Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Dystopien haben Hochkonjunktur in diesen Tagen. Als wäre die heutige Zeit nicht schon düster genug, sprießen Zukunftsvisionen aus dem literarischen Boden, als gäbe es kein Morgen mehr. Allein der Begriff Dystopie ist hier Prägesiegel einer Gattung, in der wir eine zumeist dunkle Vorschau auf denkbare Gesellschaftsformen und politische Systeme erhalten, um im schrecklichen Gefühl zu lesen, dass wir uns bereits heute im Anfangsstadium einer Fehlentwicklung befinden, die unsere Zukunft definieren wird. In kaum einem anderen Genre greift man gerne auf Romane zurück, die vor Jahrzehnten geschrieben wurden, um sie an der aktuellen Situation zu reiben. George Orwell wird mit seiner Überwachungsvision „1984“ immer dann durchs literarische Dorf getrieben, wenn sich die Exekutive eines Landes in den Ausbau der Videoüberwachung flüchtet.

Sehr beliebt ist auch der Rückgriff auf den Mega-Klassiker „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury, in dem er bereits 1953 eine Schreckensvision entwarf, die uns zeitlos vor Augen führt, wie ein diktatorisches System den Kampf gegen Meinungsvielfalt und die freie Entfaltung des menschlichen Geistes führen kann. Mitläufer und Täter werden hier zur kongenialen Einheit in einem Machtgefüge, das auf Entmündigung abzielt. Ein düsteres Bild, ein schrecklich anmutender Buchtitel, dessen wahre Bedeutung sich in den Tiefen dieser Utopie schonungslos offenbart. „Fahrenheit 451“ ist die Temperatur, bei der Buchpapier zu brennen beginnt. Es sind 233 Grad Celsius, die das Ende des geschriebenen Wortes bedeuten. Das Ende des Lesens und der Ausgangspunkt eines Informationsmonopols, das von einem absolut geführten Staat gelenkt wird. Im heutigen Internet-Zeitalter eine Horrorvorstellung und Ausgangspunkt für begründete Ängste, der Manipulation von Medien zum Opfer zu fallen.

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Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Diese klassischen Dystopien wirken wie literarische Orakel, die uns mit den Fragen konfrontieren, ob wir der heutigen Zeit aufmerksam genug gegenüber stehen, ob wir in den Anfängen von autokratischem Machtmissbrauch nicht mehr erkennen müssten und ob wir nicht schon längst den Point of no Return verpasst haben? Bradbury zeichnete schon vor fast siebzig Jahren ein Bild, das uns in Teilen nur zu bekannt vorkommt. Man wird von seichter Unterhaltung berieselt, sitzt in den eigenen vier Wänden und gibt sich der zentral gesteuerten Medienlandschaft hin, die genau diese Wände erobert. Virtuelle Realität nennen wir das heute. Bradbury nennt es „Wand“ und, wenn man vier Wände besitzt, ist die Rundumunterhaltung flächendeckend sichergestellt. Der Inhalt, den man auf diese Weise konsumiert, ist seicht und gleicht einer Dauerbeschallung. Seifenoper folgt auf Seifenoper… irgendwie kommt einem das heute bekannt vor. Die Gesellschaft befindet sich im Unterhaltungsmodus, während der Staat valide Informationsquellen mit aller Macht bekämpft.

Das Lesen ist verboten! Bücher und Leser sind geächtet und eine Spezialeinheit durchkämmt das Land, um die Letzten ihrer Art aufzuspüren. Guy Montag gehört zu einer solchen Einheit und es bereitet ihm Freude, seiner Berufung zu folgen. Er ist von der Mission überzeugt. Ihn als Mitläufer zu bezeichnen, wäre untertrieben. Zu klar sind seine Ansichten.

„Es war eine Lust, Feuer zu legen.
Es war eine besondere Lust zuzuschauen, wie etwas verzehrt wurde, schwarz wurde und sich verwandelte“

„Das ist wichtige Arbeit. Montag brennt Millay, Mittwoch Milton, Freitag Faulkner, verbrennt sie zu Asche, und verbrennt dann die Asche. So lautet unser Motto“

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Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Da stört es Guy Montag nur kaum, dass es wohl früher die Aufgabe seiner „Einheit“ war, genau das Gegenteil zu tun. Sie sind „Firemen“ und hatten in grauer Vorzeit wohl die Gesellschaft vor Feuer geschützt. Jetzt sind sie die Brandstifter des Systems. Erst als er einem Mädchen begegnet, das ihm zuerst die Augen öffnet, bevor es selbst zum Opfer wird, beginnt Guy Montag zu zweifeln. Erst als ihm bewusst wird, dass hier nicht nur die Bücher, sondern auch Leser verbrannt werden, beginnt der innere Widerstand zu wachsen. Erst als er realisiert, dass er seine Frau schon lange an die „Wände“ der Dauerberieselung verloren hatte, beginnt er sich zu hinterfragen. Die Antworten, die er findet, sind ernüchternd. Guy Montag rebelliert.

Ray Bradbury lässt die Geschichte des Dritten Reichs in Fahrenheit 451 erneut wahr werden.Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen.“ Nichts hat sich so sehr im kollektiven Gedächtnis der Menschheit festgebrannt. Seine Brandstiftung ist auch in metaphorischer Hinsicht ein gewaltiges Feuerwerk. Wissensmonopole sind im immer noch Machtgrundlage diktatorischer Herrscher. Wer sich an freien Medien und Informationsquellen vergreift, verbrennt damit zugleich auch alle Menschenrechte. Wo ein solcher Missbrauch endet, wissen wir nur zu gut. Ray Bradbury ist Warnsignal und Frühwarnsystem zugleich. Sein Roman ist zeitlos relevant, fulminant und gewaltig. Hier werden wir mit den ewigen Fragen von Schuld, Mitverantwortung, Opportunismus und innerer Bereitschaft zum offenen Widerstand konfrontiert. Fragen, denen wir uns Tag für Tag neu zu stellen haben.

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Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Die jetzt vorliegende Neuübersetzung von Peter Torberg wird dem zeitlosen Buch in besonderer Weise gerecht. Ray Bradbury schrieb seinen Roman in nur kurzer Zeit. Er brach aus ihm heraus, wie sich Lava bei einem Vulkanausbruch ergießt. Es ist die Urgewalt des Textes, die man jetzt spürt. Sie ist ganz nah am amerikanischen Original, das mir zum Vergleich in einer Ausgabe aus dem Reclam Verlag vorliegt. Eine mutige und wegweisende Übersetzung, die mit eingefahrenen Sprachmustern bricht. Aus dem bisherigen „Feuerwehrmann“ Guy Montag wird konsequenterweise der „Feuermann„, dessen Mission nicht mehr durch die widersprüchliche Bezeichnung gestört wird. Hier ist die Geschichtsfälschung schon so weit fortgeschritten, dass ein „Fireman“ sich auf seine wahre Brandstifter-Mission konzentrieren kann. Niemand verbindet diesen Beruf mehr mit einer Schutzfunktion. Die Übersetzung geht neue Wege, die dem Buch mehr Wucht verleihen.

Peter Torberg begründet diesen Schritt in seinem Nachwort zum Buch. Ich hätte mir vom Diogenes Verlag gewünscht, diesen Schritt konsequent zu begleiten. Warum jedoch auf dem Klappentext, der Umschlagrückseite und auf der Buchseite des Verlags im Internet beharrlich vom Feuerwehrmann Guy Montag die Rede ist, erschließt sich mir nicht. Das führt nur zum unnötigen Missverständnis, es im Roman selbst mit einem Fehler zu tun haben, wenn man erstmals auf das Wort Feuermann stößt, da man erst im Nachwort auf die Hintergründe der Übersetzung stößt. Ein Versehen oder vielleicht fehlender Mut, außen zu signalisieren, was den Lesenden im Inneren erwartet? Keine Ahnung. Fühlt sich jedenfalls an, wie die Blutgrätsche des Klappentexters gegen den Sturmlauf des Übersetzers! Vergessen wir die Feuerwehr. Behalten wir den Feuermann im Blick! (Siehe Update unten)

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Fahrenheit 451 von Ray Bradbury – Das Update

Update zur Blutgrätsche vom 31. August: Dankenswerterweise hat der Diogenes Verlag auf die Kritik reagiert und die Internetseite von Fahrenheit 451 an die brillante Übersetzung angepasst. Kein Wort mehr von Feuerwehr. Es lebe der Feuermann. Nach Betrachtung der Bilder wurde nun im Videokeller von AstroLibrium auf einfaches Foul entschieden, da der Widerspruch jetzt nur noch auf dem Buchumschlag zu finden ist. Herzlichen Dank für die Reaktion.

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Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Die Dystopien von einst scheinen uns einzuholen. Sie werden in der Tradition von George Orwell und Ray Bradbury heute fortgesetzt von Autoren und Autorinnen, denen es darum geht, uns wachzuhalten. Das beste Beispiel ist hier „Zerstörung“ von Cécile Wajsbrot. Ich würde dieses Buch im Buchhandel neben „Fahrenheit 451“ dekorieren und Lesern die Chance eröffnen, sich diesen sozialkritischen Zukunftsszenarien noch intensiver zu nähern. Moralische Wegweiser und Frühwarnsysteme in dieser Qualität gehören zu den Ausnahmeerscheinungen auf dem Buchmarkt. Ich halte sie für extrem relevant.

Mehr zu Ray Bradbury finden Sie hier: Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ klingt vielleicht auch, wie ein dystopischer Roman, ist aber eine Mystery-Graphic-Novel zu einem grandiosen Zirkus-Roman des großen Schriftstellers.Lesenswert…

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Reden wir über Simon Stålenhag (2) The Electric State

Simon Stålenhag - The Electric State - AstroLibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Im ersten Teil des Doublefeatures Reden wir über Simon Stålenhag“ beschäftigte ich mich ausführlich mit der inspirierenden Kraft seiner dystopischen Geschichten und der Serien-Adaption seines illustrierten Romans „Tales from the Loop“. Schön, dass ihr den Weg auch zum zweiten Teil des Specials gefunden habt, denn wie versprochen geht es diesmal um eine Graphic Novel aus der Feder des schwedischen Allrounders mit einer komplexen Geschichte, grandiosen Bildern und zentralen Botschaften, die ich in dieser Art und Weise kaum jemals so eindrucksvoll wahrgenommen habe. Am Ende des ersten Beitrags über Simon Stålenhag schrieb ich:

Wer eher zu einem eigenständigen und auserzählten“ Stålenhag greifen möchte, der sollte „The Electric State“ lesen. Hier schöpft er aus dem Vollen seiner visionär und kreativ fulminanten Erzählader. Hier brauchen wir keine Verfilmung, hier lässt das Buch keine Frage offen. Es ist nicht nur Hintergrund. Hier wird eine ganze Geschichte in Wort und Bild erzählt. Und was für eine Geschichte.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Heute möchte ich euch dieses großformatige Buch aus dem Fischer TOR Verlag näher vorstellen. Wenn ich unabhängig von der Amazon-Serie „Tales from the Loop“ einen ersten intensiven Zugang zum Werk des schwedischen Meisters suchen würde, „The Electric State“ wäre meine erste Wahl. Und dies aus guten Gründen.

Erstens liebe ich literarische Roadtrips, die mich in Szenarien entführen, die sich nicht statisch und wie kleine Kammerspiele entwickeln, sondern dynamische Reisen im Zentrum aller Handlungsfäden ansiedeln. Zweitens habe ich mit meiner Artikelserie über „Verlorene Mädchen“ in der Literatur ein Universum für mich entdeckt, in dem ich die Suche nach starken und tragischen Protagonistinnen in den Mittelpunkt meines Lesens gestellt habe. Auch im elektrisierten Land bin ich auf ein Mädchen gestoßen, das ganz auf sich gestellt einer gefährlichen Mission folgt und allen Widerständen zum Trotz mit Mut und unglaublicher Konsequenz ihr Ziel erreicht. Der Trailer zum Buch zeigt, wohin die Reise geht, was dieses Roadmovie ausmacht und mit welcher Brillanz uns Simon Stålenhag in eine Welt nach der Apokalypse entführt…

Hier sind wir gelandet. Im Amerika des Jahres 1997. Klingt nach Vergangenheit und längst erlebten Geschichten. Fühlt sich aber gar nicht so an. Es ist ein apokalyptisches Amerika, dem wir in den Illustrationen von Simon Stålenhag begegnen. Das Land sieht aus wie ein kunterbuntes Knallbonbon voller Werbung. Bei näherer Betrachtung jedoch erkennt man die Relikte eines längst geführten Drohnen-Krieges. Raumschiffe, Roboter und Sendeanlagen zeugen als Ruinen von der jüngeren Vergangenheit. Es ist ein sehr einsames Land, das wir mit einem Mädchen und seinem Begleiter, dem Roboter Skip durchstreifen. Zielstrebig wirkt Michelle, eine innere Mission liegt ihrer Wanderung im verdorrten Zentrum der Mojave Wüste zugrunde. Als sie auf tote Menschen stößt und sich deren Auto aneignet, geht die Reise durch den „Elektronischen Staat“ endlich los.

Simon Stålenhag vereint zwei Erzählebenen, die uns auf der Reise begleiten. Wir sehen das Land mit den Augen Michelles und werden durch Augenzeugenberichte auf die Hintergründe der Szenerie aufmerksam gemacht. Düster. Dystopisch. Die Technik ist außer Kontrolle geraten. Virtuelle Realität hat die letzten Menschen im Bann. Helme voller Unterhaltungsprogramme haben die Menschheit abhängig gemacht. Hier werden Gehirne manipuliert, Hirnströme gebündelt und missbraucht. Wer dem widersteht, der erlebt einen sprichwörtlichen „Burnout„. Nach dem Drohnen-Krieg haben Roboter die Kontrolle übernommen. Menschen finden sich nur noch als Hirnmarionetten der neuen Machthaber. Ein gefährliches Umfeld für ihre besondere Mission, denn nirgendwo sind Michelle und Skip sicher. Eine wahnsinnige Reise durch ein versehrtes Land beginnt.

Simon Stålenhag - The Electric State

Simon Stålenhag – The Electric State – AstroLibrium

Simon Stålenhag erzählt eine sehr bewegende Geschichte über die Dominanz der Technik und die Abhängigkeit, in die sich der Mensch freiwillig begibt. Ein düster und doch so real wirkendes Szenario, da er seine Visionen in durchaus bekannte und liebgewonnene Bilder eines knallig-bunten Amerikas einbettet. Furchterregend sind hier die Roboter und die an sie geketten Menschen in ihrem „Virtuel-Reality-Wahn„. Es ist die unschuldig kämpferische Perspektive der verlorenen Michelle, die uns an ihrer Seite zu Mitstreitern macht. Welchem Ziel sie folgt, erfahren wir erst während der Reise. Auf dem Buchrücken und auf der Verlagsseite zum illustrierten Roman findet sich ein klarer Hinweis darauf. Viel zu früh aus meiner Sicht. Sie sucht ihren Bruder. Das darf man spoilern. Unter welcher Prämisse und warum sie ihn finden möchte, das ist und bleibt das große Geheimnis dieses grandiosen Werks.

Stålenhag konfrontiert uns mit einer gesichtslosen Gesellschaft, deren technische Leistungsfähigkeit zur Versklavung der Menschen führte. Versuchungen wirken wie die Drogen unserer Zeit. Die Abhängigkeit von Computerspielen ist vielleicht nur ein erstes Symptom der Vision, die uns der schwedische Autor ins Gewissen schreibt. Die Kriege werden ebenso anonym und technisiert geführt. Ihre Relikte legen Zeugnis davon ab, in welche Sackgasse sich die Menschheit manövriert hat. Und doch gibt es die Hoffnung, die Kreisläufe der Selbstzerstörung zu durchbrechen. Michelle ist eine der wenigen im ganzen Land, die keine VR-Maske trägt. Ob es ihr gelingen wird, anderen die Augen zu öffnen? Ein schweres Unterfangen, wird sie doch nicht nur von Maschinen verfolgt.

Am Ende sitzen wir traurig vor einer Bilderserie, die zeigt, dass Simon Stålenhag Emotionen und Leser einfangen und berühren kann. Empathie mit einem kleinen Roboter empfinden zu können, basiert auf der großen Kunstfertigkeit des Autors.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Simon Stålenhag ist ein einzigartiger Meister seines Fachs. Sein Erfolgsrezept liegt für mich darin begründet, dass er neue Wege geht. Die Apokalypse liegt hinter uns. In jedem Kapitel, in jedem Bild und in jeder Zeile haben wir das Gefühl, in einer Zeit lesen zu dürfen, die dem Debakel folgt. Das macht uns zu aktiven Betrachtern von Bildern, in die wir uns so gut hineinversetzen können. Wer Stålenhag liest und beim Einkaufen in einem Technikmarkt auf VR-Brillen stößt, der nimmt seine Beine in die Hand. Wer hier kühl und locker bleibt, dem ist kaum noch zu helfen. Ich empfehle euch nicht nur diese Geschichte. Stålenhag gehört in jedes Bücherregal und gottlob sind wir nicht am Ende seiner Kreativität angelangt. Da kommt noch einiges auf uns zu. Ganz sicher…

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten…

Simon Stålenhag - The Electric State

Simon Stålenhag – Things from the Flood – (März 2021)

Reden wir über Simon Stålenhag (1) Tales from the Loop

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Simon Stålenhag. Eigentlich reicht es inzwischen, diesen Namen nur zu erwähnen und schon sollten seine Illustrationen vor dem geistigen Auge erscheinen. Er hat sich mit seinen Bildkompositionen und Texten weltweit einen Namen gemacht und gilt schon heute als einer der kreativsten schwedischen Köpfe unserer Zeit. Kenner schwören auf seine Bücher, Fans lieben die Adaption seiner Storys für eine Amazon-Serie und neue Leser und Betrachter seiner Geschichten reiben sich verwundert die Augen, weil sie in Welten eintauchen, die so dystopisch sind, wie man es sich nur vorstellen kann, dabei jedoch so nostalgisch wirken, als hätte die Zukunft schon längst stattgefunden. Hier hat ein Künstler die Weltbühne betreten und auch in meiner Fantasie Spuren hinterlassen.

Wer bisher noch nichts von Simon Stålenhag gehört hat, der sollte sich die Titel seiner Bücher sehr gut merken.

Tales from the Loop
The Electric State
„Things from the Flood“
(März 2021)

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Jetzt sollte es langsam klingeln, läuft doch die Fernseh-Adaption der Amazon-Serie „Tales from the Loop“ seit Wochen mit beachtlichem Erfolg und wird von Tausenden begeisterter Serienfans gestreamt bis zum Abwinken. Der schwedische Digitalkünstler, Musiker, Computerspiele-Entwickler und Medienprofi hat mit seinen Geschichten nicht nur den Grundstein für ihre filmische Umsetzung gelegt, er ist die Inspirationsquelle für eine ganz neue Art dystopischer Erzählräume. Die nostalgisch-realistischen Szenarien kommen uns vertraut vor. Häuser, Autos und Alltagsgegenstände wirken veraltet und in jeder Hinsicht ein wenig aus der Zeit gefallen. Computer sehen aus, wie in den 1990er Jahren. Und doch werden unsere Blicke auf technische Finessen gerichtet, die viel zu futuristisch wirken, um in der Vergangenheit angesiedelt zu sein.

„Tales from the Loop“. Wir betreten völliges Neuland in dieser Geschichte. Der Loop ist ein unterirdischer kreisförmiger Teilchenbeschleuniger, an dem Wissenschaftler im Geheimen Experimente durchführen, um dem Mysterium Zeit auf die Spur zu kommen. Mehr muss man nicht wissen. Den Rest darf man nicht hinterfragen. Das reicht Simon Stålenhag aus, um ein Szenario der unerklärlichen Phänomene zu gestalten. Allein die Existenz des Loops muss ausreichen, die Geschichten zu glauben, die er uns ans Herz legt. Spielt das Buch (man kann es im weitesten Sinne als Graphic Novel bezeichnen) noch in Schweden, transferiert die Amazon-Serie den gesamten Stoff in die Kleinstadt Mercer in Ohio. Erzählt die Staffel einzelne Geschichten über die Menschen und ihre Erlebnisse mit Zeitphänomenen und Abweichungen von der Norm, ist das großformatig aufgemachte Buch viel mehr eine Sammlung von Ideen, Impressionen, Anekdoten und scheinbaren Kindheitserinnerungen an die Zeit, in der der Loop noch in Betrieb war.

Hier gehen Buch und Film eine perfekte Symbiose ein, wobei die Amazon-Serie die eigentlichen Geschichten erzählt. Menschen, die in ewigen Zeitschleifen gefangen sind; Roboter, die ein unglaubliches Eigenleben entwickeln; Zeitkapseln, die verraten, wie alt man wird; Momente, in denen die Zeit zum Stillstand kommt und Jugendliche ihre neue Freiheit genießen; Seelenwanderungen zwischen Menschen und Robotern und einfach die Verbindung zwischen den Menschen, die im Loop arbeiten und den Familien, die in Mercer leben. Aus der schönen Kleinstadt-Idylle wird der geheimnisvolle Mix dystopisch anmutender Ereignisse, dem man sich nicht entziehen kann. Im Buch erkennt man, wie brillant und detailgetreu die Illustrationen von Simon Stålenhag umgesetzt wurden. Die Filmadaption zeichnet die ruhige und normale Atmosphäre mit wundervoller Musik aus, die den Anschein von Normalität vermittelt. Dabei ist hier nichts normal. Und doch sind die Ereignisse so greifbar und emotional, dass ich Mercer nicht mehr verlassen möchte.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Ich empfehle euch die Serie anzuschauen und das Buch zur Hand zu nehmen, um den kompletten Stålenhag-Kosmos in sich aufzusaugen. Ich habe es so gemacht und möchte keine Seite im Buch, keine Illustration und keine Episode der Staffel missen. In jeder Hinsicht ein unglaubliches und bewegendes Erlebnis, das uns vor Augen hält, wie abhängig wir von der Kontinuität der Zeit sind und was geschehen kann, wenn sie nicht mehr so verläuft, wie wir es geplant haben. Ihr werdet euch anschließend wundern, wie viele dieser relevanten Geschichten euch auch nach dem Serien- und dem Buchgenuss im Alltag hinterherlaufen. Gänsehaut pur…  

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten…

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Wer eher zu einem eigenständigen und auserzählten“ Stålenhag greifen möchte, der sollte „The Electric State“ lesen. Hier schöpft er aus dem Vollen seiner visionär und kreativ fulminanten Erzählader. Hier brauchen wir keine Verfilmung, hier lässt das Buch keine Frage offen. Es ist nicht nur Hintergrund. Hier wird eine ganze Geschichte in Wort und Bild erzählt. Und was für eine Geschichte. 

Das ist mir einen eigenen Artikel wert. „Reden wir über Simon Stålenhag (2) The Electric State. Freut euch auf virtuelle Realitäten, die Abhängigkeit des Menschen von Unterhaltungsmedien, ferngesteuerte Gedankenwelten und ein Mädchen, das sich nach dem Drohnenkrieg in Begleitung eines gelben Roboters auf die gefahrvolle Suche nach seinem Bruder macht. Hochspannung und unglaubliche Illustrationen sind garantiert.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Werfen wir heute einen aufmerksamen Blick auf unser Land, dann fragt man sich, ob unsere Gesellschaft mit ihrem Wertevorrat langsam zersetzt wird. Man stellt sich die Frage, wie Deutschland aussehen würde, wenn Menschen an die Macht kämen, deren Ansichten nichts mit unserem demokratischen Grundverständnis zu tun haben. Es wird zum Horrorszenario weltoffener Menschen, akzeptieren zu müssen, dass eine Haltung um sich greift, die an die braune Ideologie der Nazis von einst erinnert. Beschneidung von Kultur, Ausgrenzung von Minderheiten, Einschränkung der Pressefreiheit und eine Abkehr von der historisch verankerten Verantwortungskultur gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus gelten schon jetzt als erklärte Ziele einer Partei, die sich als einzige Alternative für unser Land präsentiert und Menschen im Schleppnetz fängt.

Was, wenn sie an die Macht kämen? Was, wenn wir den Moment verpassen würden, noch aktiver gegen das Alternativlose in ihren Ansichten vorzugehen? Was, wenn wir in einigen Jahren mit verwunderten Augen auf ein Land blicken, das auf der Strecke der Geschichte den Rückwärtsgang eingelegt hat? Was, wenn wir unterschätzen, welches Ausmaß von Zerstörung schon heute an den Grundfesten unserer Demokratie rüttelt? Es ist extrem bitter zu erkennen, dass meine Ängste die Hoffnungen einer großen Zahl von Menschen sind. Menschen, die in meinem Umfeld leben und auf den Punkt warten, an dem wir alle nicht wachsam genug sind. Was ist, wenn man einen Roman liest, dem ein solches Szenario zugrunde liegt? Ein Roman, der aus der nahen Zukunft zu seinen Lesern spricht. Aus einer Zeit nach der Zerstörung der Demokratie. Einer Zeit, in der der Machtwechsel vollzogen ist, man auf den Trümmern der Vergangenheit die Diktatur errichtet hat, die sich so deutlich abgezeichnet hat? Dann muss man einfach lesen.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Cécile Wajsbrot ist es gelungen, mit Zerstörung eine Dystopie zu verfassen, die in der Konstruktion eine zeitlose Relevanz erlangt. Das gelingt durch ein Höchstmaß an Anonymität in den Rahmenbedingungen ihrer Geschichte. Konkret wird sie nur selten und genau das lässt uns den Spielraum, den wir benötigen, um das Horrorszenario auf unsere Gesellschaft zu übertragen. Konkret ist Paris als Schauplatz. Das war es schon. Was sich genau zugetragen hat, wie es sich entwickelte und wann es wirklich begann, ist nicht erkennbar. Fest steht, dass sich Frankreich in einer Diktatur befindet. Konkret zu erkennen sind die Einschränkungen, die der Bevölkerung auferlegt sind und aus all diesen Fakten lässt sich ein erstes Mosaik einer Ideologie ableiten, die das Leben der Menschen in klare Bahnen lenkt.

Und diese Einschränkungen machen das Leben der anonymen Protagonistin zur Qual. Sie, die ihr ganzes Leben dem Lesen und Schreiben gewidmet hatte, findet sich in einem politischen System wieder, das ihr den Lebensraum raubt. Nichts ist mehr so, wie vor der Machtergreifung der (ebenso anonymen) Diktatoren. Jede Einschränkung ist ein Schlag in ihre intellektuelle Magengrube.

* Bücher werden konfisziert,
* das Schreiben wird verboten,
* die Kultur erfährt einen inhaltlichen Bildersturm,
* seichte Unterhaltung wird zum Programm, echte Inhalte verschwinden,
* die Grenzen sind geschlossen,
* Pflicht-Apps machen soziale Medien zum überwachten Raum,
* die freie Meinungsäußerung ist abgeschafft,
* die Vergangenheit hat ausgedient,
* alles, was älter ist, als 10 Jahre ist zu vernichten
* dazu gehören Familienfotos, Briefe und persönliche Aufzeichnungen
* nur noch die Zukunft zählt,
* das Gedenken an die Opfer von einst wird abgeschafft,
* es gibt nur noch Sieger und Verlierer im System,
* die persönliche Vergangenheit jedes Einzelnen wird gelöscht,
* das Denken wird zerstört…

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

All ihrer Waffen beraubt, versucht sich die Liebhaberin der geschriebenen Worte an die Anfänge zu erinnern. Sie sieht die Zeit vor sich, in der die Dialoge in den sozialen Medien zusehends hasserfüllter wurden, in der Fakenews die Welt eroberten und sich Parolen Raum verschafften, mit denen den ewig Gestrigen der Kampf angesagt wurde, und von der Chance derer die Rede war, die bis jetzt keine Zukunft hatten. Sukzessive breitete sich das neue Denken aus. Der Freundeskreis schrumpfte, Kommunikation in jeder Form wurde zum Wagnis und die Menschen um sie herum waren zufrieden, weil die Zeit so unterhaltsam war. Theater dienten nur noch dem Seichten, im TV sah man nur noch die Berieselung fürs Volk und die Restaurants waren gut gefüllt. Erst als man am eigenen Leib spürte, was es bedeutet, der eigenen Vergangenheit zu entsagen, ist die Stimmung in eine allmächtige Tristesse gekippt. Was dagegen tun? Wie agieren?

Hier kommt ihre Stimme ins Spiel. Wenn die „Weiße Rose“ keine Flugblätter gehabt hätte, wie hätte der Widerstand ausgesehen? Was kann man tun, wenn man sich nicht mehr mit geschriebenen Worten wehren kann? Wen erreicht man? Hier kommt ihr eine Aufforderung einer Gruppe anonymer Widerständler als greifbare Alternative vor. Man muss sich mit der Stimme wehren. Sie sei ausgewählt. Einen Sound Blog sollte sie mit ihren Erlebnissen füllen. Geheime Aufnahmen, die ausgestrahlt würden. Gegengewicht zur Zensur des geschriebenen Wortes. Verbindlich, konkret, die Zusammenhänge und Konsequenzen beschreibend. Und so beginnt sie schließlich zu sprechen. So bekommt sie das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie fühlt sich einem Netzwerk zugehörig und denkt, auf diese Art und Weise, ihren Beitrag zur Befreiung des Landes leisten zu können.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Diese Dystopie ist wie ein Manga-Comic. Die Gesichter sind nur konturiert, lassen in jeder Hinsicht jedoch den Freiraum, das Szenario mit der selbst empfundenen Realität zu füllen. Man erfährt nichts über die Ideologie der Diktatur, der Widerstand bleibt fast unsichtbar. Die Umgebung verschwimmt in der Anonymität und so bleibt eine Dystopie, die ihre Leser mit jedem Satz in die eigene Welt katapultiert. Hier ist kein Platz, um zu behaupten, das sei an den Haaren herbeigezogen, leben wir doch heute in einer Welt der Symptome, die Cécile Wajsbrot in der Phase vor der Zerstörung beschreibt. Hier geht es um die Angst jedes Einzelnen, das Momentum zu verpassen, in dem man noch etwas hätte verhindern können. Das ist ein großer französischer Roman, der unter dem Eindruck der Gelbwesten-Bewegung entstand, und die Französische Revolution in ihrer radikalen Form einer Volkserhebung tief verinnerlicht hat. Paris mit der eigenen Stimme zu befreien, was für eine Idee. Was für eine Motivation.

Dieser Roman steht für begeistertes und erschrockens Lesen. In der Anonymität der Rahmenbedingungen liegt seine Stärke. Niemand wird dieses Buch lesen und dann einer Diskussion auf Facebook zu Umweltthemen, Rechtsradikalismus, der Leugnung des Holocaust oder Corona-Disputen folgen, ohne an Cécile Wajsbrot zu denken. Im Hier und Jetzt fühlen wir die zerstörerischen Tendenzen ihres Romans. Wir werden im tiefsten Inneren an den Wurzeln unserer Wertvorstellungen gepackt. Wir schauen uns unsere kleine Welt an und hinterfragen, was sie ohne Erinnerung wert wäre. Was sie uns noch bedeuten würde, wenn alles, was älter als zehn Jahre ist, nicht mehr greifbar wäre. Selten hat ein Roman eine solche Aktualität durch die Auslassung konkreter und kritisierbarer Fakten erreicht. „Zerstörung“ ist ein Weckruf, der lange nachhallt.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Genau diese Stärken wurden dem Buch im „Literarischen Quartett“ angekreidet. Es sei „so wahnsinnig unkonkret“, „seltsam unpolitisch“ und nur als „Angstpsychose“ zu verstehen. Hier griff die Diskussion für mich zu kurz. Es ging kaum noch darum, Leser für ein Buch zu begeistern oder sich über dessen Relevanz auszutauschen. Für mich ging es lediglich darum, wer seine Meinung eloquenter formulieren kann. Das geht am Ziel eines solchen Formates vorbei. Selten habe ich beim Lesen so gelitten, selten hat mich ein Buch so bewegt und in der Realität nicht mehr losgelassen. Als Redakteur von „Literatur Radio Hörbahn“ habe ich mich gefragt, was meine Sound-Blog-Beiträge heute bewegen oder verändern könnten. Die Poly-Anonymität und die Vagheit dieser Dystopie sind die Schlüssel zu ihrem Erfolg. Und das in einer Zeit, die ganz zufällig in einer virusbedingten Isolation verhaftet ist, die der Ansteckungsgefahr mit vergifteten Ideen in „Zerstörung“ so sehr entspricht. Aber hören Sie selbst. Mein PodCast zum Buch.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt…

Gäbe es etwas an diesem Roman zu kritisieren, dann vielleicht die Tatsache, dass es sich um ein Buch handelt. Was wäre das für ein Hörbuch. Wie intensiv könnte die Gänsehaut sein, den Sound Blog quasi als Ohrenzeuge zu erleben. Wie intensiv wären wir an die Stimme einer Frau gefesselt, die ihre geschriebenen Worte zu den Akten legt und sich hörbar neu erfindet. Vielleicht wird ein Hörbuchverlag auf das Werk aus der Feder von Cécile Wajsbrot aufmerksam. Vielleicht geht auch der Wallstein Verlag den neuen Weg angesichts der zeitlosen Dimension dieses Werks.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Dieses Logbuch in Tönen wäre ein herausragender moralischer Kompass für all jene, die einen Leitfaden für Widerstand in einer Diktatur suchen. Die Autorin hat für diese Form des Widerstands die Metapher eines Leuchtturms treffend verwendet. Das Lichtsignal bestreicht das ganze Land. Nicht alles wird erhellt, aber es kommt und geht regelmäßig. Es zeigt Gefahrenzonen auf und verhindert Tragödien. Ein einzelner Leuchtturm reicht nicht aus. Sie sind Teil einer Gruppe. Für Cécile Wajsbrot befindet sich der bedeutendste Leuchtturm inmitten von Paris. Ich sah das Lichtsignal von der Spitze des Eiffelturms. Ich glaube an seine Macht…

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Ein Nachtrag:

Die Dystopien von einst scheinen uns einzuholen. Sie werden in der Tradition von George Orwell und Ray Bradbury heute fortgesetzt von Autoren und Autorinnen, denen es darum geht, uns wachzuhalten. Das beste Beispiel ist hier „Zerstörung“ von Cécile Wajsbrot. Ich würde dieses Buch im Buchhandel neben „Fahrenheit 451“ dekorieren und Lesern die Chance eröffnen, sich diesen sozialkritischen Zukunftsszenarien noch intensiver zu nähern. Moralische Wegweiser und Frühwarnsysteme in dieser Qualität gehören zu den Ausnahmeerscheinungen auf dem Buchmarkt. Ich halte sie für extrem relevant. Hier geht´s zur brandaktuellen Buchvorstellung

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ein Wort zu Spoilern:

„Es wäre freundlich gegenüber anderen Hörern und Hörerinnen – um nicht zusagen gegenüber dem Autor -, wenn die Entdeckungen, die ihr mit Griz auf seiner Reise durch die Ruinen unserer Welt macht, unser Geheimnis bleiben.“

C.A. Fletcher

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

So steht es auf dem Cover des Hörbuchs zu Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt von C.A. Fletcher geschrieben. Das ist eine Aufforderung, an der man gar nicht vorbeikommt, wenn man das Bloggen und Rezensieren ernstnimmt und verhindern möchte, dass zu viele Geheimnisse einer Roman-Story das Licht der Welt erblicken. Zu verständlich, kann ich nur sagen. Ich halte mich natürlich an das Schweigegelübde. Ich bin nicht indiskret und genau aus diesem Grund müsst ihr nun mit einer recht gekürzten Form einer Hörbuchvorstellung leben. Das ist einerseits dem Respekt gegenüber einem Autor geschuldet, der in seiner Geschichte so viele unerwartete Wendungen eingebaut hat, dass man sie tunlichst für sich behalten sollte. Andererseits jedoch gilt es hier auch den Random House Audio Verlag in Schutz zu nehmen. (Weiterhören)

Hat sich doch die seriöse Hörbuchschmiede zu einem echten Etikettenschwindel verleiten lassen, um die Geheimnisse dieser Produktion zu wahren. Das ist mir bisher in dieser Form selten begegnet und verdient Respekt. Wer wäre ich also, wenn ich mir erlauben würde, diese bewussten Täuschungsmanöver der Beteiligten zu unterminieren und inhaltliche oder produktionstechnische Kunstgriffe an die Öffentlichkeit zu bringen? Also. Was jetzt folgt, ist nur die Konsequenz dieser Geheimnistuerei. „Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt“ ist ein spannendes Hörbuch, das von Wanja Mues brillant eingelesen, interpretiert und mit Leben gefüllt wurde. Ich kann es euch nur wärmstens empfehlen, zum Hörbuch zu greifen, weil es mehr kann, als das Buch. Das könnt ihr mir glauben. Danke fürs Lesen dieser Rezension und viel Spaß beim Hören.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ihr merkt, ich bin gut, wenn es darum geht, verschwiegen zu sein. Also, wenn ich etwas kann, dann Verlagsgeheimnisse für mich zu behalten. Das war`s auch schon für heute. Mehr erfahrt ihr hier nicht von mir. Muss ja auch mal so gehen. Oder? Wie käme ich dazu, den Ehrenkodex eines Rezensenten zu verletzen? Warum sollte ich mich hier aus dem Fenster lehnen, um AstroLibrium zum Wiki-Leaks der Literatur-Blogs mutieren zu lassen? Welche Gründe könnte es für einen Geheimnisverrat geben? Keinen! Nunja, um ehrlich zu sein, gäbe es ja schon viele Rechtfertigungen, die meine Loyalität auf die Probe stellen könnten. Echt gewichtige Gründe. Wenn ich nur daran denke, dass euch dieses Hörbuch entgehen könnte, werde ich fast wahnsinnig. Vielleicht sollte ich ja das ein oder andere Geheimnis andeutungsweise lüften. Nur ein klein wenig. Was haltet ihr davon?

Womit haben wir es zu tun? Mit einer Dystopie. Zweifelsfrei. C.A. Fletcher beschreibt eine im Untergang befindliche Welt der Zukunft. Unfruchtbarkeit hat die Erde entvölkert. Nur einige „Letztgeborene“ konnten sich retten. Es sind Inseln letzten Lebens, Biotope und isolierte Gebiete, in denen noch Menschen leben. Und diese werden, wie seit jeher von ihren Hunden begleitet. Nachwuchs ist ein Fremdwort. Umso wichtiger ist es, diese letzten Refugien zu schützen. Hier lernen wir Griz kennen. Der Junge lebt mit dem Rest seiner Familie auf einer Insel. Eine Schwester hat er bereits verloren, die Mutter liegt im Wachkoma und nur seine beiden Hunde Jip und Jess geben ihm Halt. Als ein Fremder die Insel betritt, ändert sich alles. Der geheimnisvolle Brand stiehlt die Hündin Jess und macht sich mit seinem Schiff davon.

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Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Aus diesem Szenario entwickelt CA. Fletcher einen absoluten Pageturner, der uns zu Weggefährten eines Jugendlichen macht, der die Verfolgung aufnimmt. Es sind die Ruinen unserer bekannten Welt, die wir mit Griz Augen sehen. Es ist seine Einsamkeit, die wir fühlen und es sind seine Verlustängste, die uns betroffen machen. Grandios im Erzählstil, faszinierend in der Aktualität einer Welt im Quarantänezustand und mehr als bestechend in der Charakterzeichnung eines Heranwachsenden, verfolgen wir Spuren und Fährten des Diebes. Es sind nicht nur die Gebäude, die wir erkennen, es ist auch die Französin „John Dark“, die dieser Geschichte Tiefe verleiht. Auf der Suche nach dem Mörder ihrer Töchter wird sie nun zum Schutzengel für Griz und Jip. Natürlich ist sein letzter Hund an seiner Seite. Es entwickelt sich eine Geschichte voller Verlust und Sehnsucht, Hoffnung und Bangen, Kampf und Schmerz.

Es sind die gewaltigen Bilder, die hier funktionieren. Die verfallenen Ruinen eines Fußballstadions und einer Bibliothek lassen uns schaudern. Wir betreten bekannte und geliebte Territorien. Bis wir am Ende des Hörens vor einem Neubeginn stehen. Wanja Mues leiht Griz seine Stimme und entführt uns behutsam in diese Dystopie, vor der es kein Entrinnen gibt. Aus der Suche nach einem Hund wird die Suche nach den Resten unserer Welt, nach den letzten Menschen und nach den Ursachen für den Exitus. Wir finden kaum Ruhepunkte in der Geschichte. Und wenn es uns gelingt, einen Blick nach vorne zu werfen, wirft uns der Autor mit einer kleinen Wendung meilenweit zurück. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Nichts ist, wie es scheint und keine Überraschung ist zu groß, um nicht doch plausibel und wahrhaftig zu sein. Es sind Momente der Erkenntnis, die diese Story zu einem besonderen Erlebnis machen. Aha-Erlebnisse vom Feinsten

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Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher – Ein Klick zum Spoiler

Was bleibt, ist ein grandioser Roman. Was bleibt, ist ein bewegendes Ende, das ihm zur Ehre gereicht. Was bleibt, sind die falschen Fährten, auf die uns der Autor entführt. Was bleibt, ist der bewusste Etikettenschwindel von Random House Audio, weil uns der Verlag etwas verschweigt, was uns beim Hören an einer bestimmten Stelle aufspringen und staunen lässt. Was bleibt ist das Gefühl, einen relevanten Roman gehört zu haben, der seine Wirkung als Hörbuch ganz besonders entfaltet. Was bleibt, ist die Liebe zum Hund, der hier ein kleines Denkmal gesetzt wird. Was bleibt, ist eine moderne „Jeanne d`Arc„, der ich auch unter ihrem Klangnamen „John Dark“ blind folgen würde. Und es bleibt der Dank an den Hörbuchsprecher Wanja Mues, der wirklich die Bestbesetzung für dieses Hörerlebnis ist.

Was aber auch bleibt, ist, dass am Ende des Tages nichts so ist, wie es scheint. Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt„, C.A. Fletcher, gelesen von Wanja Mues. Nichts von alledem ist richtig. Nichts davon ist wirklich wahr. Alles davon ist lückenhaft und doch so großartig, dass man es keinesfalls verpassen darf.

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PS: Hunde und Dystopien sind meisterhafte Weggefährten. Deathland Dogs“ von Kevin Brooks könnte euch gefallen, wenn ihr Jip und Jess liebgewonnen habt.