Deathland Dogs von Kevin Brooks [Dystopie]

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Nicht wundern bitte. In dieser Rezension findet man wirklich alles was es braucht um einen Roman vorzustellen. Nur eben kein einziges Komma. Wird ein ziemlich flüssig zu lesender Text. Warum sollte ich auch auf Satzzeichen zurückgreifen (ups – hier müsste eigentlich eins hin) auf die Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn bewusst verzichtet hat? Wie Du mir so ich Dir. Punkt. Er hat sich sogar die Mühe gemacht zu erklären was die Schriftsprache in „Deathland Dogs“ von Kevin Brooks so einzigartig macht dass es auch in der deutschen Fassung galt Zeichen zu setzen indem man einfach keine setzte. Also keine Kommata. Dafür aber umso mehr Gedankenstriche. Einerseits wird das dem Original gerecht und andererseits haben wir unser Kommunikationsverhalten schon auf den Verzicht von Kommata ausgerichtet. WhattsApp lässt grüßen.

Warum dies alles wird man sich fragen. Ganz einfach. Die Geschichte wird von Jeet erzählt. Und genau das ist nicht leicht für ihn wurde er doch von Hunden großgezogen. Ein Hundskind steht im Mittelpunkt einer Dystopie die in der Zukunft spielt. Der Mensch hat sich fast selbst abgeschafft. Die Natur ist zum lebensbedrohlichen Raum geworden und der Kampf um die letzten Ressourcen macht aus zwei Clans erbitterte Feinde. Und Jeet steckt mittendrin. Aus den Klauen der Deathland Dogs befreit die ihn als Säugling entführten. Rehumanisiert und in den eigenen Clan integriert so gut es eben ging. Er ist anders als seine Leute. Robust. Schnell. Instinktiv. Das hat er wohl mit der Muttermilch seiner Hundsmutter aufgesaugt zu der er immer noch eine tiefe innere Verbindung fühlt. Es ist die große Frage seines jungen Lebens was er wirklich ist. Mensch oder Hund?

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Kevin Brooks führt seine Leser bestens strukturiert in die Deathlands ein. Er lässt keine Frage offen indem er Jeet zum Chronisten der Ereignisse macht. Eigentlich passt das gar nicht gut weil das Hundskind alles besser kann als die Geschichte seiner Leute niederzuschreiben. Das wird in der Schriftsprache deutlich. Ein Stilmittel das den Leser zum Gefährten von Jeet macht. Er schreibt wie er spricht. Flüssig und oftmals spontan ohne groß zu überlegen. Er schreibt unter Anleitung seines Ziehvaters Starry über das was er fühlt und beobachtet. Das Ergebnis. Beeindruckend. Authentisch und voller Sog. Unwiderstehlich. Und schon befinden wir uns selbst mittendrin. Im Kampf zweier Clans. Den Leuten von Jeet und den DAU die ihnen zahlenmäßig deutlich überlegen sind. Es läuft auf das letzte Gefecht um die Wasservorräte hinaus. Die Dau im offenen Gelände flexibel und schlagkräftig. Jeets Clan in einer isolierten Stadt. Eingeschlossen und vom Feind belagert.

Kevin Brooks nimmt Fahrt auf und macht aus seiner dystopischen Ausgangslage einen spannungsgeladenen Action-Mix der im Setting an Mad Max erinnert. Dabei verbindet er die Außenseiterstellung des Hundskindes auf eindrucksvolle Weise mit den zentralen Handlungselementen des Romans. Hier finden wir mehr als bloße Action. Es ist das Anderssein das dominiert. Aus dem Underdog wird ein Kämpfer für die Zukunft seiner Leute. Gut dass Jeet nicht alleine ist. Er ist nicht das einzige Hundskind seines Clans. Chola Se das Hundsmädchen und er fühlen sich voneinander angezogen. Eine Beziehung die in den Augen des Clans nicht sein darf. Das ist gegen das Gesetz. Und doch lässt sich gegen die Faszination die beide Dogchilds aufeinander ausüben nichts machen. Sie ist übermächtig.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Als Chola Se entführt und Jeet ins feindliche Lager geschickt wird um zu stehlen was die letzte Schlacht entscheiden kann entscheidet er sich nicht nur den gefährlichen Auftrag auszuführen sondern auch seine Freundin zu befreien. Kevin Brooks lässt Jeet zwischen allen Fronten ins Verderben laufen. Und doch lässt er ihn nicht allein. Hier ist es ein unsichtbares Band zu den Deathland Dogs und die Beziehung zur Hundsmutter das dieser Geschichte eine Dimension verleiht die uns extrem in ihren Bann zieht. Zwei Kinder an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Zwei Hundskinder. Traumatisiert und von ihrer Sonderstellung gezeichnet. Gefährten mit besonderen Begabungen. Und ein Verräter in den eigenen Reihen der seine Spuren so gut verwischt dass man ihm kaum auf die Schliche kommt. Und ein Rudel Deathland Dogs das draußen auf den verloren geglaubten Sohn wartet. Handlungselemente die eine explosive Mischung versprechen und ein Autor der jedes Versprechen hält. 

Ein waffenstarrendes apokalyptisches Szenario. Eine Mischung aus blutrünstigem Machtkampf zweier Clans und dem urwüchsigen Überlebenstrieb von Wildhunden. Ein actiongeladenes Gefecht auf mehreren Ebenen. Hier fließt Blut. Hier rollen Köpfe. Hier wird Auge um Auge abgerechnet. Gut und Böse verschmelzen in explosivstem Setting. Einzig den Hunden und den Hundskindern kann man vielleicht Gefolgschaft schwören. Den Menschen zu vertrauen fällt schwer. Und diejenigen denen man folgen würde sind die ersten Opfer des Schlachtens. Ein Pageturner dem ein extrem guter Plan zugrunde liegt. Eine Story die in all ihren Facetten so vielschichtig und greifbar ist dass man sich freiwillig mit Chola Se und Jeet jeder menschlichen Übermacht entgegenwerfen würde. Und eine Geschichte in der Raum bleibt für emotionale Momente.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Wir sind Hunde sagte sie einfach. Hunde paaren sich fürs Leben. Das heißt wir sind jetzt eins – verstehst du? Wir leben zusammen kämpfen zusammen sterben zusammen.“

Ich liebe Dystopien. Ich liebe utopisch aus der Gegenwart abgeleitete Geschichten in einer literarischen Qualität die mich zum Nachdenken bringt. Was bei „Deathland Dogs“ augenscheinlich nur nach Action riecht hat einen inhaltlichen Beigeschmack der lange anhält. Ausgrenzung. Benachteiligung. Anderssein. Integration durch Zwang. Gesetze und Regeln zum Wohle einer Gemeinschaft und zu Lasten derer die außerhalb stehen. Hundskinder sind im Zweifelsfall unnütze Esser. Eine absolut unnötige Beanspruchung begrenzter Ressourcen. Unwertes Leben. Elementarer Bestandteil aller Ideologien die ihren Reichtum auf Kosten von Underdogs erwirtschaften. Spätestens hier schlägt der Roman eine wichtige Brücke zu politischen Diktaturen in denen die beschriebenen und gelebten Automatismen zum Massenmord führten.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Darüber hinaus ist diese Dystopie eine Liebeserklärung an die Wildhunde in den Deathlands. Sie stehen als sozialer tierischer Gegenentwurf den menschlichen Clans gegenüber. Urwüchsig und brutal. Und doch nur tötend wenn es sein muss. Hassend wenn es dem Arterhalt dient und treu bis in den Tod. Wenn ich die Wahl hätte ich wäre im Freien unterwegs. An der Seite der Hunde. Inmitten des Rudels. Ob Jeet und Chola Se sich diesen Traum erfüllen können beantwortet „Deathland Dogs“ ohne eine Frage offen zu lassen. Ich hatte das Vergnügen Kevin Brooks und den Übersetzer des Buchs anlässlich der Jubiläumslesung zum 60. Geburtstag des Autors in München zu treffen. Natürlich war ich nicht allein vor Ort in der Internationalen Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg zu München. Steffi von „Nur Lesen ist schöner“ wollte mich den Hunden nicht alleine zum Fraß vorwerfen. Nicht unser erster gemeinsamer Lesungsbesuch. Es wird viel zu erzählen geben.

Der Lesungsbericht schließt sich bald an. Blogübergreifend. Es sind wichtige und unbequeme Fragen die beantwortet wurden. Fragen ob das Ausmaß an Gewalt in den Romanen von Kevin Brooks eigentlich für jugendliche Leser geeignet scheint. Fragen nach der Notwendigkeit von Gewalt aber eben auch Fragen nach der Moralvorstellung die hier vermittelt wird. Über die geniale Übersetzung wird zu sprechen sein. Aber auch darüber wie oft man in den „Deathlands“ schießen kann wenn man eine Pistole mit 15 Schuss Munition findet. Eine überraschende Frage. Zugegeben. Aber ich habe gezählt.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Steffi und ich werden über den Abend berichten. Und ich werde die Kommata die in dieser Rezension eingespart wurden im Lesungsbericht verwenden. Eine Investition in die Zukunft. Bis bald an genau dieser Stelle und bei Steffi. Danke fürs Lesen.

Deathland Dogs“ / Kevin Brooks / dtv / 538 Seiten / 18,95 Euro / Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Roter Rabe“ – Frank Goldammer (Max-Heller-Reihe Band 4)

Roter Rabe von Frank Goldammer - AstroLibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer

1945 „Der Angstmann“, 1947 „Tausend Teufel“, 1948 „Vergessene Seelen“ und 1951 „Roter Rabe“. Seit erlesenen sechs Jahren bin ich nun treuer Wegbegleiter von Max Heller. Sechs Jahre, die nicht nur sein Leben, sondern auch ein ganzes Land und seine Heimatstadt Dresden extrem verändert haben. In der Bombennacht ausradiert, von der Roten Armee besetzt, im geteilten Deutschland dem Osten zugeschlagen und sozialistisch geprägt in eine neue Zeitrechnung treibend. Die eigene Familie getrennt in Ost und West, ein kleines Mädchen gerettet und an Eltern statt aufgenommen und dem Taumel der Zeit ausgesetzt, wie ein Blatt im Wind. Kein Stein blieb auf dem anderen…

(Sie entscheiden selbst: Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn oder lesen…)

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Roter Rabe von Frank Goldammer – Ab 6.2. als Rezension fürs Ohr

Nur Max Heller blieb und bleibt die Konstante in dieser Konstellation. Polizist aus Überzeugung, Gerechtigkeitsfanatiker sowie Gefühlsunterdrücker. Verantwortungsvoller Vater und blitzgescheiter Ermittler, der mit keiner Situation überfordert scheint. Mensch ohne Vorurteile, zweifelnd mit der eigenen Rolle hadernder Opportunist der Systeme in den Wellenbewegungen politischer Indoktrination und mehr als verlässlicher Partner für seine Kollegen. Wenig kompromissbereit bei der Wahrheitssuche, verbissen bei seiner Jagd nach Mördern und sonstigen Kriminellen, Workaholic mit sozialen Defiziten und in der Tiefe des Herzens, vor allen verborgen, liebend, vermissend und darunter leidend, seine beiden Söhne in getrennten Staaten zu wissen. Max Heller.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Frank Goldammer hat augenscheinlich einen letzten echten Sheriff in seine High-Noon-Szenarien geschrieben. Von Gerechtigkeit getrieben, unfähig, Gefühle offen in sein Leben zu tragen, von vielen um seine Gradlinigkeit beneidet, gefürchtet und doch als Einzelkämpfer auftretend, wenn es darum geht, im Finale auf offener Straße für das Recht alles zu riskieren. Man ist oft an die guten alten Western erinnert, wenn wir Max Heller in diesem historischen Setting beobachten. Mag die Welt auch untergehen, mag das Leben auf der Kippe stehen. Er ist der tapfere Texas Ranger mit der Polizeimarke. Der letzte Aufrechte. Das einzige Gegengewicht auf der Wippe zwischen Gut und Böse. Das Zünglein an der Waage der Wahrheit. Nicht korrumpierbar. Eigentlich ein Held.

Wäre da nicht der große Makel seines Lebens. War er Teil der Nazi-Exekutive im Dresden vor dem Untergang? Wäre er nicht noch ermittelnder Teil der Diktatur, hätte sie den Krieg gewonnen? War er nicht zur Zusammenarbeit mit den Siegern bereit, nur um Polizist bleiben zu können? Wäre es ihm nicht egal gewesen, ob sie kommunistisch oder demokratisch gewesen wären? War er nicht jetzt, im Jahr 1951, offizieller Vertreter der neuen Staatsmacht einer sozialistischen Regierung? Hatte er sich nicht mit wahrlich jedem Teufel arrangiert, der ihn fütterte, damit er in Ruhe seinem Beruf nachgehen und Polizist bleiben durfte? Hatte er sich nicht innerlich bereits damit abgefunden, mit allen Geheimdiensten gemeinsame Sache zu machen, wenn es darum ging, auch politische Verbrechen aufzuklären? Max Heller. Gefangen in einem mephistophelischen Konflikt. Seele verkauft. Berufung gefunden?

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Es wird immer schwerer, an seiner Seite zu bleiben, weil Frank Goldammer genau diesen Konflikt in seinen Kriminalfällen auf die Spitze treibt. Fälle, in denen es für mich schon lange nicht mehr um die Aufklärung von Verbrechen geht. Fälle, die zeigen, wie zerrissen derjenige ist, der hier als Hüter für Recht und Ordnung ermittelt, bis er die Schuldigen dingfest gemacht hat. Fälle, die eigentlich nur das kriminelle Beiwerk für die philosophisch menschliche Betrachtung eines Charakters sind, in den man sich so gut hineinversetzen kann. Max Heller wirft Fragen auf, die mich heute beschäftigen. Wäre ich selbst bereit, die Lieder verschiedener Systeme zu singen? Hätte ich eine Wahl, als Vater und Ehemann? Bliebe ich auf der Strecke oder würde ich im inneren der Systeme als Gegengewicht zum Pendelschlag der Macht wirken wollen. Mehr als ein Krimi. Viel mehr.

Ich weiß schon, wohin mich Frank Goldammer mit seinen Büchern treibt. Ich sehe die Zeitscheiben vor mir, die unaufhaltsam auf mich zurasen. „Roter Rabe“, der vierte Band der Max-Heller-Reihe wurde für mich zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Keine Chance, der neuen DDR zu entkommen, keine Chance, sich dem Weltbild zu entziehen oder ihm offensiv zu entsagen. Keine Möglichkeit, bei aller Integrität unbelastet zu sein. Max Heller hat nur eine Chance, wenn er sich selbst im Spiegel betrachten möchte. Er muss DER GERECHTE bleiben, egal, welche Welt ihn umgibt. Gerade in „Roter Rabe“ wird dies wichtiger als jemals zuvor. Er hat gelernt. In seinem Inneren weiß er Gut und Böse zu unterscheiden. Er geht seinen Weg, auch wenn die Morde, die in Dresden um sich greifen, nicht fassbar, weil unfassbar sind.

Max Hellers Charakter bleibt der große literarische Konflikt, den wir Leser mit ihm gemeinsam auszutragen haben. Der Zweck heiligt niemals die Mittel und ich befürchte, dass man ihn eines Tages genau an dieser Achillesferse tödlich verletzen wird. Er hätte es kommen sehen müssen. Auch jetzt…

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Seine Ostseeurlaube sind inzwischen genehmigungspflichtig. Im Kollegenkreis hat man das Gefühl bespitzelt zu werden, seine eigene Frau befindet sich, ein Sakrileg, im westlichen Teil Deutschlands, um den gemeinsamen Sohn Erwin zu besuchen und die Pflegetochter Annie dient nur noch als Faustpfand für Karins Rückkehr. Und noch dazu gehört ihr zweiter Sohn Klaus inzwischen zum gar nicht so geheimen Geheimdienst der jungen DDR. Als dann auch noch zwei unter Spionageverdacht stehende Männer in der Haft Selbstmord begehen, fokussiert sich Max Heller, blendet alles Irrelevante aus und stürzt sich in die Arbeit. Karin? Ein dauernder Schmerz der Sehnsucht ganz tief und gut verborgen. Annie? In guten Händen, so denkt er. Der Rest? Wird sich finden, das hofft Max Heller.

Zeugen Jehovas. Die beiden Selbstmörder. Und der Suizid offensichtlich alles andere als ein Freitod. Heller ermittelt im Umfeld von Menschen, die zu einer anderen Zeit, im gleichen Land, von anderen Machthabern in Lager deportiert und liquidiert wurden. Er wird mit Menschen konfrontiert, die Gewalt ablehnen, auch jene gegen sich selbst. Ein Selbstmord scheidet für ihn aus. Er beginnt, nicht nur für sich, sondern auch gegen das System zu ermitteln, dem er eigentlich dient. Es sind nur ganz lose Fäden, die Heller in Händen hält. Und doch deuten sie auf Zusammenhänge hin, die in einer unglaublichen Dynamik über die Ufer treten. „Eine Flut wird kommen“. Diese Nachricht findet man in den Händen eines weiteren Opfers. Wo und wie Max Heller auch nachforscht, es wirkt, als wäre ihm jemand immer einen Schritt voraus. Die Liste der Zeugen entspricht schon bald der Liste der Menschen, die beseitigt werden, kaum, dass Heller sie aufsucht.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

„Roter Rabe“ ist ein höchst investigativer Krimi, der sich in dieser Art und Weise nur in der beschriebenen Zeit und am gewählten Ort abgespielt haben kann. Das Klima für Spionage und Gegenspionage, verknappte Rohstoffe und Wirtschaftsdelikte, Verfolgungsszenarien gegenüber den alten Sündenböcken aus früherer Zeit, Chancen, Identitäten in den Nachkriegswirren abzustreifen und ein Staatssicherheitsdienst, der in allem und jedem eine Gefahr sieht. All dies sind authentische Rahmenbedingungen für den Moment, in dem ein „Roter Rabe“ zuschlagen kann. Gerüchte von einer Bombe in Dresden machen die Runde, Fake-News grassieren, Leichen werden gestohlen, um an Särge zu kommen, die eigenen Kollegen geraten ins Fadenkreuz der Spionageabwehr und über allem schwebt das Damoklesschwert, Hellers Frau könnte sich in den Westen abgesetzt haben. Wenn das keine Flut ist, die kommt, dann weiß ich es nicht. 

Das Szenario ist komplex. Frank Goldammer verliert jedoch keinen seiner Fäden aus dem Blick. Darauf kann man sich verlassen. Ebenso, wie man sich auf Charaktere verlassen kann, denen man seit Jahren folgt. So spannend die Ermittlungsarbeit Hellers auch wieder ist, viel spannender ist und wird sein schwelender innerer Konflikt bleiben. Wir werden sehen, was mit ihm passiert. Es ist kein Ende abzusehen und Potenzial für weitere Heller-Fälle ist ausreichend vorhanden. Die Zeitscheiben liegen bereit. Deutsch- Deutsche Geschichte. Was für ein Tummelplatz für künftige Bücher und Hörbücher. Ich werde weiterlesen und auch -hören. Heikko Deutschmann bleibt für mich die Stimme dieser grandiosen Reihe…

Hier geht’s zu allen Bänden. Es ist Heller in der kleinen literarischen Sternwarte.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Wenn das nicht spannend ist: Uwe Rennicke mit der Replique zu meiner Rezension. Natürlich auf Litterae DresdensisWas für ein Spaß. Bloggerfreunde eben… 😉

Der „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ von Philip Wilkinson

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Bald ist es wieder soweit. Das Weihnachtsfest steht ins Haus und die Frage aller Fragen, welches gute Buch ich mir selbst und anderen schenken kann, beschäftigt uns intensiv. Dabei ist es nicht so leicht, Büchermenschen zu überraschen. Zwar kennt man ihren Literatur-Geschmack, weiß aber nie so ganz sicher, ob das mit Herzblut gewählte Geschenk nicht schon im Besitz des zu Beschenkenden ist. Also lässt man das gewagt anmutende Spiel und verschenkt Buchgutscheine, was kaum kreativ, aber unpersönlich ist. Ich möchte euch ein paar Bücher vorstellen, die man mit gutem Gewissen schenken kann. Erstens, weil die Zielperson für das Buchgeschenk nicht dazu neigt, sich selbst in literarischer Hinsicht besonders zu verwöhnen (bibliophile Menschen gelten als äußerst genügsam) und zweitens, weil die vorgestellten Bücher als BreitbandAntiLibrotikum in der Lage sind, selbst festgefahrenste und genre-fixierte Bücherfreunde zu begeistern.

Diese Rezension kann bei Literatur Radio Bayern gehört werden.

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke - AstroLibrium

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke bei Literatur Radio Bayern

Verschenkt keine Bücher. Verschenkt literarische Visionen. Lasst keine Luftballons fliegen, startet Trägerraketen voller Inspiration. Verschenkt solche Bücher, die man sich nicht selbst kauft. Das Literatur-Budget ist meist knapp und man neigt eher selten dazu, im gebundenen Luxus zu schwelgen. Dabei ist die Liste der zu lesenden Bücher viel zu lang, als dass man sich mit Buchkunstwerken beschäftigt. Heute möchte ich den ersten Tipp für ein erlesenes Weihnachtgeschenk an euch weitergeben. Fantasie, die niemals nur fantastisch blieb. Visionen, die man zum Teil mit Händen greifen kann und Ideen, in die man sich jederzeit verlieben kann. All dies findet ihr in einem hochwertig gestalteten Atlas, der Luftschlössern eine Heimat gibt und sie in unserer Fantasie verankert…

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Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Der Atlas der nie gebauten Bauwerke ist ein Tummelplatz der architektonischen Visionen. Ein wahrer Prachtband der hochfliegenden Träume, die von der Realität der Baustoffe und der Statik eingeholt wurden. Nichtsdestotrotz sind es Traumgebäude, die oftmals den Weg für echte Bauwerke ebneten. „Think big“, lautet die Devise visionärer Geister. Minimalistisch kommt man nicht voran im Leben. Visionäre Geister müssen im Aufwind ihrer Inspiration fliegen und frei träumen dürfen. Die Machbarkeit steht oftmals im Hintergrund, wenn Grenzen des Vorstellbaren überschritten werden sollen. Realität nennt man dann die brutale Fallhöhe, aus der ein Traum auf den Boden stürzt und sich in einem etwas kleineren Maßstab verwirklicht.

Dieser prachtvoll illustrierte und bebilderte Atlas beinhaltet 50 dieser Träume. Es sind Entwürfe von Architekten, die ihrer Zeit weit voraus waren. Zeichnungen, Modelle oder Skizzen zu Bauwerken, die der Gestaltungsfreiheit allen Raum gaben, gleichzeitig jedoch der Realisierbarkeit den architektonischen Mittelfinger zeigten. Höher, gewagter, bunter, fantasievoller und prächtiger als alles bisher von Menschenhand erbaute sollten die hier versammelten Gebäude werden. Sie blieben zumeist Phantome, verworfen von denjenigen, die der Fantasie mit Formeln und Berechnungen Fesseln anlegten. So sind heute nur noch die Entwürfe zu bestaunen. Sie wirken nicht nur als Experiment auf uns. Wir erkennen schnell, was sie zum Teil bewegt haben. Wir kennen Gebäude, die es nie gegeben hätte, ohne diese Traumvorbilder. Eine Lehre fürs Leben. Geistesgeburten, so unmöglich sie auch erscheinen mögen, sind Geburtshelfer der modernen Welt.

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Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Ein gefundenes Fressen für Literaten. Sind wir doch weit rumgekommen in unserem Lesen. Wir haben sie in den großen Romanen fast physisch vor unseren Augen gehabt. Die gewagten Kathedralen der Renaissance; die Paläste der großen Herrscher; Hotels der größten Metropolen dieser Welt; königliche Pracht- und Machtbauten; Bibliotheken und Museen ungeahnter Größenordnungen; Hochhäuser und Wolkenkratzer; Brunnen, Aquädukte und Triumphbögen längst vergangener Herrscher und in der Fantasy-Welt der großen Autoren betraten wir Traumstädte, utopische Gebäude-Illusionen und viele Orte, die es wohl auch in ferner Zukunft so nicht geben wird. Wir sind wahrlich gut auf den „Atlas der nie gebauten Bauwerke“ vorbereitet. Wir denken gerne groß und sind neugierig auf das Unmögliche.

Wer heute die St-Paul´s-Cathedral in London besucht, die zahllosen Treppen bis zu ihrer Kuppel emporsteigt und die unglaubliche Weite unter sich wahrnimmt, der kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wenn man London besucht und gefragt wird, von wem jenes oder welches Gebäude erbaut wurde, dann liegt man mit der pauschalen Antwort „Sir Christopher Wren“ zu 80 Prozent richtig. Er war Visionär und Autodidakt. Der Zeit weit voraus und nach dem großen Brand in London 1666 legte er Baupläne für eine der gewagtesten urbanen Neuordnungen vor, die man bis dato gesehen hatte. Interesse an den Plänen hatte niemand. Grundbesitz sollte nicht umverteilt werden und das Leben in der Stadt sollte so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden. Es ging um Geld und einen schnellen Neuaufbau. Wren hätte Plätze, Straßen und Gebäude für mehrere Jahre lahmgelegt. Ein Nogo. Was ihm blieb, war der Auftrag zum Bau einer Kathedrale.

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Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Hier ließ er seiner Fantasie und seinem Genie freien Lauf. Ein riesiges Holzmodell zeigt noch heute, wie er sich die St.-Paul´s-Cathedral eigentlich vorgestellt hatte. Mitten in London würde sich heute ein monströser Sakralbau in den Himmel erheben, dessen Ausmaße die reale Kathedrale im wahrsten Sinne des Wortes in den seinen gewaltigen Schatten stellen würde. So blieb nur das Modell, eine Idee und viele Kompromisse, bis zur Verwirklichung eines berühmten Bauwerks. Philip Wilkinson erzählt diese und 49 weitere architektonische Geschichten. Er illustriert sie mit den Blaupausen und Skizzen, Bauplänen und Fotografien, die diesen gewagten Utopien helfen, sich in unserem Geist festzusetzen. Wir fühlen uns, als dürften wir darüber entscheiden, ob die Pläne Realität werden könnten. Ein wundervolles Leseerlebnis voller visueller Highlights.

Und so geht es weiter im Atlas. Man lässt sich mitreißen und treiben, schmunzelt und staunt gleichermaßen. Die Geschichten dieser ungebauten Gebäude verankern sich tief in unserem Gedächtnis. Wer schon jetzt neugierig auf die „Walking City, eine Kuppel über Manhattan, den Watkin`s Tower, den triumphalen Elefanten, Wohnungen auf Brücken oder den Tour Sans Fin ist, der ist bereit für diesen Atlas. Und wenn ihr euch in eurem belesenen Umfeld umschaut, dann fallen euch zahllose Freunde ein, die sich mit einem solchen Prachtband in die Welt der Visionen und Luftschlösser träumen und dort frei fliegen können. Ich kann diesen Prachtband wärmstens empfehlen. Ich selbst zelebriere mein Lesen. Ich umgebe mich gerne mit Büchern, weil sie meinen Lifestyle prägen. Mit diesem Atlas lässt sich das Lesen vortrefflich feiern.

Nun gut, für Menschen, die auf der Baustelle des Berliner Flughafens arbeiten, ist dieses Buch sicher nicht das geeignete Geschenk. Dies aber nur am Rande.

Atlas der nie gebauten Bauwerke - Philip Wilkinson - AstroLibrium

Atlas der nie gebauten Bauwerke – Philip Wilkinson

Wo wir schon mal bei Gebäuden sind, können wir auch gleich einen Blick auf ein weiteres Prachtbuch werfen, in dessen Mittelpunkt das ewige Leuchtfeuer magischer Bauwerke seine Kreise zieht. „Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme“ eignet sich ebenso perfekt als Weihnachtsgeschenk, weil sich dieser Foliant an unsere Lesevorlieben schmiegt, wie ein Lichtschweif am Horizont. Leuchtturm-Lesen. Wer hat das noch nicht erlebt. Hier geht´s zu meiner Buchvorstellung.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Noch mehr unmögliche Atlanten bei dtv… Kein Problem, wie es scheint…

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Unmögliche Atlanten…

Weitere Empfehlungen für den Gabentisch folgen… Blind Date inklusive.

„Ein einfaches Leben“ von Min Jin Lee

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Wer könnte die Teilung eines Landes besser nachvollziehen, als wir? Wer könnte sich intensiver in die Menschen hineinversetzen, deren Heimat sich in mehrere politisch ausgerichtete Systeme aufspaltet, Familien trennt, Mauern errichtet und sich bis an die Zähne bewaffnet an der gemeinsamen Grenze gegenübersteht, wenn nicht wir? Wenn wir heute Bilder aus Nord- und Südkorea sehen, den Nachrichten folgen, und dabei nur flüchtig an unsere eigene geteilte Vergangenheit denken, dann steht uns Korea näher, als so manches andere Land dieser Erde. Die literarische Aufarbeitung unserer Mauer-Zeit ist inzwischen eine zeitgeschichtlich geprägte Rückblende auf Überwundenes. Ein Roman über eine koreanische Familie im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist hingegen im engsten Sinne ein Generationenroman, der im faktisch geteilten Heimatland endet. Der Status quo von Nord- und Südkorea ist unverändert. Zerrissen.

Ein einfaches Leben heißt der Roman der koreanischen Autorin Min Jin Lee, der auf 550 Seiten alles beschreibt, nur eben nicht das einfache Leben im Sinne von leicht. Min Jin Lee spannt ihren Generationenbogen von 1910 bis zum Jahr 1989. Was für ein Zufall, gerade für deutsche Leser, da genau in diesem Jahr die deutsche Teilung in den Geschichtsbüchern erstmals als „überwunden“ bezeichnet werden konnte. Mehr als 20 Jahre hat die Autorin an diesem Buch gearbeitet. Sie, die geborene Südkoreanerin, die 1976 im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in die USA auswanderte, ein Studium in Yale absolvierte und erfolgreich als Anwältin arbeitete wirft nun einen präzisen Blick auf „Ein einfaches Leben“. Das Ergebnis ihrer literarischen Auseinandersetzung mit ihren eigenen Wurzeln ist ein einfacher Roman. Und das im besten Sinne des Wortes.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

„Ein einfaches Leben“ meint im eigentlichen Sinn ein bescheidenes Leben ohne große Ansprüche. Ein einfacher Roman hingegen ist ein leicht zu lesender. Ein Buch, an das man sich bestens anlehnen kann, weil es nicht überbordend eine andere Kultur in den Mittelpunkt stellt, weil die politischen Verwerfungen nicht das Zentrum darstellen, sondern ganz allein Menschen beschreibt, auf die man sich einlassen kann, weil wir sie authentisch und plausibel erleben. Ein empathisches Buch ohne Migrationshintergrund. Korea mit vielen multikulturellen Verwerfungen wird uns kaum mehr näherkommen, als in diesem Roman, der überall auf der Welt spielen könnte, wo Menschen ihr Heil in der Flucht suchen. Dabei ist dieser Roman kein koreanischer Roman im engsten Sinne. Er spielt in Japan. Dem Fluchtpunkt für Koreaner, die auf der Suche nach dem einfachen Leben Asien nicht den Rücken kehren wollten oder konnten.

Min Jin Lee legt uns ein bewegendes Familienalbum in die Hände mit dem wir sehr behutsam umgehen sollten. Es fühlt sich an, wie das Erbe, das sie selbst nicht antreten konnte, weil sie zu den Auswanderern gehörte, denen das Privileg eines Neubeginns in den USA geschenkt wurde. Ganz anders jedoch erging es den Koreanern, die im Laufe der Zeit nach Japan flohen. Und dieses Land hatte viele Worte für die Geduldeten, jene Flüchtlinge ohne Rechte und Status. Gaijin bedeutet Mensch von außerhalb und damit auch gleichzeitig Außenseiter. Zainichi umfasst Ausländer mit Wohnsitz in Japan. Was beiden Begriffen gemein ist, umfasst den diskriminierenden und durchaus rassistischen Aspekt der Ausgrenzung. Das Leben als Underdog war für Koreaner vorprogrammiert. Sicher kein einfaches Leben.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Die Leben, von denen Min Jin Lee erzählt, sind erzählenswert. Es sind die kleinen Geschichten, die in der Lage sind das Schicksal ganzer Familien zu verändern. Es sind die kleinen Fehltritte im Leben, die der Weichenstellung für folgende Generationen eine neue Richtung geben. Es ist das Mädchen Sunja, das sich diesen Fehltritt erlaubt. Ihre uneheliche Schwangerschaft tritt die Welle los, die 1910 in einem kleinen koreanischen Fischerdorf ihren Anfang nimmt und die gesamte Familiengeschichte bis ins Jahr 1989 ins japanische Yokohama trägt. Ein Nordkoreaner springt als Sunjas Ehemann ein, um ihre Ehre zu retten. Ihn begleitet das junge Mädchen nach Japan, um fortan als doppelt Außenseitige zu leben. Koreanerin und durch die Heirat mit Isak auch noch Christin. In Japan genügt das für den lebenslangen Stempel: „Ihr gehört nicht dazu!“ 

Min Jin Lee nimmt uns mit in eine facettenreiche Geschichte, die von inniger Liebe, Loyalität, Gefühl, Bescheidenheit, grenzenlosem Stolz und familiärem Zusammenhalt in allen Lebenslagen geprägt ist. Sunja bleibt unsere konstante Wegbegleiterin. Sie bricht mit allen Konventionen, und stellt doch das von ihr erwartete tradierte Frauenbild nie in Frage. An ihrer Seite sehen wir ihre Söhne Noa und Mozasu aufwachsen und erleben, welche Lebenswege ihnen vorbestimmt sind. Wir verzweigen uns in den Familienästen, die 1910 am Strand in einer leidenschaftlichen Stoßwelle wurzeln. Keiner dieser Äste lässt den Spannungsbogen der Geschichte abflachen. Mit jedem Nachkommen Sunjas werden wir sofort warm. Wir kennen ihre Herkunft, ihren tiefen Stolz und erkennen, wie schwer es für sie ist, eigene Wege zu finden. Ehen, Kinder, Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Mobbing begleiten sie durch alle Zeitscheiben der grandiosen Erzählung.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Sunjas Nachkommen machen ihr kleines großes Glück. Immer umweht vom Hauch der Illegalität, immer auf der Gratwanderung zwischen Anpassung und Abschiebung. In jeder historischen Epoche, die wir an ihrer Seite durchschreiten sind es die Menschen, die Min Jin Lee uns näherbringt. Das geteilte Korea, ein Weltkrieg, Atombomben und politische Verwerfungen bilden den Rahmen des Familienepos, nicht jedoch den Kern. Sprachlich bleibt die Autorin auf der Höhe ihrer Protagonisten. Einfach und wesentlich. Nicht klischeehaft und schon gar nicht verschachtelt kompliziert. Sie erzählt eine starke Geschichte, die überall auf der Welt beheimatet sein könnte, wo Heimaten zerrissen im Wind flattern.

Wir fühlen uns der Familie Sunjas verbunden. Es gelingt der Autorin, Empathie für ihre Kinder, Enkel und Urenkel zu wecken und am Leben zu halten. Wir lernen auf dem gemeinsamen Weg viel über eine verborgene Kultur, ohne das Gefühl zu haben es mit einer literarischen Lehrmeisterin zu tun zu haben. Wir empfinden den gleichen Stolz auf eine Herkunft, die von den Japanern mit Füßen getreten wird. Und wir erkennen, dass man manchmal auch mit Glücksspiel am Rande der Legalität sein Glück machen kann. Bewegend ist und bleibt für mich, dass der uneheliche Erzeuger von Sunjas Sohn Noa, trotz seiner Ablehnung das Mädchen zu heiraten, bis an ihr gemeinsames Lebensende wie ein guter Geist an ihrer Seite bleibt. Unsichtbar, verborgene Fäden ziehend und tief bereuend, sich damals am Strand anders entschieden zu haben. Und immer gegen den Stolz der Frau, Mutter und Großmutter ankämpfend, den sie niemals ablegen kann.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee – AstroLibrium

Ein wundervoll erzählter Roman, dem es jederzeit gelingt, die Gefühlsebene nicht zu verlassen. Ein einfacher Roman, der genau durch seine Einfachheit Wurzeln im Herzen der Leser schlägt. Ein Augenöffner gegen Diskriminierung und Vorurteile. Ein perfektes Buch, das aus einer Zeit in unsere Zeit gefallen ist. Besonders beeindruckend für mich ist auch die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag. Mit Gabriele Blum wurde eine Sprecherin gefunden, die in den leichten Untertönen am Rande des gesprochenen Wortes den Hauch von Korea in unser Hören trägt. Ihr leicht gehauchtes „NE“ am Ende eines Satzes schleicht sich tief ins Herz des Hörers und lässt ihn nicht mehr los. Sunja und die starken Frauen dieser Geschichte erhalten in dieser Adaption eine brillante und tragfähige Konturierung.

Am Ende ist man zwar am Ende angelangt. Wir wissen jedoch, dass der Konflikt der beiden getrennten koreanischen Staaten das Schicksal der Enkel und Urenkel Sunjas weiter durchs Leben begleiten wird. Wir wissen, dass die Heimatlosigkeit zur Stellgröße einer Zukunft in Japan wird. Und wir haben ein Gefühl dafür bekommen, wie wichtig es ist, den Mikrokosmos gegen den Makrokosmos Umwelt bis zum Letzten zu verteidigen. Es ist mir leichtgefallen, „Ein leichtes Leben“ zu lesen und zu hören. Es war gar nicht leicht, die Geschichte zu verlassen. Und richtig schwer wird es sein, bei künftigen News aus Nord- oder Südkorea nicht an ein junges Mädchen zu denken, das sich vor hundert Jahren am Strand eines kleinen koreanischen Fischerdorfs von ihrer Leidenschaft und der Gutgläubigkeit treiben ließ und zum Treibgut dieser Geschichte wurde.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

„In der Nacht hör´ ich die Sterne“ von Paola Peretti

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

140 Schritte…

Das ist die Entfernung zwischen der neunjährigen Malfalda und ihrem Baum. Auf diese Distanz kann sie den Kirschbaum gerade noch erkennen. Schemenhaft. Malfalda droht zu erblinden. Wie dichte Nebelschleier schieben sich große schwarze Flecken vor ihre Pupillen. Malfaldas Nebel heißt Stargardt-Nebel und wird immer dichter. Sie muss immer näher an Dinge herangehen, um sie noch zu erkennen. Sechs Monate geben ihr die Ärzte noch, bis die schwarzen Flecken das Augenlicht für immer verdunkeln. Schritt für Schritt wird die Distanz zwischen ihr und dem Baum geringer. Der Countdown ihres Sehens und Erkennens läuft unerbittlich ab. Malfalda wird bald erblinden…

100 Schritte

Die italienische Schriftstellerin Paola Peretti lebt mit diesem Countdown. Im Alter von 17 Jahren wurde bei ihr der Morbus Stargadt diagnostiziert, eine ererbte Form der Makula-Degeneration. Seitdem weiß sie, dass es irgendwann unwiderruflich dunkel um sie herum wird. Heute, im Alter von etwas mehr als dreißig Jahren, muss auch sie sich den Menschen immer weiter annähern, um sie zu erkennen. Auch sie muss die Distanz verringern. Auch Ihr Sehen spielt sich im Countdown der abnehmenden Entfernung ab. Wer, wenn nicht Paola Peretti, kann sich also besser in Malfalda hineinversetzen? Wer könnte einen Roman über ein erblindendes Mädchen besser schreiben als sie? Wer ist in der Lage, Lesern dieses Gefühl der zunehmenden Verdunkelung näherzubringen?

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

80 Schritte…

In der Nacht hör´ ich die Sterne“ heißt der bewegende Roman von Paola Peretti, in dem sie uns an die Hand nimmt und die Distanz zur kleinen Malfalda verringert. Wir müssen ganz nah an Menschen herangehen, um sie zu erkennen. Nicht das Äußere ist hier von Bedeutung. Nur die Nähe lässt uns erkennen mit wem wir es tun haben. Paola Peretti schärft unsere Sinne für ein Mädchen, dem einer der wichtigsten Sinne verloren geht. Wir werden Wegbegleiter eines dramatischen irreversiblen Countdowns und sind doch zumeist selbst blind für das Schicksal anderer Menschen. Empathie ist die zentral angelegte Botschaft dieses Romans, der so viel mehr ist, als nur ein Roman.

60 Schritte…

Wenn wir Malfalda folgen, erleben wir ihre verzweifelte Suche nach den wichtigen Dingen im Leben, die sie noch so gerne erleben möchte, solange sie sieht. Wir erleben, wie sie Listen befüllt, Wünsche formuliert und diese verwirft, wenn sie mal wieder einer Realität ins Auge blicken muss, die sich nebulös vor ihr entfaltet. Wir erkennen mit ihr, dass die Suche nach wahren Freunden, die sogar bereit sind, die Dunkelheit zu teilen von elementarer Wichtigkeit ist. Und wir lernen den jungen Filippo kennen, der sich gut vor den Augen seiner Mitmenschen zu verbergen weiß, der in der Tiefe seines Herzens jedoch der perfekte Freund für Malfalda wird. Wir treffen auf Menschen, die ihr den Tag erleichtern. Selbstlos und selbstverständlich. Sie setzen die Maßstäbe, wie Verständnis und Hilfe aussehen kann.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

40 Schritte…

Malfalda heilt uns von unserer sozialen Blindheit. Sie zeigt uns auf, wie man gegen Dunkelheit ankämpfen kann. Sie spielt mit Metaphern und Bildern, die sich tief in unser Lesen einbrennen. Sie fokussiert, was doch eigentlich zu verschwimmen droht. Und sie zeigt auf, wie wichtig die Literatur sein kann, wenn man nach Halt sucht. Ohne Antoine de Saint-Exupéry könnte Malfalda nicht leben, weil „Der kleine Prinz“ ihr vorlebt, was für sie zur Selbstverständlichkeit werden wird. Hier wird der Roman zur Hommage, zur Liebeserklärung an den kleinen Prinzen, weil wir an der Seite von Malfalda auf ein Zitat stoßen, das erstmalig in dieser Tragweite greifbar wird.

„Hier ist mein Geheimnis. Es ist sehr einfach. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unverzichtbar.“

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

20 Schritte… 

Ein großer Roman und wichtiger Roman, der zum wahren Sehtest für unser Herz wird. Ich habe mich mit diesem Roman aufs freie Feld begeben. Ich habe schrittweise die Distanz zu einem Baum verringert, um mich in Malfalda hineinversetzen zu können. Ich habe eine Liste der wichtigsten Dinge verfasst, die ich noch gerne sehen würde. Ich habe mir überlegt, wie man Menschen in solchen Situationen helfen kann und ich habe den kleinen Prinzen neben „In der Nacht hör` ich die Sterne“ gelegt, weil beide Bücher einfach zusammengehören. Ich habe mit Malfalda gelitten, gehofft und Kraft geschöpft. Ich kann Euch dieses Buch und seine gelungene Hörbuchfassung nur ans Herz legen.

Ein Hörbuch von Der Audio Verlag, bei dem es der Sprecherin Jodie Alhorn gelingt, die Distanz zwischen uns und der Geschichte mit jedem brillant betonten Satz immer weiter zu verringern, bis wir in ihrem Kern ankommen. Brillant gelesen. Malfalda lebt.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

10 Schritte…

Und doch stört mich eines an diesem Roman. Es ist der deutsche Titel, der im Buch keine Entsprechung findet. Der italienische Originaltitel heißt „La distanza tra me e il ciliegio”. Die Distanz zwischen mir und dem Kirschbaum. Dem wurde auch in der englischen Fassung entsprochen. Hier kommt der Buchtitel auf den Punkt und verleitet nicht zu der irrigen Annahme, wir hätten es gegebenenfalls mit einer Lovestory zu tun. Lasst Euch vom Titel nicht abschrecken. Verringert die Distanz zwischen Euch und der Geschichte. Lasst sie zu. Dann werdet Ihr feststellen, dass Paola Perettti einer großen und relevanten Geschichte dazu verholfen hat, das Licht dieser Welt zu erblicken, weil sie den Stargardt-Nebel durchstößt.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

1 Schritt…

… trennte mich von Paola Peretti. Ich begegnete ihr auf der Frankfurter Buchmesse, erlebte eine sehr lebenslustige und sympathische Autorin und sah doch ganz tief in ihr die kleine Malfalda verborgen, über die sie so bewegend schrieb. Sie brauchte Distanz zu ihrer Protagonistin, um letztlich auch über sich selbst erzählen zu können. Sie fand den Abstand im großen Altersunterschied. Diese Distanz schwindet von Seite zu Seite. Wir realisieren mit sehenden Augen, welche Geschichte sich hier wirklich Bahn bricht. Das macht sie umso bemerkenswerter und wichtiger für unser Lesen.

0 Schritte…

… trennten mich am Ende der Begegnung von Paola Peretti. Ich schenkte ihr eine meiner kleinen Büchereulen. Doch diesmal suchte das Eulchen nicht nach einer neuen Hüterin, sondern versprach, mit ihren scharfen Eulenaugen fortan auf Paola Peretti zu achten. Rosali ist in guten Händen, wie man auf den Bildern sehen kann. Sie hat dazu beigetragen, dass die Distanz zwischen der Autorin und mir sich gänzlich auflöste. Für mich der schönste Moment der Frankfurter Buchmesse 2018. Jetzt fliegt zum nächsten Buch und passt auf Euch auf! Danke für diese Begegnung, Stefanie Broller, dtv und Paola. Ich werde das nie vergessen…

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

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