„Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg - AstroLibrium

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg – AstroLibrium

Wie fühlt man sich so als fünftes Rad am Wagen? Die Fachsprache bezeichnet es als Ersatzrad. Etwas im eigentlichen Sinne Überflüssiges, zumindest so lange, bis man im Notfall darauf zurückgreifen kann. Erst dann bemerkt man, wie lebenswichtig es sein kann, ein Rad in Reserve zu haben. Wie man sich als Mensch fühlt, in eine solche Rolle gedrängt zu werden, hat vielleicht jeder für sich in seinem Leben erlebt. Es ist kein allzu schönes Gefühl im Leben eines anderen Menschen nur dann wichtig zu sein, wenn Not am Mann (oder an der Frau) ist.

Johanna kennt dieses Gefühl nur zu gut. Eigentlich hätte sie alles, um im Leben von Boris die Hauptrolle zu spielen. Sie verstehen sich gut, können sich stundenlang und in aller Tiefe unterhalten. Gefühle sind auch vorhanden und doch hakt es zwischen ihnen. Es ist die Summe der verpassten Gelegenheiten, die aus Johannas Wunschtraum von Liebe eine nicht aufzulösende Ungleichung macht. Es sind die wenigen Zentimeter, die sie von einem ersten Kuss trennen, es sind die nicht genutzten Chancen, die Wahrheit gesagt zu haben. Und es ist die Unbekannte in der Ungleichung, die das Leben schwer macht. Ana-Clara.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Johanna entscheidet sich für einen Weg, der für sie die schlimmste aller Alternativen darstellt und zumindest ein wenig Nähe zu Boris garantiert. Sie fügt sich in die Rolle als Reserverad. Sie ist immer dabei, nicht wichtig genug für eine Hauptrolle, ungeliebt und im Stillstand, während Boris und Ana-Clara auf Hochtouren umeinander kreisen. Immer in der Hoffnung, Boris möge doch irgendwann erkennen, wer wirklich zu ihm passt, wer sein Leben in Schwung hält und was er Johanna bedeutet. Keine schöne Position, das eigene Sehnen im Kofferraum der Beziehungskiste anderer Menschen zu verbringen.

Wer an dieser Stelle der Meinung ist, es handele sich hier um eine archetypische Coming-of-Age-Geschichte, den kann ich beruhigen, denn es ist in Teilen wahrlich so. Wer jedoch denkt, es hier mit einer schablonenhaft erzählten Story einer unglücklichen Jugend vor sich hin pubertierender Teenager zu tun zu haben, der sieht sich getäuscht, wenn er sich mit dem Schriftsteller und der eigentlichen Geschichte hinter den Kulissen auseinandersetzt. „Das Licht und die Geräusche“ von Jan Schomburg ist in jeglicher Sicht ein Roman über Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Hoffnung. Dieser Roman ist ein aufrichtiger und wundervoll zu lesender Entwicklungsroman dreier Menschen, die in unterschiedlichen Konstellationen an- und aufeinanderprallen.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Und doch verbirgt sich hinter der Leichtigkeit des Schreibens eine Bildhaftigkeit, in der man lesend wie in einem der Kinofilme von Jan Schomburg versinken kann. Es ist kein Drehbuch, das er hier geschrieben hat. Die Montagetechnik der Szenen und einige Überblendungen weisen aber deutliche Spuren eines kreativen Menschen auf, der eine Geschichte anders erzählen kann, weil er sie vor seinem geistigen Auge sieht. Und hier geht Jan Schomburg einen Weg der in sich gewöhnungsbedürftig ist, weil man sich ihm ausliefern muss.

Chronologisches Erzählen? Fehlanzeige! Schomburg zwingt die Leser seines Buchs im positiven Sinne zu einer intuitiven Adaption der Geschichte. Er löst den Verstand des Lesers von Zeitvorstellungen und blendet Situationen ein, die im Film als Rückblick und Ausblick vielleicht farblich vom Gesamtwerk abgehoben wären. Schomburg schreibt sie in einem Fluss. Auf Johannas Erinnerung an einen bestimmten Abend folgt der Dialog, der sich nur dort zugetragen haben kann. Und wenn wir diesen Dialog verlassen, fühlen wir uns ganz spontan wieder in den Erzählraum Schomburgs ein und können uns nach vorne bewegen.

Schomburgs Roman liest sich so intuitiv, wie wir unsere Smartphones bedienen. Man benötigt keine Bedienungsanleitung, kein Handbuch zum Buch. Lesend folgt man einer unsichtbar angelegten Fährte und kommt doch ganz individuell ans Ziel. Basis für dieses Lesevergnügen ist das Vertrauen in den Schriftsteller. Jan Schomburg zahlt es auf jeder Seite zurück.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Er fährt hier keinen wirren Zickzackkurs durch seine Geschichte. Er folgt vielmehr dem unausgesprochenen Wunsch bibliophiler Menschen, nicht kapitelweise in die tiefe Vergangenheit der beschriebenen Menschen einzutauchen, sondern sequenziell und in wohldosierten Flashbacks zu erfahren, was geschah und welche Auswirkungen es jetzt auf die Situation hat, in der man sich gerade befindet. Dieses intuitive Lesen ist eine der prägendsten Leseerfahrungen, die ich in letzter Zeit machen durfte.

Handlungsfäden verschwinden, tauchen auf, verweben sich neu und gewinnen an Bedeutung, weil man sie in sich wandelnden Kontexten anders interpretieren kann. Ein Schulausflug nach Barcelona, das scheinbar menschenunwürdige Verhalten eines ihrer Mitschüler, die Suche nach den Gründen hierfür, der Versuch einer Bestrafung und die vielen Augenblicke von Zweisamkeit unter dem Damoklesschwert der allgegenwärtigen Ana-Clara vermischen sich zu anscheinend eher losen Elementen einer Geschichte, die aus einer jeweils anderen Perspektive unglaubliche Zusammenhänge offenbaren.

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

So ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Boris auf der Suche nach Antworten auf die Fragen des Lebens verirrt und ausbricht. Sein Verschwinden ist der Weckruf für Johanna. Gemeinsam mit Boris` Eltern und der ewigen Konkurrentin beginnt die Suche nach der Liebe ihres Lebens. Und wieder nur als fünftes Rad am Wagen. Auch jetzt an der Seite der eigentlichen Freundin, die gar nicht so verzweifelt scheint, wie es vielleicht sein sollte. Island ist das gemeinsame Ziel und doch nur eine Etappe. Angst beherrscht die Gefühlswelt von Johanna, denn der letzte Brief von Boris schmeckte nach Abschied vom Leben.

„Irgendwie sehe ich kein Licht mehr und höre keine Geräusche…“

Dabei sind es genau „Das Licht und die Geräusche“ die das Leben so lebenswert machen und einen Menschen davon abhalten sollten, Selbstmord zu begehen. Das hat Johanna Boris anvertraut und die magischen Worte tragen den gesamten Roman und ganz intuitiv werden wir Zeugen einer auf den ersten Blick verstörenden Situation in der die Verzweiflung zweier Suchender ein Ventil findet. Ein emotionaler Vulkanausbruch in dem sich Ana-Clara und Johanna hemmungslos verlieren. Jan Schomburg überrascht und verstört zugleich, weil „Das Licht und die Geräusche“ in seiner Geschichte heller und lauter sind, als man es erwarten konnte.

„Das Licht und die Geräusche“ macht uns literarisch HELLHÖRIG…

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg

Versinken wir jetzt in geräuschloser Lichtlosigkeit? Keinesfalls. Es wird noch heller und lauter. Am 4. April ist Jan Schomburg im Literaturhaus München zu Gast. Er stellt dort sein Buch im Rahmen einer Lesung vor. Der perfekte Anlass, sich mit Mikrofon und Kamera dorthin zu begeben und von diesem besonderen Abend zu berichten. Ich freue mich schon jetzt, dies wieder mit meiner kongenialen Blogger-Partnerin Stephanie von Nur Lesen ist schönergemeinsam zum Herzensprojekt machen zu dürfen.

Und die Liste unserer Team-Reportagen ist schon recht ansehnlich. Sie reicht von Heidi Rehn, Alex Capus, Lily King bis zu Hannah Rothschild. Aber schaut selbst. Steffi hat sie mit feinem Auge zusammengefasst. HIER…

Jan Schomburg – Das Interview

Nach dem Lesen ist vor dem Interview

Ein geheimes Treffen in der Lobby des Hotels Cortina in München. Ein Interview mit Jan Schomburg im Ambiente eines stimmungsvollen Cafés und die abendliche Lesung im Literaturhaus München stellen den Schwerpunkt der Radioreportage für Literatur Radio Bayern dar. Folgen Sie uns zu einem Abend voller Licht und Geräusche, hören Sie uns zu und lesen Sie Steffis Artikel, der diesem PodCast das Krönchen aufsetzt.

Lesen Sie gut… Hier
Hören Sie gut… Hier

AstroLibrium – Nur Lesen ist schöner & Jan Schomburg

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„Nordnordwest“ – In Seenot mit Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Rezension lesen oder hören… Sie haben die Wahl…

Mit einem Klick geht es hier ab dem 1. Februar zur Radiorezension...

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Herzlich willkommen an Bord der „Slangevar“. Ich begrüße Sie im Namen unserer Besatzung und wünsche Ihnen schon jetzt eine bewegende literarische Kreuzfahrt der ganz besonderen Art. Wir starten bei denkbar ungünstigen Witterungsbedingungen im malerischen Hafen der nordfranzösischen Küstenstadt Saint Malo und segeln mit voller Kraft in Richtung Großbritannien. Die „Slangevar“ ist zwar nicht das Prunkstück unserer Ärmelkanalflotte, sie bietet auch nicht sonderlich viel Platz im Inneren, Sie finden weder sanitäre Einrichtungen (abgesehen vom WC-Eimer) noch eine gescheite Bordkombüse und sie befindet sich zugegebenermaßen in einem zutiefst jämmerlichen Zustand.

Ich bitte diese Rahmenbedingungen für Ihre Lesereise zu entschuldigen und hoffe auf Ihr Verständnis, da die drei Besatzungsmitglieder in der Kürze der Zeit kein anderes Segelboot gefunden haben, das sich so leicht stehlen ließ. Meine Bord-Crew steht unter dem bewährten Kommando von Lucky, einem jungen Kleinkriminellen, der sich auf der Flucht durch Frankreich befindet. Ersparen Sie mir bitte weitere Details zu den näheren Umständen hierzu. Darüber hinaus müssen Sie sich keine weiteren Namen merken. Ich weiß selbst nicht, wie die beiden anderen Crew-Mitglieder heißen. Der Kleine ist schon seit einiger Zeit Luckys Fluchtbegleiter und das Mädchen haben sie hier in Saint Malo aufgegabelt. Mehr müssen Sie nicht wissen.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Ach so. Vielleicht ist es doch interessant für Ihre Lesereiserücktrittsversicherung zu wissen, dass nur das Mädchen über rudimentäre Segelerfahrung verfügt. Mehr würde Sie zu Beginn unserer gemeinsamen Reise nur verunsichern. Glauben Sie mir. Vielleicht erfahren Sie ja während der Überfahrt ein wenig mehr von unserer Besatzung und können sich ein eigenes Bild über deren Beweggründe machen, die zu ihrer Flucht führen. Das Logbuch dieser Reise wird geführt von Sylvain Coher und die gebundenen Reiseunterlagen tragen die Prägung dtv auf dem sturmgepeitschten Schutzumschlag.

NORDNORDWEST“ – Mehr als unseren voraussichtlichen Kurs müssen Sie sich nicht merken. Es soll ja nur eine grobe Richtungsangabe sein. Ein Anhalt. Sie verstehen?

So, jetzt da Sie an Bord sind, kann ich die Maske fallen lassen! Schluss mit lustig. Sie sind mir genauso auf den Leim gegangen, wie ich dem Klappentext zum Buch von Sylvain Coher erlegen bin. Verrückte Idee, weiter Himmel, Irrfahrt, übermüdet, hungrig und geklauter Proviant. Was vielleicht nach einer kleinen abenteuerlichen Reise dreier junger Menschen klingt, die mit einem geklauten alten Segelboot über den Ärmelkanal schippern, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als literarische Hardcore-Story, in der alles anders ist, als es zuvor den Anschein hat.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Willkommen an Bord eines Seelenverkäufers. Willkommen zu einer Reise, die Sie in den Grundfesten Ihrer Leseleidenschaft erschüttern wird. Willkommen an Bord der alten „Slangevar. Sie wären nicht der erste Leser, der hier über Bord geht oder Stunden um Stunden an Leseseekrankheit leidet. Sie lesen hier auf Wellenbergen in Windstärke 12 und können von Glück reden, wenn Sie diesen alten Pott hier mit heiler Haut verlassen. Eines werden Sie jedoch sicher nie, dafür garantiere ich! Sie werden es in Ihrem Leben nicht bereuen, den Kurs „Nordnordwest“ eingeschlagen zu haben.

Sylvain Coher geht einen literarisch ungewöhnlichen Weg, um seinen Roman vom Stapel zu lassen. Bis auf Lucky anonymisiert er seine Protagonisten. Namenlos bleiben der Kleine und das Mädchen, grundlos bleiben ihre Motive für die gemeinsame Flucht in einem Segelboot. Nur weg. Raus aus Frankreich. Das muss genügen. Distanz entsteht, wo ich als Leser eigentlich lieber Nähe empfinden würde. Es fällt schwer, sich den drei Hauptcharakteren zu nähern, in sie hineinzublicken. Dieser minimalistische Ansatz aber ist es, der ihnen auch in der Geschichte das Überleben gesichert hat.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nur weil es Lucky und dem Kleinen bis hierher gelungen ist, unsichtbar zu bleiben, sind sie so weit gekommen. Das Mädchen bringt das fliehende Duo durcheinander. Sie ist es, die sich ihnen anschließt, sich in Lucky verliebt, eine wahrhaft flüchtige und auch heftige Liaison mit ihm eingeht. Sie ist es, die jede Balance durcheinander bringt. Sie ist es, die den Kleinen auf seltsame Gedanken bringt und Eifersucht aufkommen lässt. Sie ist es aber, die segeln kann. Sie ist die Einzige an Bord, die ein Segel von einem Laken unterscheiden kann. Das Mädchen ist DER Dreh- und Angelpunkt einer Odyssee durch den Ärmelkanal.

Und genau diese wenigen Seemeilen werden zur Hölle. Ohne Navigation, ohne die nötige nautische Erfahrung und bei immer extremer werdenden äußeren Bedingungen beginnt ein Kampf ums Überleben, den wir als Leser in der Enge des Bootes hautnah miterleben. Sylvain Coher schafft hier die Nähe, die er durch die Namensverweigerung eigentlich nicht zugelassen hat. Hier fallen die Masken, hier konturieren sich Ursachen und Gründe für die Flucht. Hier eskaliert im Inneren, was außerhalb des Schiffsrumpfes zu toben beginnt. Ängste machen sich breit. Übelkeit lässt nicht locker. Ratlosigkeit ist omnipräsent und drei zufällig im gleichen Boot sitzende Menschen durchleben extreme Belastungsproben, die durch die Rahmenbedingungen noch überhöht werden.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Ich habe viel gewonnen in diesem Roman, und doch auch alles verloren. Ich bin auf Bishop Rock gelandet, nur um erkennen zu müssen, dass Leuchttürme in der heutigen Zeit nicht mehr von Leuchtturmwärtern bewohnt werden, die helfen können. Ich erlebte an mir vorbeistampfende Containerschiffe im Blindflug. Autopiloten achten nur auf die Route, nicht jedoch auf kleine Segelboote, die im Weg sein könnten. Ich erlebte einen Sturm, Hunger, Kälte, Nässe aber auch die wahre Größe eines Teams, das sich in der Gefahr zu finden scheint. Freundschaft, auch wenn sie keinen Namen trägt, trägt diese Geschichte.

Und doch hat sich in einem kleinen Moment mein ganzes Lesen verändert, als ich mitten in der Nacht aufschrak, ans Steuer hechtete und nicht glauben konnte, was dort geschehen war. Es war der Moment, in dem ich als Leser alles verlor.

Im Finale der Reise mit Kurs „Nordnordwest“ wechselt der Autor die Perspektive und wirft einen Blick auf die „Slangevar“, der das Herz implodieren lässt. Es ist ein sehr distanzierter und unerwarteter Blick, der zeigt, was nie erzählte Geschichten auslösen können. Ein neutraler und fast emotionsloser Blick, der sich im Leser verfängt, weil nur er zu deuten weiß, was fremde Augen sehen. Am Ende der Geschichte ertrank ich fast im salzigen Meer meiner Tränen. Gefühlschaos pur.

Nordnordwest von Sylvain Coher - Bücher im Dialog...

Nordnordwest von Sylvain Coher – Bücher im Dialog… Einfach klicken…

Wenn Bücher miteinander zu reden scheinen… Ein besonderer Dialog.

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Wenn ich hier von Verlust schreibe, dann steht dieser Artikel unter diesem Stern. Es ist mir eine liebevolle Ehre, diese Zeilen unserem Bordercollie „Schneeflocke“ widmen zu können, der heute nach zwölf Jahren treuer Wegbegleitung auf die andere Seite der Regenbogenbrücke gegangen ist, um dort auf uns zu warten, bis wir ihn wieder als den besten Hütehund brauchen, den die Welt je gesehen hat.

Flöckchen… 26. November 2004 – 01. Februar 2017

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„Die unsterbliche Familie Salz“ von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Es ist der Fluch des literarischen Bloggens, dass man schon sehr frühzeitig über die Neuerscheinungen des Jahres informiert ist und das Interesse für Bücher geweckt wird, von denen man gerade einmal den Klappentext und einen ersten Cover-Entwurf kennt. Schon Anfang des Jahres entschied ich mich für Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble und vereinbarte mit der Presseabteilung der dtv bereits im März einen Interviewtermin mit dem Schriftsteller auf der Frankfurter Buchmesse.

Wenige Tage nach diesem Arrangement lag das Presse-Exemplar in meinen Händen und musste sich gedulden, bis ich mich durch meine Projekte zu ihm durchlesen sollte. Seltsamerweise rückte das Buch in immer weitere Ferne, weil es nicht mehr so recht in mein Lesen passen wollte. Als ich dann auch noch in einer Literaturkritik die Überschrift „Hotel Adlon trifft Abingdon Road“ las, zweifelte ich schon daran, ob ich überhaupt in diesen Roman einsteigen wollte. Eine reine Familiensaga im Hotelmilieu passte einfach nicht ins Lesen dieser Tage.

Jetzt, kurz vor der Buchmesse gab ich dem Roman eine Chance. Literarisches hat mich in den letzten Wochen intensiv begleitet und mir war klar, dass ich das Buch sehr schnell abbrechen würde, wenn ich zu sehr in der bunten Glitzerwelt eines Nobelhotels eintauchen sollte, um den stereotypen Lebensweg einer reichen Familie durch die Zeit begleiten zu können. Und trotzdem las ich aufmerksam, da ich ja noch dieses Interview im Visier hatte, das ich nicht grundlos absagen würde.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Anders kann ich meine Grundstimmung zu Beginn des Buches nicht beschreiben und es kam, wie es kommen musste. Ich habe den Roman abgebrochen. Enttäuscht und traurig stoppte ich das Lesen auf Seite 438. Enttäuscht, weil ich das Ende erreicht hatte und so gerne einfach weiterlesen wollte. Traurig, weil ich so viel Zeit verstreichen ließ, bis ich „Die unsterbliche Familie Salz“ für mich entdeckte und zuletzt begeistert, da ich die letzten Worte des Autors in dieser Geschichte in dem Gefühl las, ein großes Buch beendet zu haben.

Nein. Hier trifft kein Hotel Adlon auf eine klischeehafte Familiengeschichte. Nein, hier wandelt der Leser nicht in den leeren Kulissen einer Nobelherberge umher. Dieses Buch ist weiter gefasst, präziser erzählt und überraschender strukturiert, als man es ihm auf den ersten Blick zutraut. Stilistisch erinnert dieser Roman an eine Mischung aus Die Geschichte des Regens und Die Bücherdiebin, weil sich reine Erzählelemente mit literarischen Kunstgriffen abwechseln, die den Leser ganz persönlich ansprechen.

„Sie hören mir noch zu? Ich hoffe – um ehrlich zu sein: erwarte es! Alles müssen Sie sich merken. Keine Ausflüchte. Machen Sie sich meinetwegen Notizen. Für Wiederholungen bleibt uns keine Zeit…“

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Dass es eine über hundertjährige, im Koma liegende ehemalige Schauspielerin ist, die sich direkt an den Leser wendet, ist hier nur eine der vielen Facetten, die der Roman über eine unsterbliche Familie bereithält. Wobei natürlich noch erwähnenswert ist, dass genau diese alte Dame gerade im Begriff ist, zum zweiten Male in ihrem Leben zu sterben. Lola Rosa Salz.

Und mit ihr sind wir schon im Kern der Geschichte, im Auge des Orkans bei einer der schillerndsten Romanfiguren angelangt, die mir in diesem Jahr über den Leseweg gelaufen ist. Lola Rosa Salz ist die Urzelle dieses Romans. Sie ist Enkelin, Tochter, sie selbst, Mutter, Tante und Großmutter und Urgroßmutter in einem Erzählpanorama, das sich durch die Geschichte unseres Landes zieht, im Jahr 1914 kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltenbrandes beginnt und sich bis ins Jahr 2027 erstreckt. Und Rosa Lola Salz wird den Leser wie ein roter Faden und fast unsterblich durch die Zeit begleiten.

Christopher Kloeble erzählt eine Geschichte, die sich um einen Magnetberg rankt. So nennt er Orte, die eine magische Anziehungskraft besitzen und von denen man sich aus eigener Kraft kaum noch lösen kann. Das legendäre Hotel Fürstenhof in Leipzig ist der Erzähl-Pol seines Romans. Das Hotel kommt in den Besitz der Familie Salz, die sich nur schweren Herzens von ihrer eigentlichen Heimat München lösen kann, nur die Chance ist zu verlockend und eine Zukunft in Leipzig scheint 1914 alternativlos zu sein.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Ebenso alternativlos verlaufen nun die salz´schen Lebenswege parallel zur deutschen Geschichte. Weltkriege, Mauerbau, Wiedervereinigung. Schlaglichter, die ihre Schatten selten vorauswerfen, in deren Schatten man allerdings lebenslang steht. Der Dynamik der Familiengeschichte stellt die Weltgeschichte gewaltige Umwälzungen an die Seite, die sich bei jedem Schritt auf die Geschicke der Salz-Generationen auswirken. Leipzig bringt Lola kein Glück. Die gerade einmal Neunjährige wird nicht lange im Fürstenhof leben und es wird fast ein ganzes Leben dauern, bis sie ihn wieder betreten wird. Man gibt ihr die Schuld an einem mysteriösen Tod in der Familie. Schuld, die lebenslang auf ihr lastet.

Und so, wie es die Familie Salz nun zerreißt, wird in den folgenden Jahrzehnten das ganze Land mehrmals zerrissen, zerstört, aufgebaut, getrennt und vereinigt. Das Hotel Fürstenhof steht sinnbildlich für die Geschichte und im Lauf der Jahre entfernt es sich immer mehr von seinen eigentlichen Besitzern. Die magnetische Anziehungskraft bleibt bestehen. Wir folgen Lola Rosa und ihren Geschwistern durch die Berg- und Talfahrt im und nach dem Ersten Weltkrieg, erleben Flucht und Vertreibung, Bombenterror und die Gewalt anrückender Siegermächte im Zweiten Weltenbrand, werden zu Zeitzeugen der Teilung des Landes und fühlen das Vakuum, das entsteht, weil das Hotel enteignet ist. Erst die Wiedervereinigung Deutschlands ist die Initialzündung, den Fürstenhof wieder in Familienbesitz zu bringen.

Christopher Kloeble gelingt es mit seinen Magnetberg Fürstenhof die Geschichte eines ganzen Landes auf ein einziges Gebäude zu fokussieren und den Leser mit den unterschiedlichsten Perspektiven seiner eigentlichen Besitzer in die Vergangenheit zu entführen. Ihm gelingt es auf diese Art und Weise, Kausalzusammenhänge zwischen geschichtlichen Ereignissen, persönlichen Erlebnissen, Erinnerungen und dem Leben einzelner Menschen herzustellen, und Verhaltensweisen nachvollziehbar zu machen.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Verlust, Hoffnung und Verbitterung sind die heftig miteinander streitenden Gefühle, die sich durch die Jahrzehnte ziehen. Ängste und Verzweiflung werden fühlbar, Liebe und Fürsorge erlangen völlig neue Bedeutungen und die Entwicklung eines Charakters wird greifbar. Zu erleben, wie aus dem kleinen Mädchen Lola Rosa Salz eine mehr als aufopferungsvolle Mutter wird, die sich im Lauf der Zeit zum Schreckgespenst für alle Verwandten entwickelt schmerzt und macht nachdenklich. Und doch war ich immer bei ihr, weil ich sie verstehen lernte.

„Sie hören mir noch zu?

Ich hoffe – um ehrlich zu sein: erwarte es! Alles, alles müssen sie sich merken. Keine Ausflüchte. Machen sie sich meinetwegen Notizen. Für Wiederholungen bleibt uns keine Zeit…“

Ja, Lola. Ich habe mir Notizen gemacht. Diese hier. Ich werde nichts vergessen und kann Fragen beantworten. Ich weiß, warum man seinem Schatten einen Namen geben sollte, habe verstanden, dass man lebenslang gezeichnet ist, wenn man zum Opfer der Sieger wurde und kann nachvollziehen was es bedeutet, an diesen Ort zurückzukehren, der lebenslang wie ein Magnet wirkte, den man aber nie wieder betreten sollte. Ich habe verstanden, wovor Lola ihre Kinder beschützen wollte und spürte die Sehnsucht nach einer Zeit voller Unschuld. Mit jeder Faser meines Lesens war ich an ihrer Seite. Sie ist für mich Die unsterbliche Familie Salz“.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Ich freue mich schon darauf, Christopher Kloeble auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen zu können. Ich mag wissen, wie er schrieb, wie es ihm gelang, trotz dieser großen Zeitsprünge nie die Familie Salz zu verlieren, wo die Probleme dieser Konstruktion liegen und ganz besonders interessiert bin ich daran, was seine eigenen Magnetberge sind und wie sein Schatten heißt. Lest diesen Roman und folgt uns ins Gespräch. Hier geht´s zum Interview. Fast live…

Dann werdet ihr verstehen, wie wertvoll es ist, kein Schattenblinder zu sein.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble - Das Interview... bald

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble – Das Interview… 

„Augustus“ von John Williams – Patricia Reimann im Gespräch

Augustus von John Williams - Die Blogtour

Augustus von John Williams – Die Blogtour

Alle Wege führen nach Rom. Zumindest in diesen Tagen und zumindest für alle Fans des 1994 verstorbenen US-Schriftstellers John Williams, der mit seinen Romanen den deutschen Buchmarkt erobert hat. „Stoner“ und Butchers Crossingerzählen dabei eine ganz eigene Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. In diesen Tagen erscheint sein wohl wichtigstes Werk in seiner gebundenen Form bei dtv und gleichzeitig wird die hochkarätig besetzte Hörspieladaption des Romans bei Der Hörverlag veröffentlicht.

Grund genug für beide Verlage, eine Blogtour ins Leben zu rufen, um alle Facetten und Hintergründe von Augustusauf mehreren Etappen hinterfragen und beleuchten zu lassen. Ich selbst hatte die Ehre und das Vergnügen, die dtv-Cheflektorin Patricia Reimann für Literatur Radio Bayern zu interviewen. Sie ist die Entdeckerin von John Williams für unseren Sprachraum und ist vor diesem Hintergrund natürlich DIE perfekte Gesprächspartnerin, wenn es darum geht, Insiderwissen zu erfahren.

Ich lade Sie herzlich zu diesem Interview ein. Mit nur einem Klick gelangen Sie zum PodCast unseres Literatur-Radios und dann sollten Sie sich einfach in dieses Gespräch fallen lassen und den Weg nach Rom mit uns gemeinsam gehen. Sie erfahren nicht nur interessante Hintergründe zum Schreiben von John Williams. Ich hatte auch Fragen im Gepäck, die für alle Literaturfreunde von Interesse sind, wenn man sich für die Arbeit im Lektorat eines großen Verlages interessiert. Patricia Reimann ist keine Antwort schuldig geblieben. Im Gegenteil.

Kehren Sie doch einfach nach dem Interview in diesen Artikel zurück. Der Link ist direkt unter dem PodCast zu finden und ich entführe Sie dann gerne in meine Sicht zum Roman „Augustus“ und mit ein wenig Glück findet eine bibliophile Rarität den Weg in Ihr Bücherregal. Jetzt aber hinein ins Interview mit Patricia Reimann.

Augustus - Patricia Reiman - Cheflektorin von dtv im Gespräch

Augustus – Patricia Reimann – Cheflektorin des dtv im Gespräch

„AUGUSTUS“

Erster Kaiser Roms. Herrscher über das römische Reich zu Christi Geburt. Cäsars Adoptivsohn, Nachfolger und Rächer. Verfolger der Attentäter, Sieger vieler Schlachten und Verlierer ganzer Legionen im Teutoburger Wald. Triumphator im Inneren. Solist im Konzert der römischen Intrigen-Eliten. Friedensstifter, Usurpator. Allianzenschmied und Zufallsherrscher. Der Mensch Augustus blieb im Verborgenen.

„Augustus“. Hauptfigur des wichtigsten Romans aus der Feder von John Williams. Mit dem National Book Award ausgezeichnetes Hauptwerk des 1994 verstorbenen Autors. und Meilenstein der fiktional-biografischen Aufarbeitung des Lebens des mächtigsten Mannes seiner Zeit. Erstmals in deutscher Übersetzung verfügbar. Erstmals in epischer Hörspieladaption zu erleben. Erstmals wird das Leben des ersten römischen Kaisers so zum Teil unseres Lesensweges.

Wo liegt der Zauber dieses Romans? Warum ist er zeitgemäß und was unterscheidet ihn von anderen historischen Romanen? Ganz einfache Fragen und Antworten, die sich lesend und hörend von selbst erschließen. „Augustus“ ist kein historischer Roman. Es handelt sich nicht um ein Geschichtsbuch, das auf jeder Seite um Authentizität bemüht ist. Wir lesen kein Buch für dessen Verständnis man in die Tiefen der Sekundärliteratur einsteigen muss. Und doch strahlt gerade dieser Roman den wahrhaftigen Hauch einer längst vergangenen Zeit aus.

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Aus heutiger Sicht war John Williams seiner Zeit weit voraus. Er konstruierte sein Buch auf eine Art und Weise, die erst in den letzten Jahren für Aufsehen sorgte. Nicht jedoch auf dem Buchmarkt, sondern in der Geschichte des investigativen Journalismus. John Williams ist der Edward Snowden des römischen Reiches. Sein Werk liest sich an keiner Stelle wie ein lupenrein erzählter Roman. Er legt seinen Lesern das WikiLeaks in seiner antiken Ausprägung in die Hände und erzielt eine fulminante Wirkung.

Unkommentiert reiht John Williams scheinbar authentische römische Dokumente aneinander. Lediglich mit Zeitangaben und der jeweiligen Quelle gekennzeichnet liest man sich durch Befehle, Memoranden, Briefe, Tagebücher, Briefe und Chroniken einer Zeitschiene, die bei Julius Cäsar beginnt und am Ende allen Lesens mit dem Ende der Kaiserzeit seines Nachfolgers gipfelt. Jeder kommt zu Wort. Freunde, Feinde, Sklaven, Legionäre, Wegbegleiter und Chronisten ihrer Zeit. Selbst Julia, Augustus` Tochter, ist in diesen Dokumenten präsent.

Als Leser wird man in eine äußerst aktive Rolle katapultiert. Man weiß stets mehr, als jede der handelnden Figuren. Nur man selbst besitzt die Deutungshoheit über die Relevanz der Aufzeichnungen und nur der Leser ist in der Lage, ein Mosaik entstehen zu lassen, das sich Steinchen für Steinchen zu einem Panorama der Zeit entwickelt. Es ist unglaublich spannend, alle Handlungsfäden selbst in der Hand zu halten und selbst zu entscheiden, wem zu glauben ist und wem nicht. John Williams agiert aus dem Off seines eigenen Romans und führt seine Leser von Seite zu Seite näher an den Point of no Return. An jenen Punkt, an dem man nicht mehr anders kann, als Augustus ewige Gefolgschaft zu schwören.

Augustus von John Williams - Die Blogtour

Augustus von John Williams – Die Blogtour

Der Whistleblower John Williams gewährt tiefe Einblicke. Er lässt ein lebendiges Bild der Menschen entstehen, die in der römischen Antike lebten, liebten und agierten. Dabei entsteht aus den unterschiedlichen Perspektiven heraus die Idee, wie jener Mann gewesen sein mag, der heute nur als Kaiser überliefert ist. Diese Idee ist brillant, voller Vitalität und geistreich. Seinen Höhepunkt erreicht dieser Roman an der Stelle, an der Augustus selbst zu Wort kommt. Am Ende aller Bilder, die man sich von ihm gemacht hat. Am Ende der Gerüchte, scheinbaren Fakten und Illusionen. Beim Lesen der Zeilen aus seiner Hand hat man das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen. Williams gelingt ein großer literarischer Wurf, mit dem er sich und seiner Leitidee treu bleibt. Die einzige und unverfälschte Wahrhaftigkeit des menschlichen Geistes wird bei allen Zufällen des Lebens greifbar. Augustus wird real.

Ein großer Roman in frischer Sprache. Voller Begriffe, die aus ihrer Zeit gefallen zu sein scheinen, entstauben ein Genre und machen es zu einem besonderen Erlebnis in unserer Zeit. Das Buch zu lesen ist die eine Seite des Genusses. Es zu hören bedeutet einen weiteren Kosmos der Sprachgewalt von John Williams zu erleben. Jede einzelne Rolle innerhalb des Buches wurde in der episch angelegten Hörspieladaption von Der Hörverlag mit brillanten Sprechern besetzt, die diesen Figuren echtes Leben verleihen. Zu lesen, wenn Augustus` Tochter Julia sagt:

Mein Vater nannte mich immer „Mein kleines Rom“

ist an der Stelle des Romans weltbewegend. Sie zu hören ist eine andere Welt. Wenn Jule Böwe in der Rolle der Julia diese Worte mit brechender Stimme spricht, dann ist es um den Hörer geschehen. Dieses absolute Kunststück gelingt allen Sprechern der ganz großen und auch der kleinen Rollen in dieser Produktion. Lesen und hören. Mehr kann ich nicht empfehlen. „Augustus“ ist es wert, sich ihm mit allen Sinnen zu nähern. Ein Gesamtkunstwerk aus literarischer Vorlage von John Williams, der Übersetzung von Bernhard Robben und der Auswahl der Hörbuchsprecher. Großes Kopfkino.

Augustus von John Williams - Die Blogtour - Ein Giveaway

Augustus von John Williams – Die Blogtour – Ein besonderes GiveAway

Hier die Stationen der Blogtour in einer Übersicht

Schicken Sie mir doch einen Link zu Ihrer „Augustus“-Rezension. Ich werde sie interessiert lesen und verlose unter allen Einsendungen zwei Augustus-Booklets, die bei der Deutschen Taschenbuch Verlagsgesellschaft herausgegeben wurden. Eine nicht im Handel erhältliche bibliophile Rarität. Ich bin gespannt.

„Der Angstmann“ – Mit Frank Goldammer auf Jagd in Dresden

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Die Welt der Kriminalromane ist facettenreich und vielschichtig. Und doch stoßen wir oftmals auf fiktive Ermittler, Kommissare, Inspektoren und Detectives, die selbst so angeschlagen sind, wie die meisten ihrer Serientäter. Psychologische Probleme, Ärger in der Beziehung oder traumatische Erlebnisse aus der Vergangenheit bürden ihnen so viele Probleme auf, dass sie kaum noch in der Lage sind, unbelastet zu ermitteln. Auf normale Charaktere stößt man da eher selten. Zumindest ging es mir bisher so.

Frank Goldammer dreht den Spieß jetzt um. Sein Krimi-Debüt bei dtv trägt den sehr klangvollen Namen Der Angstmann und geht in jeder Hinsicht als Verlagsspitzentitel an den Start. Goldammer kann mit Fug und Recht behaupten, dass sein Protagonist als normal bezeichnet werden kann. Kriminalinspektor Max Heller lebt in einer vorbildlichen Beziehung, hat persönliche Niederlagen und Rückschläge weitgehend gut verkraftet und zeichnet sich durch einen unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn aus.

Es scheint gewagt zu sein, eine derart in sich gefestigte und stabile Persönlichkeit zu präsentieren, da man als Schriftsteller auf Spannungsbögen verzichtet, die in der tiefen Zerrissenheit mancher Protagonisten schlummern. Warum Frank Goldammer dies wagt? Ganz einfach. Sein „Angstmann“ ruht auf den festen Schultern von Max Heller, der in Dresden ermittelt und jeden Funken Normalität zum Überleben braucht. Denn hier ist es das komplette Szenario des Kriminalromans, das so fundamental bizarr und gleichsam real wirkt, dass man es ohne gesunden Menschenverstand nicht verkraften würde.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Denn Max Heller ermittelt als Kriminalinspektor im Dresden des Jahres 1945. Das ganze Land geht seinem Untergang entgegen, Mangel dominiert das tägliche Leben und Nazis versuchen mit allen Mitteln, die letzten Positionen der Macht zu verteidigen. Heller könnte man hier als Opportunisten bezeichnen. Die Polizei ist von den Ideologen des Schreckens unterwandert. Er realisiert, was mit der jüdischen Bevölkerung seiner Stadt geschieht und schluckt doch alle Kröten, um seiner Berufung zu folgen. Sein aufrechter Kampf gegen die Kriminalität erfordert Standhaftigkeit und Kraft bei diesem Ritt auf der Rasierklinge des Dritten Reichs.

Max Heller ist gleichsam eine Kompassnadel in einem Kreiselkompass, der durch den schlimmsten Tornado rast, den man sich nur vorstellen kann. Unterschiedliche und unkalkulierbare Windrichtungen und -geschwindigkeiten, Untiefen und Gewitter würden jeden aufrechten Mann um den Verstand bringen. Nicht Max Heller. Seine magnetische Ausrichtung heißt Gerechtigkeit und diesen Pol seines Lebens verliert er nicht aus den Augen. Obwohl man verstehen könnte, wenn auch er die Richtung verlieren würde.

Dass Max unverzichtbar für die Polizei ist, verdeutlicht eine grausame Mordserie, die ganz Dresden erschüttert. Bestialisch zugerichtet und abgeschlachtet findet Max Heller die weiblichen Opfer vor und erkennt schnell ein Muster, dem er unbeirrbar folgt. Wie im Tunnelblick bewegt er sich durch seine Stadt, in der polizeiliche Ermittlungen in diesen Tagen fast utopisch erscheinen. Flüchtlingstrecks aus dem Osten erreichen die Stadtgrenze und die Dresdner haben besseres zu tun, als sich um einen Inspektor und seine Fragen zu scheren.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

„Der Angstmann“ geht um. Dieser Satz macht die Runde und zur Unsicherheit dieser Zeit kommt nun die nackte Angst vor einem Serientäter, der scheinbar ungestraft in den Straßen von Dresden morden darf. Doch Heller kommt ihm auf die Spur. Scharfsinn und akribische Recherche bringen ihn Schritt für Schritt näher. Es scheint, dass ihn nur noch ein Augenblick davon trennt, das Monster zu fassen. Es fehlen nur Minuten.

Eine kleine Zeitspanne, die Frank Goldammer seinem Ermittler nicht gönnt. Nicht nur ihm läuft die Zeit davon. Der ganzen Stadt verrinnen die Minuten unter den Fingern, als der 13. Februar 1945 beginnt. Während Max Heller auf der Jagd durch die Straßen hetzt, nähern sich Bombergeschwader seiner Stadt. Es ist der Tag, der alles verändert. Frank Goldammer zieht seine Leser nicht nur in einen perfekt konturierten Plot, er zerrt uns mitten in seinem Roman in die wenigen Luftschutzkeller und lässt uns den großen Feuersturm über Dresden in und zwischen den Zeilen hautnah erleben.

Die Welt versinkt in Schutt und Asche. Während tausende Menschen sterben, kann die Verfolgung eines Serienmörders keine Rolle mehr spielen. Hier brilliert der Dresdner Autor in einer literarischen Hingabe an die Schilderung menschlicher Dramen, die man in der Genreliteratur selten findet. Der Untergang im Untergang steht im Mittelpunkt und Max Heller überlebt das Inferno nicht zufällig. Hier tritt große Plan des Schriftstellers ans Licht. Dieser Kriminalroman ist kein Thriller, der sich zum Selbstzweck degeneriert. Hier zeichnet sich mehr ab.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Das Wesentliche. Der Kern des Seins und die Wahrhaftigkeit des Menschlichen sind die Eckpfeiler im Schreiben von Frank Goldammer. Seinen Max Heller überleben zu sehen bedeutet, eine der größten Perspektivgestalten ihres Genres wie Phoenix aus der Asche zu erheben. Max Heller wird nach dem Feuersturm in eine Welt entlassen, in er nichts mehr so ist wie zuvor. Nach den Nazis folgen sowjetische Besatzer. Auf der Gratwanderung des eigenen Überlebens erlebt er nun den Sturm der Ideologien.

Max Heller bleibt standhaft. Der Kompass ist eingenordet. Mag die Welt auch aus den Fugen geraten, das Magnetfeld sich verändern und das Chaos um sich greifen. Er bleibt er selbst und als das Unfassbare geschieht, wird klar, dass diese Welt ohne Max Heller eine andere wäre. Denn das Morden beginnt erneut. „Der Angstmann“ hat die Vernichtung Dresdens überlebt. Wenn Heller ihm auf der Spur bleiben will, muss er mit den neuen Machthabern kooperieren. Aber nicht um jeden Preis.

Frank Goldammer legt mit „Der Angstmann“ einen furiosen Auftakt einer neuen Krimireihe vor, in der Max Heller unser Lesen erobern wird. In sich geschlossen ist das gesamte Potenzial dieser Figur deutlich erkennbar. Die historische Einordnung ist so gelungen, dass man die Entwicklung eines Polizeiinspektors verfolgen kann, der in seinem beruflichen Umfeld zumeist völlig auf sich allein gestellt ist. Seine Bereitschaft, sich mit der Geschichte zu arrangieren, um seine rechtschaffenen Ziele zu erreichen, ist beispiellos und ebenso beispielgebend.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Frank Goldammers Sprache wird dem Format seines Krimis gerecht. Kurze Sätze, wenig Abschweifungen, gewehrschussartige Wiederholungen und die Dynamik seiner Formulierungen treiben den Leser ohne Atempause durch diesen Roman. Er ist in der Lage, Tempo zu vermitteln, Taubheit und Angst in Luftschutzkellern zu erzeugen und die Angst der Menschen fühlbar zu machen. Der weitere Weg von Max Heller wird sich nie von der deutschen Historie lösen können. Die Turbulenzen in die er geraten wird, liegen auf der Hand und genau hier liegt für den Leser das Potenzial, zu verfolgen, wie er sich diesen Bedingungen stellen wird und kann.

Wer Frank Goldammer kennt, der weiß, mit welcher Leidenschaft er schreibt. Ich bin von diesem Roman nachhaltig gepackt und begeistert. Und nicht nur das. Denn ganz nebenbei gelingt Frank Goldammer auch noch die große Liebeserklärung an eine Stadt, die fast vollständig verschwand, neu erbaut wurde und heute als Elbflorenz aus der Zeit gefallen ist. Er beschreibt die Menschen in Dresden, die alles gaben, als die Flüchtlinge die Stadt fluteten. Alles, obwohl sie nichts hatten. Frank Goldammer bedient in Der Angstmann keine Klischees, sondern grenzt sich und seinen Protagonisten Max Heller deutlich von Ideologien und vergleichbaren Werken des Genres ab.

„Ich erwarte nie etwas, sonst finde ich nur das, was ich finden will“

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Ich war Dresden selten näher als auf den Seiten, die den Untergang dieser Stadt beschrieben. Meine absolute Leseempfehlung nicht nur für diesen Leseherbst. Nein. Auch weit darüber hinaus. Ich werde Frank Goldammer auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen und freue mich schon jetzt auf das Gespräch. Wie es sich gehört, konnten wir den Autor gemeinsam ins Kreuzverhör nehmen, denn Anja von Zwiebelchens Plauderecke ist es doch tatsächlich noch rechtzeitig gelungen, in die Interviewkabine des dtv-Messestandes vorzudringen.

Herzlich willkommen. Wir stellen uns dem Angstmann. Hier geht´s zum Interview.

Der Angstmann - Das Interview mit Frank Goldammer

Der Angstmann – Das Interview mit Frank Goldammer

Der Campus Libris geht fast geschlossen auf die Jagd nach dem „Angstmann“. Der Weg zu allen Rezensionen, die in unserer literarischen Wohngemeinschaft entstehen, ist ganz leicht zu finden. Hier geht´s lang. Und hier geht´s weiter. Versprochen.

Der Angstmann im Campus Libris

Der Angstmann im Campus Libris