LEVI von Carmen Buttjer

Levi von Carmen Buttjer - AstroLibrium

Levi von Carmen Buttjer

Die Superlative überschlagen sich derzeit gewaltig, wenn von Carmen Buttjer die Rede ist. Es wäre deutlich untertrieben ihren Roman „LEVI“ lediglich als vielbeachtetes Debüt zu sehen. Das bei Galiani Berlin erschienene Buch ist wie eine Blendgranate im undurchschaubaren Dickicht der Neuerscheinungen eingeschlagen und hat sowohl im Feuilleton als auch bei Literaturbloggern Spuren hinterlassen. Den Rezensionen folgten Nominierungen für renommierte Literaturpreise. Beim Harbour Front Literaturfestival ging „LEVI“ in der Kategorie Debütpreis ins Rennen. Erfolglos. Ebenso beim begehrten Aspekte-Literaturpreis. Hier schaffte es Carmen Buttjer auf die Shortlist, wurde aber schon aus dem Rennen genommen, bevor es eigentlich begann. Der Roman habe den Debüt-Statuten des Literaturpreises nicht entsprochen. So die Pressemeldung.

Wo liegt das Problem? Geht die Schere zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Preisverleihung so weit auseinander? Es ist viel mehr die Frage der Kategorisierung dieses Buches. Ein Debüt wird in seinen illustren Kreisen gefeiert. Punkt. Gibt es dann Zweifel, ob es sich wirklich um ein Erstlingswerk handelt, dann feiern die Debüts alleine. Doppelpunkt. Wie hier geschehen. Sie veröffentlichte 2017 unter offenem Pseudonym den autobiografischen Text „Fuchsteufelsstill“ beim Ullstein Verlag. Die Autorin selbst sieht dieses Werk nicht als Roman an. Die Debütanten-Bälle der Buchbranche wollten in geschlossener Gesellschaft gefeiert werden. Ausrufezeichen! Und nun? Sollte man „LEVI“ weiterhin begeistert feiern ohne das Buch formell zu würdigen? Wohl kaum.

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Levi von Carmen Buttjer

Hier kommt der Bayerische Buchpreis 2019 gerade recht. Keine Auszeichnung für Debütanten. Ein erwachsener und in sich gewachsener Literaturpreis, der sich deutlich von anderen Formaten unterscheidet. Als diesjähriger Buchpreisblogger darf ich das sagen und ich schrieb ausführlich darüber. Die Modalitäten dieser Auszeichnung lassen wenig Spielraum für Ausgrenzung und Statutenverstoß. Hier kann man das lesen. So saß ich also plötzlich vor einem Roman, der gefeiert und verstoßen wurde. So saß ich vor einem Buch, bei dem mir wirklich egal war, ob es ein Erst-, Zweit- oder Drittling war. Ein Roman, der aktuell für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist. Die Shortlist steht. Ich war neugierig auf den Inhalt, wollte die Sprache fühlen und war bereit einzutauchen. Unbefangen und neutral. Einfach voller Hoffnung, auf eine neue literarische Stimme zu stoßen, die etwas zu erzählen und nicht nur zu schreiben hat.

Und das hat Carmen Buttjer. Zweifellos. Wir lernen den erst elfjährigen Levi kennen. Nicht da, wo man für gewöhnlich auf seine Protagonisten stößt. Nein. Ohne Einleitung, ohne Umschweife werden wir Zeugen eines außergewöhnlichen Ereignisses. Wir sind Zaungäste bei der Beerdigung von Levis Mutter. Werden eingeblendet in die Denkwelt eines Kindes, das plötzlich erwachsen werden muss. Wir erleben, wie diffus ihm diese Zeremonie vorkommt. Seinem Vater scheint nur der Dress-Code wichtig zu sein. Levi jedoch hat anderes im Sinn. Gegen jede von seinem Vater für diesen Tag aufgestellte Regel stürmt er nach vorne, greift sich die Urne mit der Asche seiner Mutter und macht sich aus dem Staub. Er taucht unter, die Warnungen und Drohungen seines Vaters im Ohr.

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Levi von Carmen Buttjer

Eine ungewöhnliche Ausgangssituation für einen Roman über Verlust, Trauer und das Zusammenbrechen einer heilen Welt aus der Sicht eines Kindes. Verstörend auch, was wir danach erfahren. Eine gar nicht heile Familie, Streit war an der Tagesordnung, die Beziehung zum Vater eher gestört, die zur Mutter vom Alltag und ihrem Beruf mehr als überlagert. Zeitungsmeldungen berichten von einem Mord an einer Pathologin und einer vermissten Leiche. Levis kindliche Schutzmechanismen greifen und brennen sich beim Leser ein. Fantasien von Tigern und Panthern bewahren ihn vor der Realität. Das Versteck – gewagt. Auf dem Dach des Hauses, in dem auch sein Vater wohnt. Freunde sind Mangelware. Ein geheimnisvoller Nachbar und der Besitzer eines Kiosks nehmen sich des Jungen an. Der Großstadtdschungel Berlin verschluckt ihn mit seiner Urne.

Wer sich auf Levi einlässt, begibt sich auf Augenhöhe mit einem Kind. Man möge nicht erwarten, dass er in der Lage ist, den Gründen für den Mord an seiner Mutter auf die Spur zu kommen. Man möge nicht erwarten, dass hier die Aufklärung eines Mordes im Mittelpunkt steht. Das ist der Auslöser für die nächtliche Flucht in Tagträume und die Verdrängung der Realität. Seine Weggefährten tragen ähnliche Narben, wie der Junge. Sie scheinen ihn besser zu verstehen, als der eigene Vater. Verstörend real. Betörend erzählt. Carmen Buttjer lässt Levi den Entfaltungsspielraum, den er benötigt. Sie gönnt ihm den Spielraum für eigene Erklärungen und Theorien. Und vor allem gönnt sie ihm Zeit mit der Asche seiner Mutter. Ein exklusives Abschiednehmen im Gefühlschaos.

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Levi von Carmen Buttjer

Was den Roman so besonders macht, ist seine bildhafte und poetische Sprache, die sich anfühlt, als würde man die traumatisierte Welt eines Kindes neu entdecken. Es sind Sätze, die sich tief verankern; Worte, die sich festsetzen und es ist eine Stimmung tiefer Melancholie, die uns begleitet. Wir lesen von Menschen auf den Straßen, die sich in der Luft anlehnen und sich bewegen, als wären sie miteinander verbunden. Wir sind mit Levi auf dem Dach des Hauses, liegen im Zelt und vermissen doch nur ein Katapult und die Seilbahn zu anderen Dächern. Wir verzweifeln mit ihm daran, dass Batman viel schneller ist, als Levis Vater, der doch so dringend von ihm benötigt wird. Gotham City ist nicht Berlin und Superhelden sind Mangelware. Wir sehen Levis Finger Wörter in die Nacht schreiben. Wir folgen seinen Bewegungen…

Ich streckte meinen Arm aus dem Fenster und schrieb mit dem Finger Wörter in die Häuser, auf die Blätter und in die Gesichter, strich sie wieder weg und neue darüber…“

Die Flüchtigkeit des Augenblicks wird zum Bild für diesen Roman. Carmen Buttjer ist nicht auf der Suche nach einfachen Lösungen oder Auswegen aus der ausweglosen Situation. Man muss sich in ihrem Erzählfluss treiben lassen. Man muss den Puls Levis fühlen, seine Gefühle nachempfinden und mit ihm auf der Flucht vor menschfressenden Tigern in die Nacht eintauchen. Sie schafft es, uns Levi in die Seele zu schreiben. Wir halten Ausschau nach dem Jungen mit der Urne. Ein dichter Roman in unverbrauchten Bildern. Eine Atmosphäre, die sich über uns senkt, als würde man eine Urne schließen. Und doch lässt die Autorin immer einen kleinen Schlitz frei, durch den man sehen kann. Ein einschneidendes Ereignis wird zum Auslöser für ein einschneidendes Leseerlebnis. Hier zieht etwas Neues durch die Straßen unseres Lesens. Staying in Age ist für mich eine logische Gegenbewegung zum Coming of Age. Lasst die Zeit stehen. Gebt Levi die Chance zu trauern und an Tiger zu glauben. Die Wahrheit würde ihn zerstören. Ich halte die Zeit für ihn an. Gerne.

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Levi von Carmen Buttjer

Am 7. November wird der diesjährige Bayerische Buchpreis in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz verliehen. Kein Debütanten-Ball. Was für große Literaten. Ein echtes Finale. Eine öffentliche Jury-Debatte mit anschließender Krönung des Gewinners / der Gewinnerin. Steffen Kopetzky steht mit „Propaganda“ im Feuer und David Wagner hofft, dass „Der vergessliche Riese“ unvergesslich bleibt. Einzige Frau in ihrer Mitte: Carmen Buttjer, die mit ihrem erst elfjährigen Protagonisten „LEVI“ platznehmen wird. Und nein. Sicher nicht verschämt und zu bescheiden. LEVI braucht kein Debütanten-Kostüm, oder einen Erstlings-Smoking. Er muss nicht aufschauen zu den Großen seiner Zunft. Mit breitem Kreuz und festem Blick kann der junge Urnendieb darauf hoffen, nun auch in den Besitz eines Porzellan-Löwen zu gelangen. Zumindest wäre das nicht verboten. Also, nicht so, wie im Roman.

Sollte man hoch über den Dächern von Berlin nicht nur ein mit roter Plastiktüte beflaggtes Zelt, sondern auch noch einen Weißen Löwen sehen. Hey. Das wäre nicht so ungewöhnlich. Carmen Buttjer hätte lediglich LEVI`s Traum-Wegbegleitern Tiger und Panther den entsprechenden Artgenossen mitgebracht. Ich würde es ihr gönnen…

LEVI-Autorin Carmen Buttjer - Die Begegnung - AstroLibrium

LEVI-Autorin Carmen Buttjer – Die Begegnung

Mein Gespräch mit Carmen Buttjer auf der Frankfurter Buchmesse gehört zu den absoluten Highlights dieses Literaturfestes. Ich wollte der Schriftstellerin begegnen, die mein Lesen mit so vielen unverbrauchten Wortbildern bereichert hat. Wen ich traf? Eine junge Frau, die in sich ruhend, völlig authentisch und offen über ihr Schreiben und ihren Roman sprach. Ein Messespaziergang und eine entspannte Unterhaltung auf der Terrasse vor Halle 3.1, zahllose Menschen am Messesamstag und die mir gut vertraute literarische Käseglocke, die sich über uns senkte, um auszublenden, was störend wäre. Und dann die Erkenntnis, dass Carmen Buttjer so spricht, wie sie schreibt. Voller Tiefe und Emotion, mal zaghaft, mal bestimmt. Überlegt und doch spontan. Alles geprägt von einer unterschwelligen Fröhlichkeit, die ansteckend wirkt.

Ja, es gab mehrere Fassungen von Levi. Die Entscheidung, ihren Roman bei Galiani zu veröffentlichen ist dem guten Gefühl der Autorin im ersten Kontakt mit dem Lektor zu verdanken, der genau den Nerv traf, den es zu treffen galt: Jene Passagen im Text, die verfeinert werden sollten. Nein, beim Schreiben muss sie alleine sein, weil Dialoge und ganze Passagen von der Autorin laut gesprochen und aufgezeichnet werden. Dass sie dabei den richtigen Ton trifft, spürt man im Roman. Und ja, man fühlt das sympathische Understatement, mit dem sie über David Wagner und Steffen Kopetzky spricht. Beide mit so viel Erfahrung ausgestattet und für große Romane nominiert. Und doch blitzt der Stolz über LEVI aus ihren Augen. Ein Wiedersehen in München bei der Preisverleihung des Bayerischen Buchpreises am 07. November steht fest. Ende offen. Wir sind sehr gespannt.

Ich berichte natürlich von der Verleihung. Bald geht´s hier weiter.

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher

„In Schnee und Eis“ von Rudi Palla [Eine Expedition]

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Doch wer schreibt in diesem Themenfeld schon vom Versagen? Wer widmet seine Recherchen den sogenannten ewigen Zweiten in der Geschichte der Reisen zu bislang unerforschten Hotspots unseres Planeten? Wen interessiert der zweite Mann, auf dem Mount Everest? Wer liest über die zweite Reise nach Amerika und wer reibt sich heute noch neugierig die Augen angesichts gescheiterter Expeditionen zum Nordpol. Hier gilt es zu klotzen, nicht zu kleckern. Eine erfolgreiche Expedition ist eine Sensation. Punkt. Der Zweite ist schon der erste Verlierer. Siehe Charles Darwin und seinen vergessenen Vorläufer Alfred Russel Wallace, von dem hier bald noch die Rede sein wird.

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

Also. Wer traut es sich, über das Scheitern zu schreiben? Die Antwort ist einfach. Rudi Palla! Sein bei Galiani erschienenes Buch thematisiert die Blütezeit der großen Expeditionen und Entdeckungsreisen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts existieren noch ausreichend viele weiße Flecken auf der Erdkugel, die es zu entdecken gilt. Darwin hat ausgedient und wird von seinem Ruhm an weiteren Reisen gehindert. Die Briten haben alle Fühler in die ganze Welt ausgestreckt um im Namen von Royal Societies oder der Ostindien-Kompanie zu erobern, was zu erobern ist. Geld spielt kaum eine Rolle. Hier gilt es nur der Erste zu sein und mit prall gefüllten Kisten voller Exponate nach Hause in die gute alte Welt zu finden. Hier legt der österreichische Schriftsteller Rudi Palla seine Finger in die Wunde des Vergessens. Und das sehr, sehr tief.

In Schnee und Eis – Die Himalaja-Expedition der Brüder Schlagintweitheißt sein neuestes Werk. Und ja, richtig gelesen: Schlagintweit. Nie gehört? Keine Sorge. Das ist nicht wirklich schlimm, denn Rudi Palla hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns genau zu erklären, worin dieses Vergessen begründet ist. Münchener Brüder auf dem Weg zum ganz großen Ruhm. Vorschusslorbeeren ohne Ende, ein paar erfolgreiche Alpentouren und ein guter Draht zu Charles Darwin. Das sollte reichen, um die Fachwelt in Staunen zu versetzen und Finanziers für ganz große Expeditionen aufzutreiben. Wäre nicht das wirklich große Problem im Weg gewesen, dass sie keine Engländer waren, vieles wäre sicher ganz anders verlaufen. Aber junge deutsche Entdecker auf dem Spielfeld eines rein britischen Wettlaufs zu den jungfräulichen Flecken dieser Erde? Fast ein Sakrileg.

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

Rudi Palla holt weit aus, um uns an Bord seiner Entdeckungsreise zu holen. Sein Ziel ist es nicht nur, uns aufzuzeigen, was es zu entdecken galt, sondern auch erfahren zu lassen, was es bedeutete, mit nur rudimentär tauglicher Ausrüstung und ohne große Hilfsmittel quer durch die unbekannte Welt zu reisen, um sie zu vermessen, zu wiegen, zu kartographieren und herauszufinden, wie sich das Klima und die Lage auf Flora und Fauna auswirken. Ein Vorstoß ins Unbekannte. Krankheiten, gefährliche Tiere, Völker, deren soziopolitische und kulturelle Eigenarten den Forschern unbekannt waren, waren die großen Risikofaktoren, an denen man scheitern konnte. Und nun machen sich drei Jungs aus Bayern auf den Weg nach Indien. Ihr Ziel, nicht nur der Himalaya (ich mag das Y im Wort), auch Kaschmir, das Karakorum, der Nanga Parbat, Turkestan, Panjab und viele weitere Regionen, die unerforscht vor ihren Füßen lagen. So dachten sie.

„In Schnee und Eis“ ist in vielfacher Hinsicht ebenso abenteuerlich verfasst, wie das Thema, das beschrieben wird. Man friert beim Lesen, verdurstet fast, schwitzt und zittert zugleich, wird von Malaria und Mücken geplagt und beginnt sich vor Geräuschen zu fürchten, die man nicht kennt. Verzweifelt geht man täglich die Vorräte durch, die im Stile einer Handelskarawane durch die fremden Länder getragen werden. Nur nicht ein einziges Detail vergessen. Dieses Gefühl vermittelt der versierte Bergsteiger Palla und man merkt schnell, dass er genau weiß wovon er schreibt. Da steckt schon eine große Portion Fabulierkunst in und zwischen den Zeilen. Gepaart mit ganz großer Sehnsucht. Da steckt schon ganz viel Reinhold Messner drin, was die Detailverliebtheit und die in jeder Hinsicht spürbare Begeisterung für die Zeit der großen Entdeckungen betrifft.

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

Rudi Palla bringt uns die drei Schlagintweit-Brüder näher. Hermann, Robert und Alfons. Er beschreibt ihre Passion, ihre Fähigkeiten, ihre körperliche Konstitution und den unbändigen Willen, berühmt zu werden. Hier werden wir zum Teil einer Expedition, von der man heute kaum noch etwas weiß. Auch hier ist der Autor in seiner Recherche umfassend auskunftsfähig. Er glorifiziert nicht, sondern zeigt klar die Schwächen dieser Entdecker auf, die letztlich dafür verantwortlich sind, dass sie nur als Karikaturen einer eigentlich gut durchdachten Entdeckungsreise wahrgenommen werden. Als „Gebrüder Schnabelweit“ werden sie satirisch verballhornt. Sie sind Geltungssüchtig und gehen sprichwörtlich über Leichen, wenn es gilt, Exponate zu sammeln. Da werden selbst vor kurzem Gehenkte vom Galgen genommen, um ein einheimisches Skelett in die Hände zu bekommen.

Aber dies sind nicht alle Gründe, die zum großen Scheitern führten. Sie haben auf ihren Reisen unbestreitbar große Erfolge erzielt, haben vermessen, gemessen und mit großer Akribie gesammelt, was ihnen in die Hände fiel. Letztlich jedoch erklärt uns Rudi Palla, was Entdecker wirklich beherzigen sollten. Hier wird aus dem Buch ein wichtiger wissenschaftlicher Ratgeber für die eigenen Vorhaben und Pläne. In der Konzentration auf das Wesentliche liegt der Zauber des Erfolges verborgen. Die Gefahr, in der Masse gesammelter Exponate zu versinken, sich in seinen vielfältigen Zielen zu verzetteln und in jeder Beziehung den Überblick zu verlieren, ist allgegenwärtig. Hier liegt die Ursache des Versagens begründet.

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

Wer die Leistungen der drei Schlagintweit-Brüder vor diesem sehr differenzierten Hintergrund gewürdigt sehen möchte, für den ist dieses Buch unverzichtbar. Hier ist ein Grundstein für das Verständnis des damaligen Runs auf die Hotspots der fremden Welt gelegt. Hier wird veranschaulicht, was erfolgreiche Expeditionen ausmacht und wir sind trotzdem am Ende des Buches in der Lage, den Kern der Leistungen dieser jungen Männer zu erkennen. „In Schnee und Eis“ sollte man im Rucksack haben, wenn man den Gedanken an eigene Abenteuer hegt. Man sollte dieses Buch lesen, um nicht den Kopf zu verlieren, weil man geopolitischen Strömungen zu optimistisch gegenübersteht, und wie Alfons Schlagintweit zu enden.

Nicht zuletzt schließt dieses Buch viele Kreise zu den Berichten der Erfolgreichen und großen ihres Metiers. Man erkennt, dass es oftmals nur am Quäntchen Glück und der Portion Fügung liegt, ob man in die Geschichte eingeht, oder vergessen wird. Hier setzt mein weiteres Lesen an. Charles Darwin wird erneut eine wichtige Rolle spielen. Hat er die Ziellinie des großen Entdeckers der Evolutionstheorie als Erster überschritten oder war es ein ganz anderer Forscher? Wie konnte es passieren, dass Alfred Russel Wallace deutlich früher startete und doch nur als Zweiter in die Geschichte einging? Es bleibt spannend, mit mir die großen Entdeckungen zu erlesen und zu erhören. Folgt mir einfach. Und vertraut meinen Reiseführern…

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

Expeditionen – Eine Artikelserie bei AstroLibrium… Seilschaft gerne gesehen.

(In Schnee und Eis – Rudi Palla – Galiani Verlag Berlin – 192 Seiten – 16,99 Euro)

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

„Der Turm der blauen Pferde“ von Bernhard Jaumann

Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann - AstroLibrium

Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

Ich denke, ich muss wirklich niemandem erklären, zu welchem Kunstwerk ich eine tiefe emotionale Bindung aufgebaut habe. Kenner der kleinen literarischen Sternwarte wissen, welche Kunstgalerie in München ich als Kraftraum meines Geistes bezeichne und ein paar wertvolle Menschen durften mich schon zu einem Gemälde begleiten, das für mich viel mehr ist, als nur ein Bild. Ich habe Biografien des Schöpfers dieses Werks gelesen, wurde von lieben Menschen mit Büchern beschenkt, die mir den Hintergrund seines Schaffens näherbrachten und nicht zuletzt meine Tochter begleitete mich in die Städtische Galerie im Lenbachhaus, durchquerte mit mir das lichtdurchflutete Foyer und stattete einem besonderen Pferd einen emotionalen Besuch ab. Das Blaue Pferd von Franz Marc war und ist für mich der magische Anziehungspunkt meines Lebens.

Ich schrieb sehr viel über diesen Fluchtpunkt, seine Bedeutung und die Bücher, die mir im Lauf der Zeit über den Lebensweg gelaufen sind. Von Else Lasker-Schüler bis hin zu Florian Illies, von einem Skizzenbuch aus dem Felde bis zu einem Maler, der in den Krieg zog. Facettenreich verliefen meine Annäherungen an dieses Gemälde im Zusammenhang mit seiner Entstehungsgeschichte und vor dem Hintergrund der tiefen Bedeutung des Blauen Pferdes für mich selbst. Man darf hier gerne von einer sakralen Beziehung zu einem Kunstwerk sprechen. Mein Pferd. Nur für mich gemalt. Das ist ein Gefühl, dem ich mich oft hingebe, wenn ich in stiller Ehrfurcht vor ihm verharre. Nur im Lesen bin ich vorsichtiger, nähere mich selten in Romanen und bevorzuge schon eher stilsichere Sachbücher. Ich brauche keine Fantasie, wenn es um Franz Marc geht. Ich laufe über, wenn ich mich in sein Schaffen fallen lasse.

Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann - AstroLibrium

Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

Und doch wurde ich mehr als hellhörig, als ich auf den den Roman „Der Turm der blauen Pferde“ von Bernhard Jaumann aufmerksam gemacht wurde. Es ist wie ein Tunnelblick auf das gute Lesen, wenn sich mein Gesichtsfeld verengt, und ich schon im Klappentext und der Inhaltsbeschreibung nach Spuren einer intelligenten Verarbeitung kunstgeschichtlicher Fakten und gut durchdachten fiktionalen Settings suche. Ich muss gestehen, dass ich gerade in diesem Sujet extrem anspruchsvoll bin. Ich fühle vielleicht zu intensiv, ich weiß vielleicht zu viel und ich erwarte mehr, als es mit zusteht. Und hier kommt nur ein Kunstkrimi ins Spiel. Der erste Fall und der Auftakt einer ganzen Reihe. Geschrieben von einem Schriftsteller, der sich bereits einen guten Namen gemacht hat. Bernhard Jaumann, Friedrich-Glauser- und Deutscher Krimipreisträger. Klingt gut. Zu gut? Ich musste es herausfinden.

Der Turm der blauen Pferde. Welches Bild von Franz Marc wäre geeigneter für eine kriminalistisch fundierte Story, als dieses? Keins. Die Ausgangssituation dieses Buches ist durch die Geschichte des Bildes vorgegeben. Zwei Jahre nach dem Blauen Pferd in Sindelsdorf von Franz Marc im Jahr 1913 gemalt. Nach seinem Tod vor Verdun im Jahr 1916 im Besitz seiner Witwe Maria. 1919 an die Nationalgalerie Berlin verkauft und dort ausgestellt. Klingt eigentlich nach dem normalen Weg eines Gemäldes. Bis hierhin. Bis es 1937 von den Nationalsozialisten als „entartet“ deklariert wurde. Blaue Reiter waren der braunen Kunst zu expressionistisch. Der Turm der blauen Pferde wurde danach in der Ausstellung „Entartete Kunst“ als abschreckendes Beispiel ausgestellt. Jedoch nur kurz. Auf Intervention seiner Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg wurde das Bild aus der Ausstellung entfernt. Diese Verunglimpfung sollte ihm erspart bleiben.

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Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

Was dann mit dem großformatigen Bild geschah? Man riss es sich unter den Nagel. Wer? Na, immerhin der zweite Mann im Staat. Hermann Göring, der offensichtlich sehr gut wusste, welche Gemälde (ob entartet oder nicht) sich später einmal bestens an den Mann bringen ließen. Der Rest der Geschichte ist bekannt. 1945 verendete die braune Ideologie und mit ihr ging verloren, was ihre Gralshüter angehäuft hatten. Der Turm der blauen Pferde ist seit 1945 spurlos verschwunden. An Legenden und Spekulationen ist nicht gespart worden. Aufgetaucht ist das Gemälde bis heute nicht. Das sind die Fakten und daran ist nicht zu rütteln. Bernhard Jaumann rüttelt nicht. Er holt seine Leser an der Stelle ab, an der das Bild verschwand. Hier beginnt seine fiktionale Geschichte, die auf solideren Füßen nicht stehen könnte. 

Zeitsprünge aus den letzten Kriegstagen im Chaos eines untergehenden Reiches bis in unsere Zeit kennzeichnen die Struktur seines Kriminalromans. Dabei erfindet er eine plausible Schar an Protagonisten, die aus der Zeit in unser Lesen gefallen sind. Er spinnt einen unsichtbaren Faden weiter, erzählt eine Familiengeschichte, die sich wohl so zugetragen haben könnte, wenn… Ja, wenn der Turm der blauen Pferde doch nicht ganz von der Bildfläche verschwunden wäre. Jetzt ist es wieder da. 2018. Farbenfroh und unversehrt. Als wäre es niemals fort gewesen, gelangt es jetzt in den Besitz eines Kunsthändlers, der es für vergleichsweise spottbillige drei Millionen Euro erstanden hat. Eine absolute Legende kehrt zurück. Ein Beben in der Kunstszene ist vorprogrammiert. Es ist die Sensation auf dem Kunstmarkt. Wenn es echt ist. Und genau hier kommt die Kunstdetektei von Schleewitz ins Spiel.

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Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

Und was für ein Spiel. Mit Rupert von Schleewitz, Klara Ivanovic und Max Müller lässt Bernhard Jaumann ein grandios eingespieltes und pfiffiges Team auf die Kunstszene in München los. Ihr Job? Keinesfalls die Echtheit des Kunstwerks beweisen. Dafür gibt es ja Institute und renommierte Kunsthistoriker. Nein. Es geht vielmehr um die Provenienz des Bildes. Die Herkunftsgeschichte, die bis zum Jahr 1945 lückenlos nachweisbar ist. Die Detektei wird vom neuen Besitzer des Gemäldes auf die Erforschung des Verbleibs der blauen Pferde nach 1945 angesetzt. Und wenn dieser lückenlos geklärt werden und bis zum jetzt aufgetauchten Bild zurückverfolgt werden kann, dann ist es zweifelsohne das Original. Mit Rupert, Klara und Max tauchen wir in eine unglaublich spannende und frisch erzählte Geschichte ein, die nicht nur Kunstfreunde begeistern wird. Hier ist nicht Kunsttheorie der Schwerpunkt der Betrachtung, hier geht es um die Menschen, die den Pferden seit 1945 begegnet sein können. Es geht um die Motive, das Bild zu verbergen und natürlich um den wahren Grund, der jetzt zum Verkauf führte.

Weder antiquiert, wissenschaftlich oder theoretisch gehen die Detektive vor. Sie haben ihre eigenen Methoden, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Egal wie schwer der Nachweis der Provenienz ist, sie finden Mittel und Wege, den Kreis der verdächtig erscheinenden Folgebesitzer des Gemäldes immer mehr einzugrenzen. Lokalkolorit im besten Sinne zeichnet ein ganz eigenes Bild der Menschen in dem Landstrich, in dem sich die Spur des Gemäldes verlor. Das Berchtesgadener Land färbt auf den Turm der blauen Pferde ab. Hier entwickelt sich ein grandioses Puzzlespiel, in dem die Teilchen langsam zueinander finden, jedoch nie ganz richtig ineinanderpassen. Erfrischend und spannend erzählt, durchdacht und intelligent konstruiert und voller Liebe zum Detail zu Papier gebracht. Kunstgeschichte kann nicht nur spannend sein. Sie ist es. Beutekunst ist ein relevantes Thema und derart modern und expressionistisch verpackt, findet man neben dem perfekten Zugang zum Buch auch einen Zugang zur Kunst von Franz Marc.

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Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

Das wesentliche Verdienst von Bernhard Jaumann liegt jedoch für mich in einem anderen Aspekt seines Romans. Er holt mich als beseelten Marc-Jünger ab und lässt mich zum Teil eines Bildes werden, das ich bisher nur auf Postkarten betrachten durfte. Die Liebe zur Kunst schwingt in jeder Sequenz dieser Geschichte durch und hinterlässt tiefe Spuren beim Leser. Hier geht es nicht nur um Werte, Summen oder Beute. Hier ist die Kunst, ihre Wirkung und jene Faszination, die sie auslöst, der wahre Kern eines in sich geschlossenen Romans. Jaumann schreibt mir aus der Seele, dass es möglich ist, dass ein Bild von seinem Betrachter Besitz ergreift. Er lässt Raum für Leidenschaft und Liebe zu einem Gemälde. Er formuliert meine Sehnsüchte, die besagen:

„… dass jedes Bild, das etwas wert war, nur für einen einzigen Menschen gemalt worden sein könnte. Was für alle taugt, taugte für niemanden.“

Hier finde ich mich wieder. Jeden Schaffensprozess, jedes Betrachten und Staunen hat Bernhard Jaumann zu einem höchst individuellen Erleben erhoben. Liebhaber von Stilrichtungen und Kunstformen unterschiedlichster Art hebt er über eine Interpretation der einzelnen Bilder heraus. Er macht Kunst ohne schlechtes Gewissen genießbar und verleitet dazu, nicht nur Ausstellungen zu besuchen, sondern selbst zu malen. Darüber hinaus gibt er uns einen Ratschlag mit auf den Weg, wenn wir wirklich von Angesicht zu Angesicht einem Meisterwerk gegenüberstehen:

„… Ein Bild merkt, wenn es wirklich betrachtet wird. Nur dann zeigt es, was es zu zeigen hat. Nur dann beginnt es zu sprechen.“

Das wird nicht mein letzter Fall der Kunstdetektei von Schleewitz bleiben. Sicher nicht. Bitte mehr davon.

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Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

Weitere Artikel zu Franz Marc, dem Blauen Pferd, dem magischen Jahr 1913 und dem Kraftraum meines Geistes finden Sie hier:

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg [Der Blaue Reiter vor Verdun]
Das Blaue Pferd von Franz Marc – Ein Besuch
Klee & Kandinsky – Nachbarn, Freunde, Konkurrenten
Else Lasker-Schüler und Franz Marc – Eine Brieffreundschaft
Franz Marc – Skizzenbuch aus dem Felde“ – Eine Suche
Else Lasker-Schüler – In Memoriam
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts„ von Florian Illies
1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ geht weiter
1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ – Florian Illies
Deutschland – Erinnerungen einer Nation“ [Neil MacGregor]

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Der Turm der blauen Pferde von Bernhard Jaumann

„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ von Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Keine weltbewegende Neuigkeit und doch immer wieder hochinteressant, wie sich die internationale Diplomatie in der unendlichen Geschichte der Kriege dieses Mottos bediente. Am Ende der militärischen Strategie ist die Suche nach Handlungsalternativen eines der wichtigsten Instrumente von Staaten, die am Sieg auf dem Schlachtfeld zweifeln. Intrigen, Verrat, Sabotage und ein hohes Maß an Kreativität sind hier die Spielkarten, die man im Ärmel haben kann, um Gegner auszutricksen, die der eigenen Armee zahlenmäßig überlegen sind. Klingt wie ein Spiel und beim Rückblick auf die Menschheitsgeschichte finden sich zahllose Beispiel dafür.

Wie wäre es da mit einem hölzernen Pferd, das man vor die Tore einer Stadt rollt, bevor man still und heimlich den Rückzug antritt? Das Trojanische Pferd als Kriegslist hat bis in unsere Zeit überdauert und erobert heutzutage Betriebssysteme, Festplatten und infiltriert unsere Privatsphäre mit einer Armee unverwundbarer Viren. Warum also nicht auf das Bewährte zurückgreifen, wenn es mal eng wird mit dem Schlachtenglück und man befürchten muss, an allen Fronten geschlagen zu werden? Warum eigentlich nicht? Das müssen sich auch 1914 die Strategen des deutschen Kaiserreichs gedacht haben. Warum also nicht ein Trojanisches Pferd mit religiöser Fracht vor die Tore aller Verbündeten schieben, gegen die man in Europa zu kämpfen hatte? Warum sie nicht andernorts in einen unsäglichen Konflikt verwickeln, der den Krieg in Europa belanglos erscheinen lassen würde? Warum nicht einfach einen gewaltigen Sturm entfachen, der Engländer und Franzosen vom strategischen Spielfeld eliminieren würde?

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die Orient-Mission des Leutnant Stern erzählt von einem solchen Trojanischen Pferd. Jakob Hein hat sich für seinen bei Galiani Berlin erschienen Roman tief in die Denkweise der preußisch geprägten Kriegsstrategie recherchiert und einen auf wahren Ereignissen basierenden Welten-Schlachtplan entworfen, der heute abstrus und skurril wirkt. Bei genauem Hinsehen beruht dieser Plan auf einer brillanten Idee. Warum nicht den Heiligen Krieg im Orient entfachen? Warum nicht weltweit Muslime zum Dschihad aufrufen und sie dort über die verbündeten Gegner herfallen lassen, wo diese es nicht erwarten? In den Ländern, die England und Frankreich als Kolonisatoren unterdrücken. Der Feind deines Feindes ist dein Freund. Diese Suche hatte man schnell beendet. Es galt nur noch, die Muslime davon zu überzeugen, diesen Sturm zu entfachen.

Und wie überzeugt man einen Sultan besser, als mit einem Geschenk? Hier kommt ein junger Leutnant ins Spiel, der sich genau dieses Spiel ausgedacht hat. Edgar Stern weiß, was zu tun ist. Er weiß, wie es zu tun ist und er weiß, wann der richtige Zeitpunkt für die Umsetzung seines Dschihad-Masterplans gekommen ist. Er wird sein Geschenk persönlich in Konstantinopel übergeben und damit die ganze muslimische Welt davon überzeugen, wie verbunden das Kaiserreich dem Islam ist. Was er dem Oberhaupt der Muslime schenken möchte? Ganz einfach. Muslimische Kriegsgefangene. Soldaten, die zum Dienst in der französischen Armee gezwungen wurden, von dieser als Sklaven behandelt und auf den Schlachtfeldern verheizt und an der Front gefangen genommen wurden. Zwölf junge Gefangene aus dem Bataillon der „Tirallieur Senégalais“ werden ausgewählt. Sechs Marokkaner, drei Tunesier und fünf Algerier.Nun gilt es nur, sie auf schnellstem Wege von Deutschland nach Konstantinopel zu bringen.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Die einzige Chance, unerkannt dieses Zeil zu erreichen ist eine weitere List. Man verkleidet die Gefangenen als exotische Artisten und begibt sich als gestrandeter und pferdeloser Wanderzirkus auf die Reise durch Europa. Der Paradeoffizier schlüpft in die Paraderolle eines Zirkusdirektors und los geht die wilde Reise. Was sich hier liest wie eine Räuberpistole ist an historischer Skurrilität kaum zu überbieten. Was Jakob Hein hier erzählt ist jedoch alles andere, als ein amüsantes Kapitel aus dem Weltkrieg. Der Autor fabuliert vortrefflich und hintergründig. Er lässt den Amtsschimmel gewaltig wiehern, als er beschreibt, wie sehr der Militärapparat mit den Wünschen überfordert ist, Kriegsgefangene mit Pluderhosen und bunten Westen auszustatten. Reisekosten und Dokumente stellen größere Hürden dar, als eine Feldschlacht an der Somme. Es liest sich leicht, was hier intelligent und brillant erzählt ist. Und doch gelingt dem Autor mehr.

Aus der Perspektive der Kriegsgefangenen verdeutlicht Jakob Hein, was es heißt für ein fremdes Land an die Waffen gezwungen zu werden. Er unterstreicht, wie falsch es war, Muslime lediglich als homogene Masse zu sehen, die instrumentalisiert werden kann.Jakob Hein individualisiert, was gerne über einen Kamm geschert wird. Er leistet mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag im Verständnis für andere Religionen. Mehr kann man von einem Roman, der noch dazu unterhaltsam ist, nicht erwarten. Ich war gerne einer der Artisten. Bin gerne dem Pfad dieser Zirkustruppe gefolgt und habe es genossen, der preußischen Bürokratie ein Schnippchen zu schlagen. Und ich bin sehr gerne mit Leutnant Stern gescheitert. Denn wer weiß, was passiert wäre, wenn….

Dieser Roman ist selbst ein Trojanisches Pferd. Ziehen Sie es in ihr Bücherregal. Bestes Lesen ist garantiert.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern – Jakob Hein

Jakob Hein beleuchtet den Versuch, den Dschihad mit dem Ersten Weltkrieg zu verbinden, an dieser singulären paramilitärischen Aktion. Sie stand jedoch nicht allein auf weiter Flur. Umfangreich waren die Bemühungen des Kaiserreichs weltweit Muslime dazu zu bewegen, den Krieg im Orient weiter eskalieren zu lassen. Der ebenso brillante Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky beleuchtet diese Bestrebungen umfangreicher und komplexer. Wer also hier auf den Geschmack gekommen ist, nicht nur mit ein paar Artisten zu reisen, sondern ganze Kriegsschiffe zu verschenken, Sendeanlagen in das Türkische Reich zu transportieren und den Krieg wie ein großes Spiel zu sehen, sollte unbedingt das volle Risiko des Lesens eingehen und Risiko lesen.

In diesen beiden Büchern stellt sich nicht die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Viel eher hat dieses Land in der Vergangenheit immer wieder versucht, sich so zu positionieren, dass es seinen Vorteil daraus zog. Gehört Deutschland zum Islam? Diese Frage hat man im Deutschen Kaiserreich immer gerne mit ja beantwortet. Konnte man doch auf diese Art und Weise das Fähnchen so in den Wind hängen, dass es den Krieg dorthin trug, wo man es gerade gehisst hatte. Fragen, die sich in der Geschichte wiederholen. Fragen die man so niemals stellen sollte. Es sind Menschen, die zu einem Land gehören. Es sind Menschen, die ein Land ausmachen und ihm Identität verleihen. Es sind Menschen, die ein Land prägen. Keine Sammelbegriffe und Pauschalurteile.

Risiko von Steffen Kopetzky

„Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Eigentlich hatte ich mich nur auf einen sechsstündigen Ausflug eingestellt. „Das Ende der Paraden“ von Ford Madox Ford wollte ich mir auf 7 CDs anhören. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick, als ich die außergewöhnliche Hörspiel-Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in Frankfurt entdeckte und ich war voller Vorfreude, wieder zu Ford Madox Ford zurückzukehren, den ich durch „Die allertraurigste Geschichte“ schon lange vor meiner Zeit als literarischer Blogger kennengelernt hatte. Es war seine tiefe Melancholie, die mich für ihn vereinnahmt hatte. Es ist sein Erzählstil, der noch in mir nachhallt, wenn er mir heute in der Welt der Literatur begegnet. Liebesgeschichten aus der Feder des 1939 verstorbenen Schriftstellers sind komplexe Sittengemälde ihrer Zeit. Sie sind wie die wahre Liebe: Skandalös, offenherzig, zärtlich, mutig, eifersüchtig, fatal und schmerzhaft.

Eigentlich wollte ich „Das Ende der Paraden“ nur hören, was natürlich auch daran liegt, dass die Romanvorlage in gebundener Fassung schon lange nicht mehr auf dem Markt ist. Und doch begann ich schon nach den ersten Tracks des Hörspiels nach der Buchfassung des Hauptwerks von Ford Madox Ford zu suchen. Was soll ich sagen. Ich wurde fündig, nahm Kontakt mit dem Galiani Verlag Berlin auf, und befand mich sehr schnell in Gesellschaft der Bücher, die fast zeitgleich mit dem Hörbuch als EBooks neu veröffentlicht wurden. Und nun sitze ich hier und sollte wohl eigentlich fünf Rezensionen zu vier Büchern und einem Hörbuch verfassen. Ich mag jedoch nicht trennen, was der Autor für untrennbar hielt und bleibe dem Werk treu. Ich bleibe bei einem Artikel.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Die einzelnen Bücher der Ford-Tetralogie reflektieren die wichtigsten Phasen im Leben ihres Protagonisten Christopher Tietjens. Die vier Titel der Romane stehen für die facettenreiche und komplexe Geschichte, die sich im England des Ersten Weltkriegs abspielt. Sie werden dadurch zum Synonym für die vier Kapitel einer Liebe, die erst den Hass und die Eifersucht einer vergangenen Beziehung überwinden muss, bevor sie wie Phoenix aus der Asche des Krieges neu entstehen kann. Aus diesen Büchern besteht die Tetralogie, die unter dem Gesamttitel „Das Ende der Paraden“ weltbekannt wurde::

Manche tun es nicht
Keine Paraden mehr
Der Mann, der aufrecht bliebund
Zapfenstreich

Wenn man die Bücher beendet hat, stehen diese Titel für alles, was man zwischen den Zeilen erleben durfte und musste. Sie stehen für den hohen Moralbegriff und das Ehrgefühl des Engländers Christopher Tietjens, die ihn dazu veranlassen, die Ehe mit seiner Frau Sylvia aufrecht zu halten, obwohl die Beziehung völlig zerrüttet ist. Nur wir wissen, woran das liegt. Nur wir erahnen, in welche Falle der gute Christopher Tietjens gegangen ist, weil Sylvia ihren Mann ihn im Unklaren lässt, warum sie dieser Ehe keine Chance mehr gibt.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

„Ich bin mit den Männern fertig. Ich hasse Mann und Kind. Ich verstehe mich gut darauf, meinen Mann zu quälen, indem ich das Kind verderbe.“

Und das hat sie drauf! Die gute SylviaSie verlässt ihren Mann, entzieht ihm das Kind und lästert im gemeinsamen Bekanntenkreis über Christophers Schwächen. Sylvia hat ihn in der Hand und spielt genüsslich mit ihrer Macht. Sie ist eine grausame Diva voller Hass und Eifersucht. Sie spielt ein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit ihm. Scheidung kommt nicht in Frage. Gesellschaftlich undenkbar. Sie denkt, alle Fäden in der Hand zu haben, während er nicht mal sicher ist, ob er überhaupt der Vater des Kindes ist. Hier kommt unverhofft die junge Valentine Wannop ins Spiel. Sie zeigt Christopher, wie es sich anfühlen kann, wenn man aufrichtig liebt. Intellekt und Emotionen vereinen sich zu großer gemeinsamer Leidenschaft, deren Erfüllung an den Moralvorstellungen der Zeit scheitert. „Manche tun es nicht„. Sie tun es nicht. Sie lieben und begehren, aber sie tun es nicht. Beeindruckend.

„Die Trennung von meiner Frau macht mich frei für mein Mädchen. Aber wir taten es nicht. Das ist England. Ein Mann und sein Mädchen“ 

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Als der Erste Weltkrieg immer mehr Einsatz fordert und Sylvia die Schlinge immer enger um den Hals ihres Mannes zieht, flieht er auf die Schlachtfelder Frankreichs. In letzter Konsequenz der einzige Ausweg vor Sylvias Intrigen, denn seit er Valentine liebt, kennt Sylvias Eifersucht keine Grenzen mehr. „Keine Paraden mehr„. Jetzt geht es in die Schlacht, ins blutige Gemetzel. Hier wird der Roman zum grausamen Grabenkrieg, der alle Vorstellungen sprengt. Gas, Granaten, Ratten und die ständige Angst vor dem Tod. Das sollten am Ende aller Paraden die Hauptfeinde Captain Tietjens sein. Falsch gedacht. Er ist kein Paradeoffizier.

„Dieser Krieg ist ein Freudenhaus. Er wird sich mir fügen.“

Sylvia folgt ihrem Mann bis kurz vor die Front. Sie vermutet dass sich Valentine dort befindet, um Christophers Leben zu versüßen. Blinder Hass auf den Ehemann, der nun sein Glück gefunden hat, bringt sie dazu, ihn bei seinen Vorgesetzten zu diskreditieren und Intrigen zu spinnen, die gefährlicher sind, als alle Granaten der verhassten Feinde. Als der Friede ausbricht erhebt sich „Der Mann, der aufrecht blieb“ um nach Hause zurückzukehren und die großen Entscheidungen seines Lebens zu treffen. Sehr knapp hat er das Intrigenspiel seiner Frau überlebt. Jetzt scheint der Weg frei zu sein für die einzige und wahre Liebe seines Lebens. Die Suche nach dem Ausweg beginnt. Finale ist für das Schlusskapitel „Zapfenstreich“ das falsche Wort.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Der Erste Weltkrieg ist verraucht, doch die eigene Familiengeschichte holt den Heimkehrer ein. Die Schachfiguren sind neu formiert. Grundbesitz, Erbe und Zukunft stehen auf dem Spiel. Wie im Krieg, so gibt es auch hier keinen Sieger. Sylvia kämpft um das Erbe für den scheinbar gemeinsamen Sohn. Doch Tietjens älterer Bruder hat ein paar Trümpfe in der Hand, die das Schicksal in neue Bahnen lenken können. Der Abgesang auf die britische Aristokratie könnte lauter nicht sein. Eine Geschichte kann zeitloser nicht daherkommen und ein Protagonist kann bemitleidenswerter nicht wirken. Als Mark Tietjens auf dem Sterbebett liegt, vernimmt nur eine Frau seine letzten Worte. Es ist die Frau, die mit diesen Worten am Ende einer Geschichte leben darf und muss. Ein Finale in literarischem Großformat…

Das Ende der Paraden“ überzeugt in der Hörspielfassung, obwohl die Gliederung in vier Lebenskapitel hier nicht mehr auffindbar ist. Es ist komprimiert, verkürzt und so eigenständig wie man sich ein gelungenes Hörspiel, das vier Bücher umfasst, wünscht. Sieben CDs, 5,52 Stunden Laufzeit, vier Romane von Ford Madox Ford als Vorlage, 40 Rollen und ihre Sprecher… Das sind nur die Fakten. Manfred Zapatka, Wiebke Puls, Bibiana Beglau und viele mehr haben ihre Stimmen in der Produktion aus dem Hause Der Hörverlag in die Waagschale geworfen. Was unter der Regie von Klaus Buhlert entstand ist keinesfalls eine verstaubte Klassiker-Lesung. Es ist modernes Hörspielkino in einer Inszenierung von Format. Die Stimmen des Ensembles verankern sich und ihre Rollen schnell im Gedächtnis des Hörers. So wird lebendig und hasserfüllt, was lesend erst erfühlt werden musste. So wird zärtlich und beschwingt, was oft monoton gelesen wurde. Und in fast schon apokalyptischen Pauseninszenierungen wird die Wucht des Hörspiels überwältigend. Lasst euch überraschen. Moderner geht Klassik nicht.

Das Ende der Paraden von Ford Madox Ford

Ich empfehle das Hören. Die Bücher nur als EBooks zu lesen fiel mir schwer, weil ich zu Dateien keine Beziehung aufbauen kann. Ich hätte sie lieber als geschlossene Reihe in meinem Bücherregal stehen. Aber das reflektiert nur mein persönliches Lesen mit all seinen Vorlieben und Abneigungen. Die Neuauflagen hätten es wohl verdient, gedruckt zu werden. Sie überzeugen in jeder literarischen Hinsicht und lassen Ford Madox Ford wieder auferstehen. Großes Kompliment dafür. Das imposante Hörspiel hebt Das Ende der Paraden auf ein neues Level. Die zentrale Geschichte wird aus dem Urschleim der komplexen Originalgeschichte herausgewaschen wie ein Goldnugget.

Und der hört sich unglaublich gut an! Hörbuchgold. Klassik up to date. Und BR 2 bietet derzeit als Mitproduzent das komplette Hörspiel kostenlos zum Download!