Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Das ist nicht für meine Augen bestimmt. Das war das erste Gefühl, als ich begann, die Essays von James Baldwin zu lesen. Das ist zu privat, zu intim und sicher nicht für mich geschrieben. Ich fühlte mich, wie ein Spion, der in einem geheimen Tagebuch auf Zeilen eines Schriftstellers aufmerksam wird und einfach nicht mehr aufhören kann, sie zu verschlingen. Dabei ging mir vieles durch den Kopf. James Baldwin mäandert sich in 10-Jahresschritten durch mein literarisches Portfolio im Kampf gegen Rassismus, Hass und Ausgrenzung. 1953 entstand „Von dieser Welt“, 1973 schrieb er den „Beal Street Blues“ und nun liegen seine Texte aus dem Jahren 1962/1963 vor mir. „Nach der Flut das Feuer“. James Baldwins absoluter Durchbruch und seither das Standardwerk der literarischen Auseinandersetzung mit der Rolle der Schwarzen in den USA.

Der Buchtitel war Programm. Wie eine Feuersbrunst breitete sich seine Botschaft im ganzen Land aus. 100 Jahre nach dem Beginn des Amerikanischen Bürgerkrieges und damit fast 100 Jahre nach dem offiziellen Ende der Sklaverei. Inmitten der Amtszeit von John F. Kennedy, der aus jetziger Sicht einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Situation aller afroamerikanischen Bürger seines Landes leistete. Inmitten der Initiative zur Gleichberechtigung und flankiert von den großen Rednern ihrer Zeit. Martin Luther King und Malcolm X. Und doch war es James Baldwin, der mit seinen Essays für den absoluten Brandbeschleuniger der Debatte sorgte. 

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Er schrieb über den täglichen Rassismus, den er selbst erlebte. Er schrieb über den Brief seines Großvaters und er beschrieb seine Begegnungen mit den Wortführern der Black-Power-Bewegung. Er blieb in diesen Texten ganz bei sich und bot den Gegnern die offene Flanke der eigenen Verletzlichkeit an. Im Unterschied zu allen Vorreitern im Kampf für Gleichberechtigung knöpfte er sich nicht nur die weiße Seite der Macht vor. Baldwin beschreibt Ursachen und Wirkung von Rassismus, die Automatismen und die Konsequenzen für den Einzelnen. Er schrieb über Rollenverständnis und Religion. Und er schrieb über den eigenen Rassismus, in den sich einige seiner Mitstreiter flüchteten, wenn sie die Zukunft der Schwarzen im Islam verorteten und keine abweichende Sicht zuließen.

Es sind sehr starke, impulsive und hochintelligente Texte. Und doch wurde ich das Gefühl nicht los, dass er sie vornehmlich für die Menschen schrieb, die unter all dem zu leiden hatten, was er so autobiografisch analysierte. Ich fühlte mich außenstehend und nicht befugt, ihm zuzuhören. Die Zeilen, die sein Großvater an ihn richtete sind geprägt vom Selbstbild einer Generation, die sich der Illusion hingibt, die Sklavenbefreiung jetzt schon feiern zu können. 100 Jahre danach ist noch 100 Jahre zu früh. Baldwin musste im Alter von 15 Jahren begreifen, dass seine Zukunft von Menschen gestaltet wird, die ihren Reichtum und ihre Freiheit auf der Armut und Unfreiheit der schwarzen Bürger im Land begründen. Es sind Ratschläge, die mir schwer im Magen liegen, weil ich einfach das Gefühl habe, auf der anderen Seite zu stehen.

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Ist es schon rassistisch, kein Rassist zu sein? Ist mein Glaube, alle Menschen sind gleich und niemand dürfe aufgrund seiner Herkunft, seines Glaubens, seiner Hautfarbe oder seiner Neigungen ausgegrenzt werden, rassistisch, weil ich mir diese Haltung gut leisten kann? Vom hohen Ross sozusagen. Gutmeinend. Wohlwollend. Aber nicht, weil ich aus der tiefen Einsicht heraus und der göttlichen Fügung folgend, davon überzeugt bin? Ich muss schon sehr schlucken, wenn ich diese Gedanken rekapituliere. Ist es so, oder kann ich für mich andere Motivationen geltend machen. Ist es heute en vogue, in dem modernen Kosmos einer bunten Gesellschaft auch jenen Raum zu geben, denen ich im Alltag kaum begegne? Puh. Ich hoffe so sehr, dass es nicht so ist. Baldwin lässt selbst bei jenen, für die schwarze Leben wirklich zählen, keinen Stein auf dem anderen.

Und so geht es weiter in den Essays. Baldwin schreibt uns Bilder in die Seele, die im Leben nicht mehr verblassen. Bilder von schwarzen GIs, die im Zweiten Weltkrieg ihre Haut für eine Nation aufs Schlachtfeld tragen, die sie anschließend verrät. Bilder junger Menschen, die traumatisiert aus Europa zurückkehren und im Trauma versinken, nicht mit jedem Bus fahren zu dürfen, Geschäfte nicht durch den Haupteingang betreten und Schulen nur von außen sehen zu können. Er schreibt über den Islam. Heilsbringend im Vergleich aller Unrechtssysteme. Und gleichzeitig klagt er jene an, die der Gesellschaft durch diese endgültige Aufteilung in schwarz und weiß mehr als schaden. Baldwin hat sich mit diesen Essays wohl mehr Feinde als Freunde gemacht. Die Gratwanderung in seinen Argumenten ist konsequent und zeitlos. Sie spiegelt viele Bücher wider, die ich gelesen habe. Sie spiegelt das vergangene und künftige Schreiben des Autors wider.

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Nun kann man nicht sagen, es hätte sich nichts geändert. Bald werden diese Texte 60 Jahre alt. Sie sind in meinem Alter. Sie haben viel bewegt. Die USA hatten für zwei Amtszeiten mit Barack Obama einen ersten schwarzen Präsidenten, der sein Land im Rückblick sehr geprägt hat. „Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation“ kann dies vielleicht belegen. Ich schrieb darüber, so wie ich über Bücher schrieb, die sich diesem Thema widmeten. Und doch bin ich nicht versucht, Baldwins Texte auf die heutige Zeit umzulegen. Sie sind zwar zeitlos, gehören jedoch in eine unveränderbare Zeitschleife, die man nicht mit dem Hier und Jetzt vergleichen darf. Es ist ein Standardwerk. Das ist für mich nicht zu bestreiten. Es kann ein Maßstab für Veränderungen sein, die sich seit 1963 vollzogen haben. Sie spiegeln jedoch nicht die aktuelle Situation wider.

Dieser Maßstab ist messbar. Spätestens wenn man das heutige Standardwerk zu diesem Thema neben die Texte von James Baldwin legt. „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates schließt einen unsichtbaren Kreis der Diskriminierung im Herzen einer modernen Gesellschaft. Man sollte beide Bücher miteinander lesen. Es ist für unsere Zukunft von besonderer Relevanz, die Unterschiede zu erkennen und an der immer noch bestehenden Diskrepanz zwischen Weißen und Schwarzen zu arbeiten. Im Kern bleibt das Gefühl, der Polizei hilflos ausgeliefert zu sein. Ein Gefühl, das messbar ist. Ein Gefühl, in dem sich Baldwin und Coates auf Augenhöhe begegnen. Es gibt viel zu tun. Nicht nur in den Ländern, auf die wir schauen und denen wir Ungerechtigkeit in der Behandlung von Bürgern unterschiedlicher Hautfarbe vorwerfen. Kehren wir doch auch vor unserer Tür. Rassismus ist überall und die Automatismen des Machterwerbs auf dem Rücken künstlich geschaffener Underdogs haben auch bei uns Methode.

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

Ein Wort zum Hörbuch. James Baldwin schrieb in einer eigenen Melodie. Er schrieb und erzählte in einer Klangfarbe, die seinem Anliegen Nachdruck verlieh. Die deutsche Übersetzung der Baldwin-Bücher von Miriam Mandelkow ist für mich schon eine ganz eigene Kunstform. Sie zu lesen, ist wie Baldwin zu lesen. Beale Street Blues und Von dieser Welt legen davon Zeugnis ab. Die Hörbuchfassung mit der Stimme des großen Christian Brückner ist das I-Tüpfelchen auf dieser Produktion. Seine Stimme singt mit Baldwins Stimme. Nichts ist unbetont, nichts nur leicht dahergesagt, nichts geht unter. Selbst der Rückfall in Baldwins Predigerzeit wird in der Stimmfarbe Christian Brückners lebendig. Brückner spricht in einer eigenen Liga. Hier begegnet er James Baldwin auf Augenhöhe. Hier brennt das Feuer lichterloh nach der Flut….

Hier die Liste meiner relevanten Bücher gegen den Rassismus:

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter
Mercy Seat von Elizabeth Winthrop
Zwischen mir und der Welt von Ta-Nehisi Coates
Ein anderes Leben als dieses von Virginia Reeves
Wer die Nachtigall stört und Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee
Von dieser Welt und Beale Street Blues von James Baldwin
Mudbound – Die Tränen von Mississippi von Hillary Jordan
Lincoln im Bardo von George Saunders
John F. Kennedy – Zeit zu handeln – Ein Bilderbuch von Shana Corey
Dark Town von Thomas Mullen
Briefe an Obama – Das Porträt einer Nation – Jeanne Marie Laskas
Und nicht zuletzt meine Selbstbetrachtung: Warum ich kein Rassist bin

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Nach der Flut das Feuer von James Baldwin

„Nach der Flut das Feuer“ von James Baldwin
Buch: dtv Literatur / 128 Seiten / dt. von Miriam Mandelkow / 18 Euro
Hörbuch: Argon Hörbuch / Parlando / Edition Christian Brückner / ungekürzte Lesung / 2 Std. 54 Min / 19,95 Euro

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Kaum etwas ist schockierender als ein Amoklauf an einer Schule. Nichts vermittelt das Gefühl von Hilflosigkeit intensiver, als ein bis an die Zähne bewaffneter Amokläufer inmitten ahnungsloser Kinder und Lehrer. In meinem Artikel zum Roman 54 Minuten von Marieke Nijkamp habe ich bereits eine Unterscheidung zwischen einem Amoklauf und dem Begriff Schulmassaker vorgenommen. Was beim Amoklauf die Zufälligkeit der Zielgruppe bedingt, wird beim Massaker durch eine gezielte Auswahl der Opfer ersetzt. Rache für Ausgrenzung oder Mobbing wird hier als Motiv angeführt. In letzter Zeit sehe ich in den Nachrichten viele Massaker, ideologisch oder eher persönlich motiviert. Was beide Formen des Massenmordes verbindet, ist die absolute Hilflosigkeit, der die Opfer ausgesetzt sind.

Alles still auf einmal“ von Rhiannon Navin erzählt die Geschichte eines solchen Schulmassakers und seiner unmittelbaren Folgen. Das Ziel ist nicht zufällig gewählt und auch die Motive des Täters, der waffenstarrend um sich schießt, lassen sich leicht einordnen. Eifersucht auf alle Kinder und Jugendlichen der McKinley-Schule, die nicht krank sind, die man normal behandelt, die nicht am Rande stehen. Schüler der Schule, an der ausgerechnet der Vater des Täters als Wachmann arbeitet, um solche Taten zu verhindern. Bis hierher fühlt sich die Ausgangssituation so an, wie man sie in ähnlichen Romanen zu diesem Thema, also auch in 54 Minuten, vorfindet. Aber keinen Schritt weiter. Denn, was Rhiannon Navin erzählt, ist die Geschichte eines Überlebenden. Und nicht nur das. Das Massaker, das Sterben, die Angst und die Tage nach dem Anschlag werden aus der Perspektive des sechsjährigen Zach Taylor erzählt. Mit seiner Stimme.

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Dieses Extremerlebnis aus Sicht eines Kindes zu erzählen, erinnert an „Raum“ von Emma Donoghue. Hier ist es die Erzählstimme des fünfjährigen Jack, die weltweit die Leser in den Bann zog, überzeugte und berührte. Es ist die schonungslos naive und so unverfälscht ehrliche Sicht auf die klaustrophobische Welt einer entführten Kindheit, die Raum auszeichnete. Emma Donoghue erweiterte das Lebensspektrum einer Natascha Kampusch um die Dimension Kind. Sie erweiterte die Qualen einer entführten Frau um die Ebene Muttersein. Sie erweiterte alles bisher Gelesene um die Dimension Jack. Als ich nun von Zach Taylor begegnete, war mir klar, wie tief mich diese Geschichte treffen würde, wenn es Rhiannon Navin gelang, seinen Ton und seine Perspektive zu treffen.

Und, was soll ich sagen, es ist gelungen. Und wie. Rhiannon Navin konfrontiert ihre Leser mit den traumatischen Ereignissen eines Massenmordes an einer Schule, der 19 Menschenleben kostet. Wir werden, obwohl wir lesen, zu Ohrenzeugen der Tat. Es ist der Wandschrank im Klassenzimmer, in dem sich die Kinder verstecken. Es ist indirekt, was wir miterleben. Und doch ist es eindringlicher, als es mit eigenen Augen zu sehen. Es ist heiß, stickig, dunkel, ein Mitschüler kotzt sich fast die Seele aus dem Leib, es ist der Angstschweiß der Lehrerin, den man riecht und es ist Zach Taylor, der uns erzählt, was er empfindet, was er riecht und was er hört. Es ist ein Kind, das zu uns spricht und die Schüsse zählt, die in der Schule fallen.

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

„PLOP – 19 PLOP – 20 PLOP – 21″

Alles war heiß und feucht und stank so schlimm,
dass mir ganz schwindlig wurde. Mein Bauch fühlte
sich nicht gut an. Und dann war plötzlich alles still.
Keine PLOPs mehr.
Nur noch das Weinen und Hicksen im Wandschrank…“

Es ist Zach, der uns erzählt, wie die Rettung abläuft, nachdem die Polizei den Täter mit hunderten von PLOPs ausgeschaltet hatte. Es ist Zach, der mit seinen Mitschülern über die Flure der Schule geführt wird, um gemeinsam mit den restlichen Überlebenden in der kleinen Kirche der Schule auf die Eltern zu warten. Es ist ein Sechsjähriger, der aus den Augenwinkeln das Blut an den Wänden, die leblosen Körper, die Polizisten mit Funkgeräten und die Einsatzfahrzeuge wahrnimmt. Er ist es, der das endlose Warten in der Kirche beschreibt. Die Ängste, die Panik und den Moment, in dem die ersten Eltern eintreffen und nach ihren Kindern rufen. Er ist es, der seine Mutter erkennt und sich ein wenig schämt, dass sie mit dem Schrei „Mein Baby“ auf ihn zustürmt. Und zuletzt ist es Zach Taylor, dem der nächste Schock den Atmen nimmt, als er ihre Frage hört.

„Zach, wo ist dein Bruder? Zach, wo ist Andy? Wo hat er sich hingesetzt?“

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

„Only Child“ lautet der Originaltitel des Romans. „Einzelkind“. Hier schlägt er mit voller Wucht zu. In dem Moment, der zum ersten Ruhepunkt der Schilderung wird, dem wir die erste Atempause verdanken, weil es ist „Alles still auf einmal“, dieser Moment verändert das Leben der Taylors für immer. Er macht aus Zach ein Einzelkind und aus seinen Eltern Opfer, die den Tod seines Bruders zu verkraften haben. Andy Taylor. 10 Jahre alt. Erschossen. Rhiannon Navin lässt uns keine Atempause. Sie irrt mit uns und Zachs Eltern durch die Nacht, sucht in den Krankenhäusern nach dem vermissten Kind und bricht mit uns zusammen, als uns die Nachricht seines Todes überbracht wird. Wir erleben das Drama aus den Augen von Zach, mit seinen Worten und beobachten seine Mutter, die kollabiert und den Vater, der apathisch neben sich zu stehen scheint.

Sprachlich entwickelt Rhiannon Navin eine kindlich überzeugende Wucht, die uns mit ihren Bildern gleichermaßen berührt, wie bestürzt:

„… Wir warteten, und ich schaute zu, wie aus dem Beutel Wassertropfen in die Plastikschnur tropften und dann runter bis in Mommys Arm. Sie sahen aus wie Regentropfen oder wie herunterlaufende Tränen, und es war, als ob der Beutel Mommy all die Tränen zurückgibt, die sie vorher geweint hat. Nur, dass jetzt der Beutel weinte.“

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Es ist, bei aller Dramatik, pure literarische Magie, die wir der Sichtweise von Zach Taylor entnehmen können. Es ist die naive Sicht auf eine zerstörte Welt, die sich hier Raum verschafft und es ist die Gedankenwelt eines Kindes, die die Geschichte in neue Bahnen lenkt. Denn Zach Taylor denkt und spricht die Wahrheit. Er empfindet den Tod seines Bruders als Erleichterung. Der „Arschloch-Bruder“ ist nicht mehr da. Der Junge, der die ganze Familie terrorisierte, der in psychologischer Behandlung war dessen Wut nur medikamentös zu bändigen war. Nur Zach sieht diese Wahrheit und verbindet mit dem Tod seines Bruders nur das Positive und Egoistische seines Lebens.

“… Ich fing an drüber nachzudenken, wie es ohne Andy sein würde… Zu Hause würde es besser werden. Es würde keinen Streit mehr geben, und ich würde das einzige Kind in der Familie sein, sodass Mommy und Daddy viel mehr Sachen mit mir alleine machen konnten.“ 

Dieser Schrei nach Aufmerksamkeit ist altersgerecht. Er ist aufrichtig und plausibel. Das zeichnet diese Perspektive aus. Sie darf schonungslos die Wahrheit sagen, darf im Augenblick der Trauerrede für den eigenen Bruder die Lügen erkennen, die nun erzählt werden. Sie darf aufdecken, was Erwachsene verbergen. Der Schein ersetzt den toten Bruder. Ein Ideal, gegen das Zach erst recht nicht mehr ankämpfen kann. Hier beginnt Rhiannon Navin, die Spirale des Traumas immer enger zu drehen. Alle Automatismen von Verlust und Trauer beginnen alle zu zermürben. Zachs Mutter tritt einen medialen Rachefeldzug gegen die Eltern des Täters los, den Zach ihr niemals zugetraut hätte. In den Gedanken seiner Eltern ist kaum Platz für ihn, den überlebenden Sohn. Hass und Rache breiten sich im Herzen der Mutter aus. Ratlosigkeit lähmt den Vater.

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

Ein lesenswerter Roman mit beeindruckenden Wendungen. Bilder von Farben mit denen Zack seine Gemütslage beschreibt, von Wandschränken, die Zufluchtsorte sind und von Konflikten, die zur Trennung der Eltern führen, bestimmen den Erzählraum, in dem wir bis zum Ende gefangen sind. Und es ist nur das kindliche Gemüt, das noch in der Lage sein kann, ein Wunder zu bewirken. Kinder können die Welt verändern. Es ist Zach, der zu einer Mission aufbricht, die nicht alles heilen kann… Und doch verändert sie die Zukunft. Grandios konstruiert. Geradlinig und authentisch erzählt. Zach Taylor aus „Alles still auf einmal“ und Jack Newsome aus „Raum“ haben viel zu erzählen. Es lohnt sich, ihnen zuzuhören.

Eine Frage bleibt. Die Frage nach Haltung in Romanen. Ich hätte der Geschichte in einer Beziehung mehr Haltung gewünscht. Der Rachefeldzug der Mutter gegen Eltern eines Täters wirkt nachvollziehbar. Einen Amoklauf den USA jedoch fast völlig von den lockeren Waffengesetzen und dem ungehinderten Zugang, selbst labiler Menschen, zu halbautomatischen Waffen zu trennen erscheint wenig mutig. Hier hätte die Autorin mit deutlichen Positionierungen ein heißes Eisen anfassen können, ja sogar müssen. Dem brandaktuellen Thema, das immer dann im Vordergrund steht, wenn Schüsse Schulen, Synagogen, Open-Air-Konzertbühnen oder andere öffentliche Orte durchsieben hat sie nur zwei Sätze gewidmet. Nebensätze. Das war mir zu wenig.

Fazit: Starkes Romandebüt mit leichtem Haltungsschaden….

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Alles still auf einmal von Rhiannon Navin

„Alles still auf einmal“ / Rhiannon Navin / dtv premium / 384 Seiten / Deutsch von Britta Mümmler / broschiert / 15,90 Euro

 

Deathland Dogs von Kevin Brooks [Dystopie]

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Nicht wundern bitte. In dieser Rezension findet man wirklich alles was es braucht um einen Roman vorzustellen. Nur eben kein einziges Komma. Wird ein ziemlich flüssig zu lesender Text. Warum sollte ich auch auf Satzzeichen zurückgreifen (ups – hier müsste eigentlich eins hin) auf die Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn bewusst verzichtet hat? Wie Du mir so ich Dir. Punkt. Er hat sich sogar die Mühe gemacht zu erklären was die Schriftsprache in „Deathland Dogs“ von Kevin Brooks so einzigartig macht dass es auch in der deutschen Fassung galt Zeichen zu setzen indem man einfach keine setzte. Also keine Kommata. Dafür aber umso mehr Gedankenstriche. Einerseits wird das dem Original gerecht und andererseits haben wir unser Kommunikationsverhalten schon auf den Verzicht von Kommata ausgerichtet. WhattsApp lässt grüßen.

Warum dies alles wird man sich fragen. Ganz einfach. Die Geschichte wird von Jeet erzählt. Und genau das ist nicht leicht für ihn wurde er doch von Hunden großgezogen. Ein Hundskind steht im Mittelpunkt einer Dystopie die in der Zukunft spielt. Der Mensch hat sich fast selbst abgeschafft. Die Natur ist zum lebensbedrohlichen Raum geworden und der Kampf um die letzten Ressourcen macht aus zwei Clans erbitterte Feinde. Und Jeet steckt mittendrin. Aus den Klauen der Deathland Dogs befreit die ihn als Säugling entführten. Rehumanisiert und in den eigenen Clan integriert so gut es eben ging. Er ist anders als seine Leute. Robust. Schnell. Instinktiv. Das hat er wohl mit der Muttermilch seiner Hundsmutter aufgesaugt zu der er immer noch eine tiefe innere Verbindung fühlt. Es ist die große Frage seines jungen Lebens was er wirklich ist. Mensch oder Hund?

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Kevin Brooks führt seine Leser bestens strukturiert in die Deathlands ein. Er lässt keine Frage offen indem er Jeet zum Chronisten der Ereignisse macht. Eigentlich passt das gar nicht gut weil das Hundskind alles besser kann als die Geschichte seiner Leute niederzuschreiben. Das wird in der Schriftsprache deutlich. Ein Stilmittel das den Leser zum Gefährten von Jeet macht. Er schreibt wie er spricht. Flüssig und oftmals spontan ohne groß zu überlegen. Er schreibt unter Anleitung seines Ziehvaters Starry über das was er fühlt und beobachtet. Das Ergebnis. Beeindruckend. Authentisch und voller Sog. Unwiderstehlich. Und schon befinden wir uns selbst mittendrin. Im Kampf zweier Clans. Den Leuten von Jeet und den DAU die ihnen zahlenmäßig deutlich überlegen sind. Es läuft auf das letzte Gefecht um die Wasservorräte hinaus. Die Dau im offenen Gelände flexibel und schlagkräftig. Jeets Clan in einer isolierten Stadt. Eingeschlossen und vom Feind belagert.

Kevin Brooks nimmt Fahrt auf und macht aus seiner dystopischen Ausgangslage einen spannungsgeladenen Action-Mix der im Setting an Mad Max erinnert. Dabei verbindet er die Außenseiterstellung des Hundskindes auf eindrucksvolle Weise mit den zentralen Handlungselementen des Romans. Hier finden wir mehr als bloße Action. Es ist das Anderssein das dominiert. Aus dem Underdog wird ein Kämpfer für die Zukunft seiner Leute. Gut dass Jeet nicht alleine ist. Er ist nicht das einzige Hundskind seines Clans. Chola Se das Hundsmädchen und er fühlen sich voneinander angezogen. Eine Beziehung die in den Augen des Clans nicht sein darf. Das ist gegen das Gesetz. Und doch lässt sich gegen die Faszination die beide Dogchilds aufeinander ausüben nichts machen. Sie ist übermächtig.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Als Chola Se entführt und Jeet ins feindliche Lager geschickt wird um zu stehlen was die letzte Schlacht entscheiden kann entscheidet er sich nicht nur den gefährlichen Auftrag auszuführen sondern auch seine Freundin zu befreien. Kevin Brooks lässt Jeet zwischen allen Fronten ins Verderben laufen. Und doch lässt er ihn nicht allein. Hier ist es ein unsichtbares Band zu den Deathland Dogs und die Beziehung zur Hundsmutter das dieser Geschichte eine Dimension verleiht die uns extrem in ihren Bann zieht. Zwei Kinder an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Zwei Hundskinder. Traumatisiert und von ihrer Sonderstellung gezeichnet. Gefährten mit besonderen Begabungen. Und ein Verräter in den eigenen Reihen der seine Spuren so gut verwischt dass man ihm kaum auf die Schliche kommt. Und ein Rudel Deathland Dogs das draußen auf den verloren geglaubten Sohn wartet. Handlungselemente die eine explosive Mischung versprechen und ein Autor der jedes Versprechen hält. 

Ein waffenstarrendes apokalyptisches Szenario. Eine Mischung aus blutrünstigem Machtkampf zweier Clans und dem urwüchsigen Überlebenstrieb von Wildhunden. Ein actiongeladenes Gefecht auf mehreren Ebenen. Hier fließt Blut. Hier rollen Köpfe. Hier wird Auge um Auge abgerechnet. Gut und Böse verschmelzen in explosivstem Setting. Einzig den Hunden und den Hundskindern kann man vielleicht Gefolgschaft schwören. Den Menschen zu vertrauen fällt schwer. Und diejenigen denen man folgen würde sind die ersten Opfer des Schlachtens. Ein Pageturner dem ein extrem guter Plan zugrunde liegt. Eine Story die in all ihren Facetten so vielschichtig und greifbar ist dass man sich freiwillig mit Chola Se und Jeet jeder menschlichen Übermacht entgegenwerfen würde. Und eine Geschichte in der Raum bleibt für emotionale Momente.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Wir sind Hunde sagte sie einfach. Hunde paaren sich fürs Leben. Das heißt wir sind jetzt eins – verstehst du? Wir leben zusammen kämpfen zusammen sterben zusammen.“

Ich liebe Dystopien. Ich liebe utopisch aus der Gegenwart abgeleitete Geschichten in einer literarischen Qualität die mich zum Nachdenken bringt. Was bei „Deathland Dogs“ augenscheinlich nur nach Action riecht hat einen inhaltlichen Beigeschmack der lange anhält. Ausgrenzung. Benachteiligung. Anderssein. Integration durch Zwang. Gesetze und Regeln zum Wohle einer Gemeinschaft und zu Lasten derer die außerhalb stehen. Hundskinder sind im Zweifelsfall unnütze Esser. Eine absolut unnötige Beanspruchung begrenzter Ressourcen. Unwertes Leben. Elementarer Bestandteil aller Ideologien die ihren Reichtum auf Kosten von Underdogs erwirtschaften. Spätestens hier schlägt der Roman eine wichtige Brücke zu politischen Diktaturen in denen die beschriebenen und gelebten Automatismen zum Massenmord führten.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Darüber hinaus ist diese Dystopie eine Liebeserklärung an die Wildhunde in den Deathlands. Sie stehen als sozialer tierischer Gegenentwurf den menschlichen Clans gegenüber. Urwüchsig und brutal. Und doch nur tötend wenn es sein muss. Hassend wenn es dem Arterhalt dient und treu bis in den Tod. Wenn ich die Wahl hätte ich wäre im Freien unterwegs. An der Seite der Hunde. Inmitten des Rudels. Ob Jeet und Chola Se sich diesen Traum erfüllen können beantwortet „Deathland Dogs“ ohne eine Frage offen zu lassen. Ich hatte das Vergnügen Kevin Brooks und den Übersetzer des Buchs anlässlich der Jubiläumslesung zum 60. Geburtstag des Autors in München zu treffen. Natürlich war ich nicht allein vor Ort in der Internationalen Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg zu München. Steffi von „Nur Lesen ist schöner“ wollte mich den Hunden nicht alleine zum Fraß vorwerfen. Nicht unser erster gemeinsamer Lesungsbesuch. Es wird viel zu erzählen geben.

Der Lesungsbericht schließt sich bald an. Blogübergreifend. Es sind wichtige und unbequeme Fragen die beantwortet wurden. Fragen ob das Ausmaß an Gewalt in den Romanen von Kevin Brooks eigentlich für jugendliche Leser geeignet scheint. Fragen nach der Notwendigkeit von Gewalt aber eben auch Fragen nach der Moralvorstellung die hier vermittelt wird. Über die geniale Übersetzung wird zu sprechen sein. Aber auch darüber wie oft man in den „Deathlands“ schießen kann wenn man eine Pistole mit 15 Schuss Munition findet. Eine überraschende Frage. Zugegeben. Aber ich habe gezählt.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Steffi und ich werden über den Abend berichten. Und ich werde die Kommata die in dieser Rezension eingespart wurden im Lesungsbericht verwenden. Eine Investition in die Zukunft. Bis bald an genau dieser Stelle und bei Steffi. Danke fürs Lesen.

Deathland Dogs“ / Kevin Brooks / dtv / 538 Seiten / 18,95 Euro / Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Roter Rabe“ – Frank Goldammer (Max-Heller-Reihe Band 4)

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Roter Rabe von Frank Goldammer

1945 „Der Angstmann“, 1947 „Tausend Teufel“, 1948 „Vergessene Seelen“ und 1951 „Roter Rabe“. Seit erlesenen sechs Jahren bin ich nun treuer Wegbegleiter von Max Heller. Sechs Jahre, die nicht nur sein Leben, sondern auch ein ganzes Land und seine Heimatstadt Dresden extrem verändert haben. In der Bombennacht ausradiert, von der Roten Armee besetzt, im geteilten Deutschland dem Osten zugeschlagen und sozialistisch geprägt in eine neue Zeitrechnung treibend. Die eigene Familie getrennt in Ost und West, ein kleines Mädchen gerettet und an Eltern statt aufgenommen und dem Taumel der Zeit ausgesetzt, wie ein Blatt im Wind. Kein Stein blieb auf dem anderen…

(Sie entscheiden selbst: Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn oder lesen…)

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Roter Rabe von Frank Goldammer – Ab 6.2. als Rezension fürs Ohr

Nur Max Heller blieb und bleibt die Konstante in dieser Konstellation. Polizist aus Überzeugung, Gerechtigkeitsfanatiker sowie Gefühlsunterdrücker. Verantwortungsvoller Vater und blitzgescheiter Ermittler, der mit keiner Situation überfordert scheint. Mensch ohne Vorurteile, zweifelnd mit der eigenen Rolle hadernder Opportunist der Systeme in den Wellenbewegungen politischer Indoktrination und mehr als verlässlicher Partner für seine Kollegen. Wenig kompromissbereit bei der Wahrheitssuche, verbissen bei seiner Jagd nach Mördern und sonstigen Kriminellen, Workaholic mit sozialen Defiziten und in der Tiefe des Herzens, vor allen verborgen, liebend, vermissend und darunter leidend, seine beiden Söhne in getrennten Staaten zu wissen. Max Heller.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Frank Goldammer hat augenscheinlich einen letzten echten Sheriff in seine High-Noon-Szenarien geschrieben. Von Gerechtigkeit getrieben, unfähig, Gefühle offen in sein Leben zu tragen, von vielen um seine Gradlinigkeit beneidet, gefürchtet und doch als Einzelkämpfer auftretend, wenn es darum geht, im Finale auf offener Straße für das Recht alles zu riskieren. Man ist oft an die guten alten Western erinnert, wenn wir Max Heller in diesem historischen Setting beobachten. Mag die Welt auch untergehen, mag das Leben auf der Kippe stehen. Er ist der tapfere Texas Ranger mit der Polizeimarke. Der letzte Aufrechte. Das einzige Gegengewicht auf der Wippe zwischen Gut und Böse. Das Zünglein an der Waage der Wahrheit. Nicht korrumpierbar. Eigentlich ein Held.

Wäre da nicht der große Makel seines Lebens. War er Teil der Nazi-Exekutive im Dresden vor dem Untergang? Wäre er nicht noch ermittelnder Teil der Diktatur, hätte sie den Krieg gewonnen? War er nicht zur Zusammenarbeit mit den Siegern bereit, nur um Polizist bleiben zu können? Wäre es ihm nicht egal gewesen, ob sie kommunistisch oder demokratisch gewesen wären? War er nicht jetzt, im Jahr 1951, offizieller Vertreter der neuen Staatsmacht einer sozialistischen Regierung? Hatte er sich nicht mit wahrlich jedem Teufel arrangiert, der ihn fütterte, damit er in Ruhe seinem Beruf nachgehen und Polizist bleiben durfte? Hatte er sich nicht innerlich bereits damit abgefunden, mit allen Geheimdiensten gemeinsame Sache zu machen, wenn es darum ging, auch politische Verbrechen aufzuklären? Max Heller. Gefangen in einem mephistophelischen Konflikt. Seele verkauft. Berufung gefunden?

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Es wird immer schwerer, an seiner Seite zu bleiben, weil Frank Goldammer genau diesen Konflikt in seinen Kriminalfällen auf die Spitze treibt. Fälle, in denen es für mich schon lange nicht mehr um die Aufklärung von Verbrechen geht. Fälle, die zeigen, wie zerrissen derjenige ist, der hier als Hüter für Recht und Ordnung ermittelt, bis er die Schuldigen dingfest gemacht hat. Fälle, die eigentlich nur das kriminelle Beiwerk für die philosophisch menschliche Betrachtung eines Charakters sind, in den man sich so gut hineinversetzen kann. Max Heller wirft Fragen auf, die mich heute beschäftigen. Wäre ich selbst bereit, die Lieder verschiedener Systeme zu singen? Hätte ich eine Wahl, als Vater und Ehemann? Bliebe ich auf der Strecke oder würde ich im inneren der Systeme als Gegengewicht zum Pendelschlag der Macht wirken wollen. Mehr als ein Krimi. Viel mehr.

Ich weiß schon, wohin mich Frank Goldammer mit seinen Büchern treibt. Ich sehe die Zeitscheiben vor mir, die unaufhaltsam auf mich zurasen. „Roter Rabe“, der vierte Band der Max-Heller-Reihe wurde für mich zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Keine Chance, der neuen DDR zu entkommen, keine Chance, sich dem Weltbild zu entziehen oder ihm offensiv zu entsagen. Keine Möglichkeit, bei aller Integrität unbelastet zu sein. Max Heller hat nur eine Chance, wenn er sich selbst im Spiegel betrachten möchte. Er muss DER GERECHTE bleiben, egal, welche Welt ihn umgibt. Gerade in „Roter Rabe“ wird dies wichtiger als jemals zuvor. Er hat gelernt. In seinem Inneren weiß er Gut und Böse zu unterscheiden. Er geht seinen Weg, auch wenn die Morde, die in Dresden um sich greifen, nicht fassbar, weil unfassbar sind.

Max Hellers Charakter bleibt der große literarische Konflikt, den wir Leser mit ihm gemeinsam auszutragen haben. Der Zweck heiligt niemals die Mittel und ich befürchte, dass man ihn eines Tages genau an dieser Achillesferse tödlich verletzen wird. Er hätte es kommen sehen müssen. Auch jetzt…

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Seine Ostseeurlaube sind inzwischen genehmigungspflichtig. Im Kollegenkreis hat man das Gefühl bespitzelt zu werden, seine eigene Frau befindet sich, ein Sakrileg, im westlichen Teil Deutschlands, um den gemeinsamen Sohn Erwin zu besuchen und die Pflegetochter Annie dient nur noch als Faustpfand für Karins Rückkehr. Und noch dazu gehört ihr zweiter Sohn Klaus inzwischen zum gar nicht so geheimen Geheimdienst der jungen DDR. Als dann auch noch zwei unter Spionageverdacht stehende Männer in der Haft Selbstmord begehen, fokussiert sich Max Heller, blendet alles Irrelevante aus und stürzt sich in die Arbeit. Karin? Ein dauernder Schmerz der Sehnsucht ganz tief und gut verborgen. Annie? In guten Händen, so denkt er. Der Rest? Wird sich finden, das hofft Max Heller.

Zeugen Jehovas. Die beiden Selbstmörder. Und der Suizid offensichtlich alles andere als ein Freitod. Heller ermittelt im Umfeld von Menschen, die zu einer anderen Zeit, im gleichen Land, von anderen Machthabern in Lager deportiert und liquidiert wurden. Er wird mit Menschen konfrontiert, die Gewalt ablehnen, auch jene gegen sich selbst. Ein Selbstmord scheidet für ihn aus. Er beginnt, nicht nur für sich, sondern auch gegen das System zu ermitteln, dem er eigentlich dient. Es sind nur ganz lose Fäden, die Heller in Händen hält. Und doch deuten sie auf Zusammenhänge hin, die in einer unglaublichen Dynamik über die Ufer treten. „Eine Flut wird kommen“. Diese Nachricht findet man in den Händen eines weiteren Opfers. Wo und wie Max Heller auch nachforscht, es wirkt, als wäre ihm jemand immer einen Schritt voraus. Die Liste der Zeugen entspricht schon bald der Liste der Menschen, die beseitigt werden, kaum, dass Heller sie aufsucht.

Roter Rabe von Frank Goldammer - AstroLibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer

„Roter Rabe“ ist ein höchst investigativer Krimi, der sich in dieser Art und Weise nur in der beschriebenen Zeit und am gewählten Ort abgespielt haben kann. Das Klima für Spionage und Gegenspionage, verknappte Rohstoffe und Wirtschaftsdelikte, Verfolgungsszenarien gegenüber den alten Sündenböcken aus früherer Zeit, Chancen, Identitäten in den Nachkriegswirren abzustreifen und ein Staatssicherheitsdienst, der in allem und jedem eine Gefahr sieht. All dies sind authentische Rahmenbedingungen für den Moment, in dem ein „Roter Rabe“ zuschlagen kann. Gerüchte von einer Bombe in Dresden machen die Runde, Fake-News grassieren, Leichen werden gestohlen, um an Särge zu kommen, die eigenen Kollegen geraten ins Fadenkreuz der Spionageabwehr und über allem schwebt das Damoklesschwert, Hellers Frau könnte sich in den Westen abgesetzt haben. Wenn das keine Flut ist, die kommt, dann weiß ich es nicht. 

Das Szenario ist komplex. Frank Goldammer verliert jedoch keinen seiner Fäden aus dem Blick. Darauf kann man sich verlassen. Ebenso, wie man sich auf Charaktere verlassen kann, denen man seit Jahren folgt. So spannend die Ermittlungsarbeit Hellers auch wieder ist, viel spannender ist und wird sein schwelender innerer Konflikt bleiben. Wir werden sehen, was mit ihm passiert. Es ist kein Ende abzusehen und Potenzial für weitere Heller-Fälle ist ausreichend vorhanden. Die Zeitscheiben liegen bereit. Deutsch- Deutsche Geschichte. Was für ein Tummelplatz für künftige Bücher und Hörbücher. Ich werde weiterlesen und auch -hören. Heikko Deutschmann bleibt für mich die Stimme dieser grandiosen Reihe…

Hier geht’s zu allen Bänden. Es ist Heller in der kleinen literarischen Sternwarte.

Roter Rabe von Frank Goldammer - Astrolibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer

Wenn das nicht spannend ist: Uwe Rennicke mit der Replique zu meiner Rezension. Natürlich auf Litterae DresdensisWas für ein Spaß. Bloggerfreunde eben… 😉

Der „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ von Philip Wilkinson

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Bald ist es wieder soweit. Das Weihnachtsfest steht ins Haus und die Frage aller Fragen, welches gute Buch ich mir selbst und anderen schenken kann, beschäftigt uns intensiv. Dabei ist es nicht so leicht, Büchermenschen zu überraschen. Zwar kennt man ihren Literatur-Geschmack, weiß aber nie so ganz sicher, ob das mit Herzblut gewählte Geschenk nicht schon im Besitz des zu Beschenkenden ist. Also lässt man das gewagt anmutende Spiel und verschenkt Buchgutscheine, was kaum kreativ, aber unpersönlich ist. Ich möchte euch ein paar Bücher vorstellen, die man mit gutem Gewissen schenken kann. Erstens, weil die Zielperson für das Buchgeschenk nicht dazu neigt, sich selbst in literarischer Hinsicht besonders zu verwöhnen (bibliophile Menschen gelten als äußerst genügsam) und zweitens, weil die vorgestellten Bücher als BreitbandAntiLibrotikum in der Lage sind, selbst festgefahrenste und genre-fixierte Bücherfreunde zu begeistern.

Diese Rezension kann bei Literatur Radio Bayern gehört werden.

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke - AstroLibrium

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke bei Literatur Radio Bayern

Verschenkt keine Bücher. Verschenkt literarische Visionen. Lasst keine Luftballons fliegen, startet Trägerraketen voller Inspiration. Verschenkt solche Bücher, die man sich nicht selbst kauft. Das Literatur-Budget ist meist knapp und man neigt eher selten dazu, im gebundenen Luxus zu schwelgen. Dabei ist die Liste der zu lesenden Bücher viel zu lang, als dass man sich mit Buchkunstwerken beschäftigt. Heute möchte ich den ersten Tipp für ein erlesenes Weihnachtgeschenk an euch weitergeben. Fantasie, die niemals nur fantastisch blieb. Visionen, die man zum Teil mit Händen greifen kann und Ideen, in die man sich jederzeit verlieben kann. All dies findet ihr in einem hochwertig gestalteten Atlas, der Luftschlössern eine Heimat gibt und sie in unserer Fantasie verankert…

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke ist ein Tummelplatz der architektonischen Visionen. Ein wahrer Prachtband der hochfliegenden Träume, die von der Realität der Baustoffe und der Statik eingeholt wurden. Nichtsdestotrotz sind es Traumgebäude, die oftmals den Weg für echte Bauwerke ebneten. „Think big“, lautet die Devise visionärer Geister. Minimalistisch kommt man nicht voran im Leben. Visionäre Geister müssen im Aufwind ihrer Inspiration fliegen und frei träumen dürfen. Die Machbarkeit steht oftmals im Hintergrund, wenn Grenzen des Vorstellbaren überschritten werden sollen. Realität nennt man dann die brutale Fallhöhe, aus der ein Traum auf den Boden stürzt und sich in einem etwas kleineren Maßstab verwirklicht.

Dieser prachtvoll illustrierte und bebilderte Atlas beinhaltet 50 dieser Träume. Es sind Entwürfe von Architekten, die ihrer Zeit weit voraus waren. Zeichnungen, Modelle oder Skizzen zu Bauwerken, die der Gestaltungsfreiheit allen Raum gaben, gleichzeitig jedoch der Realisierbarkeit den architektonischen Mittelfinger zeigten. Höher, gewagter, bunter, fantasievoller und prächtiger als alles bisher von Menschenhand erbaute sollten die hier versammelten Gebäude werden. Sie blieben zumeist Phantome, verworfen von denjenigen, die der Fantasie mit Formeln und Berechnungen Fesseln anlegten. So sind heute nur noch die Entwürfe zu bestaunen. Sie wirken nicht nur als Experiment auf uns. Wir erkennen schnell, was sie zum Teil bewegt haben. Wir kennen Gebäude, die es nie gegeben hätte, ohne diese Traumvorbilder. Eine Lehre fürs Leben. Geistesgeburten, so unmöglich sie auch erscheinen mögen, sind Geburtshelfer der modernen Welt.

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Ein gefundenes Fressen für Literaten. Sind wir doch weit rumgekommen in unserem Lesen. Wir haben sie in den großen Romanen fast physisch vor unseren Augen gehabt. Die gewagten Kathedralen der Renaissance; die Paläste der großen Herrscher; Hotels der größten Metropolen dieser Welt; königliche Pracht- und Machtbauten; Bibliotheken und Museen ungeahnter Größenordnungen; Hochhäuser und Wolkenkratzer; Brunnen, Aquädukte und Triumphbögen längst vergangener Herrscher und in der Fantasy-Welt der großen Autoren betraten wir Traumstädte, utopische Gebäude-Illusionen und viele Orte, die es wohl auch in ferner Zukunft so nicht geben wird. Wir sind wahrlich gut auf den „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ vorbereitet. Wir denken gerne groß und sind neugierig auf das Unmögliche.

Wer heute die St-Paul´s-Cathedral in London besucht, die zahllosen Treppen bis zu ihrer Kuppel emporsteigt und die unglaubliche Weite unter sich wahrnimmt, der kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wenn man London besucht und gefragt wird, von wem jenes oder welches Gebäude erbaut wurde, dann liegt man mit der pauschalen Antwort „Sir Christopher Wren“ zu 80 Prozent richtig. Er war Visionär und Autodidakt. Der Zeit weit voraus und nach dem großen Brand in London 1666 legte er Baupläne für eine der gewagtesten urbanen Neuordnungen vor, die man bis dato gesehen hatte. Interesse an den Plänen hatte niemand. Grundbesitz sollte nicht umverteilt werden und das Leben in der Stadt sollte so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden. Es ging um Geld und einen schnellen Neuaufbau. Wren hätte Plätze, Straßen und Gebäude für mehrere Jahre lahmgelegt. Ein Nogo. Was ihm blieb, war der Auftrag zum Bau einer Kathedrale.

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Hier ließ er seiner Fantasie und seinem Genie freien Lauf. Ein riesiges Holzmodell zeigt noch heute, wie er sich die St.-Paul´s-Cathedral eigentlich vorgestellt hatte. Mitten in London würde sich heute ein monströser Sakralbau in den Himmel erheben, dessen Ausmaße die reale Kathedrale im wahrsten Sinne des Wortes in den seinen gewaltigen Schatten stellen würde. So blieb nur das Modell, eine Idee und viele Kompromisse, bis zur Verwirklichung eines berühmten Bauwerks. Philip Wilkinson erzählt diese und 49 weitere architektonische Geschichten. Er illustriert sie mit den Blaupausen und Skizzen, Bauplänen und Fotografien, die diesen gewagten Utopien helfen, sich in unserem Geist festzusetzen. Wir fühlen uns, als dürften wir darüber entscheiden, ob die Pläne Realität werden könnten. Ein wundervolles Leseerlebnis voller visueller Highlights.

Und so geht es weiter im Atlas. Man lässt sich mitreißen und treiben, schmunzelt und staunt gleichermaßen. Die Geschichten dieser ungebauten Gebäude verankern sich tief in unserem Gedächtnis. Wer schon jetzt neugierig auf die „Walking City, eine Kuppel über Manhattan, den Watkin`s Tower, den triumphalen Elefanten, Wohnungen auf Brücken oder den Tour Sans Fin ist, der ist bereit für diesen Atlas. Und wenn ihr euch in eurem belesenen Umfeld umschaut, dann fallen euch zahllose Freunde ein, die sich mit einem solchen Prachtband in die Welt der Visionen und Luftschlösser träumen und dort frei fliegen können. Ich kann diesen Prachtband wärmstens empfehlen. Ich selbst zelebriere mein Lesen. Ich umgebe mich gerne mit Büchern, weil sie meinen Lifestyle prägen. Mit diesem Atlas lässt sich das Lesen vortrefflich feiern.

Nun gut, für Menschen, die auf der Baustelle des Berliner Flughafens arbeiten, ist dieses Buch sicher nicht das geeignete Geschenk. Dies aber nur am Rande.

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Wo wir schon mal bei Gebäuden sind, können wir auch gleich einen Blick auf ein weiteres Prachtbuch werfen, in dessen Mittelpunkt das ewige Leuchtfeuer magischer Bauwerke seine Kreise zieht. „Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme“ eignet sich ebenso perfekt als Weihnachtsgeschenk, weil sich dieser Foliant an unsere Lesevorlieben schmiegt, wie ein Lichtschweif am Horizont. Leuchtturm-Lesen. Wer hat das noch nicht erlebt. Hier geht´s zu meiner Buchvorstellung.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Noch mehr unmögliche Atlanten bei dtv… Kein Problem, wie es scheint…

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Unmögliche Atlanten…

Weitere Empfehlungen für den Gabentisch folgen… Blind Date inklusive.