„Endland“ von Martin Schäuble

Endland von Martin Schäuble

Nun wollen wir mal versuchen, uns dem Thema versachlicht zu nähern, Ironie und Polemik auszuschalten und zu beleuchten, was Martin Schäuble mit seinem aktuellen Roman „ENDLAND“ bezweckt. Denn er muss etwas bezwecken, da diese dystopische Utopie oder auch utopische Dystopie, so nah an den gefühlten Ängsten seiner Leser in Deutschland angesiedelt ist, dass ihm eine klare Intention unterstellt werden darf. Wenn ich nur von Ängsten spreche, dann klammere ich diejenigen Leser aus, für die Endland schon mehr dem Hoffen auf eine bessere Zukunft entspricht, weil es eben eine Zukunft literarisch wahr werden lässt, die sich Wähler einer bestimmten Partei herbeisehnen.

Nur, dass genau diese Wähler das Buch wohl niemals lesen werden, es unter dem Sammelbegriff Lügenpresse und -literatur abhaken und belustigt beiseitelegen. Mag es daran liegen, dass Martin Schäuble in seinem Buch rechtspopulistischen Politikern die Maske vom Gesicht reißt? Mag es daran liegen, dass er denjenigen, die den Gedanken dieser Meinungsmacher bedenkenlos folgen die Konsequenzen aufzeigt oder ist es so, wie im ganz normalen Leben, dass andere Meinungen mit der Trillerpfeife weggepfiffen werden? Wie dem auch sei, für mich ist „ENDLAND“ alternativlos, weil die Geschichte in einem Deutschland spielt, in dem die „Nationale Alternative“ (Ähnlichkeiten zu einer bereits real existierenden Partei sind nicht zufällig) regiert.

Endland von Martin Schäuble

Und das schon so lange, dass wichtige Ziele dieser Nationalen Alternative bereits realisiert wurden. Wie sieht das Deutschland Martin Schäubles aus? Ganz einfach. Es ist ein sicheres Deutschland. Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt und Deutschland ist an seinen Außengrenzen von einer acht Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten, und bestens bewachten Mauer umschlossen. Wozu? Na, auch ganz einfach. Sie dient dem Schutz gegen „Invasoren“, so der alternative Sammelbegriff für alle Flüchtlinge, die auf dem Weg sind, den Deutschen Land, Identität, Arbeitsplätze und Wohlstand zu rauben. Schluss mit grenzenloser Freiheit. Schluss mit Flüchtlingsrouten und Schluss mit dem unsäglichen Gutmenschentum im Lande.

Spätestens hier zuckt der gar nicht alternative Leser zusammen, lässt aktuelle und bedrohlich wirkende Wahlergebnisse an seinem geistigen Auge vorüberziehen und hat beim Lesen der folgenden 215 Seiten die Populisten unserer Tage im Sinn. Und das in jedem Land, das ihm gerade so einfällt. Ist es möglich ein Land so zu verändern? Ist es denkbar, die Globalisierung einzudämmen, sich aus der EU zu verabschieden und das Grundgesetz so zu ändern, dass auch der Einsatz der Bundeswehr im Inneren möglich ist, um die Mauer zu bewachen? Ist das möglich? Es ist so! Punkt. Hier wird nicht nach dem WIE gefragt. Hier werden wir mit dem Ergebnis des Rechtsrucks konfrontiert. Hier werden Alpträume wahr. Und das Schlimmste..: Martin Schäuble lässt sie uns plausibel träumen.

Endland von Martin Schäuble

Hier stehen wir nun mit den besten Freunden Anton und Noah an der Mauer. Wir laufen Streife mit ihnen, bewachen das eigene Land vor Terroristen, Flüchtlingen und Schleusern. Und was Anton betrifft, sind wir auch noch vollkommen davon überzeugt, genau das Richtige zu tun. Darüber hinaus ist die nationale Gesinnung schon so tief in der Gesellschaft verankert, dass man nur noch die Wahl hat, mitzulaufen oder eben in letzter Konsequenz zu verschwinden. Martin Schäuble skizziert diese vollzogenen und authentischen Veränderungen. Er nagelt seinen Lesern die Rahmenbedingungen in die Hirnwindungen und schreibt nicht übertrieben oder überzogen. Er bleibt (und das ist im wahrsten Wortsinn erschreckend) auf dem Boden der aktuellen Forderungen der Partei, die ihm als Vorbild für diese gesellschaftliche Utopie diente.

Wenn wir dieses runderneuerte Deutschland endlich verstanden haben, wechselt Schäuble die Perspektive. Ein harter Schnitt ist es, den er flüssig vollzieht. Ein Schnitt in der zwingend erforderlichen Konsequenz, um verstehen zu können, was Menschen dazu veranlasst, sich trotz des Schutzwalles nach Deutschland zu retten. Fana wird zu unserer Wegbegleiterin einer gar nicht beispiellosen Flucht. Addis Abeba, Äthiopien, ist der Startpunkt der Schleuserfahrt. Das einzige noch bestehende Aufnahmelager für die „Invasoren“ an der ummauerten Deutsch-Polnischen Grenze ist die Endstation. Hier ist es der linientreue Anton der auf sie wartet. Und nicht nur auf sie.

Endland von Martin Schäuble

Martin Schäuble ist kein Populist. Er ist ein eigentlich versachlichter Weltenbummler, Journalist und Schriftsteller, der die dunklen Seiten der Armut in Afrika nicht nur aus der Presse kennt. Er, der Politikwissenschaftler mit Herz, hat sich mit Büchern und Artikeln zu diesem Thema einen Namen gemacht. Differenziert und analytisch geht er Ursache und Wirkung auf den Grund. Doch jetzt scheint ihm die literarische Hutschnur gerissen zu sein und so hält er uns mit seiner Utopie „Endland“ den aktuellen Zerrspiegel einer Gesellschaft vor Augen, die auf dem Weg ist, in weiten Teilen rechts abzubiegen. Hier schreibt er im Klartext, bettet seine Handlung in einen internationalen Kontext ein und verdeutlicht die Konsequenzen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man einer Politik folgt, die alternativlos nur auf Angst setzt.

Hier sind es die immer wiederkehrenden Automatismen, die sich in seinem Roman auf das Leben aller Menschen auswirken. Wer durch Angst an die Macht kommt, muss Angst am Leben halten, um die Macht zu erhalten. Opposition und Lügenpresse muss schon im Keim erstickt werden und die Staatsorgane der Exekutive, wie die Polizei und die Bundeswehr entwickeln sich zu den tragenden Säulen einer klaren Sicherheit nach außen und dann auch nach innen. Und doch darf man nie vergessen, dass es sich bei „Endland“ lediglich um einen Roman handelt. Er bietet Denkanstöße, tritt Diskussionen los und polarisiert in seiner direkten Anspielung auf real existierende „Alternativen“. Im tiefsten Kern haben wir es nicht mit einem politischen Lehrbuch zu tun. Die Zielgruppe für diese Utopie liegt mit 14 Jahren auch deutlich im Jugendbuchbereich. Hier darf man keine weitschweifigen sozial-philosophischen Abschweifungen erwarten.

Endland von Martin Schäuble

Hier darf „Endland“ auch einfach nur spannend erzählt sein. Hier geht der Autor in die Vollen, wenn er den Grenzsoldaten Anton mit  einem Auftrag konfrontiert, der ihn an den Scheideweg seiner Existenz führt. Martin Schäuble schreibt seinen Anton in ein Szenario hinein, aus dem es eigentliche kaum einen Ausweg gibt. Er schreibt ihn in das Flüchtlingslager hinein. Mit einer tödlichen Mission im Gepäck. Hier spielt der Autor mit seiner brillant gestalteten Ausgangssituation, um ein explosives Finale zu erzählen. In jeder Hinsicht ein empfehlenswertes Buch, ein denkbares Buch, ein bedenkenswertes Buch. An einigen Stellen ist die deutliche Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen Gut und Böse zu drastisch. Aber dies ist als Stilmittel für die Kernaussage des Buches vielleicht ebenso legitim, wie dies auf der Seite alternativer Alternativen betrieben wird.

Zuletzt sei ein Hinweis gestattet: Wer „Endland“ gelesen hat, sollte sich auch „Krieg. Stell dir vor er wäre hier“ von Janne Teller ins Haus holen. Beide Bücher gehen von einem bestimmten Punkt an Hand in Hand und sollten sich auch in der eigenen kleinen Bibliothek komplementär ergänzen. Hier bekommt der Begriff Flucht eine Dimension, in der wir denken sollten, wenn wir über Flucht nachdenken. Wo andere versuchen, neue Mauern zu errichten, stelle ich Bücher dagegen. Wo andere nur mit Verallgemeinerung Stimmung machen, halte ich Fakten dagegen. Wo andere trennen wollen, mag ich auf der Basis aufrichtiger Gefühle vereinen und wo andere auf Abstumpfung setzen, gieße ich das zarte Pflänzchen der Empathie.

Endland von Martin Schäuble

27 Jahre Deutsche Einheit verdienen es, weitergelebt und täglich mit neuem Leben gefüllt zu werden. Bücher statt Mauern. Ein Projekt bei AstroLibrium, das nicht erst heute begonnen hat.

Endland von Martin Schäuble – Bücher statt Mauern

Cecelia Ahern: „Flawed – Wie perfekt willst du sein?“

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Sie ist gebrandmarkt. Sie trägt den Buchstaben F für fehlerhaft auf ihrem Körper. Sie ist alles andere als perfekt, das war ihr schon immer klar. Die Brandzeichen jedoch machen aus ihrem Geheimnis ein Stigma, das sie in aller Öffentlichkeit als Fehlerhafte geißelt. Sie hat einen Makel, den sie nie wieder beseitigen kann. Sie hat gegen Regeln verstoßen und damit nicht nur den Zorn der Gesellschaft auf sich gezogen, sondern ist in einem aufsehenerregenden Prozess verurteilt worden. Schuldig, eine Fehlerhafte zu sein.

Sie kannte die Regeln nur zu genau. Sie war sich der Konsequenzen bewusst, die sie zu ertragen hätte, wenn sie sich den Gesetzen nicht perfekt anpassen würde. Und doch ist es ihr passiert. Gerade ihr. Dem Mädchen aus gutem Hause. Dem Mädchen mit der glänzenden Perspektive und noch dazu der Freundin von Art, dem Sohn des höchsten Richters im Lande. Sie dachte, sie sei sicher und vor Willkür geschützt. Zu spät hat sie realisiert, dass sie einer Illusion von Sicherheit erlegen ist.

Celestine ist gerade einmal siebzehn Jahre alt, als sie gegen die Regeln verstößt. Sie handelt aus dem Bauch heraus. In aller Öffentlichkeit und vor aller Augen. Sie setzt sich für einen Fehlerhaften ein. Nur ein einziges Mal. Celestine macht sich schuldig. Sie wird verurteilt. Niemand kann, niemand will, niemand darf sie schützen. Fehlerhafte wie sie stehen am Pranger der Gesellschaft und werden ihr ganzes Leben lang das Zeichen nicht los, das sie zu Außenseitern macht. Zu Sündenböcken. Zum Machtbeweis für die Unfehlbarkeit der Gilde, die über das Fehlerhafte richtet. Celestine ist FLAWED.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Und schon sind wir drin in „Flawed – Wie perfekt willst du sein?“, dem ersten Teil der dystopischen Jugend-Dilogie von Cecelia Ahern. Ja, ihr habt richtig gelesen. Es ist genau die Cecelia Ahern, die wir bisher im romantischen Genre der Literatur erleben durften. „PS – Ich liebe dich“ zählt wohl zu den größten Erfolgen der irischen Autorin, die nun ihren ersten All-Age-Zweiteiler präsentiert, der sich jedoch vornehmlich an das junge lesebegeisterte Publikum richtet und pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2016 bei Fischer FJB erschienen ist.

Und schon sind wir drin in einer Geschichte, die sich so gänzlich untypisch anfühlt, wenn man zu den Lesern von Cecelia Ahern gehört. Brandmale, Makel, Ausgrenzung und Verfolgung zählten bisher nicht zu ihren erzählerischen Welten. Und doch macht es neugierig, wie eine Autorin von Weltformat diesen Genrewechsel vollzieht und es stellt sich schnell die Frage, ob es ihr angesichts der großen Konkurrenz, wie „Die Tribute von Panem“, gelingen kann, sich ganz eigenständig abzuheben und zu begeistern.

Die Ausgangssituation von „Flawed“ hat es in sich. Da ist kein Platz für Gefühl. Es regieren Einschüchterung und Gehorsam. Angst und Vermeidungsverhalten führen zu einer scheinbar intakten Gesellschaft, in der moralisches Fehlverhalten konsequent und ohne Chance auf Wiedergutmachung bestraft wird. Hier wird nur bestraft. Reintegration ist unmöglich. Einmal fehlerhaft, immer fehlerhaft. So funktioniert das System. Und hier beginnt Cecelia Ahern das Leben ihrer Protagonistin mit nur einem einzigen Fehler um 360 Grad zu drehen.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Wenn man sich „Flawed“ nun kritisch analytisch nähert, dann kann man natürlich die soziale Ausgangslage mit dem Schneidbrenner in all ihre Bestandteile zerlegen und sezieren, bis man auf weniger plausible Elemente stößt. Aber hätte man unser jetziges Rechtssystem in einem dystopischen Roman vor dreißig Jahren beschrieben, auch hier wäre man fündig geworden. Cecelia Ahern gestaltet ihre Welt so, dass ihr der Sprung in das tiefe Wasser ihrer Erzählkunst möglich ist.

Und, wenn sie etwas kann, dann erzählen. Wenn sie etwas kann, dann dafür sorgen, dass sich ihre Leser mit den Protagonisten des Romans identifizieren, mit ihnen leiden, lachen, hoffen und um ihr Leben und die Liebe kämpfen. Wenn sie etwas kann, dann zu zeigen, dass die Brandzeichen ihres Romans auch in der gelebten Realität ihrer jungen Leser schon existieren. Man wird auch heute abgestempelt und in Schubladen gepackt, aus denen die Flucht kaum möglich scheint. Wenn sie etwas kann, dann das Lesen so sehr unter Dampf zu halten, dass man nach nur einem Tag am Ende von „Flawed“ den zweiten und letzten Teil Perfect – Willst du die perfekte Weltdringend herbeisehnt.

Cecelia Ahern konfrontiert die fehlerhafte Celestine natürlich mit jungen Männern, die als Rettungsanker und emotionale Fixsterne in sich mehr als verlockend sind. Dabei schwankt das gebrandmarkte Mädchen zwischen zwei Extremen. Art, der Richtersohn, der sich nicht traut, ihr zu helfen und lieber verschwindet, um seinen Weg zu finden und Carrick, der wie Celestine gebrandmarkt und fehlerhaft ist, dessen Spur sie jedoch viel zu schnell verliert. Von ihm bleibt nur der hoffnungsvolle Satz „Ich finde dich“.  

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Cecelia Ahern gelingt ein zweifelsohne großartiger Pageturner. Der Sprung in die Jugendliteratur ist ihr fulminant gelungen, da sie Bilder und Gefühle beschreibt, die nur zu nachvollziehbar sind. Gerade in einer Phase des Erwachsenwerdens, in der sich oft die ganze Welt von heute auf morgen verändern kann. Die Rolle der Medien entspricht den dunklen Vorahnungen, die man sich ausmalen kann, wenn man sich vorstellt, dass reale Brandzeichen und Schauprozesse zum TV-Ereignis werden könnten.

Darüber hinaus bin ich bereits jetzt begeistert, dass mir ein typischer Mittelband erspart bleibt. Zumeist erscheinen dystopische Romane als Trilogie. Zumeist erweist sich genau der zweite Teil als der schwächste. Zumeist verstecken sich die Längen und Wiederholungen nur im Mittelband. Ich erwarte von „Perfect – Willst du die perfekte Welt?“ einen ebenso fulminanten und dynamischen zweiten und letzten Teil, der schon im November erscheinen wird.

„Flawed“ funktioniert. Das ist für mich entscheidend. Ich werde weiterlesen und bin schon jetzt sehr gespannt auf das Finale. Als männlicher Leser hoffe ich natürlich, dass die beiden Jungs nun so richtig in den Mittelpunkt der Handlung rücken, aber ich denke, es wird ihnen gar nichts anderes übrigbleiben. Dafür ist die Story zu gut angelegt. Es ist nicht mehr lange hin bis sich der Kreis schließt und alle Fragen beantwortet werden. Es sieht für mich so aus, als würde ich auch in „Perfect“ bestens unterhalten.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Das könnte es nun sein für diese Rezension. Ist es aber nicht. Das Highlight folgt am Ende. Denn es war ein absolutes Highlight, Cecelia Ahern persönlich begegnen zu dürfen und ihr im Rahmen eines kleinen und exklusiven Meet&Greet auf Einladung des Verlages die Fragen zu stellen, die sich aus meinem Lesen ergeben haben. Während sich vor dem Verlagsstand eine unüberschaubare Schlange von Fans bildete, die alle zur Signierstunde von Cecelia Ahern erschienen waren, konnten wir uns für über eine halbe Stunde mit der sympathischen Schriftstellerin in einem eigens dafür reservierten Raum zurückziehen.

Wir: Das sind tolle Blogger-Kolleginnen und ich (wohl um die Quote männlicher Leser des Romans ein wenig zu heben). Berichte und Fotos zum Meet&Greet findet ihr hier:

Bookwives – Sabrina Cremer
Buchsichten – Ingrid und Hanna Eßer
Kates Leselounge – Kate Rupp
und
Vanessas Bücherecke – Vanessa Mattonet

Ich habe mir erlaubt, das Meet&Greet für Literatur Radio Bayern aufzunehmen und so hoffen wir gemeinsam, euch ein wenig von der ganz besonderen Atmosphäre dieses Treffens nach Hause zu bringen. Auch, wenn das Meet&Greet mit Cecelia Ahern unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, wir öffnen euch die Tür zu einem der wohl meist behütetsten Räume auf dem Messegelände.

Pst… kommt rein

Flawed - Mit einem Klick zum Meet&Greet mit Cecelia Ahern

Flawed – Mit einem Klick zum Meet&Greet mit Cecelia Ahern

„Der Circle“ von Dave Eggers – dystopisch, utopisch, real

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Hättet ihr nicht Lust, für das innovativste IT-Unternehmen der Welt zu arbeiten? Ach, ich untertreibe schon wieder maßlos, nur mag ich eben nicht mit allen Fakten um mich schmeißen, da sie einfach so unglaublich sind… Fast zu unglaublich. Aber lest bitte weiter. Die Chance kommt nicht allzu oft wieder. Natürlich hättet ihr euch damals nicht vorstellen können, dass ein einziges weltweit operierendes Unternehmen in der Lage sein würde, alle sozialen Netzwerke zu vereinen. Ihr erinnert euch an Facebook? Genau, das mit den Likes und den vielen Usern mit manchmal wenig glaubwürdigen Identitäten.

Da wusste man eigentlich nie, mit wem man dort interaktiv war und ob der- oder diejenige nicht noch mit weiteren Profilen das Netz unsicher machte. Könnt ihr euch auch noch an die zahllosen Spam-Mails in euren Onlinebriefkästen erinnern? Unseriöse Angebote, Spams, Gewinnspiele und kriminelle Umtriebe auf eure Kosten, die stündlich hereingeflattert sind – ihr habt das noch vor Augen. Ist ja auch erst ein paar Jahre her. Und all die Bilder auf Instagramm von irgendwelchen Leuten, die nicht nur mit ihren YouTube-Videos medial für Chaos gesorgt haben, sondern eben auch mit Fotos von Gott und der Welt.

Seit der „Circle“ diese einzelnen Internetplattformen unter seinem Dach vereinigt hat, ist endlich Ruhe in der großen Welt des Social Media. War es nicht eine grandiose Idee, jedem User für alle Netzwerke nur noch eine einzige klare Identität zuzuweisen? Ist damit nicht die Kriminalität im Internet drastisch reduziert worden? Und nun, da der „Circle“ nun zum weltweiten Standard für alle Arten von Tranfers und Kommunikation im Internet geworden ist, muss es ja wohl auch einleuchten, dass dieser Mega-Konzern immer weiter expandiert. Wäre das nichts für euch?

Ein Traumjob.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Nunja… Ich möchte natürlich auch mit der unvermeidbaren Wahrheit nicht hinter dem Berg halten, denn dieses System erfordert eine große Portion an Selbstdisziplin und Sorgfalt, wenn es darum geht, als Circler einen Beitrag zum medialen Gemeinwohl zu leisten. Logisch, dass man nicht gleich in der Chefetage einsteigen kann. Wo geht das schon? Aber auch das Leben in den Großraumbüros des „Circle“ ist alles andere als stressig und überhaupt nicht mit dem vergleichbar, was ihr früher mal kanntet.

Auf dem riesigen Campus wird für alles gesorgt. Entspannung, Fitness, Ablenkung, Unterhaltung, soziale Events, Einkaufen, Sport, Meditation, medizinische Versorgung, gemütliche Unterkünfte, eine riesige Mensa mit bester Verpflegung und vieles, vieles mehr findet ihr vor. Ihr braucht als Mitarbeiter das Gelände gar nicht mehr zu verlassen. Wozu auch? Unter den abertausenden Kollegen werdet ihr sicher wahre Freunde finden und das interne Netzwerk informiert euch pausenlos über Aktivitäten in und rund um euer neues Leben – also den Job meine ich. Ein Traum, oder?

Das geht natürlich alles nur, wenn man produktiv ist. Und das äußerst zuverlässig. Also zum Beispiel in der Abteilung für „CE“ – Customer Experience… Also sowas, wie der ständige Kundenkontakt zum wirklichen User aller „Circle“-Produkte. Ihr seid das Gesicht des „Circle“ und es ist doch wohl klar, dass der „Circle“ sein Gesicht nicht verlieren möchte… und das auf keinen Fall darf. Dafür ist das hier alles zu wichtig. Und wenn man schon im Inneren des Mega-Kreises arbeitet, dann muss man eben dem Ideal der Firma entsprechen und ein soziales Defizit muss einfach bekämpft werden.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Transparenz, Leidenschaft, Partizipation. Also viel mehr ist es schon nicht, was von euch erwartet wird. Nach ultrakurzer Einarbeitungszeit werdet ihr es locker schaffen, die (bei aller Güte nicht hohen) Erwartungen eurer Teamleiter zu erreichen. Tausende von Kundenanfragen sollten euch jetzt nicht abschrecken, auch das Kundenranking über die Qualität eurer Dienstleistung ist nur ein Anhalt für die Leitung, wie gut ihr auf Draht seid. Naja und parallel dazu müsst ihr natürlich „Teilen und Teilnehmen“. Sonst bräuchte man das vielfältige Angebot für Mitarbeiter doch nicht. Oder? Dafür werden euch auch immer mehr Monitore zur Verfügung gestellt. Spitzenkräfte beherrschen den Umgang mit sechs Screens! Und das ganz locker.

Also rein ins interne und externe Netzwerk und immer schön kommentieren und zeigen, was euch gut gefällt (ein bisschen so wie Facebook damals). Tausende von Interessengruppen informieren euch über alles, was so los ist und ihr müsst nur immer schön lesen und klicken. Mehr ist es doch nicht. Natürlich gibt es ein Rating, das darüber Auskunft gibt, wie „sozial“ ihr so drauf seid, aber das ist echt unproblematisch. Sollte es mal zu Unstimmigkeiten kommen, dann lässt sich dieser „Störfall“ sicherlich leicht klären. Man möchte eben absolut keine Missverständnisse. Ein paar moderierte Korrekturgespräche und schon ist alles im Lot.

Noch nicht überzeugt? Eure Gesundheit steht im Vordergrund der Fürsorge des „Circle“. Ihr werdet erst gar nicht krank, weil ein kleiner Chip ständig über euch Auskunft gibt. Sensationell eigentlich und für Behandlungen müsst ihr das Gelände auch nicht verlassen. Und natürlich ist es auch kein Problem, eure Eltern und Geschwister kostenlos in dieses System der Gesundheitsfürsorge mit einzubeziehen. Ihr könnt echt was für eure Lieben tun. Solange ihr euch an einen kleinen Grundsatz haltet: „Um zu heilen müssen wir wissen. Um zu wissen müssen wir Teilen“ ist das wirklich alles unproblematisch. Verlockend oder? Na – schon angefixt?

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Die 24-jährige Mae Holland jedenfalls hielt dieses tolle Angebot für mehr als unwiderstehlich. Raus aus den angestaubten Büros ihres aktuellen Jobs, raus aus der Langeweile und rein in den „Circle“. Endlich dabeisein, wenn alles auf Zukunft gestellt wird und endlich einen der modernsten Arbeitsplätze der Welt real erleben zu können, und endlich den kranken Vater aus dem maroden Gesundheitssystem zu retten und im Circle versorgen lassen. Ja, all dies waren wichtige Punkte, die sie dazu veranlassten, alles stehen und liegen zu lassen, um „Circler“ zu werden.

Was für eine traumhafte Erfahrung, was für eine unglaubliche Umgebung und was für wahnsinnige Angebote sie auf dem Gelände des Konzerns vorfand. Einfach genial. Und mit den persönlichen Einschränkungen würde sie sich bestimmt arrangieren können. Da war sie sich ziemlich sicher. Das täglich steigende Arbeitspensum empfindet sie als Herausforderung. Die geforderten sozialen Kontakte verinnerlicht sie und mausert sich, belohnt vom Rankingsystem des Konzerns, schnell zur Vorzeigemitarbeiterin. Sie ist auf dem besten Weg, Karriere zu machen.

Warnungen ihres ehemaligen Freundes schlägt sie in den Wind. Zu innovativ und weltverändernd ist all das, was sie nun erlebt. Weltweite Kameras werden vom „Circle“ installiert, um Informationen von jedem Ort des Planeten auch visuell sofort verfügbar zu machen. Politiker machen sich transparent, indem sie sich freiwillig ununterbrochen von tragbaren MiniCams überwachen lassen. Die ganze Welt folgt dem transparenten Takt des „Circle“ und auch die Firma selbst wird transparenter als transparent.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Alles wird geteilt, alles steht jedem zur Verfügung und alles wäre nicht schlimm, wäre Mae Holland nicht auffällig geworden. Ein mehr als seltsamer Mitarbeiter führt sie in Versuchung und sie erliegt dem sexuellen Reiz des Verbotenen. Sie verheimlicht, vertuscht und schämt sich für ihre Verfehlungen. Das kann nicht im Sinne der „Drei Weisen“ sein… Sie halten alles zusammen, sie alle tragen den Geist des „Circle“ in sich und verkörpern jeden Schritt in die Zukunft und sie definieren, was geschieht, wenn ein Circler nicht mehr ins System passt. Ihr möchtet wissen, was aus Mae Holland wurde…? Oh, das darf ich nicht verraten. So transparent ist das alles nun auch nicht. Vielleicht bewerbt ihr euch doch einfach oder lest den Roman von Dave Eggers.Der Circle (Kiepenheuer & Witsch) – eine Dystopie, eine Utopie? Oder doch schon viel realer, als wir es vermuten?

Das visionäre Potenzial von Dave Eggers ist hier absolut beeindruckend. Seine Protagonisten werden zu den Randerscheinungen dieses Systems. Sie sind so platt, wie viele reale Menschen, die sich aktuell in sozialen Netzwerken tummeln und nur noch am Pawlow`schen Reflex zu erkennen sind, wenn es Belohnung gibt. Im Austausch dafür wird der Leser des Romans in die Situation hineingezogen. Ich fühlte mich in die Rolle dessen gedrängt, der in dieser Umgebung agieren und reagieren sollte, der sich zu entwickeln hat und hinterfragen muss. Dystopien verspielen oftmals das größte Potenzial in der wenig plausiblen Ausgangslage. Hier ist Eggers bestechend.

Dave Eggers „Der Circle“ ist ein genialer Denkanstoß und ich lasse mich gerne anstoßen. Besonders, wenn mir einerseits solche Menschen täglich begegnen, die in dieses System passen, und ich persönlich andererseits die Anlagen in mir trage, hierfür empfänglich zu sein. Ein guter Roman ist einer, der mein Denken außerhalb des Buches vorantreibt. Das kann ich dem „Circle“ absolut attestieren. Der Mensch als Teil einer Schafherde innerhalb eines durchdachten Systems mit charismatischen Leadern taucht hier nicht zum ersten Mal in einer Sozial-Utopie auf. Das aktive Denken innerhalb eines verständlichen Erzähraums lässt eine sinnvolle Reflektion des Erlesenen in jeder Beziehung zu. Dies ist kein elitäres Buch. Es ist neben seiner Warnung vor sinnloser Transparenz auch noch allerbeste Unterhaltung.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Ein wundervoller Anachronismus zum Roman ist es übrigens, dass der Verlag es geschafft hat, selbst die kritischsten Leser dieser Dystopie dazu zu verführen, auf einer eigens gestalteten Web-Page individuelle Leseindrücke zu Der Circle via Instagram mit aller Welt zu teilen… Ich war auch dabei… Soviel zum Thema „Utopie“ 😉

Ihr dürft diesen Artikel gerne teilen – Transparent bis zum Transpirieren 😉 😉

Selbst die Veröffentlichung dieses Artikels bleibt Instagram nicht verborgen

Selbst die Veröffentlichung dieses Artikels bleibt Instagram nicht verborgen

Mit Dave Eggers „Bis an die Grenze„… ganz anders, aber ein echter Eggers…

Bis an die Grenze von Dave Eggers