Der „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ von Philip Wilkinson

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Bald ist es wieder soweit. Das Weihnachtsfest steht ins Haus und die Frage aller Fragen, welches gute Buch ich mir selbst und anderen schenken kann, beschäftigt uns intensiv. Dabei ist es nicht so leicht, Büchermenschen zu überraschen. Zwar kennt man ihren Literatur-Geschmack, weiß aber nie so ganz sicher, ob das mit Herzblut gewählte Geschenk nicht schon im Besitz des zu Beschenkenden ist. Also lässt man das gewagt anmutende Spiel und verschenkt Buchgutscheine, was kaum kreativ, aber unpersönlich ist. Ich möchte euch ein paar Bücher vorstellen, die man mit gutem Gewissen schenken kann. Erstens, weil die Zielperson für das Buchgeschenk nicht dazu neigt, sich selbst in literarischer Hinsicht besonders zu verwöhnen (bibliophile Menschen gelten als äußerst genügsam) und zweitens, weil die vorgestellten Bücher als BreitbandAntiLibrotikum in der Lage sind, selbst festgefahrenste und genre-fixierte Bücherfreunde zu begeistern.

Diese Rezension kann bei Literatur Radio Bayern gehört werden.

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke - AstroLibrium

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke bei Literatur Radio Bayern

Verschenkt keine Bücher. Verschenkt literarische Visionen. Lasst keine Luftballons fliegen, startet Trägerraketen voller Inspiration. Verschenkt solche Bücher, die man sich nicht selbst kauft. Das Literatur-Budget ist meist knapp und man neigt eher selten dazu, im gebundenen Luxus zu schwelgen. Dabei ist die Liste der zu lesenden Bücher viel zu lang, als dass man sich mit Buchkunstwerken beschäftigt. Heute möchte ich den ersten Tipp für ein erlesenes Weihnachtgeschenk an euch weitergeben. Fantasie, die niemals nur fantastisch blieb. Visionen, die man zum Teil mit Händen greifen kann und Ideen, in die man sich jederzeit verlieben kann. All dies findet ihr in einem hochwertig gestalteten Atlas, der Luftschlössern eine Heimat gibt und sie in unserer Fantasie verankert…

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Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke ist ein Tummelplatz der architektonischen Visionen. Ein wahrer Prachtband der hochfliegenden Träume, die von der Realität der Baustoffe und der Statik eingeholt wurden. Nichtsdestotrotz sind es Traumgebäude, die oftmals den Weg für echte Bauwerke ebneten. „Think big“, lautet die Devise visionärer Geister. Minimalistisch kommt man nicht voran im Leben. Visionäre Geister müssen im Aufwind ihrer Inspiration fliegen und frei träumen dürfen. Die Machbarkeit steht oftmals im Hintergrund, wenn Grenzen des Vorstellbaren überschritten werden sollen. Realität nennt man dann die brutale Fallhöhe, aus der ein Traum auf den Boden stürzt und sich in einem etwas kleineren Maßstab verwirklicht.

Dieser prachtvoll illustrierte und bebilderte Atlas beinhaltet 50 dieser Träume. Es sind Entwürfe von Architekten, die ihrer Zeit weit voraus waren. Zeichnungen, Modelle oder Skizzen zu Bauwerken, die der Gestaltungsfreiheit allen Raum gaben, gleichzeitig jedoch der Realisierbarkeit den architektonischen Mittelfinger zeigten. Höher, gewagter, bunter, fantasievoller und prächtiger als alles bisher von Menschenhand erbaute sollten die hier versammelten Gebäude werden. Sie blieben zumeist Phantome, verworfen von denjenigen, die der Fantasie mit Formeln und Berechnungen Fesseln anlegten. So sind heute nur noch die Entwürfe zu bestaunen. Sie wirken nicht nur als Experiment auf uns. Wir erkennen schnell, was sie zum Teil bewegt haben. Wir kennen Gebäude, die es nie gegeben hätte, ohne diese Traumvorbilder. Eine Lehre fürs Leben. Geistesgeburten, so unmöglich sie auch erscheinen mögen, sind Geburtshelfer der modernen Welt.

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Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Ein gefundenes Fressen für Literaten. Sind wir doch weit rumgekommen in unserem Lesen. Wir haben sie in den großen Romanen fast physisch vor unseren Augen gehabt. Die gewagten Kathedralen der Renaissance; die Paläste der großen Herrscher; Hotels der größten Metropolen dieser Welt; königliche Pracht- und Machtbauten; Bibliotheken und Museen ungeahnter Größenordnungen; Hochhäuser und Wolkenkratzer; Brunnen, Aquädukte und Triumphbögen längst vergangener Herrscher und in der Fantasy-Welt der großen Autoren betraten wir Traumstädte, utopische Gebäude-Illusionen und viele Orte, die es wohl auch in ferner Zukunft so nicht geben wird. Wir sind wahrlich gut auf den „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ vorbereitet. Wir denken gerne groß und sind neugierig auf das Unmögliche.

Wer heute die St-Paul´s-Cathedral in London besucht, die zahllosen Treppen bis zu ihrer Kuppel emporsteigt und die unglaubliche Weite unter sich wahrnimmt, der kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wenn man London besucht und gefragt wird, von wem jenes oder welches Gebäude erbaut wurde, dann liegt man mit der pauschalen Antwort „Sir Christopher Wren“ zu 80 Prozent richtig. Er war Visionär und Autodidakt. Der Zeit weit voraus und nach dem großen Brand in London 1666 legte er Baupläne für eine der gewagtesten urbanen Neuordnungen vor, die man bis dato gesehen hatte. Interesse an den Plänen hatte niemand. Grundbesitz sollte nicht umverteilt werden und das Leben in der Stadt sollte so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden. Es ging um Geld und einen schnellen Neuaufbau. Wren hätte Plätze, Straßen und Gebäude für mehrere Jahre lahmgelegt. Ein Nogo. Was ihm blieb, war der Auftrag zum Bau einer Kathedrale.

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Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Hier ließ er seiner Fantasie und seinem Genie freien Lauf. Ein riesiges Holzmodell zeigt noch heute, wie er sich die St.-Paul´s-Cathedral eigentlich vorgestellt hatte. Mitten in London würde sich heute ein monströser Sakralbau in den Himmel erheben, dessen Ausmaße die reale Kathedrale im wahrsten Sinne des Wortes in den seinen gewaltigen Schatten stellen würde. So blieb nur das Modell, eine Idee und viele Kompromisse, bis zur Verwirklichung eines berühmten Bauwerks. Philip Wilkinson erzählt diese und 49 weitere architektonische Geschichten. Er illustriert sie mit den Blaupausen und Skizzen, Bauplänen und Fotografien, die diesen gewagten Utopien helfen, sich in unserem Geist festzusetzen. Wir fühlen uns, als dürften wir darüber entscheiden, ob die Pläne Realität werden könnten. Ein wundervolles Leseerlebnis voller visueller Highlights.

Und so geht es weiter im Atlas. Man lässt sich mitreißen und treiben, schmunzelt und staunt gleichermaßen. Die Geschichten dieser ungebauten Gebäude verankern sich tief in unserem Gedächtnis. Wer schon jetzt neugierig auf die „Walking City, eine Kuppel über Manhattan, den Watkin`s Tower, den triumphalen Elefanten, Wohnungen auf Brücken oder den Tour Sans Fin ist, der ist bereit für diesen Atlas. Und wenn ihr euch in eurem belesenen Umfeld umschaut, dann fallen euch zahllose Freunde ein, die sich mit einem solchen Prachtband in die Welt der Visionen und Luftschlösser träumen und dort frei fliegen können. Ich kann diesen Prachtband wärmstens empfehlen. Ich selbst zelebriere mein Lesen. Ich umgebe mich gerne mit Büchern, weil sie meinen Lifestyle prägen. Mit diesem Atlas lässt sich das Lesen vortrefflich feiern.

Nun gut, für Menschen, die auf der Baustelle des Berliner Flughafens arbeiten, ist dieses Buch sicher nicht das geeignete Geschenk. Dies aber nur am Rande.

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Wo wir schon mal bei Gebäuden sind, können wir auch gleich einen Blick auf ein weiteres Prachtbuch werfen, in dessen Mittelpunkt das ewige Leuchtfeuer magischer Bauwerke seine Kreise zieht. „Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme“ eignet sich ebenso perfekt als Weihnachtsgeschenk, weil sich dieser Foliant an unsere Lesevorlieben schmiegt, wie ein Lichtschweif am Horizont. Leuchtturm-Lesen. Wer hat das noch nicht erlebt. Hier geht´s zu meiner Buchvorstellung.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Noch mehr unmögliche Atlanten bei dtv… Kein Problem, wie es scheint…

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Unmögliche Atlanten…

Weitere Empfehlungen für den Gabentisch folgen… Versprochen.

„Ein einfaches Leben“ von Min Jin Lee

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Wer könnte die Teilung eines Landes besser nachvollziehen, als wir? Wer könnte sich intensiver in die Menschen hineinversetzen, deren Heimat sich in mehrere politisch ausgerichtete Systeme aufspaltet, Familien trennt, Mauern errichtet und sich bis an die Zähne bewaffnet an der gemeinsamen Grenze gegenübersteht, wenn nicht wir? Wenn wir heute Bilder aus Nord- und Südkorea sehen, den Nachrichten folgen, und dabei nur flüchtig an unsere eigene geteilte Vergangenheit denken, dann steht uns Korea näher, als so manches andere Land dieser Erde. Die literarische Aufarbeitung unserer Mauer-Zeit ist inzwischen eine zeitgeschichtlich geprägte Rückblende auf Überwundenes. Ein Roman über eine koreanische Familie im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist hingegen im engsten Sinne ein Generationenroman, der im faktisch geteilten Heimatland endet. Der Status quo von Nord- und Südkorea ist unverändert. Zerrissen.

Ein einfaches Leben heißt der Roman der koreanischen Autorin Min Jin Lee, der auf 550 Seiten alles beschreibt, nur eben nicht das einfache Leben im Sinne von leicht. Min Jin Lee spannt ihren Generationenbogen von 1910 bis zum Jahr 1989. Was für ein Zufall, gerade für deutsche Leser, da genau in diesem Jahr die deutsche Teilung in den Geschichtsbüchern erstmals als „überwunden“ bezeichnet werden konnte. Mehr als 20 Jahre hat die Autorin an diesem Buch gearbeitet. Sie, die geborene Südkoreanerin, die 1976 im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in die USA auswanderte, ein Studium in Yale absolvierte und erfolgreich als Anwältin arbeitete wirft nun einen präzisen Blick auf „Ein einfaches Leben“. Das Ergebnis ihrer literarischen Auseinandersetzung mit ihren eigenen Wurzeln ist ein einfacher Roman. Und das im besten Sinne des Wortes.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

„Ein einfaches Leben“ meint im eigentlichen Sinn ein bescheidenes Leben ohne große Ansprüche. Ein einfacher Roman hingegen ist ein leicht zu lesender. Ein Buch, an das man sich bestens anlehnen kann, weil es nicht überbordend eine andere Kultur in den Mittelpunkt stellt, weil die politischen Verwerfungen nicht das Zentrum darstellen, sondern ganz allein Menschen beschreibt, auf die man sich einlassen kann, weil wir sie authentisch und plausibel erleben. Ein empathisches Buch ohne Migrationshintergrund. Korea mit vielen multikulturellen Verwerfungen wird uns kaum mehr näherkommen, als in diesem Roman, der überall auf der Welt spielen könnte, wo Menschen ihr Heil in der Flucht suchen. Dabei ist dieser Roman kein koreanischer Roman im engsten Sinne. Er spielt in Japan. Dem Fluchtpunkt für Koreaner, die auf der Suche nach dem einfachen Leben Asien nicht den Rücken kehren wollten oder konnten.

Min Jin Lee legt uns ein bewegendes Familienalbum in die Hände mit dem wir sehr behutsam umgehen sollten. Es fühlt sich an, wie das Erbe, das sie selbst nicht antreten konnte, weil sie zu den Auswanderern gehörte, denen das Privileg eines Neubeginns in den USA geschenkt wurde. Ganz anders jedoch erging es den Koreanern, die im Laufe der Zeit nach Japan flohen. Und dieses Land hatte viele Worte für die Geduldeten, jene Flüchtlinge ohne Rechte und Status. Gaijin bedeutet Mensch von außerhalb und damit auch gleichzeitig Außenseiter. Zainichi umfasst Ausländer mit Wohnsitz in Japan. Was beiden Begriffen gemein ist, umfasst den diskriminierenden und durchaus rassistischen Aspekt der Ausgrenzung. Das Leben als Underdog war für Koreaner vorprogrammiert. Sicher kein einfaches Leben.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Die Leben, von denen Min Jin Lee erzählt, sind erzählenswert. Es sind die kleinen Geschichten, die in der Lage sind das Schicksal ganzer Familien zu verändern. Es sind die kleinen Fehltritte im Leben, die der Weichenstellung für folgende Generationen eine neue Richtung geben. Es ist das Mädchen Sunja, das sich diesen Fehltritt erlaubt. Ihre uneheliche Schwangerschaft tritt die Welle los, die 1910 in einem kleinen koreanischen Fischerdorf ihren Anfang nimmt und die gesamte Familiengeschichte bis ins Jahr 1989 ins japanische Yokohama trägt. Ein Nordkoreaner springt als Sunjas Ehemann ein, um ihre Ehre zu retten. Ihn begleitet das junge Mädchen nach Japan, um fortan als doppelt Außenseitige zu leben. Koreanerin und durch die Heirat mit Isak auch noch Christin. In Japan genügt das für den lebenslangen Stempel: „Ihr gehört nicht dazu!“ 

Min Jin Lee nimmt uns mit in eine facettenreiche Geschichte, die von inniger Liebe, Loyalität, Gefühl, Bescheidenheit, grenzenlosem Stolz und familiärem Zusammenhalt in allen Lebenslagen geprägt ist. Sunja bleibt unsere konstante Wegbegleiterin. Sie bricht mit allen Konventionen, und stellt doch das von ihr erwartete tradierte Frauenbild nie in Frage. An ihrer Seite sehen wir ihre Söhne Noa und Mozasu aufwachsen und erleben, welche Lebenswege ihnen vorbestimmt sind. Wir verzweigen uns in den Familienästen, die 1910 am Strand in einer leidenschaftlichen Stoßwelle wurzeln. Keiner dieser Äste lässt den Spannungsbogen der Geschichte abflachen. Mit jedem Nachkommen Sunjas werden wir sofort warm. Wir kennen ihre Herkunft, ihren tiefen Stolz und erkennen, wie schwer es für sie ist, eigene Wege zu finden. Ehen, Kinder, Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Mobbing begleiten sie durch alle Zeitscheiben der grandiosen Erzählung.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Sunjas Nachkommen machen ihr kleines großes Glück. Immer umweht vom Hauch der Illegalität, immer auf der Gratwanderung zwischen Anpassung und Abschiebung. In jeder historischen Epoche, die wir an ihrer Seite durchschreiten sind es die Menschen, die Min Jin Lee uns näherbringt. Das geteilte Korea, ein Weltkrieg, Atombomben und politische Verwerfungen bilden den Rahmen des Familienepos, nicht jedoch den Kern. Sprachlich bleibt die Autorin auf der Höhe ihrer Protagonisten. Einfach und wesentlich. Nicht klischeehaft und schon gar nicht verschachtelt kompliziert. Sie erzählt eine starke Geschichte, die überall auf der Welt beheimatet sein könnte, wo Heimaten zerrissen im Wind flattern.

Wir fühlen uns der Familie Sunjas verbunden. Es gelingt der Autorin, Empathie für ihre Kinder, Enkel und Urenkel zu wecken und am Leben zu halten. Wir lernen auf dem gemeinsamen Weg viel über eine verborgene Kultur, ohne das Gefühl zu haben es mit einer literarischen Lehrmeisterin zu tun zu haben. Wir empfinden den gleichen Stolz auf eine Herkunft, die von den Japanern mit Füßen getreten wird. Und wir erkennen, dass man manchmal auch mit Glücksspiel am Rande der Legalität sein Glück machen kann. Bewegend ist und bleibt für mich, dass der uneheliche Erzeuger von Sunjas Sohn Noa, trotz seiner Ablehnung das Mädchen zu heiraten, bis an ihr gemeinsames Lebensende wie ein guter Geist an ihrer Seite bleibt. Unsichtbar, verborgene Fäden ziehend und tief bereuend, sich damals am Strand anders entschieden zu haben. Und immer gegen den Stolz der Frau, Mutter und Großmutter ankämpfend, den sie niemals ablegen kann.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee – AstroLibrium

Ein wundervoll erzählter Roman, dem es jederzeit gelingt, die Gefühlsebene nicht zu verlassen. Ein einfacher Roman, der genau durch seine Einfachheit Wurzeln im Herzen der Leser schlägt. Ein Augenöffner gegen Diskriminierung und Vorurteile. Ein perfektes Buch, das aus einer Zeit in unsere Zeit gefallen ist. Besonders beeindruckend für mich ist auch die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag. Mit Gabriele Blum wurde eine Sprecherin gefunden, die in den leichten Untertönen am Rande des gesprochenen Wortes den Hauch von Korea in unser Hören trägt. Ihr leicht gehauchtes „NE“ am Ende eines Satzes schleicht sich tief ins Herz des Hörers und lässt ihn nicht mehr los. Sunja und die starken Frauen dieser Geschichte erhalten in dieser Adaption eine brillante und tragfähige Konturierung.

Am Ende ist man zwar am Ende angelangt. Wir wissen jedoch, dass der Konflikt der beiden getrennten koreanischen Staaten das Schicksal der Enkel und Urenkel Sunjas weiter durchs Leben begleiten wird. Wir wissen, dass die Heimatlosigkeit zur Stellgröße einer Zukunft in Japan wird. Und wir haben ein Gefühl dafür bekommen, wie wichtig es ist, den Mikrokosmos gegen den Makrokosmos Umwelt bis zum Letzten zu verteidigen. Es ist mir leichtgefallen, „Ein leichtes Leben“ zu lesen und zu hören. Es war gar nicht leicht, die Geschichte zu verlassen. Und richtig schwer wird es sein, bei künftigen News aus Nord- oder Südkorea nicht an ein junges Mädchen zu denken, das sich vor hundert Jahren am Strand eines kleinen koreanischen Fischerdorfs von ihrer Leidenschaft und der Gutgläubigkeit treiben ließ und zum Treibgut dieser Geschichte wurde.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

„In der Nacht hör´ ich die Sterne“ von Paola Peretti

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

140 Schritte…

Das ist die Entfernung zwischen der neunjährigen Malfalda und ihrem Baum. Auf diese Distanz kann sie den Kirschbaum gerade noch erkennen. Schemenhaft. Malfalda droht zu erblinden. Wie dichte Nebelschleier schieben sich große schwarze Flecken vor ihre Pupillen. Malfaldas Nebel heißt Stargardt-Nebel und wird immer dichter. Sie muss immer näher an Dinge herangehen, um sie noch zu erkennen. Sechs Monate geben ihr die Ärzte noch, bis die schwarzen Flecken das Augenlicht für immer verdunkeln. Schritt für Schritt wird die Distanz zwischen ihr und dem Baum geringer. Der Countdown ihres Sehens und Erkennens läuft unerbittlich ab. Malfalda wird bald erblinden…

100 Schritte

Die italienische Schriftstellerin Paola Peretti lebt mit diesem Countdown. Im Alter von 17 Jahren wurde bei ihr der Morbus Stargadt diagnostiziert, eine ererbte Form der Makula-Degeneration. Seitdem weiß sie, dass es irgendwann unwiderruflich dunkel um sie herum wird. Heute, im Alter von etwas mehr als dreißig Jahren, muss auch sie sich den Menschen immer weiter annähern, um sie zu erkennen. Auch sie muss die Distanz verringern. Auch Ihr Sehen spielt sich im Countdown der abnehmenden Entfernung ab. Wer, wenn nicht Paola Peretti, kann sich also besser in Malfalda hineinversetzen? Wer könnte einen Roman über ein erblindendes Mädchen besser schreiben als sie? Wer ist in der Lage, Lesern dieses Gefühl der zunehmenden Verdunkelung näherzubringen?

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

80 Schritte…

In der Nacht hör´ ich die Sterne“ heißt der bewegende Roman von Paola Peretti, in dem sie uns an die Hand nimmt und die Distanz zur kleinen Malfalda verringert. Wir müssen ganz nah an Menschen herangehen, um sie zu erkennen. Nicht das Äußere ist hier von Bedeutung. Nur die Nähe lässt uns erkennen mit wem wir es tun haben. Paola Peretti schärft unsere Sinne für ein Mädchen, dem einer der wichtigsten Sinne verloren geht. Wir werden Wegbegleiter eines dramatischen irreversiblen Countdowns und sind doch zumeist selbst blind für das Schicksal anderer Menschen. Empathie ist die zentral angelegte Botschaft dieses Romans, der so viel mehr ist, als nur ein Roman.

60 Schritte…

Wenn wir Malfalda folgen, erleben wir ihre verzweifelte Suche nach den wichtigen Dingen im Leben, die sie noch so gerne erleben möchte, solange sie sieht. Wir erleben, wie sie Listen befüllt, Wünsche formuliert und diese verwirft, wenn sie mal wieder einer Realität ins Auge blicken muss, die sich nebulös vor ihr entfaltet. Wir erkennen mit ihr, dass die Suche nach wahren Freunden, die sogar bereit sind, die Dunkelheit zu teilen von elementarer Wichtigkeit ist. Und wir lernen den jungen Filippo kennen, der sich gut vor den Augen seiner Mitmenschen zu verbergen weiß, der in der Tiefe seines Herzens jedoch der perfekte Freund für Malfalda wird. Wir treffen auf Menschen, die ihr den Tag erleichtern. Selbstlos und selbstverständlich. Sie setzen die Maßstäbe, wie Verständnis und Hilfe aussehen kann.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

40 Schritte…

Malfalda heilt uns von unserer sozialen Blindheit. Sie zeigt uns auf, wie man gegen Dunkelheit ankämpfen kann. Sie spielt mit Metaphern und Bildern, die sich tief in unser Lesen einbrennen. Sie fokussiert, was doch eigentlich zu verschwimmen droht. Und sie zeigt auf, wie wichtig die Literatur sein kann, wenn man nach Halt sucht. Ohne Antoine de Saint-Exupéry könnte Malfalda nicht leben, weil „Der kleine Prinz“ ihr vorlebt, was für sie zur Selbstverständlichkeit werden wird. Hier wird der Roman zur Hommage, zur Liebeserklärung an den kleinen Prinzen, weil wir an der Seite von Malfalda auf ein Zitat stoßen, das erstmalig in dieser Tragweite greifbar wird.

„Hier ist mein Geheimnis. Es ist sehr einfach. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unverzichtbar.“

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

20 Schritte… 

Ein großer Roman und wichtiger Roman, der zum wahren Sehtest für unser Herz wird. Ich habe mich mit diesem Roman aufs freie Feld begeben. Ich habe schrittweise die Distanz zu einem Baum verringert, um mich in Malfalda hineinversetzen zu können. Ich habe eine Liste der wichtigsten Dinge verfasst, die ich noch gerne sehen würde. Ich habe mir überlegt, wie man Menschen in solchen Situationen helfen kann und ich habe den kleinen Prinzen neben „In der Nacht hör` ich die Sterne“ gelegt, weil beide Bücher einfach zusammengehören. Ich habe mit Malfalda gelitten, gehofft und Kraft geschöpft. Ich kann Euch dieses Buch und seine gelungene Hörbuchfassung nur ans Herz legen.

Ein Hörbuch von Der Audio Verlag, bei dem es der Sprecherin Jodie Alhorn gelingt, die Distanz zwischen uns und der Geschichte mit jedem brillant betonten Satz immer weiter zu verringern, bis wir in ihrem Kern ankommen. Brillant gelesen. Malfalda lebt.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

10 Schritte…

Und doch stört mich eines an diesem Roman. Es ist der deutsche Titel, der im Buch keine Entsprechung findet. Der italienische Originaltitel heißt „La distanza tra me e il ciliegio”. Die Distanz zwischen mir und dem Kirschbaum. Dem wurde auch in der englischen Fassung entsprochen. Hier kommt der Buchtitel auf den Punkt und verleitet nicht zu der irrigen Annahme, wir hätten es gegebenenfalls mit einer Lovestory zu tun. Lasst Euch vom Titel nicht abschrecken. Verringert die Distanz zwischen Euch und der Geschichte. Lasst sie zu. Dann werdet Ihr feststellen, dass Paola Perettti einer großen und relevanten Geschichte dazu verholfen hat, das Licht dieser Welt zu erblicken, weil sie den Stargardt-Nebel durchstößt.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

1 Schritt…

… trennte mich von Paola Peretti. Ich begegnete ihr auf der Frankfurter Buchmesse, erlebte eine sehr lebenslustige und sympathische Autorin und sah doch ganz tief in ihr die kleine Malfalda verborgen, über die sie so bewegend schrieb. Sie brauchte Distanz zu ihrer Protagonistin, um letztlich auch über sich selbst erzählen zu können. Sie fand den Abstand im großen Altersunterschied. Diese Distanz schwindet von Seite zu Seite. Wir realisieren mit sehenden Augen, welche Geschichte sich hier wirklich Bahn bricht. Das macht sie umso bemerkenswerter und wichtiger für unser Lesen.

0 Schritte…

… trennten mich am Ende der Begegnung von Paola Peretti. Ich schenkte ihr eine meiner kleinen Büchereulen. Doch diesmal suchte das Eulchen nicht nach einer neuen Hüterin, sondern versprach, mit ihren scharfen Eulenaugen fortan auf Paola Peretti zu achten. Rosali ist in guten Händen, wie man auf den Bildern sehen kann. Sie hat dazu beigetragen, dass die Distanz zwischen der Autorin und mir sich gänzlich auflöste. Für mich der schönste Moment der Frankfurter Buchmesse 2018. Jetzt fliegt zum nächsten Buch und passt auf Euch auf! Danke für diese Begegnung, Stefanie Broller, dtv und Paola. Ich werde das nie vergessen…

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

„Beale Street Blues“ von James Baldwin – Fonny und Tish

Beale Street Blues von James Baldwin

Er hat den Buchmarkt gerockt. Er ist eingeschlagen, wie eine Granate in befriedetem Niemandsland und hat tiefe Gräben sichtbar gemacht, die heute mit Nebelkerzen oder anderen Ablenkungsmanövern verschleiert werden sollen. Er hat posthum neue Wellen der Diskussion über Rassismus und Diskriminierung angestoßen, weil das Lesen seiner Romane deutlich aufzeigt, wie wenig sich in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Sein gesamtes Lebenswerk wird durch die erneute Veröffentlichung und die Neuentdeckung der Relevanz seiner Kernaussagen in den Kontext einer Epoche gestellt, die Populisten Tür und Tor öffnet, an den etablierten Underdogs einer Gesellschaft festzuhalten.

Die Rede ist von James Baldwin. Die Rede ist von einem der bedeutendsten Autoren seiner Zeit. Die Rede ist vom 1987 verstorbenen literarischen Aktivisten, der zeitlebens für die Identität der schwarzen Bürger in den USA kämpfte, Diskriminierung, Rassismus und sexuelle Selbstbestimmung thematisierte und aus leidvoller eigener Erfahrung den Finger in die offenen Wunden der nicht überwundenen Sklaverei legte. James Baldwin hat Generationen geprägt, das Selbstbewusstsein der Unterprivilegierten konturiert und durch seine Publikationen richtungsweisend auf Missstände hingewiesen. „Von dieser Welt“ war eines seiner zeitlos wichtigsten Bücher, das in Deutschland mehr als sechzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erneut für Furore sorgte.

Beale Street Blues von James Baldwin

Mit Beale Street Blues wird nun vom dtv Verlag und Der Audio Verlag die Reihe von Wiederentdeckungen fortgesetzt, die vielleicht schon aus dem Bewusstsein der Leser von einst verdrängt wurde, bei heutigen Lesern gar nicht mehr vorhanden ist und gerade jetzt in eine völlig neue Dimension der Wahrnehmung vorstößt. Genau hier wird es für mich wichtig, nicht nur ein Buch von Baldwin zu lesen. Hier wird es für mich mehr als elementar die Fäden aufzugreifen, die Baldwin über viele Generationen miteinander verknüpft hat und diese im Kontext unserer Zeit genau zu betrachten. Was hat sich hier verändert? Haben Diskriminierung und Rassismus nachgelassen oder ist es gerade die „Black Lives Matter“-Bewegung, die uns vor Augen hält, dass sich nichts getan hat?

Während Von dieser Welt noch im Harlem der 1930er Jahre spielt, entführt er uns mit seinem 1973 erstmals veröffentlichten Roman „Beale Street Blues“ erneut in diese den Schwarzen vorbehaltene Welt. Hier erleben wir die 1970er Jahre in New York und eigentlich sollte man denken, dass sich in diesen vierzig Jahren einiges zum Guten hin verändert hat. Eigentlich sollte man denken, dass eine aufgeklärte Gesellschaft sich im tiefsten Bewusstsein für Gleichbehandlung neu erfunden haben könnte. Eigentlich wäre es nur logisch, dass Diskriminierung mit fortschreitender Zeit im multikulturell geprägten Big Apple zum Fallobst der Geschichte gehört. Weit gefehlt. Sehr weit ist der Apfel des Rassismus nicht vom Stamm gefallen.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beale Street Blues“ ist vieles zugleich im Gewand einer großen Story. Es ist der große Liebesroman aus der Feder von James Baldwin. Gleichzeitig ist es jedoch auch die Generalabrechnung mit einem Justizsystem, das sein Recht der Hautfarbe anpasst. Im Schwerpunkt beschreibt Baldwin für mich auf erdrückende Art und Weise die extrem belastende Unkalkulierbarkeit einer Rechtsprechung für die schwarze Bevölkerung. Es herrscht Willkür. Man ist völlig ausgeliefert. Sollte auch nur der Hauch eines Verdachts auf einen Schwarzen fallen, greifen alle Automatismen eines legalen Unrechtssystems. Den Beschuldigten fehlt das Geld für Anwälte, weil Schwarze eben nur Berufe ergreifen die ihrer Hautfarbe zu entsprechen haben. Es fehlt jede Möglichkeit, der Justiz mit den dafür vorgesehenen Mitteln entgegenzutreten und dieser Justiz muss das Bewusstsein abgesprochen werden, gerecht im Sinne eines Angeklagten zu sein.

Kommt uns das nicht bekannt vor? Sind es nicht die gleichen Automatismen, die ich hier schon mehrfach als „RassisMuster“ beschrieben habe? Sind es nicht die gleichen Ungerechtigkeiten, die Geschichten wie „Mercy Seat“, „Wer die Nachtigall stört“ und „Ein anderes Leben als dieses“ miteinander verbinden? Ist das nicht die Kernaussage des Schreibens von Ta-Nehisi Coates, der seinem Sohn noch heute auf die Fahne des Lebens als Schwarzer schreibt, dass etwas „Zwischen mir und der Welt“ steht? Ist es nicht frustrierend, diese Muster über die Jahrzehnte hin immer wieder neu aufzuspüren und die tragischen Konsequenzen zu erleben? Wer diese Muster durchbrechen will, hat noch langen Weg vor sich. Das Lesen hilft. Das Verstehen hilft. Empathie wächst brutal langsam.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beale Street Blues“ setzt da an, wo wir Harlem in unserer Vorstellung ansiedeln. Diese Geschichte bestätigt alle Vorurteile, die man nur haben kann, wenn man sich nur vorstellt, in den 1970er Jahren in diesem schwarzen Universum zu leben. Zumindest in Bezug auf die weiße Welt, die schonungslos auf dem Rücken der Afroamerikaner ihren Weg in die strahlende Zukunft gestaltet. Das solltet ihr euch eigentlich besser von Tish erzählen lassen. Wobei sie ja gar nicht so heißt, und eigentlich heißt ihr Verlobter auch gar nicht Fonny. Aber, wenn man sich schon ein ganzes Leben lang kennt und einfach zueinander gehört, wie die beiden, dann spielen Spitznamen eine eher untergeordnete Rolle. „Beale Street Blues“ ist der literarische Song einer großen Liebe, die unter dem Vorbehalt der weißen Justiz steht.

Tish ist schwanger. Gewollt. Stolz drauf. Ein Kind von der Liebe ihres Lebens. Es ist ein Gottesgeschenk, das verbindet, was schon immer füreinander bestimmt war. Die Familien der beiden Verliebten hadern zwar mit dem jungen Glück, aber irgendwie wird schon alles gut werden. Die üblichen Vorbehalte. Kann er meine Tochter ernähren? Ist er gut genug für sie? Kann sie ihn glücklich machen? Wäre da nicht die Tatsache, dass Fonny im Gefängnis sitzt, man könnte einen gemeinsamen Weg in die Zukunft finden. Tish jedenfalls hält an ihm fest. Sie hat den Einen gefunden. Die eine große Liebe. Egal was man Fonny auch vorwirft. Hauptsache es gelingt, ihn vor der Geburt seines Kindes rauszuholen. Eine gewaltige Mission.

Beale Street Blues von James Baldwin

Der Fall hinkt an allen Ecken und Kanten. Fonny soll ein Vergewaltiger sein. Obwohl er ein Alibi hat, die Vergewaltigte schon außer Landes ist und die Beweisführung keiner ernsten Begutachtung standhalten würde, sitzt er in Untersuchungshaft. Es reicht, dass ihn ein weißer Polizist auf dem Kieker hatte. Es reicht, dass die Vergewaltigte sagte, es sei ein Schwarzer gewesen. Es genügt völlig, dass bei einer Gegenüberstellung Fonny der einzige Dunkelhäutige in der Reihe der möglichen Täter ist. Die Falle schnappt zu. Jetzt läuft die Zeit. Ein Anwalt muss her. Möglichst ein Weißer. Sonst hat man gar keine Chance. Und der muss den Fall komplett aufrollen. Und das, bis zur Geburt des Kindes.

James Baldwin lässt uns tief in den Charakter von Tish fallen. Sie erzählt uns, wie diese Liebe entstand. Sie entführt uns in den Rhythmus einer Beziehung, die sich allen Widerständen zu stellen hat. Während sie erzählt, verlieben wir uns selbst in die junge Frau, weil sie vorbehaltlos und bedenkenlos liebt. Leidenschaft, Lust, Freude und neue Sichtweisen auf das Leben. All dies lernen wir bei Tish. Sie kämpft für Fonny. Sie geht alle denkbaren Kompromisse ein, zwei Familien zum gemeinsamen Kampf zu vereinen. Und all dies, während Fonny im Gefängnis am Gefühl der Unschuld zu krepieren droht. Die Zeit läuft gegen die beiden Liebenden. Die beiden Familien finden keinen Konsens und die Justiz kennt keine Unschuldsvermutung. Nur der Anwalt beginnt, an der schier unmöglichen Aufgabe zu wachsen. Ein zarter Hoffnungsschimmer.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beal Street Blues“ ist ein in höchstem Maße relevanter Roman, der bespielhaft im Kosmos der Diskriminierung seine Kreise zieht. James Baldwin erzählt uns eine große Geschichte mit unfassbarem Tiefgang. Zwei Protagonisten, die wir so schnell nicht aus unseren Gedanken verdrängen können, beschäftigen uns auch nach dem Lesen. Eine Zeit voller Diskriminierung, Populismus und Ausgrenzung schreit nach diesem Roman. James Baldwin selbst hätte wohl nicht gedacht, ein Amerika nach Barak Obama in den Händen von Politikern wiederzufinden, die das Rad der sozialen Gleichbehandlung weit zurückdrehen. Es lohnt sich weiterhin am Ball zu bleiben. Es lohnt sich James Baldwin zu lesen und zu hören. Es lohnt sich, sich selbst eine Meinung zu machen und diese zu vertreten. Schweigen hilft nur denjenigen, die sich an der Diskriminierung bereichern.

Wer nicht lesen will, muss hören. Constanze Becker liest sich in dieser ungekürzten Hörbuchfassung in ihre Hörer hinein. Sie wurde für mich schnell zur authentischen und emotional passenden Stimme von Tish. Constanze Becker macht einen wesentlichen Aspekt des Romans nachhaltig hörbar. Im Vergleich zweier Gefangener, dem Vergleich zweier Gefängnisse liegt ein Geheimnis von „Beale Street Blues“ verborgen, das mich selbst gefangen nahm. Das ungeborene Kind im Bauch seiner Mutter ist wie sein Vater im Gefängnis der Willkür des Lebens ausgesetzt, die draußen das Schicksal bestimmt. Ob sich beide als freie Menschen begegnen werden, ist die große Frage, die nicht nur dieser Roman, sondern auch die Zeit zu beantworten hat. Baldwin hat eine Antwort.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Vergessene Seelen“ von Frank Goldammer – Max Heller (3)

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Ob eine Bücherreihe ihr volles Potenzial ausschöpft, zeigt sich zumeist erst nach dem zweiten oder dritten Band. Vorschusslorbeeren sind schnell geerntet, besonders wenn der Auftaktband in literarischer Sicht durch die Decke geht und Bestsellerlisten im Sturm erobert. So geschehen mit dem Kriminalroman Der Angstmann des Dresdner Schriftstellers Frank Goldammer. Unabhängig vom reinen Inhalt konnte man schon früh erkennen, in welch brillanter Ausgangssituation er seinen Protagonisten Max Heller auf den Buchmarkt brachte. Das historische Setting ließ schnell hoffen, dass wir es hier mit einem Ermittler zu tun haben werden, der uns durch besonders relevante Zeitscheiben der deutschen Geschichte begleitet.

War sein erster Fall „Der Angstmann“ noch in den letzten Ausläufern des Zweiten Weltkrieges angesiedelt, fanden wir uns an der Seite von Max Heller im zweiten Band der Reihe im Dresden des Jahres 1947 wieder. Frank Goldammer transferiert die Leser von einem politischen Debakel ins nächste. Er lässt dabei seinen Max Heller genau das sein, wofür er geboren ist. Polizist. Ob im Nationalsozialismus oder in der sowjetischen Besatzungszone. Max Heller bleibt dem Verbrechen auf die Spur, egal welches System ihn dabei mit der jeweiligen Polizeigewalt ausstattet. Einerseits passend zu seinem tief angelegten Gerechtigkeitssinn, andererseits eine schwere Bürde, die er zeitlebens mit sich zu tragen hat. Ein Mann auf der Gratwanderung zwischen Opportunismus und der reinsten Form von Pflichterfüllung.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Spätestens an dieser Stelle musste uns klar sein auf was wir uns einlassen, wenn wir Frank Goldammer und seinem Ermittler Max Heller weiter folgen. Das Potenzial der zeitgeschichtlichen Szenarien auf die er unweigerlich zusteuert ist gewaltig. Hier bleibt kein Stein auf dem anderen. Faschismus und Kommunismus geben sich die Klinken in die Hände und die Menschen haben sich damit zu arrangieren. Wem dies nicht gelingt, dem bleibt die Flucht in den Westen. In diesem Vakuum der Instabilität und einer völlig neuen Ausrichtung ideologischer Rahmenbedingungen floriert das Verbrechen. Krisen schütteln das Land, Hunger und Not sind Brandbeschleuniger für Verbrechen und auch Profiteure und Kriegsgewinnler wittern ihre Chancen. Ein weites Feld, dem man sich im Folgenden ausgiebig widmen kann.

Tausend Teufel“ hat genau diese Fäden aufgenommen und in brillanter Art und Weise fortgesetzt, was wir uns als Leser erhofft hatten. Die Besatzungsmacht rückt selbst in den Fokus von Ermittlungen. Unbestechlich ermittelt sich Max Heller durch die Mordserie, die nur in diesen wirren politischen Verhältnissen den Ursprung haben kann. Dabei steht ihm seine Vergangenheit im Weg. Er wird nicht als unbescholten betrachtet. Die Hypothek des Polizisten, der schon im Nazi-Regime Kommissar war ist groß. Nicht so erheblich jedoch, dass Max Heller sie nicht durch sein kriminalistisches Können und seinen vorbildlichen Charakter beiseiteschieben kann. Max Heller überzeugt auf ganzer Linie, ohne dabei linientreu zu sein.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Wir sehen die Zukunft vor Augen, wenn wir uns in seine Lage versetzen. Wunden der Dresdner Bombennacht sind noch nicht verheilt, die sowjetische Besatzung hat den Krieg nicht beendet, sondern ihn mit anderen Mitteln ins Land gebracht. Aus Ideologien werden eiserne Vorhänge. Die Teilung Deutschlands nimmt konkrete Formen an und in großen Schritten driften die beiden Teile mit ihren Menschen auseinander. All dies wirkt sich nicht abstrakt auf Max Heller aus. Der Rucksack seiner Vergangenheit belastet die ganze Familie. Zwei erwachsene Söhne. Einer im Westen lebend, der andere im Osten. Nicht nur ein Land wird getrennt. Auch die Familie Heller. Mit diesem literarischen Kniff verschafft sich Frank Goldammer zugleich die Möglichkeit, seinen Erzählraum weiter zu fassen und zwei deutsche Perspektiven einfließen zu lassen. Potenzial ausgeschöpft.

Vergessene Seelen ist nun bereits der dritte Fall von Max Heller. Das Dresden im Jahr 1948 steckt den Rahmen für die Fortsetzung der Buchreihe ab. Das Entstehen der neuen Republik im Osten zeichnet sich ab. Währungsreformen auf beiden Seiten eines eisernen Vorhanges und die unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnisse stellen eine erste große Zerreißprobe dar. Neid und Missgunst blühen. Mittendrin Max Heller, der in Dresden mit einer Reihe von Todesfällen konfrontiert wird, auf die er sich keinen Reim machen kann. Die Todesursachen liegen im Dunkeln, doch was zunächst aussieht wie eine Reihe von Unfällen, entwickelt ein Muster aus Zusammenhängen, dem Max Heller konsequent folgt. Dass er damit nicht nur fremde Dämonen, sondern die Geister seiner eigenen Vergangenheit heraufbeschwört, wird ihm erst klar, als es fast zu spät ist.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Authentisch. Mehr muss ich nicht sagen. „Vergessene Seelen“ ist ebenso, wie seine beiden Vorgänger aus der Zeit gefallen. Die Verbrechen, die Frank Goldammer hier zur Ausgangslage der Ermittlungen beschreibt, können in dieser Form nur unter den wirren Rahmenbedingungen des Jahres 1948 stattgefunden haben. Authentisch gelingen ihm die Konstruktionen von Motiven, Mitteln und Folgen der Verbrechen. Authentisch gelingt ihm die Charakterzeichnung der betroffenen und verwickelten Menschen. Packend und spannend beschreibt er, was uns Leser nicht kaltlassen kann. Kindesmissbrauch, Väter die traumatisiert aus dem Krieg nach Hause kommen, alte und neue Seilschaften, Nöte und Sorgen von Ehefrauen und Müttern, Schwarzmarkt und Ausbeutung. All dies findet man in „Vergessene Seelen“ als Nährboden für miteinander verbundene Kriminalfälle, an denen sich Max Heller die Zähne ausbeißt.

Es sind zumeist kleine Geschichten, die bei Frank Goldammer große Erzählungen entstehen lassen. Es sind menschliche Abgründe, Leidenschaften und Hoffnungen, in denen wir Motive für Taten finden, die uns unverständlich erscheinen. Goldammer zeigt auch in diesem dritten Heller-Roman sein literarisch geprägtes Erzähltalent. Hier eilt er nicht durch sein Szenario. Er verdichtet Charaktere und Spannungselemente zu einem Mix, der seinen Roman lesens- und hörenswert macht. Die größte Leistung liegt jedoch für mich in der Ausgestaltung seines Protagonisten Max Heller begründet. Hier wird er mit seiner Geschichte konfrontiert. Mit seinen Ängsten und Traumatisierungen. Mit dem Bild, das er als Vater von sich selbst hat. Seine Familie lässt sich von der Geschichte in keiner Situation trennen. Hier eskaliert die Spannung neben den reinen Verbrechen, die sein Leben dominieren. Hier greift Frank Goldammer tief in die literarische Schatzkiste seiner Vorstellungskraft. Hier dreht sich plötzlich sehr viel um ein kleines Mädchen, das in der Familie Heller Zuflucht gefunden hat. Hier dreht sich viel um einen Gegenspieler, den Max Heller in seinem Berufsleben nicht erwartet hätte. Ein Momentum, das man so nicht erwarten konnte. Auch hier zeigt sich das große Potenzial dieser Buchreihe. Hier wird noch viel zu erzählen sein.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Drei Bücher und Hörbücher haben mich zum Zeugen der Reihe von Heller-Fällen gemacht, die ich schon in diesem Jahr fortsetzen darf. Noch vor Weihnachten wird ein „Roter Rabe“ bei mir landen. Wir springen mit Max Heller in das Jahr 1951 und erleben die konsequente Fortsetzung seiner Zeitscheibenbetrachtung. Die Perspektive erweitert sich, der Fokus richtet sich auch auf den anderen Teil Deutschlands. Max Hellers Frau Karin darf endlich ihren Sohn Erwin im Westen besuchen, während ihr Mann von einer Reihe mysteriöser Todesfälle in Atem gehalten wird. „Eine Flut wird kommen.“ Diese beunruhigende Nachricht findet er in den Taschen eines Opfers. Spannung garantiert.

Auch der vierte Teil der Max-Heller-Reihe wird zeitgleich bei Der Audio Verlag als Hörbuch erscheinen. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, auch die Fortsetzung zu hören und zu lesen. Zu sehr habe ich mich an Heikko Deutschmann gewöhnt, der mir als virtueller Beifahrer im Auto schon so viel erzählt hat, was ich zu diesen Zeitpunkten nicht selbst lesen konnte. Mag Weihnachten im Lichterglanz nur zart erstrahlen, bei mir wird es am 21. Dezember „HELLER“.

Roter Rabe von Frank Goldammer