„Stella“ von Takis Würger

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Man lese einen Roman. Man gehe davon aus, dass die Protagonisten fiktional sind. In jeder Beziehung frei erfunden, frei im Handeln, Denken, Fühlen und Sprechen. Dabei in manchen Fällen jedoch plausibel in einen realen historischen Kontext eingebettet, was für Leser besonders reizvoll ist, weil sie ihre Kenntnisse der Epoche mit den agierenden Charakteren des Romans in Einklang bringen können. Man denke dabei an literarische Beispiele, die diesem Genre ihren Stempel aufgedrückt haben. Ich denke da besonders an „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada.

Fallada löst sich von biografischen Zwängen, erfindet das Ehepaar Anna und Otto Quangel und platziert diese beiden einfachen Arbeiter im Nazi-Deutschland des Jahres 1940 in der Reichshauptstadt Berlin. Er lässt sie am „Heldentod“ ihres einzigen Sohnes verzweifeln, hilflos dem Untergang ins Auge schauen und einen Weg des Widerstands finden, um andere vor ihrem Schicksal zu warnen. Postkarten werden geschrieben und beginnen in Berlin für Aufsehen zu sorgen. Hans Fallada begleitet das Widerstandsnest der trauernden Eltern bis zu ihrer Entdeckung und Hinrichtung. Ein historischer Roman, der mich lange beschäftigt hat.

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Stella von Takis Würger

Besonders, weil es die Quangels wirklich gegeben hat. Elise und Otto Hampel hat Fallada mit seinem Roman ein indirektes, doch umso zeitloseres Denkmal gesetzt. Und doch hat er sich entschieden, seinen fiktiven Charakteren andere Namen zu geben. Im technischen Vorgehen des Schreibens eine perfekte Entscheidung. Fallada konnte sich in seine Protagonisten hineinversetzten, ihnen Worte in den Mund legen, die historisch nicht belegt waren und sie miteinander interagieren lassen. Er überschritt niemals eine Grenze, die jenen realen Vorbildern für seinen Roman Schaden zugefügt hätte. Fallada erzielte einen unfassbaren Effekt. Immer dann, wenn man im Roman zweifelte, ob eine solche Widerstandsaktion denkbar gewesen wäre, dachte man an die Hampels. Hier ist Fallada für mich der Maßstab dessen, was Literatur kann und darf. Hier definiert sich in der gesamten Tragweite die Grenze zwischen Fiktion und Biografie.

Ich muss das erklären, damit ich beschreiben kann, welch ambivalente Gefühle mich beschlichen, als ich den Roman Stella“ von Takis Würger las. Auch er schreibt mich zurück ins Berlin der 1940er Jahre. Genau gesagt in das Jahr 1942. Auch er bettet die Handlung seines Romans in einen verbrieften und detaillierten historischen Kontext ein und beginnt jedes Kapitel mit den tatsächlichen Ereignissen des jeweiligen Monats. Er beschreibt dies so faszinierend, dass ich lesend immer wieder an „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ denken musste, weil Takis Würger ebenso wie Florian Illies kleine und große Ereignisse vor unseren Augen ablaufen lässt, um den Wahnsinn der Zeit für uns verständlich zu machen. Brillant in der Formulierung, faszinierend in der Technik.

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Darüber hinaus zitiert Takis Würger mehrfach reale Prozessdokumente, was dem Geschehen seines Romans Glaubwürdigkeit und Authentizität verleiht. Es handelt sich dabei um Zeugenaussagen, die nach dem Kriegsende von einem unglaublichen Verrat berichteten. Hatte es sein können, dass eine Jüdin die in Berlin untergetauchten Juden an die Gestapo verraten hatte? War es möglich, dass eine junge Frau als Greifarm der Nazis unterwegs war, um ihre eigentlichen Leidensgenossen zu enttarnen? Ja. Das ist real. Das ist Geschichte. Es gab diese Frau, die mehr als 300 Juden verraten hatte und damit für ihre Deportation verantwortlich war. Takis Würger bewegt sich in seinem Buch auf sicherem Terrain. Fallada lässt grüßen.

Und doch gibt es einen Unterschied, der mich zusammenzucken ließ. Dies ist ein Roman. Die Protagonistin ist erfunden. Sie hatte ein wahres Vorbild. Doch hier erleben wir sie in den nicht verbrieften Momenten, blicken tief in ihre Seele, ihre Gefühle und in den Gewissenskonflikt, der in ihr tobt. Stella Goldschlag wird als Jüdin mit ihren Eltern selbst inhaftiert. Sie wird misshandelt und kommt nur unter der Bedingung frei, dass sie sich auf die Suche nach jüdischen U-Booten begibt. Untergetauchte Juden musste sie denunzieren, um sich und ihre Eltern zu retten, die als Faustpfand inhaftiert blieben. Es ist verstörend, sich in die Situation der jungen Frau hineinzuversetzen. Es ist fatal, sich auch nur für einen Moment vorzustellen, was sie gefühlt und gedacht haben mag. Und immer, wenn man zweifelt, ob ein solcher Verrat überhaupt denkbar sei, denkt man an Hans Fallada, die Hampels und vergewissert sich, dass Stella Goldschlag ein Vorbild in der Geschichte hat.

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Stella Goldschlag im Film Die Unsichtbaren – Auch im Kino eine wichtige Rolle

Doch hier bricht Takis Würger mit dem Regelwerk, das ich gerade beschrieb. Das Vorbild für Stella Goldschlag ist Stella Goldschlag. Ihr Leben und ihr Verrat vor der realen Bedrohungssituation für das eigene und das Leben ihrer Eltern sind historisch in jeder Beziehung gesichert. Dazu auch die Zitate aus den Gerichtsdokumenten des real durchgeführten Prozesses gegen Stella Goldschlag nach dem Krieg. Hier überschreitet der Autor nicht nur die Grenze, den Namen seiner erfundenen Figur nicht zu verändern. Nein. Er verlegt auch die Handlung seines Romans in ein Jahr, in dem Stella noch gar nicht festgenommen war. „Stella“ spielt 1942. Das reale Geschehen, auf das sich die Gerichtsprotokolle beziehen, vollzog sich 1943. Nun mag man denken, dies spielt keine Rolle. Man mag denken, das sei ja völlig egal, weil es eben nur ein Roman ist. Für mich jedoch ist das ein technischer Bruch, den man hätte vermeiden können, wenn man den Weg Falladas gegangen wäre und Stella nicht Stella genannt hätte. Hier wird aus einer realen Person eine fiktionale Frau, die sich von ihrem realen Vorbild nicht mehr trennen lässt.

Hier setzt sich der Schriftsteller bewusst einer Diskussion aus, was die Literatur darf und kann. Hier beginnt beim historisch versierten Leser ein Konflikt, der geeignet ist, die Botschaft des Romans deutlich zu überlagern. Hier fragt man sich, hier frage ich mich, wie frei ein Autor ist, eine reale Person zu klonen und sie zeitversetzt agieren zu lassen. Takis Würger hätte es einfacher haben können. Er hätte sich befreien können. Er hätte sich ausschließlich der inhaltlichen Diskussion aussetzen müssen. Diese wäre es wert gewesen, sich nur auf sie zu konzentrieren. Denn im rein literarischen Ergebnis hat der Autor einen faszinierend konstruierten, zutiefst menschlich motivierten Roman über eine Zwangslage geschrieben, die den totalen Zusammenbruch eines Menschen verursachen kann. Er wirft brutale Fragen auf, die von zeitloser Relevanz sind. Wie weit darf ich gehen, um mich und meine Familie zu retten? Was bin ich bereit zu verraten, in welcher Dimension verliere ich alle Werte aus den Augen, wenn ich kollaboriere? Was kann mein gerettetes Leben danach noch wert sein?

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Stella von Takis Würger

Trennen wir diesen Roman von all meinen Bedenken. Abstrahieren wir „Stella“ auf den reinen Inhalt und betrachten meine historisch motivierte Kritik als nicht relevant, so bleibt die Charakterstudie zweier Menschen, die im Berlin des Jahres 1942 miteinander lieben, leiden, leben, hoffen und verzweifeln. Ein junger Schweizer, der sich von Stella verzaubern lässt, eine Liaison mit ihr beginnt und dann erkennt, dass sie nicht die Frau ist, die sie zu sein vorgibt. Sie öffnet sich ihm. Sie zeigt ihm die Folterspuren und lässt ihn an ihren Seelenqualen teilhaben. Der unbedarfte junge Mann wird Mitwisser einer Frau, die selbst dann noch untergetauchte Juden verrät, nachdem ihre Eltern längst in ein KZ deportiert wurden. Drogen, Angst und Leidenschaft. Die Trauer um die eigenen Chancen, die es nicht mehr gibt. All das sind Bestimmungsgrößen der brillant erzählten Geschichte.

Takis Würger zwingt seine Leser in eine Auseinandersetzung mit eigenen Werten und Maßstäben. Er zwingt uns dazu, an die Verratenen zu denken. Er warnt vor jeder Form von Kollaboration bei gleichzeitiger Selbstaufgabe. Er formuliert keine Schuld, er macht sie spürbar. Er bringt uns dazu, Bücher über verfolgte Juden im Berlin der Nazis zu lesen. Ich habe „Untergetaucht“ von Marie Jalowicz Simon immer wieder im Sinn, wenn ich an jene denke, die in der Gefahr lebten, vom „Blonden Gift der Nazis“ Stella verraten zu werden. Ich habe „Stella“ von Peter Wyden im Sinn, ein Buch in dem sich der Autor bis hin zu einer persönlichen Begegnung mit der uneinsichtigen realen Stella Goldschlag vorwagte und zu Beginn der 1990er Jahre einen Tatsachenbericht vorlegte, der mit dem Tabu des jüdischen Verrates an jüdischen Opfern brach. Ich denke an alle Opfer des Holocaust, über die ich in meiner Rubrik „Gegen das Vergessen“ schrieb.

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Stella von Takis Würger

Ich habe noch viele Fragen an Takis Würger. Wir sind so verblieben, dass wir uns in Leipzig treffen. Gedanken und Meinungen austauschen. Diskutieren. Ein Interview für Literatur Radio Hörbahn wäre das geeignete Mittel, dieses Gespräch festzuhalten. Ich bin dankbar für seine spontane Bereitschaft, sich den offenen Fragen und der Kritik zu stellen. Ich muss einfach herausfinden, wie weit Literatur gehen darf und wo ich meine gedanklichen Grenzen niederreißen muss, um im Niemandsland eines Romans Fuß zu fassen. Ich bleibe neugierig.

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Stella von Takis Würger

Der Steidl Verlag schließt die Lücke: Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichtevon Peter Wyden ab dem 25. Februar im Handel und auch hier zu finden. Der Titel wurde geändert, die Ausgabe ist aktualisiert und doch ist es das absolute Referenzwerk zu dieser Diskussion. Ohne Peter Wyden keine wahre Geschichte…

Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte von Peter Wyden - Steidl - Astrolibrium

Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte von Peter Wyden – Steidl

Die Ziege auf dem Mond – Stefan Beuse und Sophie Greve

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve - Astrolibrium

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve

Was haben wir in unserem Lesen nicht schon alles erlebt, wenn es darum ging den kleinsten und jüngsten Lesern die großen Lebensweisheiten mit auf den Weg zu geben und ihnen spielerisch mit leicht erhobenem Zeigefinger die Richtung zu weisen? Es gab Märchen und Bilderbücher, Fabelwesen und schlaue Parabeln. Kindgerecht verpackt in buntesten Gewändern und immer mit einer Moral, auf die man später verweisen konnte, wenn wieder alles schiefgelaufen war. Kinderbücher sind und waren schon immer gute Erziehungshelfer. Neutrale Instanzen und ab und an sogar geeignet, mit ein wenig fein dosierter Angst zu besserem Verhalten anzuleiten.

Und jetzt schwingt sich allen Ernstes eine Ziege auf dem Mond auf, uns und den kritischen Nachwuchslesern Botschaften von Glück und Zufriedenheit näherzubringen? Ihnen die Angst zu nehmen, Neugier zu fördern und dabei mit einer Lebenshaltung auf Alltagssorgen und Kinderzweifel zu reagieren, die ihresgleichen sucht? Das kann doch nicht Euer Ernst sein. Eine Ziege. Bitte. Wir hatten Füchse, Bären, Hasen und ein paar Rehe. Allesamt niedlich, schlau und ansatzweise klug genug, um ihnen ihre Geschichte abzunehmen. Fabeln eben. Aber eine Ziege lockt doch niemanden hinter dem Ofen vor, der sich für flotte Lebensweisheiten in frischem Gewand interessiert. Tiger. Ja. Aber im Leben doch keine Ziege. Meckermeckermecker…

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve - Astrolibrium

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve

Was mögen sich Autor Stefan Beuse und Illustratorin Sophie Greve bloß gedacht haben, als sie ausgerechnet eine „Ziege auf dem Mond“ ansiedelten, um die Welt ein bisschen bunter zu machen und Kinderherzen höherschlagen zu lassen? War ihnen nicht klar, auf welch gefährliches Terrain sie sich, angesichts prominentester Bewohner vergleichbarer Erdtrabanten, begeben? Hatte nicht „Der kleine Prinz“ schon vor langer Zeit alles abgegrast, was man an Lebensweisheiten auf einem Asteroiden so auftreiben konnte? Und kann eine Ziege besser geeignet sein als ein Fuchs und eine sprechende Rose? No chance…

Was haben sie sich nur dabei gedacht? Kinder leben in ihrer eigenen Welt, haben Idole, von denen wir keinen Schimmer haben und eifern Fantasiegebilden und Träumen nach, die wir längst aus den Augen verloren haben. Kann es hier eine lustige Ziege mit den künstlichen Helden unserer Zeit aufnehmen? Wohl kaum. Das dachte ich jedenfalls als ich „Die Ziege auf dem Mond“ las. Und genau in diesem Moment wurde mir schon klar, wo die Ziege (pardon, der Hase) im Pfeffer liegt. Wir denken zu viel. Wir halten die Zeigefinger schon hoch, bevor wir eine Hilfestellung anbieten. Wir leben in unserer Welt ohne große Schnittmenge zur Fantasie der Kinder. Unsere Moral hat eigene Wege und Wertesysteme gefunden. Kompatibilität zur Welt der Kinder? Fraglich…

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve - Astrolibrium

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve

Hier kommt nun eine Ziege daher, die wir eigentlich für recht einfältig halten. Salz reicht eigentlich aus, das Leben von Ziegen zu einem guten Leben zu machen. Dies ist in jedem Streichelzoo augenscheinlich der Fall. Aber, wenn schon unsere Kinder in ihre eigene Welt verschwinden, wenn sie träumen, warum dann nicht die Ziege akzeptieren, die auf ihrem eigenen Mond lebt? Warum nicht? Also: Bedenken über Bord, Schleusen auf und Fantasiemodus: AN. Macht es Euch gemütlich, sorgt für gutes Leselicht und ein wenig leise Hintergrundmusik, und lasst Euch von Stefan Beuse und Sophie Greve in Wort und Bild vom Leben im Augenblick erzählen. Vielleicht solltet Ihr eine Uhr suchen, sie auf Viertel nach neun stellen und die Batterie wegwerfen. Das hilft echt weiter.

Dann seid Ihr in der gleichen Zeitzone angelangt, in der Die Ziege auf dem Mond lebt. Es ist Viertel nach neun. Immer. Punkt. Basta. Es ist das Leben im Hier und Jetzt. Das Leben im Augenblick und ein Leben in der Erinnerung an die gute alte Mutter Erde, von der in unregelmäßigen Abständen die sinnlosesten Dinge auf dem Mond landen. In einen großen Krater mit allem, was die Ziege nicht brauchen kann. Punkt. Basta. Fertig ist die Ziegosphäre Mond. Ein fast schwereloses Biotop für bunte Gedankenwelten und angstfreie Schwebezustände. Fehlt nur das passende Ziegen-Shirt zum Tag und schon kann es losgehen. Also das Leben auf dem Mond. Neil Armstrong hätte seine Freude gehabt.

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve - Astrolibrium

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve

Wer sich auf diese Ziege auf dem Mond einlässt, wird nicht enttäuscht. Die Magie dieses Buches entwickelt sich langsam aber gewaltig. Aus scheinbar losen Fäden wird ein Netz, das geeignet ist auch den größten Alltagssturz im wahren Leben aufzufangen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wer zögert, verpasst das Leben. Wer alles verstehen möchte, versteht nichts. Wer nicht bereit ist, die Macht seiner Fantasie zu nutzen, wird im wahren Leben nichts bewegen. Und nicht zuletzt, wenn Du denkst eine Ziege sei nur eine Ziege, dann bitte schön. Wundere Dich nicht, wenn andere denken, auch ein Kind sei nichts anderes als ein Kind. Stefan Beuse und Sophie Greve haben in literarischer und illustratorischer Hinsicht ein kleines Wunder bewirkt. Man mag diese Ziege wirklich unterschätzen. Ihre Magie zu erkennen, öffnet die Tür zu einer Welt voller Antworten.

Angst verschwindet,
wenn man sich überwindet.
Und zwar jetzt. Sofort.
Um Viertel nach neun.

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Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve

Ein Wort zu Stefan Beuse sei mir erlaubt. Die handschriftliche Einladung zum Lesen um Viertel nach neun habe ich gerne angenommen. Unsere Begegnung in Frankfurt hat alte Erinnerungen wachgerufen. Er ist schuld. Punkt. Basta. Also daran, dass ich heute als Blogger mein literarisches Unwesen treibe. Und das kam so. Ich rezensierte im Jahr 2009 seinen Roman „Alles was du siehst“ bei Lovelybooks. Diese Rezension gewann sowohl den Community-Preis, als auch den sogenannten Leser-Kompass. Neben der Einladung zur Corine-Buchpreisverleihung waren eine ganzseitige Anzeige in der „Zeit“ und ein wertvolles Buchpaket als Hauptpreis ausgelobt.

Die Folgen. Drastisch. Einladungen zu Veranstaltungen mit Verlagen zum Thema „Social Reading“ usw. Visitenkarten und Kontaktaufnahmen durch Verlage und Autoren. Die Entscheidung, nicht mehr nur auf Lovelybooks zu rezensieren, sondern zu bloggen. Buchmessen. Literatur Radio. Und das alles. Den ersten Stein brachte damals Stefan Beuse ins Rollen. Mit einem Buch. So einfach ist das. Er ist schuld. Punkt. Danke.

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Stefan Beuse ist schuld – Eindeutig…

„Bruder und Schwester Lenobel“ von Michael Köhlmeier

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Es gibt sie noch, die Autoren mit Arsch in der Hose und Philosophie im Herzen. Es gibt sie noch, die großen Erzähler, die relevante Geschichten nicht nur erzählen und sich dann in ihren Elfenbeinturm zurückziehen. Es gibt sie noch, die Schriftsteller, die in unmissverständlicher Art und Weise vorleben, was es heißt Zivilcourage zu zeigen. Wir beklagen uns häufig, dass große kritische Stimmen und Wegweiser fehlen, denen man folgen kann, wenn der Alltag im Chaos versinkt. Wir leben in einer Zeit, in der wir gerne das Hashtag #wirsindmehr vor uns hertragen und doch intensiv daran zweifeln, ob wir damit richtigliegen. Pfeifen im Wald hört sich oft mutiger an, als dieser Hilfeschrei. Und doch gibt es sie, diejenigen, die ihre Wortgewalt in die Waagschale der Menschlichkeit werfen. Egal was es sie kosten könnte.

Michael Köhlmeier wirft! Es sind jeweils große Würfe, die ihm gelingen. Er schreibt nicht nur im Klartext über den Verlust der Nächstenliebe, über das Auflodern von Hass und Neid, den Wandel der Werte innerhalb geschlossener Gesellschaften. Nein. Er lebt diese Veränderungen vor und konfrontiert die Verantwortlichen mit seiner Sicht auf die Welt, die sie gestalten. Er schrieb über Das Mädchen mit dem Fingerhut, ließ Yiza ziel- und haltlos in unser Lesen flüchten. Er führte uns mit Der Mann, der Verlorenes wiederfindet vor Augen, was wir verloren haben, ohne es wiederfinden zu wollen. Im Fernsehen erzählt er Märchen. Unwiderstehlich und niemals ohne Moral. Und, wenn es drauf ankommt, dann ist er da. Wo andere Grenzen schließen, zieht er moralische rote Linien. Wo Regierungen ausgrenzen, prangert er Politiker an.

Am 5. Mai ´18 hielt er anlässlich des Holocaust-Gedenktages im österreichischen Parlament eine denkwürdige Rede. Sie dauerte keine sieben Minuten. Man kann sich diese Rede anschauen, anhören und selbst erlesen. Ich empfehle es von Herzen, weil man in Michael Köhlmeiers Rede an die „politischen Elite“ seines Landes erkennt, was es heißt Rückgrat zu zeigen. Hier nur drei kleine Auszüge.

„Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Sondern mit vielen kleinen. Von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan.“

„Willst du es dir… des lieben Friedens willen widerspruchslos gefallen lassen, wenn ein Innenminister wieder davon spricht, dass Menschen konzentriert gehalten werden sollen?“

„Meine Damen und Herren, Sie haben diese Geschichten gehört, die von den jungen Menschen gesammelt wurden. Und sicher haben Sie sich gedacht, hätten diese armen Menschen damals doch nur fliehen können. Aber Sie wissen doch, es hat auch damals schon Menschen gegeben, auf der ganzen Welt, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben.“

Köhlmeier schreibt nicht nur Romane, er erzählt nicht nur Märchen. Er ist für mich in vielerlei Hinsicht Richtschnur und Künstler zugleich. Ein Künstler, der auch dann ein großes Publikum verdient, wenn er scheinbar „nur“ einen Roman veröffentlicht. Seinen Texten zu folgen, vermittelt das Gefühl von einem #wirsindmehr intensiver, als man es sich wünschen könnte. So muss man mein Lesen und Hören einordnen, wenn ich einer neuen Geschichte aus seiner Feder eine Heimat in der kleinen literarischen Sternwarte gebe. Und beileibe ist es nicht „nur“ ein Roman, der gerade zum Lesenhören verleitet.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Bruder und Schwester Lenobel“ (Hanser Verlag und Der Hörverlag)

Eigentlich ein Familienroman, sollte man meinen. Eigentlich ein Buch mit einer sehr spannenden Ausgangslage und damit ein umfassendes Werk über Beziehung, Zweifel und Liebe. Eigentlich trifft dies alles zu. Professor Robert Lenobel verschwindet. Seine Schwester Jetti, alarmiert durch eine Nachricht ihrer Schwägerin „Komm, Dein Bruder wird verrückt“, reist von Irland nach Wien, nur um festzustellen, dass sie zu spät in der Heimat angekommen ist. Robert ist fort. Spurlos. Was folgt ist eine Vermisstenanzeige und die Suche der beiden ungleichen Frauen nach Gründen für das Verschwinden des Mannes, der als Psychiater immun gegen eigene Lebenskrisen zu sein schien. Doch es scheint anders zu sein. Was jedoch als Midlife-Crisis abgetan werden könnte, hat einen tieferen Hintergrund, der sich wie eine Schlinge immer fester um die Handlungsstränge zieht. Literarische Erstickungsgefahr nicht ausgeschlossen.

Dass Robert Lenobel, 51, sich nach Jerusalem begeben hat, um seiner jüdischen Vergangenheit nachzuspüren, erfährt seine Schwester erst später. Was diese Suche ausgelöst haben mag, was sie für ihren Bruder bedeutet und was diese Nachricht in ihr lostritt, das ist das Grundgerüst eines Romans, der nicht nur ein Familienroman ist. Wir haben es im eigentlichen Sinne mit einem jüdischen Familienroman zu tun. Und schon wird klar, worauf es Michael Köhlmeier anlegt. Eruptionen aus der Vergangenheit sind immer noch in der Lage Erdbeben auszulösen. Ruhende Vulkane brechen plötzlich aus und begraben alles mit heißer Lava unter sich. Ein Ausbruch, der für Jetti überraschend kommt. Unerwartet ist er jedoch nicht. Dafür ist die Vergangenheit ihrer Familie zu sehr vom Holocaust geprägt.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Und schon sind wir mittendrin in einem relevanten und psychologischen Roman, der die feinen Trennlinien zwischen Vergangenheit und Gegenwart so sehr verschiebt, als hätten wir es mit der Kontinentaldrift zu tun. Im KZ ermordete Großeltern, die Mutter durch eine Evakuierung nach England zwar körperlich gerettet, aber an eine psychisch zermürbende Erkrankung verloren. Isoliert, Nervenklinik, Tod. Der Vater verschwunden. Bruder und Schwester Lenobel lebenslang gezeichnet von diesen Verwerfungen. Keine Lebensentscheidung, kein Berufsweg, keine Liebesbeziehung verläuft losgelöst von der Vita der Familie Lenobel. Kein Heute kann von jenem Damals getrennt werden.

Es ist unfassbar intensiv, was Michael Köhlmeier beschreibt. Er stößt uns nicht mit der Nase auf die Hintergründe, er lässt sie fragmentarisch erscheinen und von seinen Lesern und Hörern zu einem Bild zusammensetzen. Um zu verstehen müssen wir uns mit den Lebenswegen der Geschwister Lenobel beschäftigen. Mit ihrem Scheitern, mit ihrer Unsicherheit und nicht zuletzt mit der gestörten Beziehung, die sie verbindet. Sind ihre Bindungen stark genug, um sich gegenseitig zu retten? Kann man Vergangenes in Frieden begraben oder sind die Erinnerungen so übermächtig, dass man sich niemals lösen kann? Robert Lenobel flieht vielfach. Aus der eigenen Ehe mit einer Nichtjüdin in die Beziehung mit einer Patientin. Es sind die Brüche in seinem Leben, die auch seine Schwester an den Rand des Zusammenbruchs bringen.

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Nicht ohne Moral! Das ist ein Motto dieses sprachlichen und inhaltlichen Meisterwerks. Köhlmeier flankiert die eigentliche Handlung mit Märchen. Sie strahlen aus, erlangen in wichtigen Situationen der Geschichte eine völlig neue Deutung. Er fabuliert. Er brilliert. Er besticht. Nichts ist ohne Moral. Keines der kurzen Märchen, keine Entscheidung der Protagonisten. Hier erleben wir Literatur auf eine Weise, die bewusstseinserweiternd im wahrsten Wortsinn ist. Ich habe diesen Roman völlig gebannt gelesen und ihn mir von Michael Köhlmeier vorlesen lassen. Das Hörbuch zu Bruder und Schwester Lenobel ist eine „Ohrenweide“. Wer Köhlmeier nur einmal zugehört hat, weiß was ich meine. Er liest märchenhaft.

Im Kontext der Bücher, die ich Gegen das Vergessen las, berührt er Schicksale, die durch den Holocaust lebenslang gezeichnet waren. „Ich war ein Glückskind“ zeichnet ein beklemmendes Bild der jüdischen Kinder, die nach England verschickt wurden. Hier sind wir an unsere Gegenwart erinnert. Flüchtlinge? Was wollen die hier? Deutschland galt doch als sicheres Herkunftsland. Jüdische Emigranten? Dafür sollten sie bezahlen. Sehr gut sogar. Wir wollen das heute gerne verhindern. Wir wollen so gerne mehr sein. Dazu braucht es Rückgrat. Dazu braucht es Stimmen, wie die von Michael Köhlmeier. Dazu braucht es Hoffnung und starke Bilder. Dazu braucht es auch diesen Roman, der am Ende zeigt, dass dem Damals das Jetzt folgt, dem die Zukunft schon auf der Fährte ist. Die dritte Generation der Nachkriegs-Lenobels wird zuletzt von Köhlmeier in diesen Lava-Strom geführt. Beklemmend…

Man sollte sich von dieser Geschichte „lenobelisieren“ lassen…

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

Die wundervollen Leseplätze findet man bei Gartentisch-Design

Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier

„Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

„Zwei, die für einige Zeit ihre Ruhe gefunden hatten, eine Ruhe, die nicht, wie so oft, mit Verlassenheit zu tun hatte, sondern mit Geborgenheit.“

Dieses Zitat steht für ein ganzes Buch. Es sind Worte, die primär romantisch klingen und auf den ersten Blick den Hauch einer großen Liebesgeschichte verströmen. Jedoch schon beim zweiten Blick auf den Roman aus dem sie stammen, wird klar, was hier als Ruhe und Geborgenheit empfunden wird. „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger spielt im Österreich des Kriegsjahres 1944 und zeichnet das Bild von Menschen, die in schier hoffnungsloser Situation ein Refugium im Auge des größten Sturmes finden, der je über ihre Heimat hinwegtobte. Menschen, die sich aus äußerst unterschiedlichen Gründen genau hier eingefunden haben, um auf das Unausweichliche zu warten. Es ist die Ruhe im Sturm, nicht die Ruhe vor dem Sturm, der sie im Idyll des Salzkammerguts vereint.

Es sind junge Menschen, die in haltloser Zeit und in völliger Ungewissheit neue Wege gehen, um Halt, Zuneigung und letztlich auch Trost in ihrer Einsamkeit zu finden. Es ist der junge Wehrmachtssoldat Veit Kolbe, der nach fünf Jahren im Krieg körperlich und seelisch traumatisiert in der Heimat strandet, um wieder auf die Beine zu kommen. Was nach der Genesung folgen würde liegt auf der nationalsozialistischen Hand. Wieder an die Front. Und so genießt Veit jeden Tag unter der Drachenwand als Aufschub vor dem größten Schrecken, für den er einst freiwillig in den Krieg gezogen ist. Sein Vaterland verhält sich stiefmütterlich zu dem jungen Mann. Nur Pervitin beruhigt seine Seele.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

„Wer auf die Jagd nach einem Tiger geht, muss damit rechnen, auf einen Tiger zu treffen.“

Während aller Idealismus aus Veits Körper herausgeschossen wurde, realisiert er die Aussichtslosigkeit, den unsagbar grausamen Krieg noch gewinnen zu können. Sein Schicksal nimmt er als Chance wahr, sich der tödlichen Vernichtungsmaschinerie nicht mehr ausliefern zu müssen. Von schrecklichen Alpträumen geplagt, verkriecht sich Veit Kolbe immer mehr in seinem Refugium unter der Drachenwand. Hier findet er nicht nur die lange ersehnte Ruhe, hier findet er die Zuneigung von Margot, die mit ihrem Baby auf die Rückkehr ihres Ehemannes aus dem Krieg wartet. Auch sie in Ungewissheit im Angesicht der desaströsen Nachrichten, die sie von der Front und von ihrer Mutter aus Darmstadt erreichen.

Darmstadt zerbombt, die Eltern in ständiger Lebensgefahr, das Baby wächst ohne Vater auf und die Ehe selbst nur als Mittel zum Zweck, damit ihr Mann auch mal Urlaub vom Krieg bekommt – ein situativer Chaos-Mix, der Margot immer mehr in die Arme des jungen Soldaten treibt, der mit ihr im gleichen Haus untergebracht ist. Briefe von Mutter und Ehemann drohen sie in die tiefe Depression zu ziehen. Nur Veit gibt ihr Halt, weil auch er ihren Halt benötigt. Zwei Ertrinkende, die sich aneinander klammern, um nicht unterzugehen. Zwei Betrüger mit reiner Seele. Veit fälscht seine Krankschreibung, um bei Margot bleiben zu können und sie belügt ihren Mann, der für sie schon verloren ist.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

„Die Kindheit ist wie ein Holz, in das Nägel geschlagen werden. Die guten Nägel sind die, die so tief im Holz stecken, dass sie halten, sie beschützen einen wie Stacheln. Oder man kann später etwas daran aufhängen… Schlecht sind die ins Holz gedroschenen Nägel, deren Köpfe tiefer liegen als die Oberfläche, man sieht gar nicht, dass dort etwas Hartes ist, ein vor sich hinrostender Fremdkörper…“

Während die Menschheit ihre Unschuld verliert, wird aus dem Mondsee auch für 35 Schülerinnen und ihre Lehrerin der Zufluchtsort vor den Bomben im heimatlichen Wien. Das Lager „Schwarzindien“ mutiert unter den kinderlandverschickten Mädchen zu der uniformen Erziehungsanstalt, in der Flaggenparaden und Appelle an der Tagesordnung sind. Es bleibt nicht aus, dass Veit den Mädchen und ihrer Lehrerin begegnet. Es bleibt nicht aus, dass er von der immer noch gelebten Verblendung abgestoßen wird. Es sind die Durchhalteparolen, die in Österreich regieren. Es ist die pure Angst vor Bombern über Wien, die das Leben prägt. Es ist der letzte Außenposten, die Bastion inmitten des untergehenden Reiches. Eine Scheinwelt, der nur der „Basilianer„, einer der aufrecht gebliebenen Einheimischen, die Maske vom Gesicht reißt. Er zahlt einen hohen Preis dafür…

Arno Geiger gestaltet einen klaustrophobischen Erzählraum, aus dem es keinen Ausweg gibt. Nur Unter der Drachenwand ist man sicher. Bis hier reicht der Arm der Nazis in den seltensten Fällen. Und doch steht das Leben unter Vorbehalt. Als eins der Mädchen aus dem Lager verschwindet ahnt Veit sofort, was ihr zugestoßen ist. Briefe der Mutter, Briefe ihres knallverliebten Freundes, Vorwürfe über verdorbene Moral und Angst vor einer Zukunft ohne Gefühle breiten sich wie ein trauriger Alpdruck über dem Mondsee aus. Der Sturm nähert sich. Die Nachrichten werden beängstigend und der Krieg kommt näher. Es ist ein Spiel auf Zeit, das den Geflüchteten am Mondsee einen letzten Augenblick der Hoffnung schenkt, während die Welt untergeht.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

Briefe haben Arno Geiger zu diesem Roman inspiriert. Originale Briefe aus jenem Lager Schwarzindien, Elternbriefe, Behördenbriefe und auch Feldpostbriefe waren es, die eine Geschichte in Gang gesetzt haben, die auf wahren Geschichten beruht und in ihrer Fiktionalisierung wirkt „Unter der Drachenwand“ wie ein Befreiungsschlag aus dem Giftschrank der persönlichen Erinnerungen der Betroffenen. Wir kennen zahllose originale Korrespondenzen aus der damaligen Zeit. Wir kennen sie aus dem „Echolot“ von Walter Kempowski. Wir lesen sie nicht als Unbeteiligte, wir werden zu Zeitzeugen des Unbeschreibbaren. Und doch versuchen wir oft vergeblich zwischen den Zeilen zu lesen, Zusammenhänge aufzuspüren und Kreuzungslinien zu erkennen. Hier geht Arno Geiger einen deutlichen Schritt weiter, ohne das Schicksal seiner Protagonisten für einen Roman zu verkitschen.

Unter der Drachenwandist ein großer Roman über die Verschickten, Verlassenen, Flehenden, Hoffenden, Verzweifelten und Enttäuschten. Arno Geiger beschreibt nicht nur den Schrecken eines aufziehenden Krieges, er thematisiert alles Relevante, was zu seinem Ausbruch beigetragen hat. Opportunismus, Kult und Glaube an einen scheinbar allgewaltigen Heilsbringer. Verblendung und die Automatismen einer Ideologie. Er lässt Ängsten freien Lauf, macht aus Kämpfern kriegsmüde Verweigerer und aus Müttern in letzter Konsequenz die selbstbetrogenen Leidtragenden der Geschichte. Arno Geiger gelingt in erzählerisch brillanter Art und Weise mehr als ein Roman, mehr als nur eine kleine beleuchtete Sequenz aus dem Chaos der menschlichen Abgründe. Er schreibt Geschichte, wie wir sie nur in sehr seltenen Fällen lesen dürfen.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

Hoffnungsbriefe:

… und dann höre ich dich reden auf einem Bahnhof, wo die Züge pfeifen, bitte eine Fahrkarte nach Wien, ich habe mir ein wenig die Welt angesehen, habe den Heiratsantrag eines Maharadschas abgelehnt und fahre jetzt wieder nach Hause.

Diese Worte machen Hoffnung fühlbar, nähren den tiefen Glauben an eine Heimkehr und sind doch so verzweifelt emotional wie nur Liebe verzweifelt sein kann. Würde man Fäden auf eine alte Landkarte spannen, viele von ihnen würden mit Wien verknüpft sein und am Mondsee enden. Ein Bezirk, eine Straße, eine kleine Heimat verbinden, was im Krieg getrennt wird. Kinderlandverschickung. Eines der wohl schrecklichsten deutschen Worte.Sprache kann grausam sein. Nicht so grausam jedoch, wie ein Handlungsfaden, den Arno Geiger auf die Landkarte legt, ohne dass  er jemals den Mondsee berührt.

Es ist die Geschichte eines jüdischen Lebens in Wien. Es ist die Geschichte einer Flucht vor dem Holocaust. Es ist die Geschichte einer Familie, der auf ihrem Weg die Zuflucht unter der Drachenwand nicht gewährt wird. Es ist eine Lebensgeschichte, die mit den anderen Schicksalen kaum verbunden scheint. Nur an einer einzigen Stelle im Roman kreuzen sich die Wege. Es ist ein Gänsehautmoment des Lesens, der in aller Wucht dokumentiert, was wir schon lange zu wissen glauben. Es ist ein Moment, dem wir glauben, gewachsen zu sein. Und doch. Es ist nicht so. Es wird nie so sein. Allein hier liegt eines der vielen Prädikate, die ich diesem Roman zubillige. Lesenswert.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

Raquel J. Palacio – „WUNDER“ – Vom Buch zum Film

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Manchmal werden Literaturverfilmungen gar nicht mehr als solche wahrgenommen, weil die Romanvorlage zum Film schon lange zurückliegt, oder nicht die Zielgruppe von Lesern erreicht hat, die nun die Kinokassen stürmen. Im Januar werden jedenfalls viele Menschen einen neuen Film bestaunen, auf den ich eigentlich schon seit Jahren warte. Raquel J. Palacio veröffentlichte 2012 ihren Roman „Wunder“, der das Schicksal von August Pullman in den Mittelpunkt stellt. Einen Jungen, der aufgrund eines Gendefekts stark entstellt ist. Das Jugendbuch trat gegen Ausgrenzung und gezieltes Mobbing an, erfreute sich großer Beliebtheit und doch werden viele Erwachsene den Film nicht mit einem Buch in Einklang bringen. Grund genug für mich, eine Retrospektive auf diesen außergewöhnlichen Roman zu wagen und mich mit gutem Gefühl ins Kino zu setzen.

Mit Julia Roberts hat Regisseur Stephen Chbosky die Bestbesetzung für Auggies Mutter gefunden. Hier kann sie alle Facetten einer kämpferischen, verzweifelten und oftmals auch hilflosen Mutter abrufen, die auf der Gratwanderung zwischen Bemuttern, Behüten und Umsorgen nun den Schritt in die harte Realität mit ihrem Sohn gehen will. Die Konfrontation mit einem entstellten Kind stellt die Umwelt vor eine Herausforderung, der sie kaum gewachsen scheint, „Wunder“ trägt seinen Namen zu Recht, weil Auggie die Welt verändert. Jacob Tremblay brilliert in der Rolle von August. Der Schauspieler ist bekannt aus der Verfilmung von Emma Donoghues Roman „Raum“. Schon hier hat er als der kleine Jack Newsome, der in absoluter Isolation mit seiner Mutter aufwächst, geglänzt. Auch für „Wunder“ wurde er bereits für die Critics Choice Movie Awards als bester Jungschauspieler nominiert.

Lasst euch den Film nicht entgehen und vielleicht werft ihr einen Blick ins Buch, bevor ihr ins Kino geht, oder auch danach. Wunder ist es wert, gemeinsam mit jungen Menschen gelesen und gesehen zu werden. Ich möchte euch Auggie gerne ein wenig näher vorstellen…  Ich sehe ihn oft vor mir, wenn ich an das Buch denke…

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich sehe einen Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Ich sehe einen Jungen, der nur einmal im Jahr befreit durchs Leben gehen kann. Ohne Angst gehänselt  zu werden und ohne Furcht, dass Menschen die Straßenseite wechseln, nachdem sie ihn sehen. Halloween. Der Tag, an dem sich alle Kinder verkleiden, sich hinter gruseligen Masken verstecken, nach „Süßem oder Saurem“ verlangen und sich diebisch freuen, wenn man entsetzt die Augen verdreht. Dieser Tag ist der schönste Tag des Jahres für August, weil er ohne Verkleidung den gleichen Effekt erzielt.

Ich lese die Worte des Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Sie sind an mich gerichtet und er versucht mir meine Berührungsangst zu nehmen. Er spricht zu mir und ich höre ihm gebannt zu, da ich ahne, dass die Worte mich tief bewegen werden. Über sich selbst sagt er nur:

Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer!“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Ich folge diesem Jungen, der gerade mal zehn Jahre alt ist. Seine Eltern haben für ihn beschlossen, dass er trotz seiner genetisch bedingten Gesichtsdeformationen nun endlich eine richtige Schule besuchen muss. Den nächsten Schritt in ein Leben, in eine Zukunft der Normalität – dies ist ihr Ziel und auch August möchte diesen Schritt gehen. Denn hinter der verunstalteten Fassade ist er intelligent, liebenswürdig und hilfsbereit.

Ich erlebe ein Umfeld, das unnachgiebig nach Außenseitern sucht und einen solchen in August findet. Ein geborenes Opfer, das man gerne ausgrenzt – zumal man ja selbst unsicher ist, wie man einem Jungen begegnen soll, dem man nicht in die asymmetrisch angeordneten Augen schauen kann. Jemand, den man gut herumschubsen und leicht quälen kann – weil man es nicht besser weiß. Ich fühle „Auggies“ Schmerzen, Zweifel und die Zerrissenheit angesichts der Richtigkeit seines Weges. Ich ziehe mich heulend mit ihm zurück.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Spätestens an dem Tag, als jene, die es besser wissen müssten (die Eltern seiner Mitschüler) sein Gesicht auf dem offiziellen Klassenfoto wegretuschieren, bricht in mir die blanke Wut aus. Spätestens an diesem Tag bricht die Welt meines neuen Freundes „Auggie“ haltlos in sich zusammen, da er realisieren muss, dass sein Traum von einem normalen Leben wie eine Seifenblase platzt. Man lästert nicht nur hinter vorgehaltener Hand über ihn. Man schließt von seinem Äußeren auf sein Inneres und erklärt ihn zum hässlichen Menschen – zu einem Wesen, das in einer schönen Gemeinschaft wie ein Fremdkörper wirkt. Selbst jene, denen er vertraut, verraten ihn bitterlich.

Ich weine oft in dieser Zeit. Ich weine um Auggie und fühle seinen eigenen Schmerz. Bis jemand in sein Leben tritt, der ich im wahren Leben gerne wäre. Jemand, der ihn so annimmt, wie er wirklich ist. Jemand für den falsches Mitleid ein Fremdwort ist. Jemand der nicht aus geheuchelter Anteilnahme Interesse vorgaukelt, sondern ein Mensch, der zeigt was es heißt, sein Gegenüber ohne jedes Vorurteil wahrzunehmen.

„Ich heiße übrigens Summer. Wie heißt Du? August? Hey, unsere Namen passen gut zusammen. Wir können das hier zum exklusiven Sommer-Tisch erklären. Nur Leute mit Sommer-Namen dürfen hier sitzen… Gibt`s hier irgendwen, der June oder July heißt?“

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Und dann hört das Weinen auf – dann enden die Zweifel, denn es ist „Auggie“ selbst, der mir auf die Schulter klopft und meint, es wäre nun aber wirklich mal an der Zeit mit erhobenem Kopf der Realität ins Auge zu schauen. Wie kann ein nicht mal 10-jähriger Junge nur so stark sein? Wie kann er das nur? Raquel J. Palacio gelingt mit „Wunder“ ein wahres Wunder. Sie stellt nicht nur August in den Mittelpunkt des Romans, sondern erzielt mit den wechselnden Erzählperspektiven eine beeindruckende Wirkung.

Nicht nur von innen lernen wir „Auggie“ kennen. Nein – auch das Außen entzieht sich nicht. Seine ältere Schwester kommt zu Wort, die einerseits wie eine Löwin für ihn kämpft, sich andererseits lebenslang zurückgesetzt fühlt, da sich doch alle Planeten der Familie nur um diesen einen Fixstern drehen. All jene, die „Auggie“ ganz bewusst oder unbewusst verletzen werden eingeblendet und als gänzlich außenstehender Leser wird man in einen literarisch hochklassigen Mahlstrom aus Missverständnissen, Hilflosigkeit, purer Falschheit und selbstloser Empathie verwickelt.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Raquel J. Palacio verleiht den Planeten des Sonnensystems „Auggie“ Gehör und allein durch diesen Kunstgriff erzählt sie keine von reinem Mitleid geprägte Geschichte, sondern nimmt uns Leser an die Hand und fragt nach jedem Kapitel ganz zart „Und Du? Was hättest Du getan?“ Und diese Frage stellt sie ohne jeden Vorwurf. Sie erhebt nicht einmal den Anspruch es selbst besser gemacht zu haben.

„Wunder“ ist ein Wunder von einem Buch. Eine Gesellschaft inmitten einer tiefen Debatte um gleiche Rechte für Menschen mit Handicap kann durch einen solchen Roman verändert werden. Familien können verändert werden, wenn man nur für sich selbst überlegt, was die Erkrankung eines Kindes, eines Bruders oder einer Schwester bedeuten kann. Dieser Roman kann uns verändern, da er menschliche Schwächen im Umgang mit solch außergewöhnlichen Erkrankungen nicht verurteilt, sondern lediglich zeigt, welche Folgen unbewusst und bewusst durch unser Verhalten und Fehlverhalten entstehen können.

Dies ist mit Sicherheit kein trauriges Buch für Leser von 10 bis 99 Jahren. Dies ist keine wehleidige Geschichte. „Wunder“ ist ein Roman, bei dem man ein Wunder erlebt. In jeder Beziehung des Lesens. Unverkitscht – ungeschönt und doch so sehr strahlend wegen der riesigen Portion Hoffnung, die „Auggie“ durchs Leben trägt. Ihr müsst diesen besonderen Jungen kennenlernen. Gebt ihm eine Chance, euch von seinem Leben zu erzählen und hört dabei seinen Verwandten und Freunden zu. Und begeht dabei nicht den Fehler, auch die falschesten aller Freunde zu verurteilen. „Auggie“ würde das auch nicht tun – niemals.

Am Ende dieses großen Romans solltet ihr bereit sein, „Auggie“ in sein eigenes Leben zu entlassen. Gute Autoren lassen ihre Protagonisten an dem Punkt ziehen, an dem sie davon überzeugt sind, dass sie es von da an selbst schaffen können. Ein Satz von Jennifer Benkau (Dark Canopy und Dark Destiny), den ich nicht vergessen werde. Er ist so wahr und zeugt von wahrer Größe. Aber glaubt mir, bevor ihr „Auggie“ alleine lassen müsst, werdet ihr Zeuge eines Finales, das diesem kleinen besonderen Jungen mehr als würdig ist.

“You are beautiful – no matter what they say” – Nur eine kleine unbedeutende Zeile eines weltbekannten Songs, könnte man wohl meinen. Die eigentliche Wahrheit dieser melodischen Botschaft geht tiefer – viel tiefer. „Du bist schön – egal was andere sagen“. Kein Song passt besser zu diesem Buch, kein Song passt besser zu „Auggie“ und kein Song ist ehrlicher als dieser.

Wunder – Raquel J. Palacio – Vom Buch zum Film

Entdeckt die Schönheit von Buch und Film. Vielleicht findet ihr euch sogar selbst!