„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Über die russische Seele zu schreiben bedeutet, sich mit den Besonderheiten und der Geschichte eines Landes und seiner Menschen auseinanderzusetzen, um dann zu erfühlen, was es für einen Russen heißt, wenn er von Heimat spricht. Nur dann ist man in der Lage zu verstehen, welche Welten aufeinanderprallen, wenn diese unverfälschte Seele auf politische Systeme trifft und instrumentalisiert wird. Nur so verstehen wir, was so gerne hinter vorgehaltener Hand und voller Vorurteile über einen historischen Kamm geschert wird. Nur wenn wir Menschen von Systemen trennen, erkennen wir die Kreise, die sich in der Geschichte geschlossen haben und solche, die bis heute offen sind.

„Russisch zu sein hieß, pessimistisch zu sein;
sowjetisch zu sein hieß, optimistisch zu sein.
Darum war das Wort Sowjetrussland ein Widerspruch in sich.“

Julian Barnes bewegt sich in seinem Roman Der Lärm der Zeit“ (Kiepenheuer und Witsch) genau auf der Grenzlinie dieser Verwerfung und konfrontiert seine Leser mit einem Menschen, der zeitlebens zwischen den Mühlsteinen dieses tiefen Widerspruchs aufgerieben wurde. Dmitri Schostakowitsch, einer der wohl berühmtesten russischen Komponisten, dessen Biographie sich liest, wie die Lebensschreibung eines Wanderers zwischen den Welten. Einerseits verfemt, bedroht, verboten, verfolgt, ausgestoßen und als gefährdend für die sowjetische Kultur eingestuft, andererseits hofiert, mit Orden und Ehren überhäuft als linientreuer Repräsentant des Kommunismus der Vorzeigekünstler einer ganzen Nation. Was für eine Gratwanderung.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes schlüpft in die Rolle des virtuosen Komponisten, der zeitlebens nur wollte, dass seine Musik einfach nur Musik sein könnte. Ein Wunsch, der ihm verwehrt wurde, weil er eben in einem Land lebte, das in seiner ideologischen Zerrissenheit und den diktatorischen Anwandlungen genau nach den Künstlern suchte, deren Musik sich für die politischen Zwecke instrumentalisieren ließ. Da liegen sich die Diktatoren dieser Welt einträchtig in den Armen, wenn es gilt „entartete Kunst“ zu brandmarken und sich der Kunst zu bedienen, die dem Machterhalt dient. Die Kriterien sind fließend, kaum zu identifizieren und der ständigen Willkür unterworfen. Kein guter Nährboden für kreative Freiheit. Kein Nährboden für Kultur. Lebensgefährlich für Freidenker.

So lernen wir Schostakowitsch kennen. Gefeiert, weltweit aufgeführt und geschätzt. Nicht nur in Leningrad eines der Aushängeschilder der Hochkultur eines Landes. Seine Werke erobern die Konzerthäuser der Welt. Alles könnte einfach sein, der Weg könnte so harmonisch verlaufen, gäbe es nicht die eine kleine Disharmonie, die das Leben von Schostakowitsch von heute auf morgen unter Vorbehalt stellt. Der 26. Januar 1936 war der Startpunkt eines heißen Ritts auf der musikalischen Rasierklinge, von dem sich der große Komponist nie wieder erholen sollte.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Die Aufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wäre sicher ein erneuter Erfolg gewesen, wäre nicht ausgerechnet der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Josef Stalin, persönlich in einer Loge Zeuge der Inszenierung gewesen. Alles wäre wie gewohnt gelaufen, hätte Stalin nicht vorzeitig das Konzerthaus verlassen und wäre nicht am nächsten Tag ein Artikel in der Prawda erschienen, der Schostakowitschs Kunst unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ zu einer volksgefährdenden Abart der wahren Kunst erklärte. Und wäre dieser Artikel nicht von Josef Stalin selbst verfasst worden, man hätte ihn vielleicht überleben können.

So jedoch kamen diese Zeilen einem Todesurteil gleich. Julian Barnes entwirft auf der Grundlage dieser Ausgangssituation das Psychogramm und eine Charakterstudie des zartbesaiteten Komponisten, dessen Saiten fortan zum Bersten gespannt sind. Mit seiner oftmals minimalistisch erscheinenden, aber umso eindringlicheren Erzählweise ermöglicht Barnes den Blick ins Innere eines Künstlers, der sich plötzlich ausgegrenzt und verfolgt sieht, wo ihm zuvor nur Zuneigung begegnete. Aus dem Treibenden wird ein Getriebener.

„Jetzt besprachen sie nicht einfach seine Musik,
jetzt schrieben sie Leitartikel über seine Existenz.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Hier ist der Roman Lärm der Zeit system- und zeitlos. Das Schicksal der Künstler, die plötzlich in die Mühlen der politischen Systeme geraten gleicht sich von Diktatur zu Diktatur und von Land zu Land. Die Mittel der Ausgrenzung und Unterdrückung fühlen sich weltweit identisch an und die psychologischen Begleiterscheinungen sind fatal. Aus Menschen werden Gejagte und das Verschwinden von Bekannten und deren Familien wird zum Damoklesschwert des eigenen Lebens. So finden wir Schostakowitsch Nacht für Nacht mit gepacktem Koffer am Fahrstuhl vor seiner Wohnung stehen. Wartend auf den Zugriff der Staatsorgane. Hoffend, dass man ihn alleine inhaftiert und verschwinden lässt, ohne auch noch Hand an seine Familie zu legen.

Ein Bild, das sich nicht nur auf dem Buchcover wiederfindet, sondern sich im Leser festsetzt. Julian Barnes folgt Schostakowitsch psychologisch und biografisch durch ein langes Leben unter sich verändernden politischen Vorzeichen. Er veranschaulicht einen Weg, der in sich unverständlich scheint. Er macht transparent, was Zwang und Angst in einem Künstler auslösen und wie leicht es letztlich ist, aus einem Opfer einen Täter zu machen. Schostakowitsch tritt nach Stalins Tod in die Kommunistische Partei ein. Seine Handlungsweisen, Ämter und Auszeichnungen lassen ihn aus heutiger Sicht als reinen Opportunisten wirken, der alles unternahm, um seine eigene Musik zur Staatsmusik im kommunistischen Umfeld zu erheben. So leicht macht es sich Julian Barnes nicht. Sein empathischer Roman ist keine Rechtfertigungsschrift für einen Irrläufer der Geschichte. „Der Lärm der Zeit“ veranschaulicht die Automatismen der Ausgrenzung und Entartung, die aus Menschen voller Harmonie blinde Schafe machen, die froh sind, einfach nur zu leben.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes präsentiert mit „Der Lärm der Zeit“ einen bedeutenden Roman, der gerade in der heutigen Zeit an Relevanz gewinnt. Er widmet sich den Fragen, wem die Kunst gehört und wie weit Opportunismus in seiner Außenwirkung gehen darf, ohne den Einzelnen nachhaltig zu beschädigen. Julian Barnes fällt kein Urteil, sondern macht es seinen Lesern leicht, den Blick hinter die Kulissen totalitärer Systeme zu werfen und zu hinterfragen, wo denn wirklich die Möglichkeiten eines Einzelnen liegen, Widerstand zu leisten. Dieses Buch beschreibt eindringlich die sympathische und bewundernswerte Seite der russischen Seele, die so oft vom Personenkult in den Dreck gezogen wurde.

Was Barnes ausblendet ist die erzielte Außenwirkung der Strategie Stalins. Musik wurde zur Waffe. Auch Schostakowitsch lieferte Munition und Zündstoff, um selbst nicht unterzugehen. Er komponierte regimetreu, ängstlich und brav. Die Musik verfehlte ihre Wirkung niemals. Seine „Sinfonie gegen den Faschismus“ wurde im August 1942 mit Lautsprecherwagen im besetzten Leningrad übertragen. Die Menschen schöpften Kraft und Schostakowitsch trug wohl erheblich dazu bei, dass Hitler schon besiegt war, bevor die Musik verklang. Die kleine Lena Muchina und Daniil Granin wissen ein Lied davon zu singen.

Man sollte auch heute noch ganz genau hinhören, was man zu hören bekommt, wenn man hinhört…

„Kunst ist das Flüstern der Geschichte,
das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes - Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes – Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

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„Tierchen unlimited“ von Tijan Sila – Vom Regen in die Traufe

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Vom Regen in die Traufe. Eine andere Überschrift braucht es eigentlich gar nicht, um genau auf den Punkt zu bringen, was uns Tijan Sila in seinem Debütroman „Tierchen unlimited“ vermitteln möchte. Soll doch bitte niemand ernsthaft glauben, dass es nicht noch schlimmer kommen kann, egal wie tief man in der Scheiße sitzt. Kennen wir doch. Man glaubt, ganz unten zu sein, arrangiert sich mit dem Leben und versucht doch sein Heil in der Flucht, um dann festzustellen, dass man tatsächlich noch weiter abrutschen kann. Eine Situation, aus der es kaum noch Auswege gibt. Besonders dann nicht, wenn man traumatisiert dort ankommt, wo man sich eigentlich sicher fühlen könnte.

Ihm jedenfalls geht es so. Dem Jungen, dessen Namen wir im Roman nicht erfahren und dessen Geschichte genau dort beginnt, wo er nicht mehr im Granatenhagel spielen muss, oder von Scharfschützen ins Visier genommen wird. Sie beginnt in einem Land, das sich so sehr vom Bürgerkriegschaos seiner zusammengeschossenen Heimatstadt Sarajewo unterscheidet. Sie beginnt im Rettungshafen Deutschland, im beschaulichen Rheinland-Pfalz, wohin seine Eltern mit ihm 1994 flohen. Nur weg aus Sarajewo. Rette sich wer kann. So lautete die Devise.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Die Sicherheit des Gastlandes jedoch fühlt sich komisch an. Zumindest für den Ich-Erzähler der Geschichte, den wir blutend, nackig und mit geschwollenen Genitalien auf einem Rennrad kennenlernen. Erneut auf der Flucht rast er an uns vorbei und als Leser kann man gar nicht anders, als ihm gute 200 Seiten weit zu folgen, um herauszufinden, wer ihn warum, wo und womit so zugerichtet hat. Also auf nach Erpolzheim und immer den Blutspritzern nach, die uns als Wegweiser dienen, damit wir den jungen Flüchtling aus Bosnien nicht aus den Augen verlieren.

Und in Bosnien hatte er es gut. Er konnte mit Freunden um die Häuser ziehen, wenn es mal eben keine Bomben regnete. Er konnte sich in PC-Spielen verlieren, wenn nicht gerade der Strom weg war und er konnte Comics tauschen, wenn die UN-Soldaten sich auf den Tauschhandel mit billigen Sexheftchen einließen. Ansonsten war das Leben so einfach, wie man es sich nur wünschen konnte, wenn man den Tag überlebte. Freunde und Feinde waren klar voneinander getrennt, der Zufall regierte und den täglichen Kick konnte man überall finden.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Und sollte der Bürgerkrieg mal enden, dann könnten seine Eltern wieder in den ganz normalen Jobs als Akademiker arbeiten und ihm selbst wäre eine glänzende schulische Laufbahn vorbestimmt. Was für eine tolle Perspektive in einer Stadt, in der man seinen Wohnblock noch als echte Heimat empfinden konnte. Man musste sich einfach mit dem Leben im Bürgerkrieg arrangieren und das Leben genießen, wie die zahllosen Tierchen auf den wilden Mülldeponien rund um Sarajewo.

Was aber machen seine Eltern? Hauen doch einfach ab. Fliehen nach Deutschland und setzen nicht nur sich, sondern ihren Sohn ganz neuen Bedrohungen aus. Nur, dass die eben absolut unkalkulierbar sind. Die neue Schule hat nichts mit Hochschule zu tun, die Unterbringungen sind jeweils erbärmlich und Freunde zu finden ist nun wirklich kein Zuckerschlecken. Wären da nicht die Mädchen, das Leben wäre gar nichts wert. Womit wir allerdings schon fast ohne Umwege auf das Rennrad zu sprechen kommen, das in der Eingangsszene des Romans dem zerschundenen Jungen zur Flucht verhilft.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Ja, es könnte alles so einfach sein. Aber ist es denn möglich, dass die Mädchen, die er kennenlernt entweder Kampfsportlerinnen mit Polizeikarriere-Ambitionen sind, oder Brüder haben, die als Neonazis nichts anderes im Sinn haben, als deren ausländische Lover grün und blau zu schlagen? Ist es möglich, dass alle Varianten von Tagträumen immer wieder am gleichen Ausgangspunkt ankommen? Und warum findet man sich in dieser asymmetrischen Bedrohung schlechter zurecht, als im klar konturierten tödlichen Bürgerkrieg? Alles wäre so lustig, wenn es nicht gleichzeitig zum Weinen wäre.

Ich habe mich absolut göttlich amüsiert mit den „Tierchen unlimited“. Ich erfreute mich am völlig unverbrauchten und frischen Schreibstil von Tijan Sila und fand mich am Ende des Romans wieder, kaum dass ich ihn begonnen hatte. Allerdings hatten die von mir beim Lesen gelachten Tränen einen bitteren Beigeschmack. So „fluffig“ einfach und sarkastisch brillant die Geschichte erzählt ist, so dramatisch sind die Bilder, die uns der Autor vor Augen hält in der Wirklichkeit. Der Erkenntnistaumel ist ebenso unlimited, wie der Titel des Romans.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Blickt man mit auch nur einem Auge auf die Vita des Schriftstellers, wird man viele Parallelen zum Jungen erkennen, der geschunden und desorientiert durch unser Land radelt. Schaut man sich Aufnahmen aus dem Bürgerkriegs-Sarajewo an und gleicht sie mit dem Erzählraum von Tijan Sila ab, dann wird einem schlecht beim Gedanken, dass man dieses Chaos im Rückblick als sicherer empfinden kann, als den Fluchtraum eines scheinbar friedlichen Landes. Und je näher man dem Jungen kommt, desto klarer wird, was psychische Traumatisierungen aus einem Menschen machen.

Tijan Sila verliert bei aller Dramatik des Themas niemals den hoffnungsvollen Ton eines Träumers. Sein Roman bleibt amüsant und die Verkettung aller Umstände, in die sich der namenlose Protagonist verstrickt, liest sich wie eine Parodie auf das Leben. Es steckt jedoch mehr dahinter, als man auf den ersten Blick vermutet. Wenn dieses Buch ein Wein wäre, dann wäre er süffig, blumig und jung. Aber eines wäre er nicht: LEICHT.

Ein Zitat steht für mich sinnbildlich für die Wahrnehmungswelt von Menschen, die in Ermangelung von Alternativen nur einen Weg finden, der ihnen Schutz verspricht:

„Es gibt keine Einwanderung in meinen Erinnerungen, vielmehr findet mich Deutschland und schließt sich um mich wie eine Faust oder eine Kralle.
Doch das Bild einer vom Habicht ergriffenen Maus ist falsch,
da ich vor Verzückung erstarrt bin, nicht vor Angst.“

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

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David Foster Wallace – Der große rote Sohn (FSK 18)

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

So kannten und so liebten wir ihn. David Foster Wallace, der sich zeitlebens auf der Suche nach der perfekten Story im Niemandsland zwischen grenzenloser Unterhaltung und endloser Langeweile getummelt hat und dessen literarische Begabung polarisierte, wie es kaum einem zweiten US-Schriftsteller jemals gelang. Entweder man liebt ihn und versteht ihn nicht, oder man hasst ihn und versteht ihn nicht. Deutlicher lässt sich wohl kaum zum Ausdruck bringen, welch ambivalente Gefühle sein Schreiben ausgelöst hat.

Der unendliche Spaß“ als fulminante Unterhaltungspratone und „Der bleiche König“ als der große Gegenentwurf in Sachen kultivierte Langeweile haben die Literaturwelt in ihren Grundfesten erschüttert und dem Schriftsteller, der sich am Ende aller Depression selbst aus dem unendlichen Spiel nahm, ein bleibendes Denkmal gesetzt. Aber es sind nicht nur die beiden dicken weißen Klötze, die er uns hinterließ. Es sind nicht nur diese Werke, die monatelange literarische Monogamie verursachen, wenn man sie liest, nein, es sind auch unzählige Essays und Fingerübungen, in denen er sein Talent zeigte und die immer noch für Erstaunen sorgen, wenn sie posthum veröffentlicht werden.

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

Seine Kurzgeschichten, Essays und Auftragsarbeiten bieten auch heute noch einen reichhaltigen Fundus an potenziell neu zu übersetzenden Werken. Zuletzt war es „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“, der uns in Davids Depressionen entführte, und nun ist mit Der große rote Sohn eine Reportage bei Kiepenheuer und Witsch erschienen, die eine ganz wichtige Lebensphase des Autors widerspiegelt. Auch hier handelt es sich erneut, wie in seinen beiden Büchern „Am Beispiel des Hummers“ und „Schrecklich amüsant – Aber in Zukunft ohne mich“ um eine Auftragsarbeit, die aus Sicht des erneut überraschten Auftraggebers wieder Erstaunliches zutage förderte. Diesmal jedoch zu einem Thema, das David Foster Wallace schon seit den frühesten Anfängen als Autor immer wieder nachhaltig beschäftigte.

PORNOGRAFIE

Er besuchte 1998 im Auftrag der Zeitschrift Premiere eine außergewöhnliche und skandalträchtige Veranstaltung, über die man in seinen Kreisen weder schrieb, noch offen diskutierte. Eine Veranstaltung in Las Vegas, über die im Normalfall nur Reporter berichteten, die man als absolute Branchenjournalisten bezeichnen muss, die sich hier bereits einen Namen gemacht hatten und denen ein Blick hinter die skandalöse Kulisse der Szene gewährt wurde. Endlich war er am Ziel seiner Recherche. Endlich, kann man hier wirklich sagen.

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

Die Unterhaltungsindustrie unter dem Zeichen des Rotlichts hatte ihn schon immer interessiert, aber allzu oft waren seine Recherchen ins Stocken geraten oder wurden in den Phasen des Schreibens an seinen Romanen in den Hintergrund gedrängt. Nun war es an der Zeit, in Begleitung mit allen Wassern gewaschener Branchenjournalisten Las Vegas zu besuchen und dem großen roten Sohn seine Aufwartung zu machen. Hier ist das kleine schmutzige Kind des Mainstreams gemeint. Der böse Zwilling Hollywoods und genau dort begegnete David Foster Wallace dem Who-is-Who der Pornobranche, die sich hier jährlich selbst feiert.

Die Verleihung der Adult Video News Awards, der Oscars der Pornoindustrie in Las Vegas, plus die dazugehörende Pornomesse sind Gegenstand seiner Betrachtung und wer vergleichbare Auftragsarbeiten von David kennt, der weiß ganz genau, worauf sich der jeweilige Auftraggeber einstellen kann. Auf alles, nur nicht das Erwartete. Also darf man auch hier davon ausgehen, dass sich Interviews mit Branchenriesen und intensive Nachforschungen zu einer gestohlenen Trophäe in eine ganz eigene Richtung bewegen werden. Es wird schmutzig, versaut, lustig und extrem doppelmoralisch.

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

Hier lernen wir sie also kennen, die getunten Stars und Sternchen der Pornobranche, die Produzenten, die namenlosen Hilfskräfte (Fluffygirls genannt) und natürlich auch die Fans der Szene, in Fachkreisen liebevoll nur „Wichte“ genannt. Hier führt investigativer Journalismus in Reinkultur in eine ganz eigene Welt ein, die sich der Befriedigung rein sexueller Sehnsüchte verschrieben hat. Und ganz nebenbei gewähren uns die Autoren (also David und seine Fachbegleiter) wertvolle Hinweise auf das Branchenvokabular.

Was auf diese Art und Weise entstand, ist mehr als der liebevoll literarische Blick hinter die Kulissen. Es ist eine Reportage, für die man schon Steherqualitäten braucht und bei dem auch weibliche Leser ihren Mann stehen müssen, da dieses Thema ganz schön im Kommen ist. Klingt das jetzt schlüpfrig? Zweideutig? Na, egal. Es ist jedenfalls ein Buch, das in die Analen (nein – das ist kein Rechtschreibfehler) eingehen wird und bei dem man schon so einiges schlucken muss, wenn man sich in aller Tiefe ins Thema hineingleiten lassen möchte. Ups. Es ist skurril, heiter und absolut nicht jugendfrei.

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

„Der große rote Sohn“ ist typisch für David Foster Wallace, denn hinter der oftmals humorvoll satirischen Betrachtung der Pornobranche und ihrer Protagonisten versteckt sich der kritische Verstand eines analytisch vorgehenden Schriftstellers. Er beschreibt die Ambivalenz in den Gefühlen der zahlenden Kundschaft, ihre Motivationen und auch die Abstrahierung des Lustbegriffes durch Abstumpfung und Übersättigung. Wohin geht die Entwicklung einer Branche, die nur durch den Hauch des Verbotenen zum Konsum reizt, wenn die Grenzen und Konventionen zu verschwimmen beginnen. Ist das Extrem künftig die Norm und was kann verkauft werde, um auf dieser Gratwanderung bestehen zu können? Werden Gewalt gegen und die Erniedrigung von Frauen zu Stilmitteln?

Foster Wallace enttarnt die Pornoindustrie, er wischt ihr Glanz und Glamour aus den verschwitzten Poren und entlarvt die bedienten Mechanismen der Lust. Er beschreibt eine niemals enden wollende Spirale der Befriedigung und einen Voyeurismus, der auf dem Rücken von Menschen ausgetragen wird, die mit kurzer Halbwertzeit in der dieser Industrie verbrannt werden. Und doch gesteht er dem Menschen all die Schwächen zu, über die er hier schreibt. Das macht ihn selbst menschlich, schwach und sympathisch. Dieses Buch ist in jeder Beziehung facettenreich und extrem lesenswert. David Foster Wallace macht den großen roten Sohn nicht gesellschaftsfähig, aber vielleicht ist er in der Lage mit diesem Buch die Gesellschaft fähig zu machen, genau hinzuschauen und hinter den Kulissen des Offensichtlichen nach Wahrheiten zu suchen.

Der große rote Sohn - David Foster Wallace

Der große rote Sohn – David Foster Wallace

David Foster Wallace und mein Lesen – Eine komplexe Artikelwelt

Alles ist grün – KiWi
Am Beispiel des Hummers – KiWi
Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken – KiWi
Der bleiche König hält Hof in Deutschland – Eine Vorschau auf sein letztes Buch
Der bleiche König – Die Reise durch das Buch – KiWi
Ein erstes Gedicht – Wie alles begann – The Viking Poem
Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich– Goldmann
Signifying Rappers– KiWi
The Pale King – Eine Kolumne – Pulitzerpreis – Verweigerung 2012
Unendlicher Spaß – KiWi
Unendliches Spiel – Eine besondere Hörspielaktion zum unendlichen Spaß
Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache – KiWi
Der große rote Sohn – Kiwi

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von Daniel T. Max – KiWi (Eine Biografie)

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Viel verbindet mich und meinen Lesensweg zu David Foster Wallace mit Bianca und Literatwo. Zum ersten Mal haben wir hier diesmal ein Buch von ihm gemeinsam erlesen. Ihre Meinung und die schönsten Stellen, die ihren Blog erobert haben, findet ihr hier

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„Wir sehen uns am Meer“ von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Kann die Liebe alle Fesseln sprengen?

Ist die Liebe in der Lage, Vorurteile und Prägung zu überwinden und kann sie alle Ressentiments beiseite fegen? Vermag sie mit ihren Gefühlen auch der härtesten aller denkbaren Proben zu widerstehen, oder findet die Zuneigung zu einem Menschen, der im eigentlichen Sinne zu historisch gewachsenen Feinden zählt, ihre Grenzen und wird zu ihrem Gegenteil: Abneigung, trotz aller Gefühle. Ist Liebe machtlos, wenn Schranken errichtet wurden, die das Terrain für Liebende zu Minenfeldern der eigenen Geschichte werden lassen?

Ein reales und literarisches Motiv, an dem schon die stärksten Protagonisten im Lauf der Geschichte verzweifelt sind. Nicht standesgemäße Verbindungen sind hier nur ein Aspekt der vielfältigen Verstrickungen. Politisch unmögliche Beziehungen liefern die frisch Verliebten schutzlos einem Umfeld aus, das statt Zärtlichkeit nur puren Hass mit sich bringt. Und religiös nicht miteinander vereinbare Verliebtheit prallt an den alten Konventionen ab, die der Liebe dogmatisch im Wege stehen. Ismaels Orangen von Claire Hajaj sei hier nur als besonders lesenswertes Beispiel genannt.

Ein Sieg der Liebe ist hier selten. Spätestens, wenn Liebende ihr warmes Liebesnest verlassen, realisieren sie, dass sie nicht alleine auf dieser Welt sind und schon beginnt das Gezerre aus den unterschiedlichsten Gründen. Hier endet jede Illusion. Herzen und Menschen brechen. Selbst, wenn das junge Glück weit von allen Konflikten dieser Welt entfernt ist und die kleine Insel der Emotion eigentlich keinen Nährboden für Hass oder Zweifel beheimatet. Man wird von der Welt eingeholt. Oder gibt es Ausnahmen?

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Kann es einen Ruhepol inmitten der Wirrnisse dieser Welt geben? Einen Ort, der so facettenreich und unbefangen ist, dass die zarte Pflanze der Leidenschaft erblühen kann ohne gleich einzugehen? Vielleicht hat die israelische Autorin Dorit Rabinyan die richtige Metropole entdeckt, die für eine unmögliche Liebe zum Reservat werden kann. Ich kehre an ihrer Seite nach New York zurück. In mein Brooklyn, das für mich lesend in den letzten Jahren zur zweiten Heimat wurde.

Vielen Schicksalen bin ich dort begegnet, habe die Welt der Einwanderer erlebt, bin verzweifelten Liebenden begegnet und wurde zum Zeugen dramatischer Ereignisse, die den Big Apple zum Wahrzeichen für Standhaftigkeit machten. Dieser Erzählraum ist mir sehr vertraut. Ich bewege mich auf einem Terrain, das ich mir seit Jahren erlesen habe und fühle bereits auf den ersten Seiten des Romans Wir sehen uns am Meer, dass mein Lesen immer wieder eine Heimkehr ist. Dorit Rabinyan bringt mich nach Hause.

Die Zeit, in der wir uns in ihrem Roman durch New York lesen, ist turbulent. Ein Jahr ist vergangen, seit die Türme des World Trade Centers in Schutt und Asche gelegt wurden. Ein Jahr, in dem die Angst vor Terrorismus und die Trauer um die Opfer dieser Anschläge das öffentliche Leben dominieren. Ein Jahr ist erst vergangen. Weihnachten steht vor der Tür und ich begegne zwei Menschen, die sich durch einen puren Zufall in den Straßen von New York kennenlernen. Ein Augenblick, der ihr Leben verändert.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Ihr Name ist Liat Benjamini. Sie ist 29 Jahre alt und Fullbright-Stipendiatin in den USA. Sie ist Israelin, kommt aus Tel Aviv und genießt ihren Aufenthalt in New York. Freunde haben ihr eine Wohnung überlassen und sie verbringt ihre Zeit mit der Übersetzung von wissenschaftlichen Arbeiten aus dem Englischen ins Hebräische. Liat steht mit beiden Beinen mitten im Leben, steht mit ihrer Familie in Kontakt, hat gute jüdische Freunde in New York gefunden und freut sich auf die Zeit, die sie ihrem Stipendium verdankt.

In ihrem durchgeplanten Tagesablauf gibt es nur eine kleine Unwucht. Ein Treffen mit einem Bekannten kommt nicht zustande und statt seiner erscheint sein Freund, um Liat nicht ohne Nachricht in dem Kaffee warten zu lassen. Dieser Augenblick, der erste Eindruck, die ersten Worte des fremden jungen Mannes lösen in Liat Gefühle aus, die sie sich kaum erklären kann. Viel schöner noch. Sie macht gar nicht erst den Versuch! Sie schaut ihn nur an und lässt geschehen, was nie hätte geschehen sollen.

„Wie ihn aus dem Heute heraus beschreiben, wo anfangen? Wie den ersten Eindruck jener weit zurückliegenden Augenblicke wieder herausfiltern? Wie das vollendete, aus vielen Farbschichten bestehende Porträt zurückführen auf die flüchtige blasse Bleistiftskizze, die mein Auge einfing, als es zum ersten Mal auf ihm ruhte? Wie jetzt mit ein paar Strichen das ganze Bild mit all seinen Flächen und Furchen malen?“

Kurz gesagt, es ist wahrhaftig Liebe auf den ersten Blick!

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Chilmi ist unwiderstehlich. Er ist zwei Jahre jünger als Liat, lebt schon lange in New York. Er ist zurückhaltend, wenn es gilt zurückhaltend zu sein. Er ist mutig, wenn es an der Zeit ist, mit emotionalem Wagemut zu betören. Er ist Maler und ähnelt doch selbst einem seiner Gemälde. Er ist witzig, romantisch und charmant. Sehr zögernd und scheu verlaufen die ersten Momente. Was dann folgt, ist ein Taumel der Gefühle. Als seien sie füreinander bestimmt, fließen die Worte, die zarten Berührungen, überlagern sich ihre Gedanken und aus zwei Individuen entsteht binnen weniger Stunden ein Bild, das zu vibrieren scheint.

Alles könnte so wildromantisch sein. Würden nicht tiefe Schatten das gemeinsame Bild überlagern. Denn Chilmi stammt aus Ramallah. Er ist Palästinenser und beiden ist vom ersten Augenblick völlig klar, dass ihre Gefühle keine Zukunft haben können. Nicht den Hauch einer Chance würde man einer Beziehung zwischen der Israelin und dem Araber einräumen. Zu tief sind die Gräben, zu sehr verankert die Vorbehalte zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen. Zu tiefe Wunden haben sich die Generationen ihrer Vorfahren einander zugefügt. Und all dies ohne Einsicht, dass sich jemals etwas ändern sollte oder könnte. Verbarrikadiert hinter den eigenen Mauern sind ihre Völker.

Beiden ist dies bewusst, weil sie mehr als bewusst die Schäden der gegenseitig tief angelegten Vorurteile fühlen. Und doch gelingt es ihnen fast schon spielerisch, gegen die Konflikte anzukämpfen, die sie nie persönlich ausgetragen haben. Sie flüchten sich in wilde Begierde und lassen sich in ihre Emotionen fallen. Anfänglich gelingt dies. Als jedoch die „Lieben“ zuhause zu ahnen beginnen, was im fernen Brooklyn geschieht, ist es kein Wunder, dass ein religiös-politisches Gezerre um die frisch Verliebten beginnt. Nur Liat sieht dem gelassen entgegen. Ihr Visum endet in fünf Monaten. Dann würde sie sich von Chilmi trennen und nach Israel heimkehren. Wer könnte ihr das verübeln?

Nur: Sie hat die Rechnung ohne ihre Gefühle gemacht.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Dorit Rabinyan schreibt romantisch, erotisch, politisch, mutig und stilsicher. Sie transportiert das ewig junge Romeo-und-Julia-Motiv in die Atmosphäre von Brooklyn und changiert die konkrete Bedrohung zweier verfeindeter Familien in die abstrakte und seit Generationen gewachsene Feindschaft zweier Völker. In der Hoffnungslosigkeit der Ausgangssituation liegt der Sprengstoff dieses Romans. Die Ausweglosigkeit lässt den tiefen Kampf um Normalität so kraftvoll erscheinen. Die israelische Autorin wird den hier beschriebenen Menschen gerecht, nicht Nationen, Völkern oder Religionen über die sie schreibt.

Sie lässt sich literarisch nicht vor den Karren spannen. Dieses Buch wurde von der israelischen Erziehungsministerin von der Lektüreliste der Oberstufe gestrichen. Dieses Prädikat zeigt, wie tief der gegenseitige Hass verankert ist und, dass Abweichungen von der gewollten Norm doch bitte nicht gelesen werden sollen. Es zeigt aber auch deutlich, dass dieser Roman nicht einfach gestrickt ist und die Autorin vielleicht doch in der Lage ist, in diesen wirren Zeiten den Weg zu einem Biotop der Veränderung zu weisen.

Oder wird auch Dorit Rabinyan schreibend zum Opfer aller Vorbehalte?

Amos Oz hat in „Judas“ so nachvollziehbar genau beschrieben, wo die Wurzeln dieser Feindschaft liegen. Er hat die Türen geöffnet, sich sowohl intellektuell als auch emotional von diesen Fesseln der Vergangenheit zu befreien. Über Wir sehen uns am Meer schrieb der sehr kritische Amos Oz: „Ich bin beeindruckt. Ein präziser und eleganter Liebesroman, aufs Feinste gezeichnet.“ Ich stimme ihm zu. Gebt Liat und Chilmi eine Chance, denn nur wenn wir bereit sind, diese Beziehung in unseren Herzen zu akzeptieren, werden sie die Welt verändern können.

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

Wir sehen uns am Meer von Dorit Rabinyan

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

1400 Seiten. 3 Monate Lesequarantäne. Autistisches¹ einsames Insellesen. So und nicht anders kann ich den Herbst des Jahres 2009 beschreiben. Eine Zeit, die mir noch sehr lebhaft in Erinnerung ist, weil ich eine bewusste Lese-Entscheidung traf, die mein Leben nachhaltig verändert hat. Ich griff zu einem Buch, das zu diesem Zeitpunkt in den Fokus des intellektuellen Interesses gerückt war und von dem viele sprachen, das aber doch scheinbar von niemandem gelesen wurde. Es galt als elitär und en vogue, diesen weißen Literaturklotz zu besitzen, darüber zu fabulieren und ihn zur Schau zu stellen.

Die Rede ist vom Roman „Unendlicher Spaß“, dem Opus Magnus von David Foster Wallace, jenem US-amerikanischen Autor, der sich nur ein Jahr zuvor suizidal von der großen Bühne der Weltliteratur absentiert hatte. Er wurde nur 46 Jahre alt. Und nun lag sein Vermächtnis vor mir. Weiß, nicht sonderlich pflegeleicht, eigentlich viel zu schwer, um es einfach so in die Tasche zu stecken. Eine Buch-Immobilie im besten Sinne des Wortes. Wirklich kein Buch für unterwegs und darüber hinaus auch noch eine absolute Vollbremsung für Vielleser, wie mich.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Ich denke noch heute daran, wie viele Bücher ich wohl hätte lesen können, wenn ich nicht ganze drei Monate im „Unendlichen Spaß“ verbracht hätte. Ich denke aber auch sehr oft daran, welche Bücher ich wohl nie gelesen hätte, wäre diese literarische Mutprobe nicht gewesen. Kurz gesagt, ich fühlte mich damals wie ein Eremit in einem Fass. Total abgeschottet von der Welt, staunend, über welche Bücher meine Freunde so sprachen und jede Kontaktaufnahme mit einem der Besitzer des weißen Ziegelsteins endete mit der kopfschüttelnden Bemerkung: „Nee… das ist doch nicht lesbar!“

Doch! Es war, ist und wird immer lesbar sein! Der „Unendliche Spaß“ hat mich in der Tiefe meiner Lese-Seele berührt und mich verändert aus dem Buch entlassen. Am Ende der 1400 Seiten fühlte ich mich wie nach der Mount-Everest-Erstbesteigung ohne Sauerstoff. Ich trug den Stolz eines Lesepioniers vor mir her und war mir meiner Rolle als Leser und Buchliebhaber bewusster als jemals zuvor. David Foster Wallace hat mich seit diesen Tagen nicht mehr verlassen und über keinen zweiten Autor schrieb ich so viele Artikel. Meine DFW-Bibliothek ist fast vollständig und sie wächst, obwohl er schon so lange schweigt.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel - Der große Rote Sohn

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel – Der große Rote Sohn

Seine Kurzgeschichten, Essays und Auftragsarbeiten bieten auch heute noch einen reichhaltigen Fundus an potenziell neu zu übersetzenden Werken. Zuletzt war es Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“, der uns in Davids Depressionen entführte, und bald wird mit Der große rote Sohn eine ganz wichtige Lebensphase des Autors bei Kiepenheuer und Witsch erscheinen. Er besuchte hier im Auftrag einer Zeitung eine ganz besondere Veranstaltung und allein die vorbereitenden investigativen Recherchen haben ihn nachhaltig geprägt.

Die Verleihung der Adult Video News Awards, die Oscars der Pornoindustrie in Las Vegas, plus die dazugehörende Pornomesse sind Gegenstand seiner Betrachtung und wer vergleichbare Auftragsarbeiten von ihm kennt, der weiß ganz genau, worauf sich der jeweilige Auftraggeber einstellen kann. Auf alles, nur nicht das Erwartete. Also darf man auch hier davon ausgehen, dass sich Interviews mit Branchenriesen und intensive Nachforschungen zu einer gestohlenen Trophäe in eine ganz eigene Richtung bewegen werden. Es wird schmutzig lustig und extrem doppelmoralisch.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Exemplarisch sei hier „Am Beispiel des Hummers“ erwähnt. Auch hier wurde aus der beabsichtigten Reportage vom größten Hummer-Festival Amerikas für ein Gourmet-Magazin eher eine Streitschrift für Tierschützer, als der erhoffte kulinarische Literatur-Leckerbissen. Man darf sich also schon sehr auf einen Schriftsteller in Bestform in einer Parallelgesellschaft der besten Formen freuen. Und so darf der geneigte Fan von David Foster Wallace auch in Zukunft mehr als gebannt darauf warten, welche Texte aus dem endlichen Nachlass des Schriftstellers ihren Weg zu uns finden werden. Bis es dann vorbei ist mit dem „Unendlichen Spaß“.

Tja, ohne diesen „Unendlichen Spaß“ hätte ich wohl niemals dieses unendliche Lesen erleben dürfen. Vielleicht wäre ich heute nicht so nachdenklich und kritisch, sicherlich hätte ich nicht so viel Verständnis für Lebensentwürfe, die sich erheblich von gesellschaftlichen Normen abheben und ganz bestimmt wäre ich ein ärmerer Mensch. David Foster Wallace ist stilistisch und inhaltlich zu einem Teil von mir geworden. Wir wären heute im selben Alter. Er ist mein Jahrgang. Das macht traurig und immer noch einsam, da kaum jemand aus meinem Freundeskreis mehr als nur einen Satz von ihm gelesen hat. Dann müssen wir den Weg eben zu zweit alleine weitergehen. Unendlich weit.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Umso schöner war es für mich, als ich das Projekt Unendliches Spiel entdeckte. Hier konnte ich wirklich zum Teil einer Welt werden, die mich gefangen hält. Hier fühlte ich mich zuhause und angekommen, als es darum ging, mit meiner Stimme zum wohl größten Hörbuchprojekt beizutragen, das jemals Online gestartet wurde. Das Projekt von WDR 3, Bayern 2, Deutschlandfunk und dem Kiwi-Verlag basiert auf der Idee, dass viele Menschen zum Teil des „Unendlichen Spaßes“ werden. Man konnte sich eine Seite des Romans reservieren und sie wie ein Hörbuch einlesen. Und schon war man dabei. Dieses Projekt ist noch nicht finalisiert. Zwar wurden inzwischen alle Seiten von unzähligen Fans vertont, der Zusammenschnitt und die Untermalung mit Musik gehen nun in die letzte Phase. Die WELT schreibt dazu… hier lesen.

Ich bin doppelt dabei. Zwei Seiten sind bereits eingelesen. Eine Episode ist sogar schon hörbar. James Incadenzas Vortrag über ein fatales Tennisspiel unter mütterlicher Aufsicht und mit aufgeschürftem Knie; Seite 243. Das Tennisspiel mit Schürfeffekt kann man hier hören: Kapitel/Szene 1550. Diese Szene dauert fast eine Stunde und meine Stimme ist ab Minute 53,48 zu hören. Meine zweite Passage ist noch in der Technik. Es handelt sich hier um eine surreale Passage, die Orin unter einem umgedrehten Glas hörbar macht; Seite 1396.

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Die Hintergrundmusik mag seltsam anmuten, aber sie wird David gerecht. Er hat sich immer eine „Goldene Maschine“ vorgestellt, die rund um die Uhr komponiert. Und genau so ist diese Musik entstanden. Auf diese Art und Weise wird „Der Unendliche Spaß“ mit der „unendlichen Komposition“ zum „unendlichen Spiel“. Für mich eine sehr wichtige Etappe auf meinem langen Weg an der Seite von David Foster Wallace. Und wir sind noch nicht am Ende angelangt. Das kann man sich auch anhören².

„Alles Unerträgliche ist im Kopf, weil der Kopf nicht in der Gegenwart verweilt, sondern die Mauern hochklettert, Erkundigungen einzieht und mit unerträglichen Nachrichten zurückkommt, die man dann irgendwie glaubt.“

David Foster Wallace - Ein unendliches Spiel

David Foster Wallace – Ein unendliches Spiel

Autistisches Lesen¹ – Eine ganz persönliche Definition:

Ich definiere es für mich literarisch ganz vorsichtig so, dass ich ein Buch nur für mich erlebe. Eingeschlossen in einer eigenen Welt mit eigener Wahrnehmung. Ohne Zuversicht auf Verständnis im Umfeld. Abgekapselt. Und doch ist die Wahrnehmung auf dieser Insel unglaublich scharf und leuchtend. Bei diesem Buch kam es mir für mich so vor. Womit ich dem medizinischen Begriff nur metaphorisch nahekommen möchte. Ich mag hier nur ein Bild erzeugen, das ich selbst greifen kann. Ich möchte niemandem zu nahe treten, der an dieser Krankheit leidet. Aber ich stelle es mir vereinfacht so vor, dass dieses Bild treffend sein könnte.

Das kann man sich auch anhören²:

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache als Rezension für Ohr.

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