(Off-Topic) Was man aus Briefromanen lernen kann

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann

Wohin nur mit meinen Gefühlen? Wohin nur mit Tiefgang und Inspiration? Wohin mit all den Worten, die man einem geliebten Menschen sagen möchte? Antworten auf diese Fragen tragen in unserer schnelllebigen Zeit recht skurrile Namen, die in ihrer eigenen Verkürzung auch das Wesen unserer Kommunikation charakterisieren. E-Mail, SMS, WhatsApp oder Chat. Zauberworte ständiger Erreichbarkeit und gleichzeitig auch Zeichen brennender Erwartungshaltung, weil man an der Lesebestätigung sieht, wann der Adressat die Nachricht gelesen hat. Und von diesem Moment an beginnt man, die Sekunden bis zur ersehnten Antwort zu zählen. Und wehe, sie kommt nicht verzugslos.

Darüber hinaus passt man sich mit seinem Inhalt diesen neuen Medien an. Vieles wird auf Weniges heruntergebrochen, abgekürzt, mit Auslassungen versehen oder ganz weggelassen, weil einfach der Platz nicht reicht. Die Kreativität erleidet Schiffbruch und die Zeit für eine langsame Annäherung fällt dem virtuellen Tempo des Schreibens zum Opfer. HdL ist da manchmal schon das Höchste der Gefühle. Elektronische Zeichen im automatischen Korrekturmodus befreien uns vom Anspruch der gestochenen Präzision in Formulierungen, die Brücken schlagen und Herzen erobern sollen.

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann – Eine Liebe über dem Meer

Es ist hier wie in der digitalen Fotografie. Das Foto ist sofort abrufbar. Warum sollte man sich also bemühen. „Der Film ist bald voll“ – eine Warnung aus der Vergangenheit. Neugier und Staunen gehen verloren, weil sich Bilder nicht mehr entwickeln müssen. In einem Augenblick wird der Schnappschuss zum Abbild unseres Seins. Schnappworte sind es dann auch nur, die wir uns in Kurzform um die Ohren hauen. Es vergeht keine Zeit mehr, bis eine Nachricht ihren Empfänger erreicht. Es vollziehen sich keine Rituale mehr, weil man es nicht mit den guten alten handschriftlichen Briefen zu tun hat, denen früher sogar der Duft der Angebeteten anhaftete. Von liebevollen Verzierungen einmal ganz abgesehen.

„Ihre Briefe ließen sie zu den Menschen werden, die sie sein wollten.“

Das ist die Magie. Das ist der Zauber unseres Schreibens. Vielleicht ein Zauber, der immer mehr verlorengeht und in der „Verfloskelung“ eilig aneinandergereihter Worte ein Stadium erreicht hat, das unsere Gefühle unbeschreiblich macht. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich sitze noch gerne stundenlang über meinen handschriftlichen Zeilen. Ich bin bemüht, ihnen durch mein Schriftbild einen Charakter zu verleihen, der für sich spricht ohne etwas gesagt zu haben. Mein Gegenüber soll fühlen, dass ich nicht in Eile war, ich es ernst meine und nicht zwischen Tür und Angel nach schnellen Worten gesucht habe, die nur Platzhalter für das Unausgesprochene sind. Wer diesen Zauber des Moments in seinem eigenen Leben vermisst, wer ihn spüren möchte oder wer sich sehnsüchtig auf die Suche nach dem großen Geheimnis bedächtig ausgetauschter Worte macht, der ist bei Jessica Brockmole an der richtigen Adresse. In ihrem Briefkasten schlummert der Zauber einer Faszination, die nur Handschriftliches erzeugen kann.

Eine Liebe über dem Meer – Jessica Brockmole – Was man aus Briefromanen lernen kann

Letters from Skye ist der Titel des wohl meistunterschätzten Romans der letzten Jahre, woran zumindest hierzulande der Titel Eine Liebe über dem Meereinen Teil der Schuld trägt. Was schnulzig daherkommt und in der Covergestaltung mehr als klar macht, dass Männer besser einen weiten Bogen um diesen Roman machen sollten, ist eine unfassbar tief angelegte Charakterstudie zweier Menschen, die in ihren Briefen zu den Menschen wurden, die sie sein wollten. Briefe von Kontinent zu Kontinent. Worte in einer Tiefe, die den Ozean verspottet. Sätze von zeitloser Schönheit in einer Zeit, die im weltumspannenden Schrecken des Ersten Weltkrieges eine Gefühlsstarre auslöste, die der Unmenschlichkeit späterer Kriege den Weg ebnete.

Und doch gab es diese eine Insel in der schottischen See. Ein Biotop der Emotion. Skye. Hier lebt Elspeth Dunn, eine Dichterin, die sich als ungelesen empfindet. Für sie gleicht es einem Wunder, einen Brief aus Urbana, Illinios zu erhalten, in dem ein junger Mann namens David Graham seine tief empfundene und aufrichtige Bewunderung für ihre Gedichte zum Ausdruck bringt. Sein erster Brief ist der Beginn einer Freundschaft, aus der sich von Wort zu Wort, von Satz zu Satz in einer spielerischen Leichtigkeit und geprägt von emotionaler Offenheit eine Liebe entwickelt, die sprachlos macht. Elspeth schreibt zart, humorvoll, spontan und jedes Wort bringt eine Saite auf der anderen Seite des Ozans zum Schwingen.

Da draußen gibt es irgendetwas für Sie.
Geben Sie die Hoffnung nicht auf. Sie werden es finden.

 Schon bei diesen Worten ahnt sie, dass sie sich selbst damit meint…

Eine Liebe über dem Meer – Jessica Brockmole – Was man aus Briefromanen lernen kann

Die Entfernung lässt klein erscheinen, was doch wahrhaft gewaltig ist. Worte sind in der Lage, zu vereinen, was unvereinbar scheint. Und doch türmen sich Probleme auf, die alles zerstören können. Der Erste Weltkrieg tobt sich aus, Elspeth ist alles, nur nicht ledig und David stellt sich in den Dienst seines Landes und überquert den Ozean. Wird die erste wahrhafte Begegnung die gewechselten Briefe bestätigen? Was macht dieser Moment aus zwei Menschen, die sich noch nie gesehen haben? Und wie geht der Rest der Welt mit dieser Liebe um? Jessica Brockmole umschifft jede verkitschte Klippe und entfaltet eine Geschichte auf zwei Zeitebenen, die uns zu Zeitzeugen einer wundervoll beginnenden Liebe werden lassen. Aber auch zu Zeugen ihres plötzlichen Endes…

Als die Tochter der Dichterin im Zweiten Weltkrieg auf die Briefe ihrer Mutter stößt, begibt sie sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Absender aus Amerika. Seine Worte lassen immer noch erahnen, welcher Emotionstaumel zwanzig Jahre zuvor das Leben ihrer Mutter aus der Bahn geworfen hatte. Gut nur, dass sie ihre Mutter mit dem Briefwechsel von einst konfrontieren kann und mehr als nur einem großen Geheimnis auf die Spur kommt. Dieser Briefroman ist mehr als nur ein Liebesbeweis an die Macht des geschriebenen Wortes. Es ist ein grandios recherchierter Kriegsroman, der zeigt in welchen Situationen sich Lebenswege entscheiden. Es ist eine psychologisch brillante Erzählung, aus der man viel für sein eigenes Schreiben lernen kann.

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann

Briefe sind nicht unbedacht zu schreiben. Sie überdauern die Zeit und doch bleiben sie zumeist auf ewig voneinander getrennt. Den wahren Briefwechsel kennen nur zwei Menschen. Und das sollte so bleiben. Wenn Briefe jedoch so geschrieben werden, wie es das Gegenüber verdient hat, dann lässt sich auch im Lesen der Briefe auf der einen Seite des Gefühlsozeans die Dimension der Liebe ermessen, die auf der anderen Seite so lebenswichtig war. Ich hoffe, dass dies mit meinen Briefen gelingt. Ich wünsche mir, dass sie auch später noch Zeugnis ablegen können von Gefühl, Hoffnung, Zweifel und der puren Lust am Leben. Aus einem rekonstruierten Chatverlauf oder mit einer Reihe von E-Mails oder SMS würde dies nicht gelingen. Nur auf dem Papier bleiben die beim Schreiben vergossenen Tränen lebenslänglich sichtbar… Und weit darüber hinaus.

Daraus können wir lernen, wem wir wie und was schreiben. Wir sollten uns dabei vielleicht in die Vergangenheit zurückversetzen, uns vom hohen Erwartungsdruck der sofortigen Antwort befreien, sondern dem Gegenüber ebenso viel Zeit einräumen, um seine Worte zu finden. Ich stelle mir vor, ich schriebe meine Briefe auf der Insel Skye. Ich stelle mir den langen Postweg vor und denke mich an einen ruhigen Ort im Hafen, um auf das Postschiff zu warten. Und dann stelle ich mir meine unendliche Freude vor, die ich empfinde, wenn ich an der Handschrift und dem Inhalt des Briefes erkenne, wie sehr ich erkannt wurde.

Off-Topic – Briefe, die das Leben verändern können…

Schreiben Sie mir, oder ich sterbeist in seiner gebundenen Form und als Hörbuch ein bewegendes Beispiel, wie Liebesbriefe die Zeit überdauern können. Briefe, die nie für unsere Augen bestimmt waren, aber eben auch Briefe, für die sich die prominenten Absender niemals schämen mussten, weil sie mit ihren Worten Menschen zum Fliegen brachten. Und jetzt schreibe ich einem Herzensmenschen ein paar Zeilen. Mögen auch sie die Zeit überdauern.

Sicher fallen euch jetzt viele Briefromane ein, die euren Lebensweg gekreuzt haben und viele davon werde ich gar nicht kennen. Ich bin für jeden Tipp dankbar, da ich mich oft danach sehne, in den Briefen anderer Menschen einzutauchen und ihnen durch die Zeit zu folgen. „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“ von Constanze de Salm handelt von einem handschriftlichen Monolog. Hier schreibt die Protagonistin an sich selbst. Eifersucht findet ihr Ventil in unbeantworteten Briefen. Lesenswert.

Leuchtturm-Bücher bei AstroLibrium – Eine Leseinsel

Leuchtturm-Bücher – Eine besondere Leseinsel bei AstroLibrium.

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„Als das Meer uns gehörte“ von Barbara J. Zitwer

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

„Aber ein schlechter Tag auf See ist besser, als der beste Tag an Land.“

Alles beginnt im Wasser, alles endet im Wasser. Der Kreislauf des Lebens definiert sich durch ein Element, das unseren Erdball und uns selbst dominiert. Lesenslang sind es den Ozeanen gewidmete Romane, die Generationen von Lesern das Gefühl geben, in einem Boot zu sitzen. Urgewalten und unerforschte Tiefen ziehen uns dabei ebenso an, wie die geheimnisvollen Lebewesen der Meere. Was in meinem Lesen mit „Moby Dick“ begann und sich im „Salz für die See“ und der Irrfahrt mit Kurs „Nordnordwest“ fortsetzte, zieht mich immer wieder magisch an, wenn ich lesend in See stechen kann.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer, erschienen bei rütten und loening, erregte in mehrfacher Hinsicht meine Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt einen Jungen, der in direkter Nähe eines tauchenden Wals völlig unbefangen zu schwimmen scheint. Ein Bild, das nicht bedrohlich wirkt, sondern viel mehr den Buchtitel widerspiegelt. Eine erste Information zum Schauplatz der Handlung, erfüllte mich mit der Hoffnung, erneut einen Roman in der Reihe meiner Lebensleseserie Leuchtturm-Literatur gefunden zu haben.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Montauk auf Long Island, nicht nur bekannt durch seine Nähe zu New York, sondern eben auch wegen des Wahrzeichens dieses Küstenstreifens, dem Montauk-Lighthouse und damit ein Buch, das ich gerne einreihen wollte in die Leuchtfeuer-Geschichten des Lesens. Romane, die auch in dunkler Lesenacht Orientierung bieten. Rettung aus tiefer Lese-Seenot garantieren. Ich wurde nicht enttäuscht. Weder vom Schauplatz, noch von der meeres-affinen Grundstimmung des Romans, und ganz bestimmt nicht vom Inhalt.

„Hier passiert die ganze Zeit so viel… Hier wird einem nie langweilig.“

Ein Zitat, das für einen ganzen Roman steht. Facettenreichtum und die Erweiterung des Erzählraums auf die Weite des Meeres verwandeln eine gut erzählte Geschichte in eine Reise für Landratten und Seeleute. Montauk wird zur Metapher für die Flucht einer Frau, die das Leben völlig überraschend aus der Bahn wirft. Montauk wird zum Ziel der Neuausrichtung und zum Ankerpunkt bei höchstem Seegang und Montauk wird für uns Leser zu einem Idyll, zur Idealvorstellung von einer kleinen heilen Welt, in der Freunde und Nachbarn noch in ihren Rollen leben. Aber auch zum Sinnbild einer untergehenden Welt, die durch ihre Nähe zu New York im kommerziellen Strom zu versinken droht.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Tess Harding, Ehefrau, Mutter eines gehörlosen Sohnes und Schuhdesign-Workaholic steht von heute auf morgen am Scheideweg ihres Lebens. Wie aus dem nichts heraus wird ihr Ehemann getötet. Sinnlos. Grundlos, Schicksal. Ihr Leben besteht nur noch aus der Sorge um Robbie, der den Tod seines Vaters nicht verkraften kann. Zu intensiv war er auf ihn, den großen Musikproduzenten, fixiert, zu stark war die Prägung und zu viele Spuren hatte der Vater im Leben seines Sohnes hinterlassen, um im Alter von nur neun Jahren verkraften zu können, was nicht zu verkraften ist.

Tess Harding steigt aus! Nicht nur der Verlust des geliebten Partners, sondern auch die Begleitumstände, die langsam ans Tageslicht kommen, zermürben sie und die Welt versinkt in einen dunklen Nebel aus Vorwürfen, Zweifeln und Selbstvorwürfen. Montauk wird zum Fluchtpunkt. Ihr Onkel Ike, sein marodes Motel und die Landschaft, die Tess aus ihrer Kindheit kennt, versprechen Zuflucht und Schutz zu bieten. Nicht ohne innere Widerstände lässt sich auch Robbie auf diesen Umzug auf Zeit ein. Sein Trauma lässt sich jedoch auf gar nichts ein. Er verschließt sich.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Wer an dieser Stelle einen typischen Entwicklungsroman auf der Grundlage eines einschneidenden Erlebnisses erwartet, der wird sich nur in Teilen bestätigt sehen. Die neuen Lebensumstände erweisen sich natürlich als heilsam für die gepeinigten Seelen. Freunde, Nachbarn und die Familie geben Halt und die Autorin führt uns schrittweise in ruhigeres Fahrwasser. Die unverbrauchten und brillant verflochtenen Kernelemente der Geschichte heben sie jedoch vom Einerlei des Üblichen deutlich ab.

Da ist ein gehörloser Junge, der die musikalische Begabung des Vaters in sich trägt, Tuba spielt, die Vibrationen der Musik wie ein absolutes Gehör empfindet und nicht nur Gebärden beherrscht, sondern auch mittels seiner implantierten Hörgeräte am Leben teilhaben kann. Ein Junge, der verzweifelt gegen den Verlust kämpft, seiner Mutter die Schuld am Schicksal gibt und darin zu versinken droht. Da ist der Meeresbiologe Kip, der auf der Suche nach dem Wunder der Walgesänge die Küste von Montauk absegelt und in Robbie ein neues Wunder kennenlernt. Einen Jungen, für den die Melodie eines Wals kein Geheimnis zu sein scheint.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Da sind die Menschen von Montauk, die gegen den Untergang ihrer Stadt kämpfen. Da ist eine Stimmung von Neubeginn, von Aufbruch und Kampf auf scheinbar verloren geglaubtem Posten. Da ist die verzweifelte Mutter, die mehr verloren hat, als nur ihren Mann. Ein zusätzlicher Verlust, der ihr Selbstwertgefühl bricht. Und da ist die Natur, da ist ein Wal, der seine Kreise zieht, Lebensfreude versprüht, obwohl auch er bedroht ist. Ein Wal, der in aller Einsamkeit das Wunder des Lebens in sich trägt. Und da sind die Zufälle des Lebens, die daran glauben lassen, dass alles wieder gut werden kann.

Und da ist eine Autorin, die auf magische Art und Weise alle zusammenführt. Den Wal mit den Menschen, die Musik der Tuba mit dem Walgesang, die Melodie von Tod und Verlust mit dem Sound von Neuanfang, die Menschen miteinander und die große Unbekannte Hoffnung mit dem scheinbar Vorherbestimmten. Barbara J. Zitwer zaubert aus dem Abgesang eines Lebens eine brillante Symphonie des Neubeginns. Dabei ist die Melodie, in der sie erzählt, dramatisch, traurig, lebensbejahend, fröhlich, zweifelnd, komisch, exzessiv und tief in sich verschlossen zugleich. Diese Melodie hat alles, was große Kompositionen brauchen. Sie erreicht die Herzen.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer – Leuchtturmliteratur

„Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Zum Update – „Nach dem Interview ist vor dem Lesen“ bitte nach unten scrollen

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Es gibt literarische Einladungen, die so verführerisch klingen, dass man sie kaum ausschlagen kann! „Auf ein Glas Champagner mit Lorraine Fouchet.“ Klingt das nicht nach einem prickelnden Literaturevent? Einer französischen Autorin in München begegnen, im kleinen und erlesenen Kreis und noch dazu in einer noblen Location, die es wahrlich in sich hat? In einer Champagner Boutique habe ich mich jedenfalls bis zum heutigen Tag noch nicht über gute Bücher unterhalten. Und wenn diese Einladung auch noch vom Atlantik Verlag stammt, dann gibt es nur eins: Die Buchkorken knallen lassen

Natürlich lebt ein Literaturabend nicht nur von der Location. Auch die Verheißung, leckere Spezialitäten vom Viktualienmarkt zur Stärkung vorzufinden, ist zwar schön, es ist jedoch im Schwerpunkt die Autorin, die hier mit ihrem Schreiben im Mittelpunkt steht und wie wir alle wissen: Wo kein Inhalt, da hilft auch der teuerste Schampus nichts. So ist das mit der Literatur. Da kann man auffahren, was man mag, schlechte Bücher und Schriftsteller ohne Ausstrahlung und Talent werden durch knallbuntes Geschenkpapier nicht zu Fixsternen am Bücherhimmel.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Also bin ich gespannt. Begebe mich ins „Champagne Characters und freue mich auf einen Abend mit Büchermenschen und einem Roman, der mich schon seit einigen Tagen durch mein Lesen begleitet. Und natürlich bin ich absolut gespannt auf Lorraine Fouchet. Eine Autorin mit einer außergewöhnlichen Vita, die sie mit ihrem Heimatland auf sehr besondere Weise verbindet. Eine Schriftstellerin, die auch noch in der Lage ist sprachliche Barrieren durch fast akzentfreies Englisch zu überbrücken. Und die Autorin des gerade beim Atlantik Verlag erschienenen Romans Ein geschenkter Anfang“.

Verwandeln wir also die prickelnde Champagner-Insel im Herzen Münchens in ein Leseerlebnis, das sich ebenfalls auf einer Insel abspielt. Auf der Île de Groix. Lorraine Fouchet hat sich diese Insel nicht zufällig ausgesucht. Dieses bretonische Eiland bietet alles, was ein guter Roman braucht, um in Schwung zu kommen. Sie ist klein, lauschig, malerisch und wird von Menschen bewohnt, die ihre Heimat gerne mit Fremden teilen, sich aber als Einheimische fast wie in einer geschlossenen Gesellschaft empfinden. Es müssen vier Grabplatten sein, die einer Familie auf dem Friedhof der Insel gehören, es müssen vier Generationen sein, die hier gelebt haben. Erst dann gehört man selbst auf der Île de Groix zu den Menschen, die hier wahrlich beheimatet sind. Dabei gehört die Insel niemandem. Man teilt sie. Es ist der große Respekt gegenüber der Natur, der hier Bretonen miteinander verbindet. Heimat schmeckt hier anders….

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Genau auf dieser Insel, die einer geschlossenen Gesellschaft gleicht, beginnt eine Geschichte eigentlich mit ihrem Ende. Wir lernen Lou viel zu spät kennen. Nach ihrem Tod führt ihre Beerdigung die Familie zusammen und der trauernde Ehemann Jo merkt vielleicht zu spät in seinem Leben, was es bedeutet, wenn die Frau auf die er immer ein wenig warten musste, sich nun viel zu früh aus dem Staub macht. Von seinen Kindern hat er sich entfremdet, ihre Leben sind für ihn nur Konturen. Schattenrisse. Und genau diese Schatten folgen nun dem Sarg zum Friedhof auf der Île de Groix.

Ein melancholischer und wehmütiger Anfang, der sich hier noch gar nicht wie ein Geschenk anfühlt. Und doch fühlt man sich als Leser sehr schnell, als würde man zur Familie gehören, als kenne man die Menschen hinter dem Sarg und wisse genau, wie sehr Lou diesem Familienverbund nun fehlt, war sie doch die Radnabe im Schwungrad des Lebens. Da ihr Tod nicht überraschend kam, zumindest nicht für sie selbst, hat sie sich einen besonderen Weg ausgedacht, die Risse in ihrer zerbrechenden Familie zu kitten. In ihrem Testament veranlasst sie ihren Mann, nun endlich seine erwachsenen Kinder als Vater wahrzunehmen, ihnen beizustehen und sie glücklich zu machen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Erst dann sei es ihm gestattet, ihren allerletzten Brief an ihn zu lesen. Und dieser befindet sich versiegelt in einer Champagnerflasche. Sie setzt auf seine Neugier, baut auf seine unterschwelligen Vatergefühle und schien wohl zu hoffen, dass Lou den Weg nicht alleine gehen müsste. Seine Enkelin Pomme entwickelt sich zum kleinen Wunder an seiner Seite. Ist es wirklich „Ein geschenkter Anfang“, den Lou ihrem Mann in der ungewöhnlichen Flaschenpost vermacht? Was steht in ihrem Brief und wie reagieren Cyrian und Sarah auf einen Vater, dem plötzlich die Augen geöffnet wurden?

Eine Insel ist wohl der perfekte Erzählraum für eine solche Geschichte. Vielleicht können die Leuchtfeuer auch der kleiner gewordenen Familie neue Orientierung geben und vielleicht ist es auch die Magie der Bretagne, ihrer Lieder und der Atmosphäre, die hier zusammenbringt, was niemals getrennt werden darf. Wenn man Lorraine Fouchet aufmerksam zuhört, wird man von der Liebeserklärung an diesen besonderen Flecken Erde überflutet. „Entre ciel et Lou“ – der Originaltitel vermittelt die Stimmungslage in diesem Roman. Alles liegt nun zwischen dem Himmel und Lou und doch ist sie wie das Wasser (frz. l`eau), das sich wie bei Ebbe zurückgezogen hat, nur um später in Gestalt einer Sturmflut an den Ufern ihrer Familie anzubranden. Dieser Roman ist vielleicht das wertvollste StrandGut der Île de Groix.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Lorraine Fouchet macht neugierig auf mehr. Ihre freundliche, verbindliche und vitale Art weckt Neugier und Sehnsucht zugleich. Sie, die ehemalige Notärztin, hat auch jetzt die Zügel in der Hand, entscheidet über Leben und Tod ihrer Protagonisten und ist eine dem guten Lesen verpflichtete Schriftstellerin. Als Tochter eines Vaters, der mit Antoine de Saint Exupéry flog, im Zweiten Weltkrieg nach England desertierte, sich Charles de Gaulle anschloss, die Interessen seines Landes nach dem Krieg als Botschafter und als Minister vertrat, weiß sie wovon sie spricht, wenn sie von ihrem Frankreich erzählt. Als weltgewandte und weltoffene Frau zieht sie uns auf ihre Seite und man folgt gerne dem Rhythmus ihrer Geschichten

Für mich fühlte sich diese prickelnde Champagner-Begegnung wirklich wie „Ein geschenkter Anfang“ an. Ich habe mich mit Lorraine Fouchet verabredet. Wir sehen uns zur Frankfurter Buchmesse wieder und werden ein ausführliches Gespräch führen. Diesmal allerdings als Interview für Literatur Radio Bayern. Bis dahin werde ich auch wissen, ob es Pomme gelingt, ihren Großvater Jo zu einem väterlicheren Menschen zu machen und ob Jo tatsächlich den letzten Brief von Lou lesen durfte. Ich werde wissen, ob dem unglaublichen Tanz des Vaters mit seiner Tochter am Rande der Beerdigung seiner Frau weitere Tänze folgen. Ich werde hoffentlich noch viele Leuchtfeuer auf der Île de Groix entdeckt haben, die diesen Roman in der Reihe der Leuchtturm-Bücher der kleinen literarischen Sternwarte hell erleuchten lassen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

PS: Dass es zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends zu einer Umbenennung des Atlantik Verlages in „Champantik Verlag“ kam, ist nur ein Gerücht. Allerdings ein gutes…

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Update – Nach dem Interview ist vor dem Lesen

Was lange währt wird endlich gut. Unter diesem Motto könnte man das Interview mit Lorraine Fouchet zusammenfassen, wenn man die oben beschriebene Vorgeschichte kennt. Es war „Ein geschenkter Anfang“, den mir der Atlantik Verlag im März dieses Jahres bescherte und nach der ersten Begegnung mit der französisch Autorin stand ein Interview während der Frankfurter Buchmesse fest auf dem Messeplan. Europäisch ist es geworden. Deutscher Blogger begegnet französischer Schriftstellerin und interviewt sie auf Englisch. Und während das Ehrengastland Frankreich Flagge zeigte, entwickelte sich am Messestand von Hoffmann und Campe / Atlantik Verlag der Dialog, auf den ich mich so lange gefreut hatte.

Lorraine Fouchet stellt uns einleitend die wesentlichen Rahmenbedingungen vor, die für die Ausgangssituation ihres Romans von besonderer Wichtigkeit sind. Es ist die außergewöhnliche Atmosphäre der Île de Groix, die ihre Leser gefangen nimmt. Es ist die kleine verschworene Gemeinschaft, in die man schon geboren werden muss, in der man sterben muss, um dazuzugehören. Es ist aber auch die Touristenschwemme, die aus dieser kleinen abgeschotteten Welt zumindest in den Ferien einen Ort der Vielfalt entstehen lässt. In diesem Setting lässt sie ihre verstorbene Protagonistin Lou agieren. Ein Kunstgriff, der einer Verstorbenen eine eigene Perspektive auf die Geschichte gibt, die sie selbst mit ihrem Vermächtnis lostritt.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

Lorraine Fouchet thematisiert hier ganz bewusst den Prozess der Entfremdung in den modernen Familien unserer Zeit. Sie thematisiert die trügerische Idylle, es sei doch alles gut. Und sie würzt diese Geschichte absichtlich mit der Perspektive von Lou. Eine Sichtweise, die – so Lorraine Fouchet – bestimmt dem Lektorat zum Opfer fallen würde. Doch weit gefehlt. Lou blieb im Roman. Nicht die einzige Protagonistin, die den Lesern ans Herz gewachsen ist. Lorraine Fouchet freut sich sehr über die große Resonanz der Leser auf die kleine Enkelin Pomme, die so viel frischen Wind in die Handlung bringt. In Frankfurt zu sein empfindet Lorraine als große Auszeichnung, wobei ihr nicht bewusst war, dass man bei Lesungen tatsächlich Passagen aus dem eigenen Buch vorliest. Ein Aspekt, den sie mit nach Hause nehmen möchte. Darauf angesprochen, was an ihrem Buch typisch französisch sei antwortet sie mit einem fast schon symbolträchtigen Satz: „Weil es eben so europäisch ist“. Eine Sichtweise, die uns in schwierigen politischen Zeiten ebenso wie ihr Roman die Hoffnung gibt, dass Geschichten verbinden können.

Sie bejaht meine Frage, ob die Profession einer Schriftstellerin ganz nah an ihrem früheren Beruf einer Notärztin liegt. Geschichten können zwar keine Toten ins Leben zurückholen, aber sie können sehr wohl dabei helfen, am Leben zu bleiben. Nach ihren neuen Projekten befragt, lüftet sie am Ende des Gesprächs noch das kleine Geheimnis um ihren neuen Roman, der im nächsten Jahr ebenfalls bei Atlantik erscheinen wird. Es wird aber auch die Rückkehr auf die Île de Groix, auf die ich mich schon jetzt freue.

„Die Farben des Lebens“. Ein Titel, den man sich schon jetzt vormerken sollte. Danke für das wundervolle Gespräch in Frankfurt, Lorraine Fouchet und a bientôt.

Hier kommt ihr auf dem direkten Weg zum Interview bei Literatur Radio Bayern.

Lorraine Fouchet – Das Buchmesse-Interview

„Nordnordwest“ – In Seenot mit Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Rezension lesen oder hören… Sie haben die Wahl…

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Herzlich willkommen an Bord der „Slangevar“. Ich begrüße Sie im Namen unserer Besatzung und wünsche Ihnen schon jetzt eine bewegende literarische Kreuzfahrt der ganz besonderen Art. Wir starten bei denkbar ungünstigen Witterungsbedingungen im malerischen Hafen der nordfranzösischen Küstenstadt Saint Malo und segeln mit voller Kraft in Richtung Großbritannien. Die „Slangevar“ ist zwar nicht das Prunkstück unserer Ärmelkanalflotte, sie bietet auch nicht sonderlich viel Platz im Inneren, Sie finden weder sanitäre Einrichtungen (abgesehen vom WC-Eimer) noch eine gescheite Bordkombüse und sie befindet sich zugegebenermaßen in einem zutiefst jämmerlichen Zustand.

Ich bitte diese Rahmenbedingungen für Ihre Lesereise zu entschuldigen und hoffe auf Ihr Verständnis, da die drei Besatzungsmitglieder in der Kürze der Zeit kein anderes Segelboot gefunden haben, das sich so leicht stehlen ließ. Meine Bord-Crew steht unter dem bewährten Kommando von Lucky, einem jungen Kleinkriminellen, der sich auf der Flucht durch Frankreich befindet. Ersparen Sie mir bitte weitere Details zu den näheren Umständen hierzu. Darüber hinaus müssen Sie sich keine weiteren Namen merken. Ich weiß selbst nicht, wie die beiden anderen Crew-Mitglieder heißen. Der Kleine ist schon seit einiger Zeit Luckys Fluchtbegleiter und das Mädchen haben sie hier in Saint Malo aufgegabelt. Mehr müssen Sie nicht wissen.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Ach so. Vielleicht ist es doch interessant für Ihre Lesereiserücktrittsversicherung zu wissen, dass nur das Mädchen über rudimentäre Segelerfahrung verfügt. Mehr würde Sie zu Beginn unserer gemeinsamen Reise nur verunsichern. Glauben Sie mir. Vielleicht erfahren Sie ja während der Überfahrt ein wenig mehr von unserer Besatzung und können sich ein eigenes Bild über deren Beweggründe machen, die zu ihrer Flucht führen. Das Logbuch dieser Reise wird geführt von Sylvain Coher und die gebundenen Reiseunterlagen tragen die Prägung dtv auf dem sturmgepeitschten Schutzumschlag.

NORDNORDWEST“ – Mehr als unseren voraussichtlichen Kurs müssen Sie sich nicht merken. Es soll ja nur eine grobe Richtungsangabe sein. Ein Anhalt. Sie verstehen?

So, jetzt da Sie an Bord sind, kann ich die Maske fallen lassen! Schluss mit lustig. Sie sind mir genauso auf den Leim gegangen, wie ich dem Klappentext zum Buch von Sylvain Coher erlegen bin. Verrückte Idee, weiter Himmel, Irrfahrt, übermüdet, hungrig und geklauter Proviant. Was vielleicht nach einer kleinen abenteuerlichen Reise dreier junger Menschen klingt, die mit einem geklauten alten Segelboot über den Ärmelkanal schippern, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als literarische Hardcore-Story, in der alles anders ist, als es zuvor den Anschein hat.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Willkommen an Bord eines Seelenverkäufers. Willkommen zu einer Reise, die Sie in den Grundfesten Ihrer Leseleidenschaft erschüttern wird. Willkommen an Bord der alten „Slangevar. Sie wären nicht der erste Leser, der hier über Bord geht oder Stunden um Stunden an Leseseekrankheit leidet. Sie lesen hier auf Wellenbergen in Windstärke 12 und können von Glück reden, wenn Sie diesen alten Pott hier mit heiler Haut verlassen. Eines werden Sie jedoch sicher nie, dafür garantiere ich! Sie werden es in Ihrem Leben nicht bereuen, den Kurs „Nordnordwest“ eingeschlagen zu haben.

Sylvain Coher geht einen literarisch ungewöhnlichen Weg, um seinen Roman vom Stapel zu lassen. Bis auf Lucky anonymisiert er seine Protagonisten. Namenlos bleiben der Kleine und das Mädchen, grundlos bleiben ihre Motive für die gemeinsame Flucht in einem Segelboot. Nur weg. Raus aus Frankreich. Das muss genügen. Distanz entsteht, wo ich als Leser eigentlich lieber Nähe empfinden würde. Es fällt schwer, sich den drei Hauptcharakteren zu nähern, in sie hineinzublicken. Dieser minimalistische Ansatz aber ist es, der ihnen auch in der Geschichte das Überleben gesichert hat.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nur weil es Lucky und dem Kleinen bis hierher gelungen ist, unsichtbar zu bleiben, sind sie so weit gekommen. Das Mädchen bringt das fliehende Duo durcheinander. Sie ist es, die sich ihnen anschließt, sich in Lucky verliebt, eine wahrhaft flüchtige und auch heftige Liaison mit ihm eingeht. Sie ist es, die jede Balance durcheinander bringt. Sie ist es, die den Kleinen auf seltsame Gedanken bringt und Eifersucht aufkommen lässt. Sie ist es aber, die segeln kann. Sie ist die Einzige an Bord, die ein Segel von einem Laken unterscheiden kann. Das Mädchen ist DER Dreh- und Angelpunkt einer Odyssee durch den Ärmelkanal.

Und genau diese wenigen Seemeilen werden zur Hölle. Ohne Navigation, ohne die nötige nautische Erfahrung und bei immer extremer werdenden äußeren Bedingungen beginnt ein Kampf ums Überleben, den wir als Leser in der Enge des Bootes hautnah miterleben. Sylvain Coher schafft hier die Nähe, die er durch die Namensverweigerung eigentlich nicht zugelassen hat. Hier fallen die Masken, hier konturieren sich Ursachen und Gründe für die Flucht. Hier eskaliert im Inneren, was außerhalb des Schiffsrumpfes zu toben beginnt. Ängste machen sich breit. Übelkeit lässt nicht locker. Ratlosigkeit ist omnipräsent und drei zufällig im gleichen Boot sitzende Menschen durchleben extreme Belastungsproben, die durch die Rahmenbedingungen noch überhöht werden.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Ich habe viel gewonnen in diesem Roman, und doch auch alles verloren. Ich bin auf Bishop Rock gelandet, nur um erkennen zu müssen, dass Leuchttürme in der heutigen Zeit nicht mehr von Leuchtturmwärtern bewohnt werden, die helfen können. Ich erlebte an mir vorbeistampfende Containerschiffe im Blindflug. Autopiloten achten nur auf die Route, nicht jedoch auf kleine Segelboote, die im Weg sein könnten. Ich erlebte einen Sturm, Hunger, Kälte, Nässe aber auch die wahre Größe eines Teams, das sich in der Gefahr zu finden scheint. Freundschaft, auch wenn sie keinen Namen trägt, trägt diese Geschichte.

Und doch hat sich in einem kleinen Moment mein ganzes Lesen verändert, als ich mitten in der Nacht aufschrak, ans Steuer hechtete und nicht glauben konnte, was dort geschehen war. Es war der Moment, in dem ich als Leser alles verlor.

Im Finale der Reise mit Kurs „Nordnordwest“ wechselt der Autor die Perspektive und wirft einen Blick auf die „Slangevar“, der das Herz implodieren lässt. Es ist ein sehr distanzierter und unerwarteter Blick, der zeigt, was nie erzählte Geschichten auslösen können. Ein neutraler und fast emotionsloser Blick, der sich im Leser verfängt, weil nur er zu deuten weiß, was fremde Augen sehen. Am Ende der Geschichte ertrank ich fast im salzigen Meer meiner Tränen. Gefühlschaos pur.

Nordnordwest von Sylvain Coher - Bücher im Dialog...

Nordnordwest von Sylvain Coher – Bücher im Dialog… Einfach klicken…

Wenn Bücher miteinander zu reden scheinen… Ein besonderer Dialog.

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Wenn ich hier von Verlust schreibe, dann steht dieser Artikel unter diesem Stern. Es ist mir eine liebevolle Ehre, diese Zeilen unserem Bordercollie „Schneeflocke“ widmen zu können, der heute nach zwölf Jahren treuer Wegbegleitung auf die andere Seite der Regenbogenbrücke gegangen ist, um dort auf uns zu warten, bis wir ihn wieder als den besten Hütehund brauchen, den die Welt je gesehen hat.

Flöckchen… 26. November 2004 – 01. Februar 2017

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„Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

„Im Sommer 1948 starb mein Bruder Davy bei einem Unfall, für den ein Mann verantwortlich war, der lieber sein eigenes Leben geopfert hätte, als diesen zu verursachen.“

Es gibt Bücher, die man liest um zu erfahren, was passieren wird. Andere Bücher zwingen ihren Leser, alle Seiten zu inhalieren, um herauszufinden, wie etwas passiert ist. Die Perspektive ist entscheidend und Romane, die sich rückläufig entwickeln, haben einen eigenen literarischen Reiz, wie eine Retrograde Uhr, die entgegengesetzt dem Uhrzeigersinn läuft. Ich bezeichne solche Romane gerne als „Countdown-Stories“, da man ihr großes Geheimnis erst erfährt, wenn der Erzähler an einem Punkt weit in der Vergangenheit angelangt ist.

Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner, erschienen im DuMont Buchverlag, ist eine solche „Countdown-Story“, also eine Geschichte, in die man eintaucht, um zu erfahren, wie Davy Leibritzky starb, was zu seinem Unfall führte, und wie das Leben der Menschen verlaufen ist, die seither ohne Davy leben müssen. Fünfzig Jahre zählen wir auf dem Uhrwerk der Geschichte zurück, um letztlich den Juli 1948 zu erreichen, an dem die Geschichte einer Familie in zwei Teile gerissen wird.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Den Teil eines Lebens mit Davy und denjenigen eines Lebens nach seinem Tod. Seine Schwester Molly war 12, als Davy ums Leben kam. Sterben mit 8 Jahren heißt, ein ganzes Leben nicht leben zu dürfen. Der Tod eines Kindes reißt Wunden im Leben seiner Eltern, Geschwister und weiterer Verwandter, die niemals ganz heilen. Narben bleiben zurück. Narben, die bei jedem Stimmungsumschwung spürbar sind und an den Verlust eines geliebten Menschen erinnern.

Sich für Molly als Ich-Erzählerin zu entscheiden ist ein gewagter Schritt im ersten Roman von Elizabeth Poliner. Einerseits muss man der 12-jährigen Molly zutrauen, die Geschehnisse des Jahres 1948 präzise beobachtet zu haben, und andererseits musste es gelingen, dass der späteren Molly mit über sechzig Jahren der allwissende Rückblick aus der Sicht aller Beteiligten gelingt, um die Szenerie nicht eindimensional werden zu lassen.

Genau diese Gratwanderung zeichnet den Roman aus. Molly ist die stille und eher beobachtende Heranwachsende in einer Welt, in der sich alles um Themen dreht, die sie im eigentlichen Sinn noch nicht berühren. Wie von einem Dickicht beschützt, wirft sie die ersten Blicke auf Eifersucht, Untreue, Liebe, Freundschaft und Erfolgsdruck in den beruflichen Karrieren ihrer Verwandten. Dieser Sommer im Jahr 1948 hat Molly die Kindheit geraubt und sie mit einer sensiblen Wahrnehmung ausgestattet, die ihr diesen Rückblick auf die Geschichte ihrer Familie erst so richtig ermöglicht.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Und diese Geschichte hat es in sich. Molly Leibritzky scheint in einem Familienalbum zu blättern, so plastisch stehen ihr die Menschen vor Augen, die über Generationen hin das Leben der Leibritzkys in die Bahn gelenkt haben, auf der auch das Mollys Leben zu verlaufen scheint. Es ist eine große jüdische Familiengeschichte, die weit ausholt und in Zeitsprüngen verdeutlicht, wie sich Handlungen und Entscheidungen von einst auf das heutige Leben auswirken.

Molly weiß viel zu erzählen. Sie trägt das kollektive Gedächtnis dieser Familie im Blut und steht dabei doch nur erzählend im Mittelpunkt der Ereignisse. Hier trägt der Titel des Romans, der einem jüdischen Gebet entlehnt ist. Er steht als Synonym für alles, was wir aus der Erinnerung einer Frau erfahren, die im Rückblick einen Stammbaum über drei Generationen entstehen lässt.

„Du bist so nah, wie der Atem in uns.
Und doch so fern, wie der fernste Stern.“

Im Zentrum der Geschichte stehen drei Schwestern, die sinnbildlich für das fragile Gefüge der gesamten Familie stehen. Einer Familie, die aufgrund ihres Glaubens auch im Jahr 1948 noch ziemlich isoliert in der amerikanischen Gesellschaft auf sich selbst vertrauen muss, um zu überleben. Die Berichte über den Holocaust haben nicht dazu geführt, dass amerikanische Juden besser integriert sind. Sie leben, arbeiten, heiraten, beten und erziehen ihre Kinder in ihrer eigenen geschlossenen Welt.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Die Grenzen sind nicht fließend. Sie sind von Tradition und Glauben bestimmt. In diesen Grenzen bewegen sich Ada, Mollys Mutter, und ihre Schwestern Ivie und Bec, wie in einem Vakuum. Der Rhythmus des jüdischen Lebens gibt den Takt vor und die Rollen sind klar verteilt. Der kleine Wohlstand erlaubt es der Großfamilie, sich einmal im Jahr mit Kind und Kegel in einem Sommerhaus am Meer zu versammeln. Wäre da nicht ein alter Konflikt, der seit Jahren zwischen den Schwestern schwelt, man könnte diese Zeit als Idylle bezeichnen.

Adas Leben jedoch beruht auf einer Ehe, die erst möglich wurde durch Betrug an ihrer Schwester Ivie. Ein Betrug, der 1948 die ganze Familie überschattet und sich auch auf die Kinder übertragen hat. Hassliebe regiert. Das Katz- und Mausspiel beherrscht den Alltag. Die vorgespielte Harmonie ist brüchig und eine kleine Unwucht ist in der Lage, die scheinbare Harmonie implodieren zu lassen. Denn hätte nicht Ada ihrer Schwester Ivie den Freund ausgespannt und geheiratet, alles wäre wohl anders gekommen. Ivie hätte nicht Zuflucht in einer „Besser-den-als-keinen-Beziehung“ suchen müssen und Adas Kinder würden sie nicht täglich an dieses Drama erinnern.

Natürlich ist Davy der jüngste Sohn von Ada und natürlich ist sein Tod ein Schlag des Schicksals. Genugtuung für Ivie. Der Beweis, dass man Glück nicht stehlen sollte. Der Tod des Jungen wird zur Zerreißprobe. Im Auge des Orkans beobachtet Molly, wie die Fäden zu reißen beginnen, die alles verbinden sollten. Jeder gerät in den Mahlstrom der Gefühle. Die drei Schwestern selbst, ihre Kinder und Ehemänner. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Fünfzig Jahre später ist Mollys Rückblick auf diesen Sommer wie ein Spaziergang durch ein Minenfeld der verletzten Gefühle.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner ist kein tempogeladener Roman für mal eben zwischendurch. Dieser Erzählraum gleicht einem Fluss, der sich durch die Leben seiner Protagonisten mäandert. Hier ist kein Raum für Knalleffekte. Die Wirkung des Romans entsteht durch das Wissen, dass alles Glück nur unter Vorbehalt steht und sich jede Entscheidung von heute auf das Leben von morgen auswirken kann. Der Kosmos aus Religion, Menschen und Gesellschaft wird hier zu einem Familienbild verdichtet, auf dem wir als Leser hinter den lächelnden Menschen die traurige Wahrheit erkennen.

Dieser Roman ist wie das wahre Leben. Er hetzt nicht von Höhepunkt zu Höhepunkt, er benötigt keine Cliffhanger, keinen künstlichen Spannungsbogen. Elizabeth Poliner investiert viel in die Charakterzeichnung ihrer Romanfiguren. Sie wirken plastisch und selbst die kleinste „Nebenrolle“ wird von ihr ausgefeilt präsentiert. Wer das Gefühl hat, die Handlung käme nur sehr träge in Schwung, der sollte sich 422 Seiten Zeit nehmen und dem Roman die Chance geben, sein Familienpanorama zu entwerfen.

Wer den Film Aus der Mitte entspringt ein Fluss kennt, weiß was ihn hier erwartet. Dieser Roman ist aus meiner Sicht jedoch nicht verfilmbar, jedenfalls nicht als klassisch verkürztes Kinoformat. Er würde Stoff genug für eine Serie bieten, die in ihren Episoden das Leben der Leibritzkys in aller Tiefe beleuchten könnte. Mir ging das Buch nah. So nah, wie der Atem in uns, denn in jedem von uns schlummert eine Familiengeschichte, die für unser heutiges Leben prägend ist.

Zu den Leuchttürmen meines Lesens!

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner