Die Bagage von Monika Helfer

Die Bagage von Monika Helfer - AstroLibrium

Die Bagage von Monika Helfer

Manchmal ist eine Geschichte so brüchig und fragil wie Blätterteig. Manchmal ist eine Geschichte so persönlich und intim, dass sie von Schriftstellern in so viele Lagen des Butterteigs gehüllt wird, bis nur noch ein hauchdünner Schleier als äußere Schicht bleibt, die es zu durchstoßen gilt, um zur eigentlichen Füllung vorzustoßen. Ein wenig Puderzucker lenkt vielleicht für einen kurzen Moment ab, wenn man sich dann jedoch ins Innere des literarischen Strudels vorgetastet hat, kann man Zeuge einer Explosion werden, die man in der Tiefe des Zuckerwerks nicht ansatzweise erwartet hätte. Dabei war es gerade der Blätterteig, der in den Zeiten des Ersten Weltkriegs im Vorarlberg als wahrer Luxus angesehen wurde. Besonders bei Menschen, deren Armut ihnen die Tür zu solchen Genüssen versperrte.

Es  ist die österreichische Autorin Monika Helfer, die uns in ihrem neuen Roman in ihre Heimat entführt, in eine Zeit, in der sie noch nicht auf der Welt war. Eine Zeit ihrer familiären Wurzeln. Sie blickt zurück auf das Leben ihrer Großeltern, deren Kinder und die Lebensumstände eines besonderen Familienverbundes am Rande der Gesellschaft. Sie sind „Die Bagage„. Zu arm, um im abgelegenen Bergdorf als Teil der Gemeinschaft akzeptiert zu sein. Zu ab- und ausgegrenzt, um sich als zugehörig fühlen zu können. Zu „anders“, um von den Dörflern als gleichwertig betrachtet zu werden. Und doch sind die Moosbruggers mit ihrem Leben zufrieden und machen das Beste aus der Situation.

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Die Bagage von Monika Helfer

Als der Erste Weltkrieg losbricht, ist es nur logisch zuerst den Josef ins Feld zu schicken. Ohne ihren Mann bleibt Maria Moosbrugger mit ihren Kindern zurück. Es ist die Abängigkeit von der Mildtätigkeit des Bürgermeisters, die fortan ihr Leben bestimmt. Es ist die Einsamkeit, in der Maria mit ihren Kindern zurückbleibt und es ist Sehnsucht, die ihr Leben bestimmt. Die Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit, nach einer Zeit ohne Sorgen und es ist die Sorge um ihren Mann, die sie verzehrt. Allein auf dem Hof wird es für Maria von Tag zu Tag unerträglicher. Sie, die Hübscheste im Tal, wir zur Zielscheibe der Begierde. Jeder hätte sie gerne gehabt, jeder träumt von ihr und nun endlich hat sie der Bürgermeister in der Hand.

Es ist aber auch die Zeit, in der ein geheimnisvoller Fremder das Dorf erreicht. Ein Mann, der so anders ist, als die Männer im Tal. Er spricht hochdeutsch, ist gut gekleidet und sieht blendend aus. Sein Blick fällt auf die einzigartige Maria. Als Georg an die Tür der Bagage klopft, scheint sich die Sehnsucht von Maria nach der „einen“ großen Liebe ihres Lebens in der guten Stube zu bewahrheiten. Jetzt sind es schon zwei Männer, die ihr den Hof machen, sie umgarnen und Maria für sich einnehmen wollen. Unterbrochen nur von einem kurzen Fronturlaub ihres Mannes genießt sie die Avancen des Fremden und lehnt sich gegen die Übergriffe des Bürgermeisters auf. Und mittendrin vier Kinder, die zu naiven Zeugen des Geschehens werden. „Die Bagage“ kommt ins Gerede.

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Die Bagage von Monika Helfer

Als Maria schwanger wird, brodeln die Gerüchte im Dorf. Es wird gerechnet und spekuliert, verurteilt und sanktioniert. Die Kirche handelt, die Menschen sprechen von der Hure, und als Josef am Ende des Krieges nach Hause kommt, steht auch für ihn fest, dass Grete nicht von ihm sein kann. Das fünfte Kind der Bagage wird von Josef ignoriert, er spricht kein Wort mit Grete, sieht sie nicht ein einziges Mal an. Als würde sie nicht existieren, wird das Leben fortgesetzt. Zwei weitere Kinder kommen zur Welt. Die Bagage wächst. Grete bleibt für alle Zeiten das große Geheimnis der Familie. Wie gehen die Geschwister mit ihr um? Wie reagiert Maria? Was macht ein solches Leben mit einem Mädchen? Bohrende Fragen, denen sich Monika Helfer im tiefsten Inneren ihrer Blätterteig-Erzählung widmet. Sie entfernt Schicht um Schicht der brüchigen Hülle und führt uns ins Zentrum ihrer eigenen Lebensgeschichte.

Es ist die Geschichte ihrer eigenen Mutter, die hier Gestalt annimmt. Jener Grete, der die Erzählerin entstammt. Hier wird ihre persönliche Betroffenheit zur Triebfeder der Geschichte. Stammt sie von einer untreuen Mutter ab? Basiert alles auf einer Lüge? Hat diese alte Geschichte Auswirkungen bis in die Gegenwart? Monika Helfer erinnert sich an die Geschwister ihrer Mutter, öffnet sich Erinnerungen und beschwört Bilder herauf, die Antworten geben können. Sie geht nicht linear durch die Schichten ihrer Erzählung. Es sind Erinnerungsfetzen, die sie zu einem Bild zusammenfügt. Es sind Aussagen der Tanten und Onkel, die sie neu zu werten beginnt. Das so entstehende Bild wird zu einer bewegenden und aufwühlenden Hommage an die eigene Mutter, den distanzierten und kalten Vater und an ihre Brüder und Schwestern. Eine Liebeserklärung an die Bagage.

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Die Bagage von Monika Helfer

Mit ursprünglicher Wucht, zerbrechlicher Eleganz und zweifelnder Empathie lässt uns Monika Helfer zum Teil ihrer Bagage werden. Sie erzählt tieftraurig, melancholisch und dann wieder voller Stolz und Lebensgier von den Ihren. Wir schultern die Gewehre, um Maria zu verteidigen, ziehen mit Josef in die Schlacht, verjagen den miesen Pfarrer vom Hof und kämpfen im Tal gegen alle Gerüchte. Und doch können wir jenen Fremden aus Hannover verstehen, wir leiden mit dem Bürgermeister und verurteilen Maria nicht für ihre Träume. Eine verzweifelt aufrechte Geschichte von Sehnsucht, Vorurteilen und Träumen, die nicht gelebt werden durften. Ein Zitat hallt lange nach. Es steht für so viel in diesem Roman. Verzicht und Genügsamkeit in absolut unwirtlichen Zeiten. So erzählt nur eine große Autorin:

„Wir haben alles gehabt, und das meiste war uns nicht vergönnt.“

Als Monika Helfer am Ende ihrer Erzählung vor einem Gemälde des großen Pieter Bruegel steht und es aufmerksam betrachet, verschwimmen die Ebenen zwischen der Erzählung und ihrer Wahrnehmung, Hier lässt sie ihre Bagage auferstehen, erweist ihr die Ehre und erweist allen, die je waren und sein werden ihre Referenz. Der würdevolle Umgang mit ihren Eltern, Onkeln, Tanten und ihren eigenen Kindern ist sehr bewegend und schützt uns fortan, den Begriff „Bagage“ mit negativer Betonung zu verwenden. Er ist zum Prädikat für eine Familiengeschichte geworden, die zu den großen literarischen Ereignissen dieses Jahres gehört.

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Die Bagage von Monika Helfer

Es war ein Privileg, diese Erzählung nicht nur lesen, sondern parallel dazu hören zu dürfen. Monika Helfer liest das Hörbuch zu ihrem Buch selbst. Wer auch nur eine Sekunde an der Authentizität dieser Geschichte zweifelt, der möge hören. Ihre brüchige Stimme trägt die Handlung durch die Zeitebenen. Man wagt es kaum noch zu atmen, so zerbrechlich wirkt der Vortrag. Und doch ist ihre Sprache so klar und gefestigt, dass sie ihren Zuhörer in ihren Bann zieht, als säße man selbst in der abgelegenen kleinen Hütte und warte mit den Kindern und der Mutter auf die Heimkehr des Vaters. Die vollständige Lesung dauert 4 1/2 Stunden. Stunden, die Zeit und Raum verschmelzen lassen und im Lesenhören Spuren hinterlassen.

Ich dachte oft an Jeannette Walls und ihr „Schloss aus Glas. Auch hier ist es eine Familie im Abseits, eine Bagage, die gegen alle Vorurteile ein eigenes und freies Leben führt. Nicht ohne Wunden, nicht ohne Traumata, die lebenslang anhalten. Und doch so intensiv und authentisch, wie ich es nun bei Monika Helfer erleben durfte. „Die Bagage“ ist ein aus der Zeit gefallener Roman, der uns zeitlos vor Augen hält, welche Folgen es haben kann, ein Gerücht in die Welt zu setzen. Hüten wir uns davor und verteidigen die Bagage mit allem, was wir haben. Absolute Lese- und Hörempfehlung!

„Du hast wahrscheinlich keine Chance, nicht etwas Besonderes zu sein.“

Das trifft sowohl auf die schöne Maria als auch auf diese Geschichte zu! 

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Die Bagage von Monika Helfer

„Stella“ von Takis Würger

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Man lese einen Roman. Man gehe davon aus, dass die Protagonisten fiktional sind. In jeder Beziehung frei erfunden, frei im Handeln, Denken, Fühlen und Sprechen. Dabei in manchen Fällen jedoch plausibel in einen realen historischen Kontext eingebettet, was für Leser besonders reizvoll ist, weil sie ihre Kenntnisse der Epoche mit den agierenden Charakteren des Romans in Einklang bringen können. Man denke dabei an literarische Beispiele, die diesem Genre ihren Stempel aufgedrückt haben. Ich denke da besonders an „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada.

Fallada löst sich von biografischen Zwängen, erfindet das Ehepaar Anna und Otto Quangel und platziert diese beiden einfachen Arbeiter im Nazi-Deutschland des Jahres 1940 in der Reichshauptstadt Berlin. Er lässt sie am „Heldentod“ ihres einzigen Sohnes verzweifeln, hilflos dem Untergang ins Auge schauen und einen Weg des Widerstands finden, um andere vor ihrem Schicksal zu warnen. Postkarten werden geschrieben und beginnen in Berlin für Aufsehen zu sorgen. Hans Fallada begleitet das Widerstandsnest der trauernden Eltern bis zu ihrer Entdeckung und Hinrichtung. Ein historischer Roman, der mich lange beschäftigt hat.

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Stella von Takis Würger

Besonders, weil es die Quangels wirklich gegeben hat. Elise und Otto Hampel hat Fallada mit seinem Roman ein indirektes, doch umso zeitloseres Denkmal gesetzt. Und doch hat er sich entschieden, seinen fiktiven Charakteren andere Namen zu geben. Im technischen Vorgehen des Schreibens eine perfekte Entscheidung. Fallada konnte sich in seine Protagonisten hineinversetzten, ihnen Worte in den Mund legen, die historisch nicht belegt waren und sie miteinander interagieren lassen. Er überschritt niemals eine Grenze, die jenen realen Vorbildern für seinen Roman Schaden zugefügt hätte. Fallada erzielte einen unfassbaren Effekt. Immer dann, wenn man im Roman zweifelte, ob eine solche Widerstandsaktion denkbar gewesen wäre, dachte man an die Hampels. Hier ist Fallada für mich der Maßstab dessen, was Literatur kann und darf. Hier definiert sich in der gesamten Tragweite die Grenze zwischen Fiktion und Biografie.

Ich muss das erklären, damit ich beschreiben kann, welch ambivalente Gefühle mich beschlichen, als ich den Roman Stella“ von Takis Würger las. Auch er schreibt mich zurück ins Berlin der 1940er Jahre. Genau gesagt in das Jahr 1942. Auch er bettet die Handlung seines Romans in einen verbrieften und detaillierten historischen Kontext ein und beginnt jedes Kapitel mit den tatsächlichen Ereignissen des jeweiligen Monats. Er beschreibt dies so faszinierend, dass ich lesend immer wieder an „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ denken musste, weil Takis Würger ebenso wie Florian Illies kleine und große Ereignisse vor unseren Augen ablaufen lässt, um den Wahnsinn der Zeit für uns verständlich zu machen. Brillant in der Formulierung, faszinierend in der Technik.

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Stella von Takis Würger

Darüber hinaus zitiert Takis Würger mehrfach reale Prozessdokumente, was dem Geschehen seines Romans Glaubwürdigkeit und Authentizität verleiht. Es handelt sich dabei um Zeugenaussagen, die nach dem Kriegsende von einem unglaublichen Verrat berichteten. Hatte es sein können, dass eine Jüdin die in Berlin untergetauchten Juden an die Gestapo verraten hatte? War es möglich, dass eine junge Frau als Greifarm der Nazis unterwegs war, um ihre eigentlichen Leidensgenossen zu enttarnen? Ja. Das ist real. Das ist Geschichte. Es gab diese Frau, die mehr als 300 Juden verraten hatte und damit für ihre Deportation verantwortlich war. Takis Würger bewegt sich in seinem Buch auf sicherem Terrain. Fallada lässt grüßen.

Und doch gibt es einen Unterschied, der mich zusammenzucken ließ. Dies ist ein Roman. Die Protagonistin ist erfunden. Sie hatte ein wahres Vorbild. Doch hier erleben wir sie in den nicht verbrieften Momenten, blicken tief in ihre Seele, ihre Gefühle und in den Gewissenskonflikt, der in ihr tobt. Stella Goldschlag wird als Jüdin mit ihren Eltern selbst inhaftiert. Sie wird misshandelt und kommt nur unter der Bedingung frei, dass sie sich auf die Suche nach jüdischen U-Booten begibt. Untergetauchte Juden musste sie denunzieren, um sich und ihre Eltern zu retten, die als Faustpfand inhaftiert blieben. Es ist verstörend, sich in die Situation der jungen Frau hineinzuversetzen. Es ist fatal, sich auch nur für einen Moment vorzustellen, was sie gefühlt und gedacht haben mag. Und immer, wenn man zweifelt, ob ein solcher Verrat überhaupt denkbar sei, denkt man an Hans Fallada, die Hampels und vergewissert sich, dass Stella Goldschlag ein Vorbild in der Geschichte hat.

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Stella Goldschlag im Film Die Unsichtbaren – Auch im Kino eine wichtige Rolle

Doch hier bricht Takis Würger mit dem Regelwerk, das ich gerade beschrieb. Das Vorbild für Stella Goldschlag ist Stella Goldschlag. Ihr Leben und ihr Verrat vor der realen Bedrohungssituation für das eigene und das Leben ihrer Eltern sind historisch in jeder Beziehung gesichert. Dazu auch die Zitate aus den Gerichtsdokumenten des real durchgeführten Prozesses gegen Stella Goldschlag nach dem Krieg. Hier überschreitet der Autor nicht nur die Grenze, den Namen seiner erfundenen Figur nicht zu verändern. Nein. Er verlegt auch die Handlung seines Romans in ein Jahr, in dem Stella noch gar nicht festgenommen war. „Stella“ spielt 1942. Das reale Geschehen, auf das sich die Gerichtsprotokolle beziehen, vollzog sich 1943. Nun mag man denken, dies spielt keine Rolle. Man mag denken, das sei ja völlig egal, weil es eben nur ein Roman ist. Für mich jedoch ist das ein technischer Bruch, den man hätte vermeiden können, wenn man den Weg Falladas gegangen wäre und Stella nicht Stella genannt hätte. Hier wird aus einer realen Person eine fiktionale Frau, die sich von ihrem realen Vorbild nicht mehr trennen lässt.

Hier setzt sich der Schriftsteller bewusst einer Diskussion aus, was die Literatur darf und kann. Hier beginnt beim historisch versierten Leser ein Konflikt, der geeignet ist, die Botschaft des Romans deutlich zu überlagern. Hier fragt man sich, hier frage ich mich, wie frei ein Autor ist, eine reale Person zu klonen und sie zeitversetzt agieren zu lassen. Takis Würger hätte es einfacher haben können. Er hätte sich befreien können. Er hätte sich ausschließlich der inhaltlichen Diskussion aussetzen müssen. Diese wäre es wert gewesen, sich nur auf sie zu konzentrieren. Denn im rein literarischen Ergebnis hat der Autor einen faszinierend konstruierten, zutiefst menschlich motivierten Roman über eine Zwangslage geschrieben, die den totalen Zusammenbruch eines Menschen verursachen kann. Er wirft brutale Fragen auf, die von zeitloser Relevanz sind. Wie weit darf ich gehen, um mich und meine Familie zu retten? Was bin ich bereit zu verraten, in welcher Dimension verliere ich alle Werte aus den Augen, wenn ich kollaboriere? Was kann mein gerettetes Leben danach noch wert sein?

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Trennen wir diesen Roman von all meinen Bedenken. Abstrahieren wir „Stella“ auf den reinen Inhalt und betrachten meine historisch motivierte Kritik als nicht relevant, so bleibt die Charakterstudie zweier Menschen, die im Berlin des Jahres 1942 miteinander lieben, leiden, leben, hoffen und verzweifeln. Ein junger Schweizer, der sich von Stella verzaubern lässt, eine Liaison mit ihr beginnt und dann erkennt, dass sie nicht die Frau ist, die sie zu sein vorgibt. Sie öffnet sich ihm. Sie zeigt ihm die Folterspuren und lässt ihn an ihren Seelenqualen teilhaben. Der unbedarfte junge Mann wird Mitwisser einer Frau, die selbst dann noch untergetauchte Juden verrät, nachdem ihre Eltern längst in ein KZ deportiert wurden. Drogen, Angst und Leidenschaft. Die Trauer um die eigenen Chancen, die es nicht mehr gibt. All das sind Bestimmungsgrößen der brillant erzählten Geschichte.

Takis Würger zwingt seine Leser in eine Auseinandersetzung mit eigenen Werten und Maßstäben. Er zwingt uns dazu, an die Verratenen zu denken. Er warnt vor jeder Form von Kollaboration bei gleichzeitiger Selbstaufgabe. Er formuliert keine Schuld, er macht sie spürbar. Er bringt uns dazu, Bücher über verfolgte Juden im Berlin der Nazis zu lesen. Ich habe „Untergetaucht“ von Marie Jalowicz Simon immer wieder im Sinn, wenn ich an jene denke, die in der Gefahr lebten, vom „Blonden Gift der Nazis“ Stella verraten zu werden. Ich habe „Stella“ von Peter Wyden im Sinn, ein Buch in dem sich der Autor bis hin zu einer persönlichen Begegnung mit der uneinsichtigen realen Stella Goldschlag vorwagte und zu Beginn der 1990er Jahre einen Tatsachenbericht vorlegte, der mit dem Tabu des jüdischen Verrates an jüdischen Opfern brach. Ich denke an alle Opfer des Holocaust, über die ich in meiner Rubrik „Gegen das Vergessen“ schrieb.

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Stella von Takis Würger

Ich habe noch viele Fragen an Takis Würger. Wir sind so verblieben, dass wir uns in Leipzig treffen. Gedanken und Meinungen austauschen. Diskutieren. Ein Interview für Literatur Radio Hörbahn wäre das geeignete Mittel, dieses Gespräch festzuhalten. Ich bin dankbar für seine spontane Bereitschaft, sich den offenen Fragen und der Kritik zu stellen. Ich muss einfach herausfinden, wie weit Literatur gehen darf und wo ich meine gedanklichen Grenzen niederreißen muss, um im Niemandsland eines Romans Fuß zu fassen. Ich bleibe neugierig.

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Stella von Takis Würger

Der Steidl Verlag schließt die Lücke: Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichtevon Peter Wyden ab dem 25. Februar im Handel und auch hier zu finden. Der Titel wurde geändert, die Ausgabe ist aktualisiert und doch ist es das absolute Referenzwerk zu dieser Diskussion. Ohne Peter Wyden keine wahre Geschichte…

Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte von Peter Wyden - Steidl - Astrolibrium

Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte von Peter Wyden – Steidl

Die Ziege auf dem Mond – Stefan Beuse und Sophie Greve

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve - Astrolibrium

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve

Was haben wir in unserem Lesen nicht schon alles erlebt, wenn es darum ging den kleinsten und jüngsten Lesern die großen Lebensweisheiten mit auf den Weg zu geben und ihnen spielerisch mit leicht erhobenem Zeigefinger die Richtung zu weisen? Es gab Märchen und Bilderbücher, Fabelwesen und schlaue Parabeln. Kindgerecht verpackt in buntesten Gewändern und immer mit einer Moral, auf die man später verweisen konnte, wenn wieder alles schiefgelaufen war. Kinderbücher sind und waren schon immer gute Erziehungshelfer. Neutrale Instanzen und ab und an sogar geeignet, mit ein wenig fein dosierter Angst zu besserem Verhalten anzuleiten.

Und jetzt schwingt sich allen Ernstes eine Ziege auf dem Mond auf, uns und den kritischen Nachwuchslesern Botschaften von Glück und Zufriedenheit näherzubringen? Ihnen die Angst zu nehmen, Neugier zu fördern und dabei mit einer Lebenshaltung auf Alltagssorgen und Kinderzweifel zu reagieren, die ihresgleichen sucht? Das kann doch nicht Euer Ernst sein. Eine Ziege. Bitte. Wir hatten Füchse, Bären, Hasen und ein paar Rehe. Allesamt niedlich, schlau und ansatzweise klug genug, um ihnen ihre Geschichte abzunehmen. Fabeln eben. Aber eine Ziege lockt doch niemanden hinter dem Ofen vor, der sich für flotte Lebensweisheiten in frischem Gewand interessiert. Tiger. Ja. Aber im Leben doch keine Ziege. Meckermeckermecker…

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve - Astrolibrium

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve

Was mögen sich Autor Stefan Beuse und Illustratorin Sophie Greve bloß gedacht haben, als sie ausgerechnet eine „Ziege auf dem Mond“ ansiedelten, um die Welt ein bisschen bunter zu machen und Kinderherzen höherschlagen zu lassen? War ihnen nicht klar, auf welch gefährliches Terrain sie sich, angesichts prominentester Bewohner vergleichbarer Erdtrabanten, begeben? Hatte nicht „Der kleine Prinz“ schon vor langer Zeit alles abgegrast, was man an Lebensweisheiten auf einem Asteroiden so auftreiben konnte? Und kann eine Ziege besser geeignet sein als ein Fuchs und eine sprechende Rose? No chance…

Was haben sie sich nur dabei gedacht? Kinder leben in ihrer eigenen Welt, haben Idole, von denen wir keinen Schimmer haben und eifern Fantasiegebilden und Träumen nach, die wir längst aus den Augen verloren haben. Kann es hier eine lustige Ziege mit den künstlichen Helden unserer Zeit aufnehmen? Wohl kaum. Das dachte ich jedenfalls als ich „Die Ziege auf dem Mond“ las. Und genau in diesem Moment wurde mir schon klar, wo die Ziege (pardon, der Hase) im Pfeffer liegt. Wir denken zu viel. Wir halten die Zeigefinger schon hoch, bevor wir eine Hilfestellung anbieten. Wir leben in unserer Welt ohne große Schnittmenge zur Fantasie der Kinder. Unsere Moral hat eigene Wege und Wertesysteme gefunden. Kompatibilität zur Welt der Kinder? Fraglich…

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Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve

Hier kommt nun eine Ziege daher, die wir eigentlich für recht einfältig halten. Salz reicht eigentlich aus, das Leben von Ziegen zu einem guten Leben zu machen. Dies ist in jedem Streichelzoo augenscheinlich der Fall. Aber, wenn schon unsere Kinder in ihre eigene Welt verschwinden, wenn sie träumen, warum dann nicht die Ziege akzeptieren, die auf ihrem eigenen Mond lebt? Warum nicht? Also: Bedenken über Bord, Schleusen auf und Fantasiemodus: AN. Macht es Euch gemütlich, sorgt für gutes Leselicht und ein wenig leise Hintergrundmusik, und lasst Euch von Stefan Beuse und Sophie Greve in Wort und Bild vom Leben im Augenblick erzählen. Vielleicht solltet Ihr eine Uhr suchen, sie auf Viertel nach neun stellen und die Batterie wegwerfen. Das hilft echt weiter.

Dann seid Ihr in der gleichen Zeitzone angelangt, in der Die Ziege auf dem Mond lebt. Es ist Viertel nach neun. Immer. Punkt. Basta. Es ist das Leben im Hier und Jetzt. Das Leben im Augenblick und ein Leben in der Erinnerung an die gute alte Mutter Erde, von der in unregelmäßigen Abständen die sinnlosesten Dinge auf dem Mond landen. In einen großen Krater mit allem, was die Ziege nicht brauchen kann. Punkt. Basta. Fertig ist die Ziegosphäre Mond. Ein fast schwereloses Biotop für bunte Gedankenwelten und angstfreie Schwebezustände. Fehlt nur das passende Ziegen-Shirt zum Tag und schon kann es losgehen. Also das Leben auf dem Mond. Neil Armstrong hätte seine Freude gehabt.

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve - Astrolibrium

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve

Wer sich auf diese Ziege auf dem Mond einlässt, wird nicht enttäuscht. Die Magie dieses Buches entwickelt sich langsam aber gewaltig. Aus scheinbar losen Fäden wird ein Netz, das geeignet ist auch den größten Alltagssturz im wahren Leben aufzufangen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wer zögert, verpasst das Leben. Wer alles verstehen möchte, versteht nichts. Wer nicht bereit ist, die Macht seiner Fantasie zu nutzen, wird im wahren Leben nichts bewegen. Und nicht zuletzt, wenn Du denkst eine Ziege sei nur eine Ziege, dann bitte schön. Wundere Dich nicht, wenn andere denken, auch ein Kind sei nichts anderes als ein Kind. Stefan Beuse und Sophie Greve haben in literarischer und illustratorischer Hinsicht ein kleines Wunder bewirkt. Man mag diese Ziege wirklich unterschätzen. Ihre Magie zu erkennen, öffnet die Tür zu einer Welt voller Antworten.

Angst verschwindet,
wenn man sich überwindet.
Und zwar jetzt. Sofort.
Um Viertel nach neun.

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve - Astrolibrium

Die Ziege auf dem Mond von Stefan Beuse und Sophie Greve

Ein Wort zu Stefan Beuse sei mir erlaubt. Die handschriftliche Einladung zum Lesen um Viertel nach neun habe ich gerne angenommen. Unsere Begegnung in Frankfurt hat alte Erinnerungen wachgerufen. Er ist schuld. Punkt. Basta. Also daran, dass ich heute als Blogger mein literarisches Unwesen treibe. Und das kam so. Ich rezensierte im Jahr 2009 seinen Roman „Alles was du siehst“ bei Lovelybooks. Diese Rezension gewann sowohl den Community-Preis, als auch den sogenannten Leser-Kompass. Neben der Einladung zur Corine-Buchpreisverleihung waren eine ganzseitige Anzeige in der „Zeit“ und ein wertvolles Buchpaket als Hauptpreis ausgelobt.

Die Folgen. Drastisch. Einladungen zu Veranstaltungen mit Verlagen zum Thema „Social Reading“ usw. Visitenkarten und Kontaktaufnahmen durch Verlage und Autoren. Die Entscheidung, nicht mehr nur auf Lovelybooks zu rezensieren, sondern zu bloggen. Buchmessen. Literatur Radio. Und das alles. Den ersten Stein brachte damals Stefan Beuse ins Rollen. Mit einem Buch. So einfach ist das. Er ist schuld. Punkt. Danke.

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Stefan Beuse ist schuld – Eindeutig…

„Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

„Zwei, die für einige Zeit ihre Ruhe gefunden hatten, eine Ruhe, die nicht, wie so oft, mit Verlassenheit zu tun hatte, sondern mit Geborgenheit.“

Dieses Zitat steht für ein ganzes Buch. Es sind Worte, die primär romantisch klingen und auf den ersten Blick den Hauch einer großen Liebesgeschichte verströmen. Jedoch schon beim zweiten Blick auf den Roman aus dem sie stammen, wird klar, was hier als Ruhe und Geborgenheit empfunden wird. „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger spielt im Österreich des Kriegsjahres 1944 und zeichnet das Bild von Menschen, die in schier hoffnungsloser Situation ein Refugium im Auge des größten Sturmes finden, der je über ihre Heimat hinwegtobte. Menschen, die sich aus äußerst unterschiedlichen Gründen genau hier eingefunden haben, um auf das Unausweichliche zu warten. Es ist die Ruhe im Sturm, nicht die Ruhe vor dem Sturm, der sie im Idyll des Salzkammerguts vereint.

Es sind junge Menschen, die in haltloser Zeit und in völliger Ungewissheit neue Wege gehen, um Halt, Zuneigung und letztlich auch Trost in ihrer Einsamkeit zu finden. Es ist der junge Wehrmachtssoldat Veit Kolbe, der nach fünf Jahren im Krieg körperlich und seelisch traumatisiert in der Heimat strandet, um wieder auf die Beine zu kommen. Was nach der Genesung folgen würde liegt auf der nationalsozialistischen Hand. Wieder an die Front. Und so genießt Veit jeden Tag unter der Drachenwand als Aufschub vor dem größten Schrecken, für den er einst freiwillig in den Krieg gezogen ist. Sein Vaterland verhält sich stiefmütterlich zu dem jungen Mann. Nur Pervitin beruhigt seine Seele.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

„Wer auf die Jagd nach einem Tiger geht, muss damit rechnen, auf einen Tiger zu treffen.“

Während aller Idealismus aus Veits Körper herausgeschossen wurde, realisiert er die Aussichtslosigkeit, den unsagbar grausamen Krieg noch gewinnen zu können. Sein Schicksal nimmt er als Chance wahr, sich der tödlichen Vernichtungsmaschinerie nicht mehr ausliefern zu müssen. Von schrecklichen Alpträumen geplagt, verkriecht sich Veit Kolbe immer mehr in seinem Refugium unter der Drachenwand. Hier findet er nicht nur die lange ersehnte Ruhe, hier findet er die Zuneigung von Margot, die mit ihrem Baby auf die Rückkehr ihres Ehemannes aus dem Krieg wartet. Auch sie in Ungewissheit im Angesicht der desaströsen Nachrichten, die sie von der Front und von ihrer Mutter aus Darmstadt erreichen.

Darmstadt zerbombt, die Eltern in ständiger Lebensgefahr, das Baby wächst ohne Vater auf und die Ehe selbst nur als Mittel zum Zweck, damit ihr Mann auch mal Urlaub vom Krieg bekommt – ein situativer Chaos-Mix, der Margot immer mehr in die Arme des jungen Soldaten treibt, der mit ihr im gleichen Haus untergebracht ist. Briefe von Mutter und Ehemann drohen sie in die tiefe Depression zu ziehen. Nur Veit gibt ihr Halt, weil auch er ihren Halt benötigt. Zwei Ertrinkende, die sich aneinander klammern, um nicht unterzugehen. Zwei Betrüger mit reiner Seele. Veit fälscht seine Krankschreibung, um bei Margot bleiben zu können und sie belügt ihren Mann, der für sie schon verloren ist.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

„Die Kindheit ist wie ein Holz, in das Nägel geschlagen werden. Die guten Nägel sind die, die so tief im Holz stecken, dass sie halten, sie beschützen einen wie Stacheln. Oder man kann später etwas daran aufhängen… Schlecht sind die ins Holz gedroschenen Nägel, deren Köpfe tiefer liegen als die Oberfläche, man sieht gar nicht, dass dort etwas Hartes ist, ein vor sich hinrostender Fremdkörper…“

Während die Menschheit ihre Unschuld verliert, wird aus dem Mondsee auch für 35 Schülerinnen und ihre Lehrerin der Zufluchtsort vor den Bomben im heimatlichen Wien. Das Lager „Schwarzindien“ mutiert unter den kinderlandverschickten Mädchen zu der uniformen Erziehungsanstalt, in der Flaggenparaden und Appelle an der Tagesordnung sind. Es bleibt nicht aus, dass Veit den Mädchen und ihrer Lehrerin begegnet. Es bleibt nicht aus, dass er von der immer noch gelebten Verblendung abgestoßen wird. Es sind die Durchhalteparolen, die in Österreich regieren. Es ist die pure Angst vor Bombern über Wien, die das Leben prägt. Es ist der letzte Außenposten, die Bastion inmitten des untergehenden Reiches. Eine Scheinwelt, der nur der „Basilianer„, einer der aufrecht gebliebenen Einheimischen, die Maske vom Gesicht reißt. Er zahlt einen hohen Preis dafür…

Arno Geiger gestaltet einen klaustrophobischen Erzählraum, aus dem es keinen Ausweg gibt. Nur Unter der Drachenwand ist man sicher. Bis hier reicht der Arm der Nazis in den seltensten Fällen. Und doch steht das Leben unter Vorbehalt. Als eins der Mädchen aus dem Lager verschwindet ahnt Veit sofort, was ihr zugestoßen ist. Briefe der Mutter, Briefe ihres knallverliebten Freundes, Vorwürfe über verdorbene Moral und Angst vor einer Zukunft ohne Gefühle breiten sich wie ein trauriger Alpdruck über dem Mondsee aus. Der Sturm nähert sich. Die Nachrichten werden beängstigend und der Krieg kommt näher. Es ist ein Spiel auf Zeit, das den Geflüchteten am Mondsee einen letzten Augenblick der Hoffnung schenkt, während die Welt untergeht.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

Briefe haben Arno Geiger zu diesem Roman inspiriert. Originale Briefe aus jenem Lager Schwarzindien, Elternbriefe, Behördenbriefe und auch Feldpostbriefe waren es, die eine Geschichte in Gang gesetzt haben, die auf wahren Geschichten beruht und in ihrer Fiktionalisierung wirkt „Unter der Drachenwand“ wie ein Befreiungsschlag aus dem Giftschrank der persönlichen Erinnerungen der Betroffenen. Wir kennen zahllose originale Korrespondenzen aus der damaligen Zeit. Wir kennen sie aus dem „Echolot“ von Walter Kempowski. Wir lesen sie nicht als Unbeteiligte, wir werden zu Zeitzeugen des Unbeschreibbaren. Und doch versuchen wir oft vergeblich zwischen den Zeilen zu lesen, Zusammenhänge aufzuspüren und Kreuzungslinien zu erkennen. Hier geht Arno Geiger einen deutlichen Schritt weiter, ohne das Schicksal seiner Protagonisten für einen Roman zu verkitschen.

Unter der Drachenwandist ein großer Roman über die Verschickten, Verlassenen, Flehenden, Hoffenden, Verzweifelten und Enttäuschten. Arno Geiger beschreibt nicht nur den Schrecken eines aufziehenden Krieges, er thematisiert alles Relevante, was zu seinem Ausbruch beigetragen hat. Opportunismus, Kult und Glaube an einen scheinbar allgewaltigen Heilsbringer. Verblendung und die Automatismen einer Ideologie. Er lässt Ängsten freien Lauf, macht aus Kämpfern kriegsmüde Verweigerer und aus Müttern in letzter Konsequenz die selbstbetrogenen Leidtragenden der Geschichte. Arno Geiger gelingt in erzählerisch brillanter Art und Weise mehr als ein Roman, mehr als nur eine kleine beleuchtete Sequenz aus dem Chaos der menschlichen Abgründe. Er schreibt Geschichte, wie wir sie nur in sehr seltenen Fällen lesen dürfen.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

Hoffnungsbriefe:

… und dann höre ich dich reden auf einem Bahnhof, wo die Züge pfeifen, bitte eine Fahrkarte nach Wien, ich habe mir ein wenig die Welt angesehen, habe den Heiratsantrag eines Maharadschas abgelehnt und fahre jetzt wieder nach Hause.

Diese Worte machen Hoffnung fühlbar, nähren den tiefen Glauben an eine Heimkehr und sind doch so verzweifelt emotional wie nur Liebe verzweifelt sein kann. Würde man Fäden auf eine alte Landkarte spannen, viele von ihnen würden mit Wien verknüpft sein und am Mondsee enden. Ein Bezirk, eine Straße, eine kleine Heimat verbinden, was im Krieg getrennt wird. Kinderlandverschickung. Eines der wohl schrecklichsten deutschen Worte.Sprache kann grausam sein. Nicht so grausam jedoch, wie ein Handlungsfaden, den Arno Geiger auf die Landkarte legt, ohne dass  er jemals den Mondsee berührt.

Es ist die Geschichte eines jüdischen Lebens in Wien. Es ist die Geschichte einer Flucht vor dem Holocaust. Es ist die Geschichte einer Familie, der auf ihrem Weg die Zuflucht unter der Drachenwand nicht gewährt wird. Es ist eine Lebensgeschichte, die mit den anderen Schicksalen kaum verbunden scheint. Nur an einer einzigen Stelle im Roman kreuzen sich die Wege. Es ist ein Gänsehautmoment des Lesens, der in aller Wucht dokumentiert, was wir schon lange zu wissen glauben. Es ist ein Moment, dem wir glauben, gewachsen zu sein. Und doch. Es ist nicht so. Es wird nie so sein. Allein hier liegt eines der vielen Prädikate, die ich diesem Roman zubillige. Lesenswert.

Unter der Drachenwand von Arno Geiger

Michael Köhlmeier: „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Ambivalent. Anders kann ich mein Gefühl nicht beschreiben. Die ersten Seiten der Novelle „Der Mann der Verlorenes wiederfindet“ von Michael Köhlmeier ließen mich ein wenig daran zweifeln, ob nun das richtige Buch zur richtigen Zeit seinen Weg zu mir gefunden hatte. Ich entdeckte es auf einem Spaziergang durch Salzburg und erfuhr im Gespräch mit Buchhändlern der dort ansässigen Traditionshäuser, dass gerade dieser Autor von seinen Landsleuten geschätzt wird, da er mit seinen Themen und seiner sehr speziellen Sprache immer wieder ins Herz seiner Leser trifft.

Das Mädchen mit dem Fingerhutgehört auch in meiner Bibliothek zu den Büchern, die in ihrer Relevanz und sprachlichen Besonderheit einen Ehrenplatz erobert hat. Jetzt war ich gespannt auf mein neues Lesen an der Seite des österreichischen Multitalents aus Vorarlberg. Er begeistert mit Musik, Film und Literatur, seine Märchenstunden sind legendär und sein manchmal experimentell wirkender Schreibstil schleicht sich auf sehr verschlungenen Pfaden mitten ins Hirn. Vom Herzen gar nicht zu reden. Yiza bleibt für mich immer ein verlorenes Mädchen, zeitlos erzählt, metaphorisch tief angelegt und im besten Sinne ein streitbares Buch voller Empathie für entwurzelte fliehende Menschen. Ein Fingerhut liegt noch heute neben dem Buch und seiner brillanten Hörbuchfassung, die Köhlmeier selbst liest.

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Und nun? Was hat er diesmal mit mir vor? Er schreibt über einen Heiligen. Er hat sich selbst in das Jahr 1231 zurückversetzt und beschreibt eine skurrile Szene auf dem Vorplatz des Klarissinnen-Klosters in Arcella. Hier ist er gerade angekommen, mehr tot als lebendig, „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“. Es handelt sich um Antonius, einen Franziskaner-Mönch, der schon zu Lebzeiten als Heiliger verehrt wurde. Jetzt ist er am Ende seines Weges angelangt. Zum Sterben legt man ihn vor das Kloster. Allein ist er nicht, da ein solches Ereignis selten ist. Wann kann man schon selbst  Zeuge der Heimholung eines Heiligen in den Himmel werden? Dreitausend Gläubige sind hier um Gottes Werk zu erleben. Und nun warten sie.

Köhlmeier inszeniert gewohnt brillant und sprachlich so authentisch, als wäre er gerade dem Mittelalter entsprungen. Und doch frage ich mich sofort, was er eigentlich erzählen will. Welche Relevanz liegt heute im Sterben dieses Heiligen? Was bedeuten uns klösterliche Traditionen, Überlieferungen, Sichtweisen und Streitereien? Ich kann mich gut an mein Lesen von „Der Name der Rose“ von Umberto Eco erinnern. Es war geprägt von großen Zweifeln angesichts der theologischen Dimensionen und Dispute. Ich war unsicher, ob ich diesem theologisch überfrachteten Roman folgen konnte. Und doch liebe ich ihn heute. Dieser Gedanke hielt mich aufrecht und ich folgte Antonius in seine letzten Stunden vor dem Kloster von Arcella.

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier hat ein brillantes Thema gewählt, das offenbart sich, wenn man Antonius an sich heranlässt. Das Wunder des Lesens schlägt zu, wenn wir uns die Zeit nehmen, den Schutzheiligen für Verlorenes ein wenig besser kennenzulernen. Die Vita ist wichtig, essenziell und für die gesamte Novelle von Belang. Die Innenansichten des Eremiten und Mönches lassen uns seinen Lebensweg verstehen. Nur so vermögen wir zu ergründen, woher die Legendenbildung stammt, die sich um ihn rankt. Nur so lässt sich über Wunder reden, die seinen Weg flankierten. Nur so werden wir schließlich Teil der Dreitausend. Das ist es was Köhlmeier will. Wir stehen vor dem Kloster und warten.

„Chronist, erzähle…“ – so schallt der Ruf nach Neuigkeiten über den Platz. Und genau da will Köhlmeier mit sich selbst hin. Wir fordern ihn dazu auf, sein Wissen mit uns allen zu teilen und er schlüpft gern in die Rolle des Chronisten eines beispiellosen Lebens. Auf diese unvergleichbare Art und Weise erfahren wir alles über Antonius, die erste Predigt, seine erste Liebe, die nie in Erfüllung ging und die Momente des tiefsten Glaubens, aber auch jene des Zweifelns. Wir werden zu Zeugen des inneren Kampfes zwischen Demut und Hochmut. Übermut und Neid. Und nicht zuletzt erleben wir eine Zeit, in der nach den Mongolen der Islam zum größten Feind der Christenheit wird.

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Jetzt wird es relevant. Jetzt wird es greifbar, denn jetzt beginnt diese Novelle über ihre Grenzen hinaus in unser Leben auszustrahlen. Die Botschaften des Antonius sind zeitloser, als man denkt. Wenn er über Liebe spricht, den Hass analysiert und erklärt, warum es so leicht ist, Hass zu säen, dann zieht es uns plötzlich den Boden unter den Füßen weg. Wir erkennen die Automatismen von heute. Wir erkennen Nächstenhass, wo eigentlich Nächstenliebe sein sollte und wir verstehen, warum das so ist. Es sind große Lesemomente, die Michael Köhlmeier uns hier schenkt. Es ist Erkenntnis, die er mit uns teilt und es ist intelligent, wie er sich Themen nähert, die wir bisher schlichtweg als gottgegeben und unveränderbar hingenommen haben.

„Nie ist mir aufgefallen, dass unser Vaterunser nur aus Imperativen besteht. Wir befehlen Gott. Dürfen wir das denn?“

Köhlmeier hinterfragt das nicht zu Hinterfragende und öffnet die Türen, die eigenen Anmaßungen einsortieren und eingestehen zu können. Wir bitten nicht. Wir fordern. Es zieht sich wie ein roter Faden durch diese Novelle. Wir lernen angesichts des Sterbens eines Heiligen, wie unheilig das Leben ist. Wir beschäftigen uns mit dem Bösen und es ist erhellend, auch hier zu sehen, wie leicht es sein kann, das Böse selbst zu schaffen. Der größte literarische Kunstgriff gelingt Köhlmeier im Perspektivwechsel. Es schwenkt in die Menge. Er lässt einige der Dreitausend selbst zu Wort kommen, erzählt auch die Geschichten dieser Menschen und berichtet über die Hoffnungen, die sie nach Arcella getrieben haben. Und aus ihrem Mund werden wir zu Zeugen des größten Wunders.

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Kurz vor seinem Tod erhebt sich Antonius und predigt ein letztes Mal. Worüber er spricht, das hören wir von den Zeugen. Wir erleben, dass es nicht nur eine Predigt war, die das Volk erreichte. Jeder fühlte sich angesprochen. Jeder war der Adressat dieser letzten Worte. Und so unterschiedlich die Hoffnungen sind, so unterschiedlich sind die Zeugenaussagen dieser Menschen. Er sprach über Hass. Nein. Er sprach über Liebe. Jeder hatte diesen Moment anders in Erinnerung. Und jeder fühlte sich angesprochen. Eine Fähigkeit, die den Rednern heute verlorengegangen scheint. Antonius sprach nie über sich selbst. Er sprach zu den Menschen. Für die Menschen.

„Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“ umfasst nur 156 Seiten und doch haben wir es mit einem großen Buch zu tun. Es gibt uns Sichtweisen, Werte, Haltungen und Gefühle wieder, die wir verloren haben. Diese Novelle ist ein Traktat gegen Hass und blindes Vorurteil. Die eingewobenen kleinen persönlichen Geschichten gehören zu den Glanzlichtern dieses Buches. Es ist zeitlos. Und es ist noch dazu amüsant, da es nicht vor der Skurrilität eines übersteigerten Glaubens halt macht. Oder kann man sich allen Ernstes jemanden vorstellen, der einem sterbenden Heiligen zur Hilfe kommt? Würde das nicht die ganze Vorstellung stören und dazu führen, dass man die Heimholung am Ende noch versäumt. Nein. Da muss man als Heiliger schon durch.

Der Mann, der Verlorenes wiederfindet – Michael Köhlmeier

Findet Verlorenes wieder. Selten sind 156 Seiten so bewusstseinserweiternd.

Michael Köhlmeier live in München. Überzeugend und so empathisch wie sein Buch.