Die Mauer von John Lanchester – Die Festung England

Die Mauer von John Lanchester - AstroLibrium

Die Mauer von John Lanchester

Ein mitteleuropäisches Land umgibt sich mit einer 1000 Kilometer langen Mauer, um sich vom Rest der Welt abzuschotten. Und das schon in naher Zukunft. Stoff für einen guten Roman. Sicherlich. Doch ist er als Utopie, Dystopie oder gar schon als real zu betrachten? Womit haben wir es zu tun? War George Orwells Überwachungsstaat zum Zeitpunkt des Schreibens noch weit entfernt – er schrieb „1984“ im Jahr 1946 – so wirkt ein Roman über ein Land als Festung in der heutigen Zeit nicht mehr weit entfernt. Denkt man an eine Mauer zwischen den USA und Mexico, an israelische Sperranlagen zum Westjordanland, die vor dreißig Jahren gefallene Mauer zwischen zwei deutschen Staaten, dann hat man das ungute Gefühl, diese Betongrenzen würden in der Tradition der Chinesischen Mauer ein neues Eigenleben entwickeln.

Da kommt John Lanchester gerade zur rechten Zeit. Beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Mauer“ ein Großbritannien, wie wir es uns noch vor ein paar Jahren nicht hätten vorstellen können. Im Herzen Europas, tief verankert in der Gedankenwelt einer Europäischen Gemeinschaft. Doch jetzt? BREXIT. Loslösung, Abkopplung, Alleingang und Separatismus. Was kommt danach? Hoffentlich nicht das, was Lanchester uns ins Stammbuch des guten Lesens schreibt. Doch wohl hoffentlich nicht das Szenario, dem er sich in seinem Roman dystopisch hingibt. Eine Gesellschaftsordnung mit negativem Ausgang. Nicht positiv utopisch geprägt, nicht losgelöst von der Realität, sondern eben auf ihr basierend und die Schraube bis zum Anschlag weitergedreht. England wird zur Festung.

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Die Mauer von John Lanchester

Wie das aussieht? Erschreckend einfach und ebenso plausibel. Eine Mauer zieht sich rund um die gesamte Insel. 1000 Kilometer lang. Unüberwindbar hoch. Die Grenze zu Großbritannien wird an Land gezogen. Keine Strände mehr. Keine Touristen, keine lustigen Bootsausflüge oder Angeltouren auf See. England hat sich eingeigelt. Und für alle jungen Briten gilt es, diesen Schutzwall unter Einsatz des eigenen Lebens bis aufs Blut zu verteidigen. Das ist der Rahmen, den John Lanchaster anschaulich beschreibt, als wäre er real. Die Regeln, Normen und Gesetze des abgeschotteten Landes gelten nur noch in seinem Inneren. Sie sind hart. Unmenschlich, aber wohl alternativlos, wenn man England schützen will.

Vor den Anderen. Die Deutungshoheit überlässt der Autor seinen Lesern. Es sind die Heerscharen der Anderen, die sich Zutritt verschaffen wollen, die die Insel belagern und illegal ins Land kommen wollen, um es von innen auszuhöhlen. Gesichtslos bleibt die Bedrohung. Ganz anders, als die jungen Menschen, die auf der Mauer ihren Dienst versehen. Und dies unter Androhung drakonischer Bestrafung, sollte es den Feinden in irgendeiner Art und Weise gelingen, die Mauer zu überqueren. Ein Versagen hat für die Verteidiger zur Folge, dass sie sich künftig dort wiederfinden, wo der Feind herkam. Auf dem Meer. Draußen. Ausgesperrt. Ein tödlicher Rollentausch. Hoffnungslos, denn auch andere Länder haben sich abgeschottet. Das Meer als modernes Fegefeuer. Hier treibt man, den Elementen ausgeliefert im Niemandsland umher.

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Die Mauer von John Lanchester

Unvorstellbar? Oh nein. Nur konsequent weitergedacht und brillant erzählt. Man möge sich nur auf den Erzählstrom des Autors einlassen, dann sieht man sich selbst in der Rolle des Verteidigers auf dem Bollwerk gegen das Fremde, gegen Flüchtlinge und Kriminelle. Gegen alle, die man nicht auf der Insel der Glückseligkeit haben will. Keine Frage zum Rahmen bleibt unbeantwortet. Das Szenario wird anschaulich beschrieben. Der Wachdienst auf der Mauer, die Ruhephasen, der Druck und das Gefühl, nun zu der letzten Welle derer zu gehören, die ihr Land beschützen. All dies findet Raum in einem Roman, der von Seite zu Seite eindringlicher nach unserem Gewissen greift. Haben wir die Mauer nicht schon im Herzen? Ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis sie sich wieder in die Höhe schrauben kann? 

Nichts ist weit weg. Wir folgen dem jungen Joseph Kavanagh auf die Mauer. Er ist neu. Ein Frischling. Und so, wie man ihm seinen Alltag und seine Pflichten erklärt, fühlt sich auch der Leser zwangsrekrutiert. Zeit wird zu Kaugummi. Kälte und Wind mutieren zu lebensunwirklichen Feinden. Die Gemeinschaft wird eng. Aus jungen Menschen hat das System in kurzer Zeit kampfbereite Verteidiger und Verteidigerinnen gemacht. Wie es dazu kam? Wie diese Mauer entstand? Wie es im Inland aussieht? Wie im Ausland? Woher die Anderen kommen? Dies alles zu denken überlässt uns der Autor. Er erzählt von einer Zeit vor dem Wandel (in dem wir jetzt wohl leben) und der Zeit danach (die er uns vor Augen führt). Das „Dazwischen“ formt sich lesend in unserer Fantasie. Ein sehr faszinierender Leseprozess, in den er uns verwickelt. Diese Unmittelbarkeit trifft uns im Herzen. Die Unvermeidbarkeit zu erkennen, lässt uns innerlich kollabieren.

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Die Mauer von John Lanchester

Die Schauplätze Der Mauer sind an zwei Fingern abzuzählen. Die hier agierenden Personen bleiben überschaubar. Das Menschliche tritt nur dann zutage, wenn aus dem Alltag Routine wird. Nichts ist weit weg. Für alle Bilder finden wir Entsprechungen. Kein Bild, dass es noch nie gegeben hat. Mauerschützen in Ostberlin, Hochsicherheitszonen zwischen Nord- und Südkorea. Wir sind im Bilde. Nur die Größe und die Konsequenzen machen uns sprachlos. Ein Vorgesetzter, der einst ein „Anderer“ war, Politiker, die sich nicht scheuen, die jungen Kämpfer als Kanonenfutter zu sehen und ein System, das im Verteidigen der Mauer einen ähnlichen Schwerpunkt sieht, wie in der Fortpflanzung der Bürger, machen diesen Roman zu einem dystopischen Ereignis. Als Kavanagh beginnt, sich zu arrangieren und gleichzeitig die Nähe zu einer jungen Verteidigerin sucht, dreht sich die Geschichte in eine unausweichliche Richtung. Ein Angriff, Verrat und „Andere“, denen das Unglaubliche gelingt.

John Lanchester vermittelt uns das Gefühl, immer im selben Boot zu sitzen, wie sein Antiheld. Ihm gelingt es, uns aufzurütteln und Nachrichten anders zu schauen. Er schärft unseren Blick und versetzt uns den Schock, uns schon jetzt in der Vorstufe des Mauerbaus zu befinden. Flüchtlinge in Seenot. Die gefühlte Festung Europa. Populisten und ihre Hassaufrufe. Alles macht sich während des Lesens breit. Wir würden so gerne rufen „Mr. Lanchester, tear down this wall!“ Ich habe an Pink Floyd und „The Wall“ gedacht. Ich habe den Widerstand in mir gefühlt. Nur relevante Bücher bringen mich an diese Grenze, an der noch keine Mauer steht. Johannes Klaußner hat mir Die Mauer vorgelesen. Eindringlich und unmittelbar, wie ich es gehofft hatte. Sieben Stunden und vier Minuten dauerte meine Dienstzeit auf der Mauer und die Leidenszeit danach. Eine Produktion, die dem Roman in jeder Beziehung gerecht wird. Klaußner macht Zuhörer zu Kameraden, Weggefährten, Komplizen, Versagern, Liebenden und Verzweifelten.

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Die Mauer von John Lanchester

Der renommierte Booker Prize hat Die Mauer bereits auf der Longlist für einen möglichen Preisträger 2019. Ich bin der Meinung, dass es John Lanchester verdient hätte, für seine außergewöhnliche Story ausgezeichnet zu werden. Die aktive Rolle, die man als Leser oder Hörer einnimmt, lässt nicht nur die spürbare Nähe zum Geschehen entstehen. Sie macht uns zu Beteiligten in der Entstehungsphase des Mauerbaus. Wir sollten diese Rolle annehmen und uns gegen innere und echte Mauern erheben. Sonst gehören unsere Kinder bald wieder zu den Verteidigern gegen das „Andere“. Ich finde, dass es diese Aspekte sind, die ein paar unnötige Längen im Roman kompensieren. Ich hätte mir weniger, rein äußerliche Beschreibungen von Regeln und Abläufen gewünscht und dem Innenleben der Protagonisten gerne mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Wer „Die Mauer“ liest oder hört, der kann einen Schritt weitergehen. Nicht nur ein britisches Thema, ein solch menschenunwürdiger Schutzwall in der Literatur. Endland von Martin Schäuble gestaltet einen vergleichbaren Schutzwall zwischen Deutschland und seinen Nachbarländern. Sein Roman begegnet der ideologischen Haltung, mit der man diese Mauer gegen Flüchtlinge verteidigt auf einem Niveau, das ihn in den Kanon der Schulbücher erhoben hat. Auch „Die Insel“ von Armin Greder widmet sich einer in sich geschlossenen Gesellschaft. Ein Bilderbuch, das mit voller Wucht gegen die Angst kämpft, sich gegenüber „Anderen“ zu öffnen! Wie man andererseits eine solche Mauer zu überwinden versucht, beschreibt Timur Vermes in seiner Satire „Die Hungrigen und die Satten“ bis zur letzten tödlichen Konsequenz. Wäre ich Buchhändler / in, ich würde diese Bücher gemeinsam präsentieren. Ein Büchertisch unter der Überschrift „Bücher statt Mauern“ wäre substanzieller als so manche Parole aus der Vergangenheit.

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ (Innerdeutsche / politische Lüge am 15.06.1961, Walter Ulbricht)

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Die Mauer von John Lanchester

Dieser Roman ist kein Mauerblümchen. Er wuchert sich wie literarisches Unkraut in die Gedankenwelten der Leser und Hörer. Nicht auszurotten, weil die täglichen Stilblüten der Populisten wie Baupläne für künftige Bollwerke wirken.

„Die Mauer“ von John Lanchester
Buch: Klett – Cotta Verlag / dt. von Dorothee Merkel / 348 Seiten / 24 Euro
Hörbuch: Random House Audio / gekürzt / 6 CDs / 7 Std. 4 Min. / Sprecher: Johannes Klaußner / 25 Euro

Der dunkle Bote von Alex Beer

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Ich trage jetzt keine Hörbucheulen nach Athen, wenn ich betone, dass ich Bücher der österreichischen Schriftstellerin Alex Beer sehr gerne lese und auch höre! Es war und ist ein spannendes und atmosphärisches Vergnügen, ihr zu vertrauen und sich an ihrer Seite in Szenarien zu begeben, die nachhaltig faszinieren. Ich liebe Wien, wie sie es beschreibt. Ich liebe die Authentizität ihrer Romane im historischen Setting einer Zeitscheibe des vergangenen Jahrhunderts, die Österreich so sehr veränderte, wie nie zuvor oder danach. Nach dem Ersten Weltkrieg ist nichts mehr, wie es war. Kein Stein ist noch dort, wo er sich in der KuK-Monarchie befunden hat. Aus einem Kaiserreich ist ein kleines bedeutungsloses Ländchen geworden. Kriegsverlierer.

Alex Beer siedelt genau in dieser Epoche ihre Krimi-Reihe um Kriminalinspektor August Emmerich an. Zuletzt habe ich Die rote Frau, den zweiten Teil der Buchreihe vorgestellt. Genau das ist das Schöne, wenn man sich als Blogger über einen längeren Zeitraum mit einer Autorin und ihrem Werk auseinandersetzt. Ich muss nicht mehr weit ausholen, muss nicht mehr auf den facettenreichen Charakter ihres Protagonisten und die Menschen in seinem Umfeld eingehen. Ich darf, ebenso wie die Autorin, einiges als bekannt voraussetzen und kann gleich einsteigen. Wer liest schon eine Rezension über den dritten Band einer Krimiserie? Zumeist Leser, die sich schon zu den Weggefährten einer Autorin zählen. Ihnen sage ich hier herzlich willkommen zurück in Wien. Und falls sich jemand hierhin verirrt haben sollte, der noch nichts von August Emmerich gelesen oder gehört haben sollte… Es ist nie zu spät, in eine gute Story einzusteigen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Nahtlos geht es weiter. Nahtlos schließt „Der dunkle Bote“ da an, wo uns Alex Beer im zweiten Teil ihrer Buchreihe zurückgelassen hat. Wir befinden uns in Wien. Wir sind im brutalen Winter des Jahres 1920 angelangt. Das ganze Land scheint im Vakuum zu versinken, das der verlorene Krieg erzeugt hat. Arbeitslosigkeit und Hunger haben tiefe Spuren hinterlassen. Kein Wunder, dass in diesen wirren Zeiten einzig die Kriminalität Hochkonjunktur feiert. Auch kein Wunder, dass die Wiener Polizei kaum in der Lage ist, den bestens organisierten Banden in der Hauptstadt etwas entgegenzusetzen. Wien ist ein wahres Feuchtbiotop für Kapitalverbrechen. Identitäten können gewechselt werden, wie die Unterwäsche, Spuren führen ins Nichts und die Mittel der Polizei sind begrenzt. Mit konventionellen Mitteln ist diese Welle nicht zu stoppen.

Außer man ist unkonventionell in der Wahl der Methoden. August Emmerich ist ein Synonym für unkonventionelle Ermittlungen. Er überschreitet Grenzen, wenn es gilt die Verbrecher dingfest zu machen, die keine Grenzen kennen. Emmerich kennt auch kein Pardon, wenn es um sich selbst geht. Recht und Gesetz ist alles unterzuordnen. Selbst die größten Probleme im eigenen Leben haben zurückzustehen. Und davon hat er eine große Portion im Gepäck. In genau diesem Nistkasten des Bösen siedelt Alex Beer die Verbrechen an, mit denen sie ihren Ermittler konfrontiert. Keine Schonkost. Es ist mehr als blutig und nervenaufreibend, was sie ihm vorsetzt. Auch in diesem Fall.

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Leib und Leben“ (wir würden es Morddezernat nennen) stehen erneut im Mittelpunkt mehrerer Verbrechen, die auf dem Tisch von August Emmerich landen. Es ist nicht nur ein Mord, der die Stadt erschüttert, es sind die Rahmenbedingungen der Tat, die es in sich haben. Schrecklich zugerichtet und schockgefroren. So kann man den Zustand der Leiche beschreiben, die gleich mehrere Rätsel aufgibt. Dieser Mord entpuppt sich bald als erste Strippe einer ganzen Seilschaft von Verbrechen und Emmerich wirkt, als hätte er an einer chinesischen Losbude an allen Fäden zugleich gezogen. Freie Auswahl. Es treibt ihn in die Wiener Unterwelt, er begegnet seinen Informanten und alten Bekannten und sondiert im Treibsand des organisierten Verbrechens.

Die Spuren werden nicht wärmer. Er stochert im Dunkeln, bis ein Bekennerschreiben auftaucht, das diesen Mord zum Startpunkt einer beispiellosen Mordreihe macht. Beleg für die Echtheit des Schreibens ist ein Körperteil des Opfers, das am Tatort vergeblich gesucht wurde: Die Zunge. Was zunächst wie ein Racheakt an einem Einzelnen wirkt, entwickelt sich zu einem rasanten Wettlauf mit einem Serienmörder. Die Welt der Clans und Kriegsgewinnler gerät in den Mittelpunkt der Ermittlungen, doch August Emmerich wird das Gefühl nicht los, dass er völlig falsch liegt. Er sollte damit richtig liegen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Alex Beer bleibt ihrer Linie treu. Sie entwickelt ihren Protagonisten beharrlich weiter und macht es dabei sich selbst und ihm nicht leicht. Ihr Spiel mit Identitäten und Spuren ist ein Spiel auf allerhöchstem Niveau. Ihr Spielfeld ist dabei grandios gewählt. Was sie erzählt, kann nur zu dieser Zeit und nur an diesem Ort so geschehen sein. Lokalkolorit und Plausibilität gehen hier Hand in Hand. Die Wendungen ihrer Story sind dabei kaum vorhersehbar, aber im Rückblick ausgesprochen logisch. Nichts ist konstruiert. Hier hat alles Hand und Fuß. Detailverliebt verliert sie das große Ganze nicht aus dem Auge. In dieser Reihe bestechen nicht nur die Kriminalfälle. Sie sind „Der dunkle Bote“ für eine inhaltliche Klammer, die uns den Menschen Emmerich näherbringt. Eine Klammer, die  über der Buchreihe liegt und alles zusammenhält.

Alex Beer bringt uns soweit, dass wir die Morde lieber vernachlässigen würden, um ihrem Inspektor zu helfen. Sie bringt uns soweit, dass wir uns mehr Gedanken um ihn selbst machen, als um die Kriminalität in Wien. Sie bringt uns soweit, dass wir ihm eine Zuneigung entgegenbringen, die er von sich weisen würde. Emotionen sind nicht seine Welt. Aber in diesem Fall bringt Alex Beer ihren August Emmerich zum Weinen. Stark erzählt, atmosphärisch dicht und in den Nebenrollen oscarreif besetzt. Es ist kein Zufall, dass man den nächsten Band der Reihe herbeisehnt, weil sich die Autorin einen Cliffhanger gönnt, der uns die Wartezeit bis zum vierten Fall für Leib und Leben wie eine Ewigkeit vorkommen lässt.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Nein, ich habe nicht das Buch gelesen. Ich bleibe hier den Hörbüchern treu. Und das aus gutem Grund. Cornelius Obonya. Reicht der Name des Sprechers aus oder muss ich weiter ausholen? Gerne. Cornelius Obonya lebt diese Buchreihe. Sie scheint den Stimmen, die aus ihm herausbrechen auf den Leib geschneidert zu sein. Er bietet alles, was die untergegangene KuK-Monarchie sprachlich und stimmlich zu bieten hat. Er lässt alle Dialekte der Wiener Unterwelt auferstehen. Serbisch, Ungarisch, das alte Wien selbst und natürlich August Emmerich, dem er eine Stimmfarbe verleiht, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man kann mit Obonya lachen und weinen, man folgt seinen Lippen, weil man ihn nicht unterbrechen möchte. Im seinem Sprachgewitter hat die Buchreihe von Alex Beer ihre kongeniale Entsprechung gefunden. Wer Obonya nur einmal gehört hat, der wird sich von der Stopptaste seines MP3-Players verabschieden.

Großes Kopf- und Ohrenkino. Gut und Böse verschwimmen, Sympathie mit einem Täter kann das Ergebnis des Lesens und Hörens sein. Ein Gefühl, das Alex Beer hier zu einer eigenen Kunstform erhoben hat. Bitte mehr davon.

PS: Wer in der Beschreibung der politischen Wirren im damaligen Wien Parallelen zur aktuellen Situation entdeckt, der geht Alex Beer ganz direkt auf den Leim. Sie schreibt nicht nur Krimis. Sie spiegelt unsere Welt in einer Epoche, die wir für längst vergangen halten. Der Schuss sitzt. Volltreffer ins Leserhörergewissen.

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Der dunkle Bote von Alex Beer

Der dunkle Bote – Alex Beer
Buch: Limes Verlag / 400 Seiten / Hardcover / 20 Euro
Hörbuch: Random House Audio / gekürzte Lesung mit Cornelius Obonya / 6 CDs / Laufzeit 7 Std. 37 Min. / 20 Euro

Bisher erschienen in der August-Emmerich-Reihe: Der zweite Reiter, Die rote Frau, Der dunkle Bote

Der Wald von Nell Leyshon [Das Hörbuch]

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Der Wald von Nell Leyshon

Machen wir es kurz. Hätte ich den Roman „Der Wald“ von Nell Leyshon gelesen, er hätte keinen Platz in der kleinen literarischen Sternwarte gefunden. Alleine schon, weil ich das Buch nicht beendet hätte. Und selbst wenn. Ich hätte keine große Lust gehabt, es zu rezensieren. Romane, die mir nicht gefallen, mit denen ich nicht warm werde und die meinen Erwartungen nicht entsprechen, sollen mir nicht auch noch die Zeit stehlen, die ich für mein liebstes Hobby aufwende. Das Schreiben über gute Literatur.

Zumeist mache ich nicht dem Autor den Vorwurf, mich nicht erreicht zu haben. In den meisten Fällen liegt es einfach an mir, am falschen Zeitpunkt des Lesens oder den thematischen Irrungen und Wirrungen, die mich plötzlich überraschten. Warum ich nun hier sitze und einen Artikel schreibe in dessen Mittelpunkt „Der Wald“ steht, hat nichts, aber auch gar nichts mit der literarischen Qualität des Buches zu tun. Diese Rezension verdankt das Buch ausschließlich der Sprecherin, die mich im Hörbuch aus dem Studio von Random House Audio zehn Stunden lang daran gehindert hat, die Stopptaste zu drücken. Laura Maire.

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Der Wald von Nell Leyshon

Warum hätte ich den Roman abgebrochen? Eine Frage, die ich wirklich mit Fug und Recht beantworten kann, weil ich hörend bis zu seinem Ende angelangt bin. Das große Potenzial des ersten Abschnittes wird in den beiden darauffolgenden Kapiteln in keiner Weise mehr ausgeschöpft. Charaktere entwickeln sich nicht mehr nachvollziehbar und der gut aufgebaute Spannungsbogen der Einleitung verpufft völlig ungenutzt im Leeren. Längen breiten sich aus und stürzen ins Bodenlose ab. Wir befinden uns in Warschau und erleben die von Nazis besetzte Stadt. Authentisch ist die Beschreibung der Bilder, in denen die nackte Angst ums Überleben und Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung im Mittelpunkt stehen. Hier begegnen wir dem jungen Pavel, dessen Vater im Widerstand kämpft, dessen Großmutter als Ärztin ihrer Mission selbstlos folgt und seiner Mutter, die versucht, alles zusammenzuhalten. Zofia ist in größter Sorge und versucht alles, um die kleine Familie durch die Wirren des Zweiten Weltkrieges zu lenken.

Nur nicht auffallen. Nichts falsch machen. Sich auf keinen Fall zeigen. Sich selbst und ihren Sohn, ihre Schwester und ihre Mutter vor den Augen der Nazis verbergen. In dem Moment, in dem ihr Mann einen schwerverletzten britischen Soldaten mit ins Haus bringt, um ihn dort sterben zu lassen, verändert sich alles. So, wie der Verbündete aus dem Himmel gefallen ist, so fällt Pavels Familie nun der Krieg vor die Füße. Die Folgen sind dramatisch. Großmutter und Tante werden gefasst, der Vater flieht und Pavel und seiner Mutter bleibt nur die Flucht in den Wald. PUNKT. Bis dahin fesselnd. Starke und plausible Charaktere und ein Setting, das ganz nach meinem Geschmack war, wenn es darum geht, Geschichten gegen das Vergessen zu lesen. So viel Potenzial.

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Der Wald von Nell Leyshon

Und dann? Nachdem die Charaktere aufgebaut und beschrieben sind? Dann geht es hinein in den Wald. Ein Bruch, den die Handung schon hier kaum verkraftet, spielen doch die Personen, für deren Schicksal man sich bis hierhin interessiert hat, schon jetzt keine Rolle mehr. Und nachdem sich die Handlung mühsam über die Abgeschiedenheit des Waldes und das Warten auf das Ende des Krieges erstreckt hat, landen wir im Hier und Jetzt. London. Zofia ist Sofia und Pavel ist Paul. Der Krieg liegt lange hinter ihnen. Und nicht nur das. Das normale Leben in einer Beziehung zwischen Mutter und Sohn rückt in den alleinigen Mittelpunkt. Die Geschehnisse in Warschau? Irrelevant. Hier wird plötzlich das Liebesleben des erwachsenen Mannes wichtig und die Tatsache, dass er der Erwartungshaltung seiner Mutter nicht entspricht, mutiert zum Auge des Orkans. 

Warum ist sein Vater nicht geflohen? Wie verkraftet man die Zeit und die Trennung? Was trieb Sofia an, einfach so erneut zu heiraten? Warum schafft sie es nicht, nur eine Sekunde lang ihre Dauer-Nabelschau zu unterbrechen? Sie wird von Kapitel zu Kapitel nerviger, unsympathischer. Selbstreflexion ohne Hintergrund. Ihre Persönlichkeit ist mit der Vorgeschichte kaum in Einklang zu bringen. Als hätte die Autorin plötzlich die Idee gehabt einen Roman über eine konservative Mutter und ihren homosexuellen Sohn zu schreiben. Vergiss, was vorher war, lieber Leser. Hat nicht mehr zu interessieren. Sofia und ihr nagender Selbstzweifel bestimmen die Geschichte. Die Handlungsfäden reißen ohne Vorwarnung. Verlust, Verfolgung, Traumatisierung und Trennung. Nein. Das sind hier nicht die Determinanten des Romans, der zu Beginn genau das versprochen hatte.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Es plätschert dahin. Immer belangloser und ohne jede Verbindung zu der Geschichte, die eigentlich begeistern konnte. Nell Leyshon erzählt sprachlich gediegen. Sie vermag ihre Leser im ruhigen und sanft fließenden Strom ihrer Geschichte mitzunehmen. Doch hat sie für mich den Faden verloren und bis zum Ende nicht wiedergefunden. Themen werden in einen Topf geworfen, die dem Großen und Ganzen des Romans nicht mehr entsprechen. Damit wird aus dem Beginn eine bloße Kulisse. Das besetzte Warschau hat keine Relevanz für den Hauptteil des Romans. Zuletzt greift emotionaler Kitsch um sich. Das war besonders schwer zu verkraften. Warum ich trotzdem blieb? Warum ich mich nicht trennen konnte?

Ich war es Laura Maire schuldig. Ich dachte mir, wenn sie das hier durchzieht, dann schalte ich nicht ab. Wenn sie zehn Stunden lang alles investiert, um den Charakteren Leben und Kontur zu verleihen, dann höre ich zu. Das habe ich nicht bereut. Ich werde es nie bereuen. HörbuchsprecherInnen können Bücher retten. Das hat Laura Maire bewiesen. Ihre Dialoge zwischen Pavel und seiner Mutter sind stimmliche Meisterwerke und suchen Ihresgleichen. Ihre Betonung von Worten ist ein Spiel mit der Gänsehaut des Zuhörers. Kein Satz endet hart oder abrupt. Er klingt aus. Worte enden offen und sanft gehaucht, um im Nachhall haften zu bleiben. Ihre Pausen veredeln jeden Text. Ihr Wispern, Atmen und Zaudern sind Stilmittel einer großen Interpretin. Ihr gelang, was im Buch nicht möglich gewesen wäre. Sie trug mich bis zum Ende. Dafür bin ich dankbar.

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Der Wald von Nell Leyshon

Ich stehe mit meiner Meinung nicht alleine da. Ich tauschte mich schon während ich dem Hörbuch folgte mit Lesern und Hörern aus. Auf MonerlS-bunte-Welt findet ihr die Rezension, in der ich mich selbst wiederfinde. Ich war mir nie unschlüssig, was ich hier erlebte. In der Diskussion mit Monerl jedoch wurde mir klar, dass ich darüber schreiben muss. Ob ich jetzt das hochgelobte Hörbuch „Die Farbe von Milch“ von Nell Leyhon hören werde, daran zweifle ich noch. Zwar wartet hier ebenfalls Laura Maire auf mich, aber mein Vertrauen zur Schriftstellerin ist dezent gestört. Ich mag schon sehr, wenn in einer Schachtel das drin ist, was von außen suggeriert wird. Ich kaufe mir schon gerne festes Schuhwerk, wenn ich in einen Krieg ziehen will. Plüschpantoffel im Stiefelkarton zu finden, ist eher ernüchternd.

Laura Maire bei AstroLibrium. Von Anna und der Schwalbenmann über Aquila bis hin zur Höredition der Weltliteratur. Sie ist jedes Hören wert. Verneig.

Der Wald von Nell Leyshon - Astrolibrium

Der Wald von Nell Leyshon

Der Wald“ / Nell Leyshon / Random House Audio / gekürzte Lesung / 10 Std. 2 Min. / Sprecherin: Laura Maire / 8 CDs / 22 Euro / Dt. Wibke Kuhn / Roman: Eisele Verlag

„Niemals ohne sie“ von Jocelyne Saucier [Das Hörbuch]

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Es sind die verlorenen Mädchen, die in der kleinen literarischen Sternwarte eine neue Heimat finden. Es sind Mädchencharaktere in der Literatur, die auf der Strecke bleiben. Ausgegrenzt, verlassen, heimatlos oder einfach spurlos verschwunden. Ich bin zeitlesens auf der Suche nach Romanen, in denen ich diesen besonderen Mädchen in ihren Geschichten begegne. Selten zuvor sprang mich der Titel eines Romans so sehr an, wie dieser: „Niemals ohne sie“. Schon auf den ersten Blick war mir fast klar, dass ich im Buch von Jocelyne Saucier auf ein solches Mädchen stoßen würde. Mir war nur nicht klar, wie intensiv mich dieses Mädchen beschäftigen sollte, obwohl ich es niemals kennenlernen würde.

21 Kinder gehören zur Familie. 21 Kinder haben die Cardinals in die Welt gesetzt. Da verliert man schnell den Überblick und es fällt schon schwer, die Familie durch Untiefen und Schicksalsschläge zu navigieren. Besonders, wenn der Familienvater sein ganzes Leben lang immer ganz knapp am Glück vorbeigräbt. Als Erzsucher verdient er seinen Lebensunterhalt. Als Erzsucher wird er von allen geachtet und zugleich belächelt, liegt es doch in seiner Natur, immer nur erste Ausläufer neuer Erzvorkommen zu entdecken. Man muss ihm nur folgen und ein paar Meter neben ihm Graben. Schon hat man Glück und er blickt in die Röhre. Fatal für ihn. Fatal für die Familie. Er hat mehr Menschen im Minenstädtchen Norco reich gemacht, als man sich vorstellen kann. Sein Glück hat nie auf seine Frau und seine Kinder ausgestrahlt.

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Sie fühlen sich betrogen. 21 betrogene Kinder und ihre betrogenen Eltern. Sie haben einen Plan, der das Glück erzwingen soll. Ein Plan, der Untertage liegt. Vor den Augen der Bewohner Norcos verborgen. Vor den Augen der Welt verborgen. 23 Verschwörer verbünden sich gegen die Welt. Nur ein paar Cardinals sind noch zu klein, um alles zu begreifen. Der Familienverbund organisiert sich. Ältere kümmern sich um Jüngere. Die Jungs fechten die Hierarchie aus, wer ihrem Vater zur Hand gehen darf und die Mutter versinkt in einer erschöpften Lethargie. Gezeichnet von 21 Geburten und nur noch vom Willen beseelt, ihre Kinder zusammenzuhalten. Untertage scheitert auch der Plan. Eine Explosion zerreißt nicht nur die Stille der Nacht. Sie zerreißt alles, was die Cardinals zu dem gemacht hat, was sie für einander waren. Untertage wird die Familie versprengt.

In der Nacht des fatalen Scheiterns senkt sich der dunkle Mantel des Schweigens über die Familie. Es gilt nicht nur Spuren zu verwischen, sondern auch einen Verlust vor den Augen ihrer eigenen Mutter zu verbergen, der schwerer wiegt, als die Aussicht auf ein Leben ohne den Reichtum, um den sie betrogen wurden. Es ist die Zahl 20, die fortan zur Bestimmungsgröße der Cardinal-Kinder wird. Es ist der Tod ihrer Schwester Angèle, der die Familie für immer aus der Bahn wirft. Es sind Fragen der Schuld, die im Raum stehen. Eine Schuld, die das Leben aller Cardinals verändert. Wie kann man der eigenen Mutter den Tod ihrer Tochter verheimlichen? Wie kann man sie ablenken? Wie kann man verhindern, dass sie beim abendlichen Durchzählen ihrer Liebsten auf diese Lücke in der Familie stößt? „Niemals ohne sie“. Der Titel des Romans ist das Mantra, unter dem die Zukunft aller Cardinals verläuft.

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Jocelyne Saucier lässt Leser und Hörer in die labyrinthische Dunkelheit der Welt des Erzabbaus hinabsteigen. Sie entwickelt einen Erzählraum, der verschachtelt und geheimnisvoll ist. Sie schreibt von einer Familie, die eine eigene Gesellschaft darstellt. Die Umwelt ist der Feind. Der „Mikrokosmos Cardinal“ hat sich wie ein Igel mit Stacheln gegen die Bewohner von Norco und die Betreiber der Minen zu verteidigen. Eine kleine schlagkräftige Armee terrorisiert die Umgebung. Von Rachegedanken beseelt. In jenen engen Grenzen und in einer klaren Hierarchie funktioniert der Familienverbund. Bis es zur Tragödie kommt. Diese Mutter kann man nicht täuschen. Hier braucht es einen gut durchdachten Plan.

Diese Frau kennt uns besser als wir selbst. Sie hat uns aus der Wolle ihrer Seele gestrickt, sie kennt uns auf rechts und auf links, sie findet jede verlorene Masche wieder. 

Von diesem Tag an gilt es zu verhindern, dass die Familie sich komplett versammelt. In alle Himmelsrichtungen treibt es die großen und erwachsenen Geschwister. Es folgt ein jahrzehntelanges Versteckspiel voller Ausreden, Selbstzweifel und Vorwürfe. Alles, um der Mutter den Schmerz des Verlusts zu ersparen. Lebenswege öffnen sich, die so unterschiedlich sind, wie man es sich nur vorstellen kann. Keines dieser Leben verläuft einfach. Jedes ist geprägt von Schuld und Verlust. Besonders das von Tommy, die als Zwillingsschwester der verlorenen Angèle, viel zu oft ein falsches Spiel spielen musste.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

30 Jahre später. Es ist unumgänglich. Ein Kongress führt die Familie zusammen. Eine hohe Auszeichnung für den Vater lässt keine Ausflüchte mehr zu. Wie lange gelingt es, die Zahl 20 geheim zu halten? Wie lange kann man die eigene Mutter beschützen und wie begegnen sich die nun erwachsenen Kardinal-Nachkommen? Alte Wunden reißen auf. Ein explosives Gemisch versammelt sich in einem Hotel, in dem die Vergangenheit ihre Schulden eintreibt. Sechs Perspektiven erzählen uns die Geschichte. Sechs Jungs und Mädels aus dem Clan kommen zu Wort. Eine Konstruktion, die uns zu Suchenden nach der Wahrheit macht. Schritt für Schritt wächst die Erkenntnis. Langsam lüftet sich das Geheimnis und im Showdown scheint sich zu wiederholen, was vor 30 Jahren tief unter der Erde ereignete. Der große Knall.

Wenn ich vom Alleinstellungsmerkmal eines Hörbuches schreibe, dann nur, weil es mehr bietet als das eigentliche Buch. Sechs Stimmen brennen sich ins Herz des Hörers ein. Sechs Stimmen, die sich nicht überlagern, erzählen ihre Geschichten. Nur einer Stimme, nur einem Charakter ist es vorbehalten, ein zweites Mal aufzutreten. Aus gutem Grund. Tommy. Sie spricht nicht nur für sich, sondern auch für ihre Schwester. Es sind unglaubliche Stimmen, die hier zu einer Hörbuchproduktion vereint wurden. Es sind Stimmen, die den Cardinals Identität verleihen. Starke Männer und noch stärkere Frauen kommen zu Wort. Eindringlich. Jeder dieser Stimmen gehört eine CD. Sieben CDs umfasst die Produktion. Mehr als sechs Stunden, die man so schnell nicht mehr vergisst.

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Die SprecherInnen und ihre Rollen (Spitznamen der Cardinals):

Devid Striesow liest Matz
Claudia Michelsen liest Jeanne d`Arc
Anna Thalbach liest Tommy
Sabin Tambrea
liest El Toro
Robert Stadlober
liest Émilien
Benno Fürmann liest Geronimo

Diese Stimmen setzen sich fest. Es ist äußerst ungewöhnlich, sie ohne Überlagerung, ohne Dialog erleben zu können. Obwohl jeder dieser brillanten Stimmen ein Part dieser Geschichte gehört, scheinen sie miteinander zu kommunizieren. Das Mosaik setzt sich von CD zu CD zu einem komplexen Bild zusammen, das man nicht mehr aus dem Ohr bekommt. Verlorene Mädchen. Das war für mich die Überschrift des Hörens. Angèle ist präsent, ohne selbst zu Wort zu kommen. Sie ist das Mädchen, dem ich eine neue und geschützte Heimat geben möchte. In bester Gesellschaft mit den „Lost Girls“, die mir in meinem Lesen und Hören bisher begegneten. Eigentlich hat sie die Cardinals nie ganz verlassen. Vielleicht ist sie die Klammer die alles zusammenhält. Und doch ist sie eine lebenslange Treibladung am explosiven Kern einer Familie, die um ihr Glück betrogen wurde.

“In dieser Familie ging es nie darum, glücklich zu sein. Also kann man sich auch nicht beschweren, dass wir es nicht geschafft haben.”

Lassen Sie sich auf die Cardinals ein. Versetzen Sie sich in ihre Lage und versuchen Sie den Gedanken zu wagen, wie es ist, wenn man „Niemals ohne sie“ leben kann. Es ist ein starker Roman aus der Feder der kanadischen Autorin Jocelyne Saucier. Auch wenn das Original bereits im Jahr 2001 unter dem Titel „Les héritiers de la mine“ (Die Erben der Mine) erschienen ist, die Geschichte ist zeitlos. Ich empfehle das Hören. Aus gutem Grund.

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier und die verlorenen Mädchen

Folgen Sie mir bitte zu weiteren verlorenen Mädchen. Sie haben es sich verdient, erlesen und erhört zu werden.

Niemals ohne sie“ / Jocelyne Saucier / ungekürztes Hörbuch / Random House Audio / 6 Std. 11 Min. / 7 CDs / 20 Euro / Übersetzung: Sonja Finck / Roman – Suhrkamp

Am Tag davor von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Zurück ins Bergwerk? Sorj Chalandon „Am Tag davor“ Lesenswert und stark!

„Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Mehr als zwölf Jahre hat es gedauert. Markus Zusak is back. „Die Bücherdiebin“ hat im Jahr 2005 weltweit für Furore gesorgt. Liesel Meminger hat sich im kollektiven Gedächtnis von Lesern, Hörern und Freunden von Literaturverfilmungen tief verankert. Seine Erzählperspektive des Sensenmannes hat bis heute Maßstäbe gesetzt und den Roman über den „kleinen“ Widerstand eines neunjährigen Mädchens gegen das Nazi-Regime auf die Ebene eines absoluten Jugendbuch-Klassikers katapultiert. Seitdem ist es ruhig um Markus Zusak geworden. Bis zum heutigen Tag. „Nichts weniger als ein Wunder“ heißt sein neuer Roman. Nichts weniger als ein Wunder erwarten seine Leser von ihm. Nichts weniger als ein Wunder könnte unter der Last der Erwartungshaltung in sich zusammenbrechen. (Hier kann man die Rezension auch hören!)

Nichts weniger als ein Wunder - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder – Die Rezension fürs Ohr

Der deutsche Buchtitel verspricht erneut eine bahnbrechende Geschichte. Dabei haben wir es im Roman im eigentlichen Sinn nicht mit einem Wunder zu tun. Nur kann man den Originaltitel wirklich nicht ins Deutsche übertragen, weil jeder Versuch, dieses Wortspiel zu übersetzen scheitern würde. „Bridge of Clay“ würde im Wortsinn lediglich auf eine Brücke aus Lehm deuten lassen. Klingt nicht stabil, wenig tragfähig und auch bei weiterer Betrachtung eher nach einem Roman, in dem der Weg das Ziel beschreibt. Erst beim Blick auf die Protagonisten der Geschichte wird klar, dass mit Clay nicht das Baumaterial jener Brücke, sondern einer der Söhne der Familie Dunbar gemeint ist, um die es hier geht. Eine Brücke aus ihm, aus jenem Clay Dunbar stellt die Pfeiler dar, auf denen diese Geschichte ruht. Nichts weniger als ein Wunder, dass man einen anderen Titel brauchte. Einen, der dem Buch und seiner Geschichte gerecht wird. Gelungen!

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Fans von Markus Zusak wissen, dass kein Mainstream auf sie zukommt. Sie sind nicht überrascht, wenn sich Romane aus seiner Feder strukturell und inhaltlich deutlich von der Masse vergleichbarer Bücher unterscheiden. Diesmal – und dies ist der große Unterschied zur Bücherdiebin – haben wir es nicht mehr mit einem Jugendbuch zu tun. Hier baut der australische Autor eine Brücke, die komplex und facettenreich ist, die auf vielen literarischen Wurzeln fußt und Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu sehr aktivem und aufmerksamem Lesen zwingt. Wir haben es nicht mit leichter literarischer Kost zu tun. Wir haben es im klassischen Sinn keinesfalls mit einem Familienroman zu tun, der in einer linearen Struktur unbeschwerte Lesestunden verspricht. Nicht weniger als ein Wunder liegt in unseren Händen. Wir müssen nur an dieses Buch glauben.

Wenn man die generationsübergreifende Geschichte der Familie Dunbar in ihren Zeitscheiben betrachtet, wäre wohl eine chronologische Vorgehensweise im Erzählen ein denkbarer Weg gewesen, um ihre Geschichte zu erzählen. Zusak wäre jedoch nicht Zusak, wenn er linear strukturieren würde, oder gar mit transparenten Rückblenden auf die Vergangenheit zurückgreifen würde. Vor jedem Anfang gibt es einen Anfang. So ist das Mantra dieses Romans zu sehen. Jedes Ereignis in der Vergangenheit löst eines in der Gegenwart aus. Nur weil man die Geschichten von einst nicht kennt, kann man die aktuellen Ereignisse nicht einordnen. Viele Familien leiden unter jenen weißen Flecken, die ihre Vorfahren nie mit Leben gefüllt haben. Das Unausgesprochene dominiert und führt zu Missverständnissen.

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Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Lassen wir uns darauf ein. Geben wir uns dem Gefühl hin, Markus Zusak würde uns das Familienalbum der Dunbars zusammenfalten und in Schnipsel zerreißen, bevor er uns scheinbar wahllos einzelne Bildfragmente zeigt und erzählt, was man darauf sehen kann. Hier wird Markus Zusak zu Homer. Sein Roman gleicht einer Ringkomposition, die in einer Abfolge von mehreren Rückblenden genau die Situation erklärt, vor der wir uns in der Gegenwart befinden. Der Sog dieser Rückblicke, die scheinbar willkürlichen Abschweifungen und das weite Ausholen in die Vergangenheit scheint die Dynamik der eigentlichen Geschichte zu bremsen. Ein fataler Irrtum. Ohne die alten Geschichten hat der Plot dieses Romans kaum Substanz. Wir sollten Markus Zusak vertrauen, wenn wir das Gefühl haben, viel im Trüben zu stochern und im Dunkeln herumzutappen. Nichts ist Zufall. Alles ist beabsichtigt. Und es ist nichts weniger als ein Wunder, dass nur auf diese Art und Weise eine Erzählmagie entsteht, die sich später in voller Wucht entfaltet.

Fünf Brüder leben unter einem Dach. Elternlos, jedoch nur Halbwaise. Die Mutter tot, der Vater nach ihrem Ableben verschwunden. Alles ist möglich in diesem Haus. Es sind heranwachsende Rabauken, die eine Männerwelt zelebrieren, wie sie schöner, brutaler und abenteuerlicher nicht sein kann. Gefühle zeigt man nicht. Die raue Schale und ein harter Kern vereint die Dunbars. Eine Katze, ein Goldfisch, eine Taube, ein Bordercollie und ein Maultier leben mit ihnen unter einem Dach. Die Namen sind Programm. Hektor, Agamemnon, Telemach, Rose und Achilles. Homer lässt nicht nur hier grüßen. Warum die Tiere diese Namen tragen, warum nur der Hund nichts mit der Odyssee zu tun hat und welche Geschichte alles miteinander verbindet, das ist der Kern und damit „Nichts weniger als ein Wunder.

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

In Wahrheit ist es die Geschichte von Penelope Dunbar. In Wahrheit ist es aber die Geschichte ihres Mannes Michael. Und es ist die Geschichte der Söhne und der jungen Mädchen, in die sie sich verlieben. Es ist die Geschichte von Penelopes Vater, der sie dazu zwingt, Klavier zu spielen. Es ist die Geschichte eines Fehlervogels, wie er seine Tochter nennt, wenn er sie für falsche Töne am Klavier bestraft. Es ist die Geschichte einer Flucht und eines Ankommens in einem fremden Land. Es ist die Geschichte eines Mannes, der von der Liebe seines Lebens enttäuscht nur noch eine Chance sieht, um nicht unterzugehen. Eine neue Liebe zu einem jungen Mädchen, das so gut am Klavier ist, seine Sprache jedoch nicht akzentfrei spricht. Es ist die Geschichte von Penny und Michael Dunbar. Aus ihr wird die Geschichte ihrer Söhne. Die Geschichte einer Familie und die Geschichte einer Krankheit. Es wird zu einer Geschichte von Verlust und Trotz, Kampf und Verzweiflung, es wird zu einer Geschichte über das Sterben und den Tod.

An dieser Stelle der Erkenntnis angelangt, sitzt man vor diesem Roman, der allen emotionalen Saiten des Lesers und Hörers alles abverlangt. Wenn wir die Fäden in Händen halten und das Muster erkennen, das Markus Zusak zu weben beginnt, wird es schwer, sich noch vom Buch oder dem Hörbuch zu trennen. Im Erkennen liegt die ganz große Magie. Fünf Brüder, die alles verloren haben. Ein Vater, der nicht mehr kann und alles hinter sich lässt. Ein Mann, der Jahre später zurückkehrt, weil er Hilfe braucht und nur einer seiner Söhne, der ihm helfen kann. Gemeinsam eine Brücke zu bauen wird zu der Metapher des Romans. Eine Brücke von Vater und Sohn, die vielleicht so tragfähig wird, dass die anderen Jungs sie überqueren können. Ein Vater, von allen nur Mörder genannt und ein Sohn namens Clay. „Bridge of Clay“. Eine Brücke aus Clay. Ich habe sie am Ende betreten. Mit wackeligen Beinen. Voller Trauer und Hoffnung. Weinend im tiefsten Kern meines Herzens. Sie hat mich in eine andere Erzählwelt getragen. „Nichts weniger als ein Wunder“. Zusak ist wieder da.

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Lesend und Hörend folgte ich dem Ich-Erzähler Mathew Dunbar, dem Ältesten der Söhne. Ich war oftmals völlig verloren in den Rückblenden und Zeitscheiben. Und doch war es immer wieder Homer und seine Odyssee, die mich retteten. Ein Heldenepos im Kern eines modernen Romans. Die Geschichte der Heimkehr des Vaters. Die Legende vom wartenden Sohn und von Penelope, die vom Schicksal verzehrt wird. Ich bin mehr als dankbar, fast zeitgleich Eine Odyssee Mein Vater, ein Epos und ich von Daniel Mendelsohn gelesen zu haben. Ich bin dankbar, die „Odyssee“ zu besitzen und in ihre magische Welt eigetaucht zu sein. Das ist mein Zugang zu Markus Zusak. Er ist mit der Welt von Homer verknüpft. Mein Weg ist sicher nicht der, den viele Leser gehen. Doch ist es mein Weg. Erkenntnisreich und von Markus Zusak nicht zufällig initiiert. Penelope war nie wundervoller, liebenswerter und tragischer. Der Fehlervogel gehört für mich zu den brillantesten Charakteren, die man für einen Roman erfinden kann.

Penny Dunbar

„Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt.
Am Tag ihrer Hochzeit brach sie sich die Nase.
Und dann natürlich das Sterben.
Ihr Sterben war ein Ereignis.“

Johannes Klaußner spricht Mathew Dunbar und erzählt uns diese Geschichte im Hörbuch. Ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Mit seiner Stimme die Brücke zu sehen, brennt sich fest. Mit seiner Stimme die wahren Wesen der Dunbar-Brüder hören zu dürfen, ein Ereignis. Seine Stimme trauern zu hören, tragisch schön. Wagt Euch auf die Brücke. Begegnet unglaublichen Charakteren und achtet auf Euch, wenn Ihr mitten im Roman vom Wein der Erkenntnis kostet. Begebt Euch auf die Odyssee einer kleinen Familie. Lernt die Menschen lieben, die Euch begegnen. Trauert um sie, jubelt ihnen zu und denkt vielleicht daran, dass Ihr „Nichts weniger als ein Wunder“ in Händen haltet.

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak - Astrolibrium

Nichts weniger als ein Wunder von Markus Zusak

Ganz am Ende bleibt das Bild einer Wäscheklammer. Lasst es Euch nicht nehmen. Ich gehe jede Wette ein, dass wir alle im Besitz einer solchen Klammer sind, die für alle Fehler, jeden Verlust und jeden schönen Moment unseres Lebens steht. Danke kleiner Fehlervogel.

Jetzt galt esEine Odyssee Mein Vater, ein Epos und ich zu rezensieren. Das ist ohne Markus Zusak nicht mehr möglich. Das machen Bücher mit mir. Habent sua fata libelli. Bücher haben Schicksale. Was hiermit erneut bewiesen wäre…

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