„Endland“ von Martin Schäuble

Endland von Martin Schäuble

Nun wollen wir mal versuchen, uns dem Thema versachlicht zu nähern, Ironie und Polemik auszuschalten und zu beleuchten, was Martin Schäuble mit seinem aktuellen Roman „ENDLAND“ bezweckt. Denn er muss etwas bezwecken, da diese dystopische Utopie oder auch utopische Dystopie, so nah an den gefühlten Ängsten seiner Leser in Deutschland angesiedelt ist, dass ihm eine klare Intention unterstellt werden darf. Wenn ich nur von Ängsten spreche, dann klammere ich diejenigen Leser aus, für die Endland schon mehr dem Hoffen auf eine bessere Zukunft entspricht, weil es eben eine Zukunft literarisch wahr werden lässt, die sich Wähler einer bestimmten Partei herbeisehnen.

Nur, dass genau diese Wähler das Buch wohl niemals lesen werden, es unter dem Sammelbegriff Lügenpresse und -literatur abhaken und belustigt beiseitelegen. Mag es daran liegen, dass Martin Schäuble in seinem Buch rechtspopulistischen Politikern die Maske vom Gesicht reißt? Mag es daran liegen, dass er denjenigen, die den Gedanken dieser Meinungsmacher bedenkenlos folgen die Konsequenzen aufzeigt oder ist es so, wie im ganz normalen Leben, dass andere Meinungen mit der Trillerpfeife weggepfiffen werden? Wie dem auch sei, für mich ist „ENDLAND“ alternativlos, weil die Geschichte in einem Deutschland spielt, in dem die „Nationale Alternative“ (Ähnlichkeiten zu einer bereits real existierenden Partei sind nicht zufällig) regiert.

Endland von Martin Schäuble

Und das schon so lange, dass wichtige Ziele dieser Nationalen Alternative bereits realisiert wurden. Wie sieht das Deutschland Martin Schäubles aus? Ganz einfach. Es ist ein sicheres Deutschland. Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt und Deutschland ist an seinen Außengrenzen von einer acht Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten, und bestens bewachten Mauer umschlossen. Wozu? Na, auch ganz einfach. Sie dient dem Schutz gegen „Invasoren“, so der alternative Sammelbegriff für alle Flüchtlinge, die auf dem Weg sind, den Deutschen Land, Identität, Arbeitsplätze und Wohlstand zu rauben. Schluss mit grenzenloser Freiheit. Schluss mit Flüchtlingsrouten und Schluss mit dem unsäglichen Gutmenschentum im Lande.

Spätestens hier zuckt der gar nicht alternative Leser zusammen, lässt aktuelle und bedrohlich wirkende Wahlergebnisse an seinem geistigen Auge vorüberziehen und hat beim Lesen der folgenden 215 Seiten die Populisten unserer Tage im Sinn. Und das in jedem Land, das ihm gerade so einfällt. Ist es möglich ein Land so zu verändern? Ist es denkbar, die Globalisierung einzudämmen, sich aus der EU zu verabschieden und das Grundgesetz so zu ändern, dass auch der Einsatz der Bundeswehr im Inneren möglich ist, um die Mauer zu bewachen? Ist das möglich? Es ist so! Punkt. Hier wird nicht nach dem WIE gefragt. Hier werden wir mit dem Ergebnis des Rechtsrucks konfrontiert. Hier werden Alpträume wahr. Und das Schlimmste..: Martin Schäuble lässt sie uns plausibel träumen.

Endland von Martin Schäuble

Hier stehen wir nun mit den besten Freunden Anton und Noah an der Mauer. Wir laufen Streife mit ihnen, bewachen das eigene Land vor Terroristen, Flüchtlingen und Schleusern. Und was Anton betrifft, sind wir auch noch vollkommen davon überzeugt, genau das Richtige zu tun. Darüber hinaus ist die nationale Gesinnung schon so tief in der Gesellschaft verankert, dass man nur noch die Wahl hat, mitzulaufen oder eben in letzter Konsequenz zu verschwinden. Martin Schäuble skizziert diese vollzogenen und authentischen Veränderungen. Er nagelt seinen Lesern die Rahmenbedingungen in die Hirnwindungen und schreibt nicht übertrieben oder überzogen. Er bleibt (und das ist im wahrsten Wortsinn erschreckend) auf dem Boden der aktuellen Forderungen der Partei, die ihm als Vorbild für diese gesellschaftliche Utopie diente.

Wenn wir dieses runderneuerte Deutschland endlich verstanden haben, wechselt Schäuble die Perspektive. Ein harter Schnitt ist es, den er flüssig vollzieht. Ein Schnitt in der zwingend erforderlichen Konsequenz, um verstehen zu können, was Menschen dazu veranlasst, sich trotz des Schutzwalles nach Deutschland zu retten. Fana wird zu unserer Wegbegleiterin einer gar nicht beispiellosen Flucht. Addis Abeba, Äthiopien, ist der Startpunkt der Schleuserfahrt. Das einzige noch bestehende Aufnahmelager für die „Invasoren“ an der ummauerten Deutsch-Polnischen Grenze ist die Endstation. Hier ist es der linientreue Anton der auf sie wartet. Und nicht nur auf sie.

Endland von Martin Schäuble

Martin Schäuble ist kein Populist. Er ist ein eigentlich versachlichter Weltenbummler, Journalist und Schriftsteller, der die dunklen Seiten der Armut in Afrika nicht nur aus der Presse kennt. Er, der Politikwissenschaftler mit Herz, hat sich mit Büchern und Artikeln zu diesem Thema einen Namen gemacht. Differenziert und analytisch geht er Ursache und Wirkung auf den Grund. Doch jetzt scheint ihm die literarische Hutschnur gerissen zu sein und so hält er uns mit seiner Utopie „Endland“ den aktuellen Zerrspiegel einer Gesellschaft vor Augen, die auf dem Weg ist, in weiten Teilen rechts abzubiegen. Hier schreibt er im Klartext, bettet seine Handlung in einen internationalen Kontext ein und verdeutlicht die Konsequenzen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man einer Politik folgt, die alternativlos nur auf Angst setzt.

Hier sind es die immer wiederkehrenden Automatismen, die sich in seinem Roman auf das Leben aller Menschen auswirken. Wer durch Angst an die Macht kommt, muss Angst am Leben halten, um die Macht zu erhalten. Opposition und Lügenpresse muss schon im Keim erstickt werden und die Staatsorgane der Exekutive, wie die Polizei und die Bundeswehr entwickeln sich zu den tragenden Säulen einer klaren Sicherheit nach außen und dann auch nach innen. Und doch darf man nie vergessen, dass es sich bei „Endland“ lediglich um einen Roman handelt. Er bietet Denkanstöße, tritt Diskussionen los und polarisiert in seiner direkten Anspielung auf real existierende „Alternativen“. Im tiefsten Kern haben wir es nicht mit einem politischen Lehrbuch zu tun. Die Zielgruppe für diese Utopie liegt mit 14 Jahren auch deutlich im Jugendbuchbereich. Hier darf man keine weitschweifigen sozial-philosophischen Abschweifungen erwarten.

Endland von Martin Schäuble

Hier darf „Endland“ auch einfach nur spannend erzählt sein. Hier geht der Autor in die Vollen, wenn er den Grenzsoldaten Anton mit  einem Auftrag konfrontiert, der ihn an den Scheideweg seiner Existenz führt. Martin Schäuble schreibt seinen Anton in ein Szenario hinein, aus dem es eigentliche kaum einen Ausweg gibt. Er schreibt ihn in das Flüchtlingslager hinein. Mit einer tödlichen Mission im Gepäck. Hier spielt der Autor mit seiner brillant gestalteten Ausgangssituation, um ein explosives Finale zu erzählen. In jeder Hinsicht ein empfehlenswertes Buch, ein denkbares Buch, ein bedenkenswertes Buch. An einigen Stellen ist die deutliche Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen Gut und Böse zu drastisch. Aber dies ist als Stilmittel für die Kernaussage des Buches vielleicht ebenso legitim, wie dies auf der Seite alternativer Alternativen betrieben wird.

Zuletzt sei ein Hinweis gestattet: Wer „Endland“ gelesen hat, sollte sich auch „Krieg. Stell dir vor er wäre hier“ von Janne Teller ins Haus holen. Beide Bücher gehen von einem bestimmten Punkt an Hand in Hand und sollten sich auch in der eigenen kleinen Bibliothek komplementär ergänzen. Hier bekommt der Begriff Flucht eine Dimension, in der wir denken sollten, wenn wir über Flucht nachdenken. Wo andere versuchen, neue Mauern zu errichten, stelle ich Bücher dagegen. Wo andere nur mit Verallgemeinerung Stimmung machen, halte ich Fakten dagegen. Wo andere trennen wollen, mag ich auf der Basis aufrichtiger Gefühle vereinen und wo andere auf Abstumpfung setzen, gieße ich das zarte Pflänzchen der Empathie.

Endland von Martin Schäuble

27 Jahre Deutsche Einheit verdienen es, weitergelebt und täglich mit neuem Leben gefüllt zu werden. Bücher statt Mauern. Ein Projekt bei AstroLibrium, das nicht erst heute begonnen hat.

Endland von Martin Schäuble – Bücher statt Mauern

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„Die Terranauten“ von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Es klingt nach Science Fiction, wenn man den Roman Die Terranauten von T.C. Boyle zur Hand nimmt. Es klingt nach wissenschaftlich basierter fiktionaler Story, es schmeckt nach Zukunft und es riecht nach einem Leben in einer simulierten Welt, wenn man dem Klappentext des Hanser Verlages folgt. „Ecosphere 2“ ist die Bezeichnung für eine künstlich geschaffene Erde, in der acht „Terranauten“ das Leben auf unserem Planeten simulieren, um beweisen zu können, dass der Mensch in der Lage ist, sich in einem geschlossenen System völlig autark zu versorgen und zwei Jahre lang nicht nur zu überleben, sondern auch die Basis für weitere Missionen zu schaffen.

Ecosphere 2 ist das perfekte Abbild unserer Welt in einem riesigen Terrarium im Nirgendwo der Texanischen Wüste. Alle Klimazonen sind künstlich angelegt. Für die Ernährung der Wissenschaftler ist die Basis gelegt. Ackerbau, Viehzucht, Wasser- und Sauerstoffversorgung sind in diesem Mega-Komplex die Grundlagen für die zukünftige Selbstversorgung von vier Männern und vier Frauen, die in den nächsten beiden Jahren hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt werden, um den wissenschaftlichen Beweis der Theorie von „Ecosphere 2“ erbringen zu können.

Die Terranauten von T.C. Boyle und der Marsianer von Andy Weir

Die Terranauten von T.C. Boyle und der Marsianer von Andy Weir

Und wozu das alles? Wozu dieser immense Aufwand? Ganz einfach: Um zu zeigen, dass menschliches Leben auf anderen Planeten in ferner Zukunft möglich ist. Wer den Roman Der Marsianer von Andy Weit kennt, wird wissen, welche wissenschaftlichen Vorarbeiten erforderlich waren, um diese Mission zum Roten Planeten zu ermöglichen. Und hier kommen unsere „Terranauten“ ins Spiel. Sie simulieren im Glaskasten, was für spätere Besiedelungen im Weltall lebensnotwendig ist. Und dies nicht nur unter der Aufsicht einer wissenschaftlichen Leitung sondern unter den wachsamen Argusaugen der Weltöffentlichkeit.

Nichts rein – Nichts raus! Das ist das Mantra der geschlossenen Gesellschaft und nur ein einziger Verstoß gegen diese Maxime würde das gesamte Projekt mit einem Schlag ad absurdum führen. Ein Scheitern wäre der finale Todesstoß für das gesamte Projekt. Das ist die große menschliche Herausforderung für acht Forscher, die für zwei Jahre nicht nur wissenschaftliche Versuchstiere sind, sondern auch ein Team bilden müssen, das die Durchhaltefähigkeit als Gruppe gewährleistet. Hier hat T.C. Boyle einen in sich geschlossenen Erzählraum gefunden, in dem er seine Protagonisten jedem Szenario in der künstlichen Welt aussetzen kann, das der Mission ein Bein stellen könnte.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Das hat was von einer Langzeitvariante von Big Brother, nur dass nun das gesamte Team gewinnen muss, um die Herausforderung zu bestehen. Individuelle Belange sind für den Erfolg des Ganzen zu unterdrücken. Teamplay ist angesagt. Und dies unter den Parametern eines dauerhaften Einschlusses unter den Risiken der Unterversorgung bei gleichzeitiger Zuspitzung zwischenmenschlicher Konflikte. Wenn das mal nicht der Stoff ist, aus dem gute Romane gestrickt sein müssen. T.C. Boyle schöpft aus dem Vollen in seiner Beschreibung der Auswahl der Kandidaten, der Enttäuschung derer, die nicht ins Terrarium einziehen dürfen und der sich immer weiter zuspitzenden Konflikte derer, die doch eigentlich zusammen funktionieren sollten.

Nichts rein – Nichts raus! Nur wir sind davon ausgenommen. Für Leser und Hörer der Geschichte ist Ecosphere 2 semipermeabel. Wir können rein und raus. Wir sind in der Lage, die Situation in Mission Control zu beobachten, folgen den „Terranauten“ zu den täglichen Arbeiten und verfolgen die große Variable der Geschichte: Das wahre Leben. Denn jede einzelne Sequenz wird überlagert vom Ego der Eingeschlossenen. Konflikte reichen und tragen weit. Das Casting hat seine Narben hinterlassen und die Gruppe ist in sich nicht homogen genug, um die Herausforderungen einfach so zu kompensieren.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Was dieser Mission wahrlich gefehlt hat, ist die sexuelle Anziehungskraft, die das geschlossenen System zum implodieren bringt. Enthaltsamkeit, Isolation und Druck, es sind alle Parameter vorhanden, den menschlichen Kochtopf zum Sieden zu bringen. So auch in den wechselnden Beziehungen, den losen Kontakten, dem ersten Stelldichein und der ungewollten Konsequenz aller Leidenschaft. Rein und raus. Im Terrarium geht es erstaunlich gut. Als jedoch eine „Terranautin“ schwanger wird, steht die Mission vor dem Aus. Eifersucht regiert, ein zusätzliches und nicht kalkuliertes kleines Maul wäre zu stopfen und die Weltöffentlichkeit ist fokussiert auf das Terranauten-Baby. Gibt es einen Ausweg?

Ich bin hin- und hergesprungen zwischen denTerranauten in Buchform und der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag. Die Konstruktion der Geschichte ist hierfür prädestiniert. In drei Perspektiven gilt es, sich „Ecosphere 2“ zu nähern. Dawn Chapman und Ramsay Roothoorp liefern die hermetisch geschlossenen Sichtweisen aus dem Inneren, während Linda Ryu den Sprung ins Team verpasst hat und nun von außen beobachten muss, was ihr selbst verwehrt wurde. Als Dawn schwanger wird, ist es Linda, die ihre Chance wittert. Nicht nur weil Ramsay die Vaterrolle nicht annehmen will, sondern auch noch ein Verhältnis mit einer Frau hat, die draußen auf ihn wartet. Es brodelt nicht nur. Die Atmosphäre kocht.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Im Hörbuch gelingt es August Diehl, Ulrike C. Tscharre und Eli Wasserscheid die sich aufbauenden Konflikte sukzessive und dramaturgisch perfekt inszeniert zu einem Vulkanausbruch zu steigern. Authentisch wirken sie, wenn sie ihre Sichtweise vertreten und unglaubwürdig wirken die Anderen, bis sie selbst das Wort ergreifen. Der Hörer ist hin- und hergerissen zwischen Antipathie und Sympathie zu den drei Charakteren und ihren Mitbewohnern in und außerhalb von „Ecosphere 2“. Die Zeit läuft, die Biologie ist nicht aufzuhalten und die ganze Welt beäugt die „Terranauten“  im Fernsehen und vor dem Besucherfenster einer ständig wachsenden Touristenattraktion.

Authentisch ist dieser Roman in jeglicher Hinsicht. Ich habe mir zur Sicherheit vor meinem Aufenthalt im Roman meine Weisheitszähne ziehen, den Blinddarm entfernen lassen und auf Deodorant und Rasierschaum verzichtet. Auch für mich galt: Nichts rein. Nichts raus. Ich habe mit Mission Control zusammengearbeitet, Ziegen gemolken und Fische im künstlichen Ozean gefangen. Ich habe nicht gejammert, als die Temperatur auf über 48 Grad Celsius stieg und ich bin am Tag des Wiedereintritts auf allen Vieren aus der Luftschleuse gekrochen, nur um wieder eine Überraschung zu erleben. Und die hatte es wahrlich in sich. Als Buch brillant, in seiner Hörbuchfassung eine Adaption, die den Hörer ganz nah an die „Terranauten“ bringt.

Die Terranauten von T.C. Boyle

Die Terranauten von T.C. Boyle

Und doch sei am Ende die Frage erlaubt, ob ich es hier wirklich mit Science Fiction zu tun habe. Ob T.C. Boyle einen Fantasieraum geschaffen hat, der visionär und auch ein wenig utopisch ist? Ob seine literarische Kreativität bahnbrechend ist und die Leser erst in einigen Jahren feststellen werden, wie plastisch er die Zukunft abgebildet hat. Es ist nicht so. Es ist eher Past Fiction, denn das Vorbild für „Die Terranauten“ ist unter dem Namen „Biosphere 2“ schon seit der Mitte der 1990er Jahre gescheitert und wird nur noch als Touristenziel vermarktet. Daraus macht auch T.C. kein Geheimnis.

Folgt man der Missionsbeschreibung zu „Biosphere 2“ auf Wikipedia, so hat man das grundlegende Gerüst für den Roman „Die Terranauten“ vor Augen. Vom Scheitern einer ersten Mission aufgrund der Handverletzung eines Teammitgliedes bis hin zu den ausufernden zwischenmenschlichen Spannungen. Insofern bietet der Roman eigentlich nur in der Fiktionalisierung der Charaktere neue Ansätze. Die Überhöhung der Konflikte durch die Schwangerschaft von Dawn Chapman ist mehr als gelungen. Neuland jedoch hat T.C. Boyle nicht betreten. Er hat viel Sand aufgewirbelt, der eine grandiose Story in der Wüste von Texas begraben hat.

„Ein Schwur ist ein Schwur. Nichts rein. Nichts raus.“

Für mich ist zu viel von draußen in den Roman reingekommen. (Siehe Spiegel vom 22.09.2011)

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„Letzte Freunde“ – Das Trilogie-Finale von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Wie endet eine Trilogie, die mich mehr als ein Jahr meines Lesens begleitet hat? Wie verabschieden sich Charaktere aus meinen Gedanken, denen ich von Hongkong nach England gefolgt bin und die mir den Zeitenwandel zwischen dem Empire und dem modernen Großbritannien vor Augen geführt haben? Wie endet die Geschichte zweier Menschen, die den beiden ersten Büchern mit ihren Wesensmerkmalen zu ihren Titeln verholfen haben. Edward Feathers (Old Filth), Ein untadeliger Mann“ und seine Frau Betty, Eine treue Frau? Ich war gespannt auf das Finale von Jane Gardam: Letzte Freunde

Distinguiert, würde man ihn nennen. Jenen ehemaligen Kronanwalt und Richter des Britischen Empires, der in der Kronkolonie Hongkong deutliche Spuren hinterlassen hatte. Er blickt zurück auf eine bewegte Zeit, jener Edward Feathers, der im ersten Teil der Trilogie „Ein untadeliger Mann“ mein Lesen bereicherte. Old Filth, ein Spitzname, der ihm geblieben ist. Besonders in Anwaltskreisen und obwohl er eigentlich nicht sehr schmeichelhaft scheint, Edward Feathers hat was draus gemacht. Zumindest so lange, bis SIE starb…

„Nach Bettys Tod hörte Old Filth auf zu kokettieren. Sein Leben stürzte ein. Es wurde umständlicher. Er begann, zunächst langsam, die Deckel von vergangenen Ereignissen zu heben, die er als vernünftiger Mann mit gebildeten Freunden (er war Anwalt… der Krone gewesen) bislang geschlossen gehalten hatte.“

Letzte Freunde von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Um wen er jedoch trauert, das erschließt sich erst in der Fortsetzung, denn hier lässt uns Jane Gardam in die Gedanken- und Gefühlswelt von Betty Feathers schlüpfen. Sie kommt nun zu Wort. Ihr Leben an der Seite des distinguierten Richters konturiert sich von Seite zu Seite. „Eine treue Frausteht nun dem „Untadeligen Mann“ zur Seite. Und hier erwartet uns die Aufklärung dessen, was wir schon seit dem ersten Buch zu wissen glaubten, es aber (ebenso wie Old Filth) niemals aussprechen wollten. Treue ist ein weit gefasstes Ideal und gerade in der Ehe mit Edward wurde diese Tugend auf den Prüfstand der Moralvorstellungen von Betty gestellt.

Nein – Betty Feathers war alles andere als treu. Punkt. Basta! Wir wussten es. Wir haben es immer geahnt und hätten ihrem naiven Ehemann gewünscht, das untadelige Äußere nur einmal vergessen zu können, um Betty auf die Spur zu kommen. Alles ist mehr als klar. Aus ihrer Sicht werden wir Zeugen des ersten Kennenlernens der beiden. Aus ihrer Sicht erleben wir, was sie sich von dieser Beziehung verspricht und aus dem Mund ihrer besten Freundin vernehmen wir, wovor sich Becky am meisten fürchtet.

„Man sollte auch den Mond wollen. Lass dir keine Vierzig-Watt-Birne andrehen, nur weil sie hübsch aussieht. Du bleibst darauf sitzen, wenn sie ausgeht… und dann hockst du am Ende ewig im Dunkeln.“

Letzte Freunde von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Fehlt nur noch das Ende. Fehlt der finale Band. „Last Friends“. Letzte Freunde. Es musste so kommen, dass Jane Gardam die letzte Perspektive ihrer Trilogie dem Mann überlässt, der hier stets als das Synonym für Versuchung auftaucht. Ein Mann, der es ja fast geschafft hätte, Edward und Betty zu trennen. Ein Mann der mit einer geschenkten Perlenkette ein lebenslanges Band zum Herzen von Betty geknüpft hat. Ein ebenbürtig erscheinender Gegenspieler für Old Filth.

Der finale Band sollte diesem Terry Veneering gehören Letzte Freunde.

Und dann saß ich da im kurzen Lesehemd, denn Jane Gardam hatte wohl nie den Plan, meinen Leseerwartungen entsprechen zu wollen. Sie erzählt hier vom prallen Leben und so wie sie sich ihrer eigenen Geschichte ausliefert, so sind es auch jetzt die Überraschungen und Wendungen, die das Leben in ihrer Trilogie widerspiegeln. Allein der erste Satz des Schlussbandes steht für einen ganz besonderen Schlussakkord, der mein Lesen in diesem Erzählraum verändern sollte.

„Die Titanen waren nicht mehr.“

Letzte Freunde von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Wie in einem epischen Theaterstück verändert Jane Gardam die große Bühne der Trilogie vor dem Finale, lässt ihre Protagonisten abtreten und zelebriert diesen letzten Schlussvorhang mit zwei Trauerfeiern in London. Edward Feathers (Old Filth) und Terry Veneering sind nicht mehr. Betty war ihnen vorausgegangen und nun sitzen wir da und fragen uns, wie man die Handlung eines Buches vorantreiben kann, dem die Personen fehlen, die uns bis hierhin gebracht haben. Ein Abgesang auf eine Trilogie?

Nein. Sicherlich nicht, denn genau in diesem Fehlen liegt der Reiz dieses finalen Aufzugs. Jane Gardam erweitert die Perspektive des Betrachters um jene Randfiguren, die wir zwar bisher wohlwollend zur Kenntnis genommen haben, die aber im Verlauf der Handlung eher unwichtig erschienen. Doch wie im wahren Leben, bleiben am Ende der Geschichte diejenigen übrig, die als „Letzte Freunde“ ihre Erinnerungen an die viel zu früh Verstorbenen kultivieren.

Aus diesem Blickwinkel erleben wir das Beziehungsgeflecht von Edward, Betty und Terry völlig neu. Wir rücken ab von Bildern, die in unserer Vorstellung verankert sind. In „Letzte Freunde“ reisen wir zurück zu den Wurzeln der Geschichte, erkennen Irrtümer und Irrwege und finden uns neu, weil wir Charaktere neu erleben dürfen. Dabei scheint alles nur neu zu sein, denn wir sehen auch ein Muster, das sich auch über die Cover der drei Bücher zieht und am Ende zu einem großen Geflecht vereint.

Letzte Freunde von Jane Gardam

Letzte Freunde von Jane Gardam

Jane Gardams Trilogie findet mit „Letzte Freunde“ einen würdigen Abschluss. Es ist ein Finale, das so nicht erwartet werden konnte und deutlich aufzeigt, wie wichtig die Menschen sind, die eine Lebensgeschichte nur tangieren. Die Peripherie gerät plötzlich ins Rampenlicht und durch diesen Kunstgriff der Blickwinkelerweiterung realisiert man die Tiefe der Spuren, die Edward, Betty und Terry im Leben ihrer Freunde hinterlassen haben. Man erinnert sich nur an das Gute. Man verdrängt Peinlichkeiten und Abwege. Man bereinigt das Leben an seinem Ende um den Faktor „Unzulänglichkeit“.

Ich bereinige am Ende der Trilogie die moralischen Sichtweisen von richtig oder falsch, die immer wieder für die Lebensweisen von  Menschen hergenommen werden, die sich in ihrem Leben einfach nur darauf fokussieren wollten, sich selbst treu zu sein. Man soll nicht über Tote lästern. Diesem Anspruch werden „Letzte Freunde“ gerecht. Anstatt zu verurteilen hinterfragen sie sich, sehen mit welchen Konventionen Edward, Terry und Betty gebrochen haben und vielleicht gelingt es auch ihnen, neue Wege zu finden.

Es ist nie zu spät.

Ich bin noch nicht am Ende angelangt, was Jane Gardam betrifft. Das Glück hat mir einen limitierten Buchschatz in die Hände gespielt. Geheime Briefe aus der 5Plus- Edition schließt eine kleine Lücke im Leben von Jane Austen, die den Liebhabern der großen Schriftstellerin bis heute keine Ruhe lässt. Eine Reise nach Devon, eine völlig geheime Liebe und der plötzliche Tod des Mannes, den Jane Austen dort traf. Wilde Spekulationen ranken sich um diese Episode. Jane Gardam löst sie nicht auf, aber sie schrieb die geheimen Briefe, die es niemals gab….

Die geheimen Briefe - Jane Gardam - Hier geht es weiter...

Die geheimen Briefe – Jane Gardam – Hier geht es weiter…

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„Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Manchmal schreibt das Lesen seine eigenen Geschichten. Erst vor wenigen Tagen war ich in aller Tiefe in der „Nachtigall“ von Kristin Hannah versunken, schrieb über die Relevanz eines Romans, der das besetzte Frankreich des Zweiten Weltkrieges und die Opfer der Nazi-Herrschaft in den Mittelpunkt seiner Handlungsfäden stellte. Auch wenn dieser brillante Roman nicht mit der Befreiung des französischen Volkes endet, blendet er doch die Zeit aus, die nach der Kapitulation des Dritten Reichs aus Erzfeinden neue und dauerhafte Freunde machte.

Dann fand mich ein Buch, das eigentlich gar nicht auf meinem Leseplan stand. Schon der Klappentext verursachte eine literarische Gänsehaut bei mir. Ich konnte es nicht so recht fassen, dass genau zu diesem Zeitpunkt in meinem Lesen eine Schriftstellerin in mein Leben trat, die genau diesen Missing Link zu einem tiefen Roman verdichtet hat, der mir am Ende der „Nachtigall“ und vieler vergleichbarer Werke fehlte, um eine Zeit zu verstehen, die für unser Jetzt und Heute so lebenswichtig war. Wie konnte nach den schrecklichen Verbrechen und Massakern jemals wieder Frieden entstehen, wie konnte Vergebung gedeihen, wenn sie wortlos blieb, wie die Kirche in Oradour-sur-Glane?

„Du erfährst nach und nach, dass es in diesem Jahrhundert zwei Kriege mit den Deutschen gab. Weltkriege. Deine Großeltern haben beide erlebt, deine Eltern nur den Zweiten. Die Deutschen waren die Bösen, aber man spricht kaum darüber, mit euch schon gar nicht.“

(Sie können sich diese Rezension auch gerne im Radio anhören: HIER)

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk - AstroLibrium

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk – Mit einem Klick zum PodCast

Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk, erschienen beim Hanser Verlag, liefert nur eine der vielen denkbaren und möglichen Antworten. Und es ist sicher keine leichte und schnell verträgliche Antwort. Wollte man ihr Buch mit den Werken von Kristin Hannah, Irène Némirovsky oder David Foenkinos in Relation setzen, dann kann man dies auf medizinische Art und Weise versuchen. Die Autoren, die über die Nazi-Besetzung ihres Landes schrieben, schildern den chirurgischen Eingriff, der tiefe Schnitte im Leben aller Menschen hinterließ.

Sylvie Schenk beschreibt in ihrem Roman die lange Rehaphase eines Volkes, das den Glauben an Heilung immer wieder verlor, dessen Wunden oftmals neu aufgerissen wurden und das doch in einem lange währenden Heilungsprozess an sich selbst und an der Größe des Begriffes Vergebung genesen konnte. Rückschläge, Ressentiments und tiefe Enttäuschungen waren Wegbegleiter dieser Rehabilitation und doch bewirkten die Generationen nach dem Krieg wahre Wunder, die uns heute selbstverständlich sind.

„Louise wächst in Frankreich auf, Johann in Westdeutschland.
An einer französischen Universität lernen sie sich kennen,
sie heiraten, ziehen in ein deutsches Dorf,
sehen ihre Kinder aufwachsen und ihre Eltern sterben.
Ein ganzes Leben lang suchen sie die passenden Worte
für eine Zeit, über die nie jemand sprechen wollte.“

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Diese wenigen Zeilen auf dem Buchrücken nehmen nichts vorweg und sagen viel. Sie stecken den Rahmen ab, den sich die Autorin selbst gesteckt hat, thematisieren das Unaussprechliche in der Beziehung zweier Menschen und lassen uns den Stil fühlen, in dem „Schnell, dein Leben“ uns mit dem Vergangenen und dem Heute konfrontiert. Es ist ein sprachlicher Rhythmus, der schnörkellos und präzise Spuren hinterlässt. Wie mit einem paradoxen Zeitraffermodus wird man durch die Leben zweier Menschen im Lauf ihrer Geschichte getrieben, während eine langsame Tonspur dieses Kopfkino mit zarten und melancholischen Gefühlsmelodien begleitet.

„EIN SOMMER… Im Sommer fährst du zu deiner Familie zurück. Deine jüngeren Geschwister sind noch in der Schule, die Älteste schon im Beruf. Am liebsten gehst du allein auf Bergkämmen entlang, mit Sicht in tiefe Täler, Himmel, Felsen, Wiesen, Wasserfälle, die Pracht der Farben, diese vertraute Welt umarmt dich, wärmt dich, trinkt dich, singt dir Friedenslieder, Lebenslieder.“

Sylvie Schenk schreibt aus der „Stell-Dir-vor-Perspektive“ und erzeugt beim Leser eine unglaubliche Nähe zu Louise, dem Kind, der jungen Frau und der rückblickenden Mutter, zu deren Wegbegleiter sie werden. Stell Dir vor… Mit diesen Worten saugt sie ihre Leser auf, identifiziert sie mit einem Mädchen, das in den französischen Alpen die ersten Schritte in ein selbstbewusstes Leben macht. Ein Leben im Frieden zwar, jedoch am Rande der Verwerfungslinie zwischen Arm und Reich, tradierten Frauenbildern und gekennzeichnet von den Konventionen einer moraltheologischen Schulausbildung.

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Der Blick schweift über die eigene französische Großfamilie, spiegelt, interpretiert, wertet, wächst und schärft sich. Wird erwachsen, erreicht die Grenze des Tellerrandes und erreicht erstmals andere Augen, die vor Liebe strahlen, wo vielleicht nur Begehren ist. Mit diesem Blick wandern wir durch die Zeit. Louises Augen sind die ihrer Leser und gemeinsam verfängt man sich im Blick von Johann. Ein Augenblick, der alles verändert. Ein Augenblick, der Louise mit allen Konventionen brechen lässt. Ein deutscher Blick. Hin- und hergerissen. So läuft das Leben weiter. Zwischen den Stühlen zweier Familien als Grenzgängerin einer viel zu früh geliebten Aussöhnung findet sich Louise zwischen den Fronten, deren Gräben niemals verschüttet waren.

Geheimnisse und nie ausgesprochene Wahrheiten, Ressentiments und Vorbehalte sind Eckpfeiler einer Liebe, die sich in der Nachkriegsgeneration zu beweisen hat. Es ist schmerzhaft, Louise auf ihrem Weg zu folgen. Der Zeitraffer hinterlässt Spuren und das Tempo der Geschichte vermittelt ein Gefühl dafür, dass sich manchmal ein Leben schneller entwickelt, als die Welt, die sich langsam dreht. Louises Bekenntnis wird auf harte Proben gestellt. Der Leser ist und bleibt auf ihrer Seite, weil sie zu differenzieren weiß. Schuld und Verantwortung sind zwei Paar Schuhe.

Louise entdeckt das Schreiben. Sie reflektiert und romantisiert. Sie hofft und bittet um Einsicht, wehrt sich gegen eifersüchtige Eingriffe in ihre Privatsphäre und verteidigt ihre Liebe. Stell dir vor. Es sind diese Worte, die der Dynamik dieser Geschichte eine ganz persönliche Dimension verleihen. Versöhnung zwischen Staaten und Nationen ist nicht das Ziel der jungen Frau und werdenden Mutter. Die Liebe gilt es zu retten, und so dies gelingt, darf sie gerne Zeichen setzen. Als das letzte Geheimnis gelüftet wird, zeigt sich, was sie wert ist. Diese Liebe. Und der Leser fragt sich selbst Stell dir vor…

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

„Alle Buchstaben in diesem Roman setzen sich
zu einem einzigen fruchtbaren Begriff zusammen:
la réconciliation, die Versöhnung.“

Dies schreibt Sylvie Schenk über ein Buch, das Louise in der Schule liest. Dieses Prädikat verdient ihr eigenes Buch. Menschlich, humanistisch und gänzlich vorurteilsfrei rast die Geschichte mit ihren Lesern durch die Zeit. Ein Rückblick, der schmerzt, hoffen lässt und desillusioniert. Familien zweier ehemals verfeindeter Länder haben sich nicht immer viel zu erzählen. Viel mehr haben sie voreinander zu verbergen. Diese Mauer zu durchbrechen ist schmerzhaft und schwer. Besonders dann, wenn man die Wahrheit zu spät erkennt.

Sylvie Schenk schreibt vielleicht autobiografisch. Ihr „Stell dir vor“ gilt vielleicht ihr selbst. Dem Rückblick auf eine Zeit, die sie selbst erlebte. Sie schützt ihre Privatsphäre durch die gewählte Erzählperspektive und erlangt so die Freiheit, in die Tiefe zu gehen, ohne dabei selbst zu versinken. Distanz ist lebensrettend im Erzählen. Der Zeitraffer als Stilmittel blendet nichts aus, er vernachlässigt nicht und lässt kaum Fragen offen. Leser fühlen sich direkt angesprochen. Man kann niemanden zum Lesen zwingen. Man kann Verständnis nicht einfordern. Sylvie Schenk jedoch gelingt es, Empathie zu erzeugen, weil sie ihre Leser zu den Hauptdarstellern der künftigen Geschichte macht.

Silvie Schenk könnte als Spätberufene bezeichnet werden. „Schnell, dein Leben“ ist ihr erster Roman, der in Deutschland veröffentlicht wird. Der Zeitraffer steht nie für die Karriere von Autoren. Manches braucht seine Zeit und manchmal braucht auch die Zeit selbst ihre Zeit, bis sie reif ist. Jetzt ist es an der Zeit für Sylvie Schenk! Ihr Weg zurück in die gemeinsame Vergangenheit ist Rückblick und Warnung zugleich:

„Jederzeit können sich die Fronten ändern, dass die Vollgefressenen irgendwann selbst zu Elendsgestalten werden.“

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Ich freue mich schon sehr darauf, Sylvie Schenk auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen zu können. Ich habe viele Fragen zu einem Buch, das mich völlig überzeugt hat und werde das Gespräch sicher nicht im Zeitraffer führen. Hier geht es zum PodCast.

Sylvie Schenk - Das Buchmesse-Interview...

Sylvie Schenk – Das Buchmesse-Interview…

„Das Leben ist gut“ – Alex Capus live in München

Das Leben ist gut von Alex Capus

Das Leben ist gut von Alex Capus

Können Sie sich einen Ofen vorstellen, hinter dem sich potenzielle Leser solange verstecken, bis sie von einem neuen Buch aus ihrer Deckung gelockt werden? Ja, ich denke schon, da Sie als Leser selbst immer wieder darauf warten, voller Neugier hinter ihrem persönlichen Ofen hervorgelockt zu werden. Bleiben Sie ruhig in Deckung und verschließen Sie die Augen. Ich versuche einfach, Sie vorzulocken, obwohl der Roman, den ich heute vorstelle sich auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so anfühlt, als wäre er der perfekte Lockvogel Ihres Lesens.

Das Leben ist gut“. Alleine schon der Titel passt so gar nicht in unsere kritische Zeit, in der man sich lieber dem kollektiven Meckern und Zaudern hingibt. Und wer hat schon Interesse an den Innenansichten eines Menschen, der eine kleine Bar betreibt und sein Leben reflektiert? Ein Mikrokosmos aus vollen und leeren Flaschen, Gespräche unter dem Einfluss alkoholischer Getränke und die weitgehend von Männern dominierte Welt auf und unter den Barhockern der kleinen Kneipe in unserer Straße.

Klar. Sie sind noch hinter ihrem Ofen und schütteln den Kopf. Das Leben ist nicht gut und ein Barbesitzer in einer beschaulichen Kleinstadt hat sicher außer dem Klatsch und Tratsch seiner Stammgäste nicht sonderlich viel in die Waagschale zu werfen, das einen Roman wert wäre. Verstehe ich ja. Kein Problem, obwohl wir ja alle wissen, dass es meistens Taxifahrer und Kneipenwirte sind, die als Seismographen der allgemeinen Stimmungslage mehr zu berichten haben, als Menschen anderer Berufsgruppen. Ist so. Glauben Sie mir einfach.

Das Leben ist gut von Alex Capus

Das Leben ist gut von Alex Capus

„Das Leben ist gut.“ Sowas kann man ja auch nur von sich geben, wenn man von der Zeit entrückt scheint und konfliktfrei durch das Szenario seiner kleinen Bar schwebt. So hängt dieser im Hanser Verlag erschienene Roman fast im literarischen Niemandsland fest und könnte mit einem gekühlten Gin Tonic runtergespült werden. Das lockt Sie noch nicht hinter dem Ofen vor. Klar. Bleiben Sie, wo Sie sind. Wenn Sie von einem Roman Spannung, große gesellschaftspolitische Relevanz oder explosive Atmosphäre erwarten, dann ist Ihr Ofen der beste Platz, den Sie sich aussuchen konnten.

Wenn Sie allerdings bereit sind zu einem Spiel, dann sollten Sie mal vorgucken und sich den Namen Alex Capus ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen. Das Lesen seiner Romane war schon immer gut. Besucher seiner Lesungen sind seit Jahren mehr als begeistert von seiner mitreißenden Art, sich auf der großen Bühne zu präsentieren. Ja, das kann er. Und berücksichtigt man ein kleines Detail in seiner Vita, dann kann es sein, dass man nun hellhörig und neugierig wird. Alex Capus besitzt eine kleine Bar.

Genau hier beginnt ein Spiel, das er mit sich und seinen Lesern spielt. Schreibt er über sein eigenes Leben? Ist er selbst diesmal der Held seines eigenen Romans und ist „Das Leben ist gut“ das bisher autobiografischste Buch seines Lebens? Nein! Alles nur erfunden. Reine Fiktion. Das sagt er selbst. Mehr als deutlich und wiederholt. Ich war zu Gast in einer kleinen Münchener Bar, aus der seine LovelyBooks-Livestreamlesung in die Bücherwelt übertragen wurde und wurde Zeuge seiner beharrlichen „Das ist alles fiktional – Statements“.

Das Leben ist gut von Alex Capus

Das Leben ist gut von Alex Capus

Natürlich gibt er zu, dass es gewisse Parallelen zu jenem Max gibt, dessen Leben so gut ist, dass man einfach darüber schreiben muss. Natürlich gibt Capus zu, dass diese Parallelen sehr augenscheinlich sind. Und trotzdem besteht er darauf, dass er nie über sich oder die Gäste seiner Bar schreiben würde. Schweigepflicht gegenüber den Menschen auf der anderen Seite des Tresens ist oberstes Gebot für ihn. Insofern darf man also keinesfalls erwarten, dass die Anekdoten, Begebenheiten und Geschichten in seinem Buch real sein könnten.

Und doch wird den Zuhörern und Lesern schnell klar, dass sein neues Buch gerne als fiktional bezeichnet werden darf, es sich aber doch um ein autobiografisches Spiel mit hohem Ich-Schutzfaktor handelt. Die Grenzen verlaufen fließend und genau hier liegt die Faszination dieses Buches begraben. Es wird die Welt nicht verändern. Es sind die scheinbar kleinen Begebenheiten, die Charakterzeichnung des Barbesitzers und die emotionalen Abschweifungen, die diesen Roman lesenswert machen. Und nicht zuletzt ist es die fiktionale Annäherung an einen faszinierenden Schriftsteller, die hier den ganz besonderen Reiz ausmacht.

Genau so laviert und parliert sich Alex Capus durch seine Lesung. Man möge nur nicht glauben, dass er über sich selbst geschrieben habe. Dieses Mantra leitet fast jede Sequenz aus dem Buch ein. Dann schließt er es, lächelt und erzählt von sich selbst, seinem Alltag in der Bar, den Abläufen und den leicht verschrobenen Stammgästen, die er so liebt. Aus dem Grenzgänger des Fiktionalen wird in diesen Situationen wieder der Besitzer der Bar, wie wir sie im Buch kennengelernt haben. Capus führt seine eigenen Abgrenzungen ad absurdum. Wohl wissend, was er seinen Lesern damit antut.

Das Leben ist gut von Alex Capus

Das Leben ist gut von Alex Capus

Capus begegnet sich selbst. Frontalcrash mit seinem Alter Ego. Das Spiel eines Meisters der Fabulierkunst. Wer bin ich? Erkennt ihr mich im Buch? Glaubt ihr, dass ihr mir begegnet? Fragen, die über einem Buch stehen und es so liebenswert machen. Da ist Max, der die kurze Abwesenheit seiner Frau kaum verkraften kann und ihr mit einem einfachen Vergleich verdeutlicht, wie aufgeschmissen sie ohne ihn wohl sein wird. Ein Mann, der augenscheinlich die Rolle seiner Frau anders interpretiert, als dies moderne Frauenbilder suggerieren.

„Jemand wird für dich die Glühbirnen auswechseln müssen. Wer soll das tun, wenn ich nicht da bin?“

Da ist ein Barbesitzer, der mit der Erziehung der Söhne überfordert scheint und sein Heil in der Flucht hinter den Tresen seines Lebens sucht. Da ist Max, der wütend auf seine Frau das Haus verlässt, seinen Aggressionen freien Lauf lässt, sich vornimmt den Streit später eskalieren zu lassen und dann doch nur zu einem „Du dumme Kuh“ kommt, das von seiner Tina geflissentlich überhört wird. Da sind die Menschen in seiner Bar, die dem lauf der Welt nicht vertrauen, vor Erdbeben und Manipulation der Obrigkeit Angst haben und wie Strandgut in der Bar landen. Menschen, für die Max ein Anker zu sein scheint.

„Das Leben ist gut“ liest sich in einem Zug und gewinnt durch die Dimension dieses ganz bewussten Identitäts-Spiels, das Alex Capus mit seinen Lesern spielt. Sie können sich die Lesung jederzeit ansehen. Sie zeigt viel und verrät doch nichts. Insbesondere lässt uns der Autor im Dunkeln, wann er hier von wem erzählt und über wen er schreibt. Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass man dem Menschen Capus nie näher war als in diesen Kapiteln. Ja, es ist wohl fiktional. Ja, Selbstschutz verhindert vieles. Aber „Das Leben ist gut“ lässt sehr viel zu, weil Alex Capus mit einem sympathischen Augenzwinkern gestattet, dass man sich auf sein Spiel einlässt.

Das Leben ist gut von Alex Capus - LovelyBooks in Aktion

Das Leben ist gut von Alex Capus – LovelyBooks in Aktion

Er hat die Regeln aufgestellt. Wir sollten uns darauf einlassen. Auch Delphine de Vigan hat in ihrem Roman Nach einer wahren Geschichte ein vergleichbares Spiel in die Welt gesetzt. Rein fiktional und doch unglaublich bewegend. Wenn man sich nicht nur für die Bücher der Autoren interessiert, die uns seit Jahren begleiten, sondern auch für die Menschen hinter den Schreibmaschinen, dann sind es solche Bücher, die mehr offenbaren als man es zuerst vermutet. Selbstschutz hin. Selbstschutz her. Hier schlägt die Eitelkeit der Schriftsteller ihnen vielleicht selbst ein Schnippchen und sie wollen uns mehr zeigen, als ihnen eigentlich lieb ist.

Alles ist erfunden. Sei`s drum. Akzeptiert. Ich bin froh, einem Barbesitzer begegnet zu sein, der dem Wunsch der Söhne nach einem Hund nur deshalb nicht nachgibt, weil er schon jetzt fühlt, wie sehr ihn der Verlust dieses Tieres in einigen Jahren mitnehmen würde. Ich bin so froh, einem Schriftsteller begegnet zu sein, für den ein ausgestopfter Stierschädel mehr als nur Dekoration für die heimische Bar ist, sondern sich fast schon wie ein Running-Gag der Deko-Geschichte durch sein Leben mäandert.

Das Leben ist gut“ muss man nicht gelesen haben! Keine Frage. Dieses Buch ist nicht dazu angelegt, Leben zu retten und philosophische Grundhaltungen zu verändern. Man kann dieses Buch lesen, wenn man die leicht verschrobene Liebeserklärung eines Mannes wertschätzen kann, der nach außen vielleicht machohafter wirkt, als es wirklich ist. Man kann es lesen, weil es unterhält und Lust auf einen Barbesuch macht. Man darf es lesen, wenn man sich auf ein besonderes Spiel einlässt. Ein Spiel namens Capus.

Das Leben ist gut von Alex Capus - Ein erfüllter Wunsch

Das Leben ist gut von Alex Capus – Ein erfüllter Wunsch

Sollte es mir nicht gelungen sein, Sie hinter dem bibliophilen Ofen hervorzulocken, so besuchen Sie doch einfach Stephanie Sack und ihren Blog Nur Lesen ist schöner – Eine Ode an das Lesen. Wir hatten das Vergnügen, Alex Capus gemeinsam in einer wundervollen Münchener Bar zu treffen. Ihren atmosphärischen Bericht finden Sie hier.

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