DER STORE von Rob Hart

DER STORE von Rob Hart - AstroLibrium

DER STORE von Rob Hart

Ein Barcode als Buch- und Hörbuchcover? Sieht so aus. Zumindest auf den ersten Blick. Wären da nicht die schwarzen Strichcode-Balken, die in hilfesuchende, flehende Hände münden. Der Hintergrund erweckt den Eindruck, man hätte es mit einem Paket zu tun, das nur noch schnell eingescannt werden muss und dann versandfertig ist. Ein auffällig roter und doch schlichter Schriftzug, der Autor und Titel mit Namen nennt. Und schon ist eines der wohl ungewöhnlichsten Buchpakete des Jahres gepackt. Bereit, um gelesen oder gehört zu werden. „DER STORE“ von Rob Hart. Dystopisch, visionär und weltverändernd. Eine brillante Story, die uns das Gefühl gibt, bereits in der Zukunft der „Cloud“ angelangt zu sein, die den Weltmarkt dominiert…

Rob Hart entwirft ein Zukunftsszenario, das uns nicht fremd erscheint. Eigentlich kann es nur noch ein paar Jahre dauern, bis wir soweit sind. Die Basis für die Story ist schon heute gelegt. Es fühlt sich nicht unglaublich oder utopisch an, was wir hier lesen oder hören dürfen. Das macht diesen Roman so bedrohlich. Die Ähnlichkeit des Online- Weltmarktführers in dieser Story mit einem bereits heute schon dominanten Konzern ist sicher nicht zufällig und unbeabsichtigt. Rob Hart dreht nur an den Stellschrauben einer Entwicklung und gewährt uns einen Blick in die Versandhauswelt in ein paar Jahren. In jeder Beziehung plausibel und nachvollziehbar. Und spätestens, wenn wir das nächste Päckchen vom großen „A“ geliefert bekommen, läuft es uns kalt den Rücken herunter. Versprochen.

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DER STORE von Rob Hart

Die Welt, die Rob Hart uns zu Füßen legt ist der wahre Traum. Also zumindest, wenn man Mitarbeiter im „Cloud-System“ ist. Der weltweit größte Online-Store ist nicht nur in jeder Hinsicht ein Traum für die Kunden, da er alles, wirklich alles, immer, wirklich zu jeder Zeit und zu unschlagbar günstigen Preisen frei Haus liefert. DER STORE ist auch der ideale Arbeitsplatz, weil sich das globale Unternehmen dem Wohl seiner Mitarbeiter verschrieben hat. Gibson Wells hat Großes geleistet. Er blickt am Ende seines Lebens auf eine wahre Pionierleistung des Unternehmertums zurück. Er hat nicht nur die Cloud geschaffen. Er hat nicht nur Warenströme monopolisiert. Er hat nicht nur dafür gesorgt, dass Menschen jederzeit von Cloud-Drohnen beliefert werden können. Nein. Er hat viel mehr geleistet.

Die Klimapolitik verdankt ihm innovative Impulse. Er hat hier nicht nur das Pendeln seiner Mitarbeiter abgeschafft. Nein. Er lässt sie nicht nur in den Mother-Clouds, in den großen Zentren seines Imperiums wohnen und leben. Er hat zahllose Arbeitsplätze aus dem Boden gestampft, weil er den Menschen im Arbeitsprozess nicht durch Maschinen ersetzt hat. Bei ihm gibt es lebendige Verpacker und Sortierer. Berufe, die heute schon fast ausgestorben sind. Gibson Wells ist der Gegenpol zur Digitalisierung der Arbeit. In seinem Konzern arbeitet der Mensch. Er lebt an seinem Arbeitsplatz, wird dort versorgt und mit allem Lebensnotwendigem ausgestattet. Ein wahrer Traum. Sollte man meinen. Gäbe es da nicht zwei Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen den Tests in einer Mother-Cloud unterziehen, um von Gibson Wells angestellt zu werden. Sie haben gute Gründe für ihre Bewerbung.

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Während der Firmenpatriarch sich auf seine Farewell-Tour begibt, bevor er seinen Nachfolger bekanntgibt, schleichen sich zwei ungleiche neue Mitarbeiter ein, um seiner Lebensleistung ein Ende zu setzen. Aber warum? Wozu den wahren Wohltäter der Zeit sabotieren? Ist doch alles prima und den Menschen geht es besser, als je zuvor. Nunja. Auf den ersten Blick. Diese Wahrnehmung kann sich jedoch schlagartig ändern. Durch die Anwesenheit von Zinnia und Paxton kommen ungewohnte Perspektiven aus dem Inneren des STORE ans Tageslicht. Zwei Undercover-Mitarbeiter mit unterschiedlichen Motivationen und Zielen finden zueinander und scheinen ihre Kräfte zu bündeln. Zinnia folgt einem Auftrag von außen. Paxton folgt einer persönlich motivierten Mission. Beide sind durch ihre Rollen als Verpackerin und Security-Mitarbeiter gut getarnt.

Rob Hart entwickelt einen spannenden Plot, in dem er zwei einsame Wölfe zu einem kleinen Rudel vereint, das als Systemsprenger fungiert. Können sie einander vertrauen und finden sie ihren Weg durch das komplexe System der Cloud? Was passiert, wenn ihre Pläne greifen? Ein fulminantes Katz- und Mausspiel nimmt konkrete Formen an. In temporeichen Aufzügen rast Rob Hart durch das Herz der Mother-Cloud. Zentrale und bestimmende Elemente, wie Machthunger, Rache, Widerstand und Intrigen wirken wie Brandbeschleuniger. Als Gibson Wells seinen Besuch in der Mother-Cloud ankündigt beginnt der Countdown für Zinnia und Paxton zu laufen. Pläne greifen ineinander. Der Gegner ist allmächtig. Jeder wird überwacht. Gibt es einen oder zwei Wege, um dieses System zur Implosion zu bringen? Lesen oder hören. Ihr habt die Wahl. Spannung bis zum Letzten ist garantiert.

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Mein Königsweg in die Mother-Cloud war der des Hörens. Elfeinhalb Stunden lang habe ich mich gefühlt, wie ein Mitarbeiter der Cloud. Und ich habe mich dabei gar nicht gut gefühlt, da die Wahrheit immer deutlicher zutage trat. Vier prominente Stimmen hat man für die Hörbuch-Produktion vereint. Stimmen, die wie Wegweiser durch eine Story wirken und so eine ganz spezielle Atmosphäre entstehen lassen. Frank Arnold doziert als Cloud-Patriarch Gibson Wells selbstgefällig über sein ganzes Lebenswerk und wirkt dabei wie Zeus auf dem Olymp. Stark interpretiert. Simon Jäger, die Synchronstimme von Matt Damon, bringt als Paxton alle Facetten dieses Charakters auf den Punkt. Es sind Rachegefühle, die ihn leiten. Es ist die Zuneigung für Zinnia, die ihn verleitet. Und es ist die Faszination für ein menschenverachtendes System, die ihn fast zum Mitläufer werden lässt. Anna Carlsson bringt stimmlich alles mit, was wir mit Zinnia assoziieren. Sie klingt resolut ebenso plausibel, wie in ihren verletzlichen Momenten. Sie überzeugt spionierend in jeder Nuance und lässt verliebt die Stimme säuseln. Gänsehautstimme.

Und ganz zuletzt gibt es da eine Stimme aus dem Off. Die Stimme für die offiziellen Verlautbarungen der Cloud, die Stimme der Lernvideos für die Mitarbeiter. So wird aus der Synchronsprecherin und Schauspielerin Janin Stenzel die Stimme jenes Systems. Hier spricht sie mechanisch, neutral und doch so eindringlich hypnotisierend, dass man ihren Anweisungen sofort Folge leisten würde. Alexa war gestern… Stenzel ist jetzt… Ich habe das Hören dieser Geschichte als Privileg empfunden. Kopfkino für die Ohren. Blendend besetzt und atmosphärisch grandios umgesetzt. Ihr habt die Wahl. Und jetzt warte ich auf meine Drohne. Bin mal gespannt, was ich bestellt habe…

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Buch: Heyne Verlag / gebunden / 592 Seiten / dt. von Bernhard Kleinschmidt / 22 Euro Hörbuch: Random House Audio / 2 CD / 11 ½ Std. 30 / Lesung mit Frank Arnold, Anna Carlsson, Simon Jäger, Janin Stenzel / gekürzt / 22 Euro

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Die Maschine steht still von E.M. Forster [Hörspiel]

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

Die Maschine steht still von E.M. Forster

Ein Schreckgespenst geht um. Die Zukunft der Arbeit wird geprägt von einem Begriff, der besonders ältere Fachkräfte zusammenzucken lässt. Digitalisierung. Wie werden sich Berufe verändern? Fallen sie dem Online-Trend zum Opfer? Werden es Computer und Maschinen sein, die uns autonom ersetzen? Wo dürfen wir noch Hand anlegen, wo zählen noch der Mensch und seine Erfahrungen? Großkonzerne sehen mehr Chancen als Risiken. Klar. Auf dem Weg zur Wachstumsmaximierung bei gleichzeitiger Senkung der Lohnkosten ist die Digitalisierung das perfekte Mittel zur Reduzierung menschlicher Arbeitskräfte mit all ihren Fehlern, Krankheiten und sozialen Problemen. Und nebenbei lässt sich alles auch noch prima verkaufen. Entlastung, Work-Life-Balance und mehr.

Wo endet dies alles? Eine Frage, die man heute offen stellt! Wo bleibt der Mensch, wer bleibt auf der Strecke? Stehen wir vor einer industriellen Revolution, die nach dem Fließband mit seinen drastischen Folgen für die einfachen Arbeiter, nun elektronischen Umwälzungen den Weg bereitet? Und ganz ehrlich: wer glaubt schon der Industrie, die beharrlich behauptet, den Menschen im Mittelpunkt des Handelns zu sehen. Echt jetzt! Ängste also, die man ernstnehmen sollte. Ängste, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, weil sie eben existenziell sind. Und Ängste, die nicht erstmals umgehen. Man muss nur einen gezielten Blick auf die Literatur werfen, um zu erkennen, dass wir im Genre Dystopie weit vorausschauende Gesellschaftsutopien finden, die genau hier ansetzen. Und das schon im Jahre 1909!

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

Die Maschine steht still von E.M. Forster

Die Maschine steht still von E.M. Forster beschreibt eine Gesellschaft, in der die künstliche Intelligenz schon lange die Macht übernommen hat. KI. Das Zauberwort unserer Zeit. Alexa lässt grüßen. Alles ist programmierbar und der Mensch hat endlich Zeit, sich auf seine selbstbestimmten und kreativen Fähigkeiten zu besinnen. Befreiung von körperlichem Arbeiten, Unterwerfung unter das Diktat der Produktivität, Loslösung von stereotypen Alltagspflichten. All dies kann man sich in KI-Gesellschaften vorstellen. Endlich frei. Könnte man sich jedoch noch heute mit E.M. Forster unterhalten, er wäre angesichts unserer Naivität wohl mehr als zornig. Er würde mit seinem Roman wedeln und skandieren, dass er uns schon vor langer Zeit gewarnt habe. Er wurde angetrieben von den Gedanken, was geschehen würde, wenn der entmündigte Mensch sich wieder auf die eigenen Fähigkeiten besinnen müsste. Nämlich genau dann, wenn die Technik ihren Geist aufgibt und unser Geist wieder gefragt wäre.

Abstrus? Mag sein. Aber vielleicht bekommen wir ja einen Zugang zu seinem Roman, wenn wir uns nur vorstellen, wie wir uns ohne Navigationssystem und GPS in fremden Städten orientieren würden. Hat uns die heutige Technik nicht schon lange Fähigkeiten genommen, ohne die wir früher kaum überlebensfähig gewesen wären? Wer kann noch Straßenkarten lesen? Hat der gesunde Menschenverstand hier schon alles abgegeben, was ihn auszeichnete? Das autonome Fahren ist der nächste Schritt. Warum sich denn noch mit Dingen beschäftigen, die niemand mehr braucht? Geben wir den Verstand an der Garderobe ab und leben locker ins Leben. Bis die Systeme versagen. Bis es soweit ist und der Schreckensruf durch die Straßen hallt: „Die Maschine steht still“.

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

Die Maschine steht still von E.M. Forster

E.M. Forsters Gesellschaft hat sich mit DER MASCHINE arrangiert. Es gibt keinen Grund mehr, die eigenen vier Wände zu verlassen. Das Leben an der Erdoberfläche ist kaum noch möglich. Man genießt seine Zeit in unterirdischen Waben. Kommunikation vollzieht sich via Instant-Messaging-Video-Konferenz-Service und die Bedürfnisse des täglichen Lebens werden von der globalen Maschine befriedigt. Was den Menschen in dieser Gesellschaft noch bleibt? Sie stopfen sich mit Wissen voll, lesen, studieren und tauschen ihre Meinungen und Ideen aus. Quasi im luftleeren Raum, denn alles worüber sie nachdenken bleibt ohne Konsequenzen. Herrlich diese kreative Freiheit. Man lebt in den Tag hinein, interagiert mit Freunden und wildfremden Menschen, ohne ihnen je zu begegnen und träumt vom perfekten Leben. Wäre da nicht ein Hauch von Zweifel, dem der junge Kuno erliegt. Wäre da nicht seine Weitsicht, dass der Verlust von realen und greifbaren Begegnungen, den Menschen in die Vereinsamung führt. 

Kuno bricht aus. Er vermittelt seiner Mutter Vashti das Gefühl, dass es ihm nicht reicht, nur virtuell mit ihr verbunden zu sein. Er will sie sehen, berühren, fühlen und in den Arm nehmen können. Seine menschliche Vereinsamung ist ihr zwar fremd, weil es doch die Maschine gibt, aber sie macht sich vom anderen Ende der Welt auf den Weg, ihren Sohn zu besuchen. Was auch immer er ihr dann erzählt, sie verwirft es als Irrsinn und als gefährliches Gedankengut. Der Maschine kann man nicht trotzen, an Flucht ist nicht zu denken und seine Erzählung von einem Ausflug an die Oberfläche und seinen Sichtungen von Menschen, die dort ohne Maschine leben, tut sie als Spinnerei ab. Sie kehrt in ihre Wabe zurück und gibt sich der Maschine hin. Sie taucht ab. Glücklich und bestens versorgt.

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Die Maschine steht still von E.M. Forster

Und doch beginnt man zu spüren, dass etwas nicht stimmt. Unregelmäßigkeiten in den programmierten Abläufen tauchen auf. Es kommt zum ersten Stottern im System. Besorgnis kommt jedoch nur bei Kuno auf, dem klar ist, was ein Maschinenversagen in dieser Gesellschaft für Folgen hätte. Die Maschine hat inzwischen einen Status erlangt, der sie fast zu einem Gott macht. Längst hat man vergessen, dass sie von Menschen erschaffen wurde. Man betet sie an und Abweichungen von der Norm werden fast wie schicksalhafte Ereignisse akzeptiert. Widerstand lässt die Maschine nicht zu. Wer sich auflehnt, wird mit Heimatlosigkeit bestraft. Die Luft wird dünn für Kuno. Er ahnt, dass es dem Ende entgegengeht. Gibt es einen Notausgang?

Schon damals muss diese Vision erschreckend gewesen sein. Sie heute zu lesen und zu hören ist erschreckend im Quadrat. Der Roman hat im Lauf der Zeit noch mehr an Brisanz gewonnen. Wenn man sich überlegt, dass es zur Zeit von E.M. Forster kein weltweites Kommunikationsmedium gab, dass soziale Netzwerke und Videochats reine Hirngespinste waren, dann reibt man sich angesichts der Maschine die Augen. Hier ist der Begriff Science-Fiction als Grundlage für ein dystopisches Szenario angebracht. In jeder Hinsicht hat E.M. Forster den Nerv einer Zeit getroffen, die Lichtjahre entfernt von seiner Lebensrealität war. Den genialen literarischen Stoff in einem modernen Hörspiel zu inszenieren liegt nah, was jedoch Felix Kubin mit der Romanvorlage veranstaltet hat, ist die Verheiratung eines mehr als hundert Jahre alten literarischen Stoffes mit einem avantgardistisch-futuristisch anmutenden Audiogenuss.

Die Maschine steht still von E.M. Forster - AstroLibrium

Die Maschine steht still von E.M. Forster

Die Abhängigkeit des Menschen von der Maschine wird greifbar. Sie bekommt im Hörspiel eine eigene Stimme, fast schon Identität. Sie kommuniziert und kommandiert, interagiert und moderiert. Sie hat im Hörspiel den Status der gottgleichen Übermutter. Unmöglich, sich ihr zu entziehen. Unmöglich, an ihr zu zweifeln. Ihre elektronische und künstliche Sprache hat Einzug in die Sprachwelt der Menschheit gehalten. Kürzel und Codes stehen inzwischen für Begeisterung und Verärgerung. Das „push ebx 16“ sagt mehr als tausend Worte, wenn der Mensch frohlockt. Chöre besingen die Wunder einer Zeit, in der die Menschen wunschlos zu sein haben. Einzig die Überflutung mit gänzlich sinnlosen Informationen macht der Maschine Gedanken. Das Stottern im System wird verständlich. Auch aus Maschinensicht. Brillant umgesetzt. Sorry: Ich meinte natürlich: „Jump FFT 8“ – Mein Gott, ist das gut.

Die Hörspielproduktion mit den Stimmen von Achim Buch, Susanne Sachsse und Rafael Stachowiak entfaltet eine fast unwirkliche Atmosphäre, die einen unglaublichen Sog ausstrahlt. Man fühlt sich wie in einer Welt, die schon Teil unseres Lebens ist. Wir sind gefühlt nur einen Schritt von dieser Abhängigkeit entfernt. Dabei tickt die Zeit und wir wissen genau, dass im Falle eines Maschinenversagens zwangsläufig auch der Tod der Menschheit folgt. Bedrohlich und greifbar. Eine Stunde und vierzehn Minuten gibt man sich im Hörspiel Zeit, uns von der Brisanz des Romans zu überzeugen. Man sollte sich diese Zeit nehmen und darüber nachdenken, wie man diese Story wohl in zwanzig Jahren lesen oder hören wird. Oder fragt einfach Alexa, wie sie als Maschine darüber denkt. Wer weiß, vielleicht hat sie ja eine Antwort….

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Die Mauer von John Lanchester – Die Festung England

Die Mauer von John Lanchester - AstroLibrium

Die Mauer von John Lanchester

Ein mitteleuropäisches Land umgibt sich mit einer 1000 Kilometer langen Mauer, um sich vom Rest der Welt abzuschotten. Und das schon in naher Zukunft. Stoff für einen guten Roman. Sicherlich. Doch ist er als Utopie, Dystopie oder gar schon als real zu betrachten? Womit haben wir es zu tun? War George Orwells Überwachungsstaat zum Zeitpunkt des Schreibens noch weit entfernt – er schrieb „1984“ im Jahr 1946 – so wirkt ein Roman über ein Land als Festung in der heutigen Zeit nicht mehr weit entfernt. Denkt man an eine Mauer zwischen den USA und Mexico, an israelische Sperranlagen zum Westjordanland, die vor dreißig Jahren gefallene Mauer zwischen zwei deutschen Staaten, dann hat man das ungute Gefühl, diese Betongrenzen würden in der Tradition der Chinesischen Mauer ein neues Eigenleben entwickeln.

Da kommt John Lanchester gerade zur rechten Zeit. Beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Mauer“ ein Großbritannien, wie wir es uns noch vor ein paar Jahren nicht hätten vorstellen können. Im Herzen Europas, tief verankert in der Gedankenwelt einer Europäischen Gemeinschaft. Doch jetzt? BREXIT. Loslösung, Abkopplung, Alleingang und Separatismus. Was kommt danach? Hoffentlich nicht das, was Lanchester uns ins Stammbuch des guten Lesens schreibt. Doch wohl hoffentlich nicht das Szenario, dem er sich in seinem Roman dystopisch hingibt. Eine Gesellschaftsordnung mit negativem Ausgang. Nicht positiv utopisch geprägt, nicht losgelöst von der Realität, sondern eben auf ihr basierend und die Schraube bis zum Anschlag weitergedreht. England wird zur Festung.

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Die Mauer von John Lanchester

Wie das aussieht? Erschreckend einfach und ebenso plausibel. Eine Mauer zieht sich rund um die gesamte Insel. 1000 Kilometer lang. Unüberwindbar hoch. Die Grenze zu Großbritannien wird an Land gezogen. Keine Strände mehr. Keine Touristen, keine lustigen Bootsausflüge oder Angeltouren auf See. England hat sich eingeigelt. Und für alle jungen Briten gilt es, diesen Schutzwall unter Einsatz des eigenen Lebens bis aufs Blut zu verteidigen. Das ist der Rahmen, den John Lanchaster anschaulich beschreibt, als wäre er real. Die Regeln, Normen und Gesetze des abgeschotteten Landes gelten nur noch in seinem Inneren. Sie sind hart. Unmenschlich, aber wohl alternativlos, wenn man England schützen will.

Vor den Anderen. Die Deutungshoheit überlässt der Autor seinen Lesern. Es sind die Heerscharen der Anderen, die sich Zutritt verschaffen wollen, die die Insel belagern und illegal ins Land kommen wollen, um es von innen auszuhöhlen. Gesichtslos bleibt die Bedrohung. Ganz anders, als die jungen Menschen, die auf der Mauer ihren Dienst versehen. Und dies unter Androhung drakonischer Bestrafung, sollte es den Feinden in irgendeiner Art und Weise gelingen, die Mauer zu überqueren. Ein Versagen hat für die Verteidiger zur Folge, dass sie sich künftig dort wiederfinden, wo der Feind herkam. Auf dem Meer. Draußen. Ausgesperrt. Ein tödlicher Rollentausch. Hoffnungslos, denn auch andere Länder haben sich abgeschottet. Das Meer als modernes Fegefeuer. Hier treibt man, den Elementen ausgeliefert im Niemandsland umher.

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Die Mauer von John Lanchester

Unvorstellbar? Oh nein. Nur konsequent weitergedacht und brillant erzählt. Man möge sich nur auf den Erzählstrom des Autors einlassen, dann sieht man sich selbst in der Rolle des Verteidigers auf dem Bollwerk gegen das Fremde, gegen Flüchtlinge und Kriminelle. Gegen alle, die man nicht auf der Insel der Glückseligkeit haben will. Keine Frage zum Rahmen bleibt unbeantwortet. Das Szenario wird anschaulich beschrieben. Der Wachdienst auf der Mauer, die Ruhephasen, der Druck und das Gefühl, nun zu der letzten Welle derer zu gehören, die ihr Land beschützen. All dies findet Raum in einem Roman, der von Seite zu Seite eindringlicher nach unserem Gewissen greift. Haben wir die Mauer nicht schon im Herzen? Ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis sie sich wieder in die Höhe schrauben kann? 

Nichts ist weit weg. Wir folgen dem jungen Joseph Kavanagh auf die Mauer. Er ist neu. Ein Frischling. Und so, wie man ihm seinen Alltag und seine Pflichten erklärt, fühlt sich auch der Leser zwangsrekrutiert. Zeit wird zu Kaugummi. Kälte und Wind mutieren zu lebensunwirklichen Feinden. Die Gemeinschaft wird eng. Aus jungen Menschen hat das System in kurzer Zeit kampfbereite Verteidiger und Verteidigerinnen gemacht. Wie es dazu kam? Wie diese Mauer entstand? Wie es im Inland aussieht? Wie im Ausland? Woher die Anderen kommen? Dies alles zu denken überlässt uns der Autor. Er erzählt von einer Zeit vor dem Wandel (in dem wir jetzt wohl leben) und der Zeit danach (die er uns vor Augen führt). Das „Dazwischen“ formt sich lesend in unserer Fantasie. Ein sehr faszinierender Leseprozess, in den er uns verwickelt. Diese Unmittelbarkeit trifft uns im Herzen. Die Unvermeidbarkeit zu erkennen, lässt uns innerlich kollabieren.

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Die Mauer von John Lanchester

Die Schauplätze Der Mauer sind an zwei Fingern abzuzählen. Die hier agierenden Personen bleiben überschaubar. Das Menschliche tritt nur dann zutage, wenn aus dem Alltag Routine wird. Nichts ist weit weg. Für alle Bilder finden wir Entsprechungen. Kein Bild, dass es noch nie gegeben hat. Mauerschützen in Ostberlin, Hochsicherheitszonen zwischen Nord- und Südkorea. Wir sind im Bilde. Nur die Größe und die Konsequenzen machen uns sprachlos. Ein Vorgesetzter, der einst ein „Anderer“ war, Politiker, die sich nicht scheuen, die jungen Kämpfer als Kanonenfutter zu sehen und ein System, das im Verteidigen der Mauer einen ähnlichen Schwerpunkt sieht, wie in der Fortpflanzung der Bürger, machen diesen Roman zu einem dystopischen Ereignis. Als Kavanagh beginnt, sich zu arrangieren und gleichzeitig die Nähe zu einer jungen Verteidigerin sucht, dreht sich die Geschichte in eine unausweichliche Richtung. Ein Angriff, Verrat und „Andere“, denen das Unglaubliche gelingt.

John Lanchester vermittelt uns das Gefühl, immer im selben Boot zu sitzen, wie sein Antiheld. Ihm gelingt es, uns aufzurütteln und Nachrichten anders zu schauen. Er schärft unseren Blick und versetzt uns den Schock, uns schon jetzt in der Vorstufe des Mauerbaus zu befinden. Flüchtlinge in Seenot. Die gefühlte Festung Europa. Populisten und ihre Hassaufrufe. Alles macht sich während des Lesens breit. Wir würden so gerne rufen „Mr. Lanchester, tear down this wall!“ Ich habe an Pink Floyd und „The Wall“ gedacht. Ich habe den Widerstand in mir gefühlt. Nur relevante Bücher bringen mich an diese Grenze, an der noch keine Mauer steht. Johannes Klaußner hat mir Die Mauer vorgelesen. Eindringlich und unmittelbar, wie ich es gehofft hatte. Sieben Stunden und vier Minuten dauerte meine Dienstzeit auf der Mauer und die Leidenszeit danach. Eine Produktion, die dem Roman in jeder Beziehung gerecht wird. Klaußner macht Zuhörer zu Kameraden, Weggefährten, Komplizen, Versagern, Liebenden und Verzweifelten.

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Die Mauer von John Lanchester

Der renommierte Booker Prize hat Die Mauer bereits auf der Longlist für einen möglichen Preisträger 2019. Ich bin der Meinung, dass es John Lanchester verdient hätte, für seine außergewöhnliche Story ausgezeichnet zu werden. Die aktive Rolle, die man als Leser oder Hörer einnimmt, lässt nicht nur die spürbare Nähe zum Geschehen entstehen. Sie macht uns zu Beteiligten in der Entstehungsphase des Mauerbaus. Wir sollten diese Rolle annehmen und uns gegen innere und echte Mauern erheben. Sonst gehören unsere Kinder bald wieder zu den Verteidigern gegen das „Andere“. Ich finde, dass es diese Aspekte sind, die ein paar unnötige Längen im Roman kompensieren. Ich hätte mir weniger, rein äußerliche Beschreibungen von Regeln und Abläufen gewünscht und dem Innenleben der Protagonisten gerne mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Wer „Die Mauer“ liest oder hört, der kann einen Schritt weitergehen. Nicht nur ein britisches Thema, ein solch menschenunwürdiger Schutzwall in der Literatur. Endland von Martin Schäuble gestaltet einen vergleichbaren Schutzwall zwischen Deutschland und seinen Nachbarländern. Sein Roman begegnet der ideologischen Haltung, mit der man diese Mauer gegen Flüchtlinge verteidigt auf einem Niveau, das ihn in den Kanon der Schulbücher erhoben hat. Auch „Die Insel“ von Armin Greder widmet sich einer in sich geschlossenen Gesellschaft. Ein Bilderbuch, das mit voller Wucht gegen die Angst kämpft, sich gegenüber „Anderen“ zu öffnen! Wie man andererseits eine solche Mauer zu überwinden versucht, beschreibt Timur Vermes in seiner Satire „Die Hungrigen und die Satten“ bis zur letzten tödlichen Konsequenz. Wäre ich Buchhändler / in, ich würde diese Bücher gemeinsam präsentieren. Ein Büchertisch unter der Überschrift „Bücher statt Mauern“ wäre substanzieller als so manche Parole aus der Vergangenheit.

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ (Innerdeutsche / politische Lüge am 15.06.1961, Walter Ulbricht)

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Die Mauer von John Lanchester

Dieser Roman ist kein Mauerblümchen. Er wuchert sich wie literarisches Unkraut in die Gedankenwelten der Leser und Hörer. Nicht auszurotten, weil die täglichen Stilblüten der Populisten wie Baupläne für künftige Bollwerke wirken.

„Die Mauer“ von John Lanchester
Buch: Klett – Cotta Verlag / dt. von Dorothee Merkel / 348 Seiten / 24 Euro
Hörbuch: Random House Audio / gekürzt / 6 CDs / 7 Std. 4 Min. / Sprecher: Johannes Klaußner / 25 Euro

Deathland Dogs von Kevin Brooks [Dystopie]

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Nicht wundern bitte. In dieser Rezension findet man wirklich alles was es braucht um einen Roman vorzustellen. Nur eben kein einziges Komma. Wird ein ziemlich flüssig zu lesender Text. Warum sollte ich auch auf Satzzeichen zurückgreifen (ups – hier müsste eigentlich eins hin) auf die Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn bewusst verzichtet hat? Wie Du mir so ich Dir. Punkt. Er hat sich sogar die Mühe gemacht zu erklären was die Schriftsprache in „Deathland Dogs“ von Kevin Brooks so einzigartig macht dass es auch in der deutschen Fassung galt Zeichen zu setzen indem man einfach keine setzte. Also keine Kommata. Dafür aber umso mehr Gedankenstriche. Einerseits wird das dem Original gerecht und andererseits haben wir unser Kommunikationsverhalten schon auf den Verzicht von Kommata ausgerichtet. WhattsApp lässt grüßen.

Warum dies alles wird man sich fragen. Ganz einfach. Die Geschichte wird von Jeet erzählt. Und genau das ist nicht leicht für ihn wurde er doch von Hunden großgezogen. Ein Hundskind steht im Mittelpunkt einer Dystopie die in der Zukunft spielt. Der Mensch hat sich fast selbst abgeschafft. Die Natur ist zum lebensbedrohlichen Raum geworden und der Kampf um die letzten Ressourcen macht aus zwei Clans erbitterte Feinde. Und Jeet steckt mittendrin. Aus den Klauen der Deathland Dogs befreit die ihn als Säugling entführten. Rehumanisiert und in den eigenen Clan integriert so gut es eben ging. Er ist anders als seine Leute. Robust. Schnell. Instinktiv. Das hat er wohl mit der Muttermilch seiner Hundsmutter aufgesaugt zu der er immer noch eine tiefe innere Verbindung fühlt. Es ist die große Frage seines jungen Lebens was er wirklich ist. Mensch oder Hund?

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Kevin Brooks führt seine Leser bestens strukturiert in die Deathlands ein. Er lässt keine Frage offen indem er Jeet zum Chronisten der Ereignisse macht. Eigentlich passt das gar nicht gut weil das Hundskind alles besser kann als die Geschichte seiner Leute niederzuschreiben. Das wird in der Schriftsprache deutlich. Ein Stilmittel das den Leser zum Gefährten von Jeet macht. Er schreibt wie er spricht. Flüssig und oftmals spontan ohne groß zu überlegen. Er schreibt unter Anleitung seines Ziehvaters Starry über das was er fühlt und beobachtet. Das Ergebnis. Beeindruckend. Authentisch und voller Sog. Unwiderstehlich. Und schon befinden wir uns selbst mittendrin. Im Kampf zweier Clans. Den Leuten von Jeet und den DAU die ihnen zahlenmäßig deutlich überlegen sind. Es läuft auf das letzte Gefecht um die Wasservorräte hinaus. Die Dau im offenen Gelände flexibel und schlagkräftig. Jeets Clan in einer isolierten Stadt. Eingeschlossen und vom Feind belagert.

Kevin Brooks nimmt Fahrt auf und macht aus seiner dystopischen Ausgangslage einen spannungsgeladenen Action-Mix der im Setting an Mad Max erinnert. Dabei verbindet er die Außenseiterstellung des Hundskindes auf eindrucksvolle Weise mit den zentralen Handlungselementen des Romans. Hier finden wir mehr als bloße Action. Es ist das Anderssein das dominiert. Aus dem Underdog wird ein Kämpfer für die Zukunft seiner Leute. Gut dass Jeet nicht alleine ist. Er ist nicht das einzige Hundskind seines Clans. Chola Se das Hundsmädchen und er fühlen sich voneinander angezogen. Eine Beziehung die in den Augen des Clans nicht sein darf. Das ist gegen das Gesetz. Und doch lässt sich gegen die Faszination die beide Dogchilds aufeinander ausüben nichts machen. Sie ist übermächtig.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Als Chola Se entführt und Jeet ins feindliche Lager geschickt wird um zu stehlen was die letzte Schlacht entscheiden kann entscheidet er sich nicht nur den gefährlichen Auftrag auszuführen sondern auch seine Freundin zu befreien. Kevin Brooks lässt Jeet zwischen allen Fronten ins Verderben laufen. Und doch lässt er ihn nicht allein. Hier ist es ein unsichtbares Band zu den Deathland Dogs und die Beziehung zur Hundsmutter das dieser Geschichte eine Dimension verleiht die uns extrem in ihren Bann zieht. Zwei Kinder an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Zwei Hundskinder. Traumatisiert und von ihrer Sonderstellung gezeichnet. Gefährten mit besonderen Begabungen. Und ein Verräter in den eigenen Reihen der seine Spuren so gut verwischt dass man ihm kaum auf die Schliche kommt. Und ein Rudel Deathland Dogs das draußen auf den verloren geglaubten Sohn wartet. Handlungselemente die eine explosive Mischung versprechen und ein Autor der jedes Versprechen hält. 

Ein waffenstarrendes apokalyptisches Szenario. Eine Mischung aus blutrünstigem Machtkampf zweier Clans und dem urwüchsigen Überlebenstrieb von Wildhunden. Ein actiongeladenes Gefecht auf mehreren Ebenen. Hier fließt Blut. Hier rollen Köpfe. Hier wird Auge um Auge abgerechnet. Gut und Böse verschmelzen in explosivstem Setting. Einzig den Hunden und den Hundskindern kann man vielleicht Gefolgschaft schwören. Den Menschen zu vertrauen fällt schwer. Und diejenigen denen man folgen würde sind die ersten Opfer des Schlachtens. Ein Pageturner dem ein extrem guter Plan zugrunde liegt. Eine Story die in all ihren Facetten so vielschichtig und greifbar ist dass man sich freiwillig mit Chola Se und Jeet jeder menschlichen Übermacht entgegenwerfen würde. Und eine Geschichte in der Raum bleibt für emotionale Momente.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Wir sind Hunde sagte sie einfach. Hunde paaren sich fürs Leben. Das heißt wir sind jetzt eins – verstehst du? Wir leben zusammen kämpfen zusammen sterben zusammen.“

Ich liebe Dystopien. Ich liebe utopisch aus der Gegenwart abgeleitete Geschichten in einer literarischen Qualität die mich zum Nachdenken bringt. Was bei „Deathland Dogs“ augenscheinlich nur nach Action riecht hat einen inhaltlichen Beigeschmack der lange anhält. Ausgrenzung. Benachteiligung. Anderssein. Integration durch Zwang. Gesetze und Regeln zum Wohle einer Gemeinschaft und zu Lasten derer die außerhalb stehen. Hundskinder sind im Zweifelsfall unnütze Esser. Eine absolut unnötige Beanspruchung begrenzter Ressourcen. Unwertes Leben. Elementarer Bestandteil aller Ideologien die ihren Reichtum auf Kosten von Underdogs erwirtschaften. Spätestens hier schlägt der Roman eine wichtige Brücke zu politischen Diktaturen in denen die beschriebenen und gelebten Automatismen zum Massenmord führten.

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

Darüber hinaus ist diese Dystopie eine Liebeserklärung an die Wildhunde in den Deathlands. Sie stehen als sozialer tierischer Gegenentwurf den menschlichen Clans gegenüber. Urwüchsig und brutal. Und doch nur tötend wenn es sein muss. Hassend wenn es dem Arterhalt dient und treu bis in den Tod. Wenn ich die Wahl hätte ich wäre im Freien unterwegs. An der Seite der Hunde. Inmitten des Rudels. Ob Jeet und Chola Se sich diesen Traum erfüllen können beantwortet „Deathland Dogs“ ohne eine Frage offen zu lassen. Ich hatte das Vergnügen Kevin Brooks und den Übersetzer des Buchs anlässlich der Jubiläumslesung zum 60. Geburtstag des Autors in München zu treffen. Natürlich war ich nicht allein vor Ort in der Internationalen Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg zu München. Steffi von „Nur Lesen ist schöner“ wollte mich den Hunden nicht alleine zum Fraß vorwerfen. Nicht unser erster gemeinsamer Lesungsbesuch. Es wird viel zu erzählen geben.

Der Lesungsbericht schließt sich bald an. Blogübergreifend. Es sind wichtige und unbequeme Fragen die beantwortet wurden. Fragen ob das Ausmaß an Gewalt in den Romanen von Kevin Brooks eigentlich für jugendliche Leser geeignet scheint. Fragen nach der Notwendigkeit von Gewalt aber eben auch Fragen nach der Moralvorstellung die hier vermittelt wird. Über die geniale Übersetzung wird zu sprechen sein. Aber auch darüber wie oft man in den „Deathlands“ schießen kann wenn man eine Pistole mit 15 Schuss Munition findet. Eine überraschende Frage. Zugegeben. Aber ich habe gezählt.

Deathland Dogs von Kevin Brooks_astrolibrium

Deathland Dogs von Kevin Brooks

Steffi und ich werden über den Abend berichten. Und ich werde die Kommata die in dieser Rezension eingespart wurden im Lesungsbericht verwenden. Eine Investition in die Zukunft. Bis bald an genau dieser Stelle und bei Steffi. Danke fürs Lesen.

Deathland Dogs“ / Kevin Brooks / dtv / 538 Seiten / 18,95 Euro / Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn

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Deathland Dogs von Kevin Brooks

„Endland“ von Martin Schäuble

Endland von Martin Schäuble

Nun wollen wir mal versuchen, uns dem Thema versachlicht zu nähern, Ironie und Polemik auszuschalten und zu beleuchten, was Martin Schäuble mit seinem aktuellen Roman „ENDLAND“ bezweckt. Denn er muss etwas bezwecken, da diese dystopische Utopie oder auch utopische Dystopie, so nah an den gefühlten Ängsten seiner Leser in Deutschland angesiedelt ist, dass ihm eine klare Intention unterstellt werden darf. Wenn ich nur von Ängsten spreche, dann klammere ich diejenigen Leser aus, für die Endland schon mehr dem Hoffen auf eine bessere Zukunft entspricht, weil es eben eine Zukunft literarisch wahr werden lässt, die sich Wähler einer bestimmten Partei herbeisehnen.

Nur, dass genau diese Wähler das Buch wohl niemals lesen werden, es unter dem Sammelbegriff Lügenpresse und -literatur abhaken und belustigt beiseitelegen. Mag es daran liegen, dass Martin Schäuble in seinem Buch rechtspopulistischen Politikern die Maske vom Gesicht reißt? Mag es daran liegen, dass er denjenigen, die den Gedanken dieser Meinungsmacher bedenkenlos folgen die Konsequenzen aufzeigt oder ist es so, wie im ganz normalen Leben, dass andere Meinungen mit der Trillerpfeife weggepfiffen werden? Wie dem auch sei, für mich ist „ENDLAND“ alternativlos, weil die Geschichte in einem Deutschland spielt, in dem die „Nationale Alternative“ (Ähnlichkeiten zu einer bereits real existierenden Partei sind nicht zufällig) regiert.

Endland von Martin Schäuble

Und das schon so lange, dass wichtige Ziele dieser Nationalen Alternative bereits realisiert wurden. Wie sieht das Deutschland Martin Schäubles aus? Ganz einfach. Es ist ein sicheres Deutschland. Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt und Deutschland ist an seinen Außengrenzen von einer acht Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten, und bestens bewachten Mauer umschlossen. Wozu? Na, auch ganz einfach. Sie dient dem Schutz gegen „Invasoren“, so der alternative Sammelbegriff für alle Flüchtlinge, die auf dem Weg sind, den Deutschen Land, Identität, Arbeitsplätze und Wohlstand zu rauben. Schluss mit grenzenloser Freiheit. Schluss mit Flüchtlingsrouten und Schluss mit dem unsäglichen Gutmenschentum im Lande.

Spätestens hier zuckt der gar nicht alternative Leser zusammen, lässt aktuelle und bedrohlich wirkende Wahlergebnisse an seinem geistigen Auge vorüberziehen und hat beim Lesen der folgenden 215 Seiten die Populisten unserer Tage im Sinn. Und das in jedem Land, das ihm gerade so einfällt. Ist es möglich ein Land so zu verändern? Ist es denkbar, die Globalisierung einzudämmen, sich aus der EU zu verabschieden und das Grundgesetz so zu ändern, dass auch der Einsatz der Bundeswehr im Inneren möglich ist, um die Mauer zu bewachen? Ist das möglich? Es ist so! Punkt. Hier wird nicht nach dem WIE gefragt. Hier werden wir mit dem Ergebnis des Rechtsrucks konfrontiert. Hier werden Alpträume wahr. Und das Schlimmste..: Martin Schäuble lässt sie uns plausibel träumen.

Endland von Martin Schäuble

Hier stehen wir nun mit den besten Freunden Anton und Noah an der Mauer. Wir laufen Streife mit ihnen, bewachen das eigene Land vor Terroristen, Flüchtlingen und Schleusern. Und was Anton betrifft, sind wir auch noch vollkommen davon überzeugt, genau das Richtige zu tun. Darüber hinaus ist die nationale Gesinnung schon so tief in der Gesellschaft verankert, dass man nur noch die Wahl hat, mitzulaufen oder eben in letzter Konsequenz zu verschwinden. Martin Schäuble skizziert diese vollzogenen und authentischen Veränderungen. Er nagelt seinen Lesern die Rahmenbedingungen in die Hirnwindungen und schreibt nicht übertrieben oder überzogen. Er bleibt (und das ist im wahrsten Wortsinn erschreckend) auf dem Boden der aktuellen Forderungen der Partei, die ihm als Vorbild für diese gesellschaftliche Utopie diente.

Wenn wir dieses runderneuerte Deutschland endlich verstanden haben, wechselt Schäuble die Perspektive. Ein harter Schnitt ist es, den er flüssig vollzieht. Ein Schnitt in der zwingend erforderlichen Konsequenz, um verstehen zu können, was Menschen dazu veranlasst, sich trotz des Schutzwalles nach Deutschland zu retten. Fana wird zu unserer Wegbegleiterin einer gar nicht beispiellosen Flucht. Addis Abeba, Äthiopien, ist der Startpunkt der Schleuserfahrt. Das einzige noch bestehende Aufnahmelager für die „Invasoren“ an der ummauerten Deutsch-Polnischen Grenze ist die Endstation. Hier ist es der linientreue Anton der auf sie wartet. Und nicht nur auf sie.

Endland von Martin Schäuble

Martin Schäuble ist kein Populist. Er ist ein eigentlich versachlichter Weltenbummler, Journalist und Schriftsteller, der die dunklen Seiten der Armut in Afrika nicht nur aus der Presse kennt. Er, der Politikwissenschaftler mit Herz, hat sich mit Büchern und Artikeln zu diesem Thema einen Namen gemacht. Differenziert und analytisch geht er Ursache und Wirkung auf den Grund. Doch jetzt scheint ihm die literarische Hutschnur gerissen zu sein und so hält er uns mit seiner Utopie „Endland“ den aktuellen Zerrspiegel einer Gesellschaft vor Augen, die auf dem Weg ist, in weiten Teilen rechts abzubiegen. Hier schreibt er im Klartext, bettet seine Handlung in einen internationalen Kontext ein und verdeutlicht die Konsequenzen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man einer Politik folgt, die alternativlos nur auf Angst setzt.

Hier sind es die immer wiederkehrenden Automatismen, die sich in seinem Roman auf das Leben aller Menschen auswirken. Wer durch Angst an die Macht kommt, muss Angst am Leben halten, um die Macht zu erhalten. Opposition und Lügenpresse muss schon im Keim erstickt werden und die Staatsorgane der Exekutive, wie die Polizei und die Bundeswehr entwickeln sich zu den tragenden Säulen einer klaren Sicherheit nach außen und dann auch nach innen. Und doch darf man nie vergessen, dass es sich bei „Endland“ lediglich um einen Roman handelt. Er bietet Denkanstöße, tritt Diskussionen los und polarisiert in seiner direkten Anspielung auf real existierende „Alternativen“. Im tiefsten Kern haben wir es nicht mit einem politischen Lehrbuch zu tun. Die Zielgruppe für diese Utopie liegt mit 14 Jahren auch deutlich im Jugendbuchbereich. Hier darf man keine weitschweifigen sozial-philosophischen Abschweifungen erwarten.

Endland von Martin Schäuble

Hier darf „Endland“ auch einfach nur spannend erzählt sein. Hier geht der Autor in die Vollen, wenn er den Grenzsoldaten Anton mit  einem Auftrag konfrontiert, der ihn an den Scheideweg seiner Existenz führt. Martin Schäuble schreibt seinen Anton in ein Szenario hinein, aus dem es eigentliche kaum einen Ausweg gibt. Er schreibt ihn in das Flüchtlingslager hinein. Mit einer tödlichen Mission im Gepäck. Hier spielt der Autor mit seiner brillant gestalteten Ausgangssituation, um ein explosives Finale zu erzählen. In jeder Hinsicht ein empfehlenswertes Buch, ein denkbares Buch, ein bedenkenswertes Buch. An einigen Stellen ist die deutliche Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen Gut und Böse zu drastisch. Aber dies ist als Stilmittel für die Kernaussage des Buches vielleicht ebenso legitim, wie dies auf der Seite alternativer Alternativen betrieben wird.

Zuletzt sei ein Hinweis gestattet: Wer „Endland“ gelesen hat, sollte sich auch „Krieg. Stell dir vor er wäre hier“ von Janne Teller ins Haus holen. Beide Bücher gehen von einem bestimmten Punkt an Hand in Hand und sollten sich auch in der eigenen kleinen Bibliothek komplementär ergänzen. Hier bekommt der Begriff Flucht eine Dimension, in der wir denken sollten, wenn wir über Flucht nachdenken. Wo andere versuchen, neue Mauern zu errichten, stelle ich Bücher dagegen. Wo andere nur mit Verallgemeinerung Stimmung machen, halte ich Fakten dagegen. Wo andere trennen wollen, mag ich auf der Basis aufrichtiger Gefühle vereinen und wo andere auf Abstumpfung setzen, gieße ich das zarte Pflänzchen der Empathie.

Endland von Martin Schäuble

27 Jahre Deutsche Einheit verdienen es, weitergelebt und täglich mit neuem Leben gefüllt zu werden. Bücher statt Mauern. Ein Projekt bei AstroLibrium, das nicht erst heute begonnen hat.

Endland von Martin Schäuble – Bücher statt Mauern