Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Werfen wir heute einen aufmerksamen Blick auf unser Land, dann fragt man sich, ob unsere Gesellschaft mit ihrem Wertevorrat langsam zersetzt wird. Man stellt sich die Frage, wie Deutschland aussehen würde, wenn Menschen an die Macht kämen, deren Ansichten nichts mit unserem demokratischen Grundverständnis zu tun haben. Es wird zum Horrorszenario weltoffener Menschen, akzeptieren zu müssen, dass eine Haltung um sich greift, die an die braune Ideologie der Nazis von einst erinnert. Beschneidung von Kultur, Ausgrenzung von Minderheiten, Einschränkung der Pressefreiheit und eine Abkehr von der historisch verankerten Verantwortungskultur gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus gelten schon jetzt als erklärte Ziele einer Partei, die sich als einzige Alternative für unser Land präsentiert und Menschen im Schleppnetz fängt.

Was, wenn sie an die Macht kämen? Was, wenn wir den Moment verpassen würden, noch aktiver gegen das Alternativlose in ihren Ansichten vorzugehen? Was, wenn wir in einigen Jahren mit verwunderten Augen auf ein Land blicken, das auf der Strecke der Geschichte den Rückwärtsgang eingelegt hat? Was, wenn wir unterschätzen, welches Ausmaß von Zerstörung schon heute an den Grundfesten unserer Demokratie rüttelt? Es ist extrem bitter zu erkennen, dass meine Ängste die Hoffnungen einer großen Zahl von Menschen sind. Menschen, die in meinem Umfeld leben und auf den Punkt warten, an dem wir alle nicht wachsam genug sind. Was ist, wenn man einen Roman liest, dem ein solches Szenario zugrunde liegt? Ein Roman, der aus der nahen Zukunft zu seinen Lesern spricht. Aus einer Zeit nach der Zerstörung der Demokratie. Einer Zeit, in der der Machtwechsel vollzogen ist, man auf den Trümmern der Vergangenheit die Diktatur errichtet hat, die sich so deutlich abgezeichnet hat? Dann muss man einfach lesen.

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Cécile Wajsbrot ist es gelungen, mit Zerstörung eine Dystopie zu verfassen, die in der Konstruktion eine zeitlose Relevanz erlangt. Das gelingt durch ein Höchstmaß an Anonymität in den Rahmenbedingungen ihrer Geschichte. Konkret wird sie nur selten und genau das lässt uns den Spielraum, den wir benötigen, um das Horrorszenario auf unsere Gesellschaft zu übertragen. Konkret ist Paris als Schauplatz. Das war es schon. Was sich genau zugetragen hat, wie es sich entwickelte und wann es wirklich begann, ist nicht erkennbar. Fest steht, dass sich Frankreich in einer Diktatur befindet. Konkret zu erkennen sind die Einschränkungen, die der Bevölkerung auferlegt sind und aus all diesen Fakten lässt sich ein erstes Mosaik einer Ideologie ableiten, die das Leben der Menschen in klare Bahnen lenkt.

Und diese Einschränkungen machen das Leben der anonymen Protagonistin zur Qual. Sie, die ihr ganzes Leben dem Lesen und Schreiben gewidmet hatte, findet sich in einem politischen System wieder, das ihr den Lebensraum raubt. Nichts ist mehr so, wie vor der Machtergreifung der (ebenso anonymen) Diktatoren. Jede Einschränkung ist ein Schlag in ihre intellektuelle Magengrube.

* Bücher werden konfisziert,
* das Schreiben wird verboten,
* die Kultur erfährt einen inhaltlichen Bildersturm,
* seichte Unterhaltung wird zum Programm, echte Inhalte verschwinden,
* die Grenzen sind geschlossen,
* Pflicht-Apps machen soziale Medien zum überwachten Raum,
* die freie Meinungsäußerung ist abgeschafft,
* die Vergangenheit hat ausgedient,
* alles, was älter ist, als 10 Jahre ist zu vernichten
* dazu gehören Familienfotos, Briefe und persönliche Aufzeichnungen
* nur noch die Zukunft zählt,
* das Gedenken an die Opfer von einst wird abgeschafft,
* es gibt nur noch Sieger und Verlierer im System,
* die persönliche Vergangenheit jedes Einzelnen wird gelöscht,
* das Denken wird zerstört…

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

All ihrer Waffen beraubt, versucht sich die Liebhaberin der geschriebenen Worte an die Anfänge zu erinnern. Sie sieht die Zeit vor sich, in der die Dialoge in den sozialen Medien zusehends hasserfüllter wurden, in der Fakenews die Welt eroberten und sich Parolen Raum verschafften, mit denen den ewig Gestrigen der Kampf angesagt wurde, und von der Chance derer die Rede war, die bis jetzt keine Zukunft hatten. Sukzessive breitete sich das neue Denken aus. Der Freundeskreis schrumpfte, Kommunikation in jeder Form wurde zum Wagnis und die Menschen um sie herum waren zufrieden, weil die Zeit so unterhaltsam war. Theater dienten nur noch dem Seichten, im TV sah man nur noch die Berieselung fürs Volk und die Restaurants waren gut gefüllt. Erst als man am eigenen Leib spürte, was es bedeutet, der eigenen Vergangenheit zu entsagen, ist die Stimmung in eine allmächtige Tristesse gekippt. Was dagegen tun? Wie agieren?

Hier kommt ihre Stimme ins Spiel. Wenn die „Weiße Rose“ keine Flugblätter gehabt hätte, wie hätte der Widerstand ausgesehen? Was kann man tun, wenn man sich nicht mehr mit geschriebenen Worten wehren kann? Wen erreicht man? Hier kommt ihr eine Aufforderung einer Gruppe anonymer Widerständler als greifbare Alternative vor. Man muss sich mit der Stimme wehren. Sie sei ausgewählt. Einen Sound Blog sollte sie mit ihren Erlebnissen füllen. Geheime Aufnahmen, die ausgestrahlt würden. Gegengewicht zur Zensur des geschriebenen Wortes. Verbindlich, konkret, die Zusammenhänge und Konsequenzen beschreibend. Und so beginnt sie schließlich zu sprechen. So bekommt sie das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie fühlt sich einem Netzwerk zugehörig und denkt, auf diese Art und Weise, ihren Beitrag zur Befreiung des Landes leisten zu können.

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Diese Dystopie ist wie ein Manga-Comic. Die Gesichter sind nur konturiert, lassen in jeder Hinsicht jedoch den Freiraum, das Szenario mit der selbst empfundenen Realität zu füllen. Man erfährt nichts über die Ideologie der Diktatur, der Widerstand bleibt fast unsichtbar. Die Umgebung verschwimmt in der Anonymität und so bleibt eine Dystopie, die ihre Leser mit jedem Satz in die eigene Welt katapultiert. Hier ist kein Platz, um zu behaupten, das sei an den Haaren herbeigezogen, leben wir doch heute in einer Welt der Symptome, die Cécile Wajsbrot in der Phase vor der Zerstörung beschreibt. Hier geht es um die Angst jedes Einzelnen, das Momentum zu verpassen, in dem man noch etwas hätte verhindern können. Das ist ein großer französischer Roman, der unter dem Eindruck der Gelbwesten-Bewegung entstand, und die Französische Revolution in ihrer radikalen Form einer Volkserhebung tief verinnerlicht hat. Paris mit der eigenen Stimme zu befreien, was für eine Idee. Was für eine Motivation.

Dieser Roman steht für begeistertes und erschrockens Lesen. In der Anonymität der Rahmenbedingungen liegt seine Stärke. Niemand wird dieses Buch lesen und dann einer Diskussion auf Facebook zu Umweltthemen, Rechtsradikalismus, der Leugnung des Holocaust oder Corona-Disputen folgen, ohne an Cécile Wajsbrot zu denken. Im Hier und Jetzt fühlen wir die zerstörerischen Tendenzen ihres Romans. Wir werden im tiefsten Inneren an den Wurzeln unserer Wertvorstellungen gepackt. Wir schauen uns unsere kleine Welt an und hinterfragen, was sie ohne Erinnerung wert wäre. Was sie uns noch bedeuten würde, wenn alles, was älter als zehn Jahre ist, nicht mehr greifbar wäre. Selten hat ein Roman eine solche Aktualität durch die Auslassung konkreter und kritisierbarer Fakten erreicht. „Zerstörung“ ist ein Weckruf, der lange nachhallt.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Genau diese Stärken wurden dem Buch im „Literarischen Quartett“ angekreidet. Es sei „so wahnsinnig unkonkret“, „seltsam unpolitisch“ und nur als „Angstpsychose“ zu verstehen. Hier griff die Diskussion für mich zu kurz. Es ging kaum noch darum, Leser für ein Buch zu begeistern oder sich über dessen Relevanz auszutauschen. Für mich ging es lediglich darum, wer seine Meinung eloquenter formulieren kann. Das geht am Ziel eines solchen Formates vorbei. Selten habe ich beim Lesen so gelitten, selten hat mich ein Buch so bewegt und in der Realität nicht mehr losgelassen. Als Redakteur von „Literatur Radio Hörbahn“ habe ich mich gefragt, was meine Sound-Blog-Beiträge heute bewegen oder verändern könnten. Die Poly-Anonymität und die Vagheit dieser Dystopie sind die Schlüssel zu ihrem Erfolg. Und das in einer Zeit, die ganz zufällig in einer virusbedingten Isolation verhaftet ist, die der Ansteckungsgefahr mit vergifteten Ideen in „Zerstörung“ so sehr entspricht. Aber hören Sie selbst. Mein PodCast zum Buch.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Die Rezension fürs Ohr - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot – Die Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt…

Gäbe es etwas an diesem Roman zu kritisieren, dann vielleicht die Tatsache, dass es sich um ein Buch handelt. Was wäre das für ein Hörbuch. Wie intensiv könnte die Gänsehaut sein, den Sound Blog quasi als Ohrenzeuge zu erleben. Wie intensiv wären wir an die Stimme einer Frau gefesselt, die ihre geschriebenen Worte zu den Akten legt und sich hörbar neu erfindet. Vielleicht wird ein Hörbuchverlag auf das Werk aus der Feder von Cécile Wajsbrot aufmerksam. Vielleicht geht auch der Wallstein Verlag den neuen Weg angesichts der zeitlosen Dimension dieses Werks.

Zerstörung von Cécile Wajsbrot - Astrolibrium

Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Dieses Logbuch in Tönen wäre ein herausragender moralischer Kompass für all jene, die einen Leitfaden für Widerstand in einer Diktatur suchen. Die Autorin hat für diese Form des Widerstands die Metapher eines Leuchtturms treffend verwendet. Das Lichtsignal bestreicht das ganze Land. Nicht alles wird erhellt, aber es kommt und geht regelmäßig. Es zeigt Gefahrenzonen auf und verhindert Tragödien. Ein einzelner Leuchtturm reicht nicht aus. Sie sind Teil einer Gruppe. Für Cécile Wajsbrot befindet sich der bedeutendste Leuchtturm inmitten von Paris. Ich sah das Lichtsignal von der Spitze des Eiffelturms. Ich glaube an seine Macht…

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Zerstörung von Cécile Wajsbrot

Ein Nachtrag:

Die Dystopien von einst scheinen uns einzuholen. Sie werden in der Tradition von George Orwell und Ray Bradbury heute fortgesetzt von Autoren und Autorinnen, denen es darum geht, uns wachzuhalten. Das beste Beispiel ist hier „Zerstörung“ von Cécile Wajsbrot. Ich würde dieses Buch im Buchhandel neben „Fahrenheit 451“ dekorieren und Lesern die Chance eröffnen, sich diesen sozialkritischen Zukunftsszenarien noch intensiver zu nähern. Moralische Wegweiser und Frühwarnsysteme in dieser Qualität gehören zu den Ausnahmeerscheinungen auf dem Buchmarkt. Ich halte sie für extrem relevant. Hier geht´s zur brandaktuellen Buchvorstellung

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury - Astrolibrium

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

„Der Mann im Leuchtturm“ von Erik Valeur

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Stets unverrückt, derselbe Jahr um Jahr,
Manch’ bösen Sturm, manch’ finst’re Nacht hindurch.
Unlöschbar prangt er in der Flammenburg,
Dem ew’gen Lichte gleich vor dem Altar.

Longfellow

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Schönere Worte lassen sich kaum finden, wenn es darum geht, Leuchttürme zu beschreiben. Kontinuität, lebenswichtige Wegweiser und Orientierungshilfen. Einfach Fixpunkte, die in stürmischen Zeiten dafür sorgen, dass man das tosende Meer wieder hinter sich lassen kann um in den sicheren Hafen einzulaufen. Mein Leuchtturmlesen steht als kontinuierliches Projekt genau für diese Stabilität in unruhigen Zeiten. Ich lebe gerne für eine bestimmte Zeit auf einem Leuchtturm und lasse die Stürme an den Ufern meiner kleinen Leseinsel anbranden. Und da ich stets auf der Suche nach Büchern bin, die sich diesen ewigen Lichtzeichen verschreiben, darf es auch nicht überraschen, den aktuellen Roman von Erik ValeurDer Mann im Leuchtturm“ hier zu finden. 

Ich habe Leuchttürme in der Literatur in ihrer metaphorischen Ebene immer auch als Rückzugsgebiete für diejenigen empfunden, die hier leben, das Leuchtfeuer am Leben halten und anderen auf hoher See durch die Signale Halt geben. Ein einsames und zurückgezogenes Leben im engen Rund eines Außenpostens der Menschheit. Ich liebe die Vorstellung, während des Lesens selbst zum Leuchtturmwärter zu werden, in jeder Beziehung der Hektik des Alltags zu entfliehen und doch eine sinnvolle Aufgabe erfüllen zu dürfen. Und ich liebe gute Geschichten, die sich um diese Fixpunkte ranken.

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Nicht umsonst hat Erik Valeur den Schauplatz seines aktuellen Krimis auf einem Leuchtturm angesiedelt. Er vereint die Abgeschiedenheit des Protagonisten mit allen szenischen Aspekten, die man von einem Skandinavien-Roman erwarten darf. Er lässt seine Leser in der Einsamkeit der Küste Dänemarks auf einen seltsamen Kauz stoßen, der sich für sein Eremiten-Leben einen Leuchtturm ausgesucht hat. Viggo Larssen ist nicht leicht zu fassen, seine Tage verlaufen geruhsam und geregelt. Er ist der einsame Leser auf einer Bank vor dem Leuchtturm auf der Insel Røsnæs. Was sich nur langsam entwickelt, ist ein vielschichtiges Mosaik, das zu keinem Zeitpunkt ahnen lässt, welches Bild die einzelnen Steine am Ende ergeben werden.

Ebenso, wie man sukzessive Details aus Viggos Vergangenheit erfährt, erlebt man im entfernten Kopenhagen das Verschwinden einer alten Dame aus einem Pflegeheim. Nichts verbindet den Leuchtturm mit der Hauptstadt und doch spürt man, dass hier alle Fäden zusammenlaufen werden. Die Frau bleibt verschwunden. Spurlos. Lösegeld wird nicht gefordert, was bei einer Entführung zu erwarten wäre. Denn, dass ein Verbrechen hinter ihrem Verschwinden steckt, muss man ja vermuten. Schließlich ist sie die Mutter der beiden mächtigsten dänischen Politiker. Palle und Poul Blegman. Während man im Trüben fischt bei der Polizei, die Presse immer lauter die Unfähigkeit der Ermittler in die Welt schreit, dreht Erik Valeur sein Kaleidoskop aus Perspektivwechseln, Zeitsprüngen und Erinnerungsfetzen so lange, bis wir Zusammenhänge erkennen.

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Die Mosaiksteinchen, die wir nun berühren tragen die Aufschrift Schuld, Verlust, Vergangenheit und Scham. Sie deuten auf eine Vielzahl von Katastrophen hin, die im Leben von Viggo Larssen um sich gegriffen haben. Katastrophen, die ihn zu dem Mann gemacht hatten, der hier versucht, dem Unfassbaren auf die Spur zukommen. Dass der Leuchtturm nicht zum Refugium seiner letzten Lebensphase wird, erkennt er sofort, als er vom Verschwinden der alten Frau Blegmann erfährt. Wer an dieser Stelle denkt, es mit einem normalen sachlich/faktisch aufgebauten Krimi zu tun zu haben, der sieht sich schnell getäuscht. Valeur platziert mit Malin eine mysteriöse Frau ins Herz des Buches und macht sie zu den Augen und Ohren seiner Leser. Sie folgt scheinbar einer Mission. Sie taucht plötzlich an der Küste auf. Sie beobachtet Viggo Larssen, bricht bei ihm ein und liest für uns in den Zeugnissen seiner Vergangenheit und den Briefen, mit denen er versucht, in dieser schweren Situation seine Dämonen zu beherrschen.

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Selten habe ich so lange drüber gerätselt, in welche Richtung sich die Handlung des Romans entwickeln würde. Zu viele falsche Fährten sind gelegt. Zu viele Andeutungen verleiten dazu, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Dabei ist es so klar. Es ist so augenscheinlich und doch so gut verborgen. Ein gelbes Stück Plastik, ein Vogelkäfig und ein altes Exemplar von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“, ein Friedhof und Verbrechen, die in der Vergangenheit angesiedelt sind. All diese Mosaiksteine in meiner Hand sah ich deutlich vor mir. Nur ganz am Ende war es möglich, sie zu einem schlüssigen Bild zu formen, das keine Fragen offenließ. Es lohnt sich, an die dänische Küste zu reisen. Es lohnt sich, im Leuchtturm einzuziehen und die dichte Atmosphäre eines spannenden Romans aufzusaugen.

Ein Roman, der sich aus meiner Sicht nicht als Thriller oder Krimi greifen lässt, weil Erik Valeur der Rezeptur dieses Spannungsmenüs ein paar Zutaten beigibt, die ich nicht erwartet hätte. Nennen wir es mystische Vorahnung, Verheißung oder Traum. Die Offenbarungen aller Geheimnisse aus der Vergangenheit mögen mysteriös wirken, in Wirklichkeit jedoch gehen sie Hand in Hand mit Malin, die diesen Roman auf eine ganz besondere Ebene hebt. Hier mündet alte Schuld nicht in ziellose Rache. Es gibt keinen Gewinner in „Der Mann im Leuchtturm“. Nur uns. Die Leser.

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - AstroLibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Vielleicht legt ihr die „Wächter der See“ neben diesen Roman. Hier könnt ihr euch den passenden Leuchtturm aussuchen, einziehen und die Gedanken schweifen lassen. Kein Leuchtturmlesen ohne dieses Standardwerk.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

„Die Sterne gab es schon vor den Menschen. Sie schienen einfach immer weiter, was auch geschah… Genauso ist für mich der Leuchtturm hier. Ich stelle ihn mir als Splitter eines Sterns vor, der auf die Erde gefallen ist. Er leuchtet, unabhängig von den Umständen: Sommer, Winter, Unwetter, Sonnenschein. Darauf kann sich der Mensch verlassen.“

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Leuchttürme. Wundervolle Metaphern für Rückzugsgebiete, Abgeschiedenheit und Wegweiser für Menschen in Not, die auf hoher See Gefahr laufen, an den Klippen des Festlandes zu zerschellen. Dieses Licht in dunkler Nacht ist viel mehr als ein Kompass im Sturm. Es ist gleichzeitig Verheißung eines sicheren Heimwegs und Navigationshilfe für die gefahrlose Orientierung auf unseren Weltmeeren. Und doch bergen Leuchttürme eine große Gefahr für jene Menschen in sich, die für dieses Licht verantwortlich sind.

Ein Leuchtfeuer erhellt nicht die Insel, auf der sich ein Leuchtturm befindet. Wenn der Leuchtturmwärter selbst nach Orientierung und Fixpunkten im Leben suchte, war er auf die eigene Charakterstärke, die Fähigkeit zum Leben in Einsamkeit und die stoische Ruhe im Bewältigen des eintönigen und fast schon automatisierten Alltags angewiesen. Kein Leben, in dem sich jeder zurechtfindet, aber in besonderen Situationen wohl einer der ganz wenigen Berufe, die alleine durch ihre lichtdurchflutete Präsenz lebensrettend sind.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Ich träume oft davon, auf einem Leuchtturm zu leben. Ich sehe stürmische Nächte, meterhohe Wellen und deren Gischt, die an meinen Felsen anbrandet. Ich genieße die Sicherheit in den festen Mauern des Hauses neben dem Leuchtturm und zelebriere die Routine, mit der Abend für Abend zur Nacht hin jenes Leuchtfeuer entzündet wird, sein rotierender Widerschein seine Signalwirkung entwickelt und das Logbuch des Wärters jede Unregelmäßigkeit auf hoher See verzeichnet. Hier würde ich gerne lesen. Hier ist jeder Tag so scharf umrissen, wie der folgende und doch gleicht kein Tag dem anderen. Hier sollte meine Bibliothek stehen. Auf meiner Insel. Hier sehe ich mich oft.

Ebenso gerne lese ich Romane, die auf Leuchttürmen angesiedelt sind. Tauche in Geschichten ein, in denen Leuchtfeuer eine wesentliche Rolle spielen und identifiziere mich gerne mit jenen Menschen, die sie bewohnten. Leuchtturmlesen“. Unter dieser Überschrift findet man in der kleinen literarischen Sternwarte alle Bücher, die ich in den zurückliegenden Jahren zu diesem Thema entdeckt und gelesen habe. Einzig ein Buch über diese Gebäude an sich fehlte mir noch. Einzig ein umfassendes Werk, das mir die Geschichte der Leuchttürme selbst offenbaren würde, hatte ich bislang nicht gefunden. Da ich mein Lesen im wahrsten Sinne des Wortes zelebriere, träumte ich oft davon ein solches Buch aufzuschlagen, in ihm zu versinken und mit ihm auf strahlende Lesereise gehen zu können    

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Manchmal werden Träume wahr…

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant, erschienen im DuMont Buchverlag, wirft seit einigen Tagen sein helles Licht auf meinen Sekretär. Es wirkt wie die Mutter aller Leuchtturmbücher und schart die Werke um sich, die mein Lesen mit den realen Lichtzeichen und ihrer facettenreichen Geschichte verbinden. Ich wollte es zuerst kaum glauben, dass diese Neuerscheinung die Erscheinung sein sollte, auf die ich so lange gewartet hatte. Doch schon ein erster Blick auf den großformatigen Band reichte bereits aus, um mich restlos davon zu überzeugen, dass ich den Wächter meines Lesens endlich gefunden hatte. Und da Leuchttürme (zumindest für mich) keine Sachen sind, ist dies auch kein Sachbuch. Das ist Buchstoff, aus dem die Träume sind.

„Wächter der See“. Was für ein gelungener Titel für ein Buch, das sein Licht auf jene Gebäude wirft, die seit Menschengedenken zahllose Leben gerettet und Katastrophen verhindert haben. Der Autor muss sich der Bedeutung dieses Werks bewusst gewesen sein, bevor er die ersten Zeilen verfasste. Liebevoll und ehrfürchtig nähert er sich dem zeitlosen Thema, spannt den historischen Bogen vom Aufstieg der Leuchttürme bis hin zu ihrer immer weiter schwindenden Bedeutung durch moderne Navigationsgeräte. Wo GPS beginnt, endet das Leuchten über dem Meeresspiegel.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Was in Ägypten mit dem Leuchtturm Pharos von Alexandria als eines der sieben Weltwunder begann erlebte zur Mitte des 19. Jahrhunderts einen Paradigmenwechsel. Automatisierung, die globale Ausstattung der Leuchttürme mit Funk und die ersatzlose Streichung der Menschen, die auf ihnen lebten, machten die Leuchtfeuer von einst zu hochtechnisierten Navigationsbausteinen eines immer komplexer werdenden Systems. Einige wenige Leuchttürme wurden trotz Radar und GPS sehr lange als nicht ersetzbar angesehen. Und doch sind die Leuchttürme von heute zumeist nur noch die Denkmäler und Relikte von einst. Nostalgisch, überholt, ihrer Bedeutung beraubt. Diese Hommage an die wohl wichtigsten Bauwerke ihrer Zeit berührt sowohl emotional als auch fachlich. Wie hat sich die Technik entwickelt, wie konnte man das Licht so weit sichtbar machen und wie lebte man auf diesen Vorposten des Festlandes? All diesen Fragen geht Grant auf den Grund.

Was er uns damit in die Hände legt ist ein absolutes Buchkunstwerk mit zahllosen historischen Illustrationen, Konstruktions- und Risszeichnungen, Bauplänen und Fotos. Es fühlt sich an, als würde man in einen Leuchtturm einziehen, wenn man das Buch in allen Facetten aufnimmt. Es fühlt sich an, als wäre man der neue Leuchtturmwärter auf dem Weg zum Ort seiner Bestimmung. Was R.G. Grant erzählt ist viel mehr, als nur die Geschichte der Leuchttürme. Er berichtet vom Leben der Menschen, für die sie Heimat wurden. Er setzt ihnen unter der Überschrift „Hüter des Lichts“ ein bleibendes Denkmal und niemand, der dieses Buch gelesen hat, wird jemals einen Leuchtturm emotionslos als reines Bauwerk betrachten.

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

Das gold-geprägte Licht auf dem Einband der herausragenden DuMont-Ausgabe wird mich zukünftig begleiten. Ihr werdet dieses Buch immer dann bei mir entdecken, wenn ich von Leuchttürmen lese, wenn mich meine Reise über die Wellenkämme der Weltmeere peitscht und wenn mein „Lesejahr des Wassers“ an eure Ufer brandet. Es ist Hüter und Wegweiser zugleich und zählt schon jetzt zu einem der größten Schätze meiner kleinen literarischen Sternwarte. Besucht mich auf allen Inseln meines Lesens. Findet das Licht auf dem Bishop Rock, auf Janus Rock oder in Montauk. Glaubt keinen anderen Signalen, vergesst das GPS, misstraut dem Radar. Bleibt auf Empfang, bis ihr mein Leuchtfeuer seht, das euch in den sicheren Hafen im Büchermeer bringt.

Stets unverrückt, derselbe Jahr um Jahr,
Manch’ bösen Sturm, manch’ finst’re Nacht hindurch
Unlöschbar prangt er in der Flammenburg,
Dem ew’gen Lichte gleich vor dem Altar.

Longfellow

Wächter der See – Die Geschichte der Leuchttürme von R.G. Grant

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(Off-Topic) Was man aus Briefromanen lernen kann

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann

Wohin nur mit meinen Gefühlen? Wohin nur mit Tiefgang und Inspiration? Wohin mit all den Worten, die man einem geliebten Menschen sagen möchte? Antworten auf diese Fragen tragen in unserer schnelllebigen Zeit recht skurrile Namen, die in ihrer eigenen Verkürzung auch das Wesen unserer Kommunikation charakterisieren. E-Mail, SMS, WhatsApp oder Chat. Zauberworte ständiger Erreichbarkeit und gleichzeitig auch Zeichen brennender Erwartungshaltung, weil man an der Lesebestätigung sieht, wann der Adressat die Nachricht gelesen hat. Und von diesem Moment an beginnt man, die Sekunden bis zur ersehnten Antwort zu zählen. Und wehe, sie kommt nicht verzugslos.

Darüber hinaus passt man sich mit seinem Inhalt diesen neuen Medien an. Vieles wird auf Weniges heruntergebrochen, abgekürzt, mit Auslassungen versehen oder ganz weggelassen, weil einfach der Platz nicht reicht. Die Kreativität erleidet Schiffbruch und die Zeit für eine langsame Annäherung fällt dem virtuellen Tempo des Schreibens zum Opfer. HdL ist da manchmal schon das Höchste der Gefühle. Elektronische Zeichen im automatischen Korrekturmodus befreien uns vom Anspruch der gestochenen Präzision in Formulierungen, die Brücken schlagen und Herzen erobern sollen.

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann – Eine Liebe über dem Meer

Es ist hier wie in der digitalen Fotografie. Das Foto ist sofort abrufbar. Warum sollte man sich also bemühen. „Der Film ist bald voll“ – eine Warnung aus der Vergangenheit. Neugier und Staunen gehen verloren, weil sich Bilder nicht mehr entwickeln müssen. In einem Augenblick wird der Schnappschuss zum Abbild unseres Seins. Schnappworte sind es dann auch nur, die wir uns in Kurzform um die Ohren hauen. Es vergeht keine Zeit mehr, bis eine Nachricht ihren Empfänger erreicht. Es vollziehen sich keine Rituale mehr, weil man es nicht mit den guten alten handschriftlichen Briefen zu tun hat, denen früher sogar der Duft der Angebeteten anhaftete. Von liebevollen Verzierungen einmal ganz abgesehen.

„Ihre Briefe ließen sie zu den Menschen werden, die sie sein wollten.“

Das ist die Magie. Das ist der Zauber unseres Schreibens. Vielleicht ein Zauber, der immer mehr verlorengeht und in der „Verfloskelung“ eilig aneinandergereihter Worte ein Stadium erreicht hat, das unsere Gefühle unbeschreiblich macht. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich sitze noch gerne stundenlang über meinen handschriftlichen Zeilen. Ich bin bemüht, ihnen durch mein Schriftbild einen Charakter zu verleihen, der für sich spricht ohne etwas gesagt zu haben. Mein Gegenüber soll fühlen, dass ich nicht in Eile war, ich es ernst meine und nicht zwischen Tür und Angel nach schnellen Worten gesucht habe, die nur Platzhalter für das Unausgesprochene sind. Wer diesen Zauber des Moments in seinem eigenen Leben vermisst, wer ihn spüren möchte oder wer sich sehnsüchtig auf die Suche nach dem großen Geheimnis bedächtig ausgetauschter Worte macht, der ist bei Jessica Brockmole an der richtigen Adresse. In ihrem Briefkasten schlummert der Zauber einer Faszination, die nur Handschriftliches erzeugen kann.

Eine Liebe über dem Meer – Jessica Brockmole – Was man aus Briefromanen lernen kann

Letters from Skye ist der Titel des wohl meistunterschätzten Romans der letzten Jahre, woran zumindest hierzulande der Titel Eine Liebe über dem Meereinen Teil der Schuld trägt. Was schnulzig daherkommt und in der Covergestaltung mehr als klar macht, dass Männer besser einen weiten Bogen um diesen Roman machen sollten, ist eine unfassbar tief angelegte Charakterstudie zweier Menschen, die in ihren Briefen zu den Menschen wurden, die sie sein wollten. Briefe von Kontinent zu Kontinent. Worte in einer Tiefe, die den Ozean verspottet. Sätze von zeitloser Schönheit in einer Zeit, die im weltumspannenden Schrecken des Ersten Weltkrieges eine Gefühlsstarre auslöste, die der Unmenschlichkeit späterer Kriege den Weg ebnete.

Und doch gab es diese eine Insel in der schottischen See. Ein Biotop der Emotion. Skye. Hier lebt Elspeth Dunn, eine Dichterin, die sich als ungelesen empfindet. Für sie gleicht es einem Wunder, einen Brief aus Urbana, Illinios zu erhalten, in dem ein junger Mann namens David Graham seine tief empfundene und aufrichtige Bewunderung für ihre Gedichte zum Ausdruck bringt. Sein erster Brief ist der Beginn einer Freundschaft, aus der sich von Wort zu Wort, von Satz zu Satz in einer spielerischen Leichtigkeit und geprägt von emotionaler Offenheit eine Liebe entwickelt, die sprachlos macht. Elspeth schreibt zart, humorvoll, spontan und jedes Wort bringt eine Saite auf der anderen Seite des Ozans zum Schwingen.

Da draußen gibt es irgendetwas für Sie.
Geben Sie die Hoffnung nicht auf. Sie werden es finden.

 Schon bei diesen Worten ahnt sie, dass sie sich selbst damit meint…

Eine Liebe über dem Meer – Jessica Brockmole – Was man aus Briefromanen lernen kann

Die Entfernung lässt klein erscheinen, was doch wahrhaft gewaltig ist. Worte sind in der Lage, zu vereinen, was unvereinbar scheint. Und doch türmen sich Probleme auf, die alles zerstören können. Der Erste Weltkrieg tobt sich aus, Elspeth ist alles, nur nicht ledig und David stellt sich in den Dienst seines Landes und überquert den Ozean. Wird die erste wahrhafte Begegnung die gewechselten Briefe bestätigen? Was macht dieser Moment aus zwei Menschen, die sich noch nie gesehen haben? Und wie geht der Rest der Welt mit dieser Liebe um? Jessica Brockmole umschifft jede verkitschte Klippe und entfaltet eine Geschichte auf zwei Zeitebenen, die uns zu Zeitzeugen einer wundervoll beginnenden Liebe werden lassen. Aber auch zu Zeugen ihres plötzlichen Endes…

Als die Tochter der Dichterin im Zweiten Weltkrieg auf die Briefe ihrer Mutter stößt, begibt sie sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Absender aus Amerika. Seine Worte lassen immer noch erahnen, welcher Emotionstaumel zwanzig Jahre zuvor das Leben ihrer Mutter aus der Bahn geworfen hatte. Gut nur, dass sie ihre Mutter mit dem Briefwechsel von einst konfrontieren kann und mehr als nur einem großen Geheimnis auf die Spur kommt. Dieser Briefroman ist mehr als nur ein Liebesbeweis an die Macht des geschriebenen Wortes. Es ist ein grandios recherchierter Kriegsroman, der zeigt in welchen Situationen sich Lebenswege entscheiden. Es ist eine psychologisch brillante Erzählung, aus der man viel für sein eigenes Schreiben lernen kann.

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann

Briefe sind nicht unbedacht zu schreiben. Sie überdauern die Zeit und doch bleiben sie zumeist auf ewig voneinander getrennt. Den wahren Briefwechsel kennen nur zwei Menschen. Und das sollte so bleiben. Wenn Briefe jedoch so geschrieben werden, wie es das Gegenüber verdient hat, dann lässt sich auch im Lesen der Briefe auf der einen Seite des Gefühlsozeans die Dimension der Liebe ermessen, die auf der anderen Seite so lebenswichtig war. Ich hoffe, dass dies mit meinen Briefen gelingt. Ich wünsche mir, dass sie auch später noch Zeugnis ablegen können von Gefühl, Hoffnung, Zweifel und der puren Lust am Leben. Aus einem rekonstruierten Chatverlauf oder mit einer Reihe von E-Mails oder SMS würde dies nicht gelingen. Nur auf dem Papier bleiben die beim Schreiben vergossenen Tränen lebenslänglich sichtbar… Und weit darüber hinaus.

Daraus können wir lernen, wem wir wie und was schreiben. Wir sollten uns dabei vielleicht in die Vergangenheit zurückversetzen, uns vom hohen Erwartungsdruck der sofortigen Antwort befreien, sondern dem Gegenüber ebenso viel Zeit einräumen, um seine Worte zu finden. Ich stelle mir vor, ich schriebe meine Briefe auf der Insel Skye. Ich stelle mir den langen Postweg vor und denke mich an einen ruhigen Ort im Hafen, um auf das Postschiff zu warten. Und dann stelle ich mir meine unendliche Freude vor, die ich empfinde, wenn ich an der Handschrift und dem Inhalt des Briefes erkenne, wie sehr ich erkannt wurde.

Off-Topic – Briefe, die das Leben verändern können…

Schreiben Sie mir, oder ich sterbeist in seiner gebundenen Form und als Hörbuch ein bewegendes Beispiel, wie Liebesbriefe die Zeit überdauern können. Briefe, die nie für unsere Augen bestimmt waren, aber eben auch Briefe, für die sich die prominenten Absender niemals schämen mussten, weil sie mit ihren Worten Menschen zum Fliegen brachten. Und jetzt schreibe ich einem Herzensmenschen ein paar Zeilen. Mögen auch sie die Zeit überdauern.

Sicher fallen euch jetzt viele Briefromane ein, die euren Lebensweg gekreuzt haben und viele davon werde ich gar nicht kennen. Ich bin für jeden Tipp dankbar, da ich mich oft danach sehne, in den Briefen anderer Menschen einzutauchen und ihnen durch die Zeit zu folgen. „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“ von Constanze de Salm handelt von einem handschriftlichen Monolog. Hier schreibt die Protagonistin an sich selbst. Eifersucht findet ihr Ventil in unbeantworteten Briefen. Lesenswert.

Leuchtturm-Bücher bei AstroLibrium – Eine Leseinsel

Leuchtturm-Bücher – Eine besondere Leseinsel bei AstroLibrium.

„Als das Meer uns gehörte“ von Barbara J. Zitwer

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

„Aber ein schlechter Tag auf See ist besser, als der beste Tag an Land.“

Alles beginnt im Wasser, alles endet im Wasser. Der Kreislauf des Lebens definiert sich durch ein Element, das unseren Erdball und uns selbst dominiert. Lesenslang sind es den Ozeanen gewidmete Romane, die Generationen von Lesern das Gefühl geben, in einem Boot zu sitzen. Urgewalten und unerforschte Tiefen ziehen uns dabei ebenso an, wie die geheimnisvollen Lebewesen der Meere. Was in meinem Lesen mit „Moby Dick“ begann und sich im „Salz für die See“ und der Irrfahrt mit Kurs „Nordnordwest“ fortsetzte, zieht mich immer wieder magisch an, wenn ich lesend in See stechen kann.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer, erschienen bei rütten und loening, erregte in mehrfacher Hinsicht meine Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt einen Jungen, der in direkter Nähe eines tauchenden Wals völlig unbefangen zu schwimmen scheint. Ein Bild, das nicht bedrohlich wirkt, sondern viel mehr den Buchtitel widerspiegelt. Eine erste Information zum Schauplatz der Handlung, erfüllte mich mit der Hoffnung, erneut einen Roman in der Reihe meiner Lebensleseserie Leuchtturm-Literatur gefunden zu haben.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Montauk auf Long Island, nicht nur bekannt durch seine Nähe zu New York, sondern eben auch wegen des Wahrzeichens dieses Küstenstreifens, dem Montauk-Lighthouse und damit ein Buch, das ich gerne einreihen wollte in die Leuchtfeuer-Geschichten des Lesens. Romane, die auch in dunkler Lesenacht Orientierung bieten. Rettung aus tiefer Lese-Seenot garantieren. Ich wurde nicht enttäuscht. Weder vom Schauplatz, noch von der meeres-affinen Grundstimmung des Romans, und ganz bestimmt nicht vom Inhalt.

„Hier passiert die ganze Zeit so viel… Hier wird einem nie langweilig.“

Ein Zitat, das für einen ganzen Roman steht. Facettenreichtum und die Erweiterung des Erzählraums auf die Weite des Meeres verwandeln eine gut erzählte Geschichte in eine Reise für Landratten und Seeleute. Montauk wird zur Metapher für die Flucht einer Frau, die das Leben völlig überraschend aus der Bahn wirft. Montauk wird zum Ziel der Neuausrichtung und zum Ankerpunkt bei höchstem Seegang und Montauk wird für uns Leser zu einem Idyll, zur Idealvorstellung von einer kleinen heilen Welt, in der Freunde und Nachbarn noch in ihren Rollen leben. Aber auch zum Sinnbild einer untergehenden Welt, die durch ihre Nähe zu New York im kommerziellen Strom zu versinken droht.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Tess Harding, Ehefrau, Mutter eines gehörlosen Sohnes und Schuhdesign-Workaholic steht von heute auf morgen am Scheideweg ihres Lebens. Wie aus dem nichts heraus wird ihr Ehemann getötet. Sinnlos. Grundlos, Schicksal. Ihr Leben besteht nur noch aus der Sorge um Robbie, der den Tod seines Vaters nicht verkraften kann. Zu intensiv war er auf ihn, den großen Musikproduzenten, fixiert, zu stark war die Prägung und zu viele Spuren hatte der Vater im Leben seines Sohnes hinterlassen, um im Alter von nur neun Jahren verkraften zu können, was nicht zu verkraften ist.

Tess Harding steigt aus! Nicht nur der Verlust des geliebten Partners, sondern auch die Begleitumstände, die langsam ans Tageslicht kommen, zermürben sie und die Welt versinkt in einen dunklen Nebel aus Vorwürfen, Zweifeln und Selbstvorwürfen. Montauk wird zum Fluchtpunkt. Ihr Onkel Ike, sein marodes Motel und die Landschaft, die Tess aus ihrer Kindheit kennt, versprechen Zuflucht und Schutz zu bieten. Nicht ohne innere Widerstände lässt sich auch Robbie auf diesen Umzug auf Zeit ein. Sein Trauma lässt sich jedoch auf gar nichts ein. Er verschließt sich.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Wer an dieser Stelle einen typischen Entwicklungsroman auf der Grundlage eines einschneidenden Erlebnisses erwartet, der wird sich nur in Teilen bestätigt sehen. Die neuen Lebensumstände erweisen sich natürlich als heilsam für die gepeinigten Seelen. Freunde, Nachbarn und die Familie geben Halt und die Autorin führt uns schrittweise in ruhigeres Fahrwasser. Die unverbrauchten und brillant verflochtenen Kernelemente der Geschichte heben sie jedoch vom Einerlei des Üblichen deutlich ab.

Da ist ein gehörloser Junge, der die musikalische Begabung des Vaters in sich trägt, Tuba spielt, die Vibrationen der Musik wie ein absolutes Gehör empfindet und nicht nur Gebärden beherrscht, sondern auch mittels seiner implantierten Hörgeräte am Leben teilhaben kann. Ein Junge, der verzweifelt gegen den Verlust kämpft, seiner Mutter die Schuld am Schicksal gibt und darin zu versinken droht. Da ist der Meeresbiologe Kip, der auf der Suche nach dem Wunder der Walgesänge die Küste von Montauk absegelt und in Robbie ein neues Wunder kennenlernt. Einen Jungen, für den die Melodie eines Wals kein Geheimnis zu sein scheint.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Da sind die Menschen von Montauk, die gegen den Untergang ihrer Stadt kämpfen. Da ist eine Stimmung von Neubeginn, von Aufbruch und Kampf auf scheinbar verloren geglaubtem Posten. Da ist die verzweifelte Mutter, die mehr verloren hat, als nur ihren Mann. Ein zusätzlicher Verlust, der ihr Selbstwertgefühl bricht. Und da ist die Natur, da ist ein Wal, der seine Kreise zieht, Lebensfreude versprüht, obwohl auch er bedroht ist. Ein Wal, der in aller Einsamkeit das Wunder des Lebens in sich trägt. Und da sind die Zufälle des Lebens, die daran glauben lassen, dass alles wieder gut werden kann.

Und da ist eine Autorin, die auf magische Art und Weise alle zusammenführt. Den Wal mit den Menschen, die Musik der Tuba mit dem Walgesang, die Melodie von Tod und Verlust mit dem Sound von Neuanfang, die Menschen miteinander und die große Unbekannte Hoffnung mit dem scheinbar Vorherbestimmten. Barbara J. Zitwer zaubert aus dem Abgesang eines Lebens eine brillante Symphonie des Neubeginns. Dabei ist die Melodie, in der sie erzählt, dramatisch, traurig, lebensbejahend, fröhlich, zweifelnd, komisch, exzessiv und tief in sich verschlossen zugleich. Diese Melodie hat alles, was große Kompositionen brauchen. Sie erreicht die Herzen.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer – Leuchtturmliteratur