklich im strahlenden Weiß ist die historische Holzkonstruktion noch heute ein Magnet für Touristen an der Küste des Ärmelkanals. In den 1950er Jahren ein wahrer Hotspot jener Unterhaltungsbranche, da man schon ein Theater besuchen musste, um Künstler zu bewundern. Und doch ist es ein Papagei, der das Buchcover ziert. Keine Taube, wie es eigentlich vom Berufsstand der Zauberkünstler oder Magier zu erwarten wäre. Eine Mogelpackung? Mitnichten. Es ist der erste visualisierte Missing Link, der im Lauf der Geschichte eine besondere und einfach magische Bedeutung erlangt.

Graham Swift erzählt die Geschichte einer besonderen Dreiecksbeziehung. Es ist eine wahrhaftig magische ménage à trois, in der es nicht nur auf der Bühne, sondern eben gerade hinter den Kulissen pulsiert und vibriert. Sie sind die Stars des Programms und sie werden von Tag zu Tag berühmter. Ihre Show rückt immer mehr in das Zentrum des Abends. Vor ausverkauftem Haus verzaubern Ronnie Deane und Evie White jeden Tag die Zuschauer als „Pablo und Eve„. Der Zauberer und seine Assistentin haben ihr Publikum fest im Griff. Doch beide wären nichts ohne den heimlichen Star des Abends, den Conférencier und Entertainer Jack Robbins. Er hat sie zusammengebracht. Er hat ihnen das Engagement ermöglicht und er hat den eigentlichen Zauber losgetreten.

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Da sind wir von Graham Swift

Der Plot ist schnell erzählt. Zauberer und Assistentin sind mehr als nur das. Nicht nur eine Nummer im Programm, sie sind verlobt. Die Hochzeit naht bereits. Und doch ist es der Entertainer, der Abend für Abend nur Augen für die schöne Evie White hat. Als es zum unvermeidlichen Seitensprung kommt und der „Große Pablo“ erkennt, was passiert ist, kommt es zum großen Finale auf offener Bühne. Aus der Zauber. Keine Spur mehr vom großen Gemeinsamen. Nichts mehr mit „Da sind wir„. Der Magier verschwindet im Farbenrausch seines großen Regenbogen-Tricks. Und nicht nur das. Er bleibt für alle Zeiten verschwunden, als wäre dies die größte Illusion seiner grandiosen Karriere.

Wo liegt der literarische Unterschied zwischen einem magischen Buch und einem Roman, der uns verzaubert? Graham Swift hat eine Antwort: „Da sind wir„. Wenn ein Autor sich von all seinen Tricks zu lösen vermag und der Illusion Raum verschafft, dann gelingt ihm in der Konstruktion seiner Geschichte der Übertritt in eine Welt jenseits des Niemandslands, in dem die schreibende Zunft nur dadurch besticht, weiße Tauben aus dem Zylinder zu zaubern. Es ist der Abschied von der Vorhersehbarkeit, die vehemente und radikale Trennung von der Beliebigkeit, die spürbar wird. Graham Swift ist auf dem besten Weg, am Ende seines Romans als der „Große Swift“ bejubelt zu werden. Bleibt nur zu hoffen, dass er nicht mit einem großen Knall von der Bühne verschwindet.

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Da sind wir von Graham Swift

Swift verschiebt alle Zeitebenen in seinem Roman. Er entführt uns in das Davor, das Während und das Danach. Er macht uns zu Wegbegleitern seiner Protagonisten in die Vergangenheit ihrer Lebensgeschichten, als sie noch keine Entertainer, Zauberer oder nur Assistentin waren. Er entführt uns in die Welten der großen Erwartungen von Eltern und in die Abschiebung eines kleinen Jungen in eine Evakuierung im Zweiten Weltkrieg. Er erweckt Welten zum Leben, die wir später auf der Bühne wiedererkennen. Er verleiht seinen Charakteren den Schein der Realität und Plausibilität, den wir benötigen, um uns an sie zu binden. Nein, es ist nicht zauberhaft, was Graham Swift hier erzählt. Es ist die pure Magie.

Graham Swift wartet wie eine Spinne inmitten seines Spinnennetzes auf uns. Ihm gelingt das magische Momentum, wenn wir die 75-jährige Evie White im Spiegel sehen und gerührt sind, wenn sie die Andenken einer längst vergangenen Zeit betrachtet. Hier gelingt es dem Autor, uns in Schwingung zu versetzen, wenn er nur an einem einzigen Faden seines Spinnennetztes zieht. Damit gibt er sich nicht zufrieden. Er versetzt sein ganzes Netz in Schwingung. Es ist dabei ein Ort, der unvergessen bleibt. Es ist der Ort, an dem der junge Ronnie Deane einen Teil seiner Kindheit verbrachte, als er alles war, nur kein Zauberer. Niemand wird dieses Haus, die Menschen und die Stimmung dieser Umgebung vergessen, wenn die letzte Seite dieses Romans geschlossen ist. Niemand wird jemals „Evergrene“ vergessen. 

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Da sind wir von Graham Swift

Ich habe Da sind wir gelesen und gehört. Im magischen Wechsel, um mich nicht auf der Bühne zu verlieren. Ulrich Noethen erreicht hier ein bühnenreifes Niveau in einer Geschichte, die ohne jene Bretter, die die Welt bedeuten nicht funktionieren kann. Er wird zum Conférencier und Zauberer. Er lässt eine Sprache lebendig werden, die im Roman so wichtig für die gesamte Story ist. Und er verkörpert die niemals alternde Evie White in all ihrer Melancholie, ihrem schlechten Gewissen und der Sehnsucht am Ende einer langen Geschichte. Und, wenn Ulrich Noethen das Wort „Evergrene“ in den Mund nimmt, dann rette sich wer kann. Dann verschwindet auch ihr im Regenbogen einer der schönsten Geschichten des Jahres. Aus der Zauber. Lest oder hört selbst. Bringt euch nach Evergrene. Gar kein fauler Zauber. Versprochen.

Buch: dtv Verlagsgesellschaft – 160 Seiten – Aus dem Englischen von Susanne Höbel – Originaltitel „Here we are“ – 20 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag – ungekürzte Lesung – Sprecher: Ulrich Noeten – Laufzeit: 5 Stunden 41 Minuten – 4 CDs – 20 Euro

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Da sind wir von Graham Swift

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Zuletzt war ich an Bord der Erebus und habe die Nordwestpassage gesucht, war mit dem „Archivar der Welt“ unterwegs um ein fotografisches Archiv der Kontinente zu erschaffen und begab mich an der Seite der Gebrüder Schlagintweit In Schnee und Eis. Drei Jungs aus Bayern auf dem Weg nach Indien. Ihr Ziel, nicht nur der Himalaya, auch Kaschmir, das Karakorum, der Nanga Parbat, Turkestan, Panjab und viele andere Regionen, die unerforscht vor ihren Füßen lagen. Vielen dieser Entdecker und Forscher begegnet man nur einmal im Lesen. Dass ich die Schlagintweits erneut begleiten durfte ist Christopher Kloeble und seinem Roman „Das Museum der Welt“ zu verdanken.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Es ist der Christopher Kloeble, der mich mit seiner SagaDie unsterbliche Familie Salzüberzeugen konnte, dessen Erzählstil mich fasziniert hatte und bei dem ich mich als Leser gut aufgehoben fühlte. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass er in der Lage ist, mich auch tief in das Indien des 19. Jahrhunderts zu entführen. Dass er mir jedoch die Expeditions-Geschichte der Gebrüder Schlagintweit neu erzählen würde, davon bin ich nicht ausgegangen. Kloeble ist kein Nacherzähler. Er ist ein Erfinder, Entdecker und Neuerzähler. Er betritt keinen literarisch verbrannten Boden, um lediglich seine Spuren zu hinterlassen. Seine Perspektiven sind neuartig, unverbraucht, herausfordernd und in besonderer Weise lesenswert. So auch diesmal. 

Er macht aus seinem Museum der Welt die Wanderausstellung der Fantasie! Wir sehen Indien nicht aus den Augen der Schlagintweits. Wir erleben Forschungsreisen in fremde Kontinente nicht als das wissenschaftliche Erbe Alexander von Humboldts. Wir erleben das, was wir heute als „Clash of Cultures“ bezeichnen. Europäer, die aus der Perspektive des hoch zu Ross sitzenden Kolonialisten und Ausbeuters über die Länder herfallen, die sie unterjochen wollen. Wir sehen die Brüder Schlagintweit als Prototypen einer feindlichen Übernahme. Globalisierung durch allumfassenden Besitzanspruch und eine kulturelle Vormachtstellung, die auch wissenschaftlich fundiert ist. Hier beginnt die ideologisch rassistische Herabstufung der Urbevölkerung durch Expeditionen. Hier geht los, was ganze Kontinente in ihrer Entwicklung verzögert. Entwicklungsländer sind das nur aus unserer Sicht. Indien selbst sah sich damals als Hochkultur. Was haben wir da nur so nachhaltig zerstört…?

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Christopher Kloeble gelingt dieser Perspektivwechsel durch seinen Protagonisten, den Waisenjungen Bartholomäus. Gerade mal zwölf Jahre alt, von Jesuiten erzogen und an den Rand einer Welt gedrängt, die auch im Waisenhaus nach Underdogs sucht und in ihm findet. Heute würden wir ihn als das perfekte Opfer für Mobbing bezeichnen. Nur sein Erzieher und Vaterersatz „Vater Fuchs“ hält noch die letzte schützende Hand über ihn. Als dieser spurlos verschwindet, bricht die fragile Welt des Waisenhauses in Bombay für Bartholomäus zusammen. Da kommen die drei Brüder aus Bayern gerade zur rechten Zeit. Sie suchen einen Übersetzer für ihre Reise durch Indien, für den Weg bis zum Himalaya. Sie finden Bartholomäus, und aus ersten Zweifeln wird Vertrauen in einen kleinen Jungen, der hilfreich sein kann.

Christopher Kloeble dreht hier den literarischen Spieß gewaltig um. Ist Indien für die Schlagintweits nur ein Forschungsobjekt, so werden sie im Roman Gegenstand der Betrachtung. Bartholomäus beobachtet, notiert, sammelt Erkenntnisse, wertet und wird zum Wissenschaftler, der Wissenschaftler sammelt, wie seltene Schmetterlinge. Er hat seine emotionalen Messinstrumente auf drei Männer gerichtet, die weniger erforschen, als eigentlich zu sammeln. Sie nehmen mit Augen, Karten, Zeichnungen, Bodenproben, Totenmasken, Gliedmaßen, Tierkadavern mit einer unsystematischen Sammelwut alles in Besitz, was sie entdecken. Dass Bartholomäus sie lediglich als Vehikel für die Suche nach seinem „Vater Fuchs“ benutzt und ihnen gegenüber illoyal ist, bleibt verborgen.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

„Das Museum der Welt“ ist das eigentliche Projekt des kleinen indischen Jungen, der neugierig ist und alles sammelt, was ihm seine Heimat bedeutet. Für dieses Projekt hätte er den Nobelpreis verdient. Sein Museum ist tragbar. Er sammelt Gefühl, Geruch, Augenblicke und Menschen, die ihm begegnen. Er träumt davon, dieses Museum allen Menschen verfügbar zu machen, die sein Indien erleben wollen. Die Schlagintweits mit ihrer Weltsicht wirken dagegen wie Barbaren und Eroberer. Christopher Kloeble erzählt eine bisher unerzählte, ungesehene und unerlebte Geschichte. Ein buntes Kaleidoskop voller Eindrücke und ein Kosmos voller Brüche erwarten uns. Es ist ein Kulturkreis, der sich im Kopfmuseum eines kleinen Jungen ausdehnt. Wir riechen, schmecken, sehen und fühlen Indien.

Und wir sind nah bei Bartholomäus, als aus dem Zusammenprall der Kulturen für ihn mehr wird, als er es sich je vorgestellt hätte. Es ist der Roadtrip zu seiner eigenen Identität, es ist die Reise durch ein Land, das er so nie gesehen hat. Es ist das „Große Spiel“, in dem er plötzlich die Hauptrolle spielt. Ein Spiel aus Revolution, Konflikten und Verrat. Diese Reise kostet viele Opfer. Der Weg der Schlagintweits glich im Nachhinein einem Opfergang ohne wissenschaftlichen Wert. Sie konnten niemals alles auswerten, was sie nach Europa brachten. Und sie schafften es nicht zusammen zurück. Gräber in München zeugen noch heute von den Entdeckern von einst. Welche Rolle sie jedoch in Indien aus der Perspektive der Menschen gespielt haben, die sie erforscht haben, das erzählt nur „Das Museum der Welt“.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Ein wahrhaft historischer Roman, der sich in der Beschreibung dieser Expedition von 1854 bis 1857 an die überlieferten Fakten und Aufzeichnungen der Schlagintweits hält. Bartholomäus macht diese Reise zu einem Lese-Ereignis. Seine Selbstfindung und die Entscheidungen, die er trifft stehen hier für ein Land im Aufbruch und eine Kultur, deren Erben heute noch unter der Kolonialisierung leiden. Christopher Kloeble ist nun wirklich kein „Nacherzähler“. Im grandiosen Roman von Rudi Palla bin ich den drei Brüdern „In Schnee und Eis“ gefolgt. Kloeble doppelt nichts. Ich hatte niemals das Gefühl, alles zu wissen und nur Bartholomäus für mich neu zu entdecken. „Das Museum der Welt“ ist eine Inspiration, weil der Perspektivwechsel die Erben eines Alexander von Humboldt in ein neues Licht rückt.

Ein Abenteueroman von Format, in dem die Forscher zu den Erforschten werden. Kleiner Beweis gefällig? Lassen wir doch Bartholomäus zu Wort kommen:

„… Leider ist im Durchschnitt nur jeder vierte Bayer angenehm. Das lernte ich in meiner Zeit bei den Brüdern. Allerdings ist jeder von ihnen auf eine ganz eigene Weise unangenehm.“

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Wer sich das Abenteuer seines Lebens vorlesen lassen möchte, der kann mit der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag nach Indien reisen. Die Expedition zum „Museum der Welt“ dauert in der gekürzten Lesung 10 Stunden und 19 Minuten. Es ist Torben Kessler, der Bartholomäus zum Leben erweckt. Naiv, spitzbübisch und manchmal naseweis, immer jedoch beharrlich auf der Suche nach Exponaten für sein Museum, das er allen Indern zugänglich machen möchte. Wer das gehört hat, wird nie wieder ein Museum so betrachten können, wie zuvor. Großartig….

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble – Buch und Hörbuch

Impressionen zur Buchpräsentation bei dtv und einem Besuch am Grab finden Sie auf meiner Facebook-Seite AstroLibrium: Folgen Sie dem Hashtag #MuseumKloeble

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Wer übrigens der Meinung sein sollte, dies sei ein typisches Männerbuch, der ist gut beraten bei Steffi auf „Nur Lesen ist schöner“ vorbeizuschauen. Sie hat sich mit ihrer Rezension als wahre Museumswärterin geoutet, der man nicht widerstehen kann. Darüber hinaus widerlegt sie die These von Bartholomäus, dass „nur jeder vierte Bayer angenehm ist“. Steffi ist es auf die charmanteste Art und Weise.

Juni 53 von Frank Goldammer (Max-Heller-Reihe Band 5)

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Juni 53 von Frank Goldammer

Wir schreiben das Jahr 1953. Es ist Juni und wir befinden uns in Dresden. Es ist das achte Jahr einer Lebensgeschichte, der ich durch die Buchreihe von Frank Goldammer folge. 1945 „Der Angstmann“, 1947 „Tausend Teufel“, 1948 „Vergessene Seelenund 1951 „Roter Rabe“. Vier spannungsgeladene und literarische Bücher lang bin ich nun schon treuer Wegbegleiter des Dresdner Kommissars Max Heller. Jahre, die nicht nur sein Leben, sondern auch ein ganzes Land und seine Heimatstadt verändert haben. Ausgebombt, befreit, besetzt, im geteilten Deutschland souverän, sozialistisch geprägt und ideologisch von einem Extrem ins andere driftend. Seit Jahren fühlt man sich dem gar nicht linientreuen, weil unpolitischen Ermittler verbunden. Seit Jahren folgt man ihm durch die neuralgischen Zeitscheiben der deutschen Geschichte…

Wenn wir nun „Juni 53“ von Frank Goldammer lesen oder hören, fühlt es sich fast an, als würden wir nach Hause kommen. Die Stadt ist uns vertraut, die Familie und die Lebensumstände des Ermittlers sind bekannt. Im fünften Band der Reihe gibt es für die treuen Leser und Hörer keine weißen Flecken mehr im Leben von Max Heller. Wir sind auf Augenhöhe, wenn wir ihm begegnen. Ein Sohn bei der Stasi, einer im Westen, eine Familie, die im neuen Deutschland zerrissen ist. Eine Adoptivtochter und eine Ehefrau, deren Gefühlsleben zwischen Flucht und Bleiben wechselt. Ein Kommissar, der sich in seiner gesamten Karriere nicht vereinnahmen ließ, steht im Zentrum der Handlung. Nie in einer Partei gewesen. Das gilt systemübergreifend. Kein Nazi, kein Kommunist, kein Sozialist. Polizist. Mit Leib und Seele. Gerechtigkeits- und wahrheitsliebend. Ein Mann auf der Gratwanderung zwischen den politischen Systemen. Ein Systemsprenger.

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Juni 53 von Frank Goldammer

Eigentlich muss man kaum erklären, wohin uns Frank Goldammer im fünften Band seiner Erfolgsreihe entführt. 1953, der 17. Juni. Ein neuralgisches Datum der deutsch-deutschen Geschichte, auch wenn sich die Ereignisse im Osten eines geteilten Landes abspielten. Volksaufstand; Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung; Angst, das Land nicht mehr verlassen zu können; Proteste auf den Straßen; Niederschlagung des Aufstands durch die Sowjetarmee; Ausnahmezustand; Gewalteskalation; Prozesse und Verurteilungen. Eine lebensbedrohliche Krise der noch jungen DDR. Mittendrin im Chaos dieser Tage, Max Heller. Er ermittelt in einem Mordfall, der mit dem Aufstand im Zusammenhang stehen muss. Ein Betriebsleiter, brutal mit Glaswolle erstickt, genau an dem Tag, an dem sich in der DDR der Unmut Luft verschaffte. Eine Ausgangssituation, die in jedem anderen Kriminalfall nach Kriminalfall riecht und schmeckt. Hier nicht! 

Hier sind wir den Szenarien des Dresdner Autors Frank Goldammer ausgeliefert, dessen Reihen-Konstruktion genau diese Zeitscheiben als Etappen in der Geschichte seines Protagonisten Max Heller anvisiert. Eigentlich reicht ihm ein einfacher Unfall, um ganze Handlungsketten loszutreten, eigentlich bedarf es gar nicht des brutalen Mordes, um die Zwickmühle eines Polizisten zum Roman zu verdichten. Frank Goldammer wäre jedoch nicht Frank Goldammer, wenn er seine Zeitreise durch jene Zeitgeschichte nicht mit einem aufsehenerregenden Mord anreichern würde. Sein Plan geht auf. Die Zeit ist hier der beste Freund des Autors, sie arbeitet für ihn. Eingebettet in diese authentische Rahmensituation greift in seinen Romanen ein Charakterrädchen ins nächste. Es läuft wie geschmiert. Dank des brillanten Settings kann er seinen Kommissar mit Problemen und Hindernissen konfrontieren, die nur zu dieser Zeit, nur in dieser Region und nur bei Max Heller zum Tragen kommen. Ein literarisches Alleinstellungsmerkmal, nach dem in der Literatur oftmals verzweifelt gesucht wird.

Juni 53 von Frank Goldammer - AstroLibrium

Juni 53 von Frank Goldammer

Frank Goldammer gelingt mit einem Roman, was man dem Genre eigentlich nicht zutraut. Wie könnte ein Kriminalroman in der Lage sein ein grundlegendes Verständnis für die Lebensumstände in der damaligen DDR zu wecken? Wie kann es gelingen, dem heutigen Leser zu verdeutlichen, wie schwer bis unmöglich es war, sich einem System zu verweigern, auf das man eigentlich mit seiner ganzen Familie angewiesen war? Wie kann man Vorbehalte abbauen um einem, heute gesamtdeutschen, Publikum bei einer Lesung die Hand zu reichen und Mauern zu überwinden, hinter denen man sich immer noch gerne versteckt? Es geht, wie Frank Goldammer beweist. Mit dem Charakter von Max Heller bietet er einen facettenreichen Antihelden an, der Nachteile in Kauf nimmt und im eigentlichen Sinne nur als Polizist arbeiten möchte. So wie er wäre man selbst gerne. Jedoch, ob wir so standhaft bleiben würden, das darf jeder für sich entscheiden.

Die politischen Rahmenbedingungen in der DDR im Jahr 1953 engen den Spielraum als Polizist gewaltig ein. Heller steht man skeptisch gegenüber. Das Parteibuch scheint nicht nur über wirtschaftliche Privilegien zu entscheiden, es bestimmt auch die Karriere. Beförderungen und Aufgabenfeld haben nicht mehr nur etwas mit Können zu tun. Hier geht die Schere zwischen beruflicher Selbstverwirklichung und Druck von außen weiter auf, als es Heller je gedacht hat. Man nimmt ihm die Methodenkompetenz, die Stasi ist ständiger Begleiter der Ermittlungen und Begriffe wie Sippenhaft und Schlafentzug sind neue Wegbegleiter des aufrechten Kommissars. Er wird anders wahrgenommen. Hier scheint der Systemgegner gegen das System zu ermitteln. Arbeiten ohne Hindernisse gehört der Vergangenheit an. Die Folgen sind nicht nur für ihn dramatisch. Seiner Frau bleibt in Gedanken nur der Weg in den Westen. Für seinen Sohn, der für die Stasi und somit für das System arbeitet, entwickelt sich der eigene Vater zum Hindernis.

Juni 53 von Frank Goldammer - AstroLibrium

Juni 53 von Frank Goldammer

Zusehends zieht sich die Schlinge enger um den Hals von Max Heller. Jede Spur, die er wittert, wird überlagert von seiner eigenen Rolle. Man würde ihm gerne zurufen, dass es doch einfacher sei, das Parteibuch in die Hand zu nehmen. Es würde doch an seinem Charakter nichts ändern. Man würde es seiner Familie wünschen. Dann ertappt man sich bei diesen Gedanken und merkt, wohin uns Frank Goldammer manövriert hat. Wenn wir es Heller nicht vorwerfen würden, warum dann den Menschen, die wir heute noch so gerne als Mitläufer bezeichnen? Und wie hätten wir uns selbst verhalten, wenn nur die Parteizugehörigkeit alleine den Weg zum eigenen Auto oder einer Wohnung im scheinbaren Wohlstand geebnet hätte? Heller wird zum Vorbild für die Verführungen in einem solchen (einem jeden) System. Sein Ideal zu erreichen macht ihn unantastbar.

Gerechtigkeit wird zum interpretierbaren Faktor. Die Grenzen zwischen Agitation im Auftrag politischer Machthaber und dem einfachen Mord auf der Straße zerfließen. Der Feind definiert sich nicht durch kriminalistisches Gespür, er ist vorgegeben. Genau hier zu ermitteln ist fast unmöglich. Heller geht den dornenreichen Weg. Der Mord im „Juni 53“ verläuft auf diesem schmalen Grad. Für die Polizei wird Heller zum Problem und für diejenigen, für die er eigentlich ermittelt, die Leidtragenden, ist er trotzdem ein Teil der Staatsmacht. Ein Rollenkonflikt, den er kaum selbst aufzulösen vermag. Hier erfährt der Held seine Läuterung, als er mit Sichtweisen konfrontiert wird, die ihn selbst auch in der Zeit der Nazis als Mitläufer zeigen. Konnte er sich so sehr irren? Wie kann er jetzt den Spagat vollbringen und den Mord aufklären, den man politisch instrumentalisieren und für Propaganda nutzen möchte? Ein Gewissenskonflikt, der nur einen Ausweg zulässt. Den Westen. Oder entscheidet er anders?

Juni 53 von Frank Goldammer - AstroLibrium

Juni 53 von Frank Goldammer

Frank Goldammer legt mit seiner Max-Heller-Reihe einen Grundstein für eine Art von Wiedervereinigungsliteratur. Er lässt Grenzen verschwinden und beleuchtet auf seine ganz besondere Art das Leben in einer DDR, die wir so vielleicht nicht kannten. Dabei ist Max Heller der Prototyp eines Deutschen, der wir gerne selbst wären. Egal in welcher geschichtlichen Zeitscheibe, er verkörpert das Ideal. Dass es kaum erreichbar ist, macht die Buchreihe so verbindlich und verbindend. Goldammer führt Beispiele an, die für echten Widerstand stehen. Dem inneren Widerstand Hellers stellt er den offenen einer „Weißen Rose“ gegenüber. Er selbst stellt Max Heller in Frage. Er liefert ihn uns aus. Werden wir urteilen können? Oder können wir uns an ihm orientieren, wenn es um Standhaftigkeit geht? Ich wünsche es mir.

Wie es weitergeht? Die Zeit wird es zeigen, denn sie arbeitet für Frank Goldammer. Wir werden uns mit ihm nach vorne arbeiten, Konflikte werden sich zuspitzen und die Staatsmacht wird allmächtiger. Wie ich einleitend schrieb, dem Autor reicht ein banaler Fahrradunfall, um Max Heller aufzureiben. Wie ich Frank Goldammer kenne, wird er es ihm und uns jedoch nicht so leichtmachen und wieder einen spannungsgeladenen Fall mit Leben füllen, der lebensgefährlich ist. Heikko Deutschmann hat mich in der leicht gekürzten Hörbuchfassung erneut abgeholt und gefesselt. Er ist die Stimme der Reihe um Max Heller und eine gemeinsame Vergangenheit, die wir im Westen so leicht als „Eure“ Vergangenheit abgetan haben. Falsch gedacht. Großartig gemacht, Frank.

Juni 53 von Frank Goldammer - AstroLibrium

Juni 53 von Frank Goldammer

Lust auf einen weiteren Blick aufs Buch? Litterae Artesque wird geschichtlich

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Astrolibrium

Hannah Arendt (1906 – 1975), Ikone, Jahrhundertdenkerin, vergöttert, verfolgt und beschimpft. Intellektuelle mit hohem Spaltbarkeitsfaktor, unversöhnliche Kämpferin auf verlorenem Posten. Emigriert, immigriert, polyglott, heimatlos. Jüdische Professorin mit professioneller Haltung. Unverbiegbare, anlehnungsbedürftige, unerhört und verzweifelt Liebende. Zwischen den Fronten stehender Prototyp einer Influencerin mit Sprengkraft, Zeitzeugin des weltumfassenden Eichmann-Prozesses in Israel und Fettnapftreterin im Urteil über einen Massenmörder. Wie kann man sich dieser Frau nähern, die einerseits so unnahbar wie ein fremder Kontinent und andererseits so greifbar wie der rote Faden des Erinnerns an den Holocaust ist? Ich möchte ihren drei Leben begegnen. Ich will ihr durch Deutschland, Frankreich und die USA folgen. Mein Weg stellt eine Kreuzung dar, die drei Werke miteinander verbindet, die mir helfen sollen, eine Frau zu verstehen, die stets auf Unverständnis stieß.

Die drei Leben der Hannah Arendt“ – Graphic Biography von Ken Krimstein
Im Vertrauen – Briefe 1949 – 1975“ Hannah Arendt und Mary McCarthy – Hörbuch
Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“, Hannah Arendt

Drei Wege, die für mich zu einem Königsweg im Verständnis wurden. Wege, die in ihren unterschiedlichen Herangehensweisen Türen und Augen öffneten. Wege, die ich trotz der zu vermutenden Komplexität auf ein paar einfache Nenner bringen möchte, die meine Sichtweise zum Holocaust stark beeinflusst haben. Wege, die bis in die heutige Zeit reichen, weil eine Wiederholung der Geschichte nur dann erfolgen kann, wenn die Automatismen von einst wieder zu greifen beginnen. Hannah Arendt ist Grenzgängerin und Chefanklägerin der Humanität. Man sollte ihr sehr gut zuhören.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Die drei Leben der Hanna Arendt“ – Graphic Biography von Ken Krimstein

Was kann eine Graphic Novel bewegen? Wie kann sie sich einem Thema annähern, das augenscheinlich nicht für dieses literarische Gerne geeignet erscheint? Ich bin der Meinung, dass gerade dieser Widerspruch Neugierde weckt. Wer greift heute noch zur ausschweifenden Biografie? Wer taucht noch gerne in Sekundärliteratur voller Quellen- und Rechercheangaben ein? Kann man nicht einen Weg wählen, der plakativ und doch inhaltlich ausgewogen eine breitere Leserschicht anspricht? Ken Krimstein hat sich für diese ganz individuelle Herangehensweise entschieden. Ich möchte mich hier gerne als Maßstab dafür bezeichnen, warum das Experiment mehr als gelungen ist. Nein. Ich bin Hannah Arendt bisher literarisch nicht begegnet. Nein. Ich las bisher keine Zeile von ihr und hielt eine Auseinandersetzung mit ihr für wenig erfolgversprechend. Sie schien mir zu „elitär“, um ihren Gedanken folgen zu können. Die Hemmschwelle war zu groß. 

Und doch. Ich tauchte tief in den Illustrationen und Texten von Ken Krimstein ein. Ich hatte schon auf den ersten Seiten dieser Graphic Novel das Gefühl, dass Krimstein alle meine Bedenken kennen würde und schon in seiner Einleitung die Hemmschwellen auf mein Bodenlevel absenken konnte. Er setzt nicht voraus, dass man Hannah Arendt in- und auswendig kennt, bevor man sich seinem Buch widmet. Er ermöglichte mir eine unbefangene Annäherung. Krimstein akzeptiert mein Unwissen. Was er jedoch von mir erwartet, darauf darf er mit Fug und Recht bauen. Interesse und unvoreingenommenes Denken. Dafür bin ich zu haben. Er knüpft hier an so viele Schicksale an, die mir schon begegnet sind, wie die von Charlotte Salomon und Irène Némirovsky. Künstlerinnen, die von Nazis verfolgt, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und ermordet wurden.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Was Hannah Arendt von ihnen unterscheidet, ist ihre Flucht nach Frankreich. Ihr erstes Leben in der deutschen Heimat endete 1933 mit der Machtübernahme der Nazis und führte sie als Emigrantin zuerst nach Paris dann in die USA. Was sie verbindet, ist die Tatsache, dass auch Paris kein sicheres Refugium war. So wie Charlotte Salomon Ihre Bilder in einem Koffer bei sich trug und sagte „C´est toute ma vie“ hatte auch ihre Leidensgefährtin Irène alles Wertvolle bei sich, als sie floh. „Trennt euch niemals von diesem Koffer, denn er enthält das Manuskript eurer Mutter.“ Und auch Hannah ist gedanklich bei einem Koffer, als sie nach dem Schicksal von Walter Benjamin gefragt wird. Sie erinnert sich daran „Wie er die schweren Koffer mit dem Passagen-Projekt die Berge hochgeschleppt hat… Wie er sagte, dass diese Dokumente ihm teurer seien als sein eigenes Leben.“ Nur, wer dies erlebt hat, weiß was Verfolgung heißt.

Doppelte Vertreibung, doppelte Entwurzelung, die Veränderung ihres Umfelds und der Menschen, die ihr nahestehen, der ideologische Sieg der braunen Kultur auch über die Liebe ihres Lebens, Martin Heidegger, all dies wird sie nicht mehr los. All dies wird sie verfolgen. Egal, wo sie ist. Die Wahrheit finden, für sie ein ekstatischer Genuss. Ihr Lebenscocktail besteht aus Leidenschaft, Liebe, Lügen und Philosophie. Sie bleibt eine Getriebene, die keine Opfer scheut, um das Licht der Erkenntnis zu erblicken. Grenzen gibt es für sie nicht. Als sie 1961 als Prozessbeobachterin in Israel weilt und Eichmann als bürokratisches und unauffälliges kleines Licht erlebt, erkennt sie die Banalität des Bösen. Weltweit hagelt es Kritik, weil sie zu verharmlosen scheint. Dabei gelingt ihr ein Bravourstück erster Güteklasse. Sie zeigt die Täter in ihrer lächerlichen Normalität und nicht als Übermenschen. Jeder kann schuldig sein. Auch der harmloseste Kleingeist.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Als Hannah Arendt sich auch mit der internationalen jüdischen Gesellschaft anlegt und hinterfragt, warum sie die europäischen Juden im Stich ließ, verliert sie an Boden. Zu gewagt sind ihre Thesen. Zu früh kommen sie für eine Welt im Wandel, die sich nur zu gerne vor einer Mitschuld verstecken möchte. Wenige Freunde begleiten sie bis zum Ende. Mary McCarthy ist eine von ihnen. Eine Herzensbeziehung zweier Frauen, über alle Grenzen hinweg. Ken Krimstein gelingt mit seiner Graphic Novel ein Meisterwerk. Die Illustrationen skizzieren drei Leben. Seine Worte beschreiben sie. Gemeinsam sind sie in ihrer symbiotischen Wirkung ein Wegweiser zu Hannah Arendt, der animiert, sich intensiver mit ihr auseinanderzusetzen. Das ist gelungen. Ich muss mehr erfahren. Ich muss die Bilder des Buches „Die drei Leben der Hannah Arendt“ mit eigenen Bildern anreichern. Ich muss mir jetzt ein eigenes Bild von ihr machen. Es fühlt sich so an, als würde mich Ken Krimstein dazu einladen, seine Skizzen auszumalen. Ein bewegendes Gefühl.

Die Relevanz dieses Buches liegt in Schlüsselsätzen, wie diesem: „Wie Feuer sich aus Sauerstoff speist, tut dies der Totalitarismus aus der Unwahrheit.“ Zeitlos und bedeutend ist die Botschaft, die uns Hannah Arendt hinterlässt. Eine Botschaft, die wir ernstnehmen sollten, weil sich ansonsten wiederholt, was man nicht wiedergutmachen kann – auch nicht in drei Leben. Diese Graphic Biography ist ein Muss, wenn man sich mit Hannah Arendt auseinandersetzen will, wenn man Vergangenes verstehen möchte, Gegenwärtiges mitprägen will, um das Zukünftige zu verändern. Am Ende des Lesens pausierte ich nur kurz. Ich wollte hören, was Hannah zu erzählen hatte. Ich wollte dem Briefgeheimnis zum Trotz hören, was sie ihrer Freundin anvertraute. Ich griff zu:

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Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Im Vertrauen – Briefe

Im Vertrauen / Briefe 1949 / 1975“. Hannah Arendt und Mary McCarthy. Ein Hörbuch wie eine Offenbarung. Briefe aus ihrem dritten Leben, dem in den USA, um im Rahmen von Ken Krimstein zu bleiben. Was wir hier hören dürfen, ist einer der brillantesten und bewegendsten Briefwechsel, den man sich nur vorstellen kann. Zwei kluge Frauen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Es waren Welten, die hier aufeinandertrafen. Eine Jüdin und eine Katholikin. Eine der deutschen Universitätstradition verhaftete Gelehrte und eine Frau aus dem Umfeld amerikanischer Elitecolleges. Eine verfolgte Heimatlose und eine sicher verwöhnte Aufstrebende. Schreibende waren beide. Künstlerinnen und Intellektuelle von Format. Der Beginn der Freundschaft, ein Missverständnis. Als dieses ausgeräumt war, begannen die Worte zu sprudeln. Hannah spürt man Vergangenes an, Mary das Künftige. Suchend sind sie beide. Intimes wird ausgetauscht. Liebe und Leid verbinden sie.  

Für Mary McCarthy war Hannah Arendt der einzige Mensch, dem sie beim Denken zuschaut. Hier werden Bilder von Ken Krimstein lebendig. Wo man bei den Briefen oft ohne Hintergrund fragend zögert, erhellen sie sich im Licht der Graphic Novel. Hörend bricht man in sich zusammen, wenn sich die Briefe dem Ende zuneigen. Man wünschte sich, Hannah hätte geahnt, an welcher Stelle der Tod die beiden Frauen trennen würde. Hörend lauscht man auf die endlichen Worte. Findet Wehmut, Hoffnung und Zuneigung. Ein unglaublich tiefer Einblick in die Seelen zweier Seelenverwandter. Unter der Regie von Sandra Quadflieg entstand hier eine authentische Produktion, die rührt und bewegt zugleich. Katharina Thalbach (Hannah) und Sandra Quadflieg (Mary) schlüpfen nicht nur stimmlich in die Rollen ihrer Protagonistinnen. Man fühlt, dass es vibriert, atmet und bebt. Spannung, Sorge und Zuneigung werden mit Händen greifbar. Räumliche Distanz wird durch Worte zum Nichts. Ich blicke auf zweieinhalb Stunden eines Dialogs zurück, ohne den ich mir Hannah Arendt nicht ausmalen wollte. Zuletzt lese ich sie selbst.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Eichmann in Jerusalem

Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Hannah Arendt in Israel. Sie beobachtet den Prozess gegen den Designer der Endlösung. Sie schreibt über das Szenario, das weltweite Aufsehen, dass Adolf Eichmanns Entführung erregte. Sie wandert auf der Grenze zwischen Schauprozess und Gerechtigkeit, sie prangert zu Beginn des Berichts die schlechte Dolmetscherleistung an, die es dem Angeklagten im Verlauf des Prozesses erschwerte, der Anklage zu folgen. Sie klagt die ganze jüdische Welt an, gewusst und nichts unternommen zu haben. Sie erkennt einen Bürokraten, im eigentlichen Sinn ein kleines Rädchen. Banal. Er könnte jeder sein. Das polarisiert. Die Welt hatte einen Bösewicht erhofft. Und jetzt? Ein blasser Buchhalter des Todes. Und Hannah Arendt geht weiter. Sie beklagt den klaglosen Opfergang der Juden. Sie kann sich nicht mit dem Bild „wehrlos zur Schlachtbank geführt zu werden“ abfinden. Worte, die die Welt aufrütteln, bewegen, verletzen. Worte, die zu früh kommen, verstörend und maßlos wirken. Und doch eben Gedanken, ohne die eine künftige Welt nicht existieren könnte.

Dieses Buch aus der Feder des Großgeistes Hannah Arendt ist eine Offenbarung und eine Verpflichtung zugleich. Hier schließt sich der Kreis. Drei Leben lebte sie im vergangenen Jahrhundert. Drei Jahrhunderleben. Jedes Leben wäre ohne das andere nicht denkbar. Wir sollten uns bemühen, diese Leben nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Es wäre fatal für unsere Gegenwart. Es wäre fatal für die Zukunft.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Eine neue Bücherkette