Am Tag davor von Sorj Chalandon [Montan-Literatur]

Am Tag davor von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Montan-Literatur. Seit Jocelyn Saucier und ihrem Roman „Niemals ohne sie“ für mich ein neuer (weil ja von mir geprägter) Begriff einer literarischen Stilrichtung. Hier sind es die Bergwerke, Kohlegruben und Zechen, die das Szenario für brillant erzählte Romane bestimmen. Es sind Kumpel, Steiger und ihre Kollegen unter Tage, die uns in die Tiefe mitnehmen. Hauer, die uns zeigen, wie hart ihr Leben ist, welche Risiken sie begleiten und wie unfair es sich anfühlt, den Reichtum eines Landes zutage zu fördern und dabei selbst an der Armutsgrenze zu leben. Es ist ein Leben voller Entbehrungen, Traditionen und Gefahren. Der Stoff, aus dem gute Geschichten gemacht sind.

Sorj Chalandon hat mit Am Tag davor einen solchen Montan-Roman verfasst, in dem wir eigentlich gar nichts anderes erwarten, als die ewig ungeklärte Frage zu klären, was am Tag vor einem großen Grubenunglück in Frankreich passiert ist. Das Unglück selbst ist verbriefte historische Tatsache. Die Geschichte, die Sorj Chalandon in dieses Szenario einbettet, hat es in sich. Sie geht tief unter die Haut und berührt alle Facetten menschlicher Anteilnahme. Ein verblüffender Roman über Schuld, Selbstvorwürfe und niemals bewältigten Verlust. Und zugleich ein Lehrstück über den Umgang mit eigenen Wahrheiten.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Wir schreiben den 26. Dezember 1974 und befinden uns auf der Zeche Saint-Amé in Liévin-Lens. Weihnachten ist gerade vorbei und der Routinebetrieb unter Tage läuft wieder an. Es ist der Tag, an dem der sechzehnjährige Michel voller Stolz mit Joseph, seinem großen Bruder, auf einem Moped durch die Straßen der Stadt fährt. Sie fühlen sich unbesiegbar und die Strahlkraft ihrer Jugend scheint ein Schutzschild zu bilden. Es ist der Stolz, der sie verbindet. Und auch die Angst, Joseph könnte in der Grube etwas zustoßen. Die Arbeitsbedingungen sind hart. Die Gefahr von Unglücken unkalkulierbar hoch. Es ist „Am Tag davor“, der die beiden Brüder auf der Welle gegenseitiger Liebe auf dem Moped vereint.

Am 27. Dezember 1974 ist alles anders. Eine Explosion erschüttert die Region. Es ist der Schacht, in dem sein Bruder arbeitet, der zusammenbricht. 42 Bergleute finden den Tod, wo sie eigentlich auf der Suche nach Kohle waren. Michel und seine Eltern warten auf Nachrichten, bis ihnen mitgeteilt wird, dass Joseph schwerverletzt überlebt hat. Hier lässt Sorj Chalandon einen Schacht nach dem anderen über der Familie einstürzen. Es ist unfassbar traurig, was er erzählt, wie er es erzählt und was er in uns auslöst. Joseph stirbt sechsundzwanzig Tage später in der Klinik. Er lässt verzweifelte Angehörige und eben seinen kleinen Bruder zurück. Die Geschichte hat keinen Platz für das Opfer, das so lange nach dem Unglück stirbt. Joseph wird nicht zu den Toten der Katastrophe von Liévin-Lens gezählt. Er starb im Bett.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Jorj Chalandon vermittelt ein dramatisches Gefühl der unterschiedlichen Formen von Trauer, die hier angebracht sind. Die Familie von Joseph kommt sich vor wie böse Trittbrettfahrer auf dem Zug der wahren Opfer. Entschädigungen werden gezahlt, aber eben nur den Toten des Tages. Hass brandet auf. Wut angesichts der Verursacher der Katastrophe. Chalandon führt hier die Ausbeutung der Kumpel ins Feld, die der Gefahr zu trotzen haben, damit die Zechenbetreiber im Reichtum baden. Der Atemhauch tiefer Ungerechtigkeit durchweht das Buch. Als Michel beschließt, seine Heimat zu verlassen, gibt ihm der Vater noch eine letzte Botschaft mit auf den Weg.

„Michel, räche uns an der Zeche.“

Hier erweitert Sorj Chalandon den Erzählraum um die Dimension Rache. Ein Erbe, das Michel in Paris verdrängt. Er heiratet, lebt ein normales Leben und doch merkt man ihm an, dass die Traumatisierung tiefer sitzt, als er es wahrhaben möchte. Andenken in einer Garage zeugen vom Verlust. Ein Altar für seinen Bruder entsteht und eine Suche nach den Schuldigen der Katastrophe setzt im Verborgenen ein. Als Michels Frau stirbt gibt es kein Halten mehr. Er kehrt zurück in die Heimat. Er hat einen Plan. Er hat sogar ein Ziel. Den Hauptverdächtigen, der damals für alles verantwortlich war.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Wir sind auf seiner Seite. Das hat der Autor geschafft. Wie könnten wir auch anders fühlen? Michel steht uns nahe. Der Verlust seines Bruders hat unser Lesen geprägt. Er wurde nicht nur um eine Zukunft, sondern auch um die Ehre betrogen, offizielles Opfer des Unglücks zu sein. Rache. Was liegt näher? Michel ist jetzt 57 Jahre alt. Grauhaarig und unbekannt in der Heimat. Zu viel Zeit ist vergangen. Vieles ist vergessen. Auch die Katastrophe von einst ist nur noch ein Mahnmal. Nicht mehr. Wir kennen die Menschen dieses Ortes, ihre Vergangenheit und die Zukunftslosigkeit unter der die Region leidet. Und genau hier schlägt Michel zu. Punktgenau. Er nimmt Rache.

Aus dem Bergarbeiter-Roman wird schlagartig ein brillanter Justiz-Roman, der es schafft, die Atmosphäre der Kohle-Region in den Gerichtssaal zu transportieren. Es ist die Aufarbeitung einer Rache. Die Abrechnung mit dem scheinbaren Täter, aus der im Verlauf des Prozesses jedoch die Aufarbeitung der Katastrophe wird. Wo ist Schuld zu suchen? Wo wird man sie finden? Wer hat das Recht zu rächen? Und nicht zuletzt die Frage, was „Am Tag davor“ geschah, zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Hier sitzen wir bei den Beobachtern des Prozesses und wissen nicht, wie wir urteilen sollten. Wir wissen nichts. Nur, dass wir keine Opfer und keine Täter erkennen. Die Grenzen in dieser Bewältigungsgeschichte verschwimmen. Und das auf eine intelligent-emotionale Art und Weise, die lange im Gedächtnis bleiben wird.

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Facettenreich und unvergesslich schreibt uns Sorj Chalandon seinen Roman ins Herz. „Am Tag davor“ sollte von Buchhändlern mit einer Grubenlampe versehen und ganz besonders im sogenannten Ruhrpott ganz vorne auf den Highlight-Tischen liegen. Der Roman ist eine Liebeserklärung an einen Menschenschlag und Berufszweig, von dem man sich in den letzten Jahren immer mehr verabschieden musste. Ihr Leben und ihr Leiden, ihre Traditionen und die stoische Schicksalsergebenheit stehen hier wie ein Standbild für eine fast vergangene Epoche echter Arbeiter. Werte und Normen, Freund und Feind, Gefahr und Genuss gehen Hand in Hand durch einen wahrhaft großartigen Roman. Montan-Literatur. Tiefgang verspricht Schürfrechte an einem Buch, in dem ab einem bestimmten Punkt kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Lesen!

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Am Tag davor von Sorj Chalandon

Am Tag davor“ von Sorj Chalandon / dtv / dt. von Brigitte Große / 320 Seiten / 23 Euro