Vati von Monika Helfer

Vati von Monika Helfer - Astrolibrium

Vati von Monika Helfer

Als ich mich vor genau zwei Jahren ganz vorsichtig in den Roman „Die Bagage“ von Monika Helfer vorgewagt habe, konnte man nicht erwarten, welchen Siegeszug diese autobiografisch geprägte Familiengeschichte antreten würde. Die Leserschaft im deutschsprachigen Literaturraum war begeistert vom Buch und der Hörbuchfassung, die Monika Helfer durch die authentische Autorenlesung auf ein besonderes Level hob. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von diesem persönlichen Werk. Es folgte die Nominierung für den Österreichischen Buchpreis und nicht zuletzt konnte sie den erstmals vergebenen Publikumspreis zum Bayerischen Buchpreis gewinnen. Und all dies mit einer kleinteilig wirkenden, aber groß angelegten Geschichte über ihre eigene „Bagage„, der man sich blind anvertrauen konnte. Die Botschaft hallte lange nach und beschäftigte mich intensiv. Ich schrieb damals:

„Wir haben alles gehabt, und das meiste war uns nicht vergönnt.“

Als Monika Helfer am Ende ihrer Erzählung vor einem Gemälde des großen Pieter Bruegel steht und es aufmerksam betrachtet, verschwimmen die Ebenen zwischen der Erzählung und ihrer Wahrnehmung, Hier lässt sie ihre Bagage auferstehen, erweist ihr die Ehre und erweist allen, die je waren und sein werden ihre Referenz. Der würdevolle Umgang mit ihren Eltern, Onkeln, Tanten und ihren eigenen Kindern ist sehr bewegend und schützt uns fortan, den Begriff „Bagage“ mit negativer Betonung zu verwenden. 

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Vati von Monika Helfer

Jetzt ist sie wieder da. Jetzt knüpft sie weiter an ihrem bunten Erzählteppich, der sich in so mancher guten Lesestube zum prachtvollen Gobelin des einfachen Lebens im Kreise einer verschworenen Familiengemeinschaft entwickel hat. Monika Helfer knüpft an. Sie verwebt den Handlungsfaden, der sich im Ersten Weltkrieg zum schmerzhaften Knäuel verwirrte, mit den Folgen, unter denen ihre Mutter zeitlebens zu leiden hatte. Es waren die bösen Gerüchte von der fremdgehenden Mutter, die dafür sorgten, dass sich der eigene Vater von der kleinen Grete abwandte und kein Wort mit ihr sprach. In „Die Bagage“ stand die große Geschichte der Moosbruggers im Abseits der Gemeinschaft eines Bergdorfes im Mittelpunkt. Es war die Geschichte der schönen Maria, um die ihr Mann von allen beneidet wurde. Es war die Geschichte von Verletzung, Sehnsucht und Eifersucht, die sich Monika Helfer von der Seele schrieb. Und doch wollte ich am Ende mehr erfahren.

Wie sollte die Geschichte unter dem Vorbehalt der untreuen Mutter weitergehen? Was wurde aus der früh stigmatisierten Grete, die damit leben musste, von ihrem Vater ignoriert zu werden? Und wie letztlich würde das Leben von Monika Helfer dadurch von der Vergangenheit der „Bagage“ beeinflusst. Hier beginnt „VATI„. Hier springen wir mit Monika Helfer in eine Zeit, in der ein zweiter Krieg auf den ersten gefolgt war. Wir sind an der Seite von Grete, die ihren Weg geht und ihren Mann findet. Wir erleben sie als selbstbewusste Frau, eng eingebunden in die Wurzeln ihrer Geschwister. Was mit ihrer Mutter Maria begann, setzt sich nun bei Grete und ihrem Ehemann fort. Hier steht eine neue Geschichte plastisch vor unseren Augen. Hier entführt uns Monika Helfer in einen so sehr erhofften Zeitsprung bis hin zur Geschichte ihrer eigenen Eltern. Es ist jedoch ihr VATI„, von dem sie uns in Wahrheit erzählt.

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Vati von Monika Helfer

Hier beginnt Monika Helfers Erzählung aus erster Hand. Hatte sie sich zuvor noch auf das Hörensagen verlassen müssen, so ist sie hier die kleine Tochter, die miterlebt, mitfühlt, mitdenkt und mitleidet. Ihre Großeltern Maria und Josef leben nicht mehr. Ihre Mutter Grete (das damals vom eigenen Vater ignorierte Kind) steht mit beiden Beinen fest im Leben als sie ihren Josef kennenlernt. Vom zweiten Krieg verstümmelt, an den Folgen leidend und in ihr die Frau für sein Leben findend. So lernen wir die späteren Eltern von Monika Helfer kennen. Hier beginnt auch ihre Geschichte. Wir werden jetzt zu direkten Zeugen einer Geschichte, die sich im Familienalbum erstmals mit Bildern belegen lässt. Am Ende des Hörensagens über „Die Bagage“ erzählt nun die Tochter von ihrem „VATI„.

„Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern.
Er wollte vor uns und durch uns einen Mann erfinden,
der in die neue Zeit hineinpasste.“

Wir lernen ihn als Kriegsversehrten kennen, sehen ihn als Leiter einer Einrichtung für Seinesgleichen. Das Kriegsopfererholungsheim wird auch für die kleine Monika zur Heimstätte. Es sind bewegende Bilder der Kriegsopfer und der Traumatisierungen, unter denen sie leiden, die sich Monika Helfer in ihr und unser Gedächtnis ruft. Hoch oben in den Bergen, weit fort von allem – auf der Tschengla – spielt sich ihre Kindheit ab. Hier lernt sie ihren Vater als büchersüchtigen Mann kennen, der mit viel Liebe die kleine Bibliothek des Heimes auf Vordermann bringt. Hier spüren wir ihren Zugang zu Büchern, den sie ins Blut gelegt bekam. Hier werden wir zu Zeugen einer Geschichte, die sich aus einem kleinen Idyll für die verletzten Körper und Seelen in einen Ort der Angst verwandelt. Die Zeit steht nicht still. Das Heim soll zu einem profitablen Hotel in den Bergen verwandelt werden. Ihr Vater fürchtet um seine Bücher und begeht einen folgenschweren Fehler. Und Monika ist die Komplizin seiner Tat.

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Vati von Monika Helfer

Was in Die Bagageeinem klaren Spannungsbogen folgte, wirkt in „VATI“ schon etwas kleinteiliger. Es sind Erinnerungsfragmente, die sich zu einem Bild fügen, das die Autorin selbst langsam zu entwickeln scheint. So scheinen Väter zu sein. Das liest sich absolut typisch für viele VaterTochterBeziehungen. Mütter hinterlassen oftmals tiefere Spuren im Leben. Sie ziehen sich wie rote Fäden durch die Entwicklung ihrer Töchter. Es sind intensive Bindungen. Väter treten da oft in den Hintergrund und sind immer nur an bestimmten Wegmarken von besonderer Bedeutung. Ein Vergleich dazu. Annie Ernaux schrieb sich ihr ganzes Leben von der Seele. Während andere Werke geschlossener und dichter wirkten, war Der Platz“ hier kleinteilig und fragmentarisch. So sind die Erinnerungen an Väter. Sie sind über ein ganzes Leben verstreut, ergeben keine geschlossene Geschichte, aber ohne sie würde man sich selbst nicht verstehen.

Helfers „Vati“ ist „Der Platz“ von Annie Ernaux. Allerdings ist es keine Abrechnung mit ihrem Vater, die Monika Helfer im Sinn hat. Es ist die emotionale Annäherung, mit der sie sich selbst ein Bild von ihm zu machen scheint. Unvergessen bleiben Episoden in meiner Erinnerung, in denen er ihre möglichen zukünftigen Freunde durch ein sehr literarisches „Casting“ schickt. Sie sollen sich einfach eines seiner Bücher aussuchen und es aus dem Regal nehmen. Und nur wer hier sorgfältig und zärtlich mit einem der Bücher umgeht, bekommt seinen Segen. Das habe ich mir gut notiert. Für später. Wer im VATI-Buch einen ausschließlichen Vati-Report erwartet, wird angenehm überrascht sein, wie präsent die Bagage in diesem Buch ist. Es sind die Geschwister, Onkel und Tanten, die omnipräsent erscheinen. Es ist die Geschichte ihrer Mutter, die Monika zu einem bewegenden Ende bringt und es sind tiefste Einblicke in das eigene Leben, die sie uns gewährt.

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Vati von Monika Helfer

Auch diesmal habe ich gelesen und gehört. Ich kann der Stimme von Monika Helfer nicht widerstehen. Es klingt brüchig, vorsichtig und manchmal ein wenig distanziert in der Art und Weise, wie sie ihre Autorenlesung anlegt. Aber es ist wuchtig, nah und in ganz besonderer Weise authentisch, ihr selbst zuzuhören. Wer „Die Bagage“ liebte, muss bei VATI anknüpfen. Beide Bücher sind literarische Erinnerungsmonumente, die im Gedächtnis bleiben. Wer sich dieser Bagage verpflichtet fühlt, wird vielleicht in seinem eigenen Leben Parallelen sehen und ist in der Lage, Bilder zu korrigieren, die sich zu sehr festgebrannt haben. Zuletzt bleibt mir nur Ver- und Bewunderung für die großen Geschichten, die im Hause Köhlmeier – Helfer ihren Weg in die Welt finden. Es ist ein Schrifstellerpaar, das ich gerne paarweise genieße und als PaarWeise bezeichne… Und ich bin gespannt, was auf „VATI“ folgt.

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Monika Helfer und Michael Köhlmeier – PaarWeise

Das Finale vom „VATI“ ist ein im literarischen Sinn ein tragisch schönes Ende. In meinen kühnsten Träumen würde ich mir wünschen, es möge mich so ereilen.

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

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Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

„Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja – Hanser Literaturverlage

Du kommst vom Einkaufen nach Hause, desinfizierst zuerst deine Hände, verstaust deine FFP2-Maske, hörst in den Nachrichten die aktuellen Inzidenz-Zahlen und machst dir über die Corona-Impfung Gedanken, rufst deine Freundin an, die sich seit Tagen in Quarantäne befindet und lebst seit Monaten unter dem Vorbehalt einer Ansteckung mit einem Virus, das die ganze Welt verändert. Du suchst dir Fluchtpunkte, genießt deine wenigen Biotope, die nicht infizierbar sind und versuchst, das Beste für dich und deine Familie aus dieser Situation zu machen. Du hast eine Seuche in der Stadt. Wenn du dann auf ein gleichnamiges Buch stößt, wirst du wohl primär abgestoßen, weil es ja mal gut sein muss. Nicht auch noch in deiner literarischen Auszeit, nicht auch noch in dem Refugium, in dem du dich sicher fühlst. Warum sollte ich gerade jetzt ein solches Buch lesen? Ja, warum nur?

Noch dazu, wenn es sich augenscheinlich um ein Drehbuch handelt, und nicht um ein Sachbuch oder einen Roman zur Lage, um vielleicht Aspekte zu beleuchten, die dir bisher entgangen sind. Es gäbe doch ganz andere Stilformen. Aber jetzt ausgerechnet ein Drehbuch? Warum? Weil es meine aktuellen Gedanken in turbulente Umdrehungen versetzt? Drehbuch, weil es die szenischen Wechsel eines Romans zur Vorbereitung für einen Film in schnellen Schnittfolgen verknappt wiedergibt? Drehbuch, weil sich in diesem Buch alles um ein eng umrissenes Thema dreht. Oder Drehbuch, weil sich mir beim Lesen nicht nur der Magen, sondern auch mehrfach das Hirn umdreht? Ich fand meine Antworten, weil ich „Eine Seuche in der Stadt“ von Ljudmila Ulitzkaja las. Hier wurde die Drehzahl meines Geistes beschleunigt, das Drehmoment meines Gehirns in Wallung gebracht und meine intellektuelle Drehscheibe in Schwung versetzt. Drehbuch halt.

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Wir befinden uns im stalinistischen Moskau des Jahres 1939. Der Rahmen dieser wahren Geschichte ist schnell abgesteckt. Der Zweite Weltkrieg hält Russland fest im Griff, das kommunistische Regime konzentriert alle Anstrengungen auf den Feind und dann kommt es zu einem Zwischenfall. Rudolf Iwanowitsch Mayer wird aus der tiefen Provinz in die Hauptstadt zitiert, um über den Stand seiner Forschungen zu berichten. Er arbeitet in einem geheimen Labor an einem Impfstoff und das Volkskommissariat für Gesundheit verlangt ein Update und Ergebnisse. So weit, so gut. Wäre es nur im Labor nicht zu dieser kleinen Unachtsamkeit gekommen. Wäre die Schutzmaske nicht ein klein wenig verrutscht und hätte sich der Wissenschaftler nicht selbst mit der Pest infiziert, die Dienstreise nach Moskau wäre unspektakulär verlaufen. So jedoch hat er eine Seuche im Gepäck, die sich schneller ausbreitet, als man sie eindämmen kann.

Ljudmila Ulitzkaja hätte dies in einem weit ausschweifendem historischen Roman in der Tradition der größten russischen Erzähler*innen verarbeiten können. Aber genau das war nicht ihre Intention. Sie war auf diesen wahren Fall gestoßen, hatte sich durch Recherchen sattelfest gemacht und ein Szenario verfasst, das sie schon 1978 in dieser Fassung als Bewerbung für einen Drehbuchgrundkurs eingereicht hatte. Ihr war damals klar, dass die Geschichte an sich keine Aussicht auf Erfolg haben konnte, weil sie im Zusammenprall zwischen der Naturgewalt einer Seuche und der Staatsgewalt der kommunistischen Geheimdienste einen diffizilen Aspekt herausgearbeitet hatte, den man lieber unter den Tisch fallen lassen wollte. Wie war es damals gelungen, das Virus an seiner Ausbreitung zu hindern? Zu welchen Mitteln hatte das Regime gegriffen, um die Hauptstadt vor einer Katastrophe zu bewahren? Und hatte sie hier eine Blaupause zur Bewältigung künftiger Epidemien entdeckt?

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Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Hier entfaltet das Drehbuch seine literarische Urgewalt. Es sind schnelle Schnitte, die uns durch ein „cineastisch“ anmutendes Lesen treiben. Ein Anruf im Labor, Hektik, ein kleiner Fehler, die Verabschiedung und eine Zugreise nach Moskau. Begegnungen und Zufallsbekanntschaften, der Vortrag vor der Kommission, Schulterklopfen und die obligatorischen Bruderküsse, ein harmloser Haarschnitt im Hotel, eine Delegierte, die aus Moskau abreist, um in der Provinz Hof zu halten. Bewegungsmuster, die uns nicht unberührt lassen, wissen doch nur wir, dass der Pest-Forscher bei jeder Interaktion zu einem Auslöser einer neuen Infektionskette wird. Als er die ersten Symptome zeigt, in einer Klinik auf einen aufmerksamen Arzt trifft, der schnell begreift, womit er es zu tun hat, beginnt eine beispiellose Aktion eines totalitären Staates zur Verhinderung einer Katastrophe. Die Pest  wird zur Geheimdienstsache.

Und genau hier finden wir die Ursache für das Verschwinden dieses Textes. Darf man es als Erfolg eines menschenverachtenden Systems bezeichnen, die Ausbreitung einer Seuche durch eine Inhaftierungswelle des Geheimdienstes verhindert zu haben? Welche Türen würde man öffnen? Könnte die Büchse der Pandora je wieder versiegelt werden? Diese Fragen stößt „Eine Seuche in der Stadt“ an. Gerade in einer Zeit, die durch die Einschränkungen von Grundrechten gekennzeichnet ist, die zum Schutz der Gesellschaft ergriffen werden, muss eine Diskussion geführt werden, wie weit man hier gehen darf. Gerade in einer Zeit, in der sich eine Demokratie offen den Vergleich mit einer Diktatur gefallenlassen muss, sollte man den Blick auf wahrhaft totalitäre Systeme richten. Dieses Drehbuch stößt eine Diskussion an, die unerlässlich ist. Es zeigt aber ebenso beeindruckend auf, wie weit wir von autokratischen Zuständen entfernt sind.

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Dieses Buch wird polarisieren, weil es beschreibt, dass die Pest in diesem Fall nur durch die brutale Staatsgewalt besiegt werden konnte. Wie harmlos kommen uns dann die Maßnahmen unserer Regierung vor. Und wie weit würden wir gehen, um den Rest der Bevölkerung vor jenen zu schützen, die bewusst oder unbewusst zu Virenträgern wurden? Es sind 102 Seiten, die sich unvergesslich ins Hirn einbrennen. Es sind die Momente der Ansteckung, die uns verdeutlichen, wie schnell man zum Opfer werden kann. Es ist die Wucht des Virus, die uns vor Augen geführt wird. Und es ist ein Text, der genau in dieser Form genau jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort angekommen ist.

Ljudmila Ulitzkaja reiht sich mit dem Drehbuch Eine Seuche in der Stadt in die systemrelevante russische Literatur ein, die so viel über die Seele dieses Landes aussagt und deren Signalwirkung niemals unterschätzt werden sollte. Ihre kurzen und prägnanten Aufzüge, die bewegenden Szenenwechsel und Charakterzeichnungen der Menschen, denen wir begegnen, bedürfen keiner weiteren Worte. Leseempfehlung: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Die Seele Russlands in der Literatur auf AstroLibrium

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Sprich mit mir von T.C. Boyle

Sprich mit mir von T.C. Boyle - Astrolibrium

Sprich mit mir von T.C. Boyle

Die Geschichten von T.C. Boyle sind eigentlich immer schnell erzählt. Nicht, wenn er sie uns erzählt, aber danach, wenn wir uns Jahre später an seine Buchtitel erinnern und in der Lage sind, den Inhalt eines Romans aus seiner Feder von der ersten bis zur letzten Seite rekapitulieren zu können. Die Geschichten brennen sich ein, Wendungen und Kipppunkte der Handlungen, sowie die agierenden Personen hinterlassen mehr als tiefe Spuren in unserem Gedächtnis. So ist es auch bei den „Terranauten„. Schon vor drei Jahren gelesen und immer noch geistert die komplexe Handlung des Romans sehr plastisch durch mein Gedächtnis. Weißt Du noch? Auf diese Frage finden Boyle-Fans immer eine Antwort. Das verbindet sie. Das verbindet ihr Lesen mit dem Lesen anderer Menschen, und das ist die große Konstante im Schreiben des sprachgewaltigen Autors.

So ist es auch diesmal. Sein neuer Roman Sprich mit mir ist vielschichtig und im besten Wortsinn multiperspektivisch angelegt. Die Handlung ist komplex, geht uns unter die Haut und entwickelt sich schon schnell zum Pageturner atemlosen Mitgefühls. Und doch werden wir uns in einigen Jahren bei der Frage „Weißt Du noch“ erinnern, was uns hier durch die Zeilen gejagt hatte, um wen wir Angst hatten und warum wir am Ende des Romans mit feuchten Augen vor dem Buch saßen. Dieses Prädikat verdient sich T.C. Boyle mit einer Geschichte über ein Experiment. Das scheint ihm zu liegen, waren doch Die Terranauten auch Gegenstand eines Versuchsaufbaus, in dem man die Durchhaltefähigkeit des Menschen in Vorbereitung auf die Reise zum Mars testen wollte. „Sprich mit mir“ beschreibt ebenfalls ein Experiment. Allerdings eines, bei dem nicht der Mensch im Mittelpunkt steht, sondern ein Primat. Ein Menschenaffe, und um ganz genau zu sein SAM, ein Schimpanse.

(Weiterhören als Podcast bei Literatur Radio Hörbahn oder hier weiterlesen. Sie entscheiden)

Sprich mit mir von T.C. Boyle - Astrolibrium

Sprich mit mir von T.C. Boyle

Hier spielt der Hanser Literaturverlag schon mit dem Buchcover und macht uns neugierig auf das Innenleben. Es ist die unterschiedliche Mimik eines Schimpansen, die wir auf dem Umschlag und dem Buch selbst entdecken. Es sind Gesichtszüge, die uns ansprechen, weil sie uns so vertraut vorkommen. Menschenaffen, Primaten, Tiere, die uns am ähnlichsten sind. Tiere, in deren Verhalten wir viel hineininterpretieren und deren Erforschung seit Jahrzehnten Wissenschaftler fasziniert. Jane Goodall hat fast ihr ganzes wissenschaftliches Leben an der Seite von Schimpansen verbracht und ihr Verhalten erforscht und die Ethologie als eigenständige Forschungsrichtung etabliert. Ja, davon haben wir sicherlich gehört, aber Schimpansen sind uns immer wieder ganz anders präsentiert worden. Vermenschlicht, wie Puppen angezogen, im Fernsehen, in Filmen und im Zirkus vorgeführt, wie unsere ulkigen Artverwandten, über die man sich amüsieren konnte. Diese Bilder haben wir vor Augen, wenn wir an diese Tiere denken, die im Lauf der Zeit genau diesen Status fast verloren haben.

Hier setzt T.C. Boyle an. Hier lernen wir den Schimpansen SAM kennen. Hier sind wir Zeugen eines Fremdpflege-Experiments, in dessen Verlauf der wissenschaftliche Beweis erbracht werden soll, dass Schimpansen mit Menschen kommunizieren können. Es ist eine Farm, die hier als Testlabor dient. Es ist ein Professor, der sich mit der Hilfe von Studenten ein Biotop erschaffen hat, in dessen Zentrum sich alles um SAM dreht. Die Erfolge sind augenscheinlich. SAM kann mittels Gebärdensprache Gegenstände in seiner Umgebung bezeichnen, Stimmungen beschreiben und interagieren. Wären da nicht die unkalkulierbaren Gemütszustände eines wilden Tiers, man könnte denken, es wäre nur ein kleiner Schritt bis zum tatsächlichen Beweis der These „Sprich mit mir„. Als der Professor Gefahr läuft, die Kontrolle über SAM zu verlieren tritt eine junge und schüchterne Studentin in das Leben der kleinen Gemeinschaft. Aimees Draht zu SAM verändert alles.

Sprich mit mir von T.C. Boyle - Astrolibrium

Sprich mit mir von T.C. Boyle

Jetzt legt Boyle los und lässt uns nicht mehr aus seinen literarischen Fängen. In aller Tiefe entsteht eine besondere Beziehung zwischen Aimee und Sam. Und doch ist der wissenschaftliche Frieden auf der Farm in Gefahr. Sam entwickelt sich zunehmend problematisch, je älter er wird. Das Projekt steht vor dem Aus, weil andere Forscher zu belegen glauben, Schimpansen besäßen keine Kommunikationsfähigkeit. Der Besitzer von SAM fordert ihn zurück, um ihn auf einer Zuchtfarm wieder zum Schimpansen zu machen. Die Situationen eskalieren am laufenden Band. Als Sam abgeholt wird, fasst Aimee einen Entschluss. Niemand von uns hätte anders gehandelt. Boyle schreibt uns einen alternativlosen Roman ins Herz. Er versetzt sich in die Perspektiven der Figuren, die er uns so plastisch vor Augen führt, als sähen wir sie in einem Film. Überlappend wechselt er die Sichtweise und lässt uns als Lesende die Rückschlüsse ziehen, was eigentlich passiert ist. Diese Erzähltechnik mit eigenständigen Sichtweisen und einer jeweiligen Schnittmenge an Erkenntnissen macht uns zum allwissenden Element der gesamten Geschichte.

Die absolute Stärke des Romans liegt in den Passagen, in denen sich T.C. Boyle in die Perspektive von SAM begibt. Jetzt spricht unser Schimpanse SAM. Es ist ein literarischer Exkurs in die Denk- und Gefühlswelten eines Tieres. SAM erklärt uns, was Worte für ihn bedeuten, mit was er sie verbindet und wie er empfindet. Wir stehen ihm nah und verstehen ihn. Und doch sehen wir, dass er um eine Identität betrogen wurde. Es ist die wesentliche Rahmenbedingung dieses Experiments zu erreichen, dass Sam sich nicht als Affe empfindet. Diesen inneren Konflikt erleben wir hautnah. Boyle lässt SAM einfach SAM sein. Er lässt den Instinkten und angelernten Affekten freien Lauf in einer Geschichte, die an Dramatik kaum zu überbieten ist. Aus dem Schimpansen, der wie ein kleines Kind aufgezogen und behandelt wurde, wird ein Versuchstier im Käfig. Erstmals begegnet er anderen Schimpansen. Seine Welt zerbricht im Konflikt aus der Liebe, die er zu Aimee tief in sich spürt und dem Hass auf die Menschen, die ihn hier verraten und ausgeliefert haben.

Sprich mit mir von T.C. Boyle - Astrolibrium

Sprich mit mir von T.C. Boyle

T.C. Boyle lässt nicht mehr locker. In der Spirale seines Romans trudeln wir auf die Frage aller Fragen zu. Was kann SAM wirklich? Ist er ein Individuum? Kann er planen und denken, wie wir? Sind seine Gebärden „nachgeäfft“ oder bewusste Signale? Kann Aimee ihn retten und wie reagiert die Umwelt auf eine Studentin, die sich auf die Seite eines Primaten stellt? Der menschliche Beziehungsstress mit ihrem Professor wird auf eine harte Probe gestellt, bis wir erfahren, was es bedeutet, bis zur Selbstaufgabe zu lieben. Boyle bewegt und berührt zugleich. Er verweigert sich jeder wissenschaftlichen Abstraktion und wird konkret, wo wir bisher auf Spekulationen trafen. Sein SAM betritt einen Erzählraum, der anschließend aussieht wie ein in die Luft gesprengtes Bällebad. Und doch ist klar, wem unsere Sympathie gilt. Nicht dem Menschenaffen, nicht einem Primaten, nicht einem menschenähnlichen Wesen, keiner Kunstfigur. Es ist SAM, der hier eine Identität erhält, die man seinen Artgenossen verweigert.

Ich bin froh, dass „Sprich mit mir“ ein Buch ist. Ich bin dankbar, dass man es am Ende unterbrechen und beiseitelegen kann, um sich zu für einen Moment zu sammeln. Wäre es ein Film, die emotionale Belastung wäre im Finale kaum zu ertragen. Boyle vermag es erneut, seine Leser in einer Kaskade der Gefühle zu solidarisieren, und in einem brillanten Abgesang auf die menschliche Unmoral in Bezug auf „Tierversuche“ Zeichen zu setzen. „Sprich mit mir“ bleibt als flehentlicher Appell an SAM in meinen Erinnerungen. Andererseits mutiert dieser Titel zum Synonym für dieses Buch, weil es seine Leser anspricht. Unmittelbar, ungefiltert und mit Gebärden, denen man sich nicht entziehen kann. Lesenswert.

Sprich mit mir“ und „Die Terranauten – Experimente mit literarischem Tiefgang.

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Sprich mit mir von T.C. Boyle

 

Gegenwartsbewältigung von Max Czollek

Gegenwartsbewältigung - Max Czollek - Astrolibrium

Gegenwartsbewältigung – Max Czollek

Im Rahmen meiner Auseinandersetzung mit den, für den Bayerischen Buchpreis 2020 nominierten SchriftstellerInnen und Büchern bin ich in der Kategorie „Bestes Sachbuch“ mit Facetten eines politischen Schreibens konfrontiert worden, die für sich genommen allesamt preiswürdig sind. Der Aktualitätsbezug zeichnet diese Bücher aus. Die Spiegelung historischer Personen, die zum Widerspruch animieren, wie ein Karl Kraus, oder die mit neuen Thesen gespickte Neuerzählung der Demokratiegeschichte unseres Landes, in der die politische Basis unseres Handelns sich zur Affäre für jeden Bürger entwickelt, verdienen höchsten Respekt. Last but not least beschäftige ich mich kurz vor der Preisverleihung mit einem Sachbuch, dessen Titel wie der Wake-up-Call für eine Gesellschaft wirkt, bevor man auch nur die erste Seite gelesen hat.

Mit was denn bitte sonst, möchte man sich fragen, wenn man zum Buch von Max Czollek greift? Genau darum dreht sich doch unser tägliches Leben, dem widmen wir unsere Aufmerksamkeit in Diskussionen und hier sehen wir den Grund für die intensive Auseinandersetzung mit Nachrichten, Podcasts und News-Formaten. Nichts anders, als das ist die Maxime unseres Handelns. „Gegenwartsbewältigung“ könnte die Headline dieses Jahres sein, in dem wir alle nicht nur von politischen Verwerfungen, radikalsten Positionsgefechten und demokratischen Verwirrungen betroffen sind. Nein, reicht wohl nicht aus. Ganz nebenbei trifft uns auch noch eine Viruspandemie, die von uns nichts anderes verlangt, als unsere Gegenwart irgendwie – wie auch immer – zu bewältigen. In keiner anderen Frage bin ich den Menschen in meinem Umfeld näher. Wir bewältigen doch gerade. Oder bin ich, sind wir, auf dem Holzweg? Haben wir uns in den Visionen einer leicht erklärbaren Gesellschaft in eine Komfortzone zurückgezogen, die den Blick auf andere Perspektiven kaum zulässt? Machen wir es uns zu leicht?

Gegenwartsbewältigung - Max Czollek - Astrolibrium

Gegenwartsbewältigung – Max Czollek

Ich bin auf der Hut in diesem Buch. Ich bin vorsichtig. Zu oft hat man in letzter Zeit versucht, meine Haltung infrage zu stellen. Ich bin solidarisch, empathisch, habe beide Beine auf dem Boden unserer Demokratie, schreibe seit Jahren gegen das Vergessen der Opfer des Nationalsozialismus an und verweigere mich nicht den Maßnahmen zur Eindämmung dieser Pandemie, auch, wenn es meine Freiheitsrechte einschränkt. Ich bin mittendrin in der Gegenwartsbewältigung und sehe ganz genau, wer sich hier in aller Konsequenz verweigert. Ich schreibe gegen Populisten und Politiker an, die sich als Alternative bezeichnen, uns jedoch nur mit einem Salto Rusticale in eine Ideologie katapultieren wollen, die auf der Unterdrückung von Minderheiten basiert. Hey, werter Herr Czollek, bei mir müssen Sie nicht anfangen mit ihren Thesen. Sage ich und schon bleibt mir das eben Gesagte mitten im Hals stecken. Ich lese kleinlaut, fast ehrfürchtig, zumindest staunend weiter.

Auf welchen Grundannahmen basiert meine Haltung? Was ziehe ich rechtfertigend für meine Argumentationslinie in die Schlachtformation meines Haltungskrieges? Wieso reagiere ich allergisch, wenn an Haltungsschäden Leidende gegen meine Demokratie in Fahrt kommen und Sturm laufen? „Hallo Deutschland, jemand in der Leitung?“ lautet der Weckruf von Max Czollek. Was zeichnet Erinnerungskultur in Deutschland aus und wer schreit hier eigentlich nach deutscher Leitkultur? Gehen wir sogar Regierenden auf den Leim, weil ihre Argumentationslinie erneut auf einem Ausschluss von Minderheiten aus dem gesellschaftlichen Gefüge basiert? Czolleks Thesen sind gewaltig, sie sind mir im ersten Moment zu gewagt, dann jedoch bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit ihm und seiner Haltung auseinanderzusetzen und nach Symptomen eines Denkens zu suchen, das er für verfehlt hält. Wozu führt ein neu verbreiteter Heimatbegriff? Haben wir dabei all jene aus den Augen verloren, deren Heimat wir nicht bei uns verorten? Ist das Erwachen nationalen Denkens in einer multikulturellen Gesellschaft nicht erneut ein Todesurteil für alle jene, die auf der Strecke bleiben? Und wie kann eine Gesellschaft von deutscher Leitkultur reden, wenn es in der deutschen Geschichte ausschließlich Opfer zu beklagen gibt, wenn wir diese Kultur mal ordentlich sezieren?

Gegenwartsbewältigung - Max Czollek - Astrolibrium

Gegenwartsbewältigung – Max Czollek

Dürfen wir uns wundern, wenn in einem Land, dessen Regierung „Dem deutschen Volke“ dient, erneut Rufe laut werden, die entweder besagen „Wir sind auch das Volk“ oder „Wir sind aber ein anderes Volk“? Zieht nicht die Verbindungslinie: Volksbegriff – Nationalgedanke – Heimat eine deutlich sichtbare Demarkationslinie durch ein Land, in dem eine Gesellschaft deutlich zeigt, dass sie unter sich bleiben will? Was sind Aufrufe zur Solidarität in der Coronakrise wert, wenn wir gleichzeitig Teilen der Gesellschaft in diesem Land zeigen, dass wir sie gar nicht meinen, wenn wir von Heimat reden. Erneut fällt uns die unselige Diskussion auf die Füße, ob der Islam zu Deutschland gehört. Czollek blickt zurück in die Vergangenheit dieser Begriffe, er spannt seinen Bogen bis zu Victor Klemperer, der sich im bombardierten Dresden versteckte und im Tagebuch dokumentierte, wie sehr die Sprache den Holocaust erst möglich machte. Von Adorno bis in die Gegenwart reicht Czolleks relevanter Exkurs. Seine Leitlinie ist klar. Ein Buch zu schreiben, das eine AfD unmöglich macht. Der Kampf gegen den Rechtsruck. Aber seine Argumentationslinie lässt so manchen Demokraten recht dumm aus der Wäsche schauen, weil er längst ähnlichen Denkmustern erlegen ist. Nur werden heute andere aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Flüchltlinge, Muslime, Migranten, Queere u.s.w. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Max Czollek begnügt sich nicht damit, Finger in deutsche Wunden zu legen. Sein Text geht tiefer unter die Haut, als man es sich manchmal wünschen würde. Er schildert die nationalsozialistischen Kontinuitäten, die nach dem Untergang des Dritten Reichs in beiden neuen deutschen Staaten überlebt haben. Seine Analyse zur Erfolgsgeschichte einer deutsch-nationalen Partei in den neuen Bundesländern ist stichhaltig und hält uns Wessis vor Augen, was nach dem Mauerfall versäumt wurde. Wer Ost-Biografien nach der Wende diskriminiert und ein Gedankengut vom „besseren Westen“ kultiviert, darf sich nicht wundern, wenn der Überlebende einer sozialistischen Gesellschaft sich auf die Suche nach neuen Identifikationsmustern begibt. Hier haben wir wenige Antworten geliefert. Die AfD hat das bessere Narrativ zur Wiedervereinigung gefunden. Auch die Sichtweisen zu den Gefahren aus dem Inneren sind profund und scharf formuliert. Wer Terror von RECHTS toleriert, weil ja auch von LINKS Gefahr droht, verkennt, dass es eben keinen „gezielt Menschen mordenden linken Terror in Deutschland gibt“. Gefahr droht nur von jenen, die eine Ausgrenzungsdoktrin vorleben, Hass säen und erneut in Kauf nehmen, dass die nächste Gruppe unserer Gesellschaft ins Abseits gerät.

Gegenwartsbewältigung - Max Czollek - Astrolbrium

Gegenwartsbewältigung – Max Czollek

Max Czollek bleibt keine Beweise für seine Thesen schuldig. Wer auch immer im Moment behauptet, Assimilation sei die eigentliche Voraussetzung, um integriert und wertgeschätzt zu werden, den zieht er mit gezieltem Griff in die Geschichte von Ulrich Alexander Boschwitz. Unsere Vergangenheit hat gezeigt, dass man Integration nicht durch Anpassung erreichen kann. „Der Reisende“ spricht eine klare Sprache. Es ist die Blaupause des deutschen Denkens, dass die Existenz eines Underdogs der Kitt ist, der eine fragile Gesellschaft zusammenhält. Man beweise das Gegenteil! Nur so lassen sich Islamfeindlichkeit und geschürte Ängste in den Treibstoff verwandeln, den rechte Populisten benötigen, um Machtkämpfe zu gewinnen. Wir brauchen, nach Czollek, ein neues Denken. Wir müssen uns auch neu orientieren. Unser Wertevorrat gibt alles her, was in einer neuen Gesellschaft der Teilhabe und Gleichberechtigung aller erforderlich ist, um national-völkisches Gedankengut obsolet zu machen. Die deutsche Leitkultur ist im geschichtlichen Rückblick immer eine Leidkultur gewesen. 

Hallo Deutschland, jemand in der Leitung? Das wird sich zeigen. Es wird sich auch zeigen, welche Schlagkraft die Streitschrift von Max Czollek entwickelt. In ihrer jetzigen Form besteht die Gefahr, dass sie eben nur von Aufnahme-willigen Resonanzkörpern zur Kenntnis genommen wird. Um auch Andersdenkende zu erreichen bedarf es eines Ruckes, der sich durch die Gesellschaft zieht. Max Czollek bietet Visionen und Thesen an, die einen solchen Ruck fördern können. Toleranz, das aufmerksame Zuhören, viel Empathie und eine Neupositionierung der Selbstkritik, können Auswege sein, die einer multikulturellen Gesellschaft die Tore öffnen. Hier ist jetzt Rückgrat gefordert. Jeder von uns kann sich an einem solchen Veränderungsprozess beteiligen. Einer der Wege ist für mich schon der Königsweg für eine solche Veränderung: „Schreibe so, dass die Nazis dich verbieten würden!“ 

Bayerischer Buchpreis 2020 - Nominiert - Gegenwartsbewältigung - Astrolibrium

Bayerischer Buchpreis 2020 – Nominiert – Gegenwartsbewältigung

„Gegenwartsbewältigung“ von Max Czollek ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Sachbuch nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Literaturblogger begleiten darf, habe ich mich intensiv mit diesem Buch beschäftigt. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November 2020. Die bis zu diesem Tag veröffentlichten Artikel finden Sie auf meiner Projektseite zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit den Buchbloggern Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Max Czollek: Gegenwartsbewältigung (Hanser Literaturverlage)
Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher (Zsolnay Verlag)
Hedwig Richter: Demokratie. Eine deutsche Affäre (C.H.Beck Literatur)

Warum ich denke, dass Gegenwartsbewältigung das Zeug hat, den Bayerischen Buchpreis zu gewinnen? Weil es an der Zeit ist, diesen Text nicht nur zu lesen. Weil es jetzt an der Zeit ist, dem neuen vorbehaltlosen Denken Schub zu verleihen. Und weil es gerade Bayern, einem der wohl national-konservativsten Bundesländer, sehr gut zu Gesicht stehen würde, als Impulsgeber der Gegenwartsbewältigung zu fungieren. 

Gegenwartsbewältigung - Max Czollek - Nominiert - Astrolibrium

Gegenwartsbewältigung – Max Czollek – Nominiert

Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger - Astrolibrium

Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Lesen und Essen haben viel gemeinsam. Beides ist mehr als lebensnotwendig, vom individuellen Geschmack der Konsumenten abhängig und in allen Darreichungsformen auf dem Markt erhältlich. So wie in der Literatur finden wir auch in der Philosophie der Zubereitung von Speisen die unterschiedlichsten Ansätze. Kantinenküche und Essen „To-Go“ für den schnellen Verzehr, die gute alte Hausmannskost, die dem Essen bei Muttern sehr nahe kommt; die Haute Cuisine, in der es neben der Sättigung auch auf die Bewertung mit Sternen ankommt und zuletzt die Molekularküche, einen Ansatz, in dem sich avantgardistische Köche eher experimentell den Prozessen der Zubereitung von Speisen widmen. Letztlich entspricht dieses Angebot natürlich der Nachfrage und letztlich entscheiden die Geschmacksnerven der Kunden über den Erfolg der Ansätze.

Was Leser und Esser vereint, ist ein gewisser Gewöhnungseffekt. Wir alle sind geprägt von unseren Erfahrungen und oftmals wenig experimentierfreudig. Es fehlt der Sinn fürs Moderne und Neue. Wir halten an den Rezepten unseres Lebens fest und so kommt es, dass wir allein beim Gedanken an ein 5-Sterne-Menü die Nase rümpfen. Es ist aber auch so, dass in Gourmetführern eher selten von Hausmannskost die Rede ist und wir in Mutters Küche keinen Stern finden. Bei renommierten Literaturpreisen ist es auch so. Wir finden dort kaum Bücher, die man als Unterhaltungsliteratur bezeichnen kann. Keine historischen Romane, keine Fantasy, keine Thriller. Es sind eher Romane, die – verglichen mit dem Genussessen – der Haute Cuisine zuzuordnen sind. Weshalb oftmals behauptet wird, sie würden am Geschmack des Kunden vorbeigehen. Dabei ist es gerade die Aufgabe dieser Auszeichnungen, sich auf die Suche nach dem Neuen, Unverbrauchten, Zukunftsweisenden zu begeben. Und ich denke nicht, dass dies etwas mit dem Begriff „ELITÄR“ zu tun hat.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Hier sind wir auch schon bei drei Literaturpreisen und einem Roman, der sich wie ein roter Faden durch die Shortlists dieser Auszeichnungen zieht. Dorothee Elmiger ist es gelungen mit ihrem Werk „Aus der Zuckerfabrik“ (Hanser Verlag), gleichzeitig für denDeutschen„, denSchweizer und den „Bayerischen Buchpreis“ nominiert zu sein. Ein Ausrufezeichen im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Ein Prädikat, dem man sich als Leser nicht verweigern kann, und ein Berg von Vorschusslorbeeren, von dem aus die Schweizer Schriftstellerin wohl die spannendsten Momente ihrer Karriere beobachten kann. Genau hier greife ich auf den einleitenden Vergleich zurück, da es sich bei diesem Buch aus meiner persönlichen Sicht um ein avantgardistisches Werk handelt, das ich im philosophischen Ansatz als Molekularliteratur bezeichnen möchte.

Die Autorin verweigert sich einer linearen Erzählstruktur, befreit sich von formalen Zwängen und gelangt auf diese Art und Weise zu einer ganz eigenen Rezeptur für ihre Geschichte, die sich nicht in Genre-Schubladen pressen lässt. Als Leser fühlt man sich in den eigentlichen Prozess des Schreibens hineingezogen, integriert, als Augenzeuge der Gleichzeitigkeit der Ereignisse, die ein strukturiertes Vorgehen beeinflussen. Es ist ein Recherchebericht, wie ihn Dorothee Elmiger selbst an vielen Stellen ihres Textes zu bezeichnen weiß. Es ist ein Zeugnis einer literarisch Getriebenen, die immer wieder an den Punkt zurückkehrt, an dem dieser Prozess begonnen hat. Sie selbst lässt sich aus dem Dunkel der Unsichtbarkeit einer Schriftstellerin heraustreten, und versucht in teils collagierten und mosaikartig zusammengefügten Passagen das Auge ihres Orkans zu greifen. Es dauert eine Zeit, bis sich dem Leser Muster erschließen, die inhaltlich von Relevanz sind.

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Diese Muster beginnen, in wiederkehrenden Bewegungen ihre Geschichten zu erzählen. Es ist die Geschichte vom Zucker, der die Welt veränderte. Wie er Kapital und Fessel zugleich wurde. Wie er verführt, versklavt, den Reichtum ungerecht verteilt und doch Welten miteinander verbindet. Wirtschaftstheorien und Plantagenbilder sind ebenso anzutreffen, wie Zitate aus der Weltliteratur, in denen der Zucker ein Gewicht hat, das man ihm literarisch noch niemals so zugebilligt hat. Zucker verbindet Zeit und Raum. Und er verbindet weitere Leitmotive dieser Recherche, die einen Lottogewinner an sich selbst und der Umwelt scheitern lässt, das Mysterium der unerfüllten Liebe mit neuem Sinngehalt füllt und die globalen Zusammenhänge der Weltwirtschaft offenbart.

Wir finden Segmente, die an ein Interview mit der Autorin erinnern, in denen ihre Schutzhülle zerbricht, in denen sie fragil und verletzlich wirkt und weit weg von jeglicher Fiktion erscheint. Ihre Suche nach Liebe und Zärtlichkeit, der innere Streit um ein Bild, das sie von sich als Frau entwerfen möchte und die Sehnsucht, sich wie Zucker ihrem distanzierten Verehrer darzureichen, lassen uns der Suchenden näher kommen, um in anderen Bildern wieder auf Distanz gehalten zu werden. Wirtschaftliche Aspekte eines industriellen Frauenbildes als „Reproduktionsmaschine“ schließen tiefsinnige Kreise zu jener „Zuckerfabrik„, in der sich der Luxus einer kleinen Schicht Privilegierter zulasten der Sklaverei in Übersee Bahn bricht. Und immer wieder stehen wir vor dem Besitz des Lottomillionärs, der am Ende seines Scheiterns versteigert wird. Süß der Gewinn, bitter der Abgang. Der Kreislauf des Lebens, dem Dorothee Elmiger hier auf der Spur ist.

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Dorothee Elmiger ist sich selbst und uns gegenüber ehrlich und aufrichtig, wenn sie schreibt, sich in einem Dickicht zu befinden und gar nicht nach einem Ausweg zu suchen. Wenn sie fabuliert, dies dürfe kein Roman, sondern ein Recherchebericht im eigentlichen Wortsinn sein. Es ist das Schreiben selbst, das immer mehr zu Tage tritt. Es sind ihre Selbstbetrachtungen, an denen sie scheitert. Sich selbst als „Geometral“ zu betrachten, als eine Frau, die aus jedem Blickwinkel anders erscheint, und letztlich bewertet wird, wie ein „Haus von nirgendwoher besehen„. Sie macht es uns Lesern nicht leicht mit ihrem Buch. Sie hat es sich nicht leicht gemacht, so offen und doch so fiktional zu schreiben, wie ich es empfunden habe. Und doch fällt der Zugang schwer. Es gab Momente im Lesen, in denen ich mir eingestehen musste, dem komplexen Text in seiner Zerrissenheit nicht immer folgen zu können. Es sind die Fragmente, die sich mir nur langsam offenbarten. Ich fühlte mich so, als müsste ich einen „zersprungenen Spiegel“ zusammenkleben.

Dorothee Elmiger zerlegt die Literatur in ihre molekularen Bestandteile. Das wirkt experimentell und avantgardistisch, erschließt sich nicht jedem Leser und führt sicher auch dazu, dass Fehlinterpretationen und polarisierende Sichtweisen zu ihrem Roman entstehen. Eindeutig ist, dass es kaum zwei Leser geben wird, die dieses Dickicht auf die gleiche Art und Weise durchsuchen. Eindeutig ist, dass der Autorin hier ein Wurf gelungen ist, der die „literarische Gastronomie“ auf den Kopf stellt. Ob sie das Rezept für das zukünftige Erzählen gefunden hat, ob es eine Fingerübung bleibt, oder ob wir schon bald schreiben werden, Aus der Zuckerfabrik hat Klassiker-Potenzial, darüber entscheiden, wie immer, Leser, Rezensenten und Kritiker. Es ist Geschmackssache. Weder Hausmannskost, noch schnelle literarische Sättigung.

Mir lagen sowohl der Roman, der Recherchebericht, als auch das experimentelle Schreiben nicht schwer im Magen. Vielleicht dauert es ein wenig länger, bis ich alles verdaut habe, was bei Schonkost und Fertiggerichten sicher schneller geht. Nachhaltig jedoch ist es in der Rezeptur, die „Aus der Zuckerfabrik“ kommt.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Dorothee Elmigers Roman ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Buchpreisblogger begleiten darf, werde ich auch die weiteren nominierten Titel lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November. Alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Artikel finden Sie auf dieser Projektpage zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Ulrike Draesner: Schwitters (Penguin Verlag)
Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Klett-Cotta Verlag) und
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik (Hanser Literaturverlage)

Warum ich schon jetzt denke, dass Dorothee Elmiger mit „Aus der Zuckerfabrik“ einen preiswürdigen Roman geschrieben hat? Die gleichzeitigen Nominierungen in Deutschland, der Schweiz und Bayern für den jeweils wichtigsten Literaturpreis sind sicherlich kein Zufall. Wann hatte zuletzt eine Schriftstellerin drei heiße Eisen in diesen Feuern? Auch, wenn das „Bayerische Eisen“ ihr letztes ist, vielleicht gelingt es ihr hier, die Glut der Jury anzufachen.

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