Reden wir über Simon Stålenhag (2) The Electric State

Simon Stålenhag - The Electric State - AstroLibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Im ersten Teil des Doublefeatures Reden wir über Simon Stålenhag“ beschäftigte ich mich ausführlich mit der inspirierenden Kraft seiner dystopischen Geschichten und der Serien-Adaption seines illustrierten Romans „Tales from the Loop“. Schön, dass ihr den Weg auch zum zweiten Teil des Specials gefunden habt, denn wie versprochen geht es diesmal um eine Graphic Novel aus der Feder des schwedischen Allrounders mit einer komplexen Geschichte, grandiosen Bildern und zentralen Botschaften, die ich in dieser Art und Weise kaum jemals so eindrucksvoll wahrgenommen habe. Am Ende des ersten Beitrags über Simon Stålenhag schrieb ich:

Wer eher zu einem eigenständigen und auserzählten“ Stålenhag greifen möchte, der sollte „The Electric State“ lesen. Hier schöpft er aus dem Vollen seiner visionär und kreativ fulminanten Erzählader. Hier brauchen wir keine Verfilmung, hier lässt das Buch keine Frage offen. Es ist nicht nur Hintergrund. Hier wird eine ganze Geschichte in Wort und Bild erzählt. Und was für eine Geschichte.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Heute möchte ich euch dieses großformatige Buch aus dem Fischer TOR Verlag näher vorstellen. Wenn ich unabhängig von der Amazon-Serie „Tales from the Loop“ einen ersten intensiven Zugang zum Werk des schwedischen Meisters suchen würde, „The Electric State“ wäre meine erste Wahl. Und dies aus guten Gründen.

Erstens liebe ich literarische Roadtrips, die mich in Szenarien entführen, die sich nicht statisch und wie kleine Kammerspiele entwickeln, sondern dynamische Reisen im Zentrum aller Handlungsfäden ansiedeln. Zweitens habe ich mit meiner Artikelserie über „Verlorene Mädchen“ in der Literatur ein Universum für mich entdeckt, in dem ich die Suche nach starken und tragischen Protagonistinnen in den Mittelpunkt meines Lesens gestellt habe. Auch im elektrisierten Land bin ich auf ein Mädchen gestoßen, das ganz auf sich gestellt einer gefährlichen Mission folgt und allen Widerständen zum Trotz mit Mut und unglaublicher Konsequenz ihr Ziel erreicht. Der Trailer zum Buch zeigt, wohin die Reise geht, was dieses Roadmovie ausmacht und mit welcher Brillanz uns Simon Stålenhag in eine Welt nach der Apokalypse entführt…

Hier sind wir gelandet. Im Amerika des Jahres 1997. Klingt nach Vergangenheit und längst erlebten Geschichten. Fühlt sich aber gar nicht so an. Es ist ein apokalyptisches Amerika, dem wir in den Illustrationen von Simon Stålenhag begegnen. Das Land sieht aus wie ein kunterbuntes Knallbonbon voller Werbung. Bei näherer Betrachtung jedoch erkennt man die Relikte eines längst geführten Drohnen-Krieges. Raumschiffe, Roboter und Sendeanlagen zeugen als Ruinen von der jüngeren Vergangenheit. Es ist ein sehr einsames Land, das wir mit einem Mädchen und seinem Begleiter, dem Roboter Skip durchstreifen. Zielstrebig wirkt Michelle, eine innere Mission liegt ihrer Wanderung im verdorrten Zentrum der Mojave Wüste zugrunde. Als sie auf tote Menschen stößt und sich deren Auto aneignet, geht die Reise durch den „Elektronischen Staat“ endlich los.

Simon Stålenhag vereint zwei Erzählebenen, die uns auf der Reise begleiten. Wir sehen das Land mit den Augen Michelles und werden durch Augenzeugenberichte auf die Hintergründe der Szenerie aufmerksam gemacht. Düster. Dystopisch. Die Technik ist außer Kontrolle geraten. Virtuelle Realität hat die letzten Menschen im Bann. Helme voller Unterhaltungsprogramme haben die Menschheit abhängig gemacht. Hier werden Gehirne manipuliert, Hirnströme gebündelt und missbraucht. Wer dem widersteht, der erlebt einen sprichwörtlichen „Burnout„. Nach dem Drohnen-Krieg haben Roboter die Kontrolle übernommen. Menschen finden sich nur noch als Hirnmarionetten der neuen Machthaber. Ein gefährliches Umfeld für ihre besondere Mission, denn nirgendwo sind Michelle und Skip sicher. Eine wahnsinnige Reise durch ein versehrtes Land beginnt.

Simon Stålenhag - The Electric State

Simon Stålenhag – The Electric State – AstroLibrium

Simon Stålenhag erzählt eine sehr bewegende Geschichte über die Dominanz der Technik und die Abhängigkeit, in die sich der Mensch freiwillig begibt. Ein düster und doch so real wirkendes Szenario, da er seine Visionen in durchaus bekannte und liebgewonnene Bilder eines knallig-bunten Amerikas einbettet. Furchterregend sind hier die Roboter und die an sie geketten Menschen in ihrem „Virtuel-Reality-Wahn„. Es ist die unschuldig kämpferische Perspektive der verlorenen Michelle, die uns an ihrer Seite zu Mitstreitern macht. Welchem Ziel sie folgt, erfahren wir erst während der Reise. Auf dem Buchrücken und auf der Verlagsseite zum illustrierten Roman findet sich ein klarer Hinweis darauf. Viel zu früh aus meiner Sicht. Sie sucht ihren Bruder. Das darf man spoilern. Unter welcher Prämisse und warum sie ihn finden möchte, das ist und bleibt das große Geheimnis dieses grandiosen Werks.

Stålenhag konfrontiert uns mit einer gesichtslosen Gesellschaft, deren technische Leistungsfähigkeit zur Versklavung der Menschen führte. Versuchungen wirken wie die Drogen unserer Zeit. Die Abhängigkeit von Computerspielen ist vielleicht nur ein erstes Symptom der Vision, die uns der schwedische Autor ins Gewissen schreibt. Die Kriege werden ebenso anonym und technisiert geführt. Ihre Relikte legen Zeugnis davon ab, in welche Sackgasse sich die Menschheit manövriert hat. Und doch gibt es die Hoffnung, die Kreisläufe der Selbstzerstörung zu durchbrechen. Michelle ist eine der wenigen im ganzen Land, die keine VR-Maske trägt. Ob es ihr gelingen wird, anderen die Augen zu öffnen? Ein schweres Unterfangen, wird sie doch nicht nur von Maschinen verfolgt.

Am Ende sitzen wir traurig vor einer Bilderserie, die zeigt, dass Simon Stålenhag Emotionen und Leser einfangen und berühren kann. Empathie mit einem kleinen Roboter empfinden zu können, basiert auf der großen Kunstfertigkeit des Autors.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Simon Stålenhag ist ein einzigartiger Meister seines Fachs. Sein Erfolgsrezept liegt für mich darin begründet, dass er neue Wege geht. Die Apokalypse liegt hinter uns. In jedem Kapitel, in jedem Bild und in jeder Zeile haben wir das Gefühl, in einer Zeit lesen zu dürfen, die dem Debakel folgt. Das macht uns zu aktiven Betrachtern von Bildern, in die wir uns so gut hineinversetzen können. Wer Stålenhag liest und beim Einkaufen in einem Technikmarkt auf VR-Brillen stößt, der nimmt seine Beine in die Hand. Wer hier kühl und locker bleibt, dem ist kaum noch zu helfen. Ich empfehle euch nicht nur diese Geschichte. Stålenhag gehört in jedes Bücherregal und gottlob sind wir nicht am Ende seiner Kreativität angelangt. Da kommt noch einiges auf uns zu. Ganz sicher…

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten…

Simon Stålenhag - The Electric State

Simon Stålenhag – Things from the Flood – (März 2021)

Reden wir über Simon Stålenhag (1) Tales from the Loop

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Simon Stålenhag. Eigentlich reicht es inzwischen, diesen Namen nur zu erwähnen und schon sollten seine Illustrationen vor dem geistigen Auge erscheinen. Er hat sich mit seinen Bildkompositionen und Texten weltweit einen Namen gemacht und gilt schon heute als einer der kreativsten schwedischen Köpfe unserer Zeit. Kenner schwören auf seine Bücher, Fans lieben die Adaption seiner Storys für eine Amazon-Serie und neue Leser und Betrachter seiner Geschichten reiben sich verwundert die Augen, weil sie in Welten eintauchen, die so dystopisch sind, wie man es sich nur vorstellen kann, dabei jedoch so nostalgisch wirken, als hätte die Zukunft schon längst stattgefunden. Hier hat ein Künstler die Weltbühne betreten und auch in meiner Fantasie Spuren hinterlassen.

Wer bisher noch nichts von Simon Stålenhag gehört hat, der sollte sich die Titel seiner Bücher sehr gut merken.

Tales from the Loop
The Electric State
„Things from the Flood“
(März 2021)

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Jetzt sollte es langsam klingeln, läuft doch die Fernseh-Adaption der Amazon-Serie „Tales from the Loop“ seit Wochen mit beachtlichem Erfolg und wird von Tausenden begeisterter Serienfans gestreamt bis zum Abwinken. Der schwedische Digitalkünstler, Musiker, Computerspiele-Entwickler und Medienprofi hat mit seinen Geschichten nicht nur den Grundstein für ihre filmische Umsetzung gelegt, er ist die Inspirationsquelle für eine ganz neue Art dystopischer Erzählräume. Die nostalgisch-realistischen Szenarien kommen uns vertraut vor. Häuser, Autos und Alltagsgegenstände wirken veraltet und in jeder Hinsicht ein wenig aus der Zeit gefallen. Computer sehen aus, wie in den 1990er Jahren. Und doch werden unsere Blicke auf technische Finessen gerichtet, die viel zu futuristisch wirken, um in der Vergangenheit angesiedelt zu sein.

„Tales from the Loop“. Wir betreten völliges Neuland in dieser Geschichte. Der Loop ist ein unterirdischer kreisförmiger Teilchenbeschleuniger, an dem Wissenschaftler im Geheimen Experimente durchführen, um dem Mysterium Zeit auf die Spur zu kommen. Mehr muss man nicht wissen. Den Rest darf man nicht hinterfragen. Das reicht Simon Stålenhag aus, um ein Szenario der unerklärlichen Phänomene zu gestalten. Allein die Existenz des Loops muss ausreichen, die Geschichten zu glauben, die er uns ans Herz legt. Spielt das Buch (man kann es im weitesten Sinne als Graphic Novel bezeichnen) noch in Schweden, transferiert die Amazon-Serie den gesamten Stoff in die Kleinstadt Mercer in Ohio. Erzählt die Staffel einzelne Geschichten über die Menschen und ihre Erlebnisse mit Zeitphänomenen und Abweichungen von der Norm, ist das großformatig aufgemachte Buch viel mehr eine Sammlung von Ideen, Impressionen, Anekdoten und scheinbaren Kindheitserinnerungen an die Zeit, in der der Loop noch in Betrieb war.

Hier gehen Buch und Film eine perfekte Symbiose ein, wobei die Amazon-Serie die eigentlichen Geschichten erzählt. Menschen, die in ewigen Zeitschleifen gefangen sind; Roboter, die ein unglaubliches Eigenleben entwickeln; Zeitkapseln, die verraten, wie alt man wird; Momente, in denen die Zeit zum Stillstand kommt und Jugendliche ihre neue Freiheit genießen; Seelenwanderungen zwischen Menschen und Robotern und einfach die Verbindung zwischen den Menschen, die im Loop arbeiten und den Familien, die in Mercer leben. Aus der schönen Kleinstadt-Idylle wird der geheimnisvolle Mix dystopisch anmutender Ereignisse, dem man sich nicht entziehen kann. Im Buch erkennt man, wie brillant und detailgetreu die Illustrationen von Simon Stålenhag umgesetzt wurden. Die Filmadaption zeichnet die ruhige und normale Atmosphäre mit wundervoller Musik aus, die den Anschein von Normalität vermittelt. Dabei ist hier nichts normal. Und doch sind die Ereignisse so greifbar und emotional, dass ich Mercer nicht mehr verlassen möchte.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Ich empfehle euch die Serie anzuschauen und das Buch zur Hand zu nehmen, um den kompletten Stålenhag-Kosmos in sich aufzusaugen. Ich habe es so gemacht und möchte keine Seite im Buch, keine Illustration und keine Episode der Staffel missen. In jeder Hinsicht ein unglaubliches und bewegendes Erlebnis, das uns vor Augen hält, wie abhängig wir von der Kontinuität der Zeit sind und was geschehen kann, wenn sie nicht mehr so verläuft, wie wir es geplant haben. Ihr werdet euch anschließend wundern, wie viele dieser relevanten Geschichten euch auch nach dem Serien- und dem Buchgenuss im Alltag hinterherlaufen. Gänsehaut pur…  

Things from the Flooderscheint im März 2021 bei Fischer TOR und spielt in einer Zeit, in der die Wissenschaft den Loop aus den Augen verloren hat. Digitalisierung und technischer Wandel schreiten in den 1990er Jahren voran. Der zweite Teil des „Loop-Universums“ könnte auch der Beginn einer Fortsetzung der Serie sein. Ich bin schon sehr gespannt und werde berichten…

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – Tales from the Loop

Wer eher zu einem eigenständigen und auserzählten“ Stålenhag greifen möchte, der sollte „The Electric State“ lesen. Hier schöpft er aus dem Vollen seiner visionär und kreativ fulminanten Erzählader. Hier brauchen wir keine Verfilmung, hier lässt das Buch keine Frage offen. Es ist nicht nur Hintergrund. Hier wird eine ganze Geschichte in Wort und Bild erzählt. Und was für eine Geschichte. 

Das ist mir einen eigenen Artikel wert. „Reden wir über Simon Stålenhag (2) The Electric State. Freut euch auf virtuelle Realitäten, die Abhängigkeit des Menschen von Unterhaltungsmedien, ferngesteuerte Gedankenwelten und ein Mädchen, das sich nach dem Drohnenkrieg in Begleitung eines gelben Roboters auf die gefahrvolle Suche nach seinem Bruder macht. Hochspannung und unglaubliche Illustrationen sind garantiert.

Simon Stålenhag - Tales from the Loop - Astrolibrium

Simon Stålenhag – The Electric State

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Werfen wir heute einen aufmerksamen Blick auf unser Land, dann fragt man sich, ob unsere Gesellschaft mit ihrem Wertevorrat langsam zersetzt wird. Man stellt sich die Frage, wie Deutschland aussehen würde, wenn Menschen an die Macht kämen, deren Ansichten nichts mit unserem demokratischen Grundverständnis zu tun haben. Es wird zum Horrorszenario weltoffener Menschen, akzeptieren zu müssen, dass eine Haltung um sich greift, die an die braune Ideologie der Nazis von einst erinnert. Beschneidung von Kultur, Ausgrenzung von Minderheiten, Einschränkung der Pressefreiheit und eine Abkehr von der historisch verankerten Verantwortungskultur gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus gelten schon jetzt als erklärte Ziele einer Partei, die sich als einzige Alternative für unser Land präsentiert und Menschen im Schleppnetz fängt.

Was, wenn sie an die Macht kämen? Was, wenn wir den Moment verpassen würden, noch aktiver gegen das Alternativlose in ihren Ansichten vorzugehen? Was, wenn wir in einigen Jahren mit verwunderten Augen auf ein Land blicken, das auf der Strecke der Geschichte den Rückwärtsgang eingelegt hat? Was, wenn wir unterschätzen, welches Ausmaß von Zerstörung schon heute an den Grundfesten unserer Demokratie rüttelt? Es ist extrem bitter zu erkennen, dass meine Ängste die Hoffnungen einer großen Zahl von Menschen sind. Menschen, die in meinem Umfeld leben und auf den Punkt warten, an dem wir alle nicht wachsam genug sind. Was ist, wenn man einen Roman liest, dem ein solches Szenario zugrunde liegt? Ein Roman, der aus der nahen Zukunft zu seinen Lesern spricht. Aus einer Zeit nach der Zerstörung der Demokratie. Einer Zeit, in der der Machtwechsel vollzogen ist, man auf den Trümmern der Vergangenheit die Diktatur errichtet hat, die sich so deutlich abgezeichnet hat? Dann muss man einfach lesen.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Cécile Wajsbrot ist es gelungen, mit Zerstörung eine Dystopie zu verfassen, die in der Konstruktion eine zeitlose Relevanz erlangt. Das gelingt durch ein Höchstmaß an Anonymität in den Rahmenbedingungen ihrer Geschichte. Konkret wird sie nur selten und genau das lässt uns den Spielraum, den wir benötigen, um das Horrorszenario auf unsere Gesellschaft zu übertragen. Konkret ist Paris als Schauplatz. Das war es schon. Was sich genau zugetragen hat, wie es sich entwickelte und wann es wirklich begann, ist nicht erkennbar. Fest steht, dass sich Frankreich in einer Diktatur befindet. Konkret zu erkennen sind die Einschränkungen, die der Bevölkerung auferlegt sind und aus all diesen Fakten lässt sich ein erstes Mosaik einer Ideologie ableiten, die das Leben der Menschen in klare Bahnen lenkt.

Und diese Einschränkungen machen das Leben der anonymen Protagonistin zur Qual. Sie, die ihr ganzes Leben dem Lesen und Schreiben gewidmet hatte, findet sich in einem politischen System wieder, das ihr den Lebensraum raubt. Nichts ist mehr so, wie vor der Machtergreifung der (ebenso anonymen) Diktatoren. Jede Einschränkung ist ein Schlag in ihre intellektuelle Magengrube.

* Bücher werden konfisziert,
* das Schreiben wird verboten,
* die Kultur erfährt einen inhaltlichen Bildersturm,
* seichte Unterhaltung wird zum Programm, echte Inhalte verschwinden,
* die Grenzen sind geschlossen,
* Pflicht-Apps machen soziale Medien zum überwachten Raum,
* die freie Meinungsäußerung ist abgeschafft,
* die Vergangenheit hat ausgedient,
* alles, was älter ist, als 10 Jahre ist zu vernichten
* dazu gehören Familienfotos, Briefe und persönliche Aufzeichnungen
* nur noch die Zukunft zählt,
* das Gedenken an die Opfer von einst wird abgeschafft,
* es gibt nur noch Sieger und Verlierer im System,
* die persönliche Vergangenheit jedes Einzelnen wird gelöscht,
* das Denken wird zerstört…

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

All ihrer Waffen beraubt, versucht sich die Liebhaberin der geschriebenen Worte an die Anfänge zu erinnern. Sie sieht die Zeit vor sich, in der die Dialoge in den sozialen Medien zusehends hasserfüllter wurden, in der Fakenews die Welt eroberten und sich Parolen Raum verschafften, mit denen den ewig Gestrigen der Kampf angesagt wurde, und von der Chance derer die Rede war, die bis jetzt keine Zukunft hatten. Sukzessive breitete sich das neue Denken aus. Der Freundeskreis schrumpfte, Kommunikation in jeder Form wurde zum Wagnis und die Menschen um sie herum waren zufrieden, weil die Zeit so unterhaltsam war. Theater dienten nur noch dem Seichten, im TV sah man nur noch die Berieselung fürs Volk und die Restaurants waren gut gefüllt. Erst als man am eigenen Leib spürte, was es bedeutet, der eigenen Vergangenheit zu entsagen, ist die Stimmung in eine allmächtige Tristesse gekippt. Was dagegen tun? Wie agieren?

Hier kommt ihre Stimme ins Spiel. Wenn die „Weiße Rose“ keine Flugblätter gehabt hätte, wie hätte der Widerstand ausgesehen? Was kann man tun, wenn man sich nicht mehr mit geschriebenen Worten wehren kann? Wen erreicht man? Hier kommt ihr eine Aufforderung einer Gruppe anonymer Widerständler als greifbare Alternative vor. Man muss sich mit der Stimme wehren. Sie sei ausgewählt. Einen Sound Blog sollte sie mit ihren Erlebnissen füllen. Geheime Aufnahmen, die ausgestrahlt würden. Gegengewicht zur Zensur des geschriebenen Wortes. Verbindlich, konkret, die Zusammenhänge und Konsequenzen beschreibend. Und so beginnt sie schließlich zu sprechen. So bekommt sie das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie fühlt sich einem Netzwerk zugehörig und denkt, auf diese Art und Weise, ihren Beitrag zur Befreiung des Landes leisten zu können.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Diese Dystopie ist wie ein Manga-Comic. Die Gesichter sind nur konturiert, lassen in jeder Hinsicht jedoch den Freiraum, das Szenario mit der selbst empfundenen Realität zu füllen. Man erfährt nichts über die Ideologie der Diktatur, der Widerstand bleibt fast unsichtbar. Die Umgebung verschwimmt in der Anonymität und so bleibt eine Dystopie, die ihre Leser mit jedem Satz in die eigene Welt katapultiert. Hier ist kein Platz, um zu behaupten, das sei an den Haaren herbeigezogen, leben wir doch heute in einer Welt der Symptome, die Cécile Wajsbrot in der Phase vor der Zerstörung beschreibt. Hier geht es um die Angst jedes Einzelnen, das Momentum zu verpassen, in dem man noch etwas hätte verhindern können. Das ist ein großer französischer Roman, der unter dem Eindruck der Gelbwesten-Bewegung entstand, und die Französische Revolution in ihrer radikalen Form einer Volkserhebung tief verinnerlicht hat. Paris mit der eigenen Stimme zu befreien, was für eine Idee. Was für eine Motivation.

Dieser Roman steht für begeistertes und erschrockens Lesen. In der Anonymität der Rahmenbedingungen liegt seine Stärke. Niemand wird dieses Buch lesen und dann einer Diskussion auf Facebook zu Umweltthemen, Rechtsradikalismus, der Leugnung des Holocaust oder Corona-Disputen folgen, ohne an Cécile Wajsbrot zu denken. Im Hier und Jetzt fühlen wir die zerstörerischen Tendenzen ihres Romans. Wir werden im tiefsten Inneren an den Wurzeln unserer Wertvorstellungen gepackt. Wir schauen uns unsere kleine Welt an und hinterfragen, was sie ohne Erinnerung wert wäre. Was sie uns noch bedeuten würde, wenn alles, was älter als zehn Jahre ist, nicht mehr greifbar wäre. Selten hat ein Roman eine solche Aktualität durch die Auslassung konkreter und kritisierbarer Fakten erreicht. „Zerstörung“ ist ein Weckruf, der lange nachhallt.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Genau diese Stärken wurden dem Buch im „Literarischen Quartett“ angekreidet. Es sei „so wahnsinnig unkonkret“, „seltsam unpolitisch“ und nur als „Angstpsychose“ zu verstehen. Hier griff die Diskussion für mich zu kurz. Es ging kaum noch darum, Leser für ein Buch zu begeistern oder sich über dessen Relevanz auszutauschen. Für mich ging es lediglich darum, wer seine Meinung eloquenter formulieren kann. Das geht am Ziel eines solchen Formates vorbei. Selten habe ich beim Lesen so gelitten, selten hat mich ein Buch so bewegt und in der Realität nicht mehr losgelassen. Als Redakteur von „Literatur Radio Hörbahn“ habe ich mich gefragt, was meine Sound-Blog-Beiträge heute bewegen oder verändern könnten. Die Poly-Anonymität und die Vagheit dieser Dystopie sind die Schlüssel zu ihrem Erfolg. Und das in einer Zeit, die ganz zufällig in einer virusbedingten Isolation verhaftet ist, die der Ansteckungsgefahr mit vergifteten Ideen in „Zerstörung“ so sehr entspricht. Aber hören Sie selbst. Mein PodCast zum Buch.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt…

Gäbe es etwas an diesem Roman zu kritisieren, dann vielleicht die Tatsache, dass es sich um ein Buch handelt. Was wäre das für ein Hörbuch. Wie intensiv könnte die Gänsehaut sein, den Sound Blog quasi als Ohrenzeuge zu erleben. Wie intensiv wären wir an die Stimme einer Frau gefesselt, die ihre geschriebenen Worte zu den Akten legt und sich hörbar neu erfindet. Vielleicht wird ein Hörbuchverlag auf das Werk aus der Feder von Cécile Wajsbrot aufmerksam. Vielleicht geht auch der Wallstein Verlag den neuen Weg angesichts der zeitlosen Dimension dieses Werks.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Dieses Logbuch in Tönen wäre ein herausragender moralischer Kompass für all jene, die einen Leitfaden für Widerstand in einer Diktatur suchen. Die Autorin hat für diese Form des Widerstands die Metapher eines Leuchtturms treffend verwendet. Das Lichtsignal bestreicht das ganze Land. Nicht alles wird erhellt, aber es kommt und geht regelmäßig. Es zeigt Gefahrenzonen auf und verhindert Tragödien. Ein einzelner Leuchtturm reicht nicht aus. Sie sind Teil einer Gruppe. Für Cécile Wajsbrot befindet sich der bedeutendste Leuchtturm inmitten von Paris. Ich sah das Lichtsignal von der Spitze des Eiffelturms. Ich glaube an seine Macht…

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ein Wort zu Spoilern:

„Es wäre freundlich gegenüber anderen Hörern und Hörerinnen – um nicht zusagen gegenüber dem Autor -, wenn die Entdeckungen, die ihr mit Griz auf seiner Reise durch die Ruinen unserer Welt macht, unser Geheimnis bleiben.“

C.A. Fletcher

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

So steht es auf dem Cover des Hörbuchs zu Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt von C.A. Fletcher geschrieben. Das ist eine Aufforderung, an der man gar nicht vorbeikommt, wenn man das Bloggen und Rezensieren ernstnimmt und verhindern möchte, dass zu viele Geheimnisse einer Roman-Story das Licht der Welt erblicken. Zu verständlich, kann ich nur sagen. Ich halte mich natürlich an das Schweigegelübde. Ich bin nicht indiskret und genau aus diesem Grund müsst ihr nun mit einer recht gekürzten Form einer Hörbuchvorstellung leben. Das ist einerseits dem Respekt gegenüber einem Autor geschuldet, der in seiner Geschichte so viele unerwartete Wendungen eingebaut hat, dass man sie tunlichst für sich behalten sollte. Andererseits jedoch gilt es hier auch den Random House Audio Verlag in Schutz zu nehmen. (Weiterhören)

Hat sich doch die seriöse Hörbuchschmiede zu einem echten Etikettenschwindel verleiten lassen, um die Geheimnisse dieser Produktion zu wahren. Das ist mir bisher in dieser Form selten begegnet und verdient Respekt. Wer wäre ich also, wenn ich mir erlauben würde, diese bewussten Täuschungsmanöver der Beteiligten zu unterminieren und inhaltliche oder produktionstechnische Kunstgriffe an die Öffentlichkeit zu bringen? Also. Was jetzt folgt, ist nur die Konsequenz dieser Geheimnistuerei. „Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt“ ist ein spannendes Hörbuch, das von Wanja Mues brillant eingelesen, interpretiert und mit Leben gefüllt wurde. Ich kann es euch nur wärmstens empfehlen, zum Hörbuch zu greifen, weil es mehr kann, als das Buch. Das könnt ihr mir glauben. Danke fürs Lesen dieser Rezension und viel Spaß beim Hören.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Ihr merkt, ich bin gut, wenn es darum geht, verschwiegen zu sein. Also, wenn ich etwas kann, dann Verlagsgeheimnisse für mich zu behalten. Das war`s auch schon für heute. Mehr erfahrt ihr hier nicht von mir. Muss ja auch mal so gehen. Oder? Wie käme ich dazu, den Ehrenkodex eines Rezensenten zu verletzen? Warum sollte ich mich hier aus dem Fenster lehnen, um AstroLibrium zum Wiki-Leaks der Literatur-Blogs mutieren zu lassen? Welche Gründe könnte es für einen Geheimnisverrat geben? Keinen! Nunja, um ehrlich zu sein, gäbe es ja schon viele Rechtfertigungen, die meine Loyalität auf die Probe stellen könnten. Echt gewichtige Gründe. Wenn ich nur daran denke, dass euch dieses Hörbuch entgehen könnte, werde ich fast wahnsinnig. Vielleicht sollte ich ja das ein oder andere Geheimnis andeutungsweise lüften. Nur ein klein wenig. Was haltet ihr davon?

Womit haben wir es zu tun? Mit einer Dystopie. Zweifelsfrei. C.A. Fletcher beschreibt eine im Untergang befindliche Welt der Zukunft. Unfruchtbarkeit hat die Erde entvölkert. Nur einige „Letztgeborene“ konnten sich retten. Es sind Inseln letzten Lebens, Biotope und isolierte Gebiete, in denen noch Menschen leben. Und diese werden, wie seit jeher von ihren Hunden begleitet. Nachwuchs ist ein Fremdwort. Umso wichtiger ist es, diese letzten Refugien zu schützen. Hier lernen wir Griz kennen. Der Junge lebt mit dem Rest seiner Familie auf einer Insel. Eine Schwester hat er bereits verloren, die Mutter liegt im Wachkoma und nur seine beiden Hunde Jip und Jess geben ihm Halt. Als ein Fremder die Insel betritt, ändert sich alles. Der geheimnisvolle Brand stiehlt die Hündin Jess und macht sich mit seinem Schiff davon.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

Aus diesem Szenario entwickelt CA. Fletcher einen absoluten Pageturner, der uns zu Weggefährten eines Jugendlichen macht, der die Verfolgung aufnimmt. Es sind die Ruinen unserer bekannten Welt, die wir mit Griz Augen sehen. Es ist seine Einsamkeit, die wir fühlen und es sind seine Verlustängste, die uns betroffen machen. Grandios im Erzählstil, faszinierend in der Aktualität einer Welt im Quarantänezustand und mehr als bestechend in der Charakterzeichnung eines Heranwachsenden, verfolgen wir Spuren und Fährten des Diebes. Es sind nicht nur die Gebäude, die wir erkennen, es ist auch die Französin „John Dark“, die dieser Geschichte Tiefe verleiht. Auf der Suche nach dem Mörder ihrer Töchter wird sie nun zum Schutzengel für Griz und Jip. Natürlich ist sein letzter Hund an seiner Seite. Es entwickelt sich eine Geschichte voller Verlust und Sehnsucht, Hoffnung und Bangen, Kampf und Schmerz.

Es sind die gewaltigen Bilder, die hier funktionieren. Die verfallenen Ruinen eines Fußballstadions und einer Bibliothek lassen uns schaudern. Wir betreten bekannte und geliebte Territorien. Bis wir am Ende des Hörens vor einem Neubeginn stehen. Wanja Mues leiht Griz seine Stimme und entführt uns behutsam in diese Dystopie, vor der es kein Entrinnen gibt. Aus der Suche nach einem Hund wird die Suche nach den Resten unserer Welt, nach den letzten Menschen und nach den Ursachen für den Exitus. Wir finden kaum Ruhepunkte in der Geschichte. Und wenn es uns gelingt, einen Blick nach vorne zu werfen, wirft uns der Autor mit einer kleinen Wendung meilenweit zurück. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Nichts ist, wie es scheint und keine Überraschung ist zu groß, um nicht doch plausibel und wahrhaftig zu sein. Es sind Momente der Erkenntnis, die diese Story zu einem besonderen Erlebnis machen. Aha-Erlebnisse vom Feinsten

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher – Ein Klick zum Spoiler

Was bleibt, ist ein grandioser Roman. Was bleibt, ist ein bewegendes Ende, das ihm zur Ehre gereicht. Was bleibt, sind die falschen Fährten, auf die uns der Autor entführt. Was bleibt, ist der bewusste Etikettenschwindel von Random House Audio, weil uns der Verlag etwas verschweigt, was uns beim Hören an einer bestimmten Stelle aufspringen und staunen lässt. Was bleibt ist das Gefühl, einen relevanten Roman gehört zu haben, der seine Wirkung als Hörbuch ganz besonders entfaltet. Was bleibt, ist die Liebe zum Hund, der hier ein kleines Denkmal gesetzt wird. Was bleibt, ist eine moderne „Jeanne d`Arc„, der ich auch unter ihrem Klangnamen „John Dark“ blind folgen würde. Und es bleibt der Dank an den Hörbuchsprecher Wanja Mues, der wirklich die Bestbesetzung für dieses Hörerlebnis ist.

Was aber auch bleibt, ist, dass am Ende des Tages nichts so ist, wie es scheint. Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt„, C.A. Fletcher, gelesen von Wanja Mues. Nichts von alledem ist richtig. Nichts davon ist wirklich wahr. Alles davon ist lückenhaft und doch so großartig, dass man es keinesfalls verpassen darf.

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt - C.A. Fletcher - AstroLibrium

Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt – C.A. Fletcher

PS: Hunde und Dystopien sind meisterhafte Weggefährten. Deathland Dogs“ von Kevin Brooks könnte euch gefallen, wenn ihr Jip und Jess liebgewonnen habt.

DER STORE von Rob Hart

DER STORE von Rob Hart - AstroLibrium

DER STORE von Rob Hart

Ein Barcode als Buch- und Hörbuchcover? Sieht so aus. Zumindest auf den ersten Blick. Wären da nicht die schwarzen Strichcode-Balken, die in hilfesuchende, flehende Hände münden. Der Hintergrund erweckt den Eindruck, man hätte es mit einem Paket zu tun, das nur noch schnell eingescannt werden muss und dann versandfertig ist. Ein auffällig roter und doch schlichter Schriftzug, der Autor und Titel mit Namen nennt. Und schon ist eines der wohl ungewöhnlichsten Buchpakete des Jahres gepackt. Bereit, um gelesen oder gehört zu werden. „DER STORE“ von Rob Hart. Dystopisch, visionär und weltverändernd. Eine brillante Story, die uns das Gefühl gibt, bereits in der Zukunft der „Cloud“ angelangt zu sein, die den Weltmarkt dominiert…

Rob Hart entwirft ein Zukunftsszenario, das uns nicht fremd erscheint. Eigentlich kann es nur noch ein paar Jahre dauern, bis wir soweit sind. Die Basis für die Story ist schon heute gelegt. Es fühlt sich nicht unglaublich oder utopisch an, was wir hier lesen oder hören dürfen. Das macht diesen Roman so bedrohlich. Die Ähnlichkeit des Online- Weltmarktführers in dieser Story mit einem bereits heute schon dominanten Konzern ist sicher nicht zufällig und unbeabsichtigt. Rob Hart dreht nur an den Stellschrauben einer Entwicklung und gewährt uns einen Blick in die Versandhauswelt in ein paar Jahren. In jeder Beziehung plausibel und nachvollziehbar. Und spätestens, wenn wir das nächste Päckchen vom großen „A“ geliefert bekommen, läuft es uns kalt den Rücken herunter. Versprochen.

DER STORE von Rob Hart - AstroLibrium

DER STORE von Rob Hart

Die Welt, die Rob Hart uns zu Füßen legt ist der wahre Traum. Also zumindest, wenn man Mitarbeiter im „Cloud-System“ ist. Der weltweit größte Online-Store ist nicht nur in jeder Hinsicht ein Traum für die Kunden, da er alles, wirklich alles, immer, wirklich zu jeder Zeit und zu unschlagbar günstigen Preisen frei Haus liefert. DER STORE ist auch der ideale Arbeitsplatz, weil sich das globale Unternehmen dem Wohl seiner Mitarbeiter verschrieben hat. Gibson Wells hat Großes geleistet. Er blickt am Ende seines Lebens auf eine wahre Pionierleistung des Unternehmertums zurück. Er hat nicht nur die Cloud geschaffen. Er hat nicht nur Warenströme monopolisiert. Er hat nicht nur dafür gesorgt, dass Menschen jederzeit von Cloud-Drohnen beliefert werden können. Nein. Er hat viel mehr geleistet.

Die Klimapolitik verdankt ihm innovative Impulse. Er hat hier nicht nur das Pendeln seiner Mitarbeiter abgeschafft. Nein. Er lässt sie nicht nur in den Mother-Clouds, in den großen Zentren seines Imperiums wohnen und leben. Er hat zahllose Arbeitsplätze aus dem Boden gestampft, weil er den Menschen im Arbeitsprozess nicht durch Maschinen ersetzt hat. Bei ihm gibt es lebendige Verpacker und Sortierer. Berufe, die heute schon fast ausgestorben sind. Gibson Wells ist der Gegenpol zur Digitalisierung der Arbeit. In seinem Konzern arbeitet der Mensch. Er lebt an seinem Arbeitsplatz, wird dort versorgt und mit allem Lebensnotwendigem ausgestattet. Ein wahrer Traum. Sollte man meinen. Gäbe es da nicht zwei Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen den Tests in einer Mother-Cloud unterziehen, um von Gibson Wells angestellt zu werden. Sie haben gute Gründe für ihre Bewerbung.

DER STORE von Rob Hart - AstroLibrium

DER STORE von Rob Hart

Während der Firmenpatriarch sich auf seine Farewell-Tour begibt, bevor er seinen Nachfolger bekanntgibt, schleichen sich zwei ungleiche neue Mitarbeiter ein, um seiner Lebensleistung ein Ende zu setzen. Aber warum? Wozu den wahren Wohltäter der Zeit sabotieren? Ist doch alles prima und den Menschen geht es besser, als je zuvor. Nunja. Auf den ersten Blick. Diese Wahrnehmung kann sich jedoch schlagartig ändern. Durch die Anwesenheit von Zinnia und Paxton kommen ungewohnte Perspektiven aus dem Inneren des STORE ans Tageslicht. Zwei Undercover-Mitarbeiter mit unterschiedlichen Motivationen und Zielen finden zueinander und scheinen ihre Kräfte zu bündeln. Zinnia folgt einem Auftrag von außen. Paxton folgt einer persönlich motivierten Mission. Beide sind durch ihre Rollen als Verpackerin und Security-Mitarbeiter gut getarnt.

Rob Hart entwickelt einen spannenden Plot, in dem er zwei einsame Wölfe zu einem kleinen Rudel vereint, das als Systemsprenger fungiert. Können sie einander vertrauen und finden sie ihren Weg durch das komplexe System der Cloud? Was passiert, wenn ihre Pläne greifen? Ein fulminantes Katz- und Mausspiel nimmt konkrete Formen an. In temporeichen Aufzügen rast Rob Hart durch das Herz der Mother-Cloud. Zentrale und bestimmende Elemente, wie Machthunger, Rache, Widerstand und Intrigen wirken wie Brandbeschleuniger. Als Gibson Wells seinen Besuch in der Mother-Cloud ankündigt beginnt der Countdown für Zinnia und Paxton zu laufen. Pläne greifen ineinander. Der Gegner ist allmächtig. Jeder wird überwacht. Gibt es einen oder zwei Wege, um dieses System zur Implosion zu bringen? Lesen oder hören. Ihr habt die Wahl. Spannung bis zum Letzten ist garantiert.

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Mein Königsweg in die Mother-Cloud war der des Hörens. Elfeinhalb Stunden lang habe ich mich gefühlt, wie ein Mitarbeiter der Cloud. Und ich habe mich dabei gar nicht gut gefühlt, da die Wahrheit immer deutlicher zutage trat. Vier prominente Stimmen hat man für die Hörbuch-Produktion vereint. Stimmen, die wie Wegweiser durch eine Story wirken und so eine ganz spezielle Atmosphäre entstehen lassen. Frank Arnold doziert als Cloud-Patriarch Gibson Wells selbstgefällig über sein ganzes Lebenswerk und wirkt dabei wie Zeus auf dem Olymp. Stark interpretiert. Simon Jäger, die Synchronstimme von Matt Damon, bringt als Paxton alle Facetten dieses Charakters auf den Punkt. Es sind Rachegefühle, die ihn leiten. Es ist die Zuneigung für Zinnia, die ihn verleitet. Und es ist die Faszination für ein menschenverachtendes System, die ihn fast zum Mitläufer werden lässt. Anna Carlsson bringt stimmlich alles mit, was wir mit Zinnia assoziieren. Sie klingt resolut ebenso plausibel, wie in ihren verletzlichen Momenten. Sie überzeugt spionierend in jeder Nuance und lässt verliebt die Stimme säuseln. Gänsehautstimme.

Und ganz zuletzt gibt es da eine Stimme aus dem Off. Die Stimme für die offiziellen Verlautbarungen der Cloud, die Stimme der Lernvideos für die Mitarbeiter. So wird aus der Synchronsprecherin und Schauspielerin Janin Stenzel die Stimme jenes Systems. Hier spricht sie mechanisch, neutral und doch so eindringlich hypnotisierend, dass man ihren Anweisungen sofort Folge leisten würde. Alexa war gestern… Stenzel ist jetzt… Ich habe das Hören dieser Geschichte als Privileg empfunden. Kopfkino für die Ohren. Blendend besetzt und atmosphärisch grandios umgesetzt. Ihr habt die Wahl. Und jetzt warte ich auf meine Drohne. Bin mal gespannt, was ich bestellt habe…

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Buch: Heyne Verlag / gebunden / 592 Seiten / dt. von Bernhard Kleinschmidt / 22 Euro Hörbuch: Random House Audio / 2 CD / 11 ½ Std. 30 / Lesung mit Frank Arnold, Anna Carlsson, Simon Jäger, Janin Stenzel / gekürzt / 22 Euro

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