Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Astrolibrium

Hannah Arendt (1906 – 1975), Ikone, Jahrhundertdenkerin, vergöttert, verfolgt und beschimpft. Intellektuelle mit hohem Spaltbarkeitsfaktor, unversöhnliche Kämpferin auf verlorenem Posten. Emigriert, immigriert, polyglott, heimatlos. Jüdische Professorin mit professioneller Haltung. Unverbiegbare, anlehnungsbedürftige, unerhört und verzweifelt Liebende. Zwischen den Fronten stehender Prototyp einer Influencerin mit Sprengkraft, Zeitzeugin des weltumfassenden Eichmann-Prozesses in Israel und Fettnapftreterin im Urteil über einen Massenmörder. Wie kann man sich dieser Frau nähern, die einerseits so unnahbar wie ein fremder Kontinent und andererseits so greifbar wie der rote Faden des Erinnerns an den Holocaust ist? Ich möchte ihren drei Leben begegnen. Ich will ihr durch Deutschland, Frankreich und die USA folgen. Mein Weg stellt eine Kreuzung dar, die drei Werke miteinander verbindet, die mir helfen sollen, eine Frau zu verstehen, die stets auf Unverständnis stieß.

Die drei Leben der Hannah Arendt“ – Graphic Biography von Ken Krimstein
Im Vertrauen – Briefe 1949 – 1975“ Hannah Arendt und Mary McCarthy – Hörbuch
Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“, Hannah Arendt

Drei Wege, die für mich zu einem Königsweg im Verständnis wurden. Wege, die in ihren unterschiedlichen Herangehensweisen Türen und Augen öffneten. Wege, die ich trotz der zu vermutenden Komplexität auf ein paar einfache Nenner bringen möchte, die meine Sichtweise zum Holocaust stark beeinflusst haben. Wege, die bis in die heutige Zeit reichen, weil eine Wiederholung der Geschichte nur dann erfolgen kann, wenn die Automatismen von einst wieder zu greifen beginnen. Hannah Arendt ist Grenzgängerin und Chefanklägerin der Humanität. Man sollte ihr sehr gut zuhören.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Die drei Leben der Hanna Arendt“ – Graphic Biography von Ken Krimstein

Was kann eine Graphic Novel bewegen? Wie kann sie sich einem Thema annähern, das augenscheinlich nicht für dieses literarische Gerne geeignet erscheint? Ich bin der Meinung, dass gerade dieser Widerspruch Neugierde weckt. Wer greift heute noch zur ausschweifenden Biografie? Wer taucht noch gerne in Sekundärliteratur voller Quellen- und Rechercheangaben ein? Kann man nicht einen Weg wählen, der plakativ und doch inhaltlich ausgewogen eine breitere Leserschicht anspricht? Ken Krimstein hat sich für diese ganz individuelle Herangehensweise entschieden. Ich möchte mich hier gerne als Maßstab dafür bezeichnen, warum das Experiment mehr als gelungen ist. Nein. Ich bin Hannah Arendt bisher literarisch nicht begegnet. Nein. Ich las bisher keine Zeile von ihr und hielt eine Auseinandersetzung mit ihr für wenig erfolgversprechend. Sie schien mir zu „elitär“, um ihren Gedanken folgen zu können. Die Hemmschwelle war zu groß. 

Und doch. Ich tauchte tief in den Illustrationen und Texten von Ken Krimstein ein. Ich hatte schon auf den ersten Seiten dieser Graphic Novel das Gefühl, dass Krimstein alle meine Bedenken kennen würde und schon in seiner Einleitung die Hemmschwellen auf mein Bodenlevel absenken konnte. Er setzt nicht voraus, dass man Hannah Arendt in- und auswendig kennt, bevor man sich seinem Buch widmet. Er ermöglichte mir eine unbefangene Annäherung. Krimstein akzeptiert mein Unwissen. Was er jedoch von mir erwartet, darauf darf er mit Fug und Recht bauen. Interesse und unvoreingenommenes Denken. Dafür bin ich zu haben. Er knüpft hier an so viele Schicksale an, die mir schon begegnet sind, wie die von Charlotte Salomon und Irène Némirovsky. Künstlerinnen, die von Nazis verfolgt, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und ermordet wurden.

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Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Was Hannah Arendt von ihnen unterscheidet, ist ihre Flucht nach Frankreich. Ihr erstes Leben in der deutschen Heimat endete 1933 mit der Machtübernahme der Nazis und führte sie als Emigrantin zuerst nach Paris dann in die USA. Was sie verbindet, ist die Tatsache, dass auch Paris kein sicheres Refugium war. So wie Charlotte Salomon Ihre Bilder in einem Koffer bei sich trug und sagte „C´est toute ma vie“ hatte auch ihre Leidensgefährtin Irène alles Wertvolle bei sich, als sie floh. „Trennt euch niemals von diesem Koffer, denn er enthält das Manuskript eurer Mutter.“ Und auch Hannah ist gedanklich bei einem Koffer, als sie nach dem Schicksal von Walter Benjamin gefragt wird. Sie erinnert sich daran „Wie er die schweren Koffer mit dem Passagen-Projekt die Berge hochgeschleppt hat… Wie er sagte, dass diese Dokumente ihm teurer seien als sein eigenes Leben.“ Nur, wer dies erlebt hat, weiß was Verfolgung heißt.

Doppelte Vertreibung, doppelte Entwurzelung, die Veränderung ihres Umfelds und der Menschen, die ihr nahestehen, der ideologische Sieg der braunen Kultur auch über die Liebe ihres Lebens, Martin Heidegger, all dies wird sie nicht mehr los. All dies wird sie verfolgen. Egal, wo sie ist. Die Wahrheit finden, für sie ein ekstatischer Genuss. Ihr Lebenscocktail besteht aus Leidenschaft, Liebe, Lügen und Philosophie. Sie bleibt eine Getriebene, die keine Opfer scheut, um das Licht der Erkenntnis zu erblicken. Grenzen gibt es für sie nicht. Als sie 1961 als Prozessbeobachterin in Israel weilt und Eichmann als bürokratisches und unauffälliges kleines Licht erlebt, erkennt sie die Banalität des Bösen. Weltweit hagelt es Kritik, weil sie zu verharmlosen scheint. Dabei gelingt ihr ein Bravourstück erster Güteklasse. Sie zeigt die Täter in ihrer lächerlichen Normalität und nicht als Übermenschen. Jeder kann schuldig sein. Auch der harmloseste Kleingeist.

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Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar

Als Hannah Arendt sich auch mit der internationalen jüdischen Gesellschaft anlegt und hinterfragt, warum sie die europäischen Juden im Stich ließ, verliert sie an Boden. Zu gewagt sind ihre Thesen. Zu früh kommen sie für eine Welt im Wandel, die sich nur zu gerne vor einer Mitschuld verstecken möchte. Wenige Freunde begleiten sie bis zum Ende. Mary McCarthy ist eine von ihnen. Eine Herzensbeziehung zweier Frauen, über alle Grenzen hinweg. Ken Krimstein gelingt mit seiner Graphic Novel ein Meisterwerk. Die Illustrationen skizzieren drei Leben. Seine Worte beschreiben sie. Gemeinsam sind sie in ihrer symbiotischen Wirkung ein Wegweiser zu Hannah Arendt, der animiert, sich intensiver mit ihr auseinanderzusetzen. Das ist gelungen. Ich muss mehr erfahren. Ich muss die Bilder des Buches „Die drei Leben der Hannah Arendt“ mit eigenen Bildern anreichern. Ich muss mir jetzt ein eigenes Bild von ihr machen. Es fühlt sich so an, als würde mich Ken Krimstein dazu einladen, seine Skizzen auszumalen. Ein bewegendes Gefühl.

Die Relevanz dieses Buches liegt in Schlüsselsätzen, wie diesem: „Wie Feuer sich aus Sauerstoff speist, tut dies der Totalitarismus aus der Unwahrheit.“ Zeitlos und bedeutend ist die Botschaft, die uns Hannah Arendt hinterlässt. Eine Botschaft, die wir ernstnehmen sollten, weil sich ansonsten wiederholt, was man nicht wiedergutmachen kann – auch nicht in drei Leben. Diese Graphic Biography ist ein Muss, wenn man sich mit Hannah Arendt auseinandersetzen will, wenn man Vergangenes verstehen möchte, Gegenwärtiges mitprägen will, um das Zukünftige zu verändern. Am Ende des Lesens pausierte ich nur kurz. Ich wollte hören, was Hannah zu erzählen hatte. Ich wollte dem Briefgeheimnis zum Trotz hören, was sie ihrer Freundin anvertraute. Ich griff zu:

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Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Im Vertrauen – Briefe

Im Vertrauen / Briefe 1949 / 1975“. Hannah Arendt und Mary McCarthy. Ein Hörbuch wie eine Offenbarung. Briefe aus ihrem dritten Leben, dem in den USA, um im Rahmen von Ken Krimstein zu bleiben. Was wir hier hören dürfen, ist einer der brillantesten und bewegendsten Briefwechsel, den man sich nur vorstellen kann. Zwei kluge Frauen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Es waren Welten, die hier aufeinandertrafen. Eine Jüdin und eine Katholikin. Eine der deutschen Universitätstradition verhaftete Gelehrte und eine Frau aus dem Umfeld amerikanischer Elitecolleges. Eine verfolgte Heimatlose und eine sicher verwöhnte Aufstrebende. Schreibende waren beide. Künstlerinnen und Intellektuelle von Format. Der Beginn der Freundschaft, ein Missverständnis. Als dieses ausgeräumt war, begannen die Worte zu sprudeln. Hannah spürt man Vergangenes an, Mary das Künftige. Suchend sind sie beide. Intimes wird ausgetauscht. Liebe und Leid verbinden sie.  

Für Mary McCarthy war Hannah Arendt der einzige Mensch, dem sie beim Denken zuschaut. Hier werden Bilder von Ken Krimstein lebendig. Wo man bei den Briefen oft ohne Hintergrund fragend zögert, erhellen sie sich im Licht der Graphic Novel. Hörend bricht man in sich zusammen, wenn sich die Briefe dem Ende zuneigen. Man wünschte sich, Hannah hätte geahnt, an welcher Stelle der Tod die beiden Frauen trennen würde. Hörend lauscht man auf die endlichen Worte. Findet Wehmut, Hoffnung und Zuneigung. Ein unglaublich tiefer Einblick in die Seelen zweier Seelenverwandter. Unter der Regie von Sandra Quadflieg entstand hier eine authentische Produktion, die rührt und bewegt zugleich. Katharina Thalbach (Hannah) und Sandra Quadflieg (Mary) schlüpfen nicht nur stimmlich in die Rollen ihrer Protagonistinnen. Man fühlt, dass es vibriert, atmet und bebt. Spannung, Sorge und Zuneigung werden mit Händen greifbar. Räumliche Distanz wird durch Worte zum Nichts. Ich blicke auf zweieinhalb Stunden eines Dialogs zurück, ohne den ich mir Hannah Arendt nicht ausmalen wollte. Zuletzt lese ich sie selbst.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Eichmann in Jerusalem

Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Hannah Arendt in Israel. Sie beobachtet den Prozess gegen den Designer der Endlösung. Sie schreibt über das Szenario, das weltweite Aufsehen, dass Adolf Eichmanns Entführung erregte. Sie wandert auf der Grenze zwischen Schauprozess und Gerechtigkeit, sie prangert zu Beginn des Berichts die schlechte Dolmetscherleistung an, die es dem Angeklagten im Verlauf des Prozesses erschwerte, der Anklage zu folgen. Sie klagt die ganze jüdische Welt an, gewusst und nichts unternommen zu haben. Sie erkennt einen Bürokraten, im eigentlichen Sinn ein kleines Rädchen. Banal. Er könnte jeder sein. Das polarisiert. Die Welt hatte einen Bösewicht erhofft. Und jetzt? Ein blasser Buchhalter des Todes. Und Hannah Arendt geht weiter. Sie beklagt den klaglosen Opfergang der Juden. Sie kann sich nicht mit dem Bild „wehrlos zur Schlachtbank geführt zu werden“ abfinden. Worte, die die Welt aufrütteln, bewegen, verletzen. Worte, die zu früh kommen, verstörend und maßlos wirken. Und doch eben Gedanken, ohne die eine künftige Welt nicht existieren könnte.

Dieses Buch aus der Feder des Großgeistes Hannah Arendt ist eine Offenbarung und eine Verpflichtung zugleich. Hier schließt sich der Kreis. Drei Leben lebte sie im vergangenen Jahrhundert. Drei Jahrhunderleben. Jedes Leben wäre ohne das andere nicht denkbar. Wir sollten uns bemühen, diese Leben nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Es wäre fatal für unsere Gegenwart. Es wäre fatal für die Zukunft.

Hannah Arendt - Was für ein Leben - Drei sogar - Astrolibrium

Hannah Arendt – Was für ein Leben – Drei sogar – Eine neue Bücherkette

Der Kinderflüsterer von Alex North [Hörbuch]

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

»Wenn die Tür halb offen steht, ein Flüstern zu dir rüberweht.
Spielst du draußen ganz allein, findest du bald nicht mehr heim.
Bleibt dein Fenster unverschlossen, hörst du ihn gleich daran klopfen.
Denn jedes Kind, das einsam ist, holt der Flüsterer gewiss.«

Klingt das nicht wundervoll beruhigend? Nein? Es klingt eher wie ein Albtraum, der eine ganze Kindheit unter Vorbehalt stellen kann? Ein Kinderreim in der guten Tradition von „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ oder noch schlimmer? Ihr habt Gänsehaut beim Lesen dieser Zeilen? Na dann versetzt Euch mal in die Lage eines siebenjährigen Jungen, der nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter mit seinem Vater umzieht, um den Neuanfang an einem neutralen Ort zu wagen. Und dann stellt Ihr Euch einfach vor, der Ort sei gar nicht so neutral, wie man es vermuten sollte. Er ist blutgetränkt, belastet und hat eine grausame Vorgeschichte, die alles in den Schatten stellt.

Denn genau hier im beschaulichen Featherbanks hat er vor fast zwanzig Jahren zugeschlagen. „Der Kinderflüsterer. Fünf Kinder hat er entführt und getötet. Kinder, von denen eines bis zum heutigen Tag nicht gefunden wurde. Dass jedoch keines von ihnen überlebt hat ist unstrittig. Der Serienmörder sitzt seitdem im Gefängnis und rühmt sich seiner Taten. Sein Flüstern hat die Kinder angelockt. Sein Flüstern sorgt noch jetzt für Angst und Schrecken, wenn man sich daran erinnert. Gut nur, dass er damals diese Morde gestanden hat und lebenslänglich aus dem Verkehr gezogen wurde. Kein Grund mehr zur Sorge also. Sollte man meinen.

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

Gäbe es da nicht eine aktuelle Entführung, die dem Muster der Vergangenheit zu gleichen scheint. Ein Junge verschwindet und erste Gerüchte machen die Runde, der „Kinderflüsterer“ könne einen Komplizen gehabt haben, der nun sein Werk weiterführt. Dieser Restart von Tom Kennedy und seinem Sohn in Featherbanks könnte zu keinem schlechteren Zeitpunkt erfolgen, weil auch der kleine Jake plötzlich dieses Flüstern vor seinem Fenster hört. Eine brillante Ausgangssituation für einen Thriller, der in Mark und Bein einzudringen versteht. Das Spiel mit kindlicher Angst, Fantasie und Einbildung ist so unglaublich spannend inszeniert, dass es dem Leser und Hörer mehrfach den Atem raubt. Gänsehaut wird zum Wegbegleiter durch einen nicht alltäglichen Psychothriller. 

Alex North vereint in seiner Story einige Stilelemente des Genres, die sie zum Ritt auf dem angespannten Nervenkostüm seiner Leser und Hörer machen. Ein Cold Case ohne Leiche; ein Polizist, der seit zwanzig Jahren keine Ruhe findet und mit den Fällen niemals abschließen konnte; ein „Kinderflüsterer“, der im Gefängnis residiert und sein Motiv wie eine Büchse der Pandora hütet und den Ruf als Legende genießt; ein Junge, der ins Beuteschema passt und ein Vater, der in den entscheidenden Situationen nicht konzentriert genug ist, um die Gefahren zu erkennen. Zu sehr ist er mit sich selbst und dem Tod seiner Frau beschäftigt. Zu sehr ist er von der neuen Situation abgelenkt, um die Verhaltensauffälligkeiten seines Sohnes wahrzunehmen oder gegen sie anzugehen.

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

Es kommt, wie es kommen muss. Und doch kommt es anders, als es der geneigte Leser und Hörer vorhersehen kann. Alex North hat seinen mehrdimensionalen Thriller so facettenreich konstruiert, dass wir ihm in einer Mischung aus Ahnungslosigkeit und Arglosigkeit recht hilflos gegenüberstehen. Das Wechselbad der Gefühle ufert aus und zieht uns in den Strudel hinein. Natürlich wird der „Cold Case“ von einst wieder warm. Natürlich muss sich der Detective, der ihn nicht lösen konnte, vor dem Hintergrund der aktuellen Entführung ins Gefängnis begeben, um mit dem Serienmörder zu reden. Und natürlich genießt dieser die neue Aufmerksamkeit. Ein Psychospiel nach dem Vorbild des guten alten Hannibal Lecter aus dem „Schweigen der Lämmer“ beginnt.

Alex North hat im Verlauf seines Thrillers eine Vielzahl von Überraschungen auf Lager, die immer mehr Benzin ins Feuer gießen. Er verbindet die handelnden Figuren miteinander, lässt viele Zeitebenen verschwimmen und befeuert eine Handlung, die ab einem bestimmten Zeitpunkt als kaum noch steigerungsfähig empfunden wird. Und es geht doch steil aufwärts in der Spannungskurve. Dabei gelingt Alex North in zweifacher Hinsicht besonderes. Er schreibt uns eine Geschichte in den Kopf, in der er uns zwingt, ihr in unserer kindlichen Erinnerung perfekt zu folgen und ganz nebenbei identifiziert er uns mit dem Vater des Jungen, der an seiner Rolle zu verzweifeln scheint. Ein Flüstern zieht sich magisch durch diese Geschichte und als auch noch der kleine Jake Kennedy verschwindet, entwickelt sich der Pageturner zum explodierenden Pulverfass.

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

Nichts für schwache Nerven. Keine Story für Menschen, die mit physischer und psychischer Gewalt gegen Kinder in einem Thriller Probleme haben. Ängste sind hier nicht nur Thema und Rahmen. Sie werden greifbar. Das Flüstern wird im Hörbuch zu einem Stilelement, das nicht nur Gänsehaut verursacht. Alex North bereichert diese Geschichte durch ein fast schon paranormales Wahrnehmungselement, das berührend und bewegend zugleich ist, dem es jedoch nicht an Plausibilität fehlt. Selbstgespräche erhalten hier eine ganz neue Dynamik. Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern zeugen im Zusammenhang mit den Ereignissen von einer ganz eigenen Welt, die sich uns oftmals gänzlich verschließt.

Stefan Kaminski brilliert in der Hörbuchfassung von Random House Audio. Der vielfach ausgezeichnete Schauspieler, Sprecher und Stimmkünstler beeinflusst durch seine Interpretation der Charaktere den Spannungsbogen des Romans auf besondere Weise. Sein Wechsel zwischen der kindlichen Verunsicherung von Jake Kennedy und dem arroganten Tonfall des Kinderflüsteres ist äußerst subtil und verstörend, weil man sich eine solche Geschichte so nicht selbst vorlesen kann. Wenn man Angst hör- und greifbar machen möchte, ist er die perfekte Besetzung. Wie die Schmetterlinge, die im Roman eine nicht unwichtige Rolle spielen, entpuppt sich auch der Sprecher hier von Kapitel zu Kapitel immer mehr, bis er seine volle Pracht zeigt.

Der Kinderflüsterer von Alex North - AstroLibrium

Der Kinderflüsterer von Alex North

Leser und Hörer der „Krähenmädchen-Trilogie“ von Erik Axel Sund kommen auch hier auf ihre Kosten. Die Perspektive des verängstigten Kindes erreicht das Niveau von „Raum“ aus der Feder von Emma Donoghue. Ich kann dieses Hörbuch nur wärmstens empfehlen, weil es der Dramatik des Buches die Ebene Stimme hinzufügt, ohne die ich das Flüstern schnell aus meiner Wahrnehmung verdrängt hätte. Grandios…

Ich bin Circe von Madeline Miller

Ich bin Circe von Madeline Miller _ Astrolibrium

Ich bin Circe von Madeline Miller

Ich war nie ein großer Freund der griechischen Mythologie. Und doch ließ ich mich im letzten Jahr dazu verführen, der „Odyssee“ von Homer meine Aufmerksamkeit zu schenken. Nie hätte ich gedacht, dass ich so tief eintauchen würde. Mir war schon klar, dass Homer einen großen Einfluss auf die Literatur unserer Zeit hat, dass mir aber mit seinem Epos gleich mehrere Bücher in die Hand fallen würden, die auf ihn verweisen, hat mich dann doch mehr als überrascht. „Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich“ von Daniel Mendelsohn traf mich dabei nicht überraschend. Ebenso wenig wie die von allen Göttern befreite Troja-Adaption von Alessandro Baricco. „Also sprach Achill“ musste zwangsläufig auf Homers Ilias und die folgende Odyssee verweisen.

Dass ich jedoch auch im neuen Roman von Markus ZusakNichts weniger als ein WunderSpurenelemente des großen Homer finden würde, konnte kein Zufall mehr sein. Die Erkenntnis traf mich wie ein literarischer Blitz. Bücher haben Schicksale und Leser werden zu ihren schicksalhaften Begleitern. Seitdem verstehe ich die „Odyssee“ als komplexe Vater-Sohn-Geschichte, die als Urmutter aller Entwicklungsromane dient. In ihr sind alle Konflikte verwoben, eingebettet und verborgen, die (Götter hin oder her) den Urknall des Beziehungs-Sprengstoffes in sich tragen. Odysseus und Telemachos sind die literarischen Prototypen für ein ewiges Versteckspiel, das sich in der Literatur tausendfach wiederholt hat. Dem heldenhaften Vorbild nacheifern, an seiner Strahlkraft verzweifeln, die eigene Rolle im Leben suchen, auf Anerkennung und Respekt hoffen. Alles Parameter, die heute noch für Telemachos im Schatten eines Übervaters stehen.

Ich bin Circe von Madeline Miller _ Astrolibrium

Ich bin Circe von Madeline Miller

Und doch fehlte mir etwas. Abseits der Heldenverehrung des Odysseus, jenseits der Wege, die ihn nach dem Trojanischen Krieg auf Umwegen zurück nach Ithaka führten. Ich war auf der Suche nach einer Perspektive, die ihn mir zugänglicher machen würde. Mich interessierte nicht mehr der Trojanische Krieg und auch die Stationen der Irrfahrt bis nach Ithaka waren mir vertraut. Mir fehlte ein Mosaikstein, eine tiefere Spur, die mir den Menschen hinter den Legenden näherbringen konnte. Als ich den Roman „Ich bin Circe“ von Madeline Miller entdeckte, hatte ich die Hoffnung, dieses Steinchen bei ihr zu finden. Und bei Zeus, ich wurde nicht enttäuscht. Ich entschied mich für das Hören. Ich wollte mich im wahrsten Sinne des Wortes „becircen“ lassen.

Hier hatte Odysseus auf seiner Heimreise Halt gemacht. Bei ihr verlor er sich. Hier blieb er wesentlich länger, als es seinen Gefolgsleuten nach dem langen Trojanischen Krieg lieb sein konnte. Hier wurden seine Soldaten von der gottgleichen Hexe Circe in Schweine verwandelt. Hier zweigt die Mythologie in unterschiedliche Verästelungen ab und es entstehen Geschichten, die einen anderen Odysseus erahnen lassen. Aiaia, die Insel der Circe mutiert zum schicksalhaften Sehnsuchtsort, von dem es kein Entrinnen gibt. Und wenn man es schafft, bleibt man lebenslang gezeichnet. Ich ging mit großen Erwartungen auf die Reise. Ich wollte so viel wie möglich erfahren, ohne in die Untiefen der fast undurchschaubaren Mythologie einzutauchen. Bei Zeus, ich fand, wonach ich suchte.

Ich bin Circe von Madeline Miller _ Astrolibrium

Ich bin Circe von Madeline Miller

Frei nach dem Motto „Götter sind auch nur Menschen“ entführte mich Madeline Miller in eine Welt, die von Eifersucht, Neid und Missgunst geprägt ist. Ich werde mit Haut und Haaren vom Ränkespiel der Götter aufgesaugt. Ich bin ein Mensch und sehe mich als Marionette in einem göttlichen Wettstreit, in Konflikte verwickelt, die das Mädchen Circe an den Rand der göttlichen Gesellschaft katapultieren. Verbannung als Strafe. Einsamkeit als Therapie und Entsagung von allem Vergnügen sieht ihr Vater für sie vor. Aiaia. Die einsame Insel wird zum Gefängnis einer verwöhnten Göttertochter. Madeline Miller erzählt rasant, modern und spannend. Sie nimmt uns mit in ihre Welt der Götter, die sie wie Götterspeise für ihre Leser und Hörer zubereitet.

Die aufmüpfige Tochter, der Sonnengott-Vater und die Streitereien um die Gunst des Gottvaters Zeus. Alles Gründe für ihre Verbannung. Auf sich und ihre Fähigkeiten gestellt, gelingt es Circe, sich mit der Verbannung zu arrangieren. Eine starke Frau, die sich ihrer Haut erwehren muss. Ihre Gabe, pflanzliche Tränke zu brauen, die Zauber in sich tragen, rettet sie. Männer, die sie vergewaltigen wollen, werden zu Schweinen. Sie ist alles, nur kein Opfer. Die Autorin füllt eine mystifizierte Person mit Leben. Sie zeigt Circe als manipulative, verletzte und ewig suchende Göttin, die uns menschlicher und nahbarer erscheint, als in der Urfassung der Epen. Die Aura der Göttin wird immer und immer wieder von außen durchstoßen. Der äußere Schein trügt. Tief im Herzen ist sie eine Frau, in die man sich verlieben kann.

Ich bin Circe von Madeline Miller _ Astrolibrium

Ich bin Circe von Madeline Miller

Als Odysseus die Insel Aiaia betritt, schwingt sich die Erzählung zu einer greifbaren Romanze in die höchsten Höhen einer schicksalhaften Liebesgeschichte hinauf. Hier erlebe ich den Odysseus hinter den Kulissen. Hier wird er zu dem Charakter, der sich bisher in den Legenden gut verbergen konnte. Er wird zum Vater von Telegonos, dem Sohn, den Circe zur Welt bringt, als Odysseus auf dem Heimweg zu seiner Familie ist. Aus der verlassenen Göttin wird der Prototyp einer Rasenmähermutter. Alle Konflikte, die ihrem Sohn drohen, werden von ihr weggezaubert. Nichts überlässt sie dem Zufall. Als Telegonos sich jedoch auf die Suche nach seinem Vater macht, ist auch Circe am Ende ihrer Kunst angelangt.

Madeline Miller lässt die Geschichte mehrfach eskalieren. Die einsame Insel Aiaia mutiert zum Hotspot für Götterreisen. Hier findet ein Stelldichein des Who-Is-Who der Götter statt. Man reibt sich erstaunt die Augen, wer hier anlandet. Als jedoch Penelope, die Frau von Odysseus mit Telemachos und Telegonos auftaucht, wird aus dem Epos ein gewaltiges und dramatisches Szenario der Götterdämmerung. Alle Elemente einer guten Story finden hier zusammen und wir erkennen viele Muster wieder, die später im Herzen der Literatur eine wichtige Rolle spielen. Wie verhält man sich, wenn man sich als Unsterbliche in einen Sterblichen verliebt? Hier grüßen Circe und Telemachos den Rest der Bücherwelt. Kommt uns das nicht bekannt vor? Aragorn und Arwen. Beren und Lúthien. Tolkien konnte nicht widerstehen und so mancher Vampirroman nimmt dieses Muster auf. Nicht zu sprechen vom Highlander, an dessen Seite man sich mit dem Song „Who wants to live forever?“ über Wasser halten musste.

Ich bin Circe von Madeline Miller _ Astrolibrium

Ich bin Circe von Madeline Miller

Auch meine Entscheidung für die Hörbuchfassung war goldrichtig. Ich hätte mich lesend nicht so leicht in Circe hineinversetzen können. Aber ihr zuzuhören, ja, das war ein Erlebnis. Ann Vielhaben hat mich gute 12 Stunden lang in der gekürzten Lesung becirct und betört. Sie hat gezetert und gebrüllt, mir gottgleiche Befehle erteilt und mich verzaubert. Sie hat jede einzelne Facette des widersprüchlichen Charakters mit Leben gefüllt und lautstark, leise, verhalten oder vehement dafür gesorgt, dass man Circe vor sich sehen kann. Diese Stimme kann zickig, verliebt, herrisch und verletzt sein. Sie hat alle Stimmfarben um mit Fug und Recht sagen zu können „Ich bin Circe“. Und doch ist eine kleine Kritik erlaubt. Manchmal werden Worte am Ende eines Satzes ausgehaucht, und verschwinden unbetont im Nichts. Es gab Passagen, die ich erneut hören musste, um das Ende zu verstehen. Hier kommt es auf die Hörsituation an. Zuhause eher kein Problem. Unterwegs schon eher. Das jedoch ist Jammern auf hohem Niveau. Aktives Hören ist eben mit einer ruhigen Umgebung verbunden.

Am göttlichen Hörgenuss ändert das nichts. Besonders das Ende des Hörbuchs ist unvergleichlich gut erzählt. Gänsehaut.

Ich bin Circe von Madeline Miller _ Astrolibrium

Ich bin Circe von Madeline Miller

DER STORE von Rob Hart

DER STORE von Rob Hart - AstroLibrium

DER STORE von Rob Hart

Ein Barcode als Buch- und Hörbuchcover? Sieht so aus. Zumindest auf den ersten Blick. Wären da nicht die schwarzen Strichcode-Balken, die in hilfesuchende, flehende Hände münden. Der Hintergrund erweckt den Eindruck, man hätte es mit einem Paket zu tun, das nur noch schnell eingescannt werden muss und dann versandfertig ist. Ein auffällig roter und doch schlichter Schriftzug, der Autor und Titel mit Namen nennt. Und schon ist eines der wohl ungewöhnlichsten Buchpakete des Jahres gepackt. Bereit, um gelesen oder gehört zu werden. „DER STORE“ von Rob Hart. Dystopisch, visionär und weltverändernd. Eine brillante Story, die uns das Gefühl gibt, bereits in der Zukunft der „Cloud“ angelangt zu sein, die den Weltmarkt dominiert…

Rob Hart entwirft ein Zukunftsszenario, das uns nicht fremd erscheint. Eigentlich kann es nur noch ein paar Jahre dauern, bis wir soweit sind. Die Basis für die Story ist schon heute gelegt. Es fühlt sich nicht unglaublich oder utopisch an, was wir hier lesen oder hören dürfen. Das macht diesen Roman so bedrohlich. Die Ähnlichkeit des Online- Weltmarktführers in dieser Story mit einem bereits heute schon dominanten Konzern ist sicher nicht zufällig und unbeabsichtigt. Rob Hart dreht nur an den Stellschrauben einer Entwicklung und gewährt uns einen Blick in die Versandhauswelt in ein paar Jahren. In jeder Beziehung plausibel und nachvollziehbar. Und spätestens, wenn wir das nächste Päckchen vom großen „A“ geliefert bekommen, läuft es uns kalt den Rücken herunter. Versprochen.

DER STORE von Rob Hart - AstroLibrium

DER STORE von Rob Hart

Die Welt, die Rob Hart uns zu Füßen legt ist der wahre Traum. Also zumindest, wenn man Mitarbeiter im „Cloud-System“ ist. Der weltweit größte Online-Store ist nicht nur in jeder Hinsicht ein Traum für die Kunden, da er alles, wirklich alles, immer, wirklich zu jeder Zeit und zu unschlagbar günstigen Preisen frei Haus liefert. DER STORE ist auch der ideale Arbeitsplatz, weil sich das globale Unternehmen dem Wohl seiner Mitarbeiter verschrieben hat. Gibson Wells hat Großes geleistet. Er blickt am Ende seines Lebens auf eine wahre Pionierleistung des Unternehmertums zurück. Er hat nicht nur die Cloud geschaffen. Er hat nicht nur Warenströme monopolisiert. Er hat nicht nur dafür gesorgt, dass Menschen jederzeit von Cloud-Drohnen beliefert werden können. Nein. Er hat viel mehr geleistet.

Die Klimapolitik verdankt ihm innovative Impulse. Er hat hier nicht nur das Pendeln seiner Mitarbeiter abgeschafft. Nein. Er lässt sie nicht nur in den Mother-Clouds, in den großen Zentren seines Imperiums wohnen und leben. Er hat zahllose Arbeitsplätze aus dem Boden gestampft, weil er den Menschen im Arbeitsprozess nicht durch Maschinen ersetzt hat. Bei ihm gibt es lebendige Verpacker und Sortierer. Berufe, die heute schon fast ausgestorben sind. Gibson Wells ist der Gegenpol zur Digitalisierung der Arbeit. In seinem Konzern arbeitet der Mensch. Er lebt an seinem Arbeitsplatz, wird dort versorgt und mit allem Lebensnotwendigem ausgestattet. Ein wahrer Traum. Sollte man meinen. Gäbe es da nicht zwei Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen den Tests in einer Mother-Cloud unterziehen, um von Gibson Wells angestellt zu werden. Sie haben gute Gründe für ihre Bewerbung.

DER STORE von Rob Hart - AstroLibrium

DER STORE von Rob Hart

Während der Firmenpatriarch sich auf seine Farewell-Tour begibt, bevor er seinen Nachfolger bekanntgibt, schleichen sich zwei ungleiche neue Mitarbeiter ein, um seiner Lebensleistung ein Ende zu setzen. Aber warum? Wozu den wahren Wohltäter der Zeit sabotieren? Ist doch alles prima und den Menschen geht es besser, als je zuvor. Nunja. Auf den ersten Blick. Diese Wahrnehmung kann sich jedoch schlagartig ändern. Durch die Anwesenheit von Zinnia und Paxton kommen ungewohnte Perspektiven aus dem Inneren des STORE ans Tageslicht. Zwei Undercover-Mitarbeiter mit unterschiedlichen Motivationen und Zielen finden zueinander und scheinen ihre Kräfte zu bündeln. Zinnia folgt einem Auftrag von außen. Paxton folgt einer persönlich motivierten Mission. Beide sind durch ihre Rollen als Verpackerin und Security-Mitarbeiter gut getarnt.

Rob Hart entwickelt einen spannenden Plot, in dem er zwei einsame Wölfe zu einem kleinen Rudel vereint, das als Systemsprenger fungiert. Können sie einander vertrauen und finden sie ihren Weg durch das komplexe System der Cloud? Was passiert, wenn ihre Pläne greifen? Ein fulminantes Katz- und Mausspiel nimmt konkrete Formen an. In temporeichen Aufzügen rast Rob Hart durch das Herz der Mother-Cloud. Zentrale und bestimmende Elemente, wie Machthunger, Rache, Widerstand und Intrigen wirken wie Brandbeschleuniger. Als Gibson Wells seinen Besuch in der Mother-Cloud ankündigt beginnt der Countdown für Zinnia und Paxton zu laufen. Pläne greifen ineinander. Der Gegner ist allmächtig. Jeder wird überwacht. Gibt es einen oder zwei Wege, um dieses System zur Implosion zu bringen? Lesen oder hören. Ihr habt die Wahl. Spannung bis zum Letzten ist garantiert.

DER STORE von Rob Hart - AstroLibrium

DER STORE von Rob Hart

Mein Königsweg in die Mother-Cloud war der des Hörens. Elfeinhalb Stunden lang habe ich mich gefühlt, wie ein Mitarbeiter der Cloud. Und ich habe mich dabei gar nicht gut gefühlt, da die Wahrheit immer deutlicher zutage trat. Vier prominente Stimmen hat man für die Hörbuch-Produktion vereint. Stimmen, die wie Wegweiser durch eine Story wirken und so eine ganz spezielle Atmosphäre entstehen lassen. Frank Arnold doziert als Cloud-Patriarch Gibson Wells selbstgefällig über sein ganzes Lebenswerk und wirkt dabei wie Zeus auf dem Olymp. Stark interpretiert. Simon Jäger, die Synchronstimme von Matt Damon, bringt als Paxton alle Facetten dieses Charakters auf den Punkt. Es sind Rachegefühle, die ihn leiten. Es ist die Zuneigung für Zinnia, die ihn verleitet. Und es ist die Faszination für ein menschenverachtendes System, die ihn fast zum Mitläufer werden lässt. Anna Carlsson bringt stimmlich alles mit, was wir mit Zinnia assoziieren. Sie klingt resolut ebenso plausibel, wie in ihren verletzlichen Momenten. Sie überzeugt spionierend in jeder Nuance und lässt verliebt die Stimme säuseln. Gänsehautstimme.

Und ganz zuletzt gibt es da eine Stimme aus dem Off. Die Stimme für die offiziellen Verlautbarungen der Cloud, die Stimme der Lernvideos für die Mitarbeiter. So wird aus der Synchronsprecherin und Schauspielerin Janin Stenzel die Stimme jenes Systems. Hier spricht sie mechanisch, neutral und doch so eindringlich hypnotisierend, dass man ihren Anweisungen sofort Folge leisten würde. Alexa war gestern… Stenzel ist jetzt… Ich habe das Hören dieser Geschichte als Privileg empfunden. Kopfkino für die Ohren. Blendend besetzt und atmosphärisch grandios umgesetzt. Ihr habt die Wahl. Und jetzt warte ich auf meine Drohne. Bin mal gespannt, was ich bestellt habe…

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DER STORE von Rob Hart

Der Store von Rob Hart
Buch: Heyne Verlag / gebunden / 592 Seiten / dt. von Bernhard Kleinschmidt / 22 Euro Hörbuch: Random House Audio / 2 CD / 11 ½ Std. 30 / Lesung mit Frank Arnold, Anna Carlsson, Simon Jäger, Janin Stenzel / gekürzt / 22 Euro

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Die Mauer von John Lanchester – Die Festung England

Die Mauer von John Lanchester - AstroLibrium

Die Mauer von John Lanchester

Ein mitteleuropäisches Land umgibt sich mit einer 1000 Kilometer langen Mauer, um sich vom Rest der Welt abzuschotten. Und das schon in naher Zukunft. Stoff für einen guten Roman. Sicherlich. Doch ist er als Utopie, Dystopie oder gar schon als real zu betrachten? Womit haben wir es zu tun? War George Orwells Überwachungsstaat zum Zeitpunkt des Schreibens noch weit entfernt – er schrieb „1984“ im Jahr 1946 – so wirkt ein Roman über ein Land als Festung in der heutigen Zeit nicht mehr weit entfernt. Denkt man an eine Mauer zwischen den USA und Mexico, an israelische Sperranlagen zum Westjordanland, die vor dreißig Jahren gefallene Mauer zwischen zwei deutschen Staaten, dann hat man das ungute Gefühl, diese Betongrenzen würden in der Tradition der Chinesischen Mauer ein neues Eigenleben entwickeln.

Da kommt John Lanchester gerade zur rechten Zeit. Beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Mauer“ ein Großbritannien, wie wir es uns noch vor ein paar Jahren nicht hätten vorstellen können. Im Herzen Europas, tief verankert in der Gedankenwelt einer Europäischen Gemeinschaft. Doch jetzt? BREXIT. Loslösung, Abkopplung, Alleingang und Separatismus. Was kommt danach? Hoffentlich nicht das, was Lanchester uns ins Stammbuch des guten Lesens schreibt. Doch wohl hoffentlich nicht das Szenario, dem er sich in seinem Roman dystopisch hingibt. Eine Gesellschaftsordnung mit negativem Ausgang. Nicht positiv utopisch geprägt, nicht losgelöst von der Realität, sondern eben auf ihr basierend und die Schraube bis zum Anschlag weitergedreht. England wird zur Festung.

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Die Mauer von John Lanchester

Wie das aussieht? Erschreckend einfach und ebenso plausibel. Eine Mauer zieht sich rund um die gesamte Insel. 1000 Kilometer lang. Unüberwindbar hoch. Die Grenze zu Großbritannien wird an Land gezogen. Keine Strände mehr. Keine Touristen, keine lustigen Bootsausflüge oder Angeltouren auf See. England hat sich eingeigelt. Und für alle jungen Briten gilt es, diesen Schutzwall unter Einsatz des eigenen Lebens bis aufs Blut zu verteidigen. Das ist der Rahmen, den John Lanchaster anschaulich beschreibt, als wäre er real. Die Regeln, Normen und Gesetze des abgeschotteten Landes gelten nur noch in seinem Inneren. Sie sind hart. Unmenschlich, aber wohl alternativlos, wenn man England schützen will.

Vor den Anderen. Die Deutungshoheit überlässt der Autor seinen Lesern. Es sind die Heerscharen der Anderen, die sich Zutritt verschaffen wollen, die die Insel belagern und illegal ins Land kommen wollen, um es von innen auszuhöhlen. Gesichtslos bleibt die Bedrohung. Ganz anders, als die jungen Menschen, die auf der Mauer ihren Dienst versehen. Und dies unter Androhung drakonischer Bestrafung, sollte es den Feinden in irgendeiner Art und Weise gelingen, die Mauer zu überqueren. Ein Versagen hat für die Verteidiger zur Folge, dass sie sich künftig dort wiederfinden, wo der Feind herkam. Auf dem Meer. Draußen. Ausgesperrt. Ein tödlicher Rollentausch. Hoffnungslos, denn auch andere Länder haben sich abgeschottet. Das Meer als modernes Fegefeuer. Hier treibt man, den Elementen ausgeliefert im Niemandsland umher.

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Unvorstellbar? Oh nein. Nur konsequent weitergedacht und brillant erzählt. Man möge sich nur auf den Erzählstrom des Autors einlassen, dann sieht man sich selbst in der Rolle des Verteidigers auf dem Bollwerk gegen das Fremde, gegen Flüchtlinge und Kriminelle. Gegen alle, die man nicht auf der Insel der Glückseligkeit haben will. Keine Frage zum Rahmen bleibt unbeantwortet. Das Szenario wird anschaulich beschrieben. Der Wachdienst auf der Mauer, die Ruhephasen, der Druck und das Gefühl, nun zu der letzten Welle derer zu gehören, die ihr Land beschützen. All dies findet Raum in einem Roman, der von Seite zu Seite eindringlicher nach unserem Gewissen greift. Haben wir die Mauer nicht schon im Herzen? Ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis sie sich wieder in die Höhe schrauben kann? 

Nichts ist weit weg. Wir folgen dem jungen Joseph Kavanagh auf die Mauer. Er ist neu. Ein Frischling. Und so, wie man ihm seinen Alltag und seine Pflichten erklärt, fühlt sich auch der Leser zwangsrekrutiert. Zeit wird zu Kaugummi. Kälte und Wind mutieren zu lebensunwirklichen Feinden. Die Gemeinschaft wird eng. Aus jungen Menschen hat das System in kurzer Zeit kampfbereite Verteidiger und Verteidigerinnen gemacht. Wie es dazu kam? Wie diese Mauer entstand? Wie es im Inland aussieht? Wie im Ausland? Woher die Anderen kommen? Dies alles zu denken überlässt uns der Autor. Er erzählt von einer Zeit vor dem Wandel (in dem wir jetzt wohl leben) und der Zeit danach (die er uns vor Augen führt). Das „Dazwischen“ formt sich lesend in unserer Fantasie. Ein sehr faszinierender Leseprozess, in den er uns verwickelt. Diese Unmittelbarkeit trifft uns im Herzen. Die Unvermeidbarkeit zu erkennen, lässt uns innerlich kollabieren.

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Die Schauplätze Der Mauer sind an zwei Fingern abzuzählen. Die hier agierenden Personen bleiben überschaubar. Das Menschliche tritt nur dann zutage, wenn aus dem Alltag Routine wird. Nichts ist weit weg. Für alle Bilder finden wir Entsprechungen. Kein Bild, dass es noch nie gegeben hat. Mauerschützen in Ostberlin, Hochsicherheitszonen zwischen Nord- und Südkorea. Wir sind im Bilde. Nur die Größe und die Konsequenzen machen uns sprachlos. Ein Vorgesetzter, der einst ein „Anderer“ war, Politiker, die sich nicht scheuen, die jungen Kämpfer als Kanonenfutter zu sehen und ein System, das im Verteidigen der Mauer einen ähnlichen Schwerpunkt sieht, wie in der Fortpflanzung der Bürger, machen diesen Roman zu einem dystopischen Ereignis. Als Kavanagh beginnt, sich zu arrangieren und gleichzeitig die Nähe zu einer jungen Verteidigerin sucht, dreht sich die Geschichte in eine unausweichliche Richtung. Ein Angriff, Verrat und „Andere“, denen das Unglaubliche gelingt.

John Lanchester vermittelt uns das Gefühl, immer im selben Boot zu sitzen, wie sein Antiheld. Ihm gelingt es, uns aufzurütteln und Nachrichten anders zu schauen. Er schärft unseren Blick und versetzt uns den Schock, uns schon jetzt in der Vorstufe des Mauerbaus zu befinden. Flüchtlinge in Seenot. Die gefühlte Festung Europa. Populisten und ihre Hassaufrufe. Alles macht sich während des Lesens breit. Wir würden so gerne rufen „Mr. Lanchester, tear down this wall!“ Ich habe an Pink Floyd und „The Wall“ gedacht. Ich habe den Widerstand in mir gefühlt. Nur relevante Bücher bringen mich an diese Grenze, an der noch keine Mauer steht. Johannes Klaußner hat mir Die Mauer vorgelesen. Eindringlich und unmittelbar, wie ich es gehofft hatte. Sieben Stunden und vier Minuten dauerte meine Dienstzeit auf der Mauer und die Leidenszeit danach. Eine Produktion, die dem Roman in jeder Beziehung gerecht wird. Klaußner macht Zuhörer zu Kameraden, Weggefährten, Komplizen, Versagern, Liebenden und Verzweifelten.

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Die Mauer von John Lanchester

Der renommierte Booker Prize hat Die Mauer bereits auf der Longlist für einen möglichen Preisträger 2019. Ich bin der Meinung, dass es John Lanchester verdient hätte, für seine außergewöhnliche Story ausgezeichnet zu werden. Die aktive Rolle, die man als Leser oder Hörer einnimmt, lässt nicht nur die spürbare Nähe zum Geschehen entstehen. Sie macht uns zu Beteiligten in der Entstehungsphase des Mauerbaus. Wir sollten diese Rolle annehmen und uns gegen innere und echte Mauern erheben. Sonst gehören unsere Kinder bald wieder zu den Verteidigern gegen das „Andere“. Ich finde, dass es diese Aspekte sind, die ein paar unnötige Längen im Roman kompensieren. Ich hätte mir weniger, rein äußerliche Beschreibungen von Regeln und Abläufen gewünscht und dem Innenleben der Protagonisten gerne mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Wer „Die Mauer“ liest oder hört, der kann einen Schritt weitergehen. Nicht nur ein britisches Thema, ein solch menschenunwürdiger Schutzwall in der Literatur. Endland von Martin Schäuble gestaltet einen vergleichbaren Schutzwall zwischen Deutschland und seinen Nachbarländern. Sein Roman begegnet der ideologischen Haltung, mit der man diese Mauer gegen Flüchtlinge verteidigt auf einem Niveau, das ihn in den Kanon der Schulbücher erhoben hat. Auch „Die Insel“ von Armin Greder widmet sich einer in sich geschlossenen Gesellschaft. Ein Bilderbuch, das mit voller Wucht gegen die Angst kämpft, sich gegenüber „Anderen“ zu öffnen! Wie man andererseits eine solche Mauer zu überwinden versucht, beschreibt Timur Vermes in seiner Satire „Die Hungrigen und die Satten“ bis zur letzten tödlichen Konsequenz. Wäre ich Buchhändler / in, ich würde diese Bücher gemeinsam präsentieren. Ein Büchertisch unter der Überschrift „Bücher statt Mauern“ wäre substanzieller als so manche Parole aus der Vergangenheit.

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ (Innerdeutsche / politische Lüge am 15.06.1961, Walter Ulbricht)

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Dieser Roman ist kein Mauerblümchen. Er wuchert sich wie literarisches Unkraut in die Gedankenwelten der Leser und Hörer. Nicht auszurotten, weil die täglichen Stilblüten der Populisten wie Baupläne für künftige Bollwerke wirken.

„Die Mauer“ von John Lanchester
Buch: Klett – Cotta Verlag / dt. von Dorothee Merkel / 348 Seiten / 24 Euro
Hörbuch: Random House Audio / gekürzt / 6 CDs / 7 Std. 4 Min. / Sprecher: Johannes Klaußner / 25 Euro