Die Passion von Amélie Nothomb

Die Passion von Amélie Nothomb - Astrolibrium

Die Passion von Amélie Nothomb

„Es ist vollbracht.“

Ich hatte einen Traum. Ich träumte von einer Reise zurück in die Zeit. 2000 Jahre hätten mir gereicht, um in der Gegend von Jerusalem auf Jesus zu treffen und mich mit ihm über Gott und die Welt zu unterhalten. Ein Traum, der wohl immer einer bleiben würde, das war mir schon klar. Und doch lagen mir so viele Fragen auf den Lippen, die ich bei dieser Gelegenheit gestellt hätte. Dass ich nun literarisch Erlösung fand, gehört zu DEN absoluten Überraschungen des Bücherjahres 2020. Dass es eine französische Schriftstellerin wagen würde, in die Haut von Jesus zu schlüpfen, und aus seiner Sicht in der Nacht vor seiner Kreuzigung über all das zu sprechen, was nie erzählt, nie zuvor betrachtet wurde und bisher in der offiziellen theologischen Sicht nie eine Rolle gespielt hat, ist für mich ein literarisches Erdbeben sondergleichen.

Die Passion“ von Amélie Nothomb, erschienen im Diogenes Verlag, bricht mit allen nur denkbaren Tabus, nimmt mögliche Vorverurteilungen wie Blasphemie und Sakrileg in Kauf und schlägt dabei einen Weg ein, den wir zwar alle vor uns sehen, von dem wir uns jedoch nie zuvor ein solches Bild gemacht haben. Es ist das menschlichste Porträt des Mannes, der durch seine Menschwerdung Geschichte schrieb, das jemals in einem Buch veröffentlicht wurde. Sein Martyrium in Jerusalem, sein Prozess, das Urteil, seine Liebe und der Verrat, der alles auslöste. All dies wurde uns nur überliefert. Nicht direkt von Augenzeugen, sondern von Evangelisten. Das Hörensagen war die Basis für einen Glauben und eine Religion. Waren diese Quellen verlässlich? Nein. Sie widersprechen sich vielfach. Warum also sollte man nicht den Versuch unternehmen, einen Roman in eine Welt zu setzen, die aufgeklärter und freidenkender ist, als jede Welt zuvor? Es ist an der Zeit, „Die Passion“ zu lesen. Gehen wir den Kreuzweg gemeinsam.

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Die Passion von Amélie Nothomb

Was darf man also erwarten, wenn man Amélie Nothomb nach Jerusalem folgt? Ein religiös geprägtes Fabulierstück, in dem sich die Autorin ihrer Fantasie überlässt? Ich sage ganz deutlich: NEIN. Dann vielleicht eine philosophisch geprägte Spiegelung des Gottessohnes, über den man aus Sicht einer Schriftstellerin wahrlich alles sagen kann? Auch hier ein ganz deutliches NEIN. Vielleicht eine romantische Erzählung, in der uns der wohl prominenteste zum Tode Verurteilte seine Lebensbeichte vorlegt? Mitnichten. Hier ist nichts verklärt, hier wird nichts romantisiert, keine Spur von Glaubenstheorien oder ermüdenden Diskursen zu ethischen oder moralischen Religionsfragen. Dies ist ein Roman für all jene, die meinen Traum träumen und einfach unbefangen mit einem Menschen (ja, das ist er zweifelsfrei) reden würden, der uns als selbstlos, opferbereit und empathisch beschrieben wird, ohne wissenschaftliche Beweise für seine Existenz finden zu können. Reicht der Glaube? Reicht es zu glauben? Dieser Roman bringt uns weiter.

Dies ist kein Hollywoodstreifen oder ein buntes Gemälde. Amélie Nothomb schreibt sich in Jesus hinein und vollendet in ihrem Buch die Menschwerdung einer Legende in beeindruckender Weise. Egal, wie man sich religiös positioniert. Es sind die einfachen Sätze aus seinem Mund, die uns fesseln: „Ich muss versuchen zu schlafen.“ Niemals zuvor hatte er sich selbst geäußert. Sein Schweigen füllt Lehrbücher. Nie hatte ich das Gefühl, Jesus wirklich nahe zu sein. Nie hätte ich gedacht, es sein zu dürfen. Was er zu erzählen hat, ist revolutionär, blasphemisch und menschlich zugleich. Er spricht von seiner Rolle auf Erden, die ihm zugedacht war, erzählt von den Wundern, die man ihm zuschreibt und was er dabei empfand. Er spricht von der Liebe zu den Menschen und der besonderen Liebe zu Magdalena. Er beschreibt seinen Prozess und die logischen Folgen der Zeugenaussagen gegen ihn. Und er hat Angst vor der Kreuzigung, vor den Schmerzen und der Tatsache, die Welt verlassen zu müssen. Hier spricht ein Mensch.

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Die Passion von Amélie Nothomb

Amélie Nothomb steht unserem Glauben nicht im Weg. Ganz im Gegenteil. Durch ihren Roman öffnet sie Türen für eine neue Herangehensweise an ein Thema, das im Lauf der Zeit zum Thema einer Institution verkam. Kann man an Gott glauben, ohne an die Kirche zu denken? Nothomb gibt alle Antworten. Sie lässt Jesus den eigenen Vater kritisieren und an sich selbst zweifeln. Sie lässt ihn davon träumen, ein ganz normales Leben führen zu können. Sie greift an keiner Stelle ihres Textes zu kurz und schon der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass wir es hier mit einem Menschenkind zu tun haben. Und gar nicht nebenbei finden wir in diesem Buch Halt, wenn wir uns selbst mit den tief existenziellen Fragen unseres Lebens auseinandersetzen. Das ist kein Coelho. Das ist meilenweit von einem Ratgeber entfernt. Hier schießt uns die Erkenntnis direkt ins Herz und versöhnt uns mit den kritischen Fragen, die uns beschäftigen.

Soif [swaf] – DURST ist der französische Originaltitel des Romans. Der Autorin gelingt Erstaunliches, wenn sie mit diesem Wort spielt. Wenn sie es dem Dürstenden in den Mund legt und dieses Gefühl zum Mantra ihres Romans erhebt. Allein hierfür lohnt es sich, diesen Roman zu lesen. Es ist der Durst nach Wahrheit und Weisheit, der uns am Ende überkommt. Er ist unstillbar, aufwühlend und schmerzhaft und doch ist er mit den Worten dieses Jesus von Nazareth gleichzeitig ein Fluchtpunkt im Leben, an den man glauben muss. Dieses Buch ist provozierend, wenn man ein reiner Theoretiker in der Religionswissenschaft ist. Es ist gotteslästerlich, weil es Kritik an Gott zulässt. Und es ist ein Sakrileg, weil es uns von einer Dogmatik befreit, die unser Leben beeinflusst. Aufopferung und Selbstlosigkeit werden mit einem neuen Wertevorrat hinterlegt.

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Die Passion von Amélie Nothomb

Die Passion“ von Amélie Nothomb ist ein echter „Mindchanger“. Dieses Buch ist in der Lage, die eigene Meinung, eine verfestigte Grundhaltung und geprägtes Denken zu verändern. Der Roman ist kein Bildersturm, keine Revolution gegen den Glauben im wahrhaftigsten Sinn des Wortes. Wer Amélie Nothomb gelesen hat, findet vielleicht den Zugang zu Jesus, der ihm bisher verwehrt war. Sicherlich findet jeder von uns Ansätze, sich selbst zu hinterfragen. Nicht nur in Bezug auf Religion und Ethik. Am Ende dieser Geschichte (deren Ende weiß Gott keiner Spoiler bedarf) stand für mich fest, dass ich vor mehr als 2000 Jahren diesem Mann gefolgt wäre. Mehr muss ich nicht sagen. Der Traum vom Dialog mit Jesus wurde real.

„Es ist vollbracht.“

Persönliches: Ich hatte einen Freund. Er war katholischer Priester und mein Lehrer im Abitur. Er hat uns damals christlich getraut, unsere Kinder christlich getauft und dabei niemals die Institution erwähnt, für die er stand. Er öffnete mir die Tür zu dem Glauben, den er uns vorlebte. Wir haben nächtelang diskutiert und dabei über Gott und die Welt geredet. Er kannte keine Dogmatik, kein „Das darf man so nicht sehen“ und kein „Aber die Kirche sagt und schreibt.“ Ich hätte ihm „Die Passion“ geschenkt. Dann hätte ich ihm die Zeit gegeben, diesen Roman zu lesen. Und dann hätte ich ihn im Dom zu Trier besucht. „Hallo Engelbert, wir müssen reden“, hätte ich gesagt. „Hast Du Wein dabei?“ hätte er gefragt. Und dann… Entschuldigung, mein Freund, dass ich hier keine Worte mehr finde. Ich habe den Glauben an Dich nie verloren.

Diese Rezension ist liebevoll zugeeignet. Dr. Engelbert Felten (8.9.54 – 3.3.2019)

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