Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja - Astrolibrium

Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

„Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja – Hanser Literaturverlage

Du kommst vom Einkaufen nach Hause, desinfizierst zuerst deine Hände, verstaust deine FFP2-Maske, hörst in den Nachrichten die aktuellen Inzidenz-Zahlen und machst dir über die Corona-Impfung Gedanken, rufst deine Freundin an, die sich seit Tagen in Quarantäne befindet und lebst seit Monaten unter dem Vorbehalt einer Ansteckung mit einem Virus, das die ganze Welt verändert. Du suchst dir Fluchtpunkte, genießt deine wenigen Biotope, die nicht infizierbar sind und versuchst, das Beste für dich und deine Familie aus dieser Situation zu machen. Du hast eine Seuche in der Stadt. Wenn du dann auf ein gleichnamiges Buch stößt, wirst du wohl primär abgestoßen, weil es ja mal gut sein muss. Nicht auch noch in deiner literarischen Auszeit, nicht auch noch in dem Refugium, in dem du dich sicher fühlst. Warum sollte ich gerade jetzt ein solches Buch lesen? Ja, warum nur?

Noch dazu, wenn es sich augenscheinlich um ein Drehbuch handelt, und nicht um ein Sachbuch oder einen Roman zur Lage, um vielleicht Aspekte zu beleuchten, die dir bisher entgangen sind. Es gäbe doch ganz andere Stilformen. Aber jetzt ausgerechnet ein Drehbuch? Warum? Weil es meine aktuellen Gedanken in turbulente Umdrehungen versetzt? Drehbuch, weil es die szenischen Wechsel eines Romans zur Vorbereitung für einen Film in schnellen Schnittfolgen verknappt wiedergibt? Drehbuch, weil sich in diesem Buch alles um ein eng umrissenes Thema dreht. Oder Drehbuch, weil sich mir beim Lesen nicht nur der Magen, sondern auch mehrfach das Hirn umdreht? Ich fand meine Antworten, weil ich „Eine Seuche in der Stadt“ von Ljudmila Ulitzkaja las. Hier wurde die Drehzahl meines Geistes beschleunigt, das Drehmoment meines Gehirns in Wallung gebracht und meine intellektuelle Drehscheibe in Schwung versetzt. Drehbuch halt.

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Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Wir befinden uns im stalinistischen Moskau des Jahres 1939. Der Rahmen dieser wahren Geschichte ist schnell abgesteckt. Der Zweite Weltkrieg hält Russland fest im Griff, das kommunistische Regime konzentriert alle Anstrengungen auf den Feind und dann kommt es zu einem Zwischenfall. Rudolf Iwanowitsch Mayer wird aus der tiefen Provinz in die Hauptstadt zitiert, um über den Stand seiner Forschungen zu berichten. Er arbeitet in einem geheimen Labor an einem Impfstoff und das Volkskommissariat für Gesundheit verlangt ein Update und Ergebnisse. So weit, so gut. Wäre es nur im Labor nicht zu dieser kleinen Unachtsamkeit gekommen. Wäre die Schutzmaske nicht ein klein wenig verrutscht und hätte sich der Wissenschaftler nicht selbst mit der Pest infiziert, die Dienstreise nach Moskau wäre unspektakulär verlaufen. So jedoch hat er eine Seuche im Gepäck, die sich schneller ausbreitet, als man sie eindämmen kann.

Ljudmila Ulitzkaja hätte dies in einem weit ausschweifendem historischen Roman in der Tradition der größten russischen Erzähler*innen verarbeiten können. Aber genau das war nicht ihre Intention. Sie war auf diesen wahren Fall gestoßen, hatte sich durch Recherchen sattelfest gemacht und ein Szenario verfasst, das sie schon 1978 in dieser Fassung als Bewerbung für einen Drehbuchgrundkurs eingereicht hatte. Ihr war damals klar, dass die Geschichte an sich keine Aussicht auf Erfolg haben konnte, weil sie im Zusammenprall zwischen der Naturgewalt einer Seuche und der Staatsgewalt der kommunistischen Geheimdienste einen diffizilen Aspekt herausgearbeitet hatte, den man lieber unter den Tisch fallen lassen wollte. Wie war es damals gelungen, das Virus an seiner Ausbreitung zu hindern? Zu welchen Mitteln hatte das Regime gegriffen, um die Hauptstadt vor einer Katastrophe zu bewahren? Und hatte sie hier eine Blaupause zur Bewältigung künftiger Epidemien entdeckt?

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Hier entfaltet das Drehbuch seine literarische Urgewalt. Es sind schnelle Schnitte, die uns durch ein „cineastisch“ anmutendes Lesen treiben. Ein Anruf im Labor, Hektik, ein kleiner Fehler, die Verabschiedung und eine Zugreise nach Moskau. Begegnungen und Zufallsbekanntschaften, der Vortrag vor der Kommission, Schulterklopfen und die obligatorischen Bruderküsse, ein harmloser Haarschnitt im Hotel, eine Delegierte, die aus Moskau abreist, um in der Provinz Hof zu halten. Bewegungsmuster, die uns nicht unberührt lassen, wissen doch nur wir, dass der Pest-Forscher bei jeder Interaktion zu einem Auslöser einer neuen Infektionskette wird. Als er die ersten Symptome zeigt, in einer Klinik auf einen aufmerksamen Arzt trifft, der schnell begreift, womit er es zu tun hat, beginnt eine beispiellose Aktion eines totalitären Staates zur Verhinderung einer Katastrophe. Die Pest  wird zur Geheimdienstsache.

Und genau hier finden wir die Ursache für das Verschwinden dieses Textes. Darf man es als Erfolg eines menschenverachtenden Systems bezeichnen, die Ausbreitung einer Seuche durch eine Inhaftierungswelle des Geheimdienstes verhindert zu haben? Welche Türen würde man öffnen? Könnte die Büchse der Pandora je wieder versiegelt werden? Diese Fragen stößt „Eine Seuche in der Stadt“ an. Gerade in einer Zeit, die durch die Einschränkungen von Grundrechten gekennzeichnet ist, die zum Schutz der Gesellschaft ergriffen werden, muss eine Diskussion geführt werden, wie weit man hier gehen darf. Gerade in einer Zeit, in der sich eine Demokratie offen den Vergleich mit einer Diktatur gefallenlassen muss, sollte man den Blick auf wahrhaft totalitäre Systeme richten. Dieses Drehbuch stößt eine Diskussion an, die unerlässlich ist. Es zeigt aber ebenso beeindruckend auf, wie weit wir von autokratischen Zuständen entfernt sind.

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Eine Seuche in der Stadt von Ljudmila Ulitzkaja

Dieses Buch wird polarisieren, weil es beschreibt, dass die Pest in diesem Fall nur durch die brutale Staatsgewalt besiegt werden konnte. Wie harmlos kommen uns dann die Maßnahmen unserer Regierung vor. Und wie weit würden wir gehen, um den Rest der Bevölkerung vor jenen zu schützen, die bewusst oder unbewusst zu Virenträgern wurden? Es sind 102 Seiten, die sich unvergesslich ins Hirn einbrennen. Es sind die Momente der Ansteckung, die uns verdeutlichen, wie schnell man zum Opfer werden kann. Es ist die Wucht des Virus, die uns vor Augen geführt wird. Und es ist ein Text, der genau in dieser Form genau jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort angekommen ist.

Ljudmila Ulitzkaja reiht sich mit dem Drehbuch Eine Seuche in der Stadt in die systemrelevante russische Literatur ein, die so viel über die Seele dieses Landes aussagt und deren Signalwirkung niemals unterschätzt werden sollte. Ihre kurzen und prägnanten Aufzüge, die bewegenden Szenenwechsel und Charakterzeichnungen der Menschen, denen wir begegnen, bedürfen keiner weiteren Worte. Leseempfehlung: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Die Seele Russlands in der Literatur auf AstroLibrium

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Sprich mit mir von T.C. Boyle

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Sprich mit mir von T.C. Boyle

Die Geschichten von T.C. Boyle sind eigentlich immer schnell erzählt. Nicht, wenn er sie uns erzählt, aber danach, wenn wir uns Jahre später an seine Buchtitel erinnern und in der Lage sind, den Inhalt eines Romans aus seiner Feder von der ersten bis zur letzten Seite rekapitulieren zu können. Die Geschichten brennen sich ein, Wendungen und Kipppunkte der Handlungen, sowie die agierenden Personen hinterlassen mehr als tiefe Spuren in unserem Gedächtnis. So ist es auch bei den „Terranauten„. Schon vor drei Jahren gelesen und immer noch geistert die komplexe Handlung des Romans sehr plastisch durch mein Gedächtnis. Weißt Du noch? Auf diese Frage finden Boyle-Fans immer eine Antwort. Das verbindet sie. Das verbindet ihr Lesen mit dem Lesen anderer Menschen, und das ist die große Konstante im Schreiben des sprachgewaltigen Autors.

So ist es auch diesmal. Sein neuer Roman Sprich mit mir ist vielschichtig und im besten Wortsinn multiperspektivisch angelegt. Die Handlung ist komplex, geht uns unter die Haut und entwickelt sich schon schnell zum Pageturner atemlosen Mitgefühls. Und doch werden wir uns in einigen Jahren bei der Frage „Weißt Du noch“ erinnern, was uns hier durch die Zeilen gejagt hatte, um wen wir Angst hatten und warum wir am Ende des Romans mit feuchten Augen vor dem Buch saßen. Dieses Prädikat verdient sich T.C. Boyle mit einer Geschichte über ein Experiment. Das scheint ihm zu liegen, waren doch Die Terranauten auch Gegenstand eines Versuchsaufbaus, in dem man die Durchhaltefähigkeit des Menschen in Vorbereitung auf die Reise zum Mars testen wollte. „Sprich mit mir“ beschreibt ebenfalls ein Experiment. Allerdings eines, bei dem nicht der Mensch im Mittelpunkt steht, sondern ein Primat. Ein Menschenaffe, und um ganz genau zu sein SAM, ein Schimpanse.

(Weiterhören als Podcast bei Literatur Radio Hörbahn oder hier weiterlesen. Sie entscheiden)

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Sprich mit mir von T.C. Boyle

Hier spielt der Hanser Literaturverlag schon mit dem Buchcover und macht uns neugierig auf das Innenleben. Es ist die unterschiedliche Mimik eines Schimpansen, die wir auf dem Umschlag und dem Buch selbst entdecken. Es sind Gesichtszüge, die uns ansprechen, weil sie uns so vertraut vorkommen. Menschenaffen, Primaten, Tiere, die uns am ähnlichsten sind. Tiere, in deren Verhalten wir viel hineininterpretieren und deren Erforschung seit Jahrzehnten Wissenschaftler fasziniert. Jane Goodall hat fast ihr ganzes wissenschaftliches Leben an der Seite von Schimpansen verbracht und ihr Verhalten erforscht und die Ethologie als eigenständige Forschungsrichtung etabliert. Ja, davon haben wir sicherlich gehört, aber Schimpansen sind uns immer wieder ganz anders präsentiert worden. Vermenschlicht, wie Puppen angezogen, im Fernsehen, in Filmen und im Zirkus vorgeführt, wie unsere ulkigen Artverwandten, über die man sich amüsieren konnte. Diese Bilder haben wir vor Augen, wenn wir an diese Tiere denken, die im Lauf der Zeit genau diesen Status fast verloren haben.

Hier setzt T.C. Boyle an. Hier lernen wir den Schimpansen SAM kennen. Hier sind wir Zeugen eines Fremdpflege-Experiments, in dessen Verlauf der wissenschaftliche Beweis erbracht werden soll, dass Schimpansen mit Menschen kommunizieren können. Es ist eine Farm, die hier als Testlabor dient. Es ist ein Professor, der sich mit der Hilfe von Studenten ein Biotop erschaffen hat, in dessen Zentrum sich alles um SAM dreht. Die Erfolge sind augenscheinlich. SAM kann mittels Gebärdensprache Gegenstände in seiner Umgebung bezeichnen, Stimmungen beschreiben und interagieren. Wären da nicht die unkalkulierbaren Gemütszustände eines wilden Tiers, man könnte denken, es wäre nur ein kleiner Schritt bis zum tatsächlichen Beweis der These „Sprich mit mir„. Als der Professor Gefahr läuft, die Kontrolle über SAM zu verlieren tritt eine junge und schüchterne Studentin in das Leben der kleinen Gemeinschaft. Aimees Draht zu SAM verändert alles.

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Sprich mit mir von T.C. Boyle

Jetzt legt Boyle los und lässt uns nicht mehr aus seinen literarischen Fängen. In aller Tiefe entsteht eine besondere Beziehung zwischen Aimee und Sam. Und doch ist der wissenschaftliche Frieden auf der Farm in Gefahr. Sam entwickelt sich zunehmend problematisch, je älter er wird. Das Projekt steht vor dem Aus, weil andere Forscher zu belegen glauben, Schimpansen besäßen keine Kommunikationsfähigkeit. Der Besitzer von SAM fordert ihn zurück, um ihn auf einer Zuchtfarm wieder zum Schimpansen zu machen. Die Situationen eskalieren am laufenden Band. Als Sam abgeholt wird, fasst Aimee einen Entschluss. Niemand von uns hätte anders gehandelt. Boyle schreibt uns einen alternativlosen Roman ins Herz. Er versetzt sich in die Perspektiven der Figuren, die er uns so plastisch vor Augen führt, als sähen wir sie in einem Film. Überlappend wechselt er die Sichtweise und lässt uns als Lesende die Rückschlüsse ziehen, was eigentlich passiert ist. Diese Erzähltechnik mit eigenständigen Sichtweisen und einer jeweiligen Schnittmenge an Erkenntnissen macht uns zum allwissenden Element der gesamten Geschichte.

Die absolute Stärke des Romans liegt in den Passagen, in denen sich T.C. Boyle in die Perspektive von SAM begibt. Jetzt spricht unser Schimpanse SAM. Es ist ein literarischer Exkurs in die Denk- und Gefühlswelten eines Tieres. SAM erklärt uns, was Worte für ihn bedeuten, mit was er sie verbindet und wie er empfindet. Wir stehen ihm nah und verstehen ihn. Und doch sehen wir, dass er um eine Identität betrogen wurde. Es ist die wesentliche Rahmenbedingung dieses Experiments zu erreichen, dass Sam sich nicht als Affe empfindet. Diesen inneren Konflikt erleben wir hautnah. Boyle lässt SAM einfach SAM sein. Er lässt den Instinkten und angelernten Affekten freien Lauf in einer Geschichte, die an Dramatik kaum zu überbieten ist. Aus dem Schimpansen, der wie ein kleines Kind aufgezogen und behandelt wurde, wird ein Versuchstier im Käfig. Erstmals begegnet er anderen Schimpansen. Seine Welt zerbricht im Konflikt aus der Liebe, die er zu Aimee tief in sich spürt und dem Hass auf die Menschen, die ihn hier verraten und ausgeliefert haben.

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Sprich mit mir von T.C. Boyle

T.C. Boyle lässt nicht mehr locker. In der Spirale seines Romans trudeln wir auf die Frage aller Fragen zu. Was kann SAM wirklich? Ist er ein Individuum? Kann er planen und denken, wie wir? Sind seine Gebärden „nachgeäfft“ oder bewusste Signale? Kann Aimee ihn retten und wie reagiert die Umwelt auf eine Studentin, die sich auf die Seite eines Primaten stellt? Der menschliche Beziehungsstress mit ihrem Professor wird auf eine harte Probe gestellt, bis wir erfahren, was es bedeutet, bis zur Selbstaufgabe zu lieben. Boyle bewegt und berührt zugleich. Er verweigert sich jeder wissenschaftlichen Abstraktion und wird konkret, wo wir bisher auf Spekulationen trafen. Sein SAM betritt einen Erzählraum, der anschließend aussieht wie ein in die Luft gesprengtes Bällebad. Und doch ist klar, wem unsere Sympathie gilt. Nicht dem Menschenaffen, nicht einem Primaten, nicht einem menschenähnlichen Wesen, keiner Kunstfigur. Es ist SAM, der hier eine Identität erhält, die man seinen Artgenossen verweigert.

Ich bin froh, dass „Sprich mit mir“ ein Buch ist. Ich bin dankbar, dass man es am Ende unterbrechen und beiseitelegen kann, um sich zu für einen Moment zu sammeln. Wäre es ein Film, die emotionale Belastung wäre im Finale kaum zu ertragen. Boyle vermag es erneut, seine Leser in einer Kaskade der Gefühle zu solidarisieren, und in einem brillanten Abgesang auf die menschliche Unmoral in Bezug auf „Tierversuche“ Zeichen zu setzen. „Sprich mit mir“ bleibt als flehentlicher Appell an SAM in meinen Erinnerungen. Andererseits mutiert dieser Titel zum Synonym für dieses Buch, weil es seine Leser anspricht. Unmittelbar, ungefiltert und mit Gebärden, denen man sich nicht entziehen kann. Lesenswert.

Sprich mit mir“ und „Die Terranauten – Experimente mit literarischem Tiefgang.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Lesen und Essen haben viel gemeinsam. Beides ist mehr als lebensnotwendig, vom individuellen Geschmack der Konsumenten abhängig und in allen Darreichungsformen auf dem Markt erhältlich. So wie in der Literatur finden wir auch in der Philosophie der Zubereitung von Speisen die unterschiedlichsten Ansätze. Kantinenküche und Essen „To-Go“ für den schnellen Verzehr, die gute alte Hausmannskost, die dem Essen bei Muttern sehr nahe kommt; die Haute Cuisine, in der es neben der Sättigung auch auf die Bewertung mit Sternen ankommt und zuletzt die Molekularküche, einen Ansatz, in dem sich avantgardistische Köche eher experimentell den Prozessen der Zubereitung von Speisen widmen. Letztlich entspricht dieses Angebot natürlich der Nachfrage und letztlich entscheiden die Geschmacksnerven der Kunden über den Erfolg der Ansätze.

Was Leser und Esser vereint, ist ein gewisser Gewöhnungseffekt. Wir alle sind geprägt von unseren Erfahrungen und oftmals wenig experimentierfreudig. Es fehlt der Sinn fürs Moderne und Neue. Wir halten an den Rezepten unseres Lebens fest und so kommt es, dass wir allein beim Gedanken an ein 5-Sterne-Menü die Nase rümpfen. Es ist aber auch so, dass in Gourmetführern eher selten von Hausmannskost die Rede ist und wir in Mutters Küche keinen Stern finden. Bei renommierten Literaturpreisen ist es auch so. Wir finden dort kaum Bücher, die man als Unterhaltungsliteratur bezeichnen kann. Keine historischen Romane, keine Fantasy, keine Thriller. Es sind eher Romane, die – verglichen mit dem Genussessen – der Haute Cuisine zuzuordnen sind. Weshalb oftmals behauptet wird, sie würden am Geschmack des Kunden vorbeigehen. Dabei ist es gerade die Aufgabe dieser Auszeichnungen, sich auf die Suche nach dem Neuen, Unverbrauchten, Zukunftsweisenden zu begeben. Und ich denke nicht, dass dies etwas mit dem Begriff „ELITÄR“ zu tun hat.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Hier sind wir auch schon bei drei Literaturpreisen und einem Roman, der sich wie ein roter Faden durch die Shortlists dieser Auszeichnungen zieht. Dorothee Elmiger ist es gelungen mit ihrem Werk „Aus der Zuckerfabrik“ (Hanser Verlag), gleichzeitig für denDeutschen„, denSchweizer und den „Bayerischen Buchpreis“ nominiert zu sein. Ein Ausrufezeichen im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Ein Prädikat, dem man sich als Leser nicht verweigern kann, und ein Berg von Vorschusslorbeeren, von dem aus die Schweizer Schriftstellerin wohl die spannendsten Momente ihrer Karriere beobachten kann. Genau hier greife ich auf den einleitenden Vergleich zurück, da es sich bei diesem Buch aus meiner persönlichen Sicht um ein avantgardistisches Werk handelt, das ich im philosophischen Ansatz als Molekularliteratur bezeichnen möchte.

Die Autorin verweigert sich einer linearen Erzählstruktur, befreit sich von formalen Zwängen und gelangt auf diese Art und Weise zu einer ganz eigenen Rezeptur für ihre Geschichte, die sich nicht in Genre-Schubladen pressen lässt. Als Leser fühlt man sich in den eigentlichen Prozess des Schreibens hineingezogen, integriert, als Augenzeuge der Gleichzeitigkeit der Ereignisse, die ein strukturiertes Vorgehen beeinflussen. Es ist ein Recherchebericht, wie ihn Dorothee Elmiger selbst an vielen Stellen ihres Textes zu bezeichnen weiß. Es ist ein Zeugnis einer literarisch Getriebenen, die immer wieder an den Punkt zurückkehrt, an dem dieser Prozess begonnen hat. Sie selbst lässt sich aus dem Dunkel der Unsichtbarkeit einer Schriftstellerin heraustreten, und versucht in teils collagierten und mosaikartig zusammengefügten Passagen das Auge ihres Orkans zu greifen. Es dauert eine Zeit, bis sich dem Leser Muster erschließen, die inhaltlich von Relevanz sind.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Diese Muster beginnen, in wiederkehrenden Bewegungen ihre Geschichten zu erzählen. Es ist die Geschichte vom Zucker, der die Welt veränderte. Wie er Kapital und Fessel zugleich wurde. Wie er verführt, versklavt, den Reichtum ungerecht verteilt und doch Welten miteinander verbindet. Wirtschaftstheorien und Plantagenbilder sind ebenso anzutreffen, wie Zitate aus der Weltliteratur, in denen der Zucker ein Gewicht hat, das man ihm literarisch noch niemals so zugebilligt hat. Zucker verbindet Zeit und Raum. Und er verbindet weitere Leitmotive dieser Recherche, die einen Lottogewinner an sich selbst und der Umwelt scheitern lässt, das Mysterium der unerfüllten Liebe mit neuem Sinngehalt füllt und die globalen Zusammenhänge der Weltwirtschaft offenbart.

Wir finden Segmente, die an ein Interview mit der Autorin erinnern, in denen ihre Schutzhülle zerbricht, in denen sie fragil und verletzlich wirkt und weit weg von jeglicher Fiktion erscheint. Ihre Suche nach Liebe und Zärtlichkeit, der innere Streit um ein Bild, das sie von sich als Frau entwerfen möchte und die Sehnsucht, sich wie Zucker ihrem distanzierten Verehrer darzureichen, lassen uns der Suchenden näher kommen, um in anderen Bildern wieder auf Distanz gehalten zu werden. Wirtschaftliche Aspekte eines industriellen Frauenbildes als „Reproduktionsmaschine“ schließen tiefsinnige Kreise zu jener „Zuckerfabrik„, in der sich der Luxus einer kleinen Schicht Privilegierter zulasten der Sklaverei in Übersee Bahn bricht. Und immer wieder stehen wir vor dem Besitz des Lottomillionärs, der am Ende seines Scheiterns versteigert wird. Süß der Gewinn, bitter der Abgang. Der Kreislauf des Lebens, dem Dorothee Elmiger hier auf der Spur ist.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Dorothee Elmiger ist sich selbst und uns gegenüber ehrlich und aufrichtig, wenn sie schreibt, sich in einem Dickicht zu befinden und gar nicht nach einem Ausweg zu suchen. Wenn sie fabuliert, dies dürfe kein Roman, sondern ein Recherchebericht im eigentlichen Wortsinn sein. Es ist das Schreiben selbst, das immer mehr zu Tage tritt. Es sind ihre Selbstbetrachtungen, an denen sie scheitert. Sich selbst als „Geometral“ zu betrachten, als eine Frau, die aus jedem Blickwinkel anders erscheint, und letztlich bewertet wird, wie ein „Haus von nirgendwoher besehen„. Sie macht es uns Lesern nicht leicht mit ihrem Buch. Sie hat es sich nicht leicht gemacht, so offen und doch so fiktional zu schreiben, wie ich es empfunden habe. Und doch fällt der Zugang schwer. Es gab Momente im Lesen, in denen ich mir eingestehen musste, dem komplexen Text in seiner Zerrissenheit nicht immer folgen zu können. Es sind die Fragmente, die sich mir nur langsam offenbarten. Ich fühlte mich so, als müsste ich einen „zersprungenen Spiegel“ zusammenkleben.

Dorothee Elmiger zerlegt die Literatur in ihre molekularen Bestandteile. Das wirkt experimentell und avantgardistisch, erschließt sich nicht jedem Leser und führt sicher auch dazu, dass Fehlinterpretationen und polarisierende Sichtweisen zu ihrem Roman entstehen. Eindeutig ist, dass es kaum zwei Leser geben wird, die dieses Dickicht auf die gleiche Art und Weise durchsuchen. Eindeutig ist, dass der Autorin hier ein Wurf gelungen ist, der die „literarische Gastronomie“ auf den Kopf stellt. Ob sie das Rezept für das zukünftige Erzählen gefunden hat, ob es eine Fingerübung bleibt, oder ob wir schon bald schreiben werden, Aus der Zuckerfabrik hat Klassiker-Potenzial, darüber entscheiden, wie immer, Leser, Rezensenten und Kritiker. Es ist Geschmackssache. Weder Hausmannskost, noch schnelle literarische Sättigung.

Mir lagen sowohl der Roman, der Recherchebericht, als auch das experimentelle Schreiben nicht schwer im Magen. Vielleicht dauert es ein wenig länger, bis ich alles verdaut habe, was bei Schonkost und Fertiggerichten sicher schneller geht. Nachhaltig jedoch ist es in der Rezeptur, die „Aus der Zuckerfabrik“ kommt.

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Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger

Dorothee Elmigers Roman ist für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik nominiert. Da ich dieses Literatur-Event als Buchpreisblogger begleiten darf, werde ich auch die weiteren nominierten Titel lesen. Die Preisverleihung erfolgt am 19. November. Alle bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Artikel finden Sie auf dieser Projektpage zum weißen Porzellanlöwen. Gemeinsam mit Sophie Weigand von „Literaturen und Thomas Hummitzsch von „Intellectures“ wage ich erneut den Versuch, mich den Nominierten neutral zu nähern. Nominiert sind:

Ulrike Draesner: Schwitters (Penguin Verlag)
Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt (Klett-Cotta Verlag) und
Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik (Hanser Literaturverlage)

Warum ich schon jetzt denke, dass Dorothee Elmiger mit „Aus der Zuckerfabrik“ einen preiswürdigen Roman geschrieben hat? Die gleichzeitigen Nominierungen in Deutschland, der Schweiz und Bayern für den jeweils wichtigsten Literaturpreis sind sicherlich kein Zufall. Wann hatte zuletzt eine Schriftstellerin drei heiße Eisen in diesen Feuern? Auch, wenn das „Bayerische Eisen“ ihr letztes ist, vielleicht gelingt es ihr hier, die Glut der Jury anzufachen.

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Die Bagage von Monika Helfer

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Die Bagage von Monika Helfer

Manchmal ist eine Geschichte so brüchig und fragil wie Blätterteig. Manchmal ist eine Geschichte so persönlich und intim, dass sie von Schriftstellern in so viele Lagen des Butterteigs gehüllt wird, bis nur noch ein hauchdünner Schleier als äußere Schicht bleibt, die es zu durchstoßen gilt, um zur eigentlichen Füllung vorzustoßen. Ein wenig Puderzucker lenkt vielleicht für einen kurzen Moment ab, wenn man sich dann jedoch ins Innere des literarischen Strudels vorgetastet hat, kann man Zeuge einer Explosion werden, die man in der Tiefe des Zuckerwerks nicht ansatzweise erwartet hätte. Dabei war es gerade der Blätterteig, der in den Zeiten des Ersten Weltkriegs im Vorarlberg als wahrer Luxus angesehen wurde. Besonders bei Menschen, deren Armut ihnen die Tür zu solchen Genüssen versperrte.

Es  ist die österreichische Autorin Monika Helfer, die uns in ihrem neuen Roman in ihre Heimat entführt, in eine Zeit, in der sie noch nicht auf der Welt war. Eine Zeit ihrer familiären Wurzeln. Sie blickt zurück auf das Leben ihrer Großeltern, deren Kinder und die Lebensumstände eines besonderen Familienverbundes am Rande der Gesellschaft. Sie sind „Die Bagage„. Zu arm, um im abgelegenen Bergdorf als Teil der Gemeinschaft akzeptiert zu sein. Zu ab- und ausgegrenzt, um sich als zugehörig fühlen zu können. Zu „anders“, um von den Dörflern als gleichwertig betrachtet zu werden. Und doch sind die Moosbruggers mit ihrem Leben zufrieden und machen das Beste aus der Situation.

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Die Bagage von Monika Helfer

Als der Erste Weltkrieg losbricht, ist es nur logisch zuerst den Josef ins Feld zu schicken. Ohne ihren Mann bleibt Maria Moosbrugger mit ihren Kindern zurück. Es ist die Abängigkeit von der Mildtätigkeit des Bürgermeisters, die fortan ihr Leben bestimmt. Es ist die Einsamkeit, in der Maria mit ihren Kindern zurückbleibt und es ist Sehnsucht, die ihr Leben bestimmt. Die Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit, nach einer Zeit ohne Sorgen und es ist die Sorge um ihren Mann, die sie verzehrt. Allein auf dem Hof wird es für Maria von Tag zu Tag unerträglicher. Sie, die Hübscheste im Tal, wir zur Zielscheibe der Begierde. Jeder hätte sie gerne gehabt, jeder träumt von ihr und nun endlich hat sie der Bürgermeister in der Hand.

Es ist aber auch die Zeit, in der ein geheimnisvoller Fremder das Dorf erreicht. Ein Mann, der so anders ist, als die Männer im Tal. Er spricht hochdeutsch, ist gut gekleidet und sieht blendend aus. Sein Blick fällt auf die einzigartige Maria. Als Georg an die Tür der Bagage klopft, scheint sich die Sehnsucht von Maria nach der „einen“ großen Liebe ihres Lebens in der guten Stube zu bewahrheiten. Jetzt sind es schon zwei Männer, die ihr den Hof machen, sie umgarnen und Maria für sich einnehmen wollen. Unterbrochen nur von einem kurzen Fronturlaub ihres Mannes genießt sie die Avancen des Fremden und lehnt sich gegen die Übergriffe des Bürgermeisters auf. Und mittendrin vier Kinder, die zu naiven Zeugen des Geschehens werden. „Die Bagage“ kommt ins Gerede.

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Die Bagage von Monika Helfer

Als Maria schwanger wird, brodeln die Gerüchte im Dorf. Es wird gerechnet und spekuliert, verurteilt und sanktioniert. Die Kirche handelt, die Menschen sprechen von der Hure, und als Josef am Ende des Krieges nach Hause kommt, steht auch für ihn fest, dass Grete nicht von ihm sein kann. Das fünfte Kind der Bagage wird von Josef ignoriert, er spricht kein Wort mit Grete, sieht sie nicht ein einziges Mal an. Als würde sie nicht existieren, wird das Leben fortgesetzt. Zwei weitere Kinder kommen zur Welt. Die Bagage wächst. Grete bleibt für alle Zeiten das große Geheimnis der Familie. Wie gehen die Geschwister mit ihr um? Wie reagiert Maria? Was macht ein solches Leben mit einem Mädchen? Bohrende Fragen, denen sich Monika Helfer im tiefsten Inneren ihrer Blätterteig-Erzählung widmet. Sie entfernt Schicht um Schicht der brüchigen Hülle und führt uns ins Zentrum ihrer eigenen Lebensgeschichte.

Es ist die Geschichte ihrer eigenen Mutter, die hier Gestalt annimmt. Jener Grete, der die Erzählerin entstammt. Hier wird ihre persönliche Betroffenheit zur Triebfeder der Geschichte. Stammt sie von einer untreuen Mutter ab? Basiert alles auf einer Lüge? Hat diese alte Geschichte Auswirkungen bis in die Gegenwart? Monika Helfer erinnert sich an die Geschwister ihrer Mutter, öffnet sich Erinnerungen und beschwört Bilder herauf, die Antworten geben können. Sie geht nicht linear durch die Schichten ihrer Erzählung. Es sind Erinnerungsfetzen, die sie zu einem Bild zusammenfügt. Es sind Aussagen der Tanten und Onkel, die sie neu zu werten beginnt. Das so entstehende Bild wird zu einer bewegenden und aufwühlenden Hommage an die eigene Mutter, den distanzierten und kalten Vater und an ihre Brüder und Schwestern. Eine Liebeserklärung an die Bagage.

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Die Bagage von Monika Helfer

Mit ursprünglicher Wucht, zerbrechlicher Eleganz und zweifelnder Empathie lässt uns Monika Helfer zum Teil ihrer Bagage werden. Sie erzählt tieftraurig, melancholisch und dann wieder voller Stolz und Lebensgier von den Ihren. Wir schultern die Gewehre, um Maria zu verteidigen, ziehen mit Josef in die Schlacht, verjagen den miesen Pfarrer vom Hof und kämpfen im Tal gegen alle Gerüchte. Und doch können wir jenen Fremden aus Hannover verstehen, wir leiden mit dem Bürgermeister und verurteilen Maria nicht für ihre Träume. Eine verzweifelt aufrechte Geschichte von Sehnsucht, Vorurteilen und Träumen, die nicht gelebt werden durften. Ein Zitat hallt lange nach. Es steht für so viel in diesem Roman. Verzicht und Genügsamkeit in absolut unwirtlichen Zeiten. So erzählt nur eine große Autorin:

„Wir haben alles gehabt, und das meiste war uns nicht vergönnt.“

Als Monika Helfer am Ende ihrer Erzählung vor einem Gemälde des großen Pieter Bruegel steht und es aufmerksam betrachtet, verschwimmen die Ebenen zwischen der Erzählung und ihrer Wahrnehmung, Hier lässt sie ihre Bagage auferstehen, erweist ihr die Ehre und erweist allen, die je waren und sein werden ihre Referenz. Der würdevolle Umgang mit ihren Eltern, Onkeln, Tanten und ihren eigenen Kindern ist sehr bewegend und schützt uns fortan, den Begriff „Bagage“ mit negativer Betonung zu verwenden. Er ist zum Prädikat für eine Familiengeschichte geworden, die zu den großen literarischen Ereignissen dieses Jahres gehört.

Die Bagage von Monika Helfer - AstroLibrium

Die Bagage von Monika Helfer

Es war ein Privileg, diese Erzählung nicht nur lesen, sondern parallel dazu hören zu dürfen. Monika Helfer liest das Hörbuch zu ihrem Buch selbst. Wer auch nur eine Sekunde an der Authentizität dieser Geschichte zweifelt, der möge hören. Ihre brüchige Stimme trägt die Handlung durch die Zeitebenen. Man wagt es kaum noch zu atmen, so zerbrechlich wirkt der Vortrag. Und doch ist ihre Sprache so klar und gefestigt, dass sie ihren Zuhörer in ihren Bann zieht, als säße man selbst in der abgelegenen kleinen Hütte und warte mit den Kindern und der Mutter auf die Heimkehr des Vaters. Die vollständige Lesung dauert 4 1/2 Stunden. Stunden, die Zeit und Raum verschmelzen lassen und im Lesenhören Spuren hinterlassen.

Ich dachte oft an Jeannette Walls und ihr „Schloss aus Glas. Auch hier ist es eine Familie im Abseits, eine Bagage, die gegen alle Vorurteile ein eigenes und freies Leben führt. Nicht ohne Wunden, nicht ohne Traumata, die lebenslang anhalten. Und doch so intensiv und authentisch, wie ich es nun bei Monika Helfer erleben durfte. „Die Bagage“ ist ein aus der Zeit gefallener Roman, der uns zeitlos vor Augen hält, welche Folgen es haben kann, ein Gerücht in die Welt zu setzen. Hüten wir uns davor und verteidigen die Bagage mit allem, was wir haben. Absolute Lese- und Hörempfehlung!

„Du hast wahrscheinlich keine Chance, nicht etwas Besonderes zu sein.“

Das trifft sowohl auf die schöne Maria als auch auf diese Geschichte zu! 

Die Bagage von Monika Helfer - AstroLibrium

Die Bagage von Monika Helfer

Gewinnerin des Bayern2-Publikumspreises zum Bayerischen Buchpreis 2020

Publikumspreis des Bayerischen Buchpreises 2020 - AstroLibrium

Publikumspreis des Bayerischen Buchpreises 2020

Es geht weiter mit „VATI“ von Monika Helfer:

Hier beginnt Monika Helfers Erzählung aus erster Hand. Hatte sie sich zuvor noch auf das Hörensagen verlassen müssen, so ist sie hier die kleine Tochter, die miterlebt, mitfühlt, mitdenkt und mitleidet. Ihre Großeltern Maria und Josef leben nicht mehr. Ihre Mutter Grete (das damals vom eigenen Vater ignorierte Kind) steht mit beiden Beinen fest im Leben als sie ihren Josef kennenlernt. Vom zweiten Krieg verstümmelt, an den Folgen leidend und in ihr die Frau für sein Leben findend. So lernen wir die späteren Eltern von Monika Helfer kennen. Hier beginnt auch ihre Geschichte. Wir werden jetzt zu direkten Zeugen einer Geschichte, die sich im Familienalbum erstmals mit Bildern belegen lässt. Am Ende des Hörensagens über „Die Bagage“ erzählt nun die Tochter von ihrem „VATI„. (weiterlesen)

Vati von Monika Helfer - Astrolibrium

Vati von Monika Helfer

„Stella“ von Takis Würger

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Man lese einen Roman. Man gehe davon aus, dass die Protagonisten fiktional sind. In jeder Beziehung frei erfunden, frei im Handeln, Denken, Fühlen und Sprechen. Dabei in manchen Fällen jedoch plausibel in einen realen historischen Kontext eingebettet, was für Leser besonders reizvoll ist, weil sie ihre Kenntnisse der Epoche mit den agierenden Charakteren des Romans in Einklang bringen können. Man denke dabei an literarische Beispiele, die diesem Genre ihren Stempel aufgedrückt haben. Ich denke da besonders an „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada.

Fallada löst sich von biografischen Zwängen, erfindet das Ehepaar Anna und Otto Quangel und platziert diese beiden einfachen Arbeiter im Nazi-Deutschland des Jahres 1940 in der Reichshauptstadt Berlin. Er lässt sie am „Heldentod“ ihres einzigen Sohnes verzweifeln, hilflos dem Untergang ins Auge schauen und einen Weg des Widerstands finden, um andere vor ihrem Schicksal zu warnen. Postkarten werden geschrieben und beginnen in Berlin für Aufsehen zu sorgen. Hans Fallada begleitet das Widerstandsnest der trauernden Eltern bis zu ihrer Entdeckung und Hinrichtung. Ein historischer Roman, der mich lange beschäftigt hat.

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Stella von Takis Würger

Besonders, weil es die Quangels wirklich gegeben hat. Elise und Otto Hampel hat Fallada mit seinem Roman ein indirektes, doch umso zeitloseres Denkmal gesetzt. Und doch hat er sich entschieden, seinen fiktiven Charakteren andere Namen zu geben. Im technischen Vorgehen des Schreibens eine perfekte Entscheidung. Fallada konnte sich in seine Protagonisten hineinversetzten, ihnen Worte in den Mund legen, die historisch nicht belegt waren und sie miteinander interagieren lassen. Er überschritt niemals eine Grenze, die jenen realen Vorbildern für seinen Roman Schaden zugefügt hätte. Fallada erzielte einen unfassbaren Effekt. Immer dann, wenn man im Roman zweifelte, ob eine solche Widerstandsaktion denkbar gewesen wäre, dachte man an die Hampels. Hier ist Fallada für mich der Maßstab dessen, was Literatur kann und darf. Hier definiert sich in der gesamten Tragweite die Grenze zwischen Fiktion und Biografie.

Ich muss das erklären, damit ich beschreiben kann, welch ambivalente Gefühle mich beschlichen, als ich den Roman Stella“ von Takis Würger las. Auch er schreibt mich zurück ins Berlin der 1940er Jahre. Genau gesagt in das Jahr 1942. Auch er bettet die Handlung seines Romans in einen verbrieften und detaillierten historischen Kontext ein und beginnt jedes Kapitel mit den tatsächlichen Ereignissen des jeweiligen Monats. Er beschreibt dies so faszinierend, dass ich lesend immer wieder an „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ denken musste, weil Takis Würger ebenso wie Florian Illies kleine und große Ereignisse vor unseren Augen ablaufen lässt, um den Wahnsinn der Zeit für uns verständlich zu machen. Brillant in der Formulierung, faszinierend in der Technik.

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Stella von Takis Würger

Darüber hinaus zitiert Takis Würger mehrfach reale Prozessdokumente, was dem Geschehen seines Romans Glaubwürdigkeit und Authentizität verleiht. Es handelt sich dabei um Zeugenaussagen, die nach dem Kriegsende von einem unglaublichen Verrat berichteten. Hatte es sein können, dass eine Jüdin die in Berlin untergetauchten Juden an die Gestapo verraten hatte? War es möglich, dass eine junge Frau als Greifarm der Nazis unterwegs war, um ihre eigentlichen Leidensgenossen zu enttarnen? Ja. Das ist real. Das ist Geschichte. Es gab diese Frau, die mehr als 300 Juden verraten hatte und damit für ihre Deportation verantwortlich war. Takis Würger bewegt sich in seinem Buch auf sicherem Terrain. Fallada lässt grüßen.

Und doch gibt es einen Unterschied, der mich zusammenzucken ließ. Dies ist ein Roman. Die Protagonistin ist erfunden. Sie hatte ein wahres Vorbild. Doch hier erleben wir sie in den nicht verbrieften Momenten, blicken tief in ihre Seele, ihre Gefühle und in den Gewissenskonflikt, der in ihr tobt. Stella Goldschlag wird als Jüdin mit ihren Eltern selbst inhaftiert. Sie wird misshandelt und kommt nur unter der Bedingung frei, dass sie sich auf die Suche nach jüdischen U-Booten begibt. Untergetauchte Juden musste sie denunzieren, um sich und ihre Eltern zu retten, die als Faustpfand inhaftiert blieben. Es ist verstörend, sich in die Situation der jungen Frau hineinzuversetzen. Es ist fatal, sich auch nur für einen Moment vorzustellen, was sie gefühlt und gedacht haben mag. Und immer, wenn man zweifelt, ob ein solcher Verrat überhaupt denkbar sei, denkt man an Hans Fallada, die Hampels und vergewissert sich, dass Stella Goldschlag ein Vorbild in der Geschichte hat.

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Stella Goldschlag im Film Die Unsichtbaren – Auch im Kino eine wichtige Rolle

Doch hier bricht Takis Würger mit dem Regelwerk, das ich gerade beschrieb. Das Vorbild für Stella Goldschlag ist Stella Goldschlag. Ihr Leben und ihr Verrat vor der realen Bedrohungssituation für das eigene und das Leben ihrer Eltern sind historisch in jeder Beziehung gesichert. Dazu auch die Zitate aus den Gerichtsdokumenten des real durchgeführten Prozesses gegen Stella Goldschlag nach dem Krieg. Hier überschreitet der Autor nicht nur die Grenze, den Namen seiner erfundenen Figur nicht zu verändern. Nein. Er verlegt auch die Handlung seines Romans in ein Jahr, in dem Stella noch gar nicht festgenommen war. „Stella“ spielt 1942. Das reale Geschehen, auf das sich die Gerichtsprotokolle beziehen, vollzog sich 1943. Nun mag man denken, dies spielt keine Rolle. Man mag denken, das sei ja völlig egal, weil es eben nur ein Roman ist. Für mich jedoch ist das ein technischer Bruch, den man hätte vermeiden können, wenn man den Weg Falladas gegangen wäre und Stella nicht Stella genannt hätte. Hier wird aus einer realen Person eine fiktionale Frau, die sich von ihrem realen Vorbild nicht mehr trennen lässt.

Hier setzt sich der Schriftsteller bewusst einer Diskussion aus, was die Literatur darf und kann. Hier beginnt beim historisch versierten Leser ein Konflikt, der geeignet ist, die Botschaft des Romans deutlich zu überlagern. Hier fragt man sich, hier frage ich mich, wie frei ein Autor ist, eine reale Person zu klonen und sie zeitversetzt agieren zu lassen. Takis Würger hätte es einfacher haben können. Er hätte sich befreien können. Er hätte sich ausschließlich der inhaltlichen Diskussion aussetzen müssen. Diese wäre es wert gewesen, sich nur auf sie zu konzentrieren. Denn im rein literarischen Ergebnis hat der Autor einen faszinierend konstruierten, zutiefst menschlich motivierten Roman über eine Zwangslage geschrieben, die den totalen Zusammenbruch eines Menschen verursachen kann. Er wirft brutale Fragen auf, die von zeitloser Relevanz sind. Wie weit darf ich gehen, um mich und meine Familie zu retten? Was bin ich bereit zu verraten, in welcher Dimension verliere ich alle Werte aus den Augen, wenn ich kollaboriere? Was kann mein gerettetes Leben danach noch wert sein?

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Trennen wir diesen Roman von all meinen Bedenken. Abstrahieren wir „Stella“ auf den reinen Inhalt und betrachten meine historisch motivierte Kritik als nicht relevant, so bleibt die Charakterstudie zweier Menschen, die im Berlin des Jahres 1942 miteinander lieben, leiden, leben, hoffen und verzweifeln. Ein junger Schweizer, der sich von Stella verzaubern lässt, eine Liaison mit ihr beginnt und dann erkennt, dass sie nicht die Frau ist, die sie zu sein vorgibt. Sie öffnet sich ihm. Sie zeigt ihm die Folterspuren und lässt ihn an ihren Seelenqualen teilhaben. Der unbedarfte junge Mann wird Mitwisser einer Frau, die selbst dann noch untergetauchte Juden verrät, nachdem ihre Eltern längst in ein KZ deportiert wurden. Drogen, Angst und Leidenschaft. Die Trauer um die eigenen Chancen, die es nicht mehr gibt. All das sind Bestimmungsgrößen der brillant erzählten Geschichte.

Takis Würger zwingt seine Leser in eine Auseinandersetzung mit eigenen Werten und Maßstäben. Er zwingt uns dazu, an die Verratenen zu denken. Er warnt vor jeder Form von Kollaboration bei gleichzeitiger Selbstaufgabe. Er formuliert keine Schuld, er macht sie spürbar. Er bringt uns dazu, Bücher über verfolgte Juden im Berlin der Nazis zu lesen. Ich habe „Untergetaucht“ von Marie Jalowicz Simon immer wieder im Sinn, wenn ich an jene denke, die in der Gefahr lebten, vom „Blonden Gift der Nazis“ Stella verraten zu werden. Ich habe „Stella“ von Peter Wyden im Sinn, ein Buch in dem sich der Autor bis hin zu einer persönlichen Begegnung mit der uneinsichtigen realen Stella Goldschlag vorwagte und zu Beginn der 1990er Jahre einen Tatsachenbericht vorlegte, der mit dem Tabu des jüdischen Verrates an jüdischen Opfern brach. Ich denke an alle Opfer des Holocaust, über die ich in meiner Rubrik „Gegen das Vergessen“ schrieb.

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Stella von Takis Würger

Ich habe noch viele Fragen an Takis Würger. Wir sind so verblieben, dass wir uns in Leipzig treffen. Gedanken und Meinungen austauschen. Diskutieren. Ein Interview für Literatur Radio Hörbahn wäre das geeignete Mittel, dieses Gespräch festzuhalten. Ich bin dankbar für seine spontane Bereitschaft, sich den offenen Fragen und der Kritik zu stellen. Ich muss einfach herausfinden, wie weit Literatur gehen darf und wo ich meine gedanklichen Grenzen niederreißen muss, um im Niemandsland eines Romans Fuß zu fassen. Ich bleibe neugierig. Das Gespräch kam nie zustande, dafür ein neues Buch!

NOAH - Von einem, der überlebte - Takis Würger - Astrolibrium

NOAH – Von einem, der überlebte – Takis Würger

Noah – Von einem, der überlebte

„Dieses Buch ist Noahs Buch. Dies ist Noahs Geschichte. Er war dabei.
Er hat mich gebeten, das Zeugnis seines Lebens festzuhalten.
Seine Erinnerung. Das habe ich versucht.“ 

So sollten wir uns diesem Buch nähern. Es steht in der Tradition der mündlichen Überlieferung und Takis Würger ist Bote und Zeuge zugleich. Er geht behutsam mit der ihm anvertrauten Geschichte um, erzählt sie nicht aus der Sichtweise des Ich-Erzählers und wahrt dadurch eine Distanz, die es ermöglicht, das Unaussprechliche zu schreiben.

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Der Steidl Verlag schließt die Lücke: Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichtevon Peter Wyden ab dem 25. Februar im Handel und auch hier zu finden. Der Titel wurde geändert, die Ausgabe ist aktualisiert und doch ist es das absolute Referenzwerk zu dieser Diskussion. Ohne Peter Wyden keine wahre Geschichte…

Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte von Peter Wyden - Steidl - Astrolibrium

Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte von Peter Wyden – Steidl