„Als das Meer uns gehörte“ von Barbara J. Zitwer

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

„Aber ein schlechter Tag auf See ist besser, als der beste Tag an Land.“

Alles beginnt im Wasser, alles endet im Wasser. Der Kreislauf des Lebens definiert sich durch ein Element, das unseren Erdball und uns selbst dominiert. Lesenslang sind es den Ozeanen gewidmete Romane, die Generationen von Lesern das Gefühl geben, in einem Boot zu sitzen. Urgewalten und unerforschte Tiefen ziehen uns dabei ebenso an, wie die geheimnisvollen Lebewesen der Meere. Was in meinem Lesen mit „Moby Dick“ begann und sich im „Salz für die See“ und der Irrfahrt mit Kurs „Nordnordwest“ fortsetzte, zieht mich immer wieder magisch an, wenn ich lesend in See stechen kann.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer, erschienen bei rütten und loening, erregte in mehrfacher Hinsicht meine Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt einen Jungen, der in direkter Nähe eines tauchenden Wals völlig unbefangen zu schwimmen scheint. Ein Bild, das nicht bedrohlich wirkt, sondern viel mehr den Buchtitel widerspiegelt. Eine erste Information zum Schauplatz der Handlung, erfüllte mich mit der Hoffnung, erneut einen Roman in der Reihe meiner Lebensleseserie Leuchtturm-Literatur gefunden zu haben.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Montauk auf Long Island, nicht nur bekannt durch seine Nähe zu New York, sondern eben auch wegen des Wahrzeichens dieses Küstenstreifens, dem Montauk-Lighthouse und damit ein Buch, das ich gerne einreihen wollte in die Leuchtfeuer-Geschichten des Lesens. Romane, die auch in dunkler Lesenacht Orientierung bieten. Rettung aus tiefer Lese-Seenot garantieren. Ich wurde nicht enttäuscht. Weder vom Schauplatz, noch von der meeres-affinen Grundstimmung des Romans, und ganz bestimmt nicht vom Inhalt.

„Hier passiert die ganze Zeit so viel… Hier wird einem nie langweilig.“

Ein Zitat, das für einen ganzen Roman steht. Facettenreichtum und die Erweiterung des Erzählraums auf die Weite des Meeres verwandeln eine gut erzählte Geschichte in eine Reise für Landratten und Seeleute. Montauk wird zur Metapher für die Flucht einer Frau, die das Leben völlig überraschend aus der Bahn wirft. Montauk wird zum Ziel der Neuausrichtung und zum Ankerpunkt bei höchstem Seegang und Montauk wird für uns Leser zu einem Idyll, zur Idealvorstellung von einer kleinen heilen Welt, in der Freunde und Nachbarn noch in ihren Rollen leben. Aber auch zum Sinnbild einer untergehenden Welt, die durch ihre Nähe zu New York im kommerziellen Strom zu versinken droht.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Tess Harding, Ehefrau, Mutter eines gehörlosen Sohnes und Schuhdesign-Workaholic steht von heute auf morgen am Scheideweg ihres Lebens. Wie aus dem nichts heraus wird ihr Ehemann getötet. Sinnlos. Grundlos, Schicksal. Ihr Leben besteht nur noch aus der Sorge um Robbie, der den Tod seines Vaters nicht verkraften kann. Zu intensiv war er auf ihn, den großen Musikproduzenten, fixiert, zu stark war die Prägung und zu viele Spuren hatte der Vater im Leben seines Sohnes hinterlassen, um im Alter von nur neun Jahren verkraften zu können, was nicht zu verkraften ist.

Tess Harding steigt aus! Nicht nur der Verlust des geliebten Partners, sondern auch die Begleitumstände, die langsam ans Tageslicht kommen, zermürben sie und die Welt versinkt in einen dunklen Nebel aus Vorwürfen, Zweifeln und Selbstvorwürfen. Montauk wird zum Fluchtpunkt. Ihr Onkel Ike, sein marodes Motel und die Landschaft, die Tess aus ihrer Kindheit kennt, versprechen Zuflucht und Schutz zu bieten. Nicht ohne innere Widerstände lässt sich auch Robbie auf diesen Umzug auf Zeit ein. Sein Trauma lässt sich jedoch auf gar nichts ein. Er verschließt sich.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Wer an dieser Stelle einen typischen Entwicklungsroman auf der Grundlage eines einschneidenden Erlebnisses erwartet, der wird sich nur in Teilen bestätigt sehen. Die neuen Lebensumstände erweisen sich natürlich als heilsam für die gepeinigten Seelen. Freunde, Nachbarn und die Familie geben Halt und die Autorin führt uns schrittweise in ruhigeres Fahrwasser. Die unverbrauchten und brillant verflochtenen Kernelemente der Geschichte heben sie jedoch vom Einerlei des Üblichen deutlich ab.

Da ist ein gehörloser Junge, der die musikalische Begabung des Vaters in sich trägt, Tuba spielt, die Vibrationen der Musik wie ein absolutes Gehör empfindet und nicht nur Gebärden beherrscht, sondern auch mittels seiner implantierten Hörgeräte am Leben teilhaben kann. Ein Junge, der verzweifelt gegen den Verlust kämpft, seiner Mutter die Schuld am Schicksal gibt und darin zu versinken droht. Da ist der Meeresbiologe Kip, der auf der Suche nach dem Wunder der Walgesänge die Küste von Montauk absegelt und in Robbie ein neues Wunder kennenlernt. Einen Jungen, für den die Melodie eines Wals kein Geheimnis zu sein scheint.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer

Da sind die Menschen von Montauk, die gegen den Untergang ihrer Stadt kämpfen. Da ist eine Stimmung von Neubeginn, von Aufbruch und Kampf auf scheinbar verloren geglaubtem Posten. Da ist die verzweifelte Mutter, die mehr verloren hat, als nur ihren Mann. Ein zusätzlicher Verlust, der ihr Selbstwertgefühl bricht. Und da ist die Natur, da ist ein Wal, der seine Kreise zieht, Lebensfreude versprüht, obwohl auch er bedroht ist. Ein Wal, der in aller Einsamkeit das Wunder des Lebens in sich trägt. Und da sind die Zufälle des Lebens, die daran glauben lassen, dass alles wieder gut werden kann.

Und da ist eine Autorin, die auf magische Art und Weise alle zusammenführt. Den Wal mit den Menschen, die Musik der Tuba mit dem Walgesang, die Melodie von Tod und Verlust mit dem Sound von Neuanfang, die Menschen miteinander und die große Unbekannte Hoffnung mit dem scheinbar Vorherbestimmten. Barbara J. Zitwer zaubert aus dem Abgesang eines Lebens eine brillante Symphonie des Neubeginns. Dabei ist die Melodie, in der sie erzählt, dramatisch, traurig, lebensbejahend, fröhlich, zweifelnd, komisch, exzessiv und tief in sich verschlossen zugleich. Diese Melodie hat alles, was große Kompositionen brauchen. Sie erreicht die Herzen.

Als das Meer uns gehörte von Barbara J. Zitwer – Leuchtturmliteratur

„Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Es gibt literarische Einladungen, die so verführerisch klingen, dass man sie kaum ausschlagen kann! „Auf ein Glas Champagner mit Lorraine Fouchet.“ Klingt das nicht nach einem prickelnden Literaturevent? Einer französischen Autorin in München begegnen, im kleinen und erlesenen Kreis und noch dazu in einer noblen Location, die es wahrlich in sich hat? In einer Champagner Boutique habe ich mich jedenfalls bis zum heutigen Tag noch nicht über gute Bücher unterhalten. Und wenn diese Einladung auch noch vom Atlantik Verlag stammt, dann gibt es nur eins: Die Buchkorken knallen lassen

Natürlich lebt ein Literaturabend nicht nur von der Location. Auch die Verheißung, leckere Spezialitäten vom Viktualienmarkt zur Stärkung vorzufinden, ist zwar schön, es ist jedoch im Schwerpunkt die Autorin, die hier mit ihrem Schreiben im Mittelpunkt steht und wie wir alle wissen: Wo kein Inhalt, da hilft auch der teuerste Schampus nichts. So ist das mit der Literatur. Da kann man auffahren, was man mag, schlechte Bücher und Schriftsteller ohne Ausstrahlung und Talent werden durch knallbuntes Geschenkpapier nicht zu Fixsternen am Bücherhimmel.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Also bin ich gespannt. Begebe mich ins „Champagne Characters und freue mich auf einen Abend mit Büchermenschen und einem Roman, der mich schon seit einigen Tagen durch mein Lesen begleitet. Und natürlich bin ich absolut gespannt auf Lorraine Fouchet. Eine Autorin mit einer außergewöhnlichen Vita, die sie mit ihrem Heimatland auf sehr besondere Weise verbindet. Eine Schriftstellerin, die auch noch in der Lage ist sprachliche Barrieren durch fast akzentfreies Englisch zu überbrücken. Und die Autorin des gerade beim Atlantik Verlag erschienenen Romans Ein geschenkter Anfang“.

Verwandeln wir also die prickelnde Champagner-Insel im Herzen Münchens in ein Leseerlebnis, das sich ebenfalls auf einer Insel abspielt. Auf der Île de Groix. Lorraine Fouchet hat sich diese Insel nicht zufällig ausgesucht. Dieses bretonische Eiland bietet alles, was ein guter Roman braucht, um in Schwung zu kommen. Sie ist klein, lauschig, malerisch und wird von Menschen bewohnt, die ihre Heimat gerne mit Fremden teilen, sich aber als Einheimische fast wie in einer geschlossenen Gesellschaft empfinden. Es müssen vier Grabplatten sein, die einer Familie auf dem Friedhof der Insel gehören, es müssen vier Generationen sein, die hier gelebt haben. Erst dann gehört man selbst auf der Île de Groix zu den Menschen, die hier wahrlich beheimatet sind. Dabei gehört die Insel niemandem. Man teilt sie. Es ist der große Respekt gegenüber der Natur, der hier Bretonen miteinander verbindet. Heimat schmeckt hier anders….

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Genau auf dieser Insel, die einer geschlossenen Gesellschaft gleicht, beginnt eine Geschichte eigentlich mit ihrem Ende. Wir lernen Lou viel zu spät kennen. Nach ihrem Tod führt ihre Beerdigung die Familie zusammen und der trauernde Ehemann Jo merkt vielleicht zu spät in seinem Leben, was es bedeutet, wenn die Frau auf die er immer ein wenig warten musste, sich nun viel zu früh aus dem Staub macht. Von seinen Kindern hat er sich entfremdet, ihre Leben sind für ihn nur Konturen. Schattenrisse. Und genau diese Schatten folgen nun dem Sarg zum Friedhof auf der Île de Groix.

Ein melancholischer und wehmütiger Anfang, der sich hier noch gar nicht wie ein Geschenk anfühlt. Und doch fühlt man sich als Leser sehr schnell, als würde man zur Familie gehören, als kenne man die Menschen hinter dem Sarg und wisse genau, wie sehr Lou diesem Familienverbund nun fehlt, war sie doch die Radnabe im Schwungrad des Lebens. Da ihr Tod nicht überraschend kam, zumindest nicht für sie selbst, hat sie sich einen besonderen Weg ausgedacht, die Risse in ihrer zerbrechenden Familie zu kitten. In ihrem Testament veranlasst sie ihren Mann, nun endlich seine erwachsenen Kinder als Vater wahrzunehmen, ihnen beizustehen und sie glücklich zu machen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Erst dann sei es ihm gestattet, ihren allerletzten Brief an ihn zu lesen. Und dieser befindet sich versiegelt in einer Champagnerflasche. Sie setzt auf seine Neugier, baut auf seine unterschwelligen Vatergefühle und schien wohl zu hoffen, dass Lou den Weg nicht alleine gehen müsste. Seine Enkelin Pomme entwickelt sich zum kleinen Wunder an seiner Seite. Ist es wirklich „Ein geschenkter Anfang“, den Lou ihrem Mann in der ungewöhnlichen Flaschenpost vermacht? Was steht in ihrem Brief und wie reagieren Cyrian und Sarah auf einen Vater, dem plötzlich die Augen geöffnet wurden?

Eine Insel ist wohl der perfekte Erzählraum für eine solche Geschichte. Vielleicht können die Leuchtfeuer auch der kleiner gewordenen Familie neue Orientierung geben und vielleicht ist es auch die Magie der Bretagne, ihrer Lieder und der Atmosphäre, die hier zusammenbringt, was niemals getrennt werden darf. Wenn man Lorraine Fouchet aufmerksam zuhört, wird man von der Liebeserklärung an diesen besonderen Flecken Erde überflutet. „Entre ciel et Lou“ – der Originaltitel vermittelt die Stimmungslage in diesem Roman. Alles liegt nun zwischen dem Himmel und Lou und doch ist sie wie das Wasser (frz. l`eau), das sich wie bei Ebbe zurückgezogen hat, nur um später in Gestalt einer Sturmflut an den Ufern ihrer Familie anzubranden. Dieser Roman ist vielleicht das wertvollste StrandGut der Île de Groix.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

Lorraine Fouchet macht neugierig auf mehr. Ihre freundliche, verbindliche und vitale Art weckt Neugier und Sehnsucht zugleich. Sie, die ehemalige Notärztin, hat auch jetzt die Zügel in der Hand, entscheidet über Leben und Tod ihrer Protagonisten und ist eine dem guten Lesen verpflichtete Schriftstellerin. Als Tochter eines Vaters, der mit Antoine de Saint Exupéry flog, im Zweiten Weltkrieg nach England desertierte, sich Charles de Gaulle anschloss, die Interessen seines Landes nach dem Krieg als Botschafter und als Minister vertrat, weiß sie wovon sie spricht, wenn sie von ihrem Frankreich erzählt. Als weltgewandte und weltoffene Frau zieht sie uns auf ihre Seite und man folgt gerne dem Rhythmus ihrer Geschichten

Für mich fühlte sich diese prickelnde Champagner-Begegnung wirklich wie „Ein geschenkter Anfang“ an. Ich habe mich mit Lorraine Fouchet verabredet. Wir sehen uns zur Frankfurter Buchmesse wieder und werden ein ausführliches Gespräch führen. Diesmal allerdings als Interview für Literatur Radio Bayern. Bis dahin werde ich auch wissen, ob es Pomme gelingt, ihren Großvater Jo zu einem väterlicheren Menschen zu machen und ob Jo tatsächlich den letzten Brief von Lou lesen durfte. Ich werde wissen, ob dem unglaublichen Tanz des Vaters mit seiner Tochter am Rande der Beerdigung seiner Frau weitere Tänze folgen. Ich werde hoffentlich noch viele Leuchtfeuer auf der Île de Groix entdeckt haben, die diesen Roman in der Reihe der Leuchtturm-Bücher der kleinen literarischen Sternwarte hell erleuchten lassen.

Ein geschenkter Anfang von Lorraine Fouchet

PS: Dass es zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Abends zu einer Umbenennung des Atlantik Verlages in „Champantik Verlag“ kam, ist nur ein Gerücht. Allerdings ein gutes…

„Nordnordwest“ – In Seenot mit Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

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Herzlich willkommen an Bord der „Slangevar“. Ich begrüße Sie im Namen unserer Besatzung und wünsche Ihnen schon jetzt eine bewegende literarische Kreuzfahrt der ganz besonderen Art. Wir starten bei denkbar ungünstigen Witterungsbedingungen im malerischen Hafen der nordfranzösischen Küstenstadt Saint Malo und segeln mit voller Kraft in Richtung Großbritannien. Die „Slangevar“ ist zwar nicht das Prunkstück unserer Ärmelkanalflotte, sie bietet auch nicht sonderlich viel Platz im Inneren, Sie finden weder sanitäre Einrichtungen (abgesehen vom WC-Eimer) noch eine gescheite Bordkombüse und sie befindet sich zugegebenermaßen in einem zutiefst jämmerlichen Zustand.

Ich bitte diese Rahmenbedingungen für Ihre Lesereise zu entschuldigen und hoffe auf Ihr Verständnis, da die drei Besatzungsmitglieder in der Kürze der Zeit kein anderes Segelboot gefunden haben, das sich so leicht stehlen ließ. Meine Bord-Crew steht unter dem bewährten Kommando von Lucky, einem jungen Kleinkriminellen, der sich auf der Flucht durch Frankreich befindet. Ersparen Sie mir bitte weitere Details zu den näheren Umständen hierzu. Darüber hinaus müssen Sie sich keine weiteren Namen merken. Ich weiß selbst nicht, wie die beiden anderen Crew-Mitglieder heißen. Der Kleine ist schon seit einiger Zeit Luckys Fluchtbegleiter und das Mädchen haben sie hier in Saint Malo aufgegabelt. Mehr müssen Sie nicht wissen.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Ach so. Vielleicht ist es doch interessant für Ihre Lesereiserücktrittsversicherung zu wissen, dass nur das Mädchen über rudimentäre Segelerfahrung verfügt. Mehr würde Sie zu Beginn unserer gemeinsamen Reise nur verunsichern. Glauben Sie mir. Vielleicht erfahren Sie ja während der Überfahrt ein wenig mehr von unserer Besatzung und können sich ein eigenes Bild über deren Beweggründe machen, die zu ihrer Flucht führen. Das Logbuch dieser Reise wird geführt von Sylvain Coher und die gebundenen Reiseunterlagen tragen die Prägung dtv auf dem sturmgepeitschten Schutzumschlag.

NORDNORDWEST“ – Mehr als unseren voraussichtlichen Kurs müssen Sie sich nicht merken. Es soll ja nur eine grobe Richtungsangabe sein. Ein Anhalt. Sie verstehen?

So, jetzt da Sie an Bord sind, kann ich die Maske fallen lassen! Schluss mit lustig. Sie sind mir genauso auf den Leim gegangen, wie ich dem Klappentext zum Buch von Sylvain Coher erlegen bin. Verrückte Idee, weiter Himmel, Irrfahrt, übermüdet, hungrig und geklauter Proviant. Was vielleicht nach einer kleinen abenteuerlichen Reise dreier junger Menschen klingt, die mit einem geklauten alten Segelboot über den Ärmelkanal schippern, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als literarische Hardcore-Story, in der alles anders ist, als es zuvor den Anschein hat.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Willkommen an Bord eines Seelenverkäufers. Willkommen zu einer Reise, die Sie in den Grundfesten Ihrer Leseleidenschaft erschüttern wird. Willkommen an Bord der alten „Slangevar. Sie wären nicht der erste Leser, der hier über Bord geht oder Stunden um Stunden an Leseseekrankheit leidet. Sie lesen hier auf Wellenbergen in Windstärke 12 und können von Glück reden, wenn Sie diesen alten Pott hier mit heiler Haut verlassen. Eines werden Sie jedoch sicher nie, dafür garantiere ich! Sie werden es in Ihrem Leben nicht bereuen, den Kurs „Nordnordwest“ eingeschlagen zu haben.

Sylvain Coher geht einen literarisch ungewöhnlichen Weg, um seinen Roman vom Stapel zu lassen. Bis auf Lucky anonymisiert er seine Protagonisten. Namenlos bleiben der Kleine und das Mädchen, grundlos bleiben ihre Motive für die gemeinsame Flucht in einem Segelboot. Nur weg. Raus aus Frankreich. Das muss genügen. Distanz entsteht, wo ich als Leser eigentlich lieber Nähe empfinden würde. Es fällt schwer, sich den drei Hauptcharakteren zu nähern, in sie hineinzublicken. Dieser minimalistische Ansatz aber ist es, der ihnen auch in der Geschichte das Überleben gesichert hat.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nur weil es Lucky und dem Kleinen bis hierher gelungen ist, unsichtbar zu bleiben, sind sie so weit gekommen. Das Mädchen bringt das fliehende Duo durcheinander. Sie ist es, die sich ihnen anschließt, sich in Lucky verliebt, eine wahrhaft flüchtige und auch heftige Liaison mit ihm eingeht. Sie ist es, die jede Balance durcheinander bringt. Sie ist es, die den Kleinen auf seltsame Gedanken bringt und Eifersucht aufkommen lässt. Sie ist es aber, die segeln kann. Sie ist die Einzige an Bord, die ein Segel von einem Laken unterscheiden kann. Das Mädchen ist DER Dreh- und Angelpunkt einer Odyssee durch den Ärmelkanal.

Und genau diese wenigen Seemeilen werden zur Hölle. Ohne Navigation, ohne die nötige nautische Erfahrung und bei immer extremer werdenden äußeren Bedingungen beginnt ein Kampf ums Überleben, den wir als Leser in der Enge des Bootes hautnah miterleben. Sylvain Coher schafft hier die Nähe, die er durch die Namensverweigerung eigentlich nicht zugelassen hat. Hier fallen die Masken, hier konturieren sich Ursachen und Gründe für die Flucht. Hier eskaliert im Inneren, was außerhalb des Schiffsrumpfes zu toben beginnt. Ängste machen sich breit. Übelkeit lässt nicht locker. Ratlosigkeit ist omnipräsent und drei zufällig im gleichen Boot sitzende Menschen durchleben extreme Belastungsproben, die durch die Rahmenbedingungen noch überhöht werden.

Nordnordwest von Sylvain Coher

Nordnordwest von Sylvain Coher

Ich habe viel gewonnen in diesem Roman, und doch auch alles verloren. Ich bin auf Bishop Rock gelandet, nur um erkennen zu müssen, dass Leuchttürme in der heutigen Zeit nicht mehr von Leuchtturmwärtern bewohnt werden, die helfen können. Ich erlebte an mir vorbeistampfende Containerschiffe im Blindflug. Autopiloten achten nur auf die Route, nicht jedoch auf kleine Segelboote, die im Weg sein könnten. Ich erlebte einen Sturm, Hunger, Kälte, Nässe aber auch die wahre Größe eines Teams, das sich in der Gefahr zu finden scheint. Freundschaft, auch wenn sie keinen Namen trägt, trägt diese Geschichte.

Und doch hat sich in einem kleinen Moment mein ganzes Lesen verändert, als ich mitten in der Nacht aufschrak, ans Steuer hechtete und nicht glauben konnte, was dort geschehen war. Es war der Moment, in dem ich als Leser alles verlor.

Im Finale der Reise mit Kurs „Nordnordwest“ wechselt der Autor die Perspektive und wirft einen Blick auf die „Slangevar“, der das Herz implodieren lässt. Es ist ein sehr distanzierter und unerwarteter Blick, der zeigt, was nie erzählte Geschichten auslösen können. Ein neutraler und fast emotionsloser Blick, der sich im Leser verfängt, weil nur er zu deuten weiß, was fremde Augen sehen. Am Ende der Geschichte ertrank ich fast im salzigen Meer meiner Tränen. Gefühlschaos pur.

Nordnordwest von Sylvain Coher - Bücher im Dialog...

Nordnordwest von Sylvain Coher – Bücher im Dialog… Einfach klicken…

Wenn Bücher miteinander zu reden scheinen… Ein besonderer Dialog.

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Wenn ich hier von Verlust schreibe, dann steht dieser Artikel unter diesem Stern. Es ist mir eine liebevolle Ehre, diese Zeilen unserem Bordercollie „Schneeflocke“ widmen zu können, der heute nach zwölf Jahren treuer Wegbegleitung auf die andere Seite der Regenbogenbrücke gegangen ist, um dort auf uns zu warten, bis wir ihn wieder als den besten Hütehund brauchen, den die Welt je gesehen hat.

Flöckchen… 26. November 2004 – 01. Februar 2017

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„Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

„Im Sommer 1948 starb mein Bruder Davy bei einem Unfall, für den ein Mann verantwortlich war, der lieber sein eigenes Leben geopfert hätte, als diesen zu verursachen.“

Es gibt Bücher, die man liest um zu erfahren, was passieren wird. Andere Bücher zwingen ihren Leser, alle Seiten zu inhalieren, um herauszufinden, wie etwas passiert ist. Die Perspektive ist entscheidend und Romane, die sich rückläufig entwickeln, haben einen eigenen literarischen Reiz, wie eine Retrograde Uhr, die entgegengesetzt dem Uhrzeigersinn läuft. Ich bezeichne solche Romane gerne als „Countdown-Stories“, da man ihr großes Geheimnis erst erfährt, wenn der Erzähler an einem Punkt weit in der Vergangenheit angelangt ist.

Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner, erschienen im DuMont Buchverlag, ist eine solche „Countdown-Story“, also eine Geschichte, in die man eintaucht, um zu erfahren, wie Davy Leibritzky starb, was zu seinem Unfall führte, und wie das Leben der Menschen verlaufen ist, die seither ohne Davy leben müssen. Fünfzig Jahre zählen wir auf dem Uhrwerk der Geschichte zurück, um letztlich den Juli 1948 zu erreichen, an dem die Geschichte einer Familie in zwei Teile gerissen wird.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Den Teil eines Lebens mit Davy und denjenigen eines Lebens nach seinem Tod. Seine Schwester Molly war 12, als Davy ums Leben kam. Sterben mit 8 Jahren heißt, ein ganzes Leben nicht leben zu dürfen. Der Tod eines Kindes reißt Wunden im Leben seiner Eltern, Geschwister und weiterer Verwandter, die niemals ganz heilen. Narben bleiben zurück. Narben, die bei jedem Stimmungsumschwung spürbar sind und an den Verlust eines geliebten Menschen erinnern.

Sich für Molly als Ich-Erzählerin zu entscheiden ist ein gewagter Schritt im ersten Roman von Elizabeth Poliner. Einerseits muss man der 12-jährigen Molly zutrauen, die Geschehnisse des Jahres 1948 präzise beobachtet zu haben, und andererseits musste es gelingen, dass der späteren Molly mit über sechzig Jahren der allwissende Rückblick aus der Sicht aller Beteiligten gelingt, um die Szenerie nicht eindimensional werden zu lassen.

Genau diese Gratwanderung zeichnet den Roman aus. Molly ist die stille und eher beobachtende Heranwachsende in einer Welt, in der sich alles um Themen dreht, die sie im eigentlichen Sinn noch nicht berühren. Wie von einem Dickicht beschützt, wirft sie die ersten Blicke auf Eifersucht, Untreue, Liebe, Freundschaft und Erfolgsdruck in den beruflichen Karrieren ihrer Verwandten. Dieser Sommer im Jahr 1948 hat Molly die Kindheit geraubt und sie mit einer sensiblen Wahrnehmung ausgestattet, die ihr diesen Rückblick auf die Geschichte ihrer Familie erst so richtig ermöglicht.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Und diese Geschichte hat es in sich. Molly Leibritzky scheint in einem Familienalbum zu blättern, so plastisch stehen ihr die Menschen vor Augen, die über Generationen hin das Leben der Leibritzkys in die Bahn gelenkt haben, auf der auch das Mollys Leben zu verlaufen scheint. Es ist eine große jüdische Familiengeschichte, die weit ausholt und in Zeitsprüngen verdeutlicht, wie sich Handlungen und Entscheidungen von einst auf das heutige Leben auswirken.

Molly weiß viel zu erzählen. Sie trägt das kollektive Gedächtnis dieser Familie im Blut und steht dabei doch nur erzählend im Mittelpunkt der Ereignisse. Hier trägt der Titel des Romans, der einem jüdischen Gebet entlehnt ist. Er steht als Synonym für alles, was wir aus der Erinnerung einer Frau erfahren, die im Rückblick einen Stammbaum über drei Generationen entstehen lässt.

„Du bist so nah, wie der Atem in uns.
Und doch so fern, wie der fernste Stern.“

Im Zentrum der Geschichte stehen drei Schwestern, die sinnbildlich für das fragile Gefüge der gesamten Familie stehen. Einer Familie, die aufgrund ihres Glaubens auch im Jahr 1948 noch ziemlich isoliert in der amerikanischen Gesellschaft auf sich selbst vertrauen muss, um zu überleben. Die Berichte über den Holocaust haben nicht dazu geführt, dass amerikanische Juden besser integriert sind. Sie leben, arbeiten, heiraten, beten und erziehen ihre Kinder in ihrer eigenen geschlossenen Welt.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Die Grenzen sind nicht fließend. Sie sind von Tradition und Glauben bestimmt. In diesen Grenzen bewegen sich Ada, Mollys Mutter, und ihre Schwestern Ivie und Bec, wie in einem Vakuum. Der Rhythmus des jüdischen Lebens gibt den Takt vor und die Rollen sind klar verteilt. Der kleine Wohlstand erlaubt es der Großfamilie, sich einmal im Jahr mit Kind und Kegel in einem Sommerhaus am Meer zu versammeln. Wäre da nicht ein alter Konflikt, der seit Jahren zwischen den Schwestern schwelt, man könnte diese Zeit als Idylle bezeichnen.

Adas Leben jedoch beruht auf einer Ehe, die erst möglich wurde durch Betrug an ihrer Schwester Ivie. Ein Betrug, der 1948 die ganze Familie überschattet und sich auch auf die Kinder übertragen hat. Hassliebe regiert. Das Katz- und Mausspiel beherrscht den Alltag. Die vorgespielte Harmonie ist brüchig und eine kleine Unwucht ist in der Lage, die scheinbare Harmonie implodieren zu lassen. Denn hätte nicht Ada ihrer Schwester Ivie den Freund ausgespannt und geheiratet, alles wäre wohl anders gekommen. Ivie hätte nicht Zuflucht in einer „Besser-den-als-keinen-Beziehung“ suchen müssen und Adas Kinder würden sie nicht täglich an dieses Drama erinnern.

Natürlich ist Davy der jüngste Sohn von Ada und natürlich ist sein Tod ein Schlag des Schicksals. Genugtuung für Ivie. Der Beweis, dass man Glück nicht stehlen sollte. Der Tod des Jungen wird zur Zerreißprobe. Im Auge des Orkans beobachtet Molly, wie die Fäden zu reißen beginnen, die alles verbinden sollten. Jeder gerät in den Mahlstrom der Gefühle. Die drei Schwestern selbst, ihre Kinder und Ehemänner. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Fünfzig Jahre später ist Mollys Rückblick auf diesen Sommer wie ein Spaziergang durch ein Minenfeld der verletzten Gefühle.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner ist kein tempogeladener Roman für mal eben zwischendurch. Dieser Erzählraum gleicht einem Fluss, der sich durch die Leben seiner Protagonisten mäandert. Hier ist kein Raum für Knalleffekte. Die Wirkung des Romans entsteht durch das Wissen, dass alles Glück nur unter Vorbehalt steht und sich jede Entscheidung von heute auf das Leben von morgen auswirken kann. Der Kosmos aus Religion, Menschen und Gesellschaft wird hier zu einem Familienbild verdichtet, auf dem wir als Leser hinter den lächelnden Menschen die traurige Wahrheit erkennen.

Dieser Roman ist wie das wahre Leben. Er hetzt nicht von Höhepunkt zu Höhepunkt, er benötigt keine Cliffhanger, keinen künstlichen Spannungsbogen. Elizabeth Poliner investiert viel in die Charakterzeichnung ihrer Romanfiguren. Sie wirken plastisch und selbst die kleinste „Nebenrolle“ wird von ihr ausgefeilt präsentiert. Wer das Gefühl hat, die Handlung käme nur sehr träge in Schwung, der sollte sich 422 Seiten Zeit nehmen und dem Roman die Chance geben, sein Familienpanorama zu entwerfen.

Wer den Film Aus der Mitte entspringt ein Fluss kennt, weiß was ihn hier erwartet. Dieser Roman ist aus meiner Sicht jedoch nicht verfilmbar, jedenfalls nicht als klassisch verkürztes Kinoformat. Er würde Stoff genug für eine Serie bieten, die in ihren Episoden das Leben der Leibritzkys in aller Tiefe beleuchten könnte. Mir ging das Buch nah. So nah, wie der Atem in uns, denn in jedem von uns schlummert eine Familiengeschichte, die für unser heutiges Leben prägend ist.

Zu den Leuchttürmen meines Lesens!

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

„Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman

Das Licht zwischen den Meeren - M.L. Stedman

Das Licht zwischen den Meeren – M.L. Stedman

„Die Sterne gab es schon vor den Menschen. Sie schienen einfach immer weiter, was auch geschah. Genauso ist für mich der Leuchtturm hier. Ich stelle ihn mir als Splitter eines Sterns vor, der auf die Erde gefallen ist. Er leuchtet, unabhängig von den Umständen: Sommer, Winter, Unwetter, Sonnenschein. Darauf kann sich der Mensch verlassen.“

Leuchttürme. Wundervolle Metaphern für Rückzugsgebiete, Abgeschiedenheit und Wegweiser für Menschen in Not, die auf ihren Schiffen Gefahr laufen, an den Klippen des Festlandes zu zerschellen. Dieses Licht in dunkler Nacht ist mehr als ein Kompass im Sturm, es ist die Verheißung eines sicheren Heimwegs und Navigationshilfe für die sichere Orientierung auf den Weltmeeren. Und doch bergen Leuchttürme eine große Gefahr für die Menschen in sich, die für das Licht verantwortlich sind.

Leuchtfeuer erhellen niemals die Insel, auf der ein Leuchtturm steht. Wenn man als Leuchtturmwärter nach Orientierung und Fixpunkten in seinem Leben suchte, dann war man auf die eigene Charakterstärke, die Fähigkeit zum Leben in Einsamkeit und die stoische Ruhe im Bewältigen des fast schon automatisierten Alltags angewiesen. Kein Leben, in dem sich jeder zurechtfindet, aber in besonderen Situationen wohl einer der ganz wenigen Berufe, die durch diese Rahmenbedingungen Leben retten können.

Das Licht zwischen den Meeren - M.L. Stedman

Das Licht zwischen den Meeren – M.L. Stedman

Tom Sherbourne ist in einer solch verzweifelten Lage, als sein Leben auf und mit Leuchttürmen beginnt. Der Erste Weltkrieg ist gerade beendet und die überlebenden Soldaten kehren nach Hause zurück. Australien hatte seine besten Jungs nach Europa geschickt und nun kommen an Körper und Geist verletzte junge Männer zurück, die mit der heilen und normalen Welt kaum etwas anzufangen wissen. Tom ist äußerlich nicht versehrt, und doch hat er Dinge erlebt, die er schnell vergessen möchte.

Die einsame Welt der Leuchttürme zieht in an. Er braucht Ruhe. Er braucht Routine. Er braucht eine sinnvolle Aufgabe, die ihn davon abhält, in trübe Gedanken abzugleiten. Er braucht es jetzt so sehr und nach kurzer Ausbildung landet er 1920 zum ersten Mal auf Janus Rock, einem der westlichsten australischen Leuchttürme. Weit ab von Toms Heimatstadt Sydney. Weit ab von allen Orten, an denen man ihn kennt.

Doch mit der erhofften Einsamkeit ist es schnell vorbei. Als er kurz vor der Abfahrt zu seiner Insel Isabel Graysmark zum ersten Mal sieht, ist er fasziniert von der jungen Frau. Dass sie allerdings beharrlich die wenigen Schiffe abwartet, die das Festland nur alle drei Monate mit Janus Rock in Kontakt bringen, um Tom zu schreiben und seine Briefe zu lesen, beeindruckt ihn noch mehr. Sie wird die Frau des Leuchtturmwärters. Sie wird die Frau an seiner Seite und gemeinsam entlocken sie der Einsamkeit jeden denkbaren Reiz dieser Welt.

Das Licht zwischen den Meeren - M.L. Stedman

Das Licht zwischen den Meeren – M.L. Stedman

Isabel gibt der Einsamkeit ein neues Gesicht. Sie verleiht Tom neues Leben und das vormals einsame Leben auf Janus Rock pulsiert im Schein des Lichtsignals. Isabel. Die Frau vermag es, auch der kärgsten Insel ihren Stempel aufzudrücken. Sie nimmt nicht nur Janus Rock mit wehenden Gewändern in Besitz, auch Tom weiß zu schätzen, was es bedeutet, sie ohne wehende Gewänder zu sehen:

Kurz nach ihrer Ankunft beschloss sie , ein wenig berauscht von der Freiheit hier, ein Experiment zu wagen. „Was hältst du von der neuen Mode?“, fragte sie Tom, als sie ihm mittags im Evakostüm ein belegtes Brot in den Wachraum brachte. „An einem so schönen Tag brauche ich keine Kleider.“

Die Idylle beschenkt das jung vermählte Paar reich, doch erste Schatten ziehen auf, als Isabel fernab von ihren Eltern und Ärzten in kurzer Folge drei Fehlgeburten erleidet. Tiefe Schatten legen sich auf die Psyche der jungen Frau und aus der Einsamkeit droht ein goldener Käfig der Depression zu werden. Als eines Tages ein Boot an den Strand von Janus Rock gespült wird können beide nicht fassen, welche Prüfung diese Fügung beinhaltet. Dem Mann an Bord ist nicht mehr zu helfen, aber das wenige Wochen alte Baby lebt.

Für Isabel ein Wink des Schicksals. Gegen jedes Pflichtbewusstsein ihres Mannes ankämpfend, der einen solchen Zwischenfall zu melden hat, vereinnahmt sie das Kind für sich. Den Ersatz für all das Leid, den Ersatz für all den Schmerz und die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches will sie sich auf keinen Fall wieder nehmen lassen. Lucy wird ihr Sonnenschein. Das Baby bringt ein eigenes Licht auf die Leuchtturminsel und auch Tom kann sich der Liebe zu der Kleinen nicht erwehren. Die kleine Familie wächst in der Illusion zusammen, dass auch die Mutter von Lucy ums Leben gekommen sei.

Das Licht zwischen den Meeren - M.L. Stedman

Das Licht zwischen den Meeren – M.L. Stedman

Bis das Schicksal sich von seiner brutalen Seite zeigt. Ein Jubiläumsfest. Ein kurzer Aufenthalt auf dem Festland, viele Ansprachen, viele Gäste und eine verhärmte Frau, die sich der jungen Familie nähert und in Tränen ausbricht. Sie könnte heute selbst eine Tochter in Lucys Alter haben, hätte nicht ein schreckliches Ereignis ihr den Mann und das Kind geraubt, die seitdem vermisst werden. Grace, so der Name ihres Mädchens. Tom und Isabel ist sofort klar, dass sie der leiblichen Mutter „ihrer“ Lucy gegenüber stehen.

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman, erschienen bei Blanvalet, ist ein Roman der Zerrissenheit. Er erzählt die große Geschichte vom Verlust des eigenen neugeborenen Lebens, spannt den Bogen von Hoffnungslosigkeit zu Euphorie und ist Sinnbild für das erste Licht, das die Leuchtturminsel erhellt, bevor Isabel ihrem Leben ein verzweifeltes Ende setzen würde. Ihr Kampf um „ihre“ Lucy ist der Kampf jeder Frau gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals. Das Baby wird tatsächlich zum Stern, der auf Janus Rock gefallen ist. In Lucy ist das Licht verborgen, das auf der Insel erloschen war. Auch Tom muss dies erkennen.

Er wäre jedoch nicht der pflichtbewusste Mann, als den wir ihn schätzen gelernt haben, wenn er mit der gemeinsamen Schuld leben könnte. Ein Gewissenskonflikt der ganz besonderen Dimension bricht über seine heile Welt hinein. Es gibt keinen faulen Kompromiss. Es gibt nur zwei Wege: Lebenslang mit dieser Lebenslüge leben und die wahre Mutter von Lucy ins Verderben stürzen, oder die Wahrheit sagen und sowohl seine Frau als auch das bezauberndste Mädchen der Welt verlieren. Lucy oder Grace.

Das Licht zwischen den Meeren - M.L. Stedman

Das Licht zwischen den Meeren – M.L. Stedman

Ein grandioser Debütroman, der im September ins Kino kommt. Allein der Trailer sorgt für Gänsehaut und man sieht als Leser auf den ersten Blick, mit wie viel Liebe zur Romanvorlage diese Buchverfilmung entstanden ist. Alicia Vikander (Für The Danish Girl 2016 mit dem Oscar für die beste Nebenrolle ausgezeichnet) spielt die Rolle der Isabel Graysmark, als würde sie selbst verzweifelt um ihr kleines Mädchen kämpfen. Lucy. Ein bewegender Roman über das Lebensglück und den Preis, den man oftmals dafür zu zahlen hat. Ganz großes Kino – schon im Buch.

Taschentücher nicht vergessen. Bei Buch und Film wohl unerlässlich.

Mein Leuchtturm-Lesen geht weiter. Bleibt auf meiner Insel und bringt euer Licht mit. Ich bleibe atemlos in und zwischen, über und in den Meeren. Aufgewühlt genug dazu bin ich. Aus dem literarischen Sternwärter wird ein wahrer Buch-Leuchtturmwärter. Die Inseln für meine Lichtsignale sind bekannt, meine Strahlen werden euch erreichen und eure sichere Einfahrt in den Lesehafen ermöglichen. „Eine Liebe über dem Meer“ von Jessica Brockmole wird euch nach Skye entführen und Wie der Atem in uns von Elisabeth Poliner bringt uns an die Küste von Connecticut.

Das ständig wiederkehrende Signal ist mein Leuchtfeuer des guten Lesens.

Das Licht zwischen den Meeren - M.L. Stedman

Das Licht zwischen den Meeren – Teil 1 des Leuchtturmlesens