Weihnachten sind wir wieder da – Die ewigen Stimmen aus Verdun

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg und schon wenige Tage nach Ausbruch der Kämpfe war von der Euphorie der ersten Augusttage des Jahres 1914 nicht mehr viel übrig. Europa hatte sich in einer Kettenreaktion aus Bündnisverpflichtungen gegenseitig an den monarchistischen Haaren in den Krieg gezogen und nun war die Überraschung auf allen Seiten groß, wie sehr sich dieses Schlachten von den Gefechten unterschied, die man bisher zu kennen glaubte.

In bisher ungeahntem Ausmaß dominierte die industrielle Kriegstechnik das Geschehen an allen Fronten. Schnelle Attacken zu Pferd hatten ihre Bedeutung verloren und das Erstarren der Fronten in Frankreich führte dazu, dass sich die Soldaten beider Seiten verbissen in ihre Stellungen eingruben. Zermürbung und Abnutzung wurden zum Kriegsziel. Erbitterte Kämpfe um wenige Meter Gelände bestimmten den Tagesablauf, während aus sicherer Entfernung die Artillerie ihre tödlichen Ladungen auf die Stellungen des Gegners regnen ließ.

Panzer (damals noch Tanks genannt, weil die Briten ihre ersten Versuche mit diesen Kettenfahrzeugen als Wassertransporter tarnten) und Gasangriffe veränderten sowohl physisch als auch psychisch das Kampfgeschehen. Scharfschützen demoralisierten die ruhende Truppe und die frühe Dominanz einer neuen Kriegswaffe zeigte, dass man in jeder Hinsicht und aus jeder Dimension heraus verletzbar war. Flugzeuge kreisten unaufhörlich über dem Schlachtfeld und die tödliche Fracht regnete auf die einfachen Frontsoldaten nieder.

Aus heutiger Sicht immer noch unvorstellbar, was es für den einzelnen Soldaten bedeutet haben muss, sich unvermittelt in einem solchen Szenario wiederzufinden, auf das er in keiner Art und Weise vorbereitet war. Begriffe wie „Verdun“ und „Fort Douaumont“ klingen auch 100 Jahre nach diesem Weltenbrand in unseren Ohren. Sie geraten nicht in Vergessenheit, weil in unzähligen Publikationen und Dokumentationen über diesen längst vergangenen Krieg berichtet wird.

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

In ihm sehen Historiker aller Länder den Ursprung heutiger Konflikte, denn letztlich gilt der Erste Weltkrieg als das Schlangenei, aus dem nur wenige Jahre später ein noch grausamerer ideologischer Krieg entbrannte. Ich habe in meiner Artikelserie „Der Erste Weltenbrand viele Bücher vorgestellt, die sich aus verschiedenen Perspektiven diesem Urkrieg des 20. Jahrhunderts angenähert haben. Dabei stellte ich mir immer wieder die eine Frage: Welche Originalquellen lassen den heutigen Leser ermessen, wie der damalige Krieg sich auf den Menschen ausgewirkt hat? Sind es Tagebücher von der Front, sind es Feldpostbriefe oder hilft uns gar eine völlig andere Herangehensweise, um uns authentisch vor Augen zu halten, was es wohl bedeutet haben muss, diesem Desaster ausgeliefert zu sein.

Ernst Jünger hat mir gezeigt, dass Feldpostbriefe keinesfalls authentisch sind. Sie dienten der Beruhigung der Familie, sollten Zuversicht verströmen und unterlagen darüber hinaus der Zensur. Jüngers Feldpostbriefe sind ein deutlicher Beleg dafür, wenn man sie mit seinen Tagebüchern vergleicht. Die Tagebücher selbst sind Momentaufnahmen, die völlig ungeschönt die aktuelle Stimmungslage des Frontsoldaten vermitteln. Allerdings unterliegen sie in jeder Hinsicht der „Froschperspektive“ des engen Schützengrabens. Fehlinformationen, Desorientierung und Manipulation durch Vorgesetzte kommen in ihnen zum Tragen. Der Blick ist getrübt und nicht über den Tellerrand gerichtet. Ernst Jünger hat noch Jahre nach dem Krieg in seinen Tagebüchern Korrekturen vorgenommen, um seine Eintragungen in den Kontext der Ereignisse zu stellen.

Eigentlich sollte man denken, dass keine neuen Dokumente mehr auftauchen können, die unsere Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges verändern oder präzisieren können. Das Buch Im großen Krieg – Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (Piper-Verlag) und die im Rahmen der Recherche dazu entstandenen Projekte haben mich eines Besseren belehrt, und zwei weitere Veröffentlichungen zogen mein Interesse magisch an. Einerseits, weil sich beide Bücher dem Einzelschicksal auf völlig unterschiedliche Art und Weise annähern und andererseits, weil beide Publikationen deutlich zeigen, dass die Stimmen aus Verdun nicht verstummen, selbst wenn es heute keine lebenden Zeitzeugen mehr gibt, die noch erzählen können, wie es wirklich war.

Hineingeworfen von Wolf-Rüdiger Osburg

Hineingeworfen von Wolf-Rüdiger Osburg

Hineingeworfen – Der Erste Weltkrieg in den Erinnerungen seiner Teilnehmer von Wolf-Rüdiger Osburg (Aufbau Verlag) widmet sich der Frage nach dem wahren Kriegserlebnis mehr als persönlich und individuell. Seine Gespräche mit 138 Soldaten des Ersten Weltkrieges sind hierbei die Grundlage für eine Publikation, die durch mehrere Faktoren besticht. Die zeitliche Distanz zum Erlebten lässt es zu, dass die Erinnerungen in den Kontext des Krieges gestellt werden und die Erlebnisse dadurch eine Kontur erhalten, die in Tagebüchern oftmals fehlt. Die Struktur des Buches lässt es erstmals zu, Erinnerungen nach bestimmten Schlagworte und Überschriften sortiert auswerten zu können. Nicht chronologisch aufgereiht kommen hier die Zeitzeugen zu Wort. Osburg montiert Teile der „Interviews“ zu großen Themenblöcken zusammen.

  • Kriegsausbruch
  • Der Angriff
  • Bekanntschaft mit der Hölle: Verdun
  • Der erste Tag im Krieg
  • Der Feind
  • Sterben
  • Fronturlaub
  • Gefangenschaft
  • Der Militärapparat
  • Das Leben danach

Dies sind nur einige der Überschriften, zu denen die Veteranen persönlich zu Wort kommen. Auch wenn die Gespräche oftmals in Pflegeheimen geführt wurden, merkt man deutlich, was geschieht, wenn sich die Fesseln von Erinnerungen lösen, die man bisher niemandem anvertraut hat. Authentischer geht es kaum. Hier haben wir es nicht mit zweifelhaften und bruchstückhaften Fragmenten der Selbstglorifizierung zu tun. Es ist manchmal so, als würden diese Greise nun beginnen ihr Tagebuch zu schreiben. Die Angst ist wieder da, die Trauer wird fühlbar und eine erstaunliche Klarsichtigkeit über die Sinnlosigkeit des Krieges zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählungen.

Kritikpunkte gibt es jedoch auch. Dem Wunsch einiger Gesprächspartner folgend, wurden ihre Beiträge im Buch lediglich mit deren Initialen gekennzeichnet. F.Kn. geb. 1897 zum Beispiel. Ich versuchte mich sehr intensiv in die Gedankenwelt der ehemaligen Kämpfer hineinzuversetzen, was mir bei bloßen Initialen absolut nicht gelang. Von den namentliche genannten „Erinnernden“ bleibt im Anhang auch nur der Name und der Beruf. Mir war das zu wenig Information zu den Menschen, denen ich folgen wollte. Ihre Aussagen sind zu bedeutend, um sie auf ihre Initialen zu reduzieren, auch wenn dies dem letzten Willen der Betroffenen entspricht. Darüber hinaus schrecke ich beim Titel des Buches immer wieder zurück, wenn von „Erinnerungen seiner Teilnehmer“ die Rede ist. Teilnahme ist etwas, das ich persönlich mit Gewinnspielen verknüpfe – nicht jedoch mit Kriegen. Dieser Begriff ist verharmlosend und gefährlich. Meine persönliche Meinung.

Verborgene Chronik 1914 von L. Exner / H. Kapfer

Verborgene Chronik 1914 von L. Exner / H. Kapfer

Die „Verborgene Chronik 1914“ von Lisbeth Exner und Herbert Kapfer (Galiani Verlag) ist der erste von drei Bänden einer chronologischen Tagebuch-Collage, die mehr als 189 Diaristen des Ersten Weltkrieges zitiert. Alleine im ersten Teil, der sich mit dem ersten Kriegsjahr auseinandersetzt, melden sich 57 bisher unveröffentlichte Stimmen zu Wort, die Tag für Tag ein Mosaik der Gefühlslage im Deutschen Kaiserreich entstehen lassen. Die einfachen Menschen, die hier nur für sich geschrieben haben, und von denen oftmals nur die Tagebücher im Deutschen Tagebucharchiv geblieben sind, nehmen immer mehr Gestalt an und werden in ihrer unterschiedlichen Sichtweise greifbar.

Sie sind bis auf ganz wenige Ausnahmen konsequent namentlich erwähnt und im Anhang des Buches finden sich Informationen zu den Autoren, deren Zeilen wir folgen. Und wenn einmal nur die Autorenangabe „Ein Mädchen“ erscheint, dann ist dies umso interessanter, weil diese junge Frau niemals auf dem Schlachtfeld war, die Stimmung zuhause jedoch sehr pointiert auf den Punkt bringt. Man nimmt an ihren Gedanken teil, folgt ihnen auf die Schlachtfelder oder gar in die frühe Gefangenschaft. Einige Stimmen verstummen, andere kommen hinzu. Ein unglaublicher Fundus an nie veröffentlichten Impressionen, Gedanken und Gefühlen breitet sich vor dem Leser aus.

In seiner Technik mit der Vorgehensweise von Walter Kempowskis „Das Echolot“ durchaus vergleichbar, finden sich hier alle Stärken und Schwächen von Tagebüchern in ihrer Eigenschaft als Primärquelle wieder. Die öffentliche Meinung wird reflektiert, Nachrichten und gesteuerter Patriotismus fließen mit ein und eine neutrale Haltung findet sich kaum. Zu großen Einfluss hat der Krieg auf das tägliche Leben. Ein Gesamtwerk, das für mich schon jetzt zu den wichtigsten Publikationen zu dieser Zeit gehört, weil erstmals der komplette Erzählraum durchschritten wird, den eine breite Bevölkerungsschicht im kollektiven Gedächtnis individualisiert formuliert.

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Hineingeworfen und die Verborgene Chronik 1914

Nachdem ich in den vergangenen Jahren sehr viele „Sachbücher“ und fiktionale Texte zum Ersten Weltkrieg gelesen habe, kann ich einfach nur darauf hinweisen, dass es von großer Relevanz für das Verständnis von historischen Romanen ist, auf bestimmte Primärquellen zurückgreifen zu können. Plausibilität und inhaltliche Stabilität solcher Adaptionen sind oftmals fraglich und an den Autorenhaaren herbeigezogen. Viele Bücher sind jedoch herausragend recherchiert und reihen die erfundenen Protagonisten authentisch ins Geschehen ein. Eine individuelle Auswahl dieser Bücher findet ihr in der Artikelübersicht zum Thema.

Ich persönlich kann weder auf „Hineingeworfen“ oder die „Verborgene Chronik – 1914“ verzichten. Beide Bücher haben in ihrer Nachhaltigkeit Maßstäbe gesetzt und neue Perspektiven eröffnet, auf die ich bereits eingegangen bin. Ich liebe sowohl die chronologische Sondierung einer dramatischen Epoche in Form von Tagebüchern, habe aber auch den Veteranen mit großem zeitlichen Verzug zu den Ereignissen sehr gerne zugehört. Hier schließen sich für mich Kreise zwischen zwei Projekten und das zentral verbindende Element bildet die inhaltliche Klammer.

Ich werde der Verborgenen Chronik folgen und auch die nächsten beiden Teile lesen, um den vollständigen Überblick über diese besondere Form des Echolots zu erhalten. Wie Kempowski suchen die Autoren des Projekts nach Signalen aus der Vergangenheit und lassen eine Collage entstehen, die schon jetzt unverzichtbar ist. Begleitet mich auf diesem Weg und versucht es doch selbst einmal mit dem Quellenstudium in den eigenen vier Bücherwänden. Das Ergebnis ist beeindruckend. Die ewigen Stimmen aus Verdun verstummen nicht und rufen uns unablässig zu, dass wir auf uns achten sollen, wenn jemand wieder zu irgendwelchen Waffen ruft.

Und diese Rufe vernehmen wir täglich… Doch man bedenke: Jeder Stein, den wir heute ins Wasser werfen, wird in genau 100 Jahren solche Bücher zur Folge haben. Wollen wir das?

Mit einem Klick zu Realität und Fiktion des Ersten Weltenbrandes

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2 Gedanken zu „Weihnachten sind wir wieder da – Die ewigen Stimmen aus Verdun

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