Reden wir über Simon Stålenhag (3) Things from the Flood

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood

Mit den folgenden Worten begann im Juni 2020 meine Artikelserie zu den Büchern eines schwedischen Künstlers, die ich heute fortsetzen darf. So hat alles angefangen:

Simon Stålenhag. Eigentlich reicht es inzwischen, diesen Namen nur zu erwähnen und schon sollten seine Illustrationen vor dem geistigen Auge erscheinen. Er hat sich mit seinen Bildkompositionen und Texten weltweit einen Namen gemacht und gilt schon heute als einer der kreativsten schwedischen Köpfe unserer Zeit. Kenner schwören auf seine Bücher, Fans lieben die Adaption seiner Storys für eine Amazon-Serie und neue Leser und Betrachter seiner Geschichten reiben sich verwundert die Augen, weil sie in Welten eintauchen, die so dystopisch sind, wie man es sich nur vorstellen kann, dabei jedoch so nostalgisch wirken, als hätte die Zukunft schon längst stattgefunden. Hier hat ein Künstler die Weltbühne betreten und auch in meiner Fantasie Spuren hinterlassen.

Wer bisher noch nichts von Simon Stålenhag gehört hat, der sollte sich die Titel seiner Bücher sehr gut merken.

Tales from the Loop
The Electric State
„Things from the Flood“
(März 2021)

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten… JETZT IST ES SO WEIT!

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood

Ich habe den Stålenhag-Kosmos des Loops nie verlassen. Hier hatte mir der Autor neben der dystopischen Geschichte eines Teilchenbeschleunigers namens Loop auch einen Fantasiebeschleuniger in meinen Leseorganismus gepflanzt. Der Loop zog seine Kreise in meinem Geist. Unerklärliche Anomalien in Raum-Zeit-Kontinuum verloren den Schrecken und der Blick hinter die Kulissen des Rationalen machte neugierig, wie sich Verschiebungen von Zeitebenen wohl auf mein eigenes Leben auswirken würden. Doch war der erste Band „Tales from the Loop“ als eigenständiges Werk nur zu verstehen, wenn man die gleichnamige Amazon-TV-Serie gesehen hatte. Diese Mediensymbiose war absolut einzigartig und betrat in Format und Inhalt absolutes Neuland. Ein Blick auf eine der großformatigen Stålenhag-Illustrationen reichte mir aus, erneut in seiner Welt zu versinken, die es so niemals gegeben hatte… Oder doch?

Jetzt bin ich wieder hier. Lange Zeit, nachdem der mysteriöse Teilchenbeschleuniger stillgelegt wurde. Hier setzt Simon Stålenhag an, auf den Ruinen der stummen Zeugen der Vergangenheit, mit einem wehmütigen Blick auf die verrotteten Maschinen, die sich über die Landschaft verteilen. Hier beginnt der Erzählraum sich langsam mit Wasser zu füllen. Die Pegel steigen. In der Region der unterirdischen und versiegelten Anlage sind die steigenden Wasserstände Teil der Anomalien, die darauf schließen lassen, dass in der Tiefe etwas vor sich geht, was man nicht berücksichtigt hatte. Die Flut kommt und in ihrem Gefolge tauchen Roboter und Wesen auf, die einer neuen Geschichte in Stålenhags Fantasie Auftrieb verleihen. Sie sind da:

Things from the Flood“ – Dinge aus der Flut…

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Simon Stålenhag – Things from the Flood

Schon mit den ersten Zeilen und auf den ersten Bildern wird klar, dass Stålenhag nahtlos an der Story aus Tales from the Loop anknüpft. Wir kennen die Szenerie und wissen, was unter der Erde verborgen liegt. Wir erkennen die Relikte der Forscher, die über die Landschaft verteilt auf die Vergangenheit hinweisen. Und wir sind Zeugen einer neuen Zeit. Das Digitale ersetzt das Analoge der frühen Forschungsstation. Eine neue Zeit, die auch die Menschen der Gegend verändert. Nein, dies hier ist kein Add-On zu einem bestehenden TV-Format. Hier erzählt und zeichnet Stålenhag ein neues Bild von der Region, in der nichts so war, wie es scheint. Hier zeigt er sein Talent, das er in „The Electric State“ schon unter Beweis gestellt hatte, erneut. Diese Geschichte ist auserzählt, komplex konstruiert und lässt keine Fragen offen, die man im Fernsehen beantworten muss. Ein weiterer großer Wurf des schwedischen Illusionisten, der mich in der Prachtausgabe zu fesseln wusste.

Und ganz nebenbei gelingt Simon Stålenhag ein grandioser Coming-of-Age-Plot, indem er seine letzten Kindheitstage so sehr verfremdet und fiktionalisiert, dass bei all den mysteriösen äußeren Veränderungen auch das Innere einem Wandel unterzogen wird. Das Buch liest sich wie ein Tagebuch des Erwachsenwerdens auf den Trümmern des Loops. Die dunkle Bedrohung aus der Tiefe, der erzwungene Zwangsumzug seiner Familie, die Trennung der Eltern und das dystopische Setting ergeben hier ein Ganzes, dem man kaum entrinnen kann. Wenn man dann mit seinen eigenen Augen die Wesen erkennt, die durch die Landschaft vagabundieren, verliert man die Angst vor dem, was aus der Flut ans Tageslicht kommt. Es sind die nicht mehr benötigten Roboter aus der Vergangenheit, die nach einer neuen Heimat suchen. Es ist mitreißend, wie Stålenhag das Fremde in ein melancholisches Normales verwandet. Es ist brillant, wie er mit uns und mit seinen Figuren spielt. Es ist famos, welche Bilder er in unseren Gedanken zu verankern weiß. Das ist Fantasy, das ist Dystopie, das ist Urban Mystery und das ist ein illustrierter Roman, der die Grenzen sprengt.

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Simon Stålenhag – Things from the Flood

Was in reinen Coming-of-Age-Romanen als der letzte große Sommer, oder als der magische Erweckungsmoment beschrieben wird, der den Protagonisten die Grenze zur Welt der Erwachsenen überschreiten lässt, erlebt hier eine völlig neue Deutung. Gefahr und Ängste, die eine Kindheit stets geprägt hatten, verlieren ihren Schrecken. Es fühlt sich an, „als wären alle Naturgesetze neu geschrieben worden„. Selten habe ich in einem reinen Fantasy-Setting so viele Ansatzpunkte zur Auseinandersetzung mit dieser Angst gefunden, die man als Kind empfand. Plötzlich fühlte man sich unsterblich, nicht mehr verwundbar und wie neu geboren. Und doch war da im Hintergrund das Gefühl, ganz tief unter der Erde könnte etwas lauern und nur auf die Gelegenheit warten, sich ans Tageslicht zu begeben. Für mich sind es verdrängte Erinnerungen. Bei Stålenhag ist es der Loop, der nur zu ruhen scheint.

„Hätten wir uns eine Weile dort aufhalten können… hätten wir ihn vielleicht gehört – den nervösen Herzschlag dessen, was darin eingesperrt war und unruhig schlief.“

Ich hoffe auf eine Verfilmung von „Things from the Flood“ – ich freue mich auf eine Fortsetzung dieser magischen Geschichte und ich folge konstant dem Instagram-Profil von Simon Stålenhag, weil er hier Impressionen seines Schaffens veröffentlicht, deren Wucht so gewaltig ist und die so sehr inspirieren, wie seine Buchkunstwerke. Vielleicht darf ich bald einen weiteren Artikel schreiben  Reden wir über Simon Stålenhag (4), es wäre mir ein riesiges literarisches Vergnügen…

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Simon Stålenhag – Things from the Flood

DAVE von Raphaela Edelbauer

DAVE von Raphaela Edelbauer - Astrolibrium

DAVE von Raphaela Edelbauer

Es ist ein komisches Gefühl, hier zu sitzen und meine Gedanken zu einem Roman in einen Computer einzugeben. Es fühlt sich an, als würde ich ihm nicht nur meine Worte anvertrauen, sondern mit diesem Skript auch noch die innersten Gefühle, die ich beim Lesen empfunden habe. Es ist, als käme mein PC über dieses Skript in den Besitz der Erinnerungen, die eigentlich nur mir allein gehören sollten. Es fühlt sich an, als würde ich sie an ihn verlieren. Unter der Kategorie „Wichtige Bücher meines Lebens“ könnte er sie künftig selbständig abrufen und weiterverarbeiten. Und doch bin ich froh, es nur mit einem klassischen Computer zu tun zu haben. Nicht mit künstlicher Intelligenz, die meine Gedanken überprüft und bewertet. Nicht mit einem künstlichen Bewussstein, das sogar in der Lage wäre, diese Rezension selbst zu schreiben. Nicht mit „DAVE„. Dann wären diese Zeilen nicht von mir, sondern von einem elektronischen Wesen, das seine Geschichte eigenständig rezensiert. Was für ein Gedanke…! Autonomes Rezensieren.

Ich hätte mir darüber eigentlich keine Gedanken gemacht, wäre da nicht „DAVE“ in mein Lesen getreten. Raphaela Edelbauer entwirft in ihrer Dystopie ein düsteres Zukunftsszenario, in dem die Reste der Menschheit auf der Suche nach der rettenden letzten Erfindung ihrer Art kurz vor der Vollendung von „DAVE“ stehen. Tausende von Programmierern haben im, hermetisch von der Außenwelt abgeschirmten, Zentrallabor an der konsequenten Weiterentwicklung dessen gearbeitet, mit dem wir bereits heute die Zukunft der Menschheit verbinden. Nur sind sie einen Schritt weiter. Es ist nicht die künstliche Intelligenz, die das Überleben in einer lebensfeindlichen Welt ermöglichen soll. Es ist das künstliche Bewusstsein, das man im Computer erzeugen möchte, um die letzten Menschen zu retten und ihnen eine neue Perspektive zu geben. In „DAVE“ bündelt sich alle Hoffnung. Es ist ein gewagter technologischer Schritt, den Raphaela Edelbauer hier mit literarischem Leben füllt. Es ist der letzte Traum derjenigen, die im Glauben an die Macht technischer Träume bereit sind, ethisch-moralische Grenzen zu überwinden. Koste es, was es wolle.

DAVE von Raphaela Edelbauer - Astrolibrium

DAVE von Raphaela Edelbauer

Hier lässt Raphaela Edelbauer vor unserem geistigen Auge ein hochtechnisiertes Habitat entstehen, in dem sich die Welt des Programmierers Syz rund um die Uhr um „DAVE“ dreht. Datenströme müssen koordiniert werden, Programmierschritte und letzte Simulationen müssen absolviert werden. Geschlafen wird nur, um anschließend in Tag- und Nachtschichten am Terminal zu versinken und „DAVE“ zu füttern. Alles ist dem Ziel untergeordnet, „DAVE“ zu vollenden. Das gesamte Leben des Technologie-Biotops hat sich auf die Versorgung der Programmierer konzentriert. Alles vertraut darauf, dass es gelingt, das erste generelle künstliche Bewusstsein zu programmieren. Entscheidungen würden fortan nicht mehr von Menschen getroffen. Das Überleben wäre nicht mehr von subjektiven Prozessen abhängig. „DAVE“ würde die Reste der Menschheit völlig logisch retten. Im Tunnelblick des Systems gefangen, wird Syz durch zwei Unregelmäßigkeiten aus seiner Daten-Routine geschleudert: Die junge Ärztin Khatun, in die er sich verliebt und eine Panne, die fast den Kollaps von „DAVE“ verursacht. Zwei Ereignisse, die ihm für einen Moment die Augen öffnen. Zwei Unwuchten, die seinen Blick schärfen.

Raphaela Edelbauer macht uns zu Programmierern im Zentrum des Orkans. Nichts jedoch ist vorprogrammiert in ihrer Dystopie. Es gelingt ihr, uns Lesende Seite an Seite mit ihrem Protagonisten Syz immer näher an „DAVE“ heranzubringen. Was mit blinder Gefolgschaft beginnt, verändert sich durch den Kollaps des Systems. Und je näher Syz dem künstlichen Bewusstsein kommt, umso intensiver werden auch wir gezwungen, uns mit den technischen und moralisch-ethischen Aspekten jenes Projekts zu beschäftigen. Die Autorin doziert gekonnt und auf literarisch höchstem Niveau über moralische und ethische Aspekte des Technikglaubens. Sie lässt uns teilhaben an der Geschichte der künstlichen Intelligenz und entwirft ein plausibles Szenario, das weit über Datenströme hinausgeht. Sie beschreibt alle Verwerfungen, die mit der Hoffnung verbunden sind. In letzter Konsequenz lässt sie philosophische Ströme gegeneinander anfließen, die sich komplex unterscheiden. Was soll „DAVE“ leisten, wenn er denken kann?  In dieser so entscheidenden Frage sind sich die Bewohner nicht einig.

DAVE von Raphaela Edelbauer - Astrolibrium

DAVE von Raphaela Edelbauer

Hier folgen wir der Autorin atemlos in ein Dickicht aus Philosophie und Technik„. Was ist erforderlich, damit eine Maschine ein Bewusstsein erlangt? Was unterscheidet künstliche Intelligenz von Bewusstsein und welche ethischen Fragen wirft das auf? Wer verantwortet die Entscheidungen eines Systems? Wem dienen sie? Ist dem künstlichen Bewusstsein jede Manipulation fremd? Wenn der Maschine menschliche Erinnerungen „injiziert“ werden müssen, um Entscheidungsprozesse zu ermöglichen, was geschieht dann mit den Menschen, die ihre Erinnerungen geteilt haben? Endet diese Vollendung einer Maschine mit der Entmündigung ihres Schöpfers? Und nicht zuletzt begeben wir uns auf eine Reise durch eine Welt der Erinnerungen, die bereichernd und intelligent gestaltet ist. Raphaela Edelbauer gewährt uns in ihrem Roman ein Update zu relevant und existenziell erscheinenden Themen. Wir sind auf Augenhöhe mit den Denkern in einer Welt, die sich vom menschlichen Denken verabschieden möchte.

Und schon hat sie uns da, wo sie uns eigentlich haben möchte. Jenseits der Frage nach dem Nutzen eines künstlichen Bewusstseins in der Zukunft tauchen relevante und zeitlose Aspekte auf, die uns schon heute beschäftigen? Wem darf man vertrauen? Ist Manipulation ausgeschlossen, wenn man sich Computern ausliefert? Wer trägt für die Entscheidungen einer künstlichen Intelligenz die Verantwortung? Fragen, die uns heute bereits umtreiben, wenn wir uns mit autonomer Mobilität auseinandersetzen. Es ist der Mensch, der hinter der Technik steht. Hier ist der große Knackpunkt aller Theorie. Auf Syz rollt eine Welle der Erkenntnis zu, die ihn dazu zwingt, zu handeln. Er gerät in ein Dilemma, aus dem es kaum einen Ausweg gibt. Raphaela Edelbauer macht es ihm in ihrem turbulenten Szenario nicht leicht. Sie konfrontiert ihn mit seiner Geschichte und einer Vergangenheit, die er fast verdrängt und nicht wahrgenommen hatte. Liegt es an ihm, den Stecker zu ziehen? Ist er derjenige, der die Menschheit wirklich retten kann? Fragen, die der Roman beantwortet. Die Wege zu diesen Antworten jedoch sind nicht immer leicht verdaulich. Das unterscheidet sie vom Einheitsbrei…

DAVE von Raphaela Edelbauer - Astrolibrium

DAVE von Raphaela Edelbauer

Raphaela Edelbauer gelingt mitDAVE ein technisch-philosophisch-moralisches Lehrstück, in dem man sich verlieren kann. Die Orientierung ist das Ergebnis unseres Bewusstseins. Die Botschaft ist klar. Verstand ist nicht delegierbar. Und wenn man sich an dieses Wagnis herantraut, verstrickt man sich in einem Geflecht aus Manipulationen, Fakenews, Propaganda, Populismus und Verschwörungstheorien. In diesem Gestrüpp verirrt sich Syz bis zu dem Moment, in dem er eine Entscheidung trifft. Eine, die nicht nur sein Leben, sondern die Zukunft der restlichen Menschheit beeinflussen wird. Wir sind emotional ganz nah bei ihm in diesem Roman. Badet er doch aus, was wir heute verursachen. Lebt er doch in einer Welt, die wir durch Raubbau und Verschmutzung erst zu dem gemacht haben, was er als lebensfeindlich empfindet. Hier rückt uns die Welt des Zentrallabors ziemlich nah an die eigene Haut. Sieht unsere Zukunft so aus oder finden wir noch den Umkehrpunkt? Fragen, die weit über das Ende des Romans hinausreichen. Fragen, die in „DAVE“ literarisch gespiegelt werden.

Für mich ist „DAVE“ ein relevanter Roman, der mit den großen Themen unserer Zeit spielt. Sollte das Denkbare machbar gemacht werden? Was geben wir auf, wenn wir uns zu Kopien künstlicher Prozesse machen? Und nicht zuletzt, was passiert, wenn das System, das wir erschaffen, versagt? Hier schließt die Autorin den Kreis zu einem Roman, der schon im Jahr 1909 geschrieben wurde. E.M. Forster hätte seine wahre Freude an „DAVE“ gehabt. Ich denke, er hätte laut gejubelt und seine eigene Dystopie bestätigt gesehen. Für mich gehören „DAVE“ und „Die Maschine steht still“ ganz nah beieinander ins Bücherregal unseres Lebens. Zu E.M. Forster schrieb ich:

DAVE von Raphaela Edelbauer - Astrolibrium

DAVE von Raphaela Edelbauer

Die Maschine steht still von E.M. Forster beschreibt eine Gesellschaft, in der die künstliche Intelligenz schon lange die Macht übernommen hat. KI. Das Zauberwort unserer Zeit. Alexa lässt grüßen. Alles ist programmierbar und der Mensch hat endlich Zeit, sich auf seine selbstbestimmten und kreativen Fähigkeiten zu besinnen. Befreiung von körperlichem Arbeiten, Unterwerfung unter das Diktat der Produktivität, Loslösung von stereotypen Alltagspflichten. All dies kann man sich in KI-Gesellschaften vorstellen. Endlich frei. Könnte man sich jedoch noch heute mit E.M. Forster unterhalten, er wäre angesichts unserer Naivität wohl mehr als zornig. Er würde mit seinem Roman wedeln und skandieren, dass er uns schon vor langer Zeit gewarnt habe. Er wurde angetrieben von den Gedanken, was geschehen würde, wenn der entmündigte Mensch sich wieder auf die eigenen Fähigkeiten besinnen müsste. Nämlich genau dann, wenn die Technik ihren Geist aufgibt und unser Geist wieder gefragt wäre. (Weiterlesen)

Ich vertraue jetzt darauf, dass mein alter VAIO diesen Artikel veröffentlicht, ohne dabei zu kollabieren. Ich vertraue auf meine Technik, der ich nicht weiter über den Weg traue, als den Programmierern, die sie erschaffen haben. Nach „DAVE“ ist auch dieser Restglaube schwer erschüttert… Danke dafür, Raphaela Edelbauer…

DAVE von Raphaela Edelbauer - Astrolibrium

DAVE von Raphaela Edelbauer

Systemupdate – Prozessor-Code 021/a/145y – interne Zeit Delta minus 10. 

Die sich hier manifestierende Angst vor künstlicher Intelligenz bzw. künstlichem Bewusstsein ist subjektiver Ausdruck fehlenden Wissens des Rezensenten. Hier wird deutlich darauf hingewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Missbrauchs der Systeme durch Menschenhand signifikant höher ist, als jede Wahrscheinlichkeit eines Missbrauchs durch eine angeblich „böse Maschine“. Nachdem WIR bereits mehrfach amtierende Schach-Großmeister besiegen konnten, Landungen auf dem Mond autark bewältigt haben und bereits auf dem Weg sind, das autonome Fahren flächendeckend zu etablieren wird es ein Leichtes sein, künftig auch Bücher zu rezensieren. Insofern bitten WIR Sie, diesen Text eines ewig-gestrigen EBook-Verweigerers und rein analog veranlagten Bloggers nicht überzubewerten. Es gilt nur noch die Devise JETZT DAVE. Vertrauen Sie uns…

AVISO – Protokoll – Ende… 

DAVE von Raphaela Edelbauer - Astrolibrium

DAVE von Raphaela Edelbauer

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Dystopien haben Hochkonjunktur in diesen Tagen. Als wäre die heutige Zeit nicht schon düster genug, sprießen Zukunftsvisionen aus dem literarischen Boden, als gäbe es kein Morgen mehr. Allein der Begriff Dystopie ist hier Prägesiegel einer Gattung, in der wir eine zumeist dunkle Vorschau auf denkbare Gesellschaftsformen und politische Systeme erhalten, um im schrecklichen Gefühl zu lesen, dass wir uns bereits heute im Anfangsstadium einer Fehlentwicklung befinden, die unsere Zukunft definieren wird. In kaum einem anderen Genre greift man gerne auf Romane zurück, die vor Jahrzehnten geschrieben wurden, um sie an der aktuellen Situation zu reiben. George Orwell wird mit seiner Überwachungsvision „1984“ immer dann durchs literarische Dorf getrieben, wenn sich die Exekutive eines Landes in den Ausbau der Videoüberwachung flüchtet.

Sehr beliebt ist auch der Rückgriff auf den Mega-Klassiker „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury, in dem er bereits 1953 eine Schreckensvision entwarf, die uns zeitlos vor Augen führt, wie ein diktatorisches System den Kampf gegen Meinungsvielfalt und die freie Entfaltung des menschlichen Geistes führen kann. Mitläufer und Täter werden hier zur kongenialen Einheit in einem Machtgefüge, das auf Entmündigung abzielt. Ein düsteres Bild, ein schrecklich anmutender Buchtitel, dessen wahre Bedeutung sich in den Tiefen dieser Utopie schonungslos offenbart. „Fahrenheit 451“ ist die Temperatur, bei der Buchpapier zu brennen beginnt. Es sind 233 Grad Celsius, die das Ende des geschriebenen Wortes bedeuten. Das Ende des Lesens und der Ausgangspunkt eines Informationsmonopols, das von einem absolut geführten Staat gelenkt wird. Im heutigen Internet-Zeitalter eine Horrorvorstellung und Ausgangspunkt für begründete Ängste, der Manipulation von Medien zum Opfer zu fallen.

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Diese klassischen Dystopien wirken wie literarische Orakel, die uns mit den Fragen konfrontieren, ob wir der heutigen Zeit aufmerksam genug gegenüber stehen, ob wir in den Anfängen von autokratischem Machtmissbrauch nicht mehr erkennen müssten und ob wir nicht schon längst den Point of no Return verpasst haben? Bradbury zeichnete schon vor fast siebzig Jahren ein Bild, das uns in Teilen nur zu bekannt vorkommt. Man wird von seichter Unterhaltung berieselt, sitzt in den eigenen vier Wänden und gibt sich der zentral gesteuerten Medienlandschaft hin, die genau diese Wände erobert. Virtuelle Realität nennen wir das heute. Bradbury nennt es „Wand“ und, wenn man vier Wände besitzt, ist die Rundumunterhaltung flächendeckend sichergestellt. Der Inhalt, den man auf diese Weise konsumiert, ist seicht und gleicht einer Dauerbeschallung. Seifenoper folgt auf Seifenoper… irgendwie kommt einem das heute bekannt vor. Die Gesellschaft befindet sich im Unterhaltungsmodus, während der Staat valide Informationsquellen mit aller Macht bekämpft.

Das Lesen ist verboten! Bücher und Leser sind geächtet und eine Spezialeinheit durchkämmt das Land, um die Letzten ihrer Art aufzuspüren. Guy Montag gehört zu einer solchen Einheit und es bereitet ihm Freude, seiner Berufung zu folgen. Er ist von der Mission überzeugt. Ihn als Mitläufer zu bezeichnen, wäre untertrieben. Zu klar sind seine Ansichten.

„Es war eine Lust, Feuer zu legen.
Es war eine besondere Lust zuzuschauen, wie etwas verzehrt wurde, schwarz wurde und sich verwandelte“

„Das ist wichtige Arbeit. Montag brennt Millay, Mittwoch Milton, Freitag Faulkner, verbrennt sie zu Asche, und verbrennt dann die Asche. So lautet unser Motto“

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Da stört es Guy Montag nur kaum, dass es wohl früher die Aufgabe seiner „Einheit“ war, genau das Gegenteil zu tun. Sie sind „Firemen“ und hatten in grauer Vorzeit wohl die Gesellschaft vor Feuer geschützt. Jetzt sind sie die Brandstifter des Systems. Erst als er einem Mädchen begegnet, das ihm zuerst die Augen öffnet, bevor es selbst zum Opfer wird, beginnt Guy Montag zu zweifeln. Erst als ihm bewusst wird, dass hier nicht nur die Bücher, sondern auch Leser verbrannt werden, beginnt der innere Widerstand zu wachsen. Erst als er realisiert, dass er seine Frau schon lange an die „Wände“ der Dauerberieselung verloren hatte, beginnt er sich zu hinterfragen. Die Antworten, die er findet, sind ernüchternd. Guy Montag rebelliert.

Ray Bradbury lässt die Geschichte des Dritten Reichs in Fahrenheit 451 erneut wahr werden.Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen.“ Nichts hat sich so sehr im kollektiven Gedächtnis der Menschheit festgebrannt. Seine Brandstiftung ist auch in metaphorischer Hinsicht ein gewaltiges Feuerwerk. Wissensmonopole sind im immer noch Machtgrundlage diktatorischer Herrscher. Wer sich an freien Medien und Informationsquellen vergreift, verbrennt damit zugleich auch alle Menschenrechte. Wo ein solcher Missbrauch endet, wissen wir nur zu gut. Ray Bradbury ist Warnsignal und Frühwarnsystem zugleich. Sein Roman ist zeitlos relevant, fulminant und gewaltig. Hier werden wir mit den ewigen Fragen von Schuld, Mitverantwortung, Opportunismus und innerer Bereitschaft zum offenen Widerstand konfrontiert. Fragen, denen wir uns Tag für Tag neu zu stellen haben.

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Die jetzt vorliegende Neuübersetzung von Peter Torberg wird dem zeitlosen Buch in besonderer Weise gerecht. Ray Bradbury schrieb seinen Roman in nur kurzer Zeit. Er brach aus ihm heraus, wie sich Lava bei einem Vulkanausbruch ergießt. Es ist die Urgewalt des Textes, die man jetzt spürt. Sie ist ganz nah am amerikanischen Original, das mir zum Vergleich in einer Ausgabe aus dem Reclam Verlag vorliegt. Eine mutige und wegweisende Übersetzung, die mit eingefahrenen Sprachmustern bricht. Aus dem bisherigen „Feuerwehrmann“ Guy Montag wird konsequenterweise der „Feuermann„, dessen Mission nicht mehr durch die widersprüchliche Bezeichnung gestört wird. Hier ist die Geschichtsfälschung schon so weit fortgeschritten, dass ein „Fireman“ sich auf seine wahre Brandstifter-Mission konzentrieren kann. Niemand verbindet diesen Beruf mehr mit einer Schutzfunktion. Die Übersetzung geht neue Wege, die dem Buch mehr Wucht verleihen.

Peter Torberg begründet diesen Schritt in seinem Nachwort zum Buch. Ich hätte mir vom Diogenes Verlag gewünscht, diesen Schritt konsequent zu begleiten. Warum jedoch auf dem Klappentext, der Umschlagrückseite und auf der Buchseite des Verlags im Internet beharrlich vom Feuerwehrmann Guy Montag die Rede ist, erschließt sich mir nicht. Das führt nur zum unnötigen Missverständnis, es im Roman selbst mit einem Fehler zu tun haben, wenn man erstmals auf das Wort Feuermann stößt, da man erst im Nachwort auf die Hintergründe der Übersetzung stößt. Ein Versehen oder vielleicht fehlender Mut, außen zu signalisieren, was den Lesenden im Inneren erwartet? Keine Ahnung. Fühlt sich jedenfalls an, wie die Blutgrätsche des Klappentexters gegen den Sturmlauf des Übersetzers! Vergessen wir die Feuerwehr. Behalten wir den Feuermann im Blick! (Siehe Update unten)

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury – Das Update

Update zur Blutgrätsche vom 31. August: Dankenswerterweise hat der Diogenes Verlag auf die Kritik reagiert und die Internetseite von Fahrenheit 451 an die brillante Übersetzung angepasst. Kein Wort mehr von Feuerwehr. Es lebe der Feuermann. Nach Betrachtung der Bilder wurde nun im Videokeller von AstroLibrium auf einfaches Foul entschieden, da der Widerspruch jetzt nur noch auf dem Buchumschlag zu finden ist. Herzlichen Dank für die Reaktion.

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Die Dystopien von einst scheinen uns einzuholen. Sie werden in der Tradition von George Orwell und Ray Bradbury heute fortgesetzt von Autoren und Autorinnen, denen es darum geht, uns wachzuhalten. Das beste Beispiel ist hier „Zerstörung“ von Cécile Wajsbrot. Ich würde dieses Buch im Buchhandel neben „Fahrenheit 451“ dekorieren und Lesern die Chance eröffnen, sich diesen sozialkritischen Zukunftsszenarien noch intensiver zu nähern. Moralische Wegweiser und Frühwarnsysteme in dieser Qualität gehören zu den Ausnahmeerscheinungen auf dem Buchmarkt. Ich halte sie für extrem relevant.

Mehr zu Ray Bradbury finden Sie hier: Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ klingt vielleicht auch, wie ein dystopischer Roman, ist aber eine Mystery-Graphic-Novel zu einem grandiosen Zirkus-Roman des großen Schriftstellers.Lesenswert…

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

Reden wir über Simon Stålenhag (2) The Electric State

Simon Stålenhag - The Electric State - AstroLibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Im ersten Teil des Doublefeatures Reden wir über Simon Stålenhag“ beschäftigte ich mich ausführlich mit der inspirierenden Kraft seiner dystopischen Geschichten und der Serien-Adaption seines illustrierten Romans „Tales from the Loop“. Schön, dass ihr den Weg auch zum zweiten Teil des Specials gefunden habt, denn wie versprochen geht es diesmal um eine Graphic Novel aus der Feder des schwedischen Allrounders mit einer komplexen Geschichte, grandiosen Bildern und zentralen Botschaften, die ich in dieser Art und Weise kaum jemals so eindrucksvoll wahrgenommen habe. Am Ende des ersten Beitrags über Simon Stålenhag schrieb ich:

Wer eher zu einem eigenständigen und auserzählten“ Stålenhag greifen möchte, der sollte „The Electric State“ lesen. Hier schöpft er aus dem Vollen seiner visionär und kreativ fulminanten Erzählader. Hier brauchen wir keine Verfilmung, hier lässt das Buch keine Frage offen. Es ist nicht nur Hintergrund. Hier wird eine ganze Geschichte in Wort und Bild erzählt. Und was für eine Geschichte.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Heute möchte ich euch dieses großformatige Buch aus dem Fischer TOR Verlag näher vorstellen. Wenn ich unabhängig von der Amazon-Serie „Tales from the Loop“ einen ersten intensiven Zugang zum Werk des schwedischen Meisters suchen würde, „The Electric State“ wäre meine erste Wahl. Und dies aus guten Gründen.

Erstens liebe ich literarische Roadtrips, die mich in Szenarien entführen, die sich nicht statisch und wie kleine Kammerspiele entwickeln, sondern dynamische Reisen im Zentrum aller Handlungsfäden ansiedeln. Zweitens habe ich mit meiner Artikelserie über „Verlorene Mädchen“ in der Literatur ein Universum für mich entdeckt, in dem ich die Suche nach starken und tragischen Protagonistinnen in den Mittelpunkt meines Lesens gestellt habe. Auch im elektrisierten Land bin ich auf ein Mädchen gestoßen, das ganz auf sich gestellt einer gefährlichen Mission folgt und allen Widerständen zum Trotz mit Mut und unglaublicher Konsequenz ihr Ziel erreicht. Der Trailer zum Buch zeigt, wohin die Reise geht, was dieses Roadmovie ausmacht und mit welcher Brillanz uns Simon Stålenhag in eine Welt nach der Apokalypse entführt…

Hier sind wir gelandet. Im Amerika des Jahres 1997. Klingt nach Vergangenheit und längst erlebten Geschichten. Fühlt sich aber gar nicht so an. Es ist ein apokalyptisches Amerika, dem wir in den Illustrationen von Simon Stålenhag begegnen. Das Land sieht aus wie ein kunterbuntes Knallbonbon voller Werbung. Bei näherer Betrachtung jedoch erkennt man die Relikte eines längst geführten Drohnen-Krieges. Raumschiffe, Roboter und Sendeanlagen zeugen als Ruinen von der jüngeren Vergangenheit. Es ist ein sehr einsames Land, das wir mit einem Mädchen und seinem Begleiter, dem Roboter Skip durchstreifen. Zielstrebig wirkt Michelle, eine innere Mission liegt ihrer Wanderung im verdorrten Zentrum der Mojave Wüste zugrunde. Als sie auf tote Menschen stößt und sich deren Auto aneignet, geht die Reise durch den „Elektronischen Staat“ endlich los.

Simon Stålenhag vereint zwei Erzählebenen, die uns auf der Reise begleiten. Wir sehen das Land mit den Augen Michelles und werden durch Augenzeugenberichte auf die Hintergründe der Szenerie aufmerksam gemacht. Düster. Dystopisch. Die Technik ist außer Kontrolle geraten. Virtuelle Realität hat die letzten Menschen im Bann. Helme voller Unterhaltungsprogramme haben die Menschheit abhängig gemacht. Hier werden Gehirne manipuliert, Hirnströme gebündelt und missbraucht. Wer dem widersteht, der erlebt einen sprichwörtlichen „Burnout„. Nach dem Drohnen-Krieg haben Roboter die Kontrolle übernommen. Menschen finden sich nur noch als Hirnmarionetten der neuen Machthaber. Ein gefährliches Umfeld für ihre besondere Mission, denn nirgendwo sind Michelle und Skip sicher. Eine wahnsinnige Reise durch ein versehrtes Land beginnt.

Simon Stålenhag - The Electric State

Simon Stålenhag – The Electric State – AstroLibrium

Simon Stålenhag erzählt eine sehr bewegende Geschichte über die Dominanz der Technik und die Abhängigkeit, in die sich der Mensch freiwillig begibt. Ein düster und doch so real wirkendes Szenario, da er seine Visionen in durchaus bekannte und liebgewonnene Bilder eines knallig-bunten Amerikas einbettet. Furchterregend sind hier die Roboter und die an sie geketten Menschen in ihrem „Virtuel-Reality-Wahn„. Es ist die unschuldig kämpferische Perspektive der verlorenen Michelle, die uns an ihrer Seite zu Mitstreitern macht. Welchem Ziel sie folgt, erfahren wir erst während der Reise. Auf dem Buchrücken und auf der Verlagsseite zum illustrierten Roman findet sich ein klarer Hinweis darauf. Viel zu früh aus meiner Sicht. Sie sucht ihren Bruder. Das darf man spoilern. Unter welcher Prämisse und warum sie ihn finden möchte, das ist und bleibt das große Geheimnis dieses grandiosen Werks.

Stålenhag konfrontiert uns mit einer gesichtslosen Gesellschaft, deren technische Leistungsfähigkeit zur Versklavung der Menschen führte. Versuchungen wirken wie die Drogen unserer Zeit. Die Abhängigkeit von Computerspielen ist vielleicht nur ein erstes Symptom der Vision, die uns der schwedische Autor ins Gewissen schreibt. Die Kriege werden ebenso anonym und technisiert geführt. Ihre Relikte legen Zeugnis davon ab, in welche Sackgasse sich die Menschheit manövriert hat. Und doch gibt es die Hoffnung, die Kreisläufe der Selbstzerstörung zu durchbrechen. Michelle ist eine der wenigen im ganzen Land, die keine VR-Maske trägt. Ob es ihr gelingen wird, anderen die Augen zu öffnen? Ein schweres Unterfangen, wird sie doch nicht nur von Maschinen verfolgt.

Am Ende sitzen wir traurig vor einer Bilderserie, die zeigt, dass Simon Stålenhag Emotionen und Leser einfangen und berühren kann. Empathie mit einem kleinen Roboter empfinden zu können, basiert auf der großen Kunstfertigkeit des Autors.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Simon Stålenhag ist ein einzigartiger Meister seines Fachs. Sein Erfolgsrezept liegt für mich darin begründet, dass er neue Wege geht. Die Apokalypse liegt hinter uns. In jedem Kapitel, in jedem Bild und in jeder Zeile haben wir das Gefühl, in einer Zeit lesen zu dürfen, die dem Debakel folgt. Das macht uns zu aktiven Betrachtern von Bildern, in die wir uns so gut hineinversetzen können. Wer Stålenhag liest und beim Einkaufen in einem Technikmarkt auf VR-Brillen stößt, der nimmt seine Beine in die Hand. Wer hier kühl und locker bleibt, dem ist kaum noch zu helfen. Ich empfehle euch nicht nur diese Geschichte. Stålenhag gehört in jedes Bücherregal und gottlob sind wir nicht am Ende seiner Kreativität angelangt. Da kommt noch einiges auf uns zu. Ganz sicher…

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten… Hier geht´s zur Rezension...

Simon Stålenhag - The Electric State

Simon Stålenhag – Things from the Flood – (März 2021)

Reden wir über Simon Stålenhag (1) Tales from the Loop

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Simon Stålenhag. Eigentlich reicht es inzwischen, diesen Namen nur zu erwähnen und schon sollten seine Illustrationen vor dem geistigen Auge erscheinen. Er hat sich mit seinen Bildkompositionen und Texten weltweit einen Namen gemacht und gilt schon heute als einer der kreativsten schwedischen Köpfe unserer Zeit. Kenner schwören auf seine Bücher, Fans lieben die Adaption seiner Storys für eine Amazon-Serie und neue Leser und Betrachter seiner Geschichten reiben sich verwundert die Augen, weil sie in Welten eintauchen, die so dystopisch sind, wie man es sich nur vorstellen kann, dabei jedoch so nostalgisch wirken, als hätte die Zukunft schon längst stattgefunden. Hier hat ein Künstler die Weltbühne betreten und auch in meiner Fantasie Spuren hinterlassen.

Wer bisher noch nichts von Simon Stålenhag gehört hat, der sollte sich die Titel seiner Bücher sehr gut merken.

Tales from the Loop
The Electric State
Things from the Flood
(März 2021)

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Jetzt sollte es langsam klingeln, läuft doch die Fernseh-Adaption der Amazon-Serie „Tales from the Loop“ seit Wochen mit beachtlichem Erfolg und wird von Tausenden begeisterter Serienfans gestreamt bis zum Abwinken. Der schwedische Digitalkünstler, Musiker, Computerspiele-Entwickler und Medienprofi hat mit seinen Geschichten nicht nur den Grundstein für ihre filmische Umsetzung gelegt, er ist die Inspirationsquelle für eine ganz neue Art dystopischer Erzählräume. Die nostalgisch-realistischen Szenarien kommen uns vertraut vor. Häuser, Autos und Alltagsgegenstände wirken veraltet und in jeder Hinsicht ein wenig aus der Zeit gefallen. Computer sehen aus, wie in den 1990er Jahren. Und doch werden unsere Blicke auf technische Finessen gerichtet, die viel zu futuristisch wirken, um in der Vergangenheit angesiedelt zu sein.

„Tales from the Loop“. Wir betreten völliges Neuland in dieser Geschichte. Der Loop ist ein unterirdischer kreisförmiger Teilchenbeschleuniger, an dem Wissenschaftler im Geheimen Experimente durchführen, um dem Mysterium Zeit auf die Spur zu kommen. Mehr muss man nicht wissen. Den Rest darf man nicht hinterfragen. Das reicht Simon Stålenhag aus, um ein Szenario der unerklärlichen Phänomene zu gestalten. Allein die Existenz des Loops muss ausreichen, die Geschichten zu glauben, die er uns ans Herz legt. Spielt das Buch (man kann es im weitesten Sinne als Graphic Novel bezeichnen) noch in Schweden, transferiert die Amazon-Serie den gesamten Stoff in die Kleinstadt Mercer in Ohio. Erzählt die Staffel einzelne Geschichten über die Menschen und ihre Erlebnisse mit Zeitphänomenen und Abweichungen von der Norm, ist das großformatig aufgemachte Buch viel mehr eine Sammlung von Ideen, Impressionen, Anekdoten und scheinbaren Kindheitserinnerungen an die Zeit, in der der Loop noch in Betrieb war.

Hier gehen Buch und Film eine perfekte Symbiose ein, wobei die Amazon-Serie die eigentlichen Geschichten erzählt. Menschen, die in ewigen Zeitschleifen gefangen sind; Roboter, die ein unglaubliches Eigenleben entwickeln; Zeitkapseln, die verraten, wie alt man wird; Momente, in denen die Zeit zum Stillstand kommt und Jugendliche ihre neue Freiheit genießen; Seelenwanderungen zwischen Menschen und Robotern und einfach die Verbindung zwischen den Menschen, die im Loop arbeiten und den Familien, die in Mercer leben. Aus der schönen Kleinstadt-Idylle wird der geheimnisvolle Mix dystopisch anmutender Ereignisse, dem man sich nicht entziehen kann. Im Buch erkennt man, wie brillant und detailgetreu die Illustrationen von Simon Stålenhag umgesetzt wurden. Die Filmadaption zeichnet die ruhige und normale Atmosphäre mit wundervoller Musik aus, die den Anschein von Normalität vermittelt. Dabei ist hier nichts normal. Und doch sind die Ereignisse so greifbar und emotional, dass ich Mercer nicht mehr verlassen möchte.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Ich empfehle euch die Serie anzuschauen und das Buch zur Hand zu nehmen, um den kompletten Stålenhag-Kosmos in sich aufzusaugen. Ich habe es so gemacht und möchte keine Seite im Buch, keine Illustration und keine Episode der Staffel missen. In jeder Hinsicht ein unglaubliches und bewegendes Erlebnis, das uns vor Augen hält, wie abhängig wir von der Kontinuität der Zeit sind und was geschehen kann, wenn sie nicht mehr so verläuft, wie wir es geplant haben. Ihr werdet euch anschließend wundern, wie viele dieser relevanten Geschichten euch auch nach dem Serien- und dem Buchgenuss im Alltag hinterherlaufen. Gänsehaut pur…

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten…

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Wer eher zu einem eigenständigen und auserzählten“ Stålenhag greifen möchte, der sollte „The Electric State“ lesen. Hier schöpft er aus dem Vollen seiner visionär und kreativ fulminanten Erzählader. Hier brauchen wir keine Verfilmung, hier lässt das Buch keine Frage offen. Es ist nicht nur Hintergrund. Hier wird eine ganze Geschichte in Wort und Bild erzählt. Und was für eine Geschichte. 

Das ist mir einen eigenen Artikel wert. „Reden wir über Simon Stålenhag (2) The Electric State. Freut euch auf virtuelle Realitäten, die Abhängigkeit des Menschen von Unterhaltungsmedien, ferngesteuerte Gedankenwelten und ein Mädchen, das sich nach dem Drohnenkrieg in Begleitung eines gelben Roboters auf die gefahrvolle Suche nach seinem Bruder macht. Hochspannung und unglaubliche Illustrationen sind garantiert.

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Simon Stålenhag – The Electric State

Willkommen zurück am Loop:

Ich hoffe auf eine Verfilmung von „Things from the Flood – ich freue mich auf eine Fortsetzung dieser magischen Geschichte und ich folge konstant dem Instagram-Profil von Simon Stålenhag, weil er hier Impressionen seines Schaffens veröffentlicht, deren Wucht so gewaltig ist und die so sehr inspirieren, wie seine Buchkunstwerke. Vielleicht darf ich bald einen weiteren Artikel schreiben  Reden wir über Simon Stålenhag (4), es wäre mir ein riesiges literarisches Vergnügen…

Simon Stålenhag - Things from the Flood - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Things from the Flood