„Tausend Teufel“ mit Frank Goldammer zurück in Dresden

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Noch im September 2016 schrieb ich an dieser Stelle:

Frank Goldammer legt mit „Der Angstmann“ einen furiosen Auftakt einer neuen Krimireihe vor, in der Max Heller unser Lesen erobern wird. In sich geschlossen ist das gesamte Potenzial dieser Figur deutlich erkennbar. Die historische Einordnung ist so gelungen, dass man die Entwicklung eines Polizeiinspektors verfolgen kann, der in seinem beruflichen Umfeld zumeist völlig auf sich allein gestellt ist. Seine Bereitschaft, sich mit den politisch / sozialen Rahmenbedingungen seiner Arbeit zu arrangieren, um seine rechtschaffenen Ziele zu erreichen, ist beispiellos und ebenso beispielgebend.

Der weitere Weg von Max Heller wird sich niemals von der deutschen Geschichte lösen können. Die Turbulenzen in die er geraten wird, liegen auf der Hand und genau hier zeigt sich für den Leser das Potenzial einer Buchreihe, der es zu folgen gilt, um zu erlesen wie sich Max Heller diesen Bedingungen stellen wird und kann.

Vorschusslorbeeren, könnte man sagen. Perspektivisch richtige Einschätzung, sage ich in der Rückschau und nach dem Lesen und Hören des zweiten Buches einer Reihe, in der sich Max Heller als Ermittler immer weiter profiliert, konturiert und sich mehr als deutlich aus der Masse der an uns vorüberziehenden Thriller-Kommissare abhebt. Was macht diesen Polizisten aus, was unterscheidet ihn und warum geht die Buchreihe von Frank Goldammer geradezu „durch die Decke“?

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Tausend Teufel“ haben ihn wohl auch diesmal geritten, als er nach dem Auftakt der Reihe mit dem Titel „Der Angstmann“ das Rad der Geschichte weiter drehte. Wo wir gerade noch mit Max Heller in der Bombennacht von Dresden durch das Feuer gingen, die Besetzung der Stadt durch die Rote Armee erlebten und miterleben durften, wie sich das Kriegsende damals für die Menschen angefühlt haben muss, springen wir nun in das Jahr 1947. Von stabilen Verhältnissen kann nicht die Rede sein. Überleben lautet das Motto der kleinen Leute. Überleben in einer Zeit des Hungers, der Kälte und der Ungewissheit vor der Zukunft.

Frank Goldammer entwirft hier kein Szenario. Er fabuliert sich nicht durch eine allzu aufgesetzt wirkende Kulisse, die er für einen Krimi benötigt. Es wirkt, als habe er diese Zeit erlebt, durchlitten und am eigenen Leib gefühlt. Er schreibt, als sei er eben erst von einer Zeitreise in die Vergangenheit zurückgekehrt, um jetzt zu dokumentieren, wie sich Geschichte auf Augenhöhe abgespielt hat. Fiktional bleibt sein Protagonist. Erfunden in jeglicher Beziehung und doch so real und authentisch, als hätte es Max Heller gegeben und so gradlinig und greifbar, als hätte es ihn immer geben müssen, um dieser dunklen Zeit ein wenig Licht zu verleihen.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

In Wellenbewegungen rasen politische Ideologien an ihm vorbei, ohne ihn selbst in den Strudel der politischen Verblendung zu reißen. Wie ein einsamer Wolf folgt er einer Mission, die Gerechtigkeit heißt. Zu Nazi-Zeiten war er kein Nazi. Wo es seiner Karriere geholfen hätte, in der Partei gewesen zu sein, entzog er sich der Versuchung. Und nun, wo es hilfreich wäre in einem neu entstehenden Land, unter sowjetischer Besatzung in die kommunistische Partei oder die SED einzutreten, mitzulaufen, das Fähnchen in den Wind zu halten, da entzieht er sich auch. Heller ist Polizist. Punkt. Möge die ganze Welt aus Funktionären, Bonzen oder Opportunisten bestehen, Heller bleibt nur er selbst.

Unantastbar ist er dabei nicht. Das Leben könnte einfacher sein. Und doch ist sein Fokus nur auf die Verbrechen gerichtet, die um ihn herum geschehen. Da werden ein paar sowjetische Offiziere bestialisch ermordet, ein Rucksack mit einem abgetrennten Kopf macht von sich Reden und Hände ohne Körper greifen nach der Wahrheit. Heller versucht ein Muster zu entdecken, ermittelt für, mit und gegen die Besatzer. Er wird von ihnen instrumentalisiert, um herauszufinden, ob hinter den Offiziersmorden interne und damit zugleich geheim zu haltende Vorgänge stecken. Er dringt in dunkle Kreise vor, in denen man sich am Mangel bereichert. Der Schwarzmarkt floriert und mit ihm auch die Kriminalität.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Er versinkt in einem menschlichen Sumpf aus Verleugnern und Lügnern. Als hätte es niemals Nazis gegeben, suhlt sich jeder Deutsche in seinem reinen Gewissen. Sein eigenes Leben ist auf diesen Grenzgängen zwischen den Fronten niemals sicher. Lose Fäden, Tatwaffen und mögliche Motive führen Max Heller in eine zwielichtige Welt, die alles denkbar werden lässt. Er bleibt auf der Fährte, unantastbar, geradeaus und ohne sich selbst dabei zu korrumpieren. Er deckt auf, was aus russischer Sicht nicht denkbar ist, einfach nicht vorkommen darf. Und doch lässt er nicht locker. Er stößt auf Deutsche, die noch in der alten Ideologie verfangen sind und neue Wege bekämpfen. Heller sticht in ein Wespennest einer rotlichtigen Halbwelt, die keine Schatten werfen will und stößt auf Kinder, die verlassen vom Rest der Welt in einem eigenen Universum leben.

Frank Goldammer hat wahrlich einen Kriminalroman geschrieben. Eigentlich ist es aber Literatur, die wir hier finden, die uns packt und begeistert. Die Morde ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman, bilden das Gerüst und weisen den Weg, den er mit Max Heller beschreitet. Doch dieser Weg führt konsequent zu Menschen und Orten, die der feine Beobachter und brillante Erzähler Frank Goldammer mit Leben füllt. Nein, es ist nicht wirklich nur ein Krimi. Es geht nicht nur um die Auflösung einer mysteriösen Mordserie oder die reine Zuordnung von Kopf und Händen zu einer Leiche. Es geht um ein eigentlich fast unbeschreibliches Gefühl für die Menschen einer Zeit, aus der diese Geschichte gefallen ist. Wenn man sich in diese Beschreibungen fallen lässt, Dresden und seine Straßen auf sich wirken lässt, den Kindern folgt, denen Frank Goldammer im Verlauf des Romans Stimme und Gestalt verleiht, dann erkennt man, dass es hier nicht nur um Morde geht. Es geht hier um eine Erzählung, die Gewicht hat. Eine Qualität, die mir nicht oft über den Leseweg läuft.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

„Tausend Teufel“ kann man lesen und hören. Ich habe mich wechselweise im Buch (dtv) und in einer Hörbuchfassung (Der Audio Verlag) durch das Dresden des Jahres 1947 bewegt. Was mich neben der rein inhaltlichen Komponente beeindruckt hat, mich geradezu ans Hörbuch fesselte, ist die Art und Weise mit der Heikko Deutschmann als Sprecher die Charaktere aus der Erzählung von Frank Goldammer interpretiert. Gerade die verlassenen Kinder mit ihren sprachlichen Hürden, die Verwahrlosten und vom Rest der Gesellschaft Vergessenen, wachsen uns ans Herz und während des Hörens wird in uns der Beschützerinstinkt zum Leben erweckt, den Max Heller zum Mantra erhebt.

„Der Angstmann“ und „Tausend Teufel“ von Frank Goldammer machen Lust auf mehr. Mehr spannungsgeladene und psychologisch ausgereifte Geschichten, mehr in der deutschen Geschichte verankerte menschliche Schicksale und mehr Lokalkolorit in dem so tragisch sympathischen Ambiente einer Stadt, die wie kaum eine zweite für den Weg eines ganzen Landes durch die jüngste Vergangenheit steht. Dresden. Ich werde auch im nächsten Jahr lesend und hörend an der Seite von Max Heller bleiben. Ich sah auf der Frankfurter Buchmesse das Cover des dritten Teils aus dieser Buchreihe. Es ist ein weiterer Schritt aus der Vergangenheit heraus in die Zeitscheiben hinein, die unsere gemeinsame Geschichte bestimmen. Wir sehen uns wieder in Dresden.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Spätestens im Juni 2018 – „Die Vergessenen“ – Merkt euch den Titel vor…

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„Nichts als die Nacht“ – Das Debüt von John Williams

Nichts als die Nacht von John Williams

Am Ende eines Leseweges komme ich am Anfang an. Klingt komisch, ist aber so. In konzentrischen Kreisen bewegte ich mich lesend durch das schmale Gesamtwerk des 1994 verstorbenen Schriftstellers John Williams. Dabei vereint seine Bücher, dass sie erst nach seinem Tod richtig bekannt und international wertgeschätzt wurden. Ich lernte Williams in seinem elegischen Abgesang auf den wilden Westen „Butcher´s Crossing“ kennen, reiste an seiner Seite ins alte Rom und freundete mich mit „Augustus“ an und gelangte schließlich zu „Stoner“, dem für mich stärksten und brillantesten Buch aus der Feder des texanischen Schriftstellers.

Ich habe mich zumeist lesend und hörend durch sein Werk bewegt und war immer wieder fasziniert von seiner präzisen Erzählweise, seiner literarischen Suche nach der Wahrhaftigkeit des menschlichen Geistes und seiner Sprachmelodie, die mich in seine Welten eintauchen ließ. Drei Romane sind es, die seinen Weltruhm ausmachen. Dabei besteht sein Werk insgesamt aus vier Büchern. Nun schließt sich die Lücke zu seinem Debüt und erstmals liegt nun auch in deutscher Übersetzung von Bernhard Robben der erste Roman „Nichts als die Nacht“ in gebundener Fassung (dtv) und als Hörbuch mit der Stimme von Alexander Fehling (Der Hörverlag) vor. So schließt sich der Kreis.

Nichts als die Nacht von John Williams

Nun scheint es ja guter Verlagsbrauch zu sein, dass post mortem alle Werke eines Autors publiziert werden, die bei Drei nicht auf dem Baum sind. Man greift auf zuvor nie veröffentlichte Manuskripte, Fingerübungen, Briefe und Essays zurück, die im Nachlass zu finden sind und verstört auf diese Art und Weise oftmals die Fangemeinde, weil hier Werke ans Licht der Bücherwelt gelangen, die der Schriftsteller selbst wohl nicht gerne veröffentlicht sehen würde. Bei John Williams und seinem Buch „Nichts als die Nacht“ ist dies anders. Dieser Erstling wurde 1948 unter dem Titel „Nothing But the Night“ im Pressenverlag (kleine Auflage, hochwertiger Druck) von Allan Swallow herausgebracht. 

Wie aber gehe ich heute als großer Liebhaber der Werke von John Williams mit seinem Debüt um? Wie nähere ich mich einem Buch, das bei seinem Erscheinen kein literarisches Interesse hervorrief, sich zu einem wirtschaftlichen Misserfolg entwickelte, wieder von der Bildfläche verschwand, bevor es hinsichtlich der Reputation des jungen Autors Schlimmeres anrichten konnte und anschließend nie mehr erwähnt wurde? Wie nähere ich mich in meinem Lesen und Hören einem Werk, das selbst sein Verleger als „trostlos“ bezeichnete? Und zuletzt: Wie freunde ich mich mit einem Roman an, den der Schriftsteller selbst zeitlebens ablehnte und verleugnete? Keine gute Ausgangsbasis!

Nichts als die Nacht von John Williams

Ich versuchte meine leichten Vorbehalte auszublenden und stieg ohne besonders große Erwartungen wechselweise in das Buch und das Hörbuch ein. Ich bin kein Literaturwissenschaftler und wäre auch sicher nicht in der Lage, das Werk analytisch in den Zyklus der Werke von John Williams einzuordnen, würde ich nicht wissen, was ich weiß. Also frisch gewagt und hinein in sein erstes und für mich gleichzeitig letztes Buch aus seiner Feder. Wehmut überwog. Vielleicht fand ich ja zumindest die ersten Ansätze des großen Erzähltalents, das mich in den anderen Werken so sehr gefesselt hatte.

„Trostlos“, sagte einst der Verleger. Eine Stimmungslage, die schnell von mir Besitz ergriff, als ich dem jungen Arthur Maxley begegnete. In einer melancholisch verzweifelt wirkenden Selbstbetrachtung breitet sich sein  Weltschmerz über dem Leser aus. Arthur ist gerade aus einem Alptraum erwacht und die ganze Welt ekelt ihn nur an. Die letzten Worte aus dem Traum lasten auf seiner Psyche und sie gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. „Vater unser, der du bist im Himmel… Vater unser“ Schnell wird klar, dass wir es hier mit einem traumatisierten jungen Mann zu tun haben, der ein Kindheitserlebnis mit sich herumschleppt. Gestörte Vater-Sohn-Beziehung. Augenfällig.

Nichts als die Nacht von John Williams

Wir begleiten Arthur Maxley durch einen einzigen Tag seines traurigen Lebens. Verwöhnt, Muttersöhnchen, Dandy, Alkoholiker, ausschweifend, von den Schecks des Vaters lebend und zutiefst lethargisch empfinden wir den jungen Mann. Und lethargisch gleiten auch die Stunden und Minuten dieses Tages an uns vorbei. Selbstmitleid ist die Melodie dieses Buches. Unzufriedenheit sein Rhythmus. Die Begegnungen des Tages gipfeln in einem gemeinsamen Essen mit dem Vater, der seinem Sohn wohlgesonnen und -wollend gegenübersitzt. Finanzielle Unterstützung gerne. Der Rest: Undenkbar. In seiner Verzweiflung über fehlenden emotionalen Halt ruft sich Arthur Maxley die Bilder seiner Mutter in Erinnerung, die für Wärme und Zuneigung stehen. Einer Mutter, mit der die tiefsten Abgründe der Traumatisierung tief verwoben sind.

Wir werden zu Zeugen der eigentlichen Ursache für ein verstörtes Leben, ebenso unfreiwillig, wie der kindliche Arthur zum Zeugen wurde. Spätestens hier kann man nachvollziehen, wie groß das Trauma sein muss, das er vor Jahren erlitten hat. Hier ist es möglich ihm zu folgen, zu erkennen, wo seine Welt aus ihren Angeln gehoben wurde und warum es ihm nie wieder gelang, in die Spur zu kommen. Als er später an diesem Tag einer jungen Frau begegnet, befreit sich der innere Tornado der verwirrten Gefühle und verschafft sich Raum. Ein Finale das man nicht kommen sieht. Am Ende des Tages blutet nicht nur das Herz des Lesers.

Nichts als die Nacht von John Williams

“Nichts als die Nacht“ von John Williams ist mehr als nur die erste Fingerübung eine künftigen Autors von Weltformat. Hier offenbaren sich die unglaublich intensive Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, tiefste Gedanken eines Protagonisten zu Papier zu bringen ohne den Eindruck zu erwecken, sie seien durch einen Dritten verfasst. Hier zeigt sich das Unmittelbare im Schreiben von John Williams. Er tritt als Instanz nicht in Erscheinung und vermittelt den Eindruck, alles Erlebte und Gefühlte aus erster Hand zu erfahren. Das angepriesene literarische Juwel ist dieses Buch sicherlich für Liebhaber des Autors. Er legt hier die Spuren zu seinem späteren Schreiben, das allerdings mehr als 12 Jahre brauchte, um mit „Butcher´s Crossing“ einen zweiten Roman zur Welt zu bringen. Ich möchte das Debüt von John Williams nicht  überbewerten, es aber auch in keiner Beziehung kleinreden. Mit der geschlossenen Dimension seiner späteren Werke und seiner Fähigkeit, unterschiedliche Erzählstränge zu einem wahrhaft meisterlichen Bild zu verweben, hat „Nichts als die Nacht“ allerdings wenig gemein. Dafür ist es mir zu schlicht und – ja – zu trostlos…

Wer das Lesevergnügen noch steigern möchte, der sollte sich Alexander Fehling im gleichnamigen Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag anvertrauen. Sein Weltschmerz und die verzweifelte Melancholie, die er dem jungen Arthur Maxley in die Stimme legt, sind so intensiv, dass man es sich so nicht selbst vorlesen könnte. Fehling verleiht der psychologisch traumatisierten Figur eine besondere Plausibilität und Tiefe. Hätte John Williams dieses Hörbuch jemals gehört, ich denke, er würde nicht mehr leugnen wollen, wer diesen Roman geschrieben hat. Vervollständigt eure Williams-Sammlung und seid nicht allzu streng mit eurer Bewertung. Der Autor hätte gar nicht gewollt, dass wir diese erste Begegnung mit der Bücherwelt vor Augen oder in die Ohren bekommen.

Mehr zu John Williams in meinem exklusiven Interview mit Patricia Reimann: hier

Mein großes John-Williams-Interview mit Patricia Reimann – Hier klicken…

(Rezi-Shortcut) Samuel Selvon – „Die Taugenichtse“

Der Rezi-Shortcut bei AstroLibrium:  Die Taugenichtse von Samuel Selvon

„The Lonely Londoners“, so der Originaltitel des Ro­mans von Samuel Selvon, ist Rhythmus pur. Sprach­lich repräsentiert er den Sound der Einwanderer aus der Karibik, die in London versuchen ihr Glück zu finden. Inhaltlich wird er den Menschen gerecht, deren Streben nach einer besseren Zukunft mit dem Verlassen der Heimat und einem Neustart in einem völlig un­gewohn­ten Kultur­kreis beginnt. Die Taugenichtse nimmt nun in deutscher Übersetzung von Miriam Mandel­kow erstmals diese Sprach­melodie auf, zu der Samuel Selvon erst fand, nachdem er fest­stellte, dass er der Erzähl­stimme nur Gehör verschaffen konnte, wenn sie nach Trinidad und Jamaika schmeckt.

Lassen wir alle uns bekannten biografischen Fakten beiseite, dann würden wir mit aller Über­zeugungs­kraft davon ausgehen, dass dieses Buch erst vor ein paar Wochen geschrieben wurde. Es liest sich dynamisch, frisch, zeitlos und unglaub­lich modern. Es zieht seine Leser in einen rhyth­mischen Bann, der verdeut­licht, wie fremd man sich im Herzen des British Empire fühlen kann, wenn man in Bezug auf Sprache und Hautfarbe nicht der stereo­typen Vor­stellung eines typischen Engländers entspricht. Dieser Roman ist so schwarz wie seine Prota­gonisten und so lebensfroh wie eine Sommernacht in der Karibik. Was schert mich die Zukunft, wenn ich jetzt lebe? Ein Lebens­rausch wird zum Mantra der „Taugenichtse“.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Berücksichtigen wir alle biografischen Fakten, dann wissen wir, dass dieser Roman bereits 1956 in England publiziert wurde und sein aus Trinidad stammender Verfasser Samuel Selvon seit 1994 nicht mehr unter den Lebenden weilt. Dieses Wissen verhilft uns lesend zu der Erkenntnis, dass die verwendete karibische Sprach­melodie zu ihrer Zeit bahn­brechend gewesen sein muss und der Schrift­steller als literarische Hebamme einer englischen National­sprache mit völlig neuer Klangfarbe und Iden­tität fungierte. Es ist das London der Nach­kriegs­jahre, das sich mit einer Flut an Einwanderern aus dem gesamten Common­wealth konfrontiert sieht. Und genau in der wörtlichen Über­setzung dieses Empire-Gedankens liegt die An­ziehungs­kraft Londons für die Menschen aus der Karibik.

Der gemeinsame Wohlstand zieht die Erfolglosen, Träumer und Idea­listen an. Die Legenden vom besseren Verdienst, der guten Arbeit und dem auf der Straße liegen­den Reichtum tritt Welle um Welle der Emigranten­flut los und London wird zum heiligen Gral ihrer Flucht. Der „Wohlstaat“, so formuliert es einer der Pro­ta­gonisten wartet genau auf ihn. Und wenn man schon aus einer britischen Kolonie in das Mutterland der Sehn­sucht kommt, dann erfüllen sich alle Hoffnungen. Schade ist nur, dass neben den Emi­granten aus der Karibik auch halb Indien auf dem Weg nach London war. Und so galt es sich in die Schar der Nicht­skönner und Tauge­nichtse ein­zureihen, die zur Aus­beutung auf dem umkämpften Markt der Knochen­jobs wie geschaffen war.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Und so lernen wir sie kennen. Moses, den Brückenkopf aus Trinidad weil er schon so lange in London lebt und großherzig jedem Neuen mit Rat und Tat zur Seite steht. Bart, der das nächtliche London auf der Suche nach der geflüchteten Geliebten durchstreift, Tolroy, der ei­gent­lich nur seine Mutter aus Jamaika erwartet, dann aber seiner ganzen Familie gegen­über­steht. Cap, den Le­bens­­künstler, der sich selbst und der Welt beweist wie weit man kommt, wenn man acht Pfund mehrmals aus- und wieder verleiht. Lewis, der von Eifer­sucht getrieben seine Frau durchs Leben prügelt, als befände er sich noch in der Karibik. Und weitere Exoten ihrer ganz eigenen Art, die zum Leben erwachen, als in London der Frühling Einzug hält. Hier erfinden die Menschen sich selbst, ihre Heimat und das „Zentrum der Welt“ neu und hinter­lassen Spuren, die bis heute zu sehen sind.

Samuel Selvon slangt sich durch seinen Roman. So­ziale Unter­schiede prägen das Leben der Neuen in London, aber sie beginnen ihre neue Stadt ebenso zu prägen. Ein wundervoll skurriler Roman über ver­schro­bene und sym­pathische Menschen, die alles nicht so schwer nehmen, wie man es ihnen macht. Und wenn der Hunger die Finanzen übersteigt, dann werden in London die Tauben knapp. Lesen­swert und lieben­swert. Im Kontext der heutigen Dis­kussion über Menschen mit Mi­grations­hinter­grund ein Beweis für die Tatsache, dass jeder Flucht eine Flucht voraus­ging und jeder Flucht eine weitere folgte und folgen wird. Und trotzdem steht London auch noch heute. Ganz ehrlich.

Die Taugenichtse von Samuel Selvon

Nachtrag…

Alleine und auf sich gestellt, so empfand ich die Men­schen aus der Karibik, denen ich in London begegnete. Lebens­künstler allesamt. Herzens­menschen von Gefühl und Sehn­sucht getrieben. Tauge­nichtse waren sie aus Sicht der Anderen. Für mich sind sie immer „The Lonely Londoners“.

Lesley M.M. Blume: „Und alle benehmen sich daneben“

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Literaturwissenschaft ist, wenn Literatur Wissen schafft. Hintergründiges kann sie vermitteln, Neues herausarbeiten und Interpretationshorizonte öffnen, die ansonsten für immer im Verborgenen bleiben würden. Wie bei archäologischen Ausgrabungen hat ein Schriftsteller, der sich durch das Sedimentgestein der Literaturgeschichte wühlt, ein Ziel vor Augen. Kein Stein bleibt auf dem anderen und selbst die kleinste Spur ist relevant. Lesley M.M. Blume hat im Paris der goldenen 1920er Jahre ihr eigenes literarisches Gräberfeld gefunden und sich Schicht um Schicht in die Tiefe vorgegraben. Ihre Funde hat sie nun veröffentlicht und wer nur einen Hauch von Interesse dafür hat, wie damals gelebt, geliebt und geschrieben wurde, der muss ihr Buch einfach lesen.

Und alle benehmen sich daneben(dtv) ist dabei das Ergebnis einer gezielten und einzigartigen Spurensuche nach den Ursprüngen der Karriere eines Schriftstellers, der als Namenloser nach Paris kam und sich vorgenommen hatte, die Welt der Literatur zu verändern. Ernest Hemingway. Lesley M.M. Blume setzt dabei nicht voraus, dass man sich zuvor intensiv mit dem späteren Literaturnobelpreisträger beschäftigt hat. Sie setzt nicht voraus, dass man sein Lebenswerk gelesen oder seine Biografie studiert hat. Sie setzt nur eines voraus: Die pure Lust am Lesen!

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

All jene, die Ernest Hemingway in seinen eigenen Büchern oder in Werken über ihn bereits begegnet sind, werden überrascht sein, was dieses biografische Standardwerk für sie bereithält. Denn ein Standardwerk ist es zweifelsohne, da es Lesley M.M. Blume auf unnachahmliche Art und Weise gelingt, nicht nur Hemingways Charakter, sondern auch seinen ersten Roman Fiesta schonungslos zu sezieren und in den Kontext aller persönlichen Verflechtungen zur internationalen Literaturszene zu setzen, die damals in Paris so schillernd strahlte, wie nirgendwo auf der Welt. „Paris. Ein Fest fürs Leben“. Unter diesem Titel schrieb Hemingway selbst über diese ersten Jahre und vielleicht ist es erst sein Originaltitel der zeigt, wie sich der aufstrebende Literat hier gefühlt haben muss. „A Moveable Feast“. Wie ein beweglicher Feiertag kam ihm sein Leben in der pulsierenden Metropole an der Seine vor. Nur war Hemingway nie in der Lage, sich nur treiben zu lassen und die Atmosphäre zu genießen. Er war getrieben von Ehrgeiz und Neid.

Der Ehrgeiz, endlich veröffentlicht zu werden und Neid auf all jene, die es bereits geschafft hatten. Hemingway war Suchender und Strebender zugleich. Er kontaktierte alle, die seinen Zielen dienlich sein konnten, verschaffte sich Zugang zu den höchsten literarischen Kreisen in Paris und versuchte in den Literatursalons zu beeindrucken. Er brachte viel mit. Den Ruf eines abenteuerlustigen und gefahrenerprobten Journalisten, ein gewisses Talent, das sich jedoch zuerst auf Kurzgeschichten beschränkte und das Charisma eines Mannes, der in der Lage sein könnte, die etablierten Büchergötter vom Olymp zu stoßen.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Dieser bewegliche Feiertag fühlte sich für den erfolgshungrigen Hemingway an, wie das Schlaraffenland der Literatur. Die ganze Welt blickte auf diese Stadt. Alles, was in der Szene Rang und Namen hatte, war hier versammelt und nur in Paris konnte es gelingen, die Kontakte für den persönlichen Durchbruch zu knüpfen. Schnell wurde Hemingway klar, dass im nur eine Kleinigkeit fehlte, um im Konzert der Aufstrebenden mitspielen zu können. Er brauchte einen Roman. Er brauchte ein Buch, das sprachlich so anders war, so sehr für den Zeitgeist einer neuen Generation stand und das in jeder Hinsicht einschlagen sollte, wie eine literarische Bombe.

Lesley M.M. Blume lässt keinen Aspekt des Lebens in den Wilden Zwanzigern in Paris außer Betracht. Sie nimmt uns an die Hand führt uns an der Seite von Ernest in die höchsten Kreise ein. Sie verschafft uns Zutritt zu Gertrude Stein, Ezra Pound und Sylvia Beach, Verlegerin und Inhaberin der legendären Buchhandlung „Shakespeare and Company“. Sie macht uns bekannt mit den Lebemännern und -frauen der Pariser Gesellschaft und überall wo wir auftauchen hinterlässt der junge Hemingway Eindruck. Er saugt alle Ratschläge auf, vermittelt den Anschein eines gelehrigen Schülers und ist schnell im Herzen einer literarischen Avantgarde angekommen, die bahnbrechend sein kann.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Wir lernen Ernest Hemingway in allen Facetten kennen. Reporter, Schriftsteller und Ehemann. Rollen, die er perfekt spielte und in denen er stets dominierte. Er zeigt schon früh, dass er gewillt ist, alles seinem Erfolg unterzuordnen. Lesley M.M. Blume entlarvt Hemingway, indem sie aus Briefen, Nachlässen und Zeitzeugnissen schöpft, indem sie die Memoiren von Zeitzeugen durchforstet und dabei schonungslos offenlegt, wie weit Hemingway zu gehen bereit war, um erfolgreich zu sein. Er kannte keine Skrupel, wenn es darum ging, sich über diejenigen lustig zu machen, die ihre Hand schützend über ihn gehalten hatten. Er war brutal gegen sich und andere. Er machte sein Umfeld nutzbar. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Lesley M.M. Blume beschreibt eine Zeit, in der sich jeder daneben benommen hat. Sei es in menschlicher, sozialer oder gesellschaftlicher Hinsicht. Skandale und Abkehr von normativen Standards gehörten zur Tagesordnung, wenn man sich Nachklang des Ersten Weltkriegs befreien und einfach nur leben wollte. Die verlorene Generation war auf dem Weg zu neuen Ufern und Ernest Hemingway war ihr literarischer Vorreiter. Er überwand die Grenzen des Schreibens, erneuerte es in seinem ganz eigenen Stil. Wie zielgerichtet er dabei vorging und wie sehr er an seiner eigenen Legende schrieb, wird im vorliegenden Buch nur zu deutlich. Er wurde der Königsmörder an seinen Freunden und Wegbereitern. Er machte sich eine Welt Untertan, die nur auf ihr zu warten schien.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

Folgen Sie der Einladung von Lesley M.M. Blume zu einem grandiosen Exkurs in die Hochkultur der Literatur. Sie werden einen unglaublichen Spaß daran haben, zu erleben wie ausgeprägt das „Hase-und-Igel-Spiel“ zwischen Hemingway und F. Scott Fitzgerald war. Jenem Schriftsteller, der immer eine Nasenspitze voraus war, dessen Lebensstil dem entsprach, was Hemingway sich erträumte und dessen Romane schon veröffentlicht waren, als sein Konkurrent noch um die Veröffentlichung kleiner Stories bangen musste. Erleben Sie Hemingway im Umgang mit seinen Frauen, Geliebten und Affären. Auch hier verdeutlicht die Autorin, wofür er empfänglich und zu was er bereit war, wenn es darum ging, an seinem Mythos zu arbeiten. Für jeden Roman eine neue Frau – eine These, die nicht von der Hand zu weisen ist.

Werden Sie zu Zeugen des ultimativen Castings für Hemingways ersten Roman. Dieses Buch zeigt wie kein anderes, wer sich hinter den Romanfiguren aus „Fiesta“ verbirgt, wem Hemingway lebenslang eine gewaltige Bürde mit auf den Weg gab und wie sein direktes Umfeld darauf reagierte. Und lernen Sie die schillerndsten Gestalten des Pariser Lebens in den Zwanziger Jahren kennen. Lady Duff Twysden, Harold Loeb, Kitty Cannell und Pauline Pfeiffer. Sie alle werden bleibenden Eindruck in Ihrem Lesen hinterlassen. Und nicht zuletzt werden Sie mein Gefühl teilen und unmittelbar nach der letzten Seite von „Und alle benehmen sich daneben“ mit frisch erwachtem Eifer nach Pamplona zu reisen um voller Lesenslust „Fiesta“ zu genießen.

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume – High Society

Buch, was willst du mehr? Unterhaltend, schillernd und facettenreich wie das Leben selbst, gelingt es Lesley M.M. Blume der Zeitscheibe im Leben von Ernest Hemingway Leben einzuhauchen, die für seinen späteren Erfolg von größter Bedeutung war. Nichts ist redundant, selbst wenn man andere Bücher kennt, die sich mit Hemingway in dieser Zeit beschäftigen. Lesen Sie weiter, wenn Sie das Feuer gepackt hat. In diesen Werken brennt es bücherloh:

Madame Hemingway von Paula McLain
Als Hemingway mich liebte von Naomi Wood (Rezension bei Herzpotenzial)
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway
Fiesta von Ernest Hemingway

Lesen Sie bitte jetzt, was ich über F. Scott Fitzgerald schrieb. Für dich würde ich sterben lautet der Titel einer Sammlung bisher unveröffentlichter Kurzgeschichten. Es ist ein Buch, das einen anderen Fitzgerald zeigt. Hemingway hatte ihn schon hinter sich gelassen und der Ruhm verblasste. Er kämpfte mit Kurzgeschichten um seinen Ruf!

Und alle benehmen sich daneben von Lesley M.M. Blume

„Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg - AstroLibrium

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg – AstroLibrium

Wie fühlt man sich so als fünftes Rad am Wagen? Die Fachsprache bezeichnet es als Ersatzrad. Etwas im eigentlichen Sinne Überflüssiges, zumindest so lange, bis man im Notfall darauf zurückgreifen kann. Erst dann bemerkt man, wie lebenswichtig es sein kann, ein Rad in Reserve zu haben. Wie man sich als Mensch fühlt, in eine solche Rolle gedrängt zu werden, hat vielleicht jeder für sich in seinem Leben erlebt. Es ist kein allzu schönes Gefühl im Leben eines anderen Menschen nur dann wichtig zu sein, wenn Not am Mann (oder an der Frau) ist.

Johanna kennt dieses Gefühl nur zu gut. Eigentlich hätte sie alles, um im Leben von Boris die Hauptrolle zu spielen. Sie verstehen sich gut, können sich stundenlang und in aller Tiefe unterhalten. Gefühle sind auch vorhanden und doch hakt es zwischen ihnen. Es ist die Summe der verpassten Gelegenheiten, die aus Johannas Wunschtraum von Liebe eine nicht aufzulösende Ungleichung macht. Es sind die wenigen Zentimeter, die sie von einem ersten Kuss trennen, es sind die nicht genutzten Chancen, die Wahrheit gesagt zu haben. Und es ist die Unbekannte in der Ungleichung, die das Leben schwer macht. Ana-Clara.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Johanna entscheidet sich für einen Weg, der für sie die schlimmste aller Alternativen darstellt und zumindest ein wenig Nähe zu Boris garantiert. Sie fügt sich in die Rolle als Reserverad. Sie ist immer dabei, nicht wichtig genug für eine Hauptrolle, ungeliebt und im Stillstand, während Boris und Ana-Clara auf Hochtouren umeinander kreisen. Immer in der Hoffnung, Boris möge doch irgendwann erkennen, wer wirklich zu ihm passt, wer sein Leben in Schwung hält und was er Johanna bedeutet. Keine schöne Position, das eigene Sehnen im Kofferraum der Beziehungskiste anderer Menschen zu verbringen.

Wer an dieser Stelle der Meinung ist, es handele sich hier um eine archetypische Coming-of-Age-Geschichte, den kann ich beruhigen, denn es ist in Teilen wahrlich so. Wer jedoch denkt, es hier mit einer schablonenhaft erzählten Story einer unglücklichen Jugend vor sich hin pubertierender Teenager zu tun zu haben, der sieht sich getäuscht, wenn er sich mit dem Schriftsteller und der eigentlichen Geschichte hinter den Kulissen auseinandersetzt. „Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg ist in jeglicher Sicht ein Roman über Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Hoffnung. Dieser Roman ist ein aufrichtiger und wundervoll zu lesender Entwicklungsroman dreier Menschen, die in unterschiedlichen Konstellationen an- und aufeinanderprallen.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Und doch verbirgt sich hinter der Leichtigkeit des Schreibens eine Bildhaftigkeit, in der man lesend wie in einem der Kinofilme von Jan Schomburg versinken kann. Es ist kein Drehbuch, das er hier geschrieben hat. Die Montagetechnik der Szenen und einige Überblendungen weisen aber deutliche Spuren eines kreativen Menschen auf, der eine Geschichte anders erzählen kann, weil er sie vor seinem geistigen Auge sieht. Und hier geht Jan Schomburg einen Weg der in sich gewöhnungsbedürftig ist, weil man sich ihm ausliefern muss.

Chronologisches Erzählen? Fehlanzeige! Schomburg zwingt die Leser seines Buchs im positiven Sinne zu einer intuitiven Adaption der Geschichte. Er löst den Verstand des Lesers von Zeitvorstellungen und blendet Situationen ein, die im Film als Rückblick und Ausblick vielleicht farblich vom Gesamtwerk abgehoben wären. Schomburg schreibt sie in einem Fluss. Auf Johannas Erinnerung an einen bestimmten Abend folgt der Dialog, der sich nur dort zugetragen haben kann. Und wenn wir diesen Dialog verlassen, fühlen wir uns ganz spontan wieder in den Erzählraum Schomburgs ein und können uns nach vorne bewegen.

Schomburgs Roman liest sich so intuitiv, wie wir unsere Smartphones bedienen. Man benötigt keine Bedienungsanleitung, kein Handbuch zum Buch. Lesend folgt man einer unsichtbar angelegten Fährte und kommt doch ganz individuell ans Ziel. Basis für dieses Lesevergnügen ist das Vertrauen in den Schriftsteller. Jan Schomburg zahlt es auf jeder Seite zurück.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Er fährt hier keinen wirren Zickzackkurs durch seine Geschichte. Er folgt vielmehr dem unausgesprochenen Wunsch bibliophiler Menschen, nicht kapitelweise in die tiefe Vergangenheit der beschriebenen Menschen einzutauchen, sondern sequenziell und in wohldosierten Flashbacks zu erfahren, was geschah und welche Auswirkungen es jetzt auf die Situation hat, in der man sich gerade befindet. Dieses intuitive Lesen ist eine der prägendsten Leseerfahrungen, die ich in letzter Zeit machen durfte.

Handlungsfäden verschwinden, tauchen auf, verweben sich neu und gewinnen an Bedeutung, weil man sie in sich wandelnden Kontexten anders interpretieren kann. Ein Schulausflug nach Barcelona, das scheinbar menschenunwürdige Verhalten eines ihrer Mitschüler, die Suche nach den Gründen hierfür, der Versuch einer Bestrafung und die vielen Augenblicke von Zweisamkeit unter dem Damoklesschwert der allgegenwärtigen Ana-Clara vermischen sich zu anscheinend eher losen Elementen einer Geschichte, die aus einer jeweils anderen Perspektive unglaubliche Zusammenhänge offenbaren.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

So ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Boris auf der Suche nach Antworten auf die Fragen des Lebens verirrt und ausbricht. Sein Verschwinden ist der Weckruf für Johanna. Gemeinsam mit Boris` Eltern und der ewigen Konkurrentin beginnt die Suche nach der Liebe ihres Lebens. Und wieder nur als fünftes Rad am Wagen. Auch jetzt an der Seite der eigentlichen Freundin, die gar nicht so verzweifelt scheint, wie es vielleicht sein sollte. Island ist das gemeinsame Ziel und doch nur eine Etappe. Angst beherrscht die Gefühlswelt von Johanna, denn der letzte Brief von Boris schmeckte nach Abschied vom Leben.

„Irgendwie sehe ich kein Licht mehr und höre keine Geräusche…“

Dabei sind es genau „Das Licht und die Geräusche“ die das Leben so lebenswert machen und einen Menschen davon abhalten sollten, Selbstmord zu begehen. Das hat Johanna Boris anvertraut und die magischen Worte tragen den gesamten Roman und ganz intuitiv werden wir Zeugen einer auf den ersten Blick verstörenden Situation in der die Verzweiflung zweier Suchender ein Ventil findet. Ein emotionaler Vulkanausbruch in dem sich Ana-Clara und Johanna hemmungslos verlieren. Jan Schomburg überrascht und verstört zugleich, weil „Das Licht und die Geräusche“ in seiner Geschichte heller und lauter sind, als man es erwarten konnte.

„Das Licht und die Geräusche“ macht uns literarisch HELLHÖRIG…

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Versinken wir jetzt in geräuschloser Lichtlosigkeit? Keinesfalls. Es wird noch heller und lauter. Am 4. April ist Jan Schomburg im Literaturhaus München zu Gast. Er stellt dort sein Buch im Rahmen einer Lesung vor. Der perfekte Anlass, sich mit Mikrofon und Kamera dorthin zu begeben und von diesem besonderen Abend zu berichten. Ich freue mich schon jetzt, dies wieder mit meiner kongenialen Blogger-Partnerin Stephanie von Nur Lesen ist schönergemeinsam zum Herzensprojekt machen zu dürfen.

Und die Liste unserer Team-Reportagen ist schon recht ansehnlich. Sie reicht von Heidi Rehn, Alex Capus, Lily King bis zu Hannah Rothschild. Aber schaut selbst. Steffi hat sie mit feinem Auge zusammengefasst. HIER…

Jan Schomburg – Das Interview

Nach dem Lesen ist vor dem Interview

Ein geheimes Treffen in der Lobby des Hotels Cortina in München. Ein Interview mit Jan Schomburg im Ambiente eines stimmungsvollen Cafés und die abendliche Lesung im Literaturhaus München stellen den Schwerpunkt der Radioreportage für Literatur Radio Bayern dar. Folgen Sie uns zu einem Abend voller Licht und Geräusche, hören Sie uns zu und lesen Sie Steffis Artikel, der diesem PodCast das Krönchen aufsetzt.

Lesen Sie gut… Hier
Hören Sie gut… Hier

AstroLibrium – Nur Lesen ist schöner & Jan Schomburg

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