GlockenbachWelle – Die HörbuchWelle

Glockenbachwelle - Hörbuchwelle - Astrolibrium

GlockenbachWelle – Die HörbuchWelle

Herzlich willkommen zur neunten Ausgabe der GlockenbachWelle. Diese Welle ist dem gesprochenen Wort gewidmet, das doch seinen Ursprung zumeist in Buchvorlagen hat, die uns im Buchhandel so begeistern. Und doch sind Hörbücher und Hörspiele eine ganz eigene Welt, die sich in den letzten Jahren zu einer Artenvielfalt entwickelt hat, die unsere Ohren erobert.

Die neunte GlockenbachWelle – Die HörbuchWelle

Der Ort: Die Glockenbachbuchhandlung in München
Die Runde: Pamela Scholz (Buchhändlerin), Steffi Sack (Nur Lesen ist schöner), Arndt Stroscher (AstroLibrium), Paul Fink-Gaudernak (Lektor bei Random House Audio) Ana Kohler (Lektorin bei Der Hörverlag) und Tom Dulovits (Radiomoderator und Sprecher) – als Herausforderer – in einem PodCast für Literatur Radio Hörnbahn.

Unterstützt von der Inhaberin der Glockenbachbuchhandlung Petra Schulz.

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GlockenbachWelle – Die HörbuchWelle mit Paul Fink-Gaudernak und Ana Kohler

Schon lange ist nicht mehr von einer Zweitverwertung von Büchern die Rede. Die Hörbücher sind als eigenständige Medien etabliert und erfreuen sich einer ungebrochen hohen Beliebtheit. Die HörbuchWelle trägt dieser Entwicklung Rechnung….

Was haben wir vor?

Es sind unsere Stimmen, die das gute Lesen verkünden. Das Radio ist als Medium allerdings oftmals näher am guten Hören als im gebundenen Buch. Wir wollen Brücken schlagen. Hören und lesen als Allianz – auch für den Buchhandel. Diese HörbuchWelle thematisiert Hörbücher, deren Äquivalente im Buchhandel von sich reden machen. Wir gehen dem Geheimnis Hörbuch und Hörspiel auf den Grund und sind extrem glücklich, die Macher der Hörbuchschmieden von Random House Audio und Der Hörverlag bei uns begrüßen zu dürfen. Hier wird niemandem Hören uns Sehen vergehen. Und nicht nur das. Eine besondere Challenge wartet auf unsere Gäste.

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GlockenbachWelle – Die HörbuchWelle

Heute geht es um:

  • Einleitendes zum Thema Wellenreiten in Zeiten eines Krieges
  • Allgemeine Fragen rund ums Hörbuch
  • Die Bagage, Vati und Löwenherz von Monika Helfer
  • Die Sonnenwächterin von Maja Lunde
  • Wir sind das Licht von Gerda Blees
  • Eine besondere Herausforderung für unsere Gäste:
    Erkennen sie ihre eigenen Hörbuch-Produktionen, wenn diese von „unserem“ Sprecher Tom Dulovits vorgelesen werden? Eine literarische Blindverkostung, bei der ihr natürlich zuhause gerne mitraten dürft…
  • Geheime Beratungen zwischen Verena Reiser (Pressereferentin Der Hörverlag) und Ana Kohler zur Hörbuch-Challenge
  • Eine Machete, Brownie-Points und Nähkästchenplaudereien
  • Ein paar noch geheime Vorschau-Highlights der beiden Hörbuchverlage
  • Buchtipps von Pamela Scholz – aus aktuellem Anlass zum Thema Ukraine
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GlockenbachWelle – Die HörbuchWelle – Tom Dulovits

Jetzt sollten Sie aber einschalten. Hier geht´s lang. Ohren auf!

Wir wünschen uns ein Wiederhören mit Ihnen, wenn es wieder heißt „Ohren auf für eine neue GlockenbachWelle“. Und versprochen. Die zehnte Welle wird sich anfühlen wie die Wiederauferstehung eines Rockstars… 

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GlockenbachWelle – Die HörbuchWelle Verena Reiser und Ana Kohler

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn - Astrolibrium

GlockenbachWelle bei Literatur Radio Hörbahn – Ein Klick genügt…

Wir sind das Licht von Gerda Blees

Wir sind das Licht von Gerda Blees - Astrolibrium

Wir sind das Licht von Gerda Blees

Oh ja, wir lieben das schon sehr. Perspektivwechsel sind in der Literatur oftmals das Salz in der Suppe, wenn es darum geht, ein Szenario von mehreren Seiten einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Hier sind unerwartete Wendungen verborgen, hier klärt sich so manches Geheimnis auf und genau mit diesem Stilmittel wird mit den großen Klischees innerhalb einer Geschichte aufgeräumt. Und wenn es einen Roman gibt, der sich diesem Vexierspiel der Sichtweisen zu einhundert Prozent verschrieben hat, dann ist es „Wir sind das Licht“ der niederländischen Autorin Gerda Blees. Wer jetzt denken sollte: „Hatten wir doch schon…“, „Muss man doch nicht so hervorheben“, oder „Nicht schon wieder vier Protagonisten und ihre Doppelsicht auf ein altbekanntes Setting“, sollte unbedingt weiterlesen. Denn genau das ist dieser Roman nicht. Gerda Blees bricht mit allen Konventionen, wirft viele Erzähltraditionen über den Haufen und besticht literarisch, indem sie sich dem Sprachlosen, Immobilen und nicht Lebendigen des Settings annähert und ihnen Stimme, Ausdruck, Charakter und Leben verleiht.

Neugierig geworden? Fein. Das war das Ziel. Also, worum geht es augenscheinlich in diesem schon auf den ersten Blick ungewöhnlichen Plot? Versetzen wir uns mal in eine ganz normale Wohnung. Die Heimat der Wohngruppe „Klang & Liebe“ in der sich vier Menschen auf ein besonderes Miteinander eingelassen haben. Wir würden es vielleicht als alternativ bezeichnen. Mag man sehen, wie man will, jedenfalls muss etwas passiert sein, denn bei Licht besehen stimmt hier gerade gar nichts mehr. Eine Bewohnerin lebt nicht mehr. Oder besser gesagt: Sie ist in der letzten Nacht verstorben. Oder, um es im Klartext auf den Punkt zu bringen, sie ist verhungert. Der Rest der Wohngemeinschaft erlebt den Morgen nach dem Tod von Elisabeth aufgewühlt und voller Zweifel. Es sind noch drei weitere Personen in der Wohnung. Ein Mann und zwei Frauen. Melodie van Hellingen, die Schwester der Toten und das Pärchen Muriel und Petrus. Wie kann ein Mensch, der nicht alleine lebt, verhungern? Das mögen wir uns fragen. Aber glaubt mir, das ist nur eine von tausend Fragen, die uns bereits im ersten Kapitel dieses Romans in den Sinn kommen. Denn auch die anderen Mitbewohner sind ausgehungert und fast am Ende ihrer Kräfte…

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Wir sind das Licht von Gerda Blees

Ihr denkt nun, dass ihr durch die Perspektiven der Überlebenden in diese Geschichte hineingesaugt werdet. Ihr denkt, ihr würdet nun durch wechselnde Sichtweisen auf die Ursachen der Ausgangssituation stoßen. Ihr denkt, nun würden die Menschen zu Wort kommen und vom Hunger, vom Sterben, von der gemeinsamen Philosophie und jener Wohngemeinschaft erzählen, die uns so fremd erscheint? Falsch! Ganz falsch. Es sind die wohl außergewöhnlichsten Perspektiven, die Gerda Blees hier ins literarische Feld führt, um uns die Augen zu öffnen. Um unser atemloses Staunen in einem Zustand der Dauererregung zu versetzen und uns als Augen- und Ohrenzeugen zu fesseln. Es sind Perspektiven, die in dieser Form noch niemals zuvor ihre Stimme erhoben haben. Hier sind einige von ihnen, die sich zu Beginn der jeweiligen Kapitel höflich vorstellen:

Wir sind die Nacht,
Wir sind der Tatort,
Wir sind die Nachbarn,
Wir sind ein Orangenduft,
Wir sind ein Cello,
Wir sind die Fakten,
Wir sind die Zweifel,
Wir sind Elisabeths Körper
und natürlich und ganz zuletzt

Wir sind das Licht..

Es wird emotional, unheimlich, weltbewegend und kurios, wenn wir uns auf diese Perspektiven einlassen. Wann hat uns jemals ein Tatort erzählt, wie er sich fühlt, was ihn selbst zum Tatort werden lässt und wie verletzt er sich in all diesem Durcheinander fühlt. Vom Tatort erfahren wir viel, werden Zeugen der ersten Dialoge der Ermittler und bekommen ein Gefühl für einen Raum. Das ist literarisch mehr als brillant…

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Wir sind das Licht von Gerda Blees

Wir sind der Tatort:

„Sie passen nicht hierher, diese Menschen. Sie sind zu groß, zu breit, zu laut. Unsere Treppenstufen sind so stampfende, schwere Körper gar nicht mehr gewöhnt. Weder das Gewicht noch das Geräusch. Sie könnten ruhig etwas vorsichtiger mit uns umgehen, wenn man bedenkt, dass wir der Ort sind,
an dem die Antwort liegt.“

Es sind die beiden Elemente, die uns zu Süchtigen machen. Es ist die Geschichte, die sich immer weiter erklärt, und es sind die Sichtweisen, die uns faszinieren und die uns nachhaltig beschäftigen. Jeder Perspektive können wir Details abgewinnen, jeder Sichtweise, jedem Gegenstand, jedem Gefühl, jedem Begriff fühlen wir uns nach dem letzten Wort verbunden. Dabei gelingt es Gerda Blees, die Personen nicht zu Figuren zu degradieren, die kaum eine eigene Rolle spielen. Ganz im Gegenteil. „Wir sind das Licht“ lebt von der morbiden Vitalität der Protagonisten. Der Roman erzählt sich selbst. Im wahrsten Wortsinn. Spätestens, wenn sich die Erzählung selbst an uns richtet, ist es die Gänsehaut des Angesprochenen, der hier verweilt und sich hinterfragt.

Wir sind die Erzählung

„Und das wird uns als Erzählung nicht gerecht, vor allem nicht in Kombination mit Ihnen, dem Leser, denn beabsichtigt oder unbeabsichtigt haben Sie genauso viel Schuld an allen Unklarheiten wie die Autorin. Wie oft haben sie beim Lesen an etwas anderes gedacht? Und wie oft haben sie etwas in uns gelesen, was da gar nicht stand?

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Wir sind das Licht von Gerda Blees

Jede einzelne Perspektive weiß zu überzeugen. Jede trägt erheblich zur Klärung des Falles bei. Jede dieser auskunftsfreudigen Sichtweisen hilft uns dabei, unseren Weg zu finden und aufmerksamer zu werden. Wir lernen die Akteure kennen. Überlebende und eine Tote. Polizisten, Nachbarn, Angehörige. Und wir lernen jene Rahmenbedingungen kennen, die ins fatale Verderben führen. Dies ist eine Geschichte von Leichtgläubigkeit und Verführung. Von der Suche nach dem Sinn im Leben und den Profiteuren alternativ zu lebender Leben. Ernährung durch Licht? Eine Sekte? Glaube an Selbstreinigung im Verlust der eigenen Körperlichkeit? Schwurbelei? All dies findet sich in diesem Roman. Bewegend und erschütternd. Essstörungen prallen auf Nahrungsverweigerung. Harter Stoff in hartem Gewand. Nichts wird beschönigt. Ein Debütroman von einer Wucht, die laut nach Aufmerksamkeit schreit. In jeder Form…

Ich habe den Roman gelesen und bin regelmäßig in die brillante Hörbuchfassung abgetaucht. Hier sind es vier Stimmen in dieser ungekürzten Lesung, die Perspektiven hörbar machen. Es ist kein Stimmgewitter, keine Überlagerung, es ist das konsequente Aufzeigen der einzelnen Sichtweisen, die dann konzentriert ihren Vortrag an uns Hörer richten. Eindringlich. Bemerkenswert und voller Tiefgang. Es waren extrem emotionale Momente, die mich im Hörbuch direkt berührten. Es ist die Autopsie der Toten, die für mich zu den literarischen Highlights des Romans gehört. Diese Sequenz zu hören, ist ein so aktiver Moment der Auseinandersetzung mit diesem Text, dass man sich kaum entziehen kann. Die Begegnung einer Leiche mit dem Pathologen bleibt tief in meiner Erinnerung. Ich las selten etwas Bewegenderes, noch hörte ich es zuvor…

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Wir sind das Licht von Gerda Blees

Wir sind Elisabeths Körper

„Hätte Elisabeth während ihres Lebens nur halb so viel Bewunderung für uns, ihren eigenen Körper, gehabt, wie Theo gerade, dann würden wir hier nicht liegen… Wenn Elisabeth am Leben geblieben wäre, hätten wir nie erfahren,
wie es ist, von einer liebevollen Hand in unserem Inneren berührt zu werden.“

Wie immer man sich diesem Text auch nähert, er bleibt unvergessen. Lesend ist es möglich, sein eigenes Tempo zu finden, Pausen zu machen und alles auf sich wirken zu lassen. Hörend gerät man in einen Sog, den man lesend kaum selbst erzeugen kann. In jeder Beziehung gelingt es beiden Medien für sich (oder eben auch in der Kombination miteinander) zu überzeugen. Gerda Blees hat einen aufregenden Roman geschrieben, in dem wir Leser das Licht sind und die Perspektiven zusammenführen. Im Hörbuch ist es ein Ensemble brillanter Stimmen, das uns einflüstert, wie wir der Wohngemeinschaft begegnen können. Benno Führmann, Jannik Schümann, Sandrine Mittelstedt und Claudia Michelsen erweitern das Erlebnis Licht um die Dimension Klang. Wer das Buch nicht gelesen und / oder das Hörbuch nicht gehört hat, verpasst ein großes Stück Literatur des Jahres 2022…

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Wir sind das Licht von Gerda Blees

Ein kleines PS. Hörbücher stehen bald im Mittelpunkt unserer GlockenbachWelle. Augen und Ohren auf! Ein Special nicht nur für Hörbuchliebhaber… 

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Der Astronaut von Andy Weir

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Der Astronaut von Andy Weir

Glaubt mir, ich kenne mich aus. Wenn ich allein schon den Namen Andy Weir lese, greife ich reflexartig zum Weltraumanzug für Extra-Vehikulare-Aktivitäten, aktiviere alle Notfallsysteme in der kleinen literarischen Sternwarte, überprüfe meine Notfall-Vorräte, checke das Wetter und die Treibstoffanzeigen, verabschiede mich von meinen Lieben und besteige erwartungsvoll ein Science-Fiction-Weltraum-Shuttle, um mich erneut mit all meiner Fantasie in den Weiten des Alls zu verlieren. Die letzten Missionen an seiner Seite habe ich wirklich nur mit Mühe und Not überlebt. Ich war mit dem „Marsianer“ auf dem Roten Planeten, habe in aussichtsloser Situation die Wissenschaft neu erfunden und eine unbewohnbare Landschaft kultiviert. In „Artemis“ verstrickte ich mich in üblen Machenschaften auf dem Mond. Die Sonderhandelszone und Weltraummetropole war fast mein Untergang, hätte mich Andy Weir nicht mit einem fulminanten Feuerwerk im letzten Moment aus der Schwerelosigkeit gerettet… Glaubt mir, ich kenne mich aus…

Viel Zeit zum Lecken meiner interstellaren Wunden jedoch bleibt mir nicht. Es ist „Der Astronaut“ mit dem Andy Weir seinen Weltraum-Zyklus fortsetzt und mich nicht nur lesend, sondern auch hörend aus meiner irdischen Komfortzone herauskatapultiert. Dabei sollte man ganz genau hinschauen, was sich hinter dem Titel des neuen Romans verbirgt, bevor man sich dieser Mission anschließt. Der Originaltitel lautet „Project Hail Mary„, also ganz direkt übersetzt „Projekt Ave Maria„, und spätestens jetzt sollte jedem noch so großen Fan von Andy Weir klar sein, worauf man sich einlässt. Hier wird nicht gesungen, hier geht es definitiv um ein Himmelfahrtskommando. Waren die Ausflüge zum Mars und zum Mond zuvor zumindest noch mit der Chance auf eine Rückkehr zur Erde verbunden, so sollte man hier der Wahrheit ins ungeschminkte Gesicht schauen. Nach einem Rückflugticket werdet ihr vergeblich suchen. Na, noch dabei?

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Der Astronaut von Andy Weir

Dann los. Der Astronaut Ryland Grace schlägt die Augen auf und befindet sich in einer Situation, die ihn ziemlich befremdet. Die Begleitumstände seines Erwachens sind mehr als unerfreulich. Er kann sich an absolut nichts erinnern. Er ist von Kopf bis Fuß verkabelt und wird von Roboterarmen medizinisch versorgt. Eine Computerstimme folgt seinen Anweisungen. Er ist allein. Die Umgebung ist ihm fremd. Das Bewusstsein beginnt Fahrt aufzunehmen und der analytisch geschulte Wissenschaftler beginnt sich zu orientieren. Er befindet sich an Bord eines Raumschiffs. Von der einst dreiköpfigen Besatzung ist er der letzte Überlebende. Er lag lange Zeit im Koma und wurde nun von einem Programm geweckt. Wozu? Hatte er sein Ziel erreicht? Wo war er? Wer war er und warum war er überhaupt hier? Fragen über Fragen…

Atemlos folgen wir dem inneren Monolog eines Mannes, der sich Schritt für Schritt mit seiner Umgebung auseinandersetzt, um Antworten auf seine Fragen zu finden. Nie zuvor sind wir mit einem ahnungsloseren Protagonisten in ein Abenteuer gestartet. Und dabei lastet eine unglaubliche Verantwortung auf ihm, wie wir nach und nach erfahren. Mit jedem Fetzen des Erkennens erwachen punktuelle Erinnerungen. Mit jedem Knopf, den er betätigt, mit jeder Information, die er sich erarbeitet strukturiert sich das Mosaik seiner Mission. Er, der Wissenschaftler und Lehrer Ryland Grace befindet sich nicht mehr in unserem Sonnensystem. Seine Reise muss Jahre gedauert haben und an ihm hängt das Schicksal des gesamten Planeten Erde. Er ist an Bord der „Hail Mary„, der letzten Hoffnung der Menschheit…

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Der Astronaut von Andy Weir

Es ist die brillante Ausgangssituation, aus der Andy Weir auf den folgenden 550 Seiten schöpfen kann. Es ist das psychologische Drama im Inneren des Antihelden, der alles zu sein scheint, nur nicht der verwegene und mutige Weltenretter. Er begibt sich bewusst in den Funktionsmodus, analysiert seine Lage, das Problem und beginnt mit seinen Forschungen. Wer schon ein Buch aus der Feder dieses Science-Fiction-Autors gelesen hat, der weiß, dass der Begriff Science, also Wissenschaft, in seinen Geschichten sehr viel Raum einnimmt. Man könnte ihn auch als einen „Erklär-Bären“ bezeichnen, der uns alles, was bei drei nicht auf dem Baum ist, bis ins kleinste Detail plausibel macht. Was beim „Marsianer“ schon ausuferte, wird in „Der Astronaut“ zur Geduldsprobe für Leser:innen, die manchmal einfach denken „Boah, drück jetzt auf den Knopf, aber hör auf, mir zu erklären, wer ihn erfunden hat und was sich im Hintergrund alles ereignet.“  

Aber so ist er eben. Wissenschaftliche Fiktion soll aus seiner Sicht wasserdicht und plausibel erzählt werden. Und da es in jener Geschichte kaum etwas Selbsterklärendes gibt, sind wir unserem Lehrer an Bord schutzlos ausgeliefert. Er hat dabei Probleme zu lösen, die jeder Forschungskommission Grenzen aufzeigen würden. Warum verdunkelt sich die Sonne? Wie kann dieser Prozess aufgehalten werden? Wie bewältige ich alle Aufgaben an Bord, für die man drei Astronauten gebraucht hätte? Wie funktioniert der Antrieb, wie kann ich Schwerelosigkeit erzeugen, wie wandle ich die Hail Mary in eine funktionierende Zentrifuge um? Oh ja, Andy Weir erklärt alles aus der Perspektive des Weltraumpioniers, der einige Nackenschläge zu verkraften hat. Spätestens als er sich darüber im Klaren wird, dass keine Rückkehrmöglichkeit vorgesehen ist, wird aus dem Roman ein emotionales Himmelfahrtskommando.

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Der Astronaut von Andy Weir

Es sind überraschende Twists in seinen Handlungssträngen, die diesen Roman zu einem Pagetruner machen. In Rückblenden erfahren wir alles über die Entstehung der Mission, erfahren, warum und wie ausgerechnet ein Lehrer an Bord gelangte und nicht zuletzt ist es eine unglaubliche Erkenntnis, die dieses Weltraumabenteuer in eine völlig neue Richtung lenkt. Ja, Ryland Grace ist der einzige Mensch im All, der versucht, die Erde zu retten. Nein, er ist nicht die einzige Lebensform im Universum, die ausgesandt wurde, um ihre Heimat zu retten. Erstmals in seinem Schreiben betritt Andy Weir das Neuland, uns mit außerirdischem Leben zu konfrontieren. Das ist bewegend, emotional und ist als Alleinstellungsmerkmal unter seinen Büchern allein schon diese weite Reise wert. Die Spannungsbögen reißen nicht ab. Die Probleme potenzieren sich. Und unser Wissensschatz um biochemische, physikalische und elektronische Details wird bald so groß, dass wir die Hail Mary allein fliegen könnten…

Wer den „Marsianer“ liebt und im unendlichen Weltall gerne in Gesellschaft ist, dem sei „Der Astronaut“ dringend ins Raumschiff gelegt. Andy Weir lässt hier keine Fragen offen. Das Ende des Romans gehört zu den besten SciFi-Enden ever, weil es zum Wesen der Mission passt. Ein ehrfürchtiges „Ave Maria“ kam mir in den Sinn, als ich das letzte Kapitel erreichte. Am Ende einer Mission, die mir einiges abverlangt und doch viel gegeben hat. Wer immer denkt, im wissenschaftlichen Bereich der Story sei weniger oft mehr, der sollte sich überlegen, wie viele Fragen wir gehabt hätten. Und im Vergleich zu unserem Astronauten ist die Geduld, die wir aufzubringen haben nichts im Vergleich zu den Anstrengungen eines Lehrers im All, der nicht mehr nur noch das Schicksal der Erde in seinen Händen spürt…

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Der Astronaut von Andy Weir

In Missions-Phasen mit Schwerkraft habe ich den Roman aus dem Heyne Verlag gelesen. Hilfreich sind die Konstruktionszeichnungen der Hail Mary, obwohl ich schon sagte, dass Andy Weir auch die Bauart des Raumschiffs sehr ausführlich beschreibt. Ich war trotzdem dankbar, die Details zusätzlich vor Augen zu haben. Und immer dann, wenn es schwerelos wurde an Bord, bin ich zum Hörbuch von Random House Audio übergegangen. Richard Barenberg überzeugt in seiner unaufgeregten Vortragsweise, weil er einfach die stoische Ruhe behält, egal wie sehr ihm das Wasser bis zum Halse steht – oder der Treibstoff. Die wahre Stärke spielt er ab dem Moment aus, in dem aus Monologen an Bord die ersten Dialoge mit einem Außerirdischen werden. Hier paaren sich Staunen, wissenschaftliche Kommunikation, zunehmender Sarkasmus und echtes Gefühl zu einem Mix, den man nicht mehr so schnell vergessen wird.

Die gekürzte Fassung ist leider nur als Download verfügbar und ich muss meine Andy-Weir-Sammlung um einige Dateien auf meinem Smartphone ergänzen. Schade. Die Mission dauert im Hörbuch 15 Stunden und 30 Minuten, und doch vergeht sie wie im Flug. Einfach zu spannend. Die Kürzungen betreffen hierbei leider in weiten Teilen die Missionsvorgeschichte im Kontrollzentrum auf der Erde. Das wirkt sich schon ein wenig auf den Hörgenuss aus, da es genau diese Kapitel sind, die den „Erklär-Bären“ Andy Weir im Weltraum ein wenig einbremsen. Die Abwechslung fehlt hier ab und an. Dem Abenteuer selbst tut das keinen Abbruch. Und, mit Verlaub, schwereloses Lesen ist machmal einfach zu gefährlich. Welchen Weg Ihr auch wählt, „Der Astronaut“ hat das Potenzial zum unterhaltsamsten Himmelfahrtskommando des Sommers.

Der Astronaut von Andy Weir - Astrolibrium

Der Astronaut von Andy Weir

Ich bin schon gespannt auf die Verfilmung von Der Astronaut mit Ryan Gosling in der Hauptrolle. Ich denke, der Film wird ähnlich erfolgreich wie Der Marsianer mit Matt Damon. So, ich desinfiziere jetzt mein Lese-Raumschiff und hoffe, dass ich keine Astrophagen mehr an Bord habe. Die kleinen Sternenfresser passen so gar nicht zur kleinen literarischen Sternwarte… Guten Flug, Euch…

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Der Astronaut von Andy Weir

Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

Briefwechsel - Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt - sarah kirsch - christa wolf - astrolibrium

Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

Gemach, gemach. Bevor Sie jetzt zögern und denken, ein Briefwechsel zwischen zwei deutschen Schriftstellerinnen sei nichts für Sie, geben Sie mir einfach eine Chance zu erklären, warum eine solche Korrespondenz so unglaublich interessant ist. Briefe lesen zu können, die eigentlich nicht für unsere Augen bestimmt waren, gehört sicher zu den intimsten Momenten einer literarischen Auseinandersetzung mit prominenten Personen. Sie zeigen die Wahrheiten hinter den aufgebauten Fassaden, mit deren Hilfe man sich vor der breiten Öffentlichkeit zu schützen versuchte. Und nicht nur das. Hier, im sicher geglaubten Biotop eines schriftlichen Dialogs und unter Ausschluss all jener, vor denen man sich ansonsten nicht frei äußern wollte, erhalten wir authentische Einblicke in das Seelenleben von Menschen, die sich im öffentlichen Leben anders zeigten. Dies mag einer der wesentlichen Aspekte sein, warum ich immer wieder zu Briefwechseln greife, und dann voller Neugier auf das künstlerische Schaffen der Schreibenden auch zu den Büchern finde, die sie uns hinterließen.

Briefe im Nachlass großer SchriftstellerInnen gehören zum unschätzbaren Fundus ihres Schaffens. Und bald gehören sie zu den Relikten einer längst vergangenen Zeit. Welche Autorengeneration schreibt sich noch Briefe? Wer kommuniziert im technisch geprägten Zeitalter des Internets handschriftlich? Wessen Stimmungslage kann man in der heutigen Zeit noch am ausgewählten Briefpapier, der schönen Briefmarke oder am geschwungenen Schriftbild erkennen? Müssen wir uns nicht langsam daran gewöhnen, zukünftig im Nachlass bedeutender AutorInnen nur Chatverläufe und E-Mails zu finden, die in aller Eile und formlos den schnellsten Weg zum Adressaten gefunden haben? So sollten wir jetzt mit den Letzten ihrer Art umgehen. Mit den letzten echten Briefwechseln zwischen Menschen, die sich auf diese Art und Weise gegenseitig versicherten, Liebe und Zeit in diese Zeilen investiert zu haben, die im Briefumschlag vor den neugierigen Augen der Welt und damit vor Indiskretion geschützt waren. .

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Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

Wenn Sie nun meinen Zugang zu solchen Briefwechseln nachvollziehen können, gehen wir doch einen Schritt weiter. Ich lasse mir einen solchen Briefwechsel gerne vorlesen. Es ist die große Kunst, in einem handschriftlichen Dialog nicht nur den Inhalt, sondern auch jede Nuance einer noch so kleinen Stimmungsschwankung offenzulegen. Dies gelingt nur durch die intensive Auseinandersetzung mit den VerfasserInnen dieser Briefe und der richtigen Einordnung in den zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext, in dem sie geschrieben wurden. Hier liege ich mit meiner eigenen Erzählstimme oft falsch in der Tonlage, im Aufspüren kleinster sarkastischer Zwischentöne und Emotionen. Hier ziehe ich mich gerne zurück und überlasse das den wahren Profis. SchauspielerInnen, die nicht nur gelernt haben, fehlerfrei vorzulesen, sondern auch in Rollen zu schlüpfen, sich fallenzulassen und mitzuerleben. Das ist die hohe Kunst gelesener Briefwechsel!

Und schon sind wir mittendrin in der Vorstellung der Hörbuch-Produktion: Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt – Der Briefwechsel„. Die Schauspielerin und Sprecherin Sandra Quadflieg wagt sich in ihrem neuesten Projekt erneut an zwei große Frauen heran, die ihre Spuren in der Literatur hinterlassen haben. Christa Wolf und Sarah Kirsch. Auch hier sei vorausgeschickt, dass ich sicher nicht zu den intimen Kennern dieser beiden Schriftstellerinnen gehöre. Ich habe bisher kein Buch von ihnen gelesen und ihre Lebensbahnen haben mich literarisch nicht berührt. Aber genau dies zeichnet die Projekte von Sandra Quadflieg aus. Ihre Briefwechsel-Projekte sind nicht nur für die Connaisseure ihrer erwählten literarischen Protagonisten gedacht. Sie geht in die Vorleistung, recherchiert sich in diese Leben, ordnet ein, gewichtet, interpretiert und dann… Dann sucht sie sich eine Partnerin oder einen Partner, um gemeinsam vor dem Mikrofon eine längst untergegangene Welt wiederzubeleben.

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Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

Diesmal ist es die wundervolle Iris Berben, die mit Sandra Quadflieg in die Rollen der beiden großen deutschen Schriftstellerinnen schlüpft, um uns einen Dialog zu präsentieren, der fast dreißig Jahre lang währte. Ein Briefwechsel, in den man sich so schnell hineinhören kann, weil die Rahmenbedingungen ein so klar definiertes Bild der Freundschaft zwischen den beiden Autorinnen skizzieren, das neugierig macht. Beide wachsen in der DDR auf und finden dort zu ihren literarischen Stimmen. Doch während Christa Wolf ihren Platz in der ostdeutschen Literatur findet, bleibt Sarah Kirsch nach kritischen Äußerungen und mehreren Konflikten mit den Kulturorganen der DDR keine andere Wahl, als 1977 in den Westen auszureisen. Die Freundschaft zu Christa Wolf bleibt bestehen. Der Briefwechsel, der 1963 bginnt, setzt sich auch in den Jahren der Trennung fort und wird weitergeführt, bis die Mauer fällt, die Grenze verschwindet und beide Schriftstellerinnen in einem geeinten Land zusammenfinden könnten.

„Könnten“. Dieser Konjunktiv schmerzt. Er kündigt sich langsam und unerbittlich an. Was vor im Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte als Wiedervereinigung empfunden wird, gelingt den beiden Freundinnen nicht mehr. Zu tief ist der Graben, der durch einen nicht mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht zu einem Minenfeld des Misstrauens und der Missverständnisse wird. Waren Christa Wolf und ihr Ehemann im „real existierenden Sozialismus“ wirklich inoffizielle Mitarbeiter der STASI? Hatten sie in der DDR über ihre Kollegen Buch geführt und sie verraten? Konnte das sein? Hatten sie über Sarah Kirsch Bericht erstattet? Hier zerbricht, was dreißig Jahre hielt. Als die Grenzen fallen, türmt sich eine unüberwindbare neue Mauer zwischen ihnen auf.

Es ist schwer auszuhalten schreibt Sarah Kirsch in diesen Tagen. Nicht an Christa Wolf, sondern an deren Ehemann, weil sie ihrer Freundin nicht mehr schreiben will.

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Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

An diesem Scheideweg angelangt, liegen 30 Jahre Freundschaft und zahllose Briefe hinter den beiden Autorinnen und uns, den Zuhörern dieser Kopfkino auslösenden und bewegenden Inszenierung. Iris Berben ist Christa Wolf. Sandra Quadflieg ist Sarah Kirsch. Den beiden stimmgewaltigen Schauspielerinnen gelingt es, in jedem einzelnen Brief die Stimmung des Augenblicks zu beschwören. Durch ihren Vortrag, den Dialog einer grenzlosen Beziehung fühlt man sich hineingezogen in die Denk- und Fühlwelten der Briefschreiberinnen. Sie reiben sich aneinander, motivieren sich und stacheln sich an, wenn es um ihre Bücher geht. Sie tratschen verspielt und verschmitzt, wenn es mal wieder um eine Liebesbeziehung der liebeshungrigen Sarah Kirsch geht. Sie vergehen vor Sorge, wenn eine von ihnen erkrankt.

„Dass Du nicht bei den toten Mädchen bist, ist etwas, das mich sehr sehr freut. Schön, dass Du noch hiergeblieben bist, auf dem beknackten Planeten“ (Sarah)

Die gegenseitige emotionale Öffnung in den ersten Jahren der Freundschaft wird zu bewegenden Momenten des Gänsehaut-Zuhörens. Wenn Wölfe den Kirschen schreiben, fühlt man das feste Band zwischen ihnen. Und dann spürt man den Wandel im Land. Die Zeiten werden kraftlos. Man schreibt anders, als man redet und sucht das Gleichgewicht. Immer wieder bringen sie sich in gegenseitige Balance. Sie halten sich aneinander fest. Doch nach der Ausreise Sarahs driftet vieles auseinander. Man spürt die Angst, jemand könnte die Briefe mitlesen. Belanglosigkeiten nehmen mehr Raum in ihren Briefen ein. Dabei ist Sarah Kirsch die mutigere Schreiberin. Für sie wird es im Heimatland immer enger, während Christa sich arrangiert.

Wenn ich an meine Menschenrechte denke. Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt! (Sarah)

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Briefwechsel – Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt

Dies ist eine zutiefst empathische und literarische Hörbuchproduktion, die nicht nur von den Verfasserinnen der Briefe lebt. Sie wird ihnen gerecht. Getragen wird sie jedoch von zwei Frauen, die eine Frauenfreundschaft stimmlich neu definieren. Es sind Iris Berben und Sandra Quadflieg, die mitreißen, einreißen, verstimmen, zanken und turteln. Ihr Stimmenumschwung macht den Stimmungsumschwung so plastisch. In ihrem Dialog lebt das Zeitgefühl von zwei großen Zeitzeuginnen des Wandels auf. Und in ihrer Härte am Ende aller Briefe kann man ermessen, was die Politik aus Menschen machen kann. Wer noch nichts von Sarah Kirsch und Christa Wolf gelesen hat, wird hier neugierig. Wer ihre Geschichte und ihre Geschichten kennt, wird hier in der Tiefe der Gefühle fündig. Und wer ganz einfach große Stimmen in großen Dialogen erleben möchte, der ist genau hier ganz genau richtig. Ich wurde in jeder Beziehung fündig.

Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt – Der Briefwechsel“ schließt an das ebenfalls von Sandra Quadflieg ins Leben gerufene Hörbuch Im Vertrauen / Briefe 1949 / 1975 an. Hier begegnen wir Hannah Arendt (gelesen von Katharina Thalbach) und ihrer Brieffreundin Mary McCarthy (gelesen von Sandra Quadflieg)…  Ich schrieb darüber in meinem Special zu Hannah Arendt:

Ein unglaublich tiefer Einblick in die Seelen zweier Seelenverwandter. Unter der Regie von Sandra Quadflieg entstand hier eine authentische Produktion, die rührt und bewegt zugleich. Katharina Thalbach (Hannah) und Sandra Quadflieg (Mary) schlüpfen nicht nur stimmlich in die Rollen ihrer Protagonistinnen. Man fühlt, dass es vibriert, atmet und bebt. Spannung, Sorge und Zuneigung werden mit Händen greifbar. Räumliche Distanz wird durch Worte zum Nichts. Ich blicke auf zweieinhalb Stunden eines Dialogs zurück, ohne den ich mir Hannah Arendt nicht ausmalen wollte. 

Diese Hörbücher nicht zu hören, wäre ein Fehler. Zuhören öffnet unsere Herzen.

Briefwechsel - Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt - sarah kirsch - christa wolf - astrolibrium

Sandra Quadflieg und Katharina Thalbach – Im Vertrauen

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Wenn Zeitzeugen sterben, wird aus Zeitgeschichte Geschichte. Wenn die Quellen zu schweigen beginnen, verlieren wir den wichtigsten Maßstab für den Wahrheitsgehalt dessen, was in Sekundärquellen berichtet wird. Wenn die Überlebenden des Holocaust nicht mehr zu uns sprechen, wenn wir ihnen keine Fragen mehr stellen, und wir ihren Warnungen nicht mehr folgen können, dann wird aus Geschichte Wissen aus zweiter Hand. Die Deutungshoheit über den real erlittenen Schrecken der Opfer liegt dann bei Menschen, die ihn nicht selbst erlebt haben. Im schlimmsten Fall bei Zweiflern, politisch motivierten Leugnern und Populisten, die uns glauben machen wollen, nichts habe sich so zugetragen, wie wir denken. Wenn die letzten Überlebenden gestorben sind, öffnen sich die Tore, unwidersprochen zu behaupten, den Holocaust habe es nie gegeben.

Nur jetzt, nur heute sind wir noch in der Lage, den Opfern des Nationalsozialismus zuzuhören, ihnen zu begegnen und aus ihren Geschichten zu lernen. Nur jetzt sind wir in der Lage, alles nur Menschenmögliche zu unternehmen und aufmerksam zuzuhören, wenn sie Zeugnis ablegen. Vielleicht ein letztes Mal. Zu viele Zeitzeugen des Holocaust sind in den letzten Jahren gestorben. Bis zuletzt erzählten sie kraftvoll ihre Geschichten vor Schülern, besuchten Gedenkstätten gegen den Naziterror und richteten flammende Appelle an uns, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Sie gaben uns keine Schuld an den Verfolgungen von einst. Sie wollten nur, dass millionenfaches Sterben und Leid nicht umsonst sein sollten. Sie hofften, dass wir den Ausgegrenzten und Entwürdigten ihre Würde zurückgegeben würden. Sie hielten sich an uns fest, weil es nur in unseren Händen liegt, die Wahrheit für sie weiter in die Welt zu tragen, wenn sie es selbst nicht mehr können.

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Auch Noah Klieger war einer von ihnen. Ein Überlebender. Ein verfolgter Jude, in dessen Geschichte das eigene Leben am seidenen Faden des Zufalls hing. Er sprach über seine Erlebnisse, er gab Interviews, diskutierte mit jungen Menschen und war bis zuletzt getrieben von der Mission, nichts möge in Vergessenheit geraten. Noah Klieger verstarb am 13. Dezember 2018 in Israel. Und heute? Schweigt er für immer? Gerät in Vergessenheit, was ihm damals in Auschwitz und in anderen Lagern widerfuhr? Nein. Einerseits kann man sein Zeugnis noch immer hören. Er gab Interviews, wurde gefilmt und schrieb selbst über sein Leben. Dass er niemals ganz in Vergessenheit gerät, ist sicherlich auch Takis Würger zu verdanken. Der Journalist und Schriftsteller hat ein Buch geschrieben, von dem man nicht behaupten kann, es sei ein „Buch über Noah KliegerNein. Es ist das Buch Noah, das er schrieb, weil er seine eigene Stimme in den Dienst eines Opfers des Holocaust stellte. Rechtzeitig, wie wir heute wissen.

Noah – Von einem, der überlebte

Warum jedoch sollten wir dieses Buch lesen? Man könnte sich Dokumentationen im Fernsehen und die Interviews mit Noah Klieger anschauen. Reicht das denn nicht aus? Eine schwere Frage, die eine komplexe Antwort verdient. Nein. Es reicht nicht aus. Ich habe sie mir angeschaut, die Momentaufnahmen seines Erinnerns. Als Erzähler seiner eigenen Geschichte musste Noah zugleich formulieren, erinnern, denken und abwägen. Das Narrativ des Überlebens passte sich dem zeitlichen Rahmen des Formates an und weist immer wieder leichte Veränderungen auf. Mal stehen die Wunder im Mittelpunkt. Wunder, denen er das Überleben zu verdanken hatte. Dann wieder sind es die Zufälle, die über Leben und Tod entschieden. Es bleiben eindringliche Momentaufnahmen, die unvergesslich sind. Takis Würger jedoch erweitert das Spektrum der Erinnerungen von Noah Klieger um die Dimension Zeit, die er mit dem Zeitzeugen verbrachte.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Es waren 2 1/2 Monate, die Takis Würger mit Noah Klieger in Tel Aviv verbrachte. Aus einer Momentaufnahme in Fernsehstudios oder Zeitungsinterviews wurde hier eine Dauerbelichtung der Erinnerung in der Dunkelkammer des Holocaust. Es ist jener nachhaltige Effekt, der sich in diesem Zeitzeugenbericht niederschlägt. Es ist nicht nur der Extrakt einer schnellen Verschlusszeit, den wir nacherleben dürfen. Es ist mehr. Im Nachwort zum Buch schreibt Alice Klieger, Noahs Nichte und letzte Blutsverwandte:

„Die Journalisten kamen normalerweise für einen Tag, oder eine Woche
und gingen wieder. Dieser war anders. Er blieb und hörte zu.“

Genau hier liegt das große Alleinstellungsmerkmal des nun vorliegenden Buches Noah – Von einem, der überlebteAus kürzester Distanz gelingt Takis Würger das Porträt eines Zeitzeugen, das nicht der Eile jeder Augenblicklichkeit unterworfen ist. Er beobachtete, hörte zu und schrieb dann, was sich hier dauerhaft verfestigt hatte. Takis Würger schrieb nicht seine Version der Geschichte. Er schrieb dazu:

„Dieses Buch ist Noahs Buch. Dies ist Noahs Geschichte. Er war dabei.
Er hat mich gebeten, das Zeugnis seines Lebens festzuhalten.
Seine Erinnerung. Das habe ich versucht.“ 

So sollten wir uns diesem Buch nähern. Es steht in der Tradition der mündlichen Überlieferung und Takis Würger ist Bote und Zeuge zugleich. Er geht behutsam mit der ihm anvertrauten Geschichte um, erzählt sie nicht aus der Sichtweise des Ich-Erzählers und wahrt dadurch eine Distanz, die es ermöglicht, das Unaussprechliche zu schreiben.

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Genau an dieser Stelle lasse ich euch inhaltlich mit dem Buch alleine. Genau hier muss jeder wissen, worauf er sich einlässt, einem Überlebenden in dessen Geschichte zu folgen. Auschwitz, Josef Mengele, Zwangsarbeit bis zur Vernichtung, Ravensbrück, Todesmärsche, Willkür und systematische Entrechtung sind die Wegmarken, die hier gesetzt sind und in denen sich das Leben von Noah Klieger abspielt. Es sind relevante Aspekte, die er beleuchtet. Die Hilflosigkeit, die brutale Gewalt und auch der Großmut einiger Weniger, die ihm geholfen haben. Es ist die Erkenntnis, nach dem Ende eines Vernichtungskrieges nicht frei zu sein. Es ist der nachvollziehbare Wunsch, endlich in einem Land leben zu wollen, in dem man sicher ist. Es ist die zionistische Perspektive des Überlebenden, die man verstehen kann. Und es ist die Geschichte einer weiteren Flucht an Bord eines Schiffes, das zum Synonym für nicht enden wollendes Leid steht: „Exodus„.

Wer diesen Weg mit Noah Klieger und Takis Würger geht, wird verstehen, warum diese Geschichte niemals vergessen werden darf. Hier ist nicht nur von Noah die Rede. An den Kreuzungen zwischen Leben und Tod wird auch jenen Menschen gedacht, die durch ihren Mut Leben gerettet haben. Hier zeigt sich wozu man fähig ist, wenn man es wirklich will. Die große Stärke dieses Buches und der große Unterschied zu Interviews mit Noah Klieger ist seine eigene Positionierung in diesem Medium. Bisher hatte er die Fragen zu beantworten. Hier stellt er sie. Hier wendet sich der Überlebende mit einem Fragenkatalog an uns, an seine Nachwelt, an alle Menschen. Und er fragt sich selbst, ohne Antworten zu finden:

„Wie kann ein normaler Menschen begreifen, dass er plötzlich in der Hölle ist?
Wie kann ein Mensch das verkraften?

„Wieso folgt ein Volk einem dahergelaufenen Anstreicher,
einem Österreicher, der aussieht wie eine Karikatur?“ 

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Ich werde Noah Klieger nicht vergessen. Ich werde auch die Menschen nicht mehr vergessen, die seinen Schicksalsweg teilten. Eva Mozes Kor oder Max Mannheimer. Ich habe Überlebende des Holocaust kennengelernt, mit ihnen gesprochen und weiß wie sehr die offenen Fragen auch ihr Leben beeinflusst haben. Takis Würger hat sich in diesem Buch sehr weit zurückgenommen. Er lässt es für sich und Noah sprechen. In der Vergangenheit hat er viel Kritik für seine literarische Methodik eingesteckt. „Stella“ habe auch ich vor diesem Hintergrund kritisch hinterfragt. „Noah“ ist aus meiner Sicht ein wichtiges und großes Buch, weil es inhaltlich und methodisch über jeden Zweifel an seiner Entstehung und Intention erhaben ist. Es ist das Buch von Noah. Das sollten wir nicht vergessen. Ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen und die erfüllte Hoffnung von Noah Klieger, man möge sich erinnern. Das ist die Essenz dieses Werks.

Der Tradition der mündlichen Überlieferung folgt nicht nur Takis Würger, ihr folgt auch die aufwendige Umsetzung seines Buches in seiner Hörbuchfassung. Was sich eigentlich anfühlt, wie eine Geschichte, die von einem Sprecher erzählt werden müsste, wird zu einem mehrstimmigen Kanon, der sich in mir eingebrannt hat. Jedes der vier Buchkapitel wird von einem Sprecher gelesen. So entsteht ein bleibender Eindruck der Staffelübergabe jenes Erlebnisberichts von einem Menschen zum nächsten. Höhepunkt dieser Inszenierung ist der Teil, in dem sich Noahs Fragen Raum verschaffen. Es sind viele Stimmen, die diese Fragen stellvertretend für ihn stellen. Es sind letztlich wir selbst, die hier zu Fragenden werden. Hier wird deutlich, dass uns alle dieses Buch angeht. Es mag die Geschichte eines Einzelnen sein und doch ist es die Geschichte vieler, vor der wir uns nicht verschließen dürfen. Hier erreicht das Hörbuch eine ungekünstelte Wucht, die zeigt, was Stimmen bewegen können. Eine eigens den Nachworten gewidmete CD rundet diesen Gesamteindruck ab. Herausragend.

Noah – Von einem der überlebte“ – ungekürzte Lesung mit Aaron Altaras, Jannik Schümann, Sabin Tambrea, Adriana Altaras, Anna Thalbach, Takis Würger. Drei Stunden und 30 Minuten gegen das Vergessen vertiefen den Eindruck, den Noah Klieger selbst immer wieder in den Mittelpunkt stellte:

„Ich weiß, es ist schwer zu verkraften, 
aber es war so.“

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NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger