Sprich mit mir von T.C. Boyle

Sprich mit mir von T.C. Boyle - Astrolibrium

Sprich mit mir von T.C. Boyle

Die Geschichten von T.C. Boyle sind eigentlich immer schnell erzählt. Nicht, wenn er sie uns erzählt, aber danach, wenn wir uns Jahre später an seine Buchtitel erinnern und in der Lage sind, den Inhalt eines Romans aus seiner Feder von der ersten bis zur letzten Seite rekapitulieren zu können. Die Geschichten brennen sich ein, Wendungen und Kipppunkte der Handlungen, sowie die agierenden Personen hinterlassen mehr als tiefe Spuren in unserem Gedächtnis. So ist es auch bei den „Terranauten„. Schon vor drei Jahren gelesen und immer noch geistert die komplexe Handlung des Romans sehr plastisch durch mein Gedächtnis. Weißt Du noch? Auf diese Frage finden Boyle-Fans immer eine Antwort. Das verbindet sie. Das verbindet ihr Lesen mit dem Lesen anderer Menschen, und das ist die große Konstante im Schreiben des sprachgewaltigen Autors.

So ist es auch diesmal. Sein neuer Roman Sprich mit mir ist vielschichtig und im besten Wortsinn multiperspektivisch angelegt. Die Handlung ist komplex, geht uns unter die Haut und entwickelt sich schon schnell zum Pageturner atemlosen Mitgefühls. Und doch werden wir uns in einigen Jahren bei der Frage „Weißt Du noch“ erinnern, was uns hier durch die Zeilen gejagt hatte, um wen wir Angst hatten und warum wir am Ende des Romans mit feuchten Augen vor dem Buch saßen. Dieses Prädikat verdient sich T.C. Boyle mit einer Geschichte über ein Experiment. Das scheint ihm zu liegen, waren doch Die Terranauten auch Gegenstand eines Versuchsaufbaus, in dem man die Durchhaltefähigkeit des Menschen in Vorbereitung auf die Reise zum Mars testen wollte. „Sprich mit mir“ beschreibt ebenfalls ein Experiment. Allerdings eines, bei dem nicht der Mensch im Mittelpunkt steht, sondern ein Primat. Ein Menschenaffe, und um ganz genau zu sein SAM, ein Schimpanse.

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Sprich mit mir von T.C. Boyle

Hier spielt der Hanser Literaturverlag schon mit dem Buchcover und macht uns neugierig auf das Innenleben. Es ist die unterschiedliche Mimik eines Schimpansen, die wir auf dem Umschlag und dem Buch selbst entdecken. Es sind Gesichtszüge, die uns ansprechen, weil sie uns so vertraut vorkommen. Menschenaffen, Primaten, Tiere, die uns am ähnlichsten sind. Tiere, in deren Verhalten wir viel hineininterpretieren und deren Erforschung seit Jahrzehnten Wissenschaftler fasziniert. Jane Goodall hat fast ihr ganzes wissenschaftliches Leben an der Seite von Schimpansen verbracht und ihr Verhalten erforscht und die Ethologie als eigenständige Forschungsrichtung etabliert. Ja, davon haben wir sicherlich gehört, aber Schimpansen sind uns immer wieder ganz anders präsentiert worden. Vermenschlicht, wie Puppen angezogen, im Fernsehen, in Filmen und im Zirkus vorgeführt, wie unsere ulkigen Artverwandten, über die man sich amüsieren konnte. Diese Bilder haben wir vor Augen, wenn wir an diese Tiere denken, die im Lauf der Zeit genau diesen Status fast verloren haben.

Hier setzt T.C. Boyle an. Hier lernen wir den Schimpansen SAM kennen. Hier sind wir Zeugen eines Fremdpflege-Experiments, in dessen Verlauf der wissenschaftliche Beweis erbracht werden soll, dass Schimpansen mit Menschen kommunizieren können. Es ist eine Farm, die hier als Testlabor dient. Es ist ein Professor, der sich mit der Hilfe von Studenten ein Biotop erschaffen hat, in dessen Zentrum sich alles um SAM dreht. Die Erfolge sind augenscheinlich. SAM kann mittels Gebärdensprache Gegenstände in seiner Umgebung bezeichnen, Stimmungen beschreiben und interagieren. Wären da nicht die unkalkulierbaren Gemütszustände eines wilden Tiers, man könnte denken, es wäre nur ein kleiner Schritt bis zum tatsächlichen Beweis der These „Sprich mit mir„. Als der Professor Gefahr läuft, die Kontrolle über SAM zu verlieren tritt eine junge und schüchterne Studentin in das Leben der kleinen Gemeinschaft. Aimees Draht zu SAM verändert alles.

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Jetzt legt Boyle los und lässt uns nicht mehr aus seinen literarischen Fängen. In aller Tiefe entsteht eine besondere Beziehung zwischen Aimee und Sam. Und doch ist der wissenschaftliche Frieden auf der Farm in Gefahr. Sam entwickelt sich zunehmend problematisch, je älter er wird. Das Projekt steht vor dem Aus, weil andere Forscher zu belegen glauben, Schimpansen besäßen keine Kommunikationsfähigkeit. Der Besitzer von SAM fordert ihn zurück, um ihn auf einer Zuchtfarm wieder zum Schimpansen zu machen. Die Situationen eskalieren am laufenden Band. Als Sam abgeholt wird, fasst Aimee einen Entschluss. Niemand von uns hätte anders gehandelt. Boyle schreibt uns einen alternativlosen Roman ins Herz. Er versetzt sich in die Perspektiven der Figuren, die er uns so plastisch vor Augen führt, als sähen wir sie in einem Film. Überlappend wechselt er die Sichtweise und lässt uns als Lesende die Rückschlüsse ziehen, was eigentlich passiert ist. Diese Erzähltechnik mit eigenständigen Sichtweisen und einer jeweiligen Schnittmenge an Erkenntnissen macht uns zum allwissenden Element der gesamten Geschichte.

Die absolute Stärke des Romans liegt in den Passagen, in denen sich T.C. Boyle in die Perspektive von SAM begibt. Jetzt spricht unser Schimpanse SAM. Es ist ein literarischer Exkurs in die Denk- und Gefühlswelten eines Tieres. SAM erklärt uns, was Worte für ihn bedeuten, mit was er sie verbindet und wie er empfindet. Wir stehen ihm nah und verstehen ihn. Und doch sehen wir, dass er um eine Identität betrogen wurde. Es ist die wesentliche Rahmenbedingung dieses Experiments zu erreichen, dass Sam sich nicht als Affe empfindet. Diesen inneren Konflikt erleben wir hautnah. Boyle lässt SAM einfach SAM sein. Er lässt den Instinkten und angelernten Affekten freien Lauf in einer Geschichte, die an Dramatik kaum zu überbieten ist. Aus dem Schimpansen, der wie ein kleines Kind aufgezogen und behandelt wurde, wird ein Versuchstier im Käfig. Erstmals begegnet er anderen Schimpansen. Seine Welt zerbricht im Konflikt aus der Liebe, die er zu Aimee tief in sich spürt und dem Hass auf die Menschen, die ihn hier verraten und ausgeliefert haben.

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T.C. Boyle lässt nicht mehr locker. In der Spirale seines Romans trudeln wir auf die Frage aller Fragen zu. Was kann SAM wirklich? Ist er ein Individuum? Kann er planen und denken, wie wir? Sind seine Gebärden „nachgeäfft“ oder bewusste Signale? Kann Aimee ihn retten und wie reagiert die Umwelt auf eine Studentin, die sich auf die Seite eines Primaten stellt? Der menschliche Beziehungsstress mit ihrem Professor wird auf eine harte Probe gestellt, bis wir erfahren, was es bedeutet, bis zur Selbstaufgabe zu lieben. Boyle bewegt und berührt zugleich. Er verweigert sich jeder wissenschaftlichen Abstraktion und wird konkret, wo wir bisher auf Spekulationen trafen. Sein SAM betritt einen Erzählraum, der anschließend aussieht wie ein in die Luft gesprengtes Bällebad. Und doch ist klar, wem unsere Sympathie gilt. Nicht dem Menschenaffen, nicht einem Primaten, nicht einem menschenähnlichen Wesen, keiner Kunstfigur. Es ist SAM, der hier eine Identität erhält, die man seinen Artgenossen verweigert.

Ich bin froh, dass „Sprich mit mir“ ein Buch ist. Ich bin dankbar, dass man es am Ende unterbrechen und beiseitelegen kann, um sich zu für einen Moment zu sammeln. Wäre es ein Film, die emotionale Belastung wäre im Finale kaum zu ertragen. Boyle vermag es erneut, seine Leser in einer Kaskade der Gefühle zu solidarisieren, und in einem brillanten Abgesang auf die menschliche Unmoral in Bezug auf „Tierversuche“ Zeichen zu setzen. „Sprich mit mir“ bleibt als flehentlicher Appell an SAM in meinen Erinnerungen. Andererseits mutiert dieser Titel zum Synonym für dieses Buch, weil es seine Leser anspricht. Unmittelbar, ungefiltert und mit Gebärden, denen man sich nicht entziehen kann. Lesenswert.

Sprich mit mir“ und „Die Terranauten – Experimente mit literarischem Tiefgang.

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